ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 10 – Primäres Bewusstsein

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 3.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe die kumulierte Zusammenfassung HIER.

KURZFASSUNG

Edelman stellt zunächst die wichtigsten Anforderungen an die wissenschaftliche Beschreibung des Bewusstseins ganz allgemein zusammen, dann aber auch speziell für das ‚Primäre Bewusstsein‘. Dann gibt er einen Überblick über ein mögliches neuronales Modell, das alle diese Anforderungen erfüllen soll.

KAP.11 Bewussstsein (Consciousness)

THEORIE DES BEWUSSTSEINS: ALLGEMEINE ANNAHMEN

  1. In diesem Kapitel geht es um den Test, ob Edelman mit den bisherigen Überlegungen in der Lage ist, das bekannte Postulat von Descartes über eine ‚denkende Substanz‘ (‚thinking subtance‘) zu überwinden, welche sich dem Zugriff der Wissenschaft entzieht. (vgl. p.111)

  2. Allerdings gibt es die Schwierigkeit, dass das mit ‚Bewusstsein‘ Gemeinte sich bei anderen nur im beobachtbaren Verhalten zeigt, und bei einem selbst ‚ist‘ es ‚einfach da‘, schwer zu erklären.(vgl. p.111)

  3. Nach Zitation von wesentlichen Eigenschaften des Bewusstseins, wie William James sie in seinen ‚Principles of Psychology‚ (1890, Kap.10) anführt, macht Edelman eine Unterscheidung zwischen einem ‚primären Bewusstsein‘ und einem ‚Bewusstsein höherer Ordnung‘.(vgl. p.111f)

  4. Das primäre Bewusstsein bezieht sich ausschließlich auf eine perzeptuell vermittelte Gegenwart von Dingen in der Welt, ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Bewusstsein höherer Ordnung übersteigt die perzeptuelle Gegenwart, ist eingebettet in eine Vergangenheit, eine mögliche Zukunft, und ‚weiß von sich selbst‘.(vgl. p.112)

  5. Jedwede ‚Erklärung‘ des Phänomens Bewusstsein muss nach Edelman verträglich sein mit der ‚Evolution‘; sie muss erklären, wie Bewusstsein im Laufe der Evolution ‚entstehen‘ kann, und natürlich auch, wie das Bewusstsein sich zu den anderen ‚mentalen Phänomenen‘ verhält wie z.B. zu ‚Begriffsentwicklung‘, ‚Gedächtnis und Sprache‘.(vgl. p.112f) Natürlich sollen auch die Erkenntnisse der modernen Physik gelten, allerdings ist die Physik aktuell nach Edelman nicht völlig ausreichend, und mögliche ‚Quanteneffekte‘ will er für seinen Erklärungsansatz ausschließen. (vgl. p.113)

  6. Die Annahme, dass das Phänomen ‚Bewusstsein‘ irgendwann in der Evolution sichtbar wird, schließt aus, dass Bewusstsein nur ein ‚Epiphänomen‘ ist. (vgl. p.113)

  7. Im Zustand der ‚Achtsamkeit‘ (?) (‚awareness‘) werden die phänomenalen Zustände von subjektiven Erfahrungen (‚experiences‘), Gefühlen (‚feelings‘) und Empfindungen (’sensations‘) begleitet, die Edelman kollektiv als ‚Qualia‚ bezeichnet. Das ist das, ‚wie es uns erscheint‘ (‚how things seem to us‘). Qualia sind die unterscheidbaren ‚Teile‘ einer ‚mentalen Szene‘, die sich als solche als ‚eine‘ darstellt. Die Qualia können unterschiedlich ‚intensiv‘ und unterschiedlich ‚präzise‘ sein, abhängig von der aktuellen Wahrnehmung (‚perception‘). Im normalen Wachzustand sind die Qualia außerdem begleitet von einer zeitlich-räumlichen Kontinuität, beeinflusst sowohl von einer unmittelbaren Erfahrung wie auch von der individuellen persönlichen Geschichte. Zusätzlich können die Qualia begleitet sein von Gefühlen und Emotionen. (vgl. S.114)

  8. Diese subjektive Natur der Qualia stellt für eine wissenschaftliche Theorie, die eine gemeinsame, objektive, reproduzierbare Datenbasis voraus setzt, ein großes methodisches Problem dar. (vgl. S.114) Es manifestiert sich sogar als ein ‚eindrucksvolles (‚poignant‘) Paradox‚: Jeder Physiker muss in seiner Arbeit sein Bewusstsein, seine subjektiven Wahrnehmungen, seine subjektiven Qualia einsetzen, aber im Reden über die physikalischen Sachverhalte, muss er diese subjektiven Bedingungen ausklammern. (vgl. S.114) Wie lässt sich dieser Befund, dass die phänomenale Erfahrung eine Erste-Person Angelegenheit ist, wissenschaftlich meistern? vgl. S.114f)

  9. Nach Edelman kann man dieses methodische Problem nicht dadurch lösen, dass man von der Fiktion eines qualia-freien Beobachters ausgeht, und er deutet in einem Nebensatz schon an, dass das Problem der sprachlichen Bedeutung nur durch die Einbeziehung des ‚Embodyments‘ von Sprache im Körper verstanden werden kann. (vgl. S.115) Er wird dann sogar noch deutlicher: die Lösung liegt in der hervorstechenden Fähigkeit des Menschen, dass er über ein ‚Selbstbewusstsein‘  gepaart mit einer ‚Sprache‘ verfügt, das ihn in die Lage versetzt, über die pure Gegenwart hinaus Phänomene zu benennen, und Beziehungen herzustellen zwischen den subjektiven Phänomenen und den Erkenntnissen der Physik und Biologie. (vgl. S.115)

  10. Benutzt man die Hypothese, dass Qualia in allen menschlichen Wesen bei ähnlichem Körper und Gehirn verfügbar sind, dann kann man versuchen, auf der Basis der hier vorfindlichen Korrelationen zu einer Theorie der Qualia bzw. des Bewusstseins in Menschen zu kommen. (vgl. S.115)

  11. Allerdings, so Edelman, lässt sich solch eine Theorie des Bewusstseins nur bauen, wenn es neben dem in der Gegenwart verhafteten primären Bewusstsein ein höher-stufiges Bewusstsein gibt, das über die reine Gegenwart hinaus Wahrnehmen und Denken kann und über Sprache verfügt. (vgl. S.115f) Allerdings gilt auch, dass eine ‚qualia-freie Theorie‘ nicht möglich ist. Qualia können von keiner Theorie als ‚Erfahrung‘ einfach so abgeleitet werden; man muss sie als Gegeben annehmen und mit dieser Annahme in kommunikativer Rückkopplung die Theorie des Bewusstseins bauen.(vgl. S.116)

  12. Im Vorblick auf die kommende Darstellung eines höher-stufigen Bewusstseinsmodells merkt Edelman an, dass man Qualia auch verstehen kann als ‚höher-stufige Kategorisierungen‘, die kommunizierbar sind für das ‚Selbst‘, und – etwas schwieriger – für Andere mit ähnlicher mentalen Ausstattung.(vgl. S.116)

THEORIE DES BEWUSSTSEINS: NEURONALES MODELL

Graphische Interprettion von Teilen des Kap.11 von Edelman durch G.Doeben-Henisch

Graphische Interpretation von Teilen des Kap.11 von Edelman durch G.Doeben-Henisch

  1. Nach diesen Überlegungen gibt Edelman nun die erste Version eines neuronalen Modells an, das die von ihm aufgestellten Forderungen an ein primäres Bewusstsein erfüllen soll. (vgl. SS.117-123)

  2. Die Darstellung ist allerdings zu grob, als dass man daraus zu viele Schlüsse ziehen könnte. Klar wird nur, dass er zwei große Pole sieht: (i) die physikalische Außenwelt zum Körper, die über sensorische Signale dem Cortex mit seinen Subsystemen zugeführt wird, parallel, simultan mit vielen primären Kategorisierungen, und dann (ii) das physikalische Innenleben des Organismus, dessen vielfältige Bedürfnislage über das limbische System und über den Thalamus mit den Außenweltereignissen im Rahmen einer weiteren Kategorisierung und zeitlich-räumlichen Aufbereitung als zusammenhängende ‚Szene‘ aufbereitet und ‚bewertet‘ werden kann. Diese Wert-Kategorie-Paare können dann in einem entsprechenden Gedächtnis gespeichert und wieder abgerufen werden. Das Speichern selbst samt der Bewertung gehört aber nicht mehr zum ‚primären Bewusstsein‘; es geschieht außerhalb des Bewusstseins (vgl. S.121, und Schaubild)

  3. In diesem Bild wird das ‚Lernen‘ als ein adaptiver Prozess gesehen, in den die ‚Präferenzen‘ des internen (Selbst-)Systems mit einfließen. (Vgl. S.118)

  4. Das Besondere an der ‚Szene‘ des primären Bewusstseins ist ferner, dass sich hier nicht nur kausale Verknüpfungen finden, sondern auch solche, die durch das Bewertungssystem ‚kommentiert‘ sind. Sie enthalten mögliche Hinweise auf ‚Gefahren‘ oder ‚Belohnung‘. (vgl. S.118, 121)

  5. Evolutionär gilt das ‚innere System‘ (das ‚Selbst-System‘) als älter; es umfasst die primären Erhaltungsfunktionen.(vgl. S.118f)

  6. Generell schätzt Edelman, dass es ein primäres Bewusstsein mit den zugehörigen neuronalen Strukturen ab ca. 300 Mio gibt. (vgl. S.123)

DISKUSSION

Die Diskussion zum Kapitel über das primäre Bewusstsein wird im Anschluss an die Besprechung von Kap.12 zum ‚höherstufigen Bewusstsein‘ geführt, da beide Themen eng zusammen hängen.

QUELLEN

  • James, W. (1890). The Principles of Psychology, in two volumes. New York: Henry Holt and Company.
  • James, W. (1950). The Principles of Psychology, 2 volumes in 1. New York: Dover Publications.
  • James, W. (1983). The Principles of Psychology, Volumes I and II. Cambridge, MA: Harvard University Press (with introduction by George A. Miller).
  • URL: http://psychclassics.yorku.ca/James/Principles/index.htm

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