Philosophie der Zukunft – Teil 2 – Interdisziplinäre Ausgangslage

Es fragt sich, wo beginnt man, wenn man das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft beschreiben will? Nach längerem Überlegen habe ich folgendes Schaubild als Startpunkt gewählt, das eher un-philosophisch daherkommt:

Das Schaubild versucht deutlich zu machen, wie das Thema ‚Bewusstsein‚ auf vielfältige Weise mit anderen Themenkomplexen verbunden erscheint, und dadurch als Gegenstand unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen auftritt.

In dieser Darstellung erscheint das ‚Bewusstsein‘ als ein Erfahrungsbereich, der eine starke Beziehung zum ‚Gehirn‚ aufweist. Wir wissen heute immer mehr über Zusammenhänge zwischen physiologischen Störungen im Gehirn und korrelierenden Veränderungen in der berichteten bewussten Erfahrung. Einschlägige Disziplinen sind hier z.B. die Neurowissenschaften und die Neuro-Psychologie.

Das ‚Gehirn‘ tritt nicht isoliert auf, sondern nur eingebettet in einen komplexen ‚Körper‚, der das Gehirn u.a. mit Energie versorgt. Zuständige Disziplinen sind hier u.a. die Physiologie, die Anatomie, die Chemie und Molekularbiologie, sowie die Biologie.

Ein einzelner Körper kann nicht leben; er benötigt immer eine Population, um geboren zu werden, um zu lernen und um sich fortzupflanzen. Dies setzt eine Vielzahl von Interaktionen sowohl mit der Population als auch mit der jeweiligen Umgebung voraus. Eine Interaktion ist ein Wechselspiel von empfangenen Reizen (Stimuli, [S]) aus der Umgebung wie auch von Reaktionen [R] des Körpers in die Umgebung hinein. Je nach Komplexität dieser Aktionen, eventuell angereichert mit Zeichengebrauch, Werkzeuggebrauch, Ritualen, Kunst, komplexen juristischen Mustern, usw. sind hier eine Vielzahl von Wissenschaften einschlägig, z.B. Psychologie, Ethologie, Soziologie, Sprachwissenschaften, Anthropologie, Rechtswissenschaften, usw.

Wir haben außerdem gelernt, dass jene Strukturen, die wir ‚heute‘ vorfinden, keine statischen Gebilde sind, sondern Elemente eines Entwicklungsprozesses, der viele Milliarden Jahre vor unserer Gegenwart begonnen hat. Was wir heute vorfinden sind also ‚gewordene Strukturen‘, Zustandsaufnahmen diverser Entwicklungslinien, die ihrer Natur nach über unsere Gegenwart hinaus weisen. Punktuell betrachtet repräsentieren diese Strukturen ‚Endpunkte‘; dynamisch betrachtet markieren diese Strukturen Durchgangspunkte. Disziplinen, die hier einschlägig sind, sind z.B. die evolutionäre Psychologie und Biologie, die Geologie, die Geschichtswissenschaften, die Chemie und Molekularbiologie, die Genetik, und die Physik. Letztere z.B. mit ihren verschiedenen Modellen zur Struktur der Materie und damit zusammenhängend zu den möglichen Entwicklungsphasen unseres Universums, in dem wir am Rande der Milchstraße mit unserem Sonnensystem angesiedelt sind.

Erwähnen möchte ich aber auch Disziplinen wie Mathematik, formale Logik und die Informatik. Direkt haben diese Disziplinen keinen Gegenstandsbereich in der erfahrbaren Welt. Aber ihre Denkmodelle gehen unterschiedlich intensiv ein in das Denken der verschiedenen Disziplinen. Dort entfalten sie –richtig genutzt– eine Ordnungskraft im Denken, die das Alltagsdenken bei weitem übersteigen kann.

Wenn man sich dieses vielfältige Netzwerk von Disziplinen vergegenwärtigt, dann wundert es nicht mehr, dass unser Bild vom Menschen und der Wirklichkeit je nach Standpunkt sehr unterschiedlich ausfallen kann. Und die Wissensexplosion tut das ihre, um den einzelnen Wissenschaftler immer mehr in die Isolation seines eigenen Faches hinein zu treiben. Wer die Fakultäten deutscher Universitäten von innen kennt, weiß, wovon ich rede. Und als Studiengangsleiter eines interdisziplinären Studienganges mit mehr als 5 verschiedenen Disziplinen von glücklicherweise sehr positiv eingestellten KollegenInnen weiß ich, dass das erlernte Denken in den Köpfen aller Beteiligten eine Realität ist, die härter sein kann als jede reale Wand; wohlgemerkt, nicht weil wir als einzelne ‚böse‘ sind, sondern weil das Denken in unseren Köpfen eine Realität ist, die wir nicht so ohne weiteres verflüssigen können. Ein ‚Denken des Denkens‘ muss geübt werden. Darum sind wir heute auch zusammen.

Fortsetzung: Geworden, Realität als Simulation

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und habe seit 2005 eine Professur inne im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften für 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)' . Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'.

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