ZUFALL – REGEL – LEBEN. MEMO ZUR PHILOSOPHIE-WERKSTATT vom 12.Nov.2017

eJournal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 13.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
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Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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ÜBERBLICK

Die Philosophiewerkstatt am 12.November 2017 (siehe Einladung) startete anhand von einfachen Computersimulationen mit grundlegenden Begriffen wie Rauschen – Ordnung,
Zufall – Regel, Regeländerungen durch Zufall, Präferenzen – Ziele.
Daraus entwickelte sich ein Gespräch, bei dem immer mehr zusätzliche
Aspekte beigesteuert wurden. Dabei überlagerten sich verschiedene
Sichten aufgrund der unterschiedlichen Ausgangspunkte.

1. SIMULATIONEN

Die Philosophiewerkstatt startete dieses Mal mit zwei einfachen Computersimulationen.

1.1 Akteur – Umgebung

In der einen Simulation konnte man einen einzelnen Akteur in einer Umgebung beobachten, der entweder nach einem Zufallsprinzip vorging oder mit
einer festen Regel.
Das Zufallsprinzip schloss zwar einen Erfolg grundsätzlich nicht aus,
setzt aber für einen nachhaltigen Erfolg voraus, dass eine genügend lange
Zeit zur Verfügung steht oder sehr viele Akteure gleichzeitig im Einsatz

 

Ideen-Netzwerk zur Sitzung vom 12.Nov.2017

Ideen-Netzwerk zur Sitzung vom 12.Nov.2017

sind, so dass das Scheitern von vielen begleitet sein kann von dem Erfolg
von wenigen.
Das Vorgehen nach einer festen Regel bot 100%-tigen Erfolg, wenn die
Regel zur Umgebung passt, aber zugleich 100%-tiges Scheitern, wenn die
Regel nicht passt. Bei einer sich verändernden Umwelt wäre die Fixierung
auf eine feste Regel also ein Todesurteil, mehr noch als nach dem Zufallsprinzip vorzugehen; Letzteres kann zumindest gelegentlich Erfolg haben.
In der Diskussion der beiden Beispiele ergab sich dann als mögliche
Verbesserung die Idee einer sich verändernden Regel.

1.2 Sich Verändernde Regel

Dazu gab es eine Simulation, in der drei einfache – zu Beginn durch Zufall
– erzeugte Melodien vorgespielt wurden. Man konnte diese relativ zueinander bewerten. Aus den beiden am höchsten bewerteten wurden wieder drei
neue Melodien gebildet und wieder zur Bewertung gestellt.
In diesem Fall waren die Melodien die ’Regeln’, die als Melodie festliegen, die aber nach Rückmeldung durch die Zuhörer ’abgeändert’ wurden.
Klar erkennbar war, dass die Melodien tatsächlich abgeändert wurden.
Es stellte sich dann aber bald die Frage, welche nun besser sei als die an-
deren?
Die Fähigkeit, eine Regel zu ändern bildet die Voraussetzung dafür, ein
regelgeleitetes Verhalten den Gegebenheiten der Umgebung anzupassen,
aber die Richtung der Änderung war damit noch nicht geklärt. Richtungen
haben mit Präferenzen zu tun, mit Werturteilen, mit Zielen.

2. CHAOS, ORDNUNG UND ZIELE

Im Kontext des Begriffs Zufall wurden auch Begriffe wie Rauschen, Entropie und Chaos angesprochen. Diese Begriffe entstammen unterschiedlichen
Sprachspielen (Zufall – Mathematik, Rauschen – Akustik, Entropie – Physik,
Chaos – Mythologie (mit neueren mathematischen Deutungen)). In der
Diskussion wurden sie als letztlich gleichbedeutend behandelt, da sie Systemzustände beschreiben, in denen sich keine Regelhaftigkeiten beobachten
lassen. Insofern stellen diese Begriffe einen Gegenpol dar zu jeder Art von
Regelhaftigkeit, unabhängig davon, wie diese zustande kommt.
Regeln bilden die Bausteine für komplexere Ordnungen, die implizit
Zielsetzungen enthalten, Präferenzen, Wertentscheidungen. Solche Präferenzen
können einen konventionellen = arbiträren Charakter haben (z.B. Verkehrsregeln),
oder aber werthaftig sein im Sinne einer Normentscheidung, die die Alter-
native nicht-diskutierbar ausschließt (z.B. Grundgesetz Art.1: ’Die Würde
des Menschen ist unantastbar…’).
Werthafte Entscheidungen hängen von Wissen ab, mehr noch: von
Überzeugungen, dass A in einem nicht-diskutierbaren Sinne besser sei
als B.
Wenn solche Wertüberzeugen kompatibel sind mit einem nachhaltigen
Leben sind solche Wertüberzeugungen hilfreich. Falls nicht, sind sie nachhaltig destruktiv und tödlich. Beispiele für Wertüberzeugungen liefern viele
institutionell-religiöse System oder Populismen, in denen Wertüberzeugungen
das Handeln anleiten, ohne dass diese – in der Regel – selbst in Frage
gestellt werden werden dürfen (Gilt abgeschwächt auch für staatliche Verfassungen).
Im Bereich des Biologischen manifestiert sich in vielen Beispielen, dass Individuen nach bestimmten individuell festen Regeln miteinander komplexe soziale Systeme realisieren, die in ihrer Gesamtwirkung die Fähigkeiten
des einzelnen Individuums weit überragen. Die hier beobachtbaren Regel
sind – jede für sich – fest programmiert.
Menschen können solche festen Regelsysteme auch leben; allerdings
besitzen sie die zusätzliche Fähigkeit, solche Regelsysteme abzuändern.

3. INDIVIDUUM – SYSTEM

Als Individuum tendiert man dazu, die Welt aus der individuellen Perspektive zu sehen und zu bewerten. Auch ein möglicher Sinn wird in der individuellen Perspektive verankert. Tatsache ist aber, dass das Individuum
weitgehend nur als Teil eines größeren Zusammenhangs (Population, Art,…,
Umwelt, …) existieren kann. Wenn der größere Zusammenhang nicht auf
die Existenz des Individuums abgestimmt ist, hungert es, dürstet, friert, ist
schutzlos, ist hilflos, … Der je größere Kontext ist also möglicherweise der
wichtigere Sinnträger.

4. DEUTUNGSBILDER

Aufgrund der unterschiedlichen Sichten, die im Gespräch zutage traten,
wurde es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Worte, die jemand
benutzt, die sprachlichen Äußerungen, ihre intendierten Bedeutungen über
spezifische Bedeutungsbeziehungen beziehen, die unterschiedlichen Spiel-
regeln unterliegen können.
Eine philosophische Redeweise unterliegt anderen Spielregeln als eine
experimentell-wissenschaftliche Redeweise. Manches, was experimentell-
wissenschaftlich nicht gesagt werden kann, kann philosophisch gesagt wer-
den.
So kann man philosophisch Begriffe wie z.B. Geist, Psyche, und Seele
in bestimmten Kontexten benutzen, experimentell-wissenschaftlich sind diese
Begriffe aber nur schwer, wenn überhaupt, definierbar.
Entsprechend gehören auch biblische Redeweisen, wie man sie z.B.
im Buch Genesis des Alten Testaments zur Entstehung der Erde und des
Lebens lesen kann, einem ganz anderen Sprachspiel an als jene experimentell-
naturwissenschaftlichen Redeweisen über die Entstehung des physikalischen Universums und des biologischen Lebens auf dem Planet Erde.

5. AUSBLICK

Nach diesem sehr angeregten und intensivem Gespräch wurden als Themenwünsche für die nächste Sitzung am So 9.Dez 2017 genannt:

1. Was ist der Mensch? Einerseits ist der Mensch ein biologisches
Lebewesen, Teil des allgemeinen biologischen Lebens, andererseits
verfügt der Mensch über einige Eigenschaften, die ihn von den übrigen
Lebensformen unterscheiden. Welche sind dies? Was bedeutet dies?
2. Zukunft des Menschen: wie muss man sich die Zukunft des Menschen vorstellen? Was kann, was muss sich ändern, wenn das Leben
erhalten bleiben soll?
3. Wie soll man das Zusammenspiel von Mensch und Technologie in
der Zukunft sehen? In welche Richtung könnte sich der Mensch
verändern? In welche Richtung sollte er sich verändern? Inwieweit
kann die Technik hier helfen?
4. Ist es denkbar, dass sich das Bedürfnisprofil des Menschen in der
Zukunft ändert? Muss es sich nicht sogar ändern? Welche Bedürfnisse
sind eigentlich wichtig?

KONTEXTE

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HYSTERIE: NEIN, SOLIDARITÄT: JA – DAHINTER WARTET DIE WAHRHEIT

Zur Einstimmung: European Sound – There was a Time with more than three Colours of Souls Radically Unplugged Music vom 16.Januar 2015

HYSTERIE UND SOLIDARITÄT DIESER TAGE

Die Anschläge auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo am Mi, den 7.Januar 2015 hat eine Solidaritätsreaktion in Frankreich und weltweit ausgelöst, wie sie Frankreich selbst so noch nie erlebt hatte. Zugleich gab es vermehrt Angriffe auf muslimische und jüdische Einrichtungen, die zu großen Verunsicherungen und realen Ängsten bei jenen Franzosen geführt haben, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben.

NICHT WIRKLICH NEU

Das Attentat von Charlie Hebdo am 7.Januar 2015 steht nicht alleine. Mindestens seit dem 11.Sept.2001 in New York gab und gibt es terroristische Anschläge in vielen Ländern, die Entsetzen, Unverständnis und – in extremer Form – Hass hervorgerufen haben, die politischen Reaktionen veranlassten, immer mehr Kontrolle, Verstärkung von Ängsten, und auch eine deutliche Verstärkung von Feindbildern.

ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG

Solche Attentate finden in einer Zeit statt, in der sich viele Ländern, speziell auch die westlichen, in einer spürbaren allgemeinen Verunsicherung befinden, nicht wegen den Terroristen, sondern allein schon wegen ihrer eigenen Prozesse, die immer komplexer geworden sind, immer unübersichtlicher; wo die Wissensexplosion die Wissenschaften in ihrem Kern bedroht; wo die bekannten politischen Prozesse täglich erfahrbar den Eindruck erwecken, als ob sie die Nöte, Bedürfnisse und Erwartungen der Wähler nicht mehr erkannt und tatsächlich berücksichtigt werden. Wo Lobbyisten anscheinend die Kontrolle über viele Politiker bekommen haben. Wo komplizierte gesellschaftliche Probleme tendenziell eher ‚ausgesessen‘ anstatt konstruktiv gelöst werden. Wo die meisten Medien kurzfristig – und kurzsichtig? — sich dem Geschäft der tagesnahen ‚Belustigung des Publikums‘ verschrieben zu haben scheinen, 24 Stunden täglich eine Art ‚Gehirnwäsche mit Müllinhalten‘, die wenig geeignet sind, einen klaren Blick auf die laufenden gesellschaftlichen Prozesse zu unterstützen.

VEREINFACHUNG ALS VERSUCHUNG

Vor diesem Hintergrund und in dieser Situation ist es nachvollziehbar, das nicht wenige Menschen das tun, was jedem Menschen als Verhaltensreaktion quasi angeboren ist: zu vereinfachen. Es gehört zur Überlebensstrategie des Menschen, dass sein Gehirn versucht, die vielfältigen eindrücke zu ‚ordnen‘, dadurch zu ‚vereinfachen‘, und damit die Welt lebbare zu machen. Wie weit die ‚Verarbeitungstiefe‘ solcher Vereinfachungen reichen, ist zeitabhängig (wie lange kann man sich mit einem Problem beschäftigen) und wissensabhängig (wie viel weiß man schon, um neue Ereignisse einsortieren zu können). So gesehen gab es schon immer Vereinfachungstendenzen. Davon lebt jede Propaganda, die Werbeindustrie, der Unterhaltungsindustrie, und die Fundamentalisten in jeder bekannten Religion sind auch nicht neu. In der radikalen Version eines Fundamentalisten hat sich die Vereinfachung aber so verfestigt, abgeschottet, dass eine Änderung der Anschauungen nahezu ausgeschlossen scheint; Fundamentalismus ist eine Art geistiger Kurzschluss: alles, was eine Modifizierung, Korrektur des aktuellen Weltbildes verursachen könnte, ist geächtet. Wären es nicht Menschen, die solche Haltungen einnehmen können, würde man von ‚Robotern‘ sprechen, obgleich jeder ‚echte‘ Roboter eine grundsätzliche Lernfähigkeit besitzen würde, …

ERNST NEHMEN

Eine häufig zu beobachtende Reaktion von Menschen zu anderen Menschen, die erkennbare Vereinfachungen nach außen zeigen ist ‚lächerlich machen‘, ‚Verunglimpfen‘, ‚Beschimpfen‘, ‚Verachten‘, ’nieder machen‘ und dergleichen mehr. Dies verstärkt nicht nur die Haltung der anderen, sondern zeigt auch eine gewisse Form der Hilflosigkeit bei denen, die auf solche Vereinfacher treffen. Im Falle von ‚fundamentalistischen Vereinfachern‘ ist in der Tat schwer zu sehen, was man tun kann außer sich der eigenen Mehrheit in Solidarität zu versichern. Doch die wirklich harten fundamentalistischen Vereinfachern sind in der Regel eher deutliche Minderheiten. Die große Mehrheit der Vereinfacher weiß es normalerweise einfach nicht besser; ihnen fehlen Informationen; ihnen fehlt Wissen; ihnen fehlen Medien und Politiker, die sie ernsthaft und sachkundig ‚aufklären‘, die vernünftig und ruhig informieren, die zuverlässig sind und reales Vertrauen aufbauen können.

LEICHEN IM KELLER

In ‚ruhigen‘ Zeiten, wo alles ’seinen Gang‘ geht, muss man nicht viel nachdenken, benötigt man keine spezielle Kommunikation. Jeder redet das, was alle erwarten. Nimmt aber die Komplexität zu, zeigen sich Veränderungen, entstehen Verunsicherungen durch Änderungen der Abläufe, nimmt die Vielfalt zu wegen Durchdringung, dann entsteht zunehmend der Bedarf nach Verständigung, nach Erklärung. In diesem Moment kann es sich rächen, wenn man in der Vergangenheit Probleme ‚unter den Teppich‘ gekehrt hat, wenn man in der Vergangenheit keine ‚echte Diskussionskultur‘ praktiziert hat, wenn man in der Vergangenheit die Medien in Schrottkanäle verwandelt hat, wenn die Politiker sich angewöhnt haben, ihre Wähler nur noch wahltaktisch zu sehen und zu behandeln.
In Frankreich z.B., wissen alle seit Jahren, dass die Vorstädte in ihrer Struktur und Funktionalität eine vollständige Fehlplanung waren, dass sie in ihrem Format und mit ihrer ‚Belegung‘ mit problemintensiven Gruppen das ‚Unheil‘ geradezu in Reinform gleichsam ‚züchten‘, ‚ausbrüten‘. Aber niemand hat dagegen etwas getan. Diese Vorstädte waren – und sind – tickende soziale Zeitbomben; wenn in manchen Bereichen der Gesellschaft, Menschen der Gesellschaft Schaden zufügen, dann werden sie dafür u.U. zur Verantwortung gezogen. Alle jene, die diese unseligen Vorstädte geplant und gebaut haben, wurden bislang nicht zur Verantwortung gezogen. Welcher der Planer und Erbauer würde freiwillig 5 Jahre in so einem Wohngebiet wohnen? Wenn dann einige wenige junge Menschen von vielen Zehntausenden, die dazu Grund hätten, ihre Verzweiflung in unmenschliche Taten umsetzen ist die Aufregung groß, aber alle haben Jahrelang zugesehen, wie Menschen durch solche Lebensverhältnisse geradezu ‚gezüchtet‘ werden…

WAS DIE GESCHICHTE UNS SAGEN KÖNNTE

Wagt man einen Blick zurück in die Geschichte, dann findet man zu allen Zeiten Eroberungen, Wanderungsbewegungen, Transformationsprozesse, und speziell Europa als Ganzes (Morgenland und Abendland!) war schon immer reich, um nicht zu sagen überreich an Vielfalt von Ethnien, Kulturen, Gebräuchen und Sprachen. Und Europa als Ganzes hat es erstaunlich oft geschafft, über große Zeiträume (z.B. griechisch-römische Kultur ca. 500 Jahre, arabisch-islamische Kultur ca. 700 Jahre) nicht nur Frieden zu realisieren, sondern zugleich auch Toleranz, Bildung, Gesundheit, Infrastrukturen, Wohlstand, Weiterentwicklung auf allen Ebenen. Die Kernelemente waren immer eine Toleranz für eine Koexistenz unterschiedlicher Weltanschauungen und eine umfassende Bildung aller Schichten, nicht nur für Eliten. Dies war der ‚Schmierstoff‘, der alle anderen Prozesse ermöglicht hat. Die größten Bedrohungen und Behinderungen waren immer Verabsolutierungen einzelner Anschauungen und gesellschaftsfeindliche Konzentration von Besitz (sehr massiv in diesem Sinne die römische Papstkirche zwischen 500 und ca. 1500, oder all jene absolutistischen Monarchen, die eine Spaltung zwischen Eliten und der Restbevölkerung betrieben).

So gesehen sind die ‚Zutaten‘ zu einer blühenden Gesellschaft sehr einfach: reale Toleranz, Rechtssicherheit, massive Bildung, funktionierende Infrastrukturen, darin eingebettet Handel und Wirtschaft. Dann sind alle zufrieden, jeder gibt sein Bestes.

ANFANGEN KANN MAN IMMER

Egal in welchem Zustand sich eine Gesellschaft gerade befindet: es wird immer Menschen brauchen, viele Menschen, die die entscheidenden ‚Leitbilder‘ ‚vor Augen‘ haben und sich für ihre Verwirklichung einsetzen, auf allen Ebenen, an allen Orten. Ohne diese ‚Visionäre des guten Lebens‘ geht gar nichts.

Ein weit verbreiteter Irrglauben ist, dass es die Religionen sind, die uns in solchen Fragen helfen können. Die Geschichte lehrt uns eindeutig, dass es auf keinen Fall die Religionen sind, die uns helfen, eine blühende Gesellschaft zu realisieren. Die römische Papstkirche z.B. hat über fast 1000 Jahre demonstriert, dass sie Menschen und allgemeines Wissen verachtet, staatliche Einrichtungen nahezu völlig zerstört hat, und eine elitäre feudalistische Gesellschaft gefördert hat, die die westlichen europäischen Staaten (das Abendland) nahe an den Abgrund gebracht hat. Hätte es zur gleichen Zeit nicht die hochstehende arabisch-islamische Kultur gegeben, die das griechisch-römische Erbe nicht nur aufgegriffen, sondern beeindruckend weiter entwickelt und gepflegt hätten, wer weiß, was aus Europa dann geworden wäre. Der spätere Zerfall der arabisch-islamischen Kultur zeigt aber auch, dass es nicht der Islam als solcher ist, der eine blühende Gesellschaft garantiert, sondern dass es die Kombination eines Islam war mit einer Aufgeschlossenheit für Bildung und Wissen für alle gepaart mit allen zugänglichen leistungsfähigen Infrastrukturen eingebettet in eine dominante Toleranz, die es Menschen aller Hautfarbe und Anschauung ermöglichte, ein freies, kreatives und produktives Leben zu führen.

GUT UND BÖSE, WAHR UND FALSCH

Innerhalb des allgemeinen Bedürfnisses der Menschen, ihre Welt zu ‚verstehen‘, die Ereignisse ‚einordnen‘ zu können (‚Vereinfachen‘!), gibt es auch das mindestens so starke Bedürfnis – oder ist es einfach Teil vom Wunsch nach dem Verstehen? –, zu wissen, was ‚richtig‘ ist, was ‚wahr‘ und was ‚falsch‘ ist bzw. was ‚gut‘ und ‚böse‘ ist.

In Diskussionen zu diesem Thema kann man – was jeder bestimmt schon mal selbst erlebt hat – schnell in wildeste Gespräche geraten bei denen am Ende keiner mehr so richtig weiß, was ist denn jetzt ‚wahr‘, ‚falsch‘ …. und man bleibt dann vorsichtshalber erst mal wieder bei dem, was man immer schon gewusst hat.

Nun dürfte jedem klar sein, dass ein Urteil über ‚Gut – Böse‘, ‚Wahr – Falsch‘ jeweils irgendein Kriterium K voraussetzt, anhand dessen man entscheiden kann, trifft eher das eine oder eher das andere zu. Wenn man z.B. weiß, was es heißt, dass die ‚Sonne scheint‘, dann kann man normalerweise natürlich feststellen, ob die Aussage ‚Die Sonne scheint jetzt‘, ‚zutrifft‘, also ‚wahr‘ ist, oder nicht zutrifft, also ‚falsch‘ ist. Desgleichen: wenn man sich in einer sozialen Gruppe darauf geeinigt hat, was ‚Stehlen‘ ist und dass dies in der ozialen Gruppe nicht vorkommen soll, dann können alle Mitglieder der Gruppe nach bedarf entscheiden, ob ein Mitglied der Gruppe ‚etwas gestohlen‘ hat oder nicht. Ist es wahr, dass jemand etwas gestohlen hat, dann ist dies nach dem Verständnis der Gruppe ‚Böse‘; trifft es zu (ist es wahr), dass das Mitglied nicht gestohlen hat, dann ist dies im Verständnis der Gruppe ‚Gut‘.

‚Wahrheit‘ und ‚Falschheit‘ sind in diesem Sinne entscheidbare Sachverhalte, die die Basis für unsere Weltbetrachtung bilden. ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sind ‚Wertvorstellungen‘ von sozialen Gruppen, die – sofern sie verstehbar sind – dazu verwendet werden können, innerhalb einer sozialen Gruppe das gemeinsame Verhalten zu ‚regeln‘. Die Anwendung von Gut-Böse-Regeln setzt die Möglichkeit der Wahrheitsfindung voraus: liegen tatsächlich die Sachverhalte vor, die im Sinne von Gut-Böse bewertet werden sollen.

Gut-Böse-Regeln sind so gesehen gemeinsame Verhaltensnormen, Verhaltensregeln, können auch ‚Gesetze‘ genannt werden, kann man als ‚Moral‘ einer Gruppe verstehen oder als ‚ethische Dimension‘.

DER MISSBRAUCHTE GOTT

Solange solche Regeln in einer überschaubaren Gruppe praktiziert werden, sind sie für alle verstehbar, nachvollziehbar, und letztlich sogar diskutierbar, da sich ja u.U. die Lebensverhältnisse ändern, so dass bestimmte Regeln unter den neuen Bedingungen gar keinen Sinn mehr machen. Solche ‚offene‘ Normensystem sind lebenswichtig für eine Gruppe und zugleich produktiv-kreativ; sie werden den Umständen angepasst.

Werden solche sozialen Gruppen größer, so groß, dass nicht mehr alle miteinander reden können, dass man sich nicht mehr kennt, dann wird eine Verständigung über solche wichtigen Verhaltensnormen schwierig, eventuell so schwierig, dass man neue Mechanismen benötigt, um sie ‚abzusichern‘.

Das sogenannte Alte Testament als Teil der christlichen Bibel (und dann auch die Thorah der Juden) liefert zahllose Beispiele dafür, wie Verhaltensregeln, die zunächst nur für bestimmte lokale Gruppen/ Stämme galten, irgendwann (aufgrund von Wanderungen und Eroberungen) auch für weitere Gruppen gelten sollten. Das Mittel der Wahl war dann die Berufung auf ein ‚höheres Wesen‘, auf ‚Gott‘. Da scheinbar jeder Mensch eine gewisse Neigung hat, an ein höheres Wesen zu glauben, zugleich dieser ‚Gott‘ nicht weiter definiert ist, konnten soziale Anführer relativ leicht den individuellen unspezifischen Gottesglauben dazu benutzen, um ihn mit den jeweiligen Regelsystemen zu verknüpfen, die gerade sozial-politisch oder aufgrund bestimmter partikulärer Machtinteressen ‚gewollt‘ waren. Dass es im Alten Testament mehrere verschiedene solche Regelsysteme nebeneinander gab und gibt, zeigt nur die historische Bedingtheit all dieser Vorstellung (dies macht das Alte Testament zum Verstehen der Geschichte interessant). Wie man historisch feststellen kann, war dieses Vorgehen der Verknüpfung eines historisch gewachsenen Regelsystems mit einem unspezifischen Gottesglauben sozial erfolgreich. es ermöglichte größere komplexe soziale Gruppen auf der Basis eines gemeinsamen Regelsystems. Dieses ‚magische‘ Modell der Normenbildung hatte und hat nur den Nachteil, dass die Verhaltensnormen fortan nicht mehr offen von allen diskutierbar waren. Da die Regeln ihrer menschlichen Herkunft jetzt entrückt waren und den Status von ‚Gottes Wort‘ erlangt hatten, waren sie entweder ‚ewig‘ oder aber, es gab eine ‚Sonderklasse‘ von Menschen, die ‚Gottesmittler‘ die, obgleich sie Menschen waren, irgendwie, auf geheimnisvolle Weise, doch mehr wussten als normale Menschen (Propheten, Priester, Seher…). Die Geschichte zeigt klar, wie allzu menschlich all diese ‚Gottesmittler‘ in allen Jahrhunderten waren. Zugleich sieht man, wie solche der Realität enthobenen Regelsysteme im Laufe der zeit immer befremdlicher, immer obskurer wirken. während die Welt sich weiter verändert, die Gesellschaften sich aufgrund ihrer Aktivitäten weiter entwickeln, bleiben die künstlich festgefrorenen Regelsysteme ’starr‘, passen immer weniger, werden immer unverständlicher.

Man muss es Ganz-Europa hoch anrechnen, dass es nicht nur die drei größten Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam) ‚erfunden‘ hat – was als große kulturelle Leistung zu betrachten ist –, sondern zugleich auch die ‚Weiterentwicklung‘ der Offenbarungsreligion in Form des religionsfreien Staates mit einer religionsfreien Wissenschaft.

Im Konzept der religionsfreien Wissenschaft wurden die Regelsysteme wieder ‚zurückgeholt‘ aus der Sphäre der Unkontrollierbarkeit und verankert im Hier und Jetzt, wurden die Menschen wieder Herr ihrer eigenen Regeln, wurden Regeln wieder ‚kritisierbar‘, konnte man menschlich aufgestellte Regeln wieder ändern, wenn die Wirklichkeit ihnen entgegen stand. Und gestärkt durch die Erfolge der empirischen Wissenschaften gewannen auch wieder solche staatliche Regelsysteme Anerkennung und Gewicht, die wie das Griechische oder das Römische religionsfreie Regeln zur Praktizierung einer gemeinsamen und offenen Gesellschaft darstellten. Keine ‚Sonderwesen‘, keine ‚Sonderrechte‘, keine ‚Sonderwahrheiten‘ außerhalb der Kompetenz und Kontrolle der Menschen, die nach diesen Regeln leben wollen.

WAHRE RELIGION

Ist Religion damit überflüssig geworden?
Ein ganz klares NEIN!
Jetzt kann wahre Religion erstmalig anfangen.
Ganz-Europa steht vor seiner nächsten kulturellen Revolution: nach der Erfindung der Offenbarungsreligionen und des modernen, aufgeklärten Staates geht es jetzt um die wahre Religion aller Menschen in einer freien, und offenen Gesellschaft, in der Wissen offen und transparent ist, in der alle Menschen gleich sind, in der der Wohlstand für alle da ist.

Anmerkung: Dieser Beitrag kam nur zustande, weil ich mich zuvor mit dem Buch von Bergmeier Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur auseinander setzen konnte, dazu auch das Gespräch in der philosophieWerkstatt v2.0 vom 11.Januar 2015.

Wer noch etwas Zeit übrig hat …. der kann folgende RUM-Komposition anhören:

Heh – Where are You?.

Es handelt sich um ein Stück das die Situation des Autors cagent schildert … und damit stellvertretend die Situation jedes einzelnen Menschen, der versucht, in Kommunniaktion zu treten. Das Artikulieren von ‚Innenleben‘ heisst nicht automatisch, dass es eine Rückmeldung gibt… die dunkle Einsamkeit ist ein Moment einer sich aufbauenden Gemeinsamlkeit in Verschiedenheit…

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

Seit einiger Zeit melde ich die Beiträge des Blogs auch bei Twitter an. Das Pseudonym ist @cagentartist und hat als Erkennungsbild einen originalen Schneemann aus Finnland, gebaut von einer Freundin. Ein Schneemann hat viele Ähnlichkeiten mit uns Menschen 🙂

KEINE ABSOLUTE MORAL?

 

(1) In einem Blogeintrag vom 29.Juni 2011 hatte ich über die spezielle Rolle des Sexualtriebes im Kontext der Evolution nachgedacht. Sieht man von der Romantik ab, mit der wir Menschen in den unterschiedlichen kulturellen Kontexten diesen Trieb ’schön zu reden‘ versuchen, handelt es sich bei diesem Trieb um ein genetisches Erbe, das die männlichen Vertreter der Art homo sapiens erheblich unter Druck setzt und für die weiblichen Vertreter zu allen Zeiten viel Erniedrigung und Gewaltakte mit sich gebracht hat und immer noch mit sich bringt.

 

 

(2) Zu allen Zeiten haben menschliche Gemeinschaften versucht, den ‚Umgang‘ mit der Sexualität zu ‚regeln‘: sowohl in Sorge hinreichend vieler geeigneter Nachkommen als auch zur Bewahrung des ’sozialen Friedens‘. Denn – so scheint es – der Sexualtrieb ist beim Menschen begleitet von einer Vielzahl von Emotionen, Gefühlen, die das Erleben und Verhalten von Menschen stark beeinflussen können wie ‚Körperliche Anziehung/ Erotik‘, ‚Sich Hingezogenfühlen‘, ‚Zuneigung’/ Sympathie‘, ‚Liebe‘, ‚Vertrauen/Treue‘, ‚Besitzen wollen‘, ‚Eitelkeit‘, ‚Machtgier‘, ‚Kontrollbedürfnis‘, ‚Neid‘, ‚Aggression‘, ‚Hass‘, ‚Anerkennungsbedürfnis‘, ‚Stolz‘, ‚Soziale Stellung‘, usw.

 

 

(3) Durch diese emotionalen Konnotationen ist eine sexuelle Beziehung im Normalfall nie nur eine sexuelle Beziehung. Je nach Kontext geht es auch darum, den anderen zu besitzen, ihn zu kontrollieren, ihn zu unterwerfen, ihn zu demütigen, sich zu befriedigen, oder, im Kontrast dazu, um Vertrautheit zu erleben, um Nähe zu spüren, um Anerkennung zu finden, um Gleichklang zu erleben, um Treue zu praktizieren (und darin zu erfahren), um soziale Anerkennung zu finden, um Kinder ‚zu haben‘, usw.

 

(4) Wie die Anthropologie uns lehrt, waren die Formen sexueller Beziehungen zu den unterschiedlichen Zeiten und an den unterschiedlichen Orten dieser Welt in Abhängigkeit von den jeweils herrschenden kulturellen Zusammenhängen sehr unterschiedlich. Eine einzige kurze und einfache Regel kann solch einen komplexen Zusammenhang niemals hinreichend beschreiben. Von daher ist ein schlichter Satz wie ‚Du sollst nicht die Ehe brechen‘ isoliert betrachtet nahezu bedeutungslos. Ohne Bezug zur jeweiligen Zeit, zur Region, zu jener Volksgruppe, die sich in einem bestimmten Kontext mit dieser Regel ‚etwas sagen wollte‘, kann man nicht verstehen, was solch eine Regel ’sagen will‘.

 

 

(5) Die Nutzung von sprachlichen Ausdrücken um soziale Verhaltensweisen zu beschreiben, auch im Sinne von Verhaltensgeboten oder – verboten, nimmt normalerweise Bezug auf einen erlebbaren Sachverhalt (z.B. den Sexualtrieb) und beschreibt den möglichen Umgang damit (z.B. wann ihn wer wo und wie ‚ausleben‘ darf oder soll oder eben nicht). In der Regel werden ‚Normen‘ (Gebote oder Verbote) nur formuliert, um entweder vor einem möglichen ‚Schaden‘ zu schützen oder aber um etwas zu unterstützen, was als ‚Gut‘ eingeschätzt wird. Solange es um die Machtinteressen der – auf Kosten aller anderen – Herrschenden geht, ist es nicht notwendig, Normen zu ‚motivieren‘ oder gar zu ‚erklären‘. Normen werden dann einfach aufgestellt und ihre Einhaltung befohlen. Missachtungen werden sanktioniert. Solche unmotivierten – sprich: apodiktischen – Normen können sachlich falsch sein, solange sie aber den Herrschenden nützen, werden sie mit Machtmitteln ‚hochgehalten‘. Eine leicht schwächere Form von apodiktischen Normen sind jene, in denen eine Volksgruppe bzgl. des Umgangs mit sexuellen Beziehungen ihre spezifischen Erfahrungen gemacht hat (die mehr oder weniger alle Erwachsenen kennen) und man sich aufgrund dieser Erfahrungen ‚einigt‘, bestimmte Verhaltensweisen mit einem Gebot oder Verbot zu belegen. Die Regel selbst – wie z.B. ‚Du sollst nicht die Ehe brechen‘ – erscheint völlig apodiktisch, für die Beteiligten gibt es aber einen ‚gewussten‘ – und zumeist ‚tradierten‘ – Zusammenhang, der motiviert/ erklärt, warum diese Regel gelten soll. Geht solch ein Motivationszusammenhang verloren, dann wird aus einer ‚anscheinend‘ apodiktischen Regel eine reale apodiktische Regel.

 

 

(6) Der ‚Wahrheitsgehalt‘ von Normen verbunden mit einer möglichen ‚Sinnhaftigkeit‘ hängt direkt ab von ihrer Verstehbarkeit. Eine Norm, die nicht verstehbar ist, also nicht beziehbar auf konkrete Umstände und den handlungsmäßigen Umgang mit den Umständen, kann nicht ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein, da kein überprüfbarer Weltbezug vorliegt. Sollte ein Weltbezug aufweisbar sein, dann stellt sich aber immer noch die Frage nach der ‚Sinnhaftigkeit‘: bewirkt man durch ein bestimmtes Verhalten in bestimmten Umständen etwas ‚Gutes‘ oder etwas ‚Schlechtes‘?

 

 

(7) Eine Norm, die einen ‚allgemeinen moralischen‘ Anspruch erhebt, setzt voraus, dass es eine ‚prinzipielle Einsicht‘ in das gibt, was ‚Gut oder Schlecht‘ ist, und zwar für jeden Menschen zu jeder Zeit an jedem Ort. Am Beispiel der Medizin wissen wir, dass das Erkennen von Krankheiten und deren Behandlung stark ‚wissensabhängig‘ war und ist. Solange bestimmte Erkenntnisse über den Körper und die verschiedenen Krankheitserreger nicht verfügbar waren, gab es ‚medizinische Normen‘, die man befolgen sollte, obgleich diese – vom heutigen Kenntnisstand aus – ‚falsch‘ waren. Entsprechendes gilt übertragen auch von der Sexualität. Die Einsichten in die inneren (biologischen und genetischen) Mechanismen der menschlichen Sexualität sind erst kürzlich differenzierter zur Kenntnis gekommen und manche Regeln aus der Vergangenheit (z.B. solche, die die Frau als Frau verteufelt haben, weil sie bei Männern zu Erregungszuständen führen können) sind sachlich verkürzend und bewirken vielfach reales Unheil.

 

 

(8) Nach heutigem Wissensstand müssen wir davon ausgehen, dass jegliche sprachliche Formulierung einer Norm generell wissensabhängig ist und dass es grundsätzlich für individuelle Menschen kein ‚absolutes‘ Wissen gibt. Menschliches Wissen ist immer ‚konkret‘, ‚endlich‘, historisch geworden‘, ’situativ vermittelt‘ und kann sich immer nur ‚relativ zu den verfügbaren Voraussetzungen‘ entwickeln. Trotz dieser fundamentalen Relativität ist es ‚wahrheitsfähig‘, es läßt sich in großen Teilen mit Bezug auf die vorfindliche Umgebung Welt als ‚zutreffened erweisen‘.

 

 

(9) Vor diesem Hintergrund müssen wir festhalten, dass es für Menschen – beim aktuellen Wissensstand — zu keiner Zeit ‚absolute‘ – sprich: apodiktische – Normen geben kann. Kommen sie dennoch vor dann spiegeln sie entweder nicht akzeptable Machtverhältnisse wieder oder eine gefährliche Form von Unwissenheit. In solchen Zusammenhängen das Wort ‚Gott‘ zu bemühen – was in der Geschichte oft geschah – ist eigentlich eine Beleidigung Gottes und sagt weniger etwas über Gott aus als über die Menschen, die ihre Machtinteressen oder ihr mangelndes Wissen mit dem Namen Gottes kaschieren wollen. Das ist eine der schlimmsten Formen von Atheismus und Gotteslästerung, die es geben kann (dass Gott zu einem einzelnen Menschen auf besondere Weise ’sprechen‘ kann, das ist eine Sache, dass ein Mensch über Gott zu anderen Menschen spricht, ist etwas ganz anderes; sofern Letzteres überhaupt geht, wird es niemals in der Form allgemeiner absoluter Gebote gehen. Wer so etwas sagt, weiss nicht, wovon er redet, oder — schlimmer — will es nicht wissen).