SIND VISIONEN NUTZLOS?

Letzte Aktualisierung: 23.Okt.2016 (Formeln wegen Lesbarkeit entfernt)

VERTRAUTER ALLTAG

  1. Jeder kennt das aus seinem Alltag: Menschen tun ihre Pflicht, man tut, was man kennt; Gewohnheiten, Vorschriften, Verordnungen, Gesetze weisen einem den Weg.
  2. Dies hat etwas Vertrautes, es stützt Erwartungen, macht das Geschehen ansatzweise überschaubar, gar berechenbar, man kann ansatzweise planen.
  3. Dann gibt es noch die zeitlichen Rhythmen Woche, Monat Jahreszeiten, Jahr; Fixpunkte des Erinnerns, Planens und Erwartens.
  4. Diese Rhythmen, die erkennbaren Regelhaftigkeiten, spannen einen Raum auf für das mögliche Geschehen, ermöglichen die Koordination mit anderen: Treffen, Urlaubsreisen, Feiern, Freizeiten, Umsatzplanung, Produktionszyklen, Finanzierungsmaßnahmen, Marketingaktionen, Einstellungspläne, Kooperationen mit Zulieferern, Wahlkampfpläne, Gesetzesprojekte im Parlament, ….

… WENN ER WANKT

  1. Ohne diesen erkennbaren und erwartbaren Raum gerät alles ins Schwimmen, entsteht Unsicherheit, werden Pläne unmöglich, das Erreichte fängt an zu Wanken: wird es bleiben? Wie wird es weitergehen?
  2. Die normale Reaktion eines homo sapiens (sapiens) in solch einer Situation sind Unruhe, Sorgen, Ängste, wenn man die Bedrohlichkeit der Situation zu realisieren beginnt. Dies kann in Existenzängste übergehen, Suche nach Rettung, nach Alternativen, nach Ursachen, Verursachern. Was hat dazu geführt? Warum ist das so? Was kann ich tun?

BLICK ZURÜCK

  1. Phasen der Stabilität, des Wohlstands gab und gibt es in der Geschichte des homo sapiens (sapiens) immer wieder. Manchmal Jahrzehnte, mal mehrere Generationen, bisweilen mehrere hundert Jahre. Aber noch nie waren solche Phasen ewig.
  2. Diese Phasen relativer Ruhe mit relativem Wohlstand waren nie monoton, gleichförmig: von sehr reich und mächtig bis sehr arm und rechtlos reichte die Bandbreite immer. Die Armen lebten von der Hoffnung auf den möglichen größeren Reichtum, und die Reichen und Mächtigen lebten von ….?
  3. Länger andauernder Wohlstand setzt immer lang andauernde stabile Verhältnisse voraus in denen all jene Tätigkeiten stattfinden können, die Nahrung ermöglichen, Wohnräume jeglicher Art, Handwerk, Verkehr, Technologien, Regeln des Zusammenlebens, Sicherung von Ordnung durch effektive Bestrafung der Abweichler, Sicherung von Ordnung durch effektive Abwehr nach außen, Weitergabe und Entwicklung von Wissen, geeignete Ausbildung von Menschen zum Erhalt der bestehenden Abläufe, notwendige Rohstoffe, geeignete Ökosysteme …..
  4. Je komplexer eine Gesellschaft des homo sapiens (sapiens) war, umso anfälliger wurde sie: Naturkatastrophen gab und gibt es immer wieder: Zu viel Regen, zu wenig Regen, schwere Unwetter mit Blitzen, Feuerereignissen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Meteoriteneinschläge, Asteroiden; dazu mikrobakterielle Veränderungen, die sich in neuen Krankheiten zeigten, auf die das menschliche Immunsystem nicht sofort eine Antwort fand, …
  5. Auch gab es Ressourcenknappheiten: Erde erschöpft sich, Trinkwasser geht zur Neige, zu wenig Nahrung für die lebenden Menschen (und Tiere), Energiequellen versagen, Arten sterben aus, Verschmutzung der Umwelt macht vieles unbrauchbar, …
  6. Manche Veränderungen sind punktuell in Raum und Zeit, andere dauern an, erstrecken sich über größere Regionen, oder sind periodisch (Überschwemmungen, Brände,…)…

REAKTIONEN AUF VERÄNDERUNGEN

  1. Auf viele lebensfeindliche Ereignisse kann der homo sapiens (sapiens) reagieren, wenn er davon Kenntnis hat und hinreichend viele Menschen sich einig sind, wie sie es verhindern können und sie es auch gemeinsam wollen. Andere sind schwer voraussagbar, sind zu selten und schwer erkennbar; wieder andere setzen sehr viel Wissen, hinreichende Technologien, und hinreichende kulturelle und politische Strukturen voraus, um darauf langfristig und nachhaltig reagieren zu können (Klima, Ressourcenzerstörung, Verhältnis von Ernährung und Bevölkerung, …).

AUFBÄUMEN GEGEN BEDROHUNG(EN)

  1. Auffällig ist, dass aber zu allen Zeiten die Menschen bei Bedrohung, Unglücken, Katastrophen nach Ursachen suchen, nach Verursachern oder nach eigener Schuld. Der Wille zum Leben gibt sich nicht mit dem Ereignis zufrieden. Der Wille zum Überleben sucht nach Anhaltspunkten, wie man Bedrohungen abwehren, sie überwinden kann. Aber welche Chancen hat ein einzelner homo sapiens (sapiens), eine ganze Population von Menschen?
  2. Eines ist ganz klar, was immer ein homo sapiens (sapiens) tun will, er hängt von dem Wissen ab, was sich gerade in seinem Kopf befindet, von den Handlungsmöglichkeiten der aktuellen Situation, und von der Fähigkeit, sich mit anderen zu koordinieren.
  3. Und in ungewöhnlichen Situationen zeigt sich eines sehr deutlich: auch wenn man aktuell nichts wirklich tun kann, wenn man nicht wirklich weiß, was man tun kann, dann tendiert der homo sapiens (sapiens) dazu, irgend etwas zu tun, nur um das Gefühl zu haben, er tue ja etwas. Das Gefühl des Nichtwissens, der Alternativlosigkeit, der darin aufkeimenden Ohnmacht ist so unerträglich, dass der homo sapiens (sapiens) dann irgend etwas tut, nur um nicht Nichts zu tun.
  4. Ist das dumm? Ist das primitiv? Ist das lächerlich? Ist das gefährlich?
  5. Halten wir einen Moment inne und schauen zurück (weil wir heute vieles wissen können, was hunderte, tausende Generationen vor uns nicht wissen konnten).

VOR SEHR LANGER ZEIT (KEIN MÄRCHEN)

  1. In der Zeit vor dem homo sapiens (sapiens) – viele Milliarden Jahre – als es nur einzelne Zellen oder einfache Zellverbände gab, beherrschte das biologische Leben zwar die Kunst, sich selbst zu vermehren (bis heute eines der größten Wunder im Universum und noch immer nicht vollständig aufgehellt!), aber das biologische Leben in Gestalt der Zellen verfügte über keinerlei Möglichkeit, in der aktuellen Situation der Selbstreproduktion im großen Maßstab über Alternativen, Varianten, mögliche Szenarien nachzudenken. Es besaß keinerlei Wissen über die weitere Zukunft. Die Zukunft war eine unfassbar große Wand des Nichtwissens, undurchdringlich. Das einzige, was verfügbar war, das waren genetisch kodierte Informationen über solche Baupläne, die in der zurückliegenden Geschichte überlebt hatten. Überlebt in einer Welt, der Erde, die selbst in beständiger Veränderung war, tiefgreifenden Veränderungen. Alles, was bisher erfolgreich war garantierte in keiner Weise, dass es morgen auch noch erfolgreich sein würde. Das Leben stand vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe: es musste Formen annehmen, die in einer Welt überleben können, die als solche noch nicht bekannt waren.
  2. Zu einem bestimmten Zeitpunkt t definierten die vielen genetisch kodierten möglichen Baupläne G in den Zellen mögliche Lebensformen L, die sich in der Vergangenheit in einer bestimmten Umwelt U bewährt hatten. Diese Umwelt ist aber nicht statisch sondern dynamisch, d.h. von einem Zeitpunkt t zu einem anderen späteren Zeitpunkt verändert sie sich nach bestimmten Regeln V; diese Veränderungsregeln sind dem Leben zum Zeitpunkt t nur partiell bekannt, und nur indirekt, kodiert im genetischen Kode. Heute wissen wir (wir glauben es zu wissen), dass diese Veränderungsregel V ein Bündel von Regeln ist, die unterschiedlich stabil sind, weil eine Veränderung der Umwelt U auch zurück wirkt auf manche Aspekte der Veränderungsregel V. Wir haben also eine Veränderungsregel V, die sich im Laufe der Zeit partiell selbst ändert …
  3. Im Nachhinein betrachtet hatte das biologische Leben extrem schlechte Karten. Keine Bank dieser Welt hätte einem solchen Kandidaten einen Kredit gewährt; keine Versicherung dieser Welt würde das Risiko des Lebens zu den frühen Zeiten versichert haben; kein Investor dieser Welt hätte je in das Projekt des Lebens investiert; keine bekannte politische Bewegung hätte auf dieses Leben gesetzt, keine Religion dieser Welt hat jemals über dieses biologisch Leben geredet …. Ein Grund dafür ist sicher, dass die menschliche Akteure von der Art homo sapiens (sapiens) nur eine vergleichsweise verschwindend geringe Lebenserwartung haben verglichen mit den Zeiträumen, in denen sich das Projekt des Lebens auf der Erde (und damit auch im Universum) in seinem sichtbaren Teil in vielen Milliarden Jahren entwickelt hat.
  4. Rein Mathematisch (soweit wir heute Mathematik entwickelt haben) hatte das biologische Leben vor dem homo sapiens (sapiens) keine wirkliche Chance, und dennoch hat es überlebt, 3.8 Mrd Jahre im sichtbaren Teil. Wie? Warum?

DAS NOTORISCH UNBERECHENBARE AM LEBEN

  1. Das biologische Leben hat bis heute viele unaufgeklärte Geheimnisse. Neben dem Selbstreproduktionsmechanismus, der wertvolle Informationen aus der Vergangenheit enthält, ist der Prozess der Weitergabe von Informationen und deren Umsetzung in eine neue, lebensfähige Struktur, nicht deterministisch, nicht 1-zu-1!
  2. Der Prozess ist aus sich heraus vielfältig, lässt Variationen zu, Abweichungen, schafft neue Kombinationen, so dass die Menge der genetisch kodierten Informationen G in den Zellen eben nicht eine eindeutige Menge L von möglichen Lebensformen kodiert, sondern eine partiell undefinierte Menge L*, die sich aus den Variationen innerhalb des Prozesses herleiten. Diese Menge L* weicht von der Erfahrung der Vergangenheit mehr oder weniger stark ab. Sofern die neue Umwelt U‘, die auf eine aktuelle Umwelt U aufgrund der jeweiligen Weltveränderungsregel V folgt, mit der ursprünglichen Umgebung U hinreichend ähnlich ist, hatte jener Anteil von Lebensformen in den neu realisierten Lebensformen L*, die noch den alten Lebensformen L entsprachen, gute Chancen, zu überleben. Diejenigen Lebensformen in L*, die zu neu waren, möglicherweise nicht. Sofern aber die neue Umwelt U‘ sich von der vorausgehenden Umwelt U in machen Punkten unterscheidet, haben dagegen die Lebensformen, die den vorausgehenden Lebensformen L ähneln, weniger Aussichten auf das Überleben; die Lebensformen aus der neuen Menge von Lebensformen L*, die sich von den alten Lebensformen L hingegen unterscheiden, möglicherweise schon. Vor dem Ereignis von L* in U‘ konnte der Mechanismus der Selbstreproduktion dies nicht wissen; volles Risiko war notwendig! Man kann dies die Urform von Kreativität nennen, von Genietum, von Verrücktheit ….Es ist tief verwurzelt im Kern des geheimnisvollen Lebens…
  3. Normale wahrscheinlichkeitstheoretische Modelle sind nicht in der Lage, diese Prozesse angemessen zu beschreiben. In jeder Phase des Lebens (und es gab ja Millionen von Phasen) sind sie zum Scheitern verurteilt.
  4. Fakt ist nur, dass das Leben mit dieser Methode aus Erinnerung (= genetisch kodierte Informationen aus der Vergangenheit) + voll riskante Variationen (Würfeln gegen die unbekannte Zukunft) es geschafft hat, eine wahrscheinlichkeitstheoretische Unmöglichkeit in ein (bisher) Erfolgsmodell zu verwandeln, das eine Komplexität erreicht hat (z.B. allein der Körper eines einzelnen homo sapiens (sapiens) besitzt etwa 120 Milchstraßen-Galaxien an Zellen, die hochkomplex miteinander interagieren), die unser aktuelles Verstehen noch weitgehend überfordert.

LEHREN AUS DER VERGANGENHEIT?

  1. Was das biologische Leben uns, die wir ein Produkt dieses Lebens sind – und auch nur ein Teil davon – damit sagen kann/ will, ist ziemlich klar. Ein aktuelles Wissen von der Welt und dem Leben auf der Erde (und im Universum) ist niemals vollständig. Die objektiven Grenzen eines aktuellen Wissens zu überwinden kann nur gelingen, wenn man sich nicht in den objektiven Grenzen einmauert, sondern diese Grenzen durch ein ganzes Feuerwerk an Experimenten jenseits des Bekannten zu durchbrechen, zu überwinden sucht. Dies kann man Kreativität nennen, Visionen, Träume, Verrücktheit, Genietum … egal wie wir es nennen, ohne ein hinreichendes Maß an Verrücktheit, Kreativität, Mut zum Risiko hat das Leben keine Zukunft. In einer dynamischen Welt kann das Wissen um die Vergangenheit nicht der alleinige Maßstab für die mögliche Zukunft sein. Hätte das biologische Leben in der Vergangenheit nur das wiederholt, was bislang Erfolg hatte, es wäre schon lange gescheitert. Die Wahrheit des Lebens liegt nicht nur in ihm selbst, sondern in ihm und in Wechselwirkung mit einer dynamischen Umgebung, also mindestens mit dem bekannten Universum.
  2. Jetzt werden manche sagen, dass wir ja heute so viel mehr wissen. Wir können die Entstehung des bekannten Universums sehr weitgehend nachvollziehen und simulieren; wir haben technisches Knowhow, komplexe Maschinen, Gebäude, ganze Städte zu bauen; wir haben neue Informationstechnologien, um mehr Daten zu verwalten, sie zu finden, sie neu zu kombinieren ….
  3. Das ist richtig. Das Leben hat in Gestalt des homo sapiens (sapiens) Handlungsräume ermöglicht, die noch vor 100-200 Jahren unvorstellbar waren.
  4. Wahr ist aber auch, dass wir zunehmend die inhärenten Grenzen der bisherigen Methoden erkennen: der homo sapiens (sapiens) ist dabei, die Lebensgrundlage Erde weitgehend und nachhaltig zu stören oder gar zu zerstören. Die neue Vielfalt an Wissen, Lebensformen, Handlungsmöglichkeiten überfordert das aktuelle Format des Erlebens und Verstehens eines einzelnen homo sapiens (sapiens). Statt Frieden weltweit und Wohlstand für alle produziert der homo sapiens (sapiens) krasse Unterschiede zwischen Reich und Arm, zwischen Ernährung und Wasser im Überfluss in einer Region und Hunger und Wassermangel in einer anderen; statt globaler Friedensgesellschaft mit gemeinsamer Verantwortung (Vision der United Nations) beobachten wir wieder eine Tendenz zum Nationalismus, zur Radikalisierung, zu Fanatismus, zu Vereinfachungen.
  5. Die begrenzte Lebenszeit des homo sapiens (sapiens) und sein biologisch begrenztes Verstehen werden zum Stolperstein, das größere Ganze, den Zusammenhang zwischen allem, die großen Perspektiven wahrzunehmen und danach zu handeln. Die sogenannten nationalen Führer erweisen sich als krasse Zwerge gemessen an den Anforderungen der je größeren Zukunft.
  6. Mathematisch ist die Prognose für den homo sapiens (sapiens) als Teil des Lebens wie schon immer schlecht.
  7. Die Botschaft der Vergangenheit sagt aber, im Phänomen des Lebens steckt mehr als das, was die endlichen Gehirne eines homo sapiens (sapiens) bislang denken.
  8. Die Zukunft wird erzählen, was stimmt. Ganz unbeteiligt sind wir nicht. Visionen sind nicht unbedingt schlecht. Wir alle sind ein Produkt der Visionen von vielen Milliarden Jahren von aberwitzig vielen Experimenten.

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4 Gedanken zu „SIND VISIONEN NUTZLOS?


  1. Das „Besondere“ voraus zu setzen und dann danach zu suchen worin das Besondere besteht wäre die Anwendung der aristotelischen Regel der Bestimmung der nächst höheren Gattung durch die spezifische Differenz. Ergebnis in Bezug auf den Menschen ist dann seine Beschreibung als -> zoon logon echon, zoon politicon, animal rationale, homo oekonomicus usw. usf.

    Jede dieser Definitionen wird durch naturwissenschaftliche Forschung nach und nach aufgelöst. Keine ist haltbar angesichts der Tatsache das in der Natur (Tierreich) dieses vermeindlich Besondere ebenso zu beobachten ist. Pagans Vermutung ist, das wird so weiter gehen. In Zukunft werden Forschungen immer weiter eine „Bastion“ nach der anderen einnehmen, hinter denen sich das Humanum bisher in Sicherheit glaubte.

    Das bedeutet aber nicht, das man jetzt in das andere Extrem fallen muß. Die Behauptung „Alle Eigenschaften, die wir am homo sapiens (sapiens) erkennen können, lassen sich mit dem Gang der Evolution erklären“ wäre für Pagan ein solches Extrem.

    Wenn homo sapiens (sapiens) kein „erratisches Ereignis“ in der Evolution des Lebens sein soll, dann ist das „emergieren“ eines bekannten „A“ in ein neues „B“ als Beschreibung jedoch zu wenig. „Emergenz“ ist eine nette Umschreibung (oder ein Verlegenheitsbegriff) für das was man an anderer Stelle „Black Box“ nennt. Man weis was rein geht und man sieht was raus kommt, aber was wirklich am Umschlagplatz des Prozesses passiert, kann man nicht beschreiben. (Stanley Kubrick hat in ‚2001: A Space Odyssey‘ dieser Black-Box mit seinem schwarzen Obelisken ein Denkmal gesetzt)

    Das Besondere zu vermuten, bedeutet nicht es von vorne herein voraus zu setzen, erst recht bedeutet es nicht es „außerhalb“ des Kontextes der Natur zu verorten. Die Vermutung stützt sich darauf das die Natur bei ihrer Befragung durch den Menschen bisher soweit wir wissen niemals zurückgefragt hat. Auf der anderen Seite wurde ohne Gehirn auch noch nie eine Frage geäußert.

    „Die Gegensatzpaare Geist – Natur, Geist – Materie, Seele – Körper usw. sind tatsächlich Heute nur noch kühne Annahmen… aber die Frage ist: was können wir an die Leerstelle setzten die diese ehemaligen metaphysischen Totalbegriffe zurück gelassen haben?

    • … hier ein paar Assoziationen zum Text von pagan:

      BEGRIFFE
      pagan: „Die Gegensatzpaare Geist – Natur, Geist – Materie, Seele – Körper usw. sind tatsächlich Heute nur noch kühne Annahmen… aber die Frage ist: was können wir an die Leerstelle setzten die diese ehemaligen metaphysischen Totalbegriffe zurück gelassen haben?

      cagent: Metaphysische Totalbegriffe, Totalbegriffe, Begriffe – hängen nicht letztlich alle Begriffe an Wortmarken, die wir herumreichen, weiterreichen, aussprechen, aufschreiben, hören, lesen, immer in individuellen Kontexten, immer wieder neu assoziiert mit möglichen Kontexten aus so vielen Zeiten, Jahrhunderten, Jahrtausenden, dass es eigentlich nie die Wortmarken sind, die für ihre Bedeutung verantwortlich zeichnen, sondern ihre Benutzer, wir. Wenn also Begriffspaare wie Geist-Natur, Geist-Seele, Seele-Körper wie Leerstellen erscheinen, also einer sinnvoll erscheinenden Bedeutung beraubt, dann fällt die Frage zurück an uns Benutzer: warum können wir diesen Wortmarken keine Bedeutung mehr verleihen? Können wir es nicht? Die vielen Jahrhunderte demonstrieren uns beständige Transformationen von Bedeutungen zu Bedeutungen. Ein heutiger Physiker wird mit Begriffen wie ‚Geist‘ und ‚Seele‘ im ersten Moment vielleicht ein Problem haben, wenn er nur die aktuell umläufigen Theorien als Maßstab benutzt, aber daraus folgt nicht notwendigerweise, dass man diesen Begriffen keine Bedeutung mehr zuordnen könnte, die ‚sinnvoll‘ erscheinen …. bisher gibt es offenbar aber kaum jemand, der das ernsthaft versucht … dann entsteht natürlich eine – scheinbare, selbstverursachte – Leere…

      ARISTOTELISCHE LOGIK
      pagan: Das „Besondere“ voraus zu setzen und dann danach zu suchen worin das Besondere besteht wäre die Anwendung der aristotelischen Regel der Bestimmung der nächst höheren Gattung durch die spezifische Differenz. Ergebnis in Bezug auf den Menschen ist dann seine Beschreibung als -> zoon logon echon, zoon politicon, animal rationale, homo oekonomicus usw. usf.

      cagent: Die aristotelische Logik hat den Vorzug vor der modernen formalen Logik, dass sie noch nicht trennt zwischen Wortmarken und ihren – zeitlich gebundenen – assoziierten möglichen Bedeutungen. Dies funktioniert aber nur, weil sie die Regeln der Verwendung von Wortmarken und ihren möglichen Bedeutungen normiert, idealisiert, vereinfacht. Dies erlaubt interessante Operationen mit Begriffen. Man muss aber kritisch nachfragen, ob das implizite Modell der Wirklichkeit der aristotelischen Logik der realen Wirklichkeit damit gerecht wird. Welche Eigenschaften der Wirklichkeit finden Eingang in diese Logik? Welche Kombination von Eigenschaften ist erlaubt? Wie zeitabhängig sind die unterschiedlichen unterstellten Bedeutungen? Wie zwingend sind die unterschiedlichen Gruppierungen von Eigenschaften? Inwiefern helfen Begriffe wie ‚Gattung‘ und ‚Art‘ um die Wirklichkeit zu erklären? Historisch hat die aristotelische Logik eine große Sortierkarft bewiesen, zugleich hat sie aber auch das Denken von mindestens 1600 Jahren paralysiert und in vielen Punkten in die Irre geführt (nicht zuletzt in der christlichen Theologie)…

      EMERGENZ
      pagan: Wenn homo sapiens (sapiens) kein „erratisches Ereignis“ in der Evolution des Lebens sein soll, dann ist das „emergieren“ eines bekannten „A“ in ein neues „B“ als Beschreibung jedoch zu wenig. „Emergenz“ ist eine nette Umschreibung (oder ein Verlegenheitsbegriff) für das was man an anderer Stelle „Black Box“ nennt. Man weiß was rein geht und man sieht was raus kommt, aber was wirklich am Umschlagplatz des Prozesses passiert, kann man nicht beschreiben. (Stanley Kubrick hat in ‚2001: A Space Odyssey‘ dieser Black-Box mit seinem schwarzen Obelisken ein Denkmal gesetzt)

      cagent: Ja, ‚Emergieren‘ ist ein schwacher Begriff. Er erklärt nicht viel; vielleicht kann man ihm zumindest den Status des erhobenen Zeigefingers zugestehen, der darauf aufmerksam machen will, dass hier ein Phänomen vorliegt, das einer besonderen Beachtung und gedanklichen Behandlung bedarf. Das langsame aber zugleich beharrliche Anwachsen der Komplexität biologischer Systeme bis heute ist allerdings krass gemessen an der Komplexität des umgebenden bekannten Weltalls. Ich meine, wenn schon die Komplexität eines einzelnen homo sapiens (sapiens) die Komplexität von ca. 120 Milchstraßen-Galaxien deutlich übersteigt – und ein einzelner homo sapiens (sapiens) ist ja nur ein aberwitzig kleiner Teil des ganzen Phänomens biologisches Leben – dann haben wir es mit einem Etwas zu tun, das sich unserem Begreifen bislang weitgehend entzieht. Ich finde es problematisch, aus diesem aktuellen Nicht-Begreifen von etwas auf seine Bedeutungslosigkeit zu schließen. Ist natürlicher einfacher. Weniger Wissen – weniger Verantwortung …

      HUMANUM
      pagan: Jede dieser Definitionen wird durch naturwissenschaftliche Forschung nach und nach aufgelöst. Keine ist haltbar angesichts der Tatsache das in der Natur (Tierreich) dieses vermeindlich Besondere ebenso zu beobachten ist. Pagans Vermutung ist, das wird so weiter gehen. In Zukunft werden Forschungen immer weiter eine „Bastion“ nach der anderen einnehmen, hinter denen sich das Humanum bisher in Sicherheit glaubte.
      Das bedeutet aber nicht, das man jetzt in das andere Extrem fallen muß. Die Behauptung „Alle Eigenschaften, die wir am homo sapiens (sapiens) erkennen können, lassen sich mit dem Gang der Evolution erklären“ wäre für Pagan ein solches Extrem.

      cagent: Da das ‚Humanum‘ ja auch zuerst eine Wortmarke ist, die , vielleicht, mit – unterschiedlichen — Bedeutungen assoziiert ist (sein kann), kann die Entwicklung der umgebenden Bedeutungskontexte – aus einer bestimmten Sicht – möglicherweise so erscheinen, als ob das mit Humanum bislang Gemeinte sich nach und nach ausdünnt, schließlich verschwindet, und damit auch die unterstellte Sache, ‚das Humanum‘… ist es denn so sicher, dass das bislang mit der Wortmarke ‚Humanum‘ assoziierte wirklich ‚treffend‘ war? Waren es möglicherweise anheimelnde, aber falsche Bilder einer Wirklichkeit, die ganz anders ist? Kann der Mangel an Erkenntnis aus der Vergangenheit zum Maßstab für neue mögliche Erkenntnisse sein? Schon im Neuen Testament der Christen (man muss dem keine besondere Bedeutung zumessen) findet sich ja vielfach der Gedanke, dass etwas Aktuelles sterben muss, um dem wahren Besseren Platz zu machen. Die Gedanken der zurückliegenden Jahrhundert und Jahrtausende können schwerlich als alleiniger Maßstab für das Heute und Morgen dienen. Wenn eine liebgewordene Bedeutung an Wirklichkeitsentzug stirbt kann das auch eine Chance sein, endlich mal das zu sehen und zu begreifen, was bislang durch falsche Bilder von der Welt verdeckt war, … vielleicht … das biologische Leben auf der Erde, das uns hervorgebracht hat, konnte dies nur, weil es den aktuellen Wissensstand (lange Zeit nur genetisch kodiert), zu allen Zeiten durchbrochen und überschritten hat in eine Richtung, die immer unbekannt war. Volle Wahrheit umfasst nicht nur eine bekannte Vergangenheit; voller Wahrheit basiert zu einem großen Teil auch auf einer noch unbekannten Zukunft … damit tut sich unser Denken ziemlich schwer…

      NATUR UND MENSCH
      pagan: Das Besondere zu vermuten, bedeutet nicht es von vorne herein voraus zu setzen, erst recht bedeutet es nicht es „außerhalb“ des Kontextes der Natur zu verorten. Die Vermutung stützt sich darauf dass die Natur bei ihrer Befragung durch den Menschen bisher soweit wir wissen niemals zurück gefragt hat. Auf der anderen Seite wurde ohne Gehirn auch noch nie eine Frage geäußert.

      cagent: Zu sagen, „dass die Natur bei ihrer Befragung durch den Menschen bisher soweit wir wissen niemals zurück gefragt hat“ könnte einen Widerspruch in sich einschließen, denn nach allem, was wir wissen, ist ja der Mensch selbst ganz und gar Teil der Natur, aus ihr hervorgegangen. Alles, was der Mensch verkörpert sind in dieser Sicht Eigenschaften, die auch der Natur zukommen. Es würde in dieser Sicht wenig Sinn machen, den Menschen der Restnatur gegen über zu stellen. Umgekehrt, wenn der Mensch genuiner Teil der Natur ist, dann ist es gerade die Natur, die im homo sapiens (sapiens) sich erstmalig in die Lage versetzt hat, sich selbst anzuschauen, über sich selbst zu sprechen, die eigenen Gesetzlichkeiten zu erfassen, sich in der Rückkopplung durch den homo sapiens (sapiens) auf zusätzliche Weise zu ändern… es ist faszinierend zu sehen, wie sich in einem – viele Milliarden Jahre dauernden – Prozess Energie über subatomare Teilchen zu Atomen, diese zu Molekülen, diese zu Zellen, diese zu vielzelligen organisierten Organismen, diese mithilfe von Nervensystemen, Gehirnen zu einer Bewusstseinsfunktionalität, zu komplexen Gesellschaften, zu vernetzten komplexen Gesellschaften aufgebaut haben. Die Dynamiken die hier sichtbar werden, die – mathematisch betrachteten – Funktionalitäten sind so unfassbar komplex, dass alle heute bekannten physikalischen Theorien dagegen wie Kinderkram wirken (die Physiker sind aber dennoch schon so berauscht, dass sie nichts anderes mehr sehen)…angesichts dieses unfassbaren Ereignisses wirkt das ‚klassische Humanum‘ ein bisschen sehr arm … wobei viele der Grundeinsichten in neuen möglichen Bedeutungskontexten vermutlich überleben werden … wer versucht es, dies mal zu denken?

  2. Jetzt stellt sich die Frage ob die „biologische Perspektive“ auf das Leben alleine ausreicht um die Situation des Menschen und die Herausforderungen vor denen er Heute steht, angemessen zu beschreiben oder anders gefragt, ob ein Verweis auf die abenteuerliche, in sehr vielen Teilen unverstandene, mysteriös wirkende Geschichte der Evolution des Lebens Hinweise für sinnvolles Handeln enthält?

    Ist es denn nicht so das mit dem – in den Texten von cagent oft unter der Bezeichnung homo sapiens (sapiens) angesprochenen – ‚einsichtigen, weisen, verständigen Menschen‘, und gleichursächlich mit seiner „Entstehung“, eine Art „Gegenevolution“ in Gang kommt, die gerade gegen jenes „Würfeln gegen die unbekannte Zukunft“ gerichtet zu sein scheint?

    Würde man unterstellen, das „das Leben“ selber eine inhärente Vorstellung eines Ziels hätte, irgendwo am Ende des Zeitstrahls, man könnte fast auf die Idee kommen das dieser evolutionäre Prozess selber irgendwann registriert hätte das es mit dem ewigen Würfeln so auch nicht mehr weiter gehen könne.

    Selbst wenn man sich solcher Spekulation enthält, muss man doch feststellen, das diese Populationen die wir als homo sapiens (sapiens) bezeichnen, von Beginn an (was immer Beginn in diesem Zusammenhang bedeutet) nur aufgrund von „Strategien“ überleben konnten, die nach und nach die Bedingungen der biologischen Evolution teilweise suspendiert, ersetzt und/oder manipuliert haben.

    So sehr es sinnvoll ist immer wieder auf die Begrenztheit unserer Perspektive auf die Welt hin zu weisen, auf das bruchstückhafte und manchmal falsche Wissen, bleibt in meinen Augen eine Frage die wichtigste, nämlich jene nach dem humanum des homo humanus. Im Zusammenhang mit dieser Frage ist der Blick auf die biologische Evolution selbstverständlich von enormer Bedeutung. Dieser Blick kann aber auch das ‚Bild des Menschen‘ von sich selbst und von sich selbst in der Welt, verzerren oder gar verstellen.

    • … gute Frage.
      1. Setzt aber der Einwand von Pagan nicht schon vorab voraus, dass das biologische Leben, wie es sich in der Geschichte zeigt, und das Humanum von vornherein etwas Getrenntes, Verschiedenes ist?
      2. Da wir aber wissen, dass das Humanum ein Produkt der Evolution des biologischen Lebens ist, wie kann dann das Humanum so grundsätzlich verschieden sein?
      3. Denkbar wäre das formale Argument, dass im homo sapiens (sapiens) etwas aufscheint, was es so vorher nicht gab und dass deswegen der homo sapiens (sapiens) etwas Neues repräsentiert, das ihn qualitativ vom vorausgehenden und weiterhin bestehenden biologischen Leben unterscheidet.
      4. Dieses Argument klingt in den Ohren jener sicher verführerisch, die jeweils das Besondere suchen.
      5. Dann müsste man jenseits der bekannten Natur etwas Besonderes annehmen, wo sich dann sofort die Frage stellt, was das sein könnte und wie sich das zur bekannten Natur verhält.
      6. Um eine Besonderheit des homo sapiens (sapiens) postulieren zu können, muss man aber möglicherweise nicht notwendigerweise etwas Besonderes annehmen.
      7. Alle Eigenschaften, die wir am homo sapiens (sapiens) erkennen können, lassen sich mit dem Gang der Evolution erklären. Allerdings nur dann, wenn man den Naturprozess mathematisch anders behandelt, als es üblich ist.
      8. Der homo sapiens (sapiens) ist dann etwas Besonderes, aber nicht außerhalb der Natur sondern als Eigenschaft der Natur; die Natur selbst ist in dieser Sicht schlicht einfach mehr, als es in manchen vereinfachenden Theorien aussehen mag.
      9. Bei dieser denkerischen Konstruktion muss man alle bekannten naturwissenschaftlichen Theorien nicht außer Kraft setzen, man muss sie nur dort ergänzen, wo sie bislang ihre Modelle unvollständig lassen.
      10. Das Wunder des homo sapiens (sapiens) ist dann nicht ein erratisches Ereignis außerhalb jeden bekannten Kontextes sondern nur die Manifestation von Eigenschaften, die sowieso schon immer potentiell da sind, aber erst in einem geeigneten Prozess sichtbar werden (letztlich die Idee des blumigen Ausdrucks Emergenz) (die Theologen haben den schwergängigeren Begriff der Inkarnation, möglicherweise von den Neuplatonikern entliehen).
      11. Die ganze bekannte Entwicklung des Universums samt der chemischen und biologischen Evolution funktionieren nach diesem Schema. Warum solle nach 13.8 Mrd Jahren ausgerechnet der homo sapiens (sapiens) etwas ganz anderes sein als dieses unfassbare Geschehen von Leben in einer eigentlich unlebbaren Welt?
      12. Im übrigen, woher wissen wir denn eigentlich, dass die Natur der Gegensatz zu Geist, Seelischem, dem Wesen des Humanums ist????? Es wird zwar oft behauptet, aber worauf gründet sich diese kühne Annahme????

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