Philosophie der Zukunft – Teil 7 – Phänomenologische Philosophie benötigt Empirische Wissenschaften

Die phänomenologische Reduktion auf das bewusste Erleben als primäre Seinstatsache ist ein Schritt, um sich der Voraussetzungen unseres Denkens zu vergewissern. Der weitere Schritt dann in diesen Bewusstseinstatsachen allgemeingültige, denknotwendige Strukturen zu finden, auf die man weitergehende Schlüsse aufbauen kann, ist aber dann –wie die auf Husserl folgende Denkgeschichte zeigt– sehr gefährlich. Denn, selbst wenn es solche allgemeingültigen Strukturen des Denkens gibt –und es gibt sie–, dann bedeutet dies nicht automatisch, dass diese Strukturen über das subjektive Denken hinaus in der umgebenden Welt tatsächlich gelten. Im subjektiven Denken selbst ist diese Frage nicht entscheidbar, da das Denken nur sich selbst als Maßstab besitzt. Wie wir heute aber stark begründet wissen, und zwar durch das naturwissenschaftliche Denken, sind die Strukturen und Inhalte unseres Denkens an die Struktur des Gehirns gekoppelt, das sich im Laufe von siebenhundert Millionen Jahren von ersten Nervenzellen bis hin zu der heutigen Form entwickelt hat (vgl. Kolb et. (2006), S.14), und das sich mehr und mehr darauf spezialisiert hat, die Wirklichkeit der Außenwelt auf der Basis von speziellen Sensor- und Körperdaten zu modellieren und auch interpolierend zu simulieren. D.h. Unser Gehirn selbst ist eine Art Hypothesengenerator, dessen Arbeitsweise die nicht weiter hintergehbaren Randbedingungen für unser Denken liefert.

Links die materiale Struktur des Gehirns, rechts Andeutung von funktionalen Strukturen, die damit realisierbar sind

Kurze Erläuterung der Informationsfluss-Architektur des Gehirns im Bild und deren Entsprechung im phänomenalen Erleben.

Wenn man dies weiß [der eben explizierte Zusammenhang], dann wird klar, dass nicht die Epoché als solche ein Problem ist, sondern der nächste Schritt, den im Denken vorfindlichen Strukturen quasi blindlings zu vertrauen, denn das wir wir im Denken punktuell unverrückbar vorfinden, ist dynamisch betrachtet eine gewordene Struktur, die schon in sich eine bestimmte Passung mit der umgebenden Welt quasi ‚einprogrammiert‘ hat. Es sind nicht die Strukturen für beliebige Wirklichkeitserkenntnisse, sondern für genau solche unter den Bedingungen des Planet Erde.

Daraus folgt jetzt nicht, dass man aufhören soll, das Denken phänomenologisch zu analysieren (wir haben überhaupt keine Alternative dazu), sondern man muss methodische Vorkehrungen treffen, wie eine phänomenologische Analyse sich vor Fehlschlüssen bewahren kann. Und dies kann –die bisherigen Überlegungen deuten es schon an– nur geschehen, indem das phänomenologische Denken seine eigenen transzendentalen Voraussetzungen evaluiert, was nur und das müssen wir akzeptieren– mit Hilfe des empirischen Denkens geschehen kann.

Damit ist die Abhängigkeit einer phänomenologischen Philosophie von der empirischen Wissenschaft skizziert. Dass dies auch umgekehrt gilt, dass also in einem sehr fundamentalen Sinne die empirischen Wissenschaften eine phänomenologische Philosophie brauchen, dies sollen uns kurz die folgenden Überlegungen verdeutlichen.

Fortsetzung: Empirische Wissenschaft braucht Philosophie

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und habe seit 2005 eine Professur inne im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften für 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)' . Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'.

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