MR.ROBOT TV-SERIE: REALITÄT – VIRTUALITÄT – PSYCHO – GESELLSCHAFT … Blitzbesprechung

Diese Gedanken beziehen sich auf die TV-Serie Mr.Robot, die seit 2015 ausgestarhlt wird.

BILDERSEQUENZEN

  1. Es ist eine Sache, die Strukturen hinter den Alltagsphänomenen philosophisch und wissenschaftliche heraus zu arbeiten, eine andere, Alltagsphänomene unittelbar zu präsentieren, um dadurch den unmittelbaren Eindruck eines Prozesses zu vermitteln, den man – warum auch immer – sichtbar machen will.
  2. Jeder Roman, noch mehr, jeder Film (Video), gehört zu den Verehrern von Phänomenen, die als solche dann auf das Gehirn des Lesers einwirken, um damit im Leser, im Rezipienten, individuelle Prozesse auszulösen.
  3. Insofern gehört das Medium von Roman und Film auf den ersten Blick zu den einfachen Kommunikationsformen: man erzeugt Ereignisse und lehnt sich zurück. Irgendetwas werden diese schon im Leser/ Rezipienten bewirken.
  4. Unterschiede liegen dann in der Auswahl der Bilder, in ihrer Anordnung, in der benutzen (Bild-)Sprache.

MR.ROBOT SERIE

  1. Mr.Robot ist eine TV-Serie die in diesem Punkt auf den ersten Blick nichts anderes ist: sie liefert dem Zuschauer eine Flut von Bildern von jungen Erwachsenen, die auf bunte Weise in einer bunten Stadt leben, und der Hauptakteur ist ein begnadeter Programmierer im Bereich Systemprogrammierung. Er nutzt seine Fähigkeiten jenseits seiner Tätigkeit in einer Firma für Computersicherheit für private Hackeraktivitäten, durch die er Personen seiner Umgebung, Personen des öffentlichen Lebens und Firmen überlistet, in fremde Datenwelten und Programme eindringt, und auf diese Weise ein Wissen erlangt, was ambivalent ist. Er könnte es verwenden, um anderen Menschen zu helfen oder zu schaden.
  2. Im Laufe der Episoden wird sichtbar, dass der Hauptakteur eine psychisch gespaltene Persönlichkeit ist: sein Selbst ist in Form von zwei Personen organisiert. Die eine ist er, sein Selsbt1, die andere, sein Selbst2, ist er auch, aber in Gestalt seines Vaters. Wenn sein Vater-Selbst das Kommando übernimmt, weiß sein Selbst1 nicht, was in dieser Zeit geschah. Außerdem hat er in Staffel 1 noch ein massives Drogenproblem.
  3. Es ist die Bildersprache von Staffel 1, die diese Gespaltenheit seiner Persönlichkeit lange unsichtbar sein lässt, da sein Vater-Selbst als reale Person im Film auftritt, und dies zudem meistens zeitgleich. Als Zuschauer denkt man dann lange Zeit, hier sind zwei Personen am Handeln.
  4. Solange man als Zuschauer glaubt (weil die Bilder dies vorgaukeln), es seien zwei Personen, wirkt Staffel 1 wie ein spannender Plot, in dem junge Erwachsene in die Software eines der größten Finanzkonzerne der Welt eindringen, in die hochgradig geschützten Sicherungssysteme, und damit eine landes- und weltweite Finanzkrise auslösen, die letztlich nahezu allen Menschen Schaden zufügt.
  5. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen werden nie direkt Thema des Films. Sie bilden eine Art Hintergrundrauschen. Die jungen Hauptakteure motivieren ihr Handeln moralisch mit der Schlechtigkeit des Finanzsystems, seiner Korruptheit, seiner sozialen Ungerechtigkeit. Dass das Chaos, das sie erzeugen, möglicherweise schlimmer ist als das Leben zuvor, wird nicht thematisiert.
  6. Auch wird kommentarlos hingenommen, dass in diesem Zusammenhang die Sicherheitsfirma zugrunde geht, in der der Hauptakteur arbeitete, die für sich einen guten Job gemacht hatte.
  7. Der Hauptakteur benutzt sein Hackerwissen u.a. auch, um in einer bestimmten Situation einen Rauschgifthändler und Hochkriminellen zu enttarnen, ihn ins Gefängnis zu bringen, weil er gewalttätig gegenüber seiner Freundin geworden ist. Dass dies zu einer extremen Gefährdung (und schließlich Ermordung) seiner Freundin führt, sieht er nicht. Er ist hochintelligent aber sozial sehr begrenzt. Er sieht nur Ausschnitte, Momente, keine Zusammenhänge, ist stark autistisch in seiner Unfähigkeit sich in andere hinein zu versetzen. Dadurch lebt er in einer individuell-punktuellen Parallelwelt, in einer Welt seiner psychischen Virtualität, die weitgehend irreal ist, und schwebt durch die reale Welt wie ein träumender Fremdkörper. Sein Körper ist durchgehend real anwesend, aber sein Bewusstsein ist stark eingefärbt, überlagert, von unbewussten Dynamiken, die ihn steuern und kontrollieren ohne Kontakt zur Realität. Seine Intelligenz reicht nur zum Hacken.
  8. In der zweiten Staffel verselbständigt sich dieses Thema weitgehend.
  9. Hatte die erste Staffel noch eine Art Geschichte, die die Bilder kontrollierte und in einen nachvollziehbaren Plot organisierten, löst sich der Leitgedanke in Staffel 2 weitgehend auf. Die einzelnen Bestandteile von Staffel 1 existieren zwar irgendwie weiter, aber eher am Rande, taumeln dahin, wie ein Schneetreiben, während die Psyche des Hauptakteurs zum alles absorbierenden Thema wird. Für jemanden, der an der Realität gespaltener Persönlichkeiten interessiert ist, sind diese zeitlupenartig quälend langen Episoden zwar ein Blick auf die Welt, aber eben auf eine Sonderwelt.
  10. In Nebenkriegsschauplätzen wird eine Schulfreundin protegiert vom Chef des Finanzimperiums zu einer Mitarbeiterin, die ihre eigene Familientragödie auf diesem Weg rächen will, eine andere geheimnisvolle Schönheit taucht immer wieder mal als Versatzstück auf, ohne dass deren Rolle klar ist, und eine andere chinesische Hackergruppe, die Dark Army, taucht immer wieder auf und erscheint als organisierte kriminelle Vereinigung, die ihre eigenen Ziele verfolgt.
  11. Die Politik erscheint, sofern sie vorkommt, als Handlanger der Finanzindustrie, und das FBI rückt den Hauptprotagonisten immer näher.

SCHWACHE KONTEXTE

  1. Ähnlich wie in der Serie Person of Interest lebt der Plot von der Fokussierung auf einige wenige Akteure bei Ausblendung nahezu aller Kontexte. Die geschilderte Realität wird dadurch irreal, unwirklich, verzerrend. Individuelle Details werden zu Monstern, die Lebenssituation wird eingebettet in eine hoffnungslose, zukunftsfreie Welt von anonymen Kräften. Extreme sind normal, Leid passiert einfach.
  2. In einer Episode wird die gesellschaftliche Realität explizit als tägliche Gehirnwäsche beschrieben, eine mediale Dauerberieselung mit Bildern, die die Realität überlagern, ersetzen, und das reale Leben auflösen in ein bebildertes Universum ohne klare Konturen.
  3. Und in einer Szene, in der sich der Hauptakteure in einer evangelikalen Selbsthilfegruppe befindet, bricht aus ihm eine Religionskritik heraus, in der Religion nur (ganz marxistisch) Opium für das Volk ist. Das Leid wird so stilisiert, dass das Klagen und das Befolgen von Regeln nur die Abhängigkeit vom Leid erhöht, aber es nicht ändert. Tragisch: die Serie tut nichts anderes; sie reflektiert nichts, sie beschwört, sie malt Bilder der sozialen Vereinsamung; wirkliche Politisierung wird nur als Chaos kommuniziert, das Aktivisten erzeugen. Die einzigen funktionierenden Ordnungsstrukturen im Film sind die als verbrecherisch hingestellten Finanzinstitutionen.

GUT UND BÖSE

  1. Hier kann man auch nochmals das Begriffspaar ‚Gut – Böse‘ ins Spiel bringen. In einem anderen Eintrag in diesem Blog ist dieses am Beispiel der Filme (Bücher) Herr der Ringe, Star Wars sowie Person of Interest diskutiert worden.
  2. Während das Böse im Herrn der Ring und in Star Wars  gepaart mit Macht relativ eindeutig in bestimmten Personen lokalisiert war, war es in Person of Interest schon schwieriger. Es war eingebettet in Regierungshandeln, in das Agieren von Firmen, in die Infrastruktur von überwachenden intelligenten Computern. In der Serie Mr.Robot wird die Karte des Bösen der Finanzindustrie gegeben, die sich die Regierung gefügig macht, dazu andere Firmen, nicht nur national, sondern auch international.
  3. Das Gute war ebenfalls im Herrn der Ringe, und in Star Wars bestimmten Personen mit besonderen Fähigkeiten zugedacht: Hobbits, Zauberern, Menschen mit besonderem Blut. In Person of Interest verschwimmen die Linien: Menschen unterschiedlicher Herkunft können anderen Menschen helfen, allerdings brauchen sie besondere Fähigkeiten im Bereich Action oder im Bereich Computer, dazu helfende Infrastrukturen (Geld, Kommunikation, Computer…).
  4. In Mr.Robot erscheint das Gute vage am Horizont als das Wohlergehen aller Menschen und das Böse ist jenes Verhalten, das den Menschen schadet. Vor diesem Hintergrund werden die Finanzindustrie und Teile der Regierung als Verräter an der Menschheit gehandelt und einzelne Individualisten, die hacken können, schwächen die Bösen. Dass die Akteure des Guten schwach sind, extreme Verhaltensweisen zeigen, Auswirkungen von Aktionen kaum durchschauen, blauäugig gegenüber ihrer jeweiligen Umgebung sind, spielt keine Rolle.

ATEMNOT DER BILDER

  1. Während Staffel 1von Mr.Robot  noch eine gewisse Dynamik und Logik aufweist, hat man das Gefühl, dass die Bilder ab Staffel 2 eine gewisse Atemnot‘ zeigen: die Bilder sind zwar noch da, zitieren sich ständig selbst, halten sich irgendwie am Leben, aber es fehlt jene übergreifende Logik, die in der realen Welt alles antreibt und in Bewegung hält.
  2. Man hat den Eindruck, dass Staffel 2 eine Produktentscheidung war (Wir brauchen eine Fortsetzung), ohne dass der Autor eine weiterführende Intuition hatte.
  3. Und hier zeigt sich wieder(holt), dass noch so kühne Geschichten mit dem Geschehen in der realen Welt kaum Schritt halten können.
  4. Dies ist wie an der Börse: mittlerweile weiß jeder (oder kann jeder wissen), dass individuelle Anlageberater auf lange Sicht immer schlechter sind wie die tatsächlichen Kurse. Dies hat viele Gründe. Dennoch gab es viele Leute mit viel Geld, die glaubten, ihr Fondsmanager sei besser. Unterm Strich haben die meisten damit viel Geld verloren.
  5. Beim Schreiben von Seriendrehbüchern, die eine Handlung zeigen wollen, nicht einfach nur punktuelle Sitcoms, gilt das Börsenprinzip in abgewandelter Form: die Realität ist fantasievoller, kraftvoller, überraschender als jeder einzelne Autor… das menschliche Gehirn hat allerdings ein Problem mit dieser Komplexität. Daher erscheint es einfacher, sich selber Geschichten auszudenken….

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Ein Gedanke zu „MR.ROBOT TV-SERIE: REALITÄT – VIRTUALITÄT – PSYCHO – GESELLSCHAFT … Blitzbesprechung

  1. ich habe mir die Serie bis Folge 7/Staffel1 auch angesehen. Mein Beurteilung fällt ziemlich eindeutig aus. Seriendesign von der Stange, nichts was nicht schon x-mal durchgekaut wurde, keine einzige Innovation, weder im Plot, noch in der Bildsprache noch in der Zeichnung der handelnden Personen, noch in den Dialogen.

    Man kann sich kaum dem Eindruck wiedersetzen, das es soetwas wie ‚Stoffsammler‘ bei den Produktionsfirmen gibt, die den Bedarf nach Themen auf dem Medienmarkt erroieren und dann auf jämmerliche Art und Weise die wirklichen Kunstwerke der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts plündern um sie in Versatzstücke auseinander zu schneiden und neu zusammen zu setzten. Ansich ein interessanter Ansatz, aber wenn dahinter nur der Versuch steht die Nachfrage nach Themen zu bedienen die gerade nebulös im Schwange sind, dann kommt dabei soetwas wie Mr. Robot heraus.

    Nach Gilles Deleuze ist das Wesen des Films ‚prophetisch‘ und das Kino ist fähig die „Mächte des Falschen“ so zu erzeugen das das Reale antizipiert werden kann ohne es bloß abzubilden. Bei Mr. Robot wird das Falsche antizipiert und das Reale ignoriert.

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