EMOTIONEN ALS ‚SPRACHE‘ – WOFÜR? WARUM? WER REDET HIER MIT WEM? – Erste Gedanken für die Philosophiewerkstatt am So, 14.Dezember 2014

1. Im Bericht zur letzten Philosophiewerkstatt vom 9.November 2014 kann man nachlesen, wie dynamisch-vielfältig die letzte Sitzung verlief, und, dass die TeilnehmerInnen sich für die kommende Sitzung am 14.Dezember 2014 das Thema ‚Emotionen‘ ausgewählt haben (zum Programmvorschlag für diesen Nachmittag siehe den Text am Ende dieses Beitrags).

philosophieWerkstatt v2.0

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BEGRIFF ‚EMOTION‘

2. Der Begriff ‚Emotionen‘ ist hier zunächst einmal möglichst ‚weit‘ zu fassen noch vorab zu speziellen Begrifflichkeiten und Theorien, so, wie er dem einzelnen in seinem Alltag begegnet, vorkommt, auftritt; wie jeder selbst es erlebt. Und vorab zu irgend welchen Präzisierungen gehören zu den ‚Emotionen‘ alle Phänomene zwischen ‚Trieben‘, ‚Bedürfnissen‘, ‚Schmerzen‘ usw. einerseits und ‚gestimmt sein‘, ‚guten Mutes‘ sein, ‚freudig sein‘ usw. andererseits.

Koordinatensystem 'Bewusstsein' in einem 'Körper' in einer 'Quantenwelt'

Koordinatensystem ‚Bewusstsein‘ in einem ‚Körper‘ in einer ‚Quantenwelt‘

KOORDINATENSYSTEM

3. Es kann hilfreich sein, sich klar zu machen, in welchem ‚Koordinatensystem‘ wir uns bewegen, wenn wir über ‚Emotionen‘ sprechen.

4. Das vorausgehende Schaubild gehörte zu einem Blogeintrag zum Thema Bewusstsein – Nichtbewusstsein. Es kann hier, in einem anderen Kontext, dennoch hilfreich sein.

ERLEBEN

5. Ein zentraler Aspekt von ‚Emotionen‘ ist, dass wir sie ‚erleben‘; ohne ein irgendwie geartetes ‚Erleben‘ wissen wir nichts von ‚Emotionen‘. Dies gilt selbst dann, wenn Emotionen sich nicht ‚direkt‘ manifestieren, sondern ‚indirekt‘ über Verhaltensweisen, die von ‚unbewussten Emotionen‘ beeinflusst sein können. Das ‚Erleben‘ von Emotionen gehört in den Bereich dessen, was wir ‚Bewusstsein‘ (‚Psyche‘) nennen.

KÖRPER

6. Das ‚Erleben‘ selbst sagt in der Regel wenig oder gar nichts über seine ‚Entstehung‘: der Körper (einschließlich des Gehirns) als ‚Raum physiologischer Prozesse‘ ist eine schier unerschöpfliche Quelle für diverse Erregungszustände, die sich in unserem Bewusstsein als ‚Phänomene‘ manifestieren können. Sofern sich solche Korrelationen aufzeigen lassen (z.B. in der Neuropsychologie) können wir spezielle ‚Erlebnisse‘ mit konkreten physiologischen Prozessen in Beziehung setzen. Ist diese korrelative Beziehung ‚kausaler‘ Natur, dann werden die Phänomene des Bewusstseins zu ‚Indikatoren‘ für spezieller körperliche Prozesse (z.B. ‚Durstgefühl‘, ‚Hungergefühl‘, …).

PHÄNOMENE BEWAHREN

7. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob es in diesem komplexen Kosmos von möglichen körpergebundenen Prozessen und deren Wechselwirkungen nicht auch zu Erlebniszuständen kommen kann, die zwar ‚irgendwie‘ auch mit solchen komplexen körpergebundenen dynamischen Prozessen ‚korrelieren‘, wo es aber – zumindest bislang — nicht möglich ist, eine eindeutige Zuordnung zu ‚psychischen Zuständen‘ — spricht ‚Phänomenen des Bewusstseins‘ — finden zu können. Gibt es solche ‚Zuordnungsprobleme‘, dann gilt die oberste Regel, das ‚Phänomen zu retten‘, denn das Phänomen ist ‚primär‘ und der mögliche ‚Wegweiser’/ ‚Schlüssel‘ zu einem vertieften Verständnis der Wirklichkeit. Andererseits muss man sich aber auch vor ‚vorschnellen Deutungen‘ hüten.

TRANSZENDENZ — ODER WAS JEMAND DAVON HÄLT

8. Wenn in den mystischen Traditionen der verschiedenen Religionen von ‚übersinnlichen‘ oder ‚transzendenten‘ oder ‚göttlichen‘ Erlebnissen gesprochen wird, dann bewegt man sich zum Teil in dieser ‚Grauzone‘ von noch nicht korrelierbaren Phänomenen, die nicht automatisch deswegen schon ‚übersinnlich’/ ‚transzendent’/ ‚göttlich‘ sind, weil man noch keine Korrelation gefunden hat. Hier kann man schnell – speziell als ‚Anfänger‘ – zu Deutungen neigen, die etwas ‚Banales‘ mit etwas ‚Göttlichem‘ ‚aufladen und damit ‚in die Irre‘ laufen. Von daher nimmt in den mystischen Schriften und Lehren die ‚Warnung‘ vor Falschdeutungen einen mindestens so großen Raum ein wie die ‚Lehre selbst‘ …

QUANTENRAUM ist anders als MAKROSTRUKTUREN

9. Die Sache wird heute noch komplizierter dadurch, dass die wachsenden physikalischen Kenntnisse über die ‚Welt der Quanten‘ uns zeigen, dass die Wechselwirkungen im Quantenraum ganz anderen Gesetzen gehorchen, als wir dies aus dem ‚Makroraum‘ der uns bekannten Körper kennen. Dies bedeutet, dass wir naturwissenschaftlich nicht ausschließen können, dass es zu ‚Phänomenen des Bewusstseins‘ kommen kann, die zwar nicht mit den üblichen identifizierbaren körperlichen Prozessen korreliert werden können, die aber sehr wohl eine quantenphysikalische Erklärungen finden könnten. Auch in diesem Fall gilt, dass ‚Phänomene‘ primär sind, Phänomene gegenüber mangelnden oder falschen Interpretationen zu ‚bewahren‘ bzw. zu ‚retten‘ sind.

WISSENSCHAFT

10. Da man zu jedem Zeitpunkt niemals über eine ‚absolute naturwissenschaftliche Theorie‘ verfügen kann (dies folgt logisch zwingend aus dem Begriff der ’naturwissenschaftlichen Theorie), bedeutet dies, dass man als ‚rationaler‘, ‚wissenschaftlicher‘ Mensch letztlich nichts ‚Abschließendes‘ zu einem Phänomen sagen kann; man kann nie ausschließen, dass man morgen eine neue, anders gewichtete Erklärung finden kann. Wissenschaft ist in diesem Sinne ‚überindividuell‘, ‚zeitübergreifend‘, ein ‚allgemeines‘ – sprich populationsbasiertes – Wissen.

ENDLICHES INDIVIDUUM

11. Demgegenüber hat der einzelne Mensch als ‚Individuum‘ ein ‚endliches Zeitfenster‘ und steht unter dem Druck, in einer endlichen Zeit ‚Entscheidungen‘ fällen zu müssen, die – der Intention nach – auch ‚zeitlos gut‘ sein wollen/ sollen.

DAS ABSOLUTE ‚ERLEBEN‘?

12. Unterstellt man als Einzelner, dass das erfahrbare Universum ‚grundsätzlich einen Sinn‘ ‚enthält‘, einem ‚Sinn‘ folgt, dann wird man annehmen, dass sich dieser ‚allumfassende‘ Sinn auch in der Endlichkeit eines endlichen Individuums realisieren lässt. Dies impliziert, dass ‚irgendwie‘ eine ‚Werterfassung‘ in ‚Richtung‘ des ‚Guten‘, ‚Wahren‘ und ‚Schönen‘ möglich sein sollte, unabhängig von konkreten, zeitgebundenen Zufälligkeiten, Gewohnheiten, Moden, usw.

13. Da unser ‚begriffliches Denken‘ aufgrund seiner ‚Mechanik‘ grundsätzlich zu keinen absoluten Erkenntnissen a priori fähig ist, bliebe nur das ‚Erleben des Absoluten‘ als ‚Indikator‘ einer möglichen ‚Richtung‘ aus der Perspektive der Endlichkeit. Eine Art ‚Spurenlesen des Absoluten‘ aus und in einer Endlichkeit, die – was dem Spurenlesen eigen ist – ohne ‚Deutungen‘ und ‚Überprüfungen‘ nicht vorankommen kann.

14. Naturwissenschaftlich ist dieser Ansatz möglich. Naturwissenschaft kann sogar einen wichtigen Beitrag dahingehend leisten, dass man nachprüfbare Zusammenhänge identifiziert, aufhellt, verfügbar macht und damit dem ‚Verstehen‘ hilft. Genauso wenig wie die Naturwissenschaft aber bislang das Biologische an sich in diesem unserem Universum erklären kann (nicht einmal ansatzweise!), genauso wenig – oder möglicherweise noch viel weniger – ist sie in der Lage, jene Phänomene aufzuhellen, die sich innerhalb der Welt der Emotionen als Bewusstseinsphänomene ’sine causa‘ manifestieren, mögliche Spuren eines ‚Absoluten‘ in der ‚Endlichkeit der Makrowelt‘ (in etwa (aber doch ganz anders) wie die physikalische ‚Hintergrundstrahlung im Universum‘ noch heute ein indirektes Zeugnis von Vorgängen von vor ca. 13.7 Milliarden Jahre ist).

DIE FRAGE, WER WIR SIND, IST NOCH UNBEANTWORTET

15. Wenn also heute von einigen (Singularitätshypothese, Transhumanismus) lebens- und menschheitsvergessend über die Welt der künftigen Maschinen ohne Menschen diskutiert wird, so ist dies nicht nur in höchstem Grade unwissenschaftlich, sondern als Haltung gegenüber den primären Phänomenen der Welt/ des Universums nihilistisch, unwahr, und damit selbstzerstörerisch. Wir sind nicht die ‚Herrscher der Phänomene‘ sondern wir sind ‚die in den Phänomenen Gewordenen‘, ohne unser Zutun, ohne bislang auch nur ansatzweise zu verstehen, wie und warum. Viele töten Menschen ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, was sie da töten (… Tier, Pflanzen, Mikroorganismen gehören auch zu diesem Gesamtphänomen Leben!!!).

PROGRAMMVORSCHLAG FÜR SO, 14.DEZEMBER 2014, 16:00 – 19:00h

16:00 Eingangsbeispiel eines Experimentes zur ‘Neuen Musik’ mit kurzem Gespräch
ca. 16:30h Kurze Einführung zum Thema ‘Emotionen’
ca. 16:45h Gesprächsrunde in kleinen Gruppen (3-4 TeilnehmerInnen) zum Thema
ca. 17:30h Berichte der Gruppen und Diskussion
ca. 18:30h Mögliche Aufgabenstellung für nächstes Treffen
19:00h Offener Ausklang

Einen Überblick über alle bisherige Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und habe seit 2005 eine Professur inne im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften für 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)' . Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'.

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