PRAKTISCHE KOLLEKTIVE MENSCH-MASCHINE INTELLIGENZ by design

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 11.-12.Februar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Änderung: 23.Februar 2021: (i) Querverweis zu meiner philosophischen Position vom 8.Dezember 2008! (ii) Querverweis zum Aspekt der kognitiv verschränkten Personen, die sich im Alltag in verteilten Einzelaktionen manifestieren.

KONTEXT

In diesem Beitrag soll das Konzept einer praktischen kollektiven Mensch-Maschine Intelligenz by design an einem konkreten Beispiel durchgespielt werden. Als Rahmen wird das vorausgesetzt, was in dem vorausgehenden Beitrag INGENIEURE UND DAS GLÜCK. Anmerkung 1 [1] vorgestellt wurde.

RAHMENANNAHMEN – FRAMEWORK

Grafische Darstellung zum angenommenen begrifflichen Rahmen aus dem vorausgehenden Artikel [1]

Im vorausgehenden Beitrag wurde der Gesamtrahmen wie folgt kurz charakterisiert:

Zum Konzept einer integrierten Theorie des Engineerings [2] gehören die folgenden (stark vereinfachten) Wissensdimensionen:

  1. Ein wissenschaftsphilosophischer Rahmen, der die Einbettung der Engineering-Prozesse in die Alltagswelt, in die Gesellschaft, in die umgebende Realität ermöglicht.[1b]
  2. Der Engineering-Prozess selbst, in dem Ingenieure und Manager als Experten einen Prozess starten, organisieren und zu einer nachhaltigen Lösung führen.
  3. Innerhalb des Engineering Prozesses nimmt die Analyse der Mensch-Maschine Interaktion [MMI] (Engl. oft auch Human-Machine Interaction [HMI]) eine fundamentale Rolle ein: hier wird analysiert welche Problem unter Berücksichtigung welcher Kontexte (Rahmenbedingungen, Ziele,…) so umgesetzt werden sollen, dass die intendierten Anwender die neue Lösung optimal nutzen können. Im vorliegenden Fall soll es möglich gemacht werden, dass beliebige Anwender beliebige Problemstellung mit Alltagssprache kommunizieren, modellieren und simulieren können einschließlich diverser Bewertungsverfahren (Ein Teil der Bewertungsverfahren können intelligente Algorithmen (volkstümlich: Künstliche Intelligenz [KI]) beinhalten).[1c]
  4. Im logischen Design, das auf der MMI-Analyse aufbaut, wird im Rahmen einer abstrakten mathematischen Struktur festgelegt, wie die gewünschten Systemleistungen organisiert werden sollen. Die mathematische Struktur muss so sein, dass sie sich formal in eine Menge von Algorithmen abbilden lässt, die sich mit einer verfügbaren Programmiersprache implementieren lassen.
  5. In der Implementierung wird dann die logische Analyse in ein konkretes funktionierendes technisches System umgesetzt. Im konkreten Fall handelt es sich um eine bestimmte Software, die auf Servern läuft, die als Knoten im Internet funktionieren. Der Anwender kann mit dieser Software über interaktive Internetseiten kooperieren.

Im folgenden Text wird der Aspekt der Mensch-Maschine Analyse näher betrachtet.

FOKUS AUF die Analyse der MENSCH-MASCHINE INTERAKTION

Teilaspekt: Analyse der Mensch-Maschine Interaktion [MMI] innerhalb des Gesamtrahmens

Ich hatte einige Jahre eine Vorlesung zu diesem Thema und hatte anlässlich dieser Vorlesung den Versuch unternommen, aktuelle Konzepte der Mensch-Maschine Interaktion [MMI] im Kontext des Systems Engineering [SE] und unter dem Blickwinkel einer formalen Theorie zu rekonstruieren.[3] Zumindest die Grundlinien dieses Konzeptes sind erkennbar.

WELCHE EXPERTEN?

Durch die Erweiterung des Kontextes über das klassische Engineering hinaus hinein in beliebige gesellschaftliche Kontexte mit beliebigen potentiellen Anwendern — also auch Bürger, Büroangestellte, Lokalpolitiker, Jugendliche, Schüler … — und durch Verschiebung des Hauptprozesses weg von ausgewählten Experten hin zum allgemeinen Expertentum, ergab sich eine Form von Generalisierung, innerhalb deren das klassische Systems Engineering nur noch ein Spezialfall ist. Aus den verteilten Akteuren im klassischen Systems Engineering wird jetzt die Population der allgemeinen Experten [PAE], die sich zu jeder Zeit an jedem Ort aus beliebigen Menschen rekrutieren können. Dies versucht der Tatsache Rechnung zu tragen, dass für die Zukunft entscheidend ist, dass wir über eine hinreichend große Vielfalt verfügen, wobei wir selbst nur sehr bedingt fähig sind, in der Gegenwart zu entscheiden, wer jetzt der richtige Experte ist. Am Beispiel der Kommunen ist ganz klar, dass die wenigen Bürger, die als Kommunalpolitiker gewählt werden, in keinster Weise repräsentative sind für das Wissen, die Erfahrungen, die Intelligenz, die Visionen, die sich in einer Kommune in der Gesamtheit der Bürger verkörpern. Diese Diskrepanz ist gravierend. Sie nicht zu überbrücken wäre in höchstem Maße fahrlässig für die Gestaltung unserer Zukunft.

PRAKTISCHE KOLLEKTIVE INTELLIGENZ?

In einer ersten Annäherung — und zugleich Vereinfachung — könnte man die Gesamtheit des Wissens und der Erfahrung, die sich in den Bürgern einer Kommune vorfindet, Kollektive Intelligenz nennen [4]. Hier geht es — wie jeder aus seiner Erfahrung von Kommunen selbst ergänzen kann — aber nicht nur um das Wissen, das Kognitive im engeren Sinne, sondern um solches Wissen, das in Form von Erfahrungen auch handlungsfähig ist, das sich im Handeln herausbildet, das verflochten ist mit einem ganzen Netzwerk von emotionalen Faktoren, Motiven und Werten. Ein solches Wissen im erweiterten Sinne nenne ich hier Praktisches Kollektives Wissen [PKW].

Vor 100 oder mehr Jahren wäre damit alles gesagt. Im Zeitalter der Digitalisierung reicht dies aber nicht mehr.

MENSCH-MASCHINE SYMBIOSE

Mit der zunehmenden Durchdringung unseres Alltags mit Computern, also mit programmierbaren Maschinen, die ansatzweise die biologische Intelligenz nachbilden können, stellen wir fest, dass wir Menschen im Alltag, in unserem menschlichen Handlungsraum, zunehmend mit solchen Computern interagieren. Das Innere dieser Computer ist den meisten weitgehend unbekannt, selbst ihre Oberfläche (das System Interface, die Systemschnittstelle) lässt sich immer öfter nicht mehr direkt erkennen, da die Computer über Sensoren und Aktoren direkt oder vermittelt über andere Objekte und Geräte in unserem Alltag mit uns interagieren. Und hinter dieser kaum wahrnehmbaren Oberfläche tauschen diese Computer mit anderen Computern immer größere Datenmengen aus, die wir als Menschen gar nicht mitbekommen.

Aus Sicht der Mensch-Maschine Interaktion kann und muss man die Frager stellen, welche Rolle wir auf lange Sicht dem Computer einerseits und dem Menschen andererseits zuordnen wollen. Grundsätzlich kann man drei typische Rollen unterscheiden:

  1. Den Computer so weiter entwickeln, dass er letztlich in allen Belangen den Menschen übertrifft und letztlich den Menschen nicht mehr braucht. Kennwort: Super-Human Computing.
  2. Den Computer so unvollständig und dumm lassen, dass er den Menschen grundsätzlich nicht gefährden und beeinträchtigen kann. Kennwort: Inferior-Human Computing.
  3. Den Computer maximal entwickeln, aber in Sandbox-Artigen Problemräumen. Kennwort: Man-Machine Computing.

Die Variante Inferior-Human Computing ist eigentlich schon aus dem Rennen, da der Computer in Teilbereichen den Menschen schon jetzt haushoch übertrifft. Und in dieser Rolle hat der Computer schon jetzt massive Auswirkungen z.B. auf Arbeitsprozesse, Geschäftsmodelle, ganze Marktmodelle, auf die Kriegsführung, auf die gesamte Technologiebranche, auf die Forschung, selbst auf die Kunst und die gesamte Unterhaltungsindustrie. Was wir hier haben ist schon eine Art von mindestens partiellem Super-Human Computing. Dass die Vielzahl der Beispiele in diesem Bereich die Fantasie anregen, ist verständlich.

Beispiele für Super-Computing innerhalb eines Problemraumes, der als Sandbox dient, wobei der Problemraum ausschließlich von Menschen konstituiert wird, sind bislang nicht wirklich bekannt. In einer solchen Umgebung — wie sie die oksimo Software ermöglicht — können Menschen die ganze Fülle ihres Wissens gemeinsam und strukturiert als Problemraum einbringen, der beständig abgeändert und kumulativ — Prinzip Wikipedia — erweitert werden kann. Relativ dazu kann man beliebig viele intelligente Programme zum Einsatz bringen, die diesen Problemraum erkunden, erforschen, erlernen und seine formalen Möglichkeiten entsprechend den verfügbaren Bewertungsprofilen auswerten und selbständig optimieren. In diesem Kontext könnten die programmierbaren Maschinen sogar die Bewertungskriterien fallweise abändern, um weitere alternative Lösungen sichtbar zu machen. Während die Menschen in dieser Konstellation die volle Breite ihres Wissens samt Bewertungsstrukturen für sich selbst und füreinander sichtbar machen können, können die lernfähigen Programme aus den für Menschen schwer erfassbaren kombinatorischen Räumen jene Teilbereiche identifizieren, die im Lichte von bestimmten Kriterien besonders günstig erscheinen. In einem solchen Sandbox-Vermittelten Miteinander können die Menschen ihr Optimum ausleben und dazu programmierbare Maschinen benutzen, die ihrerseits ihr Optimum bis an die Grenzen der Berechenbarkeit ausdehnen. In dieser Mensch-Maschine Symbiose eines Man-Machine Computing könnten die beteiligten Computer beliebig gut werden ohne dem Menschen schaden zu können (in der Regel ist nicht die Maschine sondern der Mensch sich selbst nicht nur der potentiell größte Freund, sondern auch der potentiell größte Feind; Freiheit ist eben real …).

DESIGN EINER KOLLEKTIVEN ZUKUNFTSMASCHINE

Schaubild mit Aktualisierung des Bereichs für die Analyse der Mensch-Maschine Interaktion.

Wie eingangs angedeutet, geht es im Rahmen der Analyse der Mensch-Maschine Interaktion darum, unter Vorlage einer groben Problemstellung [P] mitsamt einer groben Vision [V] (idealerweise in einem Problem-Visions-Dokument festgehalten) im einzelnen zu klären, wie dieses Aufgabenstellung so umgesetzt werden kann, dass die Auftraggeber zufrieden sind.

Im Normalfall sind die Auftraggeber und die späteren Anwender unterschiedliche Akteure. Im konstitutiven Fall werden Anwender zu ihren eigenen Auftraggebern, um etwas zu finden, was dazu beiträgt, ihre aktuelle Situation zu verbessern.

Im Fall der oksimo Software und des damit angezielten Paradigmas einer neuen allgemeinen Zukunftsmaschine liegt eher der konstitutiver Fall vor: allseits kann man heute ein Mangel an solchen Diskursräumen feststellen, in denen beliebige Experten gemeinsam Problemräume [6] aufspannen, innerhalb deren sie Lösungswege sichtbar machen und gemeinsam bewerten. Zusätzlich sollte ein Maximum an lernenden Algorithmen für diese Problemräume verfügbar gemacht werden können.

BY DESIGN

Die Erfahrungen des Alltags zeigen, dass die wenigsten Menschen aus dem Stand heraus in der Lage sind, zusammen mit anderen konstruktiv eine — oder gar mehrere — mögliche Zukunft (Zukünfte) zu denken: weder in den großen Linien, noch in den vielen Details und Querwirkungen. Die Vision der oksimo Software ist es nun, einen kompletten Rahmen für das gemeinsame Entwickeln von möglichen Zukünften ‚by design‘ zur Verfügung zu stellen, und das nur mit den Mitteln der Alltagssprache: miteinander reden; Gegenwart beschreiben; mögliche zukünftigen Szenarien aussprechen; mögliche Aktionen suchen, die von der Gegenwart in die Zukunft führen; sich die bisherigen Überlegungen immer wieder als Prozess vorführen zu lassen, ob es schon funktioniert; Rückmeldungen bekommen, wieweit man schon ist ….

QUELLENANGABEN

[1a] Gerd Doeben-Henisch, 6.Febr.2021, INGENIEURE UND DAS GLÜCK. Anmerkung 1, https://www.cognitiveagent.org/2021/02/06/ingenieure-und-das-glueck-anmerkung-1/

[1b] Gerd Doeben-Henisch, 8.Dez.2012, EIN ABEND MIT DEM SALON SLALOM, https://www.cognitiveagent.org/2012/12/08/ein-abend-mit-dem-salon-slalom-vorlaufig-bilder-und-endredaktion-fehlt-noch/ . Dieser Text beschreibt ziemlich umfassend meine philosophische Position am Ende des Jahres 2008 (dazu ein bisschen ‚Musik-Philosophie‘ mit praktischen Beispielen). Letztlich sind es diese philosophischen Gedanken, die den Hintergrund bilden für die nachfolgenden und auch heutigen Überlegungen.

[1c] Gerd Doeben-Henisch, 5.Dezember 2020, SW. Software? Müssen wir umdenken? Notiz, https://www.cognitiveagent.org/2020/12/05/sw-software-muessen-wir-umdenken-notiz/ //* In der ‚klassischen‘ MMI-Analyse liegt der Fokus eher auf dem unmittelbaren Interaktionsfeld zwischen Anwendern und System-Interface. Dies legt sich nahe, da die konkrete Spezifikation des System-Interfaces nur unter Voraussetzung von möglichst konkreten Interaktionsbeschreibungen gelingen kann. Wie aber der hier zitierte Beitrag deutlich zu machen versucht, ist Alltagshandeln von Menschen durchtränkt von konkreten Aktionen, die im Menschen Teil von kognitiv verankerten Rollen/ Protokollen sind, durch die viele einzelne zu einer verschränkten Person werden, deren Einzelhandeln nicht verstanden werden kann, wenn man nicht diese kognitive Verschränktheit berücksichtigt. Diese Dimension des Anwenderverhaltens ist bislang aber noch nicht wirklich in MMI-Analysen eingebunden.*//

[2] Der Begriff einer ‚Integrierten Theorie des Engineerings‘ [ITE] ist klar abzugrenzen von dem Konzept der ‚Integralen Theorie‚, wie es von Ken Wilbert und vielen anderen vertreten wird, siehe z.B.: https://de.wikipedia.org/wiki/Integrale_Theorie

[3] Gerd Doeben-Henisch, Distributed Actor-Actor Interaction [DAAI], 18.Januar 2020, Version 1 5 . 0 6 . 0 7, https://www.uffmm.org/wp-content/uploads/2019/05/aaicourse-15-06-07.pdf

[4] Stichwort ‚Kollektive Intelligenz‘ in Wikipedia [DE]: https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Intelligenz

[5] Stichwort ‚Sandbox‘, Wikipedia [DE]: https://de.wikipedia.org/wiki/Sandbox

[5b] Stichwort ‚Sandbox‘ in Wikipedia [EN]: https://en.wikipedia.org/wiki/Sandbox_(software_development)

[6] Im Sprachspiel von Russel und Norvig wird unter einem ‚Problemraum‘ ein ‚Zustandsraum‘ (Engl.: state space) (S.67) verstanden. Im Prinzip lässt sich der ’state space‘ von Norvig und Russell im hier benutzten Konzept des ‚Problem-Raumes‘ abbilden. Siehe später im Text. Stuart Russell und Peter Norvig, Artificial Intelligence: A Modern Approach, Global Edition (Englisch) Taschenbuch, Herausgeber : Addison Wesley; 3. Edition (18. Mai 2016) Sprache : Englisch, Taschenbuch : 1132 Seiten ISBN-10 : 1292153962 ISBN-13 : 978-1292153964

FORTSETZUNG

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

DER AUTOR

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INGENIEURE UND DAS GLÜCK. Anmerkung 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 6.Februar 2021
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

KONTEXT

In dem Vortrag vom 12.Januar 2021 mit dem Titel Ingenieure und das Glück habe ich versucht, zum Thema eine erste Antwort zu geben. Diese Antwort nahm die Gestalt einer (wissenschafts-)philosophischen Analyse der Rolle von Ingenieuren im Gesamtgesellschaftlichen Kontext an. Eingebette darin wichtige Methoden des Engineerings, speziell der Aspekt der Mensch-Maschine Interaktion [MMI] (oft auch mit anderen Formulierungen wie wie z.B. HCI, HMI).

In diesem Text soll diese Gesamtschau nochmals aufgegriffen und um einzelne Aspekte ergänzt werden.

Wenn der Leser beim Lesen dieses Textes den Eindruck gewinnen sollte, dass der Begriff des Ingenieurs hier in einem weiteren Sinne genutzt wird als dies üblich ist, dann kann dies richtig sein. Der Autor geht davon aus, dass die Ingenieurskunst eine eigene Fundamentalkategorie neben Philosophie, Kunst und Wissenschaft ist. Ohne Engineering gäbe es schlicht gar keine Gesellschaft; ohne Ingenieure würde rein gar nichts ‚funktionieren‘. Jeder mag sich die Frage stellen, warum gerade die Ingenieure im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland, in den Medien, so gut wie gar nicht vorkommen, und wenn, dann identifiziert man die Ingenieure nicht primär als jene, die das ganz praktische Glück einer Gesellschaft ermöglichen.

‚PHILOSOPHIE JETZT‘ AUF ABWEGEN?

Wer die Beiträge in diesem Blog Philosophie Jetzt – Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild über die Jahre verfolgt hat, der wird sich in den letzten Wochen vielleicht gefragt haben, ob die aktuellen Themen mit dem Thema von Philosophie Jetzt überhaupt noch etwas zu tun haben.

Als Autor dieses Textes — und zugleich auch Herausgeber dieses Blogs als eJounral — habe ich mir diese Frage selbst schon gestellt.

Tatsächlich habe ich seit ca. 20 Jahren mindestens zwei Hüte auf: den des (Wissenschafts-)Philosophen und den des Ingenieurs, wobei ich die Informatik zu den Ingenieurswissenschaften rechne, obgleich diese sich tendenziell eher als etwas ‚Besonderes‘ (was eigentlich?) empfinden. Über all die Jahre habe ich die beiden Perspektiven eher getrennt gehalten. Aber durch den Gang der Entwicklung in den Ingenieurswissenschaften selbst, insbesondere durch die rasante Entwicklung des Themas Mensch-Maschine Interaktion [MMI, HCI, HMI…] als Teil des allgemeinen Engineering in Gestalt des Systems Engineering [SE] in den letzten Jahrzehnten hat sich der Abstand zwischen den beiden Perspektiven zusehends verringert.

Als ich mich dann dabei ertappte, wie ich nach philosophischen Begründungen gesucht habe für das, was ich als Ingenieur machte, und zwar nicht einfach nur aus einer Laune heraus, sondern aus systematischen Gründen, weil es für das Engineering selbst notwendig war, da wurde mir klar, dass eine weitere Trennung der Themen unangemessen ist. Ein modernes Engineering ohne Philosophie wie aber auch eine moderne Philosophie ohne Engineering sind einfach unvollständig, wesentlich unvollständig.

Dies führte dann dazu, dass ich die fast schon hermetische Trennung zwischen meinem Engineering Blog uffmm.org (und die Texte im uffmm.org Blog sind ja nur die berühmte ‚Spitze des Eisbergs‘) und dem Philosophie Blog cognitiveagent.org spätestens mit dem Beitrag vom 12.Januar 2021 Ingenieure und das Glück aufgegeben habe.

Wie kann man diesen Zusammenhang zwischen (Wissenschafts-)Philosophie und Engineering verdeutlichen?

KIPP-PUNKTE IM DENKEN

Im Versuch der Selbst-Reflexion sehe ich zwei Kipp-Punkte in meinem Denken — die letztlich auf einen einzigen hinauslaufen –, die in den letzten Monaten (letztlich Jahren) zu dieser Wende geführt haben.

Der eine Kipp-Punkt speist sich aus der Beschäftigung mit dem Thema Mensch-Maschine Interaktion [MMI]. In dieser Perspektive verwandelte sich der intendierte User (Benutzer, Anwender) vom schlichten Bediener eines Gerätes zu einem immer stärker individuell und gesellschaftlich charakterisierten Individuum als Teil von Gruppen, Schichten, ganzen Populationen, zu einem komplexen Verbraucher, Konsument ohne feste Konturen. Damit war die Perspektive des Technischen im engeren Sinne gesprengt. Engineering mutierte damit in seinen Grenzbereichen partiell zu Psychologie, zu Soziologie, zu Linguistik, zur Kommunikations- und allgemeiner Interaktions-Theorie, zu Verhaltensbiologie, und vielem mehr. Wo hörte Engineering hier auf, wo fing ‚das andere‘ an?

Der andere Kipp-Punkte lag im Engineering selbst, im Prozess des Systems Engineerings: denn, egal welche Prozesse zur Lösung eines Problems initiiert und organisiert wurden, die dynamischen Treiber sind immer Experten, Ingenieure und Manager, die — verbunden durch das Band der Kommunikation — ihre Fähigkeiten zu gemeinsamen Leistungen koordinierten. Ohne diese Kommunikation hätten wir augenblicklich einen vollständigen Stillstand. Letztlich bilden all die verschiedenen Elemente dieses kommunikativen Bandes eine Einheit, eine große Sprache mit einer Alltagssprache als Basis, angereichert durch viele speziellen Sprachen, insbesondere durch die Sprache der Mathematik und einer Vielzahl von Symbol-Diagramm-Sprachen. Und weiterhin, viele der Ingenieurprozesse scheitern nicht an der Kommunikation als solcher, sondern daran, dass die äußere Kommunikation davon lebt, dass die beteiligten Ingenieure und Manager ein subjektives Innenleben haben, angereichert mit kognitiven, sprachlichen, aber auch sehr viel emotionalen und sonstigen nicht-kognitiven Elementen. Die Synergie zwischen diesen subjektiven inneren Zuständen und dem Kommunikationsgeschehen samt konkreten Umständen kann zerbrechen; bei erprobten Profis tendenziell eher nicht, aber auch hier kann es einen ‚Knacks‘ machen und dann fehlt die notwendige subjektive Unterstützung des objektiven Prozesses. Dann geht immer weniger oder gar nichts mehr.

Ist man mit seinen Analysen an dieser Stelle angekommen, beim human factor, beim Mitarbeiter als Menschen, dann ist der Unterschied zwischen dem handelnden Ingenieur als Menschen und dem Benutzer als Menschen tendenziell verschwindend gering, bzw. der Unterschied verschwindet ganz.

Durch einen Kontext-Switch wird dies noch deutlicher.

Im klassischen Engineering sind die Ingenieure die Experten, die eine Lösung für andere entwickeln. Im klassischen Städtebau sind es ebenfalls Experten, die für anonyme Bewohner etwas entwickeln. In der klassischen Politik sind es selbsternannte Experten, die für ihre Wähler politische Prozesse organisieren. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist allerdings das Bewusstsein gewachsen, das bei modernen verteilten technischen Systemen, die tief in den Alltag, tief in das private Leben eingreifen, eine Entwicklung ohne die direkte aktive Einbeziehung der konkreten intendierten Anwender immer weniger verantwortbar ist; neue Formen einer Einbeziehung der intendierten Anwender in den gesamten Designprozess erscheinen unumgänglich. Usability bekommt ein immer größeres Gewicht und eine immer differenziertere Bedeutung im technischen Bereich. Stadtplanung ohne Einbeziehung der Bürger in komplexen gesellschaftlichen Kontexten erscheint geradezu unverantwortlich. Politische Prozesse ohne mehr direkte Einbeziehung der Wähler als Bürger, als ihre eigenen Experten, kann aktuell das demokratische Bewusstsein und damit die Demokratie zerstören.

Was man also zu brauchen scheint, das ist ein umfassenderes Modell von kontext-sensitiver Kommunikation, Planung, und Bewertung, wo jeder sein eigener Experte sein kann, wo die Vielfalt der Aspekte nicht einfach weg-gefiltert wird, wo Worte nicht in Isolationshaft genommen werden, sondern den ihnen gemäßen dynamischen Kontext bekommen, so dass Zukunft ernsthaft gedacht werden kann als eine mögliche Richtung, die durch gemeinsames kreatives Denken angenähert werden kann.

Engineering erscheint dann als jene grundlegende Fähigkeit und Aktivität von uns Menschen, durch die wir ein konkretes Ziel praktisch so umsetzen, dass es für alle Beteiligten nachhaltig lebbar wird.(Nachhaltigkeit heißt in diesem dynamischen Kontext in keinster Weise schlichte Konservierung von Gestern, sondern Gestaltung des Gestern im Lichte des Morgen!).

SCHLÜSSEL ALLTAGSSPRACHE

Innerhalb der soeben skizzierten Themen und Prozesse gab es bei mir einen Sub-Prozess, ein spezielles Thema, das sich wie ein roter Faden überall durchzog: Kommunikation mit Sprache als Kernsystem. Als die beiden wichtigsten Ausdruckssysteme zeigen sich für mich die sogenannte normale Sprache, die Sprache unseres Alltags, in die jeder hinein geboren wird, und dann die mathematische Sprache, die von allen Ingenieuren (und auch Wissenschaftler) dieser Welt benutzt wird (ebenso die formalen Sprachen der Informatik und der Logik). Alle diese formalen Sprachen gehören zu einem einzigen Typ von formaler Struktur. In ihrer Spezialisierung können sie spezielle Aufgaben besser lösen als die Sprache des Alltags, aber jede formale Sprache setzt die normale Sprache als Rahmen, als Kontext, als Metasprache voraus. Für sich alleine ist keine formale Sprache lebensfähig. Dieser Zusammenhang ist vielen, die formale Sprachen benutzen, nicht klar.

Solange man sich in der speziellen Sub-Population der Ingenieure und Wissenschaftler bewegt, die überwiegend alle eine Schulung in formalen Sprachen absolviert haben, so lange fällt die spezielle Rolle der formalen Sprachen nicht so sehr auf; eher erscheinen diese als etwas Positives, da sie es möglich machen, viele komplexe Strukturen und Prozesse zu beschreiben, die ohne diese formalen Sprachen rein praktisch nicht beschreibbar wären. Die Mathematik ist — so gesehen — ein reales Werkzeug zur erweiterten Verarbeitung von Realität, das lebensnotwendig ist.

Die Mehrheit der Menschen verfügt aber bislang nicht über ausreichende Kenntnisse in formalen Sprachen, speziell nicht über grundlegende Kenntnisse im mathematischen Denken (nicht zu verwechseln mit der Fähigkeit, mathematische Rechnungen ausführen zu können). Dazu kommt, dass die formalen Sprachen ihre Kraft aus der Spezialisierung schöpfen. Ein fundamentaler Punkt ist, dass alle formalen Sprachen in ihrer Wurzel keinerlei Sitz im Leben haben: formale Sprachen sind grundsätzlich von jeder Wirklichkeit abgekoppelt. Während die Ausdruckssysteme der Alltagssprachen (Laute, Zeichen) von jedem Menschen von den ersten Tagen des Daseins an mit den vielfältigen Eindrücken der realen Alltagswelt und des eigenen Körpers im Gehirn miteinander assoziiert werden — intern im Gehirn wird eine komplexe Bedeutungsfunktion aufgebaut –, sind die formalen Ausdruckssysteme per Design ohne jede Alltags-Bedeutung (allerdings, ähnlich wie das Hintergrundrauschen im Weltall, gibt es Reste von Bedeutung in Form von sogenannten Wahrheitswerten bzw. innerhalb der mathematischen Sprache rudimentäre Bedeutungen von abstrakten Mengen, Enthalten sein, Beziehungen, und ähnlichen Begriffen). Aufgrund dieses Design-Merkmals formaler Sprachen haben alle formalen Theorien dieser Welt einschließlich aller Computer (ein realer Computer ist die Instanz eines mathematischen Begriffs genannt Turingmaschine (ein abstrakter Automat), und das Konzept der Turingmaschine ist rein formal der Strukturkern einer formalen Theorie) von sich aus keinerlei Bezug zu einer alltagssprachlichen Bedeutung. Möchte man jetzt formale Strukturen benutzen, um die Kommunikation zwischen Menschen im Alltag zu unterstützen, dann ist dies ohne einen riesigen Aufwand real nicht möglich. Bis heute gibt es für diese Aufgabenstellung zwar viele tausend Artikel und Bücher, aber keine einzige wirklich passende Theorie. Die Alexas dieser Welt sind nicht das, was sie zu sein scheinen.

Als eine Konsequenz des Konzepts eines modernen, integrierten Engineerings, das offene Entwicklungsprozesse favorisiert, bei denen alle Experten mitmachen können, wenn sie es denn wollen (und in einer Demokratie sollten möglichst viele wollen können), die auch grundlegend transparent und veränderbar sind, ergibt sich aus diesen Überlegungen, dass das grundlegende Ausdruckssystem für alle Kommunikation die Alltagssprache sein sollte. Da es bislang kein bekanntes technisches System gibt, das primär mit Alltagssprache arbeitet (Diktiersysteme, natürlichsprachliche Schnittstellen und ähnliches funktionieren anders, siehe dazu z.B. [1] und [2]), stellte sich eine grundsätzliche Designfrage: wie kann man ein technisches System konzipieren, das grundsätzlich nur mit Alltagssprache arbeitet, bei dem jeder ohne vorausgehende Schulungen direkt mit arbeiten kann? Wo sämtliche Inhalte, die in das System Eingang finden, als Alltags-sprachliche Texte erhalten bleiben, die jeder lesen und direkt abändern kann?

VOGELPERSPEKTIVE

Das nachfolgende Schaubild soll in einer Art Vogelperspektive einen ersten groben Überblick geben, wie die vielen Aspekte, die bislang angesprochen wurde, ineinander greifen, und wie ein System funktionieren kann, das nur mit Alltagssprache arbeitet.

Engineering des Geistes mittels Alltagssprache, ermöglicht durch ein technisches Background-System (siehe Text)

Zum Konzept einer integrierten Theorie des Engineerings [3] gehören die folgenden (stark vereinfachten) Wissensdimensionen:

  1. Ein wissenschaftsphilosophischer Rahmen, der die Einbettung der Engineering-Prozesse in die Alltagswelt, in die Gesellschaft, in die umgebende Realität ermöglicht.
  2. Der Engineering-Prozess selbst, in dem Ingenieure und Manager als Experten einen Prozess starten, organisieren und zu einer nachhaltigen Lösung führen.
  3. Innerhalb des Engineering Prozesses nimmt die Mensch-Maschine Analyse eine fundamentale Rolle ein: hier wird analysiert welche Problem unter Berücksichtigung welcher Kontexte (Rahmenbedingungen, Ziele,…) so umgesetzt werden sollen, dass die intendierten Anwender die neue Lösung optimal nutzen können.
  4. Im logischen Design, das auf der MMI-Analyse aufbaut, wird im Rahmen einer abstrakten mathematischen Struktur festgelegt, wie die gewünschten Systemleistungen organisiert werden sollen. Im vorliegenden Fall soll es möglich gemacht werden, dass beliebige Anwender beliebige Problemstellung mit Alltagssprache kommunizieren, modellieren und simulieren können einschließlich diverser Bewertungsverfahren.
  5. In der Implementierung werden dann alle diese Analysen in ein konkretes funktionierendes technisches System umgesetzt. Im konkreten Fall handelt es sich um eine bestimmte Software, die auf Servern läuft, die als Knoten im Internet funktionieren. Der Anwender kann mit dieser Software über interaktive Internetseiten kooperieren.

WEITERE ANALYSEN UND BEISPIELE

Die Vision, dass mit der neuen technischen Lösung beliebige Anwender beliebige Problemstellung mit Alltagssprache kommunizieren, modellieren und simulieren können einschließlich diverser Bewertungsverfahren, deutet an, dass es letztlich um eine neuartige Meta-Maschine geht, eine Art von Meta-Computer.

Obwohl es mittlerweile eine erste einfache Version der neuen technischen Lösung gibt (ab 3.Januar 2021 bedingt freigeschaltet), ist die Anwendungsdimension selbst trotz aller bisheriger Theorie noch weitgehend Neuland, eine terra incognita. Einen solchen Meta-Computer hat es bislang noch nie gegeben und die mögliche Tragweite für potentielle Anwendungen ist momentan noch ein bisschen wie ein Science Fiction. Aber so ist es.[4]

QUELLENANGABEN

[1] Gerd Doeben-Henisch, 23.Januar 2021 : https://www.cognitiveagent.org/2021/01/23/gedanken-und-realitaet-das-nichts-konstruieren-leben-schmecken-notiz/

[2] Gerd Doeben-Henisch, 29.Januar 2021: https://www.cognitiveagent.org/2021/01/29/sprachspiel-und-sprachlogik-skizze-teil-1/

[3] Der Begriff einer ‚Integrierten Theorie des Engineerings‘ [ITE] ist klar abzugrenzen von dem Konzept der ‚Integralen Theorie‚, wie es von Ken Wilbert und vielen anderen vertreten wird, siehe z.B.: https://de.wikipedia.org/wiki/Integrale_Theorie

[4] Was bislang publiziert wurde zeigt nur die Basis-Stufe ohne den Parameter-Raum, der noch dazu kommt, und ohne die Komponente der starken Künstlichen Intelligenz. Letztere ist in diesem Konzept vollständig integriert und kann in keiner Weiser irgendwie schädlich werden. Sie kann aber maximal positive Beiträge liefern. Die Künstliche Intelligenz der Zukunft besteht aus einer Symbiose von menschlicher und maschineller Intelligenz mit Priorität auf der menschlichen Intelligenz. Die menschliche (= biologische) Intelligenz ist der maschinellen grundsätzlich haushoch überlegen, auch wenn das die aktuellen Propagandisten der KI bislang noch nicht so sehen.

DER AUTOR

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DAS PHILOSOPHIE JETZT PHILOTOP

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 30.Nov. 2017
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Autor: cagent
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Worum geht’s — Meine Antwort auf die von vielen gestellte
Frage, wie denn die  verschiedenen Seiten untereinander zusammen hängen, war zu schnell (siehe den Blogeintrag vom 14.November ). Hier eine Korrektur.

I. EIN PHILOTOP

Wie man unschwer erkennen kann, ist das Wort
’Philotop’ eine Übertragung von dem Wort ’Biotop’.
Für Biologen ist klar, dass man einzelne Lebensformen
eigentlich nur angemessen verstehen kann, wenn
man ihren gesamten Lebensraum mit betrachtet:
Nahrungsquellen, Feinde, ’Kollaborateure’, Klima, und
vieles mehr.

Ganz ähnlich ist es eigentlich auch mit dem Blog
’Philosophie Jetzt: Auf der Suche …’. Auch diese Ideen
haben sehr viele Kontexte, Herkünfte, wechselseitige
Interaktionen mit vielen anderen Bereichen. Ohne diese
Kontexte könnte der Blog vielleicht gar nicht ’atmen’.

Im Blogeintrag vom 14.November 2017 wurde
verwiesen auf die monatliche Philosophiewerkstatt, in
der in einer offenen Gesprächsrunde Fragestellungen
gemeinsam gedacht werden. Seltener gibt es
die Veranstaltung Philosophy-in-Concert, in der philosophische Ideen, eingebettet in experimentelle Musik, Bildern und Texten ihren Empfänger suchen und
sich auch auf ein Gespräch einlassen.

Schaubild vom Philotop ( die 'Kernbereiche') :-)

Schaubild vom Philotop ( die ‚Kernbereiche‘) 🙂

Die Wechselwirkung mit den nächsten beiden
Blogs liegt für manche vielleicht nicht so auf der
Hand. Aber bedingt durch die langjährige Lehr-
und Forschungstätigkeit von cagent im Bereich des
Engineerings stellte sich heraus, dass gerade das
Engineering der Welt riesige Potentiale für eine
moderne Philosophie bietet, und dies nicht nur einfach
als begriffs-ästhetische Spielerei, sondern mit einem
sehr konkreten Impakt auf die Weise, wie Ingenieure die
Welt sehen und gestalten. Daraus entstand ein Projekt,
das bislang keinen wirklich eigenen Namen hat.

Umschrieben wird es mit ’Integrated Engineering of
the Future’, also ein typisches Engineering, aber eben
’integriert’, was in diesem Kontext besagt, dass die
vielen methodisch offenen Enden des Engineerings hier
aus wissenschaftsphilosophischer Sicht aufgegriffen und
in Beziehung gesetzt werden zu umfassenderen Sichten
und Methoden. Auf diese Weise verliert das Engineering
seinen erratischen, geistig undurchdringlichen Status
und beginnt zu ’atmen’: Engineering ist kein geist-
und seelenloses Unterfangen (wie es von den Nicht-
Ingenieuren oft plakatiert wird), sondern es ist eine
intensive Inkarnation menschlicher Kreativität, von
Wagemut und zugleich von einer rationalen Produktivität,
ohne die es die heutige Menschheit nicht geben würde.

Das Engineering als ein Prozess des Kommunizierens
und darin und dadurch des Erschaffens von neuen
komplexen Strukturen ist himmelhoch hinaus über
nahezu allem, was bildende Kunst im Kunstgeschäft
so darbietet. Es verwandelt die Gegenart täglich und
nachhaltig, es nimmt Zukünfte vorweg, und doch fristet
es ein Schattendasein. In den Kulturarenen dieser Welt,
wird es belächelt, und normalerweise nicht verstanden.
Dies steht  im krassen Missverhältnis zu seiner Bedeutung.
Ein Leonardo da Vinci ist ein Beispiel dafür, was es
heißt, ein philosophierender Ingenieur gewesen zu sein,
der auch noch künstlerisch aktiv war.
Innerhalb des Engineerings spielt der Mensch in
vielen Rollen: als Manager des gesamten Prozesses, als mitwirkender Experte, aber auch in vielen Anwendungssituationen als der intendierte Anwender.

Ein Wissen darum, wie ein Mensch wahrnimmt, denkt,
fühlt, lernt usw. ist daher von grundlegender Bedeutung. Dies wird in der Teildisziplin Actor-Actor-Interaction (AAI) (früher, Deutsch, Mensch-Maschine Interaktion oder,
Englisch, Human-Machine Interaction), untersucht und methodisch umgesetzt.

Die heute so bekannt gewordene Künstliche Intelligenz
(KI) (Englisch: Artificial Intelligence (AI)) ist ebenfalls ein
Bereich des Engineerings und lässt sich methodisch
wunderbar im Rahmen des Actor-Actor Interaction
Paradigmas integriert behandeln. Im Blog wird es unter
dem Label Intelligente Maschinen abgehandelt.
Sehr viele, fast alle?, alle? Themen aus der
Philosophie lassen sich im Rahmen des Engineerings,
speziell im Bereich der intelligenten Maschinen als Teil
des Actor-Actor-Interaction Paradigmas neu behandeln.

Engineering ist aber nie nur Begriffsspielerei.
Engineering ist immer auch und zuvorderst Realisierung
von Ideen, das Schaffen von neuen konkreten Systemen,
die real in der realen Welt arbeiten können. Von daher
gehört zu einer philosophisch orientierten künstlichen
Intelligenzforschung auch der Algorithmus, das lauffähige
Programm, der mittels Computer in die Welt eingreifen
und mit ihr interagieren kann. Nahezu alle Themen der
klassischen Philosophie bekommen im Gewandte von
intelligenten Maschinen eine neue Strahlkraft. Diesem
Aspekt des Philosophierens wird in dem Emerging-Mind
Lab Projekt Rechnung getragen.

Mit dem Emerging-Mind Lab und dessen Software
schließt sich wieder der Kreis zum menschlichen
Alltag: im Kommunizieren und Lernen ereignet sich
philosophisch reale und mögliche Welt. Insoweit intelligenten Maschinen aktiv daran teilhaben können, kann dies die Möglichkeiten des Menschen spürbar erweitern. Ob zum Guten oder Schlechten, das entscheidet
der Mensch selbst. Die beeindruckende Fähigkeit von
Menschen, Gutes in Böses zu verwandeln, sind eindringlich belegt. Bevor wir Maschinen verteufeln, die wir
selbst geschaffen haben, sollten wir vielleicht erst einmal
anfangen, uns selbst zu reformieren, und dies beginnt
im Innern des Menschen. Für eine solche Reform des
biologischen Lebens von innen gibt es bislang wenig bis
gar keine erprobten Vorbilder.

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