MEDITATION UND MYSTIK. Boxenstop im May 2019

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 13.Juni 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Anlässlich einer Lehrveranstaltung (5.Auflage des Moduls ‚Meditation als kulturelle Praxis‘ (zusammen mit anderen KollegenInnen)) habe ich aus verschiedenen Beiträgen dieses Blogs einen leicht synthetisierenden Text geschrieben, der einige der vielen Aspekte aufgreift, die in diesen Beiträgen thematisiert wurden. Dieser Text bleibt aber auch nur eine Momentaufnahme. Für den Vortrag auf dem nächsten Kongress im Oktober versuche ich, eine weitere Klärung und Synthetisierung. Den Kern des Erlebens – Interpretierens im einzelnen Individuum betrachte ich dort im Rahmen von drei verschiedenen Phasen der Aufklärung. Die dritte Phase der Aufklärung ist jene, in der wir uns gerade befinden und die bislang noch nicht so recht thematisiert wurde.

TEXT ALS PDF

Da der Text für einen Blogeintrag zu lang ist verlinke ich hier auf die PDF-Version: MEDITATION IM BLICKFELD VON PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT. Version 1.2, 15.Mai 2019. Die Struktur des Textes ist wie folgt:

Vorwort ……………………………………………………7
1 Einführung ……………………………………………9
2 Selbsterfahrung und Gehirn …………………….11
3 Technische Superintelligenz, menschliche
Kognition, Meditation und Mystik …………………13
4 Außen, Innen, Gehirn, Sprache, Meditation ..17
5 Unbewusstes und Freiheit ………………………21
6 Radikales Selbstexperiment ……………………25
7 Verstehensfragen …………………………………27
8 ANHANG: Titelsuche ……………………………31
Bibliographie …………………………………………33
Index …………………………………………………..35

EPILOG

Wenn man davon ausgeht, dass individuelle menschliche Kognition ein fortlaufender Prozess des Wahrnehmens, Interpretierens, Arrangierens ist, durchsetzt von einer Vielzahl von Einflussgrößen, das dann nochmals eingebettet ist in ein gesellschaftliches Netzwerk, das seinen eigenen Einflüssen und Regeln folgt, dann kann man ahnen, dass aktuelle kognitive Zustände nur eine bedingte Geltung haben können. Dennoch brauchen wir Anhaltspunkte, an denen wir unser Verhalten orientieren. Die neuen digitalen Technologien können helfen und sie helfen auch schon massiv, sie alleine aber reichen nicht … trotz aller anders lautender Visionen von der allmächtigen künstlichen Intelligenz … ohne sie wird es nicht gehen, aber nicht so einfach, wie dies zur Zeit vermarktet wird.

POPULISMUS IST ANGEBOREN… Aber bei mir doch nicht…

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 7.Februar 2019
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Letzte Änderungen: 9.Febr.2019 (Zusätzliche Zwischenüberschriften; Schlagworte hinzugefügt; einen Satz verschoben)

KONTEXT

Der Kontext für diesen Beitrag ist eigentlich der ganz normale Alltag, wie jeder ihn erlebt. Allerdings war mir schon im Juni 2018 anlässlich einer Veranstaltung zum Populismus in Europa aufgefallen, dass die berühmten ‚Echokammern‘, die man in vielen sozialen Netzen entdeckt zu haben glaubte, irgendwie nicht auf bestimmte Gruppen beschränkt sind. Bei näherer Betrachtung kann man das vage Konzept der Echokammern nahezu auf jede soziale Gruppierung anwenden. Infiziert von diesem Gedanken sah ich viele Alltagsphänomene plötzlich ganz anders …

JEDER IST SEINE EIGENE ECHOKAMMER …

Wenn man sich in seinem eigenen Alltag umschaut wird an nicht umhin kommen, festzustellen, dass jeder einzelne ein ‚individuelles Weltbild‘ mit sich herum trägt, das aus sich heraus unsichtbar ist, so lange jemand nichts sagt und tut. Sobald aber dieser Jemand anfängt, etwas zu tun oder zu sagen, zeigen sich Fragmente des individuellen Weltbildes. Wenn man irgendwann genug viele Fragmente von jemandem gesammelt hat — oder sehr schnell in eine intensive Debatte mit dem anderen eingetreten ist –, zeigt sich dann, dass jeder seine liebgewordene Glaubenssätze über die Welt hat, an denen er nicht rüttelt, und von denen aus er seine Schlüsse zieht. So umgänglich jemand auf den ersten Blick scheinen mag, sobald es ‚zur Sache geht‘ hört bei den meisten die ‚Umgänglichkeit‘ auf. Und dies hat überhaupt nichts mit Intelligenz zu tun. Wie viele akademisch trainierte Menschen — einschließlich Doktortitel oder mehr — reagieren genauso so, sitzen in ihrem geistigen Käfig, und lassen sich — kennt man mal ihre ‚Lieblingsüberzeugungen‘ — fast beliebig mit diesen Lieblingsüberzeugungen aufwecken, in Wallung bringen, ärgern, oder — wenn man sie manipulieren will — genau damit Ködern, eine gute Stimmung verbreiten, den Eindruck erwecken, man denke und fühle doch das Gleiche, usw.

Es ist daher nicht zufällig, dass sich Menschen in neuen, fremden Umgebungen — und sei es auf einer Party mit vielen ‚Unbekannten‘ — erst einmal nach solchen Gesprächspartnern suchen, die ‚Ähnliches reden wie man selbst‘ (manche bleiben vorzugsweise den ganzen Abend alleine sitzen, um sich unbequeme Überraschungen zu ersparen). Hat man ‚ähnlich erscheinende‘ Personen gefunden, tendieren viele dazu, sich mit diesen ‚zusammen zu rotten‘ in einer ‚Zone der Vertrautheit‘. Das waren früher die berühmt berüchtigten Stammtische, das sind die ganzen Freundeskreise, die Vereine, ‚Netzwerke‘, Burschenschaften, und neuerdings — vom Alltag in die Netze projiziert — die Gruppierungen in den sozialen Netzwerken. Echokammern sind kein Produkt der Technologie; Echokammern spiegeln die Tendenz der Menschen wieder, ihre eigenen endlichen Weltbilder im sozialen Kontext zu bestätigen, zu stärken, um so das Gefühl der Vertrautheit, der Sicherheit, der Planbarkeit und ähnliches mehr, zu verstärken. Jenseits des ‚Vertrauten‘ und ‚Bekannten‘ lauert das Dunkel, die Unwissenheit, das Unwägbare, möglicherweise etwas, was die Vertrautheit bedroht…

Weil wir im Alltag von Grund auf in unseren aktuellen Weltbildern gefangen sind und offensichtlich viele Tendenzen in uns wirksam sind, die aktuellen Bildern zu wahren, zu schützen, zu konservieren, ist die Entstehung von sogenannten ‚populistischen Strömungen‘ nichts Ungewöhnliches. Wenn eine hinreichend große Gruppe die gleichen Grundüberzeugungen teilt — was offensichtlich weltweit leicht der Fall sein kann –, dann genügen wenige Organisatoren, um eine entsprechend ‚Bewegung‘ sichtbar zu machen, die dann wieder selbstverstärkend alle Mitglieder weiter bestätigt.

WARUM IST DAS SO?

Man kann sich fragen, warum ist das so? Ist es ein unentrinnbares Schicksal, dass wir Menschen trotz all unserer wunderbaren Fähigkeiten offensichtlich einen ‚inneren Drang‘ dahingehend verspüren, dass wir unsere aktuellen Weltbilder — welche es auch gerade sind — so intensiv, so vehement, gegen mögliches ‚Neues‘, ‚Anderes‘ … verteidigen?

Die Selbstabschottungs-Tendenzen individueller Weltbilder ist ganz offensichtlich sehr stark, was auf Mechanismen im Unbewussten hinweist, die wiederum im Gehirn und letztlich in den Genen verankert sind.

Die empirischen Wissenschaften haben uns in den letzten 100 Jahren eine Menge neuer Einsichten darüber vermittelt, wie unsere Körper und unsere Gehirne entstanden sind, wie individuell ein Körper und ein Gehirn sich aus einer Eizelle entwickeln können, wie das Gehirn und viele Systeme im Körper sensibel für die Umgebung lernen und sich anpassen können; wie in unserem Gehirn ‚Wissen‘ entsteht, ‚Erfahrung‘, ‚Fähigkeiten‘ sich ansammeln können; wie unsere Bedürfnisse und Emotionen uns beeinflussen können; dass unser ‚Bewusstsein‘ nur ein verschwindend kleiner Teil (weniger als 1%) von dem ist, was sich in jedem Moment in unserem Körper unbewusst abspielt; und vieles mehr.

Vor diesem Hintergrund können wir wissen, dass das ‚Wissen‘, was sich in unserem Gehirn anreichert (weitgehend unbewusst), einerseits zwar hilft, die jeweilige Umgebung ‚wieder zu erkennen‘ als ’schon mal gesehen‘, und uns damit erspart, alles nochmals von vorne vorne Lernen zu müssen, dass aber genau dieser Mechanismus des automatischen Lernens und Interpretierens es dann auf Dauer auch ist, der uns davor abhält, weiter zu lernen. Obgleich das Gehirn von sich aus auf ein andauerndes Lernen ausgelegt ist, erreicht jeder Mensch irgendwann einen Zustand, in dem das ’schon Gelernte‘ ausreicht, um mit dem ’normalen Alltag‘ klar zu kommen, ohne wirklich weiter zu lernen. Während man bei Kindern — im Normalfall — eine natürliche Neugierde feststellen kann, die sich permanent zu Erkundungen und Experimenten mit sich selbst und der Umgebung antreibt (viele Eltern finden das ’nervig‘ und versuchen ihre Kindern ’still zu stellen‘; dies ist für sie bequemer), kann man schon bei Jugendlichen ab 14 – 16 deutliche Tendenzen beobachten, dass echte Neugierde und echtes Experimentieren (= Lernen) dramatisch zurückgeht bis dahin, das junge Erwachsene ab 18 – 22 neben Kindern schon wie Greise wirken, die sich nur noch in eng definierten Mustern bewegen. Für die umgebende Gesellschaft ist dies eher angenehm. Je schneller sich junge Menschen an das ‚Übliche‘ anpassen, um so weniger hat man mit ungeliebten Überraschungen zu rechnen. Belohnt wird, wer sich anpasst und damit bekundet, dass er das Experiment ‚das Leben zu Lernen‘ aufgegeben hat. Hallo, seht her, von mir geht keine Gefahr aus; ich bin so wie ihr. Alles ist gut. Nur keine Überraschungen, nur nichts Neues, nur keine Experimente.

Von daher sollte es uns nicht wundern, dass sich gerade in Demokratien ‚Vereinfachungen‘ über die Politik ‚verstärken‘ können, da die Politiker irgendwann und irgendwie ja wieder gewählt werden wollen. Je mehr sich ein einfaches Weltbild in der Gesellschaft ausbreitet, umso eher wird die Politik genau dieses aufgreifen, verstärken, und damit die Perspektiven für Innovationen, Forschung, notwendige Bildungsprozesse abschwächen. Eine Begleiterscheinung sind zunehmende Kontrolle und Planung, um das Unvorhergesehene möglichst zu minimieren. Hochschulen, die eigentlich Orte der innovativen Forschung sein sollten, degenerieren mittlerweile immer mehr zu durch-kontrollierten, durch-geplanten Institutionen, in denen Anpassung mehr zählt als eigenständige, kreative mutige Forschung. Dies wird zusätzlich abgesichert durch systematischen Geldentzug auf der einen Seite, und Vergabe von Geld nach Gefälligkeit und politisch genehmen Themen…

WAS KÖNNEN WIR TUN?

Die Eindrücke des Alltags können übermächtig wirken. Die Verzweiflung der Menschen an der Politik ist nicht gespielt; desgleichen die Ohnmacht in den etablierten Religionen, in staatlichen Institutionen, in großen Konzernen … die meisten Kommunalpolitiker kennen die ewigen Pattsituationen bei Abstimmungen, nur weil man unterschiedlichen politischen Gruppierungen angehört … Argumente scheinen wirkungslos zu sein …

Dann gibt es immer wieder ‚Hoffnungsträger‘, ‚Lichtgestalten‘, die aufpoppen, die den Eindruck erwecken, plötzlich über jenen berühmten Zaubertrunk zu verfügen, der alle diese alltäglichen Hindernisse scheinbar mühelos aufhebt, beseitigt, überwindet, und eine Massenhysterie durchweht das Land, das globale Netz … aber tatsächlich kann kein einzelner Mensch alle die alltäglichen Hindernisse, die in den Köpfen der Menschen wurzeln, einfach so auslöschen … allerdings für eine kurze Zeit ‚vergessen machen‘; man schaltet alle seine bisherigen Ängste gerade mal ab und ist bereit, alles zu glauben, weil es ja so schön ist ….

Wenn wir die Absicht haben sollten, dieser ‚Falle des Populismus in uns selbst‘ zu entkommen, dann müssen wir uns neu darüber Klarheit verschaffen, wie denn die ‚Freiheit‘, die wir real haben — und die alle unsere Gesetze, vor allem das Grundgesetz, unterstellen — ‚im Innern‘ funktioniert.

WIE FREIHEIT FUNKTIONIERT

In einem interessanten Gespräch im November 2018 kam zum Vorschein, dass die Realität der Freiheit zwar grundsätzlich immer eine Wahlmöglichkeit bietet, dass aber das, was und zwischen dem wir wählen können, etwas Reales sein muss, über das wir verfügen können. Wenn jemand nicht wirklich etwas ‚weiß‘ und nicht wirklich über gewissen ‚Fähigkeiten‘ ‚verfügt‘, dann kann er auch nicht zwischen verschiedenen Optionen wählen, trotz seiner Freiheit. Und, ähnlich, wenn jemand in seinem Alltag nicht über reale Wahlmöglichkeiten verfügt (Wohnung, Nahrung, Arbeit, Verkehr, Partner, Freunde, …), dann kann er auch hier nicht oder nur sehr eingeschränkt wählen. Von der Freiheit zu reden, sie zu beschwören, ist eine Sache. Sie in eine entsprechende Praxis zu überführen setzt eine ‚hinreichende verfügbare Materialität im Alltag und im Kopf‘ voraus.

Dazu kommt, dass wir, selbst wenn wir neben der Freiheit sogar über reale Wahlmöglichkeiten verfügen würden, bekanntermaßen von einer Vielzahl von Bedürfnissen, Emotionen, Gefühlen und Stimmungslagen beeinflusst werden können (im Normalfall, zusätzlich kann es allerlei Krankheiten geben). Selbst wenn man also ‚frei entscheiden‘ könnte und man sogar ‚materielle Möglichkeiten‘ hätte (einschließlich Wissen, Fähigkeiten,…), dann könnte die Vielzahl der emotionalen Faktoren uns blockieren oder uns in eine Richtung lenken, die letztlich ’nicht gut‘ ist.

Die Aufzählung dieser ‚Risikofaktoren‘ für das Misslingen von Freiheit und einer anhaltenden Gefangenschaft im Modus des ‚individuellen Populismus‘ liefert indirekt allerdings auch entscheidende Hinweise, auf welche Faktoren man achten müsste, wollte man einem individuellen Populismus entkommen. Dabei würde ein ‚Entkommen‘ nicht bedeuten, dass man einen Zustand erreichen würde, in dem man auf einen Schlag ein für allemal von einem individuellen Populismus ‚befreit‘ wäre; nein. Wenn man sehr gut wäre, dann würde man lernen, wie man mit seinem aktuellen Wissen (und Erfahrungen und …) im Alltag so umgehen muss, dass die aktuellen Begrenzungen zwar unausweichlich da sind, dass man sich aber Verhaltensweisen angeeignet hat, die einem (und den anderen) helfen, sich der aktuellen Grenzen bewusst zu bleiben und das aktuelle Wissen immer wieder zu überprüfen‘ bzw. es kontinuierlich ‚weiter zu entwickeln‘. Daraus folgt, dass eine wirklich nachhaltige Überwindung des individuellen (und dann auch gemeinschaftlichen) Populismus nur gelingen kann, wenn man in einem gesellschaftlichen Netzwerk lebt, in dem die Mehrheit sich der Problematik bewusst ist und man mehrheitlich eine ‚Kultur des ständigen wechselseitigen Lernens‘ ausgebildet hat, in der ‚Neues‘ kein Schimpfwort ist sondern als ein notwendiger Bestandteil von Wahrheit und Zukunftssicherung angesehen wird. Vertrauen in Menschen ist wichtiger als Kontrolle; Beförderung von Kreativität und Fantasie ist notwendiger Bestandteil einer freien Gesellschaft.

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WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE IM ALLTAG. Wahrheit im Dauerversuch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

INHALT

I Wissenschaftsphilosophie und Wahrheit …1
II Interdisziplinär und Unterschiede …2
III Interdisziplinäres Projekt…2
III-A Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’ . . . . . . . .3
III-B Vernetzung der Einzelvorschläge . ….3
III-C Formalisierungsversuch . . . . . . . . 4
Weiter zur Wahrheit …7
IV Literaturverweise …8

WORUM ES GEHT

‚Wissenschaftsphilosophie‘ klingt für die meisten sehr abstrakt. Wendet man sich aber dem Alltag zu und betrachtet ein – fast beliebiges – Beispiel, dann kann man
schnell entdecken, dass eine wissenschaftsphilosophische
Sehweise sehr konkret – und auch sehr praktisch – werden
kann. Dies wird in diesem Beitrag illustriert.

PDF

I. WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE UND WAHRHEIT

In einem vorausgehenden Beitrag in diesem Blog mit
der Überschrift ”WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER
ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT”  wurde
besprochen, welche Mechanismen uns Menschen
zur Verfügung stehen, um wahre Aussagen über
die Welt und uns selbst machen zu können. Die
Blickweise, die hinter diesen Überlegungen stand,
war die der Wissenschaftsphilosophie. Aber was ist
’Wissenschaftsphilosophie’? Warum ist diese Blickweise
so wichtig?

’Wissenschaftsphilosophie’ ist, wie der Name schon
andeutet, ein Teil der philosophischen Blickweise auf die
Welt.

Während sich die Einzelwissenschaften aufgrund ihrer
spezifischen Interessen auf ’Teilgebiete der erfahrbaren
Wirklichkeit’ festlegen und diese im Rahmen des Paradigmas der experimentellen Wissenschaften im Detail erforschen, versteht sich eine philosophische
Blickweise als jene, die nicht von vornherein
Ausgrenzungen vornimmt, sondern alle Phänomene
zulässt, die sich dem menschlichen Bewusstsein zur
Erfahrung geben. Ein philosophisches Denken legt sich
auch nicht auf einige wenige Methoden fest, sondern
erlaubt zunächst einmal alles, was geht.
Eine so verstandene philosophische Blickweise hat
Vor- und Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand:
der Verzicht auf eine wie auch immer geartete Vorweg-
Zensur von Erfahrung konfrontiert einen Philosophen
von vornherein mit einer solchen Fülle von Phänomen
und Methoden, dass es im Allgemeinen schwer ist,
hier auf einfache und schnelle Weise zu strukturierten
Erkenntnissen zu kommen.

Andererseits, schaut man sich die fortschreitende
Zersplitterung der Einzelwissenschaften an, dann
trifft man auch hier auf eine methodisch bedingte
Vielfalt, die bislang nicht systematisch integriert ist.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist es nicht einmal abzusehen,
wann und wie diese immensen, sich gegenseitig
ausschließenden Datengebirge und Teildeutungen, sich
irgendwann zu einem einzigen großen integrierten
Ganzen zusammenfügen lassen lassen.

Die philosophische Blickweise als solche trägt im
Prinzip den Keim der Integration in sich, da sie ja
nicht auf Teilaspekte der Wirklichkeit abonniert ist,
sondern im Prinzip für alles offen ist. So kann sie sich
die Ergebnisse der Einzelwissenschaften vornehmen
und versuchsweise, spielerisch die verschiedenen
Erkenntnisse z.B. zum subjektiven Bewusstsein, zum
objektiven Verhalten oder zum objektiven Körper
aufgreifen, miteinander in Beziehung setzen, und
versuchen, die darin verborgenen Zusammenhänge
sichtbar zu machen.

Philosophen können dies irgendwie machen, oder
sie können sich im Jahr 2017 die denkerischen
Vorarbeiten der Wissenschaftsphilosophen aus den
letzten ca. 150 Jahren zu Nutze machen. Diese haben nämlich spezielle Teilaspekte der Wirklichkeit, des Denkens, der Wissenschaften systematisch untersucht.
Dazu gehören Themen wie Messen, Modellbildung,
logische Argumentation, Überprüfung eines Modells,
Simulation, und vieles mehr. Im Endeffekt haben die
Wissenschaftsphilosophen untersucht, wie das Konzept
einer experimentellen Wissenschaften überhaupt
funktioniert, unter welchen Umständen experimentelle
Theorien wahr sind, und unter welchen Bedingungen
man verschiedene Theorien integrieren kann.

Da das Thema Wissenschaftsphilosophie für sich
sehr umfassend ist und in vielen Bereichen nicht gerade
einfach zu erklären ist, sei an dieser Stelle auf eine solche
umfassende Darstellung verzichtet (Vergleiche dazu z.B.: [Sup79], [Sne79],
[Bal82], [BMS87]). Stattdessen sei hier ein einfaches (reales) Beispiel aus dem (realen) Alltag
vorgestellt, wie es jeder erleben kann oder schon erlebt
hat.

II. INTERDISZIPLINÄR UND UNTERSCHIEDE

Das Wort Interdisziplinär ist heute ja ein
richtiges Modewort, um das Zusammenarbeiten
von unterschiedlichen Disziplinen, Experten mit
unterschiedlichem Knowhow, unterschiedlichen
Erfahrungen zu etikettieren.

Während wir in den verschiedenen Gesellschaften
in Europa und weltweit zunehmend eher wieder
Phänomene der Abgrenzung beobachten, der
Ausgrenzung, der Abschottung, der identitätserhaltenden
Gruppenbildung, haben wir immer mehr international
operierende Firmen, in denen die Zusammenarbeit
von Menschen aus vielen Nationen (bis über 100)
Alltag ist und funktioniert. Es spielt nicht wirklich eine
Rolle, aus welchem Land jemand kommt, welche
Religion er hat, wie sie sich kleidet, was jemand isst,
solange alle im Rahmen der gestellten Aufgabe friedlich
zusammenwirken können. Auch in den Wissenschaften
ist dies eigentlich Alltag. Mathematik ist für alle gleich und
die Welt, die es zu erforschen gilt, ist auch für alle gleich.
Ähnlich ist es in den großen internationalen Metropolen
dieser Welt. Dort leben ganz viele verschiedene Kulturen
so lange friedlich zusammen, so lange niemand anfängt,
bewusst Hass und Zwietracht zu streuen.

Andererseits scheint das Phänomen der Abgrenzung
ein tief sitzender Reflex im menschlichen Verhalten
zu sein. Denn überall, wo Menschen leben und
es in der jeweiligen Gemeinschaft unterschiedliche
Gruppen – alleine schon wegen der notwendigen und
fortschreitenden Spezialisierungen – gibt, tendiert jede
Gruppe dazu, sich von den anderen abzugrenzen.
Es ist letztlich eine kognitive Entlastungsstrategie: es
ist immer einfacher, sich nur dem den Eigenschaften
und Regeln der eigenen Gruppe zu beschäftigen, als
zusätzlich auch noch mit den Eigenheiten und Regeln
einer anderen Gruppe. Dies strengt an und belastet.
Zu diesem Zweck gibt es allgemeine Verhaltensregeln,
die einem im Alltag Entscheidungen abnehmen, und
es gibt Klischees, Stereotype, mit denen man andere
Gruppen – und damit auch die einzelnen Mitglieder
der anderen Gruppen – mit einem einzigen Wort
in eine große Kiste von Klischees einsortiert. Dies
fängt schon im Bereich der Familie an, und erstreckt
sich dann über Schulklassen, Schulen, Abteilungen
in Behörden und Betrieben zu ganzen Einrichtungen,
Stadtteilen, Volksgruppen. Im ’Normalbetrieb’ verläuft
dies friedlich, ohne direkte Auseinandersetzungen, ist
fester Bestandteil von Witzen, Volksbelustigungen und
vielen Fernsehsendungen und Filmen.

Im Konfliktfall sind diese Vorurteile aber wie trockenes
Holz, das sich blitzschnell entzünden kann, und mit
einem Mal sind die Nachbarn, die Arbeitskolleginnen,
und die Leute aus dem anderen Stadtteil nicht einfach
nur anders, sondern gefährlich anders, moralisch anders,
überhaupt anders. Aus unverfänglichen Unterschieden
werden plötzlich metaphysische Ungeheuer. Die
gedankliche Bequemlichkeit, die sich im Alltag im
Gebrauch von Klischees ausruht, wird zur gedanklichen
Hilflosigkeit, die im Stress einfach wild um sich schlägt,
und dann natürlich auf das haut, was sie in ihrer
vereinfachten Weltsicht kennt: auf die stereotypen
Unterschiede, die plötzlich die ganze Welt bedeuten.

III. INTERDISZIPLINÄRES PROJEKT

Während interdisziplinäres Zusammenarbeiten in
großen Firmen und Behörden von Metropolen Alltag ist,
tun sich die Bildungseinrichtungen, speziell Hochschulen
in Deutschland, damit noch schwer. Selbst an einer
Hochschule in einer internationalen Metropole, an der
junge Menschen aus mehr als 100 Nationen studieren,
gibt es nur einen verschwindend geringen Anteil von
wirklich interdisziplinären Studienprogrammen. Die
Lehrenden mögen solche Veranstaltungen nicht, da
der normal Lehrende ein Spezialist ist; auch die
Fachbereichsstrukturen an Hochschulen stehen einer
wirklichen Interdisziplinarität massiv im Wege, und die
Hochschulleitungen sind heute von der Realität der
Lehre in ihren eigenen Hochschulen meist so weit
entfernt, dass sie in der Regel gar nicht wirklich wissen,
wie der Alltag der Lehre aussieht.

Das folgende Beispiel stammt aus einer realen
Lehrveranstaltung von einer realen Hochschule mit
Studierenden aus mehr als 100 Nationen, an der es
offiziell genau zwei interdisziplinäre Studienprogramme
gibt. Im Rahmen des einen Programms gibt es ein Modul,
in dem sich Studierende aus verschiedenen Disziplinen
mit dem Begriff der Simulation auseinander setzen sollen.

So gibt es in diesem Modul z.B. Studierende
aus den Disziplinen soziale Arbeit, Pflege, Case
Management, Architektur, Maschinenbau, Elektrotechnik
und Informatik.

A. Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’

Das Modul ist so angelegt, dass alle Beteiligten
im Rahmen von Kommunikationsprozessen, eigenen
Recherchen und eigenen Experimenten schrittweise
ihr bisheriges Verständnis des Begriffs ’Simulation’
verfeinern und mit den Vorstellungen der jeweils
anderen Disziplinen integrieren, falls möglich. Im
Folgenden Beispiele von Formulierungen, wie der Begriff
Simulation’ zu Beginn von den Teilnehmern umschrieben
wurde.

  • Team A: Unter Simulation versteht man ein realitätsnahes Nachbilden von Situationen.
    • Ein virtueller Raum wird mit Hilfe von Visualisierungsprogrammen realistisch dargestellt .
    • Nach einer Abbildung mit verschiedenen Programmen kann das Modell mit Hilfe von Grundrissen geschaffen werden.
    • Verschiedene Gebäudetypen, zum Beispiel:
      öffentliche, kulturelle oder soziale Einrichtungen,
      können simuliert werden.
    • Der Außenraum bzw. die Umgebung wird beim
      Entwurf mitberücksichtigt und 3D visualisiert.
    • Durch Materialität, Textur, Lichtverhältnissen
      und Schattierungen wird versucht, den Entwurf
      realitätsnah wie möglich darzustellen.
    • Konstruktionen können in Simulationsprogrammen ebenfalls detailliert ausgeführt werden.
  • Team B: Simulation ist eine Methode Situationen abzubilden, z.B. räumliche Wirkungen, Umwelteinflüsse, Szenarien, um effektiv Probleme und
    Lösungen zu analysieren.
  • Team C: Die Analyse von möglichen Problemen
    im Alltag. Die Nachbildung von Anwendungsfällen
    wie zum Beispiel Flugsimulation und Wettersimulation. Die Optimierung von Systemen und Prozessen.
    Komplexe Sachverhalten zu vereinfachen und (visuell) darzustellen. Es ist eine kostengünstigere Variante als die tatsächliche Umsetzung. Es werden in
    einer Simulation Prognosen und Voraussagen erstellt.
  • Team D:
    1. Analyse von Systemen vor der praktischen An-
      wendung
    2. Die Simulation ist ein Bestandteil eines Produktlebenszyklus. Dabei lassen sich die Entwicklungsschritte wie folgt definieren:
      1. Konzeptentwicklung
      2. Simulation
      3. Konstruktiond) Produktherstellung
      4. Integration im System
    3. Optimierung von einem bestehendem Prozess
      mit Ziel die Effizienz und die Fehlerbehebung
      zu verbessern −→ Prozessoptimierung
  • Team E: Unter dem Begriff ”Simulation” ist das
    theoretische bzw. praktische Durchspielen unterschiedlicher Szenarien zu verstehen. Das Durchspielen oder auch Verifizieren der Situation lässt
    die Übertragung von komplexen Aussagen über das
    mögliche Verhalten des gewählten Klientels zu. Das
    Ergebnis kann auf die Realität projiziert werden,
    ohne damit laufende Prozesse negativ zu beeinflussen.
  • Team F : Eine Simulation ist eine modellhafte
    Darstellung einer möglichen oder reellen Situation.
    Die Situation kann sowohl prospektiv als auch retrospektiv sein. Sie dient der Analyse, Übung und Optimierung verschiedener Prozesse beziehungsweise
    einzelner Prozessabläufe.
  • Team G: Simulationen in der sozialen Arbeit bieten die Möglichkeit insbesondere ethisch schwierig
    vertretbare oder praktisch schwierig umsetzbare Situationen experimentell darzustellen und dadurch
    präventiv Kompetenzen zu erwerben, Lerninhalte
    zu erarbeiten, Lösungsansätze zu entwickeln und
    Problem- bzw. Konfliktsituationen zu vermeiden.
  • Team H: Simulation im Beratungskontext meint das
    Herstellen realitätsnaher Szenarien, um das Verhalten von Personen in speziellen Situationen erproben,
    beobachten und evaluieren zu können.
B. Vernetzung der Einzelvorschläge

Diese Textfragmente wirken unterschiedlich und tragen
deutlich Spuren der unterschiedlichen Fachkulturen. So
ist das Team A unschwer als Team aus dem Bereich
Architektur zu erkennen, oder Team C: das klingt sehr
nach einem technischen Hintergrund. Team E klingt
nach sozialer Arbeit oder Case Management. usw.

Was macht man nun damit?

Es gab ein Live-Gespräch, bei dem die einzelnen
Formulierungen nacheinander diskutiert wurden
und einzelne Begriffe, die hervor stachen, wurden
versuchsweise auf ein Whiteboard geschrieben (siehe
Schaubild Nr. 1).

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Für einen Unbeteiligten wirkt dieses Bild vermutlich
noch ein wenig ’wirr’, aber bei näherem Hinsehen kann
man die Umrisse einer ersten Struktur erkennen.
In einer im Anschluss erstellten Idealisierung des
ersten Tafelbild (siehe Schaubild Nr. 2) kann man die
in diesen Begriffen liegende verborgene Struktur schon
deutlicher erkennen.

Reinzeichnung des Tafelbildes

Reinzeichnung des Tafelbildes

Man erkennt abgrenzbare Bereiche, Komponenten
wie z.B. die reale Welt oder das Ersatzsystem, Modell,
oder auch so etwas wie die Idee von etwas Neuem.
Zwischen diesen Komponenten findet man Beziehungen
wie Nachbilden oder Erfinden oder Modell nutzen.

Offensichtlich passen diese Größen nicht in das
klassische Schema einer Definition, bei dem ein neuer
Begriff (das ’Definiendum’) durch schon bekannte
Begriffe (das ’Definiens’) ’erklärt’ wird (vgl. dazu [Mit95] und [San10]), sondern es ist
eher die Einführung eines neuen Bedeutungsfeldes im
Sinne einer axiomatischen Theorie: man benennt eine
Reihe von Komponenten, von denen man annimmt, dass
sie alle wichtig sind, beschreibt Beziehungen zwischen
diesen Komponenten, die man ebenfalls für wichtig
findet, und nennt dann das Ganze ’Simulation’. Eine
zunächst diffuse Wirklichkeit gewinnt dadurch Konturen,
gewinnt eine Struktur.

Ob diese sich so heraus schälende Struktur wirklich
brauchbar ist, irgendwelche Wahrheitsansprüche
einlösen lässt, das kann man zu diesem Zeitpunkt
noch nicht entscheiden. Dazu ist das Ganze noch
zu vage. Andererseits gibt es an dieser Stelle auch
keine festen Regeln, wie man solche Strukturen
herausarbeitet. Auf der einen Seite sammelt man
Phänomene ein, auf der anderen Seite sucht man
Begriffe, sprachliche Ausdrücke, die passen könnten.
Was einem auffällt, und wie man es dann anordnet,
hängt offensichtlich von aktuellen Interessen, verfügbarer
Erfahrung und verfügbarem Sprachwissen ab. Drei
verschiedene Personen kämen isoliert vermutlich zu drei
unterschiedlichen Ergebnissen.

Man kann jetzt bei dem Schaubild stehen
bleiben, oder man kann das Instrumentarium der
Wissenschaftsphilosophie weiter nutzen indem man
z.B. eine formale Strukturbildung versucht. Unter
Verwendung einer mengentheoretischen Sprache
kann man versuchen, die erkannten Komponenten
und Beziehungen in mathematische Strukturen
umzuschreiben. Falls es gelingt, führt dies zu noch
mehr struktureller Klarheit, ohne dass man irgendwelche
Feinheiten opfern müsste. Man kann im Verlauf eines
solchen Formalisierungsprozesses Details nach Bedarf
beliebig ergänzen.

C. Formalisierungsversuch

Das idealisierte Schaubild lässt erkennen, dass wir
es mit drei Wirklichkeitsbereichen zu tun haben: (i)
die Reale Welt (W) als Ausgangspunkt; (ii) die Welt
der kreativen Ideen (KID) als Quelle möglicher neuer
Gegenstände oder Verhaltensweisen; und verschiedene
Ersatzsysteme, Modelle (M), mittels deren man etwas tun kann.

Unter Voraussetzung dieser genannten Gegenstandsbereiche W, KID, M wurde folgende wichtige Beziehungen genannt, die zwischen diesen
Gegenstandsbereichen angenommen wurden:

  1. Nachbilden, Abbilden (Abb): Bestimmte Aspekte
    der realen Welt W werden in einem Ersatzsystem,
    in einem Modell M so nachgebildet, dass man
    damit etwas tun kann. Außerdem soll das Modell
    u.a. realitätsnah sein, Kosten sparen, und Risiken
    vermindern.
  2. Erfinden (Erf): Aufgrund von kreativen Ideen KID
    wird ein Modell M erstellt, um diese Ideen sichtbar
    zu machen.
  3. Simulieren (Sim): Hat man ein Modell M gebaut,
    dann können Menschen (ME) mit dem Modell
    unterschiedliche Simulationen für unterschiedliche
    Zwecke vornehmen. Aufgrund von Simulationen
    werden die Menschen Erfahrungen (X+) mit dem
    Modell sammeln, die zu einem verbesserten Verhalten (V+) auch in der realen Welt führen können, zugleich kann aufgrund dieser Erfahrungen das
    bisherige Modell oft auch optimiert werden; man
    kommt also zu einem optimierten Modell (M+).
  4. Transfer (Trans): Aufgrund von neuen Erfahrungen
    (X+) und einem möglicherweise optimierten Modell
    (M+) besteht die Möglichkeit, dass man im Ausgangspunkt, in der realen Welt (W), Sachverhalte und Abläufe ändert, um die Verbesserungen im
    Modell und im neuen Verhalten in die reale Welt,
    in den Alltag, einzubringen. Würde man dies tun,
    dann erhielte man eine verbesserte Welt (W+).

Diese Vorstrukturierung kann man nun weiter treiben und tatsächlich eine mathematische Struktur hinschreiben. Diese könnte folgendermaßen aussehen:

— Siehe hierzu das PDF-Dokument —

Der Ausdruck zu Nummer (1) besagt, dass etwas (x) genau nur dann (iff) eine Simulation (SIMU) genannt wird, wenn es die folgenden Komponenten enthält: W, W+ M, M+ , KID, X+ , ME. Zusätzlich werden folgenden Beziehungen zwischen diesen Komponenten angenommen: Abb, Erf, Sim, Trans. Welcher Art diese Beziehungen sind, wird in den folgenden Nummern (2) – (5) erläutert.

In der Abbildungsbeziehung Abb : ME × W−→ M werden Aspekte der realen Welt W von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Erfindungsbeziehung Erf : ME × KID −→ M werden Aspekte aus der Welt der Ideen KID von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Simulationsbeziehung Sim : ME × M −→ M+ × X+ benutzen Menschen ME Modelle M und machen dadurch neue Erfahrungen X+ und können u.a. das Modell verbessern, optimieren M+ .

In der Transferbeziehung  rans : ME × M+ × X+ −→ W+ können Menschen ME optimierte Modelle M+ und/ oder neue Erfahrungen X+ in ihren Alltag, in die reale Welt so einbringen, dass die bisherige Welt zu einer besseren Welt M+ verändert wird.

IV. WEITER ZUR WAHRHEIT

An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie man
unterschiedliche alltagssprachliche Formulierungen
miteinander vernetzen kann, daraus Strukturen
herausarbeitet, und diese ansatzweise formalisiert.

Um einen möglichen Wahrheitsanspruch dieser
Formalisierung klären zu können, müsste nun weiter
herausgearbeitet werden, was mit den einzelnen
Größen dieser Struktur gemeint ist. Also, wenn man die
Beziehung Abbildung liest ( Abb : ME × W −→ M), müsste klar sein, welche Menschen gemeint sind, die dort eine Abbildungsbeziehung herstellen, und was
müsste man sich konkret darunter vorstellen, dass
Menschen Aspekte der Welt (W) in ein Modell (M)
abbilden?

Wenn ein Kind ein Stück Holz benutzt, als ob es
ein Spielzeugauto ist, mit dem es auf dem Boden
herumfährt und dazu ’BrumBrum’ macht, dann ist für
das Kind das Stück Holz offensichtlich ein Modell für ein
Autor aus der realen Welt, seine Bewegungen simulieren
das Herumfahren, und das ’BrumBrum’ simuliert das
Motorgeräusch (bald nicht mehr, vielleicht).

Wenn Architekten (früher) aus Gips ein Gebäude im
Maßstab angefertigt hatten, es in eine Modelllandschaft
stellten, und dies einer Lichtquelle aussetzten, die
analog der Sonne bewegt wurde, dann war offensichtlich
das Gipshaus in der Landschaft mit der Lichtquelle
ein Modell des Schattenwurfs eines Gebäudes bei
Sonnenlicht.

Wenn Pflegestudierende heute an einem Krankenbett
mit einer künstlichen Puppe üben, wie man verschiedene
Pflegetätigkeiten ausübt, dann ist diese Puppe im Bett
offensichtlich ein Modell des realen Patienten, an dem
man übt.

Wenn Case Managerinnen in Rollenspielen
Beratungsgespräche üben, dann sind diese Rollen,
die sie ausfüllenden Personen, und die stattfindenden
Interaktionen ein Modell der realen Situation.

Wenn Informatikstudierende am Computerbildschirm
Schaltungen zusammenbauen, dann sind diese Software
basierten Bauteile und Schaltungen offensichtlich
Modelle von richtigen Bauteilen und den daraus
konstruierten Schaltungen.

Die Liste der hier möglichen Beispiele ist potentiell
unendlich lang.

Die Abbildung von Aspekten der realen Welt in
Ersatzsysteme, die wie Modelle fungieren, anhand bzw.
mittels deren man üben kann, analysieren usw. ist
offensichtlich sehr grundlegend.

Ob solch ein modellierendes Ersatzsystem und
die damit möglichen Handlungen die abzubildende
Wirklichkeit hinreichend gut abbilden, oder ob sie diese
so verzerren, dass das Modell bezogen auf die reale
Welt falsch ist, dies zu beurteilen ist nicht immer ganz
einfach oder vielleicht sogar unmöglich. Schwierig und
unmöglich ist dies dann, wenn das erarbeitete Modell
etwas zeigt, was in der realen Welt selbst durch die
Verwobenheit mit anderen Faktoren gar nicht sichtbar
ist, wenn also dass Modell überhaupt erst etwas sichtbar
macht, was ansonsten verdeckt, verborgen ist. Damit
würde das Modell selbst zu einer Art Standard, an dem
man die reale Welt misst.

Was im ersten Moment absurd klingt, ist aber genau
die Praxis der Wissenschaften. Das Ur-Meter, das als
Standard für eine Längeneinheit vereinbart wurde, ist
ein Modell für eine bestimmte Länge, die überall in
der räumlichen Welt angetroffen werden kann, aber
ohne das Ur-Meter können wir nicht sagen, welche der
unendlich vielen Stellen nun einem Meter entspricht. Wir
benutzen also ein künstlich erschaffenes Modell einer
bestimmten Länge, um damit die ansonsten amorphe
reale Welt mit Plaketten zu überziehen. Wir projizieren
das Ur-Meter in die reale Welt und sehen dann überall
Längen, die die realer Welt als solche nicht zeigt. Zu
sagen, diese Strecke hier in der realen Welt ist 1 m lang,
ist eine Äußerung, von der wir normalerweise sagen
würden, sie ist wahr. Wahrheit ist hier eine Beziehung
zwischen einer vereinbarten Einheit und einem Aspekt
der realen Welt.

Im allgemeinen Fall haben wir irgendwelche
sprachlichen Ausdrücke (z.B. Abb : ME × W −→ M), wir ordnen diesen sprachlichen Ausdrücke davon unabhängige Bedeutungen zu, und stellen dann fest,
ob es in der realen Welt Sachverhalte gibt, die mit
dieser vereinbarten Bedeutung korrespondieren oder
nicht. Falls Korrespondenz feststellbar ist, sprechen
wir von Wahrheit, sonst nicht. Eine solche Wahrheit ist
aber keine absolute Wahrheit, sondern eine abgeleitete
Wahrheit, die nur festgestellt werden kann, weil zuvor
eine Bedeutung vereinbart wurde, deren Korrespondenz
man dann feststellt (oder nicht). Sprachlich gefasste
Wahrheiten können also immer nur etwas feststellen,
was zuvor vereinbart worden ist (wie beim Ur-Meter), und
man dann sagt, ja, das früher vereinbarte X liegt jetzt
hier auch vor. Und diese grundsätzliche Feststellung,
diese ist fundamental. Sie erlaubt, in den veränderlichen
vielfältigen Bildern der Welt, ansatzweise Ähnlichkeiten,
Wiederholungen und Unterschiede feststellen zu
können, ohne dass damit immer schon irgendwelche
letzten absoluten Sachverhalte dingfest gemacht werden.

Die moderne Wissenschaft hat uns demonstriert, wie
dieses einfachen Mittel in vielen kleinen Schritten über
Jahrzehnte hinweg dann doch zu sehr allgemeingültigen
Sachverhalten hinführen können.

LITERATURHINWEISE

[Bal82] W. Balzer, editor. Empirische Theorien: Modelle, Strukturen,
Beispiele. Friedr.Vieweg & Sohn, Wiesbaden, 1 edition, 1982.

[BMS87] W. Balzer, C. U. Moulines, and J. D. Sneed. An Architectonic
for Science. D.Reidel Publishing Company, Dordrecht (NL),
1 edition, 1987.

[Mit95] Jürgen Mittelstrass, editor. Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie Teil: Bd. 1., A – G. Verlag J.B. Metzler,
Stuttgart – Weimar, 1 edition, 1995.

[San10] Hans Jörg Sandkühler, editor. Enzyklopädie Philosophie,
Bd.1-3. Meiner Verlag, Hamburg, 1 edition, 2010.

[Sne79] J. D. Sneed. The Logical Structure of Mathematical Physics.
D.Reidel Publishing Company, Dordrecht – Boston – London,
2 edition, 1979.

[Sup79] F. Suppe, editor. The Structure of Scientific Theories. Uni-
versity of Illinois Press, Urbana, 2 edition, 1979.

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Die Wiederentdeckung Gottes auf dem Planeten Erde für alle denkbaren Universen. Essay.Teil 1

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Wahrheit

  1. Eine Benutzung des Wortes ‚Wahrheit‘ setzt voraus, dass es etwas gibt, was meinem eigenen Denken und Fühlen vorgelagert ist, von meinem eigenen Wollen unabhängig; egal was ich mir wünsche, vorstelle, phantasiere, denke; es ist etwas — ein X, das Andere –, das vorkommt, weil es ‚aus sich heraus‘ vorkommt.
  2. Im Alltag ist es ein Gegenstand, über den ich im Dunklen stolpere, weil ich an dieser Stelle keinen Gegenstand vermutet habe; die Sonne, die mich blendet, weil sie so tief steht; der Kaffee, den ich trinke; der Stuhl, auf dem ich sitze; mein Gegenüber, das auf mich einredet; der Regen, der mit Macht hernieder prasselt …
  3. Diese Selbstverständlichkeit kann schnell ins Wanken geraten, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.
  4. Wir wissen, dass wir Menschen phantasieren können, träumen, wir können Halluzinationen haben, Wahnvorstellungen, … oder denken gerade nach. Diesen Beispielen ist gemeinsam, dass derjenige der phantasiert, träumt usw. ‚für sich‘, ’subjektiv‘, etwas erlebt, empfindet, denkt, was ihm in diesem Moment ‚wie wirklich‘ erscheint, obgleich andere Menschen in der Umgebung einer solchen Person zum Schluss kommen könnten, dass die aktuellen Phantasiebilder, Träume usw. nichts mit der aktuellen äußeren Situation dieser Person zu tun haben.
  5. So stellt sich die Person vor, sie sei eine Königin, obwohl sie nach offiziellen Daten nur eine Büroangestellte ist; oder jemand träumt im Schlaf, schreit, schlägt um sich, und wenn dann der Bettnachbar ihn aufweckt, berichtet der Träumer von irgendwelchen Ungeheuern, vor denen er geflohen sei. Jemand anderes hat Drogen genommen und sieht den aktuellen Raum plötzlich ganz anders, umarmt Anwesende oder beschimpft sie, obwohl es keinen äußerlich bekannten Grund dafür gibt. Andere fühlen sich verfolgt, haben panische Ängste, verstecken sich, schließen sich ein, kaufen Waffen, aber es gibt niemand, der ihnen nachstellt. Und dann der Denker: er sitzt scheinbar tatenlos auf einem Stuhl, stiert vor sich hin auf ein Spielbrett, und in seinem Kopf denkt er intensiv über verschiedene Möglichkeiten nach, welche Züge er im Spiel machen könnte, Züge, die nur in seinem Denken existieren, nicht auf dem Spielbrett.
  6. Das innere Erleben eines Menschen kann offensichtlich für den Betreffenden so ‚wirklich‘ erscheinen, wie das, was sich von der ‚Außenwelt‘ in seiner ‚Wahrnehmung‘ niederschlagen kann. Und offensichtlich gibt es hier Zustände, in denen der Betreffende in seinem Erleben nicht mehr so richtig (oder gar nicht?) entscheiden kann, ob das Erlebte nun ’nur innerlich, subjektiv‘ vorkommt, oder auch ‚zugleich äußerlich, objektiv, intersubjektiv‘, so, dass andere diese Sachverhalte von sich aus bestätigen könnten.
  7. Die Dinge werden noch schwieriger, wenn man die Sprache einbezieht.
  8. Die Sprache — gesprochen wie geschrieben (oder noch anders) — hat die Besonderheit, dass sich sprachliche Äußerungen normalerweise in kleinere Einheiten unterteilen lassen, die teilweise als diese kleineren Einheiten eine ‚Bedeutung‘ haben; im Zusammenhang der Äußerung können diese unterscheidbaren kleineren Einheiten eine ‚über die einzelne Einheit hinausgehende‘ Bedeutung besitzen. Zugleich spielt die Situation eine Rolle: die gleiche sprachliche Äußerung kann je nach der Deutung der Situation eine ganz unterschiedliche Bedeutung besitzen.
  9. Eine Äußerung wie ‚Ich bitte Dich, mir zu helfen, das Haus zu verkaufen‘, enthält kleinere Einheiten, die wir gewöhnlich ‚Worte‘ nennen. Einzelne Worte wie z.B. ‚Haus‘ haben eine Bedeutung durch Bezug auf gedachte und dann möglicherweise objektive Gegenstände mit bestimmten Eigenschaften. Andere Worte wie ‚zu‘ und ‚das‘ haben keinen direkten Gegenstandbezug. Für jemand, der die deutsche Sprache kennt, deutet sich in dieser sprachlichen Äußerung an, dass eine Person A (die mit dem ‚Ich‘) eine andere Person B (die mit dem ‚Dich‘) ‚bittet‘ bei einem Hausverkauf zu helfen. Wenn die beiden Personen A und B voneinander gesellschaftlich unabhängig sind, die Person B dem A in keiner Weise verpflichtet ist, dann ist die ausgesprochene Bitte typisch und der Ausgang offen. Wenn aber B dem A irgendwie verpflichtet ist, von A vielleicht sogar sehr direkt abhängt, dann kann diese Bitte eher als ein Befehl verstanden werden, den B dann aus gesellschaftlichen Gründen nicht wirklich ablehnen kann. Dies setzt voraus, dass man die sprachliche Äußerung als Teil eines größeren sozialen Zusammenhangs erkennt, dessen Eigenschaften die Bedeutung beeinflussen können.
  10. Es gibt aber noch weitere Unwägbarkeiten. Wenn in der Äußerung davon gesprochen wird, ‚das Haus‘ zu verkaufen, dann unterstellt A, dass B ‚weiß‘, welches Haus ‚gemeint‘ ist. Wenn die sprachliche Äußerung aber in ‚Abwesenheit des Hause‘ getätigt wird, dann existiert ‚das Haus‘ nur im ‚Wissen‘ der beiden beteiligten Personen A und B. Zumindest unterstellt A, dass B ‚weiß‘, welches Haus A ‚meint‘. Dies funktioniert, wenn es in der Vergangenheit eine Situation gab, durch die eindeutig genug ein ganz bestimmtes Haus identifiziert worden ist, also ‚das Haus‘ von dieser erinnerbaren Situation. Dies kann funktionieren. Wenn diese erinnerbare Situation aber nicht eindeutig war, wenn schon in dieser Situation zwar von ‚dem Haus‘ geredet wurde, aber schon in der damaligen Situation A an ein anderes Haus gedacht hat als B und beide diesen Unterschied nicht bemerkt haben, dann wird B möglicherweise zustimmen und für sich an ein anderes Haus H1 denken als A, der an das Haus H2 denkt. Irgendwann werden beide vielleicht merken, dass sie mit ‚das Haus‘ zwei verschiedene Objekte meinen, spätestens dann, wenn sie zu dem Haus hinfahren würden. Solange sie dies nicht tun leben Sie mit ihren privaten, subjektiven Vorstellungen von einem Hausobjekt H1 bzw. H2, benutzen die gleichen Worte, und merken nicht, dass sie beide etwas ‚Verschiedenes meinen‘.
  11. Ein Bezug zur Außenwelt unter Zuhilfenahme einer Sprache kann also unterschiedlich missverständlich sein. Die Worte können im Kopf, im ‚Innern‘, im Denken eines Sprecher-Hörers, einen Sachverhalt induzieren, hervorrufen, aktivieren, der für ‚wirklich‘ angenommen wird, obgleich sich diese Vorstellungen in den Köpfen verschiedener Sprecher-Hörer unterscheiden können, trotz gleicher Worte.
  12. Bei sogenannten ‚abstrakten Bedeutungen‘, wie sie sich bei Worten finden wie ‚Freiheit‘, ‚Demokratie‘, ‚Bewusstsein‘, ‚das Dasein‘, ‚Existenz‘, ‚Glauben‘, ‚Gott‘, ‚Paradies‘, ‚Mathematik‘ usw. kann man in der Regel nicht von vornherein von einer allen gleichermaßen bekannten ‚Bedeutung‘ ausgehen. Worte mit solchen Bedeutungen haben einen solch vielschichtigen Verwendungszusammenhang, dass man bei ihrem Gebrauch grundsätzlich vorher mit allen Beteiligten klären sollte, welche Verwendungszusammenhänge sie jeweils voraussetzen.
  13. Sprechen wir im Alltag von ‚Wahrheit‘ dann unterstellen wir einen Zusammenhang zwischen Sprecher und Umwelt derart, dass eine Aussage wie ‚Es regnet‘ sich auf einen realen, objektiven Vorgang in der Umwelt bezieht, der von anderen auch so wahrgenommen wird (oder werden kann), der jetzt stattfindet. Bei der Aussage, ‚Ich war gestern in Frankfurt‘ wird es schwieriger. Ob die Aussage als ‚wahr‘ bezeichnet wird, hängt davon ab, ob sich nachweisen lässt, dass der Sprecher einen Tag früher tatsächlich in der Stadt mit Namen Frankfurt war, und dass der Sprecher mit der Aussage ‚Ich war gestern in Frankfurt‘ diesen Sachverhalt meint. Wenn der Sprecher während der Aussage für sich gedacht hat, dass er sich nur vorgestellt hat, dass er in Frankfurt gewesen sei, dann wäre die Aussage nach üblichem Sprachverständnis ‚falsch‘, da man bei solch einer Aussage unterstellt, dass der Sprecher tatsächlich in Frankfurt war. Wenn eine Sprecherin sagen würde ‚Ich werde morgen nach Frankfurt fahren‘, dann wäre der Wahrheitsgehalt noch offen. Sie kündigt ein Ereignis an, das in der Zukunft stattfinden soll. Ob es tatsächlich stattfinden wird, muss man erst mal ’sehen‘. Es ist eher eine ‚Absichtserklärung‘, allerdings eine mit potentiellem Wahrheitsanspruch. Falls die Sprecherin während der Aussage denkt, dass Sie nicht wirklich nach Frankfurt fahren will, wäre ihr Aussage nach normalem Verständnis eine ‚Lüge‘ oder eine ‚Täuschung‘. Allerdings, wenn die Sprechsituation locker ist, man gerade ‚herum spinnt‘, man Möglichkeiten überlegt, es nicht so ganz ernst zugeht, dann wäre die Aussage eine Meinungsäußerung ohne klaren Wahrheitsstatus.
    Fassen wir zusammen: Das Reden von ‚Wahrheit‘ setzt voraus:

    1. Es gibt mindestens einen Sprecher A und mindestens einen Hörer B
    2. Beide benutzen die gleiche Sprache L in einer gemeinsam geteilten Situation S
    3. A und B können zwischen Innen (subjektiv) und Außen (objektiv) unterscheiden.
    4. Für A und B haben die hörbaren und/ oder lesbaren Ausdrücke E der Sprache L eine subjektive Bedeutung Y, die mit Sachverhalten X in der Umgebung korrespondieren können.
    5. Wenn A einen Ausdruck E mit der subjektiven Bedeutung YA(E) — aus der Sicht von A — äußert, und dieser Äußerung von E ein Sachverhalt X korrespondiert, den B auch wahrnehmen kann, so dass durch den Ausdruck E und dem Sachverhalt X bei B die subjektive Bedeutung YB(E) aktiviert wird, dann würde aus Sicht von B eine ‚wahre Aussage E‘ vorliegen, wenn der Sachverhalt X mit seiner Bedeutung YB(E) ‚korrespondiert‘.
    6. Da die subjektive Bedeutung Y eines Ausdrucks E mit einem Sachverhalt X korrespondieren soll, muss der Sachverhalt X auch als eine wahrnehmbare Größe XSprecher-Hoerer so vorliegen, dass die subjektive Bedeutung YSprecher-Hoerer sich direkt mit dem Sachverhalt vergleichen lässt. Dies bedeutet, es bedarf einer subjektiven Vergleichsoperation XSprecher-Hoerer = YSprecher-Hoerer ?. Dies bedeutet, sowohl die subjektive Bedeutung Y wie auch der wahrgenommene Sachverhalt X stellen subjektive Größen dar; sie unterscheiden sich nur durch die Art der Hervorbringung: YSprecher-Hoerer wird durch subjektive Aktivitäten generiert und XSprecher-Hoerer wird durch Sinnesorgane des Körpers über das Gehirn generiert. Die Menge der subjektiven Gegebenheiten soll hier technisch als ‚Phänomenraum (PH)‘ bezeichnet werden. Es würde dann gelten dass alle Arten von aktuell wahrgenommenen Sachverhalten X eine Teilmenge des Phänomenraums PH sind und ebenso alle aktuell generierten subjektiven Bedeutungen Y, als XNOW ⊆ PH und YNOW ⊆ PH.Ferner würde gelten YNOW ∩ XNOW = 0
    7. Dabei muss man sich klar machen, dass es zwischen der jeweiligen subjektiven Bedeutung YSprecher-Hoerer und einem sprachlichen Ausdruck E auch eine hinreichend klare und stabile Korrespondenz geben muss. Dies setzt wiederum voraus, dass der hörbare oder sichtbare sprachliche Ausdruck E eine interne Repräsentation ESprecher-Hoerer haben muss, die mit der subjektiven Bedeutungsrepräsentation YSprecher-Hoerer assoziiert ist. Dabei ist zu beachten, dass es eine sprachliche Bedeutung im engeren Sinne gibt, nur bezogen auf den Ausdruck, und eine Bedeutung im weiteren Sinne, insofern der situative Kontext C(Sprecher,Hoerer) zu berücksichtigen ist. Es muss also eine Beziehung folgender Art geben: Meaning : CSprecher-Hoerer x ESprecher-Hoerer —> YSprecher-Hoerer. Dies führt zu den Erweiterungen: CNOW ⊆ PH sowie YNOW ∩ XNOW ∩ CNOW = 0.
  14. Schon diese stark vereinfachende Rekonstruktion lässt erkennen, wie schwierig es ist, zu wirklich wahren Aussagen im Kontext einer Kommunikation zu kommen. Haben zwei Personen eine unterschiedliche Wahrnehmung, dann kann dies schon zu Missverständnissen führen. Haben Sie bei der Zuordnung zwischen wahrgenommenem Sachverhalt X und Bedeutungskonzept Y Unterschiede, funktioniert es auch nicht. Ferner muss die Situationszuordnung passen, und, am allerwichtigsten, die Zuordnung von Ausdruck und Bedeutung muss gleich sein. Alle diese Bedingungen herzustellen und zu überprüfen, erfordert viel Aufmerksamkeit und vielen guten Willen.
  15. Die vielen Kommunikationsprobleme im Alltag zeigen, dass es in der Tat schwierig ist; dazu kommen die vielfältigen systematischen Manipulationen von Sprache aus unterschiedlichsten Gründen (Lügen, Werbung, Propaganda, Indoktrination, Fälschung, Unterhaltung, Fiktion,…).

Eine  Fortsetzung findet sich HIER.

Pausenmusik 🙂

PS: Eine Ergänzung zu diesen Überlegungen könnte das Memo zur Philosophiewerkstatt vom 8.Oktober sein.

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PLANET DER AFFEN: SURVIVAL – Nahe an einer Bankrotterklärung? – Andere Sichten

Übersicht

Eigentlich nur ein Film, aber wenn man den aktuellen kulturellen Kontext bedenkt, vielschichtig, nicht nur negativ. (Anmerkung: der englische Titel des Films lautet: War for the Planet of the Apes)

I. DIE GESCHICHTE

1) Wie man in Wikipedia-DE nachlesen kann gründet die dreiteilige Verfilmung auf einem Roman, dessen Ausgangsszenario darin besteht, dass ein an Affen getestetes virales Medikament gegen Alzheimer diese so intelligent gemacht hatte, dass sie ausbrechen und ihre eigene Zivilisation gründen konnten. Unter Menschen führte das Medikament zu der meist tödlich verlaufenden ’Affengrippe’, die hoch ansteckend war und die sich rasant verbreitete.

2) Mikrobiologisch ist dieser Plot in seiner spezifischen Doppelwirkung ziemlich unsinnig, aber er liefert ein interessantes Szenario, um Menschheit und veränderte Tierwelt in ungewöhnlichen Konstellationen zu konfrontieren.

3) Im dritten Teil gibt es nur noch wenige Menschen, die als zwei verfeindete Militäreinheiten vorkommen. Die eine Einheit genannt Alpha-Omega, die die Affen bekämpft und auszurotten versucht, die andere, die lange Zeit nur in Anspielungen auftaucht, in Andeutungen, die möglicherweise die Alpha-Omega Einheit besiegen will.

4) Die Darstellung der Soldaten selbst mit all ihren Waffen kommt sehr realistisch daher (sogar als 3D-Ereignis), ist aber in nahezu jeder Hinsicht bizarr unrealistisch.

5) Dazu gibt es als Gegenspieler die intelligenten Affen unter ihrem legendären Anführer Cäsar. Diese werden im Kontrast zu den rein militärischen Menschen als ein soziales Gebilde dargestellt mit Jung und Alt, Frauen und Männer, mit normalem gesellschaftlichen Leben, und manifestieren darin das, was man von menschlichen Gesellschaften her kennen kann (nicht muss, da es in den aktuellen menschlichen Gesellschaftsformen viele soziale Formen gibt, die kaum noch ’traditionelle’ Muster erkennen lassen).

6) Das Verhältnis zwischen den Soldaten-Menschen und den intelligenten Affen ist aus der Vergangenheit heraus sehr belastet, kommt aber im dritten Teil immer nur indirekt vor (Andeutungen, Erinnerungen, Handlungsreflexe…). Und damit der Zuschauer gleich weiß, wo hier die Guten und Bösen sind, beginnt der dritte Teil mit einem Überraschungsangriff auf das Lager der Affen. Während der Anführer der Affen, Cäsar, nach dem Sieg einige Gefangene wieder großzügig ziehen lässt mit der Hoffnung auf Besinnung, folgt ziemlich bald der nächste Überraschungsangriff als Kommandounternehmen, durch das Cäsar Frau und Sohn verliert.

7) Dies führt zu einer Expedition von Cäsar und wenigen Getreuen, die letztlich zur Entdeckung des Hauptlagers der Alpha-Omega Einheit führt, die dort eine Art Affen-Konzentrationlager betreiben. Wofür die Arbeit der Affen gut sein soll, erschließt sich nicht wirklich. Das Konzentrationslager mit seinen grausamen Methoden liefert allerdings genügend Anlässe, um die Emotionen gegen die Soldaten-Menschen und für die fühlenden intelligenten Affen weiter anzufachen.

8) Wie in jedem klassischen Schurkenstück gibt es aber ein Happy-End für die Unterdrückten. In einem Endgefecht greifen die bis dahin nur in Zitaten existierenden anderen Soldaten-Menschen die Einheit Alpha-Omega an und können diese (mit Unterstützung der Affen) vollständig vernichten (Feuer, Explosionen, das große Inferno). Als die Sieger plötzlich Cäsar entdecken, der sich noch in der Nähe des Lagers befindet, und sie auf ihn schießen wollen, donnert eine gigantische Schneelawine aus den Bergen ins Tal herab und begräbt das Lager mit allen Soldaten-Menschen unter sich.

9) Nachdem sich der Schneestaub verzogen hat sieht man in den Baumkronen der stehen gebliebenen Bäumen überall die Affen, die zuvor hatten fliehen können. Der Film endet in wunderschönen Naturbildern, die Affen habenüberlebt, und Cäsar stirbt friedlich als großer Retter seiner Volkes.

II. ALS WAHRNEHMUNGSERLEBNIS

1) Der Film kommt als 3D-Film daher. Die im Kino erhältlichen 3D-Brillen vermitteln weitgehend 3D-Eindrücke, allerdings nicht wirklich perfekt. Irgendwo ist diese ganze 3D-Idee auch unsinnig: das menschliche Gehirn wurde im Laufe von Millionen von Jahren darauf ausgelegt, aus den 2D-Pixeln der Netzhaut 3D-Asichten einer Welt zu generieren. Dies macht das Gehirn so perfekt, dass jeder Mensch spontan immer eine räumliche Welt sieht, obgleich die Netzhaut nur Lichtpunkte einer 2D-Oberfläche besitzt, dazu noch auf den Kopf gestellt, auf zwei Augen verteilt, mit unterschiedlichen Schärferegionen. Niemand nimmt aber diese Netzhautwirklichkeit wahr; jeder sieht eine perfekte 3D-Welt. Und das Gehirn ist trainiert, aus 2D-Bildern und Filmen ein 3D-Erlebnis zu machen; im Falle von Bildern ’weiß’ dann jeder auch, dass es ’Bilder’ sind und noch nicht die ’reale Welt’. Vielfach eine sehr nützliche Information.

2) Wohltuend in der Wahrnehmung dieses Films war die gewollte Dauer von vielen Einstellungen; das Verweilen in Situationen, länger als in vielen neuen Filmen üblich. Als Zuschauer hatte man Zeit zum ’Verarbeiten’, zum ’Fühlen’, zum ’denkenden Sehen’.

III. KULTURELLE VOREINSTELLUNGEN

1) Man kann den Film nach kurzer Betrachtung wieder vergessen, wie es so viele Filme gibt, die heute über die Leinwand und den Computerbildschirm rauschen, das Gemüt ein wenig kitzeln, das Gehirn ein wenig in Richtung Markenfixierung programmieren, und im Rausch der bunten Bilder die Alltagsbilder vergessen machen.

2) Man kann den Film aber auch zum Anlass nehmen, ein wenig darüber nachzudenken, welche Botschaften er aussendet, direkte Botschaften, aber auch indirekte Botschaften.

3) Die direkten Botschaften sind eher langweilig, konventionell und erschöpfen sich weitgehend im zuvor geschilderten Plot.

4) Die indirekten Botschaften sind eher interessant.

5) Bedenkt man, dass die meisten Menschen heute ihre Welt aus einer Alltagsperspektive erleben, in der sie selbst kaum noch brauchbares Weltwissen besitzen: Täglich vollgedröhnt mit fragmentierten Nachrichten, einer Fülle von Marketing-Informationen über mehr oder weniger sinnlose Produkte, einer spezialisierten – oft sinnfreien – Arbeitswelt, einem gestressten Alltag, einer erlebnisorientierten Freizeitwelt ohne weiterführende Kontexte, ein Menschenbild, das zwischen blassen Erinnerungen einer religiös eingefärbten Humanität (selbst das bei vielen nicht mehr), und Fragmenten wissenschaftlicher Erkenntnisse, die keinerlei schlüssiges Gesamtbild liefern, …. dann kann man den Film auch sehen als ein Ausdruck eben dieses Verlustes an einer grundlegenden und umfassenden Perspektive.

6) Im Film erscheinen die Menschen nur noch als verzerrte, gefühllose Wesen, umfassend zerstörerisch, nichts aufbauend, blind für das wahre Leben. Und die einzige Quelle von Hoffnung sind jene Lebewesen, die wir bislang als ’Tiere’ kennen, die wir als Menschen (obgleich selbst biologisch Tiere) vielfach brutal ausrotten oder nur zum Verzehr unter unwürdigsten Bedingungen züchten. Und die Hoffnung auf eine Zukunft des Lebens wird in diese Tiere, in diese Affen, projiziert, in Gestalt einer genetischen Veränderung, die dann quasi automatisch, über Nacht, zu einem psychologischen Profil führt, das Affen ermöglicht, intelligent, gefühlvoll, sozial miteinander und der Natur umzugehen.

IV. DAS WAHRE DRAMA

Vieles an dem zuvor angesprochenen Klischee ist richtig und die Umsetzung dieses Klischees in die Handlung des Films hat eine gewisse Logik und Folgerichtigkeit. Dennoch kann – und muss? – man die Frage stellen, ob es die ’richtige’ Folgerung ist.

A. Künstlerisch

1) Bei künstlerischen Ereignissen – und Filme werten wir schon noch als Kunst, bei allem realem Kommerz – sollte man eigentlich die Frage nach der ’Richtigkeit’ nicht stellen, da Kunst sich ja gerade über einen spielerisch-kreativen Umgang mit der Wirklichkeit definiert und uns darin, möglicherweise, Aspekte unserer Wirklichkeit sichtbar machen kann, die uns anregen können, das Leben ’besser’ zu verstehen.

2) Und doch, selbst im Spielerisch-Kreativen der Kunst kann und muss man die Frage erlauben, ob es irgendetwas zeigt, sichtbar, erlebbar macht, was uns weiter führen könnte, ansonsten verliert auch die Kunst ihre Lebensfunktion.

B. Wissen

1) Und hier spielt jetzt das ’Wissen’ eine wichtige Rolle. Wissen ist jener spezielle Zustand im Gehirn eines Menschen, in dem die erlebten und denkbaren Aspekte unserer Welt sich zu Mustern, Bildern, Modellen zusammenfinden können, die Zusammenhänge sichtbar machen, Abläufe, mögliche Entwicklungen. Im ’Lichte unseres Wissens’ können wir dann – nicht notwendigerweise – unsere aktuellen Alltagseindrücke einordnen, relativieren, gewichten, und Zusammenhänge sichtbar machen, die uns weiterführende Bewertungen und dann Handlungen ermöglichen.

2) Und es sind gerade die vielfältigen Erkenntnisse aus den Wissenschaften der letzten 10-20 Jahren, die ein Bild des Universums, unseres Sonnensystems, des biologischen Lebens samt seiner kulturellen Ausprägungen ermöglicht haben, die den Menschen (uns selbst als homo sapiens) im Kontext des gesamten biologischen Lebens völlig neu betrachten lassen.

C. Leben und seine Grenzen

1) Vor diesem möglichen Gesamthintergrund (viele Beiträge in diesem Blog haben versucht, Teile davon zu artikulieren) werden mindestens zwei Botschaften sichtbar: das eine ist eine vertiefte Sicht auf die ungeheuerlich komplexen Zusammenhänge des biologischen Lebens, das als das größte Wunder im bekannten Universum bezeichnet werden muss. Das andere ist die Erfahrung der Letzten paar tausend Jahre, speziell auch der letzten 100 Jahre, dass wir Menschen zwar einerseits eine immer komplexere Welt schaffen konnten, dass wir aber mit unseren individuellen Körpern (Gehirn, Gefühlen, Denkfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, soziale Interaktionen, Vorausschau,…) an Grenzen angekommen sind, um mit dieser komplexen Welt weiterhin konstruktiv positiv, nachhaltig umzugehen.

2) Ein klein wenig können wir mittlerweile eine ganz neue, fantastische Welt erahnen und fühlen, aber zugleich erleben wir konkrete Grenzen, Endlichkeiten, Bedürfnis-Gefühls-Chaos, destruktive Kräfte, die uns daran hindern, die ganz neue Vision voll zu verstehen, sie voll im Alltag umzusetzen.

3) Diese Hilflosigkeit empfinden viele stark, bis hin zur Ohnmacht. Für die große Mehrheit der Menschheit gibt es kaum wirksame Mechanismen der konstruktiven Verarbeitung; für den Rest erscheinen die Mittel auch schwach, zu schwach?

4) Und in dieser Situation gibt es einen gewissen Trend, selbst in den Wissenschaften (!), die Sache des Menschen als hoffnungslos einzustufen. Die einen schreiben Bücher über die Welt nach dem Aussterben des homo sapiens, die anderen ergehen sich in filmische Untergangsszenarien, andere werfen ihren ganzen Glauben auf die kommenden (super-)intelligenten Maschinen, die all das richten können sollen, was wir Menschen bislang anscheinend nicht können. Wieder andere suchen ihr Heil in populistisch-autoritären

Bewegungen, die kurzfristig einzelnen Gruppen Vorteile verschaffen sollen auf Kosten aller anderen.

D. Leben als Vision

1) Was aber not täte, das wäre das ruhige, besonnene, sachliche Aufsammeln aller Fakten, die nüchterne Analyse der bislang bekannten Prozesse, um damit – vielleicht – ein neues, breiteres Bild der Ereignisse gewinnen zu können. Ein zentrales Thema ist dabei die Einsicht, dass man die lange bestehende Abgrenzung zwischen einer Welt da draußen’ (Physik, Chemie ..), der Welt der Zellen (Biologie, Mikrobiologie, Genetik…), dem inneren Erleben (Phänomenologie, Spiritualität,…), dem Sozialen (zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Umwelt) beendet, und begreift, dass dies alles eine Einheit bildet, und dass der Mensch als homo sapiens nur verstehbar ist, als Teil (!) des gesamten biologischen Lebens, mit all der weitreichenden Verantwortung, die dem Menschen dadurch für das Gesamte erwächst. Dass intelligente Maschinen dem Menschen dabei helfen könnten, die wachsende Komplexität zu managen, liegt nahe und ist als Teil der biologischen Evolution verstehbar, allerdings eben nicht als Anti-Bewegung gegen den Menschen und das übrige Leben sondern als konstruktives Moment am Gesamtphänomen Leben!

2) Es ist sicher kein Zufall in der Evolution des Lebens, dass der Übergang von den ersten Zellen zu kooperativen Zellverbänden fast 2 Milliarden Jahre gebraucht hat (bei einer bisherigen Gesamtdauer der biologischen Evolution von 3.5 Milliarden Jahren). Die Integration vieler komplexer Einheiten auf einer noch höheren Integrationsstufe ist immer eine Herausforderung. Dass es überhaupt soweit kommen konnte, dass sich das Leben im Universum durch den homo sapiens gleichsam ’selbst anschauen’ kann und darin ’seine eigene Zukunft vorwegnehmen’ kann, ist ein bis heute schwer fassbares Phänomen. Was ansteht, ist eine konstruktive Integration von biologischem Leben als Ganzem inklusive dem homo sapiens inklusive der biologisch ermöglichten Kultur (inklusive Technologie) als Phänomen IM physikalischen Universum, als TEIL des physikalischen Universums, als jenes Moments, das sämtliche bekannten physikalischen Gesetze nachhaltig beeinflussen kann. Wenn wir irgendetwas über das physikalische Universum gelernt haben, dann dieses, dass es keine festen, starren ’Naturgesetze’ gibt. Die Physik ist ganz am Anfang, dies zu verstehen, und es wäre sicher nicht uninteressant, Physik und Biologie ein bisschen mehr zu verzahnen; die Physik könnte eine Menge lernen.

V. KONTEXTE

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(MASCHINELLES) BEWUSSTSEIN – ALLTAGSERKENNEN – ZURÜCK AUF START

(A shorter version in English can be found HERE)

KONTEXT: WELT DER INGENIEURE

  1. Seit letztem Sommer arbeite ich bei einem Buchprojekt mit, bei dem es eigentlich um die Welt der Ingenieure geht: Wie löst ein Ingenieur ein Problem? Sozusagen vom ‚Problem‘ zum ‚fertigen Produkt‘. Zu diesem Thema gibt es viele dicke Bücher und internationale Standards, viele hundert Artikel. Dennoch gibt es hier viele offene Fragen, z.B. auch die nach den Erkenntnisprozessen, die in Ingenieuren ablaufen müssen, damit sie ein Problem in eine funktionierende Lösung transformieren können. Unter welchen Voraussetzungen kann eine Kommunikation zwischen Ingenieuren gelingen? Gibt es eine innere Logik in diesem Prozess? Und was ist mit den intelligenten Programmen und Maschinen, die immer mehr Teil dieses Prozesses sind und sein werden? Was ist eigentlich ‚Künstliche Intelligenz‘? Was kann sie wirklich? Könnte eine Maschine menschlich kommunizieren? Kann eine Maschine ein maschinelles Bewusstsein haben, das eine Kooperation mit Menschen im menschlichen Stil ermöglicht?

MASCHINELLES BEWUSSTEIN

  1. Dies sind einige der Fragen. Die Frage nach einem maschinellen Bewusstsein wurde in diesem Blog bisweilen schon angerissen. Damit zusammenhängend stellt sich – zumindest methodisch – sofort die Frage, was wir denn unter dem Begriff ‚Bewusstsein‘ verstehen können oder sollen? Macht es Sinn, von einem ‚maschinellen Bewusstsein‘ zu sprechen, wenn wir doch gar nicht wissen, was ein ‚Bewusstsein‘ sein soll? Hier stellen sich viele spannende Fragen; einige davon wurden in diesem Blog auch schon diskutiert.

BEWUSSTSEIN UND NEURONALE KORRELATE

  1. Speziell die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein hat schon immer Philosophen beschäftigt, später, in der Neuzeit, auch Psychologen, und dann, noch später, seit einigen Jahrzehnten zunehmend die Neurowissenschaften bzw. die Neuropsychologie. Der Begriff der ’neuronalen Korrelate des Bewusstseins‘ ist mittlerweile weit verbreitet. Ganz allgemein werden damit Gehirnaktivitäten gemeint, die mit Bewusstseinsprozessen einhergehen sollen. Die Zahl der Publikationen zu diesem Thema geht in die Hunderte. Dennoch wird man sich schwer tun, in irgendeiner dieser Publikationen eine brauchbare Definition von ‚Bewusstsein‘ zu finden, die unabhängig von neurowissenschaftlichen Tatbeständen ist. Von daher bewegen sich diese Publikationen weitgehend in einem hermeneutischen Zirkel: sie versuchen neuronale Korrelate des Bewusstseins zu definieren, ohne dass sie den Begriff ‚Bewusstsein‘ unabhängig von Gehirnaktivitäten definieren. Vereinfacht wird ein Bündel von Gehirnaktivitäten genommen und erklärt, dass immer dann, wenn diese auftreten, bewusste Aktivitäten vorliegen, ohne dass diese bewussten Aktivitäten in einem selbständigen theoretischen Modell erklärt werden bzw. unabhängig von den neuronalen Aktivitäten gemessen werden.
  2. Die Methodendiskussionen im Kontext der Neurowissenschaften – auch unter Einbeziehung der Neuropsychologie – erscheinen von daher bislang eher unbefriedigend.

MACHINELLES BEWUSSTSEIN – KI

  1. Hier gibt es einen interessanten Nebenkriegsschauplatz, von dem man sich auf den ersten Blick vielleicht kaum Erkenntnisse für die Frage ‚Bewusstsein – Gehirn‘ erhofft. Das Gebiet des maschinellen Bewusstseins, einem Teilgebiet der künstlichen Intelligenz (Anmerkung: der heute oft anzutreffende Begriff der ‚Maschinellen Intelligenz‘ ist – wenn man sich an den veröffentlichten Texten orientiert – nur ein kleiner Teilbereich des weiten Gebietes der ‚Künstlichen Intelligenz‘. Allerdings ist der Sprachgebrauch von ‚Künstlicher Intelligenz‘, ‚Maschineller Intelligenz‘, ‚Computational Intelligence‘, ‚Cognitive Computation‘ usw. zur Zeit nicht sehr einheitlich.) fragt sich sehr speziell, ob und wie man das Phänomen des menschlichen Bewusstseins mittels einer Maschine soweit nachbauen könnte, dass sich alle Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins damit reproduzieren lassen. Wie man dieses maschinelle Bewusstsein technisch realisiert ist bei dieser Fragestellung eigentlich offen, faktisch versucht aber die große Mehrheit der hier aktiven Forscher Anleihen bei der Gehirnwissenschaft und der Psychologie zu holen, weil nun mal der Prototyp eines menschlichen Bewusstseins in realen Menschen real vorliegt und es für viele einfacher erscheint, sich hier etwas abzugucken als alles aus dem Nichts neu zu erfinden.
  2. Einen der besten Überblicke, den ich zu diesem Forschungsgebiet kenne, stammt von James A.Reggia aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „The rise of machine consciousness: Studying consciousness with computational models“ (erschienen in der Zeitschrift ‚Neural Networks‘ von Elsevier (URL: https://pdfs.semanticscholar.org/8333/603ff38df5fb8277f0ef945b3d4c6ccd672e.pdf ). In einem späteren Artikel aus 2017 hat er die grundlegende methodische Problematik unter dem Titel „Exploring the Computational Explanatory Gap‚ zusammen mit anderen nochmals weiter ausformuliert (in der Zeitschrift ‚Philosophies‘ (URL: doi:10.3390/philosophies2010005 ). Reggia zeigt viele der methodischen Schwachstellen der Rede von den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins auf (auch sehr grundlegende Einwände) und kommt letztlich zum Ergebnis, dass die Forschung nicht wirklich weiter kommt, solange sie sich nicht dem Phänomen des ‚Bewusstseins‘ direkt stellt ohne den Umweg über Verhalten (Psychologie) oder Gehirnaktivität (Neurowissenschaft).

WIE DIE FRAGE STELLEN?

  1. Damit stellt sich die Frage, welche Chancen wir denn haben, uns direkt mit dem Bewusstsein zu beschäftigen. Die vielfachen Versuche der Philosophen aus mehr als 2000 Jahren, die der Psychologen seit ca. 150 Jahren bieten eine kaum überschaubare Fülle von Vorgehensweisen, von denen sich aber bislang keine wirklich durchsetzen konnte. Am meisten vielleicht noch (meine subjektive Einschätzungen) die Ansätze einer phänomenologischen Philosophie (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty…), aber so richtig durchsetzen konnten diese sich bislang auch nicht. Seit den 90iger Jahren gab es eine neue Welle von philosophischen Untersuchungen. Den Namen Thomas Metzinger kennen seitdem viele, die Zeitschrift ‚Journal of Consciousness Studies‘ bildete einen starken Impuls, in der Einbeziehung der Gehirnforschung sahen viele eine neue Option. In dem Maße aber, wie sich die Daten der Gehirnforschung mathematisch fassen und in neuartige Experimente umsetzen lassen, wird sichtbar, dass die Gehirnforschung als solche nicht automatisch jene Erkenntnisse liefert, nach denen wir fragen. Was also tun?

SYSTEMS ENGINEERING

  1. Mehr durch Zufall bin ich vor ca. 18 Jahren mit Menschen zusammen getroffen —  speziell mit einem –, die sich Ingenieure nennen, genauer, ‚Systems Engineers‘. Dies sind Menschen, die ein umfangreiches Training vorwiegend in Technologie, Mathematik und Management genommen haben, meist mindestens 20 – 25 Jahre, bis sie dann Raketen und Flugzeige planen und bauen können, Atomreaktoren mit Extremsicherheitsanforderungen, den Verkehrsfluss in Städten, die Grenzsicherung eines Landes, das Gesundheitssystem eines Landes, und vieles mehr. Systems Engineers sind gewohnt, komplex zu denken, in Prozessen, unter Einbeziehung des Faktors Mensch, und immer sehr konkret, überprüfbar, messbar, mit vielen mathematischen Modellen, unter Einbeziehung von hochentwickelten Softwarewerkzeugen.
  2. An dieser Stelle kann man mal die Frage aufwerfen, wie müsste eine Theorie des menschlichen Bewusstseins aussehen, so dass ein Systems Engineer sie real und praktisch benutzen könnte, um seine komplexen Aufgaben damit besser lösen zu können? Die meisten Publikationen zum Thema Bewusstsein reden in gewisser Weise ‚über‘ das Phänomen, eingebettet in viele spezielle Begriffe, deren Bedeutung nicht so ohne weiteres klar ist, ohne dass sich daraus ableiten lässt, wie man aus diesem Reden ‚über‘ das Bewusstsein zu konkreten Anleitungen und zu konkreten Methoden kommen kann, die geeignet sind, das reale Verhalten von Akteuren mit Bewusstsein sowohl zu beschreiben wie auch – soweit es die internen Freiheitsgrade von Akteuren erlauben – gewisse Prognosen über ihr Verhalten abzugeben. Für Ingenieure besonders wichtig sind brauchbare Erkenntnisse über die Wechselwirkung zwischen den Situationsgegebenheiten und den inneren Zuständen des Akteurs. Eine verhaltensorientierte Psychologie kann hier in der Regel von großer Hilfe sein, ersetzt aber keine ‚Theorie des Bewusstseins‘ im engeren Sinne.

ZURÜCK AUF START

  1. Die obigen Überlegungen im Hinterkopf, z.T. schon viele Jahrzehnte, habe ich mich jetzt entschlossen, die Frage nach einer geeigneten Theorie des Bewusstseins, die sich in Ingenieurkontexten praktisch nutzen lässt, nochmals neu anzugehen. Dieses Mal bewusst im Rahmen des methodischen Paradigmas des Systems Engineerings.
  2. Dabei trat die Notwendigkeit auf, die pragmatischen Umschreibungen und Handhabungen des Begriffs ‚Systems Engineering‘ im Modell einer ‚Empirischen Wissenschaft‘ mit einer ‚formalen Theorie‘ zu reformulieren und in diesem Kontext dann die Frage nach dem Bewusstsein empirisch und theoretisch zu verfolgen. Obgleich man davon ausgehen kann, dass die Ergebnisse der empirischen Psychologie, der empirischen Neurowissenschaften und einer empirischen Neuropsychologie wertvolle Korrelationen liefern können, so muss man methodisch festhalten, dass sie dies nur dann können, wenn es unabhängig vom Verhalten und den Gehirnaktivitäten eine brauchbare Theorie des Bewusstseins gibt, die sich korrelieren lässt. Ohne solch eine eigenständige Theorie des Bewusstseins bewegen sich Psychologie und Gehirnwissenschaft in einem hermeneutischen Zirkel, aus dem es keinen Notausgang gibt.
  3. Ein Ziel zu haben ist eines, den Weg zum Ziel zu finden etwas anderes.

START IM ALLTAG

  1. Nach zahllosen Versuchen in den letzten Jahren und den intensiven Diskussionen in der Fachliteratur habe ich mich entschieden, den Start der Untersuchung in den Alltag zu verlegen, in den Kontext jener Abläufe und Handlungen, die wir täglich vornehmen, die wir mehr oder weniger gemeinsam haben, und über die zwar nicht unbedingt theoretisch explizit aber dennoch pragmatisch unausgesprochen eine gewisse Einigkeit besteht.

KÖRPER ALS APRIORI

  1. Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass jene Verhaltensweisen, die wir praktizieren, ohne darüber groß zu diskutieren, jene sind, die in der Dynamik und Struktur unseres Körpers, unseres Gehirns und unseres Bewusstsein biologisch angelegt sind, jene Plattform des Wahrnehmens, Fühlens, Erinnerns, Vorstellens, Entscheidens usw. bieten, mit der wir unser alltägliches Leben bestreiten, auch wenn wir über keinerlei theoretische Erkenntnisse verfügen, wie man dies alles genau verstehen kann bzw. sollte (So können Kinder lernen, sich zu bewegen und zu sprechen, ohne theoretische Kenntnisse).
  2. In der formalen Logik gibt es den Grundsatz, dass man nur jene Sachverhalte ‚beweisen‘ kann, die schon in den Voraussetzungen einer Theorie drin stecken. Im Fall unseres Alltagsverhaltens wäre dann das Alltagsverhalten zu verstehen als eine fortdauernde Manifestation von Voraussetzungen, die biologisch in unserem Körper angelegt sind. Die eigentliche theoretische Arbeit bestünde dann darin, jene Voraussetzungen sichtbar zu machen, die in unserem Körper so angelegt sind, dass wir genau zu dem beobachtbaren Verhalten fähig sind. Schwierig wird es dann nur, wenn wir in unserem beobachtbaren Verhalten nur einen Bruchteil von dem Potential ausnutzen, was ‚in uns‘ steckt. Wie wollen wir dann wissen, ‚wer‘ wir sind, wenn sich unsere potentielle Person – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht ‚zeigt‘? Die Geschichte der Menschheit ist voll von Beispielen, wie kulturelle Muster das Verhalten von Menschen unnötiger Weise in bestimmte Muster gepresst haben (und immer noch pressen), die die Entfaltung von Menschen behindern; umgekehrt haben immer wieder Menschen und Situationen neue Verhaltensweisen hervorgebracht, von denen man sich vorher gar nicht vorstellen konnte, dass es sie geben könnte.

BARRIEREN IM SELBST-ERKENNEN

  1. Dies zeigt, dass das ‚Erkennen unserer selbst‘ selbst wiederum in einem hermeneutischen Zirkel stattfindet, in dem wir möglicherweise nur deswegen vieles nicht erkennen, weil wir uns schlicht nicht vorstellen können,   dass es möglich ist, bzw.  dass wir als Menschen auch ganz anders sein könnten (die Art und Weise, wie noch heute in vielen Kulturen z.B. Kinder und Frauen gesehen und behandelt werden, zeigt überdeutlich, wie schwer sich der homo sapiens tut, seine Verhaltensmodelle zu ändern, und auszuweiten).

Fortsetzung folgt

 

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ERKENNTNISSCHICHTEN – PHILOSOPHISCHE LEVEL. Erste Notizen

VORBEMERKUNG

Vor fast genau drei Jahren hatte ich schon einmal einen Blogeintrag geschrieben, in dem das Wort ‚Level‘ im Kontext eines Computerspiels erwähnt wurde (siehe: SCHAFFEN WIR DEN NÄCHSTEN LEVEL? Oder ÜBERWINDEN WIR DEN STATUS DER MONADEN?
). Dort jedoch wurde die Idee des Computerspiels und der Level in einem ganz anderen Zusammenhang diskutiert. Im folgenden Text geht es tatsächlich um den Versuch, konkret verschiedene Ebenen des Denkens (Level) zu unterscheiden. Als ‚Ordnungsprinzip‘ in all dem wird einmal die zeitliche Abfolge benutzt, in der diese Level auftreten können, und eine ‚implizite Architektur‘ unseres Denkens, die sich nur ‚indirekt‘ beschreiben lässt.

DER BEGRIFF ‚LEVEL‘

1. Wer heutzutage Computerspiele spielt, der kennt das: man bewegt sich immer auf einem bestimmten ‚LEVEL‘, d.h. auf einer bestimmten Spielebene. Jede Spielebene hat eigene Regeln, eine eigene spezifische Schwierigkeit. Erst wenn man genügend Aufgaben gelöst hat, wenn man hinreichend viel Punkte erworben hat, dann darf man auf den nächsten Level. Diese Idee der Spielebene, des Level, kann man auch auf den Alltag übertragen.

FUNKTIONIEREN IM ALLTAG

2. Im Alltag stehen wir in beständiger Interaktion mit unserer alltäglichen Umgebung (Level 1). Wir nehmen wahr, wir identifizieren Objekte mit Eigenschaften, Beziehungen zwischen diesen im Raum, zeitliche Abfolgen, und wir selbst verhalten uns nach bestimmten Regeln, die uns der Alltag aufdrängt oder aufgedrängt hat: wir lernen, dass Dinge fallen können; dass es Tag und Nacht gibt; dass Menschen unterschiedlich reagieren können; dass Menschen Rollen haben können, unterschiedliche Verpflichtungen; dass es Regeln gibt, Vorschriften, Gesetze, Erwartungen anderer, Gewohnheiten, Sitten, Gebräuche. Wir lernen mit der Zeit, dass Unterschiede gemacht werden bezüglich Herkunft, Sprache, wirtschaftlicher Stellung, Glaubens- oder Weltanschauungsansicht, usw.

3. Wenn alles ‚gut‘ läuft, dann FUNKTIONIEREN wir; wir tun, was erwartet wird, wir tun, was die Spielregeln sagen; wir tun, was wir gewohnt sind; wir bekommen unsere Leistungspunkte, unsere Anerkennungen …. oder auch nicht.

4. Wenn man uns fragt, wer wir sind, dann zählen wir für gewöhnlich auf, was wir so tun, welche Rollen wir spielen, welche Berufsbezeichnungen wir tragen.

DURCH NACHDENKEN ZUM PHILOSOPHIEREN

5. Sobald man nicht mehr nur FUNKTIONIERT, sondern anfängt, über sein Funktionieren NACHZUDENKEN, in dem Moment beginnt man, zu PHILOSOPHIEREN. Man beginnt dann mit einer BEWUSSTWERDUNG: man tut etwas und zugleich wird einem bewusst, DASS man es tut. Damit beginnt Level 2.

6. Beginn man mit einer solchen bewussten Wahrnehmung des DASS, des Unterscheidbaren, des sich Ereignenden, dann wird man nicht umhin kommen, zu unterscheiden zwischen jenen Phänomenen, Ereignissen, Objekten, die ‚zwischen‘ verschiedenen Menschen – also ‚intersubjektiv‘, ‚empirisch‘, ‚objektiv‘ – verfügbar sind und jenen, die ‚rein subjektive‘ Tatbestände darstellen. Über den ‚Apfel dort auf dem Tisch‘ kann man sich mit anderen verständigen, über die eigenen Zahnschmerzen, die eigenen Gefühle, die eigenen Erinnerungen usw. nicht so ohne weiteres. Jeder kann bis zu einem gewissen Grad ‚IN SEIN BEWUSSTSEINS HINEINSCHAUEN‘ – ’subjektiv‘, ‚introspektiv‘,’phänomenologisch‘– und solche Phänomene wahrnehmen, die NICHT INTERSUBJEKTIV sind, sondern REIN SUBJEKTIV. Diese OJEKTE DER INNENWELT sind für das eigene Erleben genauso real wie die Objekte der Außenwelt, aber sie sind nicht zugleich auch von anderen Menschen wahrnehmbar. Diese bewusste Unterscheidung zwischen AUSSEN und INNEN innerhalb des Level 2 soll hier als Level 3 bezeichnet werden. Die Menge der Inhalte, die innerhalb von Level 2 und 3 bewusst wahrgenommen werden, sollen hier einfach PHÄNOMENE genannt werden mit der anfangshaften Unterscheidung von intersubjektiven Phänomenen auch als EMPIRISCHE PHÄNOMENE und rein subjektive Phänomene als NICHTEMPIRISCHE PHÄNOMENE

WELT NEU ERZÄHLEN

7. Mit dem Bewusstwerden von Level 2 und Level 3 kann eine neue Form von BESCHREIBUNG beginnen, die hier LEVEL 4 heißen soll. Dieser Level 4 stellt eine Art META-LEVEL dar; man spricht auf einem Meta-Level über einen anderen Level. Dies ist vergleichbar einem Linguisten, der die Eigenschaften einer Sprache (z.B. des Deutschen) in seiner Fachsprache beschreiben muss. So könnte es sein, dass ein Satz wie ‚Das Haus hat einen Eingang‘ auf der linguistischen Metaebene eine Beschreibung bekäme wie ‚(‚Das‘: Bestimmter Artikel)(‚Haus‘: Substantiv)(‚hat‘: Verb)(‚einen‘: unbestimmter Artikel)(‚Eingang‘: Substantiv)‘; diese Beschreibung könnte viele weitere Elemente enthalten.

8. Eine Meta-Beschreibung kann innerlich weiter strukturiert sein. Auf Level 4.0 BENENNT man nur, was man im DASS unterscheiden kann: Objekte, Eigenschaften, Beziehungen. Auf Level 4.1 kann man ABFOLGEN von benannten Phänomenen identifizieren, speziell solche, die REGELHAFT erscheinen. Aus der Gesamtheit von Benennungen und Abfolgen kann man auf Level 4.2 ein MODELL konstruieren, mittels dem eine Teilmenge von Phänomenen und deren Abfolgen FUNKTIONAL ERKLÄRT werden soll. Mit einer zusätzlichen LOGIK auf Level 4.3 kann man dann mit einem Modell FOLGERUNGEN konstruieren, die wie VORHERSAGEN benutzt werden können, die sich ÜBRPRÜFEN lassen.

9. Beschränkt man sich auf dem Level 4 auf die empirischen Phänomene, dann bilden die Level 4.0 – 4.3 das, was wir die EMPIRISCHEN WISSENSCHAFTEN nennen. Man benennt = beschreibt die Dinge dann in einer eigenen Fachsprache (Chemie, Psychologie, Physik, Linguistik, …); man definiert Messverfahren, wie man Eigenschaften reproduzierbar messen kann; und man benutzt die Mathematik und die formale Logik, um Modelle (THEORIEN) zu konstruieren.

10. Beschränkt man sich auf dem Level 4 hingegen auf die nicht-empirischen Phänomene, dann bilden die Level 4.0 – 4.3 das, was wir die SUBJEKTIVE WISSENSCHAFT nennen könnten. Auch hier würde man die Dinge mit einer eigenen Fachsprache benennen = beschreiben; man definiert Verfahren, wie man möglicherweise Eigenschaften reproduzierbar erzeugen kann; und man benutzt die Mathematik und die formale Logik, um Modelle (THEORIEN) zu konstruieren. Eine Verständigung über Theorien der subjektiven Wissenschaft wären aufgrund der subjektiven Wahrnehmungsbasen ungleich schwieriger als im Falle von empirischen Theorien, aber niht völlig augeschlossen.

KREATIVITÄT

11. Hat man das ‚automatische‘ Verhalten überwunden (so wie es alle tun, so wie man es gelernt hat), und ist sich stattdessen bewusst geworden, dass man so und so handelt, und hat man angefangen das Automatische bewusst zu rekonstruieren, dann kann man jetzt auch bewusst Alternativen durch Variationen erzeugen [Anmerkung: natürlich kann man auch ohne Reflexion ’spontan‘ Dinge anders tun, als man sie vorher getan hat, aber dies ist dann ‚überwiegend zufällig‘, während ein Kreativität in einem reflektierten Kontext sowohl ‚gerichtet‘ ist aufgrund des verfügbaren Wissens, zugleich aber auch ‚zufällig‘, jedoch in einem viel größeren Umfang; nicht nur ‚punktuell‘]. Man kann jetzt sehr bewusst fragen, ‚warum‘ muss ich dies so tun? Warum will ich dies so? Was sind die Voraussetzungen? Was sind die Motive? Was sind die Ziele? Was will man erreichen? Usw.

12. Ein Ergebnis dieser Infragestellungen kann sein, dass man bestimmte Abläufe ändert, einfach, um mal heraus zu finden, was passiert, wenn man es anders macht. Häufige Fälle: jemand hat nie Gedichte geschrieben, weil niemand ihn vorher dazu angeregt hat, Gedichte zu schreiben; oder jemand hat nie Musik gemacht, weil sie sich immer eingeredet hat, sie sei unmusikalisch. Jemand hat nie vor anderen Menschen geredet, weil er immer Angst hatte, sich zu blamieren. Usw. Kurzum bei Erreichen von Level 4 beginnt man zu ahnen, dass alles anders sein könnte, als man es bislang gewohnt war und praktiziert hatte. Nennen wir diese neu gewonnene kreative Freiheit den LEVEL 5.

Fortsetzung folgt

GEMEINSAMKEIT IN DER VIELFALT – GRASWURZEL-/ BOTTOM-UP-PHILOSOPHIE – Memo zur philosophieWerkstatt vom 12.Okt.2014

Dieses Memo bezieht sich auf die philosophieWerkstatt v.2.0 vom 12.Okt.2014.

1. Ein neuer Ort, eine neue Zeit, neue Menschen …. die philosophieWerkstatt v2.0 ging an den Start und trotz schönem Wetter und vielen Grippeinfizierten gab es eine bunte Runde von Gesprächsteilnehmern die sich zu einem philosophischen Gespräch zusammen fanden.

2. In einer kleinen ‚Aufwärmphase‘ konnte jeder etwas von sich und seinen Erwartungen erzählen und es wurde ein erstes Begriffsfeld sichtbar, das von Vielfalt kündete und einen erkennbaren Zusammenhang noch vermissen lies (siehe nachfolgendes Bild).

Begriffe im Raum, unverbunden, der Anfang

Begriffe im Raum, unverbunden, der Anfang

3. Es stand die Frage im Raum, ob und wie man hier zu einem verbindlichen Zusammenhang kommen könne? Wie – hier vorgreifend auf das Ergebnis des Gespräches – das abschließende Gesprächsbild andeutet, kam es zu immer mehr Differenzierungen, wechselseitigen Abhängigkeiten, Verdichtungen und Abstraktionen, die – wenngleich noch zaghaft – eine erste Struktur andeuten, an der man bei einem Nachfolgegespräch weiter anknüpfen könnte.

Begriffe in einem beginnenden Zusammenhang, Umrisse einer Struktur

Begriffe in einem beginnenden Zusammenhang, Umrisse einer Struktur

BILDER VON DER WELT – BEDEUTUNG

4. Eine erste Wendung im Gespräch kam durch den Hinweis, dass die ‚Bedeutung‘, die wir von den ‚Ausdrücken‘ einer Sprache unterscheiden, ‚in unserem Kopf‘ zu verorten sei. Dort. ‚in unserem Kopf‘ haben wir ‚Bilder von der Welt‘ (‚Vorstellungen‘, ‚mentale Repräsentationen‘), die für uns ‚Eigenschaften der umgebenden Welt‘ repräsentieren.

VORWISSEN

5. Bald kam auch der Begriff des ‚Vorwissens‘, der ‚bisherigen Erfahrung‘, einer ‚Vorprägung‘ ins Spiel: gemeint war damit, dass wir in jedem Augenblick nicht vom Punkt Null beginnen, sondern schon Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht haben, die auf die aktuelle ‚Wahrnehmung der Welt‘ einwirken: als ‚Erwartungen‘, als ‚Vor-Urteil‘, als ‚Übertragung‘.

SOZIALER DRUCK

6. Hier wurde auch darauf hingewiesen, dass die ‚Interpretation der Wahrnehmung‘ von anderen Menschen (‚Gruppenzwang‘, ‚gesellschaftliche Gewohnheiten/ Erwartungen‘, ‚Prüfungssituationen‘) zusätzlich beeinflusst werden kann. Während man normalerweise spontan (fast unbewusst) entscheidet, wie man eine Wahrnehmung interpretieren soll (obgleich sie vieldeutig sein kann), kann dieser Prozess unter sozialem Druck gestört werden; wie zögern, werden unsicher, bemerken, dass die Situation vielleicht nicht eindeutig ist, und suchen dann nach Anhaltspunkten, z.B. nach den Meinungen der anderen. Oft ist es so, dass die ‚Mehrheit‘ besser ist als die Meinung eines einzelnen; die Mehrheit kann aber auch völlig daneben liegen (berühmtes Galileo-Beispiel).

ÄHNLICHKEITEN ZWISCHEN PERSONEN

7. Die Frage war, wie es denn überhaupt zu ‚Ähnlichkeiten‘ zwischen Personen kommen kann, wenn jeder seine Bilder im Kopf hat?

8. Ein Schlüssel scheint darin zu liegen, dass jeder seine Bilder in seinem Kopf anlässlich der Gegebenheiten der umgebenden Welt ‚formt‘. Sofern die umgebende Welt für alle die ‚gleiche‘ ist, lässt sich von daher eine gewisse Ähnlichkeit der Bilder motivieren.

9. Zusätzlich gibt es aber auch die Sachlage, dass die Körper der Menschen mit ihren Organen und Prozessen, insbesondere mit ihrem Gehirn und den darauf basierenden Information verarbeitenden Prozessen, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen allen Menschen aufweisen, so dass auch dadurch Ähnlichkeiten zwischen den Bildern im Kopf begünstigt werden.

BEGRENZUNG DES BEWUSSTSEINS

10. In der neuzeitlichen Orientierung am Bewusstsein als primärer Erkenntnisquelle (ungefähr seit Descartes und später bis zur Phänomenologie) gab es keine Ansatzpunkte, um diese implizite ‚Harmonie der Körper und Erkenntnisse‘ aufzuhellen. Die antike Philosophie – insbesondere Aristoteles und seine Schüler – hatte zwar Ansatzpunkte, die Erkenntnisse über die Welt einzubeziehen, aber die damaligen ‚Welterkenntnisse‘ reichten nicht aus, um das moderne empirische Wissen über die physikalische, chemische, biologische und kulturelle Evolution vorweg zu nehmen. Erst mit den neuen Wissenschaften und einer davon inspirierten Strömung einer ‚evolutionär inspirierten‘ Erkenntnistheorie und Philosophie lieferte erste sachdienliche Hinweise, dass die unübersehbare ‚Harmonie der Körper‘ auch ein Grund für die Ähnlichkeit zwischen den Bildern in den verschiedenen Köpfen sein kann.

SCHLÜSSEL EVOLUTION

11. Mehr noch, die verblüffende ‚Passung‘ von menschlicher Erkenntnis zur ‚umgebenden Welt‘ ist letztlich vollständig induziert von einer evolutionären Entwicklung, in der sich nur solche Organismen ‚durchsetzen‘ konnten, die relativ am besten die ‚lebensfördernden Eigenschaften‘ der umgebenden (aber auch in sich sich verändernden) Welt aufgreifen und nutzen konnten.

12. Wenn man davon sprechen kann, dass der Menschen ein ‚Ebenbild‘ sei, wie es biblische Texte nahelegen (hier ohne kritischen Kommentar), dann zunächst mal ein Ebenbild der vorgegebenen Erde als Teil eines Sonnensystems als Teil einer Galaxie als Teil eines BigBang-Universums (Weiterreichende Interpretationen sind damit per se noch nicht ausgeschlossen).

BILDER IM KOPF vs. WELT

13. Es wurde auch festgestellt, dass man zwischen den ‚Bildern von der Welt im Kopf‘ und den ’sprachlichen Ausdrücken‘ unterscheiden muss.

ALLGEMEINBEGRIFFE

14. Die ‚Bilder von der Welt‘ repräsentieren irgendwie (mal mehr, mal weniger ‚passend‘) die ‚Gegebenheiten‘ der umgebenden Welt. Dies geschieht durch eine ‚denkerische‘ Mixtur aus ’sinnlicher Erfahrung von Einzelnem‘ und ‚denkerischer Abstraktion von Allgemeinheiten‘, so dass wir in jedem Moment zwar einen einzelnen konkreten Gegenstand identifizieren können, zugleich aber auch immer einen ‚allgemeinen Begriff‘, eine ‚Kategorie‘ zur Verfügung haben, die anhand von ‚abstrahierten Eigenschaften‘ einzelne Gegenstände als ‚Beispiele‘ (‚Instanzen‘) einer allgemeinen Struktur erscheinen lässt. Unser Denken lässt gar nichts anderes zu; es ‚zwingt‘ uns zur ‚automatischen‘ (‚unbewussten‘) Konstruktion von ‚Allgemeinbegriffen‘.

SPRACHE UND DING

15. Es wurde darauf hingewiesen, dass wir ja auch verschiedene Sprachen sprechen und dass möglicherweise die ‚Bilder im Kopf‘ bis zu einem gewissen Grade unabhängig von der verwendeten Sprache sind. Deswegen können wir auch zwischen den Sprachen übersetzen! Weil die körpergebundenen Sachstrukturen – bis zu einem gewissen Grade – sprachunabhängig gegeben sind und sich ‚aufbauen‘, können die Ausdrücke einer Sprache L darauf Bezug nehmen und durch andere ‚bedeutungsgleiche‘ Ausdrücke ‚ersetzt werden.

VERÄNDERLICHE WELT vs. STATISCHE BILDER

16. Die ‚Bedeutung‘ sprachlicher Ausdrücke (ihre ‚Semantik‘) begründet sich also von den körperbedingten Objektstrukturen her. Wenn nun die umgebende Welt sich ändert (Prozess, Geschichte, Evolution, …), dann ändern sich zwar die Sachstrukturen in der Welt, nicht aber unbedingt synchron die Bilder im Kopf eines Menschen. Damit entsteht das, was wir oft erleben: Menschen benutzen Ausdrücke einer Sprache L, ‚Begriffe‘, ‚Termini‘, die sie mit bestimmten ‚Bildern im Kopf‘ verknüpfen (assoziieren), aber diese Bilder können ‚veraltet‘ sein, da sich die Gegebenheiten in der Welt mittlerweile verändert haben (im Gespräch wurde der Ausdruckswandel des Begriffs ‚Student‘ angesprochen).

EINFACH vs. KOMPLEX

17. Vor dem Hintergrund einer ‚erlernten‘ Bedeutung kann es dann passieren, dass die ‚erlernten‘ Bedeutungen aus einer früheren Zeit die Welt ‚einfacher‘ erscheinen lassen als die gegenwärtige Welt mit ihrer wachsenden Vielfalt (es standen die Bemerkungen im Raum, dass Mädchen und junge Frauen es früher ‚einfacher‘ gehabt haben sollen als Mädchen und junge Frauen heute).

WAS IST WAHRHEIT?

18. An diesem Punkt im Gespräch angekommen stellte sich nochmals die Frage nach der ‚Wahrheit‘, ein Begriff, der ganz am Anfang etwas isoliert im Raum stand.

19. Ausgangspunkt ist die alltägliche Beobachtung, dass wir manchen Aussagen als ‚richtig‘, manche als ‚falsch‘ bezeichnen. Dies knüpft an dem Umstand an, dass ‚Behauptungen über die Gegebenheiten der Welt‘ bis zu einem gewissen Grade ‚überprüfbar‘ sind. D.h. es scheint, dass wir die ‚Bilder in unserem Kopf‘ mit den sinnlich wahrnehmbaren Gegebenheiten der umgebenden Welt bis zu einem gewissen Grad so ‚vergleichen‘ können, dass wir eine ‚Übereinstimmung‘ oder ‚Nicht-Übereinstimmung‘ feststellen können, und zwar alle Menschen in gleicher Weise.

20. Wenn wir diesen grundsätzlichen Sachverhalt zum Ausgangspunkt nehmen, dann würde der Begriff ‚Wahrheit‘ in diesem Kontext bedeuten, dass eine Aussage mit ’sinnlicher Bestätigung‘ sowohl ‚richtig‘ als auch ‚wahr‘ wäre bzw. — falls keine Übereinstimmung vorliegt –, ’nicht richtig‘ bzw. ‚falsch‘ bzw. ’nicht wahr‘ wäre.

21. Bei diesem Interpretationsansatz werden damit die ‚Gegebenheiten der Welt‘ zum Ausgangspunkt, zur ‚Vorgabe‘, zum ‚Maßstab‘, an dem wir uns letztlich orientieren. Davon abgeleitet könnte man dann auch – ganz im Sinne der antiken Metaphysik und Ontologie – davon sprechen, dass ‚das Seiende‘, wie es uns – in gewissem Sinne ‚a priori‘ – vorgegeben ist, das ‚Wahre‘, die ‚Wahrheit‘ verkörpert, an der wir uns orientieren müssen, wollen wir im Sinn der Welt/ des Sonnensystems/ der Galaxie/ des BigBang-Universums/ des … ‚wahr‘ sein. Empirische Wissenschaft ist dann nichts anderes als antike Metaphysik (dafür gäbe es noch mehr Argumente).

22. Eine solcherart (ontologisch) verstandene Wahrheit ist dann nicht beliebig, sondern eher ‚verpflichtend‘: wer das ‚Leben‘ ‚achtet‘ und ‚liebt‘ muss sich eigentlich an dieser Wahrheit orientieren. Dies wäre damit auch die mögliche Begründung einer ‚Ethik des Lebens‘, die sich z.B. als ‚ökologisches Denken‘ manifestiert.

ANALYTISCH WAHRHEIT

23. Wenn wir annehmen, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt ‚Bilder im Kopf‘ von der umgebenden Welt haben und wir diese Bilder als ‚zutreffen‘ – sprich als ‚wahr‘ – betrachten, dann können wir oft auch auf der Basis dieser vorausgesetzten Bilder ‚Schlüsse ziehen‘. Berühmt sind die Beispiele mit Syllogismen wie (Annahme 1) ‚Alle Menschen sind sterblich‘, (Annahme2:) ‚Sokrates ist ein Mensch‘, (Schluß:) ‚Sokrates ist sterblich‘. Nimmt man an, dass Annahme 1 und 2 ‚wahr‘ sind, dann folgt ‚analytisch‘ (ohne Bezug auf die aktuelle empirische Welt), der Schluss. Die Wissenschaft der Logik arbeitet im Prinzip nur mit solchen analytischen Schlüssen und ihren möglichen (formalen) Formen. Sie weiß als Wissenschaft der Logik nichts von der Welt (was sich auch darin auswirkt/ auswirken kann, dass sie formale Strukturen entwickelt, die mehr oder weniger ‚unbrauchbar‘ für das weltbezogene Alltagsdenken sind).

ALLE SIND TRÄGER DER WAHRHEIT

24. Rückblickend zu diesem Gespräch kann man also sagen, dass letztlich jeder Stücke der allgemeinen Wahrheit mit sich herum trägt und dass es eigentlich nur darauf ankommt, diese einzelnen Fragmente zusammen zu sammeln und sie in rechter Weise ‚zusammen zu fügen’… Graswurzel-Philosophie … Bottom-Up Philosophie … induktives Denken …

Die Ankündigung zur nächsten Sitzung am 9.Nov.2014 findet sich HIER.

Für einen Überblick über alle Blogeinträge zur Philosophiewerkstatt siehe HIER

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NACHBEMERKUNG ZUM BUCH VON H.RATH – Und Gott sprach: Wir müssen reden!

Hans Rath, „Und Gott sprach: Wir müssen reden!“, Reinbeck (DE): Rowohlt Verlag, 1. November 2013, ISBN-10: 3499259818, ISBN-13: 978-3499259814

1) Wenn mir meine Schwester MDK ein Buch schenkt mit den Worten ‚Das musst Du lesen‘ und mein Schwager in das gleiche Horn stößt, dann muss ich es natürlich trotzdem nicht lesen, aber in diesem Fall habe ich über die Weihnachtstage angefangen, darin zu lesen, und habe es praktisch in einem Rutsch gelesen.
2) Allein das lässt schon drauf schließen, dass das Buch irgendwie — zumindest für mich — ‚an-sprechend‘ gewesen sein muss. Ein Blick auf die Leserreaktionen zu diesem Buch bei Amazon zeigt, dass es aber offensichtlich vielen so gegangen ist, dass sie das Buch an-sprechend fanden.
3) Ich will jetzt hier nicht das Buch im Detail besprechen — habe seitdem schon wieder zu vieles andere gelesen –, aber ich hatte heute ein Gespräch mit meiner Frau über das Buch, das ein paar Gedanken beförderte, die vielleicht auch andere interessieren könnten.
4) Direkt nach der Lektüre zu diesem Buch hatte ich mich zu folgender spontanen Bemerkung hinreißen lassen: … „Als Philosoph und Theologe war ich überrascht, wie Rath schwergewichtige Themen zur Gottesfrage und Theodizee fantasievoll in Alltagsszenen zu verpacken versteht, die interessante Fragen anklingen lassen, ohne sie dogmatisch zu entscheiden. Während die offizielle Theologie in den meisten grundlegenden Fragen bis heute versteckt hinter komplizierten Sprachgebilden anscheinend orientierungslos herumirrt, scheut sich Rath nicht, den Leser mit manch tiefgründiger Frage zu konfrontieren. Allerdings undogmatisch, locker, fast beiläufig; man muss diese Fragen nicht ernst nehmen, man kann es einfach als Unterhaltung lesen; und doch, wer will, wer einen Rest von Sensibilität für den verborgenen Sinn im Alltag besitzt, der kann sich in dieser scheinbaren Leichtigkeit sehr wohl angesprochen fühlen, kann angeregt werden, darin mehr zu sehen, als man vordergründig sehen ‚muss’…. wer sich wirklich durch diese Sprachspiele mehr angesprochen fühlen sollte als nur im Modus der Unterhaltung, der wird nur durch diesen Text möglicherweise nicht sehr weit kommen. Es ist aber keine leichte Frage, welch alternativer Text denn wirklich weiter führt (mit der kleinen Randbedingung, dass er verstehbar sein sollte!). Ich habe einige hundert Bücher zum Thema gelesen. Vielleicht gibt es nicht ‚das‘ Buch, auch wenn wir es gerne so hätten…. “
5) Angesprochen auf die Frage, was ihr denn besonders aufgefallen sei bei der Lektüre des Buches, meinte meine Frau, dass das Buch für sie deutlich mache, dass eigentlich jedes Ereignis im Alltag bedeutsam sein kann, wenn man es entsprechend aufnimmt.
6) Auch hatte sie das Experiment beeindruckt, wie das Leben gelaufen wäre, wenn man selber nicht geboren worden wäre.
7) Letzteres ist natürlich schwer zu rekonstruieren, da es doch sehr viele Unwägbarkeiten umfasst. Doch bei jenen Entscheidungen im eigenen Leben, bei denen man beteiligt war, kann man zumindest auf ‚Tuchfühlung mit dem Schicksal‘ gehen: warum hat man in der Vergangenheit diese oder jene Veränderung vorgenommen? Wieso kam es zu einer bestimmten Entscheidung? Wenn sich Paare gefunden haben: was waren bei jedem einzelnen die Motive, Gefühle und Visionen?
8) Solche und ähnliche Überlegungen können sehr schnell hineinführen in die Welt des ‚Inneren‘ einer jeden Person. Zwar leben wir mit unserem Körper aktuell immer auch in einer Raum-Zeit-Welt mit realen Objekten, mit realen anderen Menschen, die auf uns auf vielfältige Weise einwirken können und wir auf diese, aber zugleich, in jedem Moment, sind wir eingebettet in eine ‚Wolke‘ von Bedürfnissen, Emotionen, Gefühlen, Stimmungen, interpretierenden Erfahrungen, die uns die Welt in einem bestimmten ‚Licht‘ erscheinen lassen. Jeder hat da seine ‚bevorzugte‘ Interpretation (oder lässt man sich unbestimmt treiben?), die darüber entscheidet, wie man die ‚Dinge bewertet‘: morgens, es wird hell; muss ich aufstehen wegen der Arbeit oder kann ich noch einen Moment liegen bleiben, da es Wochenende ist. Hat der Partner mir die Tasse Kaffee/ Tee einfach so gebracht, weil er/sie mich liebt oder musste ich sie mir selbst holen? …
9) Wenn man sein Leben geändert hat (neue Wohnung, neue Ausbildung, neue Firma, …) gingen diesen Änderungen meist auch ‚innere Prozesse‘ voraus: verschiedenst Gefühle/ Stimmungen ‚gegen‘ das ‚Alte‘ und solche ‚für‘ das ‚Neue‘. Sind diese ‚zufällig‘? Sind sie ‚vernünftig‘? Hat man ausschließlich auf die ‚Umgebung‘ reagiert?
10) Solange man kein klares Bild von seiner ‚inneren Welt‘ hat ist es schwer, zu sagen, ob der Klärungsprozess für eine bestimmte Entscheidung ‚rational‘ war, ‚vernünftig‘, bloß nach ‚Bauchgefühl‘, ‚angstgetrieben‘, ‚fehlgeleitet‘, eine ‚Kurzschlusshandlung‘, ’spirituell erleuchtet‘, oder was auch immer.
11) Die Frage nach einem möglichen Sinn entscheidet sich aber letztlich — wie sonst? — ausschließlich über eine Kette von solchen Entscheidungssituationen, bei denen ja oft (meistens?) auch noch andere Menschen mit deren Entscheidungen beteiligt waren. Wenn allen ihre eigenen Klärungsprozesse ‚unklar‘ sind, ist praktisch kein Sinn erkennbar. Wenn zumindest ein Beteiligter für sich einen ‚Sinn‘ in seinem Entscheiden und Verhalten erkennen kann, dann kann eine Erfahrung von Sinn und ein Reden über Sinn stattfinden. Natürlich ist dies nie ‚zwingend‘, da es letztlich eine ‚Interpretation‘ darstellt. Aber es gibt die Auffassung (sehr verbreitet in den Traditionen der Mystik (und bei Menschen mit viel Lebenserfahrung)), dass es im Bereich des ‚inneren Lebens‘ doch ‚Kriterien‘ gäbe, an denen man erkennen könnte, ob man auf ‚dem richtigen Weg‘ sei. Sollte dies zutreffen, dann wären hier möglicherweise die Ansatzpunkte für eine ‚Grammatik des Sinns‘ auf der Ebene des individuellen Lebens gegeben.
12) Über einen solchen ‚empirisch fundierten Sinn‘ gäbe es dann möglicherweise auch eine ‚Bindeglied‘ zu dem ansonsten schwer fassbaren Begriff ‚Gott‘. Was man sich unter ‚Gott‘ (jede Sprache hat ihre eigenen Bezeichnungen für das deutsche Wort ‚Gott‘: ‚deus‘, ‚elohim‘, ‚jhw‘, theos,…) vorstellen soll, ist nirgendwo definiert. Sofern es aber eine ‚Sinnerfahrung‘ auf der individuellen Ebene gibt, tangiert dieser Sinn irgendwie das Konzept Gott, da ‚Sinn‘ sich mit eben solch einer ‚wie auch immer gearteten Gott-Existenz‘ verknüpfen kann (nicht notwendigerweise muss).
13) Genauso, wie wir heute unser ‚Bewusstsein‘ besser verstehen können, weil wir das Gehirn besser verstehen, das diese Bewusstseinserfahrungen zumindest mit-verursacht, genauso kann man auch den individuellen Sinn besser verstehen, wenn man die umgebenden ‚Großprozesse‘ besser versteht, in denen wir als Lebewesen vorkommen. Die biologische Evolution hat sowohl unser Gehirn mit unserem Bewusstsein mit hervorgebracht genauso wie unsere gesamte Lebensform durch diesen Prozess entstanden ist. Wir sind keine isolierten verlorenen Punkte in der Raum-Zeit, sondern ‚Ergebnisse von komplexen Prozessen‘, Teile solcher Prozesse und zugleich ‚Hervorbringer‘ solcher Prozesse. Der individuelle Sinn lässt sich nicht von diesem Gesamtprozess ablösen. Genau sowenig wird man ‚Gott‘ (was immer damit ansonsten gemeint sein mag) verstehen können, wenn man diesen Prozess als solchen nicht versteht.
14) Dies alles vorausgesetzt entsteht ein gewisses ‚Paradox‘: einerseits ‚verschwindet‘ das Individuelle als Teil des Gesamtkontextes; andererseits realisiert sich der Gesamtprozess auch und wesentlich durch das ‚Innenleben‘ der beteiligten Akteure. Ein menschlicher Akteur kann sich im Grenzfall ‚verweigern‘ durch ‚Nichtstun‘, durch ‚Anderes Tun‘, durch ‚Freitod‘. Indem ein Mensch etwas ‚anderes‘ tut als von ihm ‚erwartet‘ wurde, kann er lokal den Prozess verändern. Beispiele dafür, dass dies zu nachhaltigen Veränderungen ganzer Gesellschaften geführt hat gibt es mehr, als man denkt. Nur einige wenige prominente Beispiele: Jesus von Nazareth, Mohammed, Galilei (und Co), Goedel und Turing, Gandhi, M.L. King, osteuropäische Revolutionen von 1989, Mandela, …. Weil diese Menschen in ihrem ‚Innenleben‘ Dinge gedacht und Gefühle zugelassen haben, die von dem allgemeinen Stil ‚abwichen‘ (= Kreativität! Politisch unkorrekt!…) , haben sie ihren Alltag verändert, und ihr Alltag hat wieder den Alltag anderer Menschen verändert, usw.
15) Wenn es einen ‚höheren/ größeren/ übergreifenden… Sinn‘ geben sollte, er kann sich nur über das Verhalten der Akteure realisieren, sofern sie ‚innere Freiheitsgrade‘ haben. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass alle Akteure aus ‚Materie‘ bestehen, die wiederum nur eine ‚Zustandsform von Energie‘ ist, und die Energie des Universums — soweit wir heute wissen — besitzt alle denkbaren Freiheitsgrade……ein konkretes Universum wie unseres stellt in diesem Kontext mindestens eine ‚Information‘ im Sinne der Shannonschen Informationstheorie dar (z.B. ‚hochunwahrscheinliche Kombination‘), möglicherweise aber auch eine ‚Bedeutung‘ im Sinne eines semiotischen Prozesses….
16) Zu welchen Gedanken die Lektüre eines Buches mit anschließendem Gespräch so führen kann …

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LOGBUCH 31.Dez.2013 – TRANSNATIONALE DEMOKRATIE und KOSMISCHER HUMANISMUS

1) Im vorausgehenden Blogbeitrag Demokratie im Abhörtest hatte ich versucht, ein paar ‚Fakten‘ im Umfeld der weltweiten Abhöraktion der NSA zusammen zu tragen. Ein zentraler Gedanke war dabei, dass es nicht eine rein ‚technische‘ Angelegenheit ist, sondern das Verhalten einer nationalen Behörde, deren Verhalten mittlerweile — so müssen wir aktuell annehmen — wirklich ALLE betrifft, alle Bürger und Institutionen und Staaten weltweit. Insofern kann niemand mehr sagen, es ginge ihn nichts an. Es gibt viele Spielarten der Globalisierung; dies ist die umfassendste und zugleich einseitigste.
2) Über diese Behörde und deren Verhalten kann man lamentieren (was immer mehr tun), aber, wie eben diese auch feststellen dürfen, es scheint ‚die Politik‘ nicht zu interessieren! Man hat den Eindruck (als Bürger), dass das politische System mehr mit seiner eigenen Machterhaltung beschäftigt ist als mit den Interessen der eigenen Bevölkerung (was auch im Syrienkrieg blutige Realität ist).
3) Ein anderer zentrale Gedanke im vorausgehenden Blogeintrag war, dass diese Behörde, die NSA, Teil des politischen Systems der USA ist. Die USA sind offiziell eine ‚Demokratie‘ mit einer Verfassung (siehe auch Verfassung 2, Verfassung 3). Das Verhalten dieser Behörde repräsentiert damit indirekt auch, wie sich das demokratische System der USA versteht. Und die USA sind historisch (trotz Vorlauf in Europa) die wichtigste Demokratie auf dieser Erde, noch immer. Wenn die Demokratie der USA sich in wesentlichen Punkten ändert, dann hat dies direkte weltweite Auswirkungen, z.B. im Verhalten einer Behörde wie der NSA.
4) Dies alles war mir persönlich irgendwie 64 Jahre lang nicht wirklich bewusst; irgendwie hatte ich es ‚ausgeblendet‘. Der NSA, und dann, nicht zu vergessen Snowden und die unterstützenden Zeitungen (!), kommt das Verdienst zu, mich ‚aufgeweckt‘ zu haben. Noch im Frühjahr 2013 wäre es undenkbar gewesen, dass ich Mitglied der ACLU := American Civil Rights Union werden würde, oder dass ich anfange, in der Washington Post zu lesen.
5) Was sich an diesem winzigen Beispiel andeutet (natürlich gibt es auf unserer Erde auch noch andere transnationale Probleme als das des Abhörens, natürlich gibt es erheblich mehr globale wichtige Bewegungen, denen man sich anschließen könnte…), ist, dass die nationale Betrachtung dieser Probleme (so sehr sie wichtig ist und keinesfalls national gelöst erscheint), deutlich über sich hinausweist. Wer die Grundlagen einer Demokratie ernst nimmt (und das ist eine grundsätzliche Vision, wie Menschen miteinander umgehen sollten (und wollen)), der kann letztlich diese Vision nicht innerhalb bestimmter Landesgrenzen ‚einsperren‘. Die Vision einer Gesellschaft von freien Menschen, die sich gegenseitig respektieren, die gemeinsam die Zukunft gestalten wollen, diese Vision betrifft Menschen überall. Die Vereinigte Staaten von Amerika sind ‚in sich‘ ein Beispiel dafür; es ist eine Gemeinschaft von Staaten. Sehr weit fortgeschritten auf dem Weg dahin sind die vereinigten Staaten von Europa. Indien und Südafrika wären zu nennen, die stark an inneren Problemen leiden und in vielen wichtigen Punkten vom demokratischen Ideal abweichen. Russland und China könnten wunderbare Demokratien sein. letztlich gibt es ja sogar die Vision der Vereinigten Nationen dieser Erde.
6) Wie die Geschichte uns lehrt, kann das größere Ganze nur entstehen, wenn es ‚im Kleinen‘ jene Menschen gibt, die ‚vor Ort‘ das Richtige tun. Damit aber die vielen vor Ort etwas tun, was sich zu einer großen Bewegung vereinigt, braucht es eine ‚Vision‘, eine ‚gemeinsame‘ Vision; das kann die Vision von etwas ‚Besserem‘ sein; meistens ist es aber ein konkretes Unheil, das viele so leiden lässt, dass sie sich deswegen aufraffen, um etwas zu tun um dadurch (meist nur für eine kurze Zeitspanne) ein Stück Solidarität mit vielen anderen zu erfahren. Jenseits der konkreten Nöte, im ‚Alltag‘, vergessen wir schnell wieder, worum es vielleicht dennoch gehen könnte oder sollte. Viele wirtschaftliche und politische Interessen tun das ihrige, um uns in unseren alltäglichen Bahnen fest zu halten. Nur keine Änderungen; es könnte ja die Machtspiele der aktuell Mächtigen beeinträchtigen.
7) Andererseits wissen wir anhand der Entstehungsgeschichte der US-amerikanischen Demokratie wie auch der der einzelnen europäischen Ländern und dann vom neuen Europa, dass der Weg zu einer menschlicheren Gesellschaft kein Automatismus ist. Massive herrschende wirtschaftliche und politische Interessen wollen natürlich nicht ‚freiwillig‘ ihre Privilegien ändern und wir selbst sind ‚gefangen‘ von den ‚Bildern in unserem Kopf‘. Was immer wir individuell wollen, wir werden geleitet von den Bildern, die wir aktuell in unseren Köpfen haben, und diese werden gespeist von der Welt, wie sie gerade ist, von den Medien, die uns täglich ihre Sichtweise eintröpfeln, von unseren alltäglichen Gewohnheiten. Ohne neue Visionen, ohne Anstrengungen, ohne Konflikte gab es noch nie eine Änderung. Das ‚Neue‘ muss ‚werden‘, individuell und global.
8) Die Preisfrage lautet also, wie können wir GEMEINSAM WAHRES denken und dann auch tun?
9) Ich lese gerade in einem Buch von Jansen (2013), das handwerklich schlecht gemacht ist, aber mich dennoch sehr anregt. Er reflektiert in diesem Buch über einige philosophisch-ethische Aspekte der Star-Trek Produktionen, wie ich es mal nennen möchte. In einem Zeitraum von nunmehr fast 50 Jahren gab und gibt es Fernsehserien, Kinofilme, Publikationen, Fan-Vereinigungen (und vieles mehr) im Umfeld dieser weltweiten Vision einer ‚Förderation der Planeten‘. Viele Jahre fand ich Teile dieser Serie faszinierend, da sie nicht nur platte Unterhaltung boten sondern immer wieder komplexe Fragestellungen durchspielten. Aber erst jetzt habe ich den Eindruck, dass wir mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft auf der Erde uns letztlich jenen Themen nähern, die in Star-Trek zum Allgemeingut gehören.
10) Als Menschheit haben wir in den letzten Jahrhunderten eine Menge lernen können. Aber der immer noch — trotz stattfindender Globalisierung — herrschende ‚Nationalismus‘ wirkt sich immer noch hemmend aus. Die US-amerikanische Demokratie ist dafür das zur Zeit beste Beispiel: geboren aus einem Aufschrei der Menschen gegen englisches monarchisches Unrecht und später dann gegen die Unterdrückung von dunkelhäutigen Menschen durch hellhäutige entstand eine Verfassung, die erstmalig den Wert des/ der Menschen in neuer, radikaler Weise beim Namen nannte und unter Schutz stellte. Trotz dieser Verfassung brauchte es einen Martin Luther King, um den Geist dieser Verfassung im Alltag weiter zu klären. Ist heute Snowden ein weiterer ‚Martin Luther King‘ für den Bereich des Umgangs mit der Privatsphäre? Und wo ist der ‚Martin Luther King‘, der den USA klar macht, dass die Menschen jenseits der US-Grenzen auch Menschen sind?
11) Natürlich könnte man all die Kritik, die ich hier am Beispiel der USA äußere, auch gegenüber anderen Staaten äußern. Man müsste es auch. Aber den USA kommt bislang eine Vorreiterrolle zu, die kein anderes Land so einnehmen kann. Wenn China und/ oder Russland demokratischer wären, oder sogar ‚richtige‘ Demokratien, dann würde dies das Machtgefüge in der Welt stärker und nachhaltiger verändern als noch so große Militäretats oder noch so umfassende Abhöraktionen.
12) In Star Trek können die Menschen unterschiedlichster Herkünfte miteinander reden, weil es einen ‚universellen Übersetzer‘ gibt (Bei Jansen das Kapitel ‚Sternenzeit 67190‘). Dieser macht es möglich, dass unterschiedliche Menschen im Reden zueinander finden können. Die Verschiedenartigkeit muss dann kein Hindernis mehr sein, sie kann ‚bereichern‘. Für Staaten mit vielen unterschiedlichen Sprachen (Europa, Russland, Südafrika, Indien, ….) ist die Lösung des Sprachenproblems zentral. In der Welt ‚vor‘ Star-Trek haben wir noch keine wirklich gute Lösung. Und für das zentrale Problem jeder Sprache, ihre ‚Semantik‘ (die Wechselbeziehung zwischen Zeichen und realer Welt), hat die Wissenschaft bis heute keine wirkliche Lösung, auch nicht ein Gigant wie Google oder die NSA. Das Google und die NSA trotzdem, mit den begrenzten Methoden von heute, so viel Wirkung erzielen können, kann uns erzittern lassen vor einer Zukunft, in der die Sprachtechnologie weiter vorangeschritten sein wird, nämlich dann, wenn der Gedanke einer demokratischen Weltordnung sich nicht weiter entwickeln konnte. Wir brauchen transnationale Demokratien von hoher Qualität, wollen wir das wahre Potential des Lebens ausschöpfen.
13) Dies führt zurück zur Grundsatzfrage, was denn überhaupt das ‚Humanum‘ als Teil des gesamten biologischen Lebens in dem bekannten Universum ist. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf dieser Erde diese Frage momentan wirklich beantworten kann trotz vielzähliger ‚humanistisch‘ sich nennender Traditionen. Der Begriff des ‚kosmischen Humanismus‘ und einer ‚transnationalen Demokratie‘ hängen engstens zusammen.

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QUELLEN

Jansen, H. (2013), „Die Philosophie bei STAR TREK“,Weinheim: Wiley-VCH Verlag GmbH & Co., KGaA