ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 22.August 2018
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

KONTEXT BLOG

Eine der zentralen Fragen, um die dieser Blog seit vielen Jahren kreist, ist die Frage nach dem Verhältnis von ‚Geist‘ und ‚Materie‘. Während die Tradition der Philosophie (und davon stark abhängig auch die christliche Theologie) seit den Griechen einen wesentlichen Unterschied zwischen ‚Geist‘ und ‚Materie‘ annimmt, legen die neuen Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften mehr und mehr den Schluss nahe, dass der ‚Geist‘, das ‚Geistige‘, das ‚Psychische‘, das ‚Bewusstsein‘ Eigenschaften sind, die nur im Kontext einer hochkomplex organisierten Materie (z.B. im Kontext des Körpers des homo sapiens mit Gehirn) auftreten, die sich im Laufe von vielen Milliarden Jahren auf der Erde in Gestalt des ‚biologischen Lebens‘ entwickelt konnte. Dies ist nicht zwingend als schlichte Gleichsetzung materieller Strukturen und geistiger Eigenschaften zu verstehen, sondern möglicherweise eher in Richtung einer ‚emergenten Logik‘ derart, dass sich diese Eigenschaften anlässlich des Auftretens bestimmter komplexer materieller Strukturen ‚zeigen‘. Dies entspricht analog der Situation in der Mathematik, in der man zwischen ‚Mengen‘ und ‚Relationen‘ unterscheidet: ohne Mengen lassen sich keine Relationen definieren und aufzeigen, aber Relationen sind keine Mengen. Mengen können auch ohne Relationen auftreten, genauso wie es materieller Strukturen gibt, die keine Phänomene von ‚Geist‘ zeigen.

Hat man diese Blickweise einer emergenten Logik erst einmal eingenommen, stellen sich natürlich sehr viele neue Fragen. Einige dieser Fragen lauten, wie denn überhaupt etwas ‚Materielles‘ beschaffen sein muss, dass es etwas ‚Geistiges‘ zeigen kann? Was genau ist dann das ‚Geistige‘ in Abgrenzung vom ‚Materiellen‘? Wieso kann es materielle Strukturen geben, die keine ‚geistige‘ Phänomene zeigen, und solche, die es tun?

Und, wie so oft in der Geschichte der Philosophie und der neueren Geschichte der empirischen Wissenschaften, kann es von Bedeutung sein, die ‚Bedingungen des Erkennens‘ im Kontext des ‚vermeintlich Erkannten‘ mit zu reflektieren. Ein ‚Lebewesen‘, das ‚läuft‘ kann ich z.B. ‚träumen‘, mir ‚vorstellen‘, ‚erinnern‘, mir ‚ausdenken‘ oder ‚aktuell sehen‘. Und wenn ich es aktuell sehe, dann kann es ein Gemälde sein, eine Photographie, ein Film, ein Video, ein Computerspiel, oder ein ‚realer Gegenstand der Körperwelt’… und mein individuelles Erkennen eingebettet in einen sozialen Kontext eröffnet eine weitere große Anzahl an Varianten des wechselseitigen ‚Verstehens‘ oder ‚Nicht-Verstehens‘. Und selbst, wenn wir spontan ein ‚Verstehen‘ unterstellen, kann sich – nicht selten – später heraus stellen, dass der andere etwas anderes verstanden hat als man selber ‚meinte‘, was er ‚verstanden haben sollte‘. Viele weitere Aspekte der Art des Erkennens können benannt werden.

Diese Fragen zu klären ist ein Anliegen dieses Blogs.

KONTEXT EDELMAN

Bleibt man dem Anliegen des Blogs treu, dann kommt man an einer Gestalt wie Gerald Maurice Edelman (1929 – 2014) kaum vorbei. Gestartet als ein mit dem Nobelpreis gekrönter Erforscher des menschlichen Immunsystems wendet er sich später der Erforschung des menschlichen Gehirns und seines Geistes zu. Die vielen Bücher, die er zu diesem Thema seit 1987 geschrieben hat, sind von einer eindrücklichen Klarheit und zeugen von einem profunden Wissen. Eines dieser Bücher mit dem vieldeutigen Untertitel ‚Über die Materie des Geistes‘ oder auch ‚Über die Sache des Geistes‘ (‚On the Matter of the Mind‘) soll hier exemplarisch diskutiert werden.

GEIST (MIND)

Bei der Diskussion der Texte von Edelman werde ich seinen Begriff ‚Mind‘ mit ‚Geist‘ übersetzen, obgleich das Wortfeld von ‚Geist‘ im Deutschen möglicherweise nur partiell mit dem Wortfeld von ‚Mind‘ im Englischen übereinstimmt. Aufgrund der komplexen Bedeutungs- und Wortfeldbeziehungen aller Begriffe einer Sprache ist jedes Übersetzungsprojekt immer nur eine Annäherung. Soweit würde ich hier jedoch gar nicht gehen. Ich benutze den Begriff ‚Geist‘ hier einfach so, als ob es der Begriff ‚Mind‘ im Englischen wäre und folge dem Englischen Text. Wer sich vergewissern will, was ‚tatsächlich‘ da steht, sollte daher selbst den Englischen Text lesen, was sich im übrigen auf jeden Fall empfiehlt, da ich ja nicht den Text von Edelman hier direkt wiedergebe sondern nur bestimmte Gedanken aus seinem Text aufgreife und sie hier diskutiere.

Generell ist sich Edelman bewusst, dass der Begriff ‚Mind‘ in der Geschichte der Philosophie, überhaupt in der Kultur, und dann auch im Alltag, so vielfältig überladen ist, dass es im Einzelfall schwer bis unmöglich ist, zu einer klaren und eindeutigen Bestimmung der gemeinten Bedeutung zu kommen. Dennoch meint er, dass es im Alltag eine Art ‚gemeinsamen Bedeutungskern‘ gib, den er wie folgt umreißt (vgl. S.5):

  1. Dinge haben keinen Geist
  2. Normale Menschen haben Geist; einige Tiere verhalten sich so, als ob sie über Geist verfügen.
  3. Seiendes mit Geist kann sich auf anderes Seiendes oder auf Dinge beziehen; Dinge ohne Geist können sich nicht auf anderes Seiendes oder auf andere Dinge beziehen.

Dieses ’sich auf etwas anderes beziehen können‘ assoziiert Edelman mit dem Begriff der ‚Intentionalität‘, die der Deutsche Philosoph Franz Brentano eingeführt hat. ‚Bewusstsein‘ (‚awareness‘) wird hier so gesehen, dass es immer ein ‚bewusst sein von einem anderen als einem Objekt‘ ist. (vgl. S.5)

Ferner sieht Edelman dieses Bewusstsein als einen ‚Prozess‘, darin dem Psychologen William James folgend, für den ‚Geist ein Prozess ist, kein Zeug (’stuff‘)‘. Und da die moderne Wissenschaft ‚Materie‘ (‚matter‘) auch als einen ‚Prozess‘ sieht, der auf Energieaustausch basiert, ist diese Sicht des Geistes als Prozess nicht inkompatibel mit der generellen Sicht von Materie als Prozess.(vgl. S.6) Allerdings schränkt Edelman diese generelle Sicht insofern ein, als er ‚Geist‘ als einen ’spezielle Art von Prozess‘ ansieht, der nur mit einem ’speziellen Arrangement von Materie‘ korreliert! (vgl. S.7)

Dieses spezielle Arrangement von Materie sieht er gegeben in den Strukturen des Gehirns, das in einen Körper eingebettet ist, der sich – was seit Darwin Thema ist – im Rahmen einer evolutionären Entwicklung ‚herausgebildet‘ (‚arose‘) hat. (vgl. S.7) Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs ausreichend, Wissenschaft auf Objekte ‚ohne Geist‘ (‚inanimate‘) zu beschränken.

Nein, Lebewesen (‚animals‘) mit Gehirnen, mit Intentionalität, müssen untersucht werden, allein auch schon deshalb, weil ‚wissenschaftliche Beobachter‘ selbst solche Lebewesen mit Gehirn, mit Intentionalität sind, die in ihr eigenes Bewusstsein ‚eingeschlossen sind‘ (‚locked into‘) und die deswegen darauf angewiesen sind, ihre eigenen Erfahrungen mit anderen Beobachtern so zu ‚kommunizieren‘, dass sie ‚objektiv‘ sind.(vgl. S.8)

Diese Forderung nach einer Rückbesinnung darauf, den ‚Geist‘ als Eigenschaft der ‚Natur‘ zu sehen, richtet sich nicht nur an die Philosophen, sondern auch an die empirischen Wissenschaftler!

DEN GEIST IN DIE NATUR ZURÜCKVERLAGERN

(PUTTING THE MIND BACK INTO NATURE)

Edelman listet eine Reihe illustrer Naturwissenschaftler auf, die alle entscheidende Beiträge zur modernen Physik geleistet haben (Galilei, Newton, Einstein, Planck, Heisenberg), die alle das Ideal der ‚invarianten Naturgesetze‘ befördert haben, (vgl. S.9-11) ‚invariant‘ in dem Sinne, dass die ‚Subjektivität des Beobachters‘ aus den Beobachtungen und Gesetzmäßigkeiten ausgeklammert werden muss.

Diese methodisch geforderte Ausgrenzung des Subjekts – und damit des Geistes – aus dem Gegenstandsbereich der Physik ähnelt äußerlich dem philosophischen Dualismus, für den der Philosoph (und Mathematiker) Descartes gerne zitiert wird. Mit seiner begrifflichen Unterscheidung von ‚res extensa‘ (frei übersetzt ‚Materie‘) und ‚res cogitans‘ (frei übersetzt ‚Geist‘) konservierte er das klassische dualistische Denken auf eine Weise, die eine Aporie aufbaute, aus der es lange kein Entkommen zu geben schien.(vgl. S.11)

Edelman klassifiziert auch die moderne, verhaltensbasierte Psychologie (‚behaviorism‘) als ‚dualistisch‘ (vgl. S.11f), obgleich deren Motivation die gleiche war wie jene der Physiker: es ging um eine methodische Ausklammerung jener subjektiven Momente des Erkennens, die eine objektive Kommunikation erschweren bis unmöglich machen.

Sehr ausführlich schildert er auch die Position der ‚Kognitionswissenchaft‘ (‚cognitive science‘, ‚cognitivism‘), die sich als Reaktion auf die radikal verhaltensorientierte Psychologie entwickelt hatte. Den Mangel an kognitiven Strukturen der frühen verhaltensbasierten Psychologie versuchte die multidisziplinär aufgestellte Kognitionswissenschaft durch umfangreichen Einsatz von mathematischen Modellen und Computersimulationen auszugleichen. (vgl. S.12-14) Allerdings kritisiert Edelman diese Position auch sehr entschieden, da sie sich – nach seiner Einschätzung – weitgehend von empirischen Grundlagen des menschlichen Geistes verabschiedet hatte. Die wahre Struktur und die wahre Entwicklung biologischer Systeme blieb dadurch auf der Strecke.

Edelman fordert demgegenüber, dass die Eigenschaften des Geistes nicht als biologiefreie Funktionen zu postulieren sind, sondern im Aufweis der biologischen Strukturen muss der Geist in die Natur ‚zurück verlagert‘ werden. (vgl. S.14f)

DISKUSSION

  1. Die generelle Idee von Edelman, den Dualismus von ‚Geist‘ und ‚Materie‘ dadurch aufzulösen, dass man der Frage nachgeht, wie der Geist überhaupt in die als ‚materiell klassifizierte Welt‘ hineinkommt, ist auch die Idee dieses Blogs.
  2. Edelman selbst liefert mehrere Hinweise, wo er ansetzen will: (i) Descartes hatte versäumt, die Grundlage seines ‚cogito ergo sum‘ zu hinterfragen, nämlich seinen Körper. Den spanischen Universal-Intellektuellen Miguel de Unamuno y Jugo (1864 – 1936 ) zitierend formulierte er das Motto von Descartes um: ’sum ergo cogito‘ (‚Ich bin, daher denke ich‘). In diesem Motto, das in diesem Blog inhaltlich schon ähnlich formuliert worden ist, ist die ‚res cogitans‘ eine Eigenschaft der ‚res extensa‘, was wiederum die Frage nach der genauen ‚Beschaffenheit‘ der res extensa aufwirft. (ii) Die moderne Physik hat den Beobachter aus ihrer Theoriebildung ausgeklammert, dabei aber fundamentale Eigenschaften der empirischen Wirklichkeit mit ausgeklammert. Die ‚geist-freie‘ Materie erscheint in dieser Hinsicht als ein ‚methodischer Artefakt‘ der Theoriemacher. (iii) Die moderne verhaltensbasierte Psychologie (oft als ‚Behaviorismus‘ bezeichnet) verhält sich synchron zur modernen Physik: sie klammert den Beobachter aus aus Angst, die ‚objektive Empirie‘ mit ’subjektiven Wahrnehmungsinhalten zu verunreinigen‘. (iv) Der wissenschaftliche Modetrend der Kognitionswissenschaft unterscheidet sich letztlich vom Behaviorismus methodisch gar nicht; die Kognitionswissenschaft hat nur freizügiger von Theorie-Erweiterungen Gebrauch gemacht, die mehr Mathematik und mehr Algorithmen einbezogen haben, ohne allerdings die empirische Basis entsprechend zu erweitern.
  3. Edelman sieht nun eine Verbesserung des Verstehens gegeben in dem Versuch, die Biologie stärker einzubeziehen: einmal mit Blick auf den Entwicklungsaspekt (Evolution), wie auch mit Blick auf die funktionalen Aspekte des Körpers und hier speziell des Gehirns (Physiologie).
  4. Obwohl Edelman die fundamentale Rolle des Beobachters und seiner Körperlichkeit sieht und unterstreicht, lässt er aber gerade den Beobachter als Ausgangspunkt und Basis jeder Theoriebildung offen. Obwohl Edelman auf das Problem der primären Subjektivität hinweist, das sich nur mühsam durch Kommunikationsprozesse mit anderen Subjektivitäten ‚vermitteln‘ lässt, lässt er es offen, was dies für die verschiedenen empirischen Disziplinen methodisch bedeutet.
  5. Wissenschaftsphilosophisch handelt es sich bei ‚introspektiven (=subjektiven)‘ Daten (Phänomenologie), ‚Verhaltensdaten‘ (Psychologie, Biologie) und ‚physiologischen‘ Daten (Physiologie, Biologie), das Ganze noch ausgedehnt in ‚Zeitreihen‘ (Evolution, Wachsen, Lernen, Biologie), um ganz unterschiedliche Daten, die eigene Theoriebildungen erfordern, die miteinander ‚korreliert‘ werden müssten. Bedenkt man weiter, dass die Verhaltensdaten und physiologischen Daten samt aller Zeitreihen primär auch subjektive Daten sind (das Gehirn sitzt ‚im Körper‘, berechnet von dort aus alles) und nur im abgeleiteten Sinne ‚objektiv‘ genannt werden können, werden hier viele Fragen aufgeworfen, von denen nicht bekannt ist, dass sie bislang irgendjemand ernsthaft verfolgt hat. Edelman liefert alle Zutaten, um die Fragen zu stellen, aber auch  er lässt diesen Komplex zunächst mal im Unbestimmten.

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IMPLOSION DES LICHTS – X-METAL – AM ABGRUND DER FREIHEIT. Philosophische Anmerkungen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
11.März 2018
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VORBEMERKUNG

Dieses Thema ist eines von jenen, die man nicht plant, die sich durch scheinbar zufällige Konstellationen ergeben.

Dies ist auch kein ‚angenehmes‘ Thema im Sinne, dass man es ‚gerne‘ schreibt, sondern ist eher ‚unangenehm‘, ’sperrig‘, man muss Kraft aufwenden, um sich mit ihm zu beschäftigen.

Bedingt durch eine massive Bronchitis war ich mehr als eine Woche ziemlich lahmgelegt. Zwischendrin, zur Ablenkung, habe ich dann über youtube, wikipedia und andere Seiten nach Irischer Musik, Irish Folk geschaut, bis hin zum Thema keltische Musik. Mir war da vieles nicht klar gewesen. Es zeigte sich eine bunte Landschaft von Bands, Stilen und Texten.

Mehr durch Zufall, über eine Festivalbeschreibung, stieß ich dann auch auf Bands, die eigentlich einem anderen Genre angehörten. Es fanden sich Beschreibungen wie Black-, Death-, Thrash- und Power Metal. Bezeichnungen, die schon von der Wortwahl her andere Gefühle hervorrufen als ‚Folk‘ oder ‚Rock‘.

Ich ging dieser Spur nach und traf auf Bands, deren Auftreten und vor allem deren Texte eine Vorstellungswelt transportieren, die deutlich abweicht von dem, was man in gewohnten Medien findet. Man muss sich schon in spezielle Literaturbereiche begeben, um zumindest Ähnliches zu finden. Von den drei Bands, die ich dann weiterverfolgt habe, sind von einer Band drei Alben wegen ihrer Texte verboten (im Netz kann man diese Texte dennoch finden).

VERBOTENES

Dass im Alltag das Verhalten oder/ und die Texte von Menschen ‚verboten‘ werden, kann man als Bürger eines Staates als ’normal‘ betrachten, weil es Gesetze und Institutionen gibt, die das Aussprechen von Verboten regeln.

Aus philosophischer Sicht gibt es aber zunächst mal kein ’normal‘. Denn wir wissen alle, dass es heute in dieser Welt Länder gibt, in denen Menschen verfolgt, verurteilt und getötet werden, die in unserem Land auf keinen Fall verfolgt, verurteilt und getötet würden. Wir haben also schon in der Gegenwart eine Gleichzeitigkeit von widerstreitenden Werten. Und wir können auch wissen, dass es eine Zeit gab — die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland –, in der der Alltag, die statistische Mehrheit, ‚Werte‘ propagierte, Einstellungen, Texte, die sich mit den Werten Einstellungen und Texten der späteren Bundesrepublik widersprechen. In jener Zeit war ‚legal‘, was heute ‚illegal‘ ist, und umgekehrt.

Sich einfach auf ‚Legalität‘ zu stützen ist für einen Philosophen daher eher nicht erlaubt. Er muss sich die Frage stellen, ob es unabhängig von einer herrschenden Legalität Bezugspunkte gibt, eine Referenz, die vor allen möglichen Formen von Legalität liegt. Für Menschen, die sich nur an Legalität halten sind solche grundlegenden Überlegungen natürlich ‚unwirksam‘, da sie ihr Denken freiwillig vorher abschalten.

TEXTE – SPRACHE

Im Falle der drei Bands, insbesondere jener mit den verbotenen Texten, sind es dann genau diese Texte und deren möglicher Aussagenhorizont, an denen sich die Überlegungen fest machen können.

Nun beginnt schon hier das Problem. Im Fall von Alltagssprache, erst recht, wenn es dann noch Texte sind, die der Art nach in Richtung Lyrik, Poesie tendieren, ist eine Fixierung der möglichen Bedeutung grundsätzlich schwierig (dies zeigt sich auch in der Diskussion in der englischen Wikipedia, die Aussagen der Zensur mit den Aussagen der Autoren gegenüberstellt; diese differieren). Noch schlimmer, es kann sehr wohl sein, dass ein Autor A einen eigenen Text T in einer bestimmten Weise A(T)=B1 interpretiert, dass aber potentielle Leser L den gleichen Text anders interpretieren L(A)=B2. Dies ist nichts Besonderes, sondern hat mit der Art und Weise zu tun, wie Sprache funktioniert. Keinem einzelnen Menschen ‚gehört‘ die Sprache. Jeder ‚benutzt‘ sie, mit seinen eigenen Intentionen, aber man erschafft darin die Sprache nicht gänzlich neu; man assoziiert sie mit eigenen, weitgehend subjektiven Inhalten, und was herauskommt ist ein Text in der Sprache, die allen gehört, subjektiv vernetzt mit Bedeutungsanteilen des Autors, die vielleicht vom ‚üblichen Gebrauch‘ abweichen, die aber vom Empfänger als solche gar nicht erkannt werden können. Der Empfänger kennt nur ’seine‘ eigene subjektiven Bedeutungen und die ‚üblichen Verwendungsweisen‘.

Diese grundsätzlichen Bedeutungsbarrieren kann kein einzelner Autor oder Leser von sich aus einfach so aufheben. Die Sprache ist immer ‚mehr‘, das ‚Größere‘, das ‚Gemeinsame‘, das ‚Verbindende‘, das ‚Band’…. oder wie immer man dies ausdrücken möchte. Und nur weil es dieses Gemeinsame gibt, kann der einzelne seine Besonderheit, seine Subjektivität damit versuchsweise verbinden und hoffen, dass der andere dieses ‚Spielen über die Bande‘ irgendwie bemerkt und versteht.

Mit diesen Vorbemerkungen zum grundsätzlichen Verstehensproblem einer alltagssprachlichen Kommunikation, die sich mit Einbeziehung lyrisch-poetischer Formen eher verstärken, möchte ich dennoch auch Bezug nehmen auf die möglichen Inhalte.

DUNKELHEITEN?

Unter dem Vorbehalt, dass ich diese Texte möglicherweise falsch verstehe, kann ich zumindest festhalten, wie sie auf mich wirken und was dies philosophisch auslöst.

Diese Texte beschreiben die Welt aus Sicht eines Ich, das in einer großen Dunkelheit lebt. Andere Menschen kommen nur schemenhaft vor, als Versatzstücke von eigenen Gefühlen, Trieben, ohne eigene Persönlichkeit, ohne eigene wirkliche Existenz. Das in sich kaum differenzierte Ich ist zentral, alles ausfüllend, erscheint irgendwie leidend und dann doch wieder sich am eigenen Leiden berauschend. Mystische Bilder einer irgendwie dunklen Macht, die alles fordert und der sich alles opfert. Wenn Versatzstücke aus dem Alltag vorkommen, die man zu erkennen meint, werden sie in einer Weise verwendet, die anders ist, verfremdend, darin herausfordernd … schon eine poetische Kraft… aber mit einer schweren Dunkelheit durchtränkt.

Lässt man die Bilder für sich stehen, isoliert, kann man sie schwer einordnen; auf unterschiedliche Menschen werden sie unterschiedliche Gefühle auslösen.

Aus philosophischer Sicht können sich interessante Fragen stellen.

INNERE WIRKLICHKEIT EINES ANDEREN

Wie im Blog schon mehrfach ausgeführt, entsteht das Wirklichkeitsbewusstsein des Menschen in seinem Gehirn, das von allen möglichen Sensoren (externe wie interne) Daten von Ereignissen empfängt und diese dann zu Wahrnehmungen, Vorstellungen zusammenbaut, die uns in unserem ‚Bewusstsein‘ ‚bewusst‘ werden können. Im weitgehend automatischen Wechselspiel mit unserem Gedächtnis entstehen dann für jeden seine Bilder von der Welt, wie er sie sieht. Von der Psychologie — und dies kann jeder auch im Alltag an sich ausprobieren — wissen wir, dass wir Menschen die Signale von der Welt und unserem Körper so weit ‚umbiegen‘ können, dass unser eigenes inneres Bild von der Welt mit der Welt da draußen und unserem realen Körper wenig bis gar nichts mehr zu tun hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Anteil des Gehirns am gesamten Zellkosmos des Körpers nur ca. 0.15% ausmacht, und das Bewusstsein in diesem Gehirn ist nochmals ein kleinerer Bereich. Es ist also so, dass mehr als 99% unseres Körpers jenseits des Bewusstseins liegen, ganz zu schweigen von der ‚Welt da draußen‘. Psychologie und Psychoanalyse haben viele Hinweise geliefert, wie das Un-Bewusste auf uns einwirken kann, ohne dass wir wissen warum und wozu, oder, noch schwieriger, wir merken erst gar nicht, dass wir von Einflüssen gesteuert werden, die aus dem Unbewussten kommen. Die moderne Mikrobiologie hat weitere Beispiele geliefert, wie die vielen Milliarden Bakterien in unserem Darm über chemische Stoffe über die Blutbahn bis in das Gehirn einwirken, wo diese chemischen Stoffe die Arbeit der Gehirnzellen beeinflussen können.

Die Möglichkeiten, in sich selbst ein Bild vom eigenen Körper und von der Welt mit sich herum zu tragen, das stark verzerrt oder ganz falsch ist, sind also gegeben. Und wie der Alltag zeigt, müssen alle Menschen permanent kämpfen, ihre internen Bilder mit der Realität einigermaßen abzugleichen. Viele psychischen Probleme heute resultieren aus diesen stark verzerrten internen Bildern, die von der Realität abweichen.

Das eigene ‚Ich‘, das ‚Selbst‘, das ‚Selbstbild‘ das sind ‚Konstrukte‘ aus der Gesamtheit unserer Empfindungen und Wahrnehmungen.

Wenn ein kleines Kind beständig für alles bestraft wird, was eigentlich ’normal‘ ist, dann wird ihm über diese Strafen emotional der Boden unter den Füßen buchstäblich weg gezogen. Alles, worauf seine erlebbare Existenz gründet, wird negativ besetzt, emotional vermint, es findet sich dann in seinem Körper, in seinem Bewusstsein wie in einem dunklen Kerker ohne Ausweg, sich selbst, den eigenen Gefühlen hilflos ausgeliefert. Ob, wie lange und wie ein solches Kind, ein solcher junger Mensch dann überhaupt leben kann … da fehlen mir konkrete Erfahrungen. … Die vielen Stellvertreterkriege heute erschaffen solche Kinder zu Tausenden, Zehntausenden …

DAS ANDERE ALS ‚LICHT‘

Philosophisch ist klar, dass nur ein positiver Aufbau von realistischen Bildern des eigenen Körpers, der Außenwelt, der anderen Menschen einen einzelnen in die Lage versetzen kann, sich selbst am und im anderen in einem erweiterten Format von Leben als Teil von etwas Größerem zu erfahren. Das oder der  ‚Andere‘ ist in diesem Fall wie ‚Licht‘, das ‚Leben sichtbar macht‘. Die konkrete Erfahrung selbst ist das ‚Licht‘. Findet der Kontakt mit dem ‚Anderen‘ nicht statt, wird der Aufbau geeigneter realistischer Bilder gestört, versiegt das ‚Licht‘, dann kann es zu einer ‚Implosion des Lichts‘ kommen: das Fehlen des Lichts erzeugt eine eigene Form von ‚Dunkelheit‘. in der Abwesenheit des Anderen wird das eigene Innere zum einzigen Realen, verliert seine Relationen, kann zu einem alles verschlingenden Ungeheuer werden, das nur noch sich selbst hat: das sich selbst auffressen wird dann zum einzig möglichen Lebensakt, der aber genau Leben zerstört. Eine Art ‚psychische Auto-Immunkrankheit‘: das eigene Selbst, das geheilt werden will, findet als einzige (scheinbar!) verbleibende Möglichkeit nur noch, sich selbst aufzufressen.

Mir sind keine ernsthaften Forschungen bekannt, die sich mit diesen Grenzsituationen unseres Menschseins beschäftigen. Durch das ‚Wegsperren‘ von Lebenszeugnissen, die solche Situationen zu thematisieren scheinen, findet auch kein Gespräch darüber statt. Im übrigen dürfte es auch schwer sein, sich über solche Dinge auszutauschen, da Menschen, die an einer Implosion des Lichtes leiden, scheinbar keine Anhaltspunkte mehr haben, sich dagegen zu stemmen.

Dies rührt mindestens an zwei Grundlagenfragen menschlicher Existenz: Freiheit und Erlösung.

FREIHEIT

Wie im Blog schon mehrfach angedacht  durchzieht alles Leben, ja alle physikalische Wirklichkeit das Moment einer grundlegenden ‚Freiheit‘. Nichts im gesamten Universum ist einfach ‚deterministisch‘, absolut nichts. Wo immer wir hinschauen, wir finden immer Möglichkeitsräume, aus denen sich dann bestimmte Varianten ‚heraus schälen‘, die so zwar ‚möglich‘ waren/ sind, aber die in keiner Weise voraussagbar waren. Dies ist sehr bemerkenswert.

Angewendet auf den Menschen bildet alleine schon der menschliche Körper eine einzige Unmöglichkeit, da keine der ca. 140 Billionen Zellen des Körperuniversums aus sich heraus in irgendeiner Weise ‚gezwungen‘ ist, genau dort und genau so zu arbeiten, wie sie es im Verbund unseres Körpers tut. Jede Zelle ist ein autonomes Individuum, die niemand ‚zwingen‘ kann. Und doch arbeiten diese 140 Billionen Zellen im Millisekundenbereich in einer Weise zusammen, die unser aktuelles Verstehen schlichtweg übersteigt.

Wenn es nun innerhalb unseres Körpers auf den hochkomplexen Ebenen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens, Erinnerns usw. nun zu dem Phänomen des sich innerlich Entfernens vom ‚Anderen‘ kommt, wo liegt hier das ‚Handlungszentrum‘, die ‚Verantwortung‘, eine irgendwie geartete ‚Steuerung‘?

Die Juristen gehen davon aus, dass es so etwas wie einen ‚freien Willen‘ gibt, der entscheiden kann (wobei es wissenschaftlich unmöglich ist, so etwas wie einen ‚freien Willen‘ zu definieren), zugleich nehmen die Juristen an, dass dieser freie Wille durch körperinterne Faktoren ‚eingeschränkt‘ werden kann (anerkanntermaßen durch ‚Drogen‘ und starke ‚Emotionen‘, aber auch durch alle möglichen Arten von körperlichen ‚Beeinträchtigungen‘). Alle diese einschränkenden Faktoren sind nur bedingt ‚definierbar‘ und ‚messbar‘. Immerhin ist das juristische Weltbild so ‚realistisch‘, dass es einräumt, dass die Realität unseres Körpers beliebige ‚Störfaktoren‘ bieten kann, um das ‚eigene verantwortliche Verhalten‘ so zu beeinflussen, dass es zu Handlungen kommen kann, die einem unterstellten verantwortungsvollen freien Willen ‚widersprechen‘.

Mir scheint, dass wir uns hier in einer Grauzone des Wissens um uns selbst bewegen. Offene Forschungen zu unserem Menschsein unter solchen Grenzbedingungen wären sehr wünschenswert.

ERLÖSUNG

Kann schon das ’normale Leben‘ mit genügend Elementen angefüllt sein, die es ’schwer‘ erscheinen lassen, die uns ‚real leidend‘ machen, so kann eine fortschreitende Implosion des Lichtes alles noch viel unerträglicher machen. Auf allen Stufen des Leidens (von ‚einfach‘ bis ’schwer‘) entwickeln wir Menschen aber auch Abwehrmechanismen, Erleichterungsstrategien, Ersatzlösungen, um das Leiden zu mildern.

Im Kaleidoskop der vielen Heilsversprechungen gibt es ein Thema, das sich zu allen Zeiten und überall findet: das Hoffen auf eine Erlösung mindestens nach dem aktuellen körperlichen Dasein, am liebsten aber auch schon vorher, jetzt, in diesem ‚Jammertal‘.

In diesem Kontext gab und gibt es immer wieder Menschen — quer zu allen Religionen und auch unabhängig von diesen –, die von besonderen Glückszuständen berichten, von besonders erhebenden Gefühlen, positiven Gefühlen, die alles vergessen lassen, was so schwer erscheint, was leidend macht. Diese Gefühle ergreifen einen, erwecken den Eindruck, man sei in einem größeren Zusammenhang, in einem umfassenden Sinn eingebettet. Lernen erscheint ‚licht voll‘, ’sinnhaft‘.

Diese besonderen, positiven Erlebnisse wurden immer heftig diskutiert, sind umstritten, werden abgestritten (sogar von religiösen Führern, da sie in diesen persönlichen Erfahrungen eine Infragestellung ihrer formalen Autorität erkennen), und führen doch dazu, dass Menschen mit solchen Erfahrungen nicht selten ihr Leben umkrempeln, völlig neu starten, ganze Bewegungen starten indem sie andere Menschen ‚mitreißen‘.

Es wäre eine interessante empirische Frage, ob Menschen mit implodierendem Licht trotzt ihrer Dynamik der fortschreitenden Selbstzerstörung solche besonderen, lebensfördernden Erfahrungen machen könnten, und was es mit ihnen machen würde. Denn diese speziell lebensfördernden Erfahrungen sind nicht körpergeneriert, sind nicht ‚kausal‘ im klassischen Sinne (die Quantenphysik beschreibt die Welt sowieso anders), sondern sie finden offensichtlich trotz und gegen aktuelle Körperzustände statt. Dies setzt voraus, dass die Körper keine abgeschlossenen Einheiten sind, was ja physikalisch der Fall ist. Unsere Körper als Zellgalaxie sind physikalisch offen wie ein Scheunentor für Billionen möglicher Ereignisse. Bisher gibt es dazu aber praktisch noch keine Forschungen.

Theologisch ist die Gottesfrage eher ‚arm‘ und ‚wortlos‘. ‚Empirisch‘ ist die Gottesfrage interessanter denn je, denn, wenn überhaupt, ist das, was als ‚Gott‘ bezeichnet wird, auch etwas ‚extrem Reales‘ …

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