SUCHT UND FREIHEIT. PSYCHOLOGISCH, PSYCHOTHERAPEUTISCH, PHILOSOPHISCH. Zu einem Artikel von Prof.Kiefer in der FAZ vom 18.Okt.2017

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
21.Okt. 2017
URL: https://www.cognitiveagent.org
Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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ÜBERSICHT

Ausgehend von dem Artikel von Prof. Kiefer zum Phänomen der Sucht und den Suchtauslösern wird sein Erklärungsmodell aufgegriffen, diskutiert und in einigen Aspekten philosophisch übergeleitet zu einem grundsätzlichen Modell eines freiheits-basierten Wissens-, Welt- und Lebensmodells. Sucht erscheint dann nicht mehr als etwas sehr Spezielles, sondern als eine systemisch naheliegende Fehlform einer freiheitsbasierten Lebensform, der die Wissenschaft den Namen homo sapiens gegeben hat.

SUCHT

In einem Artikel in der FAZ vom 18.Oktober beschreibt Prof. Dr. Falk Kiefer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit (Mannheim) auf Seite N1 das Phänomen der Sucht. Ausgehend von den Befunden des neuesten Suchtberichts der Regierung vom Juli 2017 beginnt er bei den typischen Verhaltensmerkmalen, anhand deren sich das, was man wissenschaftlich als ‚Sucht‘ bezeichnet, manifestiert (siehe dazu Bild 1).

Grafische Interpretation Artikel von Prof.Kiefer, FAZ 18.Okt.2017

Entsprechend der Tradition der experimentellen Psychologie seit dem Beginn des 20.Jh gilt das beobachtbare Verhalten als Ausgangspunkt einer empirischen psychologischen Untersuchung. So macht Prof. Kiefer darauf aufmerksam, dass Menschen mit einem Suchtverhalten dazu tendieren, den Raum ihres möglichen Verhaltens zunehmend einzuschränken. Aufgrund der als positiv erlebten Wirkungen eines Suchtmittels beginnen Menschen die Weltwahrnehmung einseitig zu interpretieren, so dass nach und nach immer stärker nur noch die Dinge wahrgenommen (und erinnert) werden, die sich mit den erlebten positiven Wirkungen des Suchtmittels verknüpfen. Daraus entsteht ein Tunnelblick, der die möglichen Alternativen immer weiter abschwächt und die sucht-bezogenen Inhalte einseitig verstärkt.

Zu Beginn halten sich die möglichen negativen Auswirkungen auf den Körper, die Psyche und das soziale Umfeld noch im unauffälligen Bereich, aber im Laufe der Zeit kann es hier zu massiven ‚Abweichungen von der Norm‘ kommen, die zu vielfältigen negativen Gefühlen für den Süchtigen führen können (‚Problemdruck‘). Bisweilen hilft dieser erlebte Problemdruck, das Verhalten entsprechend zu ändern, aber in vielen Fällen — und offensichtlich in jenen Fällen, in denen Sucht kontinuierlich manifest wird — schaffen es die Betroffenen nicht, diesen Wahrnehmungs- und Erlebens- und Handlungskreislauf zu durchbrechen. Als Süchtiger ist man Teil dieser inneren Bewertungsschleife, ist man in ihr drin. Gerade darin besteht ja die Krankheit: die zunehmende Blindheit für den ‚größeren Zusammenhang‘ und die subjektiv erscheinende Unfähigkeit, sich da wieder heraus zu lösen.

Mit einer Referenz an die Neurowissenschaften berichtet Prof. Kiefer von den neuesten Erkenntnissen zu den neuronalen Mechanismen der Belohnung und der Verhaltenskontrolle. Im Kern schält sich heraus, dass es ein Belohnungssystem im Gehirn gibt, das vorzugsweise mit dem Botenstoff Dopamin arbeitet und ein Verhaltenskontrollsystem, das vorzugsweise mit dem Botenstoff Glutamat arbeitet. Die genauen Details dieser Systeme sind bislang noch nicht klar. Allerdings gibt es eine auffällige Häufung von Dopaminvorkommen im Kontext der Suchtmittel sowie eine Veränderungen von Synapsen von Nervenzellen in der Kontrolle des Verhaltens. Diese beobachtbare Korrelationen erklären im eigentlichen Sinne nicht viel, aber sie können helfen, Arbeitshypothesen zu entwickeln und zu präzisieren.

THERAPIE

Sofern die bisherige Interpretation stimmt — und davon geht Prof. Kiefer aus –, stellt sich natürlich aus Sicht einer Psychotherapie die Frage, wie man diese selbstzerstörerische Tendenz des Gehirns aufbrechen kann. Denn, wie alle Daten zeigen, stoppt man das Gehirn nicht, mit solch einem stark selektiven System der Wahrnehmung und des Handelns zu arbeiten, führt dies zu einer körperlichen, sozialen und psychischen Zerstörung des Betroffenen.

Die Arbeitshypothese von Prof. Kiefer geht in die Richtung, dass die Suchtmittel an bestimmte auslösende Reize (alles, was mit der Verfügbarkeit und Einnahme des Suchtmittels zu tun hat) gekoppelt sind, die dann, wenn sie zur Einnahme des Genussmittels führen (auch ein Reiz), zu Suchtmittel-spezifischen Empfindungen führen können, die als positiv erlebt werden (zunächst). Diese Verknüpfung ist nicht angeboren, sondern sie wird ‚gelernt‘. In dem Maße, wie immer mehr Reize in den Kontext der Suchtmittel-spezifischen Empfindungen gelangen, und dadurch andere, alternative Reize immer mehr zurücktreten, abgeschwächt werden, entsteht dieses ‚innere Gefängnis‘, eine quasi neuronal-psychologische Fußfessel‘, die festbindet.

Es liegt nahe, zu fragen, ob und wie man solch eine Kopplung von Reiz und positiver Verstärkung schwächen oder gar aufbrechen kann.

Was schon die Lebenserfahrung durch viele Jahrhunderte und Jahrtausende gezeigt hat, wird durch die moderne Psychotherapieforschung erneut bestätigt und partiell präzisiert (siehe Bild 2).

Grafische Interpretation eines Artikels von Prof. Kiefer, FAZ 18.Okt.2017, Teil 2

Die allgemeine Lebenserfahrung hat schon immer gewusst, dass man Einseitigkeiten in der Welterfahrung nur aufbrechen kann, wenn man der betreffenden Person hilft, zu alternativen Erfahrungen zu kommen. Neben Abstinenz (Entzug) von den als schädlich erkannten Reizen gehörte dazu auch schon immer der berühmte ‚Tapetenwechsel‘ (andere soziale Kontexte, andere Orte,…), andere Lernerfahrungen, anderes und intensiveres Freizeitverhalten, der — zumindest ein einigen Kulturen — verstärkte Einsatz von Meditationstechniken zum Unterlaufen falscher Wahrnehmungsmuster, oder auch — rabiat und doch wirksam — Umerziehungslager.

Die moderne Psychotherapie sagt nichts wirklich Neues, wenn sie solche — oder ähnliche — therapeutischen Maßnahmen empfiehlt. Die Grundidee besteht in allem darin, durch ein verändertes Lernverhalten die alten Reiz-Belohnungsschemata abzuschwächen, aufzulösen bei und durch gleichzeitigem Aufbau neuer alternativer Reiz-Reaktionsschemata neue Handlungsansätze zu ermöglichen.

Prof.Kiefer berichtet von Experimenten, deren Daten (ergänzt durch bildgebende Verfahren) darauf hindeuten, dass schon wenige alternative Lernerfahrungen (er spricht von 9 Sitzungen) zu nachweisbaren Veränderungen in den Aktivitätsmustern des Gehirns führen können, was auch von den Betroffenen entsprechend berichtet wird.

Prof. Kiefer sieht dies als Beleg dafür, dass die allgemeine Lernfähigkeit des Menschen in der Lage ist (bei hinreichender sozialer Unterstützung) , ‚falsch gelernte Verhaltensmuster‘ aufzubrechen, abzuschwächen und sie simultan durch ’neue, alternative‘ zu ersetzen.

FREIHEIT

In diesem Zusammenhang spricht Prof. Kiefer auch von der ‚Selbstreflexion‘ des Menschen und seiner ‚Freiheit‘, die den Menschen in besonderer Weise befähigen, solch ein Um-Lernen in Gang zu setzen. Es bleibt im Artikel aber unklar, was genau mit diesen Begriffen gemeint ist und wie sie funktionieren.

Der Definitionsvorschlag von Prof. Kiefer für den Begriff ‚Freiheit‘ z.B. als der Fähigkeit, „Handlungsoptionen … wahrnehmen“ und sich „Handlungsoptionen bewusst zuwenden zu können“ ist sehr abstrakt. Dies muss allerdings kein wirklicher Gegeneinwand sein, da ja (formal, mathematisch) ‚Freiheit‘ offensichtlich nicht ein einzelner Gegenstand ist, sondern eher — im alltäglichen Bild von ‚die Summe ist mehr als ihre Teile‘ — einen Funktionszusammenhang manifestiert, in dem Verhaltensmuster entstehen können, die sich aus den einzelnen identifizierbaren ‚Komponenten‘ des beobachtbaren Verhaltens alleine nicht zufriedenstellend ableiten lassen. In Verhaltensmustern zeigt sich — wenn man die Arbeitshypothese ‚Freiheit‘ zulässt — dann eine ‚Dynamik‘, die über die jeweils bekannten Mustern hinaus in der Lage ist, immer wieder neue Muster hervor zu bringen. ‚Freiheit‘ in diesem Sinne würde damit eine grundlegende Form von ‚Kreativität‘ markieren, die endliche Muster, die offensichtlich schädlich sein können, ‚in der Wurzel‘ aushebeln kann.

Allerdings, das zeigt die Kulturerfahrung seit Jahrtausenden, können sich Menschen in eine individuelle ‚interne Interpretationsschleife‘ festfahren, aus der sie nur mit massiver Hilfe von außen wieder heraus kommen können. Es scheint daher so zu sein, dass die grundlegende Fähigkeit zu ‚Freiheit‘ und ‚Kreativität‘ ‚verschüttet‘ werden kann.

Wenn man allerdings nüchtern sieht, wie die Menschen, die Menschheit in vielen Jahrtausenden massiv demonstriert, dass sie neben der klassischen Form der Sucht auch andere interpretationsbedingte Verhaltenseinstellungen (Fundamentalismus, Fanatismus, Dogmatismus, …) in großer Breite praktizieren kann und praktiziert hat, nicht selten bis zum bitteren Ende eines sozialen, politischen und/ oder wirtschaftlichen Zusammenbruchs, dann wird man nicht zu optimistisch sein, was die ‚Selbstheiligungskräfte‘ von Menschen und Gesellschaften bzgl. einer nachhaltig realistischen, weltangemessenen, und pluralistischen Lebenseinstellung betrifft. Das Phänomen der Sucht erscheint vor diesem Hintergrund nicht so außergewöhnlich, nicht so sonderbar als das es oft dargestellt wird. Sucht scheint eher jene Form alltäglicher Welteinschränkung zu sein, die sich in einer ‚Erfahrungsnische‘ verfangen hat, aus die das individuelle System mit eigener Kraft kaum noch herauskommt. Die Tatsache, dass bei vielen Suchtformen chemische Prozesse im Gehirn beteiligt sind, ist dabei keineswegs notwendig, betrachtet man die vielfältigen Formen von manifester Spielsucht.

FREIHEIT, SUCHT UND ROBOTER

Die Naturwissenschaften unserer Tage tendieren dazu, in der Zersplitterung der Sichten und der Überbetonung der Details den Blick für das Ganze eines Systems, speziell des Menschen, des homo sapiens, zu verlieren. Vielleicht noch der nachhallende Reflex zur Haltung der Geisteswissenschaft in den Jahrhunderten zuvor, die den Menschen völlig kritiklos als ein Wesen des Geiste über alles und jedes gehoben hatten. Psychologie und Psychotherapie nehmen hier eine eigentümliche Zwitterstellung ein. Als empirische Wissenschaften unterwerfen sie sich den Spielregeln empirischer Wissenschaften, denen ganzheitliche Systembildungen biologischer Systeme bislang eher fremd sind. Insofern sie sich aber dem Phänomen Mensch in seiner ganzen Breite und empirischen Realität stellen, sind sie mit Phänomenen konfrontiert, die sich nicht so einfach mit den üblichen Klassifizierungsreflexen verrechnen lassen.

So wird zwar aufgrund der Tradition und alltäglicher Phänomene im Fall von Menschen von der ‚Freiheit des Menschen‘ gesprochen und in allen juristischen Konzepten als gegeben unterstellt, aber im Lichte der empirischen Wissenschaften tut man sich schwer, dieser Rede von der Freiheit eine befriedigende theoretische Begründung zu geben.

Die Formulierung von Prof.Kiefer erscheint mir in diesem Zusammenhang sehr symptomatisch: Ja, ‚Freiheit‘ beim Menschen ist ‚mehr‘ als nur die beteiligten chemischen Substanzen; aber, was ist dieses ‚Mehr‘? Für einen Neurowissenschaftler, der nur in Kategorien von Neuronen, Synapsen, chemischen Botenstoffen, elektro-chemischen Potentialen, genetischen Kodierungen zu denken gewohnt ist, fällt es naturgemäß schwer, jenseits dieser Mikrostrukturen größere Konzepte zu denken. Die Komplexität des Gehirns erzwingt zwar letztlich dann doch die Formulierung größerer Strukturen, in denen sich Millionen bis Milliarden Neuronen zu unterschiedlichen ‚funktionellen Zusammenhängen‘ zusammen finden, aber was sind diese ‚Funktionen‘ ‚für sich genommen, ohne die beteiligten Neuronen? Kommt einer komplexen Funktionen von vielen Neuronen eine ‚eigenständige Wirklichkeit‘ zu, eine eigene ‚Ontologie‘, wie es die traditionellen Philosophen sagen würden, oder auch die modernen Wissenschaftsphilosophen, die diese Aussage allerdings in mathematische Sprechweisen kleiden, die sich anders ‚lesen‘, aber letztlich das Gleiche ‚meinen‘?

Diese sehr grundlegende und offensichtlich nicht leichte Fragestellung erscheint in einem zusätzlichen Licht, wenn man die Forschungen zu den sogenannten intelligenten selbstlernenden Maschinen bzw. zu den sogenannten intelligenten selbstlernenden Programmen in die Diskussion einbezieht.

Schon von Beginn der Forschungen zur künstlichen Intelligenz war bekannt, dass die Frage der ‚Bewertung‘, der ‚Präferenz‘ eine wichtige Rolle zukommt. In den letzten Jahren hat sich diese Problemstellung zugespitzt und verschärft. Bei dem Versuch, Roboter zu entwickeln, die den Status von dummen Industrierobotern überwinden und eher wie menschliche Kinder ‚von sich aus‘ ‚in der ganzen Breite‘ lernen, schälte sich heraus, dass die Frage der geeigneten Präferenzen für ein ‚weltoffenes Lernen‘ eine absolut nicht-triviale Problemstellung ist.(Siehe den Überblickartikel von Merrick (2017))

Woher kann ein Roboter, der selbständig lernen können soll, wissen, was für ihn in irgendeinem Sinne ‚zu bevorzugen ist‘? Zwar lernen auch junge Menschen vielfach durch Feedback von ihrer sozialen Umwelt, aber sie besitzen — ’normalerweise‘ — auch die Fähigkeit, aus der Vielfalt der Präferenz-Angebote auf Dauer ’selbständig‘ jene auszuwählen, die sie ‚für sich‘ für ‚am besten‘ finden (was nicht ausschließt, dass sie sich im Nachhinein als ‚weniger optimal ‚ erweisen). Diese grundlegende Fähigkeit, vorgegebene Muster in ’neuer‘ Weise ‚kreativ‘ zu überwinden, bewusst in ein ‚Risiko‘ hinein gehen zu können, dies können ansatzweise Tiere und in noch stärkerem Umfang Menschen. Neben dem möglichen realen Scheitern eröffnen sich durch dieses Verhalten auch mögliche reale Chancen, die für das Überleben wesentlich sein können. Während vergangene Erfahrung und ihre Erfolge helfen können, Dinge zu ‚bewahren‘, die sich bewährt haben, bildensie zugleich eine dauernde Gefahr. Der ‚alltägliche Tunnelblick‘ ist dem Tunnelblick des Suchtkranken nicht unähnlich. In einer dynamischen, sich rasch entwickelnden Welt kann das Bewahren eine riskante Strategie sein.

Eine grundsätzliche Analyse dieser Situation zeigt, dass wir es hier mit einem fundamentalen Problem zu tun haben, das ‚in sich‘ keine vollständige Lösung bieten kann. Da biologischen Systeme ‚offene‘ Systeme sind, kann eine ‚gute‘ Lösung immer nur im Zusammenspiel von individuellem System und Umwelt gefunden werden. Jede Form von Abschottung ist im Ansatz ein Todesurteil. Da aber grundsätzlich das verfügbare Wissen unvollständig ist, trägt diese offene Lernsituation den ‚Keim des Risikos‘ von vornherein ‚in sich‘. Wer dieses leugnet, begeht schon im Ansatz ‚Weltflucht‘. Eine lebenszugewandte Kultur übt also, ‚Freiheit‘, ‚Umgang mit Risiko‘ und ‚Kreativität‘ als Grundeigenschaften des Daseins wahrzunehmen, anzuerkennen und zu praktizieren. Die Populisten, Dogmatiker, Fundamentalsten, Propagandisten aller Jahrhunderte waren von daher immer schon im Ansatz Boten eines kommenden Scheiterns. Leider, viel zu oft, kam es dann auch dazu. Es stellt sich die Frage, wie kann sich die Menschheit auf Dauer von diesem ‚internen Weltvernichtungs-Mechanismus‘ besser bewahren?

TYPEN VON FREIHEIT

Mit Blick auf den Alltag und seinen vielen Spielarten, das Geschenk der Freiheit zu kaschieren, es zu vertuschen, es zu lähmen usw. bietet sich rein pragmatisch folgende Fallunterscheidung an:

  1. Blockierte Freiheit: verschiedene objektive Faktoren verhindern ein Ausleben der Freiheit.
  2. Manipulierte Freiheit: verschiedene Kräfte versuchen, so auf eine Freiheit einzuwirken, dass diese aufgrund von falschen Informationen und/ oder falschen Gefühlen nicht das tut, was ‚eigentlich‘ das ‚Bessere‘ wäre.
  3. Inspirierte Freiheit: die gesellschaftliche Wirklichkeit erlaubt jedem, seine Freiheit weitestgehend auszuleben, bietet vielfältige Anregungen, viel ‚gutes‘ Wissen, ausreichende ‚Freiräume‘, um ausreichend Lernen zu können.

Systemtheoretisch haben alle jene Gesellschaften die größten ‚Erfolgsaussichten‘ in der Zukunft, die ein Maximum an inspirierten Freiheiten zulassen. Dies verlangt allerdings auch von jedem einzelnen, seine Freiheit real und konkret in dem Sinne ‚auszuleben‘, dass er die umgebende Welt und sich selbst intensiv weiter erforscht und entwickelt. Philosophie, Kunst und Wissenschaften bilden hier einen mehrdimensionalen Raum, der sich nicht — wie heute meistens — gegeneinander abschottet, sondern sich wechselseitig herausfordert, inspiriert.

Die Dimension ‚Gott‘ ist in der Variante einer ‚inspirierten Freiheit‘ nicht ausgeschlossen sondern letztlich konstitutiv, aber anders, als die Religionen unserer Tage dies propagieren und praktizieren. Die Religionen unserer Tage (ich meine mindestens den Hinduismus, den Buddhismus, das Judentum, das Christentum und den Islam) gehören — zumindest so, wie sie sich heute zur Erfahrung bringen — eher zur manipulierten oder gar zur blockierten Form von Freiheit. Damit verdunkeln sie das Bild Gottes in einer Weise, die Gott eher unkenntlich macht. Gott selbst schadet dies nur insofern, als es den Menschen schadet, die Gott in diese grundlegende Form von Freiheit hineingesetzt hat.

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DAS GEHEIMNIS DES GEISTES – GEHEIMNIS DES HOMO SAPIENS – Memo zur Philosophiewerkstatt vom 30.April 2017

Entsprechend der Einladung zur Philosophiewerkstatt  fand am 30.April 2017 nach 3-monatiger (krankheitsbedingter) Unterbrechung wieder eine Philosophiewerkstatt statt.

THEMENSTELLUNG

Die ursprüngliche Themenstellung für den 30.April Woher kommen die Bilder, die wir von uns haben? Wie weit können wir Ihnen trauen? klang konventionell, nicht uninteressant, aber auch nicht unbedingt sehr innovativ. In der Sitzung gewann dann das Thema immer mehr Brisanz und führte an zentrale Einsichten zum homo sapiens, zum Menschen, zum ‚Geist‘, heran. Der Verlauf der Sitzung zeigte wieder einmal mehr, welch innovative, kreative Kraft Gespräche haben können, wenn jeder in einer vertrauensvollen Atmosphäre das aussprechen kann, was er erlebt, welche Idee aufsteigen, wie sich Ideen wechselseitig anregen und verzahnen können.

IMPULSE ZU BEGINN

Einleitend gab es vier Ideen/ Bilder/ Sichten auf den homo sapiens, die quasi vier Koordinaten sichtbar machten, innerhalb deren der homo sapiens in seinem Erkennen der Welt und sich selbst vorkommt, sich ereignet.

KOORDINATE KÖRPERWELT

Beispiele von Situationen, in denen mehrere Menschen an einem gemeinsamen Ort vorkommen können

Beispiele von Situationen, in denen mehrere Menschen an einem gemeinsamen Ort vorkommen können

Makro-physikalisch kann man von einer Raumstruktur mit Objekten sprechen, in der unter anderem auch Exemplare der Lebensform homo sapiens vorkommen können. Dies kann asynchron in dem Sinne geschehen, dass viele Menschen auf der Straße, öffentlichen Plätzen, in Gebäuden herumlaufen, ohne einen inneren Bezug zu den anderen Personen zu haben, die zeitgleich am gleichen Ort vorkommen. Es kann aber auch synchron sein, so dass das Verhalten der einen Person über Vorgänge im Innern der Person mit dem Verhalten einer anderen Person auf spezifische Weise koordiniert ist. Typische Situationen für synchrones Verhalten sind Spiele, gemeinsam Musik machen, Tanzen, usw.. Ambivalent sind Situationen wie z.B. gemeinsames Essen: beim Essen als Routine können Menschen im gleichen Raum, am gleichen Tisch sitzen, und doch ‚geistig‘ ganz woanders sein, man kann sich aber auch bewusst zum Essen treffen, es gemeinsam genießen, und dabei miteinander sprechen.

Die Vielfalt der Situationen, in denen Menschen mit anderen gemeinsam vorkommen können, ist ungeheuerlich groß. Ein besonderes Augenmerk richten wir auch immer auf das Verhalten, was seit tausenden von Jahren in allen Kulturen und Religionen Menschen – wenn auch oft mit unterschiedlichen Worten – Meditation genannt haben und auch heute noch nennen. Aufgrund der langen und vielschichtigen Geschichte zur Meditation gibt es keine einheitlich einfache Definition dieses Begriffes. Aber Meditation scheint nicht tot zu kriegen. Auch heute noch, nach vielen, vielen tausenden von Jahren spricht man von Meditation, und es scheint, dass Meditation auch außerhalb der etablierten Religionen und Kirchen einzusickern beginnt in alltägliche Abläufe; selbst eine neue Form von Kommerzialisierung findet statt.

KOORDINATE INNENWELT

Korrespondenz von Außenwelt und Innenwelt am Beispiel der bewussten Empfindungen

Korrespondenz von Außenwelt und Innenwelt am Beispiel der bewussten Empfindungen

Wie jeder Mensch selbst überprüfen kann, gehört zu jedem menschlichen Körper ein Innenleben, das sich für den einzelnen zuerst und vor allem in Form seines bewussten Erlebens manifestiert. Im Alltag verbindet sich für einen Menschen jede Situation mit verschiedenen Sinnesempfindungen, auch Empfindungen von körperlichen Zuständen, dazu weitere komplexe Empfindungen wie z.B. Veränderungen, Erinnerungen, Vorstellungen über Alternativen; dazu diverse Bedürfnisse, Emotionen, Gefühle, Stimmungen. Die Anzahl und die Formen dieser inneren Empfindungen sind anscheinen unendlich. Zugleich gibt es bestimmte Muster, Strukturen die immer wieder auftreten, die alle diese unterschiedliche Empfindungen zu begleiten scheinen.

Seitdem es Menschen der Lebensform homo sapiens gibt – die Wissenschaft spricht von ca. 200.000 Jahren, Ursprung in Afrika – hat der Mensch solche Empfindungen und bis heute dürfte die überwiegende Mehrzahl der Menschen bis zu ihrem Tode diese Empfindungen nehmen als ‚die Welt selbst‘.

KOORDINATE KÖRPER – GEHIRN

Zentrale Rolle des Körpers -- speziell des Gehirns -- bei der Transformation der Außenwelt in eine bewusste Innenwelt

Zentrale Rolle des Körpers — speziell des Gehirns — bei der Transformation der Außenwelt in eine bewusste Innenwelt

Erst seit wenigen Jahrzehnten, vielleicht seit ca. 100 Jahren, konnte ein Teil der Menschheit lernen, dass die Welt der bewussten Empfindungen nicht isoliert ist und auf keinen Fall identisch ist mit der realen Welt; keine 1-zu-1 Abbildung!

Die Entdeckung dass der menschliche Körper – und auch das Gehirn – aus einzelnen Zellen besteht, ermöglichte eine neue Sicht auf den Körper und seine internen Abläufe. Man erkannte immer mehr, dass das bewusste Erleben nicht losgelöst ist von den Vorgängen im Körper, noch spezieller: stark korreliert erscheint mit den physikalisch-chemischen-molekularbiologischen Prozessen in den Milliarden von Zellen, die das Gehirn und das ganze Nervensystem bilden. Die Frage nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins bildet mittlerweile sogar einen riesigen Forschungszweig in den Wissenschaften.

Wissend um diesen grundlegenden Zusammenhang [Anmerkung: der bis heute allerdings noch nicht wirklich befriedigend geklärt werden konnte] ermöglicht dies einen ganz neuen Blick auf die mögliche evolutionäre Rolle des homo sapiens nicht nur auf der Erde, sondern für den ganzen Bereich des heute bekannten Universums.

Während das physikalische Universum ohne die Exemplare des biologischen Lebens ein Ereignis ist, das zwar passiert, aber ‚rein für sich ist‘, ohne jede Resonanz außerhalb des Ereignisses selbst (sozusagen ein kognitives schwarzes Loch), kommt mit dem Auftreten des homo sapiens (ca. 13.8 Mrd Jahre nach dem sogenannten Big Bang) etwas völlig Neuartiges ins Spiel. Der homo sapiens verfügt über die revolutionäre Fähigkeit, die physikalischen Eigenschaften des Universums durch Transformationsprozesse im Körper in eine virtuelle Welt von 1-0-Signalereignissen zu transformieren, die Aspekte des physikalischen Universums damit in jedem einzelnen Individuum im Mikromaßstab modellhaft neu entstehen zu lassen. Der Körper mit Gehirn und Bewusstsein überführt damit die physikalische – erste – Welt in eine virtuelle – zweite – Welt, in der sich die Eigenschaften der ersten Welt widerspiegeln, aber nicht nur.

In der zweiten virtuellen Welt im Innern des homo sapiens geschieht eine zweite Revolution: die internen Verarbeitungsprozesse des Gehirns — vor allem in jenen Bereichen, die man Gedächtnis nennt – werden die sensorischen Einzelereignisse in vielfacher Weise transformiert, abstrahiert, miteinander verrechnet, assoziiert und – das ist das Revolutionäre – werden aktuelle Ereignisse von einem Jetzt über die Speicherung mit aktuellen Ereignissen aus einem späteren Jetzt miteinander vergleichbar. Damit kann das Gehirn des homo sapiens das Phänomen von Veränderung wahrnehmen und sichtbar machen. Das ist die Entdeckung der Zeit und damit die Entdeckung von Entwicklung und möglicherweise von einer Gerichtetheit von Entwicklung.

Während also das physikalische Universum sich ‚vor sich hin ereignet‘ und ’sich selbst‘ keinerlei Gesetzmäßigkeiten ‚bewusst‘ ist — es findet einfach nur statt –, ermöglicht die biologische Lebensform des homo sapiens eine Transformation der physikalischen Ereignisse in einer Weise, die das Innere des physikalischen Universums sichtbar macht, und damit die Möglichkeit bietet, in seine Abläufe einzugreifen. Die zweite virtuelle Welt im Innern des homo sapiens ermöglicht nicht nur die Repräsentation gewisser Eigenschaften der ersten physikalischen Welt, sondern neben der Sichtbarmachung der Veränderungen kann das Gehirn des homo sapiens in der virtuellen Welt auch spielen: es kann Varianten spielerisch ausprobieren, die es so in der ersten physikalischen Welt bislang nicht gibt. Der homo sapiens kann dadurch grundsätzlich die vorfindliche erste physikalische Welt modulieren, verändern, und damit auch sich selbst als Teil der physikalischen Welt. Dies ist nicht nur einfach revolutionär, es ist eigentlich ungeheuerlich, es ist ein zweiter Big Bang: nach der Entstehung des ersten physikalischen Universums (auf eine Weise, die wir bis heute noch nicht ganz verstehen), entstand mit dem homo sapiens ein zweites virtuelles Universum, das das erste physikalische Universum in sich aufsaugen kann und zugleich in zuvor unvorstellbarer Weise verändern kann.

Das Wort ‚Geist‘ ist durch viele tausend Jahre Philosophiegeschichte zwar mehrfach belastet, aber als Metapher könnte – und müsste man? – vielleicht sagen, dass das erste physikalische Universum parallel in ein zweites (virtuelles) Universum des Geistes transformiert wurde (und wird), das das erste physikalische Universum als Spielmaterial benutzt.

Allerdings, ein weiterer Umstand muss noch bedacht werden. Ein einzelnes Exemplar eines homo sapiens, ein Individuum, ein einzelner Mensch, ist mit seinem Innenleben, mit seinen bewussten Empfindungen, mit seiner spezifischen zweiten virtuellen Welt im Kopf, isoliert. Was immer in einem einzelnen Menschen geschieht, andere Menschen können dies nicht wissen. Die inneren Prozesse sind nicht direkt einsehbar; sie sind privat.

KOORDINATE SPRACHE

Das Bindeglied zwischen Menschen ist die Sprache, deren physikalischen Ausdrucksmittel in Beziehung gesetzt werden zu möglichen internen Gegebenheiten des Bewusstseins

Das Bindeglied zwischen Menschen ist die Sprache, deren physikalischen Ausdrucksmittel in Beziehung gesetzt werden zu möglichen internen Gegebenheiten des Bewusstseins

Diese inhärente Privatheit jedes einzelnen Exemplars eines homo sapiens ist aber, wie schon die ersten beiden Koordinaten Körperwelt und Innenwelt andeuten, kein unüberwindlicher Zustand. Es gibt nicht nur die kontinuierliche Transformation von Ereignissen der ersten physikalischen Welt in die innere virtuelle Welt, sondern es gibt auch die Möglichkeit, dass das Gehirn auf vielfältige Weise auf die Zustände des Körpers einwirken kann, und indirekt über die Körperzustände auch in die Zustände der makro-physikalischen Körperwelt.

So kann ein Mensch sowohl Körperbewegungen erzeugen wie auch durch Körperwegungen die Luft zum Schwingen bringen, wodurch dann das möglich wird, was wir Sprache nennen. Durch dieses Wechselspiel zwischen Transformation von Außen nach Innen und von Innen nach Außen besteht die grundsätzliche Möglichkeit, dass Menschen sich auf bestimmte Laute einigen, um dann mit diesen Lauten Bezug zu nehmen zu irgendwelchen Elementen, die im virtuellen Erfahrungsraum repräsentiert werden. Diese Elemente durch Bezug bilden dann das, was gewöhnlich Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken genannt. Je klarer sich diese im Bezug ausgewählten Elemente mit Eigenschaften der ersten physikalischen Welt in Verbindung bringen lassen, um so klarer ist die intendierte Bedeutung. Je schwieriger eine solche Bezugnahme zwischen verschiedenen Individuen ist – z.B. im Fall von individuellen Empfindungen, die im Körper selbst entstehen (z.B. Hunger, Durst), nicht hereintransformiert von der Außenwelt –, desto schwieriger ist eine Bedeutungsklärung.

Grundsätzlich gilt allerdings, dass jedes sprachliches Ereignis, sofern es mit einem Bedeutungsanspruch daherkommt, durch diesen Bedeutungsanspruch auf interne Prozesse des Sprechers verweist, die direkt nicht zugänglich sind. Es ist also immer wichtig, zu klären, was der Sprecher tatsächlich meint. Dies ist allemal aufwendig und anstrengend.

Im Alltag haben sich viele Abläufe eingespielt, die diese grundsätzliche Bedeutungsklärung ‚automatisieren‘, ‚umgehen‘. Aber dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass jegliche Bedeutungsbildung ein Experiment ist, eine Hypothesenbildung, die aufwendige wechselseitige Abstimmungen bedingen. Selbst bei Menschen, die über viele Jahre miteinander eng vertraut sind, kann es zu Missverständnissen kommen. Überraschend ist, wie viele Menschen sich schwer tun, mit diesen Bedeutungsunterschieden und potentiellen Missverständnissen umzugehen. Es scheint, dass den meisten Menschen nicht bewusst ist, wie fragil die Bedeutungszuordnungen in gemeinsam genutzten Sprachen sind.

GESPRÄCHSRUNDE

Das gemeinsame Gespräch verlief dieses Mal in einer anderen Anordnung: direkt nach den Impulsen gab es eine erste Gesprächsrunde, die sich aus einem speziellen Informationsbedürfnis herleitete, und dann, nach der Meditation gab es eine zweite Runde.

Wie man aus den beigefügten Stichworten erkennen kann, gab es grob die Schwerpunkte ‚Interpretation‘, sowohl individuell wie auch im sozialen Kontext, und dann die mögliche Rolle von ‚Emotionen‘ im Kontext.

Stichworte aus dem Gespräch vom 30.April 2017

Stichworte aus dem Gespräch vom 30.April 2017

INTERPRETATIONEN

Das In-der-Welt-sein erzwingt quasi von selbst die Suche nach passenden Erklärungsmustern, nicht nur wegen der Vielfalt, sondern auch wegen der unaufhaltsamen Veränderungen, die überall stattfinden.

Die Warum-Fragen der Kinder manifestieren dieses Bedürfnis nach Interpretationen auf eigene Weise. Für Kinder ist zunächst alles neu und ohne Zusammenhang. Sie brauchen viele Jahre, bis sie mit den wichtigsten Aspekten ihres Lebens vertraut sind und bis sie erste Zusammenhänge sehen können. Das Meiste übernehmen sie wohl von den Menschen ihrer Umgebung. Glück, wenn sie mit Menschen aufwachsen, die ihnen die richtigen Interpretationen liefern.

Man kann dann (leider?) beobachten, dass Kinder mit fortschreitendem Alter ihre Neugierde und ihre Warum-Fragen verlieren. Es scheint eine Verfestigung einzutreten. Durch die (oft zwangsweise) Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen (Familie, Peer-Groups, Kindergarten, Schule, Betriebe, Vereine, …) wird soziale Zugehörigkeit und eine damit verbundene Sicherheit mit einem gewissen Maß an Unfreiheit erkauft: man darf nur dazugehören, wenn man die Ziele, Werte und Anschauungen der jeweiligen sozialen Gruppierungen teilt. Ein abweichendes Verhalten wird überwiegend nicht honoriert, eher bestraft. Man ist nur wer, wenn man innerhalb der Gruppierung die gesetzten Anforderungen erfüllt (politische Parteien, Gewerkschaften, Firmen, Behörden, …).

Dieser starke, alle erfassende Trend ist für die Optimierung von Weltinterpretationen, für die Gewinnung neuer, alternativer Sichten, unfreundlich bis gefährlich. Die wichtigste Errungenschaft des ganzen Universums, die Fähigkeit zu einer kontinuierlichen neuen Sicht der Dinge, wird damit durch die Gesellschaft stark behindert, wenn nicht gar unterbunden und ausgetrocknet. Die Geschichte zeigt zwar unmissverständlich, dass nur jene Gesellschaften überleben bzw. ‚gewinnen‘, die vergleichsweise mehr innere Kreativität, Innovation zugelassen haben, aber die jeweilige Gegenwart zeigt immer wieder, dass diese Erkenntnisse aus der Vergangenheit wenig Wirkung für alltägliche Abläufe haben. Der Mensch hat eine sehr starke Tendenz, sich im Hier und Jetzt einzurichten, Veränderungen zu verteufeln, sich selbst gegenüber dem Ganzen zu überhöhen. Die Vision einer offenen Gesellschaft, die sich im Modell demokratischer Gesellschaften manifestiert, verlangt ein hohes Maß an Bildung aller und an Vertrauen in jeden einzelnen. Ohne Vertrauen keine wirkliche Kommunikation; ohne Kommunikation keine gemeinsamen Bilder einer zukünftigen lebensstarken Gesellschaft.

EMOTIONEN

Die offensichtliche Rolle von Emotionen (Gefühlen, Stimmungen, …) im täglichen Handeln wurde auch immer wieder angesprochen. Es zeigte sich aber, dass eine genauere Bestimmung der jeweiligen Rollen von Emotionen einerseits, Wollen und Wissen/ Erfahrung andererseits nur schwer zu fassen war. Irgendwie geht ohne Emotionen nichts, aber es ist nicht so, dass Emotionen alles erklären. Man kann auch Wollen ohne Emotionen, oder man kann auch Wissen haben ohne Emotionen. Und doch, irgendwie scheinen die Emotionen überall zu sein und sie scheinen unser Handeln entweder ‚zu beflügeln‘, wenn wir uns ‚gut‘ fühlen, oder zu ‚behindern‘, zu ‚hemmen‘, wenn sie ’schlecht‘ sind.

Jemand der andere Menschen als Bedrohung ansieht, sich vor ihnen fürchtet, wird kaum die Begegnung und das Gespräch suchen. Genau dieses aber könnte unter Umständen neue Erfahrungen ermöglichen, die wiederum die Emotionen ändern könnten.

Noch schwieriger wird es bei Emotionen, die unverarbeitet sind, oder gar verdrängt (im Unterbewussten) in einem schlummern. Diese sind da, können wirken, ohne dass es dem/ der Betroffenen bewusst ist, dass er/ sie diese Emotioenn hat und diese z.B. dazu führen, dass man bestimmte Situationen meidet oder, umgekehrt, sie immer wieder sucht.

MEDITATION

Seit mehreren Treffen gibt es während des Treffens, die Möglichkeit, eine Meditation zu machen. Jedem ist dies freigestellt; die Form ist nicht festgelegt; man muss auch nichts berichten. Mittlerweile meditieren alle, je auf ihre Weise; immer wieder und immer mehr berichten auch einzelne von bestimmten Erlebnissen und Einsichten während der Meditation.

Ein Psychotherapeut bemerkte, dass die grundsätzliche Einstellung eines Therapeuten, nämlich die ‚gleich schwebende Aufmerksamkeit‘, eigentlich auch eine gute Einstellung bei der Meditation sein könne (er meditiert bislang nicht). Andere berichteten von der grundsätzlichen Schwierigkeit, sich überhaupt auf eine Meditation einzulassen. Tut man es dann, entdeckt man, dass man in der neuen Ruhe mit einem Male von ganz vielen alltäglichen Erinnerungen, ungelösten Problemen usw. praktisch ‚überrannt‘ wird (Unruhe durch Ruhe). Eine andere Teilnehmerin, die auch ziemlich neu ist im Bereich Meditation, berichtete, dass ihr das gleichmäßige Atmen und das Fokussieren auf den Atem geholfen hat, sich nicht ablenken zu lassen. Sie konnte die Zeit sehr entspannt genießen.

IDEEN FÜR NÄCHSTES TREFFEN

Angesichts der vielen interessanten Gedanken bei diesem Treffen gelang es nicht, in der kurzen verbleibenden Zeit, konkrete Vorschläge für das nächste Treffen zu formulieren. Wir sind so verblieben, dass jede(r) TeilnehmerIn nach Erhalt des Protokolls Vorschläge per Email schicken kann. Entweder ergibt sich daraus dann ein konkreter Vorschlag oder der Koordinator muss halt wieder ran 🙂

Der Termin für das nächste Treffen ist So, der 11.Juni 2017 (und dann nochmals am So 16.Juli 2017; danach Pause bis Oktober).

 

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DAS KOPFTUCH – DIE EMOTIONEN – GLAUBEN, POLITIK UND DIE GEWOHNHEITEN. Ein Reflex zu einem Gespräch unter FreundenInnen

EIN ARTIKEL

  1. Vor fast drei Wochen gab es im Freundeskreis ein Gespräch, zu dem ein Artikel von Simon Jacob im Heft 8 (2016) der Zeitschrift CICERO Anlass gab.
  2. Aus meiner Sicht würde ich die Gedanken des Artikels zu folgenden Arbeitshypothesen umformulieren: (i) Angesichts der historischen Entwicklung und der heutigen Vielfalt gibt es nicht DEN Islam, sondern eine VIELFALT von Interpretationen des Islam. (ii) Für viele Menschen, die sich Muslime nennen, ist die Hauptquelle für ihr VERHALTEN nicht der Koran selbst, sondern es sind bestimmte KULTURELLE MUSTER, in denen sie leben. Sie glauben, dass die konkrete Art und Weise, wie sie leben, der Lehre des Korans entspricht. Dazu zählt nach Jacob das PATRIARCHAT. Ferner (iii) gibt es nach Jacob neben den kulturellen Muster MACHTINTERESSEN, die sich der Religion und der kulturellen Muster bemächtigen, sie instrumentalisieren, um sie für die eigenen politischen Ziele nutzbar zu machen. Und (iv) in Europa haben die Gesellschaften die direkte Bindung an die Lehren der Religionen aufgehoben, um dadurch quer zu ALLEN Religionen und für ALLE Menschen (auch die nichtreligiösen) einen gemeinsamen WERTERAUM zu ermöglichen, in dem ALLE ohne Gewalt friedlich und respektvoll miteinander leben können.
  3. Daraus folgert Jacob, dass eine Diskussion um die Rolle der Frauen in Deutschland NICHT so sehr mit Argumenten der islamischen Religion geführt werden sollte (was auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit ihrem Grundgesetz in Frage stellen würde), sondern mit Bezug auf das kulkturell-soziologische Muster eines Patriarchats, das dem Deutschen Werteraum widerspricht.
  4. In dem lebhaften, streckenweise sehr emotional-intensivem Gespräch, flammte all dies und noch viel mehr auf.

ZUSAMMENSTOSS UNTERSCHIEDLICHER KULTURELLER MUSTER

  1. Auf der einen Seite zeigte sich immer wieder, dass das allgemeine Wissen um den Islam (aber auch der christlichen und jüdischen Traditionen) kaum vorhanden ist (was bei Muslimen nicht unbedingt viel anders ist), auf der anderen Seite standen sich unterschiedliche deutsche (und westliche) Verhaltensmodelle und eben sehr patriarchalisch oder salafistisch anmutende Verhaltensweisen gegenüber. Ganz klar, für eine Frau, die in Deutschland aufgewachsen ist, wo der Einfluss eines (tendenziell) fundamentalistischen Christentums aus der Vergangenheit stark rückläufig ist, wo die Rechte der Frauen sowohl per Gesetz als auch im Alltag enorm zugenommen haben, wirken patriarchalische Verhaltensmuster und Werteüberzeugungen, wie sie von außen nach Deutschland hineingetragen werden, mindestens befremdlich, wenn nicht angsteinflößend, provozierend und rückwärtsgewandt.
  2. Wenn nun im deutschen Alltag Verhaltensmuster und Symbole aus eher muslimischen Kontexten auftreten (die christlichen sind seit Jahrzehnten verblasst und verschlissen; das Christentum der letzten 150 Jahre hatte viele Ähnlichkeiten mit dem heutigen Islam im gesellschaftlichen Auftreten, was gerne vergessen wird), so wird dies zusätzlich dadurch verkompliziert, weil diejenigen Menschen, die solche Verhaltensmuster haben, sehr oft keine klare Zuordnung zulassen.

VIELFALT IM ALLTAG

  1. Ich arbeite an einer Universität, an der junge Menschen aus über 100 Nationen studieren. Junge Frauen mit Hintergründen im Hinduismus, Buddhismus, Islam, Judentum, Christentum, dazu mit sehr vielen Spielarten in jeder Richtung, aus unterschiedlichen Ländern, in unterschiedlichen familiären Zusammenhängen, meist noch berufstätig, um das Geld für ihr Studium zu verdienen, in ganz verschiedenen Berufen, in allen Varianten von Kleidung, auch viele mit Kopftüchern; z.T. als Gaststudierende, meistens aber als Deutsche mit Eltern aus verschiedenen Ländern. Warum trägt die eine ein Kopftuch, die andere nicht? Warum bilden Deutsche im Ausland ‚Deutsche Kolonien‘ in denen man deutsches Brauchtum pflegt und primär Deutsch spricht? Aus religiöser Überzeugung oder vielleicht eher, weil man etwas soziale Nähe in einer fremden Kultur sucht? Warum laufen Fußballfans mit ihren Schals herum? Warum müssen Mitglieder christlicher Orden (heute weniger, bis vor wenigen Jahrzehnten immer und überall) eine Ordenskleidung tragen? Warum tragen Frauen fast zwanghaft das, was die jeweilige Mode gerade diktiert? Was ist, wenn man dem Trend nicht folgt? Warum kreieren mittlerweile immer mehr muslimische Frauen (aus vielen verschiedenen Ländern) eine eigene Mode? Mit Religion und Politik hat dies in der Regel nichts zu tun. Wäre das nicht auch eine eigene Form von Revolution und Emanzipation, dass junge muslimische Frauen die Insignien des Patriarchats und des fundamentalistischen-politischen Islams durch eigene Modepraktiken schlicht unterlaufen, umwerten, verändern, dieser Tradition ihren eigenen Stempel aufdrücken? Vielleicht sollten sich eingefleischte Feministen mal direkt mit den jungen muslimischen Frauen auseinandersetzen; möglicherweise könnten alle etwas lernen.

VERSCHIEDENE GENERATIONEN

  1. Interessant waren in unserem Gespräch auch die Unterschiede zwischen jüngeren Frauen (23-28) und älteren (über 50). Während die älteren Frauen zuerst die Abweichungen und möglichen Bedrohungen sahen, erlebten die jüngeren Frauen die muslimischen Frauen in ihrem Alltag als jene, die sich bemühen, in ihrem Alltag mit Kindern, Familie und Arbeit klar zu kommen, und die Schwierigkeiten weniger im Umgang mit der Deutschen Gesellschaft erleben, sondern mit den vielen Unterschieden innerhalb der anderen Kulturen und ihren z.T. rigorosen Wertesystemen.

VERÄNDERUNGSPROZESSE BRAUCHEN ZEIT

  1. Mit Blick auf die Veränderungsprozesse in Deutschland und Europa in den letzten Jahrhunderten wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass man möglicherweise die aktuellen Anpassungsprozesse als langatmige Prozesse sehen muss, als eine Angelegenheit von Generationen. Die Gastarbeiter von vor ca. 50 Jahren sind heute normaler Teil der Deutschen Gesellschaft; in weiteren 50 Jahren wird es vermutlich eine weitere Normalisierung geben.

MEHRHEITSGESELLSCHAFT IM WANDEL

  1. Allerdings, dies wurde auch bemerkt, erfordern solche Anpassungsprozesse Engagement auf allen Seiten. Auch die, die zur Zeit die Mehrheiten in Deutschland bilden, müssen sich immer wieder neu selbst die Frage stellen, was sind da genau die Werte, die im Gesetz, in der Verfassung stehen? Was heißt Menschenwürde und Religionsfreiheit heute? Dies ist eine Chance, die Verfassung in den Köpfen und Herzen lebendig zu halten. Der leichthändige Rückzug einer CSU auf die sogenannte Leitkultur mit christlichen Werten ist so, wie er bislang propagiert wird, historisch und inhaltlich schlicht falsch. Statt einfach Parolen in die Welt zu setzen sollte die CSU die historische Gelegenheit ergreifen, und einen entsprechenden gesellschaftlichen Diskurs beflügeln, in dem die Werte des Grundgesetzes neu erlebt und verstanden werden, statt eine kaum verstandene Leitkultur mit christlichem Standards einfach roboterhaft zu deklamieren. Das hilft niemandem.
  2. Auch unabhängig von religiösen Einflüssen befindet sich die industrialisierten Länder in einem dramatischen Struktur- und Wertewandel, der NICHT von den Religionen kommt, sondern von den empirischen Wissenschaften und den aktuellen Technologietrends. Während die Religionen sich oft bizarre Wortwechsel über Nebensächlichkeiten leisten, gibt es in der modernen Wissenschaft momentan weit und breit überhaupt keine Werte mehr, weil die Rolle des Menschen als möglichem Träger von Werten sich völlig aufgelöst hat. Der Mensch kommt wissenschaftlich so gut wie nicht mehr vor (und Religionen damit automatisch auch nicht). Zugleich lösen sich die demokratischen Strukturen von innen her auf, da technologische Entwicklungen viele klassische Grundwerte (z.B. Privatheit, individuelle Freiheit)  weitgehendschon  aufgelöst haben, und die Politik unter dem Motto ‚Sicherheit‘ dabei ist, mehr und mehr Freiheiten zu opfern. Zugleich grassiert ein Lobbyismus, der die normalen demokratischen Prozesse ab absurdum führt. Das ist ein Wertewandel, der an die Substanz geht; ob Religion hier eine Rolle spielen  könnte, ist fraglich; sicher nicht in jener Form der Vergangenheit, die sich durch Machtintrigen und fundamentalistisches Denken unglaubwürdig gemacht hat…. (ein gewisser Jesus von Nazareth starb damals (so heißt es) freiwillig am Kreuz, ohne Rekurs auf Machtmittel …)

DEN BLICK ETWAS AUSWEITEN

Vereinfachter Überblick zur Entstehungszeit der großen Religionen der Welt mit wichtigsten Aufspaltungen

Vereinfachter Überblick zur Entstehungszeit der großen Religionen der Welt mit wichtigsten Aufspaltungen

  1. Vielleicht könnte es in solch einer Situation auch hilfreich sein, nicht immer nur über Details einer Religion zu sprechen, ohne historische Kontexte. Stattdessen könnte man mal die Gesamtheit der Religionen in den Blick nehmen (siehe vereinfachendes Schaubild), ihre Entstehungen, die Vielzahl an Motiven, die bei der Gründung und den vielen Aufspaltungen eine Rolle gespielt haben. Auffällig ist auf jeden Fall, dass alle diese vielen Formen und Regeln kaum etwas mit Gott zu tun haben scheinen, dafür aber sehr viel mit menschlichen Ängsten, Wünschen, Fantasien, Bedürfnissen, vor allem mit blanker Macht.
  2. Falls Religion irgendwie für die Menschen (und das Leben überhaupt wichtig sein sollte), dann wäre heute ein guter Zeitpunkt, sich dieser Frage unvoreingenommen zu widmen, quer zu ALLEN Religionen, unter Einbeziehung ALLER wissenschaftlicher und kultureller Erkenntnisse. Dass die aktuellen Religionen möglicherweise NICHT authentisch sind, kann man daran ablesen, wie wenig sie bereit und fähig sind, eine friedliche Zukunft für ALLE Menschen zu denken und zu praktizieren, in der der Respekt vor JEDEM Menschen grundlegend ist. Es gibt keinen Automatismus für eine gelungene Zukunft. Aber ohne eine gemeinsame Lösung jenseits von Diktaturen, Gewalt und dogmatischem Wissen wird die Zukunft nicht gelingen.
  3. Was ist mit jenen gesellschaftlichen Systemen mit selbsternannten großen Anführern, wenn diese (in absehbarer Zeit) sterben? Eine Gesellschaft, die auf der Vergöttlichung einzelner sterblicher Individuen setzt hat keine wirklich nachhaltige Lebenskraft, und Sicherheit ohne Freiheit gleicht einer Todeszelle; das Ende ist sehr absehbar.

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PERSON OF INTEREST – SICHERHEIT STATT DEMOKRATIE – EVOLUTION IST ANDERS – Teil 2

KONTEXT

  1. In einem vorausgehenden Blogeintrag hatte ich die Fernsehserie Person of Interest mit diskutiert. Zu dem Zeitpunkt kannte ich nur Staffel 3; mittlerweile kenne ich auch Staffel 4, die aktuell letzte Staffel der Serie. Wie schon zuvor angemerkt, kann man eine Fernsehserie nicht mit einem normalen Kinofilm vergleichen; die Spielregeln für die Anordnung der Bilder und Inhalte sind anders. Eine Serie lebt von ihren Episoden, zwischen denen Pausen liegen, und eine Serie scheut ein klares Ende, lauern doch wirtschaftliche Interessen im Hintergrund, die ein Hinauszögern so lange wie möglich aufrechterhalten wollen. Neben der Story ist eine Serie ein Unterhaltungsmedium und eine Geldquelle, die möglichst lange erhalten bleiben soll.

MAKRO-MIKRO-EBENE

  1. Fragt man also nach dem möglichen Inhalt der Serie Person of Interest, muss man wenigstens zwischen einer Makro- und einem Mikroebene unterscheiden (schließt weitere Ebenen nicht aus): auf der Makroebene werden Geschichten erzählt, die sich über mehrere Episoden erstrecken; auf der Mikroebene liegt das Geschehen, was sich auf eine Episode beschränkt. Das Verhältnis zwischen Makro-Geschichte(n) und Mikro-Geschichten könnte man als einen Indikator für die Kompaktheit einer Serie ansehen: wie intensiv wird eine Geschichte erzählt. Im Fall von Person of Interest Staffeln 3+4 würde ich das Verhältnis von Makro zu Mikro-Geschichten auf etwa 1:3 bis 1:4 ansetzen. Die Kompaktheit kann auch etwas mit der Aufnahmefähigkeit der Zuschauer zu tun haben; je kompakter, um so ansruchsvoller.

MAKRO-GESCHICHTE

  1. In der Makrogeschichte, die nur häppchenweise enthüllt wird, geht es um zwei Computerprogramme, die die Datenströme in den verschiedenen Netzen aufnehmen und verarbeiten können; darüber hinaus konstruieren diese Programme eigene Modelle, mit denen diese Daten interpretiert werden und – vor allem – Schlüsse gezogen werden, was zu tun ist. Dieses Tun geschieht direkt über Manipulation von Datenströmen in den Netzen oder über Interaktion mit realen Menschen, die über die Kommunikation mit der Maschine ihre Meinungen bilden und sich in ihrem Verhalten beeinflussen lassen.
  2. Interessant ist der soziale-politische Kontext dieser Programme: das erste Programm, genannt die Maschine, wurde ursprünglich von der Regierung beauftragt und eingesetzt, um Bedrohungen für den Staat frühzeitig zu entdecken und abzuwehren. Sein Hauptentwickler E1 hatte es mit einigen ethischen Prinzipien ausgestattet, die den schlimmsten Missbrauch verhindern sollten. Das zweite Programm, parallel entwickelt von einem Freund von E1, nennen wir ihn E2, war unvollendet geblieben und besaß keine ethischen Vorgaben. Dieses Programm wurde von einem machtbewussten Geschäftsmann – nennen wir ihn G1 – gewaltsam in eigenen Besitz gebracht. Zusätzlich konnte er Regierungsvertreter überzeugen, dass er im Auftrag der Regierung – aber in eigener Regie – die verschiedenen Netze anzapfen durfte, um für die Regierung eine Überwachung der Welt durchführen zu können, deren Ergebnisse dann der Regierung übermittelt werden. Vorbereitend zum Start des neuen Programms mit Namen Samaritan hatte der Geschäftsmann G1 eine Terrorgruppe gesteuert, die die Regierung unter Druck gesetzt hatte, das alte Programm, die Maschine, zu stoppen. Wie sich im Verlaufe von Staffel 3+4 herausstellte, hatte es die Maschine aber geschafft, sich mittlerweile als verborgenes Add On in jeden Computer und in das öffentliche Stromnetz einzunisten. Dort war es für das neue Programm Samaritan lange Zeit unsichtbar und arbeitete parallel zum neuen Programm weiter.

MIKRO-GESCHICHTEN

  1. Der hohe Anteil an Mikro-Geschichten, oft sehr fragmentarisch, ist unterhaltsam gemacht, trägt aber wenig zur Hauptgeschichte bei. Allerdings bieten die Mikrogeschichten Raum um die Hauptpersonen häppchenweise ein wenig mehr auszuleuchten, die Verwicklungen ihrer Psyche, ihrer Motive und Emotionen sichtbar zu machen. Die dominierenden Muster von Gewalt, Action und Erschießung anderer Menschen werden hier ansatzweise durchbrochen, um die individuellen Menschen hinter den abstrakten Rollen etwas sichtbar zu machen. Doch ereignet sich die Handlung meistens in extremen Milieus mit extremen Typen; Normalität, Alltag, reale Gesellschaft kommt in dieser Serie so gut wie nicht vor. Die Mikrogeschichten könnten auch in jeder anderen Serie vorkommen.

MAKRO-GESCHICHTE: FRAGEN

  1. Die Makrogeschichte, sofern sie stattfindet, bietet viele interessante Fragestellungen. Die eine Frage (F1) ist jene nach der Reichweite einer autonomen selbstlernenden künstlichen Intelligenz [KI]: wie weit kann diese sich der Kontrolle von Menschen entziehen und sich vom Diener zum Herren des Geschehens entwickeln? Zusätzlich kann man fragen (F2), welche Ziele solch eine autonome selbstlernende KI entwickeln wird? Was werden die Präferenzen solcher Programme sein? Was finden sie gut, was schlecht? Dazu viele weitere spezielle Fragen im Detail.
  2. Während das erste Programm, die Maschine, den Eindruck erweckt, als ob es, trotz seiner Autonomie, gewisse ethische Prinzipien einhält (es ist nicht ganz klar, welche und warum), erweckt das zweite Programm, Samaritan, den Eindruck, als ob es sich sehr schnell zum Herren des Geschehens entwickelt und von einem reinen Dienstleister zum kreativen Machthaber mutiert, der nach einigen gezielten Experimenten planvoll in das Weltgeschehen eingreift. Am Schluss von Staffel 4 sieht es so aus, als ob Samaritan direkt eine Weltherrschaft in seinem Sinne anstrebt. Das erste Programm, die Maschine, wurde schließlich doch aufgespürt und in buchstäblich letzter Minute konnte es aus dem öffentlichen Stromnetz auf einen tragbaren Computer heruntergeladen und mit seinen Kernalgorithmen gesichert. Wie es jetzt weitergeht, ist offen.

DISKURS

  1. Die technischen Details dieses Plots sind nicht wichtig, wohl aber die großen Linien. Beide Computerprogramme entwickeln ihre Kraft erst, als ihre Algorithmen an entsprechende Netze mit Datenströmen angeschlossen wurden. Ohne Daten laufen alle Algorithmen leer, und ohne Daten würde auch ein menschliches Gehirn verkümmern und der Körper absterben.
  2. Da Algorithmen aus sich heraus nicht wissen können, was Wahr in der Welt ist, brauchen sie reale Daten der realen Welt, anhand deren sie entscheiden können, was Wahr in der Welt ist. Wenn diese Daten korrupt sind, gefälscht, Täuschungen, dann läuft der Algorithmus ins Leere (das geht unserem Gehirn nicht besser: unser Gehirn ist nur über Sinnesorgane mit der Welt da draußen verbunden; wenn wir die Welt falsch oder unvollständig wahrnehmen, sind auch die Weltbilder des Gehirns falsch oder unvollständig). Daher die Tendenz, immer mehr Datennetze anzuzapfen, immer mehr Überwachung von realen Personen zu ermöglichen, bis dahin, dass (für Samaritan) realen Personen Sonden einoperiert werden, die wichtige Zustände dieser Personen direkt an den Algorithmus übermitteln.
  3. Am Ende von Staffel 4 wird der Zuschauer in einer diffusen Vielfalt von technischen Möglichkeiten, potentiellen Bedrohungen, und vagen Heilsversprechen zurück gelassen. Was die Bedrohungen angeht, so sind diese heute schon sehr real. Nach verfügbaren Informationen muss man davon ausgehen, dass die US-Regierung seit mindestens fünf Jahren mit solchen totalen Überwachungsprogrammen experimentiert; komplementiert werden diese Algorithmen durch die geschäftlichen Interessen global operierender Firmen, die mit den Verhaltensdaten von Privatpersonen und Firmen real Geld verdienen. Um an diese Daten heran zu kommen, gibt es nicht nur die öffentliche Überwachung durch immer mehr Videokameras und Überwachung von Datenverkehr in den Netzen und durch Satelliten, sondern zusätzlich immer mehr Sensoren in den Alltagsgeräten und privaten Kommunikationsgeräten. Ergänzt um Datenbrillen bei jedem ist schon jetzt die Überwachung fast total.
  4. Sieht man diese Entwicklung parallel zur Tatsache, dass nur wenige Staaten dieser Erde demokratisch genannt werden können und dass diese wenigen demokratischen Staaten deutliche Tendenzen aufweisen, zur Aushöhlung aller demokratischen Mechanismen der Machtkontrolle, dann ist diese Entwicklung verheerend. Die Kontrolle des Datenraums ist mittlerweile weit schlimmer als der Einmarsch einer Armee mit Panzern. Bei den verantwortlichen Politikern kann man dafür praktisch kein Problembewusstsein erkennen. Speziell im Fall der US-Regierung muss man sich sogar fragen, ob die jeweiligen Präsidenten nicht schon längst nur Marionetten eines außer Kontrolle geratenen Sicherheitsapparates sind.
  5. Die Staffeln 3+4 illustrieren diese Tendenzen und Möglichkeiten durch Inszenierung entsprechender Situationen und Handlungssequenzen. Sie bieten aber keine wirkliche theoretisch-technische Erklärungen, liefern keine Denkansätze in Richtung politischer Systeme oder Wirtschaftsmodelle. Der Zuschauer verbleibt in der Rolle des passiven, dummen Konsumenten, dem das Schauspiel einer Machtübernahme geboten wird, ohne Ansatzpunkt, was er selber denn tun könnte. Die einzigen Hacker, die in der Serie auftauchen, waren böse und letztlich gesteuert von anderen Bösen. Die wenigen Guten, die zumindest das Wort Individuum und Wert des Einzelmenschen im Munde führen, wirken wie ein Häuflein verirrter Privatpersonen im Format von Profikillern, keine normalen Bürger, und die Moral von der Geschichte lautet eher: schließe dich dem allgemeinen Trend an. Widerstand zwecklos. Dann wäre das ganze ein Werbefilm für die Einführung der totalen Kontrolle zum angeblichen Nutzen für die ganze Menschheit.
  6. Betrachtet man den evolutionären Zusammenhang der Geschichte des Lebens auf der Erde, dann erscheint eine zunehmende Vernetzung und Einsatz von Algorithmen zur Unterstützung der Menschen in der rapide anwachsenden Komplexität in der Tat unausweichlich. Allerdings kann man sich fragen, ob dieser evolutionärer Schub darin bestehen soll, die fantastische Kreativität menschlicher Gehirne zu eliminieren durch Versklavung an einen unkontrollierten Algorithmus, dessen Dynamiken noch keiner wirklich erforscht hat, oder aber dass man diese neuen digitalen Technologien nutzen würde, um die Kreativität der Menschen für die Gesamtheit des Lebens noch mehr nutzen zu können. Bei ca. 100 x 10^9 Nervenzellen in einem einzelnen Gehirn würde eine Verknüpfung dieser Gehirne bei z.B. 7 x 10^9 Menschen auf der Erde zu einem Zusammenwirken – im optimalen Fall – von 7 x 10^20 Nervenzellen führen können. Diese können alle, wenn man es erlaubt und unterstützt, kreativ sein. Welch ungeheure Kraft um die Zukunft zu gestalten. Stattdessen hat man den Eindruck, dass viele Mächtige heute versuchen, diese große Kreativität zu normieren, zu eliminieren, unter Kontrolle zu bringen, nur, um die mehrfach beschränkten und auf Konkurrenz und Freund-Feind-Schema getrimmten Weltmodelle einzelner Sicherheitsleute, Militärs, Politiker und Kapitaleigner in den Köpfen der Menschen zu implantieren. Man kann nicht erkennen, dass irgendwelche Werte, geschweige den die Menschenrechte, dabei eine Rolle spielen.
  7. Unter dem Schlagwort Sicherheit ist mittlerweile alles erlaubt. Warum also noch Sicherheit, wenn gerade sie alles zerstört, was man vielleicht schützen wollte? Wie viel Sicherheit verträgt eine Demokratie?
  8. Die Geschichte des Lebens auf der Erde enthält eine klare unmissverständliche Botschaft: Leben kann es nachhaltig nur geben, wenn die die Kreativität stärker ist als die Sicherheit! Totale Sicherheit führt direkt zum Tod des Systems.

INDIVIDUUM – FREIHEIT – STRUKTUR. Ein ewiger Balanceakt

1. In der Tradition der Aufklärung, der französischen und nordamerikanischen Revolution, dann der UN-Menschenrechtsdeklaration – um nur einige wichtige Momente der Geschichte zu nennen – spielte u.a. der Gedanke des Individuums und der Freiheit eine prominente, wenn nicht zentrale, Rolle.

2. Vor dem Hintergrund der Erfahrung von absolutistisch-autokratischen Gesellschaftssystemen, in denen die ‚Spitze‘, die ‚oberen Klassen‘ alles waren und der Rest ein gesellschaftliches Nichts, war die Einsicht – die Rückbesinnung? – auf den Wert des einzelnen, auf die grundlegende Bedeutung jedes einzelnen im Ganzen, ein innovativer Gedanke mit revolutionärer Sprengkraft. Angesichts der Selbstherrlichkeit einer Aristokratie, in der sich die soziale Rollenbilder verselbständigt hatten gegenüber der Dynamik einer vielfältigen und komplexer werdenden Gesellschaft, war der Gedanke einer ‚Umwertung‘ von Rollen und Rechten zur Umformatierung des gesellschaftlichen Handelns kritisierend, umstürzend, Voraussetzung für ein ‚Change Management‘ ohne geordneten Prozess. Ein System mit Änderungsbedarf ohne geordneten Änderungsmechanismus erlaubt entweder nur ‚Weiter so‘ oder ‚abrupter Umsturz‘.

3. Das Großartige – und zugleich potentiell Selbstzerstörerische – der Formel ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ lag in der Erkenntnis der grundlegenden Wertigkeit eines Individuums als Ursprung von gesellschaftlicher Wirklichkeit, als Potential gemeinsamen Lebens, als ‚Wunder in sich‘, das Wert war verteidigt und erhalten zu werden.

4. Dieser Impuls führte zum Zusammenbruch starrer absolutistischer-autokratischer Strukturen und zum Aufbruch in eine erhoffte und visionierte Alternative, die als solche natürlich noch nicht existierte. Zu wissen, was man nicht will ist ein unverzichtbares Veränderungsmoment; aber daraus ergibt sich nicht notwendigerweise automatisch der perfekte Plan für eine konstruktive Alternative.

5. Es verwundert daher nicht, dass dem Veränderungsimpuls der Bevölkerung zunächst viel Gewalt, viel Chaos, viele neues Unrecht folgte. Und es verwundert auch nicht, dass es mehrere kriegsreiche Generationen dauerte, bis es auf der Erde Gesellschaftssysteme gab, die man – plus minus – als ‚demokratische Gesellschaften‘ bezeichnen konnte.

6. Das eine war die Idee des grundlegenden Wertes des Individuums im Ganzen; das andere, neue, unbekannte, schwer zu Realisierende, war das komplexe Zusammenspiel einer ganzen Gesellschaft, um dem grundlegenden Recht auf individueller Freiheit ein gesellschaftliches Format zu geben, in dem sowohl elementare Bedürfnisse nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein realer Raum gewährt wird, zugleich aber auch die sachlichen Notwendigkeiten eines gesamtgesellschaftlichen Funktionierens das nötige Gewicht und die notwendige alltägliche Realität gewinnt, damit der einzelne sich in einer funktionierenden Gesamtheit vorfindet, die tatsächlich grundlegende Freiheit zulässt, wo ‚Gleichheit‘ umgesetzt ist, wo ‚Brüderlichkeit‘ möglich ist. Das Zauberwort hier heißt ‚Struktur‘.

7. In der Naturgeschichte des Lebens auf der Erde kann man klar erkennen, dass die Komplexität des Lebens nur dort und nur dann ‚zunehmen‘ konnte, wenn es gelang, zuvor getrennte Elemente zu einem neuen funktionierenden Ganzen zu vereinen. Markant ist der Übergang von einer Zelle zu Vielzellern (wozu e 2.8Mrd Jahre gebraucht hat!); dann der Übergang von den kleinen Gruppen, Horden zu größeren Ansiedlungen, Ackerbau, Handel und Städten. Zeitgleich die Entwicklung von Regelsystemen (Gesetzen, Recht), symbolischen Sprachen, von komplexen Produktionsprozessen, usw.

8. Während man bei Pflanzen und einfacheren Tieren ‚Symbiosen‘, ‚Netzwerke‘, ‚Schwärme‘ und ‚Staatenbildungen‘ auf vergleichsweise einfache deterministische Strukturen zurückführen kann, beobachten wir beim Menschen neben seiner Fähigkeit des ‚einfachen Funktionierens‘ in einem ‚Prozess‘ die zusätzliche besondere Fähigkeit, des andauernden Lernens, des sich andauernden Veränderns, des potentiellen Verstehens und Erneuerns, eines flexiblen Kooperierens, eines potentiellen komplexen Verstehens, einer grundlegenden Fantasie zum Visionieren von impliziten Strukturen und völlig neuer Szenarien. Spielerisches, Wertschätzendes, und vieles mehr. Ja, man kann den Menschen zwangsweise auf elementare Verhaltensweisen und elementares Funktionieren reduzieren, aber damit verschleudert man ein unglaubliches Potential zu erheblich mehr. Kurzum, wenn man sieht, wie aus jedem Kind etwas Besonderes werden kann, wenn man ihm nur die Möglichkeit gibt, dann kann man erahnen, welches Potential in jeder Gesellschaft steckt.

9. Auf der anderen Seite können wir heute auch konkret anschaulich sehen, dass die Entwicklung des Potentials einzelner nur möglich ist, wenn der einzelne entsprechende ‚Kontexte‘ vorfindet, Ressourcen, Handlungsräume, Zeit, sie zu nutzen, Anleitungen, wie man sie nutzt, Wertschätzungen als Moment der Handlungsräume. D.h. die grundlegende Einsicht in das Potential eines Menschen, JEDES Menschen, muss ergänzt werden durch die Bereitstellung jener STRUKTUREN, die eine individuelle Entfaltung unter Berücksichtigung von Gleichheit und Brüderlichkeit ermöglichen.
10. Da ein ‚Anpassungsdruck‘ auf der Gesellschaft als ganzer lastet, müssen diese Strukturen so beschaffen sein, dass sie der freien Entfaltung maximalen Raum geben und zugleich dem ‚Überlebensdruck‘ einer Gesellschaft angemessen Rechnung trägt. In einer demokratischen Gesellschaft kann dies ausschließlich geschehen über öffentliche, geregelte, transparente Kommunikations- und Entscheidungsprozesse, in denen der gesellschaftliche Anpassungsdruck übersetzt wird in effektive Prozesse des gesellschaftlichen Überlebens, die aber dem individuellen Potential maximal Rechnung tragen. Je klarer der Überlebensdruck ist, je leistungsfähiger die transparenten Kommunikations-, Lern- und Entscheidungsprozesse, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Zusammenwirken von allen optimale Lösungen generiert.

11. Demokratische Gesellschaften verlangen von daher ein Maximum an Zusammenspiel im Medium von Kommunikation und transparenten Entscheidungen. Sie leben davon, dass eine hinreichende Mehrheit sowohl ‚motiviert‘ ist, sich ins Ganze einzubringen, als auch ‚fähig‘, die herausfordernden Aufgaben zu bewältigen.

12. Betrachtet man gegenwärtige demokratische Gesellschaftssysteme, so fallen einem viele Phänomene auf, die man als ‚Störsignale‘ deuten könnte, die einem Funktionieren des Ganzen widersprechen können bzw. tatsächlich widersprechen.

13. Das Phänomen der ‚Wahlmüdigkeit‘ aus Enttäuschung findet sich in den meisten demokratischen Gesellschaften und kann ein Indiz sein, dass aus Sicht des einzelnen nicht genügend Motivation vorhanden ist, sich mit dem Ganzen zu identifizieren.

14. Dazu gehört eine offensichtlich zunehmende neue Klassenbildung, dass Erfolgreiche in Politik und Wirtschaft sich abzusondern suchen von den ‚anderen‘. Dies wird noch verstärkt durch die Tendenz, Subgesellschaften zu bilden, in denen man mehr und mehr alle Lebensprozesse in ‚reiche Enklaven‘ verlagert, die zu einer Entfremdung von Teilmengen der ‚Erfolgreichen‘ mit dem Rest führt.

15. Man beobachtet die Tendenz, dass die Wirtschaft sich zunehmend verselbständigt: sie versteht sich nicht mehr sozial-politisch als konstruktives Element einer Gesellschaft, die als Ganzes funktionieren und Erfolg haben soll, sondern als ein isoliertes Subsystem, das sich global aufstellt und global Macht allokiert und dies nicht nur ohne Berücksichtigung lokaler Gesellschaftssysteme sondern mit dem immer offeneren Ziel, die lokalen Gesellschaften zu neutralisieren. Eine neue Form von absolutistischen-aristokratischen Zügen, einhergehend mit offener Menschenverachtung, nacktem Egoismus, ohne jede Verantwortung für das Ganze. Naturgeschichtlich erscheint dies wie eine bösartige Entartung, wie ein Krebsgeschwür, das sich aus dem größeren Zusammenhang des Lebens heraus zu lösen versucht.

16. Man beobachtet das enorme Anwachsen im Konsum von Drogen aller Art, die Zunahme von ethischer Zersplitterung, von einer Neutralisierung von Wissen durch ein Zuwenig an Wissensvermittlung, ein Zerbrechen klassischer sozialer Räume ohne erkennbarem gleichwertigen Ersatz, eine Zunahme an interkulturellem ‚Clash‘ von Verschiedenheit, die zum Bewältigen geeignete Prozesse benötigt, und manches mehr.

17. Neutral kann man alle diese Phänomene interpretieren als ‚Phänomene eines Veränderungsprozesses‘: das Anwachsen von ‚Neuem‘ erfordert neues Lernen, neues Verstehen, neues sich Verständigen, neues Regulieren, und dies alles braucht seine Zeit. Aber – und das lehrt uns die bekannte Geschichte – es gibt keine Garantie, dass sich komplexe Kulturen ‚halten‘ können. Viele großartige Gesellschaftssysteme der Vergangenheit, die ‚ewig‘ erschienen, sind dann irgendwann vollständig zusammen gebrochen, weil die konstruktiv-integrierenden Mechanismen sich als zu schwach erwiesen, um offensichtliche Herausforderungen konstruktiv unter Beteiligung von allen zu meistern. Missachtung der inneren Integration führt zwangsläufig zum Zerfall; da spielen ein paar Jahrzehnte keine Rolle.

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DIE UNIVERSELLE KONFERENZ DER GOTTSUCHER – Oder die, die …. — Kurznotiz

1. Manchmal fragt mich jemand: ‚Glaubst Du an Gott?‘, und ich sage dann: ‚Wenn du mir erklären kannst, was Du unter ‚Gott‘ verstehst, kann ich Dir vielleicht sagen, ob ich an das glaube, was Du unter Gott verstehst oder nicht‘.

2. Nimmt man ernst, was man um sich herum sieht, dann gibt es ganz viele verschiedene Religionsgemeinschaften: viele Spielarten von Christen, viele Spielarten von Muslimen, viele Spielarten von Juden, viele Spielarten von Buddhisten, viele Spielarten von Hinduisten, viele Spielarten von ….

3. Ernsthafte Mitglieder dieser religiösen Gemeinschaften behaupten alle, an ‚Gott‘ zu glauben und sie versuchen ihr tägliches Lebens mehr oder weniger so zu gestalten, wie ihr Glaube an das, was sie selbst sich unter ‚Gott‘ vorstellen, es nahelegt.

4. Diese Religionen gibt es z.T. schon 2.500 bis 3.000 — oder mehr – Jahre. Das ist nicht ganz kurz …. Was auffällt ist, dass die offiziellen Vertreter dieser religiösen Gemeinschaften in der Vergangenheit noch niemals ernsthaft versucht haben, sich alle an einem Ort zu versammeln, um herauszufinden, worin denn möglicherweise die Gemeinsamkeit ihres Gottesglaubens besteht. Alle verhalten sich so, dass nur gerade sie selbst das ‚wahr Wissen‘ von Gott hätten und alle anderen unterschiedlich stark ‚verirrt‘ sind. In der menschenfreundlichen Variante ‚verzeiht‘ man den anderen ihren Irrtum und hofft darauf, dass die anderen ihren Irrtum eines Tages ‚einsehen‘ und sich dem ‚wahren Glauben‘ zuwenden. In der menschenunfreundlichen Variante erklärt man die ‚Anderen‘ zu ‚Verrätern‘, zu ‚Gefallenen‘, zu ‚Feinden‘, zu ‚Ungläubigen‘, die man bestrafen muss bis hin zur körperlichen Ausrottung.

5. Wenn das mit ‚Gott‘ Gemeinte wirklich so wichtig ist, wie die verschiedenen Vertretern der Religionen offiziell behaupten, dann verwundert es, warum keiner ernsthaft und aufrichtig die Frage stellt, wie Menschen denn überhaupt feststellen können, ob ein bestimmter Glaube an einen Gott ‚zutreffend’/ ‚wahr‘ ist oder nicht. Wenn man sieht, mit wie viel wissenschaftlichem Aufwand die Menschheit seit ca. 500 Jahren das innere der Natur und die Tiefen des Weltalls erforscht (mit atemberaubenden neuen Einsichten), dann überrascht es doch sehr, wie wenig die offiziellen Vertreter der vielen Religionen tun, um die Einsichtigkeit, die Verstehbarkeit, das Zutreffen ihren jeweiligen Gottesglaubens aufzuhellen.

6. Was tun die verschiedenen Vertreter der verschiedenen Religionen, wenn sie für ‚ihren Glauben‘ ‚werben’/ ‚missionieren‘? Wieweit hat der einzelne Umworbene eine reelle Chance, sich selbständig ein Urteil, eine Meinung zu bilden, frei, ohne psychologische Manipulationen?

7. Warum ist es so unmöglich, dass alle Religionen gemeinsam der Frage nachgehen, was an ihrem jeweiligen Glauben an Gott ‚gemeinsam‘ ist, ‚allen Menschen zugänglich‘, von ‚allen Menschen erfahrbar‘, von ‚allen Menschen verstehbar‘?

8. Die vielen sogenannten religiösen Konflikte in der Vergangenheit hatten sehr oft (meistens? immer) auch mit ‚Macht‘ zu tun, mit ‚Vorherrschaften‘, ‚Gebietsansprüchen‘, ‚wirtschaftlichen Vorteilen‘ und dafür war es wichtig, dass Religion nicht zu ‚empirisch‘, nicht zu ‚individuell‘, nicht zu ‚wahr‘ war, sondern zu Ritualen erstarrt waren, leicht indoktrinierbar und manipulierbar, so dass die Menschen nicht aus eigenem Urteil handelten, sondern als gelenkte Masse, die den steuernden Eliten Macht, Reichtum und (zweifelhafte) Ehre verschafften.

9. Im Kontrast dazu waren religiöse Menschen wie Buddha oder Jesus von Nazareth friedlich, menschenliebend, ohne einen Machtapparat, ohne Aufbau einer Organisation, ohne Unterwerfungsrituale, ohne Bevorzugung bestimmter Menschen, ohne Verurteilung anderer usw.

10. Nochmals, es fällt auf, wie extrem unkritisch offizielle Vertreter von Religionen sich selbst gegenüber sind. Obwohl wir seit Jahrhunderten immer besser verstehen, wie unser Wissen funktioniert, wie leicht und vielfältig jeder Mensch irren kann, wie oft große Irrtümer in die Welt kamen, weil bestimmte Meinungen lange nicht richtig überprüft wurden, ist nicht zu erkennen, dass die offiziellen Repräsentanten der großen Religionen ernsthaft vorstellen können, dass sie ‚irren‘ könnten. Diese Möglichkeit wird von vornherein kategorisch ausgeschlossen, obwohl nichts sicherer ist als dieses, dass jeder Mensch irren kann und sich auch im Laufe seines Lebens sehr oft irrt. In gewisser Weise ist ’sich Irren‘ auch eine Voraussetzung, um zu einem tieferen Verständnis zu kommen, vorausgesetzt, man erkennt seinen Irrtum.

11. Würden die offiziellen Vertreter von Religionen grundsätzlich einräumen, dass auch sie irren können, dann müssten sie ein großes Interesse daran haben, sich mit den anderen Religionen darüber auszutauschen, was denn die gemeinsamen Glaubensinhalte sind, wie sie erkennbar sind, wie sie verstehbar sind, wie sie gegen Missdeutungen geschützt werden können, und wie man sie heute in einer veränderten und sich beständig weiter veränderten Welt leben sollte. Und die religiösen Vertreter würden nicht nur ‚unter sich‘ darüber reden, sondern ‚mit allen‘, da jeder Mensch dazu wertvolle Beiträge liefern könnte.

12. Aktuell erwecken alle größeren Religionen eher den Eindruck, dass Hass, blinde Ideologien, Sprachlosigkeit (und große Unwissenheiten) die Gemüter beherrschen und dass die Sache mit Gott – sollte es ihn geben – irgendwo im Hintergrund vor sich hinwest; niemand scheint ein ernsthaftes Interesse an der ‚Sache Gottes‘ in dieser Welt zu haben. Der Umfang und die Bedenkenlosigkeit, mit der gegenwärtig in so vielen Ländern dieser unserer Welt Menschen gequält, verfolgt, unterdrückt, gegängelt, gefoltert und getötet werden, ist beispiellos. Wenn dies alles aus dem ‚Gottesglauben‘ der aktiven Menschenschänder folgt, dann brauchen wir diesen Gottesglauben eher nicht. Er hat auch nicht im entferntesten irgendetwas mit dem ‚Gott‘ zu tun, an den ich glaube, und von dem ich weiß, dass er alles erfüllt – sofern sich Menschen nicht explizit gegen sich selbst und gegen die Welt stellen, die sie hervorgebracht hat. Darin liegt eine tiefe Paradoxie: an der Stelle, wo das Leben in diesem Kosmos eine Form angenommen hat (homo sapiens), die sich sogar explizit gegen sich selbst wenden kann und sich dadurch – im positiven Fall – in einer bislang nie dagewesenen Eigenständigkeit ‚für etwas‘ entscheiden kann, an dieser Stelle finden wir nicht nur ’neues Licht‘ sondern auch viel ’neuen Schatten‘.

13. Mit der neuen Qualität des ‚eigenen Entscheidens‘ gewinnt das ‚mögliche Böse‘ in dieser unserer Welt eine ganz neue Wirklichkeit: diese neue Form der Freiheit — realisiert im hom sapiens — erlaubt es dem homo sapiens, sich auf der ganzen Breite gegen sich selbst, gegen das Leben im Universum, gegen das ganze Universum, und damit sogar gegen einen möglichen Gott zu wenden. Das ist potentiell das ‚totale Böse‘; die ‚Erfindung des Teufels‘ ist hier nur eine geschickte Ablenkung, eine billige Entschuldigung dafür, dass wir selbst genau das Böse verkörpern können, wenn wir unsere Grenzen, Schwächen und Fehler systematisch verleugnen.

14. Vor diesem Hintergrund ist die scheinbare Zunahme von religiösen Bewegung sehr zwiespältig: solange diese religiösen Bewegungen nicht wirklich wahrheitsfähig sind, ist mit Ihnen Intoleranz und eine ewige Menschen- und Lebens-verachtende Blutspur vorprogrammiert. Wer ernsthaft ‚wahrheitsunfähig‘ ist, der kann nur mit Verdrehungen und Lügen leben.

15. Die Deklaration der Menschenrechte 1948 und Gesellschaftsformen, die auf solchen Menschenrechten gründen, sind ein Lichtblick in der Geschichte des Lebens auf dieser unserer Erde (ohne dass damit schon die ‚perfekte‘ Form menschlicher Gesellschaften gefunden sein muss); die heute existierenden Religionen geben dagegen wenig Anlass, zu glauben, dass sie die tieferen Wahrheiten, die in und hinter den Menschenrechten stehen, auch nur ansatzweise verstanden hätten. Zumindest gibt es genügend offizielle Vertreter sowohl bei den Juden wie auch bei den Muslimen wie auch bei den Christen wie auch bei den …, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Wie soll man dies deuten?

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

FREIHEIT DIE ICH MEINE – ÜBERLEGUNGEN ZU EINER PARTEIINTERNEN DISKUSSION DER GRÜNEN

1. Bevor ich gleich ein wenig auf die wichtigsten Beiträge der Mitgliederzeitschrift ‚Schrägstrich‘ (Ausgabe Juli 2014) der Grünen eingehe, hier einige Vorüberlegungen zu den gedanklichen Koordinaten, innerhalb deren ich diese Beiträge rezipiere. Im wesentlichen handelt es sich bei diesen gedanklichen Koordinaten um jene, die ich hier im Blog bislang ansatzweise skizziert habe. Hier in einer komprimierten Form wichtige Elemente, die dann im weiteren Verlauf nach Bedarf präzisiert werden:

Aus Sicht des einzelnen: Woher? Was tun? Wohin?

Aus Sicht des einzelnen: Woher? Was tun? Wohin?

2. Ausgangspunkt des Koordinatensystem ist jeder einzelne von uns, der sich täglich konkret die Frage stellen muss, was an diesem Tag zu tun ist. Die Frage, woher man selbst kommt spielt bei den meisten in der Regel keine Rolle, höchstens soweit, dass aus der unmittelbaren Vergangenheit irgendwelche ‚Verpflichtungen‘ erwachsen sind, die in die Gegenwart hineinwirken (negatives oder positives Vermögen, erlernte Fähigkeiten, erworbenes Wissen, gewachsene Beziehungen, …). Wohin wir gehen wollen ist bei den meisten auch nur schwach ausgeprägt (Die Alltagsnotwendigkeiten stehen im Vordergrund: seine Verpflichtungen erfüllen, die Arbeitsanforderungen, den Unterhalt für das tägliche Leben, persönliche und soziale Erwartungen durch Beziehungen und Zugehörigkeiten, ein Ausbildungsziel erreichen, eine höhere Position in der Karriereleiter, …..). Übergreifende Ziele wie Erhaltung bestimmter Systeme (Ausbildung, Gesundheit, Infrastrukturen, …) sind meistens ‚delegiert‘ an Institutionen, die dafür ‚zuständig‘ sind, auf die man nur sehr begrenzt Einfluss nehmen kann. Dennoch gibt es nicht wenige, die sich in Vereinigungen engagieren, die spezifische soziale Räume aufspannen (Sport, Kleingärtner, Chöre, Parteien, Gewerkschaften, …), in denen sie ihr individuelles Handeln mit anderen verbünden.

Jeder nur als Teil einer Population in einem physikalischen Rahmen mit chemischer, biologischer und kultureller Evolution. Erfolg ist kurzfristig oder nachhaltig

Jeder nur als Teil einer Population in einem physikalischen Rahmen mit chemischer, biologischer und kultureller Evolution. Erfolg ist kurzfristig oder nachhaltig

3. Beginnt man seine eigene Situation zu analysieren, dann wird man nicht umhin kommen, festzustellen, dass man als einzelner als Mitglied einer größeren Population von Menschen vorkommt, die über unterschiedlichste Kommunikationsereignisse miteinander koordiniert sind. Das tägliche Leben erweist sich als eingebettet in einen gigantischen realen Raum, von dem man unter normalen Umständen nur einen winzigen Ausschnitt wahrnimmt. Schaut man genauer hin, dann sind wir das Produkt einer komplexen Geschichte von Werden im Laufe von vielen Milliarden Jahren. Eingeleitet durch die chemische Evolution kam es vor ca. 3.8 Milliarden Jahren zur biologischen Evolution, die dann vor – schwierig zu definieren, wann Kultur und Technik genau anfing – sagen wir ca. 160.000 Jahren mit einer kulturellen Evolution erweitert wurde. Technik sehe ich hier als Teil der kulturellen Leistungen. Eine Erfolgskategorie ist die des schieren Überlebens. Innerhalb dieser Kategorie macht es einen Unterschied wie ‚lange‘ eine Population überhaupt lebt (‚kurz‘ oder ‚lang‘). Die Frage ist nur, welche ‚Zeiteiheiten‘ man hier anlegen will, um ‚kurz‘ oder ‚lang‘ zu definieren. Aus der Perspektive eines einzelnen Menschen können ‚Jahre‘ schon sehr lang sein und ‚Jahrzehnte‘ können wie eine Ewigkeit wirken. Aus Sicht einer ‚Generation‘ sind 30 Jahre ’normal‘, 10 Generationen (also ca. 300 Jahre) sind eine Zeiteinheit, die für einzelne schon unvorstellbar sein mögen, die aber gemessen an dem Alter so mancher Arten von Lebewesen mit vielen Millionen oder gar hunderten von Millionen Jahren (die Dinosaurier beherrschten das Ökosystem von -235 bis -65 Mio, also 170 Mio Jahre lang!) nahezu nichts sind.

4. Das komplexeste bis heute bekannte Lebewesen, der homo sapiens, jene Art, zu der wir gehören, ist bislang ca. 160.000 Jahre alt (natürlich mit langer Vorgeschichte). Biologisch betrachtet ist diese Zeitspanne nahezu ein ‚Nichts‘. Insofern sollte man nicht zu früh sagen ‚Wer‘ bzw. ‚Was‘ der ‚Mensch‘ als ‚homo sapiens‘ ist. Wir leben in einem Wimpernschlag der Geschichte und wenn wir sehen, welche Veränderungen die Art homo sapiens in kürzester Zeit über die Erde gebracht hat, dann sollten wir genügend biologische Fantasie entwickeln, um uns klar zu machen, dass wir eher ganz am Anfang einer Entwicklung stehen und nicht an deren Ende.

Mensch als Teil des Biologischen hat Technik als Teil von Kultur hervorgebracht: Generisch oder arbiträr. Technik ist effizient oder nicht

Mensch als Teil des Biologischen hat Technik als Teil von Kultur hervorgebracht: Generisch oder arbiträr. Technik ist effizient oder nicht

5. Der homo sapiens ist ganz wesentlich Teil eines größeren komplexen biologischen Systems von unfassbarer ‚Tiefe‘, wo alles ineinander greift, und wo der homo sapiens aufgrund seiner Leistungsfähigkeit aktuell dabei zu sein scheint, trotz seiner kognitiven Möglichkeiten seine eigenen biologischen Voraussetzungen zu zerstören, ohne die er eigentlich nicht leben kann (Umweltverschmutzung, Ausrottung vieler wichtiger Arten, Vernichtung der genetischen Vielfalt, …).

6. Die erst langsame, dann immer schneller werdende Entwicklung von leistungsfähigen und immer ‚effizienteren‘ Technologien eingebettet in einen ‚kulturellen Raum‘ von Zeichen, Formen, Interpretationen, Normen, Regelsystemen und vielerlei Artefakten zeigt eine immense Vielfalt z.T. ‚arbiträrer‘ Setzungen, aber auch einen harten Kern von ‚generischen‘ Strukturen. ‚Generisch‘ wäre hier die Ausbildung von gesprochenen und geschriebenen Sprachen; ‚arbiträr‘ wäre die konkrete Ausgestaltung solcher Sprachen: welche Zeichensysteme, welche Laute, welche Anordnung von Lauten oder Zeichen, usw. So sind ‚Deutsch‘, ‚Arabisch‘, ‚Russisch‘ und ‚Chinesisch‘ alles Sprachen, mithilfe deren sich Menschen über die Welt verständigen können, ihre gesprochene und geschriebene Formen weichen aber extrem voneinander ab, ihre Akzent- und Intonationsstrukturen, die Art und Weise, wie die Zeichen zu Worten, Sätzen und größeren sprachlichen Strukturen verbunden werden, sind so verschieden, dass der Sprecher der einen Sprache in keiner Weise in der Lage ist, ohne größere Lernprozesse die andere Sprache zu verstehen.

7. Bei der Entwicklung der Technologie kann man die Frage stellen, ob eine Technologie ‚effizienter‘ ist als eine andere. Nimmt man den ‚Output‘ einer Technologie als Bezugspunkt, dann kann man verschiedene Entwürfe dahingehend vergleichen, dass man z.B. fragt, wie viele Materialien (erneuerbar, nicht erneuerbar) sie benötigt haben, wie viel Energie und Arbeitsaufwand in welcher Zeit notwendig war, und ob und in welchem Umfang die Umwelt belastet worden ist. Im Bereich der Transporttechnologie wäre der Output z.B. die Menge an Personen oder Gütern, die in einer bestimmten Zeit von A nach B gebracht würden. Bei der Technologie Dampfeisenbahn mussten Locks und Wagen hergestellt werden, Gleise mussten hergestellt und verlegt werden; dazu mussten zuvor geeignete Trassen angelegt werden; ein System von Signalen und Überfahrtregelungen muss für den reibungslosen Ablauf sorgen; dazu benötigt man geeignet ausgebildetes Personal; zum Betrieb der Locks benötigte man geeignete Brennstoffe und Wasser; die Züge selbst erzeugten deutliche Emissionen in die Luft (auch Lärm); durch den Betrieb wurden die Locks, die Wagen und die Schienen abgenutzt. usw.

8. Ein anderes Beispiel wäre die ‚Technologie des Zusammenwohnens auf engem Raum‘, immer mehr Menschen können heute auf immer kleineren Räumen nicht nur ‚überleben‘, sondern sogar mit einem gewissen ‚Lebensstandard‘ ‚leben‘. Das ist auch eine Effizienzsteigerung, die voraussetzt, dass die Menschen immer komplexere Systeme der Koordinierung und Interaktion beherrschen können.

Das Herz jeder Demokratie ist eine funktionierende Öfentlichkeit. Darüber leitet sich die Legislative ab, von da aus die Exekutive und die Judikative. Alles muss sich hier einfügen.

Das Herz jeder Demokratie ist eine funktionierende Öfentlichkeit. Darüber leitet sich die Legislative ab, von da aus die Exekutive und die Judikative. Alles muss sich hier einfügen.

9. Im Rahmen der kulturellen Entwicklung kam es seit ca. 250 Jahren vermehrt zur Entstehung von sogenannten ‚demokratischen‘ Staatsformen (siehe auch die z.T. abweichenden Formulierungen der englischen Wikipedia zu Democracy). Wenngleich es nicht ‚die‘ Norm für Demokratie gibt, so gehört es doch zum Grundbestand, dass es als primäre Voraussetzung eine garantierte ‚Öffentlichkeit‘ gibt, in der Meinungen frei ausgetauscht und gebildet werden können. Dazu regelmäßige freie und allgemeine Wahlen für eine ‚Legislative‘ [L], die über alle geltenden Rechte abstimmt. Die Ausführung wird normalerweise an eine ‚Exekutive‘ [E] übertragen, und die Überwachung der Einhaltung der Regeln obliegt der ‚Judikative‘ [J]. Die Exekutive gewinnt in den letzten Jahrzehnten immer mehr Gewicht im Umfang der Einrichtungen/ Behörden/ Institutionen und Firmen, die im Auftrag der Exekutive Aufgaben ausführen. Besonderes kritisch waren und sind immer Sicherheitsbehörden [SICH] und das Militär [MIL]. Es bleibt eine beständige Herausforderung, das Handeln der jeweiligen Exekutive parlamentarisch hinreichend zu kontrollieren.

Oberstes Ziel ist es, eine Demokratie zu schüzen; was aber, wenn die Sicherheit zum Selbstzweck wird und die Demokratie im Innern zerstört?

Oberstes Ziel ist es, eine Demokratie zu schüzen; was aber, wenn die Sicherheit zum Selbstzweck wird und die Demokratie im Innern zerstört?

10. Wie es in vielen vorausgehenden Blogeinträgen angesprochen worden ist, erweckt das Beispiel USA den Eindruck, dass dort die parlamentarische Kontrolle der Exekutive weitgehend außer Kraft gesetzt erscheint. Spätestens seit 9/11 2001 hat sich die Exekutive durch Gesetzesänderungen und Verordnungen weitgehend von jeglicher Kontrolle unabhängig gemacht und benutzt das Schlagwort von der ’nationalen Sicherheit‘ überall, um sowohl ihr Verhalten zu rechtfertigen wie auch die Abschottung des Regierungshandelns durch das Mittel der auswuchernden ‚Geheimhaltung‘. Es entsteht dadurch der Eindruck, dass die Erhaltung der nationalen Sicherheit, die als solche ja etwas Positives ist, mittlerweile dazu missbraucht wird, das eigene Volk mehr und mehr vollständig zu überwachen, zu kontrollieren und die Vorgänge in der Gesellschaft nach eigenen machtinternen Interessen (auf undemokratische Weise) zu manipulieren. Geheimdienstaktionen gegen normale Bürger, sogar gegen Mitglieder der Legislative, sind mittlerweile möglich und kommen vor. Der oberste Wert in einer Demokratie kann niemals die ‚Sicherheit‘ als solche sein, sondern immer nur die parlamentarische Selbstkontrolle, die in einer funktionierenden Öffentlichkeit verankert ist.

GRÜNES GRUNDSATZPROGRAM VON 2002

11. Bei der Frage nach der genaueren Bestimmung des Freiheitsbegriffs verweist Bütikofer auf SS.7ff auf das Grüne Grundsatzprogramm von 2002, das in 3-jähriger Arbeit alle wichtigen Gremien durchlaufen hatte, über 1000 Änderungsanträge verarbeitet hat und einer ganzen Vielzahl von Strömungen Gehör geschenkt hat. Schon die Präambel verrät dem Leser, welch großes Spektrum an Gesichtspunkten und Werteinstellungen Berücksichtigung gefunden haben.

12. Im Mittelpunkt steht die Würde des Menschen, der sehr wohl auch als Teil einer umfassenderen Natur mit der daraus resultierenden Verantwortung gesehen wird; der Aspekt der Nachhaltigkeit allen Handelns wird gesehen. Grundwerte und Menschenrechte sollen Orientierungspunkte für eine demokratische Gesellschaft bilden, in der das Soziale neben dem Ökonomischen gleichberechtigt sein soll. Diese ungeheure Spannweite des Lebens impliziert ein Minimum an Liberalität, um der hier waltenden Vielfalt gerecht zu werden.

13. Die Freiheit des einzelnen soll einerseits so umfassend wie möglich unterstützt werden, indem die gesellschaftlichen Verhältnisse immer ein Maximum an Wahlmöglichkeiten bereit halten sollten, zugleich muss die Freiheit aber auch mit hinreichend viel Verantwortung gepaart sein, um die jeweiligen aktuellen Situationen so zu gestalten, dass Lebensqualität und Nachhaltigkeit sich steigern.

ENGAGIERTE POLITIK vs. LIBERALISMUS UND FREIHEIT?

14. Reinhard Loske wirft auf SS.10ff die Frage auf, ob und wie sich eine ökologisch verpflichtete Politik mit ‚Liberalismus‘ vereinbaren könnte. Natürlich wäre ein unbeschränkter ‚wertfreier‘ Liberalismus ungeeignet, da sich dann keinerlei Art von Verantwortung und einer daraus resultierenden nachhaltigen Gestaltung ableiten ließe. Doch muss man dem Begriff des Liberalismus historisch gerecht werden – was Loske im Beitrag nicht unbedingt tut – , denn in historischer Perspektive war ein liberales Denken gerade nicht wertfrei, sondern explizit orientiert am Wert des Individuums, der persönlichen Würde und Freiheit, das es gegenüber überbordenden staatlichen Ansprüchen zu schützen galt, wie auch übertragen auf das wirtschaftliche Handeln, das hinreichend stark zu schützen sei gegenüber ebenfalls überbordenden staatlichem Eingriffshandeln das tendenziell immer dazu neigt, unnötig viel zu reglementieren, zu kontrollieren, ineffizient zu sein, Verantwortung zu nivellieren, usw.

15. Zugleich ist bekannt, dass wirtschaftliches Verhalten ohne jegliche gesellschaftliche Bindung dazu tendiert, die Kapitaleigner zu bevorteilen und die abhängig Beschäftigten wie auch die umgebende Gesellschaft auszubeuten (man denke nur an das Steuerverhalten von Konzernen wie z.B. google, amazon und Ikea).

16. Es muss also in der Praxis ein ‚Gleichgewicht‘ gefunden werden zwischen maximaler (wertgebundener) Liberalität einerseits und gesellschaftlicher Bindung andererseits. Doch, wie gerade die hitzigen Debatten um die richtige Energiepolitik in Deutschland und Europa zeigen, sind die Argumente für oder gegen bestimmte Maßnahmen nicht völlig voraussetzungslos; je nach verfügbarem Fachwissen, je nach verfügbaren Erfahrungen, ja nach aktueller Interessenslage kommen die Beteiligten zu unterschiedlichen Schlüssen und Bewertungen.

17. Loske selbst erweckt in seinem Beitrag den Eindruck, als ob man so etwas wie einen ‚ökologisch wahren Preis‘ feststellen kann und demzufolge damit konkret Politik betreiben kann. Angesichts der komplexen Gemengelage erscheint mir dies aber als sehr optimistisch und nicht wirklich real zu sein. Wenn man in einer solch unübersichtlichen Situation unfertige Wahrheiten zu Slogans oder gar Handlungsmaximen erhebt und gar noch versucht, sie politische durchzudrücken, dann läuft man Gefahr, wie es im letzten Bundeswahlkampf geschehen ist, dass man vor dem Hintergrund einer an sich guten Idee konkrete Maßnahmen fordert, die nicht mehr gut sind, weil sie fachlich, sachlich noch nicht so abgeklärt und begründet sind, wie es der Fall sein müsste, um zu überzeugen. Dann besteht schnell die Gefahr, mit dem Klischee der ‚Ideologen‘, ‚Fundamentalisten‘, ‚Oberlehrer‘ assoziiert zu werden, obgleich man doch so hehre Ziele zu vertreten meint.

OBERLEHRER DER NATION – NEIN DANKE

18. Im Eingangsartikel SS.4ff stellt Katharina Wagner genau diese Frage, ob verschiedene während des Wahlkampfs angekündigten konkrete Maßnahmen nicht genau solch einen Eindruck des Oberlehrerhaften erweckt haben, als ob die Grüne Partei trotz ihrer großen Werte und Ziele letztlich grundsätzlich ‚anti-liberal‘ sei. Doch bleibt ihre Position unklar. Einerseits sagt sie sinngemäß, dass sich das grüne Programm auf Freiheit verpflichtet weiß, andererseits verbindet sie die ökologische Verantwortung mit der Notwendigkeit, auch entsprechend konkrete und verpflichtende Maßnahmen zu ergreifen. So hält sie z.B. Verbote im Kontext der Gentechnik für unumgänglich. Müssen die Verbote nur besser kommuniziert werden? Gibt es verschiedene ‚Formen‘ von Regeln in einer Skala von ‚gusseisern‘ bis ‚freundliche Einladung‘?

19. Ich finde diese Argumentation unvollständig. Ihr mangelt der Aspekt – genauso wie im Beitrag von Loske –, dass das Wissen um das ‚ökologisch Angemessene‘ in der Regel höchst komplex ist; unser Wissen um die Natur, die komplexen Technologien ist in der Regel unfertig, kaum von einzelnen alleine zu überschauen und in ständiger Weiterentwicklung. Absolut klare und endgültige Aussagen hier zu treffen ist in der Regel nicht möglich. Zwar ist es verständlich, dass das politische Tagesgeschäft griffige Formeln benötigt, um Abstimmungsmehrheiten zu erzeugen, aber dieser Artefakt unseres aktuellen politischen Systems steht im direkten Widerspruch zur Erkenntnissituation und zu den Erfordernissen einer seriösen Forschung ( Mittlerweile gibt es viele Fälle, wo die Politik erheblichen Druck auf die Wissenschaft ausgeübt hat und ausübt, damit auch genau die Ergebnisse geliefert werden, die politisch gewünscht sind; das ist dann nicht nur kontraproduktiv sondern sogar wissenschaftsfeindlich, anti-liberal und auf Dauer eine massive Gefährdung unser Wissensbasis von der Welt, in der wir leben).

20. Eine politische Partei wie die der Grünen, die sich der ökologischen Dimension unserer Existenz verpflichtet wissen will, muss meines Erachtens, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren, weniger darauf bedacht sein, umfassende Vereinfachung durchzudrücken, sondern gerade angesichts der Verpflichtung für das Ganze massiv die wissenschaftlichen Erforschung der Phänomene unterstützen und den sich daraus ergebenden Ansätzen in ihrer ganzen Breite und Vielfalt Raum geben. Dazu müssten viel mehr Anstrengungen unternommen werden, das relevante Wissen öffentlich transparent zu sammeln und so aufzubereiten, dass es öffentlich diskutiert werden könnte. Alle mir bekannten Texte greifen immer nur Teilaspekte auf, betrachten kurze Zeiträume, vernachlässigen Wechselwirkungen, geben sich zu wenig Rechenschaften über Unwägbarkeiten und Risiken. So vieles z.B. an den Argumenten gegen Kernenergie und Gentechnik richtig ist, so fatal ist es aber, dass damit oft ganze Gebiete tabuisiert werden, die als solche noch viele andere Bereiche enthalten, die für eine ökologische Zukunft der Menschheit möglicherweise überlebenswichtig sind.

21. Kurzum, das ‚Oberlehrerhafte‘ und ‚Anti-Liberale‘ erwächst nicht automatisch aus einer Maßnahme als solcher, sondern daraus, wie sie zustande kommt und wie sie sachlich, wissensmäßig begründet ist. In einer komplexen Welt wie der unsrigen, wo die Wissenschaften selbst momentan eine akute Krise der Konsistenz und Qualität durchlaufen, erscheint es nicht gut, mangelndes Wissen durch übertriebenen Dogmatismus ersetzen zu wollen.

FREIHEIT UND GERECHTIGKEIT

22. Die zuvor schon angesprochene Komplexität findet sich ungebremst auch in dem Gespräch zwischen Dieter Schnaas, Kerstin Andreae und Rasmus Andresen (vgl. SS.8f). Hier geht es um maximal komplexe Sachverhalte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, Beschäftigungsverhältnissen, Einkommensstrukturen, Besteuerungssystemen, Versorgungssystemen, Umverteilung, Bildungsprozessen, Wirtschaft im allgemeinen wie auch unterschiedlichen Unternehmensformen und Wirtschaftsbereichen. Diese komplexen Begriffe auf nur zwei Seiten zu diskutieren erscheint mir unangemessen. Schon eine einigermaßen Definition jedes einzelnen dieser Begriffe würde Seiten benötigen.

23. In diesem Bereich griffige Parolen zu formulieren ist zwar eine anhaltende Versuchung und Herausforderung für jeden Politiker, aber dies ist in meinen Augen zum Scheitern verurteilt. Was immer man parolenhaft vereinfachend propagieren möchte, man wird mehr Kollateralschäden anrichten als wenn man das System zunächst einmal sich selbst überlassen würde. Beteiligte Bürger sind in der Regel in der Lage, Schwachstellen des gesellschaftlichen Systems zu erkennen, vorausgesetzt, man lässt diese zu Wort kommen. Und in der Regel wissen auch alle Beteiligte recht gut, in welche Richtung Lösungsansätze gesucht werden müssten, vorausgesetzt, man führt einen realen Dialog, transparent, undogmatisch, mit den notwendigen unterstützenden wissenschaftlichen Exkursen. Die ‚herrschenden‘ Parteien zeichnen sich hingegen bislang überwiegend dadurch aus, dass sie im Kern Lobbypolitik machen, die sie nur notdürftig mit allgemeinen Floskeln kaschieren. Im Prinzip hat die Partei der Grünen sehr gute strukturelle – und motivationale – Voraussetzungen, eine solche transparente, basisdemokratische, wissenschaftlich unterstütze Lösungsfindung zu propagieren und zu praktizieren, wenn sie etwas weniger ‚Oberlehrer‘ sein würde und etwas mehr ‚passionierter Forscher‘ und ‚kreativer Lösungsfinder‘.

WIDER DIE KONTROLLGESELLSCAFT

24. Das Thema ‚Abhören‘ ist zwar seit dem Sommer 2013 mehr und mehr im Munde aller, aber selten übersteigt die Diskussion den rein technischen Charakter des Abhörens oder führt über das bloße Lamentieren hinaus. Selbst die Bundesregierung zusammen mit den einschlägigen Behörden hat bis zu den neuesten Äußerungen der Bundeskanzlerin zum Thema wenig Substanzielles gesagt; im Gegenteil, die politische Relevanz wurde extrem herunter gespielt, die Brisanz für eine zukünftige demokratische Gesellschaft in keiner Weise erkannt.

25. Vor diesem Hintergrund hebt sich der Beitrag von Jan Philipp Albrecht (vgl. SS.6f) wohltuend ab. Er legt den Finger sehr klar auf die Versäumnisse der Bundesregierung, macht den großen Schaden für die deutsche und europäische Industrie deutlich, und er macht u.a. auch auf das bundesweite Sicherheitsleck deutlich, dass durch die Verwendung von US-amerikanischer Software in allen wichtigen Behörden und Kommunen besteht, von der man mittlerweile weiß, dass diese Software schon beim Hersteller für die US-amerikanische Geheimdienste geschützte Zugänge bereit halten. Albrecht macht die Konsequenzen für die Idee einer demokratisch selbstbestimmten Gesellschaft deutlich.

26. Was auch Albrecht nicht tut, ist, einen Schritt weiter zu gehen, und den demokratischen Zustand jenes Landes zu befragen – die USA –, aus dem heraus weltweit solche massenhaft undemokratischen Handlungen bewusst und kontinuierlich geplant und ausgeführt werden. Sind die USA noch minimal demokratisch? Müssen wir uns in Deutschland (und Europa) als Demokraten nicht auch die Frage stellen, inwieweit wir eine Verantwortung für die US-Bevölkerung haben, wenn ihre Regierung sich anscheinend schrittweise von allem verabschiedet, was man eine demokratische Regierung nennen kann? Wie können wir über Demokratie in Deutschland nachdenken, wenn unsere Partner Demokratie mindestens anders auslegen, wie wir? Diese – und weitergehende – transnationale politische Überlegungen fehlen mir in der Debatte der Grünen völlig. Wir leben nicht auf einer Insel der Seeligen. Was heißt ökologische Verantwortung auf einem Planeten, der zu mehr als 50% aus Staaten besteht, die nicht als demokratisch gelten, wobei ja selbst die sogenannten demokratischen Staaten vielfache Mängel aufweisen. Wie sollen wir z.B. die Umwelt schützen, wenn die meisten anderen Staaten keinerlei Interesse haben? usw.

FAZIT

27. Klar, die vorausgehenden Überlegungen sind sehr kursorisch, fragmentarisch. Dennoch, so unvollkommen sie sind, will man sich heute in der kaum überschaubaren Welt als einzelner eine Meinung bilden, hat man keine andere Möglichkeit, als die verschiedenen Gesprächsangebote aufzugreifen und sie mit den eigenen unvollkommenen Mitteln für sich versuchen, durchzubuchstabieren. Am Ende steht gewöhnlich keine neue Supertheorie, sondern – vielleicht – ein paar zusätzliche Querbeziehungen, ein paar neue Eindrücke, der eine der andere neue Aspekt, an dem es sich vielleicht lohnt, weiter zu denken.

28. Jeder, der heute nicht alleine vor sich hin werkeln will, braucht Netzwerke, in denen er ‚Gleichgesinnte‘ findet. Ich selbst bin zwar seit vielen Jahren offizielles Mitglied der Grünen, habe aber bislang – aus Zeitgründen – nahezu nichts gemacht (außer dass ich viele meiner FreundeInnen bewundert habe, die auf kommunaler Ebene konkrete Arbeit leisten). In den nächsten Jahren kann ich mich möglicherweise politisch mehr bewegen. Dies sind erste Annäherungsversuche, um zu überprüfen, ob und wieweit die Partei der Grünen ein geeignetes Netzwerk sein könnte, um politisch ein klein wenig mehr ‚zu tun‘. Allerdings verstehe ich mich primär als Philosoph und Wissenschaftler und ich würde den Primat des Wissens niemals aufgeben, nur um ‚irgendetwas zu tun‘ ….

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nch Titeln findet sich HIER.

WAR ES DAS? SCHAFFEN SICH DIE DEMOKRATIEN SELBST AB? KÖNNEN WIR NOCH ETWAS TUN? Eine Zusammenfassung in eigener Sache

KEINER MAG ES UND DOCH PASSIERT ES

1. Am 28.Juli 2013 habe ich in diesem Blog zum ersten Mal explizit über Politik geschrieben. Anlass waren die im Somme 2013 aufkommenden ersten Nachrichten über Aktivitäten der US-Amerikanischen Geheimdienste und ihr staatlich, verfassungsrechtlicher Kontext: PHILOSOPHIE TRIFFT DAS SNOWDON SYNDROM – Erste Notizen. Dies war (siehe den Gesamtüberblick) damals der Blogeintrag Nr.148. Seitdem habe ich immer wieder weitere Blogeinträge geschrieben, da das Thema nicht nur nicht von der Bildfläche verschwand, sondern, ganz im Gegenteil, nahezu täglich durch neue Enthüllungen und Erkenntnisse an ‚Realitätsgehalt‘ zugenommen hat.

DAS ÖFFENTLICHE BEWUSSTSEIN NIMMT ZU, DIE VERLEUGNUNG DURCH DIE REGIERUNG(en) ABER AUCH

2. Das Erfreuliche an dem Vorgang ist, dass es immer mehr Publikationen, immer mehr Sendungen gibt, die die Dinge beim Namen nennen. Immer mehr Menschen merken, dass hier Dinge im Gang sind, die nicht den Geist der westlichen Demokratien repräsentieren. Doch, zugleich, von erschreckender Banalität, ist, dass die zuständigen Regierungsstellen samt den gewählten Regierungen den Eindruck erwecken, als ob ihnen die Bürger, die sie gewählt haben und für die Sie ihr Amt ausüben, genau diese Bürger überhaupt nicht mehr ernst nehmen. Dass Sie sich nicht wie demokratisch gewählte ‚Diener des Staates‘ benehmen, sondern – quasi losgelöst von allen geschriebenen Verfassungen – wie absolutistische Herrscher der vor-demokratischen Zeiten. Die US-Regierung mit ihren Behörden agiert eher ‚pro-aktiv‘, deutet das politische Handeln erst mal in ihrem Sinne ohne die Bürger ernsthaft gefragt zu haben, und die Deutsche Regierung mit ihren Organen erweckt den Eindruck, als ob sie einfach mitmacht; Augen zu, Ohren zu, sie stellt sich gleichsam ‚tot‘ und hofft, dass die Bürger sich ruhig verhalten; als ob ein Schweigen einen andauernden aktiven Verfassungsbruch quasi ungeschehen machen könnte.

3. Wenn man sieht, vor welch gewaltigen Herausforderungen die Menschheit als Menschheit steht, dann erscheint es irgendwie widersinnig, wie sich führende demokratische Staaten durch Missbrauch von politischer Macht im Alltag selbst zerfleischen, dass die Regierungsbehörden eines Staates ihren eigenen Staat, die eigene Bürger zum Feind erklären, anstatt ihre Potentiale auf jene Aufgaben zu lenken, die tatsächlich gelöst werden müssen.

DER SCHUTZ DES EINZELNEN TENDIERT MITTLERWEILE GEGEN NULL

4. In dem Beitrag vom 6.Aug.2013 (samt den Kommentaren!) wurde deutlich, wie die US-Behörden den ursprünglichen Geist der US-Verfassung zum Schutze des einzelnen nach und nach so ausgehöhlt haben, dass es die Bürgerrechte eigentlich gar nicht mehr gibt. Mittlerweile hat sich die US-Staatsmacht mittlerweile alle Rechte genommen; auf der einen Seite wurden die Rechte des Bürgers quasi annulliert, auf der anderen Seite nahm sich der Präsident und seine Behörden (allen vorweg die Geheimdienste) mittlerweile alle Rechte; die formal existierenden demokratischen Kontrollen sind faktisch nicht wirksam oder werden – falls es doch gelegentlich zu parlamentarischen Anfragen kommt – von der eigenen Regierung belogen und mit juristischen Scharmützeln überzogen (die deutsche Regierung und Regierungsstellen wirken in diesem Punkt wie Kopien ihres großen US-Amerikanischen Bruders).

AUSDEHNUNG OHNE JEDES MASS

5. Im Beitrag vom 24.August 2013 wird der ungeheuerliche Umfang deutlich, den die Geheimdienste in den USA angenommen haben. Überspitzt könnte man sagen, die USA bestehen im wesentlichen aus diesem Komplex an Geheimdiensten, dazu verzahnt mit einer gigantischen Militärmaschinerie und der Rest ist irgendwie nur noch (störende?) Zutat. Ein normaler Bürger zählt auf jeden Fall nichts mehr. Das Land hat sich zudem mit einem Wall von Sicherheitssystemen umgeben, so dass die USA von außen – optisch – wie ein Hochsicherheitsgefängnis erscheinen.

SICHERHEIT IST ALLES – SELBST WENN MAN DIE, DIE GESCHÜTZT WERDEN SOLLEN, SELBST ZU TERRORISTEN ERKLÄREN MUSS

6. In einer Zwischenauswertung vom 26.Sept.2013 der Lektüre eines Buches von Tom Engelhardt kann man erkennen, dass die vordergründige schleichende Entdemokratisierung der USA fast schon ‚zwangsläufig‘ erscheint, wenn man das Erstarken und das Verhalten des US-Militärapparates betrachtet, der sich seit dem Vietnamkrieg keinesfalls ‚in sich‘ zurückgezogen hat, sondern sich mit immer neuen – und immer ‚künstlicheren‘ – Feinbildern zu einer Struktur und Stärke weltweit aufgebaut hat, die historisch ohne Beispiel ist. Wenn man sich fragt, wie Hitler und die Nazis eine solche totale Kontrolle über den Staat bekommen konnte (Stalin und viele andere gehören hier natürlich auch genannt), dann muss man sich nur die USA nach dem 2.Weltkrieg anschauen: erst waren es die Kommunisten, die alles rechtfertigten, dann die Staatssicherheit als solche, und schließlich die ‚Terroristen‘, die ‚überall sein können, auch im eigenen Land. Dass in einem solchen ideologisch verzerrten Kontext (in dem Menschenrechte schon lange nichts mehr gelten) ausländische demokratisch instabile Regierungen ‚unbequemer‘ erschienen als Diktaturen, mit denen man kooperieren konnte, versteht sich dann fast – leider – von selbst. In diesem Sinne wären die USA selber ein ‚Schurkenstaat‘, würden sie ihre eigenen Kriterien auf sich selbst anwenden.

EIN BUNDESANWALT, DER NICHTS WEISS (ODER NICHTS WISSEN WILL?)

7. Am 28. Dezember 2013, also quasi zum Jahresende 2013, gab es genügend Hinweise, aufgrund deren man vermuten konnte, dass es eine intensiven Abhörtätigkeit der US-Dienste auf deutschem Boden und in die deutschen Datenströme hinein gab und gibt. Die offizielle Verlautbarung des deutschen Bundesanwalts Range zu diesem Punkt war abwiegelnd, ablehnend; er sähe keinen Anfangsverdacht. Dass er in seiner Stellungnahme statt von der ‚NSA‘ von der ‚NASA‘ sprach wirkte extrem beunruhigend: ist der Bundesanwalt Alkoholiker? Nimmt er Drogen? Ist er gar dement? Leider hat die deutsche Presse bislang versäumt, dieses Amt, seine Amtsführung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen (stattdessen hat man lieber den ehemaligen Bundespräsidenten wegen ca. 700€ ‚zu Tode gehetzt‘ (natürlich ist die Integrität eines Bundespräsidenten wichtig, aber die Integrität eines Bundesanwalts, wenn es um massive Grundrechtsverletzungen geht, steht dem eigentlich in nichts nach)).

GRUNDRECHTE GELTEN INTERNATIONAL

8. Zu Beginn des Jahres 2014 hat sich in Sachen ‚außer Kontrolle geratene US-Sicherheitsmaschinerie‘ mit deutscher Gefolgschaft nicht viel geändert. Allerdings denkt die US-amerikanische Bürgerechtsvereinigung darüber nach, dass Grundrechte auch transnational gelten müssten, d.h. das Verbot des Abhörens von US-Bürgern müsste auch für Bürger anderer Staaten gelten (da war offensichtlich noch nicht klar genug, dass die US-Regierung – begonnen unter dem 43.ten Präsidenten der USA, George Walker Bush (born July 6, 1946), ohne Einschränkung übernommen von dem 44.ten Präsidenten der USA, Barack Hussein Obama II (born August 4, 1961) – die US-Bürger trotz anderslautender Verfassung schon längst im großen Stil abhörten). Als irgendwann der US-Justizminister Ashcroft sowie sein Stellvertreter sich weigerten, die Zustimmung zu diesem verfassungswidrigen Abhören von US-Bürgern zu geben, hat Cheney als damals amtierender Vizepräsident kurzerhand das Formular geändert; auf dem neuen Formular musste der Justizminister nicht mehr zustimmen. Dies war zwar gegen geltendes Recht, wurde aber von Bush akzeptiert, ebenso vom damaligen Chef der NSA Michael Vincent Hayden (born March 17, 1945) (Videoausschnitte dazu mit Originalaussagen der Beteiligten finden sich in einer Dokumentation des ZDF vom 28.Mai 2014! (eigentlich kennt das US-amerikanische Recht das Instrument des Impeachments, also der Möglichkeit, einen amtierenden Präsidenten aus dem Amt zu entfernen. Aber dazu bräuchte es neben Klägern auch Richter, die den Mut hätten, das Unrecht auf Seiten der Regierung entsprechend zu würdigen. Bislang findet sich kein Richter ..).

9. Als am 27.Januar 2014 erstmalig ein partielles Interview mit Snowden in der ARD ausgestrahlt wurde, war dies ein Meilenstein in der öffentlichen Diskussion. Gleichzeitig wurde die Verweigerungshaltung der betroffenen US- und Deutschen Regierungen immer deutlicher. Insbesondere wurde deutlich, dass das im US-Recht eingebaute Instrument des ‚Whistleblowings‘ mittlerweile (und von Obama ganz besonders) nahezu zu Null reduziert worden ist. Waren schon die Verhandlungen gegen den/ die SoldatenIn Mannings einer Demokratie unwürdig (eigene parteiliche Militärgerichtsbarkeit), so wirft die regierungsseitig völlig einseitige Argumentation in Sachen Snowden kein gutes Licht auf die demokratische Gesinnung der US-Regierung.

‚FAKTISCH KEINE KONTROLLE DER DEUTSCHEN GEHEIMDIENSTE‘

10. Am 8. Februar 2014 stellt ein Mitglied des parlamentarischen Kontrollausschusses der deutschen Geheimdienste (und ehemaliger Bundesrichter) fest, dass es faktisch keine Kontrolle der deutschen Geheimdienste gibt. Seitdem sich die Hinweise häufen, dass der BND intensivst mit der NSA kooperiert (und die NSA wiederum außer Kontrolle operiert), wirken solche Aussagen nicht beruhigend.

ERST TOTALAUSSPÄHUNGA, DANN ABSCHAFFUNG DER PARLAMENTARISCHEN KONTROLLE

11. Am 16. Februar 2014 wurde klar, dass die Unkontrolliertheit der Geheimdienste nur ein Teil der Geschichte ist. Die zunehmend durchsickernden Informationen zum geplanten transatlantischen Freihandelskommen TTIP zeigen, dass die Machtmonopole der USA (hier nicht nur die Geheimdienste und das Militär, sondern auch Firmen und Anwaltskanzleien) und Europas den Eindruck erwecken, als ob sie an den Parlamenten vorbei (auch der US-Kongress ist außen vor!) versuchen Handelsregeln zu etablieren, die nicht mehr von nationalen Rechten und Regierungen beschränkt werden können (der berühmte Investorenschutz). Wie sich zeigt, ist die deutsche Bundeskanzlerin eine der treibenden Kräfte in diesem Spiel trotz massivem Widerstand ihrer eigenen Wähler. Erst als ganz Europa schon im Aufruhr war und viele namhafte deutsche Vereinigungen und Institutionen offiziell protestierten, lies sie sich zu der öffentlichen Bemerkung herab, dass natürlich keine ‚Chlorhühnchen‘ nach Europa kommen sollten. Die viel schlimmere, die Demokratie aushebelnde, Investorenschutzklausel, erwähnte sie mit keiner Silbe. Sie, die demokratisch gewählte Bundeskanzlerin, hat – so sieht es aus – offensichtlich kein Problem damit, ihre eigenen Wähler zu belügen und die Rolle des demokratisch gewählten Parlamentes abzuschaffen. Wozu brauchen wir eigentlich noch Terroristen? Nur dazu, um die Bevölkerung einzuschüchtern, damit diese nicht sieht, was die gewählten Regierungen mit der Demokratie veranstalten? Im übrigen beginnt man zu begreifen, dass die großen Internetkonzerne mit ihren eigenen Selbstherrlichkeiten im Umgang mit Kundendaten vielleicht doch nicht so harmlos sind, wie diese sich gerne darstellen.

DAS ZDF ALS BASTION DEMOKRATISCHER ÖFFENTLICHKEIT

12. Am 27.Mai 2014 gab es Teil 1 einer ZDF-Dokumentation zu diesem ganzen Komplex mit dem Titel ‚Verschwörung gegen die Freiheit. Big Brother und seine Helfer‘, und am 28.Mai 2014 den Teil 2 mit dem Titel ‚Verschwörung gegen die Freiheit. Verschwörung im Weißen Haus‘. Diesen beiden Beiträge sind sehr gut gemacht (wenn auch im zweiten Teil bei manchen Personen leider die Namenseinblendungen fehlen). Obgleich die hier gezeigten Fakten nur einen kleinen Ausschnitt aus dem darstellen, was wir mittlerweile aus dem Paralleluniversum ‚der dunklen Macht‘ (um ein Bild zu gebrauchen) wissen, sind diese beiden Berichte sehr beeindruckend, da hier die wichtigsten handelnden Personen im Originalton auftreten. Ich kann mir dies nur so erklären, dass die US-amerikanische Stellen trotz allem Rechtsbruch subjektiv immer noch zu glauben scheinen, sie tun das ‚Richtige‘ (was übrigens auch viele der Nazigrößen bei den Nürnberger Prozessen zeigten: auch dann glaubten sie immer noch, dass sie nichts Falsches getan haben).

DIE US-ÖFFENTLICKEIT IST NOCH NICHT VÖLLIG GLEICHGESCHALTET

13. Während sich bislang ein deutscher Bundesanwalt, ein deutscher Präsident des Verfassungsschutzes, die deutsche Bundeskanzlerin und einige ihrer Minister sich bis hin zur Unkenntlich in Sachen massenhafter Abhörung und Verfassungsbruch verleugnen, berichtete die New York Times unter dem Titel ‚Defending His Actions, Snowden Says He’s a Patriot‘ am 29.Mai von dem Fernsehauftritt Snowdens im NBC, bei dem Snowden sehr ausführlich Gelegenheit hatte, sich erstmals offiziell in der US-Öffentlichkeit zu präsentieren. Laut Umfragen anschließend war dann die Öffentlichkeit zu 2/3 der Meinung, dass er in der Tat ein Patriot sei. Ein nicht unwichtiger Fakt wenn man weiß, dass die US-Administration mit allen Mitteln versucht, Snowden als Verräter dar zu stellen (und dabei mehr als großzügig über ihre eigenen schweren Verfassungsbrüche hinweggeht).

WIE KANN ES WEITERGEHEN?

14. Wie kann es weitergehen? Ich meine, wir sind alle normale Berufstätige, wir haben viel Arbeit und wenig Zeit. Es gibt so viele andere drängende Probleme, um die man sich kümmern muss bzw. sollte (und natürlich möchte man eigentlich nicht ständig ‚Probleme wälzen’…). Andererseits ist das, was hier sichtbar geworden ist und immer klarer wird, ein umfassender Prozess, dem man eine historische Qualität nicht absprechen kann. Er betrifft komplette Staaten und, insofern die USA und Deutschland nicht gerade von geringem Einfluss sind, haben diese Vorgänge Auswirkungen auf Prozesse weltweit. Er betrifft die großen Strukturen und über diese den Alltag, jeden Ort dieser Welt, jede Person und Institution. Dieser Prozess betrifft die tägliche Luft der Informationen, die alle Demokratien einatmen müssen, um zu leben. Diese Luft wird von einigen wenigen selbsternannten Weltrettern eigenmächtig manipuliert und vergiftet. Ohne das Wissen und gegen den Willen aller Bürger werden hier täglich Dinge getan, die dem Geist der demokratischen Verfassungen Hohn sprechen. Was geht in den Köpfen der selbsternannten Weltretter vor, wenn sie leichthändig die eigenen Bürger pauschal zu Terroristen erklären, um damit ihre demokratisch nicht gebilligten Aktionen zu motivieren? Wie krank im Kopf muss jemand sein, wenn er die normale Welt, die eigenen Bürger zu Verbrechern erklären muss, um sein eigenes, unkontrolliertes wahnhaftes Sicherheitsbedürfnis am Leben zu erhalten? Über die Nazis von gestern lächelt man gerne, was aber, wenn man selbst ein solcher moderner Nazi geworden ist? Es ist nicht der Name, der einem zu einen Nazi macht, nicht die Uniform, sondern eine bestimmte Haltung, die Selbstermächtigung über alle anderen; Kritik im Ansatz verboten …

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

ERKENNTNISSCHICHTEN – Das volle Programm…

 

  1. Wir beginnen mit einem Erkenntnisbegriff, der im subjektiven Erleben ansetzt. Alles, was sich subjektiv als ‚Gegeben‘ ansehen kann, ist ein ‚primärer‘ ‚Erkenntnisinhalt‘ (oft auch ‚Phänomen‘ [PH] genannt).

  2. Gleichzeitig mit den primären Erkenntnisinhalten haben wir ein ‚Wissen‘ um ’sekundäre‘ Eigenschaften von Erkenntnisinhalten wie ‚wahrgenommen‘, ‚erinnert‘, ‚gleichzeitig‘, ‚vorher – nachher‘, ‚Instanz einer Klasse‘, ‚innen – außen‘, und mehr.

  3. Auf der Basis der primären und sekundären Erkenntnisse lassen sich schrittweise komplexe Strukturen aufbauen, die das subjektive Erkennen aus der ‚Innensicht‘ beschreiben (‚phänomenologisch‘, [TH_ph]), aber darin auch eine systematische Verortung von ‚empirischem Wissen‘ erlaubt.

  4. Mit der Bestimmung des ‚empirischen‘ Wissens lassen sich dann Strukturen der ‚intersubjektiven Körperwelt‘ beschreiben, die weit über das ’subjektive/ phänomenologische‘ Wissen hinausreichen [TH_emp], obgleich sie als ‚Erlebtes‘ nicht aus dem Bereich der Phänomene hinausführen.

  5. Unter Einbeziehung des empirischen Wissens lassen sich Hypothesen über Strukturen bilden, innerhalb deren das subjektive Wissen ‚eingebettet‘ erscheint.

  6. Der Ausgangspunkt bildet die Verortung des subjektiven Wissens im ‚Gehirn‘ [NN], das wiederum zu einem ‚Körper‘ [BD] gehört.

  7. Ein Körper stellt sich dar als ein hochkomplexes Gebilde aus einer Vielzahl von Organen oder organähnlichen Strukturen, die miteinander in vielfältigen Austauschbeziehungen (‚Kommunikation‘) stehen und wo jedes Organ spezifische Funktionen erfüllt, deren Zusammenwirken eine ‚Gesamtleistung‘ [f_bd] des Input-Output-Systems Körpers ergibt. Jedes Organ besteht aus einer Vielzahl von ‚Zellen‘ [CL], die nach bestimmten Zeitintervallen ‚absterben‘ und ‚erneuert‘ werden.

  8. Zellen, Organe und Körper entstehen nicht aus dem ‚Nichts‘ sondern beruhen auf ‚biologischen Bauplänen‘ (kodiert in speziellen ‚Molekülen‘) [GEN], die Informationen vorgeben, auf welche Weise Wachstumsprozesse (auch ‚Ontogenese‘ genannt) organisiert werden sollen, deren Ergebnis dann einzelne Zellen, Zellverbände, Organe und ganze Körper sind (auch ‚Phänotyp‘ genannt). Diese Wachstumsprozesse sind ’sensibel‘ für Umgebungsbedingungen (man kann dies auch ‚interaktiv‘ nennen). Insofern sind sie nicht vollständig ‚deterministisch‘. Das ‚Ergebnis‘ eines solchen Wachstumsprozesses kann bei gleicher Ausgangsinformation anders aussehen. Dazu gehört auch, dass die biologischen Baupläne selbst verändert werden können, sodass sich die Mitglieder einer Population [POP] im Laufe der Zeit schrittweise verändern können (man spricht hier auch von ‚Phylogenese‘).

  9. Nimmt man diese Hinweise auf Strukturen und deren ‚Schichtungen‘ auf, dann kann man u.a. zu dem Bild kommen, was ich zuvor schon mal unter dem Titel ‚Emergenz des Geistes?‘ beschrieben hatte. In dem damaligen Beitrag hatte ich speziell abgehoben auf mögliche funktionale Unterschiede der beobachtbaren Komplexitätsbildung.

  10. In der aktuellen Reflexion liegt das Augenmerk mehr auf dem Faktum der Komplexitätsebene allgemein. So spannen z.B. die Menge der bekannten ‚Atome‘ [ATOM] einen bestimmten Möglichkeitsraum für theoretisch denkbare ‚Kombinationen von Atomen‘ [MOL] auf. Die tatsächlich feststellbaren Moleküle [MOL‘] bilden gegenüber MOL nur eine Teilmenge MOL‘ MOL. Die Zusammenführung einzelner Atome {a_1, a_2, …, a_n} ATOM zu einem Atomverband in Form eines Moleküls [m in MOL‘] führt zu einem Zustand, in dem das einzelne Atom a_i mit seinen individuellen Eigenschaften nicht mehr erkennbar ist; die neue größere Einheit, das Molekül zeigt neue Eigenschaften, die dem ganzen Gebilde Molekül m_j zukommen, also {a_1, a_2, …, a_n} m_i (mit {a_1, a_2, …, a_n} als ‚Bestandteilen‘ des Moleküls m_i).

  11. Wie wir heute wissen, ist aber auch schon das Atom eine Größe, die in sich weiter zerlegt werden kann in ‚atomare Bestandteile‘ (‚Quanten‘, ‚Teilchen‘, ‚Partikel‘, …[QUANT]), denen individuelle Eigenschaften zugeordnet werden können, die auf der ‚Ebene‘ des Atoms verschwinden, also auch hier wenn {q_1, q_2, …, q_n} QUANT und {q_1, q_2, …, q_n} die Bestandteile eines Atoms a_i sind, dann gilt {q_1, q_2, …, q_n} a_i.

  12. Wie weit sich unterhalb der Quanten weitere Komplexitätsebenen befinden, ist momentan unklar. Sicher ist nur, dass alle diese unterscheidbaren Komplexitätsebenen im Bereich ‚materieller‘ Strukturen aufgrund von Einsteins Formel E=mc^2 letztlich ein Pendant haben als reine ‚Energie‘. Letztlich handelt es sich also bei all diesen Unterschieden um ‚Zustandsformen‘ von ‚Energie‘.

  13. Entsprechend kann man die Komplexitätsbetrachtungen ausgehend von den Atomen über Moleküle, Molekülverbände, Zellen usw. immer weiter ausdehnen.

  14. Generell haben wir eine ‚Grundmenge‘ [M], die minimale Eigenschaften [PROP] besitzt, die in einer gegebenen Umgebung [ENV] dazu führen können, dass sich eine Teilmenge [M‘] von M mit {m_1, m_2, …, m_n} M‘ zu einer neuen Einheit p={q_1, q_2, …, q_n} mit p M‘ bildet (hier wird oft die Bezeichnung ‚Emergenz‘ benutzt). Angenommen, die Anzahl der Menge M beträgt 3 Elemente |M|=3, dann könnte man daraus im einfachen Fall die Kombinationen {(1,2), (1,3), (2,3), (1,2,3)} bilden, wenn keine Doubletten zulässig wären. Mit Doubletten könnte man unendliche viele Kombinationen bilden {(1,1), (1,1,1), (1,1,….,1), (1,2), (1,1,2), (1,1,2,2,…),…}. Wie wir von empirischen Molekülen wissen, sind Doubletten sehr wohl erlaubt. Nennen wir M* die Menge aller Kombinationen aus M‘ (einschließlich von beliebigen Doubletten), dann wird rein mathematisch die Menge der möglichen Kombinationen M* gegenüber der Grundmenge M‘ vergrößert, wenngleich die Grundmenge M‘ als ‚endlich‘ angenommen werden muss und von daher die Menge M* eine ‚innere Begrenzung‘ erfährt (Falls M’={1,2}, dann könnte ich zwar M* theoretisch beliebig groß denken {(1,1), (1,1,1…), (1,2), (1,2,2), …}, doch ‚real‘ hätte ich nur M*={(1,2)}. Von daher sollte man vielleicht immer M*(M‘) schreiben, um die Erinnerung an diese implizite Beschränkung wach zu halten.

  15. Ein anderer Aspekt ist der Übergang [emer] von einer ’niedrigerem‘ Komplexitätsniveau CL_i-1 zu einem höheren Komplexitätsniveau CL_i, also emer: CL_i-1 —> CL_i. In den meisten Fällen sind die genauen ‚Gesetze‘, nach denen solch ein Übergang stattfindet, zu Beginn nicht bekannt. In diesem Fall kann man aber einfach ‚zählen‘ und nach ‚Wahrscheinlichkeiten‘ Ausschau halten. Allerdings gibt es zwischen einer ‚reinen‘ Wahrscheinlich (absolute Gleichverteilung) und einer ‚100%-Regel‘ (Immer dann wenn_X_dann geschieht_Y_) ein Kontinuum von Wahrscheinlichkeiten (‚Wahrscheinlichkeitsverteilungen‘ bzw. unterschiedlich ‚festen‘ Regeln, in denen man Z%-Regeln benutzt mit 0 < Z < 100 (bekannt sind z.B. sogenannte ‚Fuzzy-Regeln‘).

  16. Im Falle des Verhaltens von biologischen Systemen, insbesondere von Menschen, wissen wir, dass das System ‚endogene Pläne‘ entwickeln kann, wie es sich verhalten soll/ will. Betrachtet man allerdings ‚große Zahlen‘ solcher biologischer Systeme, dann fällt auf, dass diese sich entlang bestimmter Wahrscheinlichkeitsverteilungen trotzdem einheitlich verhalten. Im Falle von Sterbensraten [DEATH] einer Population mag man dies dadurch zu erklären suchen, dass das Sterben weitgehend durch die allgemeinen biologischen Parameter des Körpers abhängig ist und der persönliche ‚Wille‘ wenig Einfluß nimmt. Doch gibt es offensichtlich Umgebungsparameter [P_env_i], die Einfluss nehmen können (Klima, giftige Stoffe, Krankheitserreger,…) oder indirekt vermittelt über das individuelle ‚Verhalten‘ [SR_i], das das Sterben ‚begünstigt‘ oder ‚verzögert‘. Im Falle von Geburtenraten [BIRTH] kann man weitere Faktoren identifizieren, die die Geburtenraten zwischen verschiedenen Ländern deutlich differieren lässt, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen sozialen Gruppen, usw. obgleich die Entscheidung für Geburten mehr als beim Sterben individuell vermittelt ist. Bei allem Verhalten kann man mehr oder weniger starke Einflüsse von Umgebungsparametern messen. Dies zeigt, dass die individuelle ‚Selbstbestimmung‘ des Verhaltens nicht unabhängig ist von Umgebungsparametern, die dazu führen, dass das tatsächliche Verhalten Millionen von Individuen sehr starke ‚Ähnlichkeiten‘ aufweist. Es sind diese ‚gleichförmigen Wechselwirkungen‘ die die Ausbildung von ‚Verteilungsmustern‘ ermöglichen. Die immer wieder anzutreffenden Stilisierungen von Wahrscheinlichkeitsverteilungen zu quasi ‚ontologischen Größen‘ erscheint vor diesem Hintergrund eher irreführend und verführt dazu, die Forschung dort einzustellen, wo sie eigentlich beginnen sollte.

  17. Wie schon die einfachen Beispiele zu Beginn gezeigt haben, eröffnet die nächst höhere Komplexitätstufe zunächst einmal den Möglichkeitsraum dramatisch, und zwar mit qualitativ neuen Zuständen. Betrachtet man diese ‚Komplexitätsschichtungen‘ nicht nur ‚eindimensional‘ (also z.B. in eine Richtung… CL_i-1, CL_i, CL_i+1 …) sondern ‚multidimensional‘ (d.h. eine Komplexitätsstufe CL_i kann eine Vielzahl von Elementen umfassen, die eine Komplexitätstufe j<i repräsentieren, und diese können wechselseitig interagieren (‚kommunizieren‘)), dann führt dies zu einer ‚Verdichtung‘ von Komplexität, die immer schwerer zu beschreiben ist. Eine einzige biologische Zelle funktioniert nach so einem multidimensionalen Komplexitätsmuster. Einzelne Organe können mehrere Milliarden solcher multidimensionaler Einheiten umfassen. Jeder Körper hat viele solcher Organe die miteinander wechselwirken. Die Koordinierung aller dieser Elemente zu einer prägnanten Gesamtleistung übersteigt unsere Vorstellungskraft bei weitem. Dennoch funktioniert dies in jeder Sekunde in jedem Körper Billionenfach, ohne dass das ‚Bewusstsein‘ eines biologischen Systems dies ‚mitbekommt‘.

  18. Was haben all diese Komplexitätstufen mit ‚Erkenntnis‘ zu tun? Nimmt man unser bewusstes Erleben mit den damit verknüpften ‚Erkenntnissen‘ zum Ausgangspunkt und erklärt diese Form von Erkenntnis zur ‚Norm‘ für das, was Erkenntnis ist, dann haben all diese Komplexitätsstufen zunächst nichts mit Erkenntnis zu tun. Allerdings ist es dieses unser ’subjektives‘ ‚phänomenologisches‘ ‚Denken‘, das all die erwähnten ‚Komplexitäten‘ im Denken ’sichtbar‘ macht. Ob es noch andere Formen von Komplexität gibt, das wissen wir nicht, da wir nicht wissen, welche Form von Erkenntnis unsere subjektive Erkenntnisform von vornherein ‚ausblendet‘ bzw. aufgrund ihrer Beschaffenheit in keiner Weise ‚erkennt‘. Dies klingt paradox, aber in der Tat hat unser subjektives Denken die Eigenschaft, dass es durch Verbindung mit einem Körper einen indirekt vermittelten Bezug zur ‚Körperwelt jenseits des Bewusstseins‘ herstellen kann, der so ist, dass wir die ‚Innewohnung‘ unseres subjektiven Erkennens in einem bestimmten Körper mit dem Organ ‚Gehirn‘ als Arbeitshypothese formulieren können. Darauf aufbauend können wir mit diesem Körper, seinem Gehirn und den möglichen ‚Umwelten‘ dann gezielt Experimente durchführen, um Aufklärung darüber zu bekommen, was denn so ein Gehirn im Körper und damit korrelierend eine bestimmte Subjektivität überhaupt erkennen kann. Auf diese Weise konnten wir eine Menge über Erkenntnisgrenzen lernen, die rein aufgrund der direkten subjektiven Erkenntnis nicht zugänglich sind.

  19. Diese neuen Erkenntnisse aufgrund der Kooperation von Biologie, Psychologie, Physiologie, Gehirnwissenschaft sowie Philosophie legen nahe, dass wir das subjektive Phänomen der Erkenntnis nicht isoliert betrachten, sondern als ein Phänomen innerhalb einer multidimensionalen Komplexitätskugel, in der die Komplexitätsstrukturen, die zeitlich vor einem bewussten Erkennen vorhanden waren, letztlich die ‚Voraussetzungen‘ für das Phänomen des subjektiven Erkennens bilden.

  20. Gilt im bekannten Universum generell, dass sich die Systeme gegenseitig beeinflussen können, so kommt bei den biologischen Systemen mit ‚Bewusstsein‘ eine qualitativ neue Komponente hinzu: diese Systeme können sich aktiv ein ‚Bild‘ (‚Modell‘) ihrer Umgebung, von sich selbst sowie von der stattfindenden ‚Dynamik‘ machen und sie können zusätzlich ihr Verhalten mit Hilfe des konstruierten Bildes ’steuern‘. In dem Masse, wie die so konstruierten Bilder (‚Erkenntnisse‘, ‚Theorien‘,…) die tatsächlichen Eigenschaften der umgebenden Welt ‚treffen‘ und die biologischen Systeme ‚technologische Wege‘ finden, die ‚herrschenden Gesetze‘ hinreichend zu ‚kontrollieren‘, in dem Masse können sie im Prinzip nach und nach das gesamte Universum (mit all seinen ungeheuren Energien) unter eine weitreichende Kontrolle bringen.

  21. Das einzig wirkliche Problem für dieses Unterfangen liegt in der unglaublichen Komplexität des vorfindlichen Universums auf der einen Seite und den extrem beschränkten geistigen Fähigkeiten des einzelnen Gehirns. Das Zusammenwirken vieler Gehirne ist absolut notwendig, sehr wahrscheinlich ergänzt um leistungsfähige künstliche Strukturen sowie evtl. ergänzt um gezielte genetische Weiterentwicklungen. Das Problem wird kodiert durch das Wort ‚gezielt‘: Hier wird ein Wissen vorausgesetzt das wir so eindeutig noch nicht haben Es besteht ferner der Eindruck, dass die bisherige Forschung und Forschungsförderung diese zentralen Bereiche weltweit kum fördert. Es fehlt an brauchbaren Konzepten.

Eine Übersicht über alle bisherigen Beiträge findet sich hier

Ägypten und Tunesien – das sind wir, und mehr….

  1. Während ich diese Zeilen schreibe steht der Machtkampf in Ägypten auf der Kippe: Kann sich Präsident Mubarak an der Macht halten oder folgen ihm jetzt doch andere nach; und wenn andere, welche andere? Nach allen Informationen, die ich bekommen konnte, ist es nicht eine bestimmte radikale Gruppe, die hier nach Veränderungen ruft und dafür Gesundheit und Leben riskiert, sondern eine breite Schicht der Bevölkerung, und hier natürlich insbesondere die jüngere Generation, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellt. Jahrelang bevormundet, gegängelt, kontrolliert, schikaniert, mit üblen Polizeistaatsmethoden eingeschüchtert lehnen sich jetzt die Vielen dagegen auf. Sie wollen keine korrupten Beamten, sie wollen keine Günstlingswirtschaft, sie wollen keine Milliardäre auf Kosten einer bestohlenen Bevölkerung, sie wollen keine staatlich zensierte Medien, sondern sie wollen mehr Respekt, mehr Anerkennung, mehr Selbstbestimmung, sie wollen offene Kommunikation, Sie wollen mehr reale Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten.

  2. Das ägyptische Volk folgt in diesem Kampf (der über Massendemonstrationen ausgetragen wird) dem tunesischen Volk. Andere Länder Nordafrikas haben ähnliche Konstellationen.

  3. Die europäischen und nordamerikanischen Politiker haben diese unwürdigen Zustände jahrzehntelang unterstützt. Die Bürger dieser Länder – ich schließe mich hier nicht aus – haben u.a. als Touristen das Spiel mitgespielt. Während die europäischen Politiker in diesen Tagen das gewohnt handlungsschwache Bild abgeben, verbal in den Medien eine Moral artikulieren, die Sie oft nur opportunistisch mal heraushängen, mal verschweigen – oder einige gar partiell selbst aktiv mit Füßen treten — haben die Amerikaner anscheinend einen klaren Schwenk vollzogen: sie fordern Mubarak zum Rücktritt auf und erwecken den Eindruck, dass sie über das Militär die politische Veränderung unterstützen wollen. Allerdings haben auch die USA wiederholt demonstriert, dass Diktatoren, Terroristen und Verbrecher willkommen sein können, wenn Sie den eigenen Interessen nützen, so daß der Schwenk der USA nicht unbedingt von einem moralischen Gesinnungswandel getragen sein muß.

  4. Während es generell nicht leicht ist, den täglichen Zuckungen der politischen Gremien zu folgen, deutet sich mit Tunesien und Ägypten aber doch an – was auch Ende des 20.Jahrhunderts in Mittel und Osteuropa zu beobachten war –, dass Machtkartelle auf Kosten der breiten Mehrheit einer Bevölkerung heutzutage immer weniger eine Chance haben. Denn die Voraussetzung einer egoistischen Machtclique, nämlich die Kontrolle aller wichtigen Ressourcen, kann letztlich nur durch Repression und konkrete Gewalt gegen die vielen anderen funktionieren. Wenn dies zur Verarmung, zur täglichen Desinformation, zu täglichen Rechtsbrüchen gegen die Menschlichkeit, zu Arbeitslosigkeit und Korruption, und damit zu Enttäuschungen und zu einer wachsenden Hoffnungslosigkeit bei immer mehr Menschen führt, dann wird diese Gesellschaft von innen zerfressen. Damit fällt sie auf Dauer im ‚Konkurrenzkampf‘ der gesellschaftlichen Systeme um Ressourcen und Macht immer weiter zurück. Einen kurzsichtig agierenden Machtparasiten ficht solches nicht an. Ihm reicht sein aktueller Erfolg. Das Leiden der Vielen, die Schwächung eines ganzen Volkes, sind ihm egal; er – und seine Gefolgsleute – blenden dies aus.

  5. Es ist sicher kein Zufall, dass sich oft in solchen Gesellschaften, in denen Macht missbraucht, Bildung und freie Medien unterdrückt werden, ‚radikale‘ Gruppierungen entwickeln, die sich als ‚Sprecher‘ und ‚Interessenvertreter‘ der ‚unterdrückten‘ Bevölkerungsteile verstehen und darstellen. In der Vergangenheit führte dies bisweilen zu den Umbrüchen (‚Revolutionen‘), die wir im Nachhinein als ‚erfolgreich‘ darstellen (Reformation, französische Revolution, nordamerikanische Revolution, Maos langer Marsch, Perestroika, ….). Aber immer wieder sind solche Umbrüche auch gescheitert oder haben gezeigt, dass die ‚Gewinner‘ letztlich nicht viel besser waren als die, die sie aus der Macht verjagt haben.

  6. Eine häufige Figur ist auch die, dass amtierende Machtstrukturen die ‚Gefahr‘ durch radikale Strömungen als Vorwand nehmen, um die eigene Machtposition mit Mitteln abzusichern, die letztlich die eigene Machtposition immer mehr der Form eines Unrechtsregimes annähern. Unter dem Vorwand, ‚Freiheit‘ und ‚Gerechtigkeit‘ gegen Feinde zu schützen, wird die Freiheit und das Recht des einzelnen schrittweise eingeschränkt, soweit, dass man sich dann fragen kann, was hier noch geschützt werden soll? Der Verlust der demokratischen Kontrolle eines staatlichen Machtapparates kann in komplexen modernen Gesellschaften ‚fließend‘ sein, so sehr, dass selbst die Akteure des Macht-Apparates den Überblick verlieren. Die USA, eines der wichtigsten Länder dieser Erde, sind bekannt für ihr Engagement im zweiten großen Krieg, in dem sie als Befreier vom Nationalsozialismus auftraten. Sie brachten große Opfer und kämpften mit großem Idealismus. Dann waren sie aktiv als Schutzmacht gegen den Kommunismus. In nahezu jeder Beziehung wurden und waren Sie Jahrzehnte die Weltmacht Nr.1. Viele Analysen und Berichte lassen jetzt aber den Eindruck entstehen, dass sich das Machtdenken und die reine Profitgier unter dem Mantel politischer Werte ihren Weg gesucht haben, womöglich gar sich zu verselbständigen beginnen. Dass es zudem Machtausübungen in den letzten letzten Jahrzehnten gab, in denen die Rechte von Menschen und ganzen Bevölkerungen mit Füßen getreten wurden. Nicht weniger schlimm, es entsteht der Eindruck, daß die USA ihr eigenes Rechtssystem unter dem Vorwand des ‚Schutzes gegen Bedrohung von außen‘ soweit verändert haben – und beständig weiter verändern –, daß man nach Bedarf jederzeit jeden ohne jeglichen rechtlichen Schutz als Terrorist behandeln kann, selbst wenn er gar kein Terrorist ist (ganz zu schweigen von dem, was Geheimdienste abseits der Öffentlichkeit in einem ‚quasi rechtsfreien Raum‘ tun dürfen. Das wenige, was einem ’normalen‘ Bürger bekannt wird, wirkt nicht sehr beruhigend). Für welche Werte stehen die USA heute noch? Es ist schwer bis unmöglich, sich hier ein klares Bild zu verschaffen. Welche Medien sind nicht von handfesten politischen oder wirtschaftlichen Interessen dominiert?

  7. Ägypten, Tunesien, Nordafrika, Europa, Nordamerika, Asien…. das ist alles nicht mehr weit auseinander; wir sind immer mehr miteinander verflochten. Die Handlungen des einen beeinflussen die Handlungen der anderen. Die ‚Werte‘ des einen tangieren nahezu unausweichlich auch die ‚Werte‘ des anderen. Macht hat grundsätzlich die Tendenz, sich selbst zu verstetigen (perpetuieren), sich abzusichern. Die ganze Geschichte ist ein einziges Lehrstück, wie Menschen versuchen, den Umgang mit der Macht zu ‚regulieren‘. Demokratien sind recht junge Erfindungen und keineswegs ’sicher‘; sie leben von ‚realer‘ Freiheit, von ‚Rechtssicherheit‘, von einer funktionierenden Öffentlichkeit. Politische Macht und Finanzkraft ist immer versucht, alle Parameter im eigenen Interesse zu manipulieren. Die Kontrolle der öffentlichen Medien ist für solche partikulären Machtinteressen das Wichtigste, die Beeinflussung des Rechtssystems nicht weniger, die Freiheit ist dann die ‚Restgröße‘, die bleibt. Kein Staat dieser Erde, kein Gesellschaftssystem ist gegen diesen beständigen Erosionsprozeß gefeit. Jede Generation muß sich ihre Machtregulierung – z.B. in Gestalt einer Demokratie – neu erkämpfen. Und den ‚Galionsfiguren‘ der demokratischen Bewegung, wie sie die USA auf jeden Fall eine war, müssen beständig mit kritischem Blick darauf abgesucht werden, ob die herrschenden Machtzirkel sich nicht eventuell schon soweit verselbständigt haben, dass rein formal, äußerlich zwar noch eine Demokratie besteht, aber faktisch wenige Machtgruppen den Staat nach ihrem Gutdünken manipulieren.

  8. Dies sind sehr fragmentarische Überlegungen, sehr grob, stark vereinfachend, allerdings notwendig, um große Strukturen sichtbar zu machen. Dabei schälen sich zwei Dimensionen heraus, die immer und überall wirksam sind: (i) welche Bevölkerungen wir auch immer betrachten, letztlich ist es immer ein EINZELNER Mensch, der sich dafür ENTSCHEIDET, etwas bestimmtes zu TUN oder eben nicht. Selbst die schlimmste Diktatur würde augenblicklich in Nichts zerfallen, wenn die Mehrheit der Menschen sich DAGEGEN entscheiden würde. Die Frage ist nur, aufgrund welcher WERTE und welchen WISSENS entscheidet sich ein einzelner Mensch für oder gegen etwas. Dies führt (ii) zur zweiten Dimension: einzelne Menschen können nur dann GEMEINSAM handeln, wenn sie aufgrund einer FUNKTIONIERENDEN KOMMUNIKATION ihre Meinungen, ihr Wissen, ihre Werte, ihre Erfahrungen AUSTAUSCHEN können. Ohne eine hinreichende Kommunikation kann keine gemeinsam geteilte Meinung entstehen, die zu einem gemeinsamen Handeln führt. Aus diesem Grund ist eine FUNKTIONIERENDE ÖFFENTLICHKEIT die Grundvoraussetzung für jede Art von menschlicher Gesellschaft (und auch für jede wahre Demokratie). Ohne funktionierende FREIE Kommunikation ist praktisch nichts möglich.

  9. Tatsache ist, dass in vielen Ländern unserer Erde eine wirklich freie Kommunikation noch immer nicht möglich ist.

  10. Nehmen wir mal an, wir hätten eine freie Kommunikation. Menschen könnten miteinander reden. Es gibt sehr viele Faktoren, die Menschen ‚aus sich heraus‘ daran hindern, von einer freien Kommunikation Gebrauch zu machen.

  11. Nehmen wir einmal an, die meisten Menschen überwinden ihre Scheu, ihre Ängste, ihre Vorbehalte, ihre Vorurteile – oder was es sonst noch geben mag, nicht zu kommunizieren –, nehmen wir einmal an, die meisten Menschen haben genügend Zeit (!), zu kommunizieren, was kommuniziert werden müßte, dann stellt sich die INHALTLICHE Frage, worüber sie kommunizieren wollen. Was WISSEN wir überhaupt von uns, von den anderen, von der Welt, in der wir leben, von unserem Sonnensystem, von den letzten Dingen, von ‚Werten‘? Wissen wir genug von dem, was notwendig ist, damit wir GEMEINSAM auf dieser Erde, in diesem Universum, friedlich miteinander für n-viele (wie viele?) Jahre leben können? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Anschauungen, mit unterschiedlichen Werten um? Bei Sonntagsreden sprechen wir von ‚Toleranz‘, aber wenn mir jemand gegenüber tritt, der sich auf Werte beruft, die meine Werte in Frage stellen – oder umgekehrt –, was machen wir dann? Ich habe nicht den Eindruck, dass wir auf diese zentralen Fragen schon gemeinsam akzeptierte Antworten haben. Fakt ist auf jeden Fall, dass wir mit jedem Tag auf dieser Erde uns allen immer ein Stückchen ’näher gerückt werden‘, nicht, weil wir dies wollen, sondern weil eine Vielzahl von Faktoren uns zwingen, miteinander etwas zu tun.

  12. Bei dem Versuch, zu verstehen, wie wir als Menschen ‚funktionieren‘, verstärkt sich in mir der Eindruck, dass wir als Menschen in der Tat etwas sehr Besonderes verkörpern. Zugleich ist aber auch klar, dass die aktuelle körperliche Ausstattung unserer Wahrnehmung, unserem Erinnern, unserem Fühlen, unserem Denken und Entscheiden, sehr klare Grenzen auferlegen. Die Prozesse, durch die wir Lernen, Erkennen, uns eine Meinung bilden sind begrenzt, langsam, und sehr anfällig für Verkürzungen und Fehler. Gemessen an der Komplexität der Welt, die uns umgibt, die uns zum Handeln herausfordert, sind wir bei dem heutigen Stand des Wissens und der Technologie, heillos überfordert. Selbst wenn wir wollten – mit aller Kraft, mit allerbesten Werten – niemand ist heute in der Lage, auch nur annähernd eine hinreichend begründete Entscheidung für irgendetwas zu fällen. Möglicherweise war das noch nie besser. Möglicherweise besteht der Fortschritt darin, dass wir zu erkennen beginnen, dass dies so ist.

  13. Momentan habe ich keine klare Idee, wie wir alle dieses Grundproblem am besten lösen können. Klar ist allerdings, dass (i) ohne funktionierende Kommunikation gar nichts geht; (ii) dass wir ohne eine deutliche bessere Wissenstechnologie auch nicht weiter kommen; (iii) dass wir um eine gemeinsame Klärung der Wertefrage nicht herum kommen. Dazu wird es nicht ausreichen, die bisher bekannten ‚alten‘ Wertesysteme einfach zu wiederholen und sich damit zu begnügen, die ‚anderen‘ als ‚falsch‘ hinzustellen, weil man selbst ja das ‚Richtige‘ wüßte. Wir müssen uns bzgl. der Werte deutlich weiter entwickeln. In diesem Zusammenhang scheint mir, dass die Anhänger der sogenannten Offenbarungsreligionen sich klar werden müssen, dass nicht Sie ihrem Gott diktieren, was richtig und falsch ist, sondern sie müssen begreifen, dass dieser Gott ‚lebt‘ und erwartet, dass die Menschen der Gegenwart ‚lernen‘, was ‚heute‘ das ‚Richtige‘ ist, und ‚Lernen‘ heisst wirklich aktiv von einem lebenden Gott zu lernen und nicht aus Schriften vorzulesen, die irgendwelche Menschen vor 1500 und mehr Jahren irgendwie (wir wissen letztlich nicht wer wann was wie) geschrieben haben. Und dieses Lernen ist nicht auf einzelne Menschen beschränkt sondern betrifft ALLE, JEDEN. Kein einziger Mensch hat aus sich heraus mehr Rechte als irgendein anderer Mensch. Das ist unsere Aufgabe: einen gemeinsamen Weg zu finden. Je eher wir unsere persönlichen Grenzen und Unfähigkeiten erkennen und akzeptieren, umso eher können wir gemeinsam nach einer besseren Lösung suchen. Wenn es eine Lösung gibt, wird man sie finden können. Wenn es keine gibt, dann ist es fast ein bischen ‚egal‘ was geschieht, dann sind aber auch alle Machtansprüche und Privilegien reine Willkür…