WIEDER TRITT FINDEN – Nach einer längeren Pause – WAHRHEIT DEMOKRATIE RELIGIONen

SCHREIBSTILLSTAND

1. Bedingt durch Urlaub und einer vorausgehenden absoluten Stresszeit kam mein Schreiben zum Erliegen – auch gewollt. Ab und zu braucht man Pausen, reale Pausen. Dies bedeutet nicht, dass das Denken aufhört, aber doch zumindest so viel, dass man sich nicht bei jedem Gedanken die Frage stellen muss, ob und wie man dies in einen beschreibbaren Zusammenhang einordnen kann/ sollte.
2. Natürlich rührt dies auch an Grundsätzliches – wie immer – ‚Warum überhaupt schreiben’… das Thema vom allerersten Blogeintrag.

VERSTEHEN WOLLEN

3. Wie auch schon damals entspringt die Antwort nicht aus rein objektiven Gegebenheiten sondern aus der subjektiven Situation, des Verstehen Wollens; die Welt verstehen, sich selbst, die anderen, überhaupt einfach verstehen, und dann vielleicht sogar ein Handeln, das sich davon inspirieren lässt.
4. Und in diesem Prozess des Verstehen Wollens gibt es keinen absoluten Punkt der allerletzten Klarheit, wann etwas vollständig oder wann etwas nur partiell verstanden ist. ‚Verstehen Wollen‘ hat keinen klaren Anfang und kein klares Ende. Es ist ein realer, konkreter Prozess von Lesen, Nachdenken, Reden, Schreiben, Hören, Träumen, Nichtstun, … währenddessen ‚Bilder‘ entstehen, die ‚Zusammenhänge‘ sichtbar machen, von denen man zuvor nichts gewusst hat, die man oft nicht einmal geahnt hat. In gewisser Weise erzeugt erst die ‚gedankliche Bewegung‘ die gedanklichen Zustände des ‚Erkennens‘. Und dies ist das ‚Gefährliche‘ in zweierlei Sinne: ‚gefährlich‘, weil man ‚vor‘ der Bewegung nicht weiß und nicht wissen kann, ob und was man erkennen wird, und gefährlich, weil man sich vorab irgendwelchen Vermutungen, Hoffnungen oder Ängsten hingeben kann, die einen entweder daran hindern, überhaupt das Nachdenken zu beginnen oder einen von vornherein auf eine bestimmte Einschätzung fixieren, die einem im Folgenden mindestens das Nachdenken schwer macht, wenn nicht ganz blockiert.

ERSCHEINT UNÜBERWINDLICH

5. In den letzten Wochen habe ich so viele sehr spannende und provozierenden und anregende Inhalte/ Themen kennen gelernt – ohne dies schreibend zu verarbeiten –, dass dies alles jetzt wie ein riesiger, unüberwindlicher Berg erscheint, der einem jeden Mut nimmt, ihn zu besteigen, sprich: überhaupt wieder zu schreiben; denn, egal wo man anfängt, es hängt da dieses Gefühl im Raum, es ist doch von vornherein vergeblich, sinnlos, unmöglich, diesem Wirrwarr an komplexen Ideen irgendeine Struktur abzugewinnen.

DAS ZUNÄCHST UNWIRKLICH IST DAS EINZIG WIRKLICHE

6. Dies führt zu einem sehr grundsätzlichen Problem, dass mich seit spätestens Frühjahr 2013 immer mehr beschäftigt, und auf das ich noch keine abschließenden Antworten habe: (i) Das, was wir primär als Daten/ Fakten ‚wahrnehmen‘, der Stoff, aus dem unsere ‚Realität‘ gemacht ist, enthält als solches eigentlich nahezu keine Wahrheiten oder Erkenntnisse. Diese (ii) ‚werden erst sichtbar‘, wenn man das sich Ereignende auf der ‚Zeitlinie‘ (mit Hilfe des Gedächtnisses) im zeitlichen (und räumlichen) Kontext sieht, wenn man Häufigkeiten, Wiederholungen, Zusammenhänge ‚bemerken‘ kann, wenn man ‚Einzeldinge‘ als ‚Beispiele‘ (Instanzen) von allgemeinen Mustern (Objekten) erkennen kann, wenn sich aus solchen Zusammenhängen und Mustern weitere allgemeine ‚Strukturen‘ ‚erkennen lassen‘, … kurzum: die einzig ‚wirklichen‘ und ‚wahrheitsfähigen‘ Erkenntnisse finden sich nicht schon in den primären Ereignissen des Alltags, sondern erst und einzig in dem ‚verarbeitenden Denken‘, in den Aktivitäten der individuellen Gehirne, soweit diese in der Lage sind, solche allgemeinen Muster zu erzeugen und damit weiter zu arbeiten.

KLASSISCHE PHILOSOPHIE

7. In der klassischen Philosophie waren dies z.B. Themen der Erkenntnistheorie, der Logik, der Naturbetrachtungen, der Metaphysik/ Ontologie. Hier hat man versucht, das eigene Denken zu ‚belauschen‘ und aus diesen Betrachtungen das ‚Wesentliche‘ vom ‚Unwesentlichen‘ zu unterscheiden. Wirklich ‚große‘ Philosophen wie ein Aristoteles oder ein Avicenna (Ibn Sina) waren sich während ihres Untersuchens der realen Welt immer auch bewusst, dass es in allem Erkennen neben dem sinnlichen Anteil immer auch einen gedanklichen Anteil gibt, und dass es letztlich genau dieser ist, mit dem Erkennen überhaupt beginnt. Unter anderem Kant und Hegel hatten diese Thematik verschärft, aber, anstatt dass wir alle daraus soviel Klarheit ziehen konnten, dass das Denken und das ‚Denken über das Denken‘ immer ‚einfacher‘ würde, ist etwas ganz anderes passiert.

MODERNE LOGIK

8. Mit der Entwicklung der modernen formalen Logik (seit dem Ende des 19.Jahrhunderts) wurde die Logik aus dem allgemeinen Denken herausgelöst und zu einem abstrakten Formalismus weiterentwickelt, dessen Bezug zum konkreten, realen alltäglichen Denken nicht mehr gegeben ist. Zwar führte diese Herauslösung der modernen formalen Logik einerseits zu mehr Freiheiten (z.B. es gibt nicht mehr nur einen Folgerungsbegriff, sondern beliebig viele; es gibt nicht mehr nur ‚wahr’/’falsch‘, sondern unendliche viele Abstufungen von ‚wahr’/’falsch), aber diese Freiheit wurde damit erkauft, dass eine mögliche Beziehung zwischen einem bestimmten Logikkalkül und dem realen Denken in jedem einzelnen Fall erst mühsam hergestellt werden muss und es niemals ganz klar ist, ob und wie dies der Fall ist.

WITTGENSTEIN

9. Leicht zeitversetzt zur Entwicklung der modernen formalen führte Ludwig Wittgenstein im Anschluss an seinen ‚tractatus logico philosophicus‘ mit seinen philosophischen Untersuchungen das gesamte moderne Denken in eine noch größere Freiheit, indem er die scheinbare Unauflöslichkeit von Denken und Sprache als eine quasi kognitive Täuschung entlarvte und mittels zahlloser genialer Beispiele aufzeigte, dass die ‚Bedeutungsinhalte‘, die wir mit unserer Sprache zu transportieren ‚meinen‘, zunächst mal nur die ’subjektiv intendierten‘ Bedeutungsinhalte sind; ob das Gegenüber die ‚gleichen‘ Bedeutungsinhalte aktiviert, wenn wir sprechen, oder ganz andere, das lässt sich immer nur sehr bedingt – wenn überhaupt – feststellen. Auch hier wird die ‚Freiheit‘ damit erkauft, dass der Vollzug eines verstehenden Sprechens an Selbstverständlichkeit – und damit an Leichtigkeit – verliert (was die Feuilletons dieser Welt bislang kaum daran hindert, Wortgewitter über ihre Leser loszulassen, die weniger dem Leser dienen als vielmehr dem Wortruhm des jeweiligen Schreibers).

VEREINSAMTES ALLTAGSDENKEN

10. Diese Neubesinnung auf Logik und die Sprache haben der modernen Wissenschaft zwar entscheidende Voraussetzungen geliefert, um transparent und nachvollziehbar komplexe empirische Theorien zu entwickeln, aber das alltägliche Denken wurde damit quasi sich selbst überlassen. Das Alltagsdenken interessierte plötzlich niemanden mehr …. und wurde damit zum Spielball einer Vielzahl von Interessen, die alle eines gemeinsam haben: Wahrheit spielt nicht nur keine Rolle mehr, sie ist in keiner Weise erwünscht: je weniger klare Regeln umso mehr Freiheit für Manipulation und Verführung.

AUFKLÄRUNG RELIGIONSÜBERGREIFEND

11. In einem sehr bemerkenswerten Leserbrief in der FAZ vom 5.Aug.2014 S.6 macht Heinz Eimer darauf aufmerksam, dass die ‚Aufklärung‘, die zu moderner Wissenschaft und zu demokratischen Staatsbildungen geführt hat, ihre Heimat weder im Christentum noch in irgendeiner anderen Religion hat. Sie ist religionsübergreifend. Angesichts erstarkender fundamentalistischer Tendenzen in den Religionen muss sich ein Staat auf diese seine demokratischen Werte besinnen um sich gegenüber den verschiedenen ‚Vereinnahmungen von Wahrheit‘ konkret und aktiv in Position bringen.
12. Hans Michael Heinig, Professor für öffentliches Recht, Kirchenrecht und Staatskirchenrecht schlägt sich in der FAZ vom 4.Aug.2014 S.6 bei der Frage des Verhältnisses von Aufklärung und Religion zwar nicht auf eine bestimmte Seite, stellt aber fest, dass ‚religiöse Traditionen keinen demokratischen Eigenwert besitzen‘. Nun ja, daraus folgt mindestens, dass die aus der Aufklärung hervorgegangen Demokratien zu ihrer Wesensbestimmung keines Rückgriffs auf eine Religion bedürfen.
13. Und bei Betrachtung der historischen Umstände dürfte die Faktenlage hinreichend stark sein, um zu behaupten, dass Aufklärung und moderne Demokratien nur in schwierigsten Auseinandersetzungen gegen (!) die herrschenden Religionen (organisiert als Kirchen) entstanden sind und sich behaupten konnten. Erst durch sehr klare und massive Abgrenzungen von Religionen gegenüber der allgemeinen Gesellschaft ist Frieden eingekehrt, konnte Wissenschaft sich entfalten, gibt es minimale Menschenrechte.
14. Prof. Heinig diskutiert das Verhältnis von Staat und Religion – im Lichte seiner Profession verständlich – nur aus rechtlicher Sicht und sieht in rechtlicher Sicht in Deutschland die ‚Multikonfessionalität‘ grundsätzlich angelegt. Dass der Islam noch nicht die Gleichbehandlung erfährt wie die traditionellen christlichen Konfessionen führt er im Wesentlichen darauf zurück, dass die islamischen Konfessionen bislang noch nicht so einheitlich organisiert sind wie die christlichen Kirchen. Dies mag stimmen.

JURISTISCHES DENKEN IST ZU WENIG

15. Allerdings zeigt diese rechtliche Betrachtung auch die Grenzen genau solcher rechtlicher Betrachtungen. Juristisch geht es immer nur sehr bedingt um Wahrheit; primär zählt die politisch gesetzte Norm, deren Wirkungskraft zu klären und zu garantieren ist. Ob die politisch gesetzten Normen (Gesetze) ‚wahr‘ sind in einem übergreifenden Sinne, diese Frage kann und will sich das juristische Denken nicht stellen.

RELIGIONEN UND GEWALT

16. Will man aber das ‚Wesen‘ von Religionen und das ‚Wesen‘ moderner demokratischer Gesellschaften verstehen, dann reichen formal-juristische Überlegungen nicht aus; dann muss man sich schon an die ‚Wahrheitsfrage‘ heranwagen. Auf eine sehr spezielle Weise tut dies in einem bemerkenswerten Artikel in der FAZ vom 7.Aug.2014 (S.9) Friedrich Wilhelm Graf unter der Überschrift ‚Mord als Gottesdienst‘. Als emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik arbeitet er heraus, dass Gewaltbereitschaft und Enthemmung ihren Ursprung genau im Zentrum dessen haben, was die verschiedenen Religionen als ‚Kern ihres Glaubens‘ ansehen.
17. Das Phänomen, dass aus religiösen Gemeinschaften heraus Enthemmungen entstehen können, die zu brutalsten Handlungen führen, ist nach Graf seit den Anfängen der Religionsgeschichte zu beobachten und betrifft alle Religionen ohne Ausnahme: Hinduisten, Buddhisten, Juden, Christen, Muslime, um nur die größten zu nennen.
18. Dort, wo Religionen sich zu Gewalttätigkeiten hinreißen lassen, findet man nach Graf die Aufteilung der Welt in die ’schlechte‘ Gegenwart und die ‚ideale‘ gottgewollte Welt. Aus dieser diagnostizierten Differenz ergibt sich ein religiös motivierter Handlungsdruck, der umso größer ist, als eine solche Differenz von den Gläubigen so behauptet wird. Besteht zusätzlich eine Identifizierung der religiös Handelnden mit der Absolutheit Gottes zustande, wie sie unterschiedlichen Ausmaß immer in Anspruch genommen wurde (bis hin zur Gleichsetzung von menschlichem Akteur und Weisheit und Willen Gottes), dann gewinnt die religiös motivierte Sicht der Welt und das darin gründende Handeln eine Absolutheit, die keinerlei korrigierende Kritik mehr zulässt.
19. Dass religiöse Deutungsmuster, die in Deutschland lange als überwunden galten, in der Gegenwart zu neuer Stärke wiederfinden können (z.B. die vielen sogenannte Glaubenskriege heute) hat – so Graf – auch damit zu tun, dass politische Akteure aller Couleur sich die alten religiösen Symbole, Vorstellungen und Handlungsmuster zu Nutze machen und sie vor ihren eigenen Karren spannen. Direkt zu sagen, dass man persönlich die Macht über Menschen und Regionen in Anspruch nehmen möchte ist weniger erfolgreich, als die Menschen glauben machen, dass es Gottes Wille sei, die anderen zu vertreiben oder zu töten um sich selbst dann in die Position der Macht zu begeben (so diente Religion in der Vergangenheit allerdings immer schon den verschiedenen Herrschern als probates Mittel, um die Loyalität gegenüber der Macht zu fördern).
20. Was allen diesen unterschiedlichen Spielarten religiös motivierter Gewalt gemeinsam ist, das ist nach Graf das völlige Fehlen einer ernsthaften Nachdenklichkeit, von Selbstreflexion, von kritischer Selbstbegrenzung. Stattdessen eine Ganzhingabe unter Inkaufnahme von Tot auf allen Seiten.
21. Abschließend stellt Graf fest, dass wir eigentlich nicht wissen, wie sich solcherart brutalisierte Frömmigkeit zivilisieren lässt.

DIE WAHRHEITSFRAGE BLEIBT NIEMANDEM ERSPART

22. Im Kontext der vorausgehenden Überlegungen legt sich die Frage nahe, inwieweit das neue gesellschaftliche Erstarken von religiösen Bewegungen neben großen sozialen und politischen Spannungen von vielen Regionen unserer Erde nicht auch damit zu tun hat, dass man im Kontext von Religionen (wie Graf auch deutlich feststellt) die ‚Wahrheitsfrage‘ anscheinend ‚tabuisiert‘. Wenn jemand kritische Fragen an eine konkrete Religiosität stellt, wird dies von den religiösen Vertretern überwiegend als Kritik an ‚Gott selbst‘ gedeutet anstatt als Kritik an der Art und Weise, wie bestimmte Menschen mit der Gottesfrage umgehen. Während Aufklärung, moderne Wissenschaft und moderne Demokratien die Möglichkeit eröffnet haben, die Frage nach Gott in ungeahnt neuer Weise, tiefer weitreichender, allgemeiner als je zuvor zu stellen, fürchten die traditionellen Formen von Religion offensichtlich um ihren Einfluss, um ihre Macht und wiegeln jegliche Form von kritischer Reflexion auf die Voraussetzungen von Glauben und Religion einfach ab. Obgleich ‚wahres Denken‘ eine der lautersten Weisen der Annäherung an ‚Gott‘ sein kann, wird ‚wahres Denken‘ im Umfeld von Religionen (ohne Ausnahme!) verbannt, unterbunden, verteufelt. Die europäischen Nationen müssen sich angesichts von islamischen Terrorgruppen zwar an die eigene Nase fassen mit Blick auf die kolonialistischen Greueltaten und konfessionellen Kriegen der Vergangenheit, aber heute, nachdem man mühsam gelernt hat, dass Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Gesellschaft, Gottesglauben auch ganz anders aussehen kann und mit Blick auf eine nachhaltige Zukunft auch ganz anders aussehen muss, heute müssen die aufgeklärten Gesellschaften ihre einseitig zu Materialismus verkümmerte Aufklärung wieder neu beleben, ansonsten werden sie an ihrer eigenen Lüge zugrunde gehen. Jeder Augenblick ist eine Herausforderung für eine mögliche Zukunft; so oder so. Leben ist genau dieses: das ‚Gleichgewicht‘ immer wieder neu herstellen und auf immer höheren ‚Wahrheitsniveaus‘ neu finden; es kann keine dauerhafte Einfachheit geben. Genau das ist die schlimmste Form des Unglaubens.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

SINN, SINN, und nochmals SINN

(1) Wie die vorausgehenden Beiträge auf unterschiedliche Weise gezeigt haben, führt die Frage nach dem ‚Sinn‘ (eng verknüpft mit der Frage nach der Wahrheit), wenn man sie ernsthaft stellt, schnell auf allerlei ‚Randbedingungen‘ des ‚Erkennens‘, die nicht nur ‚passiver Natur‘ sind (was ‚uns geschieht‘), sondern zugleich auch vielfältiger ‚aktiver‘ Momente (was ‚wir tun‘), damit wir überhaupt etwas erkennen, ‚wie‘ wir erkennen, ‚wann‘, ‚wo‘, usw. ‚Erkennen‘ zeigt sich somit als ein komplexes Geschehen, eingebettet in eine Vielzahl von Randbedingungen, die eine unüberschaubare Anzahl von Möglichkeiten zulassen.

 

 

(2) In jeder dieser unendlich vielen Kombinationen haben wir ein Erkenntniserlebnis, was immer auch die aktuelle Konstellation sein mag (Fernsehen gucken, Lesen, Laufen, reden, arbeiten, Malen, Streiten, Internet surfen, ….). Dieses aktuelle Erlebnis ist als Erlebnis ‚real‘. Wir können uns diesem realen Erleben nicht entziehen. Wir sind ‚mitten drin‘. Und wenn wir über das, was wir erleben, nicht explizit und zusätzlich ’nachdenken‘ (reflektieren…), dann ist die Welt das, was wir aktuell faktisch erleben (Wittgensteins berühmter Satz ‚Die Welt ist, was der Fall ist‘ (der in einem ganz bestimmten Kontext geäußert wurde) würde hier jetzt genau dies bedeuten: die Welt ist, was ich erlebe (was Wittgenstein genau vehement abstreiten würde (das war sein Problem…)). Denn nur das haben wir zur Verfügung (oder, wie zuvor mehrfach ausgeführt, das ist das, was das Gehirn ’sich selbst‘ aufgrund der verfügbaren Signale ‚zubereitet‘ (… wobei ‚Gehirn‘ ein komplexes theoretisches Konzept ist, dessen Anführung in diesem Kontext für viele Leser eher irreführend als zielführend sein kann)).

 

(3) Was die Sache mit dem Erleben (aus theoretischer Sicht) ’schwierig‘ macht (mit den entsprechenden weitreichenden Folgen für das alltägliche praktische Leben), ist die Tatsache, dass unser Erleben (wie jetzt schon oft besprochen) keine 1-zu-1-Abbildung von ‚Dingen außerhalb des Körpers‘ ist, sondern eine permanente dynamische Konstruktionsleistung unseres Gehirns, das aktuell verfügbare Signale mit schon zuvor ‚erworbenen (gelernten?)‘ Daten (Erinnerung, Gedächtnis) ‚verrechnet‘ und ‚Arbeitshypothesen‘ entwickelt, wie das alles ‚zusammenpassen‘ (Kohärenz, Konsistenz…) kann. Da das Gehirn endlich ist und in knapp bemessener Zeit aus einer Signalflut permanent auswählen muss, fallen beständig Sachen unter den Tisch, werden ausgeklammert, werden Dinge ‚vereinfacht‘ usw. Auf der ‚Habenseite‘ dieses atemberaubenden Geschehens verbleibt aber ein ‚Erkenntniseindruck‘, der ‚uns‘ das Gefühl vermittelt, wir ’sehen‘ etwas, wir ‚hören‘, usw.

 

 

(4) Dieser permanente Rückgriff auf ’schon Bekanntes‘ hat den großen Vorteil, dass die meist unvollkommenen Daten durch den Bezug auf ‚Ähnliches‘ ‚ergänzt‘ (interpretiert, gedeutet…) werden können und damit der ‚Entscheidungsprozess‘ während der ‚Berechnung‘ der ‚möglichen Strukturen in den Signalströmen‘ in Richtung des ’schon Bekannten‘ geleitet und damit abgekürzt werden kann (in Experimenten im Rahmen der Phonetik konnte man zeigen, dass Menschen bei der Identifizierung von akustischen Signalen ohne ‚Kontextwissen‘ deutlich schlechter waren, als mathematische Algorithmen für die Signalerkennung. Sobald die Menschen aber nur ein wenig Kontextwissen besaßen, waren sie den Algorithmen (nachvollziehbarerweise) deutlich überlegen. Andererseits konnte man sie dadurch aber auch gezielter ‚manipulieren‘: wenn man weiß, welches Kontextwissen bei einem bestimmten Menschen ‚dominant‘ ist, dann kann man ihm Daten so servieren, dass er diese Daten ’spontan‘ (wenn er nicht kritisch nachdenkt) im Sinne seines Kontextwissens interpretiert und damit zu ‚Schlüssen‘ kommt, die mit der tatsächlich auslösenden Situation gar nichts mehr zu tun haben).

 

(5) Diese ambivalente Rückwirkung des ’schon Bekannten‘ wird noch komplexer, wenn man berücksichtigt, dass mit dem Erlernen einer Sprache die ‚Gegenstandswelt‘ erweitert wird um eine ‚Welt der Zeichen‘, die auf diese Gegenstandswelt (und auf sich selbst!) auf vielfältige Weise ‚verweisen‘ kann. Ein sprachlicher Ausdruck als solcher ist auch ein reales Erlebnis, das aber – im Normalfall – von sich weg auf etwas ‚Anderes‘, auf seine ‚Bedeutung‘ ‚verweist‘. Jede mögliche Bedeutung ist letztlich immer erst mal wieder nur ein Erlebnis, das irgendwann einmal stattgefunden hat, und sei es als bloß ‚Imaginiertes/ Vorgestelltes/…‘. D.h. die Verwendung der Sprache als solche führt nicht grundsätzlich über den Bereich des Erlebbaren hinaus. Ein Denken mit Hilfe von sprachlichen Ausdrücken ist nur ’strukturierter‘, ‚berechenbarer‘, ‚handhabbarer‘ als ein Denken ohne sprachliche Ausdrücke. Sprache erlaubt die ‚wunderbare Vermehrung der Dinge‘, ohne dass real die Dinge tatsächlich vermehrt oder verändert werden (ein Roman von vielen hundert oder gar über tausend Seiten kann für den Leser ein sehr intensives ‚Erlebnis‘ erzeugen, gestiftet von einem bunten Strauss von sprachlich induzierten ‚Vorstellungen‘, die als solche real sind, ohne dass diesen Vorstellungen irgendetwas in der Außenwelt entsprechen muss.

 

(6) Mit den modernen Medien (Film, Fernsehen, Video, Computeranimation…) wird die Erzeugung von ‚Vorstellungen‘ nach ‚außen‘ verlagert in ein Medium, das Erlebnisse erzeugt ’scheinbar wie die Außenwelt‘, die aber ‚willkürlich erzeugt‘ wurden und die mit der empirisch-realen Welt nichts zu tun haben müssen. Dem ‚Erlebnis als solchem‘ kann man dies u.U. Nicht mehr ansehen, sofern man nicht (wie auch in allen anderen Fällen) sehr bewusst ‚kritisch‘ Randbedingungen überprüft und berücksichtigt. Während das Lesen eines Romans ‚als Lesen‘ deutlich macht, dass alle durch das Lesen induzierten Erlebnisse ‚künstlich‘ sind, kann das sehen/ hören/ fühlen… eines künstlichen Mediums die Einsichtsschwelle in die ‚Künstlichkeit‘ immer ‚höher‘ legen. Ein Film über ‚Erfundenes‘ neben einem Film über ‚empirisch-Reales‘ ist nicht mehr ohne weiteres identifizierbar.

 

(7) Sofern man nicht explizit die Frage nach der ‚Wahrheit‘ stellt (ich definiere ‚Wahrheit‘ hier jetzt nicht; siehe dazu die vorausgehenden Reflexionen) sind alle diese möglichen Erlebniswelten (real-empirisch bezogen oder beliebig generiert) aus Sicht des Erlebens ‚gleichwertig‘. Wer hier nicht ausdrücklich immer darauf achtet, was wann wie von wem mit welcher Absicht usw. ‚erzeugt‘ wurde, für den verschwimmen alle diese erlebnisfundierten Bilder zu einem großen Gesamtbild, wo jedes jedes ‚interpretiert‘ und wo die Frage nach der Wahrheit aus den Händen gleitet. Dennoch bieten alle diese Bilder – so verzerrt und willkürlich sie auch sein mögen – für den, der sie ‚hat‘ eine ‚Interpretation‘ und damit einen ‚möglichen Sinn‘. Ohne die ‚Gewichtung‘ durch den Aspekt der Wahrheit sind alle diese ‚möglichen Sinne‘ ‚gleichwertig‘. Es gibt im Bereich des möglichen Sinns keine ausgezeichnete Instanz, die einen besonderen Vorzug verdienen würde. Entsprechend ‚bunt‘ ist das Bild, das sich bietet, wenn man schaut, was Menschen alles für ’sinnvoll‘ halten. Es kann für jemand anderen noch so ‚grotesk‘ erscheinen, für den ‚Besitzer‘ dieses Sinns ist es ‚der allein seligmachende‘.

 

(8) Wie gesagt, solange man die Frage nach der ‚Wahrheit‘ ausklammert, geht alles. Die Frage nach der Wahrheit wiederum setzt eine ‚kritische Reflexion‘ auf Randbedingungen voraus. Wie der Alltag zeigt, ist aber den meisten Menschen gar nicht klar, was ‚kritische Reflexion‘ praktisch bedeutet. Selbst wenn sie ‚kritisch reflektieren‘ wollten, sie könnten es nicht. Millionen von Menschen sind zwar bereit, viel Geld, viel persönliche Zeit, ja sogar ihr ganzes persönliche Leben, in ‚Gefolgschaften‘ von Kursen und Organisationen zu investieren, ohne ein Minimum an kritischem Denken dafür zurück zu bekommen. Das ‚Verwirrspiel‘ um den ‚Sinn‘, um den ‚Lebenssinn‘, um den ‚wahren Sinn‘ wird damit nur schlimmer und furchtbarer. Meist werden ein paar Leute dadurch sehr viel reicher, und viele andere sehr viel ärmer. Soetwas sollte immer als ein mögliches Alarmzeichen dienen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es bei solchen Veranstaltungen (das müssen nicht nur sogenannte ‚Sekten‘ sein, das kann — wie wir täglich leidvoll dazu lernen — jede Art von sogenannten ‚Beratern‘ sein) nicht um ‚wahren Sinn‘ geht, sondern um simple materielle Vorteile einzelner auf Kosten anderer.

 

(9) Das Thema ist damit nicht erschöpft (was ja auch die vorausgehenden Eindrücke zusätzlich belegen können), …es ist nur eine ‚Notiz‘ zwischendurch….

 

 

Ein Überblick über alle bisherigen Beiträge findet sich hier.

 

 

 

LITERATURNACHWEISE

Wittgenstein, L.: Logisch-philosophische Abhandlung, W. Ostwald (Hrsg.), Annalen der Naturphilosophie, Band 14, 1921, S. 185–262

nachlesbar in:

Wittgenstein, L.: Logisch-philosophische Abhandlung, Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998