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VEREINIGUNG VON PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT?



(1) Eine klare Definition von Philosophie gibt es bislang nicht und dürfte es
angesichts der Besonderheit des  Gegenstandes vermutlich auch niemals geben.

(2) Viele Autoren, die sich als Philosophen verstehen, sehen den Gegenstand
der Philosophie in der Aufdeckung von Zusammenhängen, die jedem Denken zugehören,
unabhängig von den wechselnden ('kontingenten') 'Inhalten'.

(3) Nach Descartes, Kant -- und vielen anderen -- hat Husserl versucht, einen
allgemeingültigen und 'festen' Grund des Denkens durch Fokussierung  auf das
Erleben des eigenen Denkens zu finden.

(4) Husserl unterscheidet zwischen den wechselnden -- und vom ihm als 'kontingent'
bezeichneten -- Inhalten des Erlebens (den 'Phänomene')  sowie jenen Momenten des
Erlebens, die allem Erleben 'innewohnen', 'implizit zugehören'. Immer, wenn wir
erleben, dann sind diese Momente als solche 'unterscheidbar' von den kontingenten
Phänomenen.  In Anlehnung an Kant kann man solche 'impliziten', 'dem Erleben
innewohnenden' Eigenschaften 'transzendental' nennen: sie sind dem Erleben
'voraus(gesetzt)'.

(5) Husserl hebt hervor, dass diese Unterscheidungen von kontingenten
Bewusstseinsinhalten und transzendentalen Momenten des Bewusstseins zur
Voraussetzung hat, dass man die 'normale (alltägliche)' Erlebniseinstellung verlässt.
Für Letztere ist kennzeichnend, dass 'erlebte Inhalte' nicht als 'erlebte' Inhalte
genommen werden, sondern dass diese 'automatisch' so interpretiert werden, als ob
diese Erlebnisinhalte – sofern sie dem Bereich der Sinneswahrnehmung zugeordnet
werden --  'Dinge in der realen Welt' 'verkörpern'. D.h. Unser alltägliches 'naives'
Erleben unterstellt den Erlebnisinhalten eine 'ontologische Geltung', eine
'Existenz in der realen Welt'. Sofern man sich 'als  Philosoph' 'bewusst' wird,
dass das 'Erleben als solches' nicht notwendigerweise  eine reale Existenz bedingen
muss (Beispiel 'Träumen', 'Fantasieren', 'Vorstellen', 'Erinnern',...), kann man
diese Unterscheidung festhalten und versuchen, sie zu einem methodischen Element
des Welterlebens machen. Husserl nennt die Einstellung, die diese Unterscheidung
konserviert, 'epochä' (aus dem Griechischen), etwa 'Ausklammerung (oder 'Einklammerung').
Unter Anwendung der epochä werden die ontologischen Unterstellungen für alle
Erlebnisinhalte erst einmal eingeklammert.


(6)Der  epochä voraus liegt die grundsätzliche 'Bewusstwerdung' des 'Erlebens als
solchem'! Erst unter Voraussetzung des Erlebens als solchem kann ich innerhalb
dieser Bewusstwerdung die zusätzliche Unterscheidung zwischen dem 'reinen
Erlebnisinhalt' und den 'begleitenden Eigenschaften' machen wie z.B. den
ontologischen Unterstellungen oder den transzendentalen Momenten des Erlebens.

(7) Am transzendentalen Erleben kann man im Rahmen der grundsätzlichen
Bewusstwerdung  viele unterscheidbare Eigenschaften (informell beschreibbar
als 'Erinnern', 'Abstrahieren', 'Vergleichen',...), identifizieren.

(8) Ein Philosophieren, das die Inhalte des Erlebens zum Gegenstand macht,
hat ein Grundproblem, das bis heute – so scheint es – noch niemand befriedigend
lösen konnte; dies ist dem Umstand geschuldet, dass Philosophieren eine Tätigkeit
ist, zu der die Kommunikation zwischen Menschen dazu gehört. Ohne sprachliche
Kommunikation der Denkinhalte ist das Philosophieren weitgehend wertlos.
Selbst wenn das individuelle Denken über irgendwelche 'Inhalte' verfügen würde
(wovon auszugehen ist), wären diese Inhalte solange 'unsichtbar', solange sie
nicht in einer gemeinsam geteilten Sprache 'vermittelbar' wären. Davon zu
unterscheiden wäre die Frage, was denn ein einzelner Denker überhaupt denken
kann, wenn er nicht über eine Sprache verfügt, die von anderen verstanden wird.
Wieweit bilden die Tiere, die keine elaborierte Sprache ausgebildet haben, ein
Beispiel für sprachfreies Denken? Immerhin sind zu komplexen – auch sozialen –
Handlungen fähig.

(9) Wie viele vor Wittgenstein als 'Philosophen der Sprache' bezeichnet werden
sollten, kann ich momentan nicht klar entscheiden, auf jeden Fall hat Ludwig
Wittgenstein die transzendentale Rolle der Sprache für unser Erleben in einer
Weise beleuchtet und reflektiert, wie niemand zuvor – und bislang vielleicht auch
niemand mehr nach ihm --.  Er ist der kreative Totalzerstörer von jeglicher
Bedeutungssicherheit. Er liefert zwar keine neue konstruktive Antworten, aber
er bereitet den Weg durch Zerstörung falscher Sicherheiten. Wittgenstein muss man
'meditieren', und dann kann man versuchen, 'erneuert' zu denken...

(10) Von einer anderen Warte aus – und offensichtlich noch ohne Kenntnis von Wittgenstein –
hat Saussure in seinen Grundlagen zur Sprachwissenschaft (erstmalig in Vorlesungen
1906 - 1911) versucht, einen allgemeinen Begriff des (sprachlichen) Zeichens einzuführen.
Sein Ausgangspunkt ist eine Population von Sprecher-Hörern – eine Population P von
Zeichenbenutzern --, von denen sich ein einzelner Zeichenbenutzer beim Sprachgebrauch
immer in einem sprachlichen Rückkopplungsprozess  derart befindet, dass der physikalische
Laut zwischen mindestens zwei Zeichenbenutzern sensorisch aufgenommen, physiologisch
– sprich: neuronal – verarbeitet verarbeitet wird, so dass es zu einem 'psychischen
Erlebnis' kommt, welches das eigentliche Ereignis für den Hörer darstellt. Im 'Erleben'
erlebe ich einen Klang als 'abstraktes Klangereignis' und zusätzlich erlebe ich ein
'abstraktes Dingkonzept' (implizit zubereitet durch das verarbeitende Gehirn). Zwischen
einem Dingkonzept O_ph und einem Lautkonzept L_ph kann im Gehirn eine Verbindung
('Assoziation') hergestellt werden, so dass das Lautkonzept über diese Verbindung auf
das Dingkonzept 'verweisen' kann, und umgekehrt)(ASSOC(L_ph,O_ph)). Das Lautkonzept wird
in solch einer Verbindung zum 'Bezeichner' ('signifiant', Signifikanten), und das über
solch eine Verbindung Bezeichnete wird zur 'Bedeutung' ('signifie', Signifikat) des
Bezeichners. Beide Momente vereint durch eine Beziehung werden dann zu einem 'Zeichen'
('signe'). Für Saussure war es wichtig, festzuhalten, dass diese mögliche Beziehung
zwischen einem Bezeichner und einem Bezeichnten 'arbiträr' ist in dem Sinne, dass
ein bestimmtes Bezeichnetes 'von sich aus' keinen bestimmten Bezeichner 'verlangt'.
Ob man eine mögliche (!) Unterscheidung im Rahmen der Wahrnehmung von dark und light
 nun mit den Bezeichnern 'dunkel' und 'hell' bezeichnen will oder mit irgendwelchen
anderen Lautkombinationen ist völlig der Entscheidung der Sprachgemeinschaft überlassen.
Wenn diese sich einmal entschieden hat, dann wird die einmal getroffene Entscheidung
in den meisten Fällen erst einmal als 'Verabredung' (Konvention) dahingehend wirksam
sein, dass ein Zeichenbenutzer dieser Population im Bedarfsfall erst einmal die
eingeführten Zeichen benutzen wird. Dennoch steht es der Population frei, diese
Zuordnungen wieder zu verändern (was historisch auch immer wieder geschehen ist).

(11) Schon diese minimale Sprachtheorie macht deutlich, dass die Einführung von Zeichen
für Objekte, die nicht 'zwischen' den verschiedenen Zeichenbenutzern existieren
und somit als empirische Objekte wahrgenommen werden können, viel grundsätzliche
Fragen aufwirft. Aber selbst die sprachliche Kommunikation über sogenannte 'empirische'
Objekte ist nicht trivial. Nach der Saussurschen Theorie können zwei Zeichenbenutzer
nur dann über ein empirisches Objekt zu einer Einigung kommen, wenn die psychischen
Objekte L_ph und O_ph bei bei beiden Zeichenbenutzern hinreichend 'ähnlich' sind
und darüber hinaus in ihrer 'Abbildung' vom externen Stimulus in ein psychisches
Ereignis hinreichend 'konstant'. Würde das 'gleiche' empirische Objekt O_e.i bei
jedem Auftreten anders abgebildet werden (also O_e.i ---> {O_ph.i.1, ..., O_ph.i.k}),
dann wäre der betreffende Zeichenbenutzer garnicht in der Lage,  in diesen
verschiedenen psychischen Ereignissen ein einziges bestimmtes empirisches Objekt
erkennen zu können. Ferner, selbst wenn die Abbildung als solche konstant wäre,
würde es zu Problemen kommen können, wenn die Abbildungen in jedem Zeichenbenutzer
grundsätzlich verschieden wäre (also O_ph.i von Zeichenbenutzer A wäre verschieden
von O_ph.i von Zeichenbenutzer B). Dies bedeutet, schon die 'normale' sprachliche
Kommunikation von empirischen Objekten verlangt, dass die internen
Abbildungsmechanismen von Wahrnehmungsereignissen in psychische Objekte sowohl
hinreichen 'konstant' wie auch hinreichend 'ähnlich' zwischen unterschiedlichen
Zeichenbenutzern sind.

(12) Aufgrund der Erkenntnisse verschiedener empirischer Wissenschaften zur
Evolution des Lebens – speziell auch zur Entwicklung genetischer Strukturen,
Körperentwicklung, Gehirn- und Verhaltensentwicklung -- wissen wir, dass der
'Bauplan' für den homo sapiens 'identisch' ist und dass trotz Wechselwirkung
mit der Umwelt während der Wachstumsphase die entscheidenden Gehirnstrukturen
tatsächlich hinreichend ähnlich sind. Sinneswahrnehmung, Gedächtnisstrukturen,
Bewegungsprogramme, Spracherwerb, usw. funktionieren bei den einzelnen Zeichenbenutzern
'vollautomatisch' und hinreichend 'strukturähnlich'.

(13)Ausgestattet mit diesen Erkenntnissen eröffnet sich für die Frage der
sprachlichen Kommunizierbarkeit von bewusstseinsphilosophischen Sachverhalten
der interessante Ansatzpunkt, dass eine bedingte Kommunikation von
nichtempirischen Phänomenen möglich erscheint, wenn diese Phänomene
konditioniert sind von einer allgemeinen Erlebnisstruktur des homo sapiens
(eine der Leitideen der evolutionären Erkenntnistheorie). In diesem Fall
könnte ein Zeichenbenutzer A, der Zahnschmerzen hat, unter bestimmten
Voraussetzungen einem anderen Zeichenbenutzer B, der die Zahnschmerzen des A
nicht 'wahrnehmen' kann, u.U. 'indirekt' verstehen (z.B. durch Hinweise auf
Situationen, in denen er auch 'Schmerzen' hatte oder gar 'Zahnschmerzen').
Eine solche 'indirekte' Bedeutungseinführung verlangt von allen Beteiligten
eine große Disziplin, verlangt möglichst viele gemeinsam geteilte Erfahrungen,
vor allem aber 'Vertrauen' darin, dass der andere nicht 'täuscht', nicht etwas
'simuliert', was garnicht da ist. Eine direkte Überprüfbarkeit ist stark
reduziert wenn nicht völlig ausgeschlossen. Trotz dieser Widrigkeiten, das zeigt
der Alltag, gelingt der Aufbau von 'indirekten Bedeutungsbeziehungen' erstaunlich
gut und kann sehr weit ausgreifen. Allerdings erscheinen die 'Grenzen' dieses
Verfahrens 'fließend' zu sein.

(14) Eine Bewusstseinsphilosophie auf der Suche nach transzendentalen Strukturen
wird also letztlich nur soweit kommen können wie einerseits (i) das Erleben als
solches Inhalte verfügbar machen kann und zum anderen (ii) nur insoweit, als
eine gemeinsame Sprache verfügbar ist, die es erlaubt, die verfügbaren
Unterscheidungen im Raum des Erlebens sprachlich zu kodieren.

(15) Husserl selbst blieb in der Struktur seines Erlebens letztlich 'gefangen'
und alle seine Bemühungen zur Einordnung von kontingenter Welterfahrung und
transzendental bedingter Metaphysik enden an den Grenzen des puren Erlebens
(inklusive der darin fassbaren allgemeinen Sachverhalte)

(16) In der Philosophie nach Husserl gab es unterschiedliche Strömungen, den
phänomenologischen Ansatz anders zu deuten oder gar weiter zu entwickeln, doch
die schier unüberwindlich erscheinende Gegenübersetzung von kontingenten
Erlebnisinhalten (und den darauf aufbauenden entsprechend angenommenen kontingenten
Einzelwissenschaften) und transzendentalen Sachverhalten paralysierte alle
Nachfolger (einschließlich z.B. Heidegger, Derrida, Lyotard).

(17) Folgt man den Einsichten zum Sprachgebrauch dann kann deutlich werden,
dass die Formulierung abstrakter Modelle (formaler Theorien) sowohl zur
Beschreibung von Regelhaftigkeiten im Kontext von kontingenten Inhalten benutzt
werden kann wie auch zur Beschreibung von transzendentalen Eigenschaften des
Erlebens. Mehr noch, die Entwicklung von empirischen Theorien mit 'formalen
Kernen' hat gezeigt, dass Dasjenige, was den 'Erkenntnisinhalt' solcher
Theorien ausmacht, gerade nicht das kontingente Faktum als solches ist,
sondern jene 'Regelhaftigkeiten', die anläßlich des kontingenten Auftretens
durch 'Speicherung der Ereignisse' 'sichtbar' werden und eben als diese
'Regeln' dann in eine formale Strukturbildung Eingang finden. Statt – wie
Husserl dies tut – hier von der 'Transzendenz' der empirischen Bedeutungen zu
sprechen, vom 'unendlichen Horizont der Bedeutung' (was in gewissem Sinne
schon einen 'Sinn' ergibt), wäre es vielleicht hilfreicher, sich klar zu machen,
dass die kontingenten Inhalte als solche dem bewussten Erleben gegenüber
auch 'transzendental' sind, dem Erleben 'vorausgehend', und dass die 'Extraktion'
von Regeln in den transzendentalen Inhalten ein Denkprozess ist, der als solcher
transzendental ist. Es ist das 'transzendentale Denken' das sich aus den
transzendentalen Phänomenen jene Eigenschaften extrahiert, die über das
einzelne Phänomen hinausweisen und als allgemein Gedachtes dann zur
'Voraussetzung' des weiteren Denkprozesses wird. Zugleich sind die
erkannten Regeln in ihrer möglichen ontologischen Interpretation ebenfalls
ein 'transzendentales Etwas' für das erkennende Denken.

(18) Findet somit schon über die Dimension des Zeichengebrauchs eine gewisse
Annäherung zischen dem 'Kontingenten' und dem 'Transzendentalem' statt, so haben
uns die modernen empirischen Wissenschaften darüber belehrt, dass die allgemeinen
Strukturen des Erlebens (und darin enthalten Erinnern, Abstrahieren, Denken usw.)
zwar aus der Perspektive des Erlebens selbst als etwas Transzendentales, als
etwas nicht weiter Hintergehbares erscheinen, dass aber mit Hilfe von formalen
Theoriebildungen anhand von kontingenten Fakten klar geworden ist, dass
diese transzendentalen Strukturen letztlich selbst kontingent sind, nämlich
jene Strukturen, die sich im Rahmen der Evolution im Laufe von ca. 3.5 Milliarden
Jahren in Interaktion mit der vorfindlichen Erde entwickelt haben. Und diese
Strukturen sind kein 'Endpunkt', sondern nur eine 'Zwischenstation' in einem
Prozess, dessen Ende noch niemand kennt. Eine Metaphysik auf Basis rein
transzendentaler Sachverhalte im Sinne Husserls – also unter Ausklammerung der
Erkenntnisse aus den kontingenten Inhalten – erscheint von daher sehr fragwürdig,
mehr noch, sie führt – wie es bislang der Fall ist --, zu einer Fülle
unauflöslicher Paradoxien.

(19) Nimmt man die neuen Einsichten auf, dann lässt sich ein interessanter neuer
– und dynamischer – Ansatzpunkt für eine die ganze Welterfahrung umspannende
Metaphysik skizzieren. Den Kern bilden emirische Theorien mit formalen
Theoriekernen, die im Erleben verankert sind. Das Erleben ist aber korreliert
mit den Erkenntnissen über die Strukturentwicklung von Körper und Gehirn.
Dies ist notwendig, da die transzendentalen Voraussetzungen des individuellen
Erlebens innerhalb des individuellen Erlebens zwar einen 'absoluten' Rahmen
bilden, insofern das Individuum aber Teil einer Population ist, die eine
evolutionäre Entwicklung hinter sich hat, ist dieser individuelle transzendentale
Rahmen eine 'gewordene' Struktur, die ihre Wahrheit aus den bisherigen
Interaktionserfolgen mit der vorgegebenen Erde bezieht. Die Erde selbst ist
aber nur ein winziger Teil des Universums, in dem schon alleine die Milchstrasse
als unser Heimatgalaxie mehr als 200 Miliarden Sonnen enthalten soll. Es
wäre also zu klären, worin das 'Allgemeine' in der Struktur liegt, die wir
bislang 'empfangen' haben und inwieweit man dies über die Erde hinaus ausdehnen
kann.

(20) Jede künftige Philosophie ist entweder eine Philosophie des Lebendigen
im Universum unter Einbeziehung aller empirischen Wissenschaften oder sie
degeneriert zu einem bloßen 'Meinen' von einzelnen Personen, bei dem nicht klar
ist, was sie sagen wollen, weil die Beziehung zum Ganzen des Wissens willkürlich
beschnitten wurde.

GEN — MEM — SEM

(1) Bei der Betrachtung der Entwicklung des (biologischen) Lebens auf der Erde tritt als markantes Ereignis (vor ca. 3.5 Mrd Jahren) die Verfügbarkeit von selbstreproduktiven Einheiten hervor: DNA-Moleküle werden dazu benutzt um unter Zuhilfenahme anderer Moleküle Proteinstrukturen in einer geordneten Weise so zu organisieren, dass daraus wieder Zellen, multizelluläre Organismen entstehen.

 

(2) In einem Abstraktionsprozeß wurden mathematische Modelle entwickelt, die die Struktur eines DNA.-Moleküls in solch einem selbstreproduktiven Kontext als ‘Informationseinheiten‘ identifizierten, die auch als ‘Gene‘ bezeichnet wurden. Der gesamte Informationsprozess wurde als ‘Genetischer Algorithmus (GA)‘ rekonstruiert. Gegenüber dem biochemischen Modell enthält er Vereinfachungen, zugleich bilden diese aber auch eine ‘Generalisierung‘, die eine mathematische Behandlung zulassen. Dadurch konnten sehr weitreichende Untersuchungen angestellt werden.

 

(3) Die Uminterpretation von genetischen Algorithmen als Classifier Systeme betrachtet die genetische Informationen als Wenn-Dann-Regeln (auch mehrere hintereinander). Je nachdem, welche Bedingungen vorliegen, werden nur bestimmte ‘Wenns’ ‘erfüllt’ und nur diese ‘Danns’ werden aktiviert. Eine ‘Wenn-Dann-Regel’ bildet einen ‘Classifier‘. Während genetische Informationen als solche eigentlich nur einmal im Leben eines (biologischen) Systems verändert werden (in der Realität natürlich auch durch Fremdeinwirkungen öfters), nämlich bei der Weitergabe der Informationen nach bestimmten Mustern/ Regeln geändert werden können (letztlich gibt es nur zwei Fälle (i) Rekombination nach einer festen Regel oder (ii) Zufällige Veränderung), können die Informationen, die als eine Menge von Classifiern kodiert sind, durch jedes einzelne Verhalten eines Systems geändert werden. Dies entspricht eher dem Organisationsniveau des Nervensystems bzw. dem des Gehirns in einem biologischen System.

 

(4) Betrachtet man Classifier Systeme auf der Organisationsebene des Gehirns, dann liegt auf der Hand, sie primär als Modell eines einfachen Gedächtnisses (Memory) zu sehen. Die ‘Wenns’ (Engl. if) repräsentieren dann wichtige ‘Wahrnehmungszustände’ des Systems (sensorische wie propriozeptive oder mehr), die ‘Danns’ (Engl. ‘then’) repräsentieren jene Aktionen des Systems, die aufgrund solcher Wahrnehmungen ausgeführt wurden und damit potentiell über die Veränderung einer (unterstellten) Situation zu einer Veränderung dieser Situation geführt haben, die wiederum die Wahrnehmung ändern kann. Da man mathematisch Wenn-Dann-Regeln (also Classifier) als Graphen interpretieren kann mit den ‘Wenns’ als Knoten und den ‘Danns’ als Übergänge zwischen den Knoten, sprich Kanten, bilden die Classifier als Graph den Ausgangspunkt für ein mögliches Gedächtnis.

 

(5) Nennen wir den ersten Graphen, den wir mittels Classifiern bilden können, Stufe 0 (Level 0), dann kann ein Gedächtnis mit Stufe 0 Wahrnehmungssituationen speichern, darauf basierende Handlungen, sowie Feedback-Werte. Feedbackwerte sind ‘Rückmeldungen der Umgebung (Engl. environment). Biologische Systeme verfügen im Laufe der 3.5 Miliarden dauernden Evolution mittlerweile über ein ganzes Arsenal von eingebauten (angeborenen, genetisch fixierten) Reaktionsweisen, die das System zur Orientierung benutzen kann: Hungergefühle, Durstgefühle, Müdigkeit, diverse Schutzreflexe, sexuelle Erregung usw. Im Englischen spricht man hier auch von drives bzw. verallgemeinernd von speziellen emotions (Emotionen). In diesem erweiterten Sinn kann man biologische Systeme auf der Organisationseben des Gedächtnisses auch als emotionale Classifier Systeme (emotional classifier systems) bezeichnen. Wenn man diese systemspezifischen Rückmeldungen in die Kodierung der Wenn-Dann-Regeln einbaut — was bei Classifiern der Fall ist –, dann kann ein auf Classifiern basierendes Gedächtnis die Wirkung von wahrgenommenen Situationen in Verbindung mit den eigenen Handlungen gespeichert (store) werden. Darüberhinaus könnte man diese gespeicherten Informationen mit geeigneten Such- und Auswertungsoperationen in zukünftigen Situationen nutzen, in denen man z.B. Hunger hat und man sich fragt, ob und wo und wie man an etwas Essbares kommen könnte.

 

(6) Der Begriff mem wurde in der Literatur schon vielfach und für sehr unterschiedliche Sachverhalte benutzt. In diesem Kontext soll ein mem* einen Knoten samt aller verfügbaren Kanten in einem Classifiersystem bezeichnen, das als Gedächtnis benutzt wird. Meme* sind dann — analog wie Gene — auch Informationseinheiten, allerdings nicht zur Kodierung von Wachstumsprozessen wie bei den Genen, sondern als Basis für Handlungsprozesse. Meme* ermöglichen Handlungen und die durch Handlungen ermöglichten Veränderungen in der unterstellten Umwelt können auf das handelnde System zurückwirken und dadurch die Menge der Meme* verändern.

 

(7) Wie wir heute wissen, haben biologische System — allerdings sehr, sehr spät — auch Zeichensysteme entwickelt, die schließlich als Sprachen zum grundlegenden Kommunikationsmittel des homo sapiens wurden. Kommunikation ermöglicht die Koordinierung unterschiedlicher Gehirne.

 

(8) Die allgemeine Beschreibung von Zeichen ist Gegenstand der Semiotik als Wissenschaft der Zeichen und Zeichenprozesse. Allerdings ist die Semiotik bis heute kaum anerkannt und fristet vielfach nur ein Schattendasein neben anderen Disziplinen. Dafür gibt es dann viele Teildisziplinen wie Phonetik, Linguistik, Sprachwissenschaften, Sprachpsychologie, Neurolinguistik usw. die nur Teilaspekte der menschlichen Zeichen untersuchen, aber es historisch geschafft haben, sich gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen.

 

(9) Eine Schwäche der Semiotik war — und ist es bis heute –, dass sie es nicht geschafft hat, eine einheitliche Theorie der Zeichen zu erarbeiten. Schon alleine die Vielzahl der ‘Gründer’ der Semiotik (wie z.B. Peirce, de Saussure, Morris und viele andere) und deren unterschiedlichen begrifflichen Konzepte macht es schwer bis unmöglich, zu einer einheitlichen Zeichentheorie zu kommen.

 

(10) Ich habe mehrfach versucht, die beiden sehr unterschiedlichen Ansätze von Peirce (bewusstseinsbasiert) und Morris (Verhaltensbasiert) zu formalisieren und zu vereinheitlichen. Es scheint so zu sein, dass man bei Erweiterung des classifier-basierten Mem*-Konzeptes einen formalen Rahmen hat, der es erlaubt, sowohl die bewusstseinsorientierte Sicht von Peirce wie auch zugleich die verhaltensorientierte Sicht von Morris zusammen zu führen, ohne dass man deren Konzepte ‘verunstalten’ müsste. Im Falle von Peirce kann man sein komplexes (und in sich selbst nicht konsistentes) System von Kategorien — so scheint es — drastisch vereinfachen.

 

(11) Stark vereinfachend gesagt kann man den Zeichenbegriff verstehen als eine Beziehung  zwischen einem Zeichenmaterial (das sowohl verhaltensrelevant  wie auch wahrnehmungsrelevant vorliegt) und einem Bedeutungsmaterial (das ebenfalls entweder verhaltensrelevant UND wahrnehmunsrelevant vorliegt oder NUR wahrnehmungsrelevant). Allerdings existiert eine solche Bedeutungsbeziehung nicht als wahrnehmbares Objekt sondern ausschliesslich als gewusste Beziehung im ‘Kopf’ bzw. im ‘Gedächtnis’ des Zeichenbenutzers. In Anlehnung an die griechische Philosophie möchte ich ein Zeichen als sem* bezeichnen. Ein sem* basiert zwar auf potentiell vielen memen*, stellt aber als ausgezeichnete Beziehung zwischen memen* etwas Eigenständiges dar. In diesem Sinne kann — und muss — man sagen, dass seme* eine neue Ebene der Organisation von Informationen eröffnen (was grundsätzlich keine neue Einsicht ist; ich wiederhole dies hier nur, da dies die Voraussetzung für die nächste Organisationsebene von Informationen ist).

 

Fortsetzung folgt.

 

Wahrheit im Alltag

(1) Wahrheit: Wenn man davon ausgeht, dass sich in, zwischen und durch den Phänomenen unseres Welterlebens (im Bewusstsein) Strukturen (Ontologien) erkennen lassen, die charakteristisch dafür sind, wie die ‘in den Phänomenen sich andeutende Welt’ ’sich verhält’, dann ist hier der Raum möglicher Wahrheit(en). Wahrheit liegt dann in den erkennbaren Strukturen von Welt, wie diese Welt sich verhält und annähernd in Sprache artikulieren lässt. Eine solche ‘in der Welt fundierte’ Wahrheit ist ‘vorgegeben’, sie ‘geht unserem Denken voraus’, das Denken findet statt ‘innerhalb’ dieser Strukturen, ohne dass allerdings das Denken diese Strukturen ‘automatisch’, ‘von selbst’ vollständig erkennen kann. Das primäre Medium des Denkens — das Bewusstsein samt dem dahinter angenommenen Gehirn in seinem Körper — hat zwar eine biologisch determinierte Arbeitsweise, die uns — vor allem Wollen und klarem Bewusstsein — das ganze biologische Leben hindurch auf eine körper-gehirn-bewusstseinsspezische Weise mit Strukturen dieser Welt ‘füttert’, doch wissen wir mittlerweile, dass diese ‘automatisch generierte (individuelle) Strukturen’ grundsätzlich idealisierend sind, partiell, abhängig von vielen Voraussetzungen. Insofern kann man sagen, dass sich Welt für uns zwar grundsätzlich ‘ereignet’, dass eine ‘wahre’ Erkenntnis aber sehr vieler koordinierter Bemühungen bedarf, die über den einzelnen grundsätzlich hinausgehen. Ein einzelner Mensch alleine kann niemals ‘wahre Erkenntnis’ im nennenswerten Umfang ‘vermehren’, selbst wenn er eine direkte ‘Inspiration durch das Göttliche’ empfangen würde (was sich alleine schon daraus ergibt, dass — wenn man überhaupt einen Schöpfer annimmt — die gesamte Welt Schöpfung ist, in der der einzelne einen sehr kleinen, winzigen (allerdings nicht den kleinsten, winzigsten) Moment ausmacht. ‘Wahre Erkenntnis’ hat per se mit der Erkenntnis der Struktur der gesamten Welt zu tun und das individuelle ‘unvernetzte’ Gehirn weiß davon ‘explizit’ so gut wie gar nichts (implizit spiegelt das Gehirn im Körper mit seinem Bewusstsein allerdings eine Teilwahrheit wider, die sich durch seine langwierige Entstehungsgeschichte ‘angesammelt’ hat).

 

(2) Medien: Da Bewusstseins-Gehirne nur durch kontinuierliche Vernetzung und entsprechendem Training ‘wahre Erkenntnisse’ vermehren können spielen die Medien als Schnittstellen zu Erkenntnissen eine wichtige Rolle. Wie man aber weiß — und täglich immer wieder neu belehrt wird — sind die Menschen, die Medien organisieren und mit ‘Inhalten versorgen (’füttern’…)’ nicht nur vom Interesse an ‘Wahrheit’ geleitet. Die Finanzierer von Medien wollen in der Regel nicht nur Geld mit ihnen verdienen, sie haben meist auch klare persönliche und/ oder politische Interessen, für die sie ihre Medienmaschine zu nutzen suchen. Dem entspricht komplementär, dass unterschiedliche Machtgruppen die Nähe zu diesen Medien suchen, um sie ihren Interessen möglichst ‘konform’ zu gestalten (aus Sicht der interessengesteuerten Machern verständlich und bis zu einem gewissen Grade sicher auch legitim). Wenn allerdings die interessengesteuerten Medien die Mehrheit zu bilden beginnen, wenn die Machtinteressen immer ungenierter werden, dann führen diese Medien im Alltag zu einer fortschreitenden ‘Verdunkelung’ und damit zur Vernichtung von Wahrheit. Medienereignisse erklären dann nicht, wie es ‘ist’ bzw. ‘werden wird’, sondern wie es bestimmte partikuläre Gruppen ‘haben wollen’. Demokratische Gesellschaften, die u.a. von einer ‘funktionierenden Öffentlichkeit’ leben, würden durch solche Prozesse fortschreitend ‘von innen her’ — sprich: von ihrem kollektiven Erkennen her — ausgehöhlt, geschwächt, und auf Dauer zerstört. Zwar unterscheiden sich demokratische Gesellschaften von nicht-demokratischen (cliquen- gesteuerten Diktaturen) dadurch, dass in cliquen-gesteuerten Diktaturen die Öffentlichkeit grundsätzlich nur von cliquen-genehmen Medien mit Informationen ‘beliefert’ wird, aber in Demokratien können wirtschaftlich starke — und mit diesen verbündete politische — Gruppierungen auf ganz ‘legale’ Weise Medien ‘unter ihre Kontrolle’ bringen und diese — wie in Diktaturen — zur Steuerung von gruppenspezifischen ‘Wahrheiten’ benutzen, um nicht zu sagen zu ‘missbrauchen’. Es gehört zur Verantwortung einer demokratischen Gesellschaft diese unterschiedlichen Strömungen durch geeignete Rahmenbedingungen so zu fördern, dass die ‘mediale Gehirnwäsche’ nicht zum alles dominierenden Thema wird.

 

(3) Banken: Ein Hauptzweck von Banken ist es, Geld (Kredite) dort zur Verfügung zu stellen, wo es gebraucht wird. In jeder lebendigen Wirtschaft sind es die aktiven Unternehmen, die beständig Geld benötigen, um ihre wachsenden Aktivitäten zwischen zu finanzieren. Darüber hinaus ist es der Staat selbst, der sich immer wieder Geld leiht, auch Privatleute. Solange dies alles funktioniert, gibt es eine Wirtschaft und einen Staat, der einen Raum bietet für vielerlei Aktivitäten, auch für die Arbeit an der Wahrheit (wenngleich die Arbeit an der Wahrheit normalerweise einen verschwindend kleinen Bruchteil der alltäglichen Aktivitäten darstellt). Zur Zeit erleben wir, dass Banken von den staatlichen Geldagenturen Geld nahezu geschenkt bekommen und es für sie attraktiver ist, mit diesem nahezu geschenktem Geld auf eigene Rechnung zu spekulieren, als es zu ungünstigeren und riskanteren Konditionen an die Wirtschaft oder an Private auszuleihen. Zudem dürfen Banken Geld vom Staat ohne Rücklagen weiter verleihen, während Kredite an nichtstaatliche Empfänger einen bestimmten Prozentsatz an Rückversicherung verlangen. Wieder ein Grund, Unternehmen und Privaten eher kein Geld zu leihen oder zu extrem ungünstigen Bedingungen. Die Finanzierung bankrotter Staaten rentiert sich hier für Banken mehr als die Vergabe von Geld an gesunde Firmen! Banken gelten zudem vielfach als ’systemrelevant’; aufgrund ihrer Größe herrscht die Meinung, dass man Banken nicht ‘untergehen’ lassen darf. Bankmanager müssen daher das Gefühl haben, sie sind ‘unsterblich’: was immer sie tun, selbst die größten Pleiten, all dies führt nicht zur Vernichtung ihres Unternehmens. Letztlich wird ‘der Staat’ einspringen, und damit die restliche Bevölkerung (die ‘Dummen’, die ‘normalen Steuerzahler’…)(Privater Gewinn und Vergesellschaftung des Verlustes). Und noch eines: Bankmanager sind keine Eigentümer sondern Angestellte zu Vorzugskonditionen: wenn Sie Fehler machen, leidet vielleicht das Unternehmen, sie selbst aber sind immer saniert und können anderweitig eine neue Position finden. Wie die Geschichte zeigt führt ein ungezügeltes Finanzsystem zyklisch zu Finanzkrisen, die ganze Volkswirtschaften und dann auch die Weltwirtschaft ‘nach unten’ ziehen können. Es ist eine offene Frage — wer hat das jemals schon untersucht? — ob die Chancen für die Erkenntnis von mehr wahren Strukturen in Krisenzeiten real steigen?

 

(4) Forschung: Allgemein gilt Forschung als jene Tätigkeit, die der ‘Vermehrung der Wahrheit’ am meisten dienlich sein soll. Im Idealfall gibt es Experten, die mindestens 20 — eher 25 - 30 — Jahre ‘Training’ hinter sich haben, die primär an Wahrheit interessiert sind, die in Netzwerken von Forschern kommunizieren (’Communities’), und die sich den ‘aktuellen’ Fragen der Wissenschaft stellen. Doch impliziert dieses Ideal eine Reihe von Voraussetzungen. (i) Es sollen nur solche Ergebnisse publiziert werden, die durch mindestens 3 -5 unabhängige Gutachter als ‘dem Stand der Forschung angemessen’ qualifiziert worden sind. Bei der heutigen Explosion der Fachzeitschriften bei gleichzeitiger fortschreitender Spezialisierung in Form einer mehr und mehr unüberschaubaren Zersplitterung wird es immer schwerer, eine vorliegende Arbeit adäquat zu begutachten, selbst bei bestem Willen der Gutachter (der nicht immer ohne weiteres unterstellt werden muss). (ii) Da der Bezug von Fachzeitschriften viel Geld kostet, die Bibliotheken aber nicht kontinuierlich mehr Geld bekommen, sondern eher weniger, nimmt der Anteil der Fachzeitschriften, der öffentlich zugänglich ist, kontinuierlich ab. Der Zugang zu ‘wissenschaftlichem Wissen’ als der ‘Lebensader’ von Wissenschaft, ist damit ernsthaft gefährdet. Vor diesem Hintergrund muss man die open-access Bewegung sehen, in der der Autor einmalig zahlt und die Leser einen freien Zugang haben. Aktuell erscheint dies als einzige erkennbare Lösung einer ernsthaften Krise. (iii) Forschung benötigt normalerweise Geld für Ressourcen (Mitarbeiter, Geräte, Materialien,…). Dieses Geld kommt von staatlichen Förderprogrammen oder von Unternehmen, die für die Bearbeitung eines Problems Geld zahlen. (iii.1) Die versuchten Einflußnahmen auf die Vergabe staatlicher Gelder ist verständlicherweise intensiv und andauernd. Aufgrund der Intransparenz des Gutachterwesens kann man hier vielerlei Einflussnahmen ‘hinter den Kulissen’ vermuten. Insiderinformationen bestätigen jedenfalls immer wieder, dass die politischen Interessen von speziellen Gruppen die Maschinerie der Gutachter nach Bedarf — oft schon weit im Vorfeld bei der Ausschreibung — so steuern kann, dass immer das gewünschte Ergebnis heraus kommt (Den Feldtest, 50% der Forschungsgelder streng nach dem Zufallsprinzip an ‘alle’ sich bewerbenden Forschergruppen ohne ‘verdeckte’ Gutachter zu verteilen und dann die Effizienz zu überprüfen, hat noch keiner gewagt, stattdessen praktizieren selbst demokratische Gesellschaft im Bereich Forschung eine Art ‘Planwirtschaft’, deren Effizienz nicht erwiesen ist). (iii.2) Geld von Unternehmen ist überwiegend an kurzfristigen Ergebnissen interessiert, um aktuelle Produkte und Technologien zu optimieren, solche, von denen man einen baldigen Markterfolg erwartet. Dies ist einerseits verständlich, hat aber zur Folge, dass die ‘wahren Produkte von Morgen’ damit gerade nicht entwickelt werden. Die wirklich interessanten Technologien und daran anknüpfenden Produkte haben Vorlaufzeiten von mindestens 10-15 Jahren, eher mehr. Ein Manager, der alle 3 Monate Erfolge melden muss, kann sich auf solche Perspektiven nicht einlassen. Dies hat zur Folge, dass viele Firmen aufgrund dieser künstlich erzeugten Kurzatmigkeit sich selbst ‘austrocknen’ und damit eine führende Position innerhalb von wenigen Jahren verlieren können (dann sind die entscheidenden Manager aber möglicherweise nicht mehr da oder werden mittels hoher Abfindung entlassen.). (iii.3) Eine Hochschulforschung, die mit kurzfristig orientierten Firmen zusammenarbeiten will (die viel gepriesene ‘Drittmittelforschung’), kann dies nur dann, wenn sie sich mehr oder weniger vollständig in einen firmenspezifischen Entwicklungsprozeß einbindet, und damit in das kurzatmige Programm einer Optimierung von Bekanntem. Damit verrät sie gerade das, wodurch sie für die Gesellschaft eigentlich so wertvoll ist: den qualifizierten unabhängigen Blick in die Zukunft. Gerade in diesem ‘Vorausgehen in die Zukunft’ wäre die Hochschulforschung wichtig für die Firmen eines Landes, aber genau das wird nicht gefördert, sondern eher die Zerstörung dieser Unabhängigkeit. (iii.4) Am Beispiel der Pharmaforschung wird noch ein anderes Problem deutlich: natürlich macht eine Pharmaforschung nur Sinn, wenn irgendwann auch tatsächlich ein reales Leiden gelindert werden kann. Vor die Wahl gestellt, ob man Medikamente entwickelt, die ‘lindern’ statt ‘heilen’ wird jedes Pharmaunternehmen, das nicht durch eine Konkurrenz unter Druck gesetzt wird, normalerweise das Modell ‘Lindern’ wählen und nicht ‘Heilen’. Mit ‘Lindern’ kann man kontinuierlich Geld verdienen, mit ‘Heilen’ möglicherweise nur kurzfristig. Aus Sicht der Menschen und der Gesellschaft, die ein Gesundheitssystem finanzieren muss, wäre ‘Heilung’ besser, aber der Staat baut in diesem Bereich nahezu keine eigenen unabhängige Forschungs-Ressourcen auf um dem gegen zu steuern. Es entsteht der Eindruck, dass die Politik lieber die Menschen leiden läßt und große Summen in die Versorgung mit sekundären Arzneimitteln steckt anstatt vorbeugend und grundlegend die primären Ursachen zu bekämpfen. (iv) Was ist also mit der ‘Wahrheit’ durch Forschung? Die Vielzahl der Faktoren, die ein ‘normales’ Forschern schwer machen — ich habe nicht alles aufgezählt — ist schon beachtlich. Gerade dort, wo die ‘Freiheit der Forschung’ am wichtigsten wäre, wird sie — so der vorherrschende Eindruck — mehr und mehr durch Planwirtschaft ersetzt. Jetzt mag man sich fragen, warum nicht mehr Forscher in der Öffentlichkeit protestieren. Dies mag damit zu tun haben, dass ein ‘wahrer’ Forscher jemand ist, der nur Forscher sein kann, weil er sich über viele, viele Jahre vom ‘Alltagsgeschehen’ bis zu einem gewissen Grade abkoppelt, um sich in komplexen Dickicht von Theorien, Methoden und Experimenten zurecht zu finden. Die Forscher, die im Laufe der Jahre aufgrund des Geldvergabesystems zu ‘Forschungsmanagern’ mutieren sind ab dem Moment keine Forscher mehr, wo sie sich hauptsächlich um ‘Geldbeschaffung’ kümmern müssen, um Kontakte pflegen, um Gremiensitzungen, usw. Sie werden mehr und mehr zu ‘Interessenvertretern’, die sich den Geldvergabemechanismen anpassen müssen, um Erfolg zu haben. Die Wahrheit wird damit tendenziell zur ‘Handelsware’ (Man denke z.B. nur an die anhaltenden Diskussionen um die Klimaforschung: ist das noch Wissenschaft oder ein ‘Politzirkus’, der um der vielen Gelder willen seine Schaustücke aufführt?) (v) Da wir alle von der Wahrheitsproduktion von Forschung abhängen, sollte es uns nicht egal sein, unter welchen Randbedingungen Forschung heute betrieben wird. Eine rundum ‘einfache’ Lösung wird es möglicherweise nie geben. Aber weniger ‘Planwirtschaft’ mit dem Risiko von Fehlern würde mehr dem ‘Geist’ jenes evolutionären Prozesses entsprechen, der uns allererst hervorgebracht, ohne Chefplaner, ohne ministeriellen Vorgaben, allerdings mit einem hohen Überlebensdruck. Im evolutionären Prozeß spielen ein paar zehntausend oder gar hunderttausend Jahre keine Rolle …. geschweige denn die 3 Monate eines erfolgsgetriebenen Managers…..

SEXUALITÄT GESTERN, MORGEN, UND

Zuerst: 29.Juni 2011

Korrekturen: 20.Nov.2011

 

(1) Sexualität war und ist ein Kernthema unseres menschlichen Lebens; angefeindet, verherrlicht, verdammt, gepriesen, verfolgt, geehrt, Ware, Ideal, sündhaft, Sakrament, überlebensnotwendig, Konsumartikel, schmachtend, verwirrt, glühend, bezaubert, heiß, zart, aggressiv gewalttätig,… also schrecklich und schön zugleich.

 

(2) Die Erfahrung von Sexualität beginnt meistens irgendwo im Übergang von der Kindheit zur Jugend. Wenn die Wachstumsprozesse den Körper so zu verändern beginnen, dass Moleküle (Hormone) das Gehirn mehr und mehr in Form von Spannungs- und Erregungszuständen beeinflussen können. Die statistische Mehrheit der Körper hat irgendwann Empfindungszustände, die so vorher nicht da waren. Bei männlichen Körpern können diese Erregungszustände biologisch bedingt eine Intensität annehmen, die alle anderen Empfindungen gleichsam ‘übertönt’ und damit zur ‘Qual’ werden kann. Grundsätzlich sind sexuelle Erregungszustände an spezifische Auslöser gebunden, aber aufgrund des assoziativ-kreativen Charakters des menschlichen Gehirns kann dieses mehr und mehr alles und jedes in Verbindung zu sexuellen Erregungszuständen setzen, so dass dann gleichsam die ganze Welt nahezu permanent als Stimulus dienen kann, um spezifische sexuelle Erregungszustände zu erzeugen, die der Körper intern als ‘Belohnung’ empfindet. Gehirne, die sich so verhalten, würde man in gewissem Sinne als ‘abnorm’ bezeichnen, da sie es zulassen, dass die Vielfalt des Körpers und der Welt — ab einem bestimmten Punkt dann ‘zwanghaft’ — einem einzigen internen Trieb ‘unterworfen’ wird und damit das Gehirn seine Vermittlerfunktion für die ganze Breite des Leben immer mehr verliert; aber unser Gehirn kann sich einem einzelnen Bereich ‘dienstbar’ machen; ’sich selbst überlassen’ kann ein Gehirn sich in diesem Sinne ‘falsch programmieren’. Dies zu ändern kann ab einem bestimmten Punkt nahezu unmöglich werden; letzte absolute Aussagen über das Verhalten unserer Gehirne sind allerdings — aus theoretischen Gründen — prinzipiell unmöglich.

 

(3) Diese körperlichen Prozesse von molekül-basierten Spannungs- und Erregungszuständen im Gehirn haben eine Empfindungsseite. Menschen erleben ihren Körper nicht ‘wie er ist’, sondern so wie das Gehirn die Vielfalt der körperlichen Prozesse in Form von ‘bewussten Empfindungen’ zur Verfügung stellt. Wir ‘empfinden’ bestimmte Spannungen, wir ‘empfindenden’ bestimmte Erregungen, wir ‘erleben’ diese Spannungen und Erregungen als Momente einer jeweiligen Situationserfahrung ohne dass wir die dahinter liegende körperlichen (physiologischen) Prozesse selbst direkt erkennen könnten, da unser Gehirn uns diese ‘vorenthält’ (würde das Gehirn uns die ungeheure Fülle aller körperlichen Vorgänge ‘ungefiltert’ erfahren lassen, wir würden an dieser Komplexität möglicherweise ‘ersticken’. Insofern ist das ‘Bewusstsein mit seiner Filterfunktion ein ungeheurer evolutionärer Fortschritt). In diesem Sinne ‘verstehen’ wir im ersten Moment nicht, was mit uns passiert, sondern wir ‘erleben’ diese Zustände passiv, als etwas, das uns geschieht, das uns betrifft, das uns beeinflusst. Für Kinder kann dies zu Beginn sehr wohl beunruhigend, ja möglicherweise erschreckend sein. Und jeder braucht seine Zeit (Monate, Jahre, Jahrzehnte (?)), um diese erlebbaren Zustände in geeignete Deutungs- und dann Handlungszusammenhänge einzuordnen. Als Kind und Jugendlicher übernimmt man Deutungszusammenhänge aus der Umgebung. Im Zeitalter von Massenmedien und Internet kann dies nahezu alles sein, was ein Kind so findet.

 

 

(4) Vom Standpunkt des ‘Lebens auf dem Planet Erde’, das sich uns als komplexer Entwicklungsprozess zeigt — den wir bislang zwar noch nicht vollständig erklären können, aber doch in vielen Aspekten so umfangreich, dass wir einige interessante Mechanismen identifizieren können — stellt sich ‘Sexualität’ als eine ‘revolutionäre Erfindung’ dar, die dazu geführt hat, dass bei der Weitergabe der ‘Bauanleitung für neue Lebewesen’ sich das Prinzip des ‘Mischens von Informationen’ als für das ‘Überleben auf der Erde’ als ‘erfolgreicher’ erwiesen hatte als ein Verzicht auf dieses Mischungsprinzip. Da die Bauanleitung selbst (ein Molekül, die DNA, das Genom, die Erbsubstanz…) nicht lebensfähig ist, sondern nur ein Körper (ein Phänotyp), der sich anhand einer solchen Bauanleitung entwickeln kann (Wachsen, Ontogenese,….), war es wichtig, dass das Leben in der Phase der ‘agierenden Körper’ ‘Vorsorge’ dafür trifft, dass sich die Körper zum Zwecke der Mischung der Erbinformationen ‘finden’ und ‘aktiv zusammenwirken’. Die Konstruktionsaufgabe lautete: statte die Körper (Phänotypen) so aus, dass sich immer zwei so ‘attraktiv’ finden, dass sie sich ‘angezogen’ fühlen, dass diese Anziehung so stark ist, dass die umwelttypischen Widrigkeiten, Bedrohungen und Gefahren mit den daraus resultierenden Beunruhigungen und Ängsten diese Anziehung nicht vollständig neutralisieren können. Für diese Konstruktionsaufgabe fanden sich im Laufe der Jahrmillionen unterschiedliche Lösungsmodelle. Das Lösungsmodell beim homo sapiens — uns heute lebenden Menschen — kennen wir. Der Körper der Frau wirkt als ‘Reiz’ (Stimulus) auf das Gehirn des Mannes, das diesen dann in solche Spannungszustände versetzt (volkstümlich: der Mann ist ‘Schwanzgesteuert’), dass dieser sprichwörtlich tatsächlich nahezu alles vergessen kann, um seinen Trieb zu befriedigen. Diese Lösung, die viele tausend Jahre für das Überleben und die Weiterentwicklung des Lebens auf der Erde erfolgreich (in welchem Ausmaß ‘gewaltfrei’?) war, hat durch die rasante Entwicklung der menschlichen Lebensformen heute — so scheint es — ‘Passungsprobleme’ unterschiedlicher Art. Diese alle hier zu schildern würde zu weit führen; das Phänomen ist sehr bunt und vielschichtig (aber alleine eine Zahl wie ‘20.000 verschwundene (verschleppte?) junge Frauen im Jahr 2010′ in einem (!) kleinen Ostblockland wäre – würde sie stimmen — ein grausamer Index für die soziale und ökonomische Realität eines schwer kontrollierbaren genetischen Merkmals bei männlichen homo sapiens Vertretern).

 

(5) Vom Standpunkt des Lebens auf der Erde ist eigentlich nur ein einziger Punkt interessant: das Leben in Gestalt des homo sapiens sapiens hat die Fähigkeit erlangt, die ‘Mischung von Erbinformationen’ nicht mehr nur und ausschliesslich dem drei Milliarden Jahren alten Prinzip der Erbinformationsweitergabe zu überlassen, sondern wir können mehr und mehr eine solche Mischung nun mit speziell geschaffenen Techniken vornehmen. In dem Maße, wie der homo sapiens diese Technik so beherrschen kann, dass daraus lebensfähige Gebilde entstehen, wäre die bisherige Form von geschlechterspezifischen Körpern mit ihren komplexen Anziehungsmechanismen letztlich überflüssig. Salopp: zukünftigen geschlechtsneutralen Lebewesen könnte man auf Wunsch Pillen verabreichen, die für eine gewisse Zeit solche Spannungs- und Erregungszustände in den Gehirnen — und damit dann auch in bestimmten Körperteilen, sofern es noch welche gibt — induzieren würden, wie sie ‘damals’ die ‘alten Menschen’ hatten, die sich noch nicht aus dem genetischen Gefängnis befreit hatten. Vielleicht gäbe es dann nostalgische Geschichtsvereine, in denen man solche Pillen nehmen und entsprechende Filme ‘von früher’ anschauen würde, begleitet von einem gewissen ‘Ekel’, wie diese ‘primitiven Menschen von früher’ sich von ihren ’sexuellen Zwängen’ haben ‘knechten’ lassen (speziell die Frauen würden den Zeiten von Schwangerschaft und schmerzhaften — bis hin zu gefährlichen — Geburten nicht unbedingt nachtrauern). Da bekannt ist, dass schon das ungeborene Kind während der Schwangerschaft mit dem Körper der Mutter und durch diesen mit der Umwelt ‘kommuniziert’, würden entsprechende ‘Kommunikationsschnittstellen’ entwickelt werden, um von Anfang an die Kommunikation eines neuen Lebewesens mit seiner Umgebung zu sichern.

 

(6) Durch die Tatsache, dass es ausschließlich der homo sapiens ist (bislang), der über das KnowHow und die Technik verfügt, Erbinformationen technisch gezielt mischen zu können, kann er dies nicht nur für die Erbinformationen der eigenen Art tun, sondern letztlich für alle Arten, ja, letztlich für das gesamte Phänomen des Lebens auf der Erde. Dies ist ziemlich ungeheuerlich. Es hat ca. 3.5 Milliarden Jahre gebraucht, bis das Leben eine Form annehmen konnte, die über diese Fähigkeit verfügt. Obwohl wir bis heute noch nicht wirklich völlig verstehen, wie es überhaupt zu den Anfängen des Lebens kommen konnte, verfügen wir im Prinzip über die Technologie, verändernd eingreifen zu können. Allerdings, bislang können wir — bildhaft gesprochen — nur die Buchstaben des Textes herumwirbeln, wie Kinder, die die herabgefallenen Blätter von den Bäumen herumwirbeln, wir haben nahezu keine Ahnung, wie man gezielt die möglichen Wirkungen (= Bedeutung, Semantik, Pragmatik) der Buchstabenkombinationen im Rahmen von Wachstumsprozessen ‘berechnen’ kann. Eine ‘genetische Semantik’ bzw. ‘genetische Pragmatik’ steckt noch ganz in den Kinderschuhen. Doch, wie die bisherige Geschichte nahe legt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir dieses KnowHow haben werden. Wenn irgendetwas die Bezeichnung ‘historische Wende’ verdient, dann diese Phase des Lebens auf der Erde; es ist der gewaltigste Umbruch, den es seit dem Beginn des Lebens auf der Erde gegeben hat.

 

(7) Wer bis hierher gelesen hat könnte den Einwand erheben, dass diese Sichtweise doch zu ‘biologistisch’ sei und in keiner Weise der Tatsache Rechnung trägt, dass Menschen über den unmittelbaren ‘Trieb’ hinaus noch andere ‘Emotionen’, ‘Gefühle’ in sich tragen, ‘Werte’, die sie dazu befähigen, Interaktionen komplexe Institutionen zu realisieren, die nicht von sexuellen Motiven geprägt sind. Diesem Einwand würde ich zustimmen. In der Tat verfügt der Mensch über eine Bandbreite von Empfindungen, Emotionen, Gefühlen, Motivationen, Werten, die erstaunlich ist und die ihn zu Verhaltensweisen befähigen, die sich einem einfachen Verstehen entziehen. Während bei Tieren die Sexualität etwas Unausweichliches hat, kann der Mensch damit letztlich gestalterisch ‘umgehen’, bis dahin, dass es Menschen gibt, die sich aus eigenen Stücken entschlossen haben, ‘Keusch’, d.h. ‘frei von Sexualität’, zu leben. D.h. die ‘Plastizität’ des menschlichen Gehirns kann sowohl dazu ‘missbraucht’ werden, immer mehr dem ‘Sexualtrieb’ ‘zuzuarbeiten’, als auch dazu, aus der großen Bandbreite von anderen Bedürfnissen, Stimmungen, Gefühlen, Emotionen usw. ‘Zufriedenheitskonstellationen’ zu ‘erlernen’, ‘einzuüben’, die sexfrei sind oder wo die Sexualität nur ein bestimmter Teil eines größeren Zusammenhanges ist (die Pädagogen/ Therapeuten sprechen hier von der ‘Integration des Triebes’). Diese Fähigkeiten des Menschen, ‘über’ (trans…) konkrete Bedürfnisse hinaus Motivationen entwickeln zu können, macht den Menschen als Lebensform ‘auffällig’, lässt ihn in einem ‘besonderen Licht’ erscheinen, wirft zahllose Fragen auf, fasziniert. Zwischen Menschen — nicht nur zwischen Frau und Mann, sondern auch Frau und Frau, Mann und Mann — kann es Gefühlszustände geben, die sehr intensiv und nachhaltig sein können, ohne dass dies unmittelbar etwas mit Sexualität zu tun haben muss, Gefühle, die weder Geschlechts- noch Altersgrenzen kennen, die sich auch nicht durch abweichendes Aussehen beeinflussen lassen (Mir ist nicht bekannt, dass es dazu irgendwelche wirkliche Forschungsarbeiten gibt; dies sind aber Lebenserfahrungen).

 

Ich glaube an Gott, was brauch ich dann die (komplizierten) Wissenschaften?

(1) Während einer Geburtstagsfeier mit vielen Gästen (wo sonst…) nahmen die Gespräche zur fortgeschrittenen Stunde immer intensivere Verläufe. An einer Stelle sagte dann eine engagierte Frau, dass Sie an Gott glaube, an die Welt als Schöpfung; das gäbe ihr Kraft und Sinn; und so lebe sie es auch. Die Wissenschaft brauche sie dazu nicht; die sei eher verwirrend.

 

 

(2) Mit solch einem ‘Bekenntnis’ ist das Wissen zunächst einmal ‘neutralisiert’; was immer Wissen uns über den Menschen und seine Welt sagen könnte, es findet nicht statt, es gibt kein Wissen mehr. Mögliche Differenzierungen sind wirkungslos, mögliche Gründe unwichtig; mögliche Infragestellungen, gedankliche Herausforderungen können nicht greifen; damit verbundene mögliche Spannungen, Erregungen können nicht stattfinden. Die Welt ist ‘wie sie ist’, d.h. wie das aktuelle Wissen des so Glaubenden sie zeichnet. Alles hat seine Ordnung, eine Ordnung die sich nicht beeinflussen lässt durch Wissenschaft.

 

 

(3) In gewisser Weise hört nach einem solchen Bekenntnis jedes Gespräch auf. Man kann zwar noch weiter Reden, aber inhaltlich kann man sich nur noch auf wechselseitige Bestätigungen beschränken: Ja, ich sehe das auch so; ja, ich glaube das auch; ja, ich finde das gut;…. abweichende Meinungen haben streng genommen keinen Platz in diesem Gefüge…weil sie einfach ausgeblendet werden (Menschen mit mehr Aggressionspotential gehen dann allerdings zum ‘Angriff’ über und versuchen, die ‘abweichende’ Meinung nieder zu machen). Aber auch das ‘einfache Ausblenden’ einer anderen Meinung, zu sagen, dass man abweichende Meinungen nicht hören will, ist eine Form der ‘Entmündigung’ und damit eine Form von ‘Missachtung’. Wahrheit ist dann nicht mehr möglich.

 

 

(4) Mich hat diese Einstellung geschockt. Wenn man weiß, auf welch schwankendem Boden jegliche Form von Wissen über uns, die Welt und Gott steht und wenn man weiß, wie viel Unheil über Menschen im Namen des Glaubens gekommen ist, weil die Gläubigen zu wissen glaubten, was wahr ist und in diesem Glauben tausende andere unterdrückt, verfolgt, gefoltert und getötet haben, weil sie auch glaubten, dass ihre Form des Glaubens über alle anderen Erkenntnisse und Wahrheiten ‘erhaben’ sei, dann ist jegliche Form der Ablehnung von Wissen (ob durch Verweis auf Gott (Wer kennt ihn wirklich), durch Verweis auf eine politische Ideologie, durch Verweis auf ethnische Besonderheiten, durch Verweis auf ‘besonderes Blut’, usw.) letztlich in einem identisch: die bewusste willentliche Entscheidung, sein eigenes Bild von der Welt auf keinen Fall zu verändern; was immer die Wissenschaften über uns und die Welt herausfinden, das wird als ‘irrelevant’ neutralisiert.

 

 

(5) Allerdings zeigt sich am Beispiel solcher ‘alltäglicher’ Konflikte auch sehr unmittelbar, dass entwickelte (wissenschaftliche) Formen von Wissen alles andere als selbstverständlich sind. Es hat nicht nur viele tausend Jahre gebraucht, bis die Menschen mit komplexeren Wissensformen umgehen konnten, es ist heute, in unserer Gegenwart so, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nicht nur viele derjenigen, die nicht studiert haben, ein gebrochenes Verhältnis zu wissenschaftlichem Wissen haben, sondern dass ebenso viele derjenigen, die akademische Abschlüsse vorweisen können (mehr als 50%?), das ‘Wesen von wissenschaftlichem Wissen’   nicht verstanden zu haben scheinen und Anschauungen über uns Menschen und die Welt für ‘wahr’ halten, die — nach meinem Kenntnisstand — ziemlich abstrus und willkürlich sind (so eine Art ‘Voodoo’ unter dem Deckmantel von Wissenschaft und Aufklärung).

 

 

(6) Es macht wenig Sinn, über diesen Sachverhalt zu ‘moralisieren’. Es ist die Realität, in der wir leben. Da unser Handeln von unserem Wissen — oder von der Meinung anderer, denen wir einfach folgen — geleitet ist, haben solche Auffassungen ihre alltäglichen Wirkungen.

 

 

(7) Wenn man also versucht Wissen ernst zu nehmen; wenn man Fragen zulässt und sie versucht ernsthaft zu beantworten; wenn man sogenannte Selbstverständlichkeiten immer wieder mal hinterfragt, um sich zu vergewissern, dass man keine falschen Voraussetzungen mit sich herum trägt; wenn man versucht, aus den vielen Detailerkenntnissen größere Zusammenhänge zu konstruieren und auch wieder zu verwerfen; wenn man versucht, Sachverhalte zu Ende zu denken, obgleich wenig Zeit ist, man erschöpft ist, und keiner davon etwas hören will, dann darf man dafür kein Lob erwarten, keine Ermutigung, kaum Zustimmung, sondern eher Ablehnung, Angst, Abwehr oder Bemerkungen wie ‘Was Du da wieder denkst’, ‘Das braucht doch kein Mensch’, ‘Hast Du nichts Besseres zu tun’, ‘Das nervt einfach’, ‘Mir ist das alles zu kompliziert’,….

 

 

(8) Sich auf Dauer ernsthaft mit ‘wahrem’ Wissen zu beschäftigen (nicht mit Modetrends, Buzz Words, usw.) liegt quer im Alltag, darf auf keine Unterstützung hoffen. Die meisten Menschen suchen nicht die ‘Wahrheit’, sondern eher Bestätigungen für ihre aktuelle Unwahrheit; Bestätigungen fühlen sich einfach besser an als Infragestellungen durch Erkenntnisse, die dazu zwingen, das eigene Bild von der Welt zu verändern.

 

 

(9) Jedes Wissen hat ‘Ränder des Wissens’, jene Bereiche, die vom bisherigen Wissen noch nicht erschlossen sind bzw. die durch aktuelles Wissen ‘verstellt’ werden, d.h. ich werde im Wissen erst weiter kommen, wenn ich dieses ‘verstellende’ Wissen als ‘falsch’ bzw. ‘unzureichend’ erkannt habe. Wie soll dies geschehen? Menschen, die hauptsächlich nur Bestätigungen suchen, haben praktisch keine Chance, die ‘Falschheit’ ihres Wissens zu entdecken. Sie sind in ihrem aktuellen Wissen quasi gefangen wie in einem Käfig. Da sie ihren Käfig nicht sehen, ihn ja sogar für ‘richtig’ halten, wird sich der Käfig im Normalfall immer nur noch weiter verfestigen.

 

 

(10) Das biologische Leben, von dem wir Menschen ein winziger Teil sind, hat die Jahrmilliarden dadurch gemeistert, dass es nicht einer bestimmten vorgegebenen Ideologie gefolgt ist, sondern dass es ‘alles, was möglich wahr, einfach probiert hat’. Man kann dies ‘Zufall’ nennen oder ‘Kreativität’ oder ‘Spiel’; letztlich ist es so, dass Zufall/ Kreativität/ Spontaneität/ Spiel jeglicher fester Form auf Dauer haushoch überlegen ist, da feste Formen von Wissen Spezialisierungen darstellen für bestimmte Aspekte von Welt, meistens dazu sehr statisch, und solche Formen sind sehr schnell sehr falsch. Besser zu sein als ‘zufallsgesteuertes Wissen’ ist eine sehr hohe Messlatte, und biologische Systeme wirken nur deshalb gegenüber reinem Zufall überlegen, weil sie die Erfahrungswerte von 3 Milliarden Jahren ’spielerischer Evolution’ in sich angesammelt haben. Mehr als drei Milliarden Jahre Experimente mit hunderten Milliarden Beteiligten pro Jahr sind eine Erfahrungsbasis, die in sich ein Wunder darstellt, das zu begreifen nicht leicht fällt. Wir, die wir von diesem ‘angesammelten Wissen’ profitieren können, ohne dass wir auch nur irgendetwas selbst dazu beigetragen haben, haben meistens kein gutes Gefühl dafür, welch ungeheure Leistung es bedeutet, das bisherige Weltwissen auch nur ein kleines Stück zu erweitern. Wer sich die Mühe machen würde, beispielhaft  — von vielen möglichen spannenden Geschichten — die Geschichte des mathematischen Denkens zu verfolgen, das zum Herzstück von jeglichem komplexen Wissen gehört, kann sehen, wie sich die besten Köpfe über 3000 und mehr Jahre bemühen mussten, bis die Mathematik eine ‘Reife’ erlangt hat, die erste einfache Wissenschaft möglich macht. Zugleich gilt, dass in unseren Zeiten, die mehr denn je von Technologie abhängen, das Wissen um Mathematik bei den meisten Menschen schlechter ist als bei den Denkern der Antike. Es ist eben nicht so, dass ein Wissensbereich, der über Jahrtausende mühsam aufgebaut wurde, dann automatisch in der gesamten nachfolgenden Kultur verfügbar ist; ein solches Wissen kann auch wieder verfallen; ganze Generationen können in der ‘Aneignung von Wissen’ so versagen, dass ‘errungenes Wissen’ auch wieder ‘verschwindet’. Wissen in einer Datenbank nützt nichts, wenn es nicht reale Menschen mit realen Gehirnen gibt, die dieses Wissen auch tatsächliche ‘denken’ und damit anwenden können. Immer größere Datenbanken und immer schnellere Netze nützen nichts, wenn das reale Wissen in den realen Köpfen wegen biologischer Kapazitätsgrenzen einfach nicht ‘mithalten’ kann…

 

 

(11) Unsere heutige Kultur ist in der Tat an einer Art Scheideweg: unsere Technologie entwickelt sich immer schneller, aber die biologischen Strukturen unserer Körper sind bislang annähernd konstant. Bedeutet dies, dass (i) die Ära der Menschen vorbei ist und jetzt die Zeit der Supercomputer kommt, die den weiteren Gang der Dinge übernehmen? oder (ii) haben wir einen Wendepunkt der Entwicklung erreicht, so dass ab jetzt aufgrund der biologischen Begrenztheit der Menschen es nicht mehr nur um ’schneller’ und ‘mehr’ geht sondern um ‘menschengemäßere künstliche Intelligenz’, die ein Bindeglied darstellt zwischen dem kapazitätsmäßig begrenztem menschlichem Denken einerseits und einer immer leistungsfähigeren Technologie? oder (iii) Beginnt jetzt die Ära der angewandten Gentechnologie, die uns in die Lage versetzt, unseren Körper schrittweise so umzubauen, dass wir die Erfordernisse eines biologischen Lebens auf der Erde besser meistern könne als bisher? Die Alltagserfahrung legt vielleicht (i) nahe, die bisherige historische Entwicklung deutet aber auf (ii) und (iii) hin. Denn — und das übersieht man leicht — der Weg des Lebens in den letzten ca. 3.2 Milliarden Jahren hat permanent Probleme lösen müssen, die verglichen mit den uns bekannten Problemen um ein vielfaches größer waren. Und das Prinzip des Lebens hat dies alles gemeistert, ohne dass wir auch nur einen Millimeter dazu beigetragen haben. Wenn wir uns also weniger an unsere vielfältigen kleinkarierten Ideologien klammern würden und stattdessen stärker auf die ‘innere Logik des Lebens’ achten, dann sind die potentiellen Lösungen in gewisser Weise ’schon immer da’. Dies ist nicht als ‘Determinismus’ oder ‘Vorsehung’ misszuverstehen. Nein, die Struktur der Materie enthält als solche alle diese Strukturen als Potential. Unsere gesamtes heutiges Wissen (von dem unsere Körper mit ihren Gehirnen ein kleiner Teil sind) ist letztlich nichts anderes als das versammelte Echo der Milliarden von Experimenten, in denen wachsende biologische Strukturen in einem permanenten Dialog mit dem vorfindlichen Universum Aspekte dieses Universums ’sichtbar’ gemacht haben; wahres Wissen zeigt in dem Sinne nichts ‘Neues’ sondern macht ’sichtbar’, was schon immer da war bevor es dieses Wissen explizit gab. ‘Wissen schaffen’ heißt im Wesentlichen ‘in Dialog treten’, d.h. ‘Interagieren’, d.h. ‘ein Experiment durchführen’ und die Ereignisse im Umfeld der Dialoge ‘geeignet zusammenführen’ (Bilder, Modelle, Theorien…). Was ‘Denken’ wirklich ist wissen wir bislang eigentlich immer noch nicht wirklich, was unsere Gehirne aber nicht daran hindert, kontinuierlich Denkarbeit zu leisten. Unsere Gehirne denken für uns. Wir sind quasi ‘Konsumenten’ dieser wundersamen Gebilde. Dass unsere Gehirne nicht ‘beliebig gut’ denken sondern so ihren ‘eigenen Stil’ pflegen, das merkt man erst nach vielen Jahren, wenn man sich intensiv mit der Arbeitsweise des Gehirns beschäftigt. Wenn wir über die ‘Welt’ reden dann reden wir nicht über die Welt ‘wie sie um uns herum ohne uns ist’, sondern über die Welt, ‘wie sie unsere Gehirne für uns aufbereiten’. Unsere Gehirne arbeiten so perfekt, dass uns dieser fundamentale Unterschied lange Zeit — vielen Menschen vielleicht zeit ihres Lebens nie — nicht auffällt.

 

 

(12) Wir sind Teil dieses gigantischen Geschehens. Wir finden uns darin vor. Leben ist mehr als die Worte, die man darüber formulieren kann. Einen Sinn gibt es natürlich; er hängt nicht davon ab, ob wir ihn sehen oder nicht sehen, glauben oder nicht glauben. Der wahre Sinn durchdringt alles von Anbeginn. Wir können versuchen, uns ihm gegenüber zu verschließen, aber wir selbst mit unserem Körper als Teil des Ganzen, enthalten so viel von diesem Sinn, dass wir geradezu ‘voll gepumpt’ sind mit diesem Sinn. Vor allem Erkennen kann man es auch fühlen.

 

 

(13) Was ‘Gott’ mit allem zu tun hat? Ich bin mir nicht sicher, ob wir als Menschen diese Frage überhaupt verstehen können.

 

 

Weil es Sinn gibt, kann sich Wissen akkumulieren, das Sinn sichtbar macht… Oder: warum die Frage ‘Warum gerade ich?’ in die Irre führen kann.

(1) Wenn etwas ‘Schlimmes’ passiert, dann fragen sich viele Menschen ‘Warum gerade ich?’ (hätte es jemanden anderen getroffen wäre man vielleicht ‘berührt’ — falls man der anderen Person nahe stand –, aber es würde einen bei weitem nicht so zentral treffen wie eigenes Leid. Wenn etwas subjektiv ‘Schönes’ oder gar ‘Außergewöhnliches’ geschieht, dann geraten die einen außer sich und halten sich womöglich sogar für ‘auserwählt’, womöglich für etwas ‘Besonderes’; andere bekommen sofort Angst, dass sie all dies, kaum dass sie es besitzen, wieder verlieren könnten, dass sie ‘dem Schicksal’ misstrauen; sie haben bislang — in ihrer Wahrnehmung — nicht viel Gutes erlebt, also verbietet es ihr Denken, das ‘punktuell Schöne’ ‘anzunehmen’; oder trotzig gerade doch: es geht ja doch, ich habe es immer gewusst….

(2) Man kann den Eindruck gewinnen, dass wir tendenziell eine ‘Deutungstendenz’ in uns tragen, die in allem nach einem ‘möglichen Sinn’ sucht, der die eigene ‘Werthaftigkeit’ unterstützt, der klar macht, dass das eigene Leben doch irgendwie einen ‘Wert’ und einen ‘Sinn’ hat. Andererseits, wenn wir uns lange Zeit schwer tun, einen ‘Sinn’ zu erkennen, dann kann dies sehr anstrengend, kann es schmerzhaft sein, keinen Sinn zu erkennen; dann ist es einfacher einen Sinn grundsätzlich auszuschließen (z.B. das alte Gegensatzpaar ‘Gläubige’ gegen ‘Ungläubige’, ‘Theisten’ versus ‘Atheisten’, ‘Optimist’ vs. ‘Pessimist’, …), überraschen lassen kann man sich ja immer noch.

 

(3) Es ist nicht leicht zu sehen, ob man diese Frage(n) nach dem Sinn überhaupt beantworten kann. Bei der Untersuchung der Frage, wie Wissen generell entstehen kann, wie Systeme generell lernen können, stellt man irgendwann nicht nur fest, wie ungeheuer schwierig die Entwicklung von Wissen ist, sondern dass es so etwas wie ein ‘Optimum’ nicht isoliert für ‘ein einziges’ System geben kann, sondern nur im Wechselspiel zwischen einem System und der ‘zugehörigen’ Umgebung. ‘In’ dieser bzw. ‘bezogen auf diese’ kann das Verhalten eines Systems und sein aktueller Zustand einen bestimmten ‘Wert’ haben; ohne diesen Zusammenhang ist nicht klar, wie man die ‘Werthaftigkeit’ eines Systems definieren soll. Ein ‘individuelles System an sich’ gibt es nicht. Alle bekannten Systeme — biologische wie technische — kommen immer nur vor als ‘Teil eines Ganzen’.

 

(4) Traditionelle Deutungssysteme (mythische, religiöse, philosophische,…?) fallen dadurch auf, dass sie versuchen, dem einzelnen Menschen einen Deutungszusammenhang anzubieten, der es ihnen erlaubt, trotz der Vielfalt der wechselnden Alltagsbilder ‘in Allem’ einen ‘Sinn für sich selbst’ erkennen zu können, der ’stabil’ ist gegen die Schwankungen des Alltags.

 

(5) Stellt man solche traditionellen Deutungsstrategien in Frage, kann man aus Sicht der ‘Anhänger’ dieser Deutungsstrategien sehr schnell als ‘Bedrohung’ angesehen werden, nicht nur als Bedroher des gedeuteten Sinns sondern dann auch als Bedroher des eigenen Lebens, das durch diesen ‘gedeuteten Sinn’ einen ‘abgeleiteten Sinn’ hat/hatte, der durch die Infragestellung der Deutung womöglich abhanden kommt. Letztlich ist es egal welche Deutungsstrategie man in Frage stellt (religiöse, philosophische, esoterische, ad-hoc Alltagsmythologien, Verschwörungstheorien,….), entscheidend ist, dass man durch die Infragestellung bei den jeweiligen ‘Anhängern’ (’Gläubigen’) den Eindruck erweckt, man greife mit der Deutung auch den gedeuteten Sinn selbst an, und damit zentrale ‘Gegenstände’ des subjektiven Denkens, das sich ‘in’ diesen ‘geglaubten’ Gegenständen eine Weltsicht ‘gebaut’ hat, die ‘Heimat’, ‘Sinn’ und persönlichen ‘Wert’ (für viele Geschäftemacher aber auch konkrete Einkünfte) verspricht.

 

(6) Die ‘Stabilisierung des Alltags’ durch Ausdeutung eines Sinns kann man negativ als ‘Immunisierung’ verstehen, als Versuch der ‘Abschottung’ vor den ‘Tiefen’ und ‘Unwägbarkeiten’ des realen Lebens. Doch letztlich partizipiert diese Tendenz der ‘Stabilisierung durch Deutung’ von der allgemeinen Natur des Wissens, in einem anfänglichen ‘Meer von isolierten Zufälligkeiten’ schrittweise ‘Muster’ und ‘Zusammenhänge’ erkennen zu können, die sich mehr und mehr zu komplexen Strukturen, Modellen, Theorien formen können. D.h. es ist die Eigenart unserer biologisch bedingten Wissensmaschinerie, die uns dazu anleitet/ führt/ zwingt, im Strom der Zufälligkeiten Nicht-Zufälliges aufzuspüren und dieses dann — wie Steine im fließenden Bach — als ‘Sprungstellen’ zu benutzen, um ‘in allem Nicht-Sinn’ dann doch Umrisse eines möglichen ‘Sinns’ erkennen zu können.

 

(7) Streng genommen sind selbst die radikalsten wissenschaftlichen Modell bzw. Theoriebildungen Formen von ‘Sinngebung’. Im Unterschied zu den vielfältigen Formen ‘alltäglicher Deutungen’ mit Tendenz zur Abschottung, zur Immunisierung (die Andersgläubigen, die Ausländer, die Nachbarn, die Polizei, die Politiker, die Banker, die Proleten, die Versager, die Karrieristen, …) bieten wissenschaftliche Deutungsmodelle zumindest prinzipiell eine Transparenz für alle Daten und Methoden, die benutzt werden, um eine bestimmte Deutung aufrecht zu erhalten. Je komplexer wissenschaftliche Deutungen werden, je mehr persönliche Eitelkeiten von Forschern sich mit der Geltung einer bestimmten Deutung verknüpfen, je mehr finanzielle Einkünfte und politische Macht sich mit einer bestimmten Deutung gewinnen lassen, um so eher steht natürlich auch eine sogenannte wissenschaftliche Deutung in Gefahr, sich ‘unwissenschaftlich zu stabilisieren’, sich zu ‘immunisieren’, da der Verlust der Deutungshoheit einhergehen würde mit dem Verlust von vielen sekundären Vorteilen, die direkt nichts mit Wahrheit zu tun haben.

 

(8) Es gibt also eine eingebaute Tendenz der biologischen ‘Wissensmaschinerie’ nicht nur überhaupt Deutungen zu generieren, sondern den Inhalt dieser Deutungen als das zu nehmen, was die erfahrbare flüchtige Welt ‘eigentlich’ ist. Während wir alle von Geburt an automatisch Teil dieses ‘Deutungsgeschehens’ sind, ist es nicht auch automatisch der Fall, dass wir uns dieses ‘vorprogrammierten Deutungsspiels’ ‘bewusst’ werden. In der ‘Simulation von Welt’ ‘in unserem Kopf’ ist das biologische Gehirn so meisterhaft, dass viele Menschen bis zu ihrem Tode niemals gemerkt haben, dass die Welt, die sie ‘zu sehen meinten’, garnicht die Welt ist, die real ausserhalb des Gehirns existiert, sondern ‘nur’ die Welt, wie sie das Gehirn kontinuierlich aufgrund der ihm verfügbaren ‘Signale’ ‘zusammenbaute’. Aufgrund von vielen hundert Millionen Jahren ‘Entwicklungszeit’ hat das Gehirn darin eine ‘Meisterschaft’ erlangt, die uns die Möglichkeit bietet, auch ohne spezielles bewusstes Wollen Strukturen in der uns umgebenden Welt erkennen zu können, die wir in unserer Bewusstheit noch nie gedacht hatten. M.a.W. unser Gehirn ‘erzählt’ uns kontinuierlich eine Geschichte von Welt, die ein hohes Mass an Plausibilität besitzt, aber dennoch nur eine bestimmte (begrenzte) Deutung aufgrund spezieller Annahmen ist.

 

(9) Der seit Jahrtausenden anhaltende Versuch von Menschen, der automatischen Erkennungsleistung des Gehirns explizit konstruierte zusätzliche Deutungsmodelle an die Seite zu stellen, stellt eine außerordentliche Leistung dar, ist aber aufgrund der unausweichlichen Komplexität des Geschehens auf Schritt und Tritt anfällig für Fehler und Fehldeutungen. Es ist die Aufgabe der vielfältigen wissenschaftlichen (und auch philosophischen) Disziplinen, das gesamtgesellschaftliche Deutungsgeschehen kontinuierlich zu verbessern.

 

(10) Sofern ein Deutungsgeschehen — in welche Form auch immer — bestimmte Deutungsinhalte ’sichtbar’ macht, die als ’sinngebend’ verstanden/ erlebt werden, geschieht dies niemals ohne einen Bezug zu ‘vorgegebener Welt’, es sei denn, die Deutungsinhalte sind ‘reine gedankliche Konstruktionen’, ‘Fantasiegebilde’, ‘gedankliche Spielereien’, ‘gedankliche Erfindungen’ und damit ‘beliebig’, ‘wertlos’. ‘Wertvolle’ Deutungsinhalte entstammen letztlich immer einer ‘Begegnung’ des erkennenden Systems mit einem ‘Anderen’, das im erkennenden System eine Art ‘Echo’/ ‘Widerhall’/ ‘Erschütterung’ … erzeugt. In diesem fundamentalen Sinn sind ‘wertvolle Deutungsinhalte’ ‘wahr’, weil es das, ‘wovon’/ ‘worüber’ sie handeln, unabhängig vom Deutungsmedium in irgendeiner Form ‘tatsächlich gibt’. Wenn jemand also ‘unwahre’ Deutungen kritisiert, dann gefährdet er den Deutungsinhalt wesentlich. Im Falle von ‘wahren’ Deutungen ist dies nicht so; durch die Kritik am deutenden Modell, am Deutungsmedium, am Deutungsgeschehen wird die wahr Ursache der Deutung nicht beseitigt. Im Gegenteil, ein — vernünftig geführter — ‘Deutungsstreit’ trägt meistens dazu bei, ‘die zu deutende Sache’ als Anlass einer Deutung weiter zu klären. Angesichts der Unzulänglichkeiten der biologischen Wissensprozesse sind Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte keine lange Zeit, letztlich ‘evolutionäre Augenblicke’. Wahre (!) Wahrheit verschwindet also nicht durch die Kritik an ihrer Deutung; sie kann allerdings für eine gewisse Zeit ‘verdeckt’ bleiben. Falsche (!) Wahrheiten können ebenfalls Jahrhunderte — oder gar Jahrtausende — überdauern, wenn die Menschen nicht bemerken, dass diese Deutungen letztlich nicht der Welt entsprechen, wie sie außerhalb ihres Denkens ist, sondern nur als Konstruktion in ihrem Kopf.

 

(11) Entsprechend der Volksweisheit ‘Aus Nichts kommt nichts’ haben wir in der modernen Logik gelernt, dass man nur etwas beweisen kann, was man zuvor angenommen hat; die Physiker belehren uns über den Energieerhaltungssatz, der anders formuliert besagt, dass ich aus einem System nicht mehr Energie herausbekommen kann, als sowieso schon drin steckt. Im Bereich Wissen gilt letztlich etwas Analoges: ich kann nur wissen, was es schon gibt. In dem heute bekannten Kosmos haben wir — bezogen auf die Verteilung von Energie — noch ‘lokale Ungleichheiten’. Diese ermöglichen die Entstehung von biologischen Systemen, die lokal Energie ansammeln und in dieser zeitlich begrenzten Energieakkumulationen Strukturen möglich machen, die partiell ‘unwahrscheinlich’ sind und damit ‘Informationen’ darstellen, die wir als ‘Wissen’ erleben: Strukturen, die uns im Fluss von ‘Zufälligkeiten’ als ‘Häufigkeiten’ auffallen, die wir ’speichern’ können, und die wir im Kontext des ‘Fortgangs’ weiter ‘bewerten’ können. Durch solche bewertbaren speicherbaren Häufigkeiten akkumulieren Energieungleichheiten als Wissen, das in der Tat leztlich ‘nur’ ein Echo dessen darstellt, was uns Erkennenden ‘widerfährt’!!! In der Form des erfahrungsbasierten Wissens akkumulieren sich Aspekte des kontinuierlichen Weltgeschehens in verstehtigten Augenblicken, durch die etwas ’sichtbar’ werden kann, was als Weltgeschehen kontinuierlich ‘abläuft’, ohne dass der Ablauf als solcher ‘um sich weiß’. Aber biologische Systeme als Teil dieses kosmischen Ablaufs können im Ablauf Aspekte des Ablaufs ‘akkumulieren’, diese dadurch ‘füreinander sichtbar’ machen, und in diesem ‘Füreinander-Sichtbarmachen’ die Umrisse eines ‘wachsenden Sinnes’ sichtbar machen, der etwas über das ‘Innere’ des Kosmos erzählt, über seine ‘mögliche Seele’, über den möglichen ‘Weltgeist’ (der selbst möglicherweise keine biologische Strukturen benötigt, um zu ‘wissen’; biologische Systeme sind spezielle Konstellationen innerhalb der materiellen Makrostrukturen).

 

(12) Wenn es also ‘für uns Menschen’ einen Sinn gibt, dann nur, weil es diesen Sinn schon immer unabhängig von uns gibt und nur in dem Modus, dass wir diesen potentiellen wahren Sinn in einem gemeinsamen Deutungsgeschehen über Jahrhunderte, Jahrtausende… schrittweise aufdecken. Dass die zeitliche und körperliche Begrenztheit unseres biologischen Lebens diesen globalen Sinnzusammenhang nicht in Frage stellen können, ergibt ich daraus von selbst. Sinnlosigkeit besteht dann nur solange, als der einzelne sich nicht als Teil des größeren Sinnzusammenhanges verstehen und erleben kann. … was einfacher klingt als es real getan ist…..

Jenseits des Wärmetods?

  1. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass bei unklaren Fragestellungen der Rückgang auf die ‘Klassiker’ zu Klarheiten verhilft, die die neue und neueste Literatur nicht bieten kann. Die neuere Fachliteratur ist oft schon so fortgeschritten im Detailwissen, dass man sich als ‘Neuling’ sehr schwer tut, zu verstehen, warum all dieser Aufwand getrieben wird. In den letzten Monaten war es z.B. die Lektüre von Schrödingers ‘What is Life’ oder Heisenbergs ‘Physics and Philosophy’ gewesen, die wertvolle Einsichten vermittelt hatten.

  2. Nach einiger Mühe ist es mir gelungen, die ‘Populären Schriften’ von Ludwig Boltzmann (publiziert 1905) zu bekommen. Allein schon die ersten Beiträge waren sehr erhellend. Wunderbar finde ich seinen Vortrag ‘Der zweite Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie’, den er 1886 in einer feierlichen Sitzung vor der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften vorgetragen hatte. Zu sehr vielen grundlegenden Fragestellungen, die uns noch heute bewegen, erhellt er Grundlegendes; dies aber auf einer Weise formuliert, die von großer Klarheit und Verständlichkeit ist.

  3. Er nimmt sich in diesem Vortrag sogar etwas Zeit, um die besondere Rolle der Naturforschung gegenüber allgemeiner Philosophie und Alltagswissen zu verdeutlichen. Mit Anspielung auf Herbarth lokalisiert er die Rolle des Bewusstsein zwar an der Quelle unseres Weltzuganges (im Sinne dass wir ‘Empfindungen’ haben), aber der primäre Inhalt dieses Bewusstseins kann uns aus sich heraus nichts darüber sagen, wie sich diese Inhalte zusammensetzen, wie sie entstehen (vgl. S.48f). Und, wie wir heute wissen, sind diese Bewusstseinsinhalte komplexe Produktionen unseres Gehirns, u.a. auf der Basis sensorischer Daten, die sich aus den energetischen Ereignissen der Umwelt speisen. Die Naturforschung kann — und muss wohl — die bewusste Wahrnehmung als Ausgangspunkt nehmen, beginnt ihre eigentliche Arbeit aber dort, wo sie versucht mittels ‘Hypothesen’ und ‘Messungen’ hinter diese Phänomene zu schauen.

  4. Eine dieser — mittlerweile komplexen — Hypothesen ist die von der ‘atomistischen’ Struktur der Materie, aus der sich dann die weitere Hypothese der mechanischen Wärmelehre herleitet, dass nämlich die ‘Elemente der Körperwelt’ beständig in ‘reger Bewegung begriffen sind’ (S.32) Hierher gehört der von Robert Mayer begründete erste Hauptsatz von der Erhaltung der Energie, wobei Energie nach Mayer in den drei Formen ’sichtbare Bewegung’, ‘Wärme’ oder ‘Arbeit’ auftreten kann. Währen die Gesamtmenge der Energie in einem geschlossenen System bei Umwandlung einer Energieform in die andere unverändert bleiben soll, so sagt der zweite Hauptsatz, dass zwar Bewegung und Arbeit bedingungslos ineinander und in Wärme übergehen können, Wärme kann aber höchstens partiell in Bewegung oder Arbeit zurückverwandelt werden (vgl. S.33). In dieser Eigenschaft erscheint Wärme ‘dissipativ’, als ‘degradierte’ Energie (Unter Verwendung des von Clausius eingeführten Begriffs der ‘Entropie’ kann man auch sagen, dass mit Zunahme der Degradation nicht nur die Wahrscheinlichkeit des Zustandes zunimmt, sondern auch seine Entropie (vgl. S.37)). Der zweite Hauptsatz induziert damit eine Art Richtung im Prozess, der schlussendlich zu einer völligen Degradierung von Energie führt oder — in der bekannten Formulierung — zum ‘Wärmetod des Universums’ (vgl. S.33). Letzterer Schluss gilt aber nur, solange die Annahme eines geschlossenen Systems gilt (vgl. S.48).

  5. Das Prinzip hinter dem Prinzip des 1. und 2. Hauptsatzes ist, dass sich Energie grundsätzlich vom unwahrscheinlicheren Zustand in den wahrscheinlicheren Zustand verändert. So ist die höhere Energiekonzentration in der Sonne im Vergleich zur Erde ‘unwahrscheinlicher’. Auf dem Weg der ‘Degradation’ gelangt Energie von der Sonne zur Erde und kann auf diesem Weg und auf der Erde unterschiedliche Zwischenzustände durchlaufen, bis sie als Wärme ‘verschwindet’. Es sind die Pflanzen, die diesen Energiefluss aufgreifen und ihn mittels chemischer Prozesse in solche Energieformen verwandeln, die anderen biologischen Lebensformen als ‘Nahrung’ dienen können, bevor der Zustand höherer Entropie weiter angenähert wird (vgl. S.40).

  6. Boltzmann wagt einige Spekulationen zur möglichen ‘Erklärung’ der Lebensformen, des erfahrbaren Geistes, indem er die Hypothese anformuliert, dass sich die komplexen bekannten biologischen Formen eventuell doch aus den allereinfachsten Atomen durch immer komplexere Konfigurationen herausgebildet haben (vgl.S.49). Heute haben wir so viele Indizien sammeln können, dass diese Hypothese zu großen Teilen als ‘gewiss’ gelten kann, wenngleich noch nicht vollständig.

  7. Vor dem Hintergrund der Hautsätze der Wärmelehre sieht es dann so aus, als ob sich die komplexen biologischen Lebensformen nur gestützt auf den Energiefluss von Seiten der Sonne bilden konnten. Unter Ausnutzung dieser Energieformen konnten sich immer komplexere molekulare Strukturen herausbilden, die schließlich — Zwischenstand 2011 — in der Lage sind, anhand der energetischen Ereignisse in der Welt sich ‘intern’ in einem Körper ‘Bilder’, ‘Modelle’ der ‘Welt da draußen’ zu generieren, die auch ‘Selbstbilder’ mit einschließen. Die Allokierung von Energie in Form von biologischen Strukturen ermöglicht das ‘Sichtbarwerden’ all jener Dynamiken und Strukturen, die den physikalischen Kosmos auszeichnen. Allerdings sind diese biologischen Strukturen grundsätzlich limitiert durch den Bedarf an ‘freier’ Energie. Versiegt der Strom von Energie in einer Form, die sich ‘nutzen’ lässt, dann verlieren die biologischen Lebensformen ihre ‘Seele’; sie versinken im ‘Nichts’ nahe der maximalen Entropie.

  8. Aus dieser allgemeinen Perspektive kann man den Eindruck gewinnen, dass die entscheidende Eigenschaft, die die biologischen Lebensformen in das bekannte Universum einbringen, jene ist, dass sie ’sichtbar machen können’, dass sie ‘erkennen’ können, dass sie ein ‘Bewusstsein von’ den Dingen entwickeln können. Durch die Verfügbarkeit von Wissen innerhalb des Kosmos gewinnt der Kosmos eine eigentümliche ‘Handlungsfähigkeit’ ’sich selbst gegenüber’. Mit der Entstehung, Verfügbarkeit und Ausbreitung von ‘Erkenntnis’ kann der Kosmos im Prinzip ‘zu sich selbst’ kommen und darin und dadurch seine Strukturen dazu nutzen, ‘etwas’ ‘zu tun’. Fragt sich natürlich: was?

  9. Nach den bisherigen Erkenntnissen entsteht in den biologischen Strukturen Wissen durch ‘Verdichtungen’/ ‘Abstraktionen’, durch das Finden von Beziehungen/ Relationen, durch die die Wechselwirkungen unterschiedlicher Beziehungen (verstehbar als Netzwerk/ Modell/ Theorie), durch unterschiedlichste Assoziationen zwischen Wissensmomenten und allen möglichen Zuständen (auch Bedürfnissen, Emotionen, Gefühlen,…). Ferner haben wir gelernt, dass sich Wissen wesentlich auch nur im Austausch zwischen unterschiedlichen Gehirnen ereignet/ bilden kann. Für solch eine Kommunikation benötigt man symbolische Mittel, Sprachen, speziell formale Sprache wie z.B. die Sprache der Mathematik oder heute die algorithmischen Formen von Computersprachen und Simulationen.

  10. Ein anderer wesentlicher Aspekt ist die Kooperation als Bedingung für Kommunikation. Eine ‘hinreichende’ Kooperation wiederum benötigt eine ‘hinreichende’ Öffentlichkeit: ohne funktionierende Öffentlichkeit keine gute Kommunikation, ohne gute Kommunikation nur partielle, schlechte Erkenntnis.

  11. Berücksichtigt man all dies, stellt sich natürlich die Frage nach dem ‘Sinn’ des Ganzen. Klar ist, dass die Frage wer am meisten Geld hat, die größte politische Macht, wie berühmt jemand ist, wie ’schön’ usw. relativ bedeutungslos sind gemessen an der globalen Aufgabe, die verfügbare Energie in jenes Wissen zu verwandeln, das den ‘Wärmetod’ ‘überlebt’. Militärische Macht kann punktuell und regional eventuell entscheiden, welche Gruppeninteressen sich für eine kurze Zeit ‘durchsetzen’, doch auch militärische Macht entkommt nicht der globalen Herausforderung, wie das biologische Leben als solches sich angesichts seiner fragilen Lage innerhalb des verfügbaren Zeitfensters auf Dauer den Kosmos so umgestaltet, dass aus der ‘Anfangsübung’ ‘Leben auf der Erde’ ‘mehr’ wird. Vielleicht müssen wir uns auch gar nicht physikalisch behaupten; vielleicht besteht der ‘Sinn’ dieses Lebens auf der Erde/ in diesem Kosmos nur darin, die ‘Hoffnung auf Mehr’ zu schmecken, um dann im/ nach dem körperlichen Tod den ‘eigentlichen’ Zustand zu erleben. Wer kann dies so genau sagen. Ich persönlich halte allerdings den ‘Aufwand’, der bislang getrieben wurde, um biologisches Leben überhaupt zu ermöglichen und über all die Milliarden Jahre zu immer komplexeren Formen heran zu reifen für so immens, dass es nicht so recht einleuchten will, dass darin kein spezieller ‘Auftrag’ gegeben ist. Zu sagen, wir sind ‘nur’ Menschen übersieht, dass dieses ‘nur’ genau den Punkt verpasst, der das zentrale Drama der ganzen Erde, des ganzen Sonnensystems auszeichnet. Natürlich wäre es unbequem, zuzugeben, dass der Erfolg dieses Lebens wichtig ist…

Quelle: Ludwig Boltzmann, “Populäre Schriften”, Leipzig: Verlag Johann Ambrosius Barth, 1905

Ägypten und Tunesien – das sind wir, und mehr….

  1. Während ich diese Zeilen schreibe steht der Machtkampf in Ägypten auf der Kippe: Kann sich Präsident Mubarak an der Macht halten oder folgen ihm jetzt doch andere nach; und wenn andere, welche andere? Nach allen Informationen, die ich bekommen konnte, ist es nicht eine bestimmte radikale Gruppe, die hier nach Veränderungen ruft und dafür Gesundheit und Leben riskiert, sondern eine breite Schicht der Bevölkerung, und hier natürlich insbesondere die jüngere Generation, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellt. Jahrelang bevormundet, gegängelt, kontrolliert, schikaniert, mit üblen Polizeistaatsmethoden eingeschüchtert lehnen sich jetzt die Vielen dagegen auf. Sie wollen keine korrupten Beamten, sie wollen keine Günstlingswirtschaft, sie wollen keine Milliardäre auf Kosten einer bestohlenen Bevölkerung, sie wollen keine staatlich zensierte Medien, sondern sie wollen mehr Respekt, mehr Anerkennung, mehr Selbstbestimmung, sie wollen offene Kommunikation, Sie wollen mehr reale Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten.

  2. Das ägyptische Volk folgt in diesem Kampf (der über Massendemonstrationen ausgetragen wird) dem tunesischen Volk. Andere Länder Nordafrikas haben ähnliche Konstellationen.

  3. Die europäischen und nordamerikanischen Politiker haben diese unwürdigen Zustände jahrzehntelang unterstützt. Die Bürger dieser Länder – ich schließe mich hier nicht aus – haben u.a. als Touristen das Spiel mitgespielt. Während die europäischen Politiker in diesen Tagen das gewohnt handlungsschwache Bild abgeben, verbal in den Medien eine Moral artikulieren, die Sie oft nur opportunistisch mal heraushängen, mal verschweigen – oder einige gar partiell selbst aktiv mit Füßen treten — haben die Amerikaner anscheinend einen klaren Schwenk vollzogen: sie fordern Mubarak zum Rücktritt auf und erwecken den Eindruck, dass sie über das Militär die politische Veränderung unterstützen wollen. Allerdings haben auch die USA wiederholt demonstriert, dass Diktatoren, Terroristen und Verbrecher willkommen sein können, wenn Sie den eigenen Interessen nützen, so daß der Schwenk der USA nicht unbedingt von einem moralischen Gesinnungswandel getragen sein muß.

  4. Während es generell nicht leicht ist, den täglichen Zuckungen der politischen Gremien zu folgen, deutet sich mit Tunesien und Ägypten aber doch an – was auch Ende des 20.Jahrhunderts in Mittel und Osteuropa zu beobachten war –, dass Machtkartelle auf Kosten der breiten Mehrheit einer Bevölkerung heutzutage immer weniger eine Chance haben. Denn die Voraussetzung einer egoistischen Machtclique, nämlich die Kontrolle aller wichtigen Ressourcen, kann letztlich nur durch Repression und konkrete Gewalt gegen die vielen anderen funktionieren. Wenn dies zur Verarmung, zur täglichen Desinformation, zu täglichen Rechtsbrüchen gegen die Menschlichkeit, zu Arbeitslosigkeit und Korruption, und damit zu Enttäuschungen und zu einer wachsenden Hoffnungslosigkeit bei immer mehr Menschen führt, dann wird diese Gesellschaft von innen zerfressen. Damit fällt sie auf Dauer im ‘Konkurrenzkampf’ der gesellschaftlichen Systeme um Ressourcen und Macht immer weiter zurück. Einen kurzsichtig agierenden Machtparasiten ficht solches nicht an. Ihm reicht sein aktueller Erfolg. Das Leiden der Vielen, die Schwächung eines ganzen Volkes, sind ihm egal; er – und seine Gefolgsleute – blenden dies aus.

  5. Es ist sicher kein Zufall, dass sich oft in solchen Gesellschaften, in denen Macht missbraucht, Bildung und freie Medien unterdrückt werden, ‘radikale’ Gruppierungen entwickeln, die sich als ‘Sprecher’ und ‘Interessenvertreter’ der ‘unterdrückten’ Bevölkerungsteile verstehen und darstellen. In der Vergangenheit führte dies bisweilen zu den Umbrüchen (’Revolutionen’), die wir im Nachhinein als ‘erfolgreich’ darstellen (Reformation, französische Revolution, nordamerikanische Revolution, Maos langer Marsch, Perestroika, ….). Aber immer wieder sind solche Umbrüche auch gescheitert oder haben gezeigt, dass die ‘Gewinner’ letztlich nicht viel besser waren als die, die sie aus der Macht verjagt haben.

  6. Eine häufige Figur ist auch die, dass amtierende Machtstrukturen die ‘Gefahr’ durch radikale Strömungen als Vorwand nehmen, um die eigene Machtposition mit Mitteln abzusichern, die letztlich die eigene Machtposition immer mehr der Form eines Unrechtsregimes annähern. Unter dem Vorwand, ‘Freiheit’ und ‘Gerechtigkeit’ gegen Feinde zu schützen, wird die Freiheit und das Recht des einzelnen schrittweise eingeschränkt, soweit, dass man sich dann fragen kann, was hier noch geschützt werden soll? Der Verlust der demokratischen Kontrolle eines staatlichen Machtapparates kann in komplexen modernen Gesellschaften ‘fließend’ sein, so sehr, dass selbst die Akteure des Macht-Apparates den Überblick verlieren. Die USA, eines der wichtigsten Länder dieser Erde, sind bekannt für ihr Engagement im zweiten großen Krieg, in dem sie als Befreier vom Nationalsozialismus auftraten. Sie brachten große Opfer und kämpften mit großem Idealismus. Dann waren sie aktiv als Schutzmacht gegen den Kommunismus. In nahezu jeder Beziehung wurden und waren Sie Jahrzehnte die Weltmacht Nr.1. Viele Analysen und Berichte lassen jetzt aber den Eindruck entstehen, dass sich das Machtdenken und die reine Profitgier unter dem Mantel politischer Werte ihren Weg gesucht haben, womöglich gar sich zu verselbständigen beginnen. Dass es zudem Machtausübungen in den letzten letzten Jahrzehnten gab, in denen die Rechte von Menschen und ganzen Bevölkerungen mit Füßen getreten wurden. Nicht weniger schlimm, es entsteht der Eindruck, daß die USA ihr eigenes Rechtssystem unter dem Vorwand des ‘Schutzes gegen Bedrohung von außen’ soweit verändert haben – und beständig weiter verändern –, daß man nach Bedarf jederzeit jeden ohne jeglichen rechtlichen Schutz als Terrorist behandeln kann, selbst wenn er gar kein Terrorist ist (ganz zu schweigen von dem, was Geheimdienste abseits der Öffentlichkeit in einem ‘quasi rechtsfreien Raum’ tun dürfen. Das wenige, was einem ‘normalen’ Bürger bekannt wird, wirkt nicht sehr beruhigend). Für welche Werte stehen die USA heute noch? Es ist schwer bis unmöglich, sich hier ein klares Bild zu verschaffen. Welche Medien sind nicht von handfesten politischen oder wirtschaftlichen Interessen dominiert?

  7. Ägypten, Tunesien, Nordafrika, Europa, Nordamerika, Asien…. das ist alles nicht mehr weit auseinander; wir sind immer mehr miteinander verflochten. Die Handlungen des einen beeinflussen die Handlungen der anderen. Die ‘Werte’ des einen tangieren nahezu unausweichlich auch die ‘Werte’ des anderen. Macht hat grundsätzlich die Tendenz, sich selbst zu verstetigen (perpetuieren), sich abzusichern. Die ganze Geschichte ist ein einziges Lehrstück, wie Menschen versuchen, den Umgang mit der Macht zu ‘regulieren’. Demokratien sind recht junge Erfindungen und keineswegs ’sicher’; sie leben von ‘realer’ Freiheit, von ‘Rechtssicherheit’, von einer funktionierenden Öffentlichkeit. Politische Macht und Finanzkraft ist immer versucht, alle Parameter im eigenen Interesse zu manipulieren. Die Kontrolle der öffentlichen Medien ist für solche partikulären Machtinteressen das Wichtigste, die Beeinflussung des Rechtssystems nicht weniger, die Freiheit ist dann die ‘Restgröße’, die bleibt. Kein Staat dieser Erde, kein Gesellschaftssystem ist gegen diesen beständigen Erosionsprozeß gefeit. Jede Generation muß sich ihre Machtregulierung – z.B. in Gestalt einer Demokratie – neu erkämpfen. Und den ‘Galionsfiguren’ der demokratischen Bewegung, wie sie die USA auf jeden Fall eine war, müssen beständig mit kritischem Blick darauf abgesucht werden, ob die herrschenden Machtzirkel sich nicht eventuell schon soweit verselbständigt haben, dass rein formal, äußerlich zwar noch eine Demokratie besteht, aber faktisch wenige Machtgruppen den Staat nach ihrem Gutdünken manipulieren.

  8. Dies sind sehr fragmentarische Überlegungen, sehr grob, stark vereinfachend, allerdings notwendig, um große Strukturen sichtbar zu machen. Dabei schälen sich zwei Dimensionen heraus, die immer und überall wirksam sind: (i) welche Bevölkerungen wir auch immer betrachten, letztlich ist es immer ein EINZELNER Mensch, der sich dafür ENTSCHEIDET, etwas bestimmtes zu TUN oder eben nicht. Selbst die schlimmste Diktatur würde augenblicklich in Nichts zerfallen, wenn die Mehrheit der Menschen sich DAGEGEN entscheiden würde. Die Frage ist nur, aufgrund welcher WERTE und welchen WISSENS entscheidet sich ein einzelner Mensch für oder gegen etwas. Dies führt (ii) zur zweiten Dimension: einzelne Menschen können nur dann GEMEINSAM handeln, wenn sie aufgrund einer FUNKTIONIERENDEN KOMMUNIKATION ihre Meinungen, ihr Wissen, ihre Werte, ihre Erfahrungen AUSTAUSCHEN können. Ohne eine hinreichende Kommunikation kann keine gemeinsam geteilte Meinung entstehen, die zu einem gemeinsamen Handeln führt. Aus diesem Grund ist eine FUNKTIONIERENDE ÖFFENTLICHKEIT die Grundvoraussetzung für jede Art von menschlicher Gesellschaft (und auch für jede wahre Demokratie). Ohne funktionierende FREIE Kommunikation ist praktisch nichts möglich.

  9. Tatsache ist, dass in vielen Ländern unserer Erde eine wirklich freie Kommunikation noch immer nicht möglich ist.

  10. Nehmen wir mal an, wir hätten eine freie Kommunikation. Menschen könnten miteinander reden. Es gibt sehr viele Faktoren, die Menschen ‘aus sich heraus’ daran hindern, von einer freien Kommunikation Gebrauch zu machen.

  11. Nehmen wir einmal an, die meisten Menschen überwinden ihre Scheu, ihre Ängste, ihre Vorbehalte, ihre Vorurteile – oder was es sonst noch geben mag, nicht zu kommunizieren –, nehmen wir einmal an, die meisten Menschen haben genügend Zeit (!), zu kommunizieren, was kommuniziert werden müßte, dann stellt sich die INHALTLICHE Frage, worüber sie kommunizieren wollen. Was WISSEN wir überhaupt von uns, von den anderen, von der Welt, in der wir leben, von unserem Sonnensystem, von den letzten Dingen, von ‘Werten’? Wissen wir genug von dem, was notwendig ist, damit wir GEMEINSAM auf dieser Erde, in diesem Universum, friedlich miteinander für n-viele (wie viele?) Jahre leben können? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Anschauungen, mit unterschiedlichen Werten um? Bei Sonntagsreden sprechen wir von ‘Toleranz’, aber wenn mir jemand gegenüber tritt, der sich auf Werte beruft, die meine Werte in Frage stellen – oder umgekehrt –, was machen wir dann? Ich habe nicht den Eindruck, dass wir auf diese zentralen Fragen schon gemeinsam akzeptierte Antworten haben. Fakt ist auf jeden Fall, dass wir mit jedem Tag auf dieser Erde uns allen immer ein Stückchen ‘näher gerückt werden’, nicht, weil wir dies wollen, sondern weil eine Vielzahl von Faktoren uns zwingen, miteinander etwas zu tun.

  12. Bei dem Versuch, zu verstehen, wie wir als Menschen ‘funktionieren’, verstärkt sich in mir der Eindruck, dass wir als Menschen in der Tat etwas sehr Besonderes verkörpern. Zugleich ist aber auch klar, dass die aktuelle körperliche Ausstattung unserer Wahrnehmung, unserem Erinnern, unserem Fühlen, unserem Denken und Entscheiden, sehr klare Grenzen auferlegen. Die Prozesse, durch die wir Lernen, Erkennen, uns eine Meinung bilden sind begrenzt, langsam, und sehr anfällig für Verkürzungen und Fehler. Gemessen an der Komplexität der Welt, die uns umgibt, die uns zum Handeln herausfordert, sind wir bei dem heutigen Stand des Wissens und der Technologie, heillos überfordert. Selbst wenn wir wollten – mit aller Kraft, mit allerbesten Werten – niemand ist heute in der Lage, auch nur annähernd eine hinreichend begründete Entscheidung für irgendetwas zu fällen. Möglicherweise war das noch nie besser. Möglicherweise besteht der Fortschritt darin, dass wir zu erkennen beginnen, dass dies so ist.

  13. Momentan habe ich keine klare Idee, wie wir alle dieses Grundproblem am besten lösen können. Klar ist allerdings, dass (i) ohne funktionierende Kommunikation gar nichts geht; (ii) dass wir ohne eine deutliche bessere Wissenstechnologie auch nicht weiter kommen; (iii) dass wir um eine gemeinsame Klärung der Wertefrage nicht herum kommen. Dazu wird es nicht ausreichen, die bisher bekannten ‘alten’ Wertesysteme einfach zu wiederholen und sich damit zu begnügen, die ‘anderen’ als ‘falsch’ hinzustellen, weil man selbst ja das ‘Richtige’ wüßte. Wir müssen uns bzgl. der Werte deutlich weiter entwickeln. In diesem Zusammenhang scheint mir, dass die Anhänger der sogenannten Offenbarungsreligionen sich klar werden müssen, dass nicht Sie ihrem Gott diktieren, was richtig und falsch ist, sondern sie müssen begreifen, dass dieser Gott ‘lebt’ und erwartet, dass die Menschen der Gegenwart ‘lernen’, was ‘heute’ das ‘Richtige’ ist, und ‘Lernen’ heisst wirklich aktiv von einem lebenden Gott zu lernen und nicht aus Schriften vorzulesen, die irgendwelche Menschen vor 1500 und mehr Jahren irgendwie (wir wissen letztlich nicht wer wann was wie) geschrieben haben. Und dieses Lernen ist nicht auf einzelne Menschen beschränkt sondern betrifft ALLE, JEDEN. Kein einziger Mensch hat aus sich heraus mehr Rechte als irgendein anderer Mensch. Das ist unsere Aufgabe: einen gemeinsamen Weg zu finden. Je eher wir unsere persönlichen Grenzen und Unfähigkeiten erkennen und akzeptieren, umso eher können wir gemeinsam nach einer besseren Lösung suchen. Wenn es eine Lösung gibt, wird man sie finden können. Wenn es keine gibt, dann ist es fast ein bischen ‘egal’ was geschieht, dann sind aber auch alle Machtansprüche und Privilegien reine Willkür…

MENSCHENBILD IM WANDEL - Vortrag 24.Nov.2011

In Ergänzung zu diesem Block findet ein öffentlicher Vortrag statt:

Vortragsankündigung

ZUR GRAMMATIK DES SINNS (1)

(1) In dem Blogeintrag “Wir  sind nicht Nichts” wird sichtbar, dass wir allein durch die Tatsache, dass wir aktuell leben,
an einem  Geschehen teilhaben, das dessen Tragweite und Tiefe alles übersteigt, was wir normalerweise denken und
 kommunizieren.

(2) Der mögliche ‘Sinn’ dieses Geschehens, also ein möglicher ‘Zusammenhang’ zwischen all den vielen ‘Aspekten’ dieses
geradezu kosmischen Prozesses, enthüllt sich für uns Menschen –wenn überhaupt– zunächst nur als individuelles Erleben
 und Verstehen, d.h. als Erleben und Verstehen in einem einzelnen Menschen. Dies heisst NICHT, dass das Erleben und
Verstehen eines einzelnen Menschen die ’sinnbegründenden’ Sachverhalte allererst ’schafft’, sondern nur, dass diese
 ’sinnbegründenden’ Sachverhalte in dem Moment des Erkennens in diesem jeweiligen Erkennen ‘bewusst’ werden. ‘Bewusst’
werden kann nur etwas, was schon ‘da’ ist und in seinem Dasein ’so wirksam’ ist, dass es ein ‘Bewusstwerden’ bewirken kann.

(3) Darüberhinaus kann ein Sachverhalt, der eine ‘Bewusstwerdung’ auslösen kann, diese Bewusstwerdung in mehr als einem
einzelnen Menschen zugleich auslösen; ein Sonnenaufgang (oder Untergang) kann von vielen Menschen ‘gleichzeitig’
wahrgenommen werden, wenn Sie sich ‘im Moment des Geschehens’ an einem ‘geeigneten Ort’ befinden.

(4) Schon diese wenigen Gedanken lassem nebenbei erkennen, dass sich Bewusstwerdung bei Menschen mit ‘Körperlichkeit’ paart: unser Erleben setzt eine irgenwie geartete Körperlichkeit voraus, dazu eine ‘Raumstruktur’, und eine ‘Gerichtetheit’ von Ereignissen als
‘Jetzt’ und ‘Vor dem Jetzt’ (’vorher’, ‘vergangen’ als ‘Erinnerbares’).

(5) Aufgrund unserer ‘Lebenserfahrung’ wissen wir,  wie ‘unterschiedlich’ einzelne Menschen das allgemeine Leben trotz
der vielen strukturellen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen erfahren können. Jeder ‘einzelne’ Mensch nimmt in der
Raumstruktur des Erlebens einen charakteristischen individuellen ‘Ort’ ein, von dem aus er die ‘umgebende Welt’ in
einer Weise erfährt, die sich absolut von der ‘Erlebnisspur’ eines anderen Menschen unterscheidet.

(6) Eine ‘individuelle Erlebnisspur’ enthält ‘externe’  und ‘interne’ Anteile: ‘extern’ insofern ‘etwas’ auf das
individuelle Erleben einwirkt, und ‘intern’, insofern diese Einwirkungen ‘Wirkungen hervorrufen’, die den einzelnen
Menschen in seinem ‘Erinnern’ und ‘Fühlen’ prägen.

(7) ‘Im’ Erleben des einzelnen Menschen ‘mischen’ sich die internen und externen Anteile kontinuierlich; je mehr
‘Erfahrung’ jemand hat, umso mehr beeinflussen die ‘vorhandenen’  internen Anteile die aktuell einwirkenden Anteile.
 Dies kann ‘hilfreich’ sein, wenn ‘bisherige Erfahrung’ das ‘aktuell Erlebte’ in ‘geeigneter’ Weise ‘einordnet’; dies
kann ‘hinderlich’ sein wenn die bisherigen Erfahrungen irgendwie ‘verzerrt’ sind und altuelles Erleben ‘falsch’
‘interpretiert’.

(8) Aufgrund unserer ‘Lebenserfahrung’ wissen wir ferner, dass es zwischen dem Erleben verschiedener einzelner Menschen
eine Art ‘Austausch’ durch ‘Kommunikation’ geben kann.

(9) Kommunikation besagt, dass verschiedene Menschen über ein ‘Zeichensystem’ (’Sprache’ L)verfügen, das in der Lage ist, Aspekte des individuellen Erlebens mittels ‘intersubjektivem (= externen) Zeichenmaterial’ so zu ‘repräsentieren’, dass ein individuelles Erleben A bestimmte Erlebnisse von A mit einer ‘Zeichenfolge’ Z so ‘enkodieren’ kann (enkodieren: A –> Z), dass ein anderes individuelles
Erleben B diese Zeichenfolge Z so ‘dekodieren’ kann (dekodieren: Z –> B), dass das Erleben in B eine ‘hinreichende Ähnlichkeit’ mit dem Erleben von A aufweist  SIMILARITY(Z(A),Z(B)).

(10)  Das grösste Problem in der zeichenbasierten (= ’sprachlichen’) Kommunikation ist die Herstellung dieser Ähnlichkeit SIMILARITY() sowie die ’subjektive Vergewisserung’, dass solch eine Ähnlichkeit in ‘hinreichendem Masse vorliegt.

(11) Da kein einzelner Mensch (unter ‘normalen’ Umständen),  in das Erleben eines anderen Menschen ‘direkt hineinschauen’ kann, kann sich kein einzelner Mensch so ohne weiteres ’sicher’ sein, dass der andere Mensch beim Gebrauch eines bestimmten Zeichenmaterials Z  (als Teil einer Sprache L) tatsächlich das ‘Gleiche’ ‘meint’ wie ‘er selbst’.

(12) Zu solch einer ‘Vergewisserung’ der ‘gemeinsamen Ähnlichkeit’ SIMILARITY() bedarf es ‘Formen von Interaktion’,
die ‘unabhängig’ von dem Zeicensystem (von der Sprache L) sind, die aber zugleich  geeignet sind, die ‘Vermutung einer Ähnlichkeit’ zu ‘unterstützen’. Dies berührt das Problem der ‘Entstehung von Sprache’: wie ist es möglich, dass Menschen neues Zeichenmaterial Z als Teil von L so ‘einführen’, dass sie ’sicher’ sein können, dass ‘alle Benutzer von L’ ‘das Gleiche’ ‘meinen’?

(13) Im Falle von ‘externen Ereignissen’, die ‘wiederholbar’ sind und die von allen Beteiligten ‘hinreichend ähnlich wahrgenommen werden können’, erscheint die Einführung einer ‘Verbindung’ von ‘erlebnisauslösendem Ereignis E’, ‘korrespondierendem Erleben Ph’ sowie ‘repräsentierendem Zeichen Z’ ansatzweise ‘nachvollziehbar’. Ein ‘Zeichen’ SYMB wäre dann diese komplexe Beziehung als ganzer, d.h. ein repräsentierendes Zeichen SYMB(E,Z,Ph) ist eine Beziehung zwischen E und Z und Ph, die als diese Beziehung ‘bewusst’ ist und als solche ‘erinnert’ werden kann (diese Überlegungen finden sich u.a. bei den grossen Semiotikern Charles S.Peirce und Charles Morris, aber auch schon bei früheren Philosphen der Scholastik und zumindest auch bei griechischen Philosophen).

(14) Man kann ahnen, dass die Realisierung eines solchen Zeichenbegriffs in der Praxis eine sehr komplexe ‘Maschinerie’ voraussetzt, dier hier vorläufig kein Thema sein soll (hier wären all die schönen Dinge einschlägig, die wir aus den Sprachwissenschaften kennen, der Psychologie, der Ethologie, den Neurowissenschaften, der Phonetik, der Anthropologie, der Automatentheorie usw.).

(15) Nehmen wir also an, dass Menschen in der Lage sind, repräsentierende Zeichen SYMB_i(E,Z,Ph) einzuführen, denen jeweils korrespondierende ‘erinnerbare interne Strukturen’ SYMB_i()_x entsprechen (’SYMB_i()_x’ wäre dann das repräsentierende Symbol i, das von dem Individuum x erinnert werden kann). Dann wäre ein Menschen A in der Lage, internes Erleben Ph, zu dem es ein erinnerbares repräsentierendes Symbol SYMB_i(_,Z,Ph)_A gibt, mittels eines kodierenden Zeichenmaterials Z zu ‘äussern’, und ein anderer Mensch B könnte mittels des Zeichenmaterials Z sein erinnerbares Zeichen SYMB_i(_,Z,Ph)_B ‘erinnern’. Er würde dann ‘annehmen’, dass das bei B durch Z induzierte Erleben Ph dem entspricht, was den A veranlasst hat, Z zu äussern.

(16) Schwieriger –bis unmöglich– wird es, wenn Menschen repräsentierende Zeichen für solches Erleben einführen wollen, dem keine direkten ‘intersubjektiven’ Ereignisse korrespondieren (was aber sehr umfangreich geschieht).

Zwischenergebnis 1:
(i) Individuelles Erleben ist möglich, weil es etwas dem Erleben Externes gibt, was dieses Erleben auslöst
(ii) Sofern die Einführung repräsentierender Zeichen gelingt, können Individuen Teile ihres Erlebens
durch solche Zeichen ‘kommunizieren’

(17) Was immer es an ’sinnrelevanten’ Zusammenhängen in dem für uns relevanten Teil des Kosmos geben mag, werden wir davon nur dann und nur soviel ‘erfahren’, insoweit diese Zusammenhänge unserem individuellen Erleben und unserer symbolischer Kommunikation  zugänglich werden. Sofern wir ein ‘Fehlen’ von Sinn in unserem Erleben und Kommunizieren konstatieren würden, würde dies zunächst nicht besagen, dass es keinen Sinn gibt, sondern nur, dass derjenige, der dieses Fehlen konstatiert, bislang nicht in der Lage war, sein Erleben  entsprechenden ’sinnstiftenden’ Sachverhalten in Berührung zu bringen.

(18) Ergänzend wäre anzumerken, dass der ‘Kontakt’ mit sinnstiftenden Sachverhalten sogar stattgefunden haben kann, dass aber die ‘Art und Weise’, wie dieses Erleben ‘kognitiv verarbeitet’ wurde, nicht in der Lage war, die  ’sinnrelevanten Anteile’ zu ‘erkennen’. Erkennen ist (man lese die entsprechenden Einträge im Blog) kein völlig automatischer immer gleichförmiger Prozess, sondern ein komplexes dynamisches Geschehen, das bei gleicher Wahrnehmungslage zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, je nachdem, ‘wie’ jemand ‘aktiv denkt’.

(19) Eine Feststellung, dass ‘Sinn’ für uns ‘nicht möglich’ sei, ist unter Voraussetzung dieser Erkenntislage für uns prinzipiell nicht möglich. Wir können entweder nur feststellen, dass wir ‘noch nicht’ in der Lage sind, einen Sinn explizit zu benennen oder eben, dass uns bestimmte Sachverhalte als für uns ’sinnvoll’ erscheinen.

(20) Hier wäre jetzt zu klären ob und wieweit wir ‘mögliche sinnvollen Sachverhalte’ konkret, beispielhaft  identifizieren  können.