ENDSPIEL, ENDKAMPF, ODER NEUER EVOLUTIONSSCHUB?

(Letzte Änderungen: 23.Nov.2014, 14:46h)

1. Während der Begriff ‚Endspiel‘ durch seine sportliche Konnotationen noch keinen letzten Schrecken verbreiten muss, klingt ‚Endkampf‘ biblisch-apokalyptisch: Endzeitstimmung; das Böse kämpft gegen das Gute; alles steht auf dem Spiel. ‚Evolutionsschub‘ deutet die Perspektive der Naturwissenschaften an, eine methodische Objektivität eines ‚Strukturwandels‘, der sich ’natürlich‘ aus der ‚Vorgeschichte‘ ergibt. Obwohl ich grundsätzlich der naturwissenschaftlichen Sicht zuneige als Grundlage aller Argumentationen über unsere empirisch erfahrbare Welt und damit bei weitreichenden Veränderungen eher einen ’natürlichen Strukturwandel‘ unterstelle, haben wir es bei dem aktuellen Strukturwandel mit Phänomenen zu tun, in die ’subjektive Anteile‘ von beteiligten Menschen, Gruppierungen, Parteien, Firmen usw. mit eingehen. Die ‚Natur‘ hat zwar aufgrund der Gesamtheit aller beteiligten physikalischen Eigenschaften ‚von sich aus‘ eine — möglicherweise ’spezifische‘ — ‚Tendenz‘ sich zu verändern, aber der weltweite Einfluss biologischer Systeme auf den weiteren Gang mit der ‚biologischen Eigendynamik, die – wir wir wissen – gegen grundlegende physikalische Gesetze (z.B. 2.Hauptsatz der Thermodynamik) gerichtet zu sein scheint, erscheint mittlerweile so stark, dass der biologische Faktor neben den physikalischen Prinzipien ein Gewicht gewonnen hat, welches es verbietet, rein ‚technisch‘ von einem Evolutionsschub als ‚ausrechenbarem Strukturwandel‘ zu sprechen.

2. In diesem globalen Kontext erscheint ein Thema wie Informatik & Gesellschaft auf den ersten Blick eher speziell; auf den zweiten Blick zeigt sich aber gerade in diesem Thema eine der globalen Verwerfungslinien zwischen dem ‚Zustand bisher‘ und dem ‚Zustand, der neu beginnt‘. Das Thema ‚Informatik‘ bzw. ‚Computertechnologie‘ galt eher als Teil der Technologie, die nicht eigentlich der ‚Natur‘ zugeordnet wurde. Wie überhaupt seit Aufkommen der ‚Maschinen‘ die Maschinen als Leitmuster der Technologie immer als Gegensatz zur ‚chemischen und biologischen Evolution‘ gesehen wurden. Neben vielen kulturellen Denkmustern, die solch eine ‚Trennung‘ begünstigten, war es sicher auch die mindestens von der antiken Philosophie herrührenden Trennung von ‚unbelebt‘ (die ‚Stoffe‘, ‚Subtsanzen‘, die ‚Materie‘ als solche sind ‚unbelebt‘) und ‚belebt‘ (‚atmend‘ (pneo), Atem als universelles Lebensprinzip (pneuma)), das seinen Ausdruck im ‚Geist‘ (pneuma‘) findet. Da dieser Gegensatz von ‚unbelebt‘ und ‚belebt‘ mehr als 2000 Jahre nicht wirklich aufgelöst werden konnte, konnte sich eine Art ‚Dualismus‘ ausbilden und durchhalten, der wie eine unsichtbare Trennlinie durch die gesamte Wirklichkeit verlief: alles, was nicht ‚atmete‘ war unbelebt, materiell, un-geistig; alles was atmete, belebt war, befand sich in einer Nähe zum universellen Geistigen, ohne dass man eigentlich näher beschreiben konnte, was ‚Geist‘ denn nun genau war. Nicht verwunderlich, dass sich alle großen Religionen wie ‚Hinduismus‘, ‚Judentum‘, ‚Buddhismus‘, ‚Christentum‘, ‚Islam‘ (trotz z.T. erheblicher Differenzen in den Details), diesem Dualismus ’nachbarschaftlich verbunden fühlten‘. Der intellektuell-begriffliche ‚Ringkampf‘ der christlichen Theologie und Philosophie (und streckenweise des Islam, Avicenna und andere!) mit diesem dualistischen Erbe hat jedenfalls tiefe Spuren in allen theologischen Systemen hinterlassen, ohne allerdings dieses ‚Rätsel des Geistes‘ auch nur ansatzweise aufzulösen.

3. Diesen historischen Kontext muss man sich bewusst machen, um zu verstehen, warum für viele (die meisten? Alle?) die plötzliche ‚Nähe‘ der Technologie im alltäglichen Leben, eine sich immer mehr ‚anschmiegende‘ und zugleich ‚verdrängende‘ Technologie an diesem im Alltagsdenken ‚historisch eingebrannten‘ Dualismus‘ zu kratzen beginnt, zu wachsenden Irritationen führt (andere Technologien wie Nanotechnologie und Gentechnik gehören auch in diesen Kontext, wenn auch anders).

4. Im Ankündigungstext zur erwähnten Veranstaltung Informatik & Gesellschaft (siehe auch den Kurzbericht) wurde bewusst herausgestellt, dass seit den ersten Computern eines Konrad Zuse und dem Eniac-Computer von John Presper Eckert und John William Mauchly (1946) die Computertechnologie mittlerweile nahezu alle Bereiche der Gesellschaft in einer Weise durchdrungen hat, wie wohl bislang keine andere Technologie; dass diese Technologie realer Teil unseres Alltags geworden ist, sowohl im Arbeitsleben wie auch in der Freizeit. Man kann sogar sagen, dass diese Technologie die menschliche Lebensweise schon jetzt (nach ca. 60 Jahren) real und nachhaltig verändert hat. Neue Formen der Kommunikation wurden ermöglicht, Veränderungen der Mobilität, automatisierte flexible Produktion, Computermusik, computergenerierte Bildwelten…

5. Aber diese Durchdringung von nahezu allem – was heißt das? Die neue historische Qualität dieser Technologie besteht darin, dass diese Technologie – bislang immer noch klar erkennbar als ‚Maschinen‘, bislang nicht als ‚biologische‘ Strukturen – ‚Verhaltensweisen‘ zeigt, die denen der Menschen als Prototypen von ‚geistigen‘ Wesen ähneln. Aufgrund dieser ‚Ähnlichkeit‘ werden sie Teil von ‚typisch menschlichen‘ Handlungsabläufen (Kommunizieren, Wissen verwalten, Sport und Kunst machen, Spielen, komplexe Modelle und Prozesse entwerfen und simulieren, dann auch steuern, usw.). Seit den 80iger Jahren des 20.Jahrhunderts – also nach nicht mal ca. 30-40 Jahren — hat sich diese Technologie so mit dem menschlichen Alltag verwoben, dass eine moderne industrielle Gesellschaft komplett zusammenbrechen würde, würde man diese Technologie von jetzt auf gleich abschalten.

6. Befürworter eines noch intensiveren Einsatz dieser neuen Computertechnologien z.B. im Bereich der Industrie unter dem Schlagwort ‚Industrie 4.0‘ (so z.B. Prof. Schocke in seinem Beitrag auf der Veranstaltung Informatik & Gesellschaft – Kurzbericht oder die Autoren Thomas Klein und Daniel Schleidt in der gleichnamigen FAZ Beilage vom 18.Nov.2014 auf den Seiten V2 (Klein) und V6 (Schleidt)) sehen vor allem das Potential zu noch mehr Produktionssteigerungen bei gleichzeitiger Verbesserung der Qualität und besserer Ressourcennutzung. Gleichzeitig betonen die drei Autoren die Notwendigkeit von mehr Computertechnologie in der Industrie wegen des internationalen Wettbewerbs. Von den drei genannten Autoren spricht einzig Thomas Klein auch die Kehrseite des vermehrt ‚menschenähnlichen‘ Einsatzes dieser Maschinen im Kontext von Industrie 4.0 an: das damit möglicherweise auch viele Arbeitsplätze wegfallen werden, die bislang für Menschen Arbeitsmöglichkeiten geboten haben. Klein zitiert Untersuchungen, nach denen 47% der bisherigen Arbeitsplätze in den USA in den nächsten 10 Jahren Kandidaten für eine Substitution durch Computergestützte Technologien sind. Dies sind massive Zahlen. Dalia Marin, Professorin für Volkswirtschaft, versucht diese kommende Arbeitsmarktproblematik weiter zu differenzieren. Ausgehend von der Annahme, dass mehr Automatisierung kommen wird, sieht sie neben dem Rückzug von Hochtechnologieproduktionen in die angestammten Industrieländer dort aber die grundsätzliche Entwicklung zur Vergrößerung der Kapitalquote und zur Verringerung der Lohnquote. Diese Verringerung soll vor allem den Akademikersektor treffen; teure menschliche Arbeitskräfte werden bevorzugt von billigen computerbasierten Technologien ersetzt (FAZ 21.Nov.2014, S.16). Sowohl Klein wie auch Marin betonen aber auch, dass solche Zukunftseinschätzungen problematisch sind; der Prozess ist zu komplex, als dass man ihn einfach hochrechnen könnte.

7. Was bei allen vier genannten Autoren auffällt – auch bei den Autoren der Beilage ‚Innovation‘ (FAZ 20.Nov.2014) – ist, dass sie die ‚intelligente‘ und ’smarte‘ Technologie überwiegend aus einer ‚Außensicht‘ behandeln. Sie lassen die Wirkmechanismen dieser neuen Technologien, ihre maschinelle Logik, das, was sie so leistungsfähig macht, mehr oder weniger im Dunkeln. Smarte, intelligente Technologie erscheint dadurch – ich pointiere jetzt ein wenig — wie ein Naturereignis, das geradezu mystisch über uns hereinbricht, das einfach passiert, das so ist wie es ist, das man einfach hinnehmen muss. Auch fehlt eine historische Einordnung dieser Prozesse in das große Ganze einer Evolution des Lebens im Universum. Die sehr differenzierten Sichten von Daniel Schleidt enthalten zwar ein eigenes Schaubild zur industriellen Entwicklung, aber dieses greift – nach meiner Einschätzung – zu kurz. Es zementiert nur eher den opaken Blick auf das Phänomen, macht es begrifflich unzugänglich, schottet es für die Reflexion ab. Auch die volkswirtschaftliche Ausweitung des Blicks durch Marin geht – nach meiner Einschätzung – nicht weit genug. Sie betrachtet das Problem einer möglichen und wahrscheinlichen Substitution von menschlicher Arbeit durch computerbasierte Technologien in gegebenen historischen Kontexten und hier auch nur in einer kurzen Zeitspanne. Sie thematisiert aber nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als solche. Sehr wohl kann man die Frage nach dem aktuellen Gesellschaftsmodell stellen. Sehr wohl kann man die Frage aufwerfen, ob es ein gutes Modell ist, wenn einige wenige GFinanz- und Machteliten mit dem Rest der Menschheit nach Belieben spielen. In der Frankfurter Rundschau wird seit vielen Wochen das Thema ‚Gerechtigkeit‘ diskutiert (siehe zuletzt z.B. Mohssen Massarat, Prof. für Wirtschaft und Politik mit seiner Übersicht verschiedener Gerechtigkeitsmodelle, FR 15./16.Nov.2014, S.9) und die Lektüre eines Buches wie ‚Die Abwicklung‘ von George Packer zeigt, dass eine reflexionsfreie oligopolistische Gesellschaft wie die US-Amerikanische mehr Fragen aufwirft als sie befriedigende Antworten liefert.

8. Sieht man nur die bisherigen Diskussionsbeiträge, dann kann einen schon die klamme Frage beschleichen, warum so viele Autoren in den Spiegeln der Gegenwart immer nur noch ‚das Andere‘ sehen, die ‚Maschine‘, während der ‚Mensch‘, die ‚Menschheit‘ als Hervorbringer dieser Technologien in diesem Sichtfeld gar nicht mehr vorkommt. Es ist wie ein intellektueller blinder Fleck, der die leisesten Zuckungen von Maschinen wie eine Neugeburt feiert während das ungeheuerliche Wunder der Entstehung komplexer Lebensstrukturen auf der Erde (das bis heute in keiner Weise wirklich verstanden ist!) nicht einmal eine Randnotiz wert ist. Fokussierung auf spezifische Fragestellung hat seinen Sinn und ist und war ein Erfolgsrezept, aber in einer Zeit, in der disziplinenübergreifend komplexe Phänomene alles mit allem verzahnen, in einer solchen Zeit erscheint diese selbstgenügsame Tugend nicht mehr nur nicht angebracht, sondern geradezu kontraproduktiv zu sein. Eine falsche Fokussierung führt bei komplexen Phänomenen notwendigerweise zu Verzerrungen, zu Verfälschungen, zu falschen Bildern von der Gegenwart und einer sich daraus ergebenden Zukunft (es sei auch an die lange Diskussion in der FAZ erinnert zu den Schwachstellen moderner Betriebs- und Volkswirtschaftstheorien, die nicht nur die letzten Finanzkatastrophen nicht vorhergesehen haben, sondern auch mit ihrem Paradigma des ‚homo oeconomicus‘ empirisch weitgehend gescheitert sind.)

9. Wenn nun also Menschen selbst das Andere ihrer selbst anpreisen und sich selbst dabei ‚wegschweigen‘, ist damit die Geschichte des biologischen Lebens im Universum automatisch zu Ende oder unterliegen wir als menschlich Denkende hier nicht wieder einmal einem grundlegenden Denkfehler über die Wirklichkeit, wie andere Generationen vor uns auch schon in anderen Fragen?

10. Die Verabschiedung der UN-Menschenrechtskonvention von 1948, damals als ein Lichtblick angesichts der systematischen Greueltaten gegen die Juden (aber aber nicht nur dieser!) und der Beginn vieler anderer daran anknüpfenden Erklärungen und Initiativen erscheint vor den aktuellen gesellschaftlichen Prozessen weltweit fast schon seltsam. Dass ein totalitäres Regime wie das chinesische die Menschenrechte grundsätzlich nicht anerkennt (wohl aber chinesische Bürger, siehe die Charta 2008) ist offiziell gewollt, dass aber selbst demokratische Länder – allen voran die USA – mit den Menschenrechten scheinbar ’nach Belieben‘ umgehen, sozusagen, wie es ihnen gerade passt, dass wirkt wenig ermutigend und gibt Nahrung für Spekulationen, ob die Menschenrechte und die Mitgliedschaft in der UN nur davon ablenken sollen, was die Finanz- und Machteliten tatsächlich wollen. Die Zerstörung ganzer Gesellschaftsbereiche, die Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung, die unbeschränkte Aufhebung der Privatsphäre ohne alle Kontrollen, die globale Ausbeutung der Schwachen durch Handelsabkommen … nur wenige Beispiele die eine andere Sprache sprechen, als jene, die in den Menschenrechten vorgezeichnet ist.

11. Noch einmal, was auffällt, ist die ‚Oberflächlichkeit‘ all dieser Bilder im wahrsten Sinn des Wortes: die schier unfassbare Geschichte der Evolution des Lebens im Universum existiert eigentlich nicht; das Wunder des Geistes inmitten materiell erscheinender Strukturen ist weitgehend unsichtbar oder ist eingesperrt in eine gesellschaftliche Enklave genannt ‚Kultur‘, die nahezu kontaktlos ist mit dem Rest des Wirtschaftens, Produzierens und Denkens; eine ‚Kultur der Sonntagsreden‘ und der ‚Belustigungen‘, ein Medium für die Eitelkeit der Reichen und der Unterhaltungsindustrie.

12. Innovation entsteht nie nur aus der Wiederholung des Alten, sondern immer auch aus der Veränderung des Alten, entsteht aus dem gezielt herbeigeführten ‚Risiko‘ von etwas ‚tatsächlich Neuem‘, dessen Eigenschaften und Wirkungen per se nicht vollständig vorher bekannt sein können.

13. Die, die aktuell neue Technologien hervorbringen und einsetzen wollen, erscheinen ‚innovativ‘ darin, dass sie diese hervorbringen, aber in der Art und Weise, wie sie das biologische Leben – speziell die Menschen – damit ‚arrangieren‘, wirken die meisten sehr ‚alt‘, ‚rückwärtsgewandt‘, …. Innovationen für das Menschliche stehen ersichtlich auf keiner Tagesordnung. Das Menschliche wird offiziell ‚konserviert‘ oder schlicht wegrationalisiert, weggeworfen, ‚entsorgt‘; hier manifestiert sich ein seltsamer Zug dazu, sich selbst zu entsorgen, sich selbst zu vernichten. Die Quelle aller Innovationen, das biologische Leben, hat in Gestalt der Menschheit einen ‚blinden Fleck‘: sie selbst als Quelle.

14. Der Mangel an Wissen war zu allen Zeiten ein Riesenproblem und Quelle vieler Notlagen und Gräueltaten. Dennoch hat die Menschheit trotz massiver Beschränkungen im Wissen neues Wissen und neue Strukturen entwickelt, die mehr Teilhabe ermöglichen, mehr Einsichten vermitteln, mehr Technologie hervorgebracht haben, ohne dass ein ‚externer Lehrer‘ gesagt hat, was zu tun ist… wie ja auch alle Kinder nicht lernen, weil wir auf sie einreden, sondern weil sie durch den bisherigen Gang der Evolution für ein kontinuierliches Lernen ausgestattet sind. … Der Geist geht dem Denken voraus, die Logik der Entwicklung liegt ‚in‘ der Materie-Energie.

15. So großartig Innovationen sein können, das größte Mirakel bleibt die Quelle selbst. Wunderbar und unheimlich zugleich.

QUELLEN

George Packer (3.Aufl. 2014), Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag GmbH (die engl. Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel ‚The Unwinding. An Inner History of the New America‘. New York: Farrar, Strauss and Giroux).

Einen Überblic über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

REISENOTIZEN: BESUCH BEIM IDOL UND DEM, WAS NOCH ÜBRIG IST

1. Auslöser für das Reiseziel war ein kleines Hilfsprojekt für Schüler einer Schule, an dem wir seit längerem beteiligt sind. Dazu kam — nach ca. 5 Monaten Dauerstress — das persönliche Bedürfnis nach Urlaub .
2. Der 12-stündige Hinflug führte von Kälte direkt in tropische Hitze und bescherte eine mehrstündige Autofahrt durch Rush-Hour, Holperpisten, Regengüssen und ein Ankommen in tiefster Dunkelheit. Wir waren am Teilziel 1.
3. Ja, es gab alles, was das Klischee charakterisiert: Wärme, tropische Gewächse, Strände, grünliches bis blaues Meer, Rum, Abenteuerreisen, die eingeborenen Männer, die geduldig auf die weißen Frauen warteten, überall Reggae-Musik, freundliche Menschen, …

Strand, Ufer, und Meer

Strand, Ufer, und Meer

Pelican Bar mitten im Meer (auf einer Sandbank)

Pelican Bar mitten im Meer (auf einer Sandbank)

4. Wer Augen und Ohren hatte und mit den Menschen sprach, konnte aber schon im normalen Alltag viele Spuren einer Realität entdecken, die ein bisschen anders war als jene, aus der wir kamen.
5. Blitzlichter: Stillgelegte Bauxit-Fabriken (ein Rohstoff, den es im Land reichlich gibt) verminderten das Exportvolumen erheblich. Die Musikindustrie, ehemals weltweit einflussreich und sich vital entwickelnd, erschöpft sich bislang eher in bedeutungslosen Wiederholungen; schmälert das Exportvolumen weiterhin. Zuckerplantagen sind rückläufig. Die Kaffeeplantagen in den Blue Mountains wurden durch tropische Wirbelstürme zu ca. 60% (oder mehr) zerstört. Außer einer langen Straße an der Nordküste und einem kleinen Teilstück privater Bezahlautobahn im Süden sind die Straßen in einem miserablen Zustand. Eisenbahn gibt es nicht (mehr). Die Trinkwasserversorgung kann schwankend sein. Überall eine hohe Arbeitslosigkeit….

Stillgelegte Bauxitfabrik

Stillgelegte Bauxitfabrik

Blick aus dem Fenster eines Kaffeeplantagenhauses auf die Hänge der Blue Mountains; dazwischen die Kaffeepflanzen

Blick aus dem Fenster eines Kaffeeplantagenhauses auf die Hänge der Blue Mountains; dazwischen die Kaffeepflanzen

6. Ja, das Land hat wunderbare natürliche Ressourcen, es hat Bodenschätze, es hat wunderbare Menschen, und doch sitzt ein Krebsgeschwür inmitten aller Menschen: das abgründige Misstrauen gegenüber der Politik, die nach allen bekannten Daten als ‚durchgehend korrupt‘ geschildert wird, gemeinsame Sache mit den Gewerkschaften und dem organisierten Verbrechen macht, Recht und Gerechtigkeit als nicht erwartbar darstellt, die Filetstücke des Landes an ausländische Investoren verkauft hat bzw. weiter verkauft, die das Land für ihre ausländische Interessen schamlos ausbeuten ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, ohne einen erkennbaren Ansatz von Nachhaltigkeit, der dem Land auf Dauer helfen würde, seine Aufgaben besser zu lösen und dadurch die Krise nur weiter verstärkt. Krasses Beispiel: eine ausländische Hotelanlage für Touristen, in der die einheimische Bevölkerung nur durch einen Sondereingang hinein darf, weil die Kunden keine ‚dunkelhäutige Menschen‘ sehen sollen ….
7. Ein anderes Phänomen ist unübersehbar: wohin immer man auch fährt, man sieht überall viele unvollendete Gebäude, meist größere, die dastehen als Zeugnisse zerschollener Träume. Die Breite des Phänomens legt die Vermutung nahe, dass dies mit einer verbreiteten Einstellung zu tun haben muss, einem Bedürfnis nach individueller Darstellung, die allerdings so auch in vielen anderen Ländern zu finden ist. Ein scheinbar globales menschliches Phänomen; das Bedürfnis nach Besitz, nach Sicherheit durch Boden und Steine…

Ruine eines verstorbenen Boxers

Ruine eines verstorbenen Boxers

Ruine eines weltbekannten Malers

Ruine eines verstorbenen weltbekannten Malers

8. Bedenkt man die Armut der Menschen, dann wirkt ein Schulsystem, in dem die Kinder für ihr Lehrmaterial zahlen müssen, ‚unfreundlich‘ und vielleicht sogar kontra-produktiv, da ein Staat für eine florierende Zukunft ja auf ein leistungsfähiges Ausbildungssystem angewiesen ist. Aber selbst bei diesem noch stark verbesserungsfähigen Ausbildungssystem ist es so, dass die Mehrheit der Absolventen keine Arbeit im eigenen Land findet. Sie sind arbeitslos oder versuchen ihr Glück im Ausland. Bislang waren dies viele Millionen Menschen. Ihre Transferleistungen bilden einen wichtigen Faktor für die Menschen im Land. Doch die Einwanderungsbestimmungen in potentiellen Zielländern verschärfen sich seit einigen Jahren.

Teilansicht der Schule, die wir ein wenig unterstützen (nicht für Autos zugänglich!)

Teilansicht der Schule, die wir ein wenig unterstützen (nicht für Autos zugänglich!)

9. Durch extrem hohe Zuckeranteile in fast allen Lebensmitteln bekommen viele Menschen sehr früh zuckertypische Krankheiten (z.B. auch bei den Zähnen), die mangels medizinischer Versorgung bzw. dem Mangel an Geld für solch eine Behandlung bei vielen Menschen zu Problemen führen. Die Regierung unterlässt es, die Bevölkerung durch entsprechende Regelungen und Kontrollen zu schützen.
10. Dass es im Lande trotz all dieser Probleme bislang weitgehend geordnet und friedlich zugeht, liegt z.T. am Naturell der Menschen, an ihrer freundlichen und friedlichen Art und der Fantasie und Improvisationskunst, mit der sie versuchen, mit nahezu Nichts Lösungen oder Dienstleistungen zu generieren.
11. Andererseits stehen heute alle Länder, die touristische Dienste anbieten, in einem globalen Wettbewerb. Die Standards sind hoch. Die ’normalen‘ Bürger des Landes sind in der Regel nicht in der Lage, Leistungen anzubieten, die diesen Standards genügen. Dies führt dazu, dass immer mehr ausländische Konzerne das Heft in die Hand nehmen und schrittweise, schleichend, das Land seinen eigenen Bewohnern’entfremden‘; man kann es auch eine Form von Kolonialisierung nennen. Eine neue Variante ist die: die ausländische Investoren kaufen für ihre Mitarbeiter (aus dem Ausland) gleich die Staatsbürgerschaft mit ein. Dann könnten diese auf Dauer sogar wählen und könnten die einheimischen Regierungen unblutig durch ihre eigenen Mitarbeiter ersetzen…..

Vereinfachtes Systemschaubild eines Landes als Input-Output-System. Die Selbststeurungskapazitäten sind durch psychologische Grenzen der Verantwortlichen eingeschränkt

Vereinfachtes Systemschaubild eines Landes als Input-Output-System. Die Selbststeurungskapazitäten sind durch psychologische Grenzen der Verantwortlichen eingeschränkt

12. In unserer aktuellen Welt gibt es viele Länder, in denen sich ganz ähnliche Prozesse abspielen. Das Neue hier ist, dass ein Land A ein anderes Land B ganz ohne Krieg, einfach durch wirtschaftliche Maßnahmen – begleitet durch Änderungen geltender Gesetze – quasi ‚unterwandern‘ kann. Eine Bevölkerung, die bei diesen Veränderungsprozessen nicht mithalten kann, wird schrittweise marginalisiert. Das Erschreckende ist nur, dass nationale Strukturen im globalen Kontext so schwach und hilflos erscheinen. Nicht notwendigerweise, aber dann, wenn die politische Oberschicht sehr individuell-egoistisch und kurzfristig denkt. Würde sie die Spielregeln anders definieren und auf
ihre Einhaltung achten, wären ganz andere konstruktive Prozesse denkbar, bei denen es mehr Gewinner als Verlierer geben könnte. Das ‚psychologische Format‘ der herrschenden politischen Klasse scheint hier aber unzulänglich ‚entwickelt‘ zu sein. Ihr fehlen Weitblick, Durchsetzungsvermögen, Sachverstand, Kontakt und Verantwortung mit der eigenen Bevölkerung. Es gibt genügend Beispiele, wie man ein Land konstruktiv und nachhaltig entwickeln kann; man muss es wissen und man muss es wollen. Warum will man etwas und warum nicht?

Ausschnitt aus einer Versteinerung aus einer Zeit (vor einigen Mio Jahren), da Teile des Landes noch unter dem Meer lagen

Ausschnitt aus einer Versteinerung aus einer Zeit (vor einigen Mio Jahren), da Teile des Landes noch unter dem Meer lagen

13. Beim Rückflug saß ich in einem bunt bemalten Flugzeug eingepfercht im touristischen Standardsitz und neben mir ein Reisender von einem anderen Land, das große Investitionsprojekte im Land durchführte. Der Reisende sprach nicht die Sprache des Landes, in dem und für das er arbeitet. Er wohnte in einer Wohnanlage, die abgeschottet war von den Landesbewohnern. Er reiste auch nur deswegen, damit sein Touristenvisum für die Fortsetzung der Arbeit verlängert werden konnte. Aber auch er ist ein Menschen mit Hoffnungen. Mein Vater war auch Kriegsflüchtling und später Wirtschaftsflüchtling; er riskierte auf eigene Faust in ein anderes Land zu flüchten, für eine bessere Zukunft, und seine Frau (meine Mutter) mit damals zwei kleinen Kindern musste auf abenteuerliche Weise mit nur einem Koffer und keinem Geld nachkommen. Letztlich sitzen wir alle im gleichen Boot; aber richtig begriffen haben wir es offensichtlich noch nicht: diejenigen, die haben, verteidigen; und diejenigen die nicht haben, leiden und kämpfen, aus ihrer Sicht zu Recht…
14. Vielleicht mache ich noch einen Song zu diesem Erlebnis, oder auch zwei … Das ‚Geheimnis‘ der Reggae-Musik habe ich, glaube ich, mittlerweile ‚verstanden‘; es muss aber auch keine Kopie sein; vielleicht eher ein Reggae-After-Exploration-Experiment …

RUM als RADICALLY UNPLUGGED MUSIC

Musik vom 12.Januar 2014, kein Reggae, aber irgendwie passt sie zu den widersprüchlichen Erfahrungen dieser Reise (spziell zu der gigantischen Ruine des Malers …). Habe mit Chorversatzstücken aus einer Bibliothek herumgespielt.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.