SELBSTBESCHREIBUNG UND MEDITATION

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 12.Nov 2018
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Letzte Korrekturen: 14.Nov.2018 {Nr.6, Nr.10, Nr.13 }

 

KONTEXT

Der folgende Text steht thematisch im Zusammenhang mit den beiden vorausgehenden Beiträgen zum Thema ‚Wissenschaft und Meditation‘ sowie ‚Meditation im Alltag‘. Während der erste Beitrag ‚Wissenschaft …‘  sich die Frage stellte, ob man das kulturelle Phänomen ‚Meditation‘ in einen irgendwie sinnvollen Zusammenhang mit ‚empirischer Wissenschaft‘ sehen kann, ging es im zweiten Beitrag ‚… im Alltag‘  um das konkrete Tun beim Meditieren, zumindest bei jener Form des Meditierens, bei der man sich in eine ‚Ruhestellung‘ begibt, in der man sich selbst zum Gegenstand macht.

SELBSTBEOBACHTUNG ALS THEMA

Das Thema ‚Selbstbeobachtung‘ ist so alt, wie es philosophisches Denken gibt und hat selbst in den empirischen Wissenschaften nicht an Bedeutung verloren. Das Thema voll darzustellen würde allerdings mindestens ein ‚dickes‘ Buch verlangen, eher mehr. Von all den philosophischen Varianten und wissenschaftlichen Diskussionen soll hier aber abgesehen werden, um in einer überschaubaren Weise eine (‚die‘?) grundlegende Perspektive formulieren zu können, die sich heute unter Berücksichtigung von Philosophie und modernen Wissenschaften als Arbeitshypothese formulieren lässt. Arbeitshypothesen bringen es mit sich, dass man sie kritisieren und weiter verbessern kann.

SELBSTBEOBACHTUNG UND MEDITATION

Die neuerliche Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Selbstbeobachtung‘ in diesem Blog (bislang nicht unter dem Stichwort ‚Selbstbeobachtung‘ sondern eher in Verbindung mit Stichworten wie ‚Phänomene‘, ‚Phänomenologie‘, usw.) wurde stimuliert durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Meditation‘, innerhalb deren es neben der theoretischen Auseinandersetzung auch die konkrete Praxis, das konkrete Meditieren gibt. Diese konkrete Praxis eröffnet dem Meditierenden einen an sich unendlichen Raum an möglichen Ereignissen, konkret gefüllt mit einem bunten Strauß an Ereignissen und Veränderungen, die im Wahrnehmen Deutungen erlauben. Was aber ist eine ‚richtige‘, ‚angemessene‘ Deutung?

PHILOSOPHISCHER DEUTUNGSKONTEXT

In einer Kooperation von moderner (Wissenschafts-)Philosophie und modernen wissenschaftlichen Disziplinen lässt sich folgender ‚Rahmen‘ für mögliche Wahrnehmungen und Deutungen formulieren, der allgemein gilt, nicht nur für das Meditieren.

Ausgehend von dem Abschnitt ‚BEOBACHTUNG: SUBJEKTIVITÄT – OBJEKTIVITÄT‘ in dem schon oben erwähnten Beitrag ‚Wissenschaft …‘ werden hier folgende Annahmen gemacht (siehe Schaubild):

Unterschiedliche Datenquellen zusätzlich zur Introspektion

Unterschiedliche Datenquellen zusätzlich zur Introspektion

  1. Die verhaltensorientierten Wissenschaften, allen voran die Psychologie, benutzen vorwiegend Daten aus Verhaltensbeobachtungen. Diese Daten werden hier D_SR genannt (‚S‘ für Stimulus und ‚R‘ für Response). Damit kann die experimentelle Psychologie zwar nicht direkt in das ‚Innere‘ eines biologischen Systems schauen (Tiere, Menschen, …), wohl aber ist es möglich, auf der Basis solcher Daten explizite ‚Verhaltens-Theorien‘ (T_SR) zu formulieren, die mit ‚hypothetischen Annahmen‘ über ‚innere Zustände‘ arbeiten, mit deren Hilfe sich das äußerlich beobachtbare Verhalten ‚erklären‘ lässt. Berühmte Beispiele hierfür sind einmal das Konstrukt des ‚Unbewussten‘ in der Psychoanalyse oder das Konstrukt des ‚Gedächtnisses‘.
  2. Mit der Weiterentwicklung der allgemeinen Physiologie — hier insbesondere mit dem Spezialgebiet ‚Gehirn‘ – konnte die Wissenschaft den Bereich der objektivierbaren Daten weiter ausdehnen auf das ‚Innere des Körpers‘, die verschiedenen Organe, ihre Funktionsweisen und Interaktionen. Diese Daten werden hier D_PHYS genannt. Fasst man die Vielzahl der inneren Strukturen als ‚Input-Output-Systeme‘ auf, dann kann man auf der Basis der Beobachtungsdaten eine Vielzahl von Hypothesen über die Verhaltensfunktion solcher Input-Output-Systeme in Form von physiologischen Theorien (T_PHYS) formulieren.
  3. Sowohl die Daten wie auch die möglichen Theorien zum äußerlich beobachtbaren Verhalten wie auch zu den inneren Strukturen sind zunächst ‚unabhängig‘ voneinander. Man kann von der Theorie des Verhaltens T_SR nicht direkt auf Eigenschaften der inneren Strukturen T_PHYS schließen und auch nicht umgekehrt. Andererseits spricht alles dafür, dass die inneren Strukturen – beschrieben in einer möglichen Theorie T_PHYS – verantwortlich sind für das äußerlich beobachtbare Verhalten D_SR, das in einer möglichen Theorie T_SR beschrieben wird. Es wäre also naheliegend, eine Art ‚Brückentheorie‚ zu bauen (‚Psychophysiologie‘ oder ‚Physiopsychologie‘), in der die beiden Theorien T_SR und T_PHYS explizit als T_SR_PHYS miteinander in Beziehung gesetzt werden (als ‚Neuropsychologie‘ ist diese Idee schon länger bekannt, aber diese stellt eine Engführung des eigentlichen Themas dar und die wissenschaftsphilosophische Konzeption der bisherigen Arbeiten erscheint bislang nicht ganz überzeugend).
  4. Die soeben skizzierten Typen von Daten D_SR und D_PHYS sind relativ weit verbreitet. Was nicht so verbreitet ist, das ist die Inbeziehung-Setzung dieser Daten zum Bewusstsein. Entsprechend der großen Tradition der empirischen Wissenschaften, die den Zugriff auf die Wirklichkeit an die Verfügbarkeit von externen Messprozessen geknüpft hatten, um sich von den vielen falschen Ansprüchen einer damals noch unkritischen Philosophie abzugrenzen, ist die mögliche Bedeutung und Rolle der bewusstseinsbasierten Daten – hier D_PH genannt – etwas aus dem Blick geraten, soweit, dass lange nicht mehr klar war, wie man überhaupt empirische Daten (D_SR und D_PHYS) mit Bewusstseinsdaten (D_PH) in Beziehung setzen kann.
  5. Erst ganz langsam setzt sich mit den neueren Erkenntnissen von Biologie, Physiologie und Psychologie wieder die Einsicht durch, dass das Gehirn als ‚Ermöglichung von Bewusstheit‘ selbst ja gar keinen direkten Bezug zur empirischen Außenwelt besitzt. Über komplexe Signalprozesse werden dem Gehirn Außenweltereignisse mehrfach übersetzt zur weiteren Bearbeitung übermittelt, ebenso Ereignisse aus dem Körper wie auch aus dem Gehirn selbst. Aus all dem konstruiert das Gehirn ein dynamisches Modell der Gesamtsituation, die dann in einem biologischen System das spezifische Gesamtphänomen ‚Bewusstsein‘ ermöglicht, innerhalb dessen das System den ‚Eindruck‘ hat, dass ‚es selbst‘ unterschiedliche ‚Phänomene (PH) erlebt‘. Diese Phänomene repräsentieren nach heutigem Wissensstand nur einen winzigen Teil aller Ereignisse im Körper. Man nimmt daher – spätestens seit Freud — neben der Bewusstheit des Bewusstseins auch ein ‚Unbewusstes‘ an. Verschiedene weitere Annahmen über ein ‚Vor-Bewusstes‘ (so Freud) oder ein ‚temporäres Bewusstsein‘ spielen hier keine wesentliche Rolle, da die Phänomene des Bewusstseins allesamt aus dem Un-Bewussten herrühren und somit das Unbewusste punktuell und temporär ’sichtbar‘ machen.
  6. Mit dieser neueren Einsicht in die Gesamtarchitektur des biologischen Erkennens kann man die Beziehung zwischen empirischen Verhaltens- und Körperdaten einerseits (D_SR, D_PHYS) und Bewusstseinsdaten (D_PH) andererseits neu gewichten: auch das, was wir empirische Daten nennen sind letztlich auch Bewusstseinsdaten (!), allerdings mit der Besonderheit, dass man diese Bewusstseinsdaten mit externen Messprozeduren korrelieren kann, die parallel zu den Bewusstseinsdaten realisiert werden und die selbst sowie ihre Messergebnisse D_SR und D_PHYS zugleich auch Daten des Bewusstseins D_PH_SR und D_PH_PHYS sind. Nur weil sie auch bewusst sein können, wissen wir von ihrer Existenz, und nur wenn diese Daten uns bewusst sind, können wir mit ihnen bewusst umgehen und mit ihnen bewusst arbeiten.
  7. Die sogenannte ‚Kluft‘ zwischen Philosophie und den empirischen Wissenschaften ist daher eher ein ‚Artefakt des Denkens‘. Damit wird die besondere Stellung der empirischen Wissenschaften weder in Frage gestellt noch geschmälert, sondern es wird deutlich, wie die empirischen Wissenschaften letztlich als ein ‚Philosophieren mit anderen Mitteln‘ betrachtet werden können. Das ‚empirische Messen‘ ist von daher eine spezielle Methode, durch die die Philosophie in bestimmten Teilbereichen deutlich ‚mehr‘ erkennen kann als ohne diese Methoden.
  8. Was damit allerdings auch klar wird: statt dass sich die Philosophie – wie so oft in der Vergangenheit – mit ‚Abscheu‘ von den empirischen Wissenschaften abwendet, hat sie eine ganz besondere Verantwortung, diesen extrem wichtigen Teil einer ‚empirischen Philosophie‘ besonders zu pflegen. Die methodischen Herausforderungen, die sich hier stellen, sind enorm und übersteigen alles, was die Philosophie zuvor getan hat.
  9. In diesem Kontext sei auch besonders hingewiesen auf die vollautomatischen (= unbewussten) Prozesse der ‚induktiven Kategorienbildung‘ im Rahmen von Wahrnehmung und Gedächtnis. Was immer an Wahrnehmungsereignisse das ‚Gedächtnis‘ erreicht (ein Teilsystem des Gehirns), es wird automatisch als ein prototypisches Muster ‚angelegt‘, das sich nach impliziten Ähnlichkeitskriterien kontinuierlich ‚anreichern‘ kann. Nur deshalb sind wir in der Lage, einen zuvor schon mal wahrgenommenen ‚Gegenstand‘ der Art ‚A‘ im Fall eines neuerlichen Vorkommens wieder als ‚A‘ oder ‚dem A ähnlich‘ wiedererkennen zu können.
  10. Nur weil es diese ‚automatische induktive Kategorienbildung‘ gibt können wir Sprachsysteme einführen und benutzen, deren Symbole sich auf solche Kategorien als ihren ’natürlichen Gegenständen‘ beziehen. Worte wie ‚Tisch‘, ‚Baum‘,  ‚Hund‘ usw. können sich  auf einen konkreten Gegenstand X beziehen, weil der konkrete Gegenstand X  hinreichend viele ‚Ähnlichkeiten‘ mit der jeweiligen  induktiv entstandenen natürlichen Kategorie ‚Tisch‘, ‚Baum‘,  ‚Hund‘ usw aufweist. Die potentielle Menge von konkreten Objekten X in der realen Welt, die sich auf solch eine Weise einer ‚induktiven Gegenstandskategorie‘ zuordnen lassen,  sind daher implizit ‚offen‘, nicht wirklich ‚begrenzbar‘. Zudem  muss man  davon ausgehen, dass die konkrete Füllung dieser Gegenstandskategorien im Kontext einer natürlichen Sprache bei den einzelnen Menschen stark variieren kann, je nach individueller Erfahrung.
  11. Im Kontext der empirischen Wissenschaft sind solche ‚prinzipiell offenen Bedeutungskategorien‘ unerwünscht. Will man ‚Vieldeutigkeiten‘ vermeiden gibt es bislang zwei Strategien, um diese zu minimieren:
    1. Einführung von Fachsprachen innerhalb der normalen Alltagssprache: man versucht die benutzten Begriffe durch entsprechende Regeln zu ’normieren‘;
    2. Einführung von formalen Kunstsprachen, deren Bedeutungszuordnung durch explizite Bedeutungsregeln sichergestellt werden sollen.
  12. Beide Strategien haben sich als nicht vollständig umsetzbar erwiesen. Am erfolgreichsten erscheint bislang die Strategie der formalen Fachsprachen mit expliziten Bedeutungsregeln, und hier insbesondere die Sprache der modernen Mathematik, bekannt als ‚mengentheoretische Sprache‘ und diverse Formen von ‚Strukturbildungen mit Interpretationsbegriff‘.
  13. Grundsätzlich ist es möglich, dass man mittels einer formalen Kunstsprache ‚künstliche formale Kategorien‘ einführt, die über ‚spezielle Bedeutungszuordnungen‘ nur eine endliche Menge von klar definierten Eigenschaften umfassen oder, zumindest auf rein formaler Ebene, überabzählbar viele  Mengen von Eigenschaften unterschiedlicher Strukturen. Diese Möglichkeit von ‚künstlichen formalen Kategorien‘ hat sich in der empirischen Forschung – z.B. in der Physik – als extrem wichtig erwiesen, da die Eigenschaften der empirischen Welt oft so ganz anders zu sein scheinen als es die gewohnte induktive Kategorienbildung des menschlichen Gehirns nahelegt.
  14. Unter Einbeziehung des Aspekts ‚Sprache‚ lässt sich das Verhältnis von moderner Philosophie und moderner empirischen Wissenschaft nochmals präziser fassen: mittels definierter empirischer Messprozeduren (MSE) und daraus resultierenden empirischen Messergebnissen (D_EMP) ergeben sich im Rahmen des Bewusstseins (CONSC) spezifische Phänomene (D_PH_EMP), denen eben extern diese Messprozeduren korrespondieren. Als wahrgenommene Phänomene D_PH_EMP unterliegen sie allerdings den automatisch erzeugten induktiven Kategorienbildungen, auf die symbolische Ausdrücke einer Sprache bezogen werden können.
  15. Dabei ist zu beachten, dass die Ausdrücke einer Sprache auch sowohl als empirische Ereignisse (D_EMP_L) vorkommen wie auch als Phänomene (D_PH_EMP_L). Die Beziehung zwischen sprachlichen Ausdrücken und zugeordneten Bedeutungskorrelaten geschieht als unbewusster Prozess innerhalb des Gedächtnisses als Teil des Gehirns.
  16. Im Rahmen von Denkprozessen (teils unbewusst, teils bewusst), lassen sich beliebig viele formale Ausdrücke mit zugehörigen formalen Kategorien bilden. Im Falle von empirischen Wissenschaften müssen diese jeweils mit empirischen Phänomenen in Beziehung gesetzt werden können, um ihren Außenweltbezug herstellen zu können. Im Falle von vor-wissenschaftlichen Theorien wie einer unkritischen Metaphysik wurden zwar auch rein abstrakte, bisweilen sogar formale, Strukturen im Denken entwickelt, aber deren Geltung wurde gewöhnlich nicht nach festen Regeln auf empirische Außenweltereignisse zurückgebunden. Die negativen Auswirkungen eines solchen Vorgehens lassen sich im Rückblick untersuchen. Von heute aus gesehen liegt es daher nahe, die modernen empirischen Theorien als die genuinen Nachfolger der klassischen ‚metaphysischen‘ (= jenseits der Natur) Theorien zu betrachten, mit der Innovation, dass heute die potentiellen abstrakten (und formalisierten) Strukturen nach klar vereinbarten Verfahren an empirische Messprozesse zurückgebunden werden.
  17. Nach diesen vorbereitenden Überlegungen wird vielleicht verständlich, dass die ‚Phänomene‘ eines Bewusstseins für alle Disziplinen die ersten ’nicht weiter hintergehbaren‘ Daten darstellen. Die Einführung von empirischen Messverfahren hebt die Priorität von Phänomenen des Bewusstseins daher nicht auf, sondern ergänzt diese nur um zusätzliche Momente, die ‚berücksichtigt‘ werden sollten, will man über eine ‚Wirklichkeit‘ sprechen, die nicht nur im eigenen Bewusstsein zu verankern ist, sondern zugleich auch im ‚Zwischenbereich der Körper‘, den wir ‚empirische Welt‘ nennen.
  18. Damit stellt sich die Frage, was ist mit jenen ‚Phänomenen‘, die sich nicht mit empirischen Messverfahren korrelieren lassen; nennen wir diese abkürzend D_PH*, bestimmt durch die Gleichung D_PH* = D_PH – D_PH_EMP.
  19. Diese nicht-empirischen Phänomene D_PH* sind ja nicht weniger ‚wirklich‘ wie die empirischen Phänomene D_PH_EMP, nur fehlt ihnen ein definiertes Korrelat in der Zwischen-Körper-Welt. Alle diese nicht-empirischen Phänomene D_PH* entstammen letztlich dem Unbewussten (NON-CONSC).
  20. Aus dem Alltag wissen wir, dass alle Menschen aufgrund sehr ähnlicher Körper und Gehirnstrukturen vielerlei Phänomene kennen, über die sich eine gewisse ‚Einigkeit‘ herstellen lässt, weil sie die meisten Menschen ’sehr ähnlich‘ erleben, wie z.B. ‚Müdigkeit‘ nach längerem ’nicht Schlafen‘, ‚Hunger‘ nach längerem ’nicht Essen‘ usw .Man könnte also sagen, dass der ‚menschliche Körper‘ auch eine Art ‚Messgerät‘ ist, das bei entsprechendem ‚Verhalten‘ bestimmte ‚Zustände als Quasi-Messergebnisse‚ erzeugt, über die sich zwischen allen Beteiligten eine ‚praktisch hinreichende Einigkeit‚ erzielen lässt, wenngleich diese Einigkeit in der Regel nicht die ‚Präzision‘ hat, wie die technisch vereinbarten empirischen Messverfahren der Wissenschaften.
  21. Schwieriger wird es allerdings dann, wenn jemand ‚Phänomene‘ zu erleben meint, für die sich nicht sofort eine klare Ursache im Körper zuordnen lässt, die sich von anderen in ‚hinreichend ähnlicher Form‘ ’nachvollziehen‘ lässt. So kann es unterschiedliche Formen von ‚Schmerzen‘, ‚Emotionen‘, ‚Gefühlen‘, und ‚Stimmungen‘ geben, die sich nicht sofort ( auch nicht über längere Zeit) bestimmten körperlichen Prozessen zuordnen lassen. Dann wird eine zwischenmenschliche Verständigung schwierig. Der Angesprochene weiß dann nicht, mit welchen seiner ‚Erfahrungen‘ er die Äußerungen des anderen ‚in Verbindung bringen soll‘.
  22. Aus der schwierigen Kommunizierbarkeit von Phänomenen folgt allerdings nicht, dass diese ‚unwichtig‘, ‚unbedeutend‘ sind. Im Gegenteil, es können sehr wichtige Phänomene sein, die bislang – aus welchen Gründen auch immer – einfach von niemandem beachtet werden. So wie generell die Wissenschaft immer wieder neu um die Angemessenheit ihrer bisherigen ‚Terminologie‘ ringen muss, so müssen wir Menschen – insbesondere, wenn wir uns als Philosophen verstehen – unsere bisherigen Sprechweisen immer wieder neu an unseren Phänomenen ‚überprüfen‘.
  23. In diesem Kontext erscheint das ‚Meditieren‘ als eine der radikalsten Formen ‚eines sich seiner eigenen Erfahrung zensurfreien Aussetzens‘. Hier können sich viele Phänomene ereignen, die quer liegen zu den bisherigen Sprechweisen und die von daher neue Ausdrucksweisen erfordern.
  24. Aktuell ist dem Autor keine systematische philosophische Analyse der Phänomene des alltäglichen Erlebens inklusive speziell auch der Phänomene im Kontext von Meditation und Spiritualität bekannt. Zwar gibt es zahllose Artikel und Bücher zu diesem Thema, diese unterscheiden sich jedoch bezüglich Erfahrungskontexten, gewählten Sprachen und Methoden so stark, dass eine verallgemeinerte Aussage über diese Analysen aktuell nicht möglich erscheint; möglicherweise brauchen wir hier ein völlig neues Forschungsprogramm.
  25. Das Thema einer Super-Brückentheorie zwischen äußeren Verhaltensdaten, Körperdaten und Bewusstseinsdaten soll hier nur erwähnt werden. Eine solche Theorie wäre das ferne Ziel, das zu adressieren wäre.

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MEDITATION UND WISSENSCHAFT. Überlegungen zu einem Lehr- und Forschungsexperiment an einer Deutschen Hochschule

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 16.Okt. 2018
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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KONTEXT

Das Hauptthema in diesem Blog ist seit Beginn die Suche nach dem neuen Menschenbild innerhalb der Koordinaten ‚Philosophie – Wissenschaft‘ ergänzt um die Themen ‚Gesellschaft – Technologie‘ und ‚Religion‘.

Im Laufe der Jahre haben sich aufgrund dieser Überlegungen immer wieder ‚Unterprojekte‘ außerhalb des Blogs herausgebildet, um die allgemeinen Überlegungen auch konkret zu prüfen bzw. umzusetzen.

Aktuell gibt es drei Unterprojekte: (i) Vorbereitet durch viele Jahre Vorlesungen gibt es ein online-Buchprojekt zum integrierten Engineering, das weit fortgeschritten ist. (ii) Ferner gibt es nun schon im vierten Semester ein Projekt ‚Meditation und Wissenschaft‘ an einer Deutschen Hochschule als reguläre interdisziplinäre Lehrveranstaltung, aus der ein erstes Buch hervorgegangen ist (kurz vor dem Druck), und zu dem es in wenigen Tagen einen ersten wissenschaftlichen Kongress geben wird. (iii) Seit dem Frühjahr 2018 hat sich im Anschluss an einen Kongress zur Städteplanung ein neues interdisziplinäres Projekt gebildet, das eine ziemlich direkte Umsetzung der Theorie des Engineerings ist, die unter (i) erwähnt wird (die aktuelle Webseite https://www.frankfurt-university.de/index.php?id=4664 verrät noch nicht all zu viel, aber eine deutlich erweiterte Fassung ist in Vorbereitung (bis ca. Mitte November) und adressiert alle Kommunen in Deutschland (und letztlich in ganz Europa). Eine weitere Variante adressiert Universitäten und Schulen, auch Firmen.

Hier soll kurz auf das unter (ii) genannte Projekt eingegangen werden.

GESELLSCHAFTICHE AUSGANGSLAGE

Wie in dem im Frühjahr 2019 erscheinenden Buch ausführlich dargelegt wird, erleben wir eine Zeit, in der aktuelle technologische Entwicklungen (sehr dominant: die sogenannte ‚Digitalisierung‘) die gewohnten Abläufe in der Gesellschaft von Grund auf neu formen. Zusätzlich wirbeln alte, bekannte Weltbilder mit neuen wissenschaftlichen Sehweisen, meist sehr fragmentiert, durcheinander und lassen den einzelnen eher verwirrt denn aufgeklärt zurück. Die konkreten Alltagsformate der einzelnen Menschen in den Industrieländern induzieren viele neue Stresssituationen, selbst schon bei Kindern, Jugendlichen und Studierenden, die das aktuelle Bildungssystem zu überfordern scheinen.

VERANTWORTUNG DER HOCHSCHULEN

In einem solchen Kontext müssen sich Hochschulen, auch die Hochschulen für angewandte Wissenschaften, neu orientieren und sortieren.

Traditionellerweise verbindet man mit Hochschulen ‚Wissenschaft‘, ‚wissenschaftliches Denken und Arbeiten‘, und es gibt zahlreiche juristische und organisatorische Abläufe, die diese Wissenschaftlichkeit absichern sollen. Aus Sicht des einzelnen Studierenden erscheint eine Hochschule aber immer mehr wie eine ‚Service-Maschine‘, die eine Vielfalt von Studienprogrammen anbietet, die jeweils kleine Ausschnitte aus dem großen Wissenskosmos vorstellt, die — in der Regel — weder mit dem Rest der Wissenschaft noch mit der Breite der Gesellschaft irgendetwas zu tun haben. Wichtiges Detail: der einzelne Studierende als ‚Person‘, als ‚Mensch‘ mit all seinen Facetten und heutigen Belastungen kommt in diesen Programmen normalerweise nicht vor. Dies ist ‚Privatsache‘. Da muss jeder auf eigene Faust schauen, wie er das ‚regelt‘.

Der wachsende ‚Veränderungsdruck‘ in der gesamten Gesellschaft, die Zersplitterung der kognitiven Landkarte in viele Fragmente, die nicht mehr zusammen zu passen scheinen, die allseitige Zunahme an körperlichen und psychischen Erkrankungen, kann man, wenn man will, als Anregung, als Herausforderung verstehen, den Ort ‚Hochschule‘ neu zu formen, um diesen greifbaren Defiziten mehr gerecht zu werden.

ERSTER ANTWORTVERSUCH

Eine umfassende Antwort würde möglicherweise in eine sehr grundlegende Reform der Hochschulen münden. Ob, wann und wie dies geschieht, weiß momentan sicher niemand. Aufgrund einer besonderen Situation an der Frankfurt University of Applied Sciences kam es im Frühjahr 2017 zu einer Initiative (Dievernich, Frey, Doeben-Henisch), die zum Start eines offiziellen Lehrmoduls ‚Meditation als kulturelle Praxis‘ führte, das sich seitdem inhaltlich immer mehr zur Thematik ‚Meditation und Wissenschaft‘ hin entwickelt hat.

Es soll hier einführend beschrieben werden, wie das Projekt so zwei unterschiedlich erscheinende Themen wie ‚Meditation‘ einerseits und ‚Wissenschaft und Technologie‘ andererseits miteinander zu einer Lehrveranstaltung mit forschendem Charakter verbinden kann. Zudem sollte es einen Beitrag zur personalen, menschlichen Situation der Studierenden leisten.

INTERDISZIPLINÄRES FELD STUDIUM GENERALE

Vorweg zu den Details der nachfolgenden Erläuterungen muss festgestellt werden, dass der Start zu dem neuen, innovativen, Projekt ‚Meditation als kulturelle Praxis‘ (oder dann künftig eher ‚Meditation und Wissenschaft‘) nur möglich war, weil es in der Hochschule schon seit 2005 die alle Fachbereiche und Studienprogramme übergreifende Einrichtung eines ‚interdisziplinären Studium Generale (ISG)‘ gibt. In diesem Rahmen können nahezu beliebige Themen von Dozenteams aus mindestens 2 – eher 3 — verschiedenen Fachbereichen angeboten werden, und die Studierenden aus allen Bachelorstudiengängen können sich dafür anmelden. Dieser kreative Raum innerhalb der ansonsten ziemlich ‚hart verdrahteten‘ Lehre war schon vielfach ein Ort für neue, innovative, und vor allem teamorientierte Lernerfahrungen. Doch auch hier gilt: was nützen die besten Optionen, wenn es zu wenig kreative und mutige Dozenten und Studierende gibt. Freiräume sind ‚Einladungen zu‘ aber keine ‚Garantien für‘ eine kreative Nutzung.

PHÄNOMEN MEDITATION

Das Thema ‚Meditation‘ blickt zurück auf eine Tradition von mehr als 2000 Jahren, mit vielen unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen, und erlebt seit Jahren eine starke Wiederbelebung in von Technologie geprägten Gesellschaften, deren Vielfalt kaum noch zu überschauen ist. Im Kern wird das Thema Meditation aber begleitet von einer Art Versprechen, dass jemand, der meditiert, daraus sowohl für seinen Körper als auch für seine Psyche ‚positive Wirkungen‘ ziehen kann.

Meditieren heißt, dass man mit seinem Körper etwas konkretes ‚tut‘, dass man konkrete Zustände seines Körpers konkret ‚erlebt‘, und dass man dieses Tun und Erleben ‚interpretieren‘ kann, aber nicht muss. Sowohl zu den konkreten praktischen Formen des Meditierens wie auch zu den möglichen Interpretationen gibt es ein breites Spektrum an Vorgehensweisen und Deutungen.

Was kann ein einzelner Mensch tun, wenn er sich mit Meditieren beschäftigen will? Was kann er tun, wenn er in einer von Wissenschaft und Technik geprägten Welt mit dem Phänomen Meditation konfrontiert wird? Welche Rolle spielen die ‚Deutungsmodelle‘? Warum gibt es überhaupt so viele unterschiedliche Deutungsmodelle? Was bedeutet es, dass diese Deutungsmodelle in so vielen verschiedenen Sprachen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten vorliegen?

DEUTUNGSMODELLE UND WISSENSCHAFT

Die modernen empirischen Wissenschaften sind im Laufe der Jahrhunderte (mit langen Vorlaufzeiten von bis zu 2000 Jahren!) entstanden als eine neue Art von ‚Wahrheitsbewegung‘: wie kann man in der Vielfalt der Erfahrungen und des Wissens jene ‚Bestandteile‘ herausfinden, die ‚wirklich Geltung‘ haben im Unterschied zu jenen Bestandteilen, die sprachlich zwar beschrieben und behauptet werden, aber nur schwer bis gar nicht als ‚gültig‘ erwiesen werden können? In einem mühsamen Prozess, der in den ca. letzten 400 Jahren zu seiner heutigen Form fand, zeigte sich, dass das Festhalten an intersubjektiv überprüfbaren ‚Standards‘ intersubjektiv nachvollziehbare und reproduzierbare ‚Messoperationen‘ mit ‚Messwerten‘ ermöglichte, was wiederum ganz neue explizite ‚Arbeitshypothesen‘, ‚Modelle‘ und dann ‚Theorien‘ ermöglicht.

KEIN GEGENSATZ ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND ‚GEIST‘

Während das Projekt ‚empirische Wissenschaft‘ lange Zeit als Gegensatz zur klassischen Philosophie und den sogenannten Geisteswissenschaften erschien, führten die Ergebnisse der ca. letzten 150 Jahre mehr und mehr dazu, dass man die Position des ‚Geistes‘, der ‚Geisteswissenschaften‘ im Rahmen der modernen empirischen Theorien schrittweise so ‚einordnen‘ kann, dass die Geisteswissenschaften einerseits im Rahmen der empirischen Wissenschaften integriert werden können, andererseits aber die Besonderheit des Menschen (als Teil des gesamten biologischen Lebens) nicht verschwindet. Statt dass die Besonderheit des Geistigen und des Lebens verschwindet, scheint es eher so zu sein, dass die Besonderheit des Geistigen als Teil des Biologischen eine noch viel größere Wucht erhält als je zuvor. Diese neue mögliche Fusion von empirischen Wissenschaften und ‚Theorie des Geistigen‘ wird bislang noch kaum genutzt. Zu tief haben sich traditionelle Begrifflichkeiten als kulturelle Muster in die Gehirne ‚eingegraben‘; solches zu ändern dauert erfahrungsgemäß viele Generationen.

KANT 2.0

Während der Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) eingesperrt in sein Bewusstsein, ohne Sprachkritik und ohne Evolutionstheorie, die Antworten auf seine Fragen nur als abstrakte Postulate formulieren konnte, nach denen u.a. Raum und Zeit ‚konstitutiv‘ für menschliches Erkennen sind, ohne dass er dies weiter erklären konnte, hat die moderne Wissenschaft nicht nur ein Stück mehr erklären können, wie überhaupt Sprache funktioniert, sondern zusätzlich wie die Strukturen unserer Wahrnehmung, unseres Gedächtnisses, unseres Denkens und vieles mehr von den Strukturen unseres Gehirns in einem bestimmten Körper geprägt sind, die sich wiederum in einer Entwicklungsgeschichte von vielen Milliarden Jahren herausgebildet haben. Wir wissen heute, dass das ‚Bewusstsein‘ nur einen quantitativ verschwindend kleinen Teil des Gesamtkörpers repräsentiert; das meiste ist ‚unbewusst‘ (die Gehirnzellen haben am ganzen Körper einen Anteil von ca. 0.15%, das ‚Bewusstsein‘ wiederum ist nur mit einem Teil der Gehirnzellen assoziiert…). Zusätzlich hat die Wissenschaft ansatzweise aufgedeckt, wie das Gehirn die aufgenommenen Sinnesreize und Körperreize im Kontext von Wahrnehmung, Gedächtnis und Lernen ‚induktiv‘ zu nahezu beliebig komplexen Mustern verrechnen kann, die für uns dann die Konzepte/ Kategorien bilden, mit denen wir die Welt und und uns selbst anschauen. Da diese komplexen Strukturbildungsprozesse durch kommunikative Interaktionen (speziell auch sprachlichen) beeinflusst werde können, können sich Gehirn-induzierte und Kultur-induzierte Muster mischen, vermischen, und so komplexe Deutungsmuster entstehen lassen, deren ‚Gültigkeitsgehalt‘ stark variieren.

REFORMBEDARF DER WISSENSCHAFTEN

Während die empirischen Wissenschaften (und darauf aufbauen die Ingenieurskunst), in den letzten Jahrhunderten viele Pluspunkte sammeln konnten, zeigen sich im bisherigen Konzept und der Praxis von Wissenschaft dennoch gewisse Schwachpunkte: im Rahmen des empirischen Paradigmas können zwar erfolgreiche empirische Experimente und partielle Modelle entwickelt werden, aber die bisherigen empirischen Konzepte reichen nicht aus, um (i) die vielen einzelnen Theorien zu ‚integrieren‘, und (ii) die bisherigen Konzepte sind nicht in der Lage, den ‚Theoriemacher‘ und ‚Theoriebenutzer‘ in der Theorie mit zu repräsentieren. Gerade in den Ingenieurwissenschaften mit ihren immer komplexeren Projekten führt dies zu grotesken Verzerrungen und vielfachen Projektabstürzen. In den empirischen Wissenschaften ist dies nicht wirklich besser, nur fällt es dort nicht so direkt auf. Allerdings kann man zwischen einer rein physikalischen Betrachtungsweise und einer biologischen immer größere Probleme entdecken.

RÜCKKEHR DER PHILOSOPHIE

An dieser Stelle wird klar, dass das historisch ‚ältere‘ Projekt einer umfassenden Philosophie noch nicht ganz ausgedient hat. Während die Philosophie in der oftmals selbst gewählten Abstinenz von Wissenschaft (seit ca. 1500 Jahren) mehr und mehr den Kontakt zur Welt verlor, kann Philosophie in enger Kooperation mit Wissenschaft dieser helfen, ihre fehlende ‚Einheit‘ zurück zu gewinnen. Das neue Paradigma lautet daher ‚Philosophie und Wissenschaft‘ als grundlegendem Denkmuster, erweitert, konkretisiert in der ‚Ingenieurskunst‘. Diese liefern den Rahmen, in dem sich die Freiheit und Kreativität des Lebens entfalten und gestalten kann.

MEDITATION UND WISSENSCHAFT

Schematisches Modell für eine philosophisch begründete empirische Weltsicht am Beispiel des Meditierens

Schematisches Modell für eine philosophisch begründete empirische Weltsicht am Beispiel des Meditierens

Diese neuen, spannenden Entwicklungen in Philosophie und Wissenschaft eröffnen auch neue, interessante Zugangsweisen im Umgang mit dem empirischen (und historisch überlieferten) Phänomen der Meditation. Im folgenden Text (siehe auch die Schaubilder) wird versucht, aufzuzeigen, wie ein modernes Philosophie-Wissenschafts-Paradigma eine aktive Auseinandersetzung mit dem Phänomen leisten könnte.

Für diese aktive Beschäftigung mit dem Phänomen Meditation wird angenommen, dass sich grob vier Perspektiven unterscheiden lassen:

  1. REALE PRAXIS: Meditation wird in einer bestimmten Umgebung praktiziert von einem Menschen, der dabei mit seinem Körper etwas tut. Dies kann zu Veränderungen an seinem Körper führen wie auch in seinem Erleben.

  2. BEOBACHTEN: Vor der Praxis kann man in Form von Fragen festlegen, auf welche Art von Phänomenen man vor, während und nach der Meditation achten will. Dazu kann man festlegen, in welcher Form die Beobachtung ausgeführt werden soll und wie man die Beobachtungswerte/ -daten protokollieren will. Sie sollten unter festgelegten Bedingungen für jeden potentiellen Beobachter reproduzierbar sein. Ort, Zeit, Umstände usw. sollten aus den Protokollen entnehmbar sein.

  3. DEUTUNG: Einzelne Beobachtungswerte repräsentieren isolierte Ereignisse, die als solche noch keine weiterreichenden Deutungen zulassen. Die einfachste Form von Deutungen sind einfache Beziehungen zwischen verschiedenen Beobachtungswerten (räumliche, zeitliche, …). Sobald mehr als eine Beziehung auftritt, ein Beziehungsbündel, kann man Beziehungsnetzwerke formulieren, Modelle, in denen Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Faktoren sichtbar werden. Wahrheitsfähig werden Deutungen aber erst, wenn sie als Theorie formuliert werden (Strukturen, Beziehungen, Dynamiken, Folgerungsbegriff, …), erst dann können sie wahr oder falsch sein, können sie möglicherweise falsifiziert werden, weil man Voraussagen ableiten kann. Generell kann man für Deutungen noch folgende Eigenschaften festhalten:

    1. Die einfachste und historisch häufigste Form von Deutungen sind Texte in ‚Normalsprache‚, eventuell angereichert mit Bildern oder anderen Artefakten.

    2. In modernen Versionen von Deutungen finden sich zusätzlich mehr und mehr voll definierte Diagramm-Sprachen bis hin zu animierten Bildfolgen

    3. Für die eigentliche, harte Modell- und Theoriebildung haben sich aber formale Sprachen durchgesetzt bzw. eine konsequent mathematische Darstellungsweise, ergänzt um eine explizite Logik, die beschreibt, wie man korrekte Folgerungen aus einer gegebenen Theorie gewinnen kann.

    4. Quer zu den Darstellungsweisen Text, Bild und Formel gibt es die zusätzliche Dimension einer dynamischen Repräsentation in Form von Ablaufschilderungen, Bildfolgen, Computer-Simulationen, oft noch erweitert um Interaktionen, die dem Ganzen einen spielerischen Charakter verleihen.

    5. ÜBERLIEFERUNG: Zu vielen (den meisten…) Phänomenen finden sich Überlieferungen aus früheren Zeiten. Die Überlieferungsgeschichte ist unterschiedlich gut, bisweilen sehr schlecht. Die Kontexte und die verwendeten sprachlichen sowie bildhaften Mittel setzen Interpretationsbeziehungen voraus, die heute gar nicht oder nur partiell bekannt sind. Die konkreten Umstände der Überlieferung, die beteiligten Personen, deren Innenleben, sind oft nur wenig bis gar nicht bekannt. Die Einbeziehung von Überlieferungen ist daher mit großer Vorsicht zu sehen. Dennoch können sie wertvolle Hinweise liefern, die man neu überprüfen kann.

  4. REFLEXION: Die bislang genannten Themen ‚Reale Praxis – Beobachtung – Deutung‘ kann man als solche ‚definieren‘, ‚beschreiben‘ und anwenden. Allerdings setzen alle diese Themen einen übergreifenden/ vorausgehenden Standpunkt voraus, in dem entschieden wird, ob man sich überhaupt einer Realität zuwenden will, welcher Realität, wie, wie oft usw. Ebenso muss vor der Beobachtung geklärt werden, ob man überhaupt beobachten will, wie, wann, wie oft, was man mit den Beobachtungswerten dann tun will, usw. Und entsprechend muss man vor Deutungsaktionen entscheiden, ob man überhaupt deuten will, wie, was, usw. Diese Dimension der vorbereitenden, begleitenden, und nachsinnenden Überlegungen zum gesamten Prozess wird hier Reflexion genannt. Als Menschen verfügen wir über diese Fähigkeit. Sie wird in all unserem Tun, speziell dann auch in einem wissenschaftlichen Verhalten, nicht direkt sichtbar, sondern nur indirekt durch die Art und Weise, wie wir mit der Welt und uns selbst umgehen. Es ist irgendwie die gesamte Vorgehensweise, in der sich ein ‚Plan‘, verschiedene ‚Überlegungen‘, verschiedene ‚Entscheidungen‘ auswirken und damit ausdrücken können. Und ein wissenschaftlicher Umgang mit der Welt und sich selbst setzt insofern bestimmte Verhaltensformate voraus. Wissenschaft im üblichen Sinne ist die geordnete Umsetzung eines solchen Planes. Die Analyse und das Design eines solchen wissenschaftlichen Handlungsformates leistet idealerweise die Wissenschaftsphilosophie. Den kompletten Rahmen für jedwede Art von Vorgehen, das Nachsinnen ob und wie überhaupt, die Klärung von Motiven und Voraussetzungen, die Methode einer Wissenschaftsphilosophie, und vieles mehr, das ist die originäre Aufgabe der Philosophie. Insofern ist die Domäne der vor- und übergreifenden Reflexion die Domäne der Philosophie, die darin in einer methodisch engen Weise mit jedweder Form von Wissenschaft verknüpft ist.

Die hier aufgelisteten Punkte bilden eine minimale Skizze, die weitere Kommentare benötigt.

BEOBACHTUNG: SUBJEKTIVITÄT – OBJEKTIVITÄT

Die Verschränkung des 'Objektiven' mit dem 'Subjektiven' aufgrund des heutigen Kenntnisstands

Die Verschränkung des ‚Objektiven‘ mit dem ‚Subjektiven‘ aufgrund des heutigen Kenntnisstands

Setzt man obigen Rahmen voraus, dann scheint es hilfreich, einen Punkt daraus hier speziell aufzugreifen: das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität, das sich nahezu durch die gesamte Geschichte der Philosophie und der Auseinandersetzung zwischen Philosophie und empirischer Wissenschaft zieht. Und gerade im Fall des Meditierens gewinnt diese Unterscheidung eine besondere Bedeutung, da neben jenen Wirkungen des Meditierens, die sich äußerlich und in Körperfunktionen direkt (empirisch, objektiv) beobachten (messen) lassen, es viele (die meisten) Wirkungen gibt, die sich nur ‚im Innern‘ (subjektiv) des Meditierenden erfassen lassen. Wie geht man damit um?

Aufgrund der Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften können wir heute relativ klar sagen, dass das persönliche Erleben an das jeweilige, individuelle Bewusstsein (‚consciousness‘) geknüpft ist, das wiederum – in einer noch nicht genau rekonstruierten Weise – eine Funktion des individuellen Gehirns ist. Das Gehirn wiederum sitzt in einem Körper und wird von diesem neben der notwendigen Energie mit allerlei Erregungsmustern (neuronale Signale) versorgt. Einige stammen von Sinnesorganen, die verschiedene energetische Ereignisse er Außenwelt (Licht, Schall, Geruch, …) in neuronale Signale übersetzen, andere vom Körperinnern, andere vom Gehirn selbst. Das Gehirn weiß also von der Außenwelt ‚direkt‘ nichts, sondern nur in dem Maße, als ihm diverse neuronale Signale übermittelt werden, die in sich schon eine erste Übersetzung darstellen. Aus all diesen Signalen errechnet das Gehirn kontinuierlich ein Netzwerk von repräsentierenden Ereignisstrukturen, die zusammen ein ‚komplexes (dynamisches) Bild‘ des aktuellen Zustands ergeben. Dieses Zustandsbild ist beeinflusst von ‚vergangenen Bildern‘ (Gedächtnis), von unterschiedlichen ‚Abstraktionsprozessen‘, von unterschiedlichen ‚Erwartungswerten‘ und ‚Bewertungen‘, um as Mindeste zu sagen. Wie viel von den kontinuierlichen Berechnungen des Gehirns tatsächlich ins ‚Bewusstsein‘ gelangt, also ‚bewusst‘ ist, lässt sich nicht klar sagen. Sicher ist nur, dass das, was uns bewusst ist, in jedem Fall eine Auswahl darstellt und es insofern – aus Sicht des Bewussten – ein Unbewusstes gibt, das nach groben Schätzungen erheblich größer ist als das Bewusste.

Philosophen nennen die unterschiedlichen Inhalte des Bewusstseins ‚Phänomene [PH]‘ (zumindest in jener Richtung, die sich phänomenologische Philosophie‘ nennt). Innerhalb dieser Menge der Phänomene kann man anhand von Eigenschaften unterschiedliche Teilmengen der Phänomene unterscheiden. Eine sehr wichtige ist die Teilmenge der ‚Phänomene von den externen Sensoren (PH_W_EXT)‘. Durch ihren Bezug zu unterstellten Objekten der Außenwelt und zusätzlich unterstützt durch Phänomene einer realen Kommunikation lässt sich eine Art ‚Korrelation‘ dieser Phänomene mit unterstellten Objekten der Außenwelt in einer Weise herstellen, die sich mit anderen ‚Beobachtern‘ ’synchronisieren‘ lässt. Sofern dies gelingt (z.B. durch vereinbarte Formen des Messens mit vereinbarten Standards) bekommen diese Phänomene PH_W_EXT einen besonderen Status. Wir nennen sie empirische Phänomene weil sie – obgleich sie weiterhin Phänomene bleiben und damit subjektiv sind – sich in einer Weise mit externen Ereignissen koppeln lassen, die sich in der Reaktion anderer Beobachter auch reproduzieren lässt. Durch diese ‚Rückkopplung‘ gelingt es einem Gehirn, seine ‚locked-in‘ Situation partiell zu überwinden. Daher kommt den als empirisch qualifizierbaren subjektiven Phänomene eine ganz besondere Rolle zu.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die modernen empirischen Wissenschaften durch ihren methodischen Bezug auf die empirischen subjektiven Phänomene sich eine Beobachtungsbasis geschaffen haben, der ein maximaler Erfolgt deswegen vergönnt war, weil tatsächlich nur jene Phänomene Berücksichtigung fanden, die im Prinzip allen Beobachtern in gleicher Weise zugänglich sind.

Eine unkritische – was hier heißt: eine un-philosophische – Handhabung des empirischen Auswahlprinzips kann aber zu unerwünschten Ergebnissen führen. Einer der größten Fehler der Wissenschaftsgeschichte ist wohl (und da hat die Philosophie simultan auch versagt), aus der methodisch sinnvollen Einschränkung auf die subjektiven empirischen Phänomene zu schließen, dass alle anderen (subjektiven) Phänomene grundsätzlich unwichtig oder gar irreführend seien. Diese Folgerung war und ist sachlich völlig haltlos und in ihrer Wirkung verheerend.

Es ist ja nicht nur so (siehe den vorausgehenden Text), dass die empirisch genannten Phänomene weiterhin rein subjektive Phänomene bleiben, sondern das Bewusstsein als Ganzes ist die primäre Quelle für jede Form von Erkenntnis, deren der homo sapiens fähig ist! Die neueren Erkenntnisse zur gleichzeitigen Existenz eines sehr großen Unbewussten setzen das Phänomen des Bewusstseins ja nicht ‚außer Kraft‘, sondern, ganz im Gegenteil, es stellt sich verschärft die Frage, warum es in der Evolution zur Ausprägung des Bewusstseins unter Voraussetzung des Unbewussten kam? Was ist der ‚Vorteil‘ für ein biologisches System zusätzlich zum gewaltigen Komplex der ‚unbewussten Maschinerie‘ des Körpers und des Gehirns noch die Form des ‚Bewusstseins‘ zu besitzen? Bei einem sehr groben Vergleich der Zeiträume von Lebewesen ‚mit‘ und ‚ohne‘ Bewusstsein ist unübersehbar, dass es erst mit der Verfügbarkeit eines hinreichend differenzierten Bewusstseins zu den überaus komplexen und beständig weiter anwachsenden komplexen Verhaltensleistungen ganzer Populationen gekommen ist. Und aus der Tatsache, dass sich nur ein kleiner Teil der Phänomene des Bewusstseins direkt über die Außenwelt mit anderen Beobachtern korrelieren lässt, zu folgern, dass alle anderen Phänomene ‚irrelevant‘ seien, ist weder sachlich noch logisch irgendwie begründbar. Mit dem heutigen Wissensstand müssten wir eher das Gegenteil folgern: eine neue bewusste und herzhafte Hinwendung zu jener reichen Phänomenwelt, die ein biologisches System hervorbringen kann, die sich aber (bislang) einem direkten empirischen Zugriff entziehen.

In diesem Zusammenhang ist auch zu beachten, dass eine ‚Erklärung‘ von subjektiven Phänomenen durch Rückgriff auf ausschließlich direkt korrelierbare physiologische Eigenschaften methodisch fragwürdig ist und in der Regel genau das nicht erklärt, was erklärt werden sollte.

Diese wenigen ersten Gedanken können vielleicht deutlich machen, dass der Anteil subjektiver Phänomene im Kontext des Phänomens ‚Meditation‘ philosophisch und wissenschaftlich kein unüberwindbares Hindernis darstellt, sondern eher eine Einladung, die Forschungen zu vertiefen und zu verbessern.

WIE PRAKTISCH VORGEHEN?

Was bedeutet dies nun für ein praktisches Vorgehen? Wie kann man dies im Rahmen eines konkreten Lehrmoduls umsetzen? Hier ein erster Entwurf:

  1. Als primärer Referenzpunkt sollen konkrete praktische Meditationsübungen dienen, von denen unterschiedliche Formen vorgestellt und dann unter Anleitung ausprobiert werden können. Dies kann in jeder Sitzung und außerhalb, im privaten und öffentlichen Bereich geschehen.

  2. Damit die Perspektive der Wissenschaft und Philosophie zur Wirkung kommen kann, sollte von Anfang an diese Perspektive vorgestellt und demonstriert werden, wie diese sich auf das konkrete Beispiel Meditation anwenden lässt. Neben einer allgemeinen Einführung müsste konkret erläutert werden, welche Fragen sich stellen lassen, und wie eine Beobachtung aussehen könnte. Jeder für sich und dann auch im Team versucht eine Art ‚Logbuch‘ zu führen, in dem alle für die Beobachtung wichtigen Daten eingetragen werden.

  3. Nachdem erste Beobachtungen vorliegen, kann man gemeinsam überlegen, ob und wie man solche Daten ‚deuten‘ könnte: welche Art von Mustern, Regelmäßigkeiten deuten sich an? Gibt es Unterschiede in den verschiedenen Logbüchern? Welchen Status haben solche Deutungen?

  4. Die Schritte (1) – (3) kann man mehrfach wiederholen. Im Alltagsleben kann dies Jahre dauern, viele Jahre. Im Lehrbetrieb hat man nur ca. 2-3 Monate Zeit, um zumindest den grundlegenden Ansatz zu vermitteln.

  5. Nachdem ein erster Eindruck vermittelt wurde, wie man selber sowohl konkret meditieren wie auch empirisch seine Erfahrungen analysieren kann, kann man den individuellen Prozess in größere Kontexte einbetten wie (i) Beispiele von traditionellen Deutungen anhand von prominenten Texten aus der Überlieferung oder (ii) Beispiele aus der Arbeitsweise der verhaltensbasierten Psychologie und der etwas differenzierteren Psychoanalyse oder (iii) Beispielen aus der Philosophie und der Wissenschaftsphilosophie.

Wie man aus diesem kleinen Aufriss entnehmen kann, stellt ein einzelnes Modul nur ein minimales Kick-Off dar, für eine allererste Idee, wie es gehen könnte. Im Grunde genommen bräuchte man für jeden der genannten Punkte (i) – (iii) ein eigenes Modul, und selbst dies wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hieran kann man erahnen, wie schwierig die Ausbildung einer eigenen konkreten Selbsterfahrungs-Praxis mit einer wissenschaftlichen Begleitung eigentlich ist, und wir dürfen uns nicht wundern, wenn so viele Menschen heute sich im Strom der Ereignisse schnell ‚verloren‘ vorkommen… sogenannte ‚Patentantworten‘ sind nicht notwendigerweise ‚richtige Antworten’…

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MEDITATION IN EINER TECHNISCHEN UND WISSENSCHAFTLICHEN WELT? Versuch einer philosophischen Verortung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
7.Mai 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: doeben@fb2.fra-uas.de

 

ÜBERSICHT

I Fragmentierung der Welt als Dauerentfremdung

II Philosophie und Wissenschaft (Idealbild)

II-A Alltagserfahrung – Oberflächen .

II-B Jenseits des Alltags – Wissenschaft

II-C Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

II-D Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

III Erst Reaktionen

III-A Erosion der Wissenschaft ’von innen’

III-B ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’? .

III-C Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Quellen

IDEE

In diesem Text wird aufgezeigt, wie das Phänomen der Meditation im Koordinatensystem der modernen Philosophie und der empirischen Wissenschaften in einer mittlerweile hochtechnisierten Welt verortet werden kann. Ein Deutungsversuch. Er wurde provoziert durch ein Experiment an der Frankfurt University of Applied Sciences, an der seit dem Sommersemester 2017 das Thema ’Meditation’ als offizielles Fach Für alle Bachelor-Studierende der Universität angeboten wird.

I. FRAGMENTIERUNG DER WELT ALS DAUERENTFREMDUNG

In ihren Bachelorstudiengängen erwerben die Studierende grundlegende Kenntnisse über viele verschiedene Einzeldisziplinen. Wieweit diese Disziplinen eher als ’empirische wissenschaftliche Disziplinen’ daherkommen oder doch mehr als ein ’ingenieurmäßiges Anwendungsfeld’ hängt stark vom Charakter der einzelnen Disziplin ab. Sicher ist nur, diese Einzeldisziplinen vermitteln keine ’Gesamtsicht’ der Welt oder des Menschen in der Welt. Ein ’Betriebswirtschaftler’ pflegt einen ganz anderen Zugang zur Welt als ein ’Architekt’, eine ’Case-Managerin’ ist keine ’Elektrotechnikerin’, usw.

Vorab zu allen möglichen Spezialisierungen ist ein Studierender aber primär ein ’Mensch’, ein weltoffenes Wesen, das eine Orientierung im Ganzen sucht, mit einem Körper, der eines der größten Wunderwerke der biologischen Evolution darstellt. Gesellschaftliche Teilhabe, Kommunikation, Verstehen sind wichtige Facetten in einer menschlichen Existenz. Historische Kontexte, Kultur, Werte, eigene Lernprozesse, das eigene Erleben und Lernen, dies alles gehört wesentlich zum Menschsein.

In einer einzelnen Disziplin kommt all dies nicht vor. Wer sich voll in einer bestimmten Disziplin engagiert ist damit nur zu einem kleinen Teil seines Menschseins ’versorgt’. Es klaffen große Lücken. In diesem Kontext ein Modul ’Meditation als kulturelle Praxis’ anzubieten, adressiert ein paar zusätzliche Teilaspekte des studentischen Lebens. Es spricht den persönlichen Umgang mit dem eigenen Körper an, mit spezifischen Körpererfahrungen, die eine feste erlebnismäßige Basis im Strom der Alltagsereignisse bieten können. Damit diese konkrete Praxis nicht ’ir-rational’ daherkommt, werden Teile des kulturellen Kontextes, aus der Geschichte, aus dem heutigen Weltbild, mit erzählt. Wie verstehen Menschen das ’Meditieren’ zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kulturen, heute?

II. PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT (IDEALBILD)

Zwei besonders wichtige Blickweisen in der europäischen Kultur werden durch die modernen empirischen Wissenschaften und durch die moderne Philosophie repräsentiert. Beide entwickelten sich in enger Wechselwirkung seit dem 17.Jahrhundert; sie schufen die Grundlage für moderne Technologien, Gesellschafts- und Wertesysteme. Auch legten sie die Basis für einen Blick auf das Universum, das Leben im Universum, wie auch auf das menschliche Erkennen, wie es in der bisherigen Geschichte des Lebens einmalig ist.

Nun ist der Umfang dieses wissenschaftlichen und philosophischen Wissens zu groß, um es hier auch nur ansatzweise ausbreiten zu können. Es soll aber versucht werden, ausgehend von der Alltagserfahrung und der Praxis der Meditation anzudeuten, wie sich dieses aus Sicht der Philosophie und der empirischen Wissenschaften darstellt.

A. Alltagserfahrung

Oberflächen In seinem Alltag erlebt sich der Mensch mit seinem ’Körper’, der in einem räumlichen Miteinander mit anderen Körpern und Objekten vorkommt. Er erlebt Veränderungen, Verhaltensweisen, asynchron und synchron: Menschen auf einer Straße können wild durcheinander laufen, sie können aber auch gemeinsam diszipliniert in einer Warteschlange stehen, sich im gemeinsamen Tanz bewegen, oder im direkten Gespräch ihr individuelles Verstehen miteinander verschränken.

Zugleich lernt jeder von früh an, dass es ’hinter der Oberfläche’, ’im’ Körper, eine Vielfalt von Ereignissen gibt, subjektive Erlebnisse, die das ’Innere’ eines Menschen charakterisieren. Einiges von diesen Vorgängen ist ’bewusst’, bildet das ’Bewusstsein’ des Menschen. Wir wissen aber heute, dass vieles im Inneren eines Körpers, eigentlich das meiste, ’nicht bewusst’ ist! So sind die ’Inhalte’ unseres ’Gedächtnisses’ normalerweise nicht bewusst; sie können aber bewusst werden, wenn bestimmte Ereignisse uns an etwas erinnern, und herausfordern. Solche Erinnerungen können wie eine Kettenreaktion wirken: eine Erinnerung aktiviert die nächste.

B. Jenseits des Alltags

Wissenschaft Mittlerweile wurde der menschliche Körper, seine Bauweise, viele seiner Funktionen, durch die Biologie, die Physiologie, die Psychologie und durch viele weitere Wissenschaften untersucht und partiell ’erklärt’, dazu auch das Miteinander mit anderen Menschen in seinen vielfältigen Formen.

Wir wissen, dass die ’innere Verarbeitung’ des Menschen die äußeren und die körperinternen Reize nach festen Verfahren zu allgemeinen Strukturen zusammenführt (’Cluster’, ’Kategorien’), diese untereinander vielfach vernetzt, und automatisch in einer Raumstruktur aufbereitet. Zugleich erlaubt das Gedächtnis jede aktuelle Gegenwart mit gespeicherten ’alten Gegenwarten’ zu vergleichen, was ein ’vorher/nachher’ ermöglicht, der Ausgangspunkt für ein Konzept von ’Zeit’. Dazu kommt die besondere Fähigkeit des Menschen, die Ausdrücke einer Sprache mit seinen ’inneren Zuständen’ ’verzahnen’ zu können. Ein Ausdruck wie ’Es ist 7 Uhr auf meiner Uhr’ können wir in Beziehung setzen zu unserer Wahrnehmung eines Gegenstandes am angesprochenen Arm.

Ein wichtiges Charakteristikum biologischer Körper ist auch ihre grundlegende ’Nicht-Determiniertheit’, eine grundlegende Voraussetzung für ’Freiheit’.

Dass diese komplexen inneren Mechanismen des menschlichen Körpers so scheinbar mühelos mit den Gegebenheiten der Körperwelt ’harmonieren’, kommt nicht von ungefähr. Die moderne Biologie mit Spezialgebieten  wie z.B. der ’Mikrobiologie’, der ’Evolutionsbiologie’, der ’Paläobiologie’, der ’Astrobiologie’ 1 zusätzlich vereint mit Disziplinen wie der Geologie, Archäologie, der Klimatologie samt vielen Subdisziplinen der Physik und der Chemie; diese alle haben in über 100 Jahren konzertierter Arbeit die Geschichte der Lebensformen auf der Erde samt den parallelen Veränderungen der Erde mit ihrem Klima häppchenweise entschlüsselt, entziffert, dekodiert und immer wieder neu zu einem Gesamtbild zusammen gefügt. Das Bild, das sich daraus bis heute ergeben hat, zeigt eine ungeheure Vielfalt, eine bisweilen große Dramatik, vor allem aber das erstaunliche Phänomen, wie sich ’biologisches Leben’ anschickt, die freien Energiereserven des Universums ’anzuzapfen’, sie für sich ’nutzbar zu machen’, um damit immer komplexere Strukturen zu schaffen, die über einfache erste Zellen von vor ca. 3.8 Mrd. Jahren zu komplexen (’eukaryotischen’) Zellen führten, zu Zellverbänden, zu Pflanzen, zu Tieren und dann, sehr spät, ’erst vor kurzem’, zu einer Lebensform, die wir ’homo sapiens’ nennen, die sich von Ostafrika aus kommend, in ca. 45.000 Jahren über die ganze bekannte Erde ausgebreitet hat. Das sind wir.

Nimmt man die Erkenntnisse der Astrobiologie hinzu, dann wird deutlich, dass unser Planet Erde bisher eine äußerst ’lebensfreundliche’ Position in unserem Sonnensystem inne hatte; unser Sonnensystem wiederum befindet sich in einem sehr lebensfreundlichen Bereich unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße mit ihren ca. 200 – 400 Mrd. Sternen; erst in ein paar Mrd. Jahren wird die Milchstraße – nach heutigem Kenntnisstand – mit der Andromeda- Galaxie kollidieren, die ca. 1 Bio. Sterne zählt.

C. Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

Verglichen mit den langen Zeiträumen der Entwicklung des bekannten Universums (vor ca. 13.8 Mrd. Jahren), unserer Erde (vor ca. 4.5 Mrd. Jahren), des biologischen Lebens selbst (vor ca. 3.8 Mrd. Jahren) ist das Auftreten des homo sapiens (vor ca. 200.000 Jahre) verschwindend kurz. Betrachtet man nur die Zeit seit der Gründung der ersten Städte (vor ca. 11.000 Jahren), seit dem ersten Computer (vor ca. 88 Jahren), seit dem Internet (vor ca. 48 Jahren), dann muss man sagen, dass wir Menschen uns seit kurzem mitten in einer Revolution befinden, in der digitalen Revolution, die das Zeug dazu hat, die bisherige Lebensweise des homo sapiens so nachhaltig zu verändern, wie vielleicht vergleichbar mit der frühen Seßhaftwerdung des homo sapiens.

Ein Grundzug der Digitalisierung des menschlichen Lebens ist der Aufbau einer parallelen, einer digitalen Welt, in der ungeheure Datenmengen eingelagert werden können, riesige Datenströme schneller als menschliche Gedanken von überall nach überall hin und her strömen können, Daten, die partiell Abbilder, Kopien, Modelle der realen Welt darstellen, in denen Computerprogramme diese Datenberge geräuschlos verwalten, verarbeiten und in Maßnahmen umsetzen können.

Der homo sapiens mit seinem Körper für die Außenwelt und seinen bewussten kognitiven Prozessen in der ’Innenwelt’, wird über Schnittstellen mit der digitalen Welt verkoppelt und lebt immer mehr nur durch das Medium des Digitalen. Sein Körper, die Vorgänge in der Außenwelt, verlieren an Bedeutung. Die wahrgenommene Außenwelt wird zu einem immer kleiner werdenden Segment der subjektiv gedachten und digital aufbereiteten Welt. Falls der homo sapiens die Nutzung der digitalen Welt in der Zukunft nicht grundlegend anders organisiert, wird das einzelne, individuelle Gehirn zu einem bloßen Anhängsel einer neuen digitalen Galaxie, deren Beherrschung und Steuerung sich allen bekannten Kategorien aus der Außenwelt entzieht. Alle bekannten rechtliche, soziale und politische Kategorien werden nicht mehr gelten. Ganze Staaten verlieren ihren Halt, weil ihre Bürger in einer digitalen Welt leben, die von globalen anonymen Kräften beherrscht werden. Bürger mutieren zu ’Realwelt-Zombies’, deren Inneres zum Bestandteil über-individueller globaler Algorithmen geworden ist, die alle individuellen Regungen automatisch beobachten, und nach partiellen ökonomischen Interessen global steuern.

Noch ist diese Vision nicht vollständig wahr, aber doch schon soweit, dass es uns erschrecken sollte. Ist es das, was wir wollen, was wir wollen sollten?

D. Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

Eines der wichtigsten Themen der Philosophie war und ist zu allen Zeiten das Thema der ’Selbstvergewisserung’: wer bin ich, der ich wahrnehme, empfinde, denke, und handle? Bin ich das, was ich wahrnehme, empfinde etc. oder bin ich etwas davon ’Verschiedenes’, oder die ’Synthese’ aus all dem, oder etwas noch ganz anderes?

Die Palette der Antworten ist so breit, wie die Zeit lang ist. Jeder Philosoph hat das Thema irgendwie neu moduliert; bis heute gibt es nicht ’die’ Antwort.

Schon mittendrin in der digitalen Revolution, schon jetzt fast mehr im ’digitalen’ Raum als im ’realen Körperraum’, verschärft sich diese philosophische Fragestellung weiter: wenn das, was ich wahrnehme, immer weniger direkt mit der realen Körperwelt korrespondiert, dafür immer mehr mit digital aufbereiteten Objekten, deren Herkunft zu bestimmen immer schwieriger wird, dann kann es passieren, dass sich das individuelle erkennende Subjekt über eine (digitale) Objektwelt definiert, die weitgehend ein Fake ist, einzig dazu da, den Einzelnen zu manipulieren, ihn zu einem ferngesteuerten ’Diener des Systems’ zu machen, besser: zu einem ’digitalen Sklaven’.

Würde man die aktuelle Entwicklungstendenz der digitalen Revolution so fort schreiben, wie sie aktuell formatiert ist, dann würde dies zur totalen Auslöschung eines freien, kreativen Individuums führen. Denn selbst ein Individuum, das vom Ansatz her ein ’freies’ Individuum ist, würde durch eine reale Lebensform der manifesten digitalen Sklaverei jeglichen Ansatzpunkt verlieren, die Freiheit zu ’materialisieren’.

Um eine solche digitale Sklaverei zu verhindern, kann und muss man die aktuelle digitale Revolution ’um- formatieren’. Statt den menschlichen Benutzer zu einem vollständig manipulierten Bestandteil einer Population von wertfreien Algorithmen zu machen, die von einzelnen narzisstischen, macht-hungrigen und menschenverachtenden Menschen global gesteuert werden, sollte man den digitalen Raum neu, von ’unten-nach-oben’ organisieren. Der einzelne Mensch muss wieder zum Taktgeber werden, die individuelle Freiheit, Kreativität und in Freiheit geborenen Werte müssen in einer freien Gesellschaft wieder ins Zentrum gerückt werden, und die diversen Algorithmen und Datengebirge müssen diesen individuellen Freiheiten in einer demokratischen Gesellschaft ’dienen’!

Eine Grundvoraussetzung für solch eine neue ’Selbstvergewisserung’ von ’Freiheit’ ist eine radikale, authentische Selbstwahrnehmung des ganzen individuellen Daseins, weit-möglichst frei von manipulierten und gefakten Fakten. Natürlich kann dies nicht bedeuten, dass der Mensch sich all seiner Erfahrungen, all seines Wissens ’entleert’, das wäre die andere Form von Versklavung in der Dunkelheit eines radikalen ’Nicht-Wissens’. Aber in all seinen Erfahrungen, in all seinem Wissen, braucht es die Erfahrung ’seiner selbst’, wie man ’faktisch ist’, man ’selbst’, mit seinem ’Körper’, in einer Erfahrungswelt, die dem menschlichen Tun ’vorgelagert’ ist als das, was wir ’Natur’ nennen, die ’aus sich heraus gewordene und werdende Wirklichkeit’ der Erde im Universum, des Lebens auf der Erde, von dem wir ein Teil sind.

Natürlich, und das wissen wir mittlerweile, gerade auch durch das philosophische Denken im Einklang mit den empirischen Wissenschaften, haben wir Menschen niemals einen völlig authentischen, einen völlig ’ungefilterten’ Zugang zur ’Natur’. Einmal nicht, weil das menschliche Vermögen des Wahrnehmens und Verstehens aus sich heraus ’konstruktiv’ ist und wir die ’Außenwelt’ grundsätzlich nur im Modus unserer ’Innenwelt’ ’haben’, zum anderen nicht, weil wir selbst Teil dieser Natur sind und durch unsere Aktivitäten diese Natur mit verändern. Die erlebbare Natur ist von daher immer schon eine ’vom Menschen mit-gestaltete Natur’! Je mehr wir dies tun, je mehr wir selbst als Teil der Natur die Natur verändern, umso weniger können wir die Natur ’vor’ oder ’ohne’ den Menschen erleben.

Dennoch, bei aller ’Verwicklung’ des Menschen mit der umgebenden Natur, und heute noch zusätzlich mit der selbst geschaffenen digitalen Wirklichkeit, gibt es keine Alternative zu einer praktizierten Selbstvergewisserung mit vollem Körpereinsatz. Dies können intensive Formen körperlicher Aktivitäten sein – wie z.B. Gehen, Laufen, Fahrrad fahren, Mannschaftssport, Tanzen, Musizieren, … –, dies kann aber auch das ’Meditieren’ sein. Im Meditieren, mit dem Atmen als ’Referenzpunkt’, kann sich der einzelne mit all seinen Befindlichkeiten als ’Ganzes’ erleben, als direkt Gegebenes, mit einem ungefilterten Erleben, mit einer Feinheit des Erlebens, die nicht durch Alltagsrauschen ’überdeckt’, ’maskiert’ wird, und der einzelne kann darin nicht nur ’physiologische Entspannung’ finden, sondern auch – über die Zeit – durch seine erweiterte Wahrnehmung zu neuen, differenzierteren ’Bildern seiner selbst’ kommen, zum ’Entdecken’ von ’Mustern’ des Daseins, die über den aktuellen Moment hinaus auf Wirkzusammenhänge verweisen, die im Alltagsrauschen normalerweise völlig untergehen. Darüber hinaus können sich – meist auf Dauer – Erlebnisse, Erfahrungen einstellen, die sich in spezifischer Weise ’wohltuend’ auf das gesamte Lebensgefühl eines einzelnen auswirken, die einen ’gefühlten Zusammenhang mit Allem’ ermöglichen, der das ’Gefühl für das Ganze’ deutlich verändert. Dieses ’Wohlfühlen’ ist ’mehr’ als physiologische Entspannung, es sind ’Gefühle eines komplexen Existierens’, zu dem nur biologische Systeme fähig sind, deren Körper aufgrund ihrer quanten-physikalischen Offenheit in allen Richtungen Wirklichkeit ’registrieren’ können. Auch das Thema sogenannter ’mystischer’ Erfahrungen gehört in diesen Kontext. Leider gibt es dazu kaum wissenschaftliche Forschungen, aber viele Phänomene, die der Erklärung harren.

III. ERST REAKTIONEN

Obwohl dieser Text erst wenige Tage alt ist, kam es schon zu interessanten Rückmeldungen. Einige davon seien hier ausdrücklich genannt, da sie helfen können, den Kern der Aussage noch weiter zu konturieren.

A. Erosion der Wissenschaft ’von innen’

Wenn im vorausgehenden Text von ’Wissenschaft’ die Rede ist, dann wurde in diesem Text ein Idealbild von Wissenschaft unterstellt, das es so heute ansatzweise gar nicht mehr gibt, und das tendenziell dabei ist, sicher weiter zu verwischen. Für das Projekt einer Zukunft mit dem homo sapiens als aktivem Teilnehmer ist dies brandgefährlich!

Für eine ausführliche Beschreibung dieser beginnenden Erosion von Wissenschaft bräuchte es einen längeren Text. Hier zwei Beispiele, die als erste ’Indikatoren’ dienen mögen.

Vor wenigen Tagen hatte ich Gelegenheit, im Rahmen eines sogenannten ’Graduiertenkollegs’ mit Studierenden von 6 verschiedenen Universitäten mit 7 verschiedenen akademischen Profilen arbeiten zu können; alle waren DoktorandenInnen.

Wir nahmen uns zu Beginn die Zeit, mittels einfacher Zettel, mal zusammen zu stellen, was jedem von ihnen zum Thema ’Wissenschaft’ einfällt. Das Ergebnis war erschreckend. Kein einziger war in der Lage, ein auch nur annähernd ’korrektes’ Bild dessen zu zeichnen, was ’standardmäßig’ unter dem Begriff ’Wissenschaft’ zu verstehen ist; keiner. Nachdem wir dann in Ruhe alle Beiträge gemeinsam diskutiert und in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet hatten (mit vielen Ergänzungen), war die einhellige Reaktion, dass sie dieses in ihrem ganzen Studium noch nie gehört hätten, und dass sie ein großes Interesse hätten, dazu mehr zu erfahren.

Also, eine Zufallsauswahl von jungen Menschen, die eine Doktorarbeit schreiben wollen, war nicht in der Lage, ein belastbares Konzept von ’Wissenschaft’ zu kommunizieren, und das nach ca. 5-6 Jahren Studien an 6 verschiedenen Universitäten in 7 verschiedenen Fachprofilen.

Wer diesen Befund jetzt mit dem Hinweis wegwischen möchte, dass dies auf keinen Fall repräsentativ sei, dem möchte ich ein neueres Handbuch der Wissenschaftsphilosophie zu den Philosophien der Einzelwissenschaften zur Lektüre empfehlen (siehe: [LR17]). In diesem Buch von 2017 wird von Experten der Wissenschaftsphilosophie in 22 Kapiteln sehr kenntnisreich, mit umfänglichen Literatursammlungen, dargelegt, was heute die großen Strömungen im Verständnis von Wissenschaft sind. Was man in diesen Texten nicht findet – ich konnte bislang 6 von 22 Kapiteln lesen –, ist ein klares Konzept, was dann heute unter ’Wissenschaft’ verstanden wird oder verstanden werden sollte. Wenn mir beispielsweise für die Disziplinen Mathematik, Philosophie, Ingenieurwissenschaften und Psychologie – ohne Zweifel sehr kenntnisreich – allerlei Strömungen und Problemdiskussionen präsentiert werden, das Fach selbst samt Wissenschaftsbegriff aber nicht zuvor geklärt wird, dann ist die Aufzählung von all den interessanten Aspekten wenig hilfreich. Alles verschwimmt in einem großen Brei. Und die Studierenden (siehe das Beispiel oben) durchlaufen den Wissenschaftsbetrieb und wissen nachher eigentlich nicht, was man unter ’Wissenschaft’ versteht bzw. verstehen sollte.

Das meine ich mit ’innerer Erosion’ von Wissenschaft: der Wissenschaftsbetrieb als ganzer weist heute riesige, komplexe Organisationsformen auf, verschlingt riesige Geldsummen, aber keiner scheint mehr zu wissen, was es eigentlich ist, was man da macht.

B. ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’?

Ein ähnliches Phänomen kann man im Umfeld des Phänomens der ’Digitalisierung von Gesellschaft’ beobachten. Mittlerweile vergeht nicht ein Tag, an dem nicht in Zeitungen, im Fernsehen, in Fachartikeln, in Romanen das Phänomen der Digitalisierung beschworen wird. Zumeist hält man sich bei einigen Auswirkungen auf, die in der Tat bedrohlich erscheinen oder sogar sind, aber fast nirgends findet man fundierte Analysen von jenen Technologien, die ’hinter’ den Phänomenen tatsächlich am Werk sind. Am schlimmsten ist das Wort ’Künstliche Intelligenz’. Obwohl es bis heute keine wirklich akzeptierte Definition gibt, jeder damit etwas anderes meint (Anmerkung: Eines der am häufigsten zitierten Lehrbücher zur künstlichen Intelligenz enthält über viele hundert Seiten unzählige Beispiele von einzelnen mathematischen Konzepten (und Algorithmen), aber eine klare Definition wird man nicht finden, auch keine klare Einordnung in das Gesamt von Wissenschaft; siehe [RN10] )  wird so getan, als ob klar ist, was es ist, als ob es so einfach wäre, dass künstliche Intelligenz sich verselbständigen könnte und die ’Herrschaft über die Menschen’ übernehmen wird. Zeitgleich fällt das Bild vom Menschen in ein schwarzes Loch des Nichtwissens, aus dem es kein Entrinnen gibt, um der umfassenden gesellschaftlichen ’Hypnose’ der Digitalisierung ein paar vernünftige Gedanken entgegen zu setzen. Eine der wenigen kritische, dekonstruierende Stellungnahme ist für mich ein Artikel von Sarah Spiekermann (siehe [Spi18]), in dem sie die ernüchternde Schwachheit des ganzen Big-Data-Ansatzes klar ausspricht und welche Gefahren gerade dadurch für uns als Gesellschaft davon ausgehen. Nicht die ’Stärke’ dieser Algorithmen bildet eine Gefahr, sondern ihre grandiose Schwäche, durch welche die Komplexität der Gegenwart und die noch größeren Komplexität der noch unbekannten Zukunft vor unserem geistigen Auge verdeckt wird.

C. Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Einen anderen interessanten Reflex durfte ich erfahren (nicht unbedingt erst seit diesem Text): diejenigen, die Meditation schon für ihr Leben entdeckt haben, es bisweilen viele Jahre oder gar schon Jahrzehnte, praktizieren, reagieren spontan mit Abwehr auf die ’Vereinnahmung’ von Meditation durch Reflexion, durch Wissen, was sie als ’Quelle von Störungen’ erfahren, als Hindernis zur tieferen, inneren Erkenntnis und Erfahrung.

Kommunikation in diesem Kontext wird dadurch erschwert, dass das Phänomen ’Meditation’ ja nicht nur über tausende von Jahren in unterschiedlichen kulturellen Kontexten praktiziert und interpretiert wurde (und niemand beherrscht rein wissensmäßig alle diese Traditionen), sondern die Meditationserfahrung selbst spielt sich in jenen inneren Bereichen des Körpers ab, die sich einem direkten ’Zugriff von außen’ entziehen und die von daher schwer bis gar nicht mit ’klaren sprachlichen Ausdrücken’ kommunizierbar sind. Jeder muss immer unterstellen, dass der andere ’das Gleiche’ meint, wie man selbst, ohne es wirklich kontrollieren zu können. Auch die modernen Verfahren der Hirnforschung bieten hier nur sehr abstrakte, äußerliche Kriterien zu irgendwelchen physiologischen Parametern, die keinen direkten Schluss auf die tatsächlichen internen Prozesse zulassen (dazu: Jonas/ Kording (2017) [JK17]).

Zu diesen objektiven Schwierigkeiten kommt aber dann eine verbreitete subjektive Abwehr von Reflexion in meditativen Kontexten, da es sowohl dominante Tendenzen in den verschiedenen Traditionen gibt, die diese ’inneren Prozesse/ Zustände/ Erlebensformen…’ im direkten Gegensatz zu ’diskursiven Tätigkeiten’ sehen, wie auch durch die Tatsache bedingt, dass die ’alten Traditionen’ die modernen (wissenschaftlichen und philosophischen) Sichtweisen in keinster Weise kannten. Obwohl also einerseits die Meditation selbst ’diskursfrei’ gesehen wird, wird ihre ’Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext’ mit einem begrifflichen Rahmen ’verpackt’, ’interpretiert’, der von modernen Erkenntnissen ’unberührt’ ist.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man zwischen dem ’inneren meditativen Erfahrungsraum’ und den sekundären begrifflichen Erklärungsmustern klar unterscheiden würde. Egal ob ein Buddhist, eine Jude, ein Christ oder ein Muslim – oder wer auch immer – etwas zu Meditation sagt, das ’Reden über Meditation’ ist nicht gleichzusetzen mit dem Meditieren selbst und den hier stattfindenden Ereignissen. Wie eine Reihe von Untersuchungen nahelegen (z.B. Stace (1960) [Sta60]), kann der gleiche Sachverhalt, je nach kulturellem Vor- Wissen, ganz unterschiedliche interpretiert werden.

Von daher kann es sehr wohl sein – und der Autor dieser Zeilen geht davon aus – dass der ’Innenraum’ des Meditierens im ’Lichte’ der Erkenntnisse der neueren Philosophie(en) und Wissenschaften eine ganz neue Deutung finden kann. Insofern das Meditieren im Grundansatz an den Phänomenen des ’Innenraums’ orientiert ist (die nichts mit den Phänomenen des ’Außenraums’ zu tun haben müssen!), hat Meditation eine an ’Erfahrung’ orientierte Ausrichtung, die von allen, die sich ’in gleicher Weise’ verhalten, ’im Prinzip reproduzierbar’ ist. Bezieht man die aktuellen empirischen Wissenschaften mit ihren reproduzierbaren Messprozessen auf die ’intersubjektiven Phänomene’ des ’Körperraums’, dann weisen die meditativen Erfahrungen hin auf einen ’erweiterten Erfahrungsraum’, der sich bislang nur durch den vollen Körpereinsatz unter Einbeziehung der ’Phänomene des Innenraums’ manifestiert, und der ansatzweise erfahrungsmäßig reproduzierbar ist.

Während der Innenraum der Meditation im Prinzip versucht, reflektierende Prozesse ’raus zu halten’, kann die begleitende Reflexion vorher und nachher sehr wohl versuchen, das Getane und Erlebte mit dem verfügbaren Wissen zu vernetzten und damit in bekannte Zusammenhänge einzuordnen. Genauso wenig aber, wie aus empirischen Messwerten ’rein automatisch’ Modelle oder Theorien folgen, genauso wenig folgen aus meditativen ’Erlebnissen/ Erfahrungen…’ irgendwelche Modelle oder Theorien. Jede Art von übergreifendem Zusammenhang ist die kreative Eigenleistung eines Individuums und muss sich vor dem Gesamtheit der Erfahrung und im Experiment ’bewähren’.

Vor diesem Hintergrund kann keine Zeit für sich einen absoluten Interpretationsanspruch zum Phänomen der Meditation beanspruchen! Im Gegenteil, jede neue Zeit ist herausgefordert, bisherige Interpretationen im Lichte neuer Erfahrungen, neuer Experimente, immer wieder zu überprüfen.

LITERATUR

[JK17] E. Jonas and K.P. Kording. Could a neuroscientist understand a microprocessor? PLoS Comput Biol, 13(1):1–24, January 2017.

[LR17] Simon Lohse and Thomas Reydon. Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (Germany), 1 edition, 2017.

[RN10] Stuart Russel and Peter Norvig. Artificial Intelligence. A Modern Approach. Universe Books, 3 edition, 2010.

[Spi18] Sarah Spiekermann. Die große big-data-illusion. FAZ, (96):13, 25.April 2018.

[Sta60] W.T. Stace. Mysticism and Philosophy. Jeremy P.Tarcher, Inc., Lo Angeles (CA), 1 edition, 1960.

KONTEXT BLOG

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DER VERSTECKTE BEOBACHTER UND AKTEUR. Wo Denken sich verabschiedet. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
12.April 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: cagent

Philosophie des Beobachters - Vogelperspektive

Philosophie des Beobachters – Vogelperspektive

DER  BEOBACHTER

In den Wissenschaften ist klar, dass es ohne einen Beobachter nichts gibt: keine Experimente mit Messungen, die Daten generieren, und keine Modelle, Theorien, die Daten in Zusammenhänge setzen und damit Deutungs- oder gar Erklärungshypothesen liefern.

Weniger klar ist, dass und wieweit der Beobachter konstitutiv in eine Theorie eingeht und dass eine ’normale‘ Theorie nicht in der Lage ist, ihren eigenen Beobachter zu thematisieren.

Besonders krass ist der Fall in der Physik. Die standardisierten physikalischen Messeinheiten erlauben interessante Modellbildungen zu Strukturen und Dynamiken der realen Welt, es ist mit diesen Daten und Modellen jedoch nicht möglich, den physik- spezifischen Beobachter angemessen zu beschreiben.

Andere Disziplinen wie z.B. die Biologie, die Psychologie oder die Soziologie kommen den komplexen Phänomenen eines Beobachters zwar ’näher‘, aber auch diese – wenn sie denn als empirische Wissenschaften arbeiten – können ihre jeweiligen spezifischen Beobachter nicht mir eigenen ‚Bordmitteln‘ erschöpfend beschreiben. Würden sie es tun, würden sie ihr Wissenschaftsparadigma sprengen; dann müssten sie aufhören, empirische Wissenschaften zu sein.

IRREFÜHRUNG INTERDISZIPLINARITÄT

Im übrigen muss man auch fragen, ob nicht alle Disziplinen auf ihre spezifische Weise Sichten zum Beobachter entwickeln, die  jeweils spezifisch  ‚Recht‘ haben. Nur eine Zusammenschau aller dieser verschiedenen Sichten würde dem komplexen Phänomen ‚Beobachter‘ gerecht, wenngleich prinzipiell unvollständig. Allerdings wäre keine der einzelnen Disziplinen je für sich in der Lage, eine ‚Gesamtschau‘ zu organisieren. Das gibt der normale Theoriebegriff nicht her. Das Reden vom ‚Interdisziplinären‘ ist insofern eine Farce. Hier wird eine Disziplinen-Übergreifende Einheit angedeutet, die es zwischen Einzeldisziplinen prinzipiell nicht geben kann (und auch in der Praxis nie erreicht wird; das scheitert schon an den verschiedenen Sprachen der Disziplinen).

ROLLEN

In der Praxis der Gesellschaft und der Industrie manifestiert sich das Dilemma des versteckten Beobachters im Phänomen der unterschiedlichen Rollen. An einem Systems-Engineering Prozess (SEP) kann man dies verdeutlichen.

Die Manager eines SEP legen Rahmenbedingungen fest, geben Ziele vor, überwachen den Ablauf. Der Prozess selbst wird von unterschiedlichen Experten (Akteuren) gelebt. Diese Experten setzen den ‚durch die Manager gesetzten Rahmen‘ für die Dauer des Prozesses voraus, als gültiges Referenzsystem, innerhalb dessen sie ihre Problemlösung in Kooperation mit anderen Akteuren ‚leben‘.

Innerhalb eines SEP gibt es Akteure , z.B. die Mensch-Maschine Interaktions (MMI) Experten, heute auch schon Akteur-Akteur-Interaktions (AAI) Experten genannt (Akteure können Menschen (biologische Systeme) oder auch mittlerweile Roboter (nicht-biologische Systeme) sein. ‚Cyborgs‘ bilden neuartige ‚Zwitterwesen‘, wo noch nicht ganz klar ist, ob es ‚erweiterte biologische Systeme‘ sind oder es sich hier um eine neue hybride Lebensform als Ergebnis der Evolution handelt). Die MMI oder AAI Experten entwickeln Konzepte für ‚potentielle Benutzer (User)‘, also ‚andere Akteure‘, die in ‚angedachten Abläufen‘ mit ‚angedachten neuen Schnittstellen (Interface)‘ aktiv werden sollen. Werden die Pläne der AAI Experten akzeptiert und realisiert, entstehen für die angedachten Abläufe neue Schnittstellen, mit denen dann andere – dann ‚reale‘ – Akteure‘ arbeiten werden. Tritt dieser Fall ein, dann übernehmen die ‚Anwender (User)‘ einen ‚von anderen Akteuren gesetzten‘ Rahmen für ihr Handeln.

Vom Auftraggeber (Ebene 1) zum Manager eines SEP (Ebene 2) zu den Experten des SEP (Ebene 3) zu den intendierten Anwendern (Ebene 4). Wie sich dies dann wieder auf die umgebende Gesellschaft (Ebene 5) auswirkt, die sowohl Auftraggeber (Ebene 1) als auch Manager von Prozessen (Ebene 2) als auch die verschiedenen Experten (Ebene 3) beeinflussen kann, ist im Normalfall weitgehend unklar. Zu vielfältig sind hier die möglichen Verflechtungen.

Andere Querbeziehungen in einen SEP hinein (kleine Auswahl) treten dort auf, wo z.B. die AAI Experten andere Wissenschaften zu Rate ziehen, entweder über deren ‚Produkte‘ (Artikel, Bücher, Verfahren) oder direkt durch Einbeziehung der Akteure (Psychologie, Psychologen, Soziologie, Soziologen, usw.).

An keiner Stelle in diesem überaus komplexen Rollengeflecht gibt es normalerweise eine Rolle, die offiziell sowohl die spezifischen Aufgaben ‚innerhalb‘ einer Rolle wie auch die ‚Rolle selbst‘ beobachtet, protokolliert, untersucht. Eine solche Rolle würde jeweils vorgegebene Rollen ‚durchbrechen‘, ‚aufbrechen‘, ‚verletzten‘. Das verwirrt, schafft Unruhe, erzeugt Ängste und Abwehr.

HOFNARREN, PHILOSOPHEN

Andererseits gibt es historisch diese Formen in allen Zeiten. In der einen Form ist es der ‚Hofnarr‘, der kraft seiner Rolle grundsätzlich anders sein darf, dadurch feste Muster, Klischees durchbrechen darf, bis zum gewissen Grad wird dies auch erwartet, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Unterschwellige Machtstrukturen dürfen in der Regel nicht angetastet werden.

In der anderen Rolle haben wir die Philosophen. Das philosophische Denken kann das einzelwissenschaftliche Denken ‚imitieren‘, es kann aber jederzeit aus diesem Muster ausbrechen und nach den Voraussetzungen des einzelwissenschaftlichen Denkens fragen. Ein Philosoph kann — von seinem Denken her — die immer und überall wirksamen ‚Voraussetzungen‘ von Verhalten und Denken ‚hinterfragen‘, ‚thematisieren‘ und auf diese Weise einer expliziten Reflexion und sogar bis zu einem gewissen Grade einer Theoriebildung zugänglich machen. Der Philosoph als Teil einer Gesellschaft mit seiner Nähe zum ‚Hofnarren‘ darf meistens aber nur soviel anders sein (Schulphilosophie), die die Gesellschaft ihm zugesteht. Vom Standpunkt eines philosophischen Denkens aus kann man unterschiedliche einzelwissenschaftliche Modelle und Theorien ‚als Objekte‘ untersuchen, vergleichen, formalisieren und man kann auf einer ‚Metaebene‘ zu den Einzelwissenschaften ‚integrierte Theorien‘ schaffen; nur so. Interdisziplinarität ist von hier aus betrachtet eine Form von Ideologie, die genau solche Integrationen  verhindert.

WISSENSCHAFTLICHE EINZELSTAATEREI

Der Versuch der Einzelwissenschaften, sich der ‚Gängelei‘ eines philosophischen Denkens zu entziehen, führt bei aller Positivität der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem großen Wirrwarr, das wir heute um uns herum beobachten können. Ein komplexes Phänomen wie der Homo sapiens wird zwischen den einzelwissenschaftlichen Mühlsteinen zu Sand zerrieben; übrig bleibt nichts. Die verschiedenen biologischen, psychologischen, neurologischen, soziologischen usw. ‚Substrate‘ bilden unterschiedliche Zerrformen, die in keinem Gesamtbild integriert sind. Das kommt einer Abschaffung des Menschen durch den Wissenschaftsbetrieb gleich. Dies erinnert ein wenig an den kleinstaatlichen Flickenteppich, bevor Deutschland ein integrierter Staat wurde; jeder war sein eigener Fürst; sehr schön; komplexere Einheit fand nicht statt. Das menschliche Gehirn bevorzugt Vereinfachungen, und das subjektive Machtgefühl eines jeden fühlt sich geschmeichelt, wenn es sich als (wenn auch kleiner und beschränkter) ‚Fürst‘ fühlen kann.

Wieweit können wir unseren eigenen Gedanken trauen, dass sie wahr sind? Memo zur Philosophiewerkstatt vom 11.Juni 2017

Abstract—Dieser Text schildert die Eingangsgedanken
zur Philosophiewerkstatt vom 11.Juni 2017 (in aktualisierter
Form) und berichtet anhand der Gedankenskizze
vom Gespräch. Zu vielen Aspekten und Gedanken blieben
abschließende Stellungnahmen aufgrund der knappen Zeit
aus. Vielleicht l ässt sich dies in der letzten Sitzung vor der
Sommerpause am 16.Juli 2017 noch ergänzen.

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I. Einleitung

A. Erbe aus der letzten Sitzung

In der letzten Philosophiewerkstatt vom 30.April 2017 wurde eine Linie skizziert vom körperlichen Dasein eines Menschen in einem Raum, zu seinem Innenleben voller Eindrücke und Gedanken, durchsetzt von Gefühlen, von dort zu seinem Körper mit dem Nervensystem und Gehirn, durch die das Innenleben möglich wird, und dann der Hinweis auf das Werkzeug Sprache, wodurch Menschen ihr eigenes Innenleben mit dem Innenleben anderer Menschen unterschiedlich gut verknüpfen können.

Im Gespräch zeigte sich dann, dass das Verhältnis von sprachlichem Ausdruck zu dem mit dem Ausdruck Gemeintem (die intendierte Bedeutung) alles andere als einfach ist, kein ‚Selbstläufer‘, kein Automatismus für wahr Sätze. Es entstand vielmehr der Eindruck, dass die Möglichkeit zur subjektiven Täuschung, zur Verzerrung, zum Irrtum von vornherein gegeben ist. Etwas Angemessenes, Richtiges, Wahres sagen zu können erfordert viel Aufmerksamkeit und viel Erfahrung. Was aber, wenn große Teile der Erfahrung schon falsch sind? Wenn gar eine ganze Kultur ’schief liegt‘?

Im folgenden werden zwei berühmte philosophisch-wissenschaftliche Positionen thesenartig vorgestellt, die zu weiterem Nachdenken anregen können.

B. Nilsson: Alles ist Glauben

Nils John Nilssonist ein US-amerikanischer Informatiker, der mit zu den Gründungsvätern der modernen Informatik zählt, hier speziell im Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI). Sehr spät, 2014, hat er ein Buch publiziert mit dem Titel Understanding Beliefs.

Nilsson 2014: Mensch so wie Roboter

Nilsson 2014: Mensch so wie Roboter

In dem Maße wie die Informatik im Bereich der KI-Forschung mit Prozessen zu tun hat, die dem menschlichen Erkennen und Denken ähneln, in dem Maße stellen sich hier auch ähnliche — wenn nicht gar die ‚gleichen‘ — Fragen, wie die, die sich uns Menschen stellen, wenn wir über unser eigenes Denken nachsinnen wollen. In der Philosophie nennt man dieses Gebiete des philosophischen Denkens Erkenntnistheorie (engl.: epistemology). Und in der Tat, Nilsson, nach vielen Jahrzehnten der KI-Forschung, wendet sich in seinem jüngsten Buch dezidiert erkenntnistheoretischen Fragen zu, und in diesem Fall nicht Fragen des Denkens bei Maschinen, sondern, genau umgekehrt, herausgefordert durch seine Beschäftigung mit den Maschinen, den Fragen des Erkennens beim Menschen, bei uns selbst.

Bemerkenswert ist hier allerdings seine Formulierung. Ausgehend von den Robotern (vgl. Bild ‚Mensch so wie Roboter‘), die er kennt, weil er selber Roboter entwickelt, gebaut und getestet hat, überträgt er das Robotermodell — so scheint es — einfach auf die Menschen. Genauso, wie es bei dem Roboter ist (it is the same for us humans (vgl.KP 55)) mit sensorischer Wahrnehmung, daraus resultierendem Wissen und Erklärungen und Folgerungen, genau so sei es bei uns Menschen. Auch der menschliche Körper hat eine Sensorik, ein auf der Wahrnehmung basierendes Wissen und zusätzliches Wissen als Erklärung und Folgerungen.Im Fall des Menschen ist es allerdings nicht ein Ingenieur, der baut, sondern der Prozess der biologischen Evolution, der aus Zellen mit DNA-Molekülen menschliche Körper entstehen lässt. (vgl. KP 55ff)

Struktur des menschlichen Wissens nach Nilsson (2014), Kap.1

Struktur des menschlichen Wissens nach Nilsson (2014), Kap.1

Bei der Beschreibung des menschlichen Wissens (vgl. Bild ‚Struktur menschlichen Wissens) unterscheidet Nilsson am Körper der Menschen grundsätzlich Sensorik, die die Außenweltereignisse wahrnehmen kann, dann das Gehirn, das alle Signale verarbeitet, und indirekt das Bewusstsein, in dem unsere Wahrnehmungen und unser Wissen sich zeigen.[Anmerkung: Nilsson erwähnt das Bewusstsein in diesem Kapitel nicht explizit!] Ferner nimmt er ebenfalls nur implizit das beobachtbare Verhalten an, das die Grundlage für die empirische Psychologie bildet.

In Korrespondenz zu diesen Annahmen unterscheidet Nilsson grundsätzlich drei verschiedene Disziplinen, die sich mit menschlichem Wissen beschäftigen: die Philosophie, die Kognitionswissenschaften in Gestalt der kognitiven Psychologie, und die Neurowissenschaften.

Die Neurowissenschaften sortiert er schnell aus, da sie bislang nach seiner Einschätzung noch kein hinreichendes Wissen darüber erarbeitet haben, wie unser Wissen und unsere Überzeugungen im Gehirn tatsächlich repräsentiert sind. [Anmk: Womit sich die Frage stellt, woher wissen wir denn überhaupt etwas über unser Wissen; das Bewusstsein erwähnt er ja nicht.]

Die Philosophie in Form von Erkenntnistheorie (engl.: epistemology) erwähnt er auch nur kurz. Die Erkenntnistheorie beschäftige sich hauptsächlich mit Wissen in Form von deklarativem Wissen, das mittels erklärenden feststellenden sprachlichen Äußerungen artikuliert wird.

Die Kognitionspsychologie (die auch zu den Kognitionswissenschaften gerechnet wird) wird auch nur beiläufig erwähnt. Diese entwickelt theoretische Modelle über das deklarative (Wissen, dass) und prozedurale (Wissen wie) Wissen.

Details über diese verschiedene Disziplinen sowie ihr mögliches Zusammenwirken werden nicht mitgeteilt.

Unbeschwert von methodischen Anforderungen der genannten drei Disziplinen geht Nilsson dann relativ schnell zu der Behauptung über, dass Überzeugungen und Wissen letztlich das Gleiche seien. All unser tatsachenbezogenes Wissen drückt sich in unseren Überzeugungen aus. Überzeugungen sind hypothetisch und veränderbar; sie bilden eine schier unendliche Liste. Sie enthalten inhaltlich Annahmen über Objekte, Eigenschaften und Beziehungen. Ausgedrückt/ artikuliert werden Überzeugungen durch sprachliche Äußerungen in der Form von feststellenden (deklarativen) Ausdrücken. Viele Sätze zusammen bilden dann Theorien bzw. Modelle, die die Realität der Außenwelt für uns Menschen ersetzen, da wir sie so real erleben, als ob sie die Realität wären. Tatsächlich sind sie im Vergleich zur Realität der Außenwelt aber nur virtuelle Größen, die unser Gehirn aufgrund der Sinnesdaten berechnet und uns als produzierte (= virtuelle) Realität anbietet.

Ob und wieweit virtuelle Modelle der Realität ‚entsprechen‘, das müssen spezielle wissenschaftliche Verfahren klären. Ein Mensch kann nicht nur direkt einen bestimmten Sachverhalt X ‚glauben‘, er kann auch glauben, dass der Sachverhalt X nicht zutrifft.

C. Popper: Wider die Unüberwindbarkeit des begrifflichen Rahmens

Von Karl Popper gibt es viele gewichtige Schriften. Hier soll sein Aufsatz The Myth of the Framework berücksichtigt werden, der als Kapitel 2 des Buches The Myth of the Framework: In Defence of Science and Rationality 1994 erschienen ist.

In diesem Text vertritt Popper einige Kernthesen, die er — aufgrund seines umfangreichen historischen Wissens — mit sehr vielen Beispielen illustriert. So interessant diese Beispiele sind, so können sie aber auch die Kernthesen verdecken. Im Folgenden (siehe dazu auch Bild ‚Gegen den Mythos von der …‘) werden daher die historischen Beispiele weitgehend ausgeblendet. Dem interessierten Leser sei aber empfohlen, den ganzen Text zu lesen.

http://www.cognitiveagent.org/wp-content/uploads/2017/06/PopperMythFramework1-2400.jpg

Popper (1994): Gegen den Mythos von der Unüberwindbrkeit des begrifflichen Rahmens

Popper beginnt seinen Text mit einer These, die er dem sogenannten Relativismus zuschreibt: dass jeder Mensch in seinem Denken jeweils einen bestimmten kulturellen Kontext widerspiegele, und dieser Kontext sich in Form eines bestimmten begrifflichen Rahmens (engl.: framework) bestimmend auf das Denken auswirke. Die Wahrnehmung der Welt wird im Lichte des begrifflichen Rahmens so stark bestimmt, dass ein anderer Mensch mit einem anderen kulturellen Kontext bei gleichen Wahrnehmungen zu unterschiedlichen Interpretationen kommen würde. Diese kulturell und dann begrifflich-rahmenmäßig induzierten Interpretationsunterschiede seien unüberwindlich.

Dieser Auffassung widerspricht Popper vehement.

Dabei macht er gleich zu Beginn eine Unterscheidung, die er leider nicht weiter ausführt und systematisiert: er weist darauf hin, dass man zwischen dem jeweiligen begrifflichen Rahmen und den Voraussetzungen für einen Dialog unterscheiden muss. Das eine ist, was wir wissen (innerhalb unseres begrifflichen Rahmens), das andere sind psychologische und soziale Rahmenbedingungen, die festlegen, ob und wie wir miteinander kommunizieren. Explizit nennt er hier illustrierend die Toleranz, den guten Willen, Freiheit, Rationalität und auch eine demokratische Verfasstheit. Diese (und andere) Faktoren können einen offenen, kritischen Diskurs fördern.

Dass ein offener Diskurs wichtig ist, das liegt daran, dass gerade bei Unterschieden im begrifflichen Rahmen angesichts unterschiedlicher Kulturen diese Unterschiede eine Herausforderung darstellen: wirken diese Unterschiede bedrohlich? Haben sie möglicherweise einschneidende negative Folgen für die Betroffenen? Es besteht dann die Gefahr einer Ablehnung, die sich mit Gewalt verbindet, bis hin zum Krieg. Werden Unterschiede aber offen aufgegriffen, nüchtern analysiert, versucht man aus ihnen zu lernen, kommt man aufgrund von Unterschieden zu neuen, möglicherweise besseren Einsichten, dann können alle Beteiligten aus solchen Unterschieden einen Gewinn ziehen. Und genau für diesen konstruktiv-positiven Umgang mit Unterschieden haben sich im Laufe der Jahrhunderte und sogar Jahrtausenden Haltungen wie Toleranz und Rationalität sehr bewährt.

Es fragt sich, was man näher hin unter einem begrifflichen Rahmen verstehen soll. Diese Frage wird von Popper nicht sehr präzise beantwortet. Allgemein bauen wir unsere begriffliche Rahmen als Teil unserer Kultur auf, um die Welt, das Leben zu erklären. Dies beinhaltet zahlreiche Annahmen (engl.: assumptions) und Prinzipien. In der Wahrnehmung der Welt geht der begriffliche Rahmen insoweit ein, als jede Beobachtung Theorie geladen ist (engl.: theory impregnated). Wahre Aussagen sind solche, die sich mit Bezug auf reale Sachverhalten entscheiden lassen. Sofern ein solcher entscheidbarer Bezug auf Sachverhalte verfügbar ist, sind sprachliche Aussagen unterschiedlicher Sprachen ineinander übersetzbar. Durch eine solche Entscheidbarkeit von Sätzen gibt es Ansatzpunkte für eine Falsifizierbarkeit. Popper geht allerdings nicht näher darauf ein, ob und wie sich die Entscheidbarkeit einzelner Aussagen im größeren Kontext einer Theorie nutzen lässt.

II. Nilsson, Popper und das Gespräch

Im nachfolgenden Gespräch wurden die Thesen von Nilsson und Popper von den Teilnehmern nur sehr indirekt angesprochen.[Anmk: An dem Tag lagen die graphischen Interpretationen noch nicht vor und die verfügbare Zeit war ein bisschen knapp,um die Text voll zu lesen.] Es wird daher erst das Gespräch kurz skizziert und dann werden einige Fragen aufgeführt, die sich angesichts der vorausgehenden Themen stellen können. Möglicherweise wird die nächste Sitzung der Philosophiewerkstatt am So 16.Juli 2017 eine Weiterführung und Vertiefung der aktuellen Überlegungen bringen, zusätzlich angereichert von Thesen von Deutsch (1997) „The Fabric of Reality“.

III. Memo Gespräch

Gedankenbild zum Gespräch der Philosophiewerkstatt vom 11.Juni 2017

Gedankenbild zum Gespräch der Philosophiewerkstatt vom 11.Juni 2017

A. Alltagserfahrung

Das Gespräch nahm seinen (natürlichen) Ausgangspunkt bei Alltagserfahrungen der Teilnehmer. Alle empfinden die Situation so, dass sie immer schneller mit immer mehr Fakten überflutet werden; dies führt dazu, dass sich Wissen durch die schiere Menge selbst relativiert. Das Reden von ‚Wissen‘, das heute überall verfügbar sei, gewinnt dadurch fast illusorische Züge, da der einzelne mit seinem Gehirn in seinem Leben nur einen Bruchteil des verfügbaren Wissens wird verarbeiten können.

Diese Relativität von Wissen prägt unsere politischen Formen (Mehrheiten, keine absoluten Wahrheiten) und auch die Rechtsfindung (Fakten sammeln, abwägen, evaluierten). Die leitenden Rechtsnormen repräsenieren keine absoluten Werte und sind interpretationsbedürftig.

B.Kinder

Die Entwicklung der Kinder war schon oft ein Modellfall für viele Fragen. Auch für die Frage nach der Wahrheit war dies wieder ergiebig: sie überschwemmen ihre Umgebung mit Warum-Fragen und suchen Deutungsangebote. Ein Blick in die Kulturen und Geschichte deutet an, dass die Suche nach Erklärungen möglicherweise ein tiefsitzendes Bedürfnis des Menschen nach Verstehen, nach Sicherheit widerspiegelt. Und insofern von der Deutung/ Erklärung viele praktischen Konsequenzen abhängen können, stellt sich die Frage nach der Wahrheit eines Zutreffens in der Erfahrungswelt meist nicht interessefrei.

C. Wissenschaftliches Wissen

Es ist interessant, dass die Menschen erst nach vielen tausend Jahren in der Lage waren, die Produktion und Pflege von wahrem, nachprüfbaren Wissen zu beherrschen. Wissenschaftliches Wissen gründet auf nachvollziehbaren, wiederholbaren Messprozessen, die als solche jedem zugänglich sind, die unabhängig sind von den inneren Zuständen des einzelnen. Solche wissenschaftliche Messungen generieren für einen bestimmten Zeitpunkt und einen bestimmten Ort einen Messwert. Messwerte als solche bieten aber keine Erklärung. Um einzelne Messwerte für die Zwecke der Erklärung zu benutzen, muss eine allgemeine Beziehung generiert werden, die für alle bekannten Messwerte funktioniert. Diese Beziehung ist kein empirisches Objekt im üblichen Sinne, sondern eine kreative Erfindung des Wissenschaftlers, der damit versucht, die Messwerte zu deuten. In der Regel hilft das verfügbare Vorwissen bei der Formulierung solch einer Hypothese. Gelingt es, mit Hilfe eines allgemeinen Verfahrens andere potentielle Messwerte voraus zu sagen (Prognose), dann wird dies üblicherweise als Bestätigung der Hypothese interpretiert; im anderen Fall spricht man von einer Abschwächung oder gar Widerlegung (Falsifikation).

D. Biologische Evolution

Interessant ist, dass es zwischen diesem experimentellen Vortasten des Wissenschaftlers und dem Prozess der biologischen Evolution direkte Parallelen gibt. Im Prozess der biologischen Evolution besitzt jede Zelle im DNA-Molekül eine Art Vorwissen der bisherigen Erfolge, und ergänzend dazu werden zufällig-kreativ zahllose neue Varianten gebildet. Einige von diesen neuen Varianten zeugen dann, dass sie funktionieren (d.h. meistens: überleben können), andere nicht. Das Überleben ist in diesem Zusammenhang dann die Bestätigung.

E. Menschliches Bewusstsein

Die wissenschaftliche Form des Wissens wirft auch Licht auf eine fundamentale Eigenart des menschlichen Bewusstseins. Im menschlichen Bewusstsein treffen die konkreten sensorischen Ereignisse zusammen mit den abstrahierten, geclusterten, vernetzten Elementen des Gedächtnisses. Dadurch kann jeder Mensch beständig konkrete Objekte als Instanzen von allgemeinen Begriffen erkennen und sieht sie sogleich in allen möglichen Kontexten. Dies ist einerseits sehr hilfreich, birgt aber zugleich auch die Gefahr, dass eine falsche Vorerfahrung aktuelle Wahrnehmungen falsch einordnet.

In allen Kontexten tauchten immer wieder auch die Frage nach den Werten auf. Es blieb offen welche Rolle Gefühle wie angenehm/ unangenehm spielen, unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse. Welchen Stellenwert haben sie letztlich?

 

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PHILOSOPHIEWERKSTATT JETZT ALS PHILOSOPHISCHES LABOR FÜR PHILOSOPHISCHE SELBSTVERSUCHE – Version 3.0. Eine Vorausschau

KONTEXT

Leser dieses Blogs sind vertraut mit dem philosophischen Experiment der Philosophiewerkstatt (Version 1.0), wie sie im Herbst 2013 im Cafe-Bistro Confetti in Schöneck startete.  Dies waren erste Gehversuche. Es gab noch kein festes Format.

Ab Herbst 2014 gab es die Philosophiewerkstatt Version 2.0 in Kooperation mit der DENKBAR in Frankfurt. In dieser Zeit entwickelte sich eine kreative Form des gemeinsamen Gedankenaustausches, die sich stabilisierte.

Ab Herbst 2016 wird es die Philosophiewerkstatt in einer Neuauflage geben, in Version 3.0, Ortsveränderung inbegriffen: das Institut für Neue Medien in Frankfurt. Dies ist kein Abschied von der DENKBAR, die zwei Jahre lang eine belebende Umgebung für die sonntäglichen Treffen war, sondern es ist eine Kooperation von DENKBAR und INM in einer veränderten Umgebung, mit einem veränderten Konzept.

Worin besteht das Neue?

ORTLOS ZWISCHEN FÜHLEN UND DENKEN

Wer sich ein wenig in der Geschichte der Philosophie auskennt, der weiß, dass das Hauptanliegen der Philosophie eher die Klärung der Welt mit Hilfe des Denkens war. In der Verfertigung des Gedankens, im Reden, Schreiben, im Dialog da entsteht Wirklichkeit neu, als Gedachte, und im Denken als Geklärte, Bereinigte, Strukturierte, eingehüllt in Worte, in Symbole.

Die neuzeitliche Wissenschaft hat die Abkopplung des Fühlens vom Denken weiter beeinflusst; Wissenschaft wurde hier im Raum von Messwerten und mathematischen Formeln verortet; das Fühlen hat hier keine offizielle Rolle mehr und sogar das Subjekt der wissenschaftlichen Tätigkeit, der Forscher selbst, spielt keine Rolle mehr. Er wurde systematisch ausgeblendet.

Diese Ausklammerung von Fühlen und Subjekt aus dem offiziellen Denken führt mittlerweile zu sehr vielen Problemen, fundamentalen Problemen.

Im Bereich der Wissenschaft ist es der Verlust des Menschen. In vielen Bereichen – wie z.B. der Physik – kommt der Mensch als Mensch per se gar nicht mehr vor; in anderen – wie Biologie, Medizin, Gehirnwissenschaften, usw. – kommt der Mensch als Untersuchungsobjekt zwar vor, aber er zerfällt hier in unzählige Details, wird zu einem Ort bloßer chemischer Prozesse. Mögliche Zusammenhänge gehen weitgehend verloren. Die Frage, wer der Mensch denn überhaupt ist, hat in den Wissenschaften keine wirkliche Stelle mehr; sie ist unter die Räder gekommen.

Für einen einzelnen Menschen, der sich ernst nehmen will, bedeutet dies eine zunehmende Ortlosigkeit: eingebettet zwischen einem Fühlen, das diskreditiert ist, und einem Denken, das mit dem Menschen nichts anfangen kann. Hat der Mensch überhaupt noch eine Zukunft?

DAS DENKEN WOHNT IM FÜHLEN

Aus philosophischer Sicht ist klar, dass die begrifflichen Netze, mit denen empirische Wissenschaftler arbeiten, nur scheinbar vom Subjekt losgelöst sind. Denn die Theorie selbst wie auch die Messwerte brauchen die Rückkopplung an das Gehirn, an eine bestimmte Form von Bewusstsein. Ohne Bewusstsein und Gehirn gibt es weder Messwerte noch Begriffsnetzwerke. Es ist das Bewusstsein im Gehirn und im Körper als Teil eines komplexen biologischen Netzwerkes, in beständiger Interaktion mit der umgebenden Materie, welches der Ort von Fühlen und Denken ist. Es ist für uns Menschen der EINZIGE Ort, über den wir Kontakt zu dem haben, was wir Wirklichkeit nennen.

Wirklichkeit ist das erste Vorfindliche, ein Ur-begriff, an dem alle anderen Begriffe partizipieren. Was immer irgendeine wissenschaftliche Disziplin zu beschreiben versucht, sie setzt einen Ur-begriff von Wirklichkeit voraus, der durch die Einbettung in den Körper gegeben ist. Ohne den Körper ist jede Wissenschaft (und jedes Denken) nichts, echtes Nichts, das ganz und gar Undenkbare. Andererseits definiert sich eine wissenschaftliche Disziplin methodisch über eine Einschränkung und Abgrenzung. Die empirische Methode erzwingt eine Zerlegung des Phänomenraums in jene Teilräume, die intersubjektiv empirisch sind, und innerhalb dieser grundsätzlichen Einschränkung finden in der Regel weitere Abgrenzungen statt (Physik, Chemie, Biologie, (empirische) Soziologie, …).

Das Besondere des Menschen ist gerade diese Art seiner Welterfahrung, ermöglicht durch die Besonderheit seines Körpers: Makrostrukturen von Mikrostrukturen, die bis in den subatomaren Bereich – und damit unbegrenzt – hinein reichen und wechselwirken, beständig [Vorstellungshilfe: allein das menschliche Gehirn hat etwa 290 Mrd Zellen (etwa 30% Neuronen, 58% Astrozyten und etwa 12% Gliazellen). Das entspricht der Anzahl von Sternen in einer ganzen Galaxie. Der ganze menschliche Körper soll ca. 36 Billionen (10^12) Zellen haben (ohne die vielen Mrd zusätzliche Bakterien in und auf ihm), das wären dann in Entsprechung etwa 120 Galaxien. Bedenkt man noch die Komplexität der Wechselwirkung zwischen den Zellen des Körpers, dann übersteigt die Komplexität eines einzelnen menschlichen Körpers jene von 120 Galaxien um ein Mehrfaches, nur ein Körper!]. Diese Welterfahrung setzte einen Entwicklungsprozess von ca. 13.8 Mrd Jahre voraus. Unser Verständnis dieser Vorgänge ist noch ganz am Anfang (und es ist eine offene Frage, ob wir diese Komplexität wohl jemals ‚begreifen‘ können, wenn man bedenkt, dass das menschliche Arbeitsgedächtnis (auch bei Physikern) nicht mehr als ca. 7 +/- 2 Einheiten gleichzeitig verarbeiten kann).

Wenn man also als Philosoph die vorfindliche Wirklichkeit ernst nehmen will, dann darf man die eigene Körpererfahrung nicht von vornherein ausblenden, man muss sie akzeptieren, man muss sie zulassen, sie anschauen, und versuchen, daraus zu lernen, was es zu lernen gibt. Das Fühlen (im weitesten Sinne) ist ein Grundbestandteil philosophischer Weltwahrnehmung. Ob und was ein nachfolgendes Reflektieren mit solch einem Fühlen anfangen kann, das kann man vorab nicht abschätzen. Jedes Denken ist immer speziell, begrenzt, abgrenzend, ausgrenzend; das ist seine Art, seine Stärke wie zugleich seine Schwäche. Denken lebt vom Prozess, von der Wiederholung, vom unermüdlichen immer wieder neu ansetzen und neu sortieren. Denken hat kein absolutes Ende, nicht zuletzt auch deswegen nicht, weil es sich ja selbst zum Gegenstand machen kann; dies ist wichtig und gefährlich zugleich (die moderne Physik bietet das Schauspiel eines Denkens, das sich soweit von der Realität entfernt hat, dass im Einzelfall oft nicht mehr klar ist, ob hier eine wirklichkeitsrelevante Modellbildung vorliegt oder ein Artefakt des Modells, ein Denken des Denkens).

Es fragt sich dann, was hier ‚Fühlen‘ heißt und wie philosophisches Denken mit dem Fühlen umgehen kann?

WELCHES FÜHLEN UND WIE DAMIT UMGEHEN?

Für einen Philosophen kann es nur um das GANZE Fühlen gehen, d.h. alles, was ein Denken vorfinden kann. Und da dieses Fühlen an unseren Körper gebunden ist, geht es darum, was ein Körper in unterschiedlichsten Situationen fühlen kann und wie man solch ein stattfindendes Fühlen dann beschreiben kann, nicht nur punktuell, sondern auch in seiner prozesshaften Erstreckung in dem, was wir Zeit nennen.

In einer Philosophiewerkstatt wird man hier solche Prozesse kaum vorweg nehmen können. Man kann aber versuchen, die Grundeinstellung zu praktizieren, den Einstieg in das Fühlen üben, das dann Denken nachträglich zulässt.

Die Grundform des philosophischen Fühlens ist das bewusste Dasein ohne ein fokussiertes Denken. Es lassen sich zwar tausendfache Variationen denken, wie man dies tut (man denke nur an die Vielzahl von sogenannten Meditationsformen), aber das für eine bestimmte Zeitspanne einfach bewusste Dasein ohne irgend etwas anderes zu tun bzw. tun zu müssen, mit einem Denken in Ruhestellung, das ist die Grundübung. Und weil unser Körper mit seinen 120 Galaxien an Zellen samt seinen unendlich vielen Wechselwirkungen mit sich selbst und seiner Umgebung kein natürlicher Ruhepol ist, sondern ein permanenter Aufschrei an Bewegtheit, braucht es eine gewisse Zeit, bis sich überhaupt Ruhe einstellt und statt den marktschreierischen primären Wahrnehmungen auch solche Ereignisse bemerkbar machen können, die mit weniger Energie daher kommen. Jeder einzelne wird SEIN Fühlen haben, seine speziellen Wahrnehmungen (natürlich auch Gemeinsamkeiten mit anderen, weil unsere Körper strukturell ähnlich sind).

Es kann interessant sein, sich im Anschluss über sein Fühlen auszutauschen; auf jeden Fall kann es helfen, sich im Anschluss Notizen zu machen, sein Denken wieder mehr zulassen, Eindrücke zu sortieren.

FORMAT DER PHILOSOPHISCHEN SELBSTVERSUCHE

Für die Philosophiewerkstatt Version 3.0 ist folgendes Schema angedacht:

Bis 15:00h ANKOMMEN (Über die Einladung gibt es auch eine Fragestellung)

15:00 – 15:15h MIT DEM ORT VERTRAUT WERDEN

15:15 – 15:35h ZEIT ZUM INDIVIDUELLEN FÜHLEN

15:35 – 15:45h ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL NOTIEREN

15:45 – 16:05h KOMMUNIKATION VON BEOBACHTUNGEN

16:05 – 16:20h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

16:20 – 17:05h GEMEINSAME REFLEXION MIT GEDANKENBILD

17:05 – 17:20h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

17:20 – 17:40h GEWICHTEN DES GEDANKENBILDES

17:20 – 18:00h AUSBLICK

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Stunden, Tage danach: ABSTAND NEHMEN, NACHSINNEN

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG

TERMINE

Um sich im Fühlen und Denken zu koordinieren, hier die geplanten Termine (vom INM bestätigt):

23.Okt 16

27.Nov 16

22.Jan 17

26.Febr.17 (Wegen Krankheit ausgefallen)

26.März 17 (Wegen Krankheit ausgefallen)

Einen Überblick über alle Einträge zur Philosophiewewrkstatt nach Titeln findet sich HIER.

Einen Überblick über alle Themenbereiche des Blogs finden sich HIER.

SEMIOTIK UND KÜNSTLICHE INTELLIGENZ. EIN VIELVERSPRECHENDES TEAM. Nachschrift eines Vortrags an der Universität Passau am 22.Okt.2015

KONTEXT

  1. Im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung Grenzen (Wintersemester 2015/16) an der Universität Passau (organisiert von der Deutsche Gesellschaft für Semiotik (DGS) e.V. in Kooperation mit der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Mediensemiotik (Prof. Dr. Jan-Oliver Decker und Dr. Stefan Halft) hatte ich einen Vortrag angenommen mit dem Titel Semiotik und künstliche Intelligenz. Ein vielversprechendes Team. Wie immer halte ich Vorträge immer zu Fragen, die ich bis dahin noch nicht ausgearbeitet hatte und nutze diese Herausforderung, es dann endlich mal zu tun.
  2. Die Atmosphäre beim Vortrag war sehr gut und die anschließenden Gespräche brachte viele interessanten Aspekte zutage, was wir im Rahmen der DGS noch tun sollten/ könnten, um das Thema weiter zu vertiefen.

MOTIV – WARUM DIESES THEMA

  1. Angesichts der vielfältigen Geschichte der Semiotik könnte man natürlich ganze Abende nur mit Geschichten über die Semiotik füllen. Desgleichen im Fall der künstlichen Intelligenz [KI]. Der Auslöser für das Thema war dann auch der spezielle Umstand, dass im Bereich der KI seit etwa den 80iger Jahren des 20.Jahrhunderts in einigen Forschungsprojekten das Thema Semiotik ganz neu auftaucht, und nicht als Randthema sondern verantwortlich für die zentralen Begriffe dieser Forschungen. Gemeint sind die berühmten Roboterexperimente von Luc Steels (ähnlich auch aufgegriffen von anderen, z.B. Paul Vogt) (siehe Quellen unten).
  2. Unter dem Eindruck großer Probleme in der klassischen KI, die aus einem mangelnden direkten Weltbezug resultierten (das sogenannte grounding Problem) versuchte Steels, Probleme des Zeichen- und Sprachlernens mit Hilfe von Robotern zu lösen, die mit ihren Sensoren direkten Kontakt zur empirischen Welt haben und die mit ihren Aktoren auch direkt auf die Welt zurück wirken können. Ihre internen Verarbeitungsprozesse können auf diese Weise abhängig gemacht werden (eine Form von grounding) von der realen Welt (man spricht hier auch von embodied intelligence).
  3. Obwohl Steels (wie auch Vogt) auf ungewöhnliche Weise grundlegende Begriffe der Semiotik einführen, wird dieser semiotische Ansatz aber nicht weiter reflektiert. Auch findet nicht wirklich eine Diskussion des Gesamtansatzes statt, der aus dieser Kombination von Semiotik und Robotik/ KI entsteht bzw. entstehen könnte. Dies ist schade. Der Vortrag Semiotik und künstliche Intelligenz. Ein vielversprechendes Team stellt einen Versuch dar, heraus zu arbeiten, warum die Kombination Semiotik und KI nicht nur Sinn macht, sondern eigentlich das Zeug hätte, zu einem zentralen Forschungsparadigma für die Zukunft zu werden. Tatsächlich liegt dem Emerging Mind Projekt, das hier im Blog schon öfters erwähnt wurde und am 10.November 2015 offiziell eröffnet werden wird, genau dieses Semiotik-KI-Paradigma zugrunde.

WELCHE SEMIOTIK?

  1. Wer Wörterbücher zur Semiotik aufschlägt (z.B. das von Noeth 2000), wird schnell bemerken, dass es eine große Vielfalt von Semiotikern, semiotischen Blickweisen, Methoden und Theorieansätze gibt, aber eben nicht die eine große Theorie. Dies muss nicht unbedingt negativ sein, zumal dann nicht, wenn wir ein reiches Phänomen vor uns haben, das sich eben einer einfachen Theoriebildung widersetzt. Für die Praxis allerdings, wenn man Semiotik in einer realen Theoriebildung einsetzen möchte, benötigt man verbindliche Anknüpfungspunkte, auf die man sich bezieht. Wie kann man solch eine Entscheidung motivieren?
  2. Aus der Sicht der Wissenschaftsphilosophie biete es sich an, die unterschiedlichen Zugangsweisen zur Erfahrung und und Beschreibung von Wirklichkeit als quasi Koordinatensystem zu wählen, diesem einige der bekanntesten semiotischen Ansätze zu zuordnen und dann zu schaue, welche dieser semiotischen Positionen der Aufgabenstellung am nächsten kommen. Von einer Gesamttheorie her betrachtet sind natürlich alle Ansätze wichtig. Eine Auswahl bzw. Gewichtung kann nur pragmatische Gründe haben.

ZUGÄNGE ZUR WIRKLICHKEIT

  1. Grundsätzlich gibt es aus heutiger Sicht zwei Zugangsweisen: über den intersubjektiven (empirischen) Bereich und über das subjektive Erleben.
  2. Innerhalb des empirischen Bereichs gab es lange Zeit nur den Bereich des beobachtbaren Verhaltens [SR] (in der Psychologie) ohne die inneren Zustände des Systems; seit ca. 50-60 Jahren eröffnen die Neurowissenschaften auch einen Zugriff auf die Vorgänge im Gehirn. Will man beide Datenbereiche korrelieren, dann gerät man in das Gebiet der Neuropsychologie [NNSR].
  3. Der Zugang zur Wirklichkeit über den subjektiven Bereich – innerhalb der Philosophie auch als phänomenologischer Zugang bekannt – hat den Vorteil einer Direktheit und Unmittelbarkeit und eines großen Reichtums an Phänomenen.
  4. Was den meisten Menschen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass die empirischen Phänomene nicht wirklich außerhalb des Bewusstseins liegen. Die Gegenstände in der Zwischenkörperzone (der empirische Bereich) sind als Gegenstände zwar (was wir alle unterstellen) außerhalb des Bewusstseins, aber die Phänomene, die sie im Bewusstsein erzeugen, sind nicht außerhalb, sondern im Bewusstsein. Das, was die empirischen Phänomene [PH_em] von den Phänomenen, unterscheidet, die nicht empirisch [PH_nem] sind, ist die Eigenschaft, dass sie mit etwas in der Zwischenkörperwelt korrespondieren, was auch von anderen Menschen wahrgenommen werden kann. Dadurch lässt sich im Falle von empirischen Phänomenen relativ leicht Einigkeit zwischen verschiedenen Kommunikationsteilnehmern über die jeweils korrespondierenden Gegenstände/ Ereignisse erzielen.
  5. Bei nicht-empirischen Phänomenen ist unklar, ob und wie man eine Einigkeit erzielen kann, da man nicht in den Kopf der anderen Person hineinschauen kann und von daher nie genau weiß, was die andere Person meint, wenn sie etwas Bestimmtes sagt.
  6. Die Beziehung zwischen Phänomenen des Bewusstseins [PH] und Eigenschaften des Gehirns – hier global als NN abgekürzt – ist von anderer Art. Nach heutigem Wissensstand müssen wir davon ausgehen, dass alle Phänomene des Bewusstseins mit Eigenschaften des Gehirns korrelieren. Aus dieser Sicht wirkt das Bewusstsein wie eine Schnittstelle zum Gehirn. Eine Untersuchung der Beziehungen zwischen Tatsachen des Bewusstseins [PH] und Eigenschaften des Gehirns [NN] würde in eine Disziplin fallen, die es so noch nicht wirklich gibt, die Neurophänomenologie [NNPH] (analog zur Neuropsychologie).
  7. Der Stärke des Bewusstseins in Sachen Direktheit korrespondiert eine deutliche Schwäche: im Bewusstsein hat man zwar Phänomene, aber man hat keinen Zugang zu ihrer Entstehung! Wenn man ein Objekt sieht, das wie eine Flasche aussieht, und man die deutsche Sprache gelernt hat, dann wird man sich erinnern, dass es dafür das Wort Flasche gibt. Man konstatiert, dass man sich an dieses Wort in diesem Kontext erinnert, man kann aber in diesem Augenblick weder verstehen, wie es zu dieser Erinnerung kommt, noch weiß man vorher, ob man sich erinnern wird. Man könnte in einem Bild sagen: das Bewusstsein verhält sich hier wie eine Kinoleinwand, es konstatiert, wenn etwas auf der Leinwand ist, aber es weiß vorher nicht, ob etwas auf die Leinwand kommen wird, wie es kommt, und nicht was kommen wird. So gesehen umfasst das Bewusstsein nur einen verschwindend kleinen Teil dessen, was wir potentiell wissen (können).

AUSGEWÄHLTE SEMIOTIKER

  1. Nach diesem kurzen Ausflug in die Wissenschaftsphilosophie und bevor hier einzelne Semiotiker herausgegriffen werden, sei eine minimale Charakterisierung dessen gegeben, was ein Zeichen sein soll. Minimal deshalb, weil alle semiotischen Richtungen, diese minimalen Elemente, diese Grundstruktur eines Zeichens, gemeinsam haben.
  2. Diese Grundstruktur enthält drei Komponenten: (i) etwas, was als Zeichenmaterial [ZM] dienen kann, (ii) etwas, das als Nichtzeichenmaterial [NZM] fungieren kann, und (iii) etwas, das eine Beziehung/ Relation/ Abbildung Z zwischen Zeichen- und Nicht-Zeichen-Material in der Art repräsentiert, dass die Abbildung Z dem Zeichenmaterial ZM nicht-Zeichen-Material NZM zuordnet. Je nachdem, in welchen Kontext man diese Grundstruktur eines Zeichens einbettet, bekommen die einzelnen Elemente eine unterschiedliche Bedeutung.
  3. Dies soll am Beispiel von drei Semiotikern illustriert werden, die mit dem zuvor charakterisierten Zugängen zur Wirklichkeit korrespondieren: Charles William Morris (1901 – 1979), Ferdinand de Saussure (1857-1913) und Charles Santiago Sanders Peirce (1839 – 1914) .
  4. Morris, der jüngste von den Dreien, ist im Bereich eines empirischen Verhaltensansatzes zu positionieren, der dem verhaltensorientierten Ansatz der modernen empirischen Psychologie nahe kommt. In diesem verhaltensbasierten Ansatz kann man die Zeichengrundstruktur so interpretieren, dass dem Zeichenmaterial ZM etwas in der empirischen Zwischenwelt korrespondiert (z.B. ein Laut), dem Nicht-Zeichen-Material NZM etwas anderes in der empirischen Außenwelt (ein Objekt, ein Ereignis, …), und die Zeichenbeziehung Z kommt nicht in der empirischen Welt direkt vor, sondern ist im Zeichenbenutzer zu verorten. Wie diese Zeichenbeziehung Z im Benutzer tatsächlich realisiert ist, war zu seiner Zeit empirische noch nicht zugänglich und spielt für den Zeichenbegriff auch weiter keine Rolle. Auf der Basis von empirischen Verhaltensdaten kann die Psychologie beliebige Modellannahmen über die inneren Zustände des handelnden Systems machen. Sie müssen nur die Anforderung erfüllen, mit den empirischen Verhaltensdaten kompatibel zu sein. Ein halbes Jahrhundert nach Morris kann man anfangen, die psychologischen Modellannahmen über die Systemzustände mit neurowissenschaftlichen Daten abzugleichen, sozusagen in einem integrierten interdisziplinären neuropsychologischen Theorieansatz.
  5. Saussure, der zweit Jüngste von den Dreien hat als Sprachwissenschaftler mit den Sprachen primär ein empirisches Objekt, er spricht aber in seinen allgemeinen Überlegungen über das Zeichen in einer bewusstseinsorientierten Weise. Beim Zeichenmaterial ZM spricht er z.B. von einem Lautbild als einem Phänomen des Bewusstseins, entsprechend von dem Nicht-Zeichenmaterial auch von einer Vorstellung im Bewusstsein. Bezüglich der Zeichenbeziehung M stellt er fest, dass diese außerhalb des Bewusstseins liegt; sie wird vom Gehirn bereit gestellt. Aus Sicht des Bewusstseins tritt diese Beziehung nur indirekt in Erscheinung.
  6. Peirce, der älteste von den Dreien, ist noch ganz in der introspektiven, phänomenologischen Sicht verankert. Er verortet alle drei Komponenten der Zeichen-Grundstruktur im Bewusstsein. So genial und anregend seine Schriften im einzelnen sind, so führt diese Zugangsweise über das Bewusstsein zu großen Problemen in der Interpretation seiner Schriften (was sich in der großen Bandbreite der Interpretationen ausdrückt wie auch in den nicht selten geradezu widersprüchlichen Positionen).
  7. Für das weitere Vorgehen wird in diesem Vortrag der empirische Standpunkt (Verhalten + Gehirn) gewählt und dieser wird mit der Position der künstlichen Intelligenz ins Gespräch gebracht. Damit wird der direkte Zugang über das Bewusstsein nicht vollständig ausgeschlossen, sondern nur zurück gestellt. In einer vollständigen Theorie müsste man auch die nicht-empirischen Bewusstseinsdaten integrieren.

SPRACHSPIEL

  1. Ergänzend zu dem bisher Gesagten müssen jetzt noch drei weitere Begriffe eingeführt werden, um alle Zutaten für das neue Paradigma Semiotik & KI zur Verfügung zu haben. Dies sind die Begriffe Sprachspiel, Intelligenz sowie Lernen.
  2. Der Begriff Sprachspiel wird auch von Luc Steels bei seinen Roboterexperimenten benutzt. Über den Begriff des Zeichens hinaus erlaubt der Begriff des Sprachspiels den dynamischen Kontext des Zeichengebrauchs besser zu erfassen.
  3. Steels verweist als Quelle für den Begriff des Sprachspiels auf Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889-1951), der in seiner Frühphase zunächst die Ideen der modernen formalen Logik und Mathematik aufgriff und mit seinem tractatus logico philosophicus das Ideal einer am logischen Paradigma orientierten Sprache skizzierte. Viele Jahre später begann er neu über die normale Sprache nachzudenken und wurde sich selbst zum schärfsten Kritiker. In jahrelangen Analysen von alltäglichen Sprachsituationen entwickelte er ein facettenreiches Bild der Alltagssprache als ein Spiel, in dem Teilnehmer nach Regeln Zeichenmaterial ZM und Nicht-Zeichen-Material NZM miteinander verknüpfen. Dabei spielt die jeweilige Situation als Kontext eine Rolle. Dies bedeutet, das gleiche Zeichenmaterial kann je nach Kontext unterschiedlich wirken. Auf jeden Fall bietet das Konzept des Sprachspiels die Möglichkeit, den ansonsten statischen Zeichenbegriff in einen Prozess einzubetten.
  4. Aber auch im Fall des Sprachspielkonzepts benutzt Steels zwar den Begriff Sprachspiel, reflektiert ihn aber nicht soweit, dass daraus ein explizites übergreifendes theoretisches Paradigma sichtbar wird.
  5. Für die Vision eines neuen Forschungsparadigmas Semiotik & KI soll also in der ersten Phase die Grundstruktur des Zeichenbegriffs im Kontext der empirischen Wissenschaften mit dem Sprachspielkonzept von Wittgenstein (1953) verknüpft werden.

INTELLIGENZ

  1. Im Vorfeld eines Workshops der Intelligent Systems Division des NIST 2000 gab es eine lange Diskussion zwischen vielen Beteiligten, wie man denn die Intelligenz von Maschinen messen sollte. In meiner Wahrnehmung verhedderte sich die Diskussion darin, dass damals nach immer neuen Klassifikationen und Typologien für die Architektur der technischen Systeme gesucht wurde, anstatt das zu tun, was die Psychologie schon seit fast 100 Jahren getan hatte, nämlich auf das Verhalten und dessen Eigenschaften zu schauen. Ich habe mich in den folgenden Jahren immer wieder mit der Frage des geeigneten Standpunkts auseinandergesetzt. In einem Konferenzbeitrag von 2010 (zusammen mit anderen, insbesondere mit Louwrence Erasmus) habe ich dann dafür argumentiert, das Problem durch Übernahme des Ansatzes der Psychologie zu lösen.
  2. Die Psychologie hatte mit Binet (1905), Stern (1912 sowie Wechsler (1939) eine grundsätzliche Methode gefunden hatte, die Intelligenz, die man nicht sehen konnte, indirekt durch Rückgriff auf Eigenschaften des beobachtbaren Verhaltens zu messen (bekannt duch den Begriff des Intelligenz-Quotienten, IQ). Die Grundidee bestand darin, dass zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Kultur bestimmte Eigenschaften als charakteristisch für ein Verhalten angesehen werden, das man allgemein als intelligent bezeichnen würde. Dies impliziert zwar grundsätzlich eine gewisse Relativierung des Begriffs Intelligenz (was eine Öffnung dahingehend impliziert, dass zu anderen Zeiten unter anderen Umständen noch ganz neue Eigenschaftskomplexe bedeutsam werden können!), aber macht Intelligenz grundsätzlich katalogisierbar und damit messbar.
  3. Ein Nebeneffekt der Bezugnahme auf Verhaltenseigenschaften findet sich in der damit möglichen Nivellierung der zu messenden potentiellen Strukturen in jenen Systemen, denen wir Intelligenz zusprechen wollen. D.h. aus Sicht der Intelligenzmessung ist es egal ob das zu messende System eine Pflanze, ein Tier, ein Mensch oder eine Maschine ist. Damit wird – zumindest im Rahmen des vorausgesetzten Intelligenzbegriffs – entscheidbar, ob und in welchem Ausmaß eine Maschine möglicherweise intelligent ist.
  4. Damit eignet sich dieses Vorgehen auch, um mögliche Vergleiche zwischen menschlichem und maschinellem Verhalten in diesem Bereich zu ermöglichen. Für das Projekt des Semiotk & KI-Paradigmas ist dies sehr hilfreich.

LERNEN

  1. An dieser Stelle ist es wichtig, deutlich zu machen, dass Intelligenz nicht notwendigerweise ein Lernen impliziert und Lernen nicht notwendigerweise eine Intelligenz! Eine Maschine (z.B. ein schachspielender Computer) kann sehr viele Eigenschaften eines intelligenten Schachspielers zeigen (bis dahin, dass der Computer Großmeister oder gar Weltmeister besiegen kann), aber sie muss deswegen nicht notwendigerweise auch lernfähig sein. Dies ist möglich, wenn erfahrene Experten hinreichend viel Wissen in Form eines geeigneten Programms in den Computer eingeschrieben haben, so dass die Maschine aufgrund dieses Programms auf alle Anforderungen sehr gut reagieren kann. Von sich aus könnte der Computer dann nicht dazu lernen.
  2. Bei Tieren und Menschen (und Pflanzen?) gehen wir von einer grundlegenden Lernfähigkeit aus. Bezogen auf das beobachtbare Verhalten können wir die Fähigkeit zu Lernen dadurch charakterisieren, dass ein System bis zu einem Zeitpunkt t bei einem bestimmten Reiz s nicht mit einem Verhalten r antwortet, nach dem Zeitpunkt t aber dann plötzlich doch, und dieses neue Verhalten über längere Zeit beibehält. Zeigt ein System eine solche Verhaltensdynamik, dann darf man unterstellen, dass das System in der Lage ist, seine inneren Zustände IS auf geeignete Weise zu verändern (geschrieben: phi: I x IS —> IS x O (mit der Bedeutung I := Input (Reize, Stimulus s), O := Output (Verhaltensantworten, Reaktion r), IS := interne Zustände, phi := Name für die beobachtbare Dynamik).
  3. Verfügt ein System über solch eine grundlegende Lernfähigkeit (die eine unterschiedlich reiche Ausprägung haben kann), dann kann es sich im Prinzip alle möglichen Verhaltenseigenschaften aneignen/ erwerben/ erlernen und damit im oben beschriebenen Sinne intelligent werden. Allerdings gibt es keine Garantie, dass eine Lernfähigkeit notwendigerweise zu einer bestimmten Intelligenz führen muss. Viele Menschen, die die grundsätzliche Fähigkeit besitzen, Schachspielen oder Musizieren oder Sprachen zu lernen,  nutzen diese ihre Fähigkeiten niemals aus; sie verzichten damit auf Formen intelligenten Verhaltens, die ihnen aber grundsätzlich offen stehen.
  4. Wir fordern also, dass die Lernfähigkeit Teil des Semiotik & KI-Paradigmas sein soll.

LERNENDE MASCHINEN

  1. Während die meisten Menschen heute Computern ein gewisses intelligentes Verhalten nicht absprechen würden, sind sie sich mit der grundlegenden Lernfähigkeit unsicher. Sind Computer im echten Sinne (so wie junge Tiere oder menschliche Kinder) lernfähig?
  2. Um diese Frage grundsätzlich beantworten zu können, müsste man ein allgemeines Konzept von einem Computer haben, eines, das alle heute und in der Zukunft existierende und möglicherweise in Existenz kommende Computer in den charakteristischen Eigenschaften erschöpfend beschreibt. Dies führt zur Vor-Frage nach dem allgemeinsten Kriterium für Computer.
  3. Historisch führt die Frage eigentlich direkt zu einer Arbeit von Turing (1936/7), in der er den Unentscheidbarkeitsbeweis von Kurt Gödel (1931) mit anderen Mitteln nochmals nachvollzogen hatte. Dazu muss man wissen, dass es für einen formal-logischen Beweis wichtig ist, dass die beim Beweis zur Anwendung kommenden Mittel, vollständig transparent sein müssen, sie müssen konstruktiv sein, was bedeutet, sie müssen endlich sein oder effektiv berechenbar. Zum Ende des 19.Jh und am Anfang des 20.Jh gab es zu dieser Fragestellung eine intensive Diskussion.
  4. Turing wählte im Kontrast zu Gödel keine Elemente der Zahlentheorie für seinen Beweis, sondern nahm sich das Verhalten eines Büroangestellten zum Vorbild: jemand schreibt mit einem Stift einzelne Zeichen auf ein Blatt Papier. Diese kann man einzeln lesen oder überschreiben. Diese Vorgabe übersetze er in die Beschreibung einer möglichst einfachen Maschine, die ihm zu Ehren später Turingmaschine genannt wurde (für eine Beschreibung der Elemente einer Turingmaschine siehe HIER). Eine solche Turingmaschine lässt sich dann zu einer universellen Turingmaschine [UTM] erweitern, indem man das Programm einer anderen (sekundären) Turingmaschine auf das Band einer primären Turingmaschine schreibt. Die primäre Turingmaschine kann dann nicht nur das Programm der sekundären Maschine ausführen, sondern kann es auch beliebig abändern.
  5. In diesem Zusammenhang interessant ist, dass der intuitive Begriff der Berechenbarkeit Anfang der 30ige Jahre des 20.Jh gleich dreimal unabhängig voneinander formal präzisiert worden ist (1933 Gödel und Herbrand definierten die allgemein rekursiven Funktionen; 1936 Church den Lambda-Kalkül; 1936 Turing die a-Maschine für ‚automatische Maschine‘, später Turing-Maschine). Alle drei Formalisierungen konnten formal als äquivalent bewiesen werden. Dies führte zur sogenannten Church-Turing These, dass alles, was effektiv berechnet werden kann, mit einem dieser drei Formalismen (also auch mit der Turingmaschine) berechnet werden kann. Andererseits lässt sich diese Church-Turing These selbst nicht beweisen. Nach nunmehr fast 80 Jahren nimmt aber jeder Experte im Feld an, dass die Church-Turing These stimmt, da bis heute keine Gegenbeispiele gefunden werden konnten.
  6. Mit diesem Wissen um ein allgemeines formales Konzept von Computern kann man die Frage nach der generellen Lernfähigkeit von Computern dahingehend beantworten, dass Computer, die Turing-maschinen-kompatibel sind, ihre inneren Zustände (im Falle einer universellen Turingmaschine) beliebig abändern können und damit die Grundforderung nach Lernfähigkeit erfüllen.

LERNFÄHIGE UND INTELLIGENTE MASCHINEN?

  1. Die Preisfrage stellt sich, wie eine universelle Turingmaschine, die grundsätzlich lernfähig ist, herausfinden kann, welche der möglichen Zustände interessant genug sind, um damit zu einem intelligenten Verhalten zu kommen?
  2. Diese Frage nach der möglichen Intelligenz führt zur Frage der verfügbaren Kriterien für Intelligenz: woher soll eine lernfähige Maschine wissen, was sie lernen soll?
  3. Im Fall biologischer Systeme wissen wir mittlerweile, dass die lernfähigen Strukturen als solche dumm sind, dass aber durch die schiere Menge an Zufallsexperimenten ein Teil dieser Experimente zu Strukturen geführt hat, die bzgl. bestimmter Erfolgskriterien besser waren als andere. Durch die Fähigkeit, die jeweils erfolgreichen Strukturen in Form von Informationseinheiten zu speichern, die dann bei der nächsten Reproduktion erinnert werden konnten, konnten sich die relativen Erfolge behaupten.
  4. Turing-kompatible Computer können speichern und kodieren, sie brauchen allerdings noch Erfolgskriterien, um zu einem zielgerichtete Lernen zu kommen.

LERNENDE SEMIOTISCHE MASCHINEN

  1. Mit all diesen Zutaten kann man jetzt lernende semiotische Maschinen konstruieren, d.h. Maschinen, die in der Lage sind, den Gebrauch von Zeichen im Kontext eines Prozesses, zu erlernen. Das dazu notwendige Verhalten gilt als ein Beispiel für intelligentes Verhaltens.
  2. Es ist hier nicht der Ort, jetzt die Details solcher Sprach-Lern-Spiele auszubreiten. Es sei nur soviel gesagt, dass man – abschwächend zum Paradigma von Steels – hier voraussetzt, dass es schon mindestens eine Sprache L und einen kundigen Sprachteilnehmer gibt (der Lehrer), von dem andere Systeme (die Schüler), die diese Sprache L noch nicht kennen, die Sprache L lernen können. Diese Schüler können dann begrenzt neue Lehrer werden.
  3. Zum Erlernen (Training) einer Sprache L benötigt man einen definierten Kontext (eine Welt), in dem Lehrer und Schüler auftreten und durch Interaktionen ihr Wissen teilen.
  4. In einer Evaluationsphase (Testphase), kann dann jeweils überprüft werden, ob die Schüler etwas gelernt haben, und wieviel.
  5. Den Lernerfolge einer ganzen Serie von Lernexperimenten (ein Experiment besteht aus einem Training – Test Paar) kann man dann in Form einer Lernkurve darstellen. Diese zeigt entlang der Zeitachse, ob die Intelligenzleistung sich verändert hat, und wie.
  6. Gestaltet man die Lernwelt als eine interaktive Softwarewelt, bei der Computerprogramme genauso wie Roboter oder Menschen mitwirken können, dann kann man sowohl Menschen als Lehrer benutzen wie auch Menschen im Wettbewerb mit intelligenten Maschinen antreten lassen oder intelligente Maschinen als Lehrer oder man kann auch hybride Teams formen.
  7. Die Erfahrungen zeigen, dass die Konstruktion von intelligenten Maschinen, die menschenähnliche Verhaltensweisen lernen sollen, die konstruierenden Menschen dazu anregen, ihr eigenes Verhalten sehr gründlich zu reflektieren, nicht nur technisch, sondern sogar philosophisch.

EMERGING MIND PROJEKT

  1. Die zuvor geschilderten Überlegungen haben dazu geführt, dass ab 10.November 2015 im INM Frankfurt ein öffentliches Forschungsprojekt gestartet werden soll, das Emerging Mind Projekt heißt, und das zum Ziel hat, eine solche Umgebung für lernende semiotische Maschinen bereit zu stellen, mit der man solche semiotischen Prozesse zwischen Menschen und lernfähigen intelligenten Maschinen erforschen kann.

QUELLEN

  • Binet, A., Les idees modernes sur les enfants, 1909
  • Doeben-Henisch, G.; Bauer-Wersing, U.; Erasmus, L.; Schrader,U.; Wagner, W. [2008] Interdisciplinary Engineering of Intelligent Systems. Some Methodological Issues. Conference Proceedings of the workshop Modelling Adaptive And Cognitive Systems (ADAPCOG 2008) as part of the Joint Conferences of SBIA’2008 (the 19th Brazilian Symposium on Articial Intelligence); SBRN’2008 (the 10th Brazilian Symposium on Neural Networks); and JRI’2008 (the Intelligent Robotic Journey) at Salvador (Brazil) Oct-26 – Oct-30(PDF HIER)
  • Gödel, K. Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I, In: Monatshefte Math.Phys., vol.38(1931),pp:175-198
  • Charles W. Morris, Foundations of the Theory of Signs (1938)
  • Charles W. Morris (1946). Signs, Language and Behavior. New York: Prentice-Hall, 1946. Reprinted, New York: George Braziller, 1955. Reprinted in Charles Morris, Writings on the General Theory of Signs (The Hague: Mouton, 1971), pp. 73-397. /* Charles William Morris (1901-1979) */
  • Charles W. Morris, Signication and Signicance (1964)
  • NIST: Intelligent Systems Division: http://www.nist.gov/el/isd/
  • Winfried Noth: Handbuch der Semiotik. 2., vollständig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2000
  • Charles Santiago Sanders Peirce (1839-1914) war ein US-amerikanischer Mathematiker, Philosoph und Logiker. Peirce gehort neben William James und John Dewey zu den maßgeblichen Denkern des Pragmatismus; außerdem gilt er als Begründer der modernen Semiotik. Zur ersten Einführung siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Charles Sanders Peirce Collected Papers of Charles Sanders Peirce. Bände I-VI hrsg. von Charles Hartshorne und Paul Weiss, 1931{1935; Bände VII-VIII hrsg. von Arthur W. Burks 1958. University Press, Harvard, Cambridge/Mass. 1931{1958
  • Writings of Charles S. Peirce. A Chronological Edition. Hrsg. vom Peirce Edition Project. Indiana University Press,Indianapolis, Bloomington 1982. (Bisher Bände 1{6 und 8, geplant 30 Bände)
  • Saussure, F. de. Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft, 2nd ed., German translation of the original posthumously publication of the Cours de linguistic general from 1916 by H.Lommel, Berlin: Walter de Gruyter & Co., 1967
  • Saussure, F. de. Course in General Linguistics, English translation of the original posthumously publication of the Cours de linguistic general from 1916, London: Fontana, 1974
  • Saussure, F. de. Cours de linguistique general, Edition Critique Par Rudolf Engler, Tome 1,Wiesbaden: Otto Harrassowitz, 1989 /*This is the critical edition of the dierent sources around the original posthumously publication of the Cours de linguistic general from 1916. */
  • Steels, Luc (1995): A Self-Organizing Spatial Vocabulary. Articial Life, 2(3), S. 319-332
  • Steels, Luc (1997): Synthesising the origins of language and meaning using co-evolution, self-organisation and level formation. In: Hurford, J., C.Knight und M.Studdert-Kennedy (Hrsg.). Edinburgh: Edinburgh Univ. Press.

  • Steels, Luc (2001): Language Games for Autonomous Robots. IEEE Intelligent Systems, 16(5), S. 16-22. Steels, Luc (2003):

  • Evolving grounded Communication for Robots. Trends in Cognitive Science, 7(7), S. 308-312.

  • Steels, Luc (2003): Intelligence with Representation. Philosophical Transactions of the Royal Society A, 1811(361), S. 2381-2395.

  • Steels, Luc (2008): The symbol grounding problem has been solved, so what’s next?. In M. de Vega, Symbols and Embodiment: Debates on Meaning and Cognition. Oxford: Oxford University Press, S. 223-244.
  • Steels, Luc (2012): Grounding Language through Evolutionary Language Games. In: Language Grounding in Robots. Springer US, S. 1-22.

  • Steels, Luc (2015), The Talking Heads experiment: Origins of words and meanings, Series: Computational Models of Language Evolution 1. Berlin: Language Science Press.
  • Stern, W., Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung und deren Anwendung an Schulkindern, Leipzig: Barth, 1912

  • Turing, A. M. On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem. In: Proc. London Math. Soc., Ser.2, vol.42(1936), pp.230-265; received May 25, 1936; Appendix added August 28; read November 12, 1936; corr. Ibid. vol.43(1937), pp.544-546. Turing’s paper appeared in Part 2 of vol.42 which was issued in December 1936 (Reprint in M.DAVIS 1965, pp.116-151; corr. ibid. pp.151-154).(an online version at: http://www.comlab.ox.ac.uk/activities/ieg/elibrary/sources/tp2-ie.pdf, last accesss Sept-30, 2012)

  • Turing, A.M. Computing machinery and intelligence. Mind, 59, 433-460. 1950

  • Turing, A.M.; Intelligence Service. Schriften, ed. by Dotzler, B.; Kittler, F.; Berlin: Brinkmann & Bose, 1987, ISBN 3-922660-2-3

  • Vogt, P. The physical symbol grounding problem, in: Cognitive Systems Research, 3(2002)429-457, Elsevier Science B.V.
  • Vogt, P.; Coumans, H. Investigating social interaction strategies for bootstrapping lexicon development, Journal of Articial Societies and Social Simulation 6(1), 2003

  • Wechsler, D., The Measurement of Adult Intelligence, Baltimore, 1939, (3. Auage 1944)

  • Wittgenstein, L.; Tractatus Logico-Philosophicus, 1921/1922 /* Während des Ersten Weltkriegs geschrieben, wurde das Werk 1918 vollendet. Es erschien mit Unterstützung von Bertrand Russell zunächst 1921 in Wilhelm Ostwalds Annalen der Naturphilosophie. Diese von Wittgenstein nicht gegengelesene Fassung enthielt grobe Fehler. Eine korrigierte, zweisprachige Ausgabe (deutsch/englisch) erschien 1922 bei Kegan Paul, Trench, Trubner und Co. in London und gilt als die offizielle Fassung. Die englische Übersetzung stammte von C. K. Ogden und Frank Ramsey. Siehe einführend Wikipedia-DE: https://de.wikipedia.org/wiki/Tractatus logicophilosophicus*/

  • Wittgenstein, L.; Philosophische Untersuchungen,1936-1946, publiziert 1953 /* Die Philosophischen Untersuchungen sind Ludwig Wittgensteins spätes, zweites Hauptwerk. Es übten einen außerordentlichen Einfluss auf die Philosophie der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts aus; zu erwähnen ist die Sprechakttheorie von Austin und Searle sowie der Erlanger Konstruktivismus (Paul Lorenzen, Kuno Lorenz). Das Buch richtet sich gegen das Ideal einer logik-orientierten Sprache, die neben Russell und Carnap Wittgenstein selbst in seinem ersten Hauptwerk vertreten hatte. Das Buch ist in den Jahren 1936-1946 entstanden, wurde aber erst 1953, nach dem Tod des Autors, veröffentlicht. Siehe einführend Wikipedia-DE: https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische Untersuchungen*/

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DIE NEUROWISSENSCHAFTEN – EIN PHILOSOPHISCHES SCHWARZES LOCH? – Zu einem Artikel von W.Singer in der FAZ vom 17.September 2014

(Letzte Änderungen am Text: 21.Sept.2014, 22:06h)

Sound einer Galaxie oder doch eher von Neuronen oder von Galaxien eingefangen in den Vibrationen der Neuronen?

BEGRIFF (PHILOSOPHISCHES) SCHWARZES LOCH

1. Ein Schwarzes Loch (oder auch Black hole) ist in der Astrophysik – leicht vereinfachend – ein Raum-Zeit-Gebiet, das im Kern eine Massekonzentration besitzt, die so groß ist, dass in einem bestimmten Umfeld alle Materie (einschließlich der Lichtquanten) so stark angezogen wird, dass jenseits dieses Umfeldes (jenseits des ‚Ereignishorizontes‘) nichts mehr nach außen dringt (außer der sogenannten Hawking-Strahlung (benannt nach dem Physiker Stephen Hawking)). Im Prinzip kann ein schwarzes Loch immer weiter wachsen. Ab einer bestimmten Größe entstehen im Umfeld des Ereignishorizontes allerdings ‚Sperreffekte‘, die den Zufluss von Materie erschweren und über die Hawking-Strahlung verlieren schwarze Löcher kontinuierlich Energie.

2. Der Begriff ‚philosophisches‘ schwarzes Loch wird in diesem Beitrag benutzt als eine Metapher, um eine Denkweise zu charakterisieren, die die Vielfalt der Phänomene durch Beschränkung auf ein einziges Prinzip so stark nivelliert, dass von der Vielfalt anschließend nur noch bestimmte Fragmente übrig bleiben, die als solche zwar eine gewisse ‚Wahrheit‘ verkörpern, durch den eliminierenden Kontext aber letztlich ihre ursprüngliche Wahrheit verloren haben; vielleicht muss man sogar sagen, sie werden durch den falschen Kontext geradezu ‚falsch‘.

3. Ich stelle hier die frage, ob diese Metapher vom ‚philosophischen schwarzen Loch‘ anwendbar ist auf den Artikel von Wolf Singer in der FAZ vom 17.September 2014 S.N2. Würde meine Hypothese zutreffen, dann wäre dies fast tragisch, da hier eine Sache, die in sich gut und wichtig ist, die Hirnforschung, durch ihre methodische Übergrifflichkeit viele andere Sachen dermaßen entstellt und ihrer ontologischen Besonderheit beraubt, dass damit genau das Großartige, was die Gehirne in diese Welt eingebracht haben, von den Hirnforschern selbst totgemacht, zerstört würden.

4. Dies hier ist meine individuelle Hypothese. Vielleicht würde eine empirische soziologische Untersuchung im Rahmen einer Wissenssoziologie zu noch weitreichenderen kritischen Aussagen zu den Neurowissenschaften kommen. Aber für solche Wissenschaften ist es heute sehr schwer, Forschungsgelder zu bekommen.

DIE ARGUMENTATIONSFIGUR IM TEXT

5. Warum kann ich die Frage stellen, ob die Metapher von einem ‚philosophisch schwarzem Loch‘ auf den Artikel von Wolf Singer zutrifft?

6. In dem zitierten Artikel mit der Überschrift „Erst kommt das Denken, dann die Kunst“ soll es offiziell um das Verhältnis zwischen der Kunst und den Neurowissenschaften gehen; inoffiziell ergreift der Autor aber die Gelegenheit, aus Anlass eines Themas, das außerhalb der Neurowissenschaften liegt, primär die Bedeutung und Leistung der Neurowissenschaften heraus zu stellen; das auslösende Thema, der ‚Aufhänger‘ Kunst, gerät zu einer Art ‚Randnotiz‘: ja, es gibt irgendwo Kunst, ja, sie hat ein paar Eigenschaften, aber letztlich sind alle diese Eigenschaften unwichtig, da es eigentlich nur auf die Leistungen der neuronalen Verbände ankommt, die dem künstlerischen Verhalten letztlich zugrunde liegen. Die Neuronen und deren Verhalten repräsentieren die eigentliche, die wahre Wirklichkeit; sie erzählen uns, worum es geht …

7. Nun ist es ja unbestreitbar, dass die Neurowissenschaften seit ihrem Entstehen – letztlich viele Jahrhunderte; mit der klaren Einsicht in die Isoliertheit des Neurons aber dann erst seit ca. 120 Jahre – atemberaubende neue Einblicke in unser Gehirn und in die Interaktion zwischen dem Gehirn und dem Körper ermöglicht haben. Vielen Phänomenen des beobachtbaren Verhaltens wie auch unserer subjektiven Empfindungen konnten durch die Korrelation mit neuronalen Aktivitäten neue, interessante Aspekte zugeordnet werden, die zu neuen Verstehensmodellen geführt haben.

INPUT-OUTPUT SYSTEME: DIE SUMME IST MEHR ALS IHRE TEILE

8. Bei der Erklärung des Verhaltens eines Input-Output-Systems — was biologische Systeme u.a. sind – sind die Verhältnisse nicht ganz so trivial, wie sie die Erklärungsmuster der Neurowissenschaftler oft nahe legen.

9. Aus der Tatsache, dass ein Input-Output-System aus einer Vielzahl von elementaren Einheiten – im Falle des Gehirns u.a. aus ‚Neuronen‘ – besteht, folgt sehr selten, dass man das beobachtbare (äußere) Verhalten des Systems durch einfachen Rückgriff auf die Eigenschaften seiner Bestandteile ‚erklären‘ kann.

10. Wenn jemand heute — in einem analogen Fall — einen Computer (PC, Smartphone, Auto, Kamera,…) kauft, um damit einen Text zu schreiben oder Musik zu hören oder ein Computerspiel zu spielen oder … dann interessiert sich normalerweise niemand für die elektronischen Bauteilen in diesen Geräten (würden die meisten auch nicht verstehen), sondern nur um die ‚Funktionen‘, die das Gerät ihm zur Verfügung stellt.

11. Jener, der an der Funktion ‚Text Schreiben‘ interessiert ist, interessiert sich nicht unbedingt auch für die Funktion ‚Fotos machen‘, oder nicht für die spannenden Abenteuer eines Computerspiels, usw.

EINE ABBILDUNGSVORSCHRIFT IST MEHR ALS IHRE ‚TEILE‘

12. Alle diese verschiedenen ‚Funktionen‘ die heute ein Computer ausführen kann, sind zwar – in der Tat – alle durch die gleichen elektronischen Bauteile ermöglicht worden, wie man — im Falle der Computer — aber weiß, ist es nicht möglich, aus der Gegebenheit der elektronischen Bauteile als solcher auch nur eine einzige dieser vielen möglichen Milliarden von Funktionen ‚abzuleiten‘!

13. Zwar kann man rein theoretisch aus der Beschaffenheit dieser Bauteile ableiten (und damit voraussagen), welche Arten von Funktionen generell mit diesen Bauteilen ausführbar wären, aber man könnte niemals zwingend – also niemals mit Notwendigkeit – sagen, auf diesem Computer muss genau diese ‚Funktion f‘ ausgeführt werden.

14. Der tiefere – wenngleich sehr einfache – Grund für diesen Sachverhalt liegt darin, dass das beobachtbare Verhalten eines Computers – verstanden als eine Funktion f – eine Folge von Zustandsänderungen zusammenfasst, die unterschiedlichen ‚Input I‘ in das System (Eingaben durch den Benutzer, Messwerte, …) unter Berücksichtigung aktuell verfügbarer ‚interner Zustände IS‘ auf die beobachtbaren ‚Outputs O‘ (Ereignisse auf dem Bildschirm, Töne, Bewegungen eines mechanischen Teils, …) — und möglicherweise auch auf interne Zustände IS — ‚abbildet‘, wie der Mathematiker sagen würde. Eine solche reale Verhaltensfunktion ist damit nichts anderes als eine Folge von Paaren der Art …, ((I,IS),(IS,O)), …, verallgemeinernd geschrieben als eine Abbildungsvorschrift f: I \times IS \longrightarrow IS \times O.

15. Schon an dieser Stelle kann man direkt sehen, dass die Existenz irgendwelcher interner Zustände (z.B. elektronische Bauteile oder – wie im Falle des Gehirns – von Neuronen) in keiner Weise irgendetwas darüber sagen kann, wie die übergreifende Verhaltensfunktion f aussehen wird. Die Verhaltensfunktion f wird zwar nur unter Voraussetzung der internen Zustände stattfinden können, die internen Zustände (elektronische Bauteile, Neuronen, …) erlauben aber keinerlei Schlüsse auf die übergreifenden Funktion f, die damit tatsächlich zur Ausführung kommt.

16. Jeder kennt die Formulierung ‚Die Summe ist mehr als ihre Teile‘ oder der etwas neuere Begriff der ‚Emergenz‘, d.h. des Auftretens von Eigenschaften P eines Systems (z.B. Wasser), die unter bestimmten Bedingungen (Kälte, Hitze, …) mit einem Mal ‚beobachtbar‘ werden (‚zu Eis gefrieren‘, ’sich in Dampf transformieren‘, …). Die einzelnen Bestandteile als solche ‚für sich‘ können die Eigenschaft P nicht haben; wenn aber viele solche einzelnen Elemente (z.B. Moleküle) ‚zusammen‘ in einem Raum-Zeitgebiet vorkommen, dann kann eine – die einzelnen Elemente ‚übersteigende‘ (‚emergierende‘) — Eigenschaft P sichtbar werden, die wie aus dem ‚Nichts‘ entsteht.

17. Eine seit den Anfängen der Physik beliebte Strategie, die ‚emergenten‘ Eigenschaften zusammengesetzter Systeme durch ‚Rückführung auf die zugrunde liegenden Elemente‘ zu ‚erklären‘ (bekannt unter dem Namen ‚Reduktionismus‘) ist bis heute virulent, und findet sich z.B. ungebrochen im Text von Wolf Singer wieder. Was immer wir an Verhaltensweisen bei einem Menschen beobachten können – er hat sich einige ausgewählt, die einige als ‚künstlerisch‘, als ‚Malerei‘ bezeichnen –, das Verhalten in seiner speziellen Funktionalität wird auf das Verhalten zugrunde liegender Elemente (Neuronen) zurückgeführt und soll damit ‚erklärt‘ sein.

METHODISCHE GRENZEN DER NEUROWISSENSCHAFTEN

18. Abgesehen mal davon, dass die Neurowissenschaften auch heute – was Singer sogar an einzelnen Stellen einräumt – in der Regel noch nicht über wirklich harte Erklärungsansätze verfügen (bedingt durch die Komplexität des Gehirns und Messproblemen), werden die Neurowissenschaften als solche – sofern sie ihren eigenen Methoden treu bleiben – grundsätzlich niemals und zu keinem Zeitpunkt auch nur einzige der beobachtbaren Funktionen im echten Sinne ‚erklären‘ können.

19. Wenn Neurowissenschaftler sich zu Verhaltenserklärungen hinreißen lassen, dann überschreiten Sie in diesem Moment die methodischen Grenzen, die den Neurowissenschaften grundsätzlich gesetzt sind. Erklärung von ‚Verhalten‘ geht prinzipiell über die Beschreibung von Neuronen, Neuronenverbänden, und dem Verhalten von Neuronen hinaus, da es sich um prinzipiell verschiedene Datenarten handelt. Verhalten ist die Domäne der (biologischen) Ethologie oder der modernen experimentellen verhaltensbasierten Psychologie. Diese beiden Disziplinen wissen (als Verhaltenswissenschaften) nichts von Körperzuständen und Neuronen. Begibt ein Neurowissenschaftler sich in das Gebiet des Verhaltens, dann begeht er eine methodische Grenzüberschreitung. Wenn er Verhalten beschreibe will, dann muss er seine Neuronen grundsätzlich und vollständig vergessen! Hält man sich nicht an diese methodischen Grenzziehungen, dann resultiert ein methodisches Chaos, das man leider in ganz vielen neurowissenschaftlichen Publikationen — bis hin zu den High-End Journalen — beobachten kann.

20. Natürlich kann man sich eine methodisch kontrollierte ‚Kooperation‘ zwischen ‚Neurowissenschaften‘ und ‚Psychologie‘ vorstellen – dafür gibt es auch schon lange den Namen ‚Neuropsychologie‘ –, aber eine solche Kooperation stellt sehr hohe methodische und theoretische Anforderungen. Es ist nicht zu sehen, dass sich die Mehrheit der Neurowissenschaftlern dieses Problems bewusst ist. Es gibt offizielle Lehrbücher mit dem Titel ‚Neuropsychologie‘ die in keiner Weise den wissenschaftstheoretischen Ansprüchen genügen, die man hier stellen muss.

21. Im Falle des Artikels von Wolf Singer meine ich sowohl die Erklärungsstrategie des ‚Reduktionismus‘ wie auch eine Grenzüberschreitung von der Neurowissenschaft zu den Verhaltenswissenschaften feststellen zu müssen.

KEIN BEZUG ZUR WISSENSCHAFTSTHEORIE

22. Das Grundproblem, wie man das beobachtbare Verhalten f eines biologischen Input-Output-Systems ‚erklärt‘, ist eine Fragestellung aus dem Bereich der ‚Meta-Wissenschaft‘ genannt ‚Wissenschaftstheorie‘, die letztlich zur ‚Philosophie‘ gehört, der allgemeinen Reflexion ‚über‘ die Dinge, nicht methodisch eingegrenzt auf eine bestimmte wissenschaftliche Fachdisziplin.

23. Insofern berührt der Text von Wolf Singer Aspekte und Fragestellungen, die über die Neurowissenschaften deutlich hinausgehen. Singer lässt aber nirgends in seinem Text erkennen, dass er sich dieser Sachlage bewusst ist. Er spricht über das Gehirn wie ein Techniker über seinen Schaltplan, aus dem er abliest, dass der Motor in Halle 3 nicht läuft, weil eine bestimmte Leitung mit einer bestimmten Bauteilgruppe nicht funktioniert.

24. Mit einem solchen platten ‚Erklärungsansatz‘ wird aber genau die Besonderheit des Phänomens schlicht und einfach verdeckt, zugedeckt, unsichtbar gemacht. Das verstehe ich unter einem ‚philosophisch-schwarzen Loch‘

DIE RÜCKKEHR DES GEISTES?

25. Ist schon die mangelnde Selbstreflexion der Neurowissenschaften traurig genug, so gerät diese zu einer gewissen Tragik, da sie – aufgrund ihrer aktuell starken gesellschaftlichen Akzeptanz – alternative Reflektionsansätze auf die Vielfalt der Phänomene zu übertönen droht und damit die Wahrnehmung von genau dem ‚Wunder des Geistes‘, das durch die Evolution der Körper mit Gehirnen möglich wurde, im Ansatz zerstören. Kann man das ‚Allmachtsgebaren‘ der Neurowissenschaften noch als ‚typisch menschlich‘ abtun, greifen die kognitiven Wirkungen des begrifflichen Allmachtgehabes die ontologische Brisanz der durch die Gehirne möglichen Phänomene in ihrer Substanz an.

26. Erinnern wir uns an die mathematische Formel von zuvor f: I \times IS \longrightarrow IS \times O. Es ist absolut unmöglich, aus der Beschaffenheit der Teile die Gesamtfunktion abzuleiten; insofern repräsentiert eine solche Funktion ein ‚Mehr‘ an Informationen.

REFERENZSYSTEM PHYSIK

27. Die Physik kennt keine Gesetze, die die Entstehung von Etwas aus einem ‚Nichts‘ beschreiben (‚ex nihilo nihil fit‘). Insofern ist eine Theorie wie die ‚BigBang-Theorie‘ das Maximum, was die Physik leisten kann: vorausgesetzt, es gab genügend viel Energie am Beginn des Zeitpfeils, dann kann man den ganzen ‚Rest‘ (nämlich die Entwicklung des bekannten Universums) daraus schrittweise ‚rekonstruieren‘.

28. Will man mehr, dann muss man – hypothetisch – annehmen, dass es ‚außerhalb‘ von unserem bekannten Universum noch viele andere Universen gibt, die alle miteinander auf bestimmte Weise wechselwirken können. In diesem Fall wird das Prinzip ‚ex nihilo nihil fit‘ aber nicht aufgehoben. Die endlichen Raum-Zeitgrenzen werden damit nur ‚beliebig weit‘ (rein gedanklich) ausgedehnt.

29. Bezogen auf das Verhalten konkreter Systeme würde die Physik fordern, dass man ein ‚Mehr an Information‘ erklären muss.

30. Die Physik versagt bislang aber nicht nur bei der Grundsatzfrage, wo denn die ungeheure Menge an Information in Form von Anfangsenergie ‚herkommt‘, sie versagt auch schon bei der – scheinbar – kleineren Frage, wie es zur Ausbildung von biologischen Systemen auf dem Planeten Erde kommen konnte.

31. Damit ist nicht die Detailfrage gemeint, ob bestimmte für das Leben wichtige Moleküle schon ‚fertig‘ aus dem Weltall auf die Erde kamen oder sich – auf bislang noch unklare Weise – auf der Erde ‚gebildet‘ haben, sondern die Grundsatzfrage, wie es möglich war, dass sich überhaupt biologischen Systeme auf dem Planeten Erde bilden und immer weiter ausbreiten konnten (Molekülbildung, chemische Evolution, biologische Evolution).

32. Nach den Gesetzen der Thermodynamik strebt das bekannte Universum zwar langfristig auf einen Ausgleich aller Energieunterschiede, solange aber noch lokale Unterschiede bestehen, solange können sich an den Rändern des Energiegefälles noch Phänomene ausbilden, die die an diesen ‚Rändern‘ verfügbare ‚freie‘ Energie für ‚ihre Zwecke‘ ’nutzen‘. Alle biologische Zellen und Zellverbände, sind solche Strukturen: sie entziehen ihrer Umgebung (freie) Energie und generieren immer komplexere Strukturen, die der Idee des ‚(entropischen) Ausgleichs‘ diametral entgegen wirken. Und die biologischen Strukturen tun dies in einer sowohl individuellen wie auch systemisch-vernetzten Komplexität, die jeden rein auf ‚Zufall‘ basierenden Erklärungsversuch schon im Ansatz (rein mathematisch) ad absurdum führt.

33. Will man an dieser Stelle nicht in pseudo-theologische Ansätze flüchten, die die Erklärungslücken nach eigenen Vorstellungen – beliebig ? — ‚auffüllen‘, dann benötigt man Erklärungshypothesen, die sich mit den Methoden der Wissenschaft(en) vertragen.

VERDECKTE (IMPLIZITE) EIGENSCHAFTEN

34. Wenn wir im großen Stil Phänomene beobachten und messen können, die sich als Funktionen f darstellen lassen, die sich nicht direkt aus den unmittelbaren ‚Teilen‘ des Phänomens herleiten lassen, dann gibt es – neben der notwendigen Klärung der Arbeitsweise unseres Denkens (sehr wohl auch unter Einbeziehung einer evolutionären Erkenntnistheorie) – natürlich die (ganz normale) Arbeitshypothese, dass es in ‚Verbindung‘ mit den beteiligten ‚Elementen E‘ des beobachtbaren Phänomens p nicht nur die ‚direkten Eigenschaften‘ P(E) der beteiligten Elemente gibt, sondern möglicherweise auch weitere (indirekte)Eigenschaften E* (‚hidden properties‘), die direkt nicht beobachtbar sind, sondern nur unter bestimmten Randbedingungen des Zusammenwirkens ’sichtbar‘ werden.

35. Dieser Denkansatz würde dann in die Richtung führen, dass genau jene Eigenschaften, die an komplexen Strukturen ’sichtbar‘ werden, nicht ‚aus dem Nichts‘ entstehen, sondern grundsätzlich in der Struktur der Materie-Energie angelegt sind und sich bei steigendem Komplexitätsgrad in immer komplexeren Formen ‚zeigen‘.

36. Insofern alles, was wir in der Geistes- und Kulturgeschichte über ‚Geist’/ ‚Geistigkeit‘ usw. kennengelernt haben, von genau jenem komplexen Körper mit Gehirn stammt, der sich in der biologischen Evolution schrittweise herausgeschält hat, kann man mit dieser Hypothese dann die Frage aufwerfen, ob das, was die Phänomene des ‚Geistes‘ ausmacht, nicht zurückgeht auf diese indirekten Eigenschaften der Materie-Energie. Falls ja wäre der ‚Geist‘ letztlich eine ‚interne Eigenschaft‘ der Materie-Energie von Anfang an (ein Gedanke, der philosophisch viele Vorläufer hat, wenngleich eingebettet in andere Wortspiele).

37. Für eine empirische Theoriebildung wären solchen Fragen grundsätzlich kein Problem. In jeder anspruchsvollen empirischen Theorie mit mathematischem Modell gibt es genügend viele theoretische Begriffe (auch ‚theoretische Terme‘ genannt), die nicht ‚explizit‘ (‚direkt‘) definiert sind, sondern nur im Kontext vieler anderer Begriffe und Funktionen, die als Gesamtmodell einen Erklärungsanspruch darstellen und als Gesamtmodell ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sind.

[Anmerkung: Die Annahme von ‚verborgenen‘, ‚indirekten‘ Eigenschaften sind in der modernen Physik seit langem üblich. Der berühmte ‚Teilchenzoo‘ der Quantenphysik bietet hier genügend Anschauungsmaterial.]

38. Eine neue empirisch begründete (!) wissenschaftliche universale Theorie des Geistes wäre vor diesem Hintergrund prinzipiell kein Problem. Sie würde aber voraussetzen, dass die einzelnen Disziplinen (wie z.B. die Gehirnforschung) sich ihrer methodischen Grenzen bewusst werden und es zulassen würden, dass andere wissenschaftliche Disziplinen im Bereich komplexer Verhaltensphänomene geeignete theoretische Modelle entwickeln, die sich zwar bedingt mit z.B. der Gehirnwissenschaft für begrenzte Fragestellungen korrelieren lassen, die aber in keinster Weise auf diese begrenzten Fachdisziplinen ‚reduzierbar‘ wären. Andersherum gesprochen: diese komplexen Theorien beschreiben Eigenschaften und Beziehungen ‚oberhalb‘ möglichen vorausgesetzten ‚primitiveren# Elementen, die nur in diesen komplexeren Begriffen ’sichtbar‘ werden und nur hier ihre ‚Bedeutung‘ haben. Eine ‚Reduktion‘ auf die einfacheren Elemente ist nicht nur rein logisch nicht möglich, sondern würde die eigentliche Aussage direkt zerstören.

[Anmerkung: Das Thema mit dem ‚impliziten‘ Geist wurde in diesem Blog schon mehrfach diskutiert; besonders vielleicht in diesem Beitrag.]

DER KUNSTBEGRIFF

39. Im übrigen wäre der Kunstbegriff, den Singer benutzt, kritisch zu hinterfragen. Er selbst stellt gleich zu Beginn einerseits fest, dass es überhaupt keinen Konsens zum Begriff ‚Kunst‘ gibt, andererseits nimmt er Bezug auf bestimmte Tätigkeiten, die er dann als ‚künstlerisch‘ bezeichnet. Was soll man jetzt denken? Warum und wie sollen bestimmte Aktivitäten von Neuronen etwas mit Kunst zu tun haben, wenn nicht klar ist, was genau Kunst ist? Warum schreibt er dann nicht gleich, dass er zum Verhältnis von Gehirn und Kunst nichts sagen kann, weil nicht klar genug ist, was Kunst ist?

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BEWUSSTSEIN – NICHTBEWUSSTSEIN AM BEISPIEL VON SEXUALITÄT UND GESCHLECHT

Letzte Änderung: 10.Mai 2014 (Links zu den vorausgehenden Beiträgen)

Genetische Informationen beeinflussen die Strukturbildung des Körpers und geschlechterspezifische Hormone beinflussen über Neuronen spezifische Verhaltenskomplexe (bis hin zur Änderung chromosomaler Strukturen)

Genetische Informationen beeinflussen die Strukturbildung des Körpers und geschlechterspezifische Hormone beinflussen über Neuronen spezifische Verhaltenskomplexe (bis hin zur Änderung chromosomaler Strukturen)

1. Im Kontext der aktuellen Diskussion zum Thema Bewusstsein – Nichtbewusstsein (siehe den letzten Beitrag hier) in diesem Blog deutet sich an, dass das Bewusstsein nicht nur nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Vorgänge im Körper repräsentiert, sondern zusätzlich geht in die Repräsentation eine spezifische ‚Formatierung‘ ein, die sich so direkt in den auslösenden Ereignissen nicht finden muss.

2. Zu den vielfältigen Phänomenen, die im Bewusstsein aufschlagen, gehören auch Phänomene im Umfeld der Sexualität und der verschiedenen Geschlechter.

3. Wie die verschiedenen Begriffe in der Liste der Kategorien verraten (Sexualität, Sexualbeziehung, SexualarbeiterIn, usw.), gab es in diesem Blog schon öfters Einträge zu diesem Thema (SEXUALITÄT GESTERN, MORGEN, UND, SEXARBEITERiNNEN – SIND WIR WEITER?, (SEXARBEITERiNNEN – Teil 2 – GESCHICHTE UND GEGENWART). Diese Beiträge behandelten grob einzelne Aspekte, z.B. wie sich Sexualität manifestiert und viele Formen (gegenwärtig und vergangen), in denen Sexualität verknüpft ist mit Gewalt gegen Frauen. Dies ist fragmentarisch und bedürfte mannigfaltiger Ergänzungen. Hier soll nun jener Aspekt angesprochen werden, bei dem es um die genetischen und neuronalen Grundlagen der Sexualität und des Geschlechts geht.

4. Zu ‚erleben‘, dass man ’sexuell angeregt‘ ist, ’sexuelle Lust‘ verspürt, man ’sexuell befriedigt‘ ist – um nur einige Aspekte zu nennen – ist eines; ein anderes ist es, zu klären, warum dies überhaupt so ist: Woher kommt das? Warum hat man überhaupt diese Erlebnisse? Verändert sich dies? Haben andere das genauso? Usw.

5. In der Vergangenheit habe ich oft heutige Neurowissenschaftler kritisiert für ihre vielfache methodische Sorglosigkeiten oder für schlechte Artikel selbst in angesehensten wissenschaftlichen Journalen; dazu stehe ich, gleichzeitig habe ich aber auch kein Problem, anzuerkennen, dass die Neurowissenschaften uns – analog wie z.B. die Physik, die Chemie, die Molekularbiologie, die evolutionäre Biologie – in einer neuen Weise Einblicke in die Grundlagen unseres Fühlens und Denkens verschafft haben, die vorher undenkbar erschienen und die unser Bild von uns selbst (und anderen Lebewesen) nachhaltig verändert haben (sofern wir uns auf diese Erkenntnisse einlassen).

6. Im Rahmen der Überlegungen zum Bewusstsein-Nichtbewusstsein angewendet auf die Phänomene im Umfeld von ‚Sexualität‘ und ‚Geschlecht‘ liefert uns die Neurowissenschaft eine Menge interessanter Eckwerte.

7. Heute morgen habe ich in meinen Bücherschrank gegriffen und spontan 8 (Hand-)Bücher aus den Regalen geholt (siehe unten), die alle zur Neurowissenschaft zu rechnen sind (oder als ‚Physiologische Psychologie‘ zumindest sehr nahe benachbart sind). Sie stammen aus dem Zeitraum 1994 – 2012. Bis auf Gazzaniga (2009) und Baars (2010) behandeln alle das Thema ‚Sexualität‘ und ‚Geschlecht‘.

8. Sehr gut lesbar und recht ausführlich ist der Beitrag ‚Sexual Differentiation of the Nervous System‘ von Shah, N.M.; Jessel, T.M.; Sanes, J.R. in Kandell et al. (2012), Kap.56. Sieht man davon ab, dass im Beitrag selbst nicht direkt zitiert wird und die methodischen Fragen unerwähnt bleiben, kann man dem Beitrag aber die Argumentation entnehmen, dass die Gene der Chromosomen zunächst einmal im Rahmen der Embryogenese die Strukturbildung des Körpers beeinflussen (z.B. Ausbildung von Geschlechtsorganen, Ausbildung spezifischer Gehirnstrukturen). Die Steuerung übernehmen dabei spezifische Hormone. Liegen die Strukturen dann vor, steuern die gleichen oder ähnliche Hormone über die Rezeptoren von Neuronen spezifische neuronale Muster, die für bestimmte Verhaltensmuster (sexuelle Erregungszustände, Balzverhalten, Aggression (gegen Konkurrenten), sexuelle Vereinigung, Brutpflege, usw.) verantwortlich sind.

9. Das komplexe Wechselspiel von Strukturen, Hormonen (mit z.T. komplexen Transformationsketten), und passenden Rezeptoren, bietet allerlei Angriffspunkte für ‚Störungen‘, so dass ein Kind zunächst äußerlich z.B. männliche Geschlechtsorgane aufweist, es in seinem hormonellen Systemen darin aber nicht unterstützt wird. Während diese Prozesse heute physiologisch nachvollzogen (und z.T. durch geeignete medizinische Eingriffe ‚korrigiert‘) werden können, ist dies alles für die ’subjektive Erlebnisseite‘, für den/ die Betroffene(n) nicht direkt einsichtig. Er/ Sie empfängt Körpersignale, die mit dem Verhalten anderer Menschen nicht so recht zu korrelieren scheinen.

10. Ferner werden manche hormonellen Prozesse über die Wahrnehmung gesteuert (Milchproduktion bei Müttern aufgrund des Saugreizes). Die sensorischen Signale triggern die Produktion bestimmter Hormone, die wiederum Neuronen aktivieren, die dann zu einem bestimmten Verhalten führen (können). Zusätzlich wurde beobachtet, dass frühkindliche sensorische Erfahrungen (‚Stress‘ oder ‚umsorgt‘ sein) auch soweit in bestimmte Chromosomen hineinwirken können, dass diese sich auf das Verhalten auswirken.

11. Aufgrund der Komplexität des menschlichen Gehirns und des menschlichen Verhaltens samt den vielfältigen Wechsel- und Rückwirkungen ist es aber bei sehr vielen Verhaltensmustern noch nicht eindeutig, ob diese genetisch bedingt sind oder aufgrund des sozialen Umfelds. Dies betrifft insbesondere die vielfältigen Formen von gleichgeschlechtlicher Sexualität. Zwar konnte man nachweisen, dass das Rezeptorverhalten mancher Aktivitäten sich bei Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen sich so geändert hat, dass Männer das Rezeptorverhalten von Frauen zeigen und Frauen das Rezeptorverhalten von Männern, aber es ist bislang nicht auszuschließen, dass diese Änderungen allein durch das Verhalten zustande kamen.

12. Soweit meine recht grobe Zusammenfassung. Für Details sollte jeder den Beitrag selber nachlesen. Aus philosophischer Sicht kommt es hier auch nicht auf die molekularbiologischen Details an, sondern auf die allgemeine Struktur, die sich hier zeigt: auch im Falle der für Lebewesen zentralen Sexualität gründet sich unser Erleben und Verhalten auf konkreten neuronalen Schaltkreisen, die mittels Hormonen getriggert werden, und zwar so, dass damit nicht nur ‚Verhalten‘ gesteuert wird, sondern auch die genetischen Grundlagen selbst können selbstreferentiell modifiziert werden.

13. Für das Selbstverständnis von uns Menschen, die wir uns im Alltag an unserer Bewusstseinserfahrung und dem beobachtbaren Verhalten orientieren, kann dies zu Irritationen und Unmenschlichkeiten im Miteinander führen, wenn Menschen aufgrund einer abweichenden genetischen – hormonellen – neuronalen Struktur anders empfinden und sich anders verhalten. In der Geschichte hat dies real zu ‚Verteuflungen‘, ‚Verurteilungen‘, ‚Unterdrückung‘, ‚Ausgrenzungen‘ und ‚Verfolgungen‘ usw. geführt. Religiöse Traditionen haben hier genauso versagt wie andere Spielarten von Moral oder Ethik. Und auch heute ist die Verurteilung und Unterdrückung von ‚Homosexualität‘ (z.B. Rußland) offizielles Recht.

14. Während man konkrete Menschen, die aufgrund ihrer genetischen – hormonellen – neuronalen Strukturen anders erleben und sich verhalten als der ’statistische Durchschnitt‘, grundsätzlich als Menschen achten und sie unterstützen sollte, muss man davon die Frage unterscheiden, wie eine Gesellschaft offiziell mit den vorliegenden genetischen und körperlichen Strukturen der Menschheit auf Zukunft hin umgehen will. Auch wenn wir JEDEN AKTUELL LEBENDEN Menschen als Mitglied der Gattung homo sapiens sapiens achten sollten, müssen wir uns als Menschen die Frage stellen, (i) welche unserer ‚Bilder von uns selbst‘ denn noch ‚angemessen‘ sind und (ii) in welche Richtung denn die Entwicklung wohl geht bzw. ‚gehen sollte‘?

15. Die Menschenbilder, die uns die großen bekannten Religionen (Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) anbieten, sind nach meinem Verständnis vielfach zu überarbeiten. Die impliziten Menschenbilder der modernen Demokratien gehen in vielen Punkten deutlich über die Menschenbilder der Religionen hinaus, sind aber auch durch den Gang der Erkenntnis partiell überholt. Es wird nicht reichen, einfach nur das ‚Gewohnte‘ zu wiederholen.

16. ‚Sexualität‘ und darum herum aufbauend ‚Geschlecht‘ repräsentiert konkrete Prozesse (die anfällig für Störungen sind), die evolutionär geworden sind, die einem bestimmten Zweck dienten, und die im Heute neu hinterfragt werden könnten und müssten. Vieles von dem ‚Mann-Frau-Gerede‘ klebt am ‚Phänomen‘ und hilft wenig, ein wirkliches Verständnis der wirkenden Prozesse zu vermitteln.

QUELLEN

Buecher vom 12.April 2014 zum Thema genetisch-neuronale Grundlagen der Sexualität

Buecher vom 12.April 2014 zum Thema genetisch-neuronale Grundlagen der Sexualität

  1. Arbib, M.a. et.al (eds) The Handbook of Brain Theory and Neural Networks, Cambridge (MA): Bradford Book, 2003 (2nd ed.), S.680f, Motivation
  2. Baars, J.B.; Gage, N.M. Cognition, Brain, and Consciousness. Introduction to Cognitive Neuroscience, 2nd.ed., Amsterdam et: Elsevier, 2010
  3. Carlson, N.R., Physiologische Psychologie, München – Boston – San Francisco et.al:Pearson Studium, 2004 (8.Aufl.), Kap.10, Sexuelles Verhalten
  4. Gazzaniga, M. S. (Ed.), The Cognitive Neurosciences, London – Cambridge (MA): The MIT Press, 2009 (4th ed.), ‚motivation‘ als ‚Vermeidung‘ (116), als emotionale Reaktion Kap.61, Kap.11 beim Transfer-Lernen, Kap.70 bei Entscheidungsfindung
  5. Gazzaniga, M. S. (Ed.), The Cognitive Neurosciences, London – Cambridge (MA): The MIT Press, 1995, Kap.69-77, Kap.80
  6. Kandel, E.R.; Schwartz, J.H.; Jessell, T.M.; Siegelbaum, S.A.; Hudspeth, A.J.; (Eds.) Principles of Neural Science, 5th.ed., New York et.al: McGrawHill, 2012, Kap.3: Gene und Verhalten, Kap.22: Sensorik und Verarbeitung, Kap.58: Sexuelle Differenzierung des Nervensystems
  7. Nelson, C.A.; Luciana, M. (eds.), Handbook of Developmental Cognitive Neuroscience, Cambridge (MA) – London (Engl.): MIT Press, 2008 (2nd. ed.), S.394f Störungen während der Gehirnentwicklung und deren Folgen
  8. Shepherd, G.M., Neurobiology, 3rd.Ed, New York – Oxford: Oxford University Press, 1994, (ISBN-10: 0195088433, ISBN-13: 978-0195088434), Kap.24 ‚Mating‘

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REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 6

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Letzte Änderungen: 15.April 2013, 09:30h

WARNUNG – SPEKULATIV

1. Auf den Seiten 197-229 versucht Kauffman, die Besonderheiten des Phänomens ‚Geist‘ mit den Denkmodellen der Quantenphysik zu reflektieren. Und er warnt seine Leser, dass dieses Kapitel seines Buches vermutlich die wissenschaftlich unsicherste Passage im ganzen Buch sei.(vgl.S.197, 222). Auch macht er darauf aufmerksam, dass es mit Roger Penrose schon andere gab, die Ähnliches zu denken versucht haben.
2. [Anmerkung: Wer den Beitrag über Penrose in der englischen Wikipedia liest, wird feststellen, dass Penrose und seine Partner Hameroff in ihrer Hypothesenbildung sehr weit gehen und damit eine eigenständige Diskussion auf internationaler Ebene ausgelöst haben. Im Kontext ‚Quantenphysik‘ und ‚Bewusstsein/ Geist‘ wird auch Niels Bohr erwähnt sowie Eugen Wigner. Bei letzterem ist der Zusammenhang offensichtlich; bei Planck konnte ich es noch nicht verifizieren.]

NEUROWISSENSCHAFTEN ‚KLASSISCH‘

3. Ausgangspunkt für dieses Kapitel ist die Position der Neurowissenschaftler, so wie Kauffman sie sieht: sie nehmen das Gehirn als eine Ansammlung von Neuronen, die untereinander auf biochemische Weise im nicht-quantenphysikalischen Sinne kausal verknüpft sind; dies entspricht einem geschlossenen Raum kausaler Verknüpfung, in dem es zu jedem Ereignis eine erschöpfende Ursache gibt. Das, was wir im Alltag ‚Geist‘, ‚Bewusstsein‘ (inklusive ‚freiem Willen‘) nennen, ist in diesem Modell eine Eigenschaft dieser kausalen Maschinerie. Daraus ergibt sich dann, dass das ‚Bewusstsein‘ nicht diese kausale Maschinerie beeinflusst, sondern die kausale Maschinerie erzeugt die Phänomene des Bewusstseins bzw. das Bewusstsein überhaupt. Einen freien Willen gibt es in diesem Szenario daher nicht. Dies bedeutet, dass die einzelnen Menschen nicht moralisch verantwortlich sein können für das, was sie tun.(vgl. S.197f)

KEIN ABSOLUTER KAUSALER RAUM

4. Dieses sehr einfache, deterministische Bild vorausgesetzt [Anmerkung: was selbst ohne Quantenphysik m.E. so kaum haltbar ist] spekuliert Kauffman, welche neuen Perspektiven sich ergeben würden, wenn man die quantenphysikalischen Grundlagen aller Makrophänomene ernst nehmen würde. Da der quantenphysikalische Raum grundsätzlich ‚akausal‘ ist, würden letztlich alle ’scheinbar kausalen‘ Prozesse sich in einem umfassenden ‚akausalen Rauschen‘ auflösen. Letztlich wäre gar nichts mehr ‚kausal‘. Ob daraus tatsächlich etwas ‚Konstruktives‘ folgen würde, lässt Kauffman offen, aber zumindest wäre die vereinfachende ‚Abschliessung‘ aller interessanten empirischen Phänomene in einer deterministischen Feinstruktur aufgebrochen.(vgl. S.199)
5. [Anmerkung: Dass die bloße Annahme eines akausalen quantenphysikalischen Raumes als ‚Grundlage für alles‘ in gewisser Weise noch nichts erklärt, kann man an der Tatsache erkennen, dass nahezu alles, was das menschliche Weltbild ausmacht, auf ‚Regelmäßigkeiten‘ basiert, die sich vom allgemeinen ‚Rauschen‘ abheben. Dies bedeutet, dass der akausale quantenphysikalische Raum ‚als solcher‘ von sich aus nicht automatisch Erklärungen liefert, er bietet nur einen ‚Ausgangspunkt‘ für mögliche Erklärungen ‚regelmäßiger‘ Phänomene, die wir in diesem Zusammenhang als ‚emergent‘ begreifen, d.h. als Phänomene, die im akausalen quantenphysikalischen Raum ‚gründen‘, die aber in ihrem Zusammenhang und ihrer Komplexität Eigenschaften des quantenphysikalischen Raumes sichtbar machen, die allein aus seinen ‚Bestandteilen‘ nicht so ohne weiteres abgeleitet werden können. ]

IDENTITÄTSTHEORIE UND SO

6. Kaufmann zitiert in diesem Kontext beiläufig noch die Positionen der ‚Identitätstheorie‘, des ‚Dualismus‘, den ‚radikalen Idealismus eines Berkeley, zwei Sprachphilosophen Ryle und Searl, sowie zwei neuere Philosophen Flanagan und Churchland.
7. Zentral erscheint mir seine Bemerkung, dass das Faktum der ‚Bewusstheit als solcher‘ (‚awareness itself‘) unabhängig von allen angebotenen Interpretationsmodellen das primäre Phänomen darstellt, das es zu erklären und zu gewichten gilt. Die persönliche Erfahrung jedes einzelnen ist ‚privat‘ im strengsten Sinne; niemand anderes kann sie einsehen. Und was immer wir uns an Erklärungsmodellen erarbeiten, sie alle setzen diese Privatheit des subjektiven Erlebens als primäre Basis voraus.(vgl. S.199)
8. Kauffman zitiert Descartes in diesem Kontext als jener Philosoph, der das Selbstbewusstsein in Form eines sich gewissen Denkens als primären, einzig nicht bezweifelbaren Punkt aller Erkenntnis angenommen hatte Descartes (1596-1650). In seinen weiteren Reflexionen und Analysen hatte Descartes dann die Konkretheit, Veränderlichkeit und Zufälligkeit des Körpers, der ganzen Körperwelt und der darauf aufbauenden Wahrnehmung als ontologisch verschieden zu der Klarheit, Allgemeingültigkeit und Zuverlässigkeit des Denkens zum Ausgangspunkt genommen für das Postulat, dass das Denken einer anderen Substanz als jener der veränderlichen Körperwelt zugehöre. Daraus ergab sich für ihn eine Art ‚Dualismus‘ des Veränderlichen gegenüber dem Unveränderlichen. Diese Dualismus-Hypothese brachte eine Reihe von Denkproblemen mit sich.(vgl.S.199)
9. Aufgrund der fortschreitenden Erkenntnisse, wie der Körper, speziell das Nervensystem und hier das Gehirn, funktionieren, hat sich heute vielfach die Hypothese von der ‚Identität von Gehirn und Geist‘ durchgesetzt (hier als Oberbegriff für die verschiedenen Spielarten einer Gehirn-Geist-Identätstheorie. Diese Identitätstheorie schließt die Dualismus-Hypothese von Descartes aus. Kauffman sagt, dass er diese Gehirn-Geist-Identitätstheorie übernimmt, sie aber dann mit dem quantenphysikalischen Modell vereinen möchte.(vgl.S.199) In diesem Kontext sollte man auch die klassische Neurobiologie nennen, für die Kauffman als Vertreter Christof Koch zitiert. Diese nimmt an, dass es zu allen Phänomenen des Bewusstseins entsprechende neuronale Strukturen und Prozesse gibt, die kausal verantwortlich sind für das Auftreten der bewussten Ereignisse. Im Detail stellen sich hier eine Menge von ungelösten Fragen. Auch kann man von den neurologischen Daten D_nn in keiner Weise direkt auf Phänomene (= Ereignisse des individuellen Bewusstseins) D_ph schliessen. Ein geeigneter theoretischer Rahmen fehlt. (vgl. S.202f)
10. [Anmerkung: Wie schon verschiedentlich in diesem Blog angemerkt, ist die Bezeichnung ‚Geist-Identitätstheorie‘ aus philosophischer Sicht mindestens unglücklich in der Wortwahl. Da die Neurowissenschaften empirisch Daten D_nn aus der 3.Person-Perspektive haben, Daten zum Selbstbewusstsein D_ph aber nur in der 1.Person vorliegen, haben wir zwei verschiedene Datenbereiche, die ontologisch vollständig verschieden sind (D_nn cut D_ph = 0). Hier von einer ‚Identität‘ zu reden ist sehr irreführend und sachlich falsch. Denkbar wäre, dass es zu jedem Datenbereich eine Theorie TH(D_nn), TH(D_ph) gibt (bis heute hat dies aber noch niemand geschafft), und sich zwischen den verschiedenen Theorien irgendwelche Abbildungsbeziehungen konstruieren lassen (wer wird der erste sein?). Rein formal hätten wir dann irgendwelche ‚Morphismen‘, deren ontologische Deutungen dennoch keine Identität zulassen würden. Es scheint, dass sich die Philosophen die Sache mit der Identitätstheorie etwas einfach machen. Eine solche korrigierte Formalisierung führt aber weder zurück zu einem Dualismus a la Descartes noch zu einem Idealismus a la George Berkeley (1685-1753). Dies sollte an anderer Stelle weiter diskutiert werden.]

SPRACHNAHE PHILOSOPHIE

11. Kauffman erwähnt auch noch die ’sprachnahen‘ Philosophen Gilbert Ryle (1900 – 1976) und John Searle (1932 – ), die bei ihren Analysen des Verhaltens (einschließlich Sprechens) auf eine Einbeziehung des Begriffs ‚Bewusstsein‘ verzichteten mit der Begründung, dass der Begriff ‚Bewusstsein‘ kaum klar zu fassen sei. Damit wiederholen Sie aber eigentlich nur Positionen von Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951), der die Problematik jeglicher sprachlicher Bedeutung zuvor schon in vielfältigen Analysen aufgedeckt hatte.(vgl.S.200)
12. [Anmerkung: entsprechend der allgemeinen Erkenntnistheorie, die den Überlegungen in diesem Blog zugrunde liegen, haben wir es grundsätzlich mit drei heterogenen Datenbereichen zu tun (D_nn, D_ph, D_sr (= Verhalten, 3.Person)), deren saubere Aufarbeitung und Integration in einer umfassenden Theorie bis heute nicht einmal in Ansätzen vorliegt. Es gibt ja nicht einmal Konsensus über die Besonderheit dieser drei Datenbereiche geschweige denn einen Konsens, dass und wie man damit umgehen soll. Diesen Mangel an erkenntnistheoretischem und dann auch wissenschaftstheoretischem Konsens merkt man überall auf Schritt und tritt.]
13. Kauffman erwähnt auch noch die Philosophen Paricia Smith Churchland (1943-) und Owen Flanagan (1949 – ) im Kontext der Diskussionen zur ‚Einheit des Bewusstseins‘. Während das Bewusstsein in der subjektiven Perspektive als ‚eines‘ erscheint deuten die medizinischen Befunde drauf hin, dass sich das Bewusstsein aus vielen Teilleistungen zusammensetzt, die einzeln und partiell verändert werden oder ganz ausfallen können, ohne dass deswegen das subjektive Gefühl eines ‚einzigen einen Bewusstseins‘ verschwindet.(vgl. S.200)

STARKE KI

14. Es wird dann die sogenannte ‚Starke Künstliche Intelligenz-Hypothese‘ erwähnt, die annimmt, dass bei einer genügend großen Anzahl von verknüpften rechnenden Elementen ‚ab einem bestimmten Punkt automatisch‘ ‚Selbstbewusstsein‘ entstehen würde. Als einziges hartes Argument gegen diese Hypothese führt Kauffman die die Hypothese an, dass die starke KI-Hypothese voraussetze, dass diese intelligenz ‚algorithmisch‘ sein müsse und dass nach Kauffman der ‚Geist‘ (‚mind‘) vermutlich niht algorithmisch sei.(vgl. S.201f)
15. [Anmerkung: Die Formulierung der starken KI-Hypothese (’strong artificial intelligence hypothesis‘, ’strong ai-hypothesis‘) geht zurück auf den Philsophen John Searl (s.o.) und ist alles andere als sehr klar. Nicht nur sind die verwendeten Begriffe in sich oft unscharf, sondern – wie die sehr ausufernde Diskussion zeigt – ist die ganze Problemstellung alles andere als klar. Mit einem Satz festzustellen, dass sich das Problem erledigt habe, weil klar sei, dass der ‚Geist‘ nicht algorithmisch sei, stellt daher möglicherweise eine grobe Vereinfachung dar. Abgesehen davon spring Kaufman von dem Begriff ‚Selbstbewusstsein‘ einfach zum Begriff ‚Geist‘ dabei unterstellend, dass beide Begriffe hinreichend ähnlich seien. Das aber ist eine schwierige Frage. Ich sehe keinen einfachen Zusammenhang zwischen beiden Begriffen. ]

SELBSTBEWUSSTSEIN UND QUANTENPHYSIK

16. Den nächsten sehr langen Abschnitt leitet Kauffman ein mit der Bemerkung, dass er und Penrose davon ausgehen, dass das Selbstbewusstsein (‚consciousness‘) von sehr speziellen physikalischen Bedingungen abhängt. [Anmerkung: Eine Assoziation zu Descartes kühner Arbeitshypothese, die denkende Materie (res extensa) mit der kontingenten Materie (res extensa) über die ‚Zirbeldrüse‘ verknüpft zu denken, drängt sich unwillkürlich auf. Descartes wusste nicht wirklich, was dieses ‚Selbstbwusstsein‘ mit dem ‚Ich denke‘ genau ist; es erschien ihm ‚anders‘ als die kontingente materielle Körperwelt. Um diesen logischen Bruch denkerisch zu kitten erfand Descartes die Hypothese mit der Zirbeldrüse. Niemand würde sie heute so nehmen, wie Descartes sich das gedacht hatte. Doch das Vorgehen von Kauffman an dieser Stelle wirkt ähnlich. Bislang konnte er in keiner Weise erklären, was er wirklich mit ‚Selbstbewusstsein‘ oder gar ‚Geist‘ meint. Dennoch entwickelt er eine neue Hypothese, dass bestimmte quantenphysikalische Besonderheiten die Grundlage für eben jenes Unbekannte sein könnten… Rein logisch ersetzt hier die Spekulation über die Quantenphysik den cartesischen Begriff der Zirbeldrüse ohne zu große Aussicht auf mehr Klarheit (allerdings erweitert sich der Raum möglicher Hypothesen natürlich erheblich und ich stimme Kauffman soweit zu, dass jede tatsächlich weiterführende Antwort nur unter Einbeziehung der Quantenphysik funktionieren wird). ](vgl. S.203f)
17. Das leitende ‚Motiv‘ für die Einbeziehung der Quantenphysik ist das schon zuvor mehrfach erwähnte Argument, dass der menschliche Geist (‚mind‘) ’nicht algorithmisch‘ sei, was nach Kauffman nicht impliziert, dass er völlig ‚akausal‘ (‚acausal‘) sei. [Man beachte, das er beständig zwischen den Begriffen ‚Geist‘ (‚mind‘) und ‚Selbstbewusstsein‘ (‚consciousness‘) hin und her springt obgleich beide Begriffe nach meinem Verständnis sehr verschieden sind und beide Begriffe bislang sich jeder Definition weitgehend entziehen. Man könnte stattdessen auch einfach von ‚S‘ und ‚G‘ reden, diese wechselweise vertauschen und davon sprechen, dass sie nicht algorithmisch seien. Die argumentative Luft, in der sich Kauffman hier bewegt, ist sehr dünn geworden. Daneben ist auch die Aussage, ‚G‘ bzw. ‚S‘ sei nicht algorithmisch letztlich kaum zu verstehen. Ist doch mehr oder weniger unklar, was es heißen würde, dass S-G ‚algorithmisch‘ seien (das hatte Kauffman zuvor nicht wirklich erklärt. Aber er hat dafür argumentiert, dass es nicht so sei…).] (vgl. S.204)
18. Die Einbeziehung der Quantenphysik führt zu dem generellen Paradox, dass die Quantenwelt als solche nur aus Wahrscheinlichkeitsverteilungen besteht, die als solche ‚akausal‘ sind, während die ‚reale = makroskopische‘ Welt aktuelle konkrete Instanzen präsentiert, die in bestimmten Perspektiven ‚kausale Muster‘ erkennen lassen.(vgl. S.204f) Kauffman zitiert dann Richard Feynman (1918 – 1988) mit Beispielen, die diese Eigenschaften illustrieren sollen. Der entscheidende Punkt aber ist der Übergang vom unbeschränkten Quantenzustand zu einer ‚Aktualisierung‘, bei der/ in der wichtige Quanteninformationen verlorengehen. Als Erklärungsversuch für diesen Übergang verweist Kauffman auf die Dekohärenztheorie als zur Zeit am meisten akzeptierte theoretische Beschreibung dieser Aktualisierungsphänomene.(vgl. SS.205-208)
19. Es ist genau dieses Dekohärenzphänomen was Kauffman dann aufgreift, um damit die Interaktion zwischen einem ‚quantenphysikalischen kohärentem selbstbewussten Geist (qkSG)‘ und ‚Aktualisierungen in der klassischen physikalischen Welt‘ zu interpretieren.[Anmerkung: War zuvor schon der Status der Begriffe ‚Selbstbewusstsein (S)‘ und ‚Geist (G)‘ je für sich schon unklar, wird diese Unklarheit durch die Kombination ’selbstbewusster Geist (SG)‘ (‚conscious mind‘) nicht unbedingt besser.] Auf jeden Fall ist die Einwirkung dieses qkSG auf die Materie nicht kausal. Andererseits stellt Kauffman fest, dass der Vorgang der Dekohärenz bislang kaum verstanden ist. (vgl. S.208) [Anmerkung: Damit verknüpft sich die unklare Bedeutung von SG mit der Unklarheit der postulierten Dekohärenz. ] Dann setzt Kauffman den bislang kaum fassbaren Begriff qkSG mit der ‚res cogitans‘ von Descartes gleich und die aktualisierte Materie mit der ‚res extensa‘.(vgl. S.209). [Anmerkung: Dies ist eine stimulierende Überlegung, aber wenn vor der Einführung von qkSG schon keine wirkliche Bedeutung für SG – geschweige denn qkSG – verfügbar war, dann führt uns diese Gleichsetzung auch nicht weiter. Descartes hatte keine wirkliche Definition für seine ‚res cogitans‘. Bei ihm war es eine Vermischung von phänomenalen Eigenschaften erweitert um Spekulationen über eine mögliche allgemeine (ideale) Natur des ‚Geistes‘, ein Begriff, der als solcher keine wirkliche Bedeutung besitzt. Möglicherweise könnte man in einer ‚Metatheorie‘ zur Phänomenologie ein paar allgemeinere Begriffe ‚jenseits der Phänomene‘ einführen, ihr ontologischer Status wäre aber unklar. Descartes hat dies nicht getan und ich kenne auch keinen anderen Philosophen, der dies bislang wirklich geschafft hat. Den cartesischen Begriff ‚res cogitans‘ hier zu benutzen täuscht daher eine Bedeutung vor, die es so nicht gibt.]
20. In diesem Kontext führt Kauffman auch den Begriff ‚immateriell‘ (‚immaterial‘) ein und definiert ihn als eine mögliche Eigenschaft im quantenphysikalischen Raum, die ’nicht objektiv real‘ ist. (vgl. S.209)
21. Interessant ist auch das Phänomen, dass ein kohärenter quantenphysikalischer Zustand beim Auftreten von Dekohärenz nicht aufgehoben werden muss. Es gibt Beispiele dafür, dass Dekohärenz auftreten kann und der kohärente Zustand bleibt weiter bestehen bzw. dass es Mechanismen gibt, Kohärenz/ Dekohärenz kontrolliert zu nutzen. Dazu gehören auch neuere Modelle, wie Quanten-Computer funktionieren könnten. (vgl. SS.210-214) Aufgrund eigener Untersuchungen hält Kauffman es für möglich, dass jede Zelle so strukturiert ist, dass kohärente quantenphysikalische Austauschprozesse zwischen den Proteinen möglich sind. (vgl. S.220) Das Phänomen der Qantenverknüpftheit (‚quantum entanglement‘) verweist zusätzlich auf das Phänomen, dass Quanten in beliebiger Entfernung voneinander gemeinsame Eigenschaften haben können. (vgl. S.222)

REDUKTIONISMUS ABGEMILDERT DURCH EMERGENZ

22. Kauffman stellt dann nochmals fest, dass im Falle, dass seine Überlegungen zur Quantennatur des Geistes stimmen würden, also die angenommene Verlagerung des Geistes in den Quantenraum, der über Kohärenz/ Dekohärenz mit dem makroskopischen Raum der Körper interagiert, dass diese Annahme auch eine Art ‚Reduktionismus‘ darstellen würde, einen Reduktionismus, den er zu Beginn seines Buches ja gerade bekämpft hat. Er schwächt dann aber ab, indem er darauf verweist, dass sich aus diesem Reduktionismus von Geist auf quantenphysikalische Strukturen nichts deterministisch ableiten lässt. Nahezu alle Phänomene der biologischen Evolution repräsentieren Strukturen, die sich in dieser Konkretheit aus dem vorausgesetzten quantenphysikalischen Raum nicht voraussagen lassen. (vgl. S.222f)

DIE HARTEN ARGUMENTE GEGEN DEN GEIST HARREN EINER ANTWORT

23. Abschließend zu seinem Kapitel über die Hypothese, den ’selbstbewussten Geist‘ quantenphysikalisch zu interpretieren, listet Kauffman nochmals drei zentrale philosophische Argumente gegen die Annahme eines ‚Geistes‘ als unterschieden vom Gehirn an, die beantwortet sein wollen.
24. Als erstes verweist er nochmals auf den Ephiphänomenalismus, der die geistigen Phänomene als Begleiterscheinungen einer aktiven neuronalen Maschinerie sieht, da es bislang an überzeugenden Argumenten fehlt, die erklären, wie der ‚Geist‘ (für den es als solchen keine überzeugende Beschreibung gibt), auf das Gehirn, auf den Körper einwirken kann.(vgl. S.224) Dazu gehört auch das Problem, dass es völlig unklar sei, wie ‚Geist‘ direkt auf ‚Geist‘ wirken könne ohne Einbeziehung neuronaler Prozesse. (vgl. S.224f) Kauffman verweist darauf, dass, könnte man die Hypothese einer quantenphysikalischen Interpretation eines selbstbewussten Geistes qkSG beweisen, sich diese Probleme auflösen würden, da ein qkSG auf vielfache Weise mit sich selbst interagieren könnte ohne über den Umweg neuronaler Prozesse und doch zugleich auch über Dekohärenz neuronale Prozesse beeinflussen könnte. (vgl. S.225f)
25. Als zweites Problem erwähnt Kauffman das Problem der subjektiven Erfahrung selbst, oft das Problem der Qualia (DE)/ Qualia (EN) genannt. Hier sagt Kauffman, dass es bislang völlig unklar ist, ob und wie eine quantenphysikalische Interpretation von Geist hier neue Interpretationsansätze liefern kann. [Anmerkung: Schaut man in die Wikipediastichworte – sowohl in der deutschsprachigen wie auch in der englischsprachigen Version – nach, wird man schnell feststellen können, dass die Sachlage in diesem Bereich nur als ‚verworren‘ bezeichnet werden kann.] Allerdings bemerkt Kauffman zurecht, dass wir aus der Tatsache, dass momentan noch keiner eine schlüssige Erklärung auf der Basis der Quantenphysk anbieten kann, auch nicht folgt, dass es keine gibt. Aktuell ist nicht auszuschließen, dass es später mal eine brauchbare Erklärung geben kann. (cgl. S.226f)
26. Das dritte und letzte genannte Problem ist das Phänomen des freien Willens (EN)/ freien Willens (DE). Kauffman thematisiert zunächst den Aspekt des ‚Nicht-Determiniert-Seins‘ als einer Forderung an das Gegebensein eines freien Willens. Würde die quantenphysikalische Interpretation stimmen, dann sähe er hier eine Möglichkeit, das Determinismusproblem zu lösen. Bezüglich des zweiten Aspekts der ‚moralischen Verantwortung‘ bleibt er einen Hinweis schuldig. (vgl.S.227f) [Anmerkung: Liest man sich in die Wikipediastichworte ein, so sieht man nicht nur, dass es – wie meistens – zwischen der deutschen und der englischen Version große Unterschiede gibt, sondern wie vielschichtig und damit letztlich unklar das Konzept des freien Willens ist. Generell spielt es in der Alltagskultur der westlichen Länder eine zentrale Rolle, insbesondere im Rechtssystem, aber seine philosophische Behandlung ist alles andere als zufriedenstellend.]
27. Damit ist das Ende der beiden Kapitel über den Geist erreicht. Trotz vieler kritischer Anmerkungen im Detail – eine abschließende Reflexion wird noch folgen – waren dies außerordentlich anregende Kapitel. Für Kauffman war es wichtig, zu zeigen, dass das Phänomen des ‚Selbstbewusstseins‘ [hier lässt er den Begriff ‚Geist‘ wieder mal weg] ein natürliches Phänomen ist, ein genuiner Teil der Evolution, den zu erklären, es keines ‚Schöpfergottes‘ (‚creator god‘) brauche.(vgl. S.229)
28. [Anmerkung: Seinen Schlusssatz, dass man für dies alles keine Annahme über einen ‚Schöpfergott‘ brauche, macht natürlich nur Sinn, wenn man den Begriff ‚Schöpfergott‘ in einer Weise definiert, der den bekannten naturwissenschaftlichen Daten zum evolutionären Prozess widerspricht. Dies muss aber keinesfalls so sein. Denn schon in der jüdisch-christlichen Tradition gibt es ja nicht einen einzigen, klar definierten Gottesbegriff, sondern die vielen verschiedenen Schriften der Bibel zeichnen sehr unterschiedliche Bilder. Dazu kommt, dass nirgends explizit von der Evolution die Rede ist, da ja die Menschen zu den Zeiten, als die Texte der Bibel verfasst worden sind, von all dem nichts wussten. Und die wenigen Texte, die direkt Bezug nehmen auf die Entstehung der bekannten Welt – insbesondere die beiden sogenannten ‚Schöpfungsberichte‘ zu Beginn des Buches Genesis – sind sprachlich und inhaltlich so verschieden (weil sie aus verschiedenen Zeiten von verschiedenen Autoren stammen), dass sich jede weiterreichende Interpretation auf der Basis dieser beiden Texte verbietet. Zumindest in der christlichen Tradition gibt es kein klar definiertes Bild eines Schöpfergottes, das den neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen entgegen stehen würde (wobei man bedenken sollte, dass sich innerhalb der Wissenschaft die naturwissenschaftlichen Bilder von der Welt mindestens seit Galilei immer wieder und stark verändert haben. Gerade in unserer Zeit durchläuft die Wissenschaft in vielen Bereichen wieder einmal grundlegende Korrekturen, deren Ende noch gar nicht abzusehen sind). Das Wenige, was sich von einem christlichen Gottesbegriff ableiten lässt deutet eher auf eine Art ‚Koevolution von Allem‘ hin, in der dem Leben (speziell dem Menschen?) eine besondere Rolle zugedacht ist. Worin die genau besteht, ist eher unklar und muss von den Handelnden selbst schrittweise ermittelt werden (falls es überhaupt eine mögliche Klärung gibt). Ich habe nicht den Eindruck, dass sich innerhalb des Christentums irgendjemand für diese Klärung des Gesamtzusammenhangs ernsthaft interessiert. Man hört höchstens immer wieder von obskuren Abwehrschlachten von sogenannten ‚Fundamentalisten‘, die offensichtlich ihre eigene Bibel nicht kennen.]

Die Fortsetzung findet sich HIER: Teil 7.

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