Archiv für den Monat: Juni 2024

Kollektive Intelligenz

Dieser Text ist Teil des Textes „Neustart der Menschlichkeit (Rebooting humanity)“

(Die Englische Version findet sich HIER)

Autor Nr. 1 (Gerd Doeben-Henisch)

Kontakt: cagent@cognitiveagent.org

(Start: 20.Juni 2024, Letzte Änderung: 25.Juni 2024)

Ausgangspunkt

Das Hauptthema dieses Abschnitts soll die ‚kollektive menschliche Intelligenz (KMI)‘ sein. Diese kommt jedoch nicht isoliert vor, nicht losgelöst von allem anderen. Vielmehr spannt das Leben auf dem Planet Erde ein komplexes Netzwerk von Prozessen auf, die — bei näherer Betrachtung — ‚in sich‘ Strukturen erkennen lassen, die für alle Lebensformen in ihren Eckwerten gleich sind, sich jedoch partiell unterscheiden. Dazu muss berücksichtigt werden, dass diese Grundstrukturen in ihrer Prozessform sich immer auch mit anderen Prozessen verweben, sie greifen ineinander, beeinflussen sich gegenseitig. Eine Beschreibung dieser Grund-Strukturen soll hier daher zunächst eher skizzenhaft sein, da man sich bei der ungeheuren Vielfalt der Details sonst zu schnell im ‚Dickicht des Besonderen‘ verirrt .

Wichtige Faktoren

Basiszyklus

Ausgehend von der einzelnen Zelle bis hin zu den mächtigsten Zellgalaxien [1], die das Leben bislang hervorgebracht hat, findet sich bei jeder identifizierbaren Lebensform ein ‚Grundschema‘ des Lebensprozesses, das sich wie ein ‚roter Faden‘ durch alle Lebensformen zieht: sofern es überhaupt mehr als ein einzelnes Lebenssystem gibt (eine ‚Population‘), gibt es während der gesamten Lebenszeit den Basiszyklus (i) Fortpflanzung Generation 1 – Geburt einer Generation 2- Wachstum der Generation 2 – Einsetzen von Verhalten der Generation 2 begleitet von Lernprozessen – Fortpflanzung der Generation 2 – ….

Genetische Determiniertheit

Dieser Basiszyklus ist in der Phase ‚Fortpflanzung‘ und ‚Geburt‘ weitgehend ‚genetisch determiniert‘ [2]. Der Wachstumsprozess selbst — der Aufbau der Zellgalaxie — ist grundsätzlich auch stark genetisch determiniert, aber hier nehmen zunehmend Faktoren Einfluss, die aus dem Umfeld des Wachstumsprozesses stammen und die unterschiedlich stark den Wachstumsprozess modifizieren können. Die Ergebnisse von Fortpflanzung und Wachstum können also schon mehr oder weniger stark variieren.

Lernen

In dem Maße, wie das Wachstum die Zellgalaxie in einen ‚ausgereiften‘ Zustand überführt hat, kann das Gesamtsystem unterschiedliche ‚Funktionen‘ ermöglichen, die zunehmend ein ‚Lernen‘ ermöglichen.

Ein Minimalbegriff von Lernen bezogen auf handelnde Systeme erkennt das ‚Lernen eines Systems‘ daran, dass das ‚Verhalten‘ eines Systems sich bezogen auf einen bestimmten Umgebungsreiz über längere Zeit ändert, und diese Veränderung ist ‚mehr als zufällig‘.[3]

‚Lernen‘ bewegt sich auf einer Skala von ‚relativ determiniert‘ bis hin zu ‚weitgehend offen‘. ‚Offen‘ heißt hier, dass die Kontrolle durch genetische Vorgaben abnehmen und das System innerhalb eines Spektrums von Handlungsmöglichkeiten individuell unterschiedliche Erfahrungen machen kann.

Erfahrungen

Erfahrungen gewinnen ihr ‚Format‘ innerhalb folgender Koordinaten:

(i) (sinnliche) Wahrnehmung (konkrete Ereignisse in unsren Sinnesorganen, ausgelöst durch Ereignisse der Umgebung)

(ii) Abstraktionen der sinnlichen Wahrnehmungen, die sich

(iii) (bedingt) abrufbar im Innern des Systems bilden (die Gesamtheit solcher bedingt abrufbaren (erinnerbaren) Wahrnehmungen nennt man auch Gedächtnisinhalte [4]), die Möglichkeit von

(iv) beliebigen Abstraktionen von vorhandenen Abstraktionen, das

(v) Abspeichern von zeitlichem Hintereinander von Abstraktionen genauso wie

(vi) Abstraktionen von ganzen Folgen von zeitlich aufeinander folgenden Ereignissen, sowie das

(vii) freie Kombinieren von beliebigen Abstraktionen zu neuen integrierten (abstrakten) Einheiten. Dazu kommt auch noch

(viii) die ‚Wahrnehmung körperinnerer Ereignisse‘ (auch ‚propriozeptive‘ Wahrnehmung genannt) [5], die sich mit allen anderen Wahrnehmungen und Abstraktionen ‚verknüpfen (assoziieren)‘ können [6]. Zu beachten ist auch, dass es eine Eigenschaft von Wahrnehmung ist, dass

(ix) Ereignisse in der Regel nie isoliert auftreten, sondern als ‚Teil einer Raumstruktur‘ erscheinen. Obwohl man ‚Teilräume unterscheiden kann (visuell, akustisch, taktil, …), lassen sich diese Teilräume zu einem ‚Gesamtraum‘ integrieren, der das Format eines ‚drei-dimensionalen Körperraums‘ hat, mit dem eigenen Körper als Teil. ‚In Gedanken‘ können wir zwar einzelne Objekte ‚für sich‘ betrachten, losgelöst von einem Körperraum, aber sobald wir uns dem ’sinnlichen Erfahrungsraum‘ zuwenden, wird die drei-dimensionale Raumstruktur aktiv.

Individuell – kollektiv

Im individuellen Durchleben von alltäglichen Situationen formiert sich diese ‚innere Erfahrungswelt‘ weitgehend unbewusst auf vielfältigste Weise.

Sobald aber ‚menschliche Systeme‘ — kurz: Menschen — in einer Situation nicht alleine sind, sondern zusammen mit anderen Menschen, können diese Menschen die gleiche Umgebung ‚ähnlich‘ oder ‚verschieden‘ wahrnehmen und erinnern. In ihren individuellen Erfahrungen können sich unterschiedliche Elemente zu bestimmten Mustern kombinieren.

Koordination von Verhalten

Spannend wird es, wenn verschiedene Menschen versuchen, ihr Verhalten zu koordinieren, und sei es nur, um ‚Kontakt‘ miteinander aufzunehmen. Und, obwohl dies auch ohne explizite symbolische Sprache in vielfältiger Weise möglich ist [7], gelingt ein anspruchsvolles, komplexes gemeinsames Handeln mit vielen Teilnehmer über längere Zeiträume mit anspruchsvollen Aufgabenstellungen nach heutigem Wissen nur unter Einbeziehung symbolischer Sprache.

Die Fähigkeit von Menschen, Sprachen zu benutzen, erscheint grundsätzlich genetisch bedingt zu sein. [8] ‚Wie‘ Sprache benutzt wird, ‚wann‘, ‚mit welchen Gedächtnisinhalten Sprache verknüpft‘ wird, dies ist genetisch nicht bedingt. Dies müssen Menschen jeweils ‚aus der jeweiligen Situation heraus‘ einerseits individuell lernen, zugleich aber auch kollektiv, in Abstimmung mit anderen, da Sprache ja nur Sinn macht als ein ‚gemeinsames Kommunikationsmittel‘, das anspruchsvolle Koordinierungen ermöglichen soll.

Sprachliche Bedeutung

Welches System von Lauten (und dann auch Zeichen) in eine Sprache zum Einsatz kommt entscheiden letztlich diejenigen, die erstmalig gemeinsam eine Sprache benutzen.[9] Da es faktisch viele tausend Sprachen gibt [10], kann man daraus schließen, dass es eine ziemliche Freiheit bei der konkreten Ausgestaltung einer Sprache gibt.[11]

Am stärksten zeigt sich diese ‚Freiheit in der konkreten Ausgestaltung‘ in der Zuordnung zwischen Sprachelementen und möglicher Bedeutung. Der gleiche ‚Gegenstand‘ oder das ‚gleiche Ereignis‘ oder der gleiche ‚Sachverhalt‘ kann von Menschen mit unterschiedlichen Sprache vollständig anders ‚ausgedrückt‘ werden.[12] Und dieses ‚anders‘ bezieht sich nicht nur auf die ‚Benennung‘ einzelner Eigenschaften oder Gegenstände, sondern spielt sich in einem ‚größeren Zusammenhang‘ von ‚Sehweisen‘ ab, wie in einer bestimmten Sprachgemeinschaft die Welt des Alltags als ganze wahrgenommen, klassifiziert und praktiziert wird. Diese Unterschiede treten auch ‚innerhalb einer Sprachgemeinschaft‘ auf in Form von ‚Milieus’/ ‚gesellschaftlichen Schichten‘, in denen sich die ‚Praxis des Lebens‘ unterscheiden.

Der wichtigste Aspekt des Verhältnisses von Sprachsystem (Laute, Zeichen, Anordnung von Lauten und Zeichen) zu möglichen ‚Bedeutungsinhalten‘ besteht darin, dass jede Art von ‚Inhalt‘ im ‚Innern‘ des Menschen ( im Innern des ‚Systems‘) zu verorten ist. [13]

Wie oben die kurze Skizze zum Erfahrungsraum anklingen lässt, so ist die Menge der Elemente, die einen Erfahrungsraum konstituieren können, so vielschichtig, so dynamisch, dass eine Zuordnung zwischen Sprachelementen und Erfahrungselementen — so die Arbeitshypothese — grundsätzlich unvollständig ist. Dazu kommt, dass sich zwei unterschiedliche Systeme (Menschen) nur dann über Erfahrungselemente als ’sprachliche Bedeutung‘ ‚einigen‘ können, wenn sie über ‚gemeinsame Bezugspunkte‘ in ihren individuellen Erfahrungsräumen verfügen. Dazu gibt es aufgrund der Systemstruktur nur folgende ‚Typen von Bezugspunkten‘:

(i) Es gibt sinnliche Wahrnehmungen von Gegebenheiten einer gemeinsam geteilten Umgebung, die bei allen Beteiligten ‚hinreichend‘ ähnlich wahrgenommen werden können (und im Erfahrungsraum automatisch (unbewusst!) in abstraktere Einheiten transformiert werden).

(ii) Es gibt interne Körperwahrnehmungen, die aufgrund einer genetisch bedingten Strukturähnlichkeit ’normalerweise‘ in jedem Menschen ähnlich auftreten können.[14]

(iii) Es gibt interne Wahrnehmungen von internen Prozessen, die aufgrund einer genetisch bedingten Strukturähnlichkeit die ebenfalls ’normalerweise‘ in jedem Menschen ähnlich auftreten können.[15]

Je ‚ähnlicher‘ solche internen Strukturen sind und je ‚konstanter‘ sie auftreten, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich unterschiedliche Sprachteilnehmer ‚interne Arbeitshypothesen‘ bilden können, was der jeweils ‚andere meint‘, wenn er bestimmte sprachliche Ausdrücke benutzt. Je mehr sich Erfahrungsinhalte von den Typen (i) – (iii) entfernen, um so schwieriger bis unmöglich wird eine Einigung.

Die Frage nach ‚wahren Aussagen‘ und nach ‚überprüfbaren Voraussagen‘ ist ein spezieller Teilkomplex des Bedeutungsproblems, der gesondert behandelt wird.

Komplexe Sprachformen

Erscheint schon die Bedeutungszuordnung und Bedeutungsfeststellung bei vergleichsweise ‚einfachen‘ sprachlichen Ausdrücken nicht ganz einfach, wird dies bei ‚komplexeren Sprachformen‘ schnell ‚verschwommen‘, ‚vage‘. Die Diskussionen und Forschungen zu diesem Themenkomplex sind unfassbar groß.[16]

Ich möchte hier nur kurz an das Beispiel von Ludwig Wittgenstein erinnern, der mit seinem Frühwerk ‚Tractatus logicop-philosophicus‘ (1921) zunächst das sehr schlichte Bedeutungskonzept der damaligen modernen formalen Logik ‚gedanklich experimentell‘ in einem Text durchgespielt hat, dann aber, viele Jahre später (1936 – 1946), das Problem der Bedeutung am Beispiel der Alltagssprache anhand vieler konkreter Beispiele neu durchexerzierte. Dabei entdeckte er — eigentlich kein Wunder — dass die ’normale Sprache‘ anders und erheblich komplexer funktioniert, als es in dem schlichten Bedeutungsmodell der formalen Logik vorausgesetzt wird.[17] Das, was Wittgenstein in seinen ‚alltagsnahen Analysen‘ entdeckt, war so vielschichtig-komplex, dass er sich außer Stande sah, dies in eine systematische Darstellung zu transformieren.[18]

Generell kann man sagen, dass es bis heute nicht einmal ansatzweise eine umfassende und zutreffende ‚Theorie der Bedeutung der normalen Sprache‘ gibt.[19]

Die Entstehung und Verbreitung von’generativer Intelligenz‘ in den letzten Jahren [20] kann hier möglicherweise eine unverhoffte Chance bieten, das Problem vielleicht ganz neu aufzurollen. Hier demonstriert die moderne Ingenieurkunst, dass einfache Algorithmen, die selbst über keinerlei eigenem Bedeutungswissen verfügen, nur unter Verwendung von Sprachmaterial [21] in sprachlicher Interaktion mit Menschen in der Lage sind, sprachlichen Output zu produzieren, der groß sein kann, strukturiert, und so angeordnet, dass Menschen diesen sprachlichen Output so auffassen, ‚als ob er von einem Menschen‘ stammt, was letztlich sogar stimmt. [22] Das, was ein Mensch an diesem sprachlichen Output bewundert, das ist dann letztlich ‚er selbst‘, allerdings nicht er in seinen individuellen Sprachleistungen, die häufig schlechter sind, als jene, die die Algorithmen generieren. Das, was dem individuellen Benutzer in solch generierten Texten begegnet, ist letztlich das ‚kollektive Sprachwissen‘ vieler Millionen von Menschen, das uns ohne diese Algorithmen (!) in dieser extrahierten Form gar nicht zugänglich wäre.

Diese generativen Algorithmen [23] kann man vergleichen mit der Erfindung des Mikroskops oder des Fernglases oder der modernen Mathematik: all diese Erfindung haben es dem Menschen ermöglicht, Sachverhalte, Strukturen zu erkennen, die ohne diese Instrumente unsichtbar geblieben wären. Das wahr Ausmaß kollektiver Sprachleistungen wäre ohne die moderne Technologie allein schon deshalb ‚unsichtbar‘, weil Menschen ohne diese Technologien den Umfang und das Ausmaß samt allen Details gar nicht erfassen könnten.

Vorläufiges Zwischenergebnis

Die bisherigen Überlegungen lassen nur in ersten Umrissen erkennen, was kollektive Intelligenz sein kann bzw. ist.

[1] Erinnerung: Wenn wir für die Anzahl der Sterne in unserer Heimatgalaxie der Milchstraße mit geschätzten 100 – 400 Milliarden Sterne mal annehmen, dass es 200 Milliarden sind, dann würde unser Körpersystem dem Umfang von 700 Galaxien im Format der Milchstraße entsprechen, eine Zelle für einen Stern. … ein einzelner Körper !

[2] Wobei wir heute wissen, dass Gene sich in verschiedenen Phase auf unterschiedliche Weise ändern können bzw. verändert werden.

[3] Vereinfachend kann man sagen, dass ‚Zufälligkeit‘ in einer ‚verteilungsfreien Form‘ besagt, dass jede der bekannten möglichen Fortsetzungen ‚gleich wahrscheinlich‘ ist; keine der möglichen Fortsetzungen weist im Laufe der Zeit eine ‚höhere Häufigkeit‘ auf als eine der anderen. Eine Zufälligkeit mit einer ‚impliziten Verteilung‘ fällt dadurch auf, dass zwar die möglichen Fortsetzungen auch zufällig sind, aber bestimmte Fortsetzungen zeigen im Laufe der Zeit eine andere Häufigkeit als andere. Alle diese besonderen individuellen Häufigkeit zusammen lassen ein ‚Muster‘ erkennen, anhand dessen man sie charakterisieren kann. Ein Beispiel für eine ‚Zufälligkeit mit Verteilung‘ ist die ’natürliche (oder Gauss-) Verteilung‘.

[4] Der Begriff des ‚Gedächtnisses‘ ist ein theoretisches Konzept, dessen empirische und funktionale Beschreibung bis heute nicht ganz abgeschlossen ist. In der Literatur unterscheidet man z.B. viele verschiedene ‚Formen von Gedächtnis‘ wie ‚Kurzzeitgedächtnis‘, ‚Langzeitgedächtnis‘, ’sensorisches Gedächtnis‘, ‚episodisches Gedächtnis‘, und vieles mehr.

[5] Z.B. ‚Stellung der Gelenke‘, ‚Schmerzen‘, ‚Völlegefühl‘, ‚Unwohlsein‘, ‚Hunger‘, ‚Durst‘, verschiedene ‚Emotionen‘ usw.

[6] Man sieht dann eben nicht nur einfach einen ‚blauen Himmel‘ und empfindet gleichzeitig eine ‚leichten Brise auf der Haut‘, sondern man hat zugleich ein Gefühl des ‚Unwohlseins‘, von ‚Fieber‘, vielleicht sogar noch ein ‚Gefühl von Niedergeschlagenheit‘ und Ähnlichem.

[7] In der biologischen Verhaltensforschung gibt es zahllose Beispiel von Lebensformen, die beeindruckende Koordinationsleistungen zeigen, wie z.B. beim gemeinsamen Jagen, bei der Organisation für die Aufzucht der Nachkommen, im ‚Familienverband‘, beim Erlernen der ‚Dialekte‘ ihrer jeweiligen Sprache, beim Hantieren mit Werkzeugen, …

[8] Jedes Kind kann überall jede bekannte menschliche Sprache lernen, sofern es eine Umgebung gibt, in der eine Sprache praktiziert wird. Bekannt sind viele tausend verschiedene Sprachen.

[9] Der genaue Mechanismus, wie eine Sprache erstmalig zwischen einer Gruppe von Menschen entsteht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt allerdings immer mehr Computer-Simulationen zum Sprache lernen (Sprachevolution), die versuchen, dies zu erhellen. Aufgrund der ungeheuren Vielzahl der beteiligten Faktoren beim realen Sprachgebrauch erscheinen diese Simulationen aber noch ‚eher einfach‘.

[10] Wie wir anhand vieler Zeugnisse wissen, gab es in vorausgehenden Zeiten viele andere Sprachen, die irgendwann ausgestorben sind (‚tote Sprachen‘), und von denen dann nur schriftliche Zeugnisse existieren. Interessant sind auch solche Fälle, in denen sich eine Sprache ‚weiter entwickelt‘ hat, wo dann ältere Formen aber als Texte weiter existieren.

[11] Die Sprachforschung (viele unterschiedliche Disziplinen wirken hier zusammen) legt aber die Arbeitshypothesen nahe, dass (i) die Art und der Umfang der Laute, die in einer Sprache zum Einsatz kommen, aufgrund des menschlichen Sprachapparats eine endliche Menge darstellen, die sich mehr oder wenig ähnlich in allen Sprachen wiederfinden, wenngleich zwischen den großen Sprachfamilien dann doch noch unterschiedliche Mengen an Lauten auftreten. Ferner (ii) legen viele Analysen der Struktur gesprochener und dann der geschriebenen — Sprache nahe, dass es ‚Grundstrukturen‘ (‚Syntax‘) gibt, die sich — mit Variationen — in allen Sprachen finden.

[12] Jeder, der mit Menschen zusammen kommt, die eine andere Sprache sprechen, kann dies hautnah und konkret erleben.

[13] Im Lichte der modernen Gehirnforschung und allgemeiner Physiologie wird man hier als ‚Ort‘ das Gehirn annehmen. Diese Verortung nützt allerdings nicht all zuviel, da die Erforschung des materiellen Gehirns im Körper mitsamt seinen Interaktionen mit dem umgebenden Körper bis heute kaum in der Lage ist, die genauen Mechanismen von ‚Bedeutungszuordnungen‘ zu erfassen (genauso wenig wie man aufgrund von physikalischen Signalen der Chips eines Computers allein aufgrund von diesen Signalen denjenigen Algorithmus identifizieren zu können, dessen Ausführung die beobachtbaren Signale verursacht).

[14] z.B. ‚Hunger‘, ‚Durst‘, ‚Zahnschmerzen‘ …

[15] Das ‚Erinnern‘ von etwas, was schon mal passiert ist; das ‚Wiedererkennen‘ von etwas sinnlich Konkretem, was man ‚erinnern‘ kann; das ‚Kombinieren‘ von Erinnerbarem zu neuen ‚Konstellationen‘, und vieles mehr.

[16] Teile dieser Diskussion finden sich im Kontext von ‚Textanalysen‘, ‚Textinterpretationen‘, ‚Hermeneutik‘, ‚Bibelauslegung‘ usw.

[17] Was wiederum überhaupt nicht verwundert, da die moderne formalen Logik ja gerade nur entstehen könnte, weil man sich ‚programmatisch radikal‘ von dem, was alltags-sprachlich mit Bedeutung zu tun hat, verabschiedet hatte. Übrig geblieben waren nur ‚Stummel einer abstrakten Wahrheit‘ in Form von abstrakten ‚Wahrheitswerten‘, die jeder Bedeutung beraubt waren.

[18] Seine posthum heraus gegebenen ‚Philosophical Investigations‘ (1953) bieten daher ’nur‘ eine Sammlung von Einzelerkenntnissen, die aber immerhin das Zeug hatten, die Reflexionen über sprachliche Bedeutung weltweit zu beeinflussen.

[19] Die Liste von Publikationen, in denen es laut Titel um die ‚Bedeutung von Sprache‘ geht, ist überaus lang. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass keine dieser Publikationen das Problem in umfassender Sicht zufriedenstellend löst. Es ist aktuell auch nicht absehbar, wie eine Lösung entstehen kann, da dies das Zusammenwirken von vielen Disziplinen verlangen würde, die im aktuellen Hochschulbetrieb gut verteilt und getrennt ein ‚Eigendasein‘ führen.

[20] Mit chatGPT als einem Beispiel.

[21] Viele Millionen von Texten, die Menschen für die Zwecke der ‚Kommunikation von Inhalten‘ produziert haben.

[22] Was letztlich ja sogar stimmt, weil die Algorithmen selbst keinen Text ‚erfinden‘, sondern nur anhand vorhandener Texte ‚tatsächlich benutzte‘ sprachliche Ausdrücke benutzen, um damit ‚hoch wahrscheinliche‘ Kombinationen von Ausdrücken zu generieren, die Menschen wahrscheinlich verwenden würden.

[23] Die man nicht isoliert sehen darf: ohne extrem leistungsfähige Rechenzentren samt entsprechenden globalen Netzen samt gesellschaftlichen Strukturen, die eine flächendeckende Nutzung möglich machen, wären diese Algorithmen wertlos. Hier leuchtet indirekt auch das auf, was nur aufgrund der kollektiven menschlichen Intelligenz möglich wurde und im Alltag funktioniert.

Blind’s World One (1995!)

Dieser Text ist Teil des Textes „Neustart der Menschlichkeit (Rebooting humanity)“

Autor: Gerd Doeben-Henisch

Kontakt: cagent@cognitiveagent.org

(Letzte Änderung: 14.Juni 2024)

Ausgangspunkt

Wie kann man philosophisch künstliche Intelligenz (KI) in Interaktion mit realen Menschen denken, eine KI, die reale Sprache mit realer Bedeutung selbst lernt? Aufgrund eines Angebots der ars electronica 95, ein philosophisch inspiriertes Kunstprojekt einzubringen, habe ich in intensiven Monaten mit einem ad hoc gebildeten Software-Team (das Team war wunderbar!) auf der Basis philosophischer Überlegungen die interaktive Netzwerkversion einer kleinen künstlichen Welt designed (welche vom Software Team wunderbar umgesetzt wurde), in der ‚blinde Knowbots‘ lebten, die mit der Außenwelt kommunizieren konnten, und die ihre übrigen sensorischen Erfahrungen samt elementaren Körperzuständen als Grundlage von Bedeutungszuordnungen zur jeweiligen Sprache verwendeten. Welche Sprache auch immer die Benutzer (meistens Kinder!) benutzten, sie konnten diese Sprache mit ihrer realen Welterfahrung verknüpft. Dieses Experiment hat mich über viele Jahre, eigentlich bis heute, geprägt.

(Der Text wurde aus dem Buch der ars electronica 95 kopiert, da der Text nicht mehr zugänglich ist)

Der Text

Der Mensch und Maschinen, mit denen Klang erzeugt werden kann

Dieser Text ist Teil des Textes „Neustart der Menschlichkeit (Rebooting humanity)“

Autor: Gerd Doeben-Henisch

Kontakt: cagent@cognitiveagent.org

(Letzte Änderung: 14.Juni 2024)

Ausgangspunkt

Seit September 2015 versuche ich immer wieder — theoretisch wie praktisch — zu verstehen, was eigentlich Klangkunst ist; was ist Klang? Was macht dieser mit uns? Eine Überlegung jagte die andere; dazwischen reale Experimente und reale Auftritte. Es gab auch lange ‚Stillstandszeiten’…. Bei einem Klangkunstkonzert am 11.Juni 2024 im Mousonturm in Frankfurt hat es in meinem Kopf zu einer bestimmten grundlegenden Frage ‚Klick‘ gemacht und mit einem Male wurde mir die Besonderheit der ‚kollektiven menschlichen Intelligenz‘ in Konfrontation mit sogenannten ‚intelligenten Maschinen‘ irgendwie ’neu‘ klarer.

XEROX EXOTIQUE #090 – IMPRESSIONEN

Dieser Beitrag in einem assoziierten Blog handelt von Menschen und Maschinen, mit denen Klang erzeugt werden kann.

Auslöser war eine Klangkunst-Veranstaltung im Mousonturm zu Frankfurt am Main am 11.Juni 2024.

SKIZZE :Mousonturm, kleiner Veranstaltungsbereich rechts vom Eingang mit kleiner Bühne. Einige Akteure hervorgehoben. Ausführlicher Infos zur Veranstaltung findet man auf der Seite von XEROX EXOTIQUE (xeroxex.de)

Zum Beitrag folge diesem Link: https://philosophy-in-concert.org/2024/06/12/xerox-exotique-090-impressionen/

Veränderungen

Dieser Text ist Teil des Textes „Neustart der Menschlichkeit (Rebooting humanity)“

(Die Englische Version findet sich HIER)

Autor Nr. 1 (Gerd Doeben-Henisch)

Kontakt: cagent@cognitiveagent.org

(Start: 10.Juni 2024, Letzte Änderung: 10.Juni 2024)

Ausgangspunkt

Sowohl im Abschnitt ‚Reden über die Welt‘ wie auch im Abschnitt ‚Überprüfbare Aussagen‘ blitzt immer wieder das Moment der ‚Veränderung‘ auf: unsere alltägliche Welt zeichnet sich dadurch aus, dass sich alles, was wir kennen, ‚verändern‘ kann, auch wir selbst verändern uns, dauernd, vielfach unbewusst; es passiert einfach. Im Kontext von Menschen, die versuchen, sich gemeinsam ein Bild von der Welt zu machen, die vielleicht auch versuchen, ‚Pläne‘ zu schmieden, was gemeinsam unternommen werden sollte, um für möglichst viele eine möglichst gute Lebenssituation in der Zukunft zu erreichen, stellt das Phänomen der ‚Veränderung‘ eine ambivalente Herausforderung dar: gäbe es überhaupt keine Veränderung, dann gäbe es auch keine Zukunft, nur ‚Gegenwart‘; mit dem Stattfinden von Veränderung wird es aber schwierig, ‚in die Zukunft zu schauen‘. Wie können wir wissen, in welchen zukünftigen Zustand uns die Summer aller Veränderungen führen wird? Haben wir überhaupt eine Chance?

Veränderungen

Motivation

Für die aktuelle Situation halten wir das Szenario bei, dass wir als Kontext Menschen voraussetzen, die versuchen, sich gemeinsam ein Bild von der Welt zu machen, die vielleicht auch versuchen, ‚Pläne‘ zu schmieden, was gemeinsam unternommen werden sollte. Dabei ist es natürlich bei der Suche nach den ‚relevanten‘ Themen nicht egal, mit ‚welchen Menschen‘ man arbeitet, da jede Gruppe in einer Gesellschaft sehr wohl ‚eigene Perspektiven‘ haben kann und auch oft hat. Und es sind nicht nur ‚autokratische‘ Gesellschaftssysteme, in denen die Perspektiven von Bürgern leicht unter die Räder kommen können; wir haben genügend Beispiele von offiziell ‚demokratischen‘ Gesellschaftssystemen, in denen die Belange von Bürgern auch ‚unter die Räder‘ kommen, was genauer zu analysieren ist.

An dieser Stelle geht es zunächst um die elementaren Mechanismen von ‚Veränderungen‘, hier um die ‚gemeinsame Beschreibung‘ von Veränderungen. Das Motiv für diese Gewichtung folgt aus dem Sachverhalt, dass verschiedene Menschen sich für ein ‚gemeinsames Verhalten‘ nur dann ‚abstimmen (koordinieren)‘ können, wenn es ihnen zuvor gelingt, sich im Rahmen von ‚Kommunikationsprozessen‘ mindestens über die ‚Inhalte ihres Verhaltens‘ zu ‚verständigen‘.

Während dies bei einfachen Sachverhalten oder wenigen Teilnehmern noch rein mündlich funktionieren kann, braucht man in den meisten Fällen aber ‚geschriebene Texte‘ (Dokumente). Im letzteren Fall hat man gegenüber der direkten Sprache aber ganz schnell den Nachteil, dass ein ‚Text‘ in einer Situation ‚gelesen‘ werden kann, in der der ‚Leser‘ sich aktuell nicht direkt in jener Situation befindet, über die der Text schreibt. Im Sinne der ‚Überprüfbarkeit von Aussagen‘ stellt dies eine reale Herausforderung dar: jeder Text hat aufgrund der ‚gelernten Bedeutungsbeziehungen‘ für einen Leser automatisch eine ‚Bedeutung‘, die ‚im Kopf des Lesers‘ aktiviert wird, aber für eine ‚Bedeutung im Kopf‘ ist in jedem Fall zu klären, ob es dazu auch eine ‚reale überprüfbare Entsprechung‘ zu der im Text ‚beschriebenen Situation‘ gibt.

Wenn wir voraussetzen, dass die Gruppe von Menschen ernsthaft über eine ‚Zukunft‘ nachdenken will, für die diese Menschen annehmen, dass Sie ‚eher eintreten wird als nicht‘, und zwar nicht nur ‚gedacht‘ sondern ‚real‘, dann muss es eine Chance geben, die Beschreibung einer ‚Ausgangslage‘ so zu gestalten, dass alle Beteiligten eine Chance haben, das ‚Zutreffen im gemeinsam geteilten Alltag‘ überprüfen zu können.

Überprüfbare Aussagen

Dieser Text ist Teil des Textes „Neustart der Menschlichkeit (Rebooting humanity)“

(Die Englische Version findet sich HIER)

Autor Nr. 1 (Gerd Doeben-Henisch)

Kontakt: cagent@cognitiveagent.org

(Start: 7.Juni 2024, Letzte Änderung: 9.Juni 2024)

Ausgangspunkt

Sprechen im Alltag bringt es mit sich, dass wir durch unsere Art und Weise zu sprechen, die Wahrnehmungen unseres Umgebung ordnen, allein durch unser Sprechen. Diese Ordnung findet durch das Denken statt, das sich im Sprechen manifestiert. Wie schon zuvor geschildert, ist die Fähigkeit zum Sprechen uns Menschen zwar angeboren, nicht aber die Art und Weise, wie wir unser Sprechen benutzen. Im Sprechen schaffen wir automatisch eine Ordnung, aber ob diese Ordnung tatsächlich den Gegebenheiten unserer Alltagswelt entspricht, erfordert eine zusätzliche Überprüfung. Diese Überprüfung geschieht aber nicht automatisch, wir müssen dies ausdrücklich wollen und konkret durchführen.

Überprüfbare Aussagen

Wenn man den Ausgangspunkt akzeptiert, dass sprachliche Äußerungen, die unser Denken möglich macht, im Ansatz zunächst ’nur gedacht‘ sind und einer zusätzlichen ‚Überprüfung im Alltag‘ bedürfen, um einen minimalen ‚Geltungsanspruch auf Zutreffen‘ im Alltag verdienen, dann kann man diese Grundidee als Ausgangspunkt für das Konzept einer ‚empirischen Überprüfbarkeit‘ benutzen, welches hier als einer von mehreren ‚Bausteinen‘ für das umfassendere Konzept einer ‚empirischen Theorie (ET)‘ gesehen wird.

Sprache ohne Zahlwörter

Hier einige Beispiele aus dem Alltag, mit denen einige Aspekte des Konzepts ‚empirische Überprüfbarkeit‘ erläutert werden können[1]:

  1. Fall 1: Es gibt ein Objekt mit bestimmten Eigenschaften, das die beteiligten Personen sinnlich wahrnehmen können. Dann kann eine Person A sagen: „Da gibt es ein Objekt X mit Eigenschaften Y“. Und eine andere Person B kann sagen: „Ja, ich stimme zu“.
  2. Fall 2: Ein bestimmtes Objekt X mit Eigenschaften Y kann von den beteiligten Personen sinnlich nicht wahrnehmen werden. Dann kann eine Person A sagen: „Das Objekt X mit Eigenschaften Y ist nicht da“. Und eine andere Person B kann sagen: „Ja, ich stimme zu“.
  3. Fall 3: Es gibt ein Objekt mit bestimmten Eigenschaften, das die beteiligten Personen sinnlich wahrnehmen können, das sie vorher noch nie gesehen haben. Dann kann eine Person A sagen: „Da gibt es ein Objekt mit Eigenschaften, das kenne ich noch nicht. Das ist für mich neu“. Und eine andere Person B kann dann sagen: „Ja, ich stimme zu“.

Die gemeinsame Grundstruktur aller drei Fälle ist, dass es mindestens zwei Menschen gibt, welche die ‚gleiche Sprache sprechen‘ und die sich in einer ‚gemeinsam geteilten Situation‘ im Alltag befinden. Ein Mensch — nennen wir ihn A — startet jeweils ein Gespräch mit einer ‚Aussage über ein Objekt mit Eigenschaften‘, wobei die Aussage je nach Situation variiert. In allen vier Fällen kann der angesprochene Mensch — nennen wir ihn hier B –den Aussagen von A ‚zustimmen‘.

Die drei Fälle unterscheiden sich z.B. darin, wie das Objekt ‚vorkommt‘: Im Fall 1 ist ein Objekt ‚einfach da‘, man kann es ‚wahrnehmen‘ und das Objekt erscheint als ‚bekannt‘. Im Fall 2 ist das Objekt bekannt, aber nicht da. Im Fall 3 gibt es auch ein Objekt, man kann es wahrnehmen, aber es ist ’nicht bekannt‘.

Für das konstruktive Gelingen des Feststellens einer Übereinstimmung, die zwischen mehreren Menschen Zustimmung findet, werden am Beispiel der drei Fälle folgende Elemente angenommen:

Die Teilnehmer verfügen

  1. über eine ’sinnliche Wahrnehmung‘, die Ereignisse der Umgebung dem Wahrnehmenden erkennbar macht.
  2. über ein ‚Gedächtnis‘, das Wahrgenommenes speichern kann.
  3. über die ‚Entscheidungsfähigkeit‘ darüber entscheiden zu können, ob entweder (i) das Wahrgenommene schon mal wahrgenommen wurde oder ob (ii) das Wahrgenommene etwas ‚Neues‘ ist oder ob (iii) ein Objekt ’nicht mehr da ist‘, was ‚vorher‘ da war.
  4. über eine hinreichend ähnliche ‚Bedeutungsbeziehung‘, welche die Menschen in die Lage versetzt, zwischen den Elementen der gesprochenen Sprache und den Elementen sowohl der Wahrnehmung wie auch der Erinnerung eine aktive Beziehung zu aktivieren, wodurch Sprachelemente auf Inhalte verweisen können und umgekehrt Inhalte auf Sprachelemente.

Nur wenn alle diese vier Komponenten [2] in jedem Menschen gegeben sind, der an der Situation beteiligt ist, kann der eine dem anderen sprachlich etwas über seine Wahrnehmung von Welt in einer Weise mitteilen, dass der andere zustimmen kann oder nicht. Fehlt eine der genannten Komponenten (Wahrnehmung, Gedächtnis, Entscheiden können, Bedeutungsbeziehung), ist die Prozedur des Feststellens einer Übereinstimmung bei der Benutzung eines sprachlichen Ausdrucks nicht möglich.

[1] Es gibt sehr viele unterschiedliche Fälle!

[2] Diese vier Konzepte (Wahrnehmung, Gedächtnis, Entscheiden können, Bedeutungsbeziehung) sind ‚aus sich heraus‘ nicht verständlich. Sie müssen im weiteren Verlauf durch einen geeigneten Kontext erklärt werden. Sie werden hier im aktuellen Konzept ‚überprüfbare Aussagen‘ in einem funktionalen Kontext benutzt, welcher das Konzept ‚überprüfbare Aussage‘ charakterisiert.

Sprache mit Zahlwörtern

In der Regel enthalten heute Alltagssprachen auch Zahlwörter (z.B. eins, zwei, 33, 4400, …, 1/2, 1/4, ), wenngleich mit unterschiedlichem Umfang.

Solche Zahlwörter beziehen sich in der Regel auf irgendwelche ‚Objekte‘ (z.B. drei Eier, 5 Rosen, 33 Kartoffeln, 4400 Einwohner, … 1/2 Pfund Mehl, 44 Liter Niederschlag in einer Stunde, …), die sich in einem bestimmten Raumgebiet befinden.

Eine nachvollziehbare Überprüfung hängt dann von folgenden Faktoren ab:

  1. Lässt sich die angegebene Anzahl oder Menge in diesem Raumgebiet direkt feststellen (es muss eine klare Zahl heraus kommen)?
  2. Falls die Anzahl oder die Menge zu groß ist, um sie in dem Raumgebiet direkt abschätzen zu können, gibt es dann ein nachvollziehbares Verfahren, mit dem dies möglich ist?
  3. Wie hoch ist der Zeitaufwand, um die Feststellung in dem Raumgebiet durchführen zu können (z.B. Minuten, Stunden, Tage, Wochen, …)?

Falls der notwendige Zeitaufwand immer größer wird, dann wird es immer schwerer, die Aussage für einen bestimmten Zeitpunkt zu machen (z.B. die Anzahl der Einwohner in einer Stadt).

Diese Beispiele lassen erkennen, dass die Frage der Überprüfung sehr schnell immer mehr Aspekte umfasst, die erfüllt sein müssen, damit die Überprüfbarkeit einer Aussage von allen Beteiligten nachvollzogen und akzeptiert werden kann.

Sprache mit Abstraktionen

Eine andere durchgehende Eigenschaft von Alltagssprachen ist das Phänomen, das sich im Kontext von Wahrnehmung und Gedächtnis (Speichern und Erinnern) automatisch abstrakte Strukturen bilden, die als solche auch in die Sprache abgebildet werden. Hier einfache Beispiele:

BILD : Vier Arten von Gegenständen, die jeweils als konkrete Beispiele einer abstrakten Art (Klasse) gesehen werden können.

Im Alltag haben wir für die wahrgenommenen Objekte der Art 1-4 jeweils ein Wort, obwohl die konkrete Vielfalt jedes Objekt anders aussehen lässt: Im Fall der Objekte der Gruppe 1 können wir von einer ‚Uhr‘ sprechen, im Fall von Gruppe 2 von einer ‚Tasse‘, bei 3 von ‚Kugelschreibern‘ und im Fall von 4 von ‚Computermäusen‘, kurz ‚Mäusen‘. wobei jeder aufgrund des Kontextes weiß, dass mit ‚Maus‘ hier keine biologische Maus gemeint ist sondern ein technisches Gerät im Kontext von Computern. Obwohl wir ’sinnlich‘ jeweils etwas ‚anderes‘ sehen, benutzen wir jeweils das ‚gleiche Wort‘. Das ‚eine Wort‘ steht dann für potentiell ‚viele konkrete Objekte‘, mit der Besonderheit, dass wir ‚implizit wissen‘, welches konkrete Objekt mit welchem Wort zu verknüpfen ist. Wären wir nicht dazu in der Lage, viele konkrete verschiedene Objekte jeweils mit ‚einem Wort‘ zu benennen, dann wären wir nicht nur außer Stande, so viele verschiedene Worte zu erfinden, wie wir bräuchten, sondern die Abstimmung untereinander würde vollständig aus dem Ruder laufen: wie sollten sich zwei verschiedene Menschen darauf einigen können, was sie ‚in gleicher Weise‘ wahrnehmen, wenn jedes Detail der Wahrnehmung zählen würde? Das gleiche Objekt kann ja je nach Sichtwinkel und Licht schon sehr verschieden aussehen.[1]

Das Geheimnis dieser Zuordnung von einem Wort zu vielen sinnlich unterschiedlichen Objekten liegt allerdings nicht in der Zuordnung von Worten zu Wissenselementen, sondern das Geheimnis liegt schon eine Stufe tiefer, dort, wo die Ereignisse der Wahrnehmung in Ereignisse des Gedächtnisses transformiert werden. Vereinfachend kann man sagen, dass die Vielzahl der sensorischen Ereignisse (visuell, akustisch, geschmacklich (gustatorisch), berührungsmäßig (taktil), …) nach ihrer Umwandlung in chemisch-physikalische Zustände von Nervenzellen Teile von neuronalen Signalflüssen werden, die vielfachen ‚Verarbeitungen‘ unterliegen. Im Ergebnis wird die ‚Vielfalt der Signale‘ in ‚abstrakte Strukturen‘ kondensiert, die als eine Art ‚Prototyp‘ funktionieren, die dann mit vielen konkreten ‚Varianten‘ verbunden sind. Es gibt also so etwas wie ‚Kerneigenschaften‘ die verschiedenen Wahrnehmungsereignissen wie ‚Tasse‘ ‚gemeinsam‘ sind, und dann viele ’sekundäre Eigenschaften‘, die auch auftreten können, aber eben nicht immer, die Kerneigenschaften schon. Im Fall der ‚Uhr‘ können z.B. die beiden Zeiger samt der kreisförmigen Anordnung von Marken solche ‚Kerneigenschaften‘ sein. Alles andere kann stark variieren. Außerdem bilden sich die ‚Muster von Kerneigenschaften und sekundären Eigenschaften‘ nicht einmalig, sondern als Teil von Prozessen mit vielfältigen Aspekten (z.B. möglichen Veränderungen, mögliche zeitlich parallelen Ereignissen usw., die als ‚Kontexte‘ funktionieren können (z.B. der Unterschied zwischen ‚technisch‘ und ‚biologisch‘ im Fall des der Bezeichnung ‚Maus‘).

Die Benutzung eines Wortes wie ‚Uhr‘ oder ‚Tasse‘ beinhaltet also — wie zuvor besprochen — einmal den Bezug zu Gedächtnisinhalten, zu Wahrnehmungsinhalten, zu erlernten Bedeutungsbeziehungen sowie die Fähigkeit, zu ‚entscheiden‘, welche der konkreten Wahrnehmungsmuster zu welchem gelernten ‚Prototypen‘ gehören. Je nachdem, wie diese Entscheidung ausfällt, sagen wir dann eben ‚Uhr‘ oder ‚Tasse‘ oder etwas entsprechend Anderes. Diese Fähigkeit unseres Gehirns zu ‚abstrahieren‘, indem es automatisch prototypisch ‚Muster‘ generiert, die exemplarisch für viele sensorisch verschiedene Einzelobjekte stehen können, ist für unser Denken und Sprechen im Alltag fundamental. Nur aufgrund dieser Abstraktionsfähigkeit kann Sprache funktionieren.

Nicht weniger beeindruckend ist es, dass diese grundlegenden ‚Abstraktionsfähigkeit‘ unseres Gehirns sich nicht auf die Beziehung zwischen den beiden Ebenen ’sinnliche Wahrnehmung‘ sowie ‚Speichern im Gedächtnis‘ beschränkt, sondern überall im Gedächtnis zwischen beliebigen Ebenen funktioniert. So haben wir kein Problem, verschiedene einzelne Uhren aufgrund von Eigenschaften weiter zu ‚gruppieren‘ z.B. zu ‚Armbanduhren‘ und ‚Wanduhren‘. Bei Tassen wissen wir, dass sie als Teil von ‚Trinkgefäßen‘ oder als Teil von ‚Küchengeschirr‘ gesehen werden können. Kugelschreiber ordnet man zu den ‚Schreibgeräten‘ und ‚Computermäuse‘ sind Teil von ‚Computerzubehör‘, usw.

Oft spricht man bei solchen Abstraktionsleistungen auch von ‚Kategorisierungen‘ oder ‚Klassenbildung‘ und die Objekte, die solchen Klassenbezeichnungen zugeordnet werden, bilden dann den ‚Klasseninhalt‘, wobei der ‚Umfang‘ einer Klasse ‚fließend‘ ist. Ständig können neue Objekte auftreten, die das Gehirn der einen oder anderen Klasse zuschlägt.

Bei dieser Vielfalt von ‚Abstraktionen‘ wundert es nicht, dass die Zuordnung einzelner Objekte zu einer dieser Klassen ‚fließend‘ ist, ‚unscharf‘. Bei den hunderten oder mehr verschiedenen Formen von Stühlen oder Tischen, die es mittlerweile gibt, ist es bisweilen schwierig, zu entscheiden, ist das noch ein ‚Stuhl‘ oder ein ‚Tisch‘ im ‚ursprünglichen Sinne‘ [2] oder eher ein ‚Designprodukt‘ auf der Suche nach einer neuen Form.

Für die leitende Frage nach der Überprüfbarkeit von sprachlichen Äußerungen, die Abstraktionen enthalten (und dies sind fast alle), ergibt sich nach den vorausgehenden Überlegungen, dass die ‚Bedeutung eines Wortes‘ bzw. dann auch die ‚Bedeutung einer sprachlichen Äußerung‘ niemals nur durch die Worte alleine ermitteln lässt, sondern fast immer nur durch den ‚Kontext‘, in dem die sprachliche Äußerung stattfindet. So, wie schon die Beispiele mit den ‚Zahlworten‘ aufleuchten lassen, so muss bei einer Bitte wie „Kannst Du mir meine Tasse rüber reichen“ sehr wohl wissen, welche der verschiedenen Tassen denn die ‚Tasse des Sprechers‘ war. Dies setzt die Situation voraus und ‚Wissen um die Vergangenheit dieser Situation‘: welche der möglichen Objekte hatte er als seine Tasse benutzt?[3]

Oder, wenn Menschen versuchen die Beschreibung einer Straße, eines Stadtviertels, eines einzelnen Hauses und dergleichen mit Sprache zu geben. Aufgrund der allgemeinen Bedeutungsstrukturen kann sich jeder Leser beim Lesen zwar ein ‚einigermaßen klares Bild‘ ‚in seinem Kopf‘ machen, aber nahezu alle Details, die nicht explizit beschrieben wurden (was im normalen Fall fast ausgeschlossen ist), sind im rekonstruierten ‚Bild im Kopf‘ des Lesers dann auch nicht vorhanden. Aufgrund des ‚Erfahrungswissens‘ der Sprachteilnehmer kann natürlich jeder sich sein ‚Bild im Kopf‘ zusätzlich ‚ausmalen‘.[4]

Will man als eine Gruppe von Menschen sicher sein, dass eine Beschreibung ‚hinreichend deutlich‘ ist, muss man für alle wichtigen Elemente des Berichts, die ‚vieldeutig‘ sind, zusätzliche Informationen bereit stellen. Man kann die beschriebenen Objekte z.B. gemeinsam besichtigen, untersuchen und/ oder man kann zusätzliche spezielle Beschreibungen erstellen, eventuell ergänzt um Bilder, Tonaufnahmen oder sonstigen Hinweisen.

Wenn es um Details geht, dann reicht die Alltagssprache alleine nicht aus. Es bedarf zusätzlich spezieller Maßnahmen.[5]

[1] Ein Problem, mit dem die maschinelle Bilderkennung von Anfang an zu kämpfen hatte und bis heute kämpft.

[2] Der ‚ursprüngliche‘ Sinn, also jenes Prinzip, das der Abstraktionsleistung ‚zugrunde‘ liegt, ist in jenen neuronalen Mechanismen zu suchen, die für diese Prototyp-Bildung zuständig sind. Die ‚innere Logik‘ dieser neuronalen Prozesse ist bislang noch nicht vollständig erforscht, aber ihre ‚Wirkung‘ kann beobachtet und analysieren. In der Psychologie gibt es seit den 1960iger Jahren viele Modellbildungen, die dieses Verhalten anzunähern versuchen, mit zum Teil beachtlichen Erfolgen.

[3] Algorithmen der generativen Künstlichen Intelligenz (wie z.B. chatGPT), die über keinen realen Kontext verfügen, die auch über kein ‚körperbasiertes Wissen‘ verfügen, versuchen das Problem dadurch zu lösen, dass sie extrem große Mengen von Worten durch die Zerlegung von Dokumenten in ihre Wortbestandteile samt möglichen Kontexte jedes Wortes so analysieren, dass sie über diese Wortdatenbank mögliche ‚formale Kontexte‘ erschließen, die sie dann als ‚Quasi-Bedeutungskontexte‘ fungieren. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert dies mittlerweile recht gut, aber eben nur in einem abgeschlossen Wortraum (closed world).

[4] Ein bekanntes Beispiel aus dem Alltag hierzu ist der Unterschied, der entstehen kann, wenn jemand einen Roman liest, sich dazu Vorstellungen in seinem Kopf bilden, und irgendwann gibt es einen Film zum Roman: inwieweit korrespondieren dann die Vorstellungen, die man sich von einzelnen Personen gemacht hat, mit denen im Film?

[5] Einige kennen vielleicht noch Texte aus sogenannten ‚heiligen Schriften‘ einer Religion (z.B. die ‚Bibel‘). Das grundlegende Problem der ‚Vieldeutigkeit‘ von Sprache wird im Falle historischer Texte natürlich verstärkt. Mit dem zeitlichen Abstand verliert sich das Wissen um die jeweilige Alltagswelt, in der ein Text entstanden ist. Dann kommt bei älteren Texten meist ein Sprachproblem hinzu: die ursprünglichen Texte wie z.B. der Bibel waren in einem alten Hebräisch (‚Altes Testament‘) bzw. in einem alten Griechisch (Neues Testament‘) abgefasst, dessen Sprachgebrauch oft nicht mehr bekannt ist. Zusätzlich wurden diese Texte in unterschiedlichen Textformen abgefasst, beim Alten Testament zudem zu verschiedenen Zeiten, wobei Text auch immer wieder umgearbeitet worden sind (was vielfach auch noch damit verbunden ist, dass nicht klar ist, wer jeweils genau die Autoren waren). Unter diesen Randbedingungen eine ‚genaue‘ Bedeutung zu erschließen, ist mehr oder weniger eingeschränkt oder unmöglich. Dies mag erklären, warum in den ca. 2000 Jahren ‚Bibelauslegung‘ die Interpretationen zu allen Zeiten sehr unterschiedlich waren.

Über die Welt reden

Dieser Text ist Teil des Textes „Neustart der Menschlichkeit (Rebooting humanity)“

(Die Englische Version findet sich HIER)

Autor Nr. 1 (Gerd Doeben-Henisch)

Kontakt: cagent@cognitiveagent.org

(Start: 5.Juni 2024, Letzte Änderung: 7.Juni 2024)

Ausgangspunkt

Es soll also ein ‚Text‘ geschrieben werden, der über die Welt spricht, einschließlich aller Lebewesen, und die Autoren sind im ersten Anlauf ‚Menschen‘. Bisher kennen wir keine Fälle, in denen Tiere oder Pflanzen selbst Texte schreiben: ihre Sicht des Lebens. Wir kennen nur Menschen die aus ‚ihrer menschlichen Sicht‘ über das Leben, über Tiere und Pflanzen schreiben. An dieser Vorgehensweise kann man viel kritisieren. Bei einem weiteren Nachdenken kann man dann vielleicht sogar feststellen, dass auch das ‚Schreiben von Menschen über andere Menschen und sich selbst‘ nicht ganz so trivial ist. Schon das Schreiben von Menschen ‚über sich selbst‘ ist fehleranfällig, kann völlig ‚daneben‘ laufen, kann vollständig ‚falsch‘ sein, was allerdings die Frager aufwirft, was denn ‚wahr‘ bzw. ‚falsch‘ ist. Man sollte also ein paar Gedanken darauf verwenden, wie wir Menschen so über die Welt und uns selbst reden können, dass wir gemeinsam eine Chance haben, nicht nur zu ‚fantasieren‘, sondern etwas zu erfassen, was ‚real‘ ist, was etwas von dem beschreibt, was uns als Menschen, als Lebewesen, als Bewohner dieses Planeten ‚real‘ auszeichnet. … aber dann poppt schon wieder die Frage auf, was denn ‚real‘ ist? Drehen wir uns im Kreis von Fragen mit Antworten, wo die Antworten selbst schon wieder Fragen sind, bei näherem Hinschauen?

Erste Schritte

Leben auf Planet Erde

Beim Start des Schreibens gehen wir davon aus, dass es den ‚Planet Erde‘ gibt und auf diesem Planeten gibt es etwas, das wir ‚Leben‘ nennen, und wir Menschen — zur Lebensform des Homo sapiens gehörend — sind Teil davon.

Sprache

Wir gehen auch davon aus, dass wir Menschen über die Fähigkeit verfügen, mittels Lauten miteinander zu kommunizieren. Diese Laute, die wir für die Kommunikation benutzen, nennen wir hier ‚Sprachlaute‘, um anzudeuten, dass die Gesamtheit der Laute für die Kommunikation ein ‚System‘ bilden, das wir letztlich ‚Sprache‘ nennen.

Bedeutung

Da wir Menschen auf diesem Planeten in der gleichen Situation für die ‚gleichen Objekte‘ ganz unterschiedliche Laute benutzen können, deutet sich an, dass die ‚Bedeutung‘ von Sprachlauten nicht fest an die Sprachlaute geknüpft ist, sondern irgendwie etwas mit dem zu tun hat, was ‚in unserem Kopf‘ stattfindet. Leider können wir nicht ‚in unseren Kopf‘ hineinschauen. Da scheint viel zu passieren, aber dieses Geschehen im Kopf ist ‚unsichtbar‘.[1] Trotzdem erleben wir im ‚Alltag‘, dass wir uns mit anderen ‚einigen‘ können, ob es gerade ‚regnet‘ oder ob es irgendwie ’stinkt‘ oder da auf dem Gehweg eine Mülltonne steht, die den Weg versperrt oder …. Also irgendwie scheint das ‚Geschehen im Kopf‘ bei unterschiedlichen Menschen gewisse ‚Übereinstimmungen‘ aufzuweisen, so dass nicht nur ich etwas Bestimmtes sehe, sondern der andere auch, und wir können sogar die gleichen Sprachlaute dafür benutzen. Und da ein Programm wie chatGPT meine Deutschen Sprachlaute z.B. in Englische Sprachlaute übersetzen kann, kann ich feststellen, dass ein anderer Mensch, der kein Deutsch spricht, statt meines Wortes ‚Mülltonne‘ z.B. das Wort ‚trash bin‘ benutzt und dann auch zustimmend nickt: ‚Yes, there is a trash bin‘. Wäre das ein Fall für eine ‚wahre Aussage‘?

Veränderungen und Erinnerungen

Da wir täglich erleben, wie der Alltag sich ständig ‚verändert‘, wissen wir, dass etwas, was gerade mal Zustimmung fand, im nächsten Moment keine Zustimmung mehr findet, weil die Mülltonne nicht mehr da steht. Diese Änderungen können wir aber nur bemerken, weil wir etwas haben, was wir ‚Erinnerung‘ nennen: wir können uns daran erinnern, dass eben an einer bestimmte Stelle eine Mülltonne stand, jetzt aber nicht mehr. Oder ist diese Erinnerung nur eine Einbildung? Kann ich meiner Erinnerung trauen? Wenn jetzt alle anderen sagen, da war doch keine Mülltonne, ich mich aber meine zu erinnern, was heißt dies?

Konkreter Körper

Ja, und dann mein Körper: immer wieder muss ich was trinken, etwas essen, bin nicht beliebig schnell, brauche etwas Platz, …. mein Körper ist etwas sehr Konkretes, mit allerlei ‚Empfindungen‘, ‚Bedürfnissen‘, einer bestimmten ‚Form‘, …. der sich im Laufe der Zeit sogar ändert: er wächst, er altert, er kann krank werden, …. ist er wie eine ‚Maschine‘?

Galaxien von Zellen

Wir wissen heute, dass unser menschlicher Körper weniger einer ‚Maschine‘ gleicht als vielmehr einer ‚Galaxie von Zellen‘. Unser Körper hat etwa 37 Billionen (10¹2) Körperzellen mit weiteren 100 Billionen Zellen im Darm, die für unser Verdauungssystem lebenswichtig sind, und diese Zellen zusammen bilden das ‚System Körper‘.[2] Das bislang eigentlich Unfassbare ist, dass diese ca. 140 Billionen Zellen ja jeweils komplett autonome Lebewesen sind, mit allem, was es zum Leben braucht. Und wenn man weiß, wie schwer wir uns als Menschen tun, schon zwischen fünf Menschen auf Dauer eine Kooperation aufzubauen und aufrecht zu halten, dann kann man zumindest ansatzweise ein wenig ahnen, was es heißt, dass 140 Billionen Lebewesen es in jeder Sekunde — und über viele Jahre, ja Jahrzehnte hinweg — schaffen, miteinander so zu kommunizieren und koordiniert zu handeln, dass das Gesamtkunstwerk ‚menschlicher Körper‘ existiert und funktioniert.

Entstehung als Frage

Und da es keinen ‚Befehlshaber‘ gibt, der allen Zellen ständig sagt, was sie tun sollen, erweitert sich dieses ‚Wunder des Systems Mensch‘ weiter um die Dimension, woher das Konzept kommt, das diese ‚Super-Galaxie der Zellen‘ dazu befähigt, so zu sein, wie sie sind. Wie funktioniert dies? Wie ist es entstanden?[3]

Hinter die Phänomene schauen

Im weiteren Verlauf wird es darauf ankommen, ausgehend vom Alltag nach und nach die ‚Oberfläche der Alltagsphänomene‘ zu durchdringen, um jene Strukturen sichtbar zu machen, die ‚hinter den Phänomenen‘ am Werke sind, jene Strukturen, die alles zusammenhalten und gleichzeitig alles beständig bewegen, verändern.

Grunddimension Zeit

Dies alles impliziert das Phänomen ‚Zeit‘ als Grundkategorie aller Wirklichkeit. Ohne Zeit gibt es auch keine ‚Wahrheit‘ …

[1] Spezialisten für Gehirnforschung werden natürlich gleich ihre Hand erheben und werden sagen wollen, dass sie mittlerweile sehr wohl ‚in den Kopf schauen‘ können, aber warten wir ab, was es mit diesem ‚in den Kopf hineinschauen‘ auf sich hat.

[2] Wenn wir für die Anzahl der Sterne in unserer Heimatgalaxie der Milchstraße mit geschätzten 100 – 400 Milliarden Sterne mal annehmen, dass es 200 Milliarden sind, dann würde unser Körpersystem dem Umfang von 700 Galaxien im Format der Milchstraße entsprechen, eine Zelle für einen Stern.

[3] Verschiedene Disziplinen der Naturwissenschaften, besonders sicher die Evolutionsbiologie, haben in den letzten ca. 150 Jahren viele Aspekte dieses Mega-Wunders partiell ausgeleuchtet. Man kann über die physikalische Sicht unsres Universum staunen, aber verglichen mit den Super-Galaxien des Lebens auf dem Planet Erde erscheint das physikalische Universum geradezu ‚langweilig‘ … Keine Angst: letztlich hängt beides untereinander zusammen: das eine erklärt das andere …

Geschichten erzählen

Fragmente des Alltags – ohne Kontext

Wir reden ständig über irgend etwas: das Essen, das Wetter, der Verkehr, die Preise beim Einkaufen, Tagesnachrichten, die Politik, den Chef, die Kollegen, Sportereignisse, Musik, …. meistens sind es ‚Fragmente‘ aus dem größeren Ganzen, das wir ‚Alltag‘ nennen. Menschen in einem der vielen Krisengebiete auf diesem Planeten, speziell jene in Unwetterkatastrophen oder gar im Krieg …, leben konkret in einer ganz anderen Welt, in einer Welt von Überleben und Tod.

Diese Fragmente mitten im Leben sind konkret, betreffen uns, aber sie erzählen aus sich heraus keine Geschichte, wo sie herkommen (Bomben, Regen, Hitze,…), warum sich dies ereignet, wie sie mit anderen Fragmenten zusammen hängen. Der Regen, der herunter prasselt, ist ein einzelnes Ereignis an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Die Brücke, die gesperrt werden muss, weil sie überaltert ist, lässt aus sich heraus auch nicht erkennen, warum gerade diese Brücke, warum gerade jetzt, warum konnte man dies nicht ‚voraus sehen‘? Die Menschen, die ‚zu viel‘ sind in einem Land oder auch ‚zu wenig‘: Warum ist das so? Konnte man dies voraus sehen? Was können wir tun? Was sollten wir tun?

Der Strom der einzelnen Ereignisse trifft auf uns, mehr oder weniger wuchtig, vielleicht auch einfach als ‚Rauschen‘: wir sind so daran gewöhnt, dass wir bestimmte Ereignisse schon gar nicht mehr wahrnehmen. Aber diese Ereignisse als solche erzählen keine ‚Geschichte über sich selbst‘; sie finden einfach statt, scheinbar unwiderstehlich; manche sagen ‚Das ist Schicksal‘.

Bedürfnis nach Sinn

Auffällig ist, dass wir Menschen aber doch versuchen, dem Ganzen einen ‚Sinn‘ zu geben, eine ‚Erklärung‘ zu suchen, warum dies so ist. Und der Alltag zeigt, dass wir viel ‚Fantasie‘ haben, was mögliche ‚Zusammenhänge‘ oder ‚Ursachen‘ betrifft. Im Blick zurück in die Vergangenheit lächeln wir gerne über verschiedene Erklärungsversuche von unseren Vorfahren: solange man über die Details unseres Körpers und überhaupt über das Leben nichts wusste, war jede Geschichte möglich. [1] In unserer Zeit mit einer seit ca. 150 Jahren etablierter Wissenschaft gibt es aber immer noch viele Millionen von Menschen (möglicherweise Milliarden?), die von Wissenschaft nichts wissen und bereit sind, nahezu jede Geschichte zu glauben, nur weil ein anderer Mensch diese Geschichte überzeugend erzählt.

Befreiung vom Augenblick durch Worte

Aufgrund dieser Fähigkeit, mit der ‚Kraft der Fantasie‘ Dinge, die man erlebt, in eine ‚Geschichte‘ zu packen, die ‚mögliche Zusammenhänge‘ andeuten, durch die Ereignisse einen ‚gedanklichen Sinn‘ bekommen, kann der Mensch versuchen, sich aus der scheinbaren ‚Absolutheit des Augenblicks‘ in gewisser Weise zu ‚befreien‘: ein Ereignis, das sich in einen ‚Zusammenhang einordnen‘ lässt, verliert seine ‚Absolutheit‘. Allein schon durch diese Art von Erzählung gewinnt der erlebende Mensch ein Stück ‚Macht‘: im Erzählen eines Zusammenhangs kann er Erzähler das Erlebnis ‚zur Sache‘ machen, über die er ’nach eigenem Gutdünken‘ verfügen kann. Diese ‚Macht durch das Wort‘ kann ‚Angst‘ lindern, die ein Ereignis auslösen kann. Dies durchzieht die Geschichte der Menschheit von den Anfängen an, soweit es die archäologischen Zeugnisse hergeben.

Vielleicht ist es nicht verkehrt, den Menschen nicht als erstes als ‚Jäger und Sammler‘ oder als ‚Ackerbauer‘ oder so einzuordnen, sondern als ‚den, der Geschichten erzählt‘.

[1] Ein solches Zauberwort war in der griechischen Philosophie der Begriff ‚Atem‘ (griechisch „pneuma“). Der Atem kennzeichnete nicht nur das individuell Lebendige, sondern wurde auch verallgemeinert zum Lebensprinzip von allem, das sowohl Körper, Seele und Geist verband wie auch das ganze Universum durchwirkte. Im Lichte des heutigen Wissens könnte man diese ‚Erklärung‘ nicht mehr erzählen, aber vor ca. 2300 Jahren war diese Überzeugung unter allen Intellektuellen ein gewisser ‚intellektueller Standard‘, das herrschende ‚Weltbild‘; man ‚glaubte‘ es. Wer etwas anderes befand sich außerhalb dieses ‚Sprachspiels‘.

Organisation einer Ordnung

Denken erschafft Beziehungen

Sobald man mittels ‚Sprache‘ einzelne Ereignisse, Sachen, Vorgänge, Eigenschaften von Sachen und mehr ‚benennen‘ kann, verfügen Menschen offensichtlich über die Fähigkeit, mittels Sprache eben nicht nur zu ‚benennen‘, sondern ‚Benanntes‘ durch ‚Anordnung von Worten im sprachlichen Ausdruck‘ in ‚gedachte Beziehungen‘ einzubetten, wodurch das einzeln Benannte nicht mehr ‚isoliert‘ vorkommt sondern ‚gedanklich verbunden‘ mit anderem. Diese grundlegende Fähigkeit eines Menschen, ‚in seinem Kopf‘ ‚Beziehungen zu denken‘, die man ‚gar nicht sehen‘, wohl aber ‚denken‘ kann [1], ist natürlich nicht auf einzelne Ereignisse und nicht auf eine einzige Beziehung beschränkt. Letztlich können wir Menschen ‚alles‘ zum Thema machen und wir können ‚jedmögliche Beziehung‘ in unserm Kopf ‚denken‘; hier gibt es keine grundsätzliche Beschränkung.

Geschichten als Naturgewalt

Nicht nur die Geschichte ist voll von Beispielen, auch unsere Gegenwart. Dass heute trotz der unfassbaren Erfolge der modernen Wissenschaft in unserem Alltag weltweit nahezu über alle Kanäle die wildesten Geschichten mit ‚rein gedachten Beziehungen‘ erzählt und auch sofort geglaubt werden, das sollte uns zu denken geben. Unsere grundlegende Eigenschaft, dass wir Geschichten erzählen können, um die Absolutheit des Augenblicks zu durchbrechen, hat offensichtlich den Charakter einer ‚Naturgewalt‘, die so tief in uns verortet ist, dass wir sie nicht ‚ausrotten‘ können; wir können sie vielleicht ‚zähmen‘, sie vielleicht ‚kultivieren‘, aber wir können sie nicht stoppen. Es ist eine ‚elementare Eigenschaft‘ unseres Denkens, sprich: unseres Gehirns im Körper.

Gedacht und Überprüft

Die Erfahrung, dass wir, die wir diejenigen sind, die Geschichten erzählen, damit Ereignisse benennen und in Beziehungen einordnen können — und zwar letztlich unbegrenzt — kann zwar real zum Chaos führen, wenn das erzählte Beziehungsgeflecht letztlich ‚rein gedacht‘ ist, ohne echten Bezug zur ‚realen Welt um uns herum‘, aber es ist zugleich auch unser größtes Kapital, da wir Menschen uns damit nicht nur grundsätzlich von der scheinbaren Absolutheit der Gegenwart befreien können, sondern wir können mit dem Erzählen von Geschichten Ausgangspunkte schaffen, ‚zunächst bloß gedachte Beziehungen‘, die wir dann aber konkret in unserem Alltag ‚überprüfen‘ können.

Ein Ordnungssystem

Wenn jemand zufällig einen anderen Menschen sieht, der irgendwie ganz anders aussieht als er es gewohnt ist, dann bilden sich in jedem Menschen automatisch alle möglichen ‚Vermutungen‘, was das da für ein Mensch ist. Belässt man es bei diesen Vermutungen, dann können diese wilden Vermutungen den ‚Kopf bevölkern‘ und die ‚Welt im Kopf‘ wird mit ‚potentiell bösen Menschen‘ bevölkert; irgendwann sind sie dann vielleicht schlicht ‚böse‘. Nimmt man aber Kontakt zu dem anderen auf, könnte man vielleicht feststellen, dass er eigentlich nett ist, interessant, lustig oder dergleichen. Die ‚Vermutungen im Kopf‘ verwandeln sich dann in ‚konkrete Erfahrungen‘, die anders sind als zunächst gedacht. ‚Vermutungen‘ in Kombination mit ‚Überprüfung‘ können so zur Bildung von ‚wirklichkeitsnahen Vorstellungen von Beziehungen‘ führen. Damit hat ein Mensch die Chance, sein ’spontanes Geflecht an gedachten Beziehungen‘, die falsch sein können — und meistens auch sind — in ein ‚überprüftes Geflecht von Beziehungen‘ zu verwandeln. Da letztlich die gedachten Beziehungen als Geflecht für uns ein ‚Ordnungssystem‘ aufspannen, in dem die Dinge des Alltags einbettet sind, erscheint es erstrebenswert, mit möglichst ‚überprüften gedachten Beziehungen‘ zu arbeiten.

[1] Der Atem des Menschen mir gegenüber, der bei den Griechen mein Gegenüber mit der Lebenskraft des Universums verbindet, die wiederum auch mit dem Geist un d der Seele zusammenhängt …

Hypothesen und Wissenschaft

Herausforderung: Methodisch geordnetes Vermuten

Die Fähigkeit zum Denken von möglichen Beziehungen, dann auch mittels Sprache, ist angeboren [1], aber die ‚Nutzung‘ dieser Fähigkeit im Alltag, z.B. so, dass wir gedachte Beziehungen mit der Wirklichkeit des Alltags abgleichen, dieses ‚Abgleichen’/ ‚Überprüfen‘ ist nicht angeboren. Wir können es tun, müssen es aber nicht tun. Es ist von daher interessant, sich zu vergegenwärtigen, dass seit dem ersten Auftreten des Homo sapiens auf diesem Planeten [2] 99,95% der Zeit vergangen sind, bis es zur Etablierung einer organisierten modernen Wissenschaft vor ca. 150 Jahren gekommen ist. Man kann dies als Hinweis deuten, dass der Übergang vom ‚freien Vermuten‘ bis zu einem ‚methodisch geordneten systematischen Vermuten‘ alles andere als einfach gewesen sein muss. Und wenn heute immer noch ein Großteil der Menschen — trotz Schule und sogar Studium –[3] eher dem ‚freien Vermuten‘ zuneigen und sich mit geordneter Überprüfung schwer tun, dann scheint es hier tatsächlich eine nicht leichte Schwelle zu geben, die ein Mensch überwinden muss — und immer wieder neu muss — , um vom ‚freien‘ zum ‚methodisch geordneten‘ Vermuten überzugehen.[4]

Ausgangspunkt für Wissenschaft

‚Der Übergang vom alltäglichen Denken zum ‚wissenschaftlichen Denken‘ ist fließend. Das Erzeugen von ‚gedachten Beziehungen‘ in Verbindung mit Sprache aufgrund auch unserer Fähigkeit der Kreativität/ der Fantasie ist letztlich auch der Ausgangspunkt von Wissenschaft. Während wir im alltäglichen Denken eher spontan und pragmatisch ’spontan gedachte Beziehungen‘ ‚überprüfen‘, versucht die ‚Wissenschaft‘ solche Überprüfungen ’systematisch‘ zu organisieren, um dann solche ‚positiv überprüften Vermutungen‘ als ‚empirisch überprüfte Vermutungen‘ bis zum Beweis des Gegenteils als ‚bedingt wahr‘ anzunehmen. Statt von ‚Vermutungen‘ spricht die Wissenschaft gerne von ‚Hypothesen‘ oder ‚Arbeitshypothesen‘, aber es bleiben ‚Vermutungen‘ durch die Kraft unsres Denkens und durch die Kraft unserer Fantasie.[5]

[1] Dies bedeutet, die genetische Information, die der Entwicklung unseres Körpers zugrunde liegt, ist so beschaffen, dass unser Körper mit seinem Gehirn während der Wachstumsphase so aufgebaut wird, dass wir genau über diese Fähigkeit zum ‚Denken von Beziehungen‘ verfügen. Interessant hier wieder die Frage, wie es möglich ist, dass sich aus einer einzigen Zelle ca. 13 Billionen Körperzellen (die ca. 100 Billionen Bakterien im Darm kommen ‚von außen‘ dazu) so entwickeln können, dass sie als ‚Gesamteindruck‘ das ‚Bild des Menschen‘ erzeugen, das wir kennen

[2] Nach heutigem Kenntnisstand vor ca. 300.000 Jahren in Ostafrika und in Nordafrika, von wo der Homo sapiens dann die gesamte Welt erwandert und erobert hat (es gab noch Reste von anderen Menschenformen, die schon länger da waren).

[3] Repräsentative empirische Studien dazu, wie viele Menschen einer Bevölkerung dazu neigen, sind mir nicht bekannt.

[4] Berücksichtigt man, dass wir Menschen als Lebensform Homo sapiens erst nach ca. 3.8 Milliarden Jahren auf diesem Planeten erschienen sind, dann machen die 300.000 Jahre Homo sapiens grob 0,008% der gesamten Zeit aus, seitdem es Leben auf dem Planeten Erde gibt. Wir sind also nicht nur als Homo sapiens ein sehr spätes ‚Produkt‘ des Lebensprozesses, sondern innerhalb unseres Homo sapiens Lebensprozesses taucht die Fähigkeit zum ’systematischen Überprüfen von Hypothesen‘ auch erst ‚ganz spät‘ auf. Aufs ganze Leben bezogen scheint daher diese Fähigkeit extrem wertvoll zu sein, was ja auch stimmt, betrachtet man die unfassbaren Erkenntnisse, die wir als Homo sapiens mit dieser Form zu denken gewinnen konnten. fragt sich nur, wie wir mit diesem Wissen umgehen. Auch diese Verhaltensweise, systematisch überprüftes Wissen dann zu nutzen, ist nicht angeboren.

[5] Die Fähigkeit der ‚Fantasie‘ ist kein Gegensatz zum ‚Wissen‘, sondern ist etwas ganz anderes. ‚Fantasie‘ ist eine Eigenschaft, die sich in dem Moment ‚zeigt‘, wo wir anfangen zu denken, vielleicht sogar schon darin, ‚dass‘ wir überhaupt denken. Da wir im Prinzip über ‚alles‘ Nachdenken können, was unsrem Denken ‚erreichbar‘ ist, ist die Fantasie ein Faktor, der hilft, ‚Auszuwählen‘, was wir denken. Fantasie ist insoweit dem Denken vor-gelagert.