DER SPÄTE FREUD UND DAS KONZEPT DER PSYCHOANALYSE. Anmerkung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 17.Sept. 2018
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Wie im Beitrag vom vom 10.Sept. 2018 festgestellt, kann man die Praxis der Psychoanalyse, wie sie im Rahmen der Philosophiewerkstatt im Jahr 2018 vorgestellt wurde, sehr wohl in das Konzept einer empirischen Wissenschaft ‚einbetten‘, ohne den Faktor des ‚Un-Bewussten‘ aufgeben zu müssen. Nach Ansicht des Autors des Beitrags dort ist das Haupthindernis dafür, dies nicht umzusetzen, einerseits das mangelnde Verständnis der Psychoanalytiker für moderne Konzepte empirischer Theorien, andererseits sind die aktuellen Theoriekonzepte empirischer Theorien zu einfach; sie müssten weiter entwickelt werden.

Man kann dieser Diskussion weitere ‚Nahrung‘ geben, wenn man Themen der letzten Schrift von Sigmund Freud selbst aufgreift. Dieser Deutsche Text hatte den Englischen Titel ‚Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis‘ (GW XVII, 1938-40). Ich wurde auf diesen Text aufmerksam durch Jürgen Hardt, der dazu 1996 einen historisch-systematischen Artikel verfasst hatte (Hardt 1996).

In einer sehr detaillierten textnahen Analyse kann Jürgen Hardt es plausibel erscheinen lassen, dass dieser Text ‚Some …‘ kein nachträglicher Kommentar zu dem zeitlich früheren ‚Abriß der Psychoanalyse‘ (GW VVII, 1938-40) darstellt, sondern letztlich einen methodisch neuen Ansatz bildet, wie Freud die Psychoanalyse darstellen wollte, ohne dies vollenden zu können.

Die zentrale Idee besteht darin, dass die Psychoanalyse sehr wohl am Alltagsverständnis ansetzt, beim alltäglichen Bewusstsein, der individuellen ‚Selbstbeobachtung‘, dass sie aber nicht bei der ‚Lückenhaftigkeit‘ der Phänomene stehen bleibt, sondern die Lücken einem ‚Un-Bewussten‘ zurechnet, das für die Auswahl und das Zustandekommen der bewussten Phänomene verantwortlich ist. Mit diesem Ansinnen und mit der Umsetzung dieses Ansinnens, begibt sich die Analyse in das Gebiet der ‚theoretischen Deutung‘ von ‚Erfahrbarem‘. Damit tut sich auf den ersten Blick ein Gegensatz von ‚Bewusstsein‘ und ‚Un-Bewusstem‘ auf: das Un-Bewusste ist dem Bewusstsein ‚etwas Fremdes‘. Dieser Gegensatz wird umso provozierender, wenn man – wie Freud – dieses ‚Un-Bewusste‘ mit dem ‚Seelischen‘ gleichsetzt, denn dann ist auch ‚das Seelische‘ dem Bewusstsein ‚fremd‘. Es ist dann das hehre Ziel der Psychoanalyse die ‚Lücken im Bewusstsein‘ dadurch zu schließen, dass man das ‚Un-Bewusste‘ und seinen funktionellen Beitrag für das Bewusstsein ’sichtbar macht‘. Dazu gibt es die weitere Position Freuds, dass das ‚Un-Bewusste‘ und seine Prozesse ‚zur Natur‘ gehören (über den Körper, der Teil der Natur ist). Insofern ist die Psychoanalyse nach Freud von ihrem Gegenstand her eine ‚Naturwissenschaft‘.

Soweit diese Position, wie sie sich anhand der detaillierten Analyse von Jürgen Hardt rekonstruieren lässt.

Angenommen diese meine Rekonstruktion der Interpretation von Jürgen Hardt ist zutreffend, dann kann man – speziell auch vor dem Hintergrund der vorausgehenden Diskussion – einige Fragen stellen.

  1. Beginnt man mit dem Ende der obigen Argumentation, dann scheint Freud die These von der Psychoanalyse als ‚Naturwissenschaft‘ von dem Sachverhalt herzuleiten, dass ihr ‚Gegenstandsbereich‘ (das ‚Un-Bewusste‘ als das ‚Seelische‘, dieses verortet in Prozessen des Körpers) dem geläufigen Verständnis von ‚Natur‘ zuzurechnen sei.

  2. Nun definiert sich die moderne Naturwissenschaft allerdings nicht nur über ihren Gegenstandsbereich (die diffuse, zu Beginn nicht definierte, ‚Natur‘), sondern zugleich und wesentlich auch über die ‚Methode des Gewinnens und Aufbereitens von wissenschaftlichem Wissen‘ über diese intendierte Natur.

  3. In diesen Prozessen des ‚Gewinnens und Aufbereitens von wissenschaftlichem Wissen‘ spielen ‚experimentelle empirische Messprozesse‘ eine zentrale Rolle. Nicht erst seit Galilei beginnt man etwas Neues, ein zu Untersuchendes (die Natur, Teilaspekte der Natur) mit einem zuvor festgelegten ‚objektiven Standard‘ zu vergleichen und benutzt die Ergebnisse dieses Vergleichs als ‚empirisches Faktum‘, wobei man von dem ausführenden ‚Beobachter/ Theoriemacher‘ absieht.

  4. Im von Freud proklamierten Ausgang beim ‚Alltagsbewusstsein‘, das sich primär in der ‚Selbstbeobachtung‘ erschließt, innerhalb einer Therapie aber auch parallel in einer ‚Fremdbeobachtung‘ des ‚Verhaltens‘ eines anderen, stellt sich die Frage nach einem ‚zuvor vereinbarten Standard‘ neu.

  5. An das beobachtbare Verhalten eines Anderen kann man zuvor vereinbarte Standards anlegen (man denke beispielsweise an die mehr als 100 Jahre psychologische Intelligenzforschung: ohne die einem Verhalten zugrunde liegenden Strukturen und Prozesse direkt untersuchen zu können, kann man Kataloge von Verhaltensweisen definieren, die man mit dem Begriff ‚Intelligent‘ korreliert. Dieses Verfahren hat gezeigt, dass es erstaunlich stabile Prognosen künftiger Verhaltensweisen erlaubt). So wäre denkbar, dass man Bündel von Verhaltensmerkmalen und typische Abfolgen in typischen Situationen mit bestimmten Begriffen verknüpft, die sich mit unterstellte unbewussten Prozessen assoziieren lassen.

  6. Allerdings, da ‚unbewusste‘ Prozesse per Definition ’nicht bewusst‘ sind, stellt sich die Frage, wann und wie ein psychoanalytischer Beobachter/ Theoriemacher einen Zugriff auf diese unbewussten Prozesse bekommen kann?

  7. Im Fall der Intelligenzforschung gibt es diesen Zugriff auf interne Prozesse letztlich auch nicht, da z.B. niemand direkt in die Arbeitsweise seines ‚Gedächtnisses‘ hineinschauen kann. Was wir vom Gedächtnis wissen, wissen wir nur über die ‚Reaktionen des Systems‘ in bestimmten Situationen und Situationsfolgen.

  8. Hier kann man vielleicht an dem Begriff ‚Fehlleistung‘ anknüpfen, der für Freud solche Verhaltensweisen charakterisiert, die nach ’normalem Verständnis‘ eine ‚Abweichung‘ vom ’normalen Muster‘ darstellen. Da ja – das wäre das grundlegende Axiom – keine Leistung einfach aus einem ‚Nichts‘ kommt, sondern ‚Prozesse im Innern‘ voraussetzt, würde man aufgrund des Axioms die Hypothese bilden, dass es Prozesse gibt, die von den ’normalen Prozessen‘ abweichen.

  9. In diesen Kontexten gehört dann auch die Traumanalyse, sofern man das Axiom aufstellt, dass Träume Verarbeitungsprozesse von erlebter Erfahrung darstellen, die ‚intern erlebte Spannungen, Konflikte, Ängste, …‘ widerspiegeln und ‚verarbeiten‘.

  10. Die bisherigen Überlegungen führen über das Muster einer verhaltensorientierten Psychologie nicht hinaus, wenngleich die ‚Arten des Verhaltens‘ mit ‚Fehlleistungen‘ und ‚Träumen‘ als Indikatoren schon bestimmte ‚Axiome‘ voraussetzen, die zusammen genommen ein ‚Modell des Akteurs‘ darstellen. Empirische Modelle – so auch dieses – können falsch sein.

  11. Fasst man den Begriff der ‚Fehlleistung‘ weiter indem man alles, was irgendwie ‚auffällig‘ ist (Stimmfärbung, Redeweise, Bewegungsweise, Zeit und Ort der Äußerung, …), dann ergibt sich ein weites, ‚offenes‘ Feld von potentiellen Verhaltensphänomenen, das zu jedem Beobachtungszeitpunkt ‚mehr‘, ‚größer‘ sein kann als das, was zuvor vereinbart worden ist.

  12. Schließlich, welche Verhaltensweisen auch immer man zuvor als potentielle ‚Indikatoren für unbewusste Prozesse‘ vereinbart haben mag, solange keiner der Beteiligten an irgendeiner Stelle eine ‚Verbindung‘ zu einem ‚realen unbewussten Prozess‘ herstellen kann, hängen diese Indikatoren – bildhaft gesprochen – ‚in der Luft‘. Vergleichbar wäre dies mit einem Quantenphysiker, der aufgrund seines mathematischen Modells eine bestimmte ‚Eigenschaft‘ im Quantenraum postuliert und es ihm bislang noch nicht gelungen ist, ein Experiment durchzuführen, das diese ‚theoretisch begründete Vermutung‘ ‚bestätigt‘.

  13. In der Darstellung von Jürgen Hardt bleibt offen, wie Freud sich eine Lösung dieses Bestätigungsproblems vorstellt.

  14. Aus den zurückliegenden Gesprächen mit PsychoanalyternInnen weiß ich, dass die ‚Wirkung einer hergestellten Beziehung‘ zwischen ‚bewussten Verhaltensanteilen‘ und ‚zuvor unbewussten Faktoren‘ einmal an objektiven Verbesserungen der Gesamtsituation des Anderen festgemacht wird (dazu ließe sich ein zuvor vereinbarter Katalog von Standards denken), und dieser Wirkung geht ein bestimmtes ‚Identifikations- und Erkennungserlebnis‘ voraus. Mit einem solchen Erlebnis ist gemeint, dass es irgendwann (eine nicht planbare und nicht erzwingbare Konstellation) dem Anderen gelingt, durch eine Vielzahl von Indikatoren und begleitenden Verhaltensweisen jene ‚interne Faktoren‘ ‚ans Bewusstsein‘ zu holen, die für die abweichenden Verhaltensweisen (die in der Regel mit vielfachen negativen Begleiteffekten im Alltagsleben verbunden waren) in kausaler Weise ‚verantwortlich‘ ist. Aufgrund der ungeheuren Variabilität von individuellen Persönlichkeitsstrukturen und -biographien können diese Faktoren so unterschiedlich sein, dass ein alle Fälle von vornherein beschreibendes Modell/Muster praktisch unmöglich erscheint. Nur insofern als das Alltagsleben Stereotype aufweist, die viele Menschen teilen, kann es ähnliche Phänomene im Rahmen einer Population geben.

  15. Wichtig ist hier, dass ein solches ‚Identifikations- und Erkennungserlebnis‘ ein subjektiver Prozess im Bereich der Selbstbeobachtung ist, dessen Gehalt sich nur indirekt in der Kommunikation und in den nachfolgenden ‚objektiven und subjektiven‘ Eigenschaften des Alltagslebens manifestiert.

  16. Der anhaltende Konflikt zwischen verhaltensbasierter Psychologie und Psychoanalyse, ob sich die im Rahmen einer Psychoanalyse erwirkten Verhaltensänderungen auch im Rahmen der ’normalen‘ verhaltensbasierten Psychologie ermöglichen lassen, wirkt ein bisschen künstlich. Eine verhaltensbasierte Psychologie, die ‚Fehlleistungen‘ und ‚Träume‘ als Indikator-Phänomene ernst nehmen würde, käme nicht umhin, axiomatisch unbewusste Prozesse anzunehmen (was sie ansonsten bei vielen komplexen Verhaltensweisen auch tun muss). Diese unbewussten Prozesse in ihrer ‚verursachenden Funktion‘ für das Alltagsverhalten zu ‚erschließen‘ braucht es sehr viel ‚kreatives‘ Experimentieren mit vielen Unbekannten, für das die Einbeziehung des ‚Unbewussten‘ des Therapeuten (zusätzlich zu den zuvor erarbeiteten Modellen) sich bislang als beste Strategie erweist, insbesondere dann, wenn man die Kommunikation zwischen den beiden ‚Unbewussten‘ zulässt und nutzt.

  17. Als Wissenschaftsphilosoph würde ich sagen, dass die Abgrenzung zwischen empirischer Psychologie und (empirischer) Psychoanalyse ‚künstlich ist. Die gewöhnliche verhaltensbasierte Psychologie kann sich von einer sich als ‚empirisch‘ verstehenden Psychoanalyse nur abgrenzen, wenn sie ihr eigenes Selbstverständnis in bestimmten Punkten künstlich beschneidet.

  18. Eine sich empirische verstehende Psychoanalyse (Freuds Postulat von Psychoanalyse als Naturwissenschaft) wiederum sollte die ideologisch erscheinenden Abgrenzungsversuche gegen die normale empirische Psychologie aufgeben und vielmehr konstruktiv zeigen, dass ihr psychoanalytisches Vorgehen nicht nur voll im Einklang mit einem empirisch-experimentellen Selbstverständnis steht, sondern darüber hinaus die Mainstream-Psychologie um wertvolle, grundlegende Erkenntnisse zum Menschen bereichern kann. Dann hätten alle etwas davon.

  19. Die weitere Forderung der empirischen Wissenschaft, die ‚gemessenen Fakten‘ systematisch zu ‚ordnen‘ in Form eines ‚Modells‘, einer ‚Theorie‘ ließe sich von der Psychoanalyse auch bei introspektiven Phänomenen sehr wohl einlösen. Allerdings sind bislang nur wenige Beispiele von formalisierten Modellen zu psychoanalytischen Sachverhalten bekannt (eines stammt von Balzer).

LIT:

Balzer, Wolfgang (1982), Empirische Theorien: Modelle, Strukturen, Beispiele,Friedr.Vieweg & Sohn, Wiesbaden

Hardt, Jürgen (1996), Bemerkungen zur letzten psychoanalytischen Arbeit Freuds: ‚Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis‘, 65-85, in: Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd.35, Frommann-holzboog

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DAS NEUE MENSCHENBILD – ERSTE SKIZZE

MUSIK ZUR EINSTIMMUNG

Das Stück „Wenn die Worte aus der Dunkelheit aufsteigen wie Sterne“ entstand zunächst als ein reines Instrumentalstück (die erste Hälfte des aktuellen Stücks; diesen Teil hatte ich auch schon mal am 4.April im Blog benutzt). Doch inspirierte die Musik zum ‚Weitermachen‘, zunächst entstand eine Fortsetzung rein instrumental; dann habe ich ab der Mitte spontan einen Text dazu gesprochen. Im Nachhinein betrachtet passt dieser Text sehr gut zum heutigen Blogeintrag (ist kein Dogma … :-))

UNSCHULDIGER ANFANG

1. Als ich am 20.Januar 2007 – also vor 7 Jahren und 3 Monaten – meinen ersten Blogeintrag geschrieben habe, da wusste ich weder genau, was ich mit dem Blog wollte noch konnte ich ahnen, was durch das Niederschreiben von Gedanken alles an ‚kognitiven Bildern‘ von der Welt und dem Menschen entstehen konnte. Langsam schälte sich als Thema – wenngleich nicht messerscharf – ‚Neues Weltbild‘ heraus. Das konnte alles und nichts sein. Aber im gedanklichen Scheinwerferkegel von Theologie, Philosophie, Wissenschaftstheorie, Psychologie, Biologie, Linguistik, Informatik, Neurowissenschaften, Physik gab es Anhaltspunkte, Eckwerte, die den aktuellen Gedanken wie eine Billardkugel von einer Bande zur anderen schickten. Dazu die heutige, aktuelle Lebenserfahrung und die vielen Begegnungen und Gespräche mit anderen Menschen.

2. Die letzten beiden Blogeinträge zum Thema Bewusstsein – Nichtbewusstsein markieren einen Punkt in dieser Entwicklung, ab dem ‚wie von Zauberhand‘ viele einzelnen Gedanken von vorher sich zu einem Gesamtbild ‚zusammen schieben‘, ergänzen.

AUSGANGSPUNKT INDIVIDUELLES BEWUSSTSEIN

3. Akzeptieren wir den Ausgangspunkt des individuellen Bewusstseins B_i als primären Erkenntnisstandpunkt für jeden Menschen, dann besteht die Welt für jeden einzelnen zunächst mal aus dem, was er/ sie im Raume seines eigenen individuellen Bewusstseins erleben/ wahrnehmen kann.

4. Da es aber zur Natur des individuellen Bewusstseins gehört, dass es als solches für ‚andere‘ ‚unsichtbar‘ ist, kann man auch nicht so ohne weiteres über die Inhalte des eigenen Bewusstseins mit anderen reden. Was immer man mit Hilfe eines Ausdrucks A einer Sprache L einem anderen mitteilen möchte, wenn der Ausdruck A als Schallwelle den anderen erreicht, hat er zwar einen Schalleindruck (falls erhören kann), aber er/ sie weiß in dem Moment normalerweise nicht, welcher Inhalt des Bewusstseins des Sprechers damit ‚gemeint‘ sein könnte.

5. Dass wir uns trotzdem ‚unterhalten‘ können liegt daran, dass es offensichtlich einen ‚Trick‘ geben muss, mit dem wir diese unüberwindliche Kluft zwischen unseren verschiedenen Bewusstseinsräumen überwinden können.

KLUFT ZWISCHEN INDIVIDUELLEN BEWUSSTSEINSRÄUMEN ÜBERWINDEN

6. Der ‚Trick‘ beruht darauf, dass der individuelle Bewusstseinsraum einem ‚individuellen Körper‘ zugeordnet ist, dass es in diesen Körper Gehirne gibt, und dass das individuelle Bewusstsein eines Körpers k_i als Ereignis im Gehirn g_i des Körpers k_i zu verorten ist. Das Bewusstsein B_i partizipiert an den Gehirnzuständen des Gehirns, und dieses partizipiert an den Körperzuständen. Wie die Wissenschaft mühsam erarbeitet hat, können bestimmte Außenweltereignisse w über ‚Sinnesorgane‘ in ‚Körperereignisse‘ ‚übersetzt‘ werden‘, die über das Gehirn partiell auch das Bewusstsein erreichen können. Sofern es jetzt Außenweltereignisse w‘ gibt, die verschiedene Körper in ähnlicher Weise ‚erreichen‘ und in diesen Körpern via Gehirn bis zu dem jeweiligen individuellen Bewusstsein gelangen, haben diese verschiedenen individuellen Bewusstseinsräume zwar ‚rein private‘ Bewusstseinszustände, aber ‚gekoppelt‘ über Außenweltzustände w‘ haben die verschiedenen Bewusstseinszustände B_1, …, B_n alle Bewusstseinsereignisse b_i, die als solche ‚privat‘ sind, aber ‚zeitlich gekoppelt‘ sind und sich mit Änderung der Außenweltzustände w‘ auch ’synchron‘ ändern. Die gemeinsam geteilte Außenwelt wird damit zur ‚Brücke‘ zwischen den körperlich getrennten individuellen Bewusstseinsräumen. Diese ‚ gemeinsam geteilte Außenwelt‘ nennt man oft den ‚intersubjektiven‘ Bereich der Welt bzw. dies stellt den Raum der ‚empirischen Welt‘ [Wemp] dar. Aus Sicht des individuellen Bewusstseins ist die empirische Welt eine Arbeitshypothese, die dem individuellen Bewusstsein zugänglich ist über eine spezifische Teilmenge [PHemp] der Bewusstseinszustände [PH].

EMPIRISCHE WELT ALS SONDE INS NICHTBEWUSSTSEIN

7. In der Geschichte des menschlichen Wissens spielt die Entdeckung der empirischen Welt und ihre systematische Untersuchung im Rahmen der modernen empirischen Wissenschaften bislang – nach meiner Meinung – die größte geistige Entdeckung und Revolution dar, die der menschliche Geist vollbracht hat. Auf den ersten Blick wirkt die Beschränkung der empirischen Wissenschaften auf die empirischen Phänomene PHemp wie eine unnötige ‚Einschränkung‘ und ‚Verarmung‘ des Denkens, da ja die Menge der bewussten Ereignisse PH erheblich größer ist als die Menge der empirischen Ereignisse PHemp. Wie der Gang der Geschichte aber gezeigt hat, war es gerade diese bewusste methodische Beschränkung, die uns den Bereich ‚außerhalb des Bewusstseins‘, den Bereich des ‚Nichtbewusstseins‘, Schritt für Schritt ‚erforscht‘ und ‚erklärt‘ hat. Trotz individuell stark eingeschränktem Bewusstsein konnte wir auf diese Weise so viel über die ‚Rahmenbedingungen‘ unseres individuellen Bewusstseins lernen, dass wir nicht mehr wie die früheren Philosophen ‚wie die Fliegen am Licht‘ an den Phänomenen des Bewusstseins kleben müssen, sondern wir können zunehmend Hypothesen darüber entwickeln, wie die verschiedenen Bewusstseinsphänomene (inklusive ihrer Dynamik) durch die Strukturen des Gehirns und des Körpers bestimmt sind. M.a.W. wir stehen vor dem Paradox, dass das individuelle Bewusstsein den Bereich des Nichtbewusstseins dadurch ‚verkleinern‘ kann, dass es durch Ausnutzung der empirischen Phänomene mittels gezielter Experimente und Modellbildung immer mehr Eigenschaften des Nichtbewusstseins innerhalb des individuellen Bewusstseins ’nachkonstruiert‘ und damit ‚bewusst‘ macht. Bedenkt man wie eng und schwierig die Rahmenbedingungen des menschlichen Bewusstseins bis heute sind, gleicht es einem kleinen Wunder, was dieses primitive menschliche Bewusstsein bislang nachkonstruierend erkennen konnte.

8. Von diesem Punkt aus ergeben sich viele Perspektiven.

BIOLOGISCHE EVOLUTION

9. Eine Perspektive ist jene der ‚evolutionären Entwicklungsgeschichte‘: seit gut hundert Jahren sind wir mehr und mehr in der Lage, unsere aktuellen Körper und Gehirne – zusammen mit allen anderen Lebensformen – als einen Gesamtprozess zu begreifen, der mit den ersten Zellen vor ca. 3.8 Milliarden Jahren als biologische Evolution begonnen hat, ein Prozess, der bis heute noch viele Fragen bereit hält, die noch nicht befriedigend beantwortet sind. Und der vor allem auch klar macht, dass wir heute keinen ‚Endpunkt‘ darstellen, sondern ein ‚Durchgangsstadium‘, dessen potentieller Endzustand ebenfalls nicht ganz klar ist.

10. Ein wichtiger Teilaspekt der biologischen Evolution ist, dass der Vererbungsmechanismus im Wechselspiel von Genotyp (ein Molekül als ‚Informationsträger‘ (Chromosom mit Genen)) und Phänotyp (Körper) im Rahmen einer Population eine ‚Strukturentwicklung‘ beinhaltet: die Informationen eines Informationsmoleküls (Chromosom) werden innerhalb des Wachstumsprozesses (Ontogenese) als ‚Bauplan‘ interpretiert, wie man welche Körper konstruiert. Sowohl bei der Erstellung des Informationsmoleküls wie auch bei seiner Übersetzung in einen Wachstumsprozess und dem Wachstumsprozess selbst kann und kommt es zu partiellen ‚Änderungen‘, die dazu führen, dass die resultierenden Phänotypen Änderungen aufweisen können (verschiedene Arten von Sehsystemen, Verdauungssystemen, Knochengerüsten, usw.).

11. Im Gesamtkontext der biologischen Evolution sind diese kontinuierlich stattfindenden partiellen Änderungen lebensentscheidend! Da sich die Erde seit ihrer Entstehung permanent geologisch, klimatisch und im Verbund mit dem Sonnensystem verändert, würden Lebensformen, die sich von sich aus nicht auch ändern würden, schon nach kürzester Zeit aussterben. Dies bedeutet, dass diese Fähigkeit zur permanenten strukturellen Änderung ein wesentliches Merkmal des Lebens auf dieser Erde darstellt. In einer groben Einteilung könnte man sagen, von den jeweils ’neuen‘ Phänotypen einer ‚Generation‘ wird die ‚große Masse‘ mehr oder weniger ‚unverändert‘ erscheinen; ein kleiner Teil wir Veränderungen aufweisen, die es diesen individuellen Systemen ’schwerer‘ macht als anderen, ihre Lebensprozesse zu unterstützen; ein anderer kleiner Teil wird Veränderungen aufweisen, die es ‚leichter‘ machen, die Lebensprozesse zu unterstützen. Letztere werden sich vermutlich proportional ‚mehr vermehren‘ als die beiden anderen Gruppen.

12. Wichtig an dieser Stelle ist, dass zum Zeitpunkt der Änderungen ’niemand‘ weiß bzw. wissen kann, wie sich die ‚Änderung‘ – bzw. auch die Nicht-Änderung! – im weiteren Verlauf auswirken wird. Erst der weitergehende Gesamtprozess wird enthüllen, wie sich die verschiedenen Strukturen von Leben bewähren werden.

LEBENSNOTWENDIGE KREATIVITÄT: WOLLEN WIR SIE EINSPERREN?

13. Übertragen auf unsere heutige Zeit und unser Weltbild bedeutet dies, dass wir dieser Veränderlichkeit der Lebensformen immer Rechnung tragen sollten, um unsere Überlebensfähigkeit zu sichern. Zum Zeitpunkt einer Änderung – also jetzt und hier und heute – weiß niemand, welche dieser Änderungen morgen vielleicht wichtig sein werden, zumal Änderungen sich erst nach vielen Generationen auszuwirken beginnen.

14. Es wäre eine eigene große Untersuchung wert, zu schauen, wie wir heute in der Breite des Lebens mit den stattfindenden Änderungen umgehen. In der Agrarindustrie gibt es starke Tendenzen, die Vielzahl einzugrenzen und wenige Arten so zu monopolisieren, dass einzelne (ein einziger!) Konzern die Kontrolle weltweit über die genetischen Informationen bekommt (was in den USA z.T. schon zur Verödung ganzer Landstriche geführt hat, da das Unkraut sich schneller und effektiver geändert hat als die Laborprodukte dieser Firma).

STRUKTURELLES UND FUNKTIONALES LERNEN

15. Die ‚Struktur‘ des Phänotyps ist aber nur die eine Seite; genauso wenig wie die Hardware alleine einen funktionierenden Computer definiert, so reicht die Anordnung der Zellen als solche nicht aus, um eine funktionierende biologische Lebensform zu definieren. Im Computer ist es die Fähigkeit, die elektrischen Zustände der Hardware kontinuierlich zu verändern, dazu verknüpft mit einer impliziten ‚Schaltlogik‘. Die Menge dieser Veränderungen zeigt sich als ‚funktionaler Zusammenhang‘ phi_c:I —> O, der ‚Inputereignisse‘ [I] mit Outputereignissen [O] verknüpft. Ganz analog verhält es sich mit den Zellen in einem biologischen System. Auch hier gibt es eine implizite ‚Logik‘ nach der sich die Zellen verändern und Zustände ‚kommunizieren‘ können, so dass Zellgruppen, Zellverbände eine Vielzahl von funktionellen Zusammenhängen realisieren. Einige dieser funktionellen Zusammenhänge bezeichnen wir als ‚Lernen‘. Dies bedeutet, es gibt nicht nur die über Generationen laufenden Strukturveränderung, die eine Form von ’strukturellem Lernen‘ im Bereich der ganzen Population darstellen, sondern es gibt dann dieses ‚funktionelle Lernen‘, das sich im Bereich des individuellen Verhaltens innerhalb einer individuellen Lebenszeit ereignet.

WISSEN GARANTIERT KEINE WAHRHEIT

16. Dieses individuelle Lernen führt zum Aufbau ‚individueller Wissensstrukturen‘ mit unterschiedlichen Ausprägungsformen: Erlernen von motorischen Abläufen, von Objektkonzepten, Beziehungen, Sprachen, Verhaltensregeln usw. Wichtig ist dabei, dass diese individuellen Wissensstrukturen im individuellen Bewusstsein und individuellem Unterbewusstsein (ein Teil des Nichtbewusstseins, der im individuellen Körper verortet ist) verankert sind. Hier wirken sie als kontinuierliche ‚Kommentare‘ aus dem Unterbewusstsein in das Bewusstsein bei der ‚Interpretation der Bewusstseinsinhalte‘. Solange diese Kommentare ‚richtig‘ / ‚passend‘ / ‚wahr‘ … sind, solange helfen sie, sich in der unterstellten Außenwelt zurecht zu finden. Sind diese Wissensstrukturen ‚falsch‘ / ‚verzerrt‘ / ‚unangemessen‘ … bewirken sie in ihrer Dauerkommentierung, dass es zu Fehleinschätzungen und zu unangemessenen Entscheidungen kommt. Sofern man als einziger eine ‚unpassende Einschätzung‘ vertritt, fällt dies schnell auf und man hat eine Chance, diese zu ‚korrigieren‘; wird aber eine ‚Fehleinschätzung‘ von einer Mehrheit geteilt, ist es schwer bis unmöglich, diese Fehleinschätzung als einzelner zu bemerken. In einer solchen Situation, wo die Mehrheit eine Fehleinschätzung vertritt, kann ein einzelner, der die ‚richtige‘ Meinung hat (z.B. Galilei und Co. mit der neuen Ansicht zur Bewegung der Sonne; die moderne Wissenschaft und die alten Religionen; das damalige südafrikanische Apartheidsregime und der damalige ANC, der Sowjetkommunismus und die östlichen Friedensbewegungen vor dem Auseinanderfallen der Sowjetunion; die US-Geheimdienste und Snowden; …) als der ‚Fremdartige‘ erscheinen, der die bisherige ‚Ordnung‘ stört und den man deshalb ‚gesellschaftlich neutralisieren‘ muss).

17. Viele Menschen kennen das Phänomen von ‚Phobien‘ (vor Schlangen, vor Spinnen, vor …). Obwohl klar ist, dass eine einzelne Spinne keinerlei Gefahr darstellt, kann diese einen Menschen mit einer Phobie (= Kommentar des individuellen Unterbewusstseins an das Bewusstsein) zu einem Verhalten bewegen, was die meisten anderen als ‚unangemessen‘ bezeichnen würden.

18. Im Falle von psychischen Störungen (die heute statistisch stark zunehmen) kann dies eine Vielzahl von Phänomenen sein, die aus dem Raum des individuellen Unterbewusstseins in das individuelle Bewusstsein ‚hinein reden‘. Für den betroffenen Menschen ist dieses ‚Hineinreden‘ meistens nicht direkt ‚verstehbar‘; es findet einfach statt und kann vielfach kognitiv verwirren und emotional belasten. Diese Art von ‚Fehlkommentierung‘ aus dem individuellen Unterbewusstsein ist – so scheint es – für die meisten Menschen vielfach nur ‚behebbar‘ (therapierbar) mit Hilfe eines Experten und einer geeigneten Umgebung. Während Menschen mit körperlichen Einschränkungen in der Regel trotzdem ein einigermaßen ’normales‘ Leben führen können, können Menschen mit ‚psychischen Störungen‘ dies oft nicht mehr. Das geringe Verständnis einer Gesellschaft für Menschen mit psychischen Störungen ist auffällig.

SPRACHE ALS MEDIUM VON GEDANKEN

19. Seit der Entwicklung der ‚Sprache‘ kann ein individuelles Bewusstsein unter Voraussetzung einer einigermaßen ähnlichen Wahrnehmungs- und Gedächtnisstruktur in den einzelnen Mitgliedern einer Population Bewusstseinsinhalte aufgrund von Gedächtnisstrukturen mit Ausdrücken einer Sprache korrelieren. Sofern diese Korrelierung in hinreichender Abstimmung mit den anderen Sprachteilnehmern geschieht, lassen sich mittels sprachlicher Ausdrücke diese ‚Inhalte‘ (‚Bedeutungen‘) ‚indirekt‘ kommunizieren; nicht der Inhalt selbst wird kommuniziert, sondern der sprachliche Ausdruck als eine Art ‚Kode‘, der im Empfänger über die ‚gelernte Bedeutungszuordnung‘ entsprechende ‚Inhalte des Gedächtnisses‘ ‚aktiviert‘. Dass diese Kodierung überhaupt funktioniert liegt daran, dass die Bedeutungsstrukturen nicht ‚1-zu-1‘ kodiert werden, sondern immer nur über ‚verallgemeinerte Strukturen‘ (Kategorien), die eine gewisse ‚Invarianz‘ gegenüber den Variationen der konstituierenden Bedeutungselemente aufweisen. Dennoch sind die Grenzen sprachlicher Kommunikation immer dann erreicht, wenn Sprecher-Hörer über Bewusstseinstatsachen kommunizieren, die nur einen geringen oder gar keinen Bezug zur empirischen Welt aufweisen. Die Benutzung von Analogien,Metaphern, Bildern, Beispielen usw. lässt noch ‚irgendwie erahnen‘, was jemand ‚meinen könnte‘, aber eine letzte Klärung muss oft ausbleiben. Nichtsdestotrotz kann eine solche ‚andeutende‘ Kommunikation sehr hilfreich, schön, anregend usw. sein; sie ersetzt aber keine Wissenschaft.

20. Während das individuelle Wissen mit dem Tod des Individuums bislang ‚verschwindet‘, können ‚Texte‘ (und vergleichbare Darstellungen) ein individuelles Wissen bis zu einem gewissen Grade überdauern. Moderne Kommunikations- und Speichermittel haben die Sammlung und Verwertung von Wissen in bislang ungeahnte Dimensionen voran getrieben. Während allerdings die Menge dieses sprachbasierten Wissens exponentiell wächst, bleiben die individuellen Wissensverarbeitungskapazitäten annähernd konstant. Damit wächst die Kluft zwischen dem individuell verfügbaren Wissen und dem in Datennetzen verfügbaren Wissen ebenfalls exponentiell an. Es stellt sich die Frage, welchen Beitrag ein Wissen leisten kann, das sich faktisch nicht mehr verarbeiten lässt. Wenn man sieht, dass heute selbst Menschen mit einem abgeschlossenen Studium Ansichten vertreten, die im Lichte des verfügbaren Wissens gravierend falsch sein können, ja, dass das Wesen von Wissenschaft, wissenschaftlichem Wissen selbst bei Studierten (und nicht zuletzt auch bei sogenannten ‚Kulturschaffenden‘) starke Defizite aufweist, dann kann man ins Grübeln kommen, ob unsere heutige Kultur im Umgang mit wissenschaftlichem Wissen die richtigen Formen gefunden hat.

21. Hier wäre jetzt auch noch der ganze Komplex der Bedürfnisse/ Emotionen/ Gefühle/ Stimmungen anzusprechen. Doch das soll weiteren Einträgen vorbehalten bleiben.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

MACHT DES AUGENBLICKS; DAS KLEINE UND DAS GANZE

1) Wer kennt das nicht: man ist bei einer Veranstaltung (im Betrieb, Firma, Behörde, Verein,…), einzelne leiten die Veranstaltung; das Ganze ist nicht unbedingt ganz perfekt, aber da man weiß, dass alle permanent unter vielfachem Stress stehen, Zeitlimits haben, sich aber trotzdem bemühen, ihren Job richtig und gut zu machen, dann sieht man über das eine oder andere Detail schon mal weg, wenn die Formulierung nicht genau passt.
2) Dann gibt es — fast unweigerlich ? — die Kollegen oder Kolleginnen, die sich mit einem Sachbeitrag einbringen, bei dem man schon vom ersten Moment an spürt, dass es natürlich nicht nur (wenn überhaupt) um die Sache geht. Der Tonfall hat eine gewisse Schärfe und Gereiztheit, die Gewichtung der Fakten ist auffällig, verbindet sich mit mindestens spitzen Andeutungen, mit Unterstellungen, oder es wird sogar sofort die große Keule ausgepackt, um bestimmte Aussagen oder den ganzen Vortrag nieder zu knüppeln.
3) Natürlich kann es sachlich bedingt Punkte geben, die man kritisieren kann oder sogar muss. Das kann man grundsätzlich immer so machen, dass man die betroffenen Personen nicht verletzt, sie vielleicht sogar aufbaut, um positiv mit den Sachproblemen umzugehen. Doch diejenigen Menschen, die als ‚Krieger‘ auftreten haben ein ganz anderes Problem; sie selbst sind das Problem. Sie stecken im Gefüge einer Psyche, die verformt und verspannt ist, die ihnen selbst keine Chance zur Gelassenheit, Ruhe, Sachlichkeit gibt. Sie sind in gewisser Weise ‚Getriebene‘ ihrer unbewältigten Spannungen und Enttäuschungen, die sie sie zu einem Auftreten ‚treiben‘, das den anderen nur begrenzt wahrnimmt, das sein Heil in einem ‚Niedermetzeln‘, in einer Demütigung der anderen sieht, in der vergeblichen Hoffnung, dadurch die eigenen Probleme gelöst zu bekommen. Sie ernten kurzfristig vielleicht eine momentane Befriedigung, eine ‚Gewalttat‘ gegen andere ausgeführt zu haben, aber diese Befriedigung hält nicht an, ist nicht von Dauer; letztlich verstärkt dieses Verhalten nur ihre innerlichen Verquerungen und Entleerung. Auf Dauer wird es keinesfalls besser, eher schlimmer.
4) Solange es andere gibt, die ’stark‘ genug sind, psychische Störungen aufzufangen und auszugleichen, kann dies alles trotzdem einigermaßen funktionieren. Wenn aber die Verletzungen und Störungen zunehmen, wenn es zum guten Ton wird, sinnlos aufeinander ‚einzudreschen‘, dann verliert das ganze System seinen Zusammenhang, dann werden auf Dauer alle ‚krank‘, verstört, verletzt, leidend, depressiv, ‚outgeburnt‘ …. im Grenzfall haben wir lauter akribische Egomanen vor uns, (das sind keine ‚Autisten‘, da Autisten genetisch bedingte Verhaltensbesonderheiten aufweisen, für die sie nichts können), von denen jeder nur sich selbst sieht, und seine eigenen Werte für die allein seligmachenden hält. Dies ist eine Form von Desintegration, von Entkopplung vom Ganzen, von sozialer Isolation. Das kann nicht funktionieren (dass ein akribischer Egomane mit sich selbst zufrieden ist kann kein Maßstab sein; ein einzelner alleine kann niemals ein Maßstab für das Ganze sein!).
5) In gewisser Weise berührt diese Sachlage sogar das vorausgehende Thema mit der Spezialisierung und Interdisziplinarität. Die Wissensvermehrung bei anhaltenden Kapazitätsgrenzen bei den Menschen führt zwangsweise zu mehr Spezialisierung, sprich Einschränkungen, die nur durch eine parallel verfügbare Interdisziplinarität aufgefangen werden kann. Während das Wort ‚Interdisziplinarität‘ den meisten leicht über die Lippen kommt, ist aber das Gefüge an Inhalten, Verhaltensweisen und Einstellungen, die dazu gehören, vielen — den meisten ? — weniger vertraut. Akribische Egomanen sind mit Sicherheit ungeeignet für Interdisziplinarität. Sie sind geradezu ‚tödlich‘. Wenn wir also auf der einen Seite einen erhöhten gesellschaftlichen Bedarf an Menschen haben, die Interdisziplinarität ‚leben‘ können sollten (Denken, Fühlen, Handeln, Kommunizieren…), auf der anderen Seite aber das Phänomen der akribische Egomanen beobachten, die als Krieger auftreten, dann ist klar, dass es hier eine vielfältige Herausforderung gibt, wie wir uns gemeinsam, immer wieder neu, jeden Tag, zu mehr konstruktiven Miteinander befähigen können. Ein konstruktives Miteinander ist für eine zukunftsorientierte Gesellschaft lebensnotwendig.
6) Damit wird klar, dass jeder ‚Augenblick‘ zu dem Augenblick wird, wo sich Zukunft entscheidet. Was immer in der Vergangenheit war, im aktuellen Jetzt geht es darum, was wir JETZT tun, um das MORGEN so zu gestalten, dass wir alle zusammen menschenwürdig leben können. Welche Fehler jemand auch in der Vergangenheit gemacht haben mag, in jedem Augenblick hat er/sie die Chance, sein Verhalten zu ändern, es neu zu orientieren, sich neu einzubringen.
7) Unabhängig davon gibt es das Denken in Kategorien von ‚Vergeltung‘, ‚Rache‘, ‚Strafe‘ usw. Dieses Denken ist nicht zukunftsorientiert! Strafe hat keinen Sinn ‚in sich‘; der einzige Sinn besteht darin, das Leben, von dem wir alle nur ein kleiner Teil sind, in Würde ‚zukunftsfähig‘ zu machen. Extrem gesprochen: wenn der Mörder von gestern ab jetzt das ‚Richtige‘ tun würde, mit Überzeugung, mit Entschiedenheit, dann wäre dies ein großer Gewinn, es wäre das Maximum.
8) Andererseits sind die Fälle, in denen ein Mensch, der sich gegen andere gewendet hat, der andere Menschen verletzt, gequält, misshandelt, oder getötet hat, dass solch ein Menschen sich radikal wandelt, bisher eher selten und die Gesellschaft versucht sich, vor jenen, die sie bedrohen, zu ’schützen‘. So sehr dies einerseits verständlich ist, es markiert eine gesellschaftliche Schwachstelle; es markiert unsere begrenzte Fähigkeit als Gesellschaft, alle so mitzunehmen, dass niemand den anderen bedrohen, quälen, töten müsste. Die Anzahl der Gefängnisse (und ähnlicher Anstalten) in einem Land sind sicher ein Gradmesser für die Fähigkeit der Gesellschaft dieses Landes, ihr Leben miteinander positiv-konstruktiv zu gestalten.
9) Kurzum, wenn wir die Welt als Ganze verändern wollen, dann müssen wir den aktuellen Augenblick verändern: im JETZT, und nur im JETZT, entscheidet sich das MORGEN. Wer JETZT nicht weiß, was er tun soll oder sich JETZT nicht fähig fühlt, das Richtige zu tun, der ist in dieser Zeitspanne für die ZUKUNFT ‚verloren‘; sein Beitrag findet nicht statt.
10) Was kann ‚ich‘ schon tun, sagen viele. Ich bin so unbedeutend. Wer hört schon auf mich? Einer/ eine von vielen Milliarden.
11) Das stimmt, einer alleine ist scheinbar ’nichts‘ gegenüber den vielen Milliarden. Es gehört aber zur Besonderheit der menschlichen Population, das ‚im Prinzip‘ jeder einzelne Mensch unabhängig vom Kontext, gegen den Kontext einen Entscheidung fällen kann. Bildlich gesprochen, wenn alle Mitarbeiter eines weltweiten Konzerns, von jetzt auf gleich sich weigern würden, ihre Arbeit fortzusetzen, dann wäre dieser Konzern praktisch erledigt. Wenn alle Bewohner eines Landes sich weigern würden, ein bestimmtes Regierungshandeln zu akzeptieren, wäre die Regierung erledigt. usw. Natürlich ist es unter normalen Umständen kaum vorstellbar, dass so viele einzelne Menschen sich in ihrem Verhalten so umfassend ‚koordinieren‘ würden. Doch es ist wichtig, sich klar zu machen, dass der einzelne in der Koordinierung mit den anderen einzelnen sich quasi ‚emergent‘ zu einer ‚Superperson‘ transformieren kann, und diese ‚Superperson‘ kann dann aktuelle Manager, Machthaber usw. außer Kraft setzen (was in der Vergangenheit durch vielfältige Formen von Aufständen und Revolutionen, ja auch Modebewegungen, Zeitströmungen, stattgefunden hat). In Ländern wie Rußland, China, USA, Brasilien, Südafrika, Indien, Deutschland usw. ist dies geschehen und kann es jederzeit wieder geschehen. Um dem vorzubeugen, versuchen alle Regierungen seit jeher, alle Faktoren zu kontrollieren, die die Bildung einer Koordinierung zwischen den einzelnen möglichst nur unter ihrer eigenen Kontrolle erlaubt (Gesetze, Polizei, Militär, Zensur der Presse, Zensur des Internets, Propaganda (auch als Werbung oder als Blockbuster im Kino), Abschottung des Regierungshandelns durch Klassifizierung als ‚Staatsgeheimnis‘,…)). Neben der Anzahl der Gefängnisse wäre daher auch die Anzahl der real freien und unzensierten Medien ein Gradmesser für den Entwicklungszustand einer sich selbst koordinierenden Gesellschaft (und natürlich noch viel mehr…).
12) Bleibt die Frage, woraus oder woher die Menschen die ‚Kraft‘, die ‚Motivation‘ beziehen sollen, sich den ’negativen‘, ‚des-integrativen‘ Strömungen entgegen zu stellen?
13) Im Grunde liegt die Antwort ‚in uns‘: das gesamte Biologische Leben — von dem wir als Menschheit ein kleiner Teil sind — ist ein kontinuierliches ‚Echo‘ auf die Erde, wie sie in einem dramatischen Prozess zu dem geworden ist, was sie heute ist; ein Prozess der beständig weiter gehen wird. Alles was wir sind, was wir denken können, verdanken wir der Vorgabe um uns herum. In dem Maße, wie unsere Denkfähigkeit zunahm, wie unser Verhalten Technik, Wirtschaft, Kultur hervorgebracht hat, haben wir unsere Umgebung zwar ‚mit gestaltet‘, aber ohne die direkte und nachhaltige Korrespondenz zur Umgebung würden wir uns unmittelbar in atomaren Feinstaub auflösen. Bis in die letzten Winkel unserer Zellen existieren wir nur durch eine mittels Energie aufgebaute Energiedifferenz; ohne diese milliardenfachen Energiedifferenzen (im Gehirn) wäre unser ‚Bewusstsein‘ eine reine Nacht und unser Körper Tod. Im Zentrum unseres materiell-energetischen Daseins sind wir durch und durch eingebunden in den Quantrenraum des Universums und damit eingebunden in das Unfassbare, was Einstein Energie nannte. Energie ist alles und nichts; Energie hat keinen Anfang und kein Ende. Sie ist ‚untödbar‘; Energie enthält alle Dynamiken und Gesetze in einem. Energie ist der Ursprung aller Materie.
14) Die Spur des Lebens in diesem Universum zeigt eine unverwechselbare Handschrift und induziert eine eigene Logik, die Logik des Lebens. Wer sie missachtet stirbt von alleine; wer sie befolgt findet sich in der Spur des Lebens wieder und findet eine Erfüllung, die sich aus dem Leben selbst ergibt. Im grundsätzlichen Sinne ist uns der Zugriff darauf entzogen; in einem abgeleiteten Sinne sind wir aktive Teilnehmer und können Einfluss nehmen. Vielleicht verstehen wir es irgendwann besser.

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