WAS IST MENSCHENWÜRDE? – Überlegungen im Umfeld des Buches von Paul Tiedemann – Teil 6

Paul Tiedemann, „Was ist Menschenwürde? Eine Einführung“, 2. aktualisierte Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2014

KONTEXT

Nach einem kurzen Aufriss zur historischen Genese des juristischen Begriffs ‚Menschenwürde‘ im Kontext der UN-Deklaration und der Übernahme in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (Kap.1) stellt Paul Tiedemann im 2. Kapitel wichtige Interpretationsrichtungen in der deutschen Rechtsauslegung vor. Es folgte dann im Kapitel 3 ein Ausflug in die Philosophiegeschichte. Dieser endet für Tiedemann in einer ‚Verwirrung‘. Er versuchte daraufhin eine weitere Klärung über die ‚Wortbedeutung‘ im Kapitel 4. Dieser ‚Umweg‘ über die Wortbedeutung wird in seiner Methodik nicht selbst problematisiert, liefert aber für den Fortgang der Untersuchung im Buch einen neuen Anknüpfungspunkt durch das Konzept des Werturteils. Es folgt jetzt der Versuch, einen absoluten Referenzpunkt für Werturteile zu identifizieren, mittels dem sich dann vielleicht das Werturteil als grundlegend erweisen lässt.

KAPITEL 5 (SS.84 – 102)

DIE THESE

Für das Ziel, eine mögliche absolute Verankerung für die Menschenwürde in Form des Urteils ‚Dem Menschen kommt (absolut) Würde zu‘ zu finden, bildet das Kapitel 5 einen ersten ‚Höhepunkt‘ dahingehend, dass Paul Tiedemann in diesem Kapitel seiner Antwort auf die Frage eine erste konkrete Gestalt verleiht. Es folgt eine Wiedergabe der grundlegenden Idee ohne die Details (dazu muss auf eine eigene Lektüre verwiesen werden).

Gedankenskizze zu Kap.5 von Tiedemann (2014)

Gedankenskizze zu Kap.5 von Tiedemann (2014)

1. Wie das vorausgehende Schaubild nur andeuten kann, lokalisiert Paul Tiedemann einen absoluten Wert zwar einerseits im Individuum, das sich seiner im freien Urteilen ‚gewiss‘ sein kann, andererseits nicht nur im Individuum, sondern in der Gesamtheit aller menschlicher Individuen, insofern das einzelne Individuum seine Urteilsfähigkeit nur in der Wechselwirkung mit den anderen Individuen positiv ausbilden kann. Nach Tiedemann, der hier die Ergebnisse diverser Wissenschaften auswertet, kann der junge Mensch nur über angemessene soziale Interaktionen und sprachliche Kommunikation zu jenem Umgang mit sich selbst finden, der ihn in die Lage versetzt, seine eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Einsichten angemessen zu identifizieren und im Einklang mit der sozialen Umwelt wahren.

2. Dies geht allerdings nur, wenn das Individuum über die grundlegende Fähigkeit der Selbsterfahrung verfügt (Reflexion, innerer Dialog, eigenes Entscheiden…), innerhalb dessen sich die diversen Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken, Emotionen usw. identifizieren und ‚abwägen‘ lassen. Die Inhalte mögen wechseln, aber die Fähigkeit als solche bildet eine Konstante, einen ‚Raum‘, innerhalb dessen sich der einzelne als ’sich selbst bestimmend‘ erfahren kann und simultan auch den anderen, das Gegenüber, als komplementär selbstbestimmt.

3. Zwar ist dieses ‚Sich Selbst Bestimmen‘ unter den Bedingungen eines endlichen Körpers in einer endlichen Welt unausweichlich ‚begrenzt‘ und damit generell suboptimal, und zusätzlich können wichtige Randbedingungen von anderen ‚manipuliert‘ werden, so dass die individuelle Selbstbestimmung trotz ‚Autonomie‘ fehlgeleitet werden, dennoch kommt dieser generellen Selbstbestimmungsmöglichkeit ein grundlegender Wert zu, der durch die konkreten Einschränkungen nicht aufgehoben wird.

4. Also, in dem Maße wie man einem Menschen in Wechselwirkung mit anderen Menschen diese grundsätzliche Selbstbestimmungskompetenz zusprechen kann und muss, in dem Maße gibt es einen grundlegenden Wert, von dem alle anderen Werte abhängen.

5. Insofern ein Moment dieses komplexen Modells der Aufbau einer individuellen Identität (‚Ich‘) ist, schlägt Tiedemann vor, diesen Ansatz die ‚Identitätstheorie der Menschenwürde‘ zu nennen. (vgl. S.101f)

KRITISCHER DISKURS

6. Dieser Lösungsvorschlag von Paul Tiedemann hat viele Argumente für sich und – insofern man die vielen Voraussetzungen teilt, die in diese Überlegungen einfließen – hat einen gewissen Charme, da er mit einer Reihe von modernen (empirischen) Positionen ‚kompatibel‘ ist.

7. Allerdings sollte man nicht übersehen, dass es ‚Problemzonen‘ in diesem Entwurf gibt, die man ernst nehmen sollte, da es ja nicht darum gehen kann, nur ein Deutungsmodell zu entwickeln, das nur ’schön aussieht‘, sondern das auch ‚wahr‘ ist im Sinne, dass es mit der vorgegebenen Realität der umgebenden Welt ‚im Einklang steht‘ (so gab es ja Zeiten – und irgendwo auf unserer Erde wird es dies womöglich immer noch geben), dass die Menschen ein Bild von der Natur und sich selbst hatten, was zwar in der jeweiligen Zeit ’sinnvoll erschien‘, aber in späteren Zeiten dann als ‚falsch‘ erkannt werden konnte.

8. Diese ‚Gefahrenmomente‘ beginnen schon bei der verwendeten Sprache. Natürlich können wir gar nicht anders, als Sprache zu benutzen, Begriffe darin, aber wenn wir uns die zur Verwendung kommenden Begriffe anschauen, dann finden wir fast ausschließlich Begriffe mit potentiellen Bedeutungen, die im subjektiven Erleben des einzelnen oder in vermuteten Prozessen ‚im Innern eines Menschen‘ verankert sind. Die Wissenschaft der Psychologie hatte angesichts dieser Problematik zum Ende des 19. den Weg einer experimentellen empirischen Psychologie eingeschlagen; analog gab es in der Philosophie aufkommende kritische wissenschaftstheoretische Strömungen, die später mit dem ‚linguistic turn‘ in der Philosophie korrelierten. Auch wenn man über die Erfolge dieser Wissenschaftstransformationen geteilter Meinung sein kann, so ist doch die Grundeinsicht in die fundamentale Bedeutungsproblematik keine Frage der Beliebigkeit. Was ein ‚Wille‘, ein ‚Wollen‘ ist, was ‚innerer Dialog‘ bedeutet, was genau ‚Wünsche‘, ‚Gefühle‘, ‚Wollen‘, ‚rationale Argumente‘ usw. sind, das ist bis heute alles andere als klar (zumindest nicht in der Wissenschaft). Im Alltag benutzen wir zwar weiterhin diese Begriffe, da wir ja den Alltag irgendwie praktisch meistern müssen, aber eine wissenschaftliche Bedeutungsklärung all dieser Begriffe steht noch aus (und die geringe Forschungsförderung dieser Themen und Disziplinen lässt kaum hoffen, dass sich dieser Notstand bald ändern wird).

9. Die mangelnde wissenschaftliche Fundierung all dieser zentralen Begriffe wirkt sich besonders schmerzlich dann aus, wenn es zu Grenzsituationen kommt: ab wann spricht man einem Menschen ‚volle Verantwortung‘ für sein Verhalten im Sinne einer authentischen Selbstbestimmung zu und wann nicht mehr? Wann ist jemand ’schuldfähig‘? Wann kommt einem Menschen keine Menschenwürde mehr zu? Usw.

10. Die konkrete Rechtspraxis behilft sich mit allerlei Fallunterscheidungen und praktischen Klauseln, um Entscheidungsnotstände zu ‚umschiffen‘, doch eine solche Rechtspraxis ist kein voller Ersatz für eine angemessene Erkenntnis. Möglicherweise wird die Erkenntnis immer hinter der Alltagspraxis hinterher hinken und insofern wird es – vermutlich – immer eine Rechtspraxis geben, die trotz mangelhafter wissenschaftlicher Erkenntnis zu praktischen Urteilen finden wird (finden muss?). Doch darf dies kein Grund sein, die tatsächliche Erkenntnislage unvoreingenommen zu prüfen und – sofern sie unzureichend ist – dies auch zu konstatieren. Manchmal hilft es bei der Suche nach der Wahrheit mehr, die offenen Fragen klar zu benennen als eine Lösung zu favorisieren, die möglicherweise zu viele ‚Leichen im Keller‘ hat, um mal ein Bild zu gebrauchen.

11. Was nun das Vorgehen von Paul Tiedemann betrifft, so ist es beeindruckend und hilfreich, wie er versucht, die Fragestellung mit einer Reihe von Annahmen einmal ganz durch zubauen. Man kann erkennen, ‚wohin die Reise geht‘ und man tut sich dann einfacher, mögliche Schwachstellen zu identifizieren, als wenn man einen solchen Entwurf nicht vorliegen hätte.

12. Nun kann man auch mich, den Autor cagent kritisieren, warum ich hier so herum mäkele. Dafür gibt es einen handfesten Grund: ich habe die gleichen Fragen wie Paul Tiedemann und ich beschäftige mich nicht nur abstrakt mit Methoden der Philosophie oder der Wissenschaften (speziell der Psychologie), sondern ich beschäftige mich seit vielen Jahren auch mit der Möglichkeit eines ‚künstlichen Geistes‘. Und aus meiner Kenntnis der Möglichkeiten eines ‚künstlichen‘ Geistes weiß ich, dass all das, was Paul Tiedemann als zentrale Eigenschaften für die ‚Menschenwürde‘ hier herausgearbeitet hat, bei heutigem Wissensstand von einer computerbasierten Maschine ohne Einschränkungen auch erfüllt werden könnte (was nicht heißt, dass jemand solch einen künstlichen Geist gebaut hat (nur in den science fiction Romanen und Filmen)). Wenn man angesichts dieser technologischen Möglichkeiten noch an einer ‚Sonderstellung des Menschen‘ festhalten möchte, dann muss man begrifflich, philosophisch erheblich mehr Umstände herausarbeiten, als dies bislang geschehen ist.

13. Dazu kommt die weitere Erkenntnisschiene über die moderne Evolutionstheorie in Kombination mit Molekularbiologie und Quantenphysik. Selbst wenn man dem Menschen als homo sapiens einige besondere Qualitäten neben den übrigen Lebensformen zugestehen kann/ will/ muss, so hebt dies den Menschen nicht so grundsätzlich ab vom biologischen Leben als solchem. Eine Diskussion der grundlegenden Werte muss heute möglicherweise den Wert des gesamten Lebens mit berücksichtigen und den Menschen als Teil eines größeren komplexen Zusammenhangs sehen. Die Fokussierung auf die Selbstbestimmung greift da möglicherweise zu kurz (so wissen wir ja, dass selbst im ‚Innersten‘ der biologischen Entwicklung grundsätzlich ein Form von Selbstbestimmung stattfindet, die ihre optimale Gestalt auch nicht ‚isoliert‘ findet sondern in ‚Wechselwirkung‘ mit der Umgebung. Hier rühren wir an sehr grundsätzlichen Themen, und das sind noch nicht einmal die grundlegendsten).

14. Wenn man andererseits sieht, wie heute das ‚globale Kapital‘ alles dazu tut, über Freihandelsabkommen (wie z.B. TTP), die nationalen politischen Systeme zu neutralisieren und damit die Selbstbestimmung ganzer Völker aufzuheben versucht, dann wird man ja schon ganz bescheiden, wenn wenigstens die althergebrachte Menschenwürde verteidigt wird. Dennoch, das ‚Mehr‘ ist der Feind des ‚Ist‘. Und die Tendenzen des ‚globalen Kapitals‘ sind ja auch nur möglich, weil von den starken Playern kaum irgendwelche Werte akzeptiert werden außer dem eigenen (individuellen) machtorientierten Willen, der den komplexen Lebenszusammenhang, der über 3,8 Milliarden Jahre unsere heutige Existenz ermöglicht hat, weiterhin ohne Rücksicht auf Verluste zerstören.

Zur Fortsetzung Siehe HIER.

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und habe seit 2005 eine Professur inne im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften für 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)' . Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'.

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