MEDITATION IN EINER TECHNISCHEN UND WISSENSCHAFTLICHEN WELT? Versuch einer philosophischen Verortung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
7.Mai 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: doeben@fb2.fra-uas.de

 

ÜBERSICHT

I Fragmentierung der Welt als Dauerentfremdung

II Philosophie und Wissenschaft (Idealbild)

II-A Alltagserfahrung – Oberflächen .

II-B Jenseits des Alltags – Wissenschaft

II-C Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

II-D Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

III Erst Reaktionen

III-A Erosion der Wissenschaft ’von innen’

III-B ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’? .

III-C Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Quellen

IDEE

In diesem Text wird aufgezeigt, wie das Phänomen der Meditation im Koordinatensystem der modernen Philosophie und der empirischen Wissenschaften in einer mittlerweile hochtechnisierten Welt verortet werden kann. Ein Deutungsversuch. Er wurde provoziert durch ein Experiment an der Frankfurt University of Applied Sciences, an der seit dem Sommersemester 2017 das Thema ’Meditation’ als offizielles Fach Für alle Bachelor-Studierende der Universität angeboten wird.

I. FRAGMENTIERUNG DER WELT ALS DAUERENTFREMDUNG

In ihren Bachelorstudiengängen erwerben die Studierende grundlegende Kenntnisse über viele verschiedene Einzeldisziplinen. Wieweit diese Disziplinen eher als ’empirische wissenschaftliche Disziplinen’ daherkommen oder doch mehr als ein ’ingenieurmäßiges Anwendungsfeld’ hängt stark vom Charakter der einzelnen Disziplin ab. Sicher ist nur, diese Einzeldisziplinen vermitteln keine ’Gesamtsicht’ der Welt oder des Menschen in der Welt. Ein ’Betriebswirtschaftler’ pflegt einen ganz anderen Zugang zur Welt als ein ’Architekt’, eine ’Case-Managerin’ ist keine ’Elektrotechnikerin’, usw.

Vorab zu allen möglichen Spezialisierungen ist ein Studierender aber primär ein ’Mensch’, ein weltoffenes Wesen, das eine Orientierung im Ganzen sucht, mit einem Körper, der eines der größten Wunderwerke der biologischen Evolution darstellt. Gesellschaftliche Teilhabe, Kommunikation, Verstehen sind wichtige Facetten in einer menschlichen Existenz. Historische Kontexte, Kultur, Werte, eigene Lernprozesse, das eigene Erleben und Lernen, dies alles gehört wesentlich zum Menschsein.

In einer einzelnen Disziplin kommt all dies nicht vor. Wer sich voll in einer bestimmten Disziplin engagiert ist damit nur zu einem kleinen Teil seines Menschseins ’versorgt’. Es klaffen große Lücken. In diesem Kontext ein Modul ’Meditation als kulturelle Praxis’ anzubieten, adressiert ein paar zusätzliche Teilaspekte des studentischen Lebens. Es spricht den persönlichen Umgang mit dem eigenen Körper an, mit spezifischen Körpererfahrungen, die eine feste erlebnismäßige Basis im Strom der Alltagsereignisse bieten können. Damit diese konkrete Praxis nicht ’ir-rational’ daherkommt, werden Teile des kulturellen Kontextes, aus der Geschichte, aus dem heutigen Weltbild, mit erzählt. Wie verstehen Menschen das ’Meditieren’ zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kulturen, heute?

II. PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT (IDEALBILD)

Zwei besonders wichtige Blickweisen in der europäischen Kultur werden durch die modernen empirischen Wissenschaften und durch die moderne Philosophie repräsentiert. Beide entwickelten sich in enger Wechselwirkung seit dem 17.Jahrhundert; sie schufen die Grundlage für moderne Technologien, Gesellschafts- und Wertesysteme. Auch legten sie die Basis für einen Blick auf das Universum, das Leben im Universum, wie auch auf das menschliche Erkennen, wie es in der bisherigen Geschichte des Lebens einmalig ist.

Nun ist der Umfang dieses wissenschaftlichen und philosophischen Wissens zu groß, um es hier auch nur ansatzweise ausbreiten zu können. Es soll aber versucht werden, ausgehend von der Alltagserfahrung und der Praxis der Meditation anzudeuten, wie sich dieses aus Sicht der Philosophie und der empirischen Wissenschaften darstellt.

A. Alltagserfahrung

Oberflächen In seinem Alltag erlebt sich der Mensch mit seinem ’Körper’, der in einem räumlichen Miteinander mit anderen Körpern und Objekten vorkommt. Er erlebt Veränderungen, Verhaltensweisen, asynchron und synchron: Menschen auf einer Straße können wild durcheinander laufen, sie können aber auch gemeinsam diszipliniert in einer Warteschlange stehen, sich im gemeinsamen Tanz bewegen, oder im direkten Gespräch ihr individuelles Verstehen miteinander verschränken.

Zugleich lernt jeder von früh an, dass es ’hinter der Oberfläche’, ’im’ Körper, eine Vielfalt von Ereignissen gibt, subjektive Erlebnisse, die das ’Innere’ eines Menschen charakterisieren. Einiges von diesen Vorgängen ist ’bewusst’, bildet das ’Bewusstsein’ des Menschen. Wir wissen aber heute, dass vieles im Inneren eines Körpers, eigentlich das meiste, ’nicht bewusst’ ist! So sind die ’Inhalte’ unseres ’Gedächtnisses’ normalerweise nicht bewusst; sie können aber bewusst werden, wenn bestimmte Ereignisse uns an etwas erinnern, und herausfordern. Solche Erinnerungen können wie eine Kettenreaktion wirken: eine Erinnerung aktiviert die nächste.

B. Jenseits des Alltags

Wissenschaft Mittlerweile wurde der menschliche Körper, seine Bauweise, viele seiner Funktionen, durch die Biologie, die Physiologie, die Psychologie und durch viele weitere Wissenschaften untersucht und partiell ’erklärt’, dazu auch das Miteinander mit anderen Menschen in seinen vielfältigen Formen.

Wir wissen, dass die ’innere Verarbeitung’ des Menschen die äußeren und die körperinternen Reize nach festen Verfahren zu allgemeinen Strukturen zusammenführt (’Cluster’, ’Kategorien’), diese untereinander vielfach vernetzt, und automatisch in einer Raumstruktur aufbereitet. Zugleich erlaubt das Gedächtnis jede aktuelle Gegenwart mit gespeicherten ’alten Gegenwarten’ zu vergleichen, was ein ’vorher/nachher’ ermöglicht, der Ausgangspunkt für ein Konzept von ’Zeit’. Dazu kommt die besondere Fähigkeit des Menschen, die Ausdrücke einer Sprache mit seinen ’inneren Zuständen’ ’verzahnen’ zu können. Ein Ausdruck wie ’Es ist 7 Uhr auf meiner Uhr’ können wir in Beziehung setzen zu unserer Wahrnehmung eines Gegenstandes am angesprochenen Arm.

Ein wichtiges Charakteristikum biologischer Körper ist auch ihre grundlegende ’Nicht-Determiniertheit’, eine grundlegende Voraussetzung für ’Freiheit’.

Dass diese komplexen inneren Mechanismen des menschlichen Körpers so scheinbar mühelos mit den Gegebenheiten der Körperwelt ’harmonieren’, kommt nicht von ungefähr. Die moderne Biologie mit Spezialgebieten  wie z.B. der ’Mikrobiologie’, der ’Evolutionsbiologie’, der ’Paläobiologie’, der ’Astrobiologie’ 1 zusätzlich vereint mit Disziplinen wie der Geologie, Archäologie, der Klimatologie samt vielen Subdisziplinen der Physik und der Chemie; diese alle haben in über 100 Jahren konzertierter Arbeit die Geschichte der Lebensformen auf der Erde samt den parallelen Veränderungen der Erde mit ihrem Klima häppchenweise entschlüsselt, entziffert, dekodiert und immer wieder neu zu einem Gesamtbild zusammen gefügt. Das Bild, das sich daraus bis heute ergeben hat, zeigt eine ungeheure Vielfalt, eine bisweilen große Dramatik, vor allem aber das erstaunliche Phänomen, wie sich ’biologisches Leben’ anschickt, die freien Energiereserven des Universums ’anzuzapfen’, sie für sich ’nutzbar zu machen’, um damit immer komplexere Strukturen zu schaffen, die über einfache erste Zellen von vor ca. 3.8 Mrd. Jahren zu komplexen (’eukaryotischen’) Zellen führten, zu Zellverbänden, zu Pflanzen, zu Tieren und dann, sehr spät, ’erst vor kurzem’, zu einer Lebensform, die wir ’homo sapiens’ nennen, die sich von Ostafrika aus kommend, in ca. 45.000 Jahren über die ganze bekannte Erde ausgebreitet hat. Das sind wir.

Nimmt man die Erkenntnisse der Astrobiologie hinzu, dann wird deutlich, dass unser Planet Erde bisher eine äußerst ’lebensfreundliche’ Position in unserem Sonnensystem inne hatte; unser Sonnensystem wiederum befindet sich in einem sehr lebensfreundlichen Bereich unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße mit ihren ca. 200 – 400 Mrd. Sternen; erst in ein paar Mrd. Jahren wird die Milchstraße – nach heutigem Kenntnisstand – mit der Andromeda- Galaxie kollidieren, die ca. 1 Bio. Sterne zählt.

C. Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

Verglichen mit den langen Zeiträumen der Entwicklung des bekannten Universums (vor ca. 13.8 Mrd. Jahren), unserer Erde (vor ca. 4.5 Mrd. Jahren), des biologischen Lebens selbst (vor ca. 3.8 Mrd. Jahren) ist das Auftreten des homo sapiens (vor ca. 200.000 Jahre) verschwindend kurz. Betrachtet man nur die Zeit seit der Gründung der ersten Städte (vor ca. 11.000 Jahren), seit dem ersten Computer (vor ca. 88 Jahren), seit dem Internet (vor ca. 48 Jahren), dann muss man sagen, dass wir Menschen uns seit kurzem mitten in einer Revolution befinden, in der digitalen Revolution, die das Zeug dazu hat, die bisherige Lebensweise des homo sapiens so nachhaltig zu verändern, wie vielleicht vergleichbar mit der frühen Seßhaftwerdung des homo sapiens.

Ein Grundzug der Digitalisierung des menschlichen Lebens ist der Aufbau einer parallelen, einer digitalen Welt, in der ungeheure Datenmengen eingelagert werden können, riesige Datenströme schneller als menschliche Gedanken von überall nach überall hin und her strömen können, Daten, die partiell Abbilder, Kopien, Modelle der realen Welt darstellen, in denen Computerprogramme diese Datenberge geräuschlos verwalten, verarbeiten und in Maßnahmen umsetzen können.

Der homo sapiens mit seinem Körper für die Außenwelt und seinen bewussten kognitiven Prozessen in der ’Innenwelt’, wird über Schnittstellen mit der digitalen Welt verkoppelt und lebt immer mehr nur durch das Medium des Digitalen. Sein Körper, die Vorgänge in der Außenwelt, verlieren an Bedeutung. Die wahrgenommene Außenwelt wird zu einem immer kleiner werdenden Segment der subjektiv gedachten und digital aufbereiteten Welt. Falls der homo sapiens die Nutzung der digitalen Welt in der Zukunft nicht grundlegend anders organisiert, wird das einzelne, individuelle Gehirn zu einem bloßen Anhängsel einer neuen digitalen Galaxie, deren Beherrschung und Steuerung sich allen bekannten Kategorien aus der Außenwelt entzieht. Alle bekannten rechtliche, soziale und politische Kategorien werden nicht mehr gelten. Ganze Staaten verlieren ihren Halt, weil ihre Bürger in einer digitalen Welt leben, die von globalen anonymen Kräften beherrscht werden. Bürger mutieren zu ’Realwelt-Zombies’, deren Inneres zum Bestandteil über-individueller globaler Algorithmen geworden ist, die alle individuellen Regungen automatisch beobachten, und nach partiellen ökonomischen Interessen global steuern.

Noch ist diese Vision nicht vollständig wahr, aber doch schon soweit, dass es uns erschrecken sollte. Ist es das, was wir wollen, was wir wollen sollten?

D. Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

Eines der wichtigsten Themen der Philosophie war und ist zu allen Zeiten das Thema der ’Selbstvergewisserung’: wer bin ich, der ich wahrnehme, empfinde, denke, und handle? Bin ich das, was ich wahrnehme, empfinde etc. oder bin ich etwas davon ’Verschiedenes’, oder die ’Synthese’ aus all dem, oder etwas noch ganz anderes?

Die Palette der Antworten ist so breit, wie die Zeit lang ist. Jeder Philosoph hat das Thema irgendwie neu moduliert; bis heute gibt es nicht ’die’ Antwort.

Schon mittendrin in der digitalen Revolution, schon jetzt fast mehr im ’digitalen’ Raum als im ’realen Körperraum’, verschärft sich diese philosophische Fragestellung weiter: wenn das, was ich wahrnehme, immer weniger direkt mit der realen Körperwelt korrespondiert, dafür immer mehr mit digital aufbereiteten Objekten, deren Herkunft zu bestimmen immer schwieriger wird, dann kann es passieren, dass sich das individuelle erkennende Subjekt über eine (digitale) Objektwelt definiert, die weitgehend ein Fake ist, einzig dazu da, den Einzelnen zu manipulieren, ihn zu einem ferngesteuerten ’Diener des Systems’ zu machen, besser: zu einem ’digitalen Sklaven’.

Würde man die aktuelle Entwicklungstendenz der digitalen Revolution so fort schreiben, wie sie aktuell formatiert ist, dann würde dies zur totalen Auslöschung eines freien, kreativen Individuums führen. Denn selbst ein Individuum, das vom Ansatz her ein ’freies’ Individuum ist, würde durch eine reale Lebensform der manifesten digitalen Sklaverei jeglichen Ansatzpunkt verlieren, die Freiheit zu ’materialisieren’.

Um eine solche digitale Sklaverei zu verhindern, kann und muss man die aktuelle digitale Revolution ’um- formatieren’. Statt den menschlichen Benutzer zu einem vollständig manipulierten Bestandteil einer Population von wertfreien Algorithmen zu machen, die von einzelnen narzisstischen, macht-hungrigen und menschenverachtenden Menschen global gesteuert werden, sollte man den digitalen Raum neu, von ’unten-nach-oben’ organisieren. Der einzelne Mensch muss wieder zum Taktgeber werden, die individuelle Freiheit, Kreativität und in Freiheit geborenen Werte müssen in einer freien Gesellschaft wieder ins Zentrum gerückt werden, und die diversen Algorithmen und Datengebirge müssen diesen individuellen Freiheiten in einer demokratischen Gesellschaft ’dienen’!

Eine Grundvoraussetzung für solch eine neue ’Selbstvergewisserung’ von ’Freiheit’ ist eine radikale, authentische Selbstwahrnehmung des ganzen individuellen Daseins, weit-möglichst frei von manipulierten und gefakten Fakten. Natürlich kann dies nicht bedeuten, dass der Mensch sich all seiner Erfahrungen, all seines Wissens ’entleert’, das wäre die andere Form von Versklavung in der Dunkelheit eines radikalen ’Nicht-Wissens’. Aber in all seinen Erfahrungen, in all seinem Wissen, braucht es die Erfahrung ’seiner selbst’, wie man ’faktisch ist’, man ’selbst’, mit seinem ’Körper’, in einer Erfahrungswelt, die dem menschlichen Tun ’vorgelagert’ ist als das, was wir ’Natur’ nennen, die ’aus sich heraus gewordene und werdende Wirklichkeit’ der Erde im Universum, des Lebens auf der Erde, von dem wir ein Teil sind.

Natürlich, und das wissen wir mittlerweile, gerade auch durch das philosophische Denken im Einklang mit den empirischen Wissenschaften, haben wir Menschen niemals einen völlig authentischen, einen völlig ’ungefilterten’ Zugang zur ’Natur’. Einmal nicht, weil das menschliche Vermögen des Wahrnehmens und Verstehens aus sich heraus ’konstruktiv’ ist und wir die ’Außenwelt’ grundsätzlich nur im Modus unserer ’Innenwelt’ ’haben’, zum anderen nicht, weil wir selbst Teil dieser Natur sind und durch unsere Aktivitäten diese Natur mit verändern. Die erlebbare Natur ist von daher immer schon eine ’vom Menschen mit-gestaltete Natur’! Je mehr wir dies tun, je mehr wir selbst als Teil der Natur die Natur verändern, umso weniger können wir die Natur ’vor’ oder ’ohne’ den Menschen erleben.

Dennoch, bei aller ’Verwicklung’ des Menschen mit der umgebenden Natur, und heute noch zusätzlich mit der selbst geschaffenen digitalen Wirklichkeit, gibt es keine Alternative zu einer praktizierten Selbstvergewisserung mit vollem Körpereinsatz. Dies können intensive Formen körperlicher Aktivitäten sein – wie z.B. Gehen, Laufen, Fahrrad fahren, Mannschaftssport, Tanzen, Musizieren, … –, dies kann aber auch das ’Meditieren’ sein. Im Meditieren, mit dem Atmen als ’Referenzpunkt’, kann sich der einzelne mit all seinen Befindlichkeiten als ’Ganzes’ erleben, als direkt Gegebenes, mit einem ungefilterten Erleben, mit einer Feinheit des Erlebens, die nicht durch Alltagsrauschen ’überdeckt’, ’maskiert’ wird, und der einzelne kann darin nicht nur ’physiologische Entspannung’ finden, sondern auch – über die Zeit – durch seine erweiterte Wahrnehmung zu neuen, differenzierteren ’Bildern seiner selbst’ kommen, zum ’Entdecken’ von ’Mustern’ des Daseins, die über den aktuellen Moment hinaus auf Wirkzusammenhänge verweisen, die im Alltagsrauschen normalerweise völlig untergehen. Darüber hinaus können sich – meist auf Dauer – Erlebnisse, Erfahrungen einstellen, die sich in spezifischer Weise ’wohltuend’ auf das gesamte Lebensgefühl eines einzelnen auswirken, die einen ’gefühlten Zusammenhang mit Allem’ ermöglichen, der das ’Gefühl für das Ganze’ deutlich verändert. Dieses ’Wohlfühlen’ ist ’mehr’ als physiologische Entspannung, es sind ’Gefühle eines komplexen Existierens’, zu dem nur biologische Systeme fähig sind, deren Körper aufgrund ihrer quanten-physikalischen Offenheit in allen Richtungen Wirklichkeit ’registrieren’ können. Auch das Thema sogenannter ’mystischer’ Erfahrungen gehört in diesen Kontext. Leider gibt es dazu kaum wissenschaftliche Forschungen, aber viele Phänomene, die der Erklärung harren.

III. ERST REAKTIONEN

Obwohl dieser Text erst wenige Tage alt ist, kam es schon zu interessanten Rückmeldungen. Einige davon seien hier ausdrücklich genannt, da sie helfen können, den Kern der Aussage noch weiter zu konturieren.

A. Erosion der Wissenschaft ’von innen’

Wenn im vorausgehenden Text von ’Wissenschaft’ die Rede ist, dann wurde in diesem Text ein Idealbild von Wissenschaft unterstellt, das es so heute ansatzweise gar nicht mehr gibt, und das tendenziell dabei ist, sicher weiter zu verwischen. Für das Projekt einer Zukunft mit dem homo sapiens als aktivem Teilnehmer ist dies brandgefährlich!

Für eine ausführliche Beschreibung dieser beginnenden Erosion von Wissenschaft bräuchte es einen längeren Text. Hier zwei Beispiele, die als erste ’Indikatoren’ dienen mögen.

Vor wenigen Tagen hatte ich Gelegenheit, im Rahmen eines sogenannten ’Graduiertenkollegs’ mit Studierenden von 6 verschiedenen Universitäten mit 7 verschiedenen akademischen Profilen arbeiten zu können; alle waren DoktorandenInnen.

Wir nahmen uns zu Beginn die Zeit, mittels einfacher Zettel, mal zusammen zu stellen, was jedem von ihnen zum Thema ’Wissenschaft’ einfällt. Das Ergebnis war erschreckend. Kein einziger war in der Lage, ein auch nur annähernd ’korrektes’ Bild dessen zu zeichnen, was ’standardmäßig’ unter dem Begriff ’Wissenschaft’ zu verstehen ist; keiner. Nachdem wir dann in Ruhe alle Beiträge gemeinsam diskutiert und in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet hatten (mit vielen Ergänzungen), war die einhellige Reaktion, dass sie dieses in ihrem ganzen Studium noch nie gehört hätten, und dass sie ein großes Interesse hätten, dazu mehr zu erfahren.

Also, eine Zufallsauswahl von jungen Menschen, die eine Doktorarbeit schreiben wollen, war nicht in der Lage, ein belastbares Konzept von ’Wissenschaft’ zu kommunizieren, und das nach ca. 5-6 Jahren Studien an 6 verschiedenen Universitäten in 7 verschiedenen Fachprofilen.

Wer diesen Befund jetzt mit dem Hinweis wegwischen möchte, dass dies auf keinen Fall repräsentativ sei, dem möchte ich ein neueres Handbuch der Wissenschaftsphilosophie zu den Philosophien der Einzelwissenschaften zur Lektüre empfehlen (siehe: [LR17]). In diesem Buch von 2017 wird von Experten der Wissenschaftsphilosophie in 22 Kapiteln sehr kenntnisreich, mit umfänglichen Literatursammlungen, dargelegt, was heute die großen Strömungen im Verständnis von Wissenschaft sind. Was man in diesen Texten nicht findet – ich konnte bislang 6 von 22 Kapiteln lesen –, ist ein klares Konzept, was dann heute unter ’Wissenschaft’ verstanden wird oder verstanden werden sollte. Wenn mir beispielsweise für die Disziplinen Mathematik, Philosophie, Ingenieurwissenschaften und Psychologie – ohne Zweifel sehr kenntnisreich – allerlei Strömungen und Problemdiskussionen präsentiert werden, das Fach selbst samt Wissenschaftsbegriff aber nicht zuvor geklärt wird, dann ist die Aufzählung von all den interessanten Aspekten wenig hilfreich. Alles verschwimmt in einem großen Brei. Und die Studierenden (siehe das Beispiel oben) durchlaufen den Wissenschaftsbetrieb und wissen nachher eigentlich nicht, was man unter ’Wissenschaft’ versteht bzw. verstehen sollte.

Das meine ich mit ’innerer Erosion’ von Wissenschaft: der Wissenschaftsbetrieb als ganzer weist heute riesige, komplexe Organisationsformen auf, verschlingt riesige Geldsummen, aber keiner scheint mehr zu wissen, was es eigentlich ist, was man da macht.

B. ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’?

Ein ähnliches Phänomen kann man im Umfeld des Phänomens der ’Digitalisierung von Gesellschaft’ beobachten. Mittlerweile vergeht nicht ein Tag, an dem nicht in Zeitungen, im Fernsehen, in Fachartikeln, in Romanen das Phänomen der Digitalisierung beschworen wird. Zumeist hält man sich bei einigen Auswirkungen auf, die in der Tat bedrohlich erscheinen oder sogar sind, aber fast nirgends findet man fundierte Analysen von jenen Technologien, die ’hinter’ den Phänomenen tatsächlich am Werk sind. Am schlimmsten ist das Wort ’Künstliche Intelligenz’. Obwohl es bis heute keine wirklich akzeptierte Definition gibt, jeder damit etwas anderes meint (Anmerkung: Eines der am häufigsten zitierten Lehrbücher zur künstlichen Intelligenz enthält über viele hundert Seiten unzählige Beispiele von einzelnen mathematischen Konzepten (und Algorithmen), aber eine klare Definition wird man nicht finden, auch keine klare Einordnung in das Gesamt von Wissenschaft; siehe [RN10] )  wird so getan, als ob klar ist, was es ist, als ob es so einfach wäre, dass künstliche Intelligenz sich verselbständigen könnte und die ’Herrschaft über die Menschen’ übernehmen wird. Zeitgleich fällt das Bild vom Menschen in ein schwarzes Loch des Nichtwissens, aus dem es kein Entrinnen gibt, um der umfassenden gesellschaftlichen ’Hypnose’ der Digitalisierung ein paar vernünftige Gedanken entgegen zu setzen. Eine der wenigen kritische, dekonstruierende Stellungnahme ist für mich ein Artikel von Sarah Spiekermann (siehe [Spi18]), in dem sie die ernüchternde Schwachheit des ganzen Big-Data-Ansatzes klar ausspricht und welche Gefahren gerade dadurch für uns als Gesellschaft davon ausgehen. Nicht die ’Stärke’ dieser Algorithmen bildet eine Gefahr, sondern ihre grandiose Schwäche, durch welche die Komplexität der Gegenwart und die noch größeren Komplexität der noch unbekannten Zukunft vor unserem geistigen Auge verdeckt wird.

C. Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Einen anderen interessanten Reflex durfte ich erfahren (nicht unbedingt erst seit diesem Text): diejenigen, die Meditation schon für ihr Leben entdeckt haben, es bisweilen viele Jahre oder gar schon Jahrzehnte, praktizieren, reagieren spontan mit Abwehr auf die ’Vereinnahmung’ von Meditation durch Reflexion, durch Wissen, was sie als ’Quelle von Störungen’ erfahren, als Hindernis zur tieferen, inneren Erkenntnis und Erfahrung.

Kommunikation in diesem Kontext wird dadurch erschwert, dass das Phänomen ’Meditation’ ja nicht nur über tausende von Jahren in unterschiedlichen kulturellen Kontexten praktiziert und interpretiert wurde (und niemand beherrscht rein wissensmäßig alle diese Traditionen), sondern die Meditationserfahrung selbst spielt sich in jenen inneren Bereichen des Körpers ab, die sich einem direkten ’Zugriff von außen’ entziehen und die von daher schwer bis gar nicht mit ’klaren sprachlichen Ausdrücken’ kommunizierbar sind. Jeder muss immer unterstellen, dass der andere ’das Gleiche’ meint, wie man selbst, ohne es wirklich kontrollieren zu können. Auch die modernen Verfahren der Hirnforschung bieten hier nur sehr abstrakte, äußerliche Kriterien zu irgendwelchen physiologischen Parametern, die keinen direkten Schluss auf die tatsächlichen internen Prozesse zulassen (dazu: Jonas/ Kording (2017) [JK17]).

Zu diesen objektiven Schwierigkeiten kommt aber dann eine verbreitete subjektive Abwehr von Reflexion in meditativen Kontexten, da es sowohl dominante Tendenzen in den verschiedenen Traditionen gibt, die diese ’inneren Prozesse/ Zustände/ Erlebensformen…’ im direkten Gegensatz zu ’diskursiven Tätigkeiten’ sehen, wie auch durch die Tatsache bedingt, dass die ’alten Traditionen’ die modernen (wissenschaftlichen und philosophischen) Sichtweisen in keinster Weise kannten. Obwohl also einerseits die Meditation selbst ’diskursfrei’ gesehen wird, wird ihre ’Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext’ mit einem begrifflichen Rahmen ’verpackt’, ’interpretiert’, der von modernen Erkenntnissen ’unberührt’ ist.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man zwischen dem ’inneren meditativen Erfahrungsraum’ und den sekundären begrifflichen Erklärungsmustern klar unterscheiden würde. Egal ob ein Buddhist, eine Jude, ein Christ oder ein Muslim – oder wer auch immer – etwas zu Meditation sagt, das ’Reden über Meditation’ ist nicht gleichzusetzen mit dem Meditieren selbst und den hier stattfindenden Ereignissen. Wie eine Reihe von Untersuchungen nahelegen (z.B. Stace (1960) [Sta60]), kann der gleiche Sachverhalt, je nach kulturellem Vor- Wissen, ganz unterschiedliche interpretiert werden.

Von daher kann es sehr wohl sein – und der Autor dieser Zeilen geht davon aus – dass der ’Innenraum’ des Meditierens im ’Lichte’ der Erkenntnisse der neueren Philosophie(en) und Wissenschaften eine ganz neue Deutung finden kann. Insofern das Meditieren im Grundansatz an den Phänomenen des ’Innenraums’ orientiert ist (die nichts mit den Phänomenen des ’Außenraums’ zu tun haben müssen!), hat Meditation eine an ’Erfahrung’ orientierte Ausrichtung, die von allen, die sich ’in gleicher Weise’ verhalten, ’im Prinzip reproduzierbar’ ist. Bezieht man die aktuellen empirischen Wissenschaften mit ihren reproduzierbaren Messprozessen auf die ’intersubjektiven Phänomene’ des ’Körperraums’, dann weisen die meditativen Erfahrungen hin auf einen ’erweiterten Erfahrungsraum’, der sich bislang nur durch den vollen Körpereinsatz unter Einbeziehung der ’Phänomene des Innenraums’ manifestiert, und der ansatzweise erfahrungsmäßig reproduzierbar ist.

Während der Innenraum der Meditation im Prinzip versucht, reflektierende Prozesse ’raus zu halten’, kann die begleitende Reflexion vorher und nachher sehr wohl versuchen, das Getane und Erlebte mit dem verfügbaren Wissen zu vernetzten und damit in bekannte Zusammenhänge einzuordnen. Genauso wenig aber, wie aus empirischen Messwerten ’rein automatisch’ Modelle oder Theorien folgen, genauso wenig folgen aus meditativen ’Erlebnissen/ Erfahrungen…’ irgendwelche Modelle oder Theorien. Jede Art von übergreifendem Zusammenhang ist die kreative Eigenleistung eines Individuums und muss sich vor dem Gesamtheit der Erfahrung und im Experiment ’bewähren’.

Vor diesem Hintergrund kann keine Zeit für sich einen absoluten Interpretationsanspruch zum Phänomen der Meditation beanspruchen! Im Gegenteil, jede neue Zeit ist herausgefordert, bisherige Interpretationen im Lichte neuer Erfahrungen, neuer Experimente, immer wieder zu überprüfen.

LITERATUR

[JK17] E. Jonas and K.P. Kording. Could a neuroscientist understand a microprocessor? PLoS Comput Biol, 13(1):1–24, January 2017.

[LR17] Simon Lohse and Thomas Reydon. Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (Germany), 1 edition, 2017.

[RN10] Stuart Russel and Peter Norvig. Artificial Intelligence. A Modern Approach. Universe Books, 3 edition, 2010.

[Spi18] Sarah Spiekermann. Die große big-data-illusion. FAZ, (96):13, 25.April 2018.

[Sta60] W.T. Stace. Mysticism and Philosophy. Jeremy P.Tarcher, Inc., Lo Angeles (CA), 1 edition, 1960.

KONTEXT BLOG

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INFORMELLE KOSMOLOGIE. Teil 3a. Evolution – Wahrheit – Gesellschaft. Synopse der bisherigen Beiträge zur Wahrheit in diesem Blog

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
20.März 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Abstract

Auf der Suche nach dem Neuen Menschenbild im Spannungsfeld von Philosophie, empirischen Wissenschaften und Computertechnologie schält sich heraus, dass ein Bindeglied in allem das Wechselspiel von Akteuren in Umgebungen ist, die sich mittels Kommunikation koordinieren. Die Anzahl hier relevanter Artikel und Bücher geht in die Hunderte, wenn nicht in die Tausende. Interessanterweise scheint der oft geschundene, vielfach wegdiskutierte Begriff der ’Wahrheit’ hier eine neue Bedeutung zu gewinnen. Die Arbeitshypothese lautet: Wahrheit ist ein unabdingbarer Rohstoff jeder nachhaltigen Gesellschaft. Diese These soll in folgenden Szenarien ’getestet’ werden: (i) Evolutionäre Zubereitung bisher; (ii) Individuum und Gesellschaft; (iii) Die Mensch-Maschine Superintelligenz. Diese Artikelserie beginnt mit einer kurzen Zusammenschau der bisherigen Artikel im Blog seit 2011, die das Thema ’Wahrheit’ im Titel hatten.
So unterschiedlich diese Artikel sind, sie sind die ’Vorboten’ einer neuen Sicht auf das Ganze, in der der einzelne gleichberechtigt ist mit dem Ganzen: das Ganze ohne den einzelnen ist Nichts, und der einzelne ohne das Ganze ist ’fast nichts’.

I. ÄLTERE BEITRÄGE ZUM WAHRHEITSBEGRIFF

Hier die Blogbeiträge, die sich in den letzten Jahren explizit mit der Bedeutung und der Rolle von ’Wahrheit’ beschäftigt hatten:

1) Nr.32 vom Juli 2011: Wahrheit im Alltag . Hier die Idee, dass die Wahrheit einerseits zwar in den Strukturen der Welt fundiert ist, andererseits dem einzelnen aber nur im Modus seines Bewusstseins zugänglich ist. Im Bewusstsein können diese Strukturen starke Modifikationen erfahren.

2) Nr.76 vom April 2012: WAHRHEIT ALS UEBERLEBENSNOTWENDIGKEIT; WEISHEIT ALS STRATEGIE
Fortführung der Idee, dass die Strukturen der Welt sich in unterschiedlichen Bildern (Modellen) im Kopf eines Menschen niederschlagen können. Durch die reale Interaktion mit seiner Umgebung wirken dann diese Modelle über das Verhalten in die Welt hinein. Wenn sie unangemessen oder ’falsch’ sind, kann dies entsprechende Folgen haben.

3) Nr.82 vom August 2012: DIE WAHRHEIT IST GANZ UND GAR NICHT KÄUFLICH Hier wird der gleitende Übergang von biologischen Systemen ohne Bewusstsein zu Systemen mit Bewusstsein angesprochen. Auch Systeme ohne Bewusstsein verfügen über Verhaltensmuster, die sich an aktuellen Sinnesreizen orientieren, die von der Umgebung ausgelöst werden. Ein Muster ist dann ’passend’, wenn es zu den Auslösereizen ’gehört’. Mit der Herausbildung von Nervensystemen nimmt die Möglichkeit zu, verschiedene Handlungsalternativen für eine Situation ’auszuwählen’. Wichtig ist hier, dass das ’Passende’, die ’Wahrheit’ als Referenzpunkt die
jeweilige Umgebung hat, die dem einzelnen System ’voraus liegt’; sie ist in diesem Sinne ’nicht käuflich’.

4) Nr.108 vom Januar 2013: EINSCHUB: WAHRHEIT vs. KAPITAL  Die schon früher angesprochene Interaktion des einzelnen Systems mit seiner Umgebung und die innerhalb dieser Aktionen sich realisierende Wahrheit kann dadurch in Abhängigkeiten
von Rahmenbedingungen geraten, die für die Gewinnung von ’wahren Bildern/ Modellen’ ’abträglich’ ist. So haben z.B. Firmen sehr harte Überlebensregeln, die den Handlungsraum für ’wahre Modelle’ meistens sehr einschränken; das Gleiche gilt für allerlei Behörden und für die unterschiedlichen politischen Systeme.

5) Nr.168 vom Oktober 2013: DIE WAHRHEIT  ERSCHEINT IM BETRACHTER – Oder: WARUM WIRNUR GEMEINSAM DAS ZIEL ERREICHEN KÖNNEN  Hier
wird der Aspekt der Abhängigkeit des einzelnen in seinem Erkennen von der Welt von seiner Geschichte und seiner Umgebung herausgestellt. Ferner die wechselseitige Beeinflussung untereinander über die aktuellen Weltbilder. Dazu der Aspekt, dass es für die Erkenntnis der Wahrheit nicht ausreicht, einzelne Augenblicke zur Kenntnis zu nehmen, sondern man kann ’Zusammenhänge’ und ’Regelhaftigkeiten’ nur durch
Zusammenschau vieler einzelner Augenblicke erfassen. Das Erkennen der ’Wahrheit’ muss ein Projekt von allen sein. Unsere subjektive ’Falschheit’ hebt die ’objektive’ Wahrheit nicht notwendigerweise auf, kann sie aber für das erkennende Subjekt ’unsichtbar’ machen.

6) Nr.202 vom März 2014: DIE WAHRHEIT BEGINNT IM CHAOS  Da wir jenseits unserer eigenen Wahrheit die ’wahre Wahrheit’ der Welt nicht kennen, können wir auch nicht definitiv sagen, ob die Welt ein Chaos ist oder irgendeine Ordnung. Zu Beginn
ist alles erst mal Chaos. Von daher beginnt die Erkenntnis der Wahrheit im Chaos. Das jeweilige Wissen ist eine Momentaufnahme einer unbekannten Vorgabe, und muss daher grundsätzlich als versuchsweise Annäherung begriffen werden. Die scheinbare Ordnung eines Wissens kann ein Artefakt der Weltfremdheit sein.

7) Nr.223 vom August 2014: WIEDER TRITT FINDEN – Nach einer längeren Pause
– WAHRHEIT, DEMOKRATIE, RELIGIONen
Eine wichtige Grundeinsicht: die einzig ’wirklichen’ und ’wahrheitsfähigen’ Erkenntnisse finden sich nicht schon  in den primären Ereignissendes Alltags, sondern erst und einzig im ’verarbeitenden Denken’, in den Aktivitäten der individuellen Gehirne,
soweit diese in der Lage sind, solche allgemeinen Muster zu erzeugen und damit weiter zu arbeiten. Die bisherige Geschichte hat keine funktionierende und allgemeine Wahrheitstheorie hervorgebracht. Starke Widerstände für eine moderne Sicht der Wahrheit kam von allen Religionen. Das juristische Denken ist auch wenig geeignet, Erkenntnis von Wahrheit zu fördern.

8) Nr.263 vom Januar 2015: HYSTERIE: NEIN, SOLIDARITÄT: JA – DAHINTER WARTET DIE WAHRHEIT
Das alltägliche Überleben erzwingt Vereinfachungen im Weltverstehen; dies kann kontraproduktiv werden. Förderliche Faktoren für wahres Wissen können sein: reale Toleranz, Rechtssicherheit, umfassende Bildung, funktionierende Infrastrukturen, darin eingebettet Handel und Wirtschaft. ’Wahrheit’ und ’Falschheit’ sind entscheidbare Sachverhalte, die die Basis für unsere Weltbetrachtung bilden sollten. ’Gut’ und ’Böse’ sind hingegen ’Wertvorstellungen’ von sozialen Gruppen, die – sofern sie verstehbar sind – dazu verwendet werden können, innerhalb einer sozialen Gruppe das gemeinsame Verhalten zu ’regeln’. Eine rationale Anwendung von Gut-Böse-Regeln setzt die Möglichkeit der Wahrheitsfindung voraus. Im Konzept der religionsfreien
Wissenschaft wurden die Regelsysteme ’zurückgeholt’ aus der Sphäre der Unkontrollierbarkeit und im Hier und Jetzt verankert. Damit die Menschen wieder Herr ihrer eigenen Regeln sein können, wurden Regeln ’kritisierbar’, konnte man menschlich aufgestellte Regeln ändern, wenn die Wirklichkeit ihnen entgegen stand.

 

9) Nr.395 vom Juli 2017: DAS NEUE ALS PROBLEM DER WAHRHEIT – Zwischenbemerkung
Es gibt viele Gründe in der Gegenwart, warum selbst angestammte Bereiche der Wahrheit wie die empirischen Wissenschaften, Erosionserscheinungen aufweisen; … Dennoch können all diese Verformungen und Entartungen nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass – selbst wenn traditionelle Wahrheits-Begriffe möglicherweise korrigiert, justiert werden müssen (im öffentlichen Bewusstsein) – die grundlegenden
Sachverhalte der Übereinstimmung unseres virtuellen Denkens mit einer jenseits dieses Denkens unterstellten objektiven Wirklichkeit weiterhin von grundlegender Bedeutung und lebenswichtig sind… Nach dem Aufwachen folgen viele, viele Stunden von Verhaltensweisen, die sich beständig dadurch speisen, dass man Wissen
über eine Welt hat, die sich in den konkreten Handlungen dann auch bestätigen. Das ist unser primärer, alltäglicher Wahrheitsbegriff: Es verhält sich im Handeln so, wie wir in unserem Denken annehmen… Zu dieser Alltagserfahrung gehört auch, dass wir uns manchmal irren…Alle diese Irrtumserfahrungen lassen uns aber nicht grundsätzlich an unserer Fähigkeit zweifeln, dass wir ein handlungstaugliches Bild von der Welt haben können. Dieses Bild, sofern es funktioniert, nennen wir ’wahr’…. ’Neues’ definiert sich …
dadurch, dass es mit dem bisher Bekannten nichts oder nur wenig zu tun hat. Wirklich ’Neues’ lässt ein Stück Wirklichkeit aufbrechen, das wir so bislang nicht kennen… Innovation als Kern des biologischen Lebens…

10) Nr.396 im Juli 2017: WAHRHEIT CONTRA WAHRHEIT. Notiz
In diesem Beitrag wird die mögliche Bedeutung des Begriffs ’Wahrheit’ sehr vielschichtig  betrachtet. Nach Kapiteln mit den Überschriften ARBEITSDEFINITION VON WAHRHEIT, WAHRHEIT UND LEBENSFORM sowie GEDANKE UND REALE WELT folgt ein Schlusskapitel mit der Überschrift EINE KULTUR DER
WAHRHEIT? In diesem finden sich folgende Thesen:
a) Wenn man sieht wie unglaublich stark die Tendenz unter uns Menschen ist, aktuelle, partielle Wahrheiten (die aus Sicht des einzelnen nicht partiell, sondern universell sind) mit einer bestimmten Alltagspraxis zu verknüpfen und diese fest zu schreiben, dann könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was wir als Menschen tun können, um dieser starken Tendenz ein natürliches Gegengewicht gegenüber zu stellen, das dem Trieb zu partiellen Wahrheit entgegenwirken könnte.
b) Innerhalb der Rechtsgeschichte kann man beobachten, wie im Laufe von Jahrtausenden das Recht des Angeklagten häppchenweise soweit gestärkt wurde, dass es in modernen Staaten mit einem funktionieren Rechtssystem üblich geworden ist, jemanden erst dann tatsächlich zu verurteilen, nachdem in nachvollziehbaren, transparenten Verfahren die Schuld bzw. Unschuld objektiv festgestellt worden ist.
Dennoch kann man sehen, dass gerade in der Gegenwart in vielen Staaten wieder eine umgekehrte Entwicklung um sich greift: der methodische Respekt vor der Gefahr partieller Wahrheiten wird einfach über Bord geworfen und Menschen werden allein aufgrund ihrer Andersartigkeit und eines blinden Verdachts vor-verurteilt, gefoltert, und aus ihren gesellschaftlichen Stellungen verjagt.
c) Innerhalb der Welt der Ideen gab es eine ähnliche Entwicklung wie im Rechtssystem: mit dem Aufkommen der empirischen experimentellen Wissenschaften in Kooperation mit mathematischen Strukturen konnte das Reden über Sachverhalte, über mögliche Entstehungsprozesse und über mögliche Entwicklungen auf ganz neue Weise transparent gemacht werden, nachvollziehbar, überprüfbar, wiederholbar,
unabhängig von dem Fühlen und Meinen eines einzelnen – Anmerkung: Allerdings nicht ganz! –. Diese Art von Wissenschaft kann großartige Erfolge aufweisen, ohne die das heutige Leben gar nicht vorstellbar wäre. Doch auch hier können wir heute beobachten, wie selbst in den Ländern mit einem entwickelten Wissenschaftssystem die wissenschaftlichen Prinzipien zunehmen kurzfristigen politischen
und ökonomischen Interessen geopfert werden, die jeweils auf den partiellen Wahrheiten der Akteure beruhen.

d) Es drängt sich dann die Frage auf, ob der Zustand der vielen (partiellen) Wahrheiten generell vermeidbar wäre bzw. wie man ihn konstruktiv nutzen könnte, um auf der Basis der partiellen Wahrheiten zu einer umfassenderen Wahrheit zu kommen.
e) Die Alternative ist die berühmte offene Gesellschaft, in der eine Vielfalt von partiellen Wahrheiten möglich ist, verbunden mit dem Vertrauen, dass die Vielfalt zu entsprechend vielen neuen erweiterten partiellen Wahrheiten führen kann (nicht muss!). Hier gibt es – im Idealfall – eine Fülle unterschiedlicher Medien und keine Zensur. Entsprechend wären auch alle Lern- und Erziehungsprozesse nicht an einem Drill,
einer autoritären Abrichtung der Kinder und Jugendlichen orientiert, sondern an offenen, kreativen Lernprozessen, mit viel Austausch, mit vielen Experimenten.
f) Allerdings kann man beobachten, dass viele Menschen nicht von vornherein solche offenen, kreativen Lernprozesse gut finden oder unterstützen, weil sie viel anstrengender sind als einfach einer autoritären Vorgabe zu folgen. Und es ist ein historisches Faktum, dass partielle Wahrheitsmodelle bei geeigneter
Propaganda und gesellschaftlichen Druck eine große Anhängerschaft finden können. Dies war und ist eine große Versuchung für alle narzisstischen und machtorientierten Menschen. Das scheinbar Einfachere und Bequemere wird damit sprichwörtlich zum ’highway to hell’.
g) Für eine offene Gesellschaft als natürlicher Entwicklungsumgebung für das Entstehen immer allgemeinerer Wahrheiten sowohl in den Beteiligten wie auch im Alltag scheinen von daher geeignete Bildungsprozesse sowie freie, unzensierte Medien (dazu gehört heute auch das Internet) eine grundlegende Voraussetzung zu sein. Die Verfügbarkeit solcher Prozesse und Medien kann zwar keine bessere gedachte und gelebte Wahrheit garantieren, sie sind allerdings notwendige Voraussetzungen, für eine umfassendere Kultur der Wahrheit. (Anmerkung: Natürlich braucht es noch mehr Elemente, um einen einigermaßen freien Raum für mögliche übergreifende Wahrheiten zu ermöglichen.)
h) Vor diesem Hintergrund ist die weltweit zu beobachtende Erosion von freien Medien und einer offenen, kreativen Bildung ein deutliches Alarmsignal, das wir Menschen offensichtlich dabei sind, den Weg in ein wahrheitsfähige Zukunft immer mehr zu blockieren. Letztlich blockieren wir uns als Menschen damit nur selbst. Allerdings, aus der kritischen Beobachtung alleine folgen keine wirkenden konkreten Verbesserungen. Ohne eine bessere Vision von Wahrheit ist auch kein alternatives Handeln möglich.
Deswegen versuchen ja autoritäre Regierungen immer, zu zensieren und mit Propaganda und Fake-News die Öffentlichkeit zu verwirren.

11) Nr.409 vom Oktober 2017: EIN HOMO SAPIENS – VIELE BILDER. Welches ist wahr? .
Ein sehr intensiver Artikel. Nach Kapiteln wie ’Vielfalt trotz Einheit’, ’Wahrheit, die ich meine’, ’Wahrheitsmechanismen’, ’Gegenwart, Gestern, Morgen’, ’Eigener Lebensraum, ganz woanders’, ’Interpretierte Wahrnehmung’, ’Erfahrung liefert Bilder’, ”Wie das ’Richtige’ Lernen?”, ’Mengenbegrenzungen’, ’Mustererkennen’, ’Spezialisierungen’, ’Wechselwirkungen aufdecken’, ’Geeignete Wissensformen’, ’Verloren im
Fragment’, ’Fehlende Präferenzen’ sowie ’Menschenbilder’ fragt der Schlussabschnitt: ’Was Tun?’ Dort kann man lesen:

Es ist eines, einen Sachverhalt zu diagnostizieren. Es ist eine ganz andere Frage, ob man aus solch einer Diagnose irgendeinen Handlungsvorschlag generieren kann, der eine deutliche Verbesserung mit sich bringen würde.

Angesichts der zentralen Bedeutung des Wissens für das Verhalten des Menschen eingebettet in Präferenz/
Bewertungsstrukturen, die in einem Lernprozess verfügbar sein müssen, bei gleichzeitiger Berücksichtigung der quantitativen Beschränkungen des biologischen Systems bräuchte es neue Lernräume, die solch ein verbessertes Lernen unterstützen. Ganz wichtig wäre es dabei, das Wissen nicht nur ’jenseits des Individuums’ zu kumulieren (die Cloud für alle und alles), sondern den einzelnen als einzelnen zu stärken, auch als soziales Wesen. Dazu braucht es eine grundlegende Re-Analyse dessen, wie der Mensch mittels neuer digitaler und Cyber-Technologien sowie Humantechnologie seinen Möglichkeitsraum vergrößern kann. Dies wiederum setzt voraus, dass es eine Vision von Gesellschaft der Zukunft gibt, in der der homo sapiens
überhaupt noch eine Rolle spielt.

Dies wird gerade von elitären Machtgruppen immer mehr in Frage gestellt.

Wo gibt es ernsthafte Visionen für humane Gesellschaften für Morgen?

Diese Aufgabenstellung ist nichts für einen allein; hier sind alle, jeder auf seine Weise, gefragt.

12) Nr.411 vom November 2017: WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT
Hier wird aufgezeigt, dass eine Kultur der Zukunft ohne Wahrheit unmöglich ist. Wahrheit ist der entscheidende, absolut unabdingbare Rohstoff für eine Kultur der Zukunft… die zentrale Bedeutung von Kommunikationsprozessen …Diese sollten so sein, dass alle Beteiligten des politischen Diskurses in der Lage sind, die möglichen Ziele und Argumente dafür und dagegen, die sie sprachlich austauschen, auf ihren Sachgehalt hin soweit klären zu können, dass alle Beteiligten nachvollziehen könnten, was damit gemeint ist und warum diese Maßnahmen mit Blick auf die Zukunft Sinn machen. … besondere Rolle des homo sapiens in der Evolution…

13) Nr.416 vom Januar 2018: WENN PHILOSOPHISCHE SACHVERHALTE POLITISCH RELEVANT WERDEN...
Die Freilegung von Wahrheit durch philosophisches Denken bleibt wirkungslos, wenn das Alltagsdenken – und die Politik gehört dazu – sich der Wahrheit verweigert. … … Zu internen Bildern von der Welt zu kommen, die angemessen sind, die wahr sind, ist zwar nicht einfach, verlangt einen großen gemeinschaftlichen Aufwand, ist aber grundsätzlich bei aller bleibenden Vorläufigkeit möglich. Zugleich wurde auch klar, wie leicht das
Erarbeiten von angemessenen Weltbildern von einer Vielzahl von Faktoren im individuellen wie auch im gemeinschaftlichen Einflussbereich gestört werden kann, so massiv, dass die Bilder unangemessen/ falsch werden können. … Obwohl Philosophen in vielen Jahrtausenden und Kulturen sich daran versucht haben, das Phänomen der Wahrheit zu fassen, gibt es bis heute kein philosophisches Konzept der Wahrheit, das in allen philosophischen Schulen, in allen Kulturen einheitlich verstanden und akzeptiert ist. Man hat eher den Eindruck, dass gerade die neuere Philosophie – sagen wir seit Ludwig Wittgenstein, um mal einen Referenzpunkt zu nennen – das Konzept von Wahrheit eher wieder aufgegeben hat…

Szenenwechsel: Demokratie in den USA: nicht die demokratischen Strukturen versagen, sondern die Akteure, die diese demokratische Strukturen leben, diese haben Weltbildern in ihren Köpfen, die hochgradig falsch erscheinen gemessen an dem Wissen, das wir heute über unsere Welt und unsere Prozesse haben können. Und von den vielen potentiellen Wählern, die durch ihre Wahlentscheidung mit entscheiden, welche Akteure zu den zeitlich begrenzten politischen Verantwortlichen werden können, scheint eine hinreichend große Menge an diesen falschen Weltbildern zu partizipieren…. die Ungleichzeitigkeit von unterschiedlichen Weltbildern, Spielmasse für Demagogen… …

Moderne, wahrheitsfähige Wissensformen entstehen zu einem großen Teil – idealerweise – in Schulen und Hochschulen. Wissen, das hier nicht vermittelt wird, wirkt sich mit seinem Fehlen oder mit seinen falschen Formaten unmittelbar auf die gesamte
Gesellschaft aus. … Obwohl der homo sapiens die erste Lebensform im beobachtbaren Universum ist, die überhaupt wahrheitsfähig ist, ringt dieser homo sapiens bis heute damit, wie er seine Wahrheitsfähigkeit im komplexen Geflecht einer immer dichteren Weltgesellschaft mit so vielen unterschiedlichen Kulturen und der immer größeren Beschleunigung in der Technologieentwicklung erhalten, bewahren und weiter entwickeln kann. Die Besonderheit dieser Situation liegt darin, dass sich dieses Problem nicht im Alleingang lösen lässt.

Wahrheit ist ein kognitives Gebilde in einem Individuum, das mit der umgebenden Welt und den kognitiven Gebilden der anderen Individuen koordiniert werden muss…

14) Nr.418 vom Februar 2018: INFORMELLE KOSMOLOGIE – Und die Mensch-Maschine Frage
Man kommt nicht umhin sich Klarheit darüber zu verschaffen, was einerseits mit dem Begriff ’Mensch’ gemeint ist und andererseits mit dem Begriff ’intelligente Maschine’… Menschliches Denken sammelt Eindrücke der Welt ein, Kombiniert sie, und handelt danach, das kann schief gehen…. Zerklüftete Wissenschaften, Erfindung
neuer Sprachen, insbesondere Mathematik, Schaubild Weltstruktur (Ontologie!)… Die Abfolge der Entstehung von Komplexitätsebenen geschieht NICHT rein zufällig…

Zauberwort ’Kooperation’… Werkzeuge, Technologie, Computer … Kognitive und emotionale Grenzen des Menschen … Welche Ziele – Präferenzen – Werte?
Woher? Jenseits von Mutter Erde…

15) Nr. 419 vom Februar 2018: INFORMELLE KOSMOLOGIE. Teil 2. Homo Sapiens und Milchstraße Komplexität des menschlichen Körpers im Vergleich zur Milchstraße … Zusammenhang durch Funktionen… Gehirn so winzig… Bewusstsein: Paradox Physiologie – Qualia; Freier Wille und Freiheit.

ENTSCHEIDEN IN EINER MULTIKAUSALEN WELT? MEMO ZUR PHILOSOPHIEWERKSTATT VOM Sonntag, 10.Mai 2015 IN DER DENKBAR (Frankfurt)

Begriffsnetzwerk von der Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015

Begriffsnetzwerk von der Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015

Generelles Anliegen der Philosophiewerkstatt ist es, ein philosophisches Gespräch zu ermöglichen, in dem die Fragen der TeilnehmerInnen versuchsweise zu Begriffsnetzen verknüpft werden, die in Beziehung gesetzt werden zum allgemeinen Denkraum der Philosophie, der Wissenschaften, der Kunst und Religion. Im Hintergrund stehen die Reflexionen aus dem Blog cognitiveagent.org, das Ringen um das neue Menschen- und Weltbild.

Aus der letzten Philosophiewerkstatt vom 12.April 2015 resultierte das – nicht ganz schar formulierte – Thema: Kann sich ein einzelner innerhalb einer multikausalen Welt überhaupt noch sinnvoll entscheiden? Kann man überhaupt noch eine Wirkung erzielen? Ist nicht irgendwie alles egal?

1. Trotz strahlendem Sommerwetter fand sich wieder ein bunter Kreis interessierter und engagierter Gesprächsteilnehmer, um sich in der DENKBAR Frankfurt zum Thema auszutauschen. Wie beim jedem Treffen bisher gab es auch dieses Mal neben schon bekannten Teilnehmern wieder auch neue Teilnehmer, die das Gespräch bereicherten.

2. Wie die Gedankenskizze des Gesprächs andeutet, förderte das gemeinsame Gespräch eine Fülle interessanter Aspekte zutage, die auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. Auch wenn jeder Punkt für sich ein eigenes Thema abgeben könnte, so zeigt gerade der Überblick über und die Vernetzung von den Begriffen etwas von unserer Entscheidungswirklichkeit auf, die im Alltag oft im Dunkeln verbleibt.

INDIVIDUUM – KONTEXT

3. Das Gespräch fokussierte zunächst eher auf den individuellen Träger von Entscheidungen und lies die diverse Einflüsse des Kontextes eher am Rande.

4. Am Entscheidungsprozess traten verschieden ‚Phasen‘ hervor: (i) irgendein ein Anlass. Warum man sich überhaupt mit etwas beschäftigt. Warum öffnet man sich überhaupt für ein Thema? Wendet man sich einem Thema zu, dann gibt es in der Regel mindestens eine Alternative, was man tun könnte. Dies hängt sowohl von den konkreten Umständen wie auch von der verfügbaren Erfahrung und dem verfügbaren Wissen ab. Nach welchen Kriterien/ Präferenzen/ Werten entscheidet man dann, welche der vielen Möglichkeiten man wählen soll? Ist die Entscheidung ‚frei‘ oder durch irgendwelche Faktoren ‚vorbestimmt‘? Gibt es explizite Wissensanteile, aufgrund deren man meint, ‚rational‘ zu handeln, oder ist es eine ‚Bauchentscheidung‘? Wieweit spielen ’nicht-bewusste‘ Anteile mit hinein? Insofern nicht-bewusste Anteile von sich aus nicht bewusst sind, können wir selbst dies gar nicht wissen. Wir bräuchten zusätzliche Hilfen, um dies möglicherweise sichtbar zu machen. Schließlich wurde bemerkt, dass selbst dann, wenn wir sogar zu einer Entscheidung gekommen sind, was wir tun sollten, es sein kann, dass wir die Ausführung lassen. Wir tun dann doch nichts. Sollten wir etwas tun, dann würde unser Tun ‚eine Wirkung‘ entfalten.

ARCHITEKTUR DES INDIVIDUUMS

5. Alle diese Entscheidungsprozesse verlaufen in einer Person; im anderen, in mir. Wir wissen, dass jeder Mensch eine komplexe Architektur besitzt, sehr viele unterschiedliche Komponenten besitzt, die in Wechselwirkung stehen. Folgende drei Bereich wurden genannt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: (i) der Körper selbst, die Physis, das Physiologische. Das Gehirn ist eines der vielen komplexen Organe im Bereich der Physis. Das Physische kann altern, kann zwischen Menschen Varianzen aufweisen. Resultiert aus einem individuellen Wachstumsprozess (Ontogenese), und im Rahmen einer Population resultiert der Bauplan eines individuellen Körpers aus einem evolutionären Prozess (Phylogenese). Sowohl in der Phylogenese wie in der Ontogenese können sich Strukturen umweltabhängig, verhaltensabhängig und rein zufällig verändern. Weiter gibt es (ii) den Komplex, der grob mit Emotionen, Gefühle umschrieben wurde. Es sind Körper- und Gemütszustände, die auf das Bewerten der Wahrnehmung und das Entscheiden Einfluss ausüben können (und es in der Regel immer tun). Schließlich (iii) gibt es den Komplex Wissen/ Erfahrung, der Menschen in die Lage versetzt, die Wahrnehmung der Welt zu strukturieren, Beziehungen zu erkennen, Beziehungen herzustellen, komplexe Muster aufzubauen, usw. Ohne Wissen ist ein Überschreiten des Augenblicks nicht möglich.

WISSEN

6. Aufgrund der zentralen Rolle des Wissens ist es dann sicher nicht verwunderlich, dass es zum Wissen verschiedene weitere Überlegungen gab.

7. Neben der Betonung der zentralen Rolle von Wissen wurde mehrfach auf potentielle Grenzen und Schwachstellen hingewiesen: (i) gemessen an dem objektiv verfügbare Wissen erscheint unser individuelles Wissen sehr partiell, sehr begrenzt zu sein. Es ist zudem (ii) veränderlich durch ‚Vergessen‘ und ‚Neues‘. Auch stellte sich die Frage (iii) nach der Qualität: wie sicher ist unser Wissen? Wie ‚wahr-falsch‘? Woher können wir wissen, ob das, was wir ‚für wahr halten‘, an was wir ‚glauben‘, tatsächlich so ist? Dies führte (iv) zu einer Diskussion des Verhältnisses zwischen ‚wissenschaftlichem‘ Wissen und ‚Alltags-‚ bzw. ‚Bauchwissen‘. Anwesende Ärzte betonten, dass sie als Arzt natürlich nicht einfach nach ‚Bauchwissen‘ vorgehen könnten, sondern nach explizit verfügbarem wissenschaftlichen Wissen. Im Gespräch deutete sich dann an, dass natürlich auch dann, wenn jemand bewusst nach explizit vorhandenem Wissen vorgehen will, er unweigerlich an die ‚Ränder seines individuellen‘ Wissens stoßen wird und dass er dann gar keine andere Wahl hat, als nach zusätzlichen (welche!?) Kriterien zu handeln oder – was vielen nicht bewusst ist – sie ‚verdrängen‘ die reale Grenze ihres Wissens, indem sie mögliche Fragen und Alternativen ‚wegrationalisieren‘ (das ‚ist nicht ernst‘ zu nehmen, das ist ‚unwichtig‘, das ‚machen wir hier nicht so‘, usw.). Ferner wurde (v) der Status des ‚wissenschaftlichen‘ Wissens selbst kurz diskutiert. Zunächst einmal beruht die Stärke des wissenschaftlichen Wissens auf einer Beschränkung: man beschäftigt sich nur mit solchen Phänomenen, die man ‚messen‘ kann (in der Regel ausschließlich intersubjektive Phänomene, nicht rein subjektive). Damit werden die Phänomene zu ‚Fakten‘, zu ‚Daten‘. Ferner formuliert man mögliche Zusammenhänge zwischen den Fakten in expliziten Annahmen, die formal gefasst in einem expliziten Modell repräsentiert werden können. Alle diese Modelle sind letztlich ‚Annahmen‘, ‚Hypothesen‘, ‚Vermutungen‘, deren Gültigkeit von der Reproduzierbarkeit der Messungen abhängig ist. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt überdeutlich, dass diese Modelle beständig kritisiert, widerlegt und verbessert wurden. Wissenschaftliches Wissen ist insofern letztlich eine Methode, wie man der realen Welt (Natur) schrittweise immer mehr Zusammenhänge entlockt. Die ‚Sicherheit‘ dieses Wissens ist ‚relativ‘ zu den möglichen Messungen und Modellen. Ihre Verstehbarkeit hängt zudem ab von den benutzten Sprachen (Fachsprachen, Mathematische Sprachen) und deren Interpretierbarkeit. Die moderne Wissenschaftstheorie konnte zeigen, dass letztlich auch empirische Theorien trotz aller Rückbindung auf das Experiment ein Bedeutungsproblem haben, das sich mit der Fortentwicklung der Wissenschaften eher verschärft als vereinfacht. Im Gespräch klang zumindest kurz an (vi), dass jedes explizites Wissen (auch das wissenschaftliche), letztlich eingebunden bleibt in das Gesamt eines Individuums. Im Individuum ist jedes Wissen partiell und muss vom Individuum im Gesamtkontext von Wissen, Nichtwissen, Emotionen, körperlicher Existenz, Interaktion mit der Umwelt integriert werden. Menschen, die ihr Wissen wie ein Schild vor sich hertragen, um damit alles andere abzuwehren, zu nivellieren, leben möglicherweise in einer subjektiven Täuschungsblase, in der Rationalität mutiert zu Irrationalität.

UND DEN KONTEXT GIBT ES DOCH

8. Schließlich gewann der Kontext des Individuums doch noch mehr an Gewicht.

9. Schon am Beispiel des wissenschaftlichen Wissens wurde klar, dass Wissenschaft ja keine individuelle Veranstaltung ist, sondern ein überindividuelles Geschehen, an dem potentiell alle Menschen beteiligt sind.

10. Dies gilt auch für die schier unendlich erscheinende Menge des externen Wissens in Publikationen, Bibliotheken, Datenbanken, Internetservern, die heute produziert, angehäuft wird und in großen Teilen abrufbar ist. Dazu die verschiedenen Medien (Presse, Radio, Fernsehen, Musikindustrie,….), deren Aktivitäten um unsere Wahrnehmung konkurrieren und deren Inhalt, wenn wir es denn zulassen, in uns eindringen. Die Gesamtheit dieser externen Informationen kann uns beeinflussen wie auch ein einzelner dazu beitragen kann, diese Informationen zu verändern.

11. Es kam auch zur Sprache, dass natürlich auch die unterschiedliche Lebensstile und Kulturen spezifisch auf einzelne (Kinder, Jugendliche, Erwachsene…) einwirken bis dahin, dass sie deutliche Spuren sogar im Gehirn (und in den Genen!) hinterlassen, was sich dann auch im Verhalten manifestiert.

12. Besonders hervorgehoben wurden ferner die politischen Prozesse und Teil des Wirtschaftssystems. Die Meinung war stark vertreten, dass wir auch in den Demokratien eine ‚Abkopplung‘ der politischen Prozesse von der wählenden Bevölkerung feststellen können. Der intensive und gesetzmäßig unkontrollierte Lobbyismus im Bereich deutscher Parteien scheint ein Ausmaß erreicht zu haben, das eine ernste Gefahr für die Demokratie sein kann. Die Vertretung partikulärer Interessen (genannt wurde beispielhaft die Pharmaindustrie, aber auch Finanzindustrie und weitere), die gegenläufig zum Allgemeinwohl sind, wurde – anhand von Beispielen – als übermächtiges Wirkprinzip der aktuellen Politik unterstellt. Sofern dies tatsächlich zutrifft, ist damit natürlich die sowieso schon sehr beschränkte Einflussmöglichkeit des Wählers weitgehend annulliert. Die zu beobachtende sich verstärkende Wahlmüdigkeit des Wählers wird damit nur weiter verstärkt. Das Drama ist, dass diejenigen, die das Wählervertrauen durch ihr Verhalten kontinuierlich zerstören, nämlich die gewählten Volksvertreter, den Eindruck erwecken, dass sie selbst alles verhindern, damit der extreme Lobbyismus durch Transparenz und wirksamen Sanktionen zumindest ein wenig eingedämmt wird.

ABSCHLUSS

13. In der abschließenden Reflexion bildete sich die Meinung, dass die Punkte (i) Präferenzen/ Werte/ Kriterien einerseits und (ii) Beeinflussbarkeit politischer Prozesse andererseits in der nächsten (und letzten Sitzung vor der Sommerpause) etwas näher reflektiert werden sollten. Reinhard Graeff erklärte sich bereit, für die nächste Sitzung am So 14.Juni einen Einstieg vorzubereiten und das genaue Thema zu formulieren.

AUSBLICK

14. Am So 14.Juni 2015 16:00 findet nicht nur die letzte Sitzung der Philosophiewerkstatt vor der Sommerpause statt, sondern es soll im Anschluss auch (ca. ab 19:00h) bei Essen und Trinken ein wenig darüber nachgedacht werden, wie man in die nächste Runde (ab November 2015) einsteigen möchte. Soll es überhaupt weitergehen? Wenn ja, was ändern? Usw.

Einen Überblick über alle Beiträge zur Philosophiewerkstatt nach Themen findet sich HIER

WEISHEIT ALS REVOLUTIONÄRER BEGRIFF FÜR EINE ZUKUNFTSFÄHIGE WELT? MEMO philosophieWerkstatt v2.0 VOM Sonntag, 8.März 2015, 16:00 – 19:00h IN DER DENKBAR

MEMO zur philosophieWerkstatt v2.0 VOM Sonntag, 8.März 2015, 16:00 – 19:00h IN DER DENKBAR

PROGRAMM

Soundexperiment
Einführung ‚Weisheit‘
Gesprächsrunde

SOUNDEXPERIMENT

Bei diesem philosophisch motivierten Klangexperiment wurde dieses Mal eine Folge von Bildern mit einem Soundtrack korreliert. Aufgrund der knapp bemessenen Zeit wurde das Experiment verkürzt auf die Momente ‚Bilder ohne Klang‘ und dann ‚Bilder zusammen mit einem Soundtrack‘ (Wer es nachhören/-sehen möchte kann dies hier tun: BigBen, Wales, Translation-Wilderness. Der ursprüngliche Titel, der auch in der Philosophiewerkstatt benutzt wurde, hiess ‚Wale und die Ringe des Saturn‘.) Erst im Anschluss an eine Gesprächsrunde stellte dann der Künstler cagentArtist Hintergrundinformationen zu den benutzten Materialien zur Verfügung, den angewendeten Methoden und die ‚Idee der Aussage‘, wie sie sich nach drei Jahren darstellt: Die Wale im Ozean, in einer fremden Klangwelt, die hart, unerbittlich, zerstörerisch ist, eingebettet in die blaue Mystik des Meeres und der Walgesänge. Unsere menschenerzeugten Geräusche bilden für die Wale ein unerträgliches, fremdes, tödliches Chaos. Ein wenig kann man dies rleben, wenn man sich dem Stück tatsächlich aussetzt.

WEISHEIT, EINFÜHRENDE WORTE

Christian Hellwig gab dann eine kurze Einführung zum Thema „Weisheit”, aus seiner Sicht. Neben zahlreichen Gedanken zum Thema, angereichert mit einigen bildreichen Beispielen aus der Literatur, wurde u.a. ein Interview mit Ute Kunzmann in der Zeit (April, 2014), mit verteilten Rollen vorgelesen. Schließlich wurden aus einem Buch von Professor Baltes, dem Direktor des Berliner Max-Planck-Institutes (MPI) für Bildungsforschung, (Quelle muss präzisiert werden) sieben Eigenschaften vorgestellt, die charakteristisch für das Vorliegen von ‚Weisheit‘ sein sollen (hier stark vereinfacht):

1. Es geht um die Lebensführung als ganze
2. Man ist sich der Grenzen des Wissens bewusst
3. Ein beeindruckendes Wissen, allerdings nur in Annäherung an eine regulativ Idee
4. Das Wissen ist eingebunden in eine entsprechende Umsetzung/ Praxis
5. Synergie von Geist und Charakter
6. Sowohl das eigene wie auch das Wohl der anderen ist im Blick
7. Weisheit wird unmittelbar erkannt, wenn sie sich im Vollzug manifestiert

GESPRÄCHSRUNDE

1. Es folgte dann eine sehr angeregte Gesprächsrunde, an deren Anfang sehr viele Fragen standen, bei einigen ausgesprochene Skepsis und Unverständnis: völlig vager Begriff? Wozu nütze? Das ist doch überhaupt nicht wissenschaftlich, usw.

Diagramm Philosophiewerkstatt 8.März 2015 - Strukturelemente von 'Weisheit'

Diagramm Philosophiewerkstatt 8.März 2015 – Strukturelemente von ‚Weisheit‘

2. Im Laufe des Gespräches kristallisierten sich dann aber schrittweise Deutungen heraus, Erklärungen, die mehr und mehr das Interesse weckten. Obwohl keine ausführliche historische Analyse vorgelegt worden war, führten die Bemerkungen der TeilnehmerInnen mehr und mehr zu einem komplexen Bild, das einerseits sowohl wichtige Hauptrichtungen der Philosophiegeschichte widerspiegelte, in manchen Punkten aber sogar darüber hinaus zu gehen scheint.

3. Die Kernidee schien die zu sein, dass das ‚Wesentliche‘ der ‚Weisheit‘ nicht in einzelnen Aspekten für sich zu suchen sei (besonderes Wissen, besondere Erfahrung, besondere Klugheit, besondere Verantwortung, …) sondern in einem besonderen charakteristischen ‚Zusammenspiel‘ aller Momente, ganz im Sinne des geflügelten Wortes, dass die’Summe mehr ist als ihre Teile‘.

4. Als ‚Summe der Teile‘ muss Weisheit etwas sein, was man (im Sinne von Baltes) unmittelbar als solche erkennen kann, da nur Weisheit diese komplexe emergente Qualität besitzt.

5. Für manchen mag dieser emergente komplexe Charakter von Weisheit gegen seine Wissenschaftlichkeit sprechen, das muss aber nicht so sein. Viele wichtige physikalische Größen sind mittlerweile so, dass sie nicht im einzelnen Messwert erkannt werden können, sondern nur unter Voraussetzung einer abstrakten mathematischen Struktur kann jener Zusammenhang sichtbar gemacht werden, der sich zwar in vielen einzelnen Messwerten zeigt, aber nicht aus den einzelnen Messwerten als solchem ‚herausgelesen‘ werden kann. Letztlich sind alle funktionalen Zusammenhänge per Definition Metakonstrukte zu jenen Elementen, die durch sie ‚geordnet‘ werden.

6. Bedenkt man dies, dann hat ein solcher emergenter Weisheitsbegriff nicht nur nichts ‚Anrüchiges‘, sondern eröffnet überhaupt die Möglichkeit, die vielen Teilaspekte eines Menschen in einem größeren Zusammenhang zu betrachten, und dies ganz ‚wissenschaftlich‘, wenn man will.

7. Unter anderem kann man hier auch z.B. den Ansatz der Existenzphilosophie zwanglos einordnen. Dieses ’sich Vorfinden im Sein‘, das in der existentiell erfahrbaren ‚ontologischen Differenz‘ einen weiterverweisenden – transzendenten – Seinshorizont auszumachen meint, wäre interpretierbar als die subjektive Seite der systemischen Situation, dass der einzelne sich innerhalb der biologischen Evolution in einer körperlichen Struktur vorfindet, die ihm Anteil gibt an einer spezifischen endlichen Welterfahrung, die trotz ihrer Endlichkeit eine ‚eingebaute‘ ontologische Differenz enthält, die jedes individuelle System unausweichlich auf einen größeren Zusammenhang verweist, der sich in vielen konkreten Details manifestiert, der aber als solcher niemals ganz einlösbar ist (regulativ Idee).

8. Damit verweist das Ideal einer individuellen Weisheit aber auch unausweichlich auf den je größeren Zusammenhang einer Population, da es nur als Element einer solchen vorkommt und lebensfähig ist.

9. Eine Population ist dann auch wieder – wenn auch auf einer neuen Ebene – mehr als die Summe ihrer Teile = Mitglieder.

10. Im Unterschied zur tierischen Schwarmintelligenz – besonders beeindruckend bei den Insekten – ist aber die ‚Intelligenz der menschlichen Population‘ (hier gedeutet als ‚Weisheit der Population‘) nicht deterministisch wie bei den Insekten, sondern enthält einige Freiheitsgrade zusammen mit adaptiven Lernmechanismen, die keinen reinen Automatismus erlauben. Die Weisheit der Population des homo sapiens funktioniert nur, wenn eine Reihe von Rahmenanforderungen (quasi als ‚transzendentale Bedingungen‘) erfüllt werden. Diese sind sehr herausfordernd.

11. ‚Populationsweisheit‘ verlangt u.a.
– eine angemessene Kommunikation aller Teile der Population miteinander
– eine angemessene Politik, die gemeinsam erkannte Richtungen entsprechend umsetzt
– ohne eine angemessenes Wissen wird ein realistisches Überlebensverhalten nicht möglich sein
– ohne eine angemessene Technologie auch nicht
– ohne angemessene ‚Präferenzsysteme‘ (Normen, Vorschriften, Werte, …) wird Kommunikation und Handeln im Chaos versinken (diese Präferenzsysteme müssen aber radikal transparent sein und müssen sich aus den erkennbaren Prozessen der realen Welt und der Lebensnotwendigkeiten ableiten lassen)
– usw.

12. In der Populationsweisheit fließt all dies im optimalen Fall zusammen.

13. Treffen diese Überlegungen aus dem Gespräch zu, dann deutet sich zur Frage nach der Entstehung von Weisheit ein Doppeltes an: einerseits ist der emergente Charakter von Weisheit in der Struktur des biologischen Lebens als Teil des kosmischen Prozesses angelegt; andererseits ist es kein völlig determiniertes Phänomen. Es kann sich in eine bestimmte Richtung weiter entwickeln, es muss aber nicht. In dem Masse, wie es zur ‚Selbststeuerung‘ (individuell, als Population, …) fähig wird, muss es sich selbst und seine Umgebung immer besser verstehen. Dies geht nur über mehr konstruktive Kooperation, über mehr fundiertes Wissen, über bessere Moral, usw. Kann letztlich nur gelingen, wenn man voraussetzt, dass das vorfindliche je größere Ganze (das bekannte Universum, das unbekannte Universum) ‚in sich‘ ‚gut‘ ist. Wäre dem nicht so, hätte Weisheit keine Chance. Dies bedeutet, dass Weisheit nur zur ‚Vollendung‘ kommen kann, wenn sie ‚an sich‘ glaubt‘ und die vorfindliche Welt ‚in sich‘ schon immer auch ‚gut‘ ist.

14. Was hier wie ein Paradox erscheint ist aber nicht so ungewöhnlich, wie es im ersten Moment erscheinen mag: die gesamten Naturwissenschaften leben davon, dass sie zunächst daran glaubt, dass die zu untersuchende Natur ‚in sich‘ ‚gesetzmäßig‘ ist und auf der Basis dieses ‚Glaubens‘ werden Experimente durchgeführt, die mögliche Regelhaftigkeiten enthüllen, die in Form von vorwegnehmenden mathematischen Strukturen auf eine Allgemeinheit hin gedeutet werden, die so niemals beobachtbar ist und auch niemals beobachtbar sein wird. Auch in der Naturwissenschaft ist der Moment des Glaubens konstitutiv. Insofern unterscheidet sich die Erforschung einer übergreifenden ‚Weisheit‘ in nichts von irgend einer anderen naturwissenschaftlichen Erforschung.

15. Der ‚Keim‘ zur ‚Weisheit‘ ist so gesehen quasi bei jedem ‚angeboren‘? Dennoch muss man sie mühsam lernen, so wie wir Menschen alle wichtigen Dinge mühsam lernen müssen. So wie auch sonst die einen eher begabt sind für eines, andere für anderes, so gibt es dann auch sicher unterschiedliche Begabungen für Weisheit. Im Gegensatz zu Spezialbegabungen kann man aber ‚Weisheit‘ nicht so einfach lernen wie eine bestimmte Sprache, Mathematik, Auto fahren, usw., sondern Weisheit als ‚Zusammenspiel‘ aller Komponenten auf einer ‚höheren Ebene‘ folgt einem eher komplexen Bildungsprozesse, der von außen zwar ‚angeregt‘ werden kann, der aber letztlich von jedem ‚eigenständig‘ ‚gefunden‘ und ‚gemeistert‘ werden muss. Es gibt keine Garantien. Ein ‚weiser‘ Mensch dürfte also genauso ein Geschenk an alle sein wie die verschiedenen Sonderbegabungen, die immer wieder herausragen und begeistern.

16. Da ‚Weisheit‘ etwas Einzigartiges ist, kann man es auch nicht durch Verweis auf etwas anderes erklären. Weisheit steht ‚für sich‘; da nach Annahme alle Menschen in Richtung möglicher Weisheit ‚geboren‘ werden, muss man annehmen, dass jeder Mensch eine Art ‚Instinkt für Weisheit‘, eine grundlegende Wahrnehmungsfähigkeit dafür besitzt. Nur dann wäre er in der Lage,Weisheit zu erkennen, sich sich im Verhalten von Menschen, Menschengruppen, biologischen Systemen usw. ‚manifestiert‘. ‚Nichtwissen‘ und ‚Passivität‘ wären klare Verhinderungsfaktoren sowohl für Weisheit wie deren Wahrnehmung.

17. Da wir wissen, dass die Verteilung von geistigen Fähigkeit unter Menschen dem Gesetz der natürlichen Verteilung folgt, scheint es wahrscheinlich, dass dies auch auf die Fähigkeit der Weisheit zutrifft; wirklich weise Menschen oder menschliche Organisationen werden eher rar sein. Und sie sind nicht absolut stabil. Im Laufe der Geschichte sind viele Kulturen zugrunde gegangen, auf die einige der Eigenschaften von ‚Weisheit‘ zutrafen. Nicht selten wurden auch ‚weise‘ Menschen von der Gesellschaft geächtet oder getötet, weil ‚die anderen‘ sie nicht verstanden und abgelehnt haben. Von daher ist die Eigenschaft, als ‚weise‘ zu gelten, nicht unbedingt ‚attraktiv‘.

18. Aus der Natur der Weisheit folgt auch, dass man sie kaum explizit definieren kann. Als emergente Größe, die sich im Laufe des kosmischen Prozesses nur langsam, schrittweise zeigt, und zwar nicht als endgültig erkannte Struktur, sondern als sich schrittweise ‚andeutende‘ Struktur, ist sie eine Größe, die erst im Laufe der Jahrmilliarden langsam bekannt werden wird, sofern man sie überhaupt ’sucht‘.

EINIGE WEITERE FRAGEN

19. Was würde man sich von einem weisen Menschen erwarten?

20. Möchte man selber ‚weise‘ sein? Falls ja: was würde man sich persönlich davon versprechen? Falls nein: wovor hätte man Angst?

23. Was würde man von einer ‚weisen‘ Gesellschaft erwarten? Hätte asozialer globaler Kapitalismus darin einen Platz?

24. Was ist mit einer Politik, die im Namen der Sicherheit die ‚Privatheit‘ immer mehr aushöhlt und damit der notwendigen Spielweise für Weisheit den Raum nimmt: wie würde eine ‚weise Sicherheitspolitik‘ aussehen?

25. Was ist mit gesellschaftlichen Tendenzen, in denen sich Klassen bilden, die sich gegeneinander abschotten: wird damit nicht die Forderung nach gemeinsamer Kommunikation und Kooperation im Kern unmöglich gemacht?

26. Was ist mit der Instrumentalisierung der Medien durch einseitige Machtinteressen: wird damit das notwendige Medium der Öffentlichkeit für eine gemeinsame Kommunikation nicht zerstört?

27. Was ist mit den partikulären, rückwärtsgewandten und wissensfeindlichen Religionen: verhindern sie nicht die notwendige Weiterentwicklung der Weisheit als universalem Gut für Alle?

28. Usw.

THEMENVORSCHLAG NÄCHSTES TREFFEN

Neben der Einladung an jeden, etwas aus eigener küntlerischer Aktivität vorzustellen und es aus philosophischer Sicht zu betrachten, einigte sich die Gruppe auf den Themenvorschlag:

Was hat ein ‚künstlicher‘ Geist mit einem ‚biologischen‘ Geist gemeinsam, und was nicht? Zusatzfragen: Würde auf einen künstlichen Geist der Begriff der ‚Menschenwürde‘ zutreffen‘. Kann ein künstlicher Geist ‚weise‘ sein? Sind künstlicher und biologischer Geist nicht schon längst ’symbiotisch vereint‘?

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge zur Philosophiewerkstatt nach Titeln findet sich HIER.

DONAL A.NORMAN, THINGS THAT MAKE US SMART. Defending Human Attributes In The Age Of The Machine, New York: Basic Books, 1993

(Die folgenden Gedanken sind (etwa ab der Mitte) in gewisser Weise ’salopper‘ als sonst; es geht primär darum, eine Anregung zu ermöglichen für das Thema der ‚Abwesenheit‘ des Menschen in weiten Bereichen des alltäglichen Denkens und Handelns)

BÜCHER LESEN IM ALLGEMEINEN

1) Wenn man Bücher lesen will ist das Hauptproblem immer, herauszufinden, welches der vielen möglichen Bücher soll man als nächstes lesen. Es gibt so viel unglaublich gute, spannende, aufklärende, erhellende Bücher, aber nur eines kann man als nächstes lesen, und da die Zeit knapp ist, bedeutet die Entscheidung für ein bestimmtes Buch, dass man all die anderen wunderbaren Bücher – zumindest vorläufig – nicht lesen wird.
2) Jeder hat da seine eigene Strategie, wie er Bücher auswählt. Im Grenzfall lässt man sich einfach überraschen (Geschenke, was im Regal steht, Werbung, Tipps von Freunden,…) oder aber man hat sich irgendwelche Kriterien zurechtgelegt (Forschungsthemen, bestimmte Hobbies, bestimmte Autoren,…).
3) Bei mir ist es eine Mischung von verschiedenen Faktoren: einerseits habe ich eine Art ‚Leitfrage‘, die sich nahezu durch mein ganzes Leben zieht, die sich in vielen Bereichen auch in diesem Blog widerspiegelt. Dann sind es meine Forschungsthemen, die alle um den Menschen kreisen, sein Erkennen, seine Kognition, seine Entstehung, der Mensch im Wechselspiel mit seiner Umgebung. Darin habe ich natürlich schon viel gelesen, was bedeutet, dass es so eine Art ‚Koordinatensystem‘ von Themen, Begriffen, Theorien, Autoren gibt. Dazu kommt weiter – als eine Art kontinuierlicher Prozess – Recherchen in Datenbanken sowohl zu Artikeln wie auch zu Büchern. Dies bedeutet, mit jedem neuen Namen, neuem Begriff, neuer Frage, neuem Artikel eröffnet sich beständig ein ganzes Feld von weiteren neuen Namen, Begriffen, Themen, Artikeln… Wissen erzeugt Wissen (genauso wie Nicht-Wissen dahin tendiert, Nicht-Wissen zu konservieren).
4) Und dann gibt es da noch einen Faktor, man mag dies ‚mystisch‘ nennen, eine bestimmte Art von ‚Gefühl‘. Wenn ich einen Artikel sehe oder ein Buch, dann sind es nicht nur die konkreten Worte und Sätze, die den Verstand erreichen, es ist auch immer ein ‚Gefühl‘ dabei, das so einen Artikel oder ein Buch zum ‚Leuchten‘ bringt (übrigens auch bei Veranstaltungen, angekündigten Vorträgen, usw.). Allerdings braucht dieses ‚Gefühl‘ einen konkreten ‚Anhaltspunkt‘. Es funktioniert nicht ‚blind‘ (höchstens im Modus der ‚Unruhe‘ die anzeigt, der Zustand ist unbefriedigend…). Letztlich ist es dann so eine Mischung aus Verstehen und ‚Gefühl‘, was den Ausschlag gibt, als nächstes Buch A zu lesen und nicht die anderen.
5) Manchmal ist diese Entscheidung schnell und direkt, manchmal ’stochere‘ ich ein wenig herum, probiere verschiedene Artikel/ Bücher aus, bis ich dann merke, das ist es jetzt.
6) Am schwierigsten ist dies, nachdem ich ein Buch gelesen habe, das einen sehr nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat (wie z.B. das letzte Buch von Kauffman); dann etwas zu finden, was den Spannungsbogen fortsetzt, erscheint fast unmöglich.
7) Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: bei mir haben sich im Laufe der Jahre viele Bücher angesammelt, alle aus einer bestimmten Suche heraus. Und ich erlebe es immer wieder, dass manche Bücher viele Jahre da liegen, ich weiß, dass sie da sind, aber ‚der Funke springt nicht über‘; irgendwie passt es nicht, sie ‚jetzt‘ zu lesen obgleich klar ist, dass sie einen spannenden, wichtigen Inhalt haben. Und dann kommt ein Moment im eigenen Denken, Fühlen, Ausarbeiten, wo plötzlich klar wird, jetzt könnte dies eine Buch (in der Warteschleife) besonders passen. Und dann passiert es: es ist, als ob das Buch unverhofft ‚zum Leben erwacht‘, und es zu sprechen anfängt, und es entspinnt sich eine Art Dialog über die toten schwarzen Linien des Textes hinweg zu den mitschwingenden Inhalten, zu jenem imaginären Geist des Autors, den man meist nie gesehen hat.

WARUM DAS BUCH VON NORMAN

8) Einer der Faktoren, der ausschlaggebend war, das Buch von Donald A. Norman zu lesen, ist seine Positionierung für den Menschen und die Einordnung von Technologie als etwas, was dem Menschen helfen soll, sein ‚Menschsein‘ zu unterstützen, nicht den Menschen den Maschinen (die letztlich von Menschen geschaffen wurden) zu ‚opfern‘.
9) Dazu kommt, dass ich in einem anderen Zusammenhang zum Thema ‚verteiltes Wissen‘ in einem interessanten Artikel von Hollan et al. (2000) auf dieses Buch von Norman aufmerksam geworden bin.

MENSCHENZENTRIERT (‚Human-Centered‘)

10) Das Buch ist nicht sehr systematisch aufgebaut; es lebt von der umfangreichen praktischen Erfahrung des Autors. Er referiert viele konkrete Beispiele von Technologien, Schnittstellen / Interface dieser Technologien, Wirkungen auf Menschen, Erwartungen, die wir Menschen an Technologien haben, Faktoren, die dafür verantwortlich sind, welche Technologien entstehen, wie sie entstehen, wie sie ‚designed‘ werden.
11) Da ich auch viele Jahre Lehrveranstaltungen zum Thema Mensch-Maschine Interaktionen durchgeführt habe, waren mir die grundsätzlichen Themen bekannt und ich fand zahlreiche Anregungen im Detail.
12) Die Grundthese von Norman lässt sich etwa wie folgt formulieren: in der Vergangenheit wurde bei der Entwicklung von Technologien oft (bis immer) nicht der Mensch mit seinen tatsächlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen zum Bezugspunkt gewählt, sondern das ‚rein technisch Mögliche‘ wurde in den Vordergrund gestellt und der Mensch musste sich dann diesen technischen Lösungen mehr oder weniger anpassen. Dank der hohen Anpassungsfähigkeit des Menschen (nicht der Technologien, die meist starr waren) war dies meist möglich, auch wenn sich dazu der Mensch oft sehr verbiegen musste, mit viel Leiden, mit viel gesundheitlichen Gefahren, letztlich un-menschlich.
13) Dass diese Situation einer menschen-unangemessenen Handlungssituation sehr fehleranfällig ist, liegt in der Natur der Sache. Wenn man den Menschen zwingt, etwas zu tun, was er eigentlich nicht gut kann, dann kommt der Mensch an seine Grenzen und macht Fehler bzw. nimmt psychisch und körperlich Schaden.
14) Auf der S.224 präsentiert Norman eine Tabelle, in der er gegenüberstellt, worin die Stärken und Schwächen von Menschen einerseits und Maschinen andererseits bestehen (wobei er davon ausgeht, dass ‚Maschinen‘ nicht ’smart‘ sind im Vergleich zum Menschen). In einer ‚menschenzentrierten‘ (‚human-centered‘) Perspektive hat der Mensch viel wunderbare Eigenschaften, mit denen er Maschinen haushoch überlegen ist. In einer ‚maschinenzentrierten‘ (‚machine centered‘) Perspektive, in der man die Maschine als Maßstab nimmt, nützen dem Menschen seine wunderbaren Fähigkeiten nichts; er ist den Maschinen haushoch unterlegen.

MENSCHENFERNER ALLTAG

15) Das klingt sehr einfach. Schaut man sich den Alltag an, so muss man konstatieren dass erst mit dem Aufkommen der Computer – und speziell hier dann der mobilen Telefone – der Aspekt eines ‚menschenzentrierten‘ Designs überhaupt erst ansatzweise eine wirtschaftlich relevante‘ Bedeutung bekommen hat (Erst stach Microsoft IBM aus, dann Apple Nokia und Microsoft, dann ….)(die Rolle anderer Designbereiche wie Mode, Haushaltsgegenstände, Möbel, Architektur,… wäre eigens zu gewichten).
16) Das dominante Thema ist und bleibt aber überwiegend eine Technologie, die ‚aus sich heraus‘ betrieben und weiter entwickelt wird. Der Blick auf den Menschen fällt den meisten Handelnden in Bereich Technikentwicklung schwer.
17) Dies fängt schon mit der Ausbildung an. In den technischen Ausbildungen (Ingenieure, Informatiker) war es bis vor kurzem völlig unüblich, den Studierenden dazu zu befähigen, den Blick vom Menschen her einzuüben. Und selbst heute ist der Anteil von Mensch-Maschine Interaktionsthemen im Curriculum sehr bescheiden, wenn er überhaupt vorkommt. Und bei den vorhandenen Lehrangeboten ist es dann wiederum nicht unbedingt die Perspektive des Menschen, die methodisch eingeübt wird, sondern es wird sehr oft eine bestimmte Technologie ‚als gegeben vorausgesetzt‘ und es wird nur gefragt, wie man diese ‚vorausgesetzte‘ Technologie (die als solche normalerweise wenig mit Menschen zu tun hat) so ‚herrichtet‘, dass ein Mensch sie bedienen kann, NICHT wie es für die Menschen gut wäre, SONDERN wie es die vorausgesetzte Technologie benötigt.
18) Insofern ist das Buch von Norman aus dem Jahr 1993 keineswegs ‚überholt‘, sondern seine These ist weiterhin provokativ und wegweisend. Der notwendige Blick auf den Menschen fällt allenthalben immer noch sehr schwer.
19) Wenn man sich fragt, woran das liegt, dann wird man schnell feststellen können, dass wir ein gesellschaftliches Geistesproblem haben: die sogenannte ‚humanistische Tradition‘ in Europa ist lokalisiert in den Bereichen Religion, Geisteswissenschaften, Feuilleton, Kulturbetrieb, ‚Sonntagsreden‘ von Verantwortlichen bei speziellen Anlässen, und juristisch partiell in den jeweiligen Gesetzgebungen. Daneben gibt es die Wirtschaft und stark wirtschaftsabhängige Forschung, in der der Mensch als Mensch überhaupt nicht vorkommt! Die Wirtschaft kennt den Menschen entweder nur als dummen, naiven Konsumenten, den man vorwiegend über statistische Parameter betrachtet, oder als Arbeitskraft, die rein unter dem Gesichtspunkt einer (in der Regel nicht menschengemäßen) Arbeitsleistung betrachtet wird mit einer zu leistenden Entlohnung, die sich in der Regel nicht an dem Geld orientiert, das verfügbar wäre, sondern an dem kleinstmöglichen Betrag, den man zahlen kann, ohne Probleme zu bekommen.

KULTURTHEORETISCHES

20) M.a.W. in all den Bereichen, die den Alltag primär bestimmen, existiert der Mensch als Mensch eigentlich nicht. Er ist durch die herrschenden Sprachregelungen und Verhaltensweisen ‚eliminiert‘. In einer solchen Situation hat der Mensch auch wenig Chancen. Es gibt von Seiten der Wirtschaft, der Technologie und den zugeordneten Ausbildungswegen keinerlei Ansatzpunkte, die Perspektive des Menschen sowohl theoretisch wie auch praktisch zu stärken. Der Mensch ist immer nur ein ‚Parameter‘ ‚am Rande‘, der ‚konsumiert‘ oder ‚produziert‘ (Ansätze, die darauf abzielen, die Situation der ‚Angestellten‘ zu verbessern sind meist nur angetrieben von der Notwendigkeit, die benötigte Arbeitskraft für die zu lösende Aufgabe hinreichenden zweckgebunden zu ‚befähigen‘).
21) Alles, was sich in den ‚humanistischen Reservaten‘ (Kulturbetrieb, Feuilletons, Religion…) abspielt, hat nahezu keine Relevanz für das technologische-wirtschaftliche Denken, höchstens als ‚Vergnügungsindustrie‘, ‚Brot und Spiele’…, in der Teilaspekte des Menschen sich gegen bares Geld ‚vermarkten‘ lassen, weil es ‚Spaß‘ macht oder weil es ‚chic‘ ist…).
22) In der literarischen Gattung ‚Science Fiction‘ reflektieren sich die zugrunde liegenden Annahmen über Mensch und Welt hinsichtlich Technologie meist mehr als in anderen literarischen Gattungen. Und hier gilt, dass in nicht wenigen Werken (man denke nur an das berühmte mehrteilige Foundation Werk von Asimov) die Technologie NICHT der dominierende Faktor ist, sondern ein Gesamtsystem, in der sich nicht nur die Technologie weiter entwickelt hat, sondern auch der Mensch selbst und die Technologie ist eine Art ‚Medium‘, in dem sich der ’neue‘ Mensch realisiert. Dies setzt allerdings voraus, dass die Entfremdung zwischen Technologie und Geisteswissenschaften aufgebrochen wird. Doch diese sitzt sehr tief, ist gesellschaftlich durch Institutionen, Rituale, Denkmuster so fest verankert, dass es ohne eine echte ‚Revolution‘ nicht gelingen wird, diese aufzubrechen. Der aktuelle Zustand verschafft seinen Protagonisten aktuell nur Vorteile. Eine Änderung wäre unüberschaubar, wirkt bedrohlich, würde verlangen, dass alle ihr Denken (und Fühlen) einer radikalen Selbstkritik unterziehen würden. Es gibt wenig Anlass zu glauben, dass dies einfach so geschehen wird. Wir bräuchten eine Art von Kulturrevolution (nicht das, was im China Maos darunter verstanden wurde)…
23) Wenn einer sich fragt, ob er generell zu einer Kulturrevolution fähig wäre, muss er sich die Testfrage stellen, ob er u.a. bereit wäre, in der Öffentlichkeit als ‚Verrückter‘ zu erscheinen. Wem diese Vorstellung ‚Unbehagen‘ bereitet, der sollte hier nicht weiter nachdenken.

Für eine Fortsezung siehe Teil 2.

Literaturhinweise:

JAMES HOLLAN, EDWIN HUTCHINS, and DAVID KIRSH, Distributed Cognition: Toward a New Foundation for Human-Computer Interaction Research, in: ACM Transactions on Computer-Human Interaction, Vol. 7, No. 2, June 2000, Pages 174–196.

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