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Kollektive Mensch-Maschine Intelligenz im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Brauchen wir ein neues Menschenbild? Vorlesung für AG ENIGMA im Rahmen von U3L der Goethe Universität

Entstehungszeit: 2.Nov 2023 – 6.Jan 2023

Autor: Gerd Doeben-Henisch

Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Der folgende Text ist die nachträgliche Verschriftlichung einer Vorlesung, die der Autor für die Internet-Arbeitsgruppe ENIGMA [3] der U3L [1,2] der Goethe-Universität Frankfurt am 10.November 2023 gehalten hat. Er stellt eine Weiterentwicklung eines Konferenzbeitrags dar, der bei de Gruyter veröffentlicht wurde: Kollektive Mensch-Maschine-Intelligenz und Text-Generierung. Eine transdisziplinäre Analyse (2023). Man kann auch alle anderen Beiträge (open access) herunterladen.

Der Ankündigungstext lautet:

Kollektive Mensch-Maschine Intelligenz im Kontext
nachhaltiger Entwicklung – Brauchen wir ein neues
Menschenbild?


Prof. Dr. Gerd Doeben-Henisch, Frankfurt University
of Applied Sciences


Die Zeichen der Zeit stehen auf ‚Digitalisierung‘. Schon ist es selbstver-
ständlich, alles, was ‚digital‘ ist, auch mit den Worten ‚smart‘ bzw.‚
intelligent‘ zu verknüpfen. ‚Künstliche Intelligenz‘, ja, natürlich, wer fragt
da noch nach … und wir Menschen, war da nicht was? Gab es nicht
solche Worte wie ‚Geist‘, ‚Rationalität‘, ‚Intelligenz‘ im Umfeld des
Menschen, ‚Wille‘ und ‚Gefühle‘? Ja, es gab eine Zeit, da sahen die
Menschen sich selbst als ‚Krone der Schöpfung‘ … Und jetzt? Eine
Sprachlosigkeit greift um sich; der ‚Schöpfer‘ des Digitalen scheint vor
seinem Werk zu erstarren …

[1] Home u3l: https://www.uni-frankfurt.de/122411224/U3L_Home?

[2] Vorlesungsverzeichnis u3l-WS2023: https://www.uni-frankfurt.de/141923421/programm-ws-2023-24.pdf

[3] Flyer der Vorlesungsreihe WS23/24: https://www.uni-frankfurt.de/144405162.pdf

Zusammenfassung

Die Vorlesung greift zunächst den Kontext der Digitalisierung auf und macht die grundlegenden Strukturen deutlich. Das Eindringen von digitalen Technologien und deren Nutzung im Alltag ist schon jetzt sehr tiefgreifend. Gesellschaftlich spielt die sprachliche Kommunikation für alle Menschen und alle Abläufe eine zentrale Rolle. Literarischen und wissenschaftlichen Kommunikationsformaten kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Am Beispiel der neuen Algorithmen für Text-Generierung (wie z.B. chatGPT) wird mit Bezug auf wissenschaftliche Kommunikationformate gezeigt, wie deutlich begrenzt die algorithmische Text-Generierung noch ist. Für alle drängenden Zukunftsaufgaben kann sie den Menschen aufgrund prinzipieller Grenzen nicht ersetzen. Die weitere Ausgestaltung algorithmischer Technologien muss an diesen gesellschaftlichen Herausforderungen gemessen und entsprechend verbessert werden.

INHALTSVERZEICHNIS

  1. EINLEITUNG
  2. DIGITALISIERUNG
    2.1 DAS INTERNET
    2.2 DIE GESELLSCHAFT
  3. DIGITALISIERUNG – SPRACHTECHNOLOGIEN
  4. GESELLSCHAFT – SPRACHE – LITERATUR
  5. SPRACHE UND BEDEUTUNG
  6. ZÄHMUNG DER BEDEUTUNG – WISSENSCHAFT
  7. EMPIRISCHE THEORIE
  8. WAHRHEIT, PROGNOSE & TEXT-GENERATOREN
  9. Epilog

1. EINLEITUNG

Der Titel dieser Vorlesung repräsentiert letztlich das Forschungsparadigma, innerhalb dessen sich der Autor seit ca. 5-6 Jahren bewegt hat. Das Motiv war — und ist –, die üblicherweise isolierten Themen ‚Kollektives menschliches Verhalten‘, ‚Künstliche Intelligenz‘ sowie ‚Nachhaltige Entwicklung‘ zu einer kohärenten Formel zu vereinigen. Dass dies nicht ohne Folgen für das ‚Menschenbild‘ bleiben würde, so wie wir Menschen uns selbst sehen, klang unausgesprochen immer schon zwischen den Zeilen mit.

Die Integration der beiden Themen ‚kollektives menschliches Verhalten‘ sowie ’nachhaltige Entwicklung‘ konnte der Autor schon im Jahr 2022 vollziehen. Dazu musste der Begriff ‚Nachhaltige Entwicklung‘ re-analysiert werden. Was sowohl im Umfeld des Forschungsprojektes Nachhaltige Intelligenz – intelligente Nachhaltigkeit [1] stattfand wie auch in einer sich über 7 Semester erstreckende multidisziplinären Lehrveranstaltung an der Frankfurt University of Applied Sciences mit dem Titel Citizen Science für Nachhaltige Entwicklung.[2]

Die Integration des Themas Künstliche Intelligenz mit den beiden anderen Themen erwies sich als schwieriger. Dies nicht, weil das Thema künstliche Intelligenz so schwer war, sondern weil sich eine brauchbare Charakterisierung von künstlicher Intelligenz Technologie mit Blick auf die Bedürfnisse einer Gesellschaft als schwer erwies: bezogen auf welche Anforderungen einer Gesellschaft sollte man den Beitrag einer künstlichen Intelligenz gewichten?

Hier kamen zwei Ereignisse zu Hilfe: Im November 2022 stellte die US-Firma openAI eine neue Generation von Text-Generatoren vor [3], was zu einer bis dahin nie gekannten Publikations-Explosion führte: Gefühlt jeder fühlte sich angesprochen, nutzte das Werkzeug, und es gab vielstimmige Meinungsäußerung. In folge davon konnte der Autor sich bei einer Konferenz an der TU-Darmstadt beteiligen mit dem Titel Diskurse disruptiver digitaler Technologien am Beispiel von KI-Textgeneratoren (KI:Text) [4]. Hier wurde aus Sicht von 18 Perspektiven versucht, die mögliche Einsetzbarkeit von Text-Generatoren am Beispiel konkreter Text-Arten zu untersuchen. Diese Konferenz stimulierte den Plan, das Setting Text – chatGPT zu übernehmen und es durch Spezialisierung der Text-Variablen auf Literatur und insbesondere wissenschaftliche Theorien zu konkretisieren. Erste Überlegungen in diese Richtungen finden sich hier. [5]

Im Nachklang zu diesen Überlegungen bot es sich an, diese Gedanken im Vortrag für die Arbeitsgruppe ENIGMA weiter zu präzisieren. Dies ist geschehen und resultierte in diesem Vortrag.

[1] https://zevedi.de/themen/nachhaltige-intelligenz-intelligente-nachhaltigkeit/

[2] Materialien zur 6. und 7.Auflage: https://www.oksimo.org/lehre-2/

[3] Kurze Beschreibung: https://en.wikipedia.org/wiki/ChatGPT

[4] https://zevedi.de/themen/ki-text/

[5] Gerd Doeben-Henisch, 24.Aug 2023, Homo Sapiens: empirische und nachhaltig-empirische Theorien, Emotionen, und Maschinen. Eine Skizze, https://www.cognitiveagent.org/2023/08/24/homo-sapiens-empirische-und-nachhaltig-empirische-theorien-emotionen-und-maschinen-eine-skizze/

2. DIGITALISIERUNG

BILD 1: Überblick zu ‚Digitalisierung einer Gesellschaft‘

Da die ‚Digitalisierung‘ heute gefühlt schon fast alle Bereiche unserer menschlichen Gesellschaft erreicht hat, ist es nicht leicht in dieser Vielfalt einen Standpunkt zu lokalisieren, von dem aus sich sowohl über das Ganze wie auch über einzelne konkrete Themen zu sprechen. [1]

Es bot sich daher an, mit einem vereinfachten Überblick über das Ganze zu starten, so dass eine für alle gleiche Ausgangslage hergestellt werden konnte.

Im Bild 1 kann man den links gelblich-grünen Bereich sehen, der für die Gesellschaft selbst steht, und einen grauen Bereich rechts, der für jene Infrastrukturen steht, die eine Digitalisierung technisch ermöglichen. Beide Bereich sind stark schematisiert.

Die digitale Infrastruktur ist aufgeteilt in ‚Endgeräte‘ und in das eigentliche ‚Internet‘. Letzteres wird unterschieden in den ‚Adressraum‘ und jene Geräte, die über den Adressraum erreicht werden können.

2.1 DAS INTERNET

Kurz wurde auf einige wichtige Eigenschaften des Internets hingewiesen:

  1. Alle beteiligten Geräte setzen sich aus ‚Hardware‘ und ‚Software‘ zusammen. Die Hardware wiederum besteht aus einer Konfiguration von ‚Chips‘, die selbst sehr komplex sind und auch aus Hardware und Software bestehen. Bis zu ca. 80 Firmen können bei der Produktion eines einzelnen Chips beteiligt sein (unter Berücksichtigung der diversen Lieferketten). Die Möglichkeit, dass eine beteiligte Firma ’nicht-intendierte‘ Funktionen in einen Chip einbaut, ohne dass die anderen dies merken, sind prinzipiell gegeben. Die für Chips benötigten speziellen Materialien sind partiell ’selten‘ und nur über einige wenige Staaten beziehbar.
  2. Die ‚Software‘ auf einem Rechner (klein bis groß) zerfällt grob in zwei Typen: (i) jene Software, die die grundlegende Kommunikation mit einer Hardware ermöglicht — das ‚Betriebssystem‘ –, und jene Software, die bestimmte Anwendungen ermöglicht, die mit dem Betriebssystem kommunizieren muss — die Anwendungssoftware, heute auch einfach App genannt –. Betriebssysteme haben heute eine Größe, die vielen Millionen Zeilen Code umfassen. Eine solche Software angemessen auf Dauer zu managen, stellt extreme Anforderungen. Nicht weniger im Fall von Anwendungssoftware.
  3. Sobald Software aktiviert wird, d.h. ein Rechner ändert seine inneren Zustände unter dem Einfluss der Software, wird Energie verbraucht. Der Umfang dieses Energieverbrauchs ist heute noch vielfach extrem hoch.[2]
  4. Ein ‚realer Rechner‘ braucht irgendwo auf diesem Planeten einen ‚realen Ort‘ und gehört eine ‚realen Besitzer‘. Dieser Eigentümer hat prinzipiell den vollen Zugriff auf den Rechner, auf seine Software, auf seine Inhalte. Durch die ‚Gesetze‘ eines Landes, durch ‚Vereinbarungen‘ zwischen Geschäftspartnern kann man den Umgang mit dem Rechner versuchen zu regeln, aber Garantien dafür, dass dann tatsächlich die Prozesse und die Daten ‚geschützt‘ sind, gibt es nicht. Eine von vielen Untersuchungen zur Nutzung von Benutzerdaten konnte am Beispiel von Facebook aufzeigen, dass die Einführung der europäischen Datenschutzverordnung 2021 nahezu keine Wirkung im Bereich der Nutzerdaten von Facebook zeigte. [3,4,5]

[1] Phänomen: Den Wald vor lauter Bäume nicht sehen.

[2] Maximilian Sachse, Das Internet steht unter Strom. KI kann helfen, Emissionen einzusparen — verbraucht aber selbst Unmengen an Energie.FAZ, 31.Okt 2023, S.B3

[3] José González Cabañas, Ángel Cuevas, Aritz Arrate, and Rubén Cuevas. 2020. Does Facebook use sensitive data for advertising purposes? Commun. ACM 64, 1 (January 2021), 62–69. https://doi.org/10.1145/3426361

[4] Eine ausführlichere Analyse der Informationsbeschaffung von Nutzern ohne deren Wissen: Ingo Dachwitz, 08.06.2023, Wie deutsche Firmen am Geschäft mit unseren Daten verdienen. Wenn es um Firmen geht, die pausenlos Daten für Werbezwecke sammeln, denken viele an die USA. Unsere Recherche zeigt, wie tief deutsche Unternehmen inzwischen in das Netzwerk der Datenhändler verwoben sind und dass sie auch heikle Datenkategorien anboten. Beteiligt sind Konzerne wie die Deutsche Telekom und ProSieben Sat1, URL: https://netzpolitik.org/2023/adsquare_theadex_emetriq_werbetracking-wie-deutsche-firmen-am-geschaeft-mit-unseren-daten-verdienen/

[5] Ein aktuelles Beispiel mit Microsoft: Dirk Knop, Ronald Eikenberg, Stefan Wischner, 09.11.2023, Microsoft krallt sich Zugangsdaten: Achtung vor dem neuen Outlook. Das neue kostenlose Outlook ersetzt Mail in Windows, später auch das klassische Outlook. Es schickt geheime Zugangsdaten an Microsoft. c’t Magazin, Heise

2.2 DIE GESELLSCHAFT

Die Charakterisierung der Gesellschaft stellt natürlich auch eine starke Vereinfachung dar. Als wichtige Strukturmerkmale seien hier aber festgehalten:

  1. Es gibt eine Grundverfassung jeder Gesellschaft jenseits von Anarchie die zwischen den beiden Polen ‚Demokratisch‘ und ‚Autokratisch‘ liegt.
  2. Es gibt minimal ‚politische Entscheidungsstrukturen‘, die verantwortlich sind für geltende ‚Gesetze‘ und ‚Normen‘.
  3. Die Schlagader jeder lebendigen Gesellschaft ist aber die ‚Öffentlichkeit durch Kommunikation‘: wenn, dann verbindet Kommunikation die vielen Bürger zu handlungsfähigen Einheiten. Autokratien tendieren dazu, Kommunikation zu ‚instrumentalisieren‘, um die Bürger zu manipulieren. In Demokratien sollte dies nicht der Fall sein. Tatsächlich kann aber die Freiheit einer Demokratie von partikulären Interessen missbraucht werden.[1]
  4. Jeder einzelne Bürger ist als ‚menschlicher Akteur‘ eingewoben in unterschiedliche Kommunikationsbeziehungen, die vielfach durch Einsatz von ‚Medien‘ ermöglicht werden.

[1] Sehr viele interessante Ideen zur Rolle de Öffentlichkeit finden sich in dem Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit von Jürgen Habermas, veröffentlicht 1962. Siehe dazu ausführlich den Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturwandel_der_%C3%96ffentlichkeit

[2] Florian Grotz, Wolfgang Schroeder, Anker der Demokratie? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg der deutschen Demokratie geleistet. Derzeit steht er im Kreuzfeuer der Kritik. Wie kann er auch künftig seine Ankerfunktion im demokratischen Mediensystem erfüllen? FAZ 13.Nov 2023, S.6, Siehe auch online (beschränkt): https://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/ard-und-zdf-noch-im-dienst-der-demokratie-19309054.html Anmerkung: Die Autoren beschreiben kenntnisreich die historische Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) in drei Phasen. Verschiedene Schwierigkeiten und Herausforderungen heute werden hervor gehoben. Der generelle Tenor in allem ist, dass von ’notwendigen Veränderungen‘ gesprochen wird. Diese werden über die Themen ‚Finanzierung, Programm und Kontrolle‘ ein wenig ausgeführt. Dies sind alles sehr pragmatische Aspekte. Wenn es dann im Schlusssatz heißt „Es geht darum, dass der ÖRR auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Dienst der Demokratie spielen kann.“ dann kann man sich als Leser schon fragen, warum ist der ÖRR denn für die Demokratie so wichtig? Finanzen, Programme und Kontrolle sind mögliche pragmatische Teilaspekte, aber eine eigentliche Argumentation ist nicht zu erkennen. Mit Blick auf die Gegenwart, in welcher die ‚Öffentlichkeit‘ in eine Vielzahl von ‚Medienräumen‘ zerfällt, die von unterschiedlichen ‚Narrativen‘ beherrscht werden, die sich gegenseitig auszuschließen scheinen und die ein von einer echten Mehrheit getragenes politisches Handeln unmöglich erscheinen lassen, sind Finanzen, Kontrollen, formale Programmvielfalt nicht unbedingt wichtige konstruktive Kriterien. Der zusätzlich verheerende Einfluss neuer bedeutungsfreier Texte-generierende Technologien wird mit den genannten pragmatischen Kriterien nicht einmal ansatzweise erfasst.

3. DIGITALISIERUNG – SPRACHTECHNOLOGIEN

BILD 2 : Das Enstehen von Sprachtechnologien zur Unterstützung im Umgang mit Sprache

Dem ‚Weltereignis‘ Text-Generatoren im November 2022 gingen viele andere Sprachtechnologien voraus. So unterscheidet man grob:

  1. TTS, T2S , Text-to-Speech, Speechsynthesis: Erste Systeme, die geschriebenen Text in gesprochene Sprache umsetzen konnten. Ab 1968 [1]
  2. S2T, STT , Speech-to-Text: Spracherkennungssysteme, die gesprochene Sprache in geschriebenen Text verwandelt konnten. Ab 1952 [2]
  3. TRANSL , Maschineller Übersetzer: Programme, die von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache übersetzen können. Ab 1975. [3]
  4. DIAL , Dialogsysteme: Programme, die mit Menschen Dialoge führen können, um bestimmte Aufgaben zu unterstützen. Ab 1960iger Jahre. [4]
  5. C2T , Command-to-Text: Programme, die anhand von Aufforderungen Texte mit bestimmten Eigenschaften generieren können. Prominent ab November 2022. [5]

Mittlerweile gibt es noch eine Vielzahl anderer Werkzeuge, die im Rahmen der Computerlinguistik zur Arbeit mit Texten angeboten werden.[6]

Diese Beispiele zeigen, dass die Digitalisierung unserer Welt sich auch immer mehr unserer sprachlichen Kommunikation bemächtigt. Vielfach werden diese Werkzeuge als Hilfe, als Unterstützung wahrgenommen, um die menschliche Sprachproduktion besser verstehen und im Vollzug besser unterstützen zu können.

Im Fall der neuen befehlsorientierten Text-Generatoren, die aufgrund interner Datenbanken komplexe Texte generieren können, die für einen Leser ‚wie normale Texte von Menschen‘ daher kommen, wird der Raum der sprachlichen Kommunikation erstmalig von ’nicht-menschlichen‘ Akteuren durchdrungen, die eine stillschweigende Voraussetzung außer Kraft setzen, die bislang immer galt: es gibt plötzlich Autoren, die keine Menschen mehr sind. Dies führt zunehmend zu ernsthaften Irritationen im sprachlichen Diskursraum. Menschliche Autoren geraten in eine ernsthafte Krise: sind wir noch wichtig? Werden wir noch gebraucht? Ist ‚Menschsein‘ mit einem Schlag ‚entwertet‘?

[1] Erste Einführung hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Speech_synthesis

[2] Erste Einführung hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Speech_recognition

[3] Erste Einführung hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Machine_translation

[4] Erste Einführung hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Dialogue_system

[5] Erste Einführung hier: https://en.wikipedia.org/wiki/ChatGPT

[6] Für eine erste Einführung siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Computerlinguistik

4. GESELLSCHAFT – SPRACHE – LITERATUR

BILD 3 : Sprachtechnologien und Literatur

Das Auftreten der neuen Werkzeuge zur Text-Generierung stiftet eine anhaltende Unruhe im Lager der Schriftsteller, der Autoren und der Literaturwissenschaftler.

Ein beeindruckendes Beispiel ist die Analyse von Hannes Bajohr (2022).[1] Er spielt die Varianten durch, was passiert, wenn … Was passiert, wenn sich die Produktion von literarischen Texten mit Text-Generatoren durchsetzt? Wenn es zum Standard wird, dass immer mehr Texte, ganze Romane mit Text-Generatoren erzeugt werden? Und dies sind keine bloßen Träume, sondern solche Texte werden schon produziert; Bajohr selbst hat einen Roman unter Zuhilfenahme eines Text-Generators verfasst.[2]

Eine andere junge Autorin und Kulturwissenschaftlerin, die sich intensiv mit dem neuen Wechselverhältnis von Literatur, digitaler Welt und Text-Generatoren auseinander setzt ist Jenifer Becker.[3] Ihr Debüt-Roman ist aber noch ein Roman ohne Einsatz von künstlichen Texterzeugern. In ihrem Roman spricht sie noch ’selbst‘ als ‚menschliche Autorin‘ und wir damit potentiell zu einer Gesprächspartnerin für ihre Leser: der Andere als potentielles Ich, wobei das ‚eigentliche Ich‘ sich Spiegel des Textes in spannungsvoller Differenz erleben kann.

Angesichts einer digitalisierten Welt, die mehr und mehr zu einer ‚Ereigniswelt‘ wird, in der das ‚Verweilen‘, das ‚Verstehen‘ sich immer mehr abschwächt, verstummt, verliert auch das Individuum seine eigene Kraft und beginnt sich ‚hohl‘ anzufühlen, wo es doch gar nicht hohl ist, nicht hohl sein muss.

Hier setzt die Rede zur Nobelpreisverleihung 2018 für Literatur der polnischen Laureatin Olga Tokarczuk ein. Sie beschreibt als das Wunderbare von Literatur gerade diese einzigartige Fähigkeit von uns Menschen, dass wir mittels Sprache von unserem Innern berichten können, von unserer individuellen Art des Erlebens von Welt, von Zusammenhängen, die wir in dem Vielerlei des Alltags entdecken können, von Prozessen, Gefühlen, von Sinn und Unsinn. [4]

In dieser Eigenschaft ist Literatur durch nichts ersetzbar, bildet Literatur den ‚inneren Herzschlag‘ des Menschlichen auf diesem Planeten.

Aber, und dies sollte uns aufhorchen lassen, dieser wunderbarer Schatz von literarischen Texten wird bedroht durch den Virus der vollständigen Nivellierung, ja geradezu eine vollständigen Auslöschung. Text-Generatoren haben zwar keinerlei Wahrheit, keinerlei realen Bindungen an eine reale Welt, an reale Menschen, keinerlei wirkliche Bedeutung, aber in der Produktion von Texten (und gesprochener Rede) ohne Wahrheit sind sie vollständig frei. Durch ihre hohe Geschwindigkeit der Produktion können sie alle ‚menschliche Literatur‘ in der Masse des Bedeutungslosen aufsaugen, unsichtbar machen, nihilieren.

[1] Hannes Bajohr, 2022, Artifizielle und postartifizielle Texte. Über Literatur und Künstliche Intelligenz. Walter-Höllerer-Vorlesung 2022, 8.Dez. 2022, Technische Universität Berlin , URL: https://hannesbajohr.de/wp-content/uploads/2022/12/Hoellerer-Vorlesung-2022.pdf, Den Hinweis auf diesen Artikel erhielt ich von Jennifer Becker.

[2] Siehe dazu Bajohr selbst: https://hannesbajohr.de/

[3] Jenifer Becker, Zeiten der Langeweile, Hanser, Berlin, 2023. Dazu Besprechung in der Frankfurter Rundschau, 30.8.23, Lisa Berins, Die große Offline-Lüge, https://www.fr.de/kultur/literatur/zeiten-der-langeweile-von-jenifer-beckerdie-grosse-offline-luege-92490183.html

[4] Olga Tokarczuk, 2018, The Tender Narrator, in: Nobel Lecture by Olga Tokarczuk, 2018, Svenska Akademien, URL: https://www.nobelprize.org/uploads/2019/12/tokarczuk-lecture-english-2.pdf

5. SPRACHE UND BEDEUTUNG

BILD 4 : Sprache und Bedeutung

Am Beispiel der ‚menschlichen Literatur‘ klang eben schon an, welch fundamentale Rolle die ‚Bedeutung von Sprache‘ spielt und dass wir Menschen über solch eine Fähigkeit verfügen. Im Schaubild 4 wird veranschaulicht, was es bedeutet, dass Menschen im Alltag scheinbar mühelos Aussagen erzeugen können, die als ‚aktuell zutreffend’/ ‚wahr‘ untereinander akzeptiert werden oder als ‚aktuell nicht zutreffend’/ ‚falsch‘ oder als ‚aktuell unbestimmt‘. Wenn ein konkreter empirischer Sachverhalt gegeben ist (der Hund von Ani, das rote Auto vom Nachbarn Müller, die Butter auf dem Frühstückstisch, …), dann ist eine Einigung zwischen Menschen mit der gleichen Sprache immer möglich.

Was man sich dabei selten bewusst macht ist, welch starke Voraussetzung ‚in einem Menschen‘ gegeben sein müssen, damit er über diese Fähigkeit so leicht verfügen kann.

Die ‚Box‘ im rechten Teil des Diagramms repräsentiert auf einem starken Abstraktionsniveau die wichtigsten Komponenten, über die ein Mensch in seinen inneren Verarbeitungsstrukturen verfügen können muss, damit er mit anderen so sprechen kann. Die Grundannahmen sind folgende:

  1. Eine Außenwahrnehmung der umgebenden (empirischen) Welt.
  2. Alles was wahrgenommen werden kann kann auch in ‚Elemente des Wissens‘ verwandelt werden.
  3. Eine Sonderrolle nimmt die Repräsentation von Elementen der Sprachstruktur ein.
  4. Zwischen den Elementen des Wissens und den Ausdruckselementen kann ein Mensch eine dynamische Abbildungsbeziehung (Bedeutungsbeziehung) aufbauen (Lernen), so dass Wissenselemente auf Ausdruckselemente verweisen und Ausdruckselemente auf Wissenselemente.
  5. Aus Sicht der Ausdruckselemente bildet jenes Wissen, das über eine Abbildung verbunden wird, die ‚Bedeutung‘ der Ausdruckselemente.
  6. Innerhalb des Wissens gibt es zahlreiche unterschiedliche Formen von Wissen: aktuelles Wissen, erinnerbares Wissen, Veränderungswissen, Ziele, und prognostisches Wissen.
  7. Und vieles mehr

Neben Aussagen, die ‚aktuell wahr‘ sein können, verfügt der Mensch aber auch über die Möglichkeit, vielfache Wiederholungen als ‚wahr‘ anzusehen, wenn sie sich immer wider als ‚aktuell wahr‘ erweisen. Dies verweist auf mögliche weitere Formen von möglichen abgeleiteten Wahrheiten, die man vielleicht unter dem Oberbegriff ’strukturelle Wahrheit‘ versammeln könnte.

6. ZÄHMUNG DER BEDEUTUNG – WISSENSCHAFT

BILD 5 : Wissenschaft als Ergänzung von Literatur

Die Ur-Funktion von Literatur, das Gespräch zwischen dem Inneren der Menschen über ihre Welt- und Selbsterfahrung sprechen zu können, indem nicht nur die ‚Oberfläche der Dinge‘, sondern auch die ‚Tiefenstruktur der Phänomene‘ ins Wort kommen können, ist unersetzbar, aber sie leidet im Alltag an der strukturellen Schwäche des möglichen ‚Nicht-Verstehens‘ oder ‚Falsch-Verstehens‘. Während sich über die Dinge des alltäglichen Lebens leicht Einigkeit erzielen lässt, was jeweils gemeint ist, ist das ‚Innere‘ des Menschen eine echte ‚Terra Incognita‘, ein ‚unbekanntes Land‘. In dem Maße, wie wir Menschen im Innern ‚ähnlich‘ erleben und empfinden, kann das Verstehen von ‚Bedeutungen‘ noch ansatzweise gelingen, da wir Menschen aufgrund unserer Körperstrukturen in vielen Dingen ähnliche Erleben, Fühlen, Erinnern und Denken. Aber je spezifischer etwas in unserem Inneren ist, je ‚abstrakter‘ eine Bedeutung wird, umso schwieriger wird die Erfassung einer Rede durch andere. Dies führt dann unabwendbar zum Falsch- oder gar Nicht-Verstehen.

In dem Maße wie wir Menschen aber auf eine ‚tragfähige Erklärung von Welt‘ angewiesen sind, um ‚gemeinsam‘ das ‚Richtige‘ zu tun, in dem Maße wird unsere normale sprachliche Kommunikation, wird Literatur überfordert. Sie will vielleicht, aber sie kann aus sich heraus eine solche Eindeutigkeit nicht ohne weiteres herstellen. Ihre Stärke kann und wird in diesen Bereich zu einer Schwäche.

Vor dem Hintergrund des ‚Überlebens auf dem Planeten‘, des ‚Überlebens im Alltag‘ bildet die Notwendigkeit von ‚wahren Texten‘, die zudem ‚belastbare Prognosen‘ erlauben, eine Kernforderung, die möglicherweise nur eine Teilmenge jener Bedeutungsräume erlaubt, über die Literatur verfügen kann. Aber diese ‚wahren und belastbaren Teilräume‘ bilden jenen ‚harten Boden‘, auf denen sich Menschen quer über alle Kontinente und im Bereich aller Sprachen gründen können.

Diese Art von Texten, deren Existenz von gemeinsamen nachprüfbaren ‚wahren Sachverhalten und Prognosen‘ abhängt, entstand in der Geschichte der Menschheit unter dem Namen ‚empirische Wissenschaft‘ sehr spät.[1] Nach anfänglichen Mühen entwickelte sie sich dann rasant weiter und ist heute zum Standard für nachweisbar wahre und prognosefähige Texte geworden.

Die heutige weltweite Verbreitung von ‚Wissenschaft‘ ist ihr selbst aber mittlerweile zum Problem geworden. Der klare Kern dieser Textform erscheint in der öffentlichen Verwendung der Charakterisierung von ‚Wissenschaft‘ seltsam vage. Der Begriff einer ‚empirischen Theorie‘ ist geradezu verschwunden. Die großen Enzyklopädien dieser Welt kennen diesen Begriff nicht mehr.

Dazu kommt die ‚Altlast‘ der modernen Wissenschaft, dass sie sich schnell zu einer Veranstaltung von ‚Spezialisten‘ entwickelt hat, die ihre ‚eigene Fachsprache‘ sprechen, die zudem vielfach teilweise oder ganz mit ‚mathematischer Sprache‘ arbeiten. Diese führt zunehmend zu einer Ausgrenzung aller anderen Bürger; das ‚Verstehen von Wissenschaft‘ wird für die meisten Menschen zu einer ‚Glaubenssache‘, wo doch Wissenschaft gerade angetreten war, um die ‚Autorität des bloßen Glaubens‘ zu überwinden.

Desweiteren haben wir in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr gelernt, was es heißt, den Aspekt ‚Nachhaltiger Entwicklung‘ zu berücksichtigen. Eine Grundbotschaft besteht darin, dass alle Menschen einbezogen werden müssen, um die Entwicklung nicht von einzelnen, kleinen — meist mächtigen — Gruppen dominieren zu lassen. Und von de Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten [3] wissen wir, dass das Leben — von dem wir als Menschen ein kleiner Teil sind — in den zurück liegenden ca. 3.5 Milliarden Jahren nur überleben konnten, weil es nicht nur das ‚Alte, Bekannte‘ einfach wiederholt hat, sondern auch immer ‚aus sich echtes Neues‘ heraus gesetzt hat, Neues, von dem man zum Zeitpunkt des Hervorbringens nicht wusste, ob es für die Zukunft brauchbar sein wird.[3,4]

Dies regt dazu an, den Begriff der ‚empirischen Theorie‘ zu aktualisieren und ihn sogar zum Begriff einer ’nachhaltigen empirischen Theorie‘ zu erweitern.

[1] Wenn man als Orientierungspunkt für den Beginn der neuzeitlichen wahrheitsfähigen und prognosefähigen Texte Galileo Galilei (1564 – 1641) und Johannes Kepler ()1571 – 1630) nimmt , dann beginnt der Auftritt dieser Textform im 17./18. Jahrhundert. Siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei und hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kepler

[2] UN. Secretary-General; World Commission on Environment and Development, 1987, Report of the World Commission on Environment and Development : note / by the Secretary General., https://digitallibrary.un.org/record/139811 (accessed: July 20, 2022) (In einem besser lesbaren Format: https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/5987our-common-future.pdf) Anmerkung: Gro Harlem Brundtland (ehemalige Ministerpräsidentin von Norwegen) war die Koordinatorin von diesem Report. 1983 erhielt sie den Auftrag vom Generalsekretär der UN einen solchen Report zu erstellen, 1986 wurde er übergeben und 1987 veröffentlicht. Dieser Text enthält die grundlegenden Ideen für alle weiteren UN-Texte.

Zitat aus dem Vorwort: The fact that we all became wiser, learnt to look across cultural and historical barriers, was essential. There were moments of deep concern and potential crisis, moments of gratitude and achievement, moments of success in building a common analysis and perspective. The result is clearly more global, more realistic, more forward looking than any one of us alone could have created. We joined the Commission with different views and perspectives, different values and beliefs, and very different experiences and insights. After these three years of working together, travelling, listening, and discussing, we present a unanimous report.“ und „Unless we are able to translate our words into a language that can reach the minds and hearts of people young and old, we shall not be able to undertake the extensive social changes needed to correct the course of development.

[3] Gerd Doeben-Henisch, 2016, Sind Visionen nutzlos?, URL: https://www.cognitiveagent.org/2016/10/22/sind-visionen-nutzlos/

[4] Zum Begriff der Evolution siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Evolution und hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Evolution

7. EMPIRISCHE UND NACHHALTIG EMPIRISCHE THEORIE

BILD 6 : Aktualisierter Begriff von ‚Empirischer Theorie (ET)‘ und ‚Nachhaltiger Empirischer Theorie (NET)‘

Zum ‚aktualisierten Begriff‘ einer empirischen und einer nachhaltig empirischen Theorie gehören die folgenden Elemente:

  1. Die Gruppe der ‚Theorie-Autoren‘ besteht prinzipiell aus allen Menschen, die in ihrer Alltagssprache kommunizieren. Dies ermöglicht von Anfang an maximale Diversität.
  2. Der engere Begriff der ‚Empirischen Theorie‘ umfasst die Elemente ‚IST-Zustand‘, ‚Veränderungs-Wissen‘ sowie einen ‚Folgerungsbegriff‘ in Form eines Wissens, wie man Veränderungswissen auf einen gegebenen Zustand anwendet.
  3. Das ‚Ergebnis einer Folgerung‘ ist ein ’neuer Folge-Zustand‘.
  4. Lässt sich eine Folgerung mehrfach vollziehen dann ensteht eine ‚Folge von Folgezuständen‘, die man heute auch als ‚Simulation‘ bezeichnen kann.

Der IST-Zustand umfasst eine Menge von Ausdrücken einer gewählten Alltagssprache, die so beschaffen sind, dass alle beteiligten Theorie-Autoren sich darüber einigen können, dass diese Ausdrücke unter den angenommenen Bedingungen ‚zutreffen‘, d.h. ‚wahr‘ sind.

Das Veränderungs-Wissen umfasst eine Menge von Ausdrücken, die Veränderungsprozesse beschreiben, die sich ebenfalls unter angegebenen Bedingungen von jedem überprüfen lassen.

Der Folgerungsbegriff ist ein Text, der eine Handlungsbeschreibung umfasst, die beschreibt, wie man eine Veränderungsbeschreibung auf eine gegebene IST-Beschreibung so anwendet, dass daraus ein neuer Text entsteht, der die Veränderung im Text enthält.

Eine empirische Theorie ermöglicht die Erzeugung von Texten, die mögliche Zustände in einer möglichen Zukunft beschreiben. Dies kann mehr als eine Option umfassen.

Im Alltag der Menschen reicht ein bloßes Wissen um ‚Optionen‘ aber nicht aus. Im Alltag müssen wir uns beständig Entscheiden, was wir tun wollen. Für diese Entscheidungen gibt es keine zusätzliche Theorie: für einen menschlichen Entscheidungsprozess ist es bis heute mehr oder weniger ungeklärt, wie er zustande kommt. Es gibt allerdings viele ‚Teil-Theorien‘ und noch mehr ‚Vermutungen‘.

Damit diese ’nicht-rationale Komponente‘ unseres alltäglichen Lebens nicht ‚unsichtbar‘ bleibt, wird hier der Begriff einer nachhaltigen empirischen Theorie vorgeschlagen, in dem zusätzlich zur empirischen Theorie eine Liste von Zielen angenommen wird, die von allen Beteiligten aufgestellt wird. Ob diese Ziele ‚gute‘ Ziele sind, kann man erst wissen, wenn sie sich ‚im weiteren Verlauf‘ ‚bewähren‘ oder eben nicht. Explizite Ziele ermöglichen daher einen ‚gerichteten Lernprozess‘. Explitit formulierte Ziele ermöglichen darüber hinaus eine kontinuierliche Kontrolle, wie sich der aktuelle Handlungsprozess mit Blick auf ein Ziel verhält.

Für die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung sind nachhaltige empirische Theorien eine unverzichtbare Voraussetzung.

8. WAHRHEIT, PROGNOSE & TEXT-GENERATOREN

BILD 7 : Die potentielle Rolle von Text-Generatoren der Machart 2023 innerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses

Für die Bewertung, welche Rolle Textgeneratoren aus dem Jahr 2023 innerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses spielen können, kann man ein Gedankenexperiment (und dann natürlich auch real) durchführen, welche der Anforderungen eines wissenschaftlichen Diskurses, die zuvor erläutert worden sind, von einem Text-Generator erfüllt werden können. Das Bild Nr.7 ist eigentlich selbst-erklärend.

Das zentrale Argument besteht darin, dass Text-Generatoren des Jahrgangs 2023 über keinerlei Wissen verfügen, wie es der Mensch besitzt, nahezu keine Wahrnehmung (außer Texteingaben oder Spracheingaben) haben, und dementsprechend auch über keine Bedeutungsfunktion verfügen. Die Unfähigkeit zu ‚wahren Aussagen‘ oder auch der Fähigkeit, entscheiden zu können, ob etwas ‚wahr‘ ist oder nicht, fehlt ebenfalls vollständig.[1]

[1] Ron Brachman, Hector Levesque, Dieser KI können wir nicht trauen, Es gibt ein grundlegendes Problem in der Entwicklung der gegenwärtig angesagten KI-Systeme. Hier kommt ein Vorschlag, wie es besser geht. FAZ, Mo 13.Nov 2023, S.19 . Online (beschränkt) auch hier: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chatgpt-co-dieser-ki-koennen-wir-nicht-trauen-19308979.html, Anmerkung 1: Die beiden Autoren nehmen den Boom um chatGPT zum Anlass, vor der gesamten Künstlichen Intelligenz (KI) zu warnen. Sie fokussieren ihre Kritik auf einen Punkt: „Der aktuellen KI-Technologie kann man nicht trauen. … Obwohl sie auf der Grundlage riesiger Datenmengen trainiert werden … machen moderne KI-Systeme bizarre, dumme Fehler. Unvorhersehbare, unmenschliche Fehler.“ Und weiter: „Wir wissen nicht, wann diese Systeme das Richtige tun und wann sie versagen.“ Sie führen im weiteren Verlauf noch aus, dass die aktuelle Architektur dieser Systeme es nicht zulässt, heraus zu finden, was genau die Gründe sind, warum sie entweder richtig oder falsch urteilen. Mit Blick auf den Alltag diagnostizieren sie bei uns Menschen einen ‚gesunden Menschenverstand‘, ein Prototyp von ‚Rationalität‘, und diesen sehen sie bei den KI-Systemen nicht. Sie beschreiben viele Eigenschaften, wie Menschen im Alltag lernen (z.B. mit ‚Überzeugungen‘, ‚Zielen‘ arbeiten, mit ‚Konzepten‘ und ‚Regeln‘, mit ‚echten Fakten‘, …), und stellen fest, dass KI-Systeme für uns erst wirklich nützlich werden, wenn sie über diese Fähigkeiten nachvollziehbar verfügen. Anmerkung 2: Die Autoren sprechen es nicht explizit aus, aber implizit ist klar, dass sie die neuen Text-Generatoren wie chatGPT & Co zu jener KI-Technologie rechnen, die sie in ihrem Beitrag charakterisieren und kritisieren. Wichtig ist, dass Sie in ihrer Kritik Kriterien benutzen, die alltäglich vage sind (‚gesunder Menschenverstand‘), allerdings angereichert mit vielen Alltagsbeispielen. Letztlich machen ihre kritischen Überlegungen aber deutlich, dass es angesichts der neuen KI-Technologien an geeigneten und erprobten Meta-Modellen (‚transdisziplinär‘, ‚wissenschaftsphilosophisch‘, …) mangelt. Man ’spürt‘ ein Ungenügen mit dieser neuen KI-Technologie, kann auch viele Alltagsbeispiele aufzählen, aber es fehlt an einem klaren theoretischen Konzept. Ein solches scheint aber momentan niemand zu haben ….

9. Epilog

Diese Kurzfassung meines Vortags vom 10.November 2023 ist gedacht als ‚Basis‘ für die Erstellung eines umfassenderen Textes, in dem alle diese Gedanken weiter ausgeführt werden, dazu auch mit viel mehr Literatur und vielen realen Beispielen.

DER AUTOR

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Wetter & Klima. Anmerkung

(28.Juli 2023 – 9.August 2023)

Gerd Doeben-Henisch

KONTEXT

In der heutigen Alltagsdiskussion werden die Begriffe ‚Klima‘ und ‚Wetter‘ oft auf eine Weise gebraucht, welche die wahre Bedeutung dieser Begriffe ‚verwischt‘, was zu vielen ‚Fehldeutungen‘ führt.

WETTER & KLIMA

Wetter

In einer knappen Formulierung kann man in der deutschen Wikipedia zum Stichwort ‚Wetter‘ folgende Sätze lesen:

Zitat: „Das Wetter charakterisiert den Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Kennzeichnend sind die meteorologischen Elemente Strahlung, Luftdruck, Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind, sowie die daraus ableitbaren Elemente Bewölkung, Niederschlag, Sichtweite etc. Das Wetter ist das augenblickliche Bild eines Vorganges (Wettergeschehen), das sich hauptsächlich in der Troposphäre abspielt. Es kann sich – im Gegensatz zur Wetterlage und Witterung – mehrmals täglich ändern.“[2]

Meteorologische Technische Begriffe (Parameter)

Das, was in diesem Zitat ‚Elemente‘ genannt wird (‚Strahlung, Luftdruck, Lufttemperatur‚), das sind ‚technische Begriffe‘ (‚Parameter‘), denen in der Wissenschaft der Meteorologie ‚bestimmte Bedeutungen‘ zukommen. Diese Bedeutungen sind so definiert, dass man ihnen im Einzelfall durch einen ‚Messvorgang‘ quantitative Größen in Verbindung mit einer bestimmten ‚Messeinheit‘ zuordnen kann (z.B. kann ich mit meinem Handy am 28.Juli 2023 um 17:50h in meiner Wohnung im Zusammenhang mit dem Begriff ‚Luftdruck‘ den Wert ‚996,762 hPa‘ messen). Solche isolierte Messwerte haben ‚für sich‘ genommen, nur eine eingeschränkte Bedeutung. Erst dann, wenn man viele verschiedene Messwerte zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Raumgebiet gleichzeitig zur Verfügung hat, und man zusätzlich durch viel Probieren herausgefunden hat, welche ‚Menge von gleichzeitigen Messwerten‘ (Muster, Patter, charakteristische Mengen) von ‚mehreren verschiedenen meteorologischen Begriffen (Parametern)‘ ein bestimmtes alltägliches ‚Wetterphänomen‘ ‚repräsentieren‘ (z.B. ‚Regenbogen‘, ‚Kumuluswolke‘, ‚Nebel‘,…), dann kann man beim Vorliegen solcher ’spezifischer Mengen von Messwerten‘ feststellen, dass das dazu vereinbarte ‚Makro-Wetter-Phänomen‘ vorliegt oder umgekehrt, man kann vom Auftreten eines solchen Makro-Wetter-Phänomens darauf schließen, dass deswegen auch eine ’spezifische Menge von Messwerten‘ vorliegen muss.

Meteorologische Voraussagen mit Modellen

Im Alltag wissen wir, dass sich viele Eigenschaften ändern können, insbesondere jene Phänomene, die wir mit dem Wetter in Zusammenhang bringen (z.B. die Lufttemperatur, der Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit, die Windrichtung, …). Es genügt also nicht, nur einzelne Zeitpunkte zu betrachten, sondern viele Zeitpunkte. Aus solchen Zeitreihen kann man dann Ansatzpunkte finden, ob und wie man diese Art der ‚Veränderungen in der Zeit‘ auf einer ‚theoretischen Ebene‘ beschreiben kann. Solche ‚Veränderungsregeln‘ für einen bestimmten meteorologischen Parameter werden in der Regel auch nicht isoliert betrachtet, sondern im ‚Zusammenspiel‘ mit vielen anderen Veränderungsregeln. Dies alles zusammen (meteorologische Parameter, Veränderungsregeln, Verbund von Veränderungsregeln) nennt man normalerweise ein ‚Modell‘ oder — im maximalen Fall — eine ‚Theorie‘.

Die wichtigste Eigenschaft einer Theorie besteht darin, dass man bezogen auf eine gegebene aktuelle Situation samt einer Menge von möglichen Veränderungen unter Berücksichtigung spezifischer Abhängigkeiten untereinander eine ‚Folgerung‘ generieren kann (auch ‚Prognose‘ genannt). Solche Folgerungen kann man als ‚Voraussagen‘ dafür benutzen, welche spezifischen Wetterphänomene in einer kommenden Zeitspanne in einem bestimmten Bereich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten können. Da das ‚Folgern im Rahmen einer Theorie‘ bislang sehr mühsam ist, verwendet man heute meistens vereinfachte ‚Modelle‘ (realisiert als ‚Algorithmen‘), die man auf einem Computer ausführen lassen kann, so dass die Berechnung von möglichen ‚Folgezuständen‘ eines Modells beliebig oft wiederholt werden kann. So nützlich solche Modelle sind, sie haben aber den großen Nachteil, dass sie als Modell niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein können. Ein Simulationswert von 2 mm/m2 Niederschlag morgen um 14:00h kann man allerdings empirisch überprüfen.

Klima

Im Vergleich zum Wetter wird mit dem Begriff ‚Klima‘ versucht, ‚typische Muster‘ von meteorologischen Parameter über einen definierten Zeitraum als definierte Muster zu vereinbaren. Im Artikel ‚Klima‘ der deutschen Wikipedia findet sich folgenden kurze Charakterisierung:

Zitat: „Klima im engeren Sinne ist normalerweise definiert als das durchschnittliche Wetter, oder genauer als die statistische Beschreibung in Form von Durchschnitt und Variabilität relevanter Größen über eine Zeitspanne im Bereich von Monaten bis zu Tausenden oder Millionen von Jahren. Der klassische Zeitraum zur Mittelung dieser Variablen sind 30 Jahre, wie von der Weltorganisation für Meteorologie definiert. Die relevanten Größen sind zumeist Oberflächenvariablen wie Temperatur, Niederschlag und Wind. Klima im weiteren Sinne ist der Zustand, einschließlich einer statistischen Beschreibung, des Klimasystems.“ [1]

Also unter der Voraussetzung, dass sich ein bestimmtes Bündel von meteorologischen Parametern über einen definierten Zeitraum (standardmäßig mindestens 30 Jahre) ’nicht wesentlich‘ ändert, kann ein Meteorologe von dem Klima-Muster X sprechen, das dann und dort vorherrscht.

Angesichts der Komplexität und der Dynamik der Wetterphänomene auf dem Planeten Erde ist es generell nicht einfach, überhaupt von einem ‚Klima dann und dort‘ zu sprechen. Auch ist es nicht ganz einfach, bei Klimaänderungen immer all jene Parameter zu identifizieren, die möglicherweise eine Rolle spielen, um eine Änderung zu verursachen.

Welche Klimaphänomene man auch betrachten will, die Basis für eine ‚Rede über Klimaphänomene‘ sind die grundlegenden meteorologischen Parameter, die die primären Messwerte darstellen, und dann die unterschiedlichen meteorologischen Modelle, die versuchen, das Zusammenspiel dieser Parameter in der Zeit so zu ‚deuten‘, dass Voraussagen möglich sind. Die Genauigkeit der Voraussagen, mit der heutige Wetter- bzw. Klimamodelle täglich und stündlich benutzt werden, ist — angesichts der Komplexität — sehr bemerkenswert, geradezu beeindruckend.

ANMERKUNGEN

[1] Eine gängige Beschreibung von ‚Klima‘ findet man in der deutschen Wikipedia hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Klima.

[2] Eine gängige Beschreibung von ‚Wetter‘ findet sich ebenfalls in der deutschen Wikipedia hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Wetter (ähnlich in der englischen Wikipedia als ‚weather‘ hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Weather )

[3] Eine weit über Wikipedia hinausgehende Darstellung des Themas findet sich zusammen mit umfassenden Datenreihen beim ‚Deutschen Wetterdienst (DWD)‘ unter https://www.dwd.de/DE/Home/home_node.html;jsessionid=4B3BB17BBF13B6F9A970F3C27A01BAB7.live11041. Unter den vielen Angeboten ist auch das Wetter und -Klima Lexikon sehr hilfreich unter https://www.dwd.de/DE/service/lexikon/lexikon_node.html

DER AUTOR

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ABSTRAKTE MORAL in einer ENDLICHEN und VERÄNDERLICHEN WELT

(16.Juni 2023 – 19.Juni 2023, 15:15h)

KONTEXT

Die Bedeutung und die Befolgung von moralischen Werten im Kontext des alltäglichen Handelns hat schon immer für Spannungen, Diskussionen und handfeste Konflikte gesorgt.

In diesem Text soll kurz beleuchtet werden, warum dies so ist, und warum dies vermutlich nie anders sein wird, so lange wir Menschen so sind, wie wir sind.

ENDLICHE-UNENDLICHE WELT

In diesem Text wird angenommen, dass die Wirklichkeit, in der wir uns von Kindheit an ‚vorfinden‘, eine ‚endliche‘ Welt ist. Damit ist gemeint, dass kein Phänomen, auf das wir in dieser Welt stoßen — wir selbst mit eingeschlossen — ‚unendlich‘ ist. Anders ausgedrückt: alle Ressourcen, auf die wir stoßen, sind ‚begrenzt‘. Auch die ‚Sonnenenergie, die im heutigen Sprachgebrauch als ‚erneuerbar‘ angesehen wird, ist ‚begrenzt‘, wenngleich diese Begrenzung die Lebenszeit vieler Generationen von Menschen überdauert.

Diese ‚Endlichkeit‘ ist aber kein Gegensatz dazu, dass sich unsere endliche Welt kontinuierlich in einem ‚Veränderungsprozess‘ befindet, der von vielen Seiten gespeist wird. Eine ’sich-selbst-verändernde Endlichkeit‘ ist damit ein Etwas, was an und in sich irgendwie ‚über sich hinaus weist‘! Die ‚Wurzeln‘ dieser ‚immanenten Veränderlichkeit‘ sind weitgehend vielleicht noch unklar, aber die ‚Auswirkungen‘ der immanenten Veränderlichkeit‘ deuten an, dass das jeweils ‚konkret Endliche‘ nicht das Entscheidende ist; das ‚jeweils konkret Endliche‘ ist eher eine Art ‚Indikator‘ für eine ‚immanente Veränderungsursache‘, die sich mittels konkreter Endlichkeiten in Veränderung ‚manifestiert‘. Die ‚Formen konkreter Veränderungsmanifestationen‘ können daher vielleicht eine Art ‚Ausdruck‘ sein, von etwas, was ‚dahinter immanent wirkt‘.

In der Physik gibt es das Begriffspaar ‚Energie‘ und ‚Masse‘, letztere als Synonym für ‚Materie‘. Atomphysik und Quantenmechanik haben uns gelehrt, dass die verschieden ‚Manifestationen von Masse/ Materie‘ nur eine ‚Zustandsform von Energie‘ sein können. Die überall und immer angenommene ‚Energie‘ ist jener ‚Ermöglichungsfaktor‘, der sich in all den bekannten Formen von Materie ‚manifestieren‘ kann. ‚Sich-verändernde-Materie‘ kann man dann verstehen als eine Form von ‚Information‘ über die ‚ermöglichende Energie‘.

Setzt man das, was die Physik bislang über ‚Energie‘ herausgefunden hat, als jene Form von ‚Unendlichkeit‘, die sich uns über die erfahrbare Welt erschließt, dann sind die verschiedenen ‚Manifestationen von Energie‘ in diversen ‚Formen von Materie‘ Formen konkreter Endlichkeiten, die aber im Kontext der unendlichen Energie letztlich nicht wirklich endlich sind. Alle bekannten materiellen Endlichkeiten sind nur ‚Übergänge‘ (‚Transitionen‘) in einem nahezu unendlichen Raum von möglichen Endlichkeiten, der letztlich in der ‚unendlichen Energie‘ gründet. Ob es ’neben‘ oder ‚hinter‘ oder ‚qualitativ nochmals ganz anders zu‘ der ‚erfahrbaren Unendlichkeit‘ noch eine ‚andere Unendlichkeit‘ gibt, ist damit völlig offen.[1]

ALLTAGSERFAHRUNGEN

Unser normale Lebenskontext ist das, was wir heute ‚Alltag‘ nennen: ein Bündel von regelmäßigen Abläufen, vielfach verbunden mit charakteristischen Verhaltens-Rollen. Dazu gehört die Erfahrung, einen ‚endlichen Körper‘ zu haben; dass ‚Abläufe real Zeit benötigen‘; dass jeder Prozess durch seinen eigenen ‚typischen Ressourcenverbrauch‘ charakterisiert ist; dass ‚alle Ressourcen endlich‘ sind (wobei es hier unterschiedliche Zeit-Skalen geben kann (siehe das Beispiel mit der Sonnenenergie)).

Aber auch hier: das ‚Eingebettet-Sein‘ aller Ressourcen und ihr Verbrauch in eine umfassende Veränderlichkeit macht aus allen Angaben ‚Momentaufnahmen‘, die ihre ‚Wahrheit‘ nicht allein ‚im Moment‘ haben, sondern in der ‚Gesamtheit der Abfolge‘! An sich ‚kleine Veränderungen‘ im Alltag können, wenn sie andauern, Größen annehmen und Wirkungen erzielen, die einen ‚bekannten Alltag‘ soweit verändern, dass lang bekannte ‚Anschauungen‘ und ‚lang praktizierte Verhaltensweisen‘ irgendwann ’nicht mehr stimmen‘: Das Format des eigenen Denkens und Verhaltens gerät dann in zunehmendem Widerspruch zur erfahrbaren Welt. Dann ist der Punkt gekommen, wo die immanente Unendlichkeit sich in der alltäglichen Endlichkeit ‚manifestiert‘ und uns darin ‚demonstriert‘, dass der ‚gedachte Kosmos in unserem Kopf‘ eben nicht der ‚wahre Kosmos‘ ist. Letztlich ist diese immanente Unendlichkeit ‚wahrer‘ als die ’scheinbare Endlichkeit‘.

HOMO SAPIENS (Wir)

Neben den lebensfreien materiellen Prozessen in dieser endlichen Welt gibt es seit ca. 3.5 Mrd. Jahren die Erscheinungsformen, die wir ‚Leben‘ nennen, und sehr spät — quasi ‚gerade eben‘ — zeigte sich in den Milliarden von Lebensformen eine, die wir ‚Homo sapiens‘ nennen. Das sind wir.

Die heutigen Kenntnisse von dem ‚Weg‘, den das Leben in diesen 3.5 Mrd. Jahren ‚genommen‘ hat, waren und sind nur möglich, weil die Wissenschaft gelernt hat, das ’scheinbar Endliche‘ als ‚Momentaufnahme‘ eines andauernden Veränderungsprozesses zu begreifen, der seine ‚Wahrheit‘ nur in der ‚Gesamtheit der einzelnen Momente‘ zeigt. Dass wir als Menschen, als die ‚Spätlinge‘ in diesem Lebens-Entstehungs-Prozess‘, über die Fähigkeit verfügen, aufeinander folgende ‚Momente‘ ‚einzeln‘ wie auch ‚in Abfolge‘ ‚erkennen‘ zu können, liegt an der besonderen Beschaffenheit des ‚Gehirns‘ im ‚Körper‘ und der Art und Weise, wie unser Körper mit der umgebenden Welt ‚interagiert‘. Von der ‚Existenz einer immanenten Unendlichkeit‘ wissen wir also nicht ‚direkt‘, sondern nur ‚indirekt‘ über die ‚Prozesse im Gehirn‘, die auf eine ’neuronal programmierte Weise‘ Momente identifizieren, speichern, prozessieren und in möglichen Abfolgen ‚anordnen‘ können. Also: unser Gehirn ermöglicht uns aufgrund einer vorgegebenen neuronalen und körperlichen Struktur, ein ‚Bild/ Modell‘ einer möglichen immanenten Unendlichkeit zu ‚konstruieren‘, von dem wir annehmen, dass es die ‚Ereignisse um uns herum‘ einigermaßen gut ‚repräsentieren‘.

DENKEN

Eine Eigenschaft, die dem Homo Sapiens zugeschrieben wird, heißt ‚Denken‘; ein Begriff, der bis heute nur vage und sehr vielfältig durch verschiedene Wissenschaften beschrieben wird. Von einem anderen Homo Sapiens erfahren wir von seinem Denken nur durch seine Art des ‚Sich Verhaltens‘, und ein Spezialfall davon ist ’sprachliche Kommunikation‘.

Sprachliche Kommunikation ist dadurch gekennzeichnet, dass sie grundsätzlich mit ‚abstrakten Begriffen‘ arbeitet, denen als solches direkt kein einzelnes Objekt in der realen Welt entspricht (‚Tasse‘, ‚Haus‘, ‚Hund‘, ‚Baum‘, ‚Wasser‘ usw.). Stattdessen ordnet das menschliche Gehirn ‚völlig automatisch‘ (‚unbewusst‘!) unterschiedlichste konkrete Wahrnehmungen dem einen oder anderen abstrakten Begriff so zu, dass ein Mensch A sich mit einem Menschen B darüber einigen kann, ob man dies konkrete Phänomen da vorne dem abstrakten Begriff ‚Tasse‘, ‚Haus‘, ‚Hund‘, ‚Baum‘, oder ‚Wasser‘ zuordnet. Irgendwann weiß im Alltag Mensch A welche konkrete Phänomene gemeint sein können, wenn Mensch B ihn fragt, ob er eine ‚Tasse Tee‘ habe, bzw. ob der ‚Baum‘ Äpfel trägt usw.

Diese empirische belegte ‚automatische Bildung‘ von abstrakten Konzepten durch unser Gehirn basiert nicht nur auf einem einzigen Moment, sondern diese automatischen Konstruktionsprozesse arbeiten mit den ‚wahrnehmbaren Abfolgen‘ von endlichen Momenten ‚eingebettet in Veränderungen‘, die das Gehirn selbst auch automatisch ‚erstellt‘. ‚Veränderung als solche‘ ist insofern kein ‚typisches Objekt‘ der Wahrnehmung, sondern ist das ‚Resultat eines Prozesses‘, der im Gehirn stattfindet, der ‚Folgen von einzelnen Wahrnehmungen‘ konstruiert, und diese ‚errechneten Folgen‘ gehen als ‚Elemente‘ in die Bildung von ‚abstrakten Begriffen‘ ein: ein ‚Haus‘ ist von daher kein ’statisches Konzept‘, sondern ein Konzept, das viele einzelne Eigenschaften umfassen kann, das aber als ‚Konzept‘ ‚dynamisch erzeugt‘ wird, so dass ’neue Elemente‘ dazu kommen können oder ‚vorhandene Elemente‘ möglicherweise wieder ‚weg genommen‘ werden.

MODELL: WELT ALS PROZESS

Obwohl es bislang keine allgemein akzeptierte umfassende Theorie des menschlichen Denkens gibt, gibt es doch viele unterschiedliche Modelle (alltäglicher Begriff für den korrekteren Begriff ‚Theorien‘), die versuchen, wichtige Aspekte des menschlichen Denkens anzunähern.

Das vorausgehende Bild zeigt die Umrisse eines minimal einfachen Modells zu unserem Denken.

Dieses Modell nimmt an, dass die umgebende Welt — mit uns selbst als Bestandteile dieser Welt — als ein ‚Prozess‘ zu verstehen ist, bei dem man zu einem gewählten ‚Zeitpunkt‘ in idealisierter Weise alle ‚beobachtbaren Phänomene‘ beschreiben kann, die dem Beobachter zu diesem Zeitpunkt wichtig sind. Diese Beschreibung eines ‚Weltausschnitts‘ sei hier ‚Situationsbeschreibung‘ zum Zeitpunkt t oder einfach ‚Situation‘ zu t genannt.

Dann benötigt man ein ‚Wissen über mögliche Veränderungen‘ von Elementen der Situationsbeschreibung in der Art und Weise (vereinfacht): ‚Wenn X Element der Situationsbeschreibung zu t ist, dann wird für eine nachfolgende Situation zu t entweder X gelöscht oder durch ein neues X* ersetzt‘. Möglicherweise gibt es für das Löschen oder die Ersetzung mehrere Alternativen mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Solche ‚Beschreibungen von Veränderungen‘ werden hier vereinfachend ‚Veränderungsregeln‘ genannt.

Zusätzlich gibt es als Teil des Modells noch eine ‚Spielanleitung‘ (klassisch: ‚Folgerungsbegriff‘), die erklärt wann und wie man einer Veränderungsregel auf eine gegebene Situation Sit zu t so anwenden kann, dass zum nachfolgenden Zeitpunkt t+1 eine Situation Sit* existiert, in der die Veränderungen vorgenommen worden sind, die die Veränderungsregel beschreibt.

Im Normalfall gibt es mehr als eine Veränderungsregel, die gleichzeitig mit den anderen angewendet werden kann. Auch dies gehört zur Spielanleitung.

Dieses minimale Modell kann und muss man auch vor dem Hintergrund der durchgängigen Veränderung sehen.

Für diese Struktur von Wissen wird vorausgesetzt, dass man ‚Situationen‘ beschreiben kann, mögliche Veränderungen solch einer Situation, und dass man ein Konzept haben kann, wie man Beschreibungen von erkannte möglichen Veränderungen auf eine gegebene Situation anwenden kann.

Mit der Erkenntnis einer immanenten Unendlichkeit, die sich in vielen konkreten endlichen Situationen manifestiert, ist sogleich klar, dass die Menge der angenommenen Veränderungsbeschreibungen mit den beobachtbaren Veränderungen korrespondieren sollte, da ansonsten die Theorie nur einen geringen praktischen Nutzen hat. Ebenso ist es natürlich wichtig, dass die angenommenen Situationsbeschreibungen mit der beobachtbaren Welt korrespondieren. Die Korrespondenz-Anforderungen zu erfüllen bzw. ihr Zutreffen zu überprüfen ist alles andere als trivial.

ABSTRAKT – REAL – INDETERMINIERT

Zu diesen ‚Korrespondenz-Anforderungen‘ hier einige zusätzliche Überlegungen, in denen die Sicht der Alltagsperspektive zur Sprache kommt.

Zu beachten ist, dass ein ‚Modell‘ nicht die Umwelt selbst ist, sondern nur eine ’symbolische Beschreibung‘ eines Umweltausschnitts aus der Sicht und mit dem Verständnis eines menschlichen ‚Autors‘! Auf welche Eigenschaften der Umwelt sich eine Beschreibung bezieht, das weiß nur der Autor selbst, der die gewählten ‚Symbole‘ (Text oder Sprache) ‚in seinem Kopf‘ mit bestimmten Eigenschaften der Umwelt ‚verknüpft‘, wobei diese Eigenschaften der Umwelt ebenfalls ‚im Kopf‘ repräsentiert sein müssen, quasi ‚Wissensabbilder‘ von ‚Wahrnehmungsereignissen‘, die durch die Umwelteigenschaften ausgelöst worden sind. Diese ‚Wissensabbilder im Kopf‘ sind für den jeweiligen Kopf ‚real‘; verglichen mit der Umgebung sind sie aber grundsätzlich nur ‚fiktiv‘; es sei denn, es gibt zwischen aktuellen fiktiven ‚Bilder im Kopf‘ und den ‚aktuellen Wahrnehmungen‘ von ‚Umweltereignissen‘ aktuell einen Zusammenhang, der die ‚konkreten Elemente der Wahrnehmung‘ als ‚Elemente der fiktiven Bilder‘ erscheinen lässt. Dann wären die ‚fiktiven‘ Bilder ‚fiktiv und real‘.

Aufgrund des ‚Gedächtnisses‘, dessen ‚Inhalt‘ im ‚Normalzustand‘ mehr oder weniger ‚unbewusst‘ sind, können wir aber ‚erinnern‘, dass bestimmte ‚fiktive Bilder‘ in der Vergangenheit mal ‚fiktiv und real‘ waren. Dies kann dazu führen, dass wir im Alltag dazu tendieren, fiktiven Bilder, die in der Vergangenheit schon mal ‚real‘ waren, auch in der aktuellen Gegenwart eine ‚vermutliche Realität‘ zuzuschreiben. Diese Tendenz ist im alltäglichen Leben vermutlich von hoher praktischer Bedeutung. In vielen Fällen funktionieren diese ‚Annahmen‘ auch. Dieses ’spontan-für-real-Halten‘ kann aber auch oft daneben liegen; eine häufige Quelle für Fehler.

Das ’spontan-für-real-Halten‘ kann aus vielen Gründen nachteilig sein. So können die fiktiven Bilder (als unausweichlich abstrakte Bilder) schon als solche vielleicht nur ‚partiell angemessen‘ sein. Der Kontext der Anwendung kann sich geändert haben. Generell befindet sich die Umgebung ‚im Fluss‘: Sachverhalte, die gestern gegeben waren, können heute anders sein.

Die Gründe für die anhaltenden Veränderungen sind verschieden. Neben solchen Veränderungen, die wir durch unsere Erfahrung als ein ‚identifizierbares Muster‘ erkennen konnten, gibt es auch Veränderungen, die wir noch keinem Muster zuordnen konnten; diese können für uns einen ‚zufälligen Charakter‘ haben. Schließlich gibt es auch noch die verschiedenen ‚Lebensformen‘, die von ihrer Systemstruktur her bei aller ‚partiellen Determiniertheit‘ grundsätzlich ’nicht determiniert‘ sind (man kann dies auch ‚immanente Freiheit‘ nennen). Das Verhalten diese Lebensformen kann zu allen anderen erkannten Mustern konträr liegen. Ferner verhalten sich Lebensformen nur partiell ‚einheitlich‘, wenngleich Alltagsstrukturen mit ihren ‚Verhaltensregeln‘ — und viele anderen Faktoren — Lebensformen mit ihrem Verhalten in eine bestimmte Richtung ‚drängen‘ können.

Erinnert man sich an dieser Stelle nochmals an die vorausgehenden Gedanken zur ‚immanenten Unendlichkeit‘ und der Sicht, dass die einzelnen, endlichen Momente nur als ‚Teil eines Prozesses‘ verstehbar sind, dessen ‚Logik‘ bis heute weitgehend noch nicht entschlüsselt ist, dann ist klar, dass jegliche Art von ‚Modellbildung‘ von innerhalb der umfassenden Veränderungsprozesse immer nur einen vorläufigen Näherungscharakter haben kann, zumal erschwerend dazu kommt, dass die menschlichen Akteure ja nicht nur ‚passiv Aufnehmende‘ sind, sondern zugleich immer auch ‚aktiv Handelnde‘, die durch ihr Handeln mit auf den Veränderungsprozess einwirken! Diese menschlichen Einwirkungen resultieren aus der gleichen immanenten Unendlichkeit wie jene, die alle übrigen Veränderungen bewirkt. Die Menschen (wie das gesamte Leben) sind damit real ‚ko-Kreativ‘ …. mit all den Verantwortlichkeiten, die sich daraus ergeben.

MORAL ÜBER ALLEM

Was man unter ‚Moral‘ genau zu verstehen hat, muss man aus vielen hundert — oder gar mehr — verschiedenen Texten heraus lesen. Jede Zeit — und sogar jede Region in dieser Welt — hat dazu unterschiedliche Versionen entwickelt.

In diesem Text wird davon ausgegangen, dass mit ‚Moral‘ solche ‚Anschauungen‘ gemeint sind, die dazu beitragen sollen, dass ein einzelner Mensch (oder eine Gruppe oder …) in Fragen der ‚Entscheidung‘, soll ich eher A oder B tun, ‚Hinweise‘ bekommen soll, wie diese Frage ‚am besten‘ beantwortet werden kann.

Erinnert man sich an dieser Stelle daran, was zu vor gesagt wurde zu jener Denkform, die ‚Prognosen‘ erlaubt (das Denken in expliziten ‚Modellen‘ oder ‚Theorien‘) , dann müsste es unabhängig von eine aktuellen ‚Situationsbeschreibung‘ und unabhängig vom möglichen ‚Veränderungswissen‘ eine ‚Bewertung‘ der ‚möglichen Fortsetzungen‘ geben. Es muss also ’neben‘ der Beschreibung einer Situation, wie sie ‚ist‘ mindestens eine ‚zweite Ebene‘ (eine ‚Meta-Ebene‘) geben, die ‚über‘ die Elemente der ‚Objektebene so sprechen kann, dass z.B. gesagt werden kann, dass ein ‚Element A‘ aus der Objektebene ‚gut‘ oder ’schlecht‘ oder ’neutral‘ ist oder mit einer bestimmten graduellen ‚Abstimmung‘ ‚gut‘ oder ’schlecht‘ oder ’neutral‘. Dies kann auch mehrere Elemente oder ganze Teilmengen der Objektebene betreffen. Dies kann man machen. Damit es ‚rational akzeptierbar‘ ist, müssten diese Bewertungen aber mit ‚irgendeiner Form von Motivation‘ verknüpft sein, ‚warum‘ diese Bewertung angenommen werden soll. Ohne solch eine ‚Motivation von Bewertungen‘ würde solch eine Bewertung als ‚pure Willkür‘ erscheinen.

An dieser Stelle wird die ‚Luft‘ recht ‚dünn‘: in der bisherigen Geschichte wurde bislang kein überzeugendes Modell für eine moralische Begründung bekannt, das letztlich nicht auf die Entscheidung von Menschen zurück zu führen ist, bestimmte Regeln als ‚gültig für alle‘ (Familie, Dorf, Stamm, …) anzusetzen. Oft lassen sich die Begründungen noch in den konkreten ‚Lebensumständen‘ verorten, genauso oft treten die konkreten Lebensumstände im Laufe der Zeit ‚in den Hintergrund‘ und stattdessen werden abstrakte Begriffe eingeführt, die man mit einer ’normativen Kraft‘ ausstattet, die sich einer konkreteren Analyse entziehen. Ein rationaler Zugriff ist dann kaum bis gar nicht mehr möglich.

In einer Zeit wie im Jahr 2023, in dem das verfügbare Wissen dazu ausreicht, die wechselseitigen Abhängigkeiten von buchstäblich jedem von jedem erkennen zu können, dazu die Veränderungsdynamik, die mit der Komponenten ‚Erderwärmung‘ den ’nachhaltigen Bestand des Lebens auf der Erde‘ substantiell bedrohen kann bzw. bedroht, erscheinen ‚abstrakt gesetzte Normbegriffe‘ nicht nur ‚aus der Zeit‘ gefallen, nein, sie sind höchst gefährlich, da sie den Erhalt des Lebens für die weitere Zukunft substantiell behindern können.

META-MORAL (Philosophie)

Es stellt sich dann die Frage, ob dieses ‚rationale schwarze Loch‘ von ‚begründungsfreien Normbegriffen‘ die Endstation menschlichen Denkens markiert oder ob das Denken hier nicht gerade erst anfangen sollte?

Traditionell versteht sich eigentlich die Philosophie als jene Denkhaltung, in der jedes ‚Gegebene‘ — dazu gehören dann auch jegliche Art von Normbegriffen — zu einem ‚Gegenstand des Denkens‘ gemacht werden kann. Und gerade das philosophische Denken hat in Jahrtausende langem Ringen genau dieses Ergebnis hervorgebracht: es gibt keinen Punkt im Denken, aus dem sich alles Sollen/ alles Bewerten, ‚einfach so‘ ‚ableiten lässt.

Im Raum des philosophischen Denkens, auf der Meta-Moral-Ebene, kann man zwar immer mehr Aspekte unserer Situation als ‚Menschheit‘ in einer dynamischen Umwelt (mit dem Menschen selbst als Teil dieser Umwelt) ‚thematisieren‘, ‚benennen‘, in eine ‚potentielle Beziehungen‘ einordnen, ‚Denkexperimente‘ über ‚mögliche Entwicklungen‘ anstellen, aber dieses philosophische Meta-Moral-Wissen ist komplett transparent und immer identifizierbar. Die Folgerungen, warum etwas ‚besser‘ erscheint als etwas anderes, sind immer ‚eingebettet‘, ‚bezogen‘. Die Forderungen nach einer ‚autonomen Moral‘, nach einer ‚absoluten Moral‘ neben dem philosophischen Denken erscheinen vor diesem Hintergrund ‚grundlos‘, ‚willkürlich‘, der ‚Sache fremd‘. Eine rationale Begründung ist nicht möglich.

Ein ‚rational Unerkennbares‘ mag es geben, gibt es sogar unausweichlich, aber dieses rational Unerkennbare ist unsere schiere Existenz, das tatsächliche reale Vorkommen, für das es bislang keine rationale ‚Erklärung gibt‘, genauer: noch nicht gibt. Dies ist aber kein ‚Freifahrschein‘ für Irrationalität. In der ‚Irrationalität‘ verschwindet alles, sogar das ‚rational Unerkennbare‘, und dieses gehört mit zu den wichtigsten ‚Sachverhalten‘ in der Welt des Lebens.

DER AUTOR

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ANMERKLUNGEN

[1] Die verschiedenen Formen von ‚Unendlichkeit‘, die mit den Arbeiten von Georg Cantor in die Mathematik eingeführt und intensiv weiter untersucht wurden, haben mit der im Text beschrieben erfahrbaren Endlichkeit/ Unendlichkeit nichts zu tun: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Cantor . Allerdings, will man die ‚Erfahrung‘ von realer Endlichkeit/ Unendlichkeit ‚beschreiben‘, dann wird man möglicherweise auf Beschreibungsmittel der Mathematik zurückgreifen wollen. Nur ist nicht von vornherein ausgemacht, ob die mathematischen Konzepte mit der zur Sache stehenden empirischen Erfahrung ‚harmonieren‘.

WISSENSCHAFT IM ALLTAG. Popper 1991/1994 (1999)

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 21.Februar 2022
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Kontext

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Fortsetzung der Besprechung der beiden Artikel von Popper „A World of Propensities“ (1988, 1990) sowie „Towards an Evolutionary Theory of Knowledge“ (1989,1990).[1] Der vorliegende Beitrag „All Life is Problem Solving“ (1991, 1994/1999)[2] stammt aus einem späteren Buch.

Vorbemerkung

In den beiden vorausgehenden Besprechungen wurden grobe Linien eines umfassenden Theoriebegriffs von Popper deutlich, in dem es weniger um ‚technische Details‘ eines begrifflichen Theoriebegriffs geht als vielmehr um eine philosophische Gesamtsicht von ‚Wissen‘ als konstitutiver Teil von jedem ‚biologischen Organismus‘. Damit werden alle ‚pragmatischen Konstituenten‘ eines Theoriebegriffs deutlich — einschließlich der möglichen Akteure –, aber die endgültige begriffliche Ausformulierung fehlt noch.

In dem vorliegenden Text „All Life is Problem Solving“ folgt Popper wieder eher seiner bisherigen ‚Gesamtphilosophischen Sicht‘ und weniger technischen Details.

Leben ist Problem Lösen

Von den beiden vorausgehenden Texten her kommend ist klar, dass das biologische Leben, so, wie Popper es rekonstruiert, in nichts anderem besteht als ‚Probleme zu lösen‘. Das zentrale Problem ist das ‚Überleben schlechthin‘, das sich dann in vielfältigen Formen realisieren kann. Bei den komplexeren Lebensformen finden wir unfassbare Netzwerk von vielen Faktoren vor, die alle ineinander greifen, die sich auf unterschiedlichen ‚Realisierungsebenen‘ organisiert haben, die unterschiedlichen Zeithorizonten folgen, so dass es immer schwerer wird, in dieser Vielfalt das allem innewohnende Ziel noch zweifelsfrei erkennen zu können.

Gleichzeitig mit dem Ansteigen der Komplexität der ‚inneren‘ Strukturen sind biologische Lebensformen als Akteure in einer Umwelt auch in der Lage, immer komplexere ‚Handlungsformate‘ hervor zu bringen, die die unterschiedlichsten ‚Ereignisse‘ in der umgebenden ‚Ereigniswelt‘ auslösen können. Über diese ‚erzeugten Ereignisse‘ können auch verschiedene Akteure ‚miteinander interagieren‘ um damit ‚Kommunikation‘ zu realisieren, oder ‚Koordination des Verhaltens‘ zu ermöglichen oder auch zur ‚Veränderung von Umgebungseigenschaften‘ in Richtung Werkzeuge, Bauten, Maschinen, usw. ‚Gesellschaft‘, ‚Technologie‘ und ‚Kultur‘ erscheinen in dieser Perspektive als ‚Auswirkungen menschlichen Verhaltens‘ auf die Ereigniswelt ohne die Menschen aber auch auf die Menschen selbst.

Gesellschaft – Kultur – Technologie

Für Popper scheint ‚Gesellschaft‘ der primäre Begriff zu sein. Abgeleitet scheint die ‚Kultur‘ als ein Teilphänomen innerhalb der Gesellschaft zu sein, und als weiteres spezielles Phänomen innerhalb von Kultur nennt Popper ‚Technologie‘. Genauere begriffliche Abgrenzungen nimmt er nicht vor.

Das unterstellte ‚innere Wechselverhältnis zwischen Kultur und Technologie‘ illustriert Popper dadurch, dass er eine Reihe von ‚technologischen Erfindungen‘ aufzählt, die im Laufe der Geschichte die Kultur ‚verändert‘ haben. In seinen Beispielen charakterisiert Popper ‚Technologie‘ ansatzweise als spezielle Verfahrensweisen/ Maschinen, die Menschen in ihrem Alltag benutzen können, und wie durch diese Nutzung sich vieles in den bekannten Abläufen ändert. Abläufe sind für gewöhnlich konstituiert durch Akteure, die bestimmte Rollenanforderungen erfüllen müssen, die implizit von ‚Werten‘ (und möglichen ‚Sanktionen‘) gesteuert werden, und durch die Verschiedenes ‚bewirkt‘ werden kann. Einerseits kosten diese Abläufe Ressourcen (Zeit, Kraft, Energie, Material, …), andererseits erlangt man dadurch ‚Ergebnisse‘ und ‚Anerkennungen‘, die gesellschaftlich ‚honoriert‘ werden.

Konstituieren also diverse ‚Abläufe‘ mit bestimmten ‚Rollen‘, ‚Regelwerken‘ und ‚Werten‘ den ‚Stoff, aus dem Kultur besteht‘, dann kommt ‚Technologie‘ in diesen Abläufen vor als ’nicht-menschliche Faktoren‘, die die Art und Weise der Abläufe verändern können (weniger Zeitbedarf, weniger Materialbedarf, weniger menschliche Anstrengung, weniger Kosten, …, größere Ergebnisse, mehr ‚Erfolg‘, …). Technik erscheint in dieser Sicht als ein ‚Medium‘, durch das sich eine aktuelle Kultur ‚fließend verändern‘ kann. Es wird kaum diskutiert, es wird einfach gehandelt, und das veränderte Handeln verändert das Erleben, das Miteinander, verändert bisherige ‚Skripte‘ und bisherige ‚Rollen‘, verändert letztlich unmerklich das ganze Denken und Verstehen.

Zeitsprung

Als Popper seinen Vortrag in Bad Homburg 1991 hielt, da war das später so einflussreiche World Wide Web [3] zwar im Prinzip schon ‚erfunden‘, aber es war noch nicht das öffentliche, später und heute dann globale Phänomen, das mittlerweile in nahezu jeden Lebensbereich eingedrungen ist, das immer mehr ‚überall‘ benutzt wird, und das durch diese umfassende Nutzung de facto das gesamte gesellschaftliche Leben der meisten Länder auf dieser Erde real und — wie es aussieht — nachhaltig verändert hat. Mit dieser umfassenden realen Veränderung des alltäglichen Lebens hat sich auch das ‚Denken‘ in diesem täglichen Ereignisstrom real verändert. Ein Bereich, in dem man diese deutlich ablesen kann, ist der Sozialisierungsprozess der heutigen Kinder verglichen mit Kindern von z.B. 1950 – 1955. Natürlich spielen hier viele andere Faktoren auch eine Rolle, aber der Faktor World Wide Web ist gut greifbar und in seinen Wirkungen (1950 – 1955 nicht vorhanden), heute gut abgrenzbar.

Klar ist hier, dass Technologie von Kultur nicht abgrenzbar ist. Technologie ist das Medium, in dem wir unsere Kultur leben.

Eine der interessanten Fragen in diesem Zusammenhang ist, ob und wie sich die Fähigkeit des Menschen zum Problemlösen dadurch möglicherweise verändert hat:

  1. Welche Probleme erkennen wir überhaupt als solche, die wir lösen müssten, um überleben zu können?
  2. Welche dieser Problemen können wir durch die neue WWW-Technologie besser lösen?
  3. Welche dieser Problemen können wir durch die neue WWW-Technologie jetzt schlechter oder gar nicht mehr lösen?

Für die Beantwortung dieser Fragen arbeiten wir am oksimo Projekt.

Anmerkung

[1] Karl Popper, „A World of Propensities“,(1988) sowie „Towards an Evolutionary Theory of Knowledge“, (1989) in: Karl Popper, „A World of Propensities“, Thoemmes Press, Bristol, (1990, repr. 1995)

[2] Karl Popper, „All Life is Problem Solving“, Artikel, ursprünglich ein Vortrag 1991 auf Deutsch, erstmalig publiziert in dem Buch (auf Deutsch) „Alles Leben ist Problemlösen“ (1994), dann in dem Buch (auf Englisch) „All Life is Problem Solving“, 1999, Routledge, Taylor & Francis Group, London – New York

[3] World Wide Web in wkp-de: https://de.wikipedia.org/wiki/World_Wide_Web

DER AUTOR

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VERANTWORTUNGSBEWUSSTE DIGITALISIERUNG: Fortsezung 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

So 16.Februar 2020

KONTEXT DEMOKRATIE

In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich am Beispiel der Demokratie aufgezeigt, welche zentrale Rolle eine gemeinsame funktionierende Öffentlichkeit spielt. Ohne eine solche ist Demokratie nicht möglich. Entspechend der Komplexität einer Gesellschaft muss die große Mehrheit der Bürger daher über ein hinreichendes Wissen verfügen, um sich qualifiziert am Diskurs beteiligen und auf dieser Basis am Geschehen verantwortungsvoll partizipieren zu können. Eine solche Öffentlichkeit samt notwendigem Bildungsstand scheint in den noch existierenden Demokratien stark gefährdet zu sein. Nicht ausdrücklich erwähnt wurde in diesem Beitrag die Notwendigkeit von solchen Emotionen und Motivationen, die für das Erkennen, Kommunizieren und Handeln gebraucht werden; ohne diese nützt das beste Wissen nichts.

KONTEXT DIGITALISIERUNG

In einem Folgebeitrag hatte ich das Phänomen der Digitalisierung aus der Sicht des Benutzers skizziert, wie eine neue Technologie immer mehr eine Symbiose mit dem Leben der Gesellschaft eingeht, einer Symbiose, der man sich kaum oder gar nicht mehr entziehen kann. Wo wird dies hinführen? Löst sich unsere demokratische Gesellschaft als Demokratie schleichend auf? Haben wir überhaupt noch eine funktionierende Demokratie?

PARTIZIPATION OHNE DEMOKRATIE?

Mitten in den Diskussionen zu diesen Fragen erreichte mich das neue Buch von Manfred Faßler Partizipation ohne Demokratie (2020), Fink Verlag, Paderborn (DE). Bislang konnte ich Kap.1 lesen. In großer Intensität, mit einem in Jahrzehnten erarbeiteten Verständnis des Phänomens Digitalisierung und Demokratie, entwirft Manfred Faßler in diesem Kapitel eine packende Analyse der Auswirkungen des Phänomens Digitalisierung auf die Gesellschaft, speziell auch auf eine demokratische Gesellschaft. Als Grundidee entnehme ich diesem Kapitel, dass der Benutzer (User) in Interaktion mit den neuen digitalen Räumen subjektiv zwar viele Aspekte seiner realweltlichen sozialen Interaktionen wiederfindet, aber tatsächlich ist dies eine gefährliche Illusion: während jeder User im realweltlichen Leben als Bürger in einer realen demokratischen Gesellschaft lebt, wo es der Intention der Verfassung nach klare Rechte gibt, Verantwortlichkeiten, Transparenz, Kontrolle von Macht, ist der Bürger in den aktuellen digitalen Räumen kein Bürger, sondern ein User, der nahezu keine Rechte hat. Als User glaubt man zwar, dass man weiter ein Bürger ist, aber die individuellen Interaktionen mit dem digitalen Raum bewegen sich in einem weitgehend rechtlosen und demokratiefreiem Raum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen kaschieren diesen Zustand durch unendliche lange Texte, die kaum einer versteht; sprechen dem User nahezu alle Rechte ab, und lassen sich kaum bis gar nicht einklagen, jedenfalls nicht in einem Format, das der User praktisch einlösen könnte. Dazu kommt, dass der digitale Raum des Users ein geliehener Raum ist; die realen Maschinen und Verfügungsgewalten liegen bei Eignern, die jenseits der gewohnten politischen Strukturen angesiedelt sind, die sich eher keiner demokratischen Ordnung verpflichtet fühlen, und die diese Verfügungsgewalt — so zeigt es die jüngste Geschichte — skrupellos an jeden verkaufen, der dafür Geld bezahlt, egal, was er damit macht.

Das bisherige politische System scheint die Urgewalt dieser Prozesse noch kaum realisiert zu haben. Es denkt noch immer in den klassischen Kategorien von Gesellschaft und Demokratie und merkt nicht, wie Grundpfeiler der Demokratie täglich immer mehr erodieren. Kapitel 1 von Faßlers Buch ist hier schonungslos konkret und klar.

LAGEPLAN DEMOKRATISCHE DIGITALISIERUNG

Möglicher Lageplan zur Auseinandersetzung zwischen nicht-demokratischer und demokratischer Digitalisierung

Erschreckend ist, wie einfach die Strategie funktioniert, den einzelnen bei seinen individuellen privaten Bedürfnissen abzuholen, ihm vorzugaukeln, er lebe in den aktuellen digitalen Räumen so wie er auch sonst als Bürger lebe, nur schneller, leichter, sogar freier von üblichen analogen Zwängen, obwohl er im Netz vieler wichtiger realer Recht beraubt wird, bis hin zu Sachverhalten und Aktionen, die nicht nur nicht demokratisch sind, sondern sogar in ihrer Wirkung eine reale Demokratie auflösen können; alles ohne Kanonendonner.

Es mag daher hilfreich sein, sich mindestens die folgenden Sachverhalte zu vergegenwärtigen:

  • Verankerung in der realen Welt
  • Zukunft gibt es nicht einfach so
  • Gesellschaft als emergentes Phänomen
  • Freie Kommunikation als Lebensader

REALE KÖRPERWELT

Fasziniert von den neuen digitalen Räumen kann man schnell vergessen, dass diese digitalen Räume als physikalische Zustände von realen Maschinen existieren, die reale Energie verbrauchen, reale Ressourcen, und die darin nicht nur unseren realen Lebensraum beschneiden, sondern auch verändern.

Diese physikalische Dimension interagiert nicht nur mit der übrigen Natur sehr real, sie unterliegt auch den bisherigen alten politischen Strukturen mit den jeweiligen nationalen und internationalen Gesetzen. Wenn die physikalischen Eigentümer nach alter Gesetzgebung in realen Ländern lokalisiert sind, die sich von den Nutzern in demokratischen Gesellschaften unterscheiden, und diese Eigentümer nicht-demokratische Ziele verfolgen, dann sind die neuen digitalen Räume nicht einfach nur neutral, nein sie sind hochpolitisch. Diese Sachverhalte scheinen in der europäischen Politik bislang kaum ernsthaft beachtet zu werden; eher erwecken viele Indizien den Eindruck, dass viele politische Akteure so handeln, als ob sie Angestellte jener Eigner sind, die sich keiner Demokratie verpflichtet fühlen (Ein Beispiel von vielen: die neue Datenschutz-Verordnung DSGVO versucht erste zaghafte Schritte zu unternehmen, um der Rechtlosigkeit der Bürger als User entgegen zu wirken, gleichzeitig wird diese DSGVO von einem Bundesministerium beständig schlecht geredet …).

ZUKUNFT IST KEIN GEGENSTAND

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach diskutiert habe, ist Zukunft kein übliches Objekt. Weil wir über ein Gedächtnis verfügen, können wir Aspekte der jeweiligen Gegenwart speichern, wieder erinnern, unsere Wahrnehmung interpretieren, und durch unsere Denkfähigkeit Muster, Regelhaftigkeiten identifizieren, denken, und neue mögliche Kombinationen ausmalen. Diese neuen Möglichkeiten sind aber nicht die Zukunft, sondern Zustände unseres Gehirns, die auf der Basis der Vergangenheit Spekulationen über eine mögliche Zukunft bilden. Die Physik und die Biologie samt den vielen Begleitdisziplinen haben eindrucksvoll gezeigt, was ein systematischer Blick zurück zu den Anfängen des Universums (BigBang) und den Anfängen des Lebens (Entstehung von Zellen aus Molekülen) an Erkenntnissen hervor bringen kann. Sie zeigen aber auch, dass die Erde selbst wie das gesamt biologische Leben ein hochkomplexes System ist, das sich nur sehr begrenzt voraus sagen lässt. Spekulationen über mögliche zukünftige Zustände sind daher nur sehr begrenzt möglich.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass das Denken selbst kein Automatismus ist. Neben den vielen gesellschaftlichen Faktoren und Umweltfaktoren, die auf unser Denken einwirken, hängt unser Denken in seiner Ausrichtung entscheidend auch von unseren Bedürfnissen, Emotionen, Motiven und Zielvorstellungen ab. Wirkliche Innovationen, wirkliche Durchbrüche sind keine Automatismen. Sie brauchen Menschen, die resistent sind gegen jeweilige ‚Mainstreams‘, die mutig sind, sich mit Unbekanntem und Riskantem auseinander zu setzen, und vieles mehr. Solche Menschen sind keine ‚Massenware’…

GESELLSCHAFT ALS EMERGENTES PHÄNOMEN

Das Wort ‚Emergenz‘ hat vielfach eine unscharfe Bedeutung. In einer Diskussion des Buches von Miller und Page (2007) Complex Adaptive Systems. An Introduction to Computational Models of Social Life habe ich für meinen Theoriezusammenhang eine Definition vorgeschlagen, die die Position von Miller und Page berücksichtigt, aber auch die Position von Warren Weaver (1958), A quarter century in then natural sciences. Rockefeller Foundation. Annual Report,1958, pages 7–15, der von Miller und Page zitiert wird.

Die Grundidee ist die, dass ein System, das wiederum aus vielen einzelnen Systemen besteht, dann als ein organisiertes System verstanden wird, wenn das Wegnehmen eines einzelnen Systems das Gesamtverhalten des Systems verändert. Andererseits soll man aber durch die Analyse eines einzelnen Mitgliedssystems auch nicht in der Lage sein, auf das Gesamtverhalten schließen zu können. Unter diesen Voraussetzungen soll das Gesamtverhalten als emergent bezeichnet werden: es existiert nur, wenn alle einzelnen Mitgliedssysteme zusammenwirken und es ist nicht aus dem Verhalten einzelner Systeme alleine ableitbar. Wenn einige der Mitgliedssysteme zudem zufällige oder lernfähige Systeme sind, dann ist das Gesamtverhalten zusätzlich begründbar nicht voraussagbar.

Das Verhalten sozialer Systeme ist nach dieser Definition grundsätzlich emergent und wird noch dadurch verschärft, dass seine Mitgliedssysteme — individuelle Personen wie alle möglichen Arten von Vereinigungen von Personen — grundsätzlich lernende Systeme sind (was nicht impliziert, dass sie ihre Lernfähigkeit ’sinnvoll‘ nutzen). Jeder Versuch, die Zukunft sozialer Systeme voraus zu sagen, ist von daher grundsätzlich unmöglich (auch wenn wir uns alle gerne der Illusion hingeben, wir könnten es). Die einzige Möglichkeit, in einer freien Gesellschaft, Zukunft ansatzweise zu erarbeiten, wären Systeme einer umfassenden Partizipation und Rückkopplung aller Akteure. Diese Systeme gibt es bislang nicht, wären aber mit den neuen digitalen Technologien eher möglich.

FREIE KOMMUNIKATION UND BILDUNG

Die kulturellen Errungenschaften der Menschheit — ich zähle Technologie, Bildungssysteme, Wirtschaft usw. dazu — waren in der Vergangenheit möglich, weil die Menschen gelernt hatten, ihre kognitiven Fähigkeiten zusammen mit ihrer Sprache immer mehr so zu nutzen, dass sie zu Kooperationen zusammen gefunden haben: Die Verbindung von vielen Fähigkeiten und Ressourcen, auch über längere Zeiträume. Alle diese Kooperationen waren entweder möglich durch schiere Gewalt (autoritäre Gesellschaften) oder durch Einsicht in die Sachverhalte, durch Vertrauen, dass man das Ziel zusammen schon irgendwie erreichen würde, und durch konkrete Vorteile für das eigene Leben oder für das Leben der anderen, in der Gegenwart oder in der möglichen Zukunft.

Bei aller Dringlichkeit dieser Prozesse hingen sie zentral von der möglichen Kommunikation ab, vom Austausch von Gedanken und Zielen. Ohne diesen Austausch würde nichts passieren, wäre nichts möglich. Nicht umsonst diagnostizieren viele Historiker und Sozialwissenschaftler den Übergang von der alten zur neuen empirischen Wissenschaft in der Veränderung der Kommunikation, erst Recht im Übergang von vor-demokratischen Gesellschaften zu demokratischen Gesellschaften.

Was aber oft zu kurz kommt, das ist die mangelnde Einsicht in den engen Zusammenhang zwischen einer verantwortlichen Kommunikation in einer funktionierenden Demokratie und dem dazu notwendigen Wissen! Wenn ich eine freie Kommunikation in einer noch funktionierenden Demokratie haben würde, und innerhalb dieser Diskussion würden nur schwachsinnige Inhalte transportiert, dann nützt solch eine Kommunikation natürlich nichts. Eine funktionierende freie Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, aber die Verfügbarkeit von angemessenen Weltbildern, qualitativ hochwertigem Wissen bei der Mehrheit der Bürger (nicht nur bei gesellschaftlichen Teilgruppen, die sich selbst als ‚Eliten‘ verstehen) ist genauso wichtig. Beides gehört zusammen. Bei der aktuellen Zersplitterung aller Wissenschaften, der ungeheuren Menge an neuem Wissen, bei den immer schneller werdenden Innovationszyklen und bei der zunehmenden ‚Fragmementierung der Öffentlichkeit‘ verbunden mit einem wachsenden Misstrauen untereinander, ist das bisherige Wissenssystem mehr und mehr nicht nur im Stress, sondern möglicherweise kurz vor einem Kollaps. Ob es mit den neuen digitalen Technologien hierfür eine spürbare Unterstützung geben könnte, ist aktuell völlig unklar, da das Problem als solches — so scheint mir — noch nicht genügend gesellschaftlich erkannt ist und diskutiert wird. Außerdem, ein Problem erkennen ist eines, eine brauchbare Lösung zu finden etwas anderes. In der Regel sind die eingefahrenen Institutionen wenig geeignet, radikal neue Ansätzen zu denken und umzusetzen. Alte Denkgewohnheiten und das berühmte ‚Besitzstanddenken‘ sind wirkungsvolle Faktoren der Verhinderung.

AUSBLICK

Die vorangehenden Gedanken mögen auf manche Leser vielleicht negativ wirken, beunruhigend, oder gar deprimierend. Bis zum gewissen Grad wäre dies eine natürliche Reaktion und vielleicht ist dies auch notwendig, damit wir alle zusammen uns wechselseitig mehr helfen, diese Herausforderungen in den Blick zu nehmen. Der Verfasser dieses Textes ist trotz all dieser Schwierigkeiten, die sich andeuten, grundlegend optimistisch, dass es Lösungen geben kann, und dass es auch — wie immer in der bisherigen Geschichte des Lebens auf der Erde — genügend Menschen geben wird, die die richtigen Ideen haben werden, und es Menschen gibt, die sie umsetzen. Diese Fähigkeit zum Finden von neuen Lösungen ist eine grundlegende Eigenschaft des biologischen Lebens. Dennoch haben Kulturen immer die starke Tendenzen, Ängste und Kontrollen auszubilden statt Vertrauen und Experimentierfreude zu kultivieren.

Wer sich das Geschehen nüchtern betrachtet, der kann auf Anhieb eine Vielzahl von interessanten Optionen erkennen, sich eine Vielzahl von möglichen Prozessen vorstellen, die uns weiter führen könnten. Vielleicht kann dies Gegenstand von weiteren Beiträgen sein.

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MOTIVATION 2. Außen und Innen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 22.Sept. 2019
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KONTEXT

Nach dem kurzen Überblick zum Lösen von Problemen mit den drei Faktoren Wissen (Erfahrung), Kommunikation und Motivation, sind in einem Schnelldurchgang die wichtigen Kontexte angesprochen worden, die der Mensch seit seiner Abspaltung vom homo erectus vor ca. 600.000 Jahren bis heute durchlaufen hat. Diese Kontexte sind wichtig, da die inneren Zustände des Menschen durch die kontinuierliche Interaktion mit dem jeweiligen Kontext einschneidend geprägt werden. In dieser Darstellung ist die genaue Rolle der internen Zustände, insbesondere jene, die das konstituieren, was im ersten Beitrag zusammenfassend ‚Motivation‘ genannt wurde, noch ungeklärt, offen. Dieser Punkt soll nun etwas weiter bedacht werden.

KREATIVER KERN. NUR BEDINGT ANPASSBAR

Die grundlegende Annahme, dass der Mensch durch seine Interaktionen mit der Umgebung seine inneren Zustände modifiziert, impliziert, dass der Mensch grundlegend ein lernendes System ist; dies gilt nach heutigem Kenntnisstand generell für alle biologischen Systeme. Dies bedeutet, dass der Mensch je nach dem Wandel der Verhältnisse sich unterschiedliche Strukturen, Abläufe, Konventionen, Erwartungen usw. intern aufprägt. Das so entstehende dynamische Wissen ist quasi ein inneres Bild der äußeren Welt, mehr oder weniger klar, und mehr oder weniger unterschiedlich in jedem einzelnen. Bedenkt man ferner, dass nach den neuen Erkenntnissen das Gehirn als Träger vieler geistiger Eigenschaften die Welt außerhalb des Körpers nicht direkt kennt, nur die sensorischen Fragmente, die es kunstvoll zu zusammenhängenden Strukturen zusammenbaut, dann repräsentiert das innere Bild für jeden einzelnen die Welt (wie sie vielleicht gar nicht ist), und dies für jeden ganz individuell. Vom eigenen Weltbild auf das des anderen zu schließen ist daher gefährlich; in der Regel ist das eigene Bild verschieden von dem der anderen. Es erfordert daher eine geeignete Kommunikation, um diese Verschiedenheit zu bemerken und die Gemeinsamkeiten klar zu stellen.

Jede Gesellschaft trainiert die nachwachsenden Generationen in der Regel dahingehend, den aktuellen Abläufen und damit einhergehenden Erwartungen zu folgen. Ein ‚regelkonformes Verhalten‘ ist so gesehen ein weit verbreiteter gesellschaftlicher Standard. Vielfach existieren Interventionsmechanismen, wenn einzelne oder ganze Gruppen scheinbar von den allgemeinen Normen abweichen.

Trotz einem solchen Erwartungsdruck gibt es aber die berühmten Aussteiger; gibt es Menschen die Aufbrechen und Auswandern (migrieren); gibt es die Protestler, die Alternativen und Oppositionellen, gibt es Freiheitskämpfer und Revolutionäre; andere wagen einen Neuanfang, gründen etwas; Wissenschaftler, Erfinder, kreative Köpfe schaffen neue Formen, neues Verhalten; andere sprechen von Bekehrung, vom Abwenden von Bisherigem und Zuwendung zu etwas ganz Anderem; Beziehungen zwischen Menschen über gesellschaftliche Schranken hinweg, trotz drohender Marginalisierung oder Todesdrohungen.

Diese Beispiele deuten an, dass Kontexte, die sich in das Innere von Menschen eingraben, nicht immer und überall das gesamte Innere beherrschen müssen. Aufgeprägte innere Strukturen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sich entsprechend konform verhalten, aber sie garantieren diese Konformität nicht. Das Innere verfügt anscheinend über Möglichkeiten, äußere Verhältnisse innerlich zu überwinden, die sich dann in neuen, alternativen Verhalten niederschlagen können. Das Innere besitzt irgendwie einen ‚kreativen Kern‘, der sich nicht notwendigerweise und nicht immer ganz durch die herrschenden Verhältnisse vereinnahmen lässt.

In den bekannten gesellschaftlichen Systemen seit dem Auftreten des homo sapiens, dem modernen Menschen, gibt es neben der schlichten Präsenz von Alltagsprozessen auch jene, in denen eine Gruppe von Menschen versucht, auf die anderen besonderen Einfluss zu nehmen durch Machtstrukturen bewehrt mit empfindlichen Strafen, durch nackte Gewalt und Folter, durch spezielle Belohnungsstrukturen, durch Indoktrinationen und Propaganda, und durch spezielle Werbung. Neben rein verbalen Aktionen gibt es auch den Bereich von Doping, Drogen oder der Virtualisierung von sozialen Beziehungen mit neuartigen Manipulationsmöglichkeiten (z.B. das Vorgaukeln von sozialer Nähe in virtuellen Räumen, die gleichzeitig zum Abbau von realer sozialer Nähe führen). Aber auch bei diesen verschärften Formen der Einflussnahme von Außen gibt es zahlreiche historische Beispiele aus allen Zeiten, dass Menschen standhalten und sich gegen diese Strukturen stellen. Sie besitzen eine ‚innere Motivation‘ die sie stark macht.

Allerdings kann auch der einzelne durch sich selbst zum Opfer werden, wenn er bestimmte grundlegende Bedürfnisse des Körper nicht hinreichend unter Kontrolle bringen kann. Prominente Beispiele sind vielfältige Formen von Sucht wie z.B. Sex, Essen, Trinken, Narzissmus, Eitelkeit, Drogen, Erfolg, Berühmt sein, um nur einige zu nennen. Auch hier gilt: viele zerbrechen daran, genauso gibt es immer wieder aus allen Zeiten Beispiele, dass Menschen es schaffen, sich diesen scheinbar unüberwindlichen Mechanismen zu entziehen. Die Motivation kann stärker sein als der Druck von außen (wobei ‚außen‘ hier physiologische, chemisch Prozesse sind, die die Zustände des Gehirns beeinflussen).

DER KÖRPER ALS FILTER UND ERMÖGLICHUNG

Viele der geistigen, psychischen Eigenschaften, die wir uns Menschen zuschreiben, erscheinen aus Sicht des Verhaltens und der Physiologie mit dem Gehirn verknüpft zu sein, das räumlich ‚im‘ Körper sitzt.

Aus Biologischer Sicht lassen sich die unterschiedlichen Körperstrukturen auflösen in eine unfassbar große Menge von Zellen, die beständig miteinander kommunizieren, von denen ständig welche absterben, andere neu entstehen. Rein zahlenmäßig entsprechen alle Zellen unseres Körpersystems etwa 450 Galaxien im Format der Milchstraße. Die Auflösung in Zellen macht viele der komplexen Strukturen unsichtbar, die den Körper zu dem machen, als was er uns funktionell erscheint.

In einem weiteren Abstraktionsschritt lassen sich alle Zellen auflösen in Richtung der Moleküle, aus denen Zellen bestehen, und noch weitergehender in Richtung der Atome der Moleküle, und sogar noch weitergehender in Richtung der subatomaren Partikel. Dies ist die Sicht der Quantenmechanik. In der Quantenmechanik gibt es keine festen Strukturen, sondern nur noch Wahrscheinlichkeitsverteilungen. Bei dieser Sichtweise ist ein menschlicher Körper (samt Gehirn) ein nach allen Seiten offenes Gebilde, das über riesige Entfernungen mit nahezu allem in Verbindung stehen kann.

Nicht wenige meinen, dass diese grundlegende quantenmechanische Offenheit und Verbundenheit von jedem mit jedem alle bislang ungelöste Fragen des menschlichen Geistes oder möglicher mystischer Zustände, für die bislang keine befriedigenden wissenschaftliche Erklärungsansätze existieren, lösen können.

Dies muss man allerdings bezweifeln. Schon die Entstehung der grundlegenden biologischen Strukturen, jene der einfachen Zellen vor ca. 3.5 Milliarden Jahre, entzieht sich bislang vollständig einer physikalischen Erklärung. Mit Quantenmechanik kann man in keiner Weise die Entstehung und die Besonderheit von biologischen Zellen erklären. Biologische Zellen haben so viele neuartigen spezielle Strukturen mit Hilfe von Molekülen geschaffen, die wiederum neuartige komplexe Funktionen ermöglicht haben, für die die Physik nicht den geringsten Denkansatz bietet. Schrödinger und viele andere großen Physiker haben dies erkannt. Die weitere Entwicklung des BIOMs mit komplexen Zellen, Zellverbänden, Atmosphäre und dann komplexen Organismen mit hochkomplexen Organen mit komplexen Nervensystemen für eine neuartige Informationsverarbeitung weit über die Mechanismen der DNA hinaus, entzieht sich der heutigen Physik bislang vollständig.

Was immer also sich auf der quantenmechanischen Ebene abspielt, die jeweils komplexeren biologischen Strukturen ‚verbergen‘ diese Vorgänge so, dass sie auf den höheren Ebenen in keiner Weise direkt durchschlagen.

Für den Bereich des sogenannten Bewusstseins bedeutet dies, dass das, was wir ‚bewusst‘ wahrnehmen, durch sehr viele komplexe Strukturen und Prozesse vermittelt ist, die die zugehörigen quantenmechanischen Vorgänge völlig verdecken, ‚weg filtern‘. Will man also die inneren Zustände verstehen, insbesondere den winzig kleinen Anteil der ‚bewussten‘ Ereignisse, dann muss man sich diesen bewussten Ereignissen und den zugehörigen ‚unbewussten‘ Prozessen direkt zuwenden. Die Leistung des Gesamtsystems zeigt sich eben in seinen komplexen funktionalen Ausprägungen, nicht in seinen möglichen Bestandteilen, die im Rahmen eines funktionellen Prozesses benutzt werden.

KRITISCHES DENKEN

Die Steuerung durch die alltäglichen Strukturen und Prozesse kann, wie die erwähnten Beispiele andeuten, durch den inneren, kreativen Kern der Motivation partiell oder ganz aufgehoben werden.

Eine Ursache dafür kann jene Form des Denkens sein, die sich mit den vorliegenden Formen des Wissens beschäftigt, das vorliegende Wissen zum Gegenstand macht, und auf einer zusätzlichen Reflexionsebene mit diesem vorliegenden Wissen ‚kreativ spielt‘, was sich auch in Form von systematischen philosophischen Reflexionen niederschlagen kann. Aber auch engagierte Literatur, manche Formen von Theater und vieles mehr kann zum Medium für alternatives Denken werden.

Wie auch immer solche kreativen Diskurse aussehen mögen, ohne eine geeignete Motivation werden sie nicht stattfinden.

Und die aufgeführten Beispiele enthalten viele Fälle, in denen die alternative, kreative Motivation nicht unbedingt von einer starken Wissenskomponenten begleitet wird. Motivationen als solche können eine Kraft entfalten, die ‚aus sich heraus‘ einen Menschen bewegen können, ‚das Andere‘ zu tun. Wie kann, wie muss man sich diesen ‚kreativen, heißen Kern‘ der Motivation vorstellen?

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KANN MAN DEN POPULISMUS ÜBERWINDEN? Eine Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 11.Februar 2019
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KONTEXT

Der vorausgehende Eintrag zum Phänomen des Populismus als einer angeborenen Verhaltenstendenz bei jedem Menschen rief bei einigen Lesern eine zwiespältige Reaktion hervor: einerseits würden die Überlegungen einleuchten, andererseits führte dies zu einer gewissen Hilfslosigkeit und Ratlosigkeit; wie kann man sich dagegen wehren? Denn, wenn Populismus gleichsam in den Genen ‚verdrahtet‘ ist, und damit alle betroffen sind, dann müssten sich ja ‚alle gleichzeitig‘ so verhalten, dass Populismus zumindest abgeschwächt wird (also unter 100% bleibt); eine vollständige Heilung (also 0%) scheint dagegen im Ansatz unmöglich. Diese Problemstellung aktivierte folgende Überlegungen.

FREIHEITSFELD

Das folgende Schaubild deutet einige der vielen Faktoren (Parameter) an, die alle zusammen spielen müssen, soll Freiheit gelingen. Daraus folgt, dass eine ‚freie Gesellschaft‘ eine extrem anspruchsvolle Teamleistung erfordert, die nur gelingen kann, wenn ALLE an einem Strang ziehen. Und ‚Alle‘ heißt hier wirklich ‚Alle‘.

Schaubild zum Umfeld der Freiheit; ein Netzwerk von Faktoren, die alle ineinander spielen

DIE GEBURT DER WELT IM KOPF

Ein zentraler Aspekt der These dass der Populismus angeboren sei besteht darin, dass aufgrund der grundlegenden Freiheit eines biologischen Systems und seiner grundlegenden Lernfähigkeit bei Kindern und jungen Menschen (sofern die äußeren Verhältnisse es zulassen!) zwar tatsächlich ‚automatisch‘ vielfältige intensive Lernprozesse stattfinden, mit zunehmendem Wissen, zunehmender Erfahrung, und zunehmenden Fähigkeiten im Alltag dann aber der Eindruck entsteht, dass man ja jetzt ‚alles kennt‘, ‚man Bescheid weiß‘, dass es ’nichts Neues mehr gibt‘. Wenn dieser Zustand eintritt (fließend, schleichend, nicht abrupt), dann beginnt die Welt im Kopf still zu stehen, sie hat eine ‚gewisse feste Form‘ gefunden, die Dinge sind immer mehr ‚wie sie sind (im Kopf)‘. Abweichungen, Änderungen, ‚Neues‘, Anderes werden jetzt nicht mehr als Anregung zum weiteren Lernen empfunden sondern zunehmend als ‚Störungen des Bestehenden‘. Und da diese Prozesse bei jedem ablaufen, bilden sich automatisch Gruppen ‚Gleichgesinnter‘, die in der Statik ihrer Bilder gleich sind, sich aber durch — meist zufallsbedingte Unterschiede in der Biographie — unterscheiden können (Anhänger verschiedener Fußballklubs, Fans verschiedener Popstars, Mitglieder von politischen Richtungen, von verschiedenen Religionen, …),

DIE UMGEBUNG ALS NÄHRBODEN

Der Einfluss der Umgebung auf die Ausbildung der individuellen Weltbilder ist erheblich, nahezu übermächtig. Denn — wie schon im vorausgehenden Beitrag festgestellt — wenn die grundlegende Freiheit und Lernfähigkeit eines biologischen Systems in seiner Umgebung nicht die materiellen Bedingungen findet, die es zum alltäglichen Leben, zu alltäglichen Lernen braucht, dann läuft die Freiheit ins Leere. Sie kann sich nicht ‚auswirken‘, sie kann kein Individuum befördern, dass hinreichend kompetent und lebensfähig ist.

Neben den eher ‚materiellen Bedingungen‘ der Freiheitsausübung gibt es aber noch die vielfältigen gesellschaftlichen Regeln, die das tägliche Verhalten betreffen. Wenn z.B. die Beteiligung am materiellen Warenaustausch nur über Geld läuft, der Erwerb von Geld für die Mehrheit an Arbeit gekoppelt ist, eine Gesellschaft aber nicht für alle genügend Arbeit bereit stellen kann, dann verhindern diese Konventionen, das ALLE hinreichend am materiellen Warenaustausch beteiligt sind. Wenn z.B. die ‚Rechte‘ am Boden und am Wasser von ‚Stammeshäuptern‘ vergeben werden, diese sich aber auf Kosten der eigenen Stammesmitglieder bereichern, indem sie diese Rechte an lokalfremde Kapitalgeber ‚verkaufen‘, so dass die Bewohner eines Gebietes ihrem eigenen Boden und Wasser ‚enteignet‘ werden, dann kann Freiheit nicht funktionieren. Wenn z.B. viele Millionen Kinder keine Ausbildung bekommen, sondern stattdessen unentgeltlich für ihre Eltern oder für Fremde arbeiten müssen, dann wird ihnen die Grundlage für ein freies Leben genommen. usw.

Es gibt auch Varianten des Freiheitsentzugs über Verfremdung der Kognition: wenn z.B. Videoserien im Internet, (online) Computer-Spiele im Internet, oder Fernsehserien — alle jeweils mit vielen Millionen Nutzern — sich viele Stunden am Tag in Erregungszustände versetzen, die keine für den Alltag nutzbaren Inhalte vermitteln, sondern mit Phantasiebildern das Gehirn blockieren, dann ist das eine kognitive Selbstverstümmlung, die als ‚Gehirnwäsche‘ in anderen Zusammenhängen verboten ist.

KULTURELLE GESAMTLEISTUNG

Aus der Geschichte wissen wir, wie mühsam es für die Population der Menschheit war, dem Leben Wissen, Erfahrungen, Werte stückweise abzuringen, um vom Status der Jäger und Sammler zu immer komplexeren Gesellschaften mit immer mehr Handwerk, Technik, sozialen Institutionen, Rechtssystemen, Handels- und Wirtschaftssystemen, Dörfer, Städten, Regionen, lokal, national und international zu werden, mit Kommunikationssystemen, Wissensspeicherungstechniken, Bildungsstrategien usw., dann dürfte klar sein, DASS die Großgesellschaft, ihre politische, soziale, juristische usw. Verfasstheit, weder von eine einzelnen alleine noch innerhalb einer kurzen Zeit ‚aufgebaut‘ werden konnte und auch heute nicht so einfach aufgebaut werden kann. Funktionierende komplexe Gesellschaften erfordern den Einsatz von jedem einzelnen und das in einer aufeinander abgestimmten Weise. So etwas aufzubauen und dann ‚am Leben zu erhalten‘ ist schwer; es zu zerstören vergleichsweise einfach.

Wir erleben heute eine Phase der Menschheit, in der — verglichen mit der Vergangenheit — sehr komplexe Strukturen erreicht worden sind, deren ‚Erhaltung‘ schon schwierig erscheint, erst recht ihre konstruktive und nachhaltige ‚Weiterentwicklung‘.

PRÄFERENZEN (WERTE)

Was im ‚Getöse des Alltags‘ leicht und gerne untergeht, das ist die Tatsache, dass alle die vielen Konventionen, Regeln, Vorschriften und Gesetze, die zur ‚Regulierung des Alltags‘ verabredet worden sind, letztlich auf ‚Wertsetzungen‘ zurück gehen, auf ‚Präferenzen‘: man will eher A als B. So stellen z.B. die Menschenrechte für einige Verfassungen von Staaten einen ‚Wertekanon‘ dar, auf den die Staatsverfassung und alle davon abhängigen Regeln aufbauen. Bei anderen sind es Überzeugungen aus bestimmten religiösen Traditionen. Gemeinsam ist allem das Faktum der ‚primären Präferenzen‘, ohne die keine Regelung auskommt.

Und es ist sehr seltsam: über die Grundlagen der staatlichen Verfassungen wird nirgendwo diskutiert; in den meisten Staaten ist dies sogar verboten.

Dies mag vielleicht aus einem ‚Schutzbedürfnis‘ heraus motiviert sein. Wenn aber z.B. im Deutschen Grundgesetz bestimmte Werte vorausgesetzt werden, für die z.B. die empirischen Wissenschaften keine Motivation mehr liefern können, und in der täglichen Massenkommunikation die einzelnen Bürgern mit Inhalten zugedröhnt werden, die mit diesen Grundwerten ebenfalls kaum noch etwas zu tun haben, und viele alte Wertelieferanten heute eher unglaubwürdig erscheinen, dann kann man sich fragen, wie lange eine Gesellschaft noch zukunftsfähig ist, die ihre eigenen Grundlagen täglich erodieren lässt und wenig dazu zu tun scheint, sie zu erneuern. Die Freiheit dazu ist grundsätzlich gegeben, aber die Nutzung dieser Freiheit erweckt viele Fragen zum Leben …

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LUHMANN-1991-GESELLSCHAFT. Kap.1:I-II, Diskussion und Übersetzung

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29.März 2018
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INHALT

I Evolutionäre Ausgangslage
I-A Ältere Blogeinträge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
I-B Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
II Luhmann 1991: Vorwort 3
III Diskussion 4
IV Luhmann 1991 Kap.1: Bewusstsein und Kommunikation
IV-A Abschnitt I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-A1 Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-A2 Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-A3 Gehirn – Nervensystem . . . . . . . . . . .
IV-B Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-C Abschnitt II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-C1 Systemtheorie, Autopoiesis . . . . . . . . .
IV-C2 Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-C3 Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . .
Quellen

ÜBERBLICK

Im Rahmen des ’Wahrheitsprojektes’ gibt es den Bereich ’Individuum und Gesellschaft’. Dieser Bereich setzt historisch ein mit dem Auftreten des Homo sapiens und interessiert sich für eine formale Theorie des menschlichen Individuums innerhalb einer Population, eingebettet in eine Umwelt. In Ermangelung einer allgemein akzeptierten und funktionierenden allgemeinen formalen Theorie von Individuum und Gesellschaft wird hier Niklas Luhmann als Referenzpunkt gewählt. Er gilt u.a. als wichtiger (der wichtigste?) deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik. Da Luhmann viele Bücher geschrieben hat muss man für den Start einen ’Eingangspunkt’ in seine Denkwelt wählen. Ich habe mich für das Buch ’Die Wissenschaft von der Gesellschaft’ (1991, 2.Aufl.) [Luh91] entschieden. Alle
Interpretationen des Autors zu Luhmanns Theorie stehen grundsätzlich unter dem Vorbehalt, dass diese Rekonstruktionen keine vollständige Werkanalyse darstellen. Die Vorgehensweise in diesem Beitrag ist der Versuch des Verstehens durch rekonstruierende Analyse mit formalen Mitteln. Für die Logik, die Luhmann
im Detail benutzt, sei verwiesen auf das Buch ’Laws of Form’ von Spencer Brown (1969, 1971) [Bro72] .

I. EVOLUTIONÄRE AUSGANGSLAGE
Vorab zur Analyse von Luhmann sei hier kurz die Lage skizziert, die sich nach 3.8 Mrd Jahren Evolution mit dem Auftreten des homo sapiens bietet. Da das entsprechende Kapitel hier noch nicht geschrieben wurde, seien hier nur jene Blogbeiträge kurz erwähnt, die sich bislang mit dem Thema beschäftigt haben.

A. Ältere Blogeinträge
1) Nr.124 vom April 2013: RANDBEMERKUNG: KOMPLEXITÄTSNTWICKLUNG (SINGULARITÄT(en))

2) Nr.132 vom Mai 2013: RANDBEMERKUNG: KOMPLEXITÄTSNTWICKLUNG (SINGULARITÄT(en)) Teil 2

3) Nr. 314 vom November 2015: STUNDE DER ENTSCHEIDUNG – Ist irgendwie
immer, aber manchmal mehr als sonst

4) Nr.333 vom März 2016: DENKEN UND WERTE – DER TREIBSATZ FÜR
ZUKÜNFTIGE WELTEN (Teil 1)

5) Nr.342 vom Juni 2016: EIN EVOLUTIONSSPRUNG PASSIERT JETZT UND NIEMAND BEMERKT ES?

6) Nr.381 vom 13.März 2017: DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – PHILOSOPHISCHE WELTFORMEL – FAKE-NEWS ALS TODESENGEL

7) Nr. 382 vom 18.März 2017: DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – PHILOSOPHISCHE WELTFORMEL – Teil 4 – MIND-GEIST . . .

8) Nr.383 vom 19.März 2017: INDIVIDUUM ALS BINDEGLIED ZWISCHEN BIOLO-
GISCHEM UND SOZIALEM – Nachtrag

9) Nr.400 vom Aug.2017: MENSCHENBILD – VORGESCHICHTE BIS ZUM
HOMO SAPIENS – Überlegungen

10) Nr. 401 vom Sept.2017: MENSCHENBILD – VORGESCHICHTE BIS ZUM HOMO SAPIENS – Ergänzungen

B. Resümee
Aus den bisherigen Untersuchungen ergibt sich als Zwischenstand, dass der homo sapiens die erste Lebensform auf der Erde ist, die neben der üblichen biologischen Ausstattung von Lebewesen zusätzlich über die Eigenschaften Bewusstsein,  Gedächtnis, Abstraktionsvermögen, Kombinatorik, selbst definierte Ziele und symbolische Kommunikation in einer Weise verfügt, die anderen Lebensformen in dieser Weise bislang unzugänglich waren und bisher auch weiterhin unzugänglich sind.

Aufgrund dieser herausragenden Eigenschaften konnte der homo sapiens in den letzten ca. 12.000 Jahren in Bereichen wie z.B. Handwerk und Technologie, Landwirtschaft, Siedlungsbau, Infrastrukturen, Transport und Verkehr, Wissensweitergabe und Wissensspeicherung, Verwaltung großer Gesellschaftssysteme, Kunst und Kultur, Wirtschaftsformen, und vielem mehr Leistungen erbringen, die ihn weit, weit ab von den anderen bekannten Lebensformen stellen.

Diese objektiven Erfolge scheinen allerdings aktuell einen Zustand erzeugt zu haben, in dem die Menge der alltäglichen Ereignisse, ihre Auftretensgeschwindigkeit sowie ihre inhärente Komplexität die biologischen Kapazitäten eines normalen homo sapiens Gehirns mehr und mehr überschreiten. Neue Informationstechnologien aus den letzten ca. 40 Jahren konnten diese Überforderungen einerseits entlasten, führen aber bislang gleichzeitig zu einer Verstärkung der Belastung, da diese Technologien separiert von dem einzelnen Individuum gehostet und entwickelt werden (das ’Cloud-Syndrom’).

Für die übergreifende Fragestellung, ob und wieweit die neuen digitalen Technologien – möglicherweise in Kombination mit einer Art ’Cyborg-Strategie’ – noch besser als bisher für die Stärkung des Individuums genutzt werden können, soll hier eine Analyse der generellen Situation des Individuums in der Gesellschaft eingeschoben werden.

Diese Analyse nimmt ihren Ausgang bei der Annahme, dass der homo sapiens als einzelnes Individuum Teil einer Population ist, die durch ihre auf Kommunikation gründenden Aktivitäten spezifische ’gesellschaftliche Strukturen’ geformt hat und weiter formt, die das Leben in einer vorausgesetzten Umwelt gestalten. Zugleich wirken diese Strukturen auf den einzelnen zurück. Ob die aktuelle Gestaltung von Gesellschaft letztlich ’nachhaltig’ ist oder nicht bleibt an dieser Stelle noch offen. Erst soll die Frage
nach der allgemeinen Struktur geklärt werden, innerhalb deren das ’Leben’ der homo sapiens Individuen stattfindet.

 

II. LUHMANN 1991: VORWORT
Im folgenden Text wird auf eine Unterscheidung zwischen dem Eigentext von Luhmann und einer davon abgehobenen Interpretation verzichtet. Der gesamte Text ist von Anfang an eine Interpretation des Textes von Luhmann im Lichte der vorwiegend wissenschaftsphilosophischen Annahmen des Autors. Man könnte auch sagen, es handelt sich um eine Art ’Übersetzung’ in einen anderen begrifflichen Rahmen.
Wer wissen will, was Luhmann selbst sagt, der muss den Text von Luhmann direkt lesen. Hier geht es um eine ’theoretische Verwertung’ der Gedanken von Luhmann in einem formalen Rahmen, den Luhmann selbst zu Lebzeiten so nirgends artikuliert hat.

Vorgreifend kann man an dieser Stelle anmerken, dass diese durchgehende  ’Übersetzung’ des Textes von Luhmann in den Text des Autors nur gelingen kann, weil Luhmann als ’roten Faden’ seiner Überlegungen einen ’Systembegriff’ benutzt, der es erlaubt, dass Systeme ’strukturell gekoppelt’ sind und dass sie ’Sub-Systeme’ enthalten können. Diese Auffassung teilt auch der Autor dieses Textes. Dennoch wird diese ’Übersetzung’ von dem Text Luhmanns in vielen Positionen – gerade in seinen zentralen Konzepten – radikal abweichen. Dies ist kein Paradox sondern ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass der Autor an einigen entscheidenden Stellen die ’Selektion der Unterschiede’ anders vorgenommen hat als Luhmann; die ’Freiheit’ des Gehirns, des Bewusstseins, der Kommunikation wie auch der aktuellen gesellschaftlichen Situation des Autors lässt dies zu.

Im Vorwort thematisiert Luhmann einleitend das wissenschaftsphilosophische Problem, dass eine Soziologie, die eine wissenschaftliche Theorie der Gesellschaft erarbeiten will, trotz aller notwendigen methodischen Distanzierung zum   Untersuchungsgegenstand doch auch zugleich Teil genau jener Gesellschaft ist, die untersucht werden soll. Die Bedingungen der Möglichkeit solch einer wissenschaftlichen Erkenntnis liegen der wissenschaftlichen Aktivität selbst voraus und werden traditionellerweise an die Philosophie delegiert, bzw. heutzutage vielleicht einer Erkenntnistheorie, die Hand in Hand mit der Wissenschaftsphilosophie arbeitet. Will eine einzelwissenschaftliche Disziplin – wie z.B. das System der Wissenschaft – ihr eigenes Tun in diesem Sinne von den impliziten Voraussetzungen her befragen, erhellen, klären, dann bedarf sie der Fähigkeit einer ’Autologie’, d.h. einer Selbstreflexion auf das eigene Tun, die sehr wohl auch eine Fremdbeobachtung der anderen Mit-Forschenden einbeziehen kann. Solch eine autologische Reflexion
kann nur in dem Maße die Besonderheiten eines Tuns zur Sprache bringen und kommunizieren, insoweit diese Disziplin über eine hinreichend ausdrucksstarke Metasprache verfügt. Diese wird gespeist durch das Fachwissen der Philosophie wie auch durch das spezifische Fachwissen der jeweiligen Disziplin, sofern letztere überhaupt schon über hinreichendes Spezialwissen verfügt.

Tatsächlich kann eine solche philosophische Selbstvergewisserung – hier der gesamte
Wissenschaftsbetrieb – nur gelingen, sofern diese zum Zeitpunkt der Untersuchung schon soweit als eigenes gesellschaftliches Subsystem vorkommt, dass durch gesellschaftlich legitimierte Setzungen und Verhaltensweisen ’vor-definiert’ ist, worin ’gesellschaftlich’ das Substrat dieser Disziplin besteht. Nur dann kann eine ’nach-sinnende’ autologische Reflexion die Eigenart aller beteiligten Komponenten und
Interaktionsprozesse identifizieren und analysieren. In diesem Sinne ist eine  Fachdisziplin – bzw. hier der gesamte Wissenschaftsbetrieb – zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt nicht ’Voraussetzungsfrei’ (Anmerkung: Wäre dem so, dann hätte man es mit einem eigenschaftslosen Neutrum zu tun, das nicht weiter bestimmbar wäre.) , sondern zeichnet sich gerade durch ein historisch gereiftes und darin durch Eigenschaften beschreibbares System zu tun, das innerhalb der Gesamtgesellschaft als Sub-System erscheint. Diese Unterscheidung lässt zugleich zu, dass jedes gegenwärtige System sich durch seine Eigenaktivitäten weiter verändert.

Die Aktualität der Gegenwart bildet damit tendenziell nicht das Gesamtsystem ab noch einen dauerhaften Zustand.

III. DISKUSSION
Es sei hier angenommen, dass ein historisch gewachsenes und gesellschaftlich ausgezeichnetes ’Subsystem Wissenschaft (SW)’ neben möglichen ’menschlichen Akteuren’ (A) zusätzlich über hinreichend viele Dokumente (D) verfügt, in denen Zielsetzung, typische Arbeitsweisen und der dynamische Bezug zum übergreifenden fundierenden gesellschaftlichen Gesamtsystem hinreichend beschrieben ist. Ein
gesellschaftliches wissenschaftliches Subsystem umfasst also minimal folgende Struktur:

SW (x) iff x = <A, D, h> (1)
A := Akteure (2)
D := Dokumente (3)
h := A × D —> A × D (4)

Das Symbol h repräsentiert die Menge der möglichen Handlungen, mit denen die Akteure im Sinne der offiziellen Dokumente neue Dokumente generieren können bzw. auch die Menge der Akteure verändern können. Was in dieser expliziten Darstellung noch fehlt ist der Aspekt der Gesellschaft (G). Denn eine Gesellschaft hat ja meistens mehr als ein Subsystem (Anmerkung: Wobei jedes Subsystem noch weitere Subsysteme haben kann). Zwischen einem Subsystem S und der Gesellschaft G kann es typische Interaktionen geben, ebenso auch zwischen Subsystemen direkt. Man
müsste daher mindestens eine weitere Interaktionsebene einbeziehen:

G(x) iff x = <A, D, Σ, h> (5)
A := Akteure (6)
D := Dokumente (7)
Σ := Menge von Subsystemen (8)
h := A × D × Σ —> A × D × Σ (9)

Die Akteure (A)  auf der Ebene der Gesellschaft (G) sind einerseits die ’Grundmenge’ aller Akteure, andererseits unterscheiden sich Subsysteme von der umgebenden Gesellschaft G dadurch, dass sie sich in mindestens einer Eigenschaft vom globalen System ’unterscheiden’. Es wird hier angenommen, dass diese minimale Verschiedenheit sich auf auf die Akteure A  bezieht, auf die beschreibenden Dokumente D  sowie auf die jeweilige Veränderungsfunktion h . Um Verwechslungen in der Kommunikation zu vermeiden könnte man die jeweiligen Symbole immer mit einem ’Index’ versehen, der den jeweiligen ’Kontext’ anzeigt, z.B. A_G
im Unterschied zu A_SW   oder h_G im Unterschied zu h_SW .

Aufgrund der minimalen Unterscheidbarkeit gilt dann generell, dass A_SW ⊆ A_G , d.h. die Akteure aus einem Subsystem sind spezieller als jene Akteure, die als Akteure einer globalen Gesellschaft gelten. Entsprechend verhält es sich in der Beziehung der Veränderungsfunktionen: h_SW ⊆ h_G.

Denkbar ist allerdings – und dies entspricht den empirischen Fakten –, dass es aufgrund der räumlichen Verteilung des homo sapiens auf der Erde (und zukünftig vielleicht auch im Weltall) gesellschaftliche Systeme gibt, die räumlich getrennt sind und die in ihrer ’Region’ das ’oberste’ gesellschaftliche System G darstellen, das  unterschiedliche Subsysteme haben kann. Faktisch gibt es dann viele gesellschaftliche
Systeme G_1 , …, G_n , die aufgrund ihrer separierten Existenz ’gleichberechtigt’ sind.
Andererseits wissen wir aufgrund der historischen Daten, dass es zwischen solchen räumlich verteilten gesellschaftlichen Systemen G sowohl ’kriegerische Handlungen’ gegeben hat, in denen das eine System G das andere System G_0 mit Gewalt erobert hat, oder es gab ’Wanderungsbewegungen’, die zu einer Vermischung der Akteure A_G , A_G_0 geführt hat. Solche Vermischung ( μ) – durch Eroberung oder Wanderung – konnten durch die unterschiedlichen ’Präferenz- und Wissensmodelle’ der Neuankömmlinge über die Interaktionen auf die bestehenden Dokumente und auf die Veränderungsfunktion h_G so einwirken, dass Modifikationen entstanden, etwa:

μ : A_G × A_G_0 × D_G × D_G_0 —> A_(G∪G_0) × D_(G∪G_0) × h_(G∪G_0)

Die führt zu einer Erweiterung des Referenzsystems zu einer ’Weltgesellschaft (WG)’:

G(x) iff x = <A, D, Σ, h> (5)
SW (x) iff x = <A, D, h> (1)
A_SW ⊆ A_G (12)
h_SW ⊆ h_G (13)
WG(x) iff x =<R3 , Γ, ∆, AF, μ>(14)
R3 :=  3 − dimensionale Koordinaten
Γ = U(A1 , …, An)
∆ =U(D1 , …, Dn )
AF := Artefakte
μ = 2^(R3 ×AF ×Γ×∆) —>  2^(R3 ×AF ×Γ×∆)

Die Grundidee ist die, dass die regional getrennten Gesellschaften miteinander vermischt werden können, was eine räumliche Umgruppierung von Akteuren und Dokumenten bedeuten kann. Andere wirksame Faktor sind z.B. der ’Handel’ oder neue ’Technologien’, die rein praktisch das alltägliche Leben verändert haben.

Im nächsten Kapitel 1 beschreibt Luhmann in erster Linie die Begriffe ’Bewusstsein’ und ’Kommunikation’ sowie deren Wechselwirkungen. Für diese Rekonstruktion werden die bisherigen begrifflichen Festlegungen berücksichtigt.

IV. LUHMANN 1991 KAP .1: BEWUSSTSEIN UND KOMMUNIKATION

A. Abschnitt I

Luhmann beginnt diesen Abschnitt mit der Frage nach dem ’Träger von Wissen‘
bzw.  Bewusstsein: Nach allerlei historischen Betrachtungen findet er einen ersten ’Ankerpunkt’ seiner Überlegungen in der grundlegenden Fähigkeit des Bewusstseins im Rahmen der Wahrnehmung grundsätzlich ’ein anderes’ wahrnehmen zu können. Es ist ein ’dass’, ein reiner ’Unterschied’, kein interpretierendes ’wie’. Diese Unterscheidung vom anderen ist die ’primäre Differenz’, die einen möglichen ’Anschluss’ für eine Kommunikation bietet und einen möglichen Referenzpunkt für eine mögliche ’sekundäre Zuschreibung’ von weiterem Wissen. (vgl. S.17)

Das ’Bewusstsein’, das Unterschiede wahrnehmen kann, operiert unter  stillschweigender Voraussetzung des ’Gehirns’ (= Nervensystem), ohne das Gehirn zu ’bemerken’. Der ’eigene Leib’ wird als bewusstseinsexterner ’Gegenstand’ erlebt. Damit externalisiert das Bewusstsein seine Zustände in die Welt hinein.(vgl.S.20)
Die Besonderheit des Bewusstseins liegt im ’Wahrnehmen’ und ’anschaulichen Imaginieren’. Ferner wird in der Wahrnehmung das Unterschiedene zugleich in einer ’Einheit’ erfasst.(vgl.S.20)

2) Kommunikation: Mit Rückgriff auf die Entwicklungspsychologie postuliert er, dass basierend auf dieser primären Unterscheidung im Bewusstsein eine erste ’Kommunikation’ angestoßen wird, noch vorab zum Spracherwerb. Und es ist diese erste Kommunikation die es nahelegt, ein ’alter ego’ im erfahrbaren Anderen zu unterstellen, und an dieses im Laufe der Zeit mehr Wissen anzulagern.(vgl. S.18f)

Und es wundert bei dieser Ausgangslage nicht, dass Luhmann postuliert, dass die Kommunikation Bedingung für ’Intersubjektivität’ ist und nicht umgekehrt. Innerhalb dieser Kommunikation wird zwischen ’Mitteilung’ und ’Information’ unterschieden. Diese Differenz soll dann nachgeordnet mit ’Sinngehalten’ angereichert werden.(vgl.S.19)

Kommunikation setzt Bewusstsein voraus, unterscheidet sich aber vom Bewusstsein, da ’Irrtum’, ’Täuschung’, ’Symbolmissbrauch’ der Kommunikation zugeordnet wird, nicht dem Bewusstsein.(vgl.S.21) Mit dem Grundsatz, dass die Wahrnehmung selbst nicht kommunizierbar ist (vgl.S.20), ergibt sich, dass logisches, kreatives Denken ohne Effekt bleibt, wenn es nicht kommunizierbar wird.(vgl.S.22)

Da Luhmann ferner annimmt, dass Wissen der Kommunikation zuzurechnen ist, nicht dem Bewusstsein (vgl.S.23), kann er weiter folgern, dass sich kein individuell bewusstes Wissen isolieren lässt.(vgl.S.22) Obwohl Kommunikation nicht zwingend auf Bewusstsein wirkt (vgl.S.22), kann Kommunikation das Leben und das Bewusstsein von Menschen auslöschen.(vgl.S.23)

3) Gehirn – Nervensystem: Das ’Nervensystem’ kann nur körpereigene Zustände unterscheiden und operiert daher ohne Bezug auf die Umwelt.(vgl.S. 19)

B. Diskussion
Luhmann bringt eine Reihe von Begriffen ins Spiel { z.B. ’Gehirn’, ’Bewusstsein’,  ’Wahrnehmung’, ’Differenz’, ’Kommunikation’, ’Mitteilung’, ’Information’, ’Sinngehalt’,
’Irrtum’, ’Täuschung’, ’Symbolmissbrauch’, usw. } , die zunächst relativ undifferenziert und nur locker in Beziehung gesetzt werden.

Nach der vorausgehenden Diskussion haben wir als bisherigen Referenzrahmen die beiden Begriffe ’Subsystem Wissenschaft’, ’System Gesellschaft’, und – falls es mehrere regional unterschiedene Gesellschaften gibt – die ’Weltgesellschaft’ (für einen erster Formalisierungsansatz siehe oben).

Davon unterschieden wird für die Begriffe { ’Gehirn’, ’Bewusstsein’,
’Wahrnehmung’, ’Differenz’ } In einer ersten Annäherung   angenommen, dass diese einem einzelnen Akteur A zuzurechnen sind. Dies erfordert, dass man den Akteur selbst als ein System sieht, der verschiedene Sub-Systeme umfasst, etwa so:

A(x) iff  x = <BR, PERC, PH, CONSC, ψ> (30)
BR := Gehirn (31)
ψ :  BR —> PERC × PH × CONSC (32)
PERC := Wahrnehmung (33)
PH := Phaenomene (34)
CONSC ⊆ 2^PH (35)

Das ’Gehirn (BR)’ erzeugt mittels der Funktion ψ ’Wahrnehmungen (PERC)’, die aufgrund von erfassbaren ’Differenzen’ unterscheidbare ’Phänomene (PH)’ erkennen lassen. Diese Phänomene bilden den ’Raum’ des ’Bewusstseins (CONSC)’. Weitere Aussagen sind an dieser Stelle noch schwierig.

Darüber hinaus muss man die Begriffe { ’Kommunikation’, ’Mitteilung’, ’Information’, ’Sinngehalt’,’Irrtum’, ’Täuschung’, ’Symbolmissbrauch’ } einordnen. Da Luhmann die Kommunikation als eigenes System sehen will, innerhalb dessen Mitteilungen und Informationen auftreten können, die mit Sinngehalten irgendwie in Beziehung stehen, dazu die Phänomene ’Irrtum’, ’Täuschung’ und ’Symbolmissbrauch’, muss man ein weiteres System annehmen, etwa so:

COM (x) iff x = <MT, INF, …>(36)
MT := Mitteilungen (37)
INF := Informationen (38)
… := Weitere Eigenschaften (39)

Wie genau dann das System Kommunikation (COM) funktionieren soll, wie das Zusammenspiel seiner unterschiedlichen Eigenschaften ist, wie genau das Wechselspiel mit dem Bewusstsein zu sehen ist, das ist an dieser Stelle noch unklar.

Ganz allgemein kann man schon an dieser frühen Stelle der Lektüre feststellen, dass Luhmann trotz seiner systemanalytischen Intentionen keinerlei Anstalten trifft, seine Überlegungen in Form einer wissenschaftlichen Theorie zu organisieren. Weder macht er sich Gedanken über eine notwendige Sprache noch über einen formalen Aufbau. Dementsprechend ist auch nicht klar, wie in seine ’Theorie’ Begriffe ’neu eingeführt’ werden können (andere nennen dies ’Definitionslehre’). Genauso wenig wie er irgendwelche überprüfbaren Qualitätskriterien für seine ’Theorie’ formuliert. Wann ist seine Theorie ’erfolgreich’? Wann ist sie ’wahr/ falsch’? … oder was auch immer man als Kriterium benutzen möchte.

Das gänzliche Fehlen dieser Überlegungen rächt sich im weiteren Verlauf nahezu auf jeder Seite.

C. Abschnitt II
In diesem Abschnitt werden die Begriffe ’Bewusstsein’ und ’Kommunikation’ als Systeme von Luhmann weiter ausdifferenziert; dazu ein paar Bemerkungen zur Autopoiesis.

1) Systemtheorie, Autopoiesis: Luhmann hält nochmals fest, dass eine fundamentale Annahme der Systemtheorie darin besteht, dass man eine Differenz von ’System’ und ’Umwelt’ annimmt. Daraus folgt einerseits, dass kein System außerhalb seiner eigenen Grenzen operieren kann, (vgl.S. 28) aber auch, dass jedes System in einer Umwelt existiert. Zwischen Umwelt und System darf man Kausalbeziehungen annehmen, die aber nur ein externer Beobachter beobachten kann.(vgl.S. 29) Zugleich gilt, dass ein
System immer schon an die Umwelt ’gekoppelt’ ist. Er behauptet sogar weiter, dass ein System immer schon angepasst sei.(vgl.S. 29)

Mit dieser Formulierung steht Luhmann im Gegensatz zu den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie, die offengelegt hat, dass alle zu einem bestimmten Zeitpunkt beobachtbaren ’Passungen’ Ergebnisse langwieriger dynamischer  Anpassungsprozesse sind. In diesem Licht sind – zumindest lebende – Systeme in einer Umwelt niemals völlig unabhängig von dieser. Der von Luhmann gewählte
Begriff der ’Systemkopplung’ erfüllt zwar formal zunächst seinen Zweck, aber er wird der komplexen Interaktionsdynamik von (lebenden) Systemen und Umwelt nicht voll gerecht.

Insofern ist in diesem Zusammenhang sein Hinweis interessant, dass ’Autopoiesis’  (Anmerkung: Zum Begriff finden sich zahlreiche online-Quellen von Whitaker (2010) [Whi10]) nicht besage, dass das System allein aus sich heraus… ohne jeden Beitrag aus der Umwelt existiere.(vgl. S.30) Er schließt damit formal weitere  Interaktionsbeziehungen nicht grundsätzlich aus, klammert sie aber aus seiner formalen Analyse hier aus. Solange diese Ausklammerung den Hauptinhalt seiner Analysen nicht wesentlich verändert, kann er dies machen. Wenn aber – und der weitere Fortgang erweckt diesen Eindruck – dadurch wichtige grundlegenden Eigenschaften des Hauptgegenstandes durch formal angeregte Selektionen eliminiert werden, dann ist dieser Sachverhalt für die Untersuchung erheblich.

Aufgrund der zuvor vorgenommenen Selektion und der damit einhergehenden Vereinfachung kann Luhmann sich auf die ’Innensicht’ der isolierten Systeme fokussieren. Und er schreibt dann ganz klar, dass es vielmehr nur darum geht, ”dass die Einheit des Systems und mit ihr alle Elemente, aus denen das System besteht, durch das System selbst produziert werden. Selbstverständlich ist dies nur auf der
Basis eines Materialkontinuums möglich … Selbstverständlich braucht solch ein Prozess Zeit…”(S.30)

Die Begriffe ’Materialkontinuum’ und ’Zeit’ verweisen auf eine empirische Umwelt, ohne die es beides nicht geben würde. Und obwohl er auf die ’Autonomie’ der Systeme abhebt, kommt er nicht umhin, festzustellen, ”… der Begriff der strukturellen Kopplung wird uns daran erinnern, dass das System laufend Irritationen aus der Umwelt registriert und zum Anlass nimmt, die eigenen Strukturen zu respezifizieren. (S. 30)

Solange man die ’Irritationen’, die durch eine strukturelle Kopplung hervorgerufen werden (Anmerkung: Beruhen diese ’Irritationen’ auf einer Kausalbeziehung?) , in der
Unbestimmtheit belässt, in der sie Luhmann präsentiert, spielen diese ’Irritationen’ keine ’inhaltlich fassbare’ Rolle. Eigentlich erscheinen sie überflüssig. Andererseits erwähnt Luhmann sie aber, weil sie irgendwo offensichtlich wichtig sind. In welchem Sinne sind sie wichtig? Von lebendigen Systemen wissen wir, dass diese Kopplungen für das System ’wesentlich’ sind (z.B. die Energiezufuhr einer eukaryotischen Zelle).

Man muss daher die Frage stellen, ob eine Systembeschreibung nicht so angelegt sein sollte, dass sie den für das System erheblichen Grund der strukturellen Kopplung für das System sichtbar machen sollte, so dass die weiteren ’Systemfunktionen’ auf der Basis der grundlegenden Struktur ’verständlich’ werden? Eine Systembeschreibung, die wesentliche Systemeigenschaften und Systemdynamiken von vornherein ausklammert wirkt ansonsten ein wenig ’willkürlich’, ’voreingenommen’, ’dogmatisch’. Diese
wissenschaftsphilosophische Kritik stellt damit nicht den Systembegriff als solchen in Frage, sondern nur eine spezielle Anwendung auf einen der Theoriebildung vorgelagerten Phänomenbereich.

Für Luhmann folgt aus seiner Verwendung des Systembegriffs, dass ”’lebende  Systeme’, ’Bewusstseinssysteme’ und ’Kommunikationssysteme’ verschiedenartige, getrennt operierende selbstreferentielle Systeme [sind]”.(S. 28). Damit sendet er ein klares Signal aus, dass er die möglicherweise gegebenen wichtigen strukturellen und funktionellen Zusammenhänge dieser identifizierten Systeme durch eine andere Verwendungsweise des Systembegriffs im Falle der angesprochenen Phänomene bewusst ausklammert.

Als methodisch motiviertes Gedankenexperiment kann eine solche begriffliche Anordnung Sinn machen, für die theoretische Rekonstruktion der erfahrbaren Wirklichkeit kann dieses Vorgehen aber in die Irre führen. Dies umso mehr, als Luhmann nirgendwo entscheidbare Kriterien etabliert hat, anhand deren man in minimaler Weise einen ’Erfolg’ oder ’Misserfolg’ seines Gedankenexperiments ablesen
könnte.

Das Beispiel lebender Systeme zeigt seit vielen Milliarden Jahren, dass Anpassungsprozesse nur durch das Wirken von sehr harten Kriterien funktionieren. Das harte Kriterium ist im Fall lebender Systeme die (i) Aufrechterhaltung eines Prozesses, dessen innere Logik in der (ii) individuellen Ausnutzung von freier Energie besteht, die in einer (iii) populationsweiten Abfolge von Systementwürfen (iv) die Population im Spiel hält. Das einzelne System ist hier eindeutig nur zu verstehen als ein Element einer größeren Population, die ein spezifisches Prozessmodell umsetzt. Man müsste in diesem Fall daher von vornherein einerseits (a) das System ’Population’ selektieren, das als Teil des Systems (b) ’Umwelt’ im Rahmen eines ’Prozesses’ den sowohl populären wie individuellen (c) ’Lebensprozess’ realisiert. Ferner wissen
wir heute, dass eine Population nicht ausreicht, sondern dass wir es mit einem (a*) ’Netzwerk von Populationen’ zu tun haben, die wechselseitig füreinander wichtige Funktionsleistungen erbringen. Will man diese Realität erfassen, dann kann man mit dem stark reduktionistischen Ansatz von Luhmann eigentlich nur scheitern.

Wohlgemerkt: das Problem ist nicht der Systembegriff als solcher, sondern die
Art seiner Anwendung auf eine empirisch vorhandene Realität.

2) Bewusstsein: Nach dem Vorausgehenden ist bekannt, dass Luhmann das Phänomen ’Bewusstsein’ als ein eigenständiges System selektiert hat. Er spricht im Fall des Bewusstseins auch von einem ’psychischen System’.(vgl. S.23) Entsprechend seiner allgemeinen Annahme zu Systemen kommt er dann zu Aussagen wie ”… psychische Systeme operieren selbstreferentiell-geschlossen und sind
füreinander unzugänglich…” (S. 23), oder auch ”Dem Verstehen psychischer Systeme … fehlt die für den Kommunikationsprozess notwendige Diskretheit. Psychisch gibt es hier kein entweder/oder. Genau das braucht aber der Kommunikationsprozess, um seine eigene Autopoiesis fortsetzen zu können. …Innere Unendlichkeit der psychischen Systeme…”(S. 26)

Neben den schon angemerkten eliminierenden Selektionen, die Luhmann zuvor schon vorgenommen hat, erscheint die Behauptung, dass es psychisch kein ’entweder/oder’ gibt gewagt, da ja (was Luhmann über viele Seiten schlicht ausklammert) das Bewusstsein sich gerade dadurch auszeichnet, dass grundlegend mindestens folgendes möglich ist. (i) die Unterscheidung von Bewusstseinsinhalten anhand von Eigenschaften; (ii) die Identifizierung des Unterschiedenen in der Unterscheidung, eben
die Eigenschaftskomplexe, die oft ’Phänomene’ genannt werden; (iii) die erlebbare ’Einheit’ trotz ’Unterscheidung’.

Das Bewusstsein erlebt     unterscheidbare Phänomene nicht nur einfach so, sondern z.B. diese Phänomene auch als Elemente in einem ’Raum’, der unhintergehbarer Bestandteil des Erlebens ist. Nur deshalb kann das Bewusstsein diese Elemente auch ’in Beziehung setzen’, hier in räumliche Beziehungen wie z.B. a ist ’über’ b oder a ist ’unter b’. Zum aktuellen Erleben gehört sogar die Befähigung, (iv) ’Aktuelles’ im Vergleich zu ’Erinnertem’ zu sehen, also in einer zeitlichen Relation. Das ’Gedächtnis’
als ’Quelle’ von Erinnerungen ist selbst zwar kein Bestandteil des Bewusstseins (ein eigenes strukturell gekoppeltes System), aber diese Kopplung zwischen Bewusstsein und Gedächtnis ist funktional so ausgelegt, dass das Gedächtnis die aktuellen Phänomene quasi simultan ’kommentiert’, unaufgefordert, aber kausal dazu genötigt.

Dies ist ein klarer Fall, in dem die strukturelle Kopplung auf der Ebene des Systems Bewusstsein zum Gedächtnis hin abgeschottet erscheint, aber auf der Ebene des Systems ’Gehirns’ sind sowohl Bewusstsein wie Gedächtnis Teilsysteme, die das System Gehirn so ’prozessiert’, dass Inhalte des Bewusstseins ’für das System Bewusstsein unsichtbar’ in das System ’Gedächtnis’ ’transportiert’ werden und umgekehrt. Für das Funktionieren des Systems Bewusstsein ist diese kausale
Maschinerie wesentlich!

Wenn Luhmann an anderer Stelle feststellt, dass ”das Bewusstsein an die neurophysiologischen Prozesse ’seines’ Organismus gekoppelt [ist] ohne sich diesen Prozessen anpassen zu können. Es kann sie nicht einmal wahrnehmen…”(S.29) dann nimmt er diesen fundamentalen Zusammenhang beiläufig zur Kenntnis, zieht daraus aber keine weiteren Konsequenzen für sein Gedankenexperiment. Die Realität des biologischen Systems Körper, in das das System Gehirn eingebettet ist, und darin Bewusstsein und Gedächtnis, ist aus der Sicht des Gesamtsystems Körper auf bestimmte Funktionen ausgelegt, für deren Erfüllung viele Teilsysteme zusammen arbeiten müssen. Im Fall Bewusstsein haben wir mindestens die Teilsysteme ’Wahrnehmung’, ’Gedächtnis’ und ’Bewusstsein’. Obwohl die Teilsysteme ’Wahrnehmung’ und ’Gedächtnis’ aus Sicht des Systems Bewusstsein strukturell so ’gekoppelt’ sind, dass das Bewusstsein keinen direkten Einfluss auf die kausal eingekoppelten Irritationen hat, sind diese Irritationen in Form
von Wahrnehmungsereignissen und Erinnertem für das Funktionieren des Bewusstseins wesentlich!

Luhmanns Verwendungsweise des Systembegriffs greift hier einfach zu kurz; er selektiert zu viele wichtige empirische Phänomene im Vorfeld, um seine Verwendungsweise ’passend’ zu machen. Seine Formulierung vom ’Gedächtnis’, ”… [das] nichts anderes [sei] als die Konsistenzprüfung in der jeweils aktuellen Operation, also Aktualisierung ihres jeweils nutzbaren Verweisungszusammenhangs)…” (S.31)
kann man zumindest so verstehen, als dass er weitergehende Funktionen des Gedächtnisses in Abrede stellt. Von der Psychologie wissen wir, dass das Gedächtnis erheblich mehr leistet als eine bloße ’Konsistenzprüfung’. Das Gedächtnis arbeitet kontinuierlich (auch ohne bewusste Anteile), selektiert, abstrahiert, assoziiert, bewertet, bildete Netzwerke, ändert, interpretiert durch ’ist-ein-Exemplar-von-
Struktur X’, und vieles mehr.

In diesen Zusammenhang passen auch die Bemerkungen Luhmanns zum Verhältnis von Sprache und Bewusstsein: ”Man wird vielleicht einwenden, dass das Bewusstsein ’sprachförmig denken’ könne. Gewiss! Aber solches Denken ist keine Kommunikation. Und wenn es für sich alleine läuft, sieht das Ergebnis ungefähr so aus …. Fast nimmt die Eigenproduktion von Worten und Satzstücken dann die Form von … fluktuierenden Wortwahrnehmungen an – befreit von jeder Rücksicht auf Verständlichkeit. Operativ besetzen und reproduzieren Wort- und Satzfetzen dann das Bewusstsein mit der Evidenz ihrer Aktualität, aber nur für den Moment”.(S. 32)

Diese Sätze beziehen ihre ’Wahrheit’ aus der vorausgehenden Selektion, dass die mögliche ’Bedeutung’ von Worten, der ’Sinn’ von Sätzen’ ausschließlich im System ’Kommunikation’ verortet ist (siehe unten im Text). Diese Selektion widerspricht aber nicht nur der Selbsterfahrung jeden Sprechers/ Hörers, sondern auch zahllosen empirischen Untersuchungen. Zwar hat Wittgenstein in seiner späteren Phase alles getan, um die Idee zu kommunizieren, dass die Bedeutung sprachlicher Äußerungen sich ausschließlich durch die Beobachtung der ’Verwendung’ dieser Äußerungen im ’Kontext’ erschließen lasse, aber jede nähere Analyse kann schnell zeigen, dass diese Annahme nur so lange funktioniert, wie man den Begriff ’beobachten’ und den vorausgesetzten ’Beobachter’ mehr oder weniger ’neutralisiert’.

Es ist zwar richtig, dass man die Verwendungsweise von sprachlichen Ausdrücken im Kontext ’beobachten’ kann, aber sobald man zu ergründen versucht, warum ein Sprecher-Hörer ein Umgebungsmerkmal mit einer bestimmten sprachlichen Äußerung  verknüpft oder umgekehrt bei Hören einer bestimmten sprachlichen Äußerung auf ein bestimmtes Umgebungsmerkmal verweist, wird man feststellen, dass ohne die Annahme einer entsprechenden ’Kodierung’ dieser Beziehungen zwischen
’Ausdruck’ und ’Umgebungseigenschaften’ (es gibt ja auch Bedeutungsverweise auf Sachverhalte, die nicht in der aktuellen Situation präsent sind!) ’im’ jeweiligen Sprecher-Hörer kein einziges Sprachspiel  funktioniert. (Anmerkung: Eine Erfahrung, die die ersten Sprachlernexperimente mit Robotern sehr schnell offen gelegt haben!)

Mit der Annahme der Verortung der fundamentalen Kodierungen von Ausdrücken und Gemeintem ’im’ Beobachter, im Akteur – und zwar primär im Gedächtnis und darüber indirekt im Bewusstsein – ist die Feststellung Luhmanns, dass sowohl ”die  Zeichenhaftigkeit der Mitteilung als auch die Information selbst … nicht als Bewusstseinsoperationen in das System, nicht als Wissen eines psychischen
Systems, das vorher da ist, dann in die Kommunikation eingegeben werden…” (vgl.S. 24) dann tendenziell irreführend. Natürlich kann die Kodierung im Bewusstsein (Gedächtnis) als solche nicht in die Kommunikation gelangen, aber das Auftreten von Worten in der Kommunikation setzt die Verfügbarkeit der zugrunde liegenden Kodierungen in den Bewusstseinen (bzw. Gedächtnissen) der beteiligten
Kommunikationsteilnehmer voraus! Das Konzept einer Kommunikation als eigenständiges System, das ohne Rückgriff auf die beteiligten Bewusstseins-Systeme ’Informationen’ transportieren könnte, ist buchstäblich ’haltlos’: die Worte und Wortfolgen als Kommunikationseinheiten funktionieren ’zwischen’ Bewusstseins-System semantisch nur unter simultaner Voraussetzung der individuell verankerten
Kodierungen. Nur unter dieser Voraussetzung ist es verstehbar, dass Kommunikationseinheiten, die gekoppelt ein Bewusstsein irritieren können, dies nicht unspezifisch tun, sondern unter Voraussetzung der semantischen Kodierung aufgrund der Kommunikationseinheiten dann Bedeutungsnetzwerke im angekoppelten Bewusstsein aktivieren, die z.B. im jeweiligen Bewusstsein bestimmte Erwartungen
auslösen können. (siehe dazu S.33)

3) Kommunikation: Obwohl im vorausgehenden Abschnitt verschiedentlich deutlich wurde, dass eine Abgrenzung von ’Bewusstsein’ gegenüber ’Kommunikation’ und umgekehrt im Sinne der Systemtheorie nur bedingt funktioniert, versucht Luhmann dennoch auch die Kommunikation als eigenständiges System zu konzipieren.

Für Luhmann besitzt das System ’Kommunikation’ seine Referenz in der ”Kommunikation im sozialen System der Gesellschaft”(S. 31). Es ist nicht der ’Mensch’, der kommuniziert, sondern ”nur die Kommunikation kann kommunizieren” (S. 31). Die ”Kommunikation ist ein operativ selbständiges System. Die Erzeugung von Kommunikation aus Kommunikation ist ein selbstreferentieller Prozess.”(S.24) ”Jede
Kommunikation erzeugt von Moment zu Moment… eine eigene  Nachfolgekommunikation.”( S. 31f) Oder: ”Wenn Kommunikation in Gang kommt, bildet sie ein eigenes autopoietisches System mit eigenen rekursiv vernetzten Operationen, das sich auf die Fähigkeit des Bewusstseins zur Transparenz auf der Grundlage von Intransparenz verlassen kann.”(S. 26)

Diese Formulierungen wirken sehr ’scholastisch’ in dem Sinne, dass hier der Eindruck erweckt wird, als ob es nur darum geht, die formalen Anforderungen einer Systemtheorie zu erfüllen, ohne Rücksicht auf die Phänomene selbst. Zu sagen, dass es nicht der Mensch sei, der kommuniziert, sondern die Kommunikation selbst, klingt formal korrekt, wenn man einen bestimmten Systembegriff voraus setzt, aber berücksichtigt man den zuvor hervorgehobenen Sachverhalt, dass die Kodierung von sprachlichen Ausdrücken mit potentiell ’Gemeintem’ nur jeweils in den beteiligten Bewusstseins-Systemen vorliegen kann, und deswegen auch nur diese mögliche ’Informationen’ der Kommunikation aktualisieren können, dann macht es so recht keinen Sinn, zu sagen, nur die Kommunikation ’kommuniziere’. Das System
’Kommunikation’ erscheint eher als ein ’Sub-System’ der agierenden Bewusstseins-Systeme, die je nach interner Konstellation unterschiedliche Kommunikationselemente aktivieren, deaktivieren, verändern.

Vor diesem Hintergrund macht die Formulierung ”Was als Verstehen erreicht ist, wird daher im Kommunikationsprozess souverän entschieden und als Bedingung fürs Weitermachen bzw. für klärende Zwischenkommunikation markiert….”(S.26) nur Sinn, wenn sowohl das ’Verstehen’ wie auch das ’Entscheiden zum Weitermachen’ im Bewusstseins-System verortet ist. Die Kommunikationselemente als solche bieten keinerlei Anknüpfungspunkte weder für Verstehen noch für Entscheiden.

Es ist dann schon merkwürdig, wenn Luhmann einerseits registriert, dass es bei Kommunikation einen ’Übertragungseffekt’ gibt, der ”System und Umwelt von Moment zu Moment [koordiniert]”, aber es dann als ”eine offene Frage” ansieht, ”wie weit das psychisch gehen muss”. Allerdings schließt er aus, dass diese Koordinierung weder zum ”Bewusstseinsinhalt noch zum Mitteilungsinhalt” wird.(vgl.S.27) Würde Luhmann die empirische Verankerung der semantischen Kodierung in den beteiligten
Kommunikationsteilnehmern akzeptieren, dann wäre klar, dass  Kommunikationsereignisse über die strukturelle Kopplung bewusstseinsrelevant werden würden, sie würden im einzelnen Bewusstsein als ’Mitteilung’ dekodiert.

Durch die Strategie der Ausklammerung des individuellen Bewusstseins aus dem Kommunikationsprozess reißt Luhmann mutwillig eine Lücke auf; plötzlich gibt es keinen wirklichen Adressaten mehr in der Kommunikation. Luhmann versucht dieses ’Loch’ dadurch zu ’stopfen’, dass er den alten ’Persona’-Begriff für seine Zwecke reaktiviert: ”Personen können Adressen für Kommunikation sein… Sie können als Aufzeichnungsstellen vorausgesetzt werden…als Zurechnungspunkte für  Kausalannahmen…All das … ohne jede determinierende Auswirkung auf Bewusstseinsprozesse.”(S. 34)

Immerhin denkt Luhmann sein formales System-Konzept auf seine Weise konsequent.
Abgekoppelt vom System Bewusstsein stellt sich die Frage, was denn dann  Kommunikation überhaupt noch ’tut’. Luhmann bezieht eine klare Position: ”Jenseits der psychischen Systeme differenziert und synthetisiert Kommunikation ihre eigenen Komponenten ’Information’, ’Mitteilung’ und ’Verstehen’.”(S.24) ”Die Mitteilung wird als ’Zeichen’ für eine ’Information’ genommen.”(S. 24) ”Mitteilung und Kommunikation
werden in der Kommunikation ’aufgebaut’, ’abgebaut’, ’aktualisiert’, evtl. ’aufgezeichnet’, ’evtl. erneut ’thematisiert’.(S.24)

Unterstellt man, dass Luhmann mit ’Mitteilung’ die Ausdruckselemente (einer Sprache) sieht, mittels deren Kommunikation ’realisiert’ wird, und mittels denen dann auf eine mögliche ’Information’ ’hingewiesen’ wird, die dann wiederum ein ’Verstehen’ implizieren können, dann verheddert sich diese Interpretation wieder mit den empirischen Fakten einer im Bewusstsein-System verorteten semantischen Kodierung (Anmerkung:   Luhmann verwendet an dieser Stelle den Begriff ’Information’ völlig losgelöst von Shannon (1948) [Sha48]. Er stellt aber auch nicht sicher, wie er die ‚Referenz‘ seines Begriffs ‚Information‘ sieht.).

In diesem Zusammenhang ist auch die Feststellung von Luhmann ”Die Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein in das, was sie mitteilt und das, was sie nicht mitteilt” (S.27) formal korrekt für seine Systemannahmen, aber mit Blick auf die Empirie und ein Systemkonzept, was die semantische Kodierung berücksichtigt, eher fragwürdig. Die ’Kommunikation’ ist für Bewusstseins-Systeme mit semantischer
Kodierung nur eine ’für sich genommen’ bedeutungslose Ereigniskette, deren Elementgrenzen nur dann und insoweit etwas ’bedeuten’, als sie durch Verbindung mit einer semantischen Kodierung virtualisierte Weltbezüge aktivieren und durch die Art ihrer Anordnung diese virtualisierten Weltbezüge ’einteilen’ und ’anordnen’. Da die individuellen semantischen Kodierungen untereinander variieren können, kann der
gleiche Strom von Kommunikationsereignissen bei den Beteiligten ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen.

QUELLEN

  • [Bro72] G.Spencer Brown. Laws of Form. The Julian Press, Inc., New York, 1 edition, 1972. Originally published London, 1969).
  • [Luh91] Niklas Luhmann. Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt, 2 edition, 1991.
  • [Sha48] C.E. Shannon. A mathematical theory of communication. The Bell System Technical Journal, 27:379–423, 623–656,
    1948. July and October 1948.
  • [Whi10] Randall Whitaker. THE OBSERVER WEB: Autopoiesis and Enaction. The Biology of Cognition, Autopoietic Theory, and Enactive Cognitive Science. The Theories of Humberto Maturana and Francisco Varela. Dr. Randall Whitaker, 1 edition,
    2010.

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EIN HOMO SAPIENS – VIELE BILDER. Welches ist wahr?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 28.Okt. 2017
info@cognitiveagent.org
URL: cognitiveagent.org
Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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INHALT

I Vielfalt trotz Einheit
II Wahrheit, die ich meine
III Wahrheitsmechanismen
III-A Gegenwart, Gestern, Morgen . . . . . .
III-B Eigener Lebensraum, ganz woanders . .
III-C Interpretierte Wahrnehmung . . . . . . .
III-D Erfahrung liefert Bilder . . . . . . . . . .
III-E Wie das ’Richtige’ Lernen? . . . . . . . .
III-E 1 Mengenbegrenzungen . . . . .
III-E 2 Muster erkennen . . . . . . . .
III-E 3 Spezialisierungen . . . . . . .
III-E 4 Wechselwirkungen aufdecken
III-E 5 Geeignete Wissensformen . .
III-E 6 Verloren im Fragment . . . . .
III-E 7 Fehlende Präferenzen
IV Menschenbilder
V Was Tun?

ÜBERSICHT

In der realen Welt gibt es eine Lebensform, die wir homo sapiens nennen. In der Rede über diesen homo sapiens – also in den Bildern, die wir benutzen –benutzen wir aber viele verschiedene Bilder. Desgleichen in den alltäglichen Lebensformen: es gibt nur einen homo sapiens, aber in den verschiedenen Kulturen dieser Erde gibt es viele geradezu konträre Formen, wie Menschen leben oder leben müssen. Wie ein homo sapiens genau funktioniert, verstehen wir immer noch nicht genau. Die Politik bevorzugt in der Regel plakative Schlagworte, und vermeidet wissenschaftliche Modelle. Warum?

Vielfalt trotz Einheit

Wenn in einem Brettspiel jemand sagt, „ich habe gewonnen“, und ein anderer daraufhin sagt „Nein, ich habe gewonnen“, dann weiß jeder, dass da etwas nicht stimmen kann. Brettspiele sind aufgrund ihrer Regeln eindeutig, wenn nicht, würden sie nicht funktionieren.

Wenn wir uns aber die Realität anschauen, die gemeinsam geteilte empirische Welt, dann ist es mittlerweile fast der Normalfall, dass es zu einzelnen Aspekten, Vorkommnissen, Vorgängen, von verschiedenen Personen oder Personengruppen, ganz unterschiedliche Beschreibungen/ Darstellungen/ Bilder gibt, ohne dass wir dies merkwürdig finden. Wenn Politiker in Talkshows sich äußern sollen, ist es eher die Regel, dass sie konträre Meinungen vertreten. Keiner findet dies merkwürdig. Unrecht haben immer die anderen, die eine andere Meinung haben. Der Frage, warum es zu unterschiedlichen Meinungen zu ein und demselben Thema kommen kann, wird fast nie gestellt. Lieber beschimpft man sich gegenseitig, anstatt die Frage zu stellen, warum es zu unterschiedlichen Meinungen kommen kann.

Wahrheit, die ich meine

Eine klassische Auffassung von Wahrheit geht davon aus, dass das mit ‚Wahrheit‘ Gemeinte in der Übereinstimmung von eigener Auffassung und einem davon zu unterscheidenden Sachverhalt ist. Klassisches Beispiel: Jemand sagt „Es regnet“ und in der Redesituation regnet es tatsächlich oder nicht. Im ersten Fall würde man dem Sprecher zustimmen und sagen, er spricht ‚wahr‘, im anderen Fall nicht.

Schwieriger wird es, wenn der Redner über Sachverhalte spricht, die jenseits der aktuellen Redesituation liegen: räumlich entfernt, oder zeitlich weit zurück in der Vergangenheit oder in einer noch nicht stattgefundenen Zukunft. Welche Mechanismen der Klärung des Wahrheitsgehaltes gibt es dann?

Oder der Redner glaubt Sachverhalte wahrzunehmen, die aber alle anderen nicht wahrnehmen. Wer hat dann Recht? Irrt der eine, hat er eine ‚psychische Störung‘, steht er unter ‚Drogeneinfluss‘, hat er schlicht ein ‚falsches Wissen‘, oder … ? Könnten nicht alle anderen irren und er alleine hätte Recht?

Oder es gibt Sachverhalte, auch gegenwärtige, deren Status von bestimmtem ‚Wissen‘ abhängig ist, wodurch erst die ‚Eigenschaften des Sachverhalts‘ sichtbar werden. Berühmte Beispiele sind die Bewegung der Himmelskörper, das Phänomen von Magnetismus und Elektrizität, die chemischen Reaktionen der verschiedenen chemischen Substanzen, die Entdeckung der Mikroorganismen, die Entdeckung der Vererbung durch Mitwirkung der DNA, die Entdeckung der Gehirnzellen und die Tatsache, dass sie nicht miteinander direkt verbunden sind, usw.

Schon diese kurze Betrachtung zeigt, dass wir in unserem Alltag eher mehr Situationen haben, die eine ‚direkte Wahrheitsentscheidung‘ nicht zulassen als solche, die es tun. ‚Indirekte‘ Wahrheitsentscheidungen verlangen grundsätzlich eine ‚Klärung der Umstände‘ und eine ‚Klärung der Regeln der Interpretation‘.

Wahrheitsmechanismen

Gegenwart, Gestern, Morgen

Halten wir an der Fallunterscheidung fest, dass es Aussagen über Vergangenes, Zukünftiges oder Gegenwärtiges gibt.

Eigener Lebensraum, ganz woanders

In allen drei Fällen kann man nochmals unterscheiden, ob der Sachverhalt (gegenwärtig oder vergangen oder zukünftig) mit den Teilnehmern der Situation verknüpft ist oder nicht. Ob es da regnet, wo man gerade ist, oder woanders, das macht einen großen Unterschied. Oder ob in meiner Firma in der Vergangenheit ein bestimmtes Ereignis stattgefunden haben soll oder nicht, kann ich eher einschätzen, als wenn es in der Vergangenheit irgendwo ganz anders stattgefunden haben soll. Entsprechend in der Zukunft: eine Aussage über einen zukünftigen Sachverhalt in meinem persönlichen Lebensraum fasse ich anders auf als wenn es ‚irgendwo ganz anders‘ stattfinden soll.

Interpretierte Wahrnehmung

Befinden wir uns in der Gegenwart, dann können wir diese und eigene Körperzustände ‚wahrnehmen‘. Wie wir mittlerweile durch vielfältige wissenschaftliche Untersuchungen lernen konnten, nehmen wir aber niemals die Welt (und uns selbst) ‚1-zu-1‘ wahr, sondern vielfältig selektiert, abstrahiert und ‚interpretiert‘ durch die Erfahrungen, die wir vorher schon gemacht haben. Da die visuellen, akustischen, taktilen usw. Wahrnehmungen immer unvollständig sind, muss innerhalb des Wahrnehmungsprozesses kontinuierlich ‚interpretiert‘ werden. Wir sind ‚erfahrungsbasiert‘, und diese Erfahrungen sind sehr stark ’sprachlich durchtränkt‘. Wir sehen nicht einfach nur Farben, Formen; wir riechen nicht einfach nur süßlich, beizend, ätzend, usw.; wir hören nicht einfach nur Geräusche, Klänge; diese werden sofort eingeordnet in vertraute Muster, verknüpft mit bekannten Worten. Ein Geräusch identifizieren wir als ‚knarrende Schranktür‘, ‚vorbeifahrendes Auto‘, das ‚Klackern von Schuhen auf Steinplatten‘, usw., weil wir einfach ‚trainiert‘ wurden, diese Geräusche mit solchen Worten und darüber mit bestimmten Situationen zu verknüpfen. Wie wir wissen, können solche spontanen, von unserem Gehirn aufgrund von vorliegenden Erfahrungen ‚automatisch erzeugte‘ Zuordnungen falsch sein, weil die Erfahrungen falsch sind.

Erfahrung liefert Bilder

Im Alltag liefert unsere Erfahrung also die ‚Bilder‘, mit denen wir unsere Welt anschauen.

Solange jemand noch nichts von einer bestimmten genetischen Erkrankung wusste, war für ihn die Welt in Ordnung. Als er/ sie erfuhr, dass es solch eine spezielle Krankheit gibt und dass er Symptome dafür aufweist, war die Welt plötzlich eine ganz andere.

Solange jemand nicht wusste, wie ein bestimmtes Pflanzenschutzmittel wirkt, hat er es leichthändig eingesetzt. Sobald bekannt wurde, dass es die Böden und Pflanzen nachhaltig vergiftet, ein ganzes Ökosystem zum Kippen bringen kann, sogar über die Nahrung in den menschlichen Körper gelangen kann und dort zu schweren Störungen führt, da war die Welt plötzlich eine andere.

Solange man noch nicht wusste, dass der Nachbar und Freund ein Spitzel für den Staat war, mit dem Ziel andere Meinungen auszuspähen und zu melden, solange war die Welt noch in Ordnung. Aber als man durch Zufall entdeckte, dass da etwas nicht stimmt, wollte man es zunächst nicht glauben, man wehrte sich dagegen, bis es dann irgendwann klar war…

Die Bilder, die wir haben, erklären uns die Welt für uns. Andere können ganz andere Bilder haben.

Wie das ‚Richtige‘ Lernen?

Wenn unsere Erfahrungen einen solchen massiven Einfluss auf unsere Weltsicht haben, stellt sich die Frage, was wir denn tun können, um im Rahmen unseres ‚Erlernens von Welt‘ die ‚richtige‘ Sicht zu bekommen?

Mengenbegrenzungen

Wie wir heute wissen können, ist unsere aktuelle Wahrnehmung von Welt zudem mengenmäßig sehr begrenzt. Wir können im Sekundenbereich nie mehr als ca. 5-7 Wahrnehmungsobjekte (Englisch ‚chunks‘) verarbeiten. Je nach Erfahrungsstand können dies einfache oder sehr komplexe Objekte sein.

Muster erkennen

Ein Schachgroßmeister sieht auf einem Schachbrett nicht einzelne Figuren, sondern er sieht die Figuren als Teil eines ‚Musters‘, das er in ’strategische Zusammenhänge‘ einordnen kann. So genügt ihm ein kurzer Blick und er hat eine Einschätzung des ganzen Spielstandes und weiß sofort, wo es günstig wäre, in dieser Stellung anzusetzen. Ein weniger erfahrene Spieler sieht dies Muster und diese Zusammenhänge nicht auf einen Blick. Daher muss er mühsam alle möglichen Kombinationen ‚durchdenken‘, ‚geistig durchspielen‘, um zu Einschätzungen zu kommen. Der Amateur benötigt dafür viel mehr ‚Bedenkzeit‘. In einem offiziellen Schachturnier würde de Amateur daher normalerweise allein schon durch seinen Verbrauch an Denkzeit verlieren, wenn er nicht schon vorher aufgrund der Stellung verliert.

Das, was hier am Schachspiel verdeutlicht wurde, gilt für alle Situationen: wir können immer nur sehr wenige Aspekte einer Situation tatsächlich wahrnehmen und verarbeiten. Wenn nun die Situation komplex ist, das heißt, ganz viele einzelne Elemente auf vielfältige Weise ineinander greifen, und dadurch bestimmte Zustände erzeugen, dann können wir diese Situation nicht wirklich verstehen, es sei denn, wir würden sehr viel Zeit aufwenden, um sie zu erforschen. Im Alltag haben wir diese Zeit normalerweise nicht.

Spezialisierungen

Andererseits leben wir täglich in einer Welt, die bis zum Rand angefüllt ist mit komplexen Sachverhalten: die Infrastruktur einer Stadt mit Energieversorgung, Wasserversorgung, Abfallwirtschaft, Verkehr, Schulen, …; die Wohnungssituation; die wirtschaftliche Entwicklung einer Region; das Funktionieren großer Konzerne; die jeweiligen Ökosysteme, in denen wir uns bewegen; die demographische Entwicklung und ihre Konsequenzen; usw.

Teilweise helfen wir uns durch Spezialisierungen: es gibt Verkehrsfachleute, Demographen, Betriebswirte, Abfallexperten, Managementberater, Biologen,… doch diese sind einzelne; selten arbeiten sie — wenn überhaupt — alle zusammen, um ein Problem in seinen Wechselwirkungen zu verstehen, Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Wechselwirkungen aufdecken

Die eine Frage ist also, ob wir überhaupt genügend brauchbare Daten von den verschiedenen Prozessen unseres Alltags haben bzw. bekommen; die andere Frage ist, wie wir diese Daten so ‚aufbereiten‘, dass die ‚Wechselwirkungen‘ sichtbar werden, d.h. warum der eine Faktor den anderen Faktor beeinflusst und in welchem Ausmaß.

Geeignete Wissensformen

Die Wissenschaftsphilosophie hat erarbeitet, wie solche erklärenden Datenstrukturen aussehen müssten, damit sie Erklärungen liefern könnten. Die verschiedenen computerbasierten Simulationstechniken lassen erkennen, wie man solche komplexen Datenstrukturen so aufbereiten könnte, dass jeder damit arbeiten kann. Im Alltag findet man solche Instrumente aber nicht. Tägliche Entscheidungen müssen ohne solche Hilfen getroffen werden.

Wenn man die Lernformen in den Schulen und Hochschulen anschaut, dann gibt es nahezu nichts, was ein komplexes ‚Lernen von der Welt‘ unterstützen könnte.

Verloren im Fragment

Als Ergebnis dieser schwierigen Situation muss jeder Mensch mit mehr oder weniger kleinen bzw. großen Fragmenten eines großen Ganzen leben, die es nicht zulassen, das große Ganze zu erkennen. Notgedrungen versucht jeder auf seine Weise, ad hoc, unverstandene Reste mit Hilfskonstruktionen ‚verständlich‘ zu machen. Und ja, wenn jetzt ein anderer Mensch mit anderen Fragmenten auftritt, was tut man dann? Freut man sich, aus der Verschiedenheit zu lernen (eine echte Chance) oder fühlt man sich verunsichert, fühlt man sich angegriffen, sieht im anderen einen ‚Gegner‘, einen ‚Feind‘, der die eigene Meinung bedroht?

Wenn Menschen, und dies dürften die meisten sein, im Berufsleben eingespannt sind, dazu Familie, soziale Verpflichtungen, dann ist es sehr häufig so, dass dieses Leben so anfordernd ist, dass Zeit und Muße sich mit der komplexen Welt zu beschäftigen, mit anderen Anschauungen, kaum vorhanden ist. Ganz ’natürlich‘ wird man vieles abblocken, wird man einen ‚Tunnelblick‘ ‚kultivieren‘, wird ‚Seinesgleichen‘ suchen, sich einrichten, sich abschotten, und wenn es zum Schwur kommt, wird man genau nur das wiederholen können, was man bislang kennen gelernt hat. Wer und was kann hier helfen?

Fehlende Präferenzen

Bei der ‚Aneignung von Welt‘, die unter starken quantitativen Begrenzungen stattfinden muss, und die aufgrund von bisherigen Erfahrungen eine starke Beeinflussung aufweist, spielt noch ein weiterer Faktor hinein: Bewertungen, Präferenzen.

Das eine ist, Objekte, Eigenschaften, Beziehungen, Abfolgen zu identifizieren. Schwer genug. Ein einzelner Handelnder braucht aber auch Präferenzen der Art, dass er im Fall von Alternativen bewerten kann, ob nun A oder B für ihn besser sind. Soll er A oder B tun?

Wenn man weiß, dass viele Leistungen ein mehrjähriges gezieltes Training voraus setzen, durch das ein entsprechendes Wissen, eine entsprechende Handlungsfähigkeit schrittweise erarbeitet worden ist, das dann nach vielen Jahren so verfügbar ist, dann setzt dies voraus, dass es solche ’situationsübergreifende Ziele‘ gibt, die das einzelne Verhalten auf dieses Ziel in ‚orientieren‘.

Wenn solche Ziele aber schwer zu erkennen sind, wenn sie schlichtweg fehlen, wie kann dann ein einzelner, eine Gruppe, eine Firma ihre Ressourcen gezielt auf ein Ziel hin optimieren?

Präferenzen hängen stark von verfügbarem Wissen ab, aber sie sind nicht identisch mit Wissen! Aus der Tatsache, dass ich weiß, wie man einen Computer baut, folgt nicht, dass ich weiß, wofür man ihn einsetzen sollte. Aus der Tatsache, dass man Schulen mit Computern ausstatten will, folgt nicht, dass die Schulen, die Lehrer, die Schüler wissen, wofür sie die Computer einsetzen wollen/ sollen/ können.

Es scheint bis heute eher unklar, wo Präferenzen herkommen sollen.

Im Alltag gibt es viele sogenannte ‚praktische Zwänge‘ (Ernährung, Wohnen, Geld verdienen, Gesundheit, Verkehr, …), die zum Handeln zwingen. Dies sind aber weitgehend unhinterfragte Automatismen, die selbst in einen größeren Zusammenhang einzuordnen wären. Übergreifende Ziele, welche?

Menschenbilder

Schaut man sich die verfügbaren Menschenbilder im Bereich der Wissenschaften an, so kann man die wichtigsten Typen wie folgt auflisten:

  • Die biologische Evolution, unterscheidbar nach homo sapiens und Nicht-homo sapiens.
  • Im Bereich des homo sapiens sein Verhalten (Ethologie, Psychologie, Soziologie, Politik, Wirtschaft…)
  • Im Kontext des Verhaltens des homo sapiens gibt es die unterstellten inneren Mechanismen, die dafür verantwortlich sind, wie der homo sapiens auf seine wahrnehmbare Umgebung reagiert, zusammengefasst im Begriff des Verhaltens bzw. der Verhaltensfunktion. Das ‚Sichtbare (Verhalten)‘ erscheint damit als Wirkung des ‚Unsichtbaren (Inneren)‘. Für diese inneren Zustände gibt es keine wirkliche wissenschaftliche Disziplin, da Bewusstseinszustände als solche kein Gegenstand einer empirischen Wissenschaft sein können. Traditionell ist hier die Philosophie zuständig, die eben nicht als empirische Disziplin gilt. Die Neurowissenschaften behandeln die physikalisch-chemische Maschinerie des Gehirns, nicht aber seine subjektiven Erlebnisse im Bewusstseinsraum.
  • Im Bereich des Verhaltens hat der Mensch Technologien hervorgebracht, die ihm helfen können, praktische Probleme des Alltags (dazu gehören auch Konflikte bis hin zu Großkonflikten (Krieg)) zu lösen. Das Ineinander von Mensch und Maschine lässt ständig neue Situationen entstehen, in denen sich der Mensch über ein verändertes Verhalten selbst neu erfahren kann (Ersetzung menschlicher Muskelkraft, Autos, Eisenbahn, Flugzeug, Raumschiff..).
  • Im Rahmen der Technologie nehmen die Digitalen Technologien eine Sonderstellung ein. Sie erlauben es zunehmend, die inneren Mechanismen des Menschen zu imitieren und in immer mehr Bereichen zu übertreffen. Dies stellt eine extrem starke Infragestellung des Menschen dar: ist er auch nur eine Maschine, dazu eine schlechte?
  • Neben dem Biologischen gibt es das Physikalische als allgemeinen Rahmen für alles Biologische, mit unfassbar weiten Räumen und Energien, die sich als Universum präsentieren.
  • Innerhalb des Biologischen sind die inneren Mechanismen des homo sapiens wissenschaftlich noch unaufgeklärt. Dies gibt viel Spielraum für Spekulationen, Esoterik und dem Phänomen des Religiösen. Es ist schwer zu entscheiden,welch ‚harten Kern‘ all diese Interpretationen haben.

Macht man sich diese Vielfalt klar, ihren weitgehenden Fragmentcharakter aufgrund fehlender Wissensintegration, dann wundert man sich nicht, dass Ideologien, Populismen, Fanatismen und Dogmatismen reichlich Nährboden finden können. Die öffentlichen Wissenskulturen sind nicht ausreichend genug kultiviert, um solchen Verzerrungen den Boden zu entziehen. Die Bedeutung einer Wissenskultur wird in fast allen Gesellschaften stark unterschätzt und die jeweiligen Politiker erweisen sich für diese Fragen auch nicht besonders hilfreich.

Was Tun?

Es ist eines, einen Sachverhalt zu diagnostizieren. Es ist eine ganz andere Frage, ob man aus solch einer Diagnose irgendeinen Handlungsvorschlag generieren kann, der eine deutliche Verbesserung mit sich bringen würde.

Angesichts der zentralen Bedeutung des Wissens für das Verhalten des Menschen eingebettet in Präferenz/ Bewertungsstrukturen, die in einem Lernprozess verfügbar sein müssen, bei gleichzeitiger Berücksichtigung der quantitativen Beschränkungen des biologischen Systems bräuchte es neue Lernräume, die solch ein verbessertes Lernen unterstützen. Ganz wichtig wäre es dabei, das Wissen nicht nur ‚jenseits des Individuums‘ zu kumulieren (die Cloud für alle und alles), sondern den einzelnen als einzelnen zu stärken, auch als soziales Wesen. Dazu braucht es eine grundlegende Re-Analyse dessen, wie der Mensch mittels neuer digitaler und Cyber-Technologien sowie Humantechnologie seinen Möglichkeitsraum vergrößern kann.

Dies wiederum setzt voraus, dass es eine Vision von Gesellschaft der Zukunft gibt, in der der homo sapiens überhaupt noch eine Rolle spielt. Dies wird gerade von elitären Machtgruppen immer mehr in Frage gestellt.

Wo gibt es ernsthafte Visionen für humane Gesellschaften für Morgen?

Diese Aufgabenstellung ist nichts für einen allein; hier sind alle, jeder auf seine Weise, gefragt.

Autor cagent arbeitet an konkreten Lösungen einmal über das weltweite Theoriebuch für Ingenieurezum anderen an dem komplementären Projekt eines Softwarelabors für die Entwicklung solcher Lokaler Lernwelten. Ja, man kann sogar sagen, dass das Kunstprojekt Philosophy-in-Concert hier auch hingehört. Aber, wie auch immer, ein einzelner kann die Aufgabe nicht lösen. Es braucht ein ‚Gesamtkunstwerk‘, in dem sich viele miteinander vernetzen und ergänzen.

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WAHRHEIT CONTRA WAHRHEIT. Notiz

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Worum es geht

Im Zeitalter von Fake News (manche sprechen schon vom postfaktischen Zeitalter ) scheint der Begriff der Wahrheit abhanden gekommen zu sein. Dies trifft aber nicht zu. Die folgenden Zeilen kann man als Fortsetzung des vorausgehenden Beitrags lesen.

I. ARBEITSDEFINITION VON WAHRHEIT

1) In dem vorausgehenden Beitrag wurde angenommen, dass Wahrheit zunächst einmal die Gesamtheit des Wissens, der Erfahrungen und der Emotionen ist, die einer einzelnen Person zum aktuellen Zeitpunkt zur Verfügung steht. Was immer geschrieben, gedacht, gesagt usw. wird, jeder einzelne versteht und handelt auf
der Basis dessen, was er zu diesem Zeitpunkt in sich angesammelt hat.

2) Eine zentrale Einsicht ist dabei, dass unser Gehirn die aktuellen sensorischen Daten – externe wie interne– sofort, und automatisch, mit dem abgleicht, was bisher zu diesem Zeitpunkt im Gedächtnis verfügbar ist. Dadurch erleben wir alles, was uns begegnet, im Lichte des bislang Bekannten. Unsere Wahrnehmung ist eine unausweichlich interpretierte Wahrnehmung.

3) Ein Beispiel: Wenn jemand gefragt wird, ’ist dies dein Kugelschreiber?’, und dieser jemand antwortet mit ’Ja’, dann nimmt er einen Gegenstand wahr (als Ereignis seines Bewusstseins) und dieser jemand stellt zugleich fest, dass sein Gedächtnis in ihm eine Konzept aktiviert hat, bezogen auf das er diesen Gegenstand als seinen Kugelschreiber interpretieren kann. Für diesen jemand ist Wahrheit dann die Übereinstimmung zwischen (i) einer Wahrnehmung als einem Ereignis ’Kugelschreiber’ in seinem Bewusstsein, (ii) einem zugleich aktivierten Konstrukt aus dem Gedächtnis  ’mein Kugelschreiber’, sowie (iii) der Fähigkeit, erkennen zu können, dass das Wahrnehmungsereignis ’Kugelschreiber’ eine mögliche Instanz des Erinnerungsereignisses ’mein Kugelschreiber’ ist. Das Erinnerungsereignis ’mein Kugelschreiber’ repräsentiert (iv) zudem den Bedeutungsanteil des sprachlichen Ausdrucks ’dein Kugelschreiber’. Letzteres setzt voraus, dass der Frager und der Antwortende (v) beide die gleiche Sprache  gelernt haben und der Ausdruck ’dein Kugelschreiber’ aus Sicht des Fragenden und ’mein Kugelschreiber’ aus Sicht des Antwortenden von beiden (vi) in gleicher Weise interpretiert wird.

4) Anzumerken ist hier, dass jene Ereignisse, die ihm Bewusstsein als Wahrnehmungen aufschlagen können, unterschiedlich leicht zwischen zwei Teilnehmern des Gesprächs identifiziert werden können. Einmal können Aussagen über die empirische Welt sehr viele komplizierte Zusammenhänge implizieren, die nicht sofort erkennbar sind (wie funktioniert ein Fernseher, ein Computer, ein Smartphone…), zum anderen kann es
sein, dass die beiden Gesprächsteilnehmer die benutzte Sprache sehr unterschiedlich gelernt haben können (Fachausdrücke, spezielle Redewendungen, Art der Bedeutungszuschreibung, usw). Obwohl der Sachverhalt vielleicht im Prinzip erklärbar wäre, kann es sein, dass beide Gesprächsteilnehmer im Moment des Gesprächs
damit überfordert sind.

5) Ferner kann man sich durch dieses Beispiel nochmals deutlich machen, dass die Bezeichnung der Gesamtheit des Wissens, der Erfahrung und der Emotionen eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt als der subjektiven Wahrheit dieses Menschen ihren Sinn darin besitzt, dass dieser Mensch in dem Moment, wo er gefragt wird, ob es sich SO verhält, nur dann ’Ja’ sagen wird, wenn der gefragte Mensch in seiner subjektiven Wahrheit Elemente findet, die diesem So-sein entsprechen. Das ’So-sein’ aus der Frage muss ein Bestandteil der subjektiven Wahrheit sein und nur dann kann ein Mensch auf eine Anfrage hin sagen, ja, das wahrgenommene So-sein findet in der subjektiven Wahrheit eine Entsprechung. Die Fähigkeit zur Wahrheit erscheint somit primär in der subjektiven Wahrheit eines Menschen begründet zu sein.

II. WAHRHEIT UND LEBENSFORM

1) Ergänzend zu diesem geschilderten grundsätzlichem Zusammenhang wissen wir, dass die subjektive Wahrheit nicht unabhängig ist von dem Lebensprozess des jeweiligen Menschen. Alles, was ein Mensch erlebt, was auf ihn einwirkt, kann in diesem Menschen als Ereignis erlebbar werden, kann ihn beeinflussen, kann ihn
verändern. Dazu gehört natürlich auch das eigene Tun. Wenn jemand durch den Wald läuft und merkt, dass er laufen kann, wie sich das Laufen anfühlt, wie sich dies langfristig auf seinen Körperzustand auswirkt, dann beeinflusst dies auch das individuelle Erkennen von Welt und von sich selbst, als jemand, der laufen und
Fühlen kann. Wenn stattdessen Kinder in Kobaldminen arbeiten müssen statt zu lernen,  sich vielfältig neu entdecken zu können, dann wird diesen Kinder mit der Vorenthaltung einer Lebenspraxis zugleich ihr Inneres zerstört; es kann nur ein verzerrter Aufbau von Persönlichkeit stattfinden. Wir schwärmen derweil von den angeblich umweltfreundlichen Elektroautos, die wir fahren sollen. Oder: wenn Kinder im Dauerhagel von Granaten und Bomben aufwachsen müssen, um sich herum Verwundete und Tote erleben müssen, dann werden sie sich selbst entfremdet, weil verschiedene Machthaber ihre Macht in Stellvertreterkriegen meinen, ausagieren zu müssen.

2) Aufgrund der so unendlich verschiedenen Lebensprozesse auf dieser Erde können sich in den Menschen, die von ihrer Natur aus weitgehend strukturgleich sind,  ganz unterschiedliche subjektive Wahrheiten ansammeln. Derselbe Mensch sieht dann die Welt anders, handelt anders, fühlt anders. Es ist dann nahezu unausweichlich, dass sich bei der Begegnung von zwei Menschen zwei verschiedene Wahrheiten begegnen. Je nachdem, wie ähnlich oder unähnlich die Lebensprozesse dieser Menschen sind, sind auch die subjektiven Wahrheiten eher ähnlich oder unähnlich.

3) Wie man beobachten kann, tendieren Menschen dazu, sich vorzugsweise mit solchen Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, mit ihnen zusammen etwas tun, die mit ihnen bezüglich ihrer subjektiven Wahrheiten möglichst ähnlich sind. Manche meinen, solche selbstbezügliche Gruppen (’Echokammer’, ’Filterblase’) auch
im Internet, in den sozialen Netzwerken entdecken zu können. Obwohl das Internet im Prinzip die ganze Welt zugänglich macht [Anmerkung: Allerdings nicht in Ländern, in denen der Zugang zum Internet kontrolliert wird, wie z.B. massiv in China.], treffen sich Menschen vorzugsweise mit denen, die sie kennen, und mit denen sie eine ähnliche Meinung teilen. Man muss aber dazu gar nicht ins Internet schauen. Auch im Alltag kann man beobachten, dass jeder einzelne Mitglied unterschiedlicher sozialer Gruppen ist, in denen er sich wohl fühlt, weil man dort zu bestimmten Themen eine gleiche Anschauung vorfindet. An meiner Hochschule, an der Studierende aus mehr als 100 Ländern vertreten sind, kann man beobachten, dass die Studierenden
vorzugsweise unter sich bleiben statt die Vielfalt zu nutzen. Und die vielfältigen Beziehungskonflikte, die sich zwischen Nachbarn, Freunden, Lebenspartnern, Mitarbeitern usw. finden, sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie real  unterschiedlich subjektive Wahrheiten im Alltag sind. [Anmerkung: Allerdings ist diese Aufsplitterung in viele kleine Gruppen von ‚Gleichgesinnten‘ nicht notwendigerweise nur negativ; die Kultivierung von Vielfalt braucht eine natürliche Umgebung, in der Vielfalt möglich ist und geschätzt wird.]

4) Obwohl also der Mechanismus der subjektiven Wahrheitsbildung grob betrachtet einfach erscheint, hat man den Eindruck, dass wir Menschen uns dieses Sachverhaltes im Alltag nicht  wirklich bewusst sind. Wie schnell fühlt sich jemand beleidigt, verletzt, oder gar angegriffen, nur weil jemand sich anders verhält, als man es im Lichte seiner subjektiven Wahrheit erwartet. Wie schnell neigen wir dazu, uns von anderen abzugrenzen, sie abzustempeln als krank, verrückt, oder böse zu erklären, nur weil sie anders sind als wir selbst.

III. GEDANKE UND REALE WELT

1) Bis hierher konnte man den Eindruck gewinnen, als ob die subjektive Wahrheit ein rein gedankliches, theoretisches Etwas ist, das sich allerdings im Handeln bemerkbar machen kann. Doch schon durch die Erwähnung des Lebensprozesses, innerhalb dessen sich die subjektive Wahrheit bildet, konnte man ahnen, dass die konkreten Umstände ein wichtiges Moment an der subjektiven Wahrheit spielen. Dies bedeutet z.B., dass wir die Welt nicht nur in einer bestimmten Weise sehen, sondern wir verhalten uns ganz konkret in dieser Welt aufgrund unserer subjektiven Wahrheit (= Weltsicht), wir leben unseren Alltag mit ganz konkreten Objekten, Besitztümern und Gewohnheiten. Eine andere subjektive Wahrheit (bzw. Weltsicht) ist daher in der
Regel nicht nur ein bloßer abstrakter Gedanke, sondern kann zugleich reale, konkrete Veränderungen des eigenen Alltags implizieren. Da aber schrecken wir alle (verständlicherweise?) sofort zurück, blitzartig, vielleicht sogar unbewusst. Über die Wahrheit reden mag grundsätzlich chic sein, aber wenn die zur Sprache kommenden
Wahrheit anders ist als die eigene Wahrheit, dann zucken wir zurück. Dann wird es unheimlich, ungemütlich; dann können allerlei Ängste aufsteigen: was ist das für eine Welt, die anders wäre als die Welt, die wir kennen? Der verinnerlichten Welt korrespondiert immer auch eine reale Alltagswelt. [Anmerkung: In diesen Kontext passt vielleicht das paradoxe Beispiel, das Jesus von Nazareth in den Mund gelegt wird mit dem Bild, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen würde, als dass ein Reicher in den Himmel gelangen könnte. Eine Deutung wäre, dass jemand der als Reicher
(unterstellt: auf Kosten anderer) in einer Wirklichkeitsblase lebt, die angenehm ist, und er als Reicher wenig Motive hat, dies zu ändern. Allerdings, was man gerne
übersieht, ein solches Verhaftetsein mit der aktuellen Situation, die als angenehm gilt, gilt in vielen Abstufungen für jeden Menschen. In den Apartheitsgefängnissen von Südafrika (heute als Museum zu besichtigen) gab es z.B. unter den Gefangenen eine klare Hierarchie: die Bosse, die Helfer der Bosse, und der Rest. Kein Boss wäre auf die Idee gekommen, seine relativen Vorteile zu Gunsten von allen aufzugeben.]

2) In der Struktur der gesellschaftliche Wirklichkeit kann man den Mechanismus der parzellierten Wahrheiten wiederfinden. Eine Gesellschaft ist mit unzähligen Rollen durchsetzt, mit Ämtern, Amtsbezeichnungen, Institutionen usw.. Dazu kommen in vielen Ländern Abgrenzungen von unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Weiter gibt es Nationalstaaten, die ihre eigenen Wahrheiten pflegen. Die Tendenz, das Andere, die Anderen negativ zu belegen, um seinen eigenen Status dadurch indirekt zu sichern, findet sich zwischenstaatlich auch wieder. [Anmerkung: Gut zu erkennen in dem Erstarken von nationalistisch-populistischen Doktrinen in leider immer mehr Ländern der Erde.] Eine unkritische Ausübung gewachsener partieller Wahrheiten kann Unterschiede dann nur zementieren oder gar vergrößern, anstatt sie zu überbrücken und zu allgemeineren Wahrheitsbegriffen zu kommen.

IV. EINE KULTUR DER WAHRHEIT?

1) Wenn man sieht wie unglaublich stark die Tendenz unter uns Menschen ist, aktuelle, partielle Wahrheiten (die aus Sicht des einzelnen nicht partiell, sondern universell sind) mit einer bestimmten Alltagspraxis zu verknüpfen und diese fest zu schreiben, dann könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was wir als Menschen tun können, um dieser starken Tendenz ein natürliches Gegengewicht gegenüber zu stellen, das
dem Trieb zu partiellen Wahrheit entgegenwirken könnte.

2) Innerhalb der Rechtsgeschichte kann man beobachten, wie im Laufe von Jahrtausenden das Recht des Angeklagten häppchenweise soweit gestärkt wurde, dass es in modernen Staaten mit einem funktionieren Rechtssystem üblich geworden ist, jemanden erst dann tatsächlich zu verurteilen, nachdem in nachvollziehbaren, transparenten Verfahren die Schuld bzw. Unschuld objektiv festgestellt worden ist. Dennoch kann man sehen, dass gerade in der Gegenwart in vielen Staaten wieder eine umgekehrte Entwicklung um sich greift: der methodische Respekt vor der Gefahr partieller Wahrheiten wird einfachüber Bord geworfen und Menschen werden allein aufgrund ihrer Andersheit und eines blinden Verdachts vorverurteilt, gefoltert, und
aus ihren gesellschaftlichen Stellungen verjagt.

3) Innerhalb der Welt der Ideen gab es eine ähnliche Entwicklung wie im Rechtssystem: mit dem Aufkommen der empirischen experimentellen Wissenschaften in Kooperation mit Mathematischen Strukturen konnte das Reden über Sachverhalte, über mögliche Entstehungsprozesse und über mögliche Entwicklungen auf ganz neue Weise transparent gemacht werden, nachvollziehbar, überprüfbar, wiederholbar, unabhängig von dem Fühlen und Meinen eines einzelnen [Anmerkung: Allerdings nicht ganz!].  Diese Art von Wissenschaft kann großartige Erfolge aufweisen, ohne die das heutige
Leben gar nicht vorstellbar wäre. Doch auch hier können wir heute beobachten, wie selbst in den Ländern mit einem entwickelten Wissenschaftssystem die wissenschaftlichen Prinzipien zunehmen kurzfristigen politischen
und ökonomischen Interessen geopfert werden, die jeweils auf den partiellen Wahrheiten der Akteure beruhen.

4) Es drängt sich dann die Frage auf, ob der Zustand der vielen (partiellen) Wahrheiten generell vermeidbar wäre bzw. wie man ihn konstruktiv nutzen könnte, um auf der Basis der partiellen Wahrheiten zu einer umfassenderen weniger partiellen Wahrheit zu kommen.

5) Eine beliebte Lösungsstrategie ist ein autoritär-diktatorisches Gesellschaftssystem, das überhaupt nur noch eine partielle Wahrheit zulässt. Dies kennen wir aus der Geschichte und leider auch aus der Gegenwart: Gleichschaltung von Presse, Medien; Zensur; nur noch eine Meinung zählt.

6) Die Alternative ist die berühmte offene Gesellschaft, in der eine Vielfalt von partiellen Wahrheiten möglich ist, verbunden mit dem Vertrauen, dass die Vielfalt zu entsprechend vielen neuen erweiterten partiellen Wahrheiten führen kann (nicht muss!). Hier gibt es – im Idealfall – eine Fülle unterschiedlicher Medien und keine Zensur. Entsprechend wären auch alle Lern- und Erziehungsprozesse nicht an einem Drill, einer
autoritären Abrichtung der Kinder und Jugendlichen orientiert, sondern an offenen, kreativen Lernprozessen, mit viel Austausch, mit vielen Experimenten.

7) Allerdings kann man beobachten kann, dass viele Menschen nicht von vornherein solche offenen, kreativen Lernprozesse gut finden oder unterstützen, weil sie viel anstrengender sind als einfach einer autoritären Vorgabe zu folgen. Und es ist ein historisches Faktum, dass partielle Wahrheitsmodelle bei geeigneter Propaganda und gesellschaftlichen Druck eine große Anhängerschaft finden können.  Dies war und ist eine große Versuchung für alle narzisstischen und machtorientierte Menschen. Das scheinbar Einfachere und Bequemere wird damit sprichwörtlich zum ’highway to hell’.

8) Für eine offene Gesellschaft als natürlicher Entwicklungsumgebung für das Entstehen immer allgemeinerer Wahrheiten sowohl in den Beteiligten wie auch im Alltag scheinen von daher geeignete Bildungsprozesse sowie freie, unzensierte Medien (dazu gehört heute auch das Internet) eine grundlegende Voraussetzung zu
sein. Die Verfügbarkeit solcher Prozesse und Medien kann zwar keine bessere gedachte und gelebte Wahrheit garantieren, sie sind allerdings notwendige Voraussetzungen, für eine umfassendere Kultur der Wahrheit. [Anmerkung: Natürlich braucht es noch mehr Elemente, um einen einigermaßen freien Raum für möglicheübergreifende Wahrheiten zu ermöglichen.]

9) Vor diesem Hintergrund ist die weltweit zu beobachtende Erosion von freien Medien und einer offenen, kreativen Bildung ein deutliches Alarmsignal, das wir Menschen offensichtlich dabei sind, den Weg in ein wahrheitsfähige Zukunft immer mehr zu blockieren. Letztlich blockieren wir uns als Menschen damit nur selbst. Allerdings,
aus der kritischen Beobachtung alleine folgen keine wirkenden konkreten Verbesserungen. Ohne eine bessere Vision von Wahrheit ist auch kein alternatives Handeln möglich. Deswegen versuchen ja autoritäre Regierungen immer, zu zensieren und mit Propaganda und Fake-News die Öffentlichkeit zu verwirren.

V. KONTEXTE

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