Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 4

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll

Rahmenbedingungen des Wissens

Wenn wir aufwachen in unserer schönen neuen Welt, können wir nachlesen, welch Böses Menschen anderen Menschen bisher zugefügt haben. Wir können Verhalten beobachten, das solch Böses hervorbringt: konkreten Handlungen, Aktionen, Objekte und Werkzeuge, die dazu benutzt werden. Was wir nicht können, nicht so ohne weiteres, das ist, in das Innere des Menschen zu schauen, warum Menschen anderen Menschen Böses zufügen.

Was geht in Menschen vor, wenn sie sich so verhalten? Wissen sie selbst so genau, was sie da tun, wenn sie etwas tun?

Was geht in Menschen vor, die andere Menschen foltern, um mit Gewalt heraus zu finden, was andere Menschen Denken oder Wissen (Siehe hier einen kurzen Überblick zur Folter)? Da auch Unschuldige unter Folter Handlungen gestehen können, die sie nie begangen haben, geht der Anwendung von Folter eine Vorverurteilung voraus: man ist schon überzeugt, dass man einen Täter vor sich hat. Zugleich verachtet man diesen Menschen, da man bereit ist, ihn zu zerstören, obgleich er möglicherweise unschuldig ist.

Und es gibt auch dies: Menschen helfen Menschen, Menschen ermöglichen Leben. Warum tun sie das?

Dort hinter den Augen

Die Antwort auf die Frage, warum Menschen dies und jenes tun, liegt offensichtlich im ‚Inneren‘ des Menschen. Dort, hinter seinen Augen, hinter seinem Gesicht, das mal lächelt, mal weint, mal zürnt, dort gibt es ‚geheimnisvolle Kräfte‘, die ihn, uns, Dich und mich, dazu bringen das eine zu tun, und das andere zu lassen.

Und, wie die moderne Biologie uns in Gestalt der Gehirnforschung lehrt, ist es vor allem das Gehirn, in dem ca. 100 Milliarden Gehirnzellen miteinander ein Dauergespräch führen, dessen Nebenwirkungen die eine oder andere Handlung ist, die wir vornehmen.

Wenn wir uns auf die moderne Biologie einlassen, auf die Gehirnwissenschaft, dann erkennen wir sehr schnell, dass das Gehirn, das unser Verhalten bestimmt, selbst keinen Kontakt mit der Welt hat. Es ist im Körper eingeschlossen, quasi abgeschottet, oder auch isoliert von der Welt jenseits des Körpers.

Das Gehirn bezieht sein Wissen über die Welt jenseits der Gehirnzellen quasi von ‚Mittelsmännern‘, von speziellen Kontaktpersonen, von Übersetzern; dies sind unsere Sinnesorgane (Augen, Ohren, Haut, Geschmackszellen, Gleichgewichtsorgan, …)(Anmerkung: Siehe: Sinnesorgan, Sensory receptor, Sensory system), die bestimmte Ereignisse aus der Welt jenseits der Gehirnzellen in die ‚Sprache des Gehirns‘ übersetzen.

Wenn wir sagen, dass wir Musik hören, wunderschöne Klänge, harmonisch oder dissonant, laut oder leise, hoch oder tief, mit unterschiedlichen Klangfarben, dann sind dies für das Gehirn ’neuronale Signale‘, elektrische Potentialänderungen, die man als ‚Signal‘ oder ‚Nicht-Signal‘ interpretieren kann, als ‚An‘ oder ‚Aus‘, oder einfach als ‚1‘ oder ‚0‘, allerdings zusätzlich eingebettet in eine ‚Zeitstruktur‘; innerhalb eines Zeitintervalls können ‚viele‘ Signale auftreten oder ‚wenige‘. Ferner gibt es eine ‚topologische‘ Struktur: das gleiche Signal kann an einem Ort im Gehirn ein ‚Klang‘ bedeuten, an einem anderen Ort eine ‚Bild‘, wieder an einem anderen Ort ein ‚Geschmack‘ oder ….

Was hier am Beispiel des Hörens gesagt wurde, gilt für alle anderen Sinnesorgane gleichermaßen: bestimmte physikalische Umwelteigenschaften werden von einem Sinnesorgan so weit ‚verarbeitet‘, dass am Ende immer alles in die Sprache des Gehirns, in die neuronalen ‚1en‘ und ‚0en‘ so übersetzt wird, dass diese Signale zeitlich und topologisch geordnet zwischen den 100 Milliarden Gehirnzellen hin und her wandern können, um im Gehirn Pflanzen, Tiere, Räume, Objekte und Handlungen jenseits der Gehirnzellen neuronal-binär repräsentieren zu können.

Alles, was in der Welt jenseits des Gehirns existiert (auch die anderen Körperorgane mit ihren Aktivitäten), es wird einheitlich in die neuronal-binäre Sprache des Gehirns übersetzt. Dies ist eine geniale Leistung der Natur(Anmerkung: Dass wir in unserem subjektiven Erleben keine ‚1en‘ und ‚0en‘ wahrnehmen, sondern Töne, Farben, Formen, Geschmäcker usw., das ist das andere ‚Wunder der Natur‘; siehe weiter unten.}.

Die Welt wird zerschnitten

Diese Transformation der Welt in ‚1en‘ und ‚0en‘ ist aber nicht die einzige Übersetzungsbesonderheit. Wir wissen heute, dass die Sinnesinformationen für eine kurze Zeitspanne (in der Regel deutlich weniger als eine Sekunde) nach Sinnesarten getrennt in einer Art ‚Puffer‘ zwischen gespeichert werden (Anmerkung: Siehe Sensory memory). Von dort können sie für weitere Verarbeitungen übernommen werden. Ist die eingestellte Zeitdauer(Anmerkung: Zeitfenster zwischen den aufeinanderfolgenden Zeitpunkten t1 und t2 (t1,t2)} verstrichen, wird der aktuelle Inhalt von neuen Daten überschrieben. Das voreingestellte Zeitfenster (t1,t2) definiert damit, was ‚gleichzeitig‘ ist.

Faktisch wird die sinnlich wahrnehmbare Welt damit in Zeitscheiben ‚zerlegt‘ bzw. ‚zerschnitten‘. Was immer passiert, für das Gehirn existiert die Welt jenseits seiner Neuronen nur in Form von säuberlich getrennten Zeitscheiben(Anmerkung: In Diskussionen, ob und wieweit ein Computer das menschliche Gehirn ’nachahmen‘ könnte, wird oft betont, der Computer sei ja ‚diskret‘, ‚binär‘, zerlege alles in 1en und 0en im Gegensatz zum ‚analogen‘ Gehirn. Die empirischen Fakten legen hingegen nahe, auch das Gehirn als eine ‚diskrete Maschine‘ zu betrachten.).

Unterscheiden sich die ‚Inhalte‘ von Zeitscheiben, kann dies als Hinweis auf mögliche ‚Veränderungen‘ gedeutet werden.

Beachte: jede Sinnesart hat ihre eigene Zeitscheibe, die dann vom Gehirn zu ’sinnvollen Kombinationen‘ ‚verrechnet‘ werden müssen.

Die Welt wird vereinfacht

Für die Beurteilung, wie das Gehirn die vielen unterschiedlichen Informationen so zusammenfügt, auswertet und neu formt, dass daraus ein ’sinnvolles Verhalten‘ entsteht, reicht es nicht aus, nur die Gehirnzellen selbst zu betrachten, was zum Gegenstandsbereich der Gehirnwissenschaft (Neurowissenschaft) gehört. Vielmehr muss das Wechselverhältnis von Gehirnaktivitäten und Verhaltenseigenschaften simultan betrachtet werden. Dies verlangt nach einer systematischen Kooperation von wissenschaftlicher Verhaltenswissenschaft (Psychologie) und Gehirnwissenschaft unter der Bezeichnung Neuropsychologie (Anmerkung: Siehe Neuropsychology).

Ein wichtiges theoretisches Konzept, das wir der Neuropsychologie verdanken, ist das Konzept des Gedächtnisses(Anmerkung: Memory). Mit Gedächtnis wird die generelle Fähigkeit des Gehirns umschrieben, Ereignisse zu verallgemeinern, zu speichern, zu erinnern, und miteinander zu assoziieren.

Ausgehend von den oben erwähnten zeitlich begrenzten sensorischen Speichern unterteilt man das Gedächtnis z.B. nach der Zeitdauer (kurz, mittel, unbegrenzt), in der Ereignisse im Gedächtnis verfügbar sind, und nach der Art ihrer Nutzung. Im Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis kann eine kleine Zahl von Ereignissen im begrenzten Umfang verarbeitet und mit dem Langzeitgedächtnis in begrenztem Umfang ausgetauscht werden (speichern, erinnern). Die Kapazität von sinnespezifischen Kurzzeit- und multimodalem Arbeitsgedächtnisses liegt zwischen ca. 4 (im Kurzzeitgedächtnis) bis 9 (im Arbeitsgedächtnis) Gedächtniseinheiten. Dabei ist zu beachten, dass schon im Übergang vom oben erwähnten sensorischen Speichern zum Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis eine starke Informationsreduktion stattfindet; grob von 100% auf etwa 25%.

Nicht alles, was im Kurz- und Arbeitsgedächtnis vorkommt, gelangt automatisch ins Langzeitgedächtnis. Ein wichtiger Faktor, der zum Speichern führt, ist die ‚Verweildauer‘ im Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, und die ‚Häufigkeit‘ des Auftretens. Ob wir nach einer Speicherung etwas ‚wiederfinden‘ können, hängt ferner davon ab, wie ein Ereignis abgespeichert wurde. Je mehr ein Ereignis sich zu anderen Ereignissen in Beziehung setzen lässt, umso eher wird es erinnert. Völlig neuartige Ereignisse (z.B. die chinesischen Schriftzeichen in der Ordnung eines chinesischen Wörterbuches, wenn man Chinesisch neu lernt) können Wochen oder gar Monate dauern, bis sie so ‚verankert‘ sind, dass sie bei Bedarf ‚mühelos‘ erinnern lassen.

Ein anderer Punkt ist die Abstraktion. Wenn wir über alltägliche Situationen sprechen, dann benutzen wir beständig Allgemeinbegriffe wie ‚Tasse‘, ‚Stuhl‘, ‚Tisch‘, ‚Mensch‘ usw. um über ‚konkrete individuelle Objekte‘ zu sprechen. So nennen wir ein konkretes rotes Etwas auf dem Tisch eine Tasse, ein anderen blaues konkretes Etwas aber auch, obgleich sie Unterschiede aufweisen. Desgleichen nennen wir ein ‚vertikales durchsichtiges Etwas‘ eine Flasche, ein vertikales grünliches Etwas auch; usw.

Unser Gedächtnis besitzt die wunderbare Eigenschaft, alles, was sinnlich wahrgenommen wird, durch einen unbewussten automatischen Abstraktionsprozess in eine abstrakte Struktur, in einen Allgemeinbegriff, in eine ‚Kategorie‘ zu übersetzen. Dies ist extrem effizient. Auf diese Weise kann das Gedächtnis mit einem einzigen Konzept hunderte, tausende, ja letztlich unendlich viele konkrete Objekte klassifizieren, identifizieren und damit weiter arbeiten.

Welt im Tresor

Ohne die Inhalte unseres Gedächtnisses würden wir nur in Augenblicken existieren, ohne vorher und nachher. Alles wäre genau das, wie es gerade erscheint. Nichts hätte eine Bedeutung.

Durch die Möglichkeit des ‚Speicherns‘ von Ereignisse (auch in den abstrakten Formen von Kategorien), und des ‚Erinnerns‘ können wir ‚vergleichen‘, können somit Veränderungen feststellen, können Abfolgen und mögliche Verursachungen erfassen, Regelmäßigkeiten bis hin zu Gesetzmäßigkeiten; ferner können wir Strukturen erfassen.

Eine Besonderheit sticht aber ins Auge: nur ein winziger Teil unseres potentiellen Wissens ist ‚aktuell verfügbar/ bewusst‘; meist weniger als 9 Einheiten! Alles andere ist nicht aktuell verfügbar, ist ’nicht bewusst‘!

Man kann dies so sehen, dass die schier unendliche Menge der bisher von uns wahrgenommenen Ereignisse im Langzeitgedächtnis weggesperrt ist wie in einem großen Tresor. Und tatsächlich, wie bei einem richtigen Tresor brauchen auch wir selbst ein Codewort, um an den Inhalt zu gelangen, und nicht nur ein Codewort, nein, wir benötigen für jeden Inhalt ein eigenes Codewort. Das Codewort für das abstrakte Konzept ‚Flasche‘ ist ein konkretes ‚Flaschenereignis‘ das — hoffentlich — genügend Merkmale aufweist, die als Code für das abstrakte Konzept ‚Flasche‘ dienen können.

Wenn über solch einen auslösenden Merkmalscode ein abstraktes Konzept ‚Flasche‘ aktiviert wird, werden in der Regel aber auch alle jene Konzepte ‚aktiviert‘, die zusammen mit dem Konzept ‚Flasche‘ bislang aufgetreten sind. Wir erinnern dann nicht nur das Konzept ‚Flasche‘, sondern eben auch all diese anderen Ereignisse.

Finden wir keinen passenden Code, oder wir haben zwar einen Code, aber aus irgendwelchen Emotionen heraus haben wir Angst, uns zu erinnern, passiert nichts. Eine Erinnerung findet nicht statt; Blockade, Ladehemmung, ‚blackout‘.

Bewusstsein im Nichtbewusstsein

Im Alltag denken wir über unser Gehirn nicht so. Im Alltag haben wir subjektiv Eindrücke, Erlebnisse, Empfindungen, Gedanken, Vorstellungen, Fantasien. Wir sind ‚in‘ unserem Erleben, wir selbst ‚haben‘ diese Eindrücke. Wir empfinden alles so, als ob ‚wir‘ selbst (bei jedem einzelnen das ‚Ich‘: ‚ich habe das Erlebnis‘) diese Erlebnisse haben; es sind ‚unsere‘ Erlebnisse‘.

Die Philosophen haben diese Erlebnis- und Erkenntnisweise den Raum unseres ‚Bewusstseins‘ genannt. Sie sprechen davon, dass wir ‚Bewusstsein haben‘, dass uns die Ding ‚bewusst sind‘; sie nennen die Inhalte unseres Bewusstseins ‚Qualia‘ oder ‚Phänomene‘, und sie bezeichnen diese Erkenntnisperspektive den Standpunkt der ‚ersten Person‘ (‚first person view‘) im Vergleich zur Betrachtung von Gegenständen in der Außenwelt, die mehrere Personen gleichzeitig haben können; das nennen sie den Standpunkt der ‚dritten Person‘ (‚third person view‘)(Anmerkung: Ein Philosoph, der dies beschrieben hat, ist Thomas Nagel. Siehe zur Person: Thomas Nagel. Ein Buch von ihm, das hier einschlägig ist, ist ‚The view from nowhere‘ von 1986, New York, Oxford University Press).

Nach den heutigen Erkenntnissen der Neuropsychologie gibt es zwischen dem, was die Philosophen ‚Bewusstsein‘ nennen und dem, was die Neuropsychologen ‚Arbeitsgedächtnis‘ nennen, eine funktionale Korrespondenz. Wenn man daraus schließen kann, dass unser Bewusstsein sozusagen die erlebte ‚Innenperspektive‘ des ‚Arbeitsgedächtnisses‘ ist, dann können wir erahnen, dass das, was uns gerade ‚bewusst‘ ist, nur ein winziger Bruchteil dessen ist, was uns ’nicht bewusst‘ ist. Nicht nur ist der potentiell erinnerbare Inhalt unseres Langzeitgedächtnisses viel größer als das aktuell gewusste, auch die Milliarden von Prozessen in unserem Körper sind nicht bewusst. Ganz zu schweigen von der Welt jenseits unseres Körpers. Unser Bewusstsein gleicht damit einem winzig kleinen Lichtpunkt in einem unfassbar großen Raum von Nicht-Bewusstsein. Die Welt, in der wir bewusst leben, ist fast ein Nichts gegenüber der Welt, die jenseits unseres Bewusstseins existiert; so scheint es.

Außenwelt in der Innenwelt

Der Begriff ‚Außenwelt‘, den wir eben benutzt haben, ist trügerisch. Er gaukelt vor, als ob es da die Außenwelt als ein reales Etwas gibt, über das wir einfach so reden können neben dem Bewusstsein, in dem wir uns befinden können.

Wenn wir die Erkenntnisse der Neuropsychologie ernst nehmen, dann findet die Erkenntnis der ‚Außenwelt‘ ‚in‘ unserem Gehirn statt, von dem wir wissen, dass es ‚in‘ unserem Körper ist und direkt nichts von der Außenwelt weiß.

Für die Philosophen aller Zeiten war dies ein permanentes Problem. Wie kann ich etwas über die ‚Außenwelt‘ wissen, wenn ich mich im Alltag zunächst im Modus des Bewusstseins vorfinde?

Seit dem Erstarken des empirischen Denkens — spätestens seit der Zeit Galileis(Anmerkung: Galilei) — tut sich die Philosophie noch schwerer. Wie vereinbare ich die ‚empirische Welt‘ der experimentellen Wissenschaften mit der ’subjektiven Welt‘ der Philosophen, die auch die Welt jedes Menschen in seinem Alltag ist? Umgekehrt ist es auch ein Problem der empirischen Wissenschaften; für den ’normalen‘ empirischen Wissenschaftler ist seit dem Erstarken der empirischen Wissenschaften die Philosophie obsolet geworden, eine ’no go area‘, etwas, von dem sich der empirische Wissenschaftler fernhält. Dieser Konflikt — Philosophen kritisieren die empirischen Wissenschaften und die empirischen Wissenschaften lehnen die Philosophie ab — ist in dieser Form ein Artefakt der Neuzeit und eine Denkblokade mit verheerenden Folgen.

Die empirischen Wissenschaften gründen auf der Annahme, dass es eine Außenwelt gibt, die man untersuchen kann. Alle Aussagen über die empirische Welt müssen auf solchen Ereignissen beruhen, sich im Rahmen eines beschriebenen ‚Messvorgangs‘ reproduzieren lassen. Ein Messvorgang ist immer ein ‚Vergleich‘ zwischen einem zuvor vereinbarten ‚Standard‘ und einem ‚zu messenden Phänomen‘. Klassische Standards sind ‚das Meter‘, ‚das Kilogramm‘, ‚die Sekunde'(Anmerkung: Siehe dazu: Internationales Einheitensystem (SI)), usw. Wenn ein zu messendes Phänomen ein Objekt ist, das z.B. im Vergleich mit dem Standard ‚Meter [m]‘ die Länge 3m aufweist, und jeder, der diese Messung wiederholt, kommt zum gleichen Ergebnis, dann wäre dies eine empirische Aussage über dieses Objekt.

Die Einschränkung auf solche Phänomene, die sich mit einem empirischen Messstandard vergleichen lassen und die von allen Menschen, die einen solchen Messvorgang wiederholen, zum gleichen Messergebnis führen, ist eine frei gewählte Entscheidung, die methodisch motiviert ist. Sie stellt sicher, dass man zu einer Phänomenmenge kommt, die allen Menschen(Anmerkung: die über gleiche Fähigkeiten der Wahrnehmung und des Denkens verfügen. Blinde Menschen, taube Menschen usw. könnten hier Probleme bekommen!) in gleicher Weise zugänglich und für diese nachvollziehbar ist. Erkenntnisse, die allen Menschen in gleicher Weise zugänglich und nachprüfbar sind haben einen unbestreitbaren Vorteil. Sie können eine gemeinsame Basis in einer ansonsten komplexen verwirrenden Wirklichkeit bieten.

Die ‚Unabhängigkeit‘ dieser empirischen Messvorgänge hat im Laufe der Geschichte bei vielen den Eindruck vertieft, als ob es die ‚vermessene Welt‘ außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein als eigenständiges Objekt gibt, und dass die vielen ‚rein subjektiven‘ Empfindungen, Stimmungen, Vorstellungen im Bewusstsein, die sich nicht direkt in der vermessbaren Welt finden, von geringerer Bedeutung sind, unbedeutender ’subjektiver Kram‘, der eine ‚Verunreinigung der Wissenschaft‘ darstellt.

Dies ist ein Trugschluss mit verheerenden Folgen bis in die letzten Winkel unseres Alltags hinein.

Der Trugschluss beginnt dort, wo man übersieht, dass die zu messenden Phänomene auch für den empirischen Wissenschaftler nicht ein Sonderdasein führen, sondern weiterhin nur Phänomene seines Bewusstseins sind, die ihm sein Gehirn aus der Sinneswahrnehmung ‚herausgerechnet‘ hat. Vereinfachend könne man sagen, die Menge aller Phänomene unseres Bewusstseins — nennen wir sie PH — lässt sich aufteilen in die Teilmenge jener Phänomene, auf die sich Messoperationen anwenden lassen, das sind dann die empirischen Phänomene PH_EMP, und jene Phänomene, bei denen dies nicht möglich ist; dies sind dann die nicht-empirischen Phänomene oder ‚rein subjektiven‘ Phänomene PH_NEMP. Die ‚Existenz einer Außenwelt‘ ist dann eine Arbeitshypothese, die zwar schon kleine Kindern lernen, die aber letztlich darauf basiert, dass es Phänomene im Bewusstsein gibt, die andere Eigenschaften haben als die anderen Phänomene.

In diesen Zusammenhang gehört auch das Konzept unseres ‚Körpers‘, der sich mit den empirischen Phänomenen verknüpft.

Der Andere als Reflektor des Selbst

Bislang haben wir im Bereich der Phänomene (zur Erinnerung: dies sind die Inhalte unseres Bewusstseins) unterschieden zwischen den empirischen und den nicht-empirischen Phänomenen. Bei genauerem Hinsehen kann man hier viele weitere Unterscheidungen vornehmen. Uns interessiert hier nur der Unterschied zwischen jenen empirischen Phänomenen, die zu unserem Körper gehören und jenen empirischen Phänomenen, die unserem Körper ähneln, jedoch nicht zu uns, sondern zu jemand ‚anderem‘ gehören.

Die Ähnlichkeit der Körperlichkeit des ‚anderen‘ zu unserer Körperlichkeit bietet einen Ansatzpunkt, eine ‚Vermutung‘ ausbilden zu können, dass ‚in dem Körper des anderen‘ ähnliche innere Ereignisse vorkommen, wie im eigenen Bewusstsein. Wenn wir gegen einen harten Gegenstand stoßen, dabei Schmerz empfinden und eventuell leise aufschreien, dann unterstellen wir, dass ein anderer, wenn er mit seinem Körper gegen einen Gegenstand stößt, ebenfalls Schmerz empfindet. Und so in vielen anderen Ereignissen, in denen der Körper eine Rolle spielt (Anmerkung: Wie wir mittlerweile gelernt haben, gibt es Menschen, die genetisch bedingt keine Schmerzen empfinden, oder die angeboren blind oder taub sind, oder die zu keiner Empathie fähig sind, usw.).

Generalisiert heißt dies, dass wir dazu neigen, beim Auftreten eines Anderen Körpers unser eigenes ‚Innenleben‘ in den Anderen hinein zu deuten, zu projizieren, und auf diese Weise im anderen Körper ‚mehr‘ sehen als nur einen Körper. Würden wir diese Projektionsleistung nicht erbringen, wäre ein menschliches Miteinander nicht möglich. Nur im ‚Übersteigen‘ (‚meta‘) des endlichen Körpers durch eine ‚übergreifende‘ (‚transzendierende‘) Interpretation sind wir in der Lage, den anderen Körper als eine ‚Person‘ zu begreifen, die aus Körper und Seele, aus Physis und Psyche besteht.

Eine solche Interpretation ist nicht logisch zwingend. Würden wir uns solch einer Interpretation verweigern, würden wir im Anderen nur einen leblosen Körper sehen, eine Ansammlung von unstrukturierten Zellen, und was immer der Andere tun wird, nichts von alledem könnte uns zwingen, unsere Interpretation zu verändern. Die ‚personale Wirklichkeit des Anderen‘ lebt wesentlich von unserer Unterstellung, dass er tatsächlich mehr ist als der Körper, den wir sinnlich wahrnehmen können.

Dieses Dilemma zeigt sich sehr schön in dem berühmten ‚Turing Test‘ (Anmerkung: Turingtest), den Alan Matthew Turing 1950 vorgeschlagen hatte, um zu testen, wie gut ein Computer einen Menschen imitieren kann (Anmerkung: Es war in dem Artikel: Alan Turing: Computing Machinery and Intelligence, Mind 59, Nr. 236, Oktober 1950, S. 433–460). Da man ja ‚den Geist‘ selbst nicht sehen kann, sondern nur die Auswirkungen des Geistes im Verhalten, kann man in dem Test auch nur das Verhalten eines Menschen neben einem Computer beobachten, eingeschränkt auf schriftliche Fragen und Antworten(Anmerkung: heute könnte man dies sicher ausdehnen auf gesprochene Fragen und Antworten, eventuell kombiniert mit einem Gesicht oder gar mehr}. Die vielen Versuche mit diesem Test haben deutlich gemacht — was man im Alltag auch ohne diesen Test sehen kann –, dass das beobachtbare Verhalten eines Akteurs niemals ausreicht, um logisch zwingend auf einen ‚echten Geist‘, sprich auf eine ‚echte Person‘ schließen zu können. Daraus folgt nebenbei, dass man — sollte es jemals hinreichend intelligente Maschinen geben — niemals zwingend einen Menschen, nur aufgrund seines Verhaltens, von einer intelligenten Maschine unterscheiden könnte.

Rein praktisch folgt aus alledem, dass wir im Alltag nur dann und solange als Menschen miteinander umgehen können, solange wir uns wechselseitig ‚Menschlichkeit‘ unterstellen, an den ‚Menschen‘ im anderen glauben, und mein Denken und meine Gefühle hinreichend vom Anderen ‚erwidert‘ werden. Passiert dies nicht, dann muss dies noch nicht eine völlige Katastrophe bedeuten, aber auf Dauer benötigen Menschen eine minimale Basis von Gemeinsamkeiten, auf denen sie ihr Verhalten aufbauen können.

Im positiven Fall können Unterschiede zwischen Menschen dazu führen, dass man sich wechselseitig anregt, man durch die Andersartigkeit ‚Neues‘ lernen kann, man sich weiter entwickelt. Im negativen Fall kann es zu Missverständnissen kommen, zu Verletzungen, zu Aggressionen, gar zur wechselseitigen Zerstörung. Zwingend ist keines von beidem.

Zur Fortsetzung mit Kapitel 5.

Einen Überblick über alle Blogbeiträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.

EINLADUNG PHILOSOPHIEWERKSTATT AM SA 10.Mai 2014 19:00h

Die nächste Philosophiewerkstatt findet am Sa, 10.Mai 2014 ab 19:00h statt (im Gewölbekeller, Eingang über den Hof):

Einladung Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2014, 19:00h

Einladung Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2014, 19:00h

Dieses Mal kam es leider zu keinem ausführlichen Bericht von der letzten Philosophiewerkstatt. Ich hatte schlicht zu viele Verpflichtungen in der Zeit danach. Und im permanenten Ansturm vieler neuer Ideen verblasst das ‚Alte‘ relativ schnell; in der Begegnung mit dem Neuen nimmt es immer wieder neue Gestalt an. So kam es in der tat gleich zu mehreren nachfolgenden Blogeinträgen, die wesentlich von den Gesprächen bei der Philosophiewerkstatt vom 12.April 14 inspiriert waren. Es begann mit dem Beitrag mit dem blumigen Titel WISSEN vs. GEFÜHL oder DEMOKRATIE vs. MACHT – DAS ‘UNGEHEUER’ LEBT WEITER. Dieser Beitrag war dann aber nicht das Ende, sondern der Anfang mehrerer Beiträge zum Thema Bewusstsein – Nichtbewusstsein:

Irgendwie beginnen die ‚Gedanken‘ sich so mit der ‚Welt‘ zu vermischen, dass das Denken ein neues Handeln erfordert.

KAMPF MIT EINEM BUCH

Ja, jeder hat dies sicher schon erlebt: es gibt Bücher, die schlägt man auf, man beginnt zu lesen, und man merkt, wie das Buch einen wie von unsichtbarer Hand quasi mitzieht, und ehe man sich versieht, ist man durch. Hu. Wow, war das ein Buch.

Dann gibt es aber auch die anderen Bücher, die sperrig sind, die zäh sind, man muss sich zwingen, weiter zu lesen, immer wieder, aber immer, wenn man sich sagt, dann lasse ich es einfach, kommt da so ein Gefühl, ein Gedanke, von irgendwoher und sagt, dass es aber vielleicht doch wichtig ist, ja, dass es ganz bestimmt wichtig ist, dass man da durch muss, usw. und man versucht es von neuem. Und in der tat, es gibt da während des Lesens diese Momente, wo man zu merken meint, dass hier ganz neue Gedanken rüberkommen, Gedanken, die helfen können, die eigene Gedanken zu klären, weiter zu bringen. Und im Nachhinein sind diese schwierigen Bücher oft die wichtigen für einen selbst, ist es doch das ‚Neue‘ was sich sperrt, was querliegt, das, was gegen die liebgewordenen Gewohnheiten steht, oder eine Sprache, die so anders ist, die einem nicht liegt, oder einfach auch der Inhalt: er erschließt sich nicht so schnell, bereitet Kopfzerbrechen, schafft Unruhe.

Das Buch von Jonathan Schnell ‚The Unconquerable World. Power, Nonviolence, and the Will of the People‘ (New York: Metropolitan Books/ Henry Hold & Company, 2003) ist – für mich – so ein schwieriges Buch. Ich merke, dass es für die Ideen des Blogs wichtig ist, aber quäle mich seit Wochen durch das Buch, dessen Gedanken ich auf jeden Fall diskutieren möchte. Es spielt an der Bruchstelle zwischen der realen Welt der Politik und Macht und der Macht und Ohnmacht des einzelnen, letztlich ein spirituelles Buch, zu einem Thema, das unsere Gegenwart mehr denn je durchzieht. 282 Seiten habe ich gelesen, 106 stehen noch aus …und dann beginnt ja eigentlich erst die richtige ‚Arbeit‘ … Lesen ist ja nur die ‚Vorstufe’…

VORLETZTE PHILOSOPHIEWERKSTATT

Zur Erinnerung: das Projekt ‚Philosophiewerkstatt‘ war und ist ein Experiment. Ich wollte ausprobieren, was passiert, wenn man beginnt, ein öffentliches Gespräch über Philosophie zum neuen Weltbild zu eröffnen. Versuchszeitraum war November 2013 bis Juni 2014. Ob ich das Experiment genauso weiter führe wie bislang, ist noch nicht sicher, aber dass ich es ab November 2014 weiterführen werde, auf jeden Fall. Alle sind eingeladen, Vorschläge einzubringen, wie es ab November 2014 weiter gehen soll.

PROGRAMMIDEE FÜR DEN a 10.Mai 2014

1. Ein bisschen Statusklärung, wo stehen wir; gibt es spezielle dringende Fragen
2. Ergebnisse zu unserem Mini-Musik-Experiment vom letzten Treffen: was ist Musik? Was sagt Musik über uns selbst? Warum kann Musik direkt in tiefe philosophische Fragen führen?
3. Nochmals zum Thema Bewusstsein-Nichtbewusstsein und Konsequenzen für unser eigenes, alltägliches Verhalten. Wir hatten angedacht, dies am Beispiel der Sexualität zu tun (mein letzter Blogeintrag zu diesem Thema war BEWUSSTSEIN – NICHTBEWUSSTSEIN AM BEISPIEL VON SEXUALITÄT UND GESCHLECHT.
4. Ausklang …

AUS DEM MUSIKLABOR …

Für die meisten Menschen ist Musik ‚jenseits des ‚Mainstreams‘ (es gibt auch einen ‚Mainstream‘ in der sogenannten klassischen Musik) schwer hörbar. Sobald sie aus Versehen mit solchen Klängen im Radio, Fernsehen, oder wo auch immer, konfrontiert werden, werden sie unruhig, schalten sie ab, schalten um, beschweren sich, bis hin zur Ausfälligkeit. Eigentlich eine erstaunliche Reaktion. Aus philosophischer (und auch psychologischer) Sicht kann man solch eine Reaktion deuten als ‚Abwehr‘ von ‚Fremden‘, ‚Neuen‘ usw. Hier wären viele, tiefschürfenden Analysen möglich. Aus Sicht der Kunst und der Philosophie stellt sich aber das ‚Grenzland‘ zwischen ‚Vertrautem‘ und ‚Fremden‘ als höchst spannend dar, als Quelle für viele Inspirationen, neue Einsichten, als Möglichkeit der begrenzten Selbsterkenntnis in der Spanne zwischen ‚Gewohntem‘ und ‚Unbekanntem‘. Viele, die Musik machen, wollen die ‚Großen‘ kopieren, ‚covern‘ um damit an deren Bekanntheit ein wenig zu partizipieren, oder schlicht um Geld zu verdienen. Oder man hört Musik so, als ob man am Lagerfeuer hockt, in vertrauter Runde und sich Erinnerungen hingibt zu Klängen, die ‚vertraut‘ sind, die man als ’schön‘ empfindet, und hört dazu die bekannten UKW-Sender mit ihrer Dauerwiederholung von Altem, die an Besinnungslosigkeit grenzt, an Musikgehirnwäsche der besonderen Art. Schwieriger wird es – aber vielleicht interessanter –, wenn man versucht die gewohnten Musikmuster zu ‚überschreiten‘, zu ‚unterlaufen‘, zu variieren, wenn man versucht, auszuprobieren, was es jenseits der eingebläuten Musikmuster noch an Klängen gibt. Die Hauptschwierigkeit hierbei ist, dass man ja oft nicht einmal weiß, wie und wo man da versuchen soll. Der Mainstream tendiert dahin, uns alle zu Hörkrüppeln zu deformieren, die immer wieder mit den Mustern der Vergangenheit konfrontiert werden, als ob die Zeit einfach stehen geblieben ist und die Welt sich nicht mehr weiter verändert. Ich habe – parallel zum Blog – vor ca. 7 Jahren damit begonnen, Musikexperimente durchzuführen, in denen ich versuche alles zu tun, außer die gewohnten Muster zu wiederholen. Naturgemäß gewinnt man damit nicht unbedingt viele Freunde, aber das eigene Hören verändert sich drastisch und man entdeckt bisweilen Klangmustern, die einfach spannend sind. Hier das Experiment Nr. 21 in der Kategorie ‚anarchistische Musik‘ (insgesamt wurden bislang mehr als 311 Experimente aufgezeichnet) mit dem Titel Wild Running – Spontaneity of 2nd Order. Die Kategorie ‚anarchistische Musik‘ finde ich philosophisch spannend, da sich die Frage stellt, wie man ‚Musik‘ generell jenseits des ‚Rauschens‘ definiert und speziell, wie man jene Musik, die sich in der ‚Nähe‘ zum ‚Rauschen‘ bewegt als ‚anarchistische‘ Musik gegenüber anderen mehr regelhafter Musik abgrenzen kann. Mathematisch ist dies auf jeden Fall möglich, schwierig bis unmöglich ist es, dies mit den üblichen Mainstream-Kategorien zu tun.

Wie gesagt, es geht hier nicht um ‚Gefallen‘, es geht um ‚Wahrheit‘ im Sinne der Philosophie; das ‚Gefallen‘ hat sich ja nachweislich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder deutlich ‚verändert‘ (und zwischen den Kulturen gibt es Unterschiede).

NÄCHSTE UND LETZE PHILOSOPHIEWERKSTATT IN SERIE 1

Die nächste und letzte Philosophiewerkstatt in der ersten Serie wird am Sa, 14.Juni 2014 stattfinden.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogbeiträge findet sich HIER.

DAS NEUE MENSCHENBILD – ERSTE SKIZZE

MUSIK ZUR EINSTIMMUNG

Das Stück „Wenn die Worte aus der Dunkelheit aufsteigen wie Sterne“ entstand zunächst als ein reines Instrumentalstück (die erste Hälfte des aktuellen Stücks; diesen Teil hatte ich auch schon mal am 4.April im Blog benutzt). Doch inspirierte die Musik zum ‚Weitermachen‘, zunächst entstand eine Fortsetzung rein instrumental; dann habe ich ab der Mitte spontan einen Text dazu gesprochen. Im Nachhinein betrachtet passt dieser Text sehr gut zum heutigen Blogeintrag (ist kein Dogma … :-))

UNSCHULDIGER ANFANG

1. Als ich am 20.Januar 2007 – also vor 7 Jahren und 3 Monaten – meinen ersten Blogeintrag geschrieben habe, da wusste ich weder genau, was ich mit dem Blog wollte noch konnte ich ahnen, was durch das Niederschreiben von Gedanken alles an ‚kognitiven Bildern‘ von der Welt und dem Menschen entstehen konnte. Langsam schälte sich als Thema – wenngleich nicht messerscharf – ‚Neues Weltbild‘ heraus. Das konnte alles und nichts sein. Aber im gedanklichen Scheinwerferkegel von Theologie, Philosophie, Wissenschaftstheorie, Psychologie, Biologie, Linguistik, Informatik, Neurowissenschaften, Physik gab es Anhaltspunkte, Eckwerte, die den aktuellen Gedanken wie eine Billardkugel von einer Bande zur anderen schickten. Dazu die heutige, aktuelle Lebenserfahrung und die vielen Begegnungen und Gespräche mit anderen Menschen.

2. Die letzten beiden Blogeinträge zum Thema Bewusstsein – Nichtbewusstsein markieren einen Punkt in dieser Entwicklung, ab dem ‚wie von Zauberhand‘ viele einzelnen Gedanken von vorher sich zu einem Gesamtbild ‚zusammen schieben‘, ergänzen.

AUSGANGSPUNKT INDIVIDUELLES BEWUSSTSEIN

3. Akzeptieren wir den Ausgangspunkt des individuellen Bewusstseins B_i als primären Erkenntnisstandpunkt für jeden Menschen, dann besteht die Welt für jeden einzelnen zunächst mal aus dem, was er/ sie im Raume seines eigenen individuellen Bewusstseins erleben/ wahrnehmen kann.

4. Da es aber zur Natur des individuellen Bewusstseins gehört, dass es als solches für ‚andere‘ ‚unsichtbar‘ ist, kann man auch nicht so ohne weiteres über die Inhalte des eigenen Bewusstseins mit anderen reden. Was immer man mit Hilfe eines Ausdrucks A einer Sprache L einem anderen mitteilen möchte, wenn der Ausdruck A als Schallwelle den anderen erreicht, hat er zwar einen Schalleindruck (falls erhören kann), aber er/ sie weiß in dem Moment normalerweise nicht, welcher Inhalt des Bewusstseins des Sprechers damit ‚gemeint‘ sein könnte.

5. Dass wir uns trotzdem ‚unterhalten‘ können liegt daran, dass es offensichtlich einen ‚Trick‘ geben muss, mit dem wir diese unüberwindliche Kluft zwischen unseren verschiedenen Bewusstseinsräumen überwinden können.

KLUFT ZWISCHEN INDIVIDUELLEN BEWUSSTSEINSRÄUMEN ÜBERWINDEN

6. Der ‚Trick‘ beruht darauf, dass der individuelle Bewusstseinsraum einem ‚individuellen Körper‘ zugeordnet ist, dass es in diesen Körper Gehirne gibt, und dass das individuelle Bewusstsein eines Körpers k_i als Ereignis im Gehirn g_i des Körpers k_i zu verorten ist. Das Bewusstsein B_i partizipiert an den Gehirnzuständen des Gehirns, und dieses partizipiert an den Körperzuständen. Wie die Wissenschaft mühsam erarbeitet hat, können bestimmte Außenweltereignisse w über ‚Sinnesorgane‘ in ‚Körperereignisse‘ ‚übersetzt‘ werden‘, die über das Gehirn partiell auch das Bewusstsein erreichen können. Sofern es jetzt Außenweltereignisse w‘ gibt, die verschiedene Körper in ähnlicher Weise ‚erreichen‘ und in diesen Körpern via Gehirn bis zu dem jeweiligen individuellen Bewusstsein gelangen, haben diese verschiedenen individuellen Bewusstseinsräume zwar ‚rein private‘ Bewusstseinszustände, aber ‚gekoppelt‘ über Außenweltzustände w‘ haben die verschiedenen Bewusstseinszustände B_1, …, B_n alle Bewusstseinsereignisse b_i, die als solche ‚privat‘ sind, aber ‚zeitlich gekoppelt‘ sind und sich mit Änderung der Außenweltzustände w‘ auch ’synchron‘ ändern. Die gemeinsam geteilte Außenwelt wird damit zur ‚Brücke‘ zwischen den körperlich getrennten individuellen Bewusstseinsräumen. Diese ‚ gemeinsam geteilte Außenwelt‘ nennt man oft den ‚intersubjektiven‘ Bereich der Welt bzw. dies stellt den Raum der ‚empirischen Welt‘ [Wemp] dar. Aus Sicht des individuellen Bewusstseins ist die empirische Welt eine Arbeitshypothese, die dem individuellen Bewusstsein zugänglich ist über eine spezifische Teilmenge [PHemp] der Bewusstseinszustände [PH].

EMPIRISCHE WELT ALS SONDE INS NICHTBEWUSSTSEIN

7. In der Geschichte des menschlichen Wissens spielt die Entdeckung der empirischen Welt und ihre systematische Untersuchung im Rahmen der modernen empirischen Wissenschaften bislang – nach meiner Meinung – die größte geistige Entdeckung und Revolution dar, die der menschliche Geist vollbracht hat. Auf den ersten Blick wirkt die Beschränkung der empirischen Wissenschaften auf die empirischen Phänomene PHemp wie eine unnötige ‚Einschränkung‘ und ‚Verarmung‘ des Denkens, da ja die Menge der bewussten Ereignisse PH erheblich größer ist als die Menge der empirischen Ereignisse PHemp. Wie der Gang der Geschichte aber gezeigt hat, war es gerade diese bewusste methodische Beschränkung, die uns den Bereich ‚außerhalb des Bewusstseins‘, den Bereich des ‚Nichtbewusstseins‘, Schritt für Schritt ‚erforscht‘ und ‚erklärt‘ hat. Trotz individuell stark eingeschränktem Bewusstsein konnte wir auf diese Weise so viel über die ‚Rahmenbedingungen‘ unseres individuellen Bewusstseins lernen, dass wir nicht mehr wie die früheren Philosophen ‚wie die Fliegen am Licht‘ an den Phänomenen des Bewusstseins kleben müssen, sondern wir können zunehmend Hypothesen darüber entwickeln, wie die verschiedenen Bewusstseinsphänomene (inklusive ihrer Dynamik) durch die Strukturen des Gehirns und des Körpers bestimmt sind. M.a.W. wir stehen vor dem Paradox, dass das individuelle Bewusstsein den Bereich des Nichtbewusstseins dadurch ‚verkleinern‘ kann, dass es durch Ausnutzung der empirischen Phänomene mittels gezielter Experimente und Modellbildung immer mehr Eigenschaften des Nichtbewusstseins innerhalb des individuellen Bewusstseins ’nachkonstruiert‘ und damit ‚bewusst‘ macht. Bedenkt man wie eng und schwierig die Rahmenbedingungen des menschlichen Bewusstseins bis heute sind, gleicht es einem kleinen Wunder, was dieses primitive menschliche Bewusstsein bislang nachkonstruierend erkennen konnte.

8. Von diesem Punkt aus ergeben sich viele Perspektiven.

BIOLOGISCHE EVOLUTION

9. Eine Perspektive ist jene der ‚evolutionären Entwicklungsgeschichte‘: seit gut hundert Jahren sind wir mehr und mehr in der Lage, unsere aktuellen Körper und Gehirne – zusammen mit allen anderen Lebensformen – als einen Gesamtprozess zu begreifen, der mit den ersten Zellen vor ca. 3.8 Milliarden Jahren als biologische Evolution begonnen hat, ein Prozess, der bis heute noch viele Fragen bereit hält, die noch nicht befriedigend beantwortet sind. Und der vor allem auch klar macht, dass wir heute keinen ‚Endpunkt‘ darstellen, sondern ein ‚Durchgangsstadium‘, dessen potentieller Endzustand ebenfalls nicht ganz klar ist.

10. Ein wichtiger Teilaspekt der biologischen Evolution ist, dass der Vererbungsmechanismus im Wechselspiel von Genotyp (ein Molekül als ‚Informationsträger‘ (Chromosom mit Genen)) und Phänotyp (Körper) im Rahmen einer Population eine ‚Strukturentwicklung‘ beinhaltet: die Informationen eines Informationsmoleküls (Chromosom) werden innerhalb des Wachstumsprozesses (Ontogenese) als ‚Bauplan‘ interpretiert, wie man welche Körper konstruiert. Sowohl bei der Erstellung des Informationsmoleküls wie auch bei seiner Übersetzung in einen Wachstumsprozess und dem Wachstumsprozess selbst kann und kommt es zu partiellen ‚Änderungen‘, die dazu führen, dass die resultierenden Phänotypen Änderungen aufweisen können (verschiedene Arten von Sehsystemen, Verdauungssystemen, Knochengerüsten, usw.).

11. Im Gesamtkontext der biologischen Evolution sind diese kontinuierlich stattfindenden partiellen Änderungen lebensentscheidend! Da sich die Erde seit ihrer Entstehung permanent geologisch, klimatisch und im Verbund mit dem Sonnensystem verändert, würden Lebensformen, die sich von sich aus nicht auch ändern würden, schon nach kürzester Zeit aussterben. Dies bedeutet, dass diese Fähigkeit zur permanenten strukturellen Änderung ein wesentliches Merkmal des Lebens auf dieser Erde darstellt. In einer groben Einteilung könnte man sagen, von den jeweils ’neuen‘ Phänotypen einer ‚Generation‘ wird die ‚große Masse‘ mehr oder weniger ‚unverändert‘ erscheinen; ein kleiner Teil wir Veränderungen aufweisen, die es diesen individuellen Systemen ’schwerer‘ macht als anderen, ihre Lebensprozesse zu unterstützen; ein anderer kleiner Teil wird Veränderungen aufweisen, die es ‚leichter‘ machen, die Lebensprozesse zu unterstützen. Letztere werden sich vermutlich proportional ‚mehr vermehren‘ als die beiden anderen Gruppen.

12. Wichtig an dieser Stelle ist, dass zum Zeitpunkt der Änderungen ’niemand‘ weiß bzw. wissen kann, wie sich die ‚Änderung‘ – bzw. auch die Nicht-Änderung! – im weiteren Verlauf auswirken wird. Erst der weitergehende Gesamtprozess wird enthüllen, wie sich die verschiedenen Strukturen von Leben bewähren werden.

LEBENSNOTWENDIGE KREATIVITÄT: WOLLEN WIR SIE EINSPERREN?

13. Übertragen auf unsere heutige Zeit und unser Weltbild bedeutet dies, dass wir dieser Veränderlichkeit der Lebensformen immer Rechnung tragen sollten, um unsere Überlebensfähigkeit zu sichern. Zum Zeitpunkt einer Änderung – also jetzt und hier und heute – weiß niemand, welche dieser Änderungen morgen vielleicht wichtig sein werden, zumal Änderungen sich erst nach vielen Generationen auszuwirken beginnen.

14. Es wäre eine eigene große Untersuchung wert, zu schauen, wie wir heute in der Breite des Lebens mit den stattfindenden Änderungen umgehen. In der Agrarindustrie gibt es starke Tendenzen, die Vielzahl einzugrenzen und wenige Arten so zu monopolisieren, dass einzelne (ein einziger!) Konzern die Kontrolle weltweit über die genetischen Informationen bekommt (was in den USA z.T. schon zur Verödung ganzer Landstriche geführt hat, da das Unkraut sich schneller und effektiver geändert hat als die Laborprodukte dieser Firma).

STRUKTURELLES UND FUNKTIONALES LERNEN

15. Die ‚Struktur‘ des Phänotyps ist aber nur die eine Seite; genauso wenig wie die Hardware alleine einen funktionierenden Computer definiert, so reicht die Anordnung der Zellen als solche nicht aus, um eine funktionierende biologische Lebensform zu definieren. Im Computer ist es die Fähigkeit, die elektrischen Zustände der Hardware kontinuierlich zu verändern, dazu verknüpft mit einer impliziten ‚Schaltlogik‘. Die Menge dieser Veränderungen zeigt sich als ‚funktionaler Zusammenhang‘ phi_c:I —> O, der ‚Inputereignisse‘ [I] mit Outputereignissen [O] verknüpft. Ganz analog verhält es sich mit den Zellen in einem biologischen System. Auch hier gibt es eine implizite ‚Logik‘ nach der sich die Zellen verändern und Zustände ‚kommunizieren‘ können, so dass Zellgruppen, Zellverbände eine Vielzahl von funktionellen Zusammenhängen realisieren. Einige dieser funktionellen Zusammenhänge bezeichnen wir als ‚Lernen‘. Dies bedeutet, es gibt nicht nur die über Generationen laufenden Strukturveränderung, die eine Form von ’strukturellem Lernen‘ im Bereich der ganzen Population darstellen, sondern es gibt dann dieses ‚funktionelle Lernen‘, das sich im Bereich des individuellen Verhaltens innerhalb einer individuellen Lebenszeit ereignet.

WISSEN GARANTIERT KEINE WAHRHEIT

16. Dieses individuelle Lernen führt zum Aufbau ‚individueller Wissensstrukturen‘ mit unterschiedlichen Ausprägungsformen: Erlernen von motorischen Abläufen, von Objektkonzepten, Beziehungen, Sprachen, Verhaltensregeln usw. Wichtig ist dabei, dass diese individuellen Wissensstrukturen im individuellen Bewusstsein und individuellem Unterbewusstsein (ein Teil des Nichtbewusstseins, der im individuellen Körper verortet ist) verankert sind. Hier wirken sie als kontinuierliche ‚Kommentare‘ aus dem Unterbewusstsein in das Bewusstsein bei der ‚Interpretation der Bewusstseinsinhalte‘. Solange diese Kommentare ‚richtig‘ / ‚passend‘ / ‚wahr‘ … sind, solange helfen sie, sich in der unterstellten Außenwelt zurecht zu finden. Sind diese Wissensstrukturen ‚falsch‘ / ‚verzerrt‘ / ‚unangemessen‘ … bewirken sie in ihrer Dauerkommentierung, dass es zu Fehleinschätzungen und zu unangemessenen Entscheidungen kommt. Sofern man als einziger eine ‚unpassende Einschätzung‘ vertritt, fällt dies schnell auf und man hat eine Chance, diese zu ‚korrigieren‘; wird aber eine ‚Fehleinschätzung‘ von einer Mehrheit geteilt, ist es schwer bis unmöglich, diese Fehleinschätzung als einzelner zu bemerken. In einer solchen Situation, wo die Mehrheit eine Fehleinschätzung vertritt, kann ein einzelner, der die ‚richtige‘ Meinung hat (z.B. Galilei und Co. mit der neuen Ansicht zur Bewegung der Sonne; die moderne Wissenschaft und die alten Religionen; das damalige südafrikanische Apartheidsregime und der damalige ANC, der Sowjetkommunismus und die östlichen Friedensbewegungen vor dem Auseinanderfallen der Sowjetunion; die US-Geheimdienste und Snowden; …) als der ‚Fremdartige‘ erscheinen, der die bisherige ‚Ordnung‘ stört und den man deshalb ‚gesellschaftlich neutralisieren‘ muss).

17. Viele Menschen kennen das Phänomen von ‚Phobien‘ (vor Schlangen, vor Spinnen, vor …). Obwohl klar ist, dass eine einzelne Spinne keinerlei Gefahr darstellt, kann diese einen Menschen mit einer Phobie (= Kommentar des individuellen Unterbewusstseins an das Bewusstsein) zu einem Verhalten bewegen, was die meisten anderen als ‚unangemessen‘ bezeichnen würden.

18. Im Falle von psychischen Störungen (die heute statistisch stark zunehmen) kann dies eine Vielzahl von Phänomenen sein, die aus dem Raum des individuellen Unterbewusstseins in das individuelle Bewusstsein ‚hinein reden‘. Für den betroffenen Menschen ist dieses ‚Hineinreden‘ meistens nicht direkt ‚verstehbar‘; es findet einfach statt und kann vielfach kognitiv verwirren und emotional belasten. Diese Art von ‚Fehlkommentierung‘ aus dem individuellen Unterbewusstsein ist – so scheint es – für die meisten Menschen vielfach nur ‚behebbar‘ (therapierbar) mit Hilfe eines Experten und einer geeigneten Umgebung. Während Menschen mit körperlichen Einschränkungen in der Regel trotzdem ein einigermaßen ’normales‘ Leben führen können, können Menschen mit ‚psychischen Störungen‘ dies oft nicht mehr. Das geringe Verständnis einer Gesellschaft für Menschen mit psychischen Störungen ist auffällig.

SPRACHE ALS MEDIUM VON GEDANKEN

19. Seit der Entwicklung der ‚Sprache‘ kann ein individuelles Bewusstsein unter Voraussetzung einer einigermaßen ähnlichen Wahrnehmungs- und Gedächtnisstruktur in den einzelnen Mitgliedern einer Population Bewusstseinsinhalte aufgrund von Gedächtnisstrukturen mit Ausdrücken einer Sprache korrelieren. Sofern diese Korrelierung in hinreichender Abstimmung mit den anderen Sprachteilnehmern geschieht, lassen sich mittels sprachlicher Ausdrücke diese ‚Inhalte‘ (‚Bedeutungen‘) ‚indirekt‘ kommunizieren; nicht der Inhalt selbst wird kommuniziert, sondern der sprachliche Ausdruck als eine Art ‚Kode‘, der im Empfänger über die ‚gelernte Bedeutungszuordnung‘ entsprechende ‚Inhalte des Gedächtnisses‘ ‚aktiviert‘. Dass diese Kodierung überhaupt funktioniert liegt daran, dass die Bedeutungsstrukturen nicht ‚1-zu-1‘ kodiert werden, sondern immer nur über ‚verallgemeinerte Strukturen‘ (Kategorien), die eine gewisse ‚Invarianz‘ gegenüber den Variationen der konstituierenden Bedeutungselemente aufweisen. Dennoch sind die Grenzen sprachlicher Kommunikation immer dann erreicht, wenn Sprecher-Hörer über Bewusstseinstatsachen kommunizieren, die nur einen geringen oder gar keinen Bezug zur empirischen Welt aufweisen. Die Benutzung von Analogien,Metaphern, Bildern, Beispielen usw. lässt noch ‚irgendwie erahnen‘, was jemand ‚meinen könnte‘, aber eine letzte Klärung muss oft ausbleiben. Nichtsdestotrotz kann eine solche ‚andeutende‘ Kommunikation sehr hilfreich, schön, anregend usw. sein; sie ersetzt aber keine Wissenschaft.

20. Während das individuelle Wissen mit dem Tod des Individuums bislang ‚verschwindet‘, können ‚Texte‘ (und vergleichbare Darstellungen) ein individuelles Wissen bis zu einem gewissen Grade überdauern. Moderne Kommunikations- und Speichermittel haben die Sammlung und Verwertung von Wissen in bislang ungeahnte Dimensionen voran getrieben. Während allerdings die Menge dieses sprachbasierten Wissens exponentiell wächst, bleiben die individuellen Wissensverarbeitungskapazitäten annähernd konstant. Damit wächst die Kluft zwischen dem individuell verfügbaren Wissen und dem in Datennetzen verfügbaren Wissen ebenfalls exponentiell an. Es stellt sich die Frage, welchen Beitrag ein Wissen leisten kann, das sich faktisch nicht mehr verarbeiten lässt. Wenn man sieht, dass heute selbst Menschen mit einem abgeschlossenen Studium Ansichten vertreten, die im Lichte des verfügbaren Wissens gravierend falsch sein können, ja, dass das Wesen von Wissenschaft, wissenschaftlichem Wissen selbst bei Studierten (und nicht zuletzt auch bei sogenannten ‚Kulturschaffenden‘) starke Defizite aufweist, dann kann man ins Grübeln kommen, ob unsere heutige Kultur im Umgang mit wissenschaftlichem Wissen die richtigen Formen gefunden hat.

21. Hier wäre jetzt auch noch der ganze Komplex der Bedürfnisse/ Emotionen/ Gefühle/ Stimmungen anzusprechen. Doch das soll weiteren Einträgen vorbehalten bleiben.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

BEWUSSTSEIN – NICHTBEWUSSTSEIN MIT TEILSTRUKTUREN: Eine Skizze (Teil 2)

Vereinfachendes Modell der Verhältnisse zwischen Bewusstsein - Nichtbewusstsein einerseits, und einigen der Teilstrukturen, u.a. die tiefenpsychologischen Konzepte von 'Unbewusstes' und 'Vorbewusstes'

Vereinfachendes Modell der Verhältnisse zwischen Bewusstsein – Nichtbewusstsein einerseits, und einigen der Teilstrukturen, u.a. die tiefenpsychologischen Konzepte von ‚Unbewusstes‘ und ‚Vorbewusstes‘

1. In einem vorausgehenden Blogeintrag hatte ich zum Thema BEWUSSTSEIN – NICHTBEWUSSTSEIN MIT TEILSTRUKTUREN eine Visualisierung benutzt, in der die einzelnen individuellen Bewusstseine quasi ‚abgehoben‘ zu sein scheinen, gleichsam als ob sie ‚in der Luft schwebend‘. Rein logisch, im Zusammenhang ist klar, dass dies nicht so ist, aber das Bild suggeriert dies ein wenig.

2. Um solchen Missverständnissen vorzubeugen habe ich den gleichen Sachverhalt daher nochmals anders visualisiert: dieses Mal ist das individuelle Bewusstsein ‚eingebettet‘ in ein individuelles Gehirn, dieses wiederum in einen individuellen Körper, und dieser in etwas ‚Größeres‘, das nicht weiter benannt wird. Von den Naturwissenschaften her wissen wir, dass es hier Makrostrukturen wie Erde, Sonnensystem usw. gibt.

Andere Sicht auf das Thema Bewusstsein--Nichtbewusstsein, dieses Mal mit dem Bewusstsein lokalisiert innerhalb des Gehirns

Andere Sicht auf das Thema Bewusstsein–Nichtbewusstsein, dieses Mal mit dem Bewusstsein lokalisiert innerhalb des Gehirns

3. Die gewählte zweidimensionale Darstellung kommt insgesamt hier an ihre Grenzen; hier wäre eine dreidimensionale Visualisierung, die man durchwandern kann, angemessener.

4. Bei allem muss man sich klar machen, dass es sich letztlich um eine Visualisierung von Strukturen handelt aus der primären Sicht eines Bewusstseins, das – lokalisiert in einem Gehirn in einem Körper – versucht zu verstehen, was ‚außerhalb von ihm‘ ist, und das über den ‚Umweg‘ des Außenweltwissens Hypothesen über seine eigenen Arbeitsvoraussetzungen entwickelt. D.h. ein bestimmtes Bewusstsein C ‚erlebt sich‘ zwar in einer spezifischen Weise, es kann aber die Mechanismen seines Erlebens, warum, wieso, weshalb usw. nicht direkt ‚einsehen‘. So wird es vom umgebenden Gehirn z.B. mit allerlei ‚Abstraktionen von Objekten‘ versorgt, kann begrenzt über ‚Erinnerungen‘ verfügen, kann aber nicht direkt einsehen, wie solche Abstraktionen zustande kommen, wie das Erinnern im Detail funktioniert, usw.

5. So großartig das Phänomen des Bewusstseins innerhalb der bekannten Natur ist, so schlicht und einfach sind seine Erlebnisstrukturen gemessen an jenen komplexen Prozessen und Strukturen, die vorhanden sein müssen, damit diese Erlebnisstrukturen funktionieren.

6. Schon die Struktur eines Atoms hat eine Komplexität, die bis heute möglicherweise nicht vollständig aufgehellt ist, geschweige denn die Struktur und Dynamik von Molekülen; unfassbar wird es schon bei der Entstehung und Funktionsweise von Zellen, und dass diese dann in Kooperation von vielen Billionen (10^12) zu solchen komplexen Leistungen fähig sind, wie wir sie von Pflanzen und Tieren (einschließlich des homo sapiens sapiens) her kennen, das übersteigt bislang unsere Verstehensfähigkeit, die an die aktuelle Form des Bewusstseins gekoppelt ist.

7. Zwar haben die Menschen im Laufe von ca. 10.000 Jahren immer mehr ‚Wissenstechniken‘ entwickelt, um die Grenzen des Bewusstseins zu umgehen (Sprachen, Schrift, Texte, Mathematik, Bücher, Bibliotheken, Computer,… ), dies alles unterstützt durch immer größere ‚Spezialisierungen‘ sowohl in Form von ‚Trainings‘ (diverse Formen von Ausbildung) wie auch von ’sozialen Rollen‘ (Lehrer, Professoren, Meister, Facharbeiter, Ingenieure, Richter, Ärzte, …) und ‚Institutionen‘ (Schulen, Hochschulen, Behörden, Betriebe, Märkte, …), doch je vielfältiger diese Werkzeuge und Institutionen geworden sind, umso komplexer wurde dadurch auch die ‚Lebenswelt der Menschen‘: die Natur wurde mehr und mehr überlagert durch ‚zivilisatorische‘ Strukturen und Erzeugnisse, der Umgang miteinander wurde immer komplexer durch eine Vielzahl von Sprachen, Fertigkeiten, Rollenmustern, Regeln, Ethnien, und kulturellen Mustern. Eine ‚Spezialisierung‘ hilft dann zwar im Detail, aber die ‚Gesamtheit‘ aller Spezialisierung, die ‚Summe der Teile‘ kann das Fassungsvermögen eines einzelnen Bewusstseins deutlich zu übersteigen (ein Gedanke, der in diesem Blog schon mehrfach ausgesprochen wurde).

8. Neben der Frage, ob und wie der Mensch sein Bewusstsein ‚real‘ erweitern kann (nicht nur scheinbar durch Drogen, die sein Erleben subjektiv verändern), indem er seinen Körper mit dem Gehirn ‚genetisch und dann strukturell weiterentwickelt‘, wurde auch schon immer die Frage aufgeworfen, ob und wie der Mensch sich dadurch helfen könnte, dass er sich ‚Formen künstliche Intelligenz‘ schafft, die ihm helfen.

9. In den vielfältigen Visionen solch einer ‚künstlichen Intelligenz‘ wurde zwar oft unterstellt, dass diese künstliche Intelligenz mit dem Menschen kommunizieren kann, aber noch nie (!!!!!) hat sich jemand ernsthaft die Frage gestellt, welche Voraussetzungen denn erfüllt sein müssten, damit solch eine ‚menschengemässe Kommunikation‘ möglich sei. Die vielen großen Handbücher zum Thema ‚Künstliche Intelligenz‘ – so wunderbar und beeindruckend sie z.T. in Umfang und Darstellung sind – schweigen sich zu diesem Punkt aus. Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ist hier ein Nichtthema, ein Totalausfall.

10. Eine Untersuchung der inneren Struktur von normaler Sprache zeigt, dass das ‚Ausdrucksmaterial‘ von Sprache (Sprachlaute, Schriftzeichen, …) zum ’normalen Gebrauch‘ innerhalb von ‚Sprachspielen‘ ‚im‘ Sprecher-Hörer, also im Zeichenbenutzer, abgebildet (kodiert) werden muss auf jene perzeptorischen (und abstrakt weiter verarbeiteten) Strukturen, die dann das Substrat von dem ausmachen, was wir dann die ‚Bedeutung‘ eines sprachlichen Ausdrucks nennen. Diese Mischung aus perzeptorischen Material und gehirnmässig aufbereiteten multimodalen Abstraktionen und Assoziationen ist höchst komplex, im einzelnen wenig erforscht (da schwierig zu beobachten), und bildet einen substantiellen Bestandteil dessen, was wir ‚menschliche Kommunikation‘ nennen.

11. Eine ‚künstliche Intelligenz mit menschengemässer Kommunikation‘ [KImK] (‚Artificial Intelligence for Communication with Humans‘ [AI4CH]) benötigt u.a. solch eine komplexe Semantik, will sie in der Lage sein, mit Menschen entsprechend zu kommunizieren. Dies setzt zwar nicht voraus, dass solch eine KImK den Körper und das Gehirn eines Menschen 1-zu-1 kopiert, aber es setzt voraus, dass die ’semantischen Strukturen‘ funktional äquivalent verfügbar sind. Zudem wird dies nicht ohne kontinuierliche ‚Adaptation‘, sprich ’nicht ohne kontinuierliches Lernen in menschengemässen Umgebungen‘ gehen. Wer sich also wundert, warum es trotz solch gewaltiger technischer Fortschritte noch immer keine KI gibt, die auch nur ansatzweise zu menschengemässer Kommuniktion fähig ist, der braucht sich nur zu fragen, wo denn bislang solche Lernprozesse stattfinden (IBMs Watson Computer + Programm versucht dies, aber nach all dem, was darüber bekannt geworden ist, ist dieses Konzept nach meiner Einschätzung noch sehr weit entfernt von dem, was hier gebraucht wird).

12. Und selbst wenn wir es schaffen könnten, solch eine KImK bereit zu stellen, was würde sie uns letztlich nützen? Das ‚menschliche Maß‘ in der impliziten Bedeutung würde implizieren, dass alle die endlichen Strukturen, die im Menschen konstitutiv für seine Bedeutungsstrukturen sind, ’nachvollzogen‘ werden müssten. Andernfalls würde es zu erheblichen Bedeutungsabweichungen kommen können. Eine ‚Verstärkung‘ wäre dann nur möglich über eine ‚Metaebene‘ zu dieser ’normalen KImK‘, in der (i) eine KImK evtl. ’schneller‘ ablaufen kann, (ii) n-viele KImKs parallel betrieben werden könnten, (iii) es ‚übergeordnete Modelle‘ von Intelligenz gibt, die die einzelnen KImKs als ‚Schnittstellen‘ zu konkreten Menschen benutzen, und zusätzlich eine ‚Meta-Intelligenz‘ besitzen, die ‚darüber hinaus‘ geht. Wie solch eine Intelligenz aussieht, können wir zumindest in Umrissen denken. Sollte sie realisiert sein und sollte sie ‚im gedachten Sinne‘ funktionieren (wahre Freiheit ist schwer regulierbar….), dann wäre immerhin denkbar, dass eine solche KImK+Meta komplexe Abläufe besser überschauen, analysieren und planen könnte wie einzelne kooperierende menschliche Gehirne. Im positiven Fall könnten Menschen dann solche KImK+Meta’s als ‚Assistenzsysteme‘ einsetzen.

13. Wenn man aber sieht, wie jetzt schon einzelne Menschen ganze Nationen mit einfachen Parolen zu Handlungen haben hinreißen können, um wie viel mehr besteht dann solch eine Gefahr, wenn es solche neuen Superintelligenzen geben würde? Auf der anderen Seite, wenn wir sehen, in welchem Ausmaß Menschen gegenüber Menschen grausam und unmenschlich sein können, dann erscheint die gedachte Gefahr durch eine Maschine eher fast harmlos. Wir müssen aber auch ehrlich sagen, dass wir damit noch keinerlei Erfahrungen haben. Dass die Hauptursache für eine ‚Hölle auf Erden‘ bislang immer Menschen waren, das wissen wir. Was die Maschinen uns bringen werden, ist noch offen. Als erstes werden vermutlich wieder Menschen versuchen, diese neuen Werkzeuge in einer Weise zu nutzen, die nur einseitig Nutzen bringen. Wer rettet den Menschen eigentlich vor sich selbst?

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIRER.

BEWUSSTSEIN – NICHTBEWUSSTSEIN MIT TEILSTRUKTUREN: Eine Skizze

Vereinfachendes Modell der Verhältnisse zwischen Bewusstsein - Nichtbewusstsein einerseits, und einigen der Teilstrukturen, u.a. die tiefenpsychologischen Konzepte von 'Unbewusstes' und 'Vorbewusstes'

Vereinfachendes Modell der Verhältnisse zwischen Bewusstsein – Nichtbewusstsein einerseits, und einigen der Teilstrukturen, u.a. die tiefenpsychologischen Konzepte von ‚Unbewusstes‘ und ‚Vorbewusstes‘

1. Die sehr anregenden Gespräche in den beiden letzten Veranstaltungen der Philosophiewerkstatt (Bericht vom 12.4. folgt noch) haben dazu geführt, dass die Konzepte ‚Unbewusstes‘, ‚Vorbewusstes‘, ‚Bewusstsein‘ und ‚Nichtbewusstsein‘ weiter gedacht wurden als bislang im Blog geschehen.

2. Hilfreich war der Versuch, den Weg einer möglichen ‚Definition‘ schrittweise nach zu vollziehen (siehe vorausgehende Beiträge). Dabei erwies sich das ‚Komplement‘ zum philosophischen Begriff des Bewusstseins als ‚Nicht-Bewusstsein‘ als ein inhärent unendlich ‚großer‘ Begriff, der alles abdeckt, was nicht zum individuellen Bewusstsein gehört.

3. Erste Versuche, die eher aus der Tiefenpsychologie (und aus dem Alltagsverständnis (‚folk psychology‘) herrührenden Begriffe ‚Unbewusstes‘ und ‚Vorbewusstes‘ in diesem Kontext einzuordnen, legten die Formulierung nahe, diese innerhalb des umfassenden Feldes des ‚Nicht-Bewusstseins‘ im Bereich des individuellen Körpers mit seinem Gehirn zu verorten: das ‚individuelle‘ Un- bzw. Vor-Bewusste besteht in jenen Bereichen und Prozessen des individuellen Gehirns und Körpers, die zwar individuell nicht ‚bewusst‘ sind, aber auf diese individuelle Bewusstheit individuell einwirken können. Das individuelle ‚Un-‚ bzw. ‚Vor-Bewusste‘ repräsentiert daher nur einen winzigen Bruchteil dessen, was zum ‚Nicht-Bewusstsein‘ gehört.

4. Die verschiedenen Überlegungen/ Spekulationen zu einem ‚archetypischen‘ Bewusstsein, was vielen Menschen gemeinsam ist, würde hier seine ’natürliche‘ Verortung dadurch finden, dass jedes individuelle Bewusstsein ein Eigenschaft eines individuellen Körpers-Gehirns ist. Dieser Körper (Gehirn) ist als lebender Körper über seine verschiedenen ‚Schichtungen‘ (siehe unten) jederzeit ‚mit allem‘ ‚verknüpft‘. Als ‚gewordener‘ Körper trägt er die Entstehungsgeschichte in Form einer ‚Lerngeschichte‘ in seinem genetischen Programm mit sich herum, das sowohl in der Embryogenese wie auch in der gesamten Ontogenese die Strukturen (und Funktionen) des Körpers (mit Gehirn und Bewusstsein) ‚bestimmt‘ (und dies sind immerhin nach heutigem Wissen ca. 3.8 Mrd Jahre seit der ersten Zelle).

Vielschichtigkeit des Menschen (vier verschiedene Bilder von Wikipedia (en) zusammengesetzt (siehe Quellenangaben unten)

Vielschichtigkeit des Menschen (vier verschiedene Bilder von Wikipedia (en) zusammengesetzt (siehe Quellenangaben unten)

5. In vorausgehenden Beiträgen kam immer schon mal zur Sprache, dass man im Falle des menschlichen Körpers sich nicht von der ‚Oberfläche‘ täuschen lassen sollte. Schon ein wenig Nachdenken fördert verschiedene Sichten des Menschen zutage (siehe Bild): die Organe mit den Blutgefäßen, das Nervensystem, das Knochengerüst, wo man sich fragen kann, was in all den Teilstrukturen ist jetzt der Mensch?

6. Und natürlich wurde auch darüber nachgedacht, dass jedes Organ/ jeder Knochen/ jeder Muskel/ das Gehirn… letztlich aus Zellen bestehen, zusammen viele Billionen (10^12!). Diese Zellen wiederum bestehen aus Molekülen (wie viele eigentlich?).

7. Jedes Molekül besteht aus Atomen, die wiederum aus noch kleineren – nennen wir sie hier mal zusammenfassend ’subatomare Teilchen‘ (oder Quanta) – bestehen.

8. Je nachdem, auf welcher ‚Strukturebene‘ man sich bewegt, gelten andere ‚Gesetze‘. Die Herleitung der ‚Gesetze für Phänomene auf der Strukturebene n‘ aus den Gesetzen für Phänomene auf der Strukturebene m gelingt nicht immer und in der Regel nicht ohne ‚Verlust‘. Die Formulierung ‚Das ganze ist mehr als seine Teile‘ wirkt sich eben auch hier aus. Die Einzelteile und ihr ‚Verhalten‘ alleine beschreiben niemals das ‚Gesamtverhalten‘ (habe nicht den Eindruck, dass diese Problemstellung bis heute befriedigend gelöst sind).

9. Nach meiner Einschätzung sind wir bislang nicht in der Lage, jene Teile des individuellen Nicht-Bewusstseins (einschließlich des Un- und Vorbewusstseins), die unser Bewusstsein wesentlich bestimmen, hinreichend zu erklären. Und über die möglichen Wechselwirkungen zwischen Vorgängen auf der subatomaren Ebene eines Körpers und deren Auswirkungen auf unser individuelles Bewusstsein wissen wir bislang offiziell nichts (real gibt es diese natürlich, weil unsere materiell-geistige Struktur rein physikalisch so gebaut ist).

10. Dies alles ist weiter zu bedenken und zu untersuchen.

Einen Überblick über alle biserigen Beiträge des Blogs nach Titeln findet sich HIER.

QUELLEN

  • Wikipedia (en): Body Surface at http://en.wikipedia.org/wiki/Human body (letzter Besuch: 12.Nov.2012)
  • Wikipedia (en). Brain at http://en.wikipedia.org/wiki/Human brain (letzter Besuch: 12.Nov.2012)
  • Wikipedia (en): Human skeleton at http://en.wikipedia.org/wiki/Human_skeleton (letzter Besuch 12.Nov.2012)
  • Wikipedia (en): Organs beyond the Body Surface at http://en.wikipedia.org/wiki/Human anatomy (letzter Besuch: 12.Nov.2012)

DAS NICHTBEWUSSTSEIN – ODER DIE KUNST SICH SELBST ZU (ER)FINDEN

Ausgehend vom 'Bewusstsein' kann uns die Pschologie helfen, den Komplementärbegriff des 'Nichtbwusstseins' zu bilden

Ausgehend vom ‚Bewusstsein‘ kann uns die Pschologie helfen, den Komplementärbegriff des ‚Nichtbwusstseins‘ zu bilden

1. In einem vorausgehenden Blogeintrag hatte ich den Begriff des ‚Nichtbewusstseins‘ als Komplementärbegriff zum Begriff des ‚Bewusstseins‘ eingeführt. Der so eingeführte Begriff des ‚Nichtbewusstseins‘ ist rein technischer Natur und hat mit den sich im Umlauf befindlichen Begriffen wie ‚Unterbewusstsein‘, ‚Vorbewusstsein‘, ‚Tiefenbewusstsein‘ usw. aus dem Bereich der Psychotherapie oder Psychoanalyse zunächst nichts zu tun.

2. Wie im Schaubild angedeutet, setzt der hier eingeführte technische Begriff des ‚Nichtbewusstseins‘ voraus, dass es ein intuitives-vorwissenschaftliches Verständnis von ‚Bewusstsein‘ gibt, verbunden mit der Annahme, dass alle beteiligten Sprecher-Hörer biologisch eine hinreichend ähnliche Struktur besitzen und in der Lage sind/ waren, den sprachlichen Ausdruck ‚Bewusstsein‘ mit diesem Vorverständnis ‚irgendwie‘ zu ‚verknüpfen‘. Ob dies tatsächlich der Fall ist lässt sich im Alltag immer nur ’näherungsweise‘ feststellen. Es bleibt eine unaufhebbare ‚Unschärfe‘ dahingehend, dass wir niemals genau wissen können, was der/ die andere ‚tatsächlich‘ meint, wenn er/ sie von ‚Bewusstsein spricht. Letztlich gilt dies auch immer für ‚uns selbst‘: unsere eigenen ‚Bewusstseinsinhalte‘ sind nicht konstant, wechseln beständig, zeigen immer wieder neue, überraschende Seiten, usw. Unser eigenes ‚Konzept‘ von unserem eigenen ‚Bewusstsein‘ ist daher auch immer schon eine ‚Annäherung‘ an etwas, was wir ‚vorfinden‘!

3. Benutzt man nun die Erkenntnisse der experimentellen Psychologie aus den letzten ca. 100 Jahren, dann kann man erste Anhaltspunkte zum Verhalten und zur Struktur einzelner Phänomene des ‚Bewusstseins‘ samt möglicher Wechselwirkungen mit einem hypothetischen Bereich ‚jenseits des Bewusstseins‘ – hier global ‚Nichtbewusstsein‘ genannt – finden. In einem beständigen Kreislauf von theoretischen Annahmen und empirischen Experimenten hat die Psychologie diverse Erkenntnisse zur potentiellen Struktur des menschlichen Gedächtnisses herausgearbeitet, die in dem schon erwähnten groben Schema von ‚Sensorischem Gedächtnis‘, ‚Kurzzeitspeicher‘ sowie ‚Langzeitspeicher‘ zusammengefasst sind. Das, was subjektiv als ‚Bewusstsein‘ erlebt wird, korreliert ungefähr mit dem Begriff des ‚Kurzzeitspeichers‘ im psychologischen Modell (parallel versuchen seit einiger Zeit die Neurowissenschaften ’neuronale Korrelate des Bewusstseins‘ zu ermitteln. Die bisherigen Ergebnisse sind bislang aber – aus verschiedenen Gründen – (leider) wenig brauchbar). Das psychologische Modell als solches ist experimentell und ansatzweise modellhaft/ theoretisch einigermaßen ‚klar‘, das vorwissenschaftliche Bezugsobjekt ‚Bewusstsein‘ hingegen ist prinzipiell ‚unklar‘, ‚vage‘.

4. Gilt schon für das Bewusstsein selbst, dass es ‚vorgegeben‘ ist, dass es eine ‚veränderliche‘ Größe ist, deren Inhalt und Dynamik sich nur in einer längeren ‚Betrachtung‘ erschließt, so gilt dies verstärkt für den Bereich des ‚Nichtbewusstseins‘ ‚jenseits‘ des Bewusstseins. Alles, was wir erfahrungsmäßig empirisch erfahren (unser Körper, die Welt außerhalb unseres Körpers), ist per se etwas, was wir auch ‚vorfinden‘, was ’sich zeigt‘, was sich als ‚veränderlich‘ zeigt, usw.

5. D.h. wir haben zu einem bestimmten (konstruierten) Zeitpunkt t einen bestimmten ‚Bewusstseinsinhalt‘ [Cont(Consc, t) = PH] als Menge von ‚Phänomenen‘ [PH], und zu einem späteren Zeitpunkt t‘ > t einen Bewusstseinsinhalt Cont(Consc, t‘) = PH‘. Falls PH‘ verschieden ist von PH, also PH ≠ PH‘, liegen ‚Veränderungen‘ vor.

6. Angenommen, es gibt solche Veränderungen (und in der täglichen Erfahrungen gehen wir davon aus), dann stellt sich hier schon ein erstes fundamentales Problem: da nach Annahme der aktuelle Bewusstseinsinhalt PH zu einem aktuellen Zeitpunkt t nur ‚Inhalte‘ in Form von ‚Phänomenen‘ umfasst, kann man sich fragen, wieso wir zu einem späteren Zeitpunkt t‘ mit anderen Phänomenen PH‘ zugleich ‚feststellen‘ können, dass einzelne Phänomene ph‘ aus PH‘ sich ’so‘ ’nicht‘ in der Menge der Phänomene PH zum vorausgehenden Zeitpunkt t ‚befunden‘ haben? Ein solcher Vergleich setzt minimal voraus, dass es eine Art ‚Erinnerung‘ mem(PH,t,t‘) = PH_mem der Phänomene vom Zeitpunkt t zum späteren Zeitpunkt t‘ gibt, und dass der ‚Inhalt dieser Erinnerung‘ PH_mem ‚verglichen‘ werden kann cmp(PH_mem, PH‘) = ph‘ mit den aktuellen Phänomenen PH‘ zum Zeitpunkt t‘.

7. Dabei ist auch noch zu bestimmen, was alles davon ‚bewusst‘ ist: nur das Ergebnis der Erinnerung samt Vergleich – also ph‘ –, oder auch der Vorgang des Erinnerns mem() und Vergleichens cmp()?

8. Im aktuellen psychologischen Modell würde man sagen, dass der Vorgang des Erinnerns und Vergleichens in den Bereich des Langzeitgedächtnisses gehören würde und damit in den Bereich des Nichtbewusstseins fallen würden, also nicht bewusst wären. Bewusst wären nur jene Phänomene ph‘ die sich in t‘ von t unterscheiden. Dies würde bedeuten, dass die Vorgäng des ‚Erinnerns‘ mem() und ‚Vergleichens von Erinnerbarem mit Aktuellem‘ cmp() Vorgänge wären, die wir nur indirekt erschließen können. Aus Sicht einer wissenschaftlichen Theoriebildung wären sie dann sogenannte ‚theoretische Terme‘ innerhalb eines ‚Modells‘ (oder einer ‚Theorie‘).

9. Diese sehr einfachen Überlegungen können ahnen lassen, dass der Bereich des ‚Nichtbewusstseins‘ nicht nur potentiell unendlich groß ist, sondern er kann in sich unendlich viele ‚fertige Strukturen und Prozesse‘ aufweisen, die festlegen, ‚ob‘ wir überhaupt ‚Bewusstseinsinhalte‘ in Form von Phänomenen PH haben und ‚in welcher Weise‘ diese ‚auftreten‘. ‚Dass‘ wir überhaupt erinnern können hängt von dem ab, was wir ‚Gedächtnis‘ nennen, und ebenfalls ‚wie‘.

10. Was nun das ‚Bild‘ betrifft, das ein Mensch ‚von sich selbst‘ hat, so folgt aus dieser Ausgangslage, dass niemand von Anfang an ‚wissen‘ kann, ‚wer‘ er selbst tatsächlich ist. Der einzige Weg, dies heraus zu finden, ist der ‚Versuch‘, das ‚Experiment‘, das ‚Spielen‘, das ‚kreativ sein‘ usw. Wer sich niemals selbst ausprobiert, wird niemals wissen können, wer er/ sie ‚wirklich‘ ist.

11. Im Alltag ist es oft so, dass Kinder Bilder über sich selbst ‚von anderen‘ übernehmen (eigene Eltern, Freunde, KlassenkameradenInnen, LehrerIn, usw.), die ‚falsch‘ sind in dem Sinne, dass ein Vater z.B. sagt, dass ein Kind X entweder nie kann (obwohl es das tatsächlich könnte) oder dass das Kind X auf jeden Fall können muss (obwohl es X zumindest nicht jetzt können kann). Kinder machen sich sehr oft und sehr schnell solche ‚Fremdzuschreibungen‘ zu eigen, nehmen also ein ‚Bild‘ von sich an, was gar nicht ihren tatsächlichen Fähigkeiten entspricht, und Verhalten sich dann entsprechend diesem falschen Bild. Ein Vorgang, der sich im Jugendalter und im Berufsleben, in Beziehungen weiter fortsetzen kann: man bekommt eine bestimmte Rolle Y zugeschrieben (obgleich diese möglicherweise ‚unpassend‘ ist) und ’nimmt sie an‘. Manchmal sind es Zufälle (neue Freunde, neue Arbeitskollegen, Situationen im Urlaub…), dass man entdeckt, dass man ja auch ‚ganz anders‘ sein kann.

12. Der einzige wirkliche ‚Schutz gegen falsche Bilder‘ ist das ‚eigenständige Ausprobieren‘, das eigenständige ‚Hinterfragen‘, der Mut, den Erwartungen der Umgebung immer wieder mal nicht zu entsprechen, der Mut zum Experiment.

13. Und selbst dann, wenn man ein bestimmtes Selbstbewusstsein in Richtung Schreiben, Malen, Musik machen, Rechnen, Sport usw. ausgebildet hat, selbst dann ist jeder neue Tag eine neue Herausforderung, sich nicht in der ‚Vergangenheit‘ einzurichten, nicht bei ‚Bekanntem‘ auszuharren, anstatt sich immer wieder neu dem Wagnis auszusetzen, im Tun sich immer wieder ’neu‘ zu erleben.

14. Wenn ich anfange zu Schreiben, dann weiß ich in der Regel nie, was ich alles schreiben werden. Im Schreiben erlebe ich, wie Worte sich formen, ein Gedanke sich entwickelt, und am Ende bin ich selbst erstaunt, was ich dann geschrieben habe. Tage und Wochen später, falls ich dann nochmals lese, was ich schon geschrieben habe (was merkwürdigerweise eher selten ist, da so viel ‚Neues‘ ansteht), kann ich oft nicht glauben, dass ich dies geschrieben habe. Das Schreiben enthüllt Dinge aus dem eigenen ‚Nichtbewusstsein‘, die bis zum Augenblick des ‚Hervortretens‘ ‚unsichtbar‘ sind, nicht bewusst.

15. Insofern das ‚Nichtbewusstsein‘ – wie uns die Psychologie (und ansatzweise die Neurowissenschaft) lehrt –, in Form eines Langzeitgedächtnisses auf sehr komplexe Weise organisiert zu sein scheint, gibt es zwar für manche ‚Verarbeitungsprozesse‘ Erklärungsansätze, die ‚verständlich‘ machen können, warum man morgens, wenn man aufwacht, gerade diese Gedanken und gerade so denkt, aber dies sind sekundäre theoretische Erklärungen; wir selbst als ‚Erlebende‘ haben nur das aktuelle Erleben. Wir können nur sehr indirekt dieses Erleben ’steuern‘: wenn jemand weiß, dass zu langes spätes Fernsehen plus zu viel Alkohol plus Bewegungsarmut schlecht schlafen lässt, könnte er spätes Fernsehen reduzieren, Alkohol reduzieren und sich bewusst mehr bewegen. Der Effekt ist direkt erlebbar. Es macht aber wenig Sinn, über schlechtes Körpergefühl am morgen zu klagen und sich nur zu ‚wünschen‘ es wäre anders.

16. Jemand, der sich als ‚Künstler‘ versteht, bewegt sich tendenziell eher am ‚Rande des Bewusstseins‘, ist jemand, der versucht, seinem ‚Nichtbewusstsein‘ Raum zu geben, indem er mit Verhalten, Materialien, Situation, mit sich selbst ‚experimentiert‘. Selbst wenn der Ausgangspunkt eine gewöhnliche ‚Leinwand‘ sein sollte, selbst wenn die die zum Einsatz kommenden ‚Materialien‘ (Farben, Pinsel, …) ‚bekannt‘ sind, selbst dann ist in der Regel völlig offen, ‚wie‘ der Künstler Leinwand, Farben und Pinsel benutzen wird. ‚Was‘ wird ’sichtbar‘ werden? Sofern der ‚Ursprung‘ seiner Malaktionen in seinem ‚Nichtbewusstsein‘ liegen, weiß er normalerweise nicht, ‚was‘ er ‚wie‘ malen wird. Während des Malens wird das Gemalte ‚mit ihm‘ einen Dialog eröffnen, in dessen Verlauf er (Warum? Wieso? Weshalb?) das Gemalte eher ‚gut‘ finden wird oder eher ’schlecht‘. Würde man ihn fragen ‚warum‘, wird er normalerweise nicht wirklich sagen können, warum. Mit dem aktuellen Malen tritt etwas aus seinem Nichtbewusstsein heraus, das ihm erst dann ‚bewusst‘ wird, das ihn ‚überraschen‘ kann, womöglich gar ‚erschrecken‘, ihm ‚Angst machen‘ kann, aber eventuell auch ‚berauscht‘, ‚anregt‘ usw. Im Malen findet er damit buchstäblich ‚zu sich‘. Er entdeckt Seiten ‚an sich‘, die ihm bis zum Malakt ‚verborgen‘ waren.

17. Wenn die Umgebung, die ‚Öffentlichkeit‘, der ‚Kunstmarkt‘ sich eines Malers ‚bemächtigt‘, kann es passieren, dass die ‚externen Erwartungen‘ sich über den Maler ’stülpen‘ und er dann plötzlich meint, Dinge malen zu müssen, nur um diese externen Erwartungen zu befriedigen. Aus den ‚malerischen Offenbarungen‘ von zuvor werden dann ‚malerische Dekorationen‘, die dem kommerziellen Wertstellungsmechanismus gefallen, tatsächlich aber die ‚Kunst‘ im Sinne eines Hervorbringens von noch nicht Bekanntem zerstören. ‚Konservenkunst‘ (speziell im Bereich Musik) wiederholt dann nur noch Bekanntes, erstarrt zur Maske, hat ihr ‚Leben‘ ausgehaucht. Der Versuch, das ‚Schöne‘ zu bannen, führt im Moment des ‚Bannens‘ zur Verzerrung, zur Ontologisierung von etwas, was eigentlich nur Bewegung und Werden ist. Der tiefsitzende Reflex des ‚Haben Wollens‘, des ‚Festhalten Wollens‘ ist der permanente Feind des Lebens, das per se etwas ist, das immer ‚über sich hinaus‘ verweist.

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MUSIK

Im Sinne der obigen Gedanken ist der folgende Klang keine ‚Komposition‘, sondern ‚hat sich ergeben‘, Methode ‚radically Unplugged‘. Interessante Frage: ‚Was‘ ergibt sich ‚wann‘ und ‚warum‘? Interessant ist dabei das, was sich nicht aus ’schon Bekanntem‘ ergibt, sondern aus dem ‚Nichts‘ des noch ’nicht Bekanntem‘?

CARTESIANISCHE MEDITATIONEN III, Teil 3

ÄNDERUNGEN: Letzte Änderung Mo, 13. Dez. 2011, vor 10:30h

(40) Zurück zu Husserl. Bei der phänomenologischen Analyse der allgemeinen (intentionalen) Strukturen des Erlebens bilden die sich im Denken  automatisch bildenden Einheiten (jedes einzelne cogitatum ist eine ‚Identitätssynthese‘ (vgl. CM2,S21,Z9-11) jeweils einen ‚Leitfaden für die subjektiven Mannigfaltigkeien‘. (vgl. CM2,S21,Z12f) In der entstehenden Abstraktion auf der Grundlage der phänomenologischen  ‚Typen‘ spielen diese konstituierenden Mannigfaltigkeiten dann aber keine wichtige Rolle mehr; es geht dann um die gefundenen allgemeinen Strukturen.

(41)  Nehmen wir einmal an, dass es diese allgemeine Strukturen sind, die in eine phänomenologische Theorie Th_ph eingehen würden (mir ist niemand bekannt, der bislang solch eine phänomenologische Theorie Th_ph tatsächlich ausgearbeitet hätte; Husserl selbst war weit entfernt davon).

(42) Husserl behauptet nun, dass das ‚Phänomen der Welt‘ einen eigenen Typus, bildet, nämlich den ‚wundersamen Typus universale Weltwahrnehmung‘, der uns als dieser Typus ‚bewusst‘ sei. (vgl. CM2,S21,Z18-21) Er bildet den ‚Leitfaden‘ zur Analyse der ‚Unendlichkeitsstruktur der Erfahrungsintentionalität‘ von der Welt. (vgl. CM2,S21,Z22-27) Innerhalb der phänomenologischen Analyse von der einen Welt gibt es aber viele unterscheidbare Einzelobjekte, die in diesem größeren Zusammenhang so vorkommen, dass sie aus diesem Zusammenhang ’nicht weggedacht‘ werden können. (vgl. CM2,S21,Z35f)

(43) Dass jedes erkennbare Einzelobjekt samt zugehöriger Typik und intentionaler Potentialität im Kontext der synthetischen Einheit des transzendentalen ego ohne diesen Zusammenhang nicht gedacht werden kann, ist gewissermaßen eine Tautologie, da Husserl die transzendentale Analyse genau über jenen unauflöslichen –letztlich a priori vorgegebenen– Denkzusammenhang definiert. Davon zu unterscheiden ist aber die phänomenbezogene Aussage, dass es über diese im Denken verankerte Einheit auch noch eine durch die Sachen selbst induzierte Einheit geben soll. Dass wir in allen Wahrnehmungen eine raum-zeitliche Struktur vorfinden (über die Husserl hier nicht spricht), durch die unsere unterschiedlichen Gegenstände, Objekte in einem Beziehungsgeflecht vorkommen, das wir nicht weg-denken können, ist eine Sache. Zusätzlich dazu ein ‚Superobjekt‘ Welt als vorfindliche Erkenntnis annehmen zu müssen, ist eine Feststellung, die sich –zumindest mir– nicht ohne weiteres erschließt. Diese Unsicherheit zeigt an, dass die Inhalte einer phänomenologischen Analyse, selbst dort, wo sie versucht, ‚allgemeine‘ Strukturen der vorfindlichen Gegebenheitstypen aufzugreifen, zu analysieren und zu beschreiben, nicht immer und überall diese Transparenz und Evidenz besitzt, die Husserl fordert (und bei seinen Aussagen auch unterstellt). Im Zweifelsfall würde ich dafür plädieren, solche unklaren Allgemeinheits-Feststellungen dann zurück zu stellen. Ferner zeigt diese Unsicherheit die Besonderheit einer möglichen phänomenologischen Theoriebildung: dadurch, dass es sich bei den ‚Gegenständen‘ einer phänomenologischen Analyse um Eigenschaften unseres bewussten Denkens handelt, die nicht ‚direkt‘ vorzeigbar sind, sondern nur indirekt im Rahmen einer Kommunikation ‚erschlossen‘ werden können, ist jede phänomenologische Feststellung eine kommunikationsabhängige Hypothese, die voraussetzt, dass es in jedem Kommunikationsteilnehmer prinzipiell die gleichen allgemeinen Strukturen des Denkens gibt. Die von Husserl programmatisch geforderte Letztbegründung von Philosophie wird auf diese Weise trotz ihrer subjektiven Denknotwendigkeit durch ihre Sprachabhängigkeit zu einem relativierbaren kulturellen Phänomen. Zwischenmenschlich kann Philosophie niemals absolut sein, nur individuell-subjektiv für die persönliche Orientierung.

(44) Kommen wir zurück zur formalen Seite der phänomenologischen Analyse. Generell bezieht die phänomenologische Analyse ihre Denknotwendigkeit aus der vorfindlichen Einheit des Denkens. Innerhalb dieser allgemeinen Einheit postuliert Husserl aber weitere begrenztere Einheiten,  die aus der Mannigfaltigkeit des Gegebenen als ‚Objekte‘ und zugleich als ‚Objekttypen‘ entstehen. Und er stellt explizit fest ‚Jedes Objekt bezeichnet eine Regelstruktur für die transzendentale Subjektivität‘. (vgl. CM2,S22,Z5-7) Hier stellen sich sehr viele Fragen. Einige seien genannt.

(45)  Der Ausdruck ‚Regelstruktur für die transzendentale Subjektivität‘ ist nicht ohne weiteres klar, da Husserl bislang noch nirgends erklärt hat, was eine ‚Regel‘ sein soll, er hat den Begriff ‚Struktur‘ ebenfalls nicht explizit erklärt, geschweige denn den neuen Begriff ‚Regelstruktur‘. Aus der Vielzahl möglicher Interpretationen wird hier versuchsweise angenommen, dass es Husserl darauf ankam, zu erklären, dass die durch die Objekteinheit gegebene Typik im Rahmen der transzendentalen Synthese etwas ‚Nicht-Zufälliges‘, etwas ‚Nicht-Kontingentes‘ hat. Damit wäre die Basis  für eine Grundlegung der Philosophie über die allgemeine transzendentale Einheit hinaus durch Ausdifferenzierung der allgemeinen Einheit ‚erweitert‘. Diese Annahme macht nur Sinn, wenn die auf die Objekt-Typik bezogene Einheit vom einzelnen Objekt ‚unabhängig‘ ist. Die vorausgehenden Abschnitte legen diese Interpretation nahe. Daraus folgt, dass diese Objekt-Typik durch die Art des Denkens selbst (DLOG) ‚induziert‘ wird. D.h. egal, welches einzelne Objekt durch die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung sich im Denken ‚zeigt‘, jede dieser objektbezogenen Typen ergibt sich aus der Art und Weise, wie das Denken Mannigfaltigkeiten ‚organisiert‘, ‚verarbeitet‘, ‚aufbereitet‘ –oder wie immer man die Leistung des Denkens bezeichnen möchte–. Mit solch einem Interpretationsansatz erscheint die Einheit der Objekte als denknotwendig, sprich von transzendentaler Natur. Es bleibt dann nur die Frage nach dem ‚Sachanteil‘ der Erkenntnis. Wenn die Mannigfaltigkeit, die letztlich die Unterscheidung zwischen Objekten möglich macht und die die Voraussetzung für sprachliche Benennungen ist, im ‚eigentlichen‘ Denken keine Rolle mehr zu spielen scheint, dann fragt man sich, was denn letztlich den ‚Inhalt‘ des denknotwendigen Denkens ausmacht?

(46) Eine weitere Interpretation könnte sein, dass diese allgemeinen Strukturen des Denkens zwar vom Denken selbst induziert sind, aber nur gelegentlich des Auftretens von Mannigfaltigkeiten ’sichtbar‘ werden. Damit hätten die Mannigfaltigkeiten zumindest eine Art ‚Triggerfunktion‘.  Dies scheint der Weise unseres Denkens zu entsprechen. Wir können über die Strukturen unseres Denkens nur anlässlich des aktiven Denkens ‚denken‘. Der ‚Inhalt‘ dieses Denkens wird aber nur in dem Masse ’nutzbar‘, als es uns gelingt, diesen Inhalt zu analysieren und zu beschreiben (als Th_ph). Das Gleiche gilt natürlich auch von den eher ‚kontingenten Inhalten‘, anlässlich deren die allgemeinen Strukturen sichtbar werden. Auch diese kann man in ihrer Eigenart analysieren und beschreiben. Die ‚Daten‘ DAT_ph einer phänomenologischen Theorie Th_ph enthalten also sowohl Beschreibungen von ‚kontingenten‘ Daten wie auch Daten über ‚allgemeine Struktureigenschaften‘ des Denkkontextes, in dem diese Daten auftraten. Diese Daten DAT_ph zu einer konsistenten phänomenologischen Theorie Th_ph auszuarbeiten stellt dann die eigentliche theoretische (und philosophische) Leistung dar.

(47) Bzgl. der Feststellung über das Super-Objekt Welt (bei Husserl ‚universale Weltwahrnehmung‘) hatte ich angemerkt, dass die Behauptung der universalen Gültigkeit dieser Erkenntnis mir nicht direkt zwingend erscheint. Husserl läßt hier aber nicht locker. Für ihn resultiert die Einheit des Phänomens ‚Natur‘ bzw. ‚Welt‘ als transzendentale Einsicht aus dem Kontext von ‚Vernunft und Unvernunft‘; letztere gehören für ihn zur ‚allgemeinsten Strukturform der transzendentalen Subjektivität überhaupt‘. (vgl. CM2,S22,Z8-17)

(48) Trotz dieser Wiederholung ist nicht erkennbar, woher Husserl die hierzu notwendigen Evidenzen rekrutiert.  Das Wort ‚überhaupt‘ im Ausdruck ‚transzendentale Subjektivität überhaupt‘  lässt zwar Emphase‘ erkennen, deutet an, dass sein Autor auf die immanenten ‚Grenzen‘ des Gemeinten zielt, doch ist die ‚transzendentale Subjektivität‘ von Husserl auf die apriorische Einheit des transzendentalen ego bezogen, die als solche ‚eine‘ ist und nicht weiter hintergehbar. In diese letzte Einheit eine noch allgemeinere Einheit mit der Formulierung ‚transzendental überhaupt‘  hinein zu projizieren, erscheint wenig überzeugend. Zumal Begriffe wie ‚Vernunft‘ und ‚Un-Vernunft‘ hochgradig unbestimmt und ‚leer‘ sind. Von etwas Unbestimmtem und Undefiniertem wie ‚Vernunft‘ zu sagen es sei die ‚allgemeinste Form‘ und zugleich die ‚Einheit überhaupt‘ überzeugt mich nicht. Es mag sein dass der Begriff ‚Vernunft‘ in anderen begrifflichen Kontexten einen fassbaren Sinn haben kann, in dem von Husserl bislang skizzierten Zusammenhang einer transzendentalen Phänomenologie sehe ich dies nicht.

(49) Husserl spricht dann über ‚Evidenz‘ im Kontext des Transzendentalen als etwas ’nicht zufällig Vorkommendes‘.(vgl. CM2,S22,Z18-21) Er benutzt dabei das Wort ’selbst‘ fast inflatorisch (analog dem Wort ‚überhaupt‘ in vorausgehenden Abschnitten), etwa nach dem Schema nicht nur ein ‚X‘, sondern das ‚X selbst‘, oder –mit Husserls Worten– ‚das cogitatum als es selbst habend‘.(vgl. CM2,S22,Z22f) Was aber macht den Unterschied aus zwischen einem ‚X‘ und dem ‚X selbst‘? Nach den bisherigen Ausführungen zur transzendentalen Phänomenologie ist sich das transzendentale ego entweder ’seiner selbst‘ nicht bewusst sondern ist  ‚bei‘ oder ‚in‘ den cogitata als den intentionalen Gegenständen des Denkens (ohne epoché) oder das transzendentale ego ist sich seiner bewusst und damit werden die cogitata eingebettet in eine intentionale Beziehung, die sich ihrer bewusst ist und die ‚in sich‘ oder ‚aus sich heraus‘ alle cogitata innerhalb der Einheit des Denkens ‚als cogitata‘ bewusst denken kann. In diesem Schema wäre eine Interpretationsmöglichkeit, den Fall ‚X‘ zu assoziieren mit dem ‚bei/ in den cogitata‘ sein ohne eingeschaltete kritische Reflexion und den Fall ‚X selbst‘ zu assoziieren mit der eingeschalteten Reflexion, in der die cogitata als Momente einer intentionalen Beziehung ‚bewusst‘ sind, darin ’sie selbst‘. Dies scheint Husserl gemeint zu haben, wenn er sagt ‚…alle Intentionalität ist… selbst ein Evidenzbewusstsein, das ist das cogitatum als es selbst habend…‘. (vgl. CM2,S22,Z21-23)

(50) Man kann natürlich fragen, ob es glücklich ist, das cogitatum, sofern es in der Reflexion als ein ‚Eingebettetes in einer größeren Einheit‘ erscheint, als ‚es selbst‘ zu bezeichnen, aber es entspricht dem Sprachgebrauch deutscher Bewusstseinsphilosophen.

(51) Schwierig wird es, wenn Husserl von dem unmittelbar im Denken Gegebenen ‚X selbst‘ auf das potentielle X rekurriert, auf das vor jeder Klarheit gegebene ‚vage, leere, unklare‘ Bewusstsein, (vgl. CM2,S22,Z25) das ‚auf dem Weg der Klärung‘ dann als Vorgestelltes, Fantasiertes, Gedachtes, Erinnertes usw. bewusst und darin wirklich, reell wird. Da man sich sofort fragt, wie etwas nicht Bewusstes Gegenstand des bewussten Denkens sein kann (nicht bewusst ist ja gerade das Gegenteil von bewusst), hakt man sich fest an der Formulierung Husserls, dass ein leeres Bewusstsein nur ‚Bewusstsein von dem und dem‘ sein kann, ’sofern es auf einen Weg der Klärung verweist‘.(vgl. CM2,S22,Z26f) Dies wirkt mindestens paradox, wenn nicht gar falsch.

(52) Wenn wir zunächst mal davon ausgehen, dass das Komplementäre zum Bewusstsein C das Nicht-Bewusstsein C‘ ist, d.h. Alle jene ‚Dinge‘ die es zwar ‚irgendwie geben mag‘, die aber eben per definitionem nicht bewusstseinsmässig zugänglich sind, dann gibt es für das Bewusstsein C keinerlei Möglichkeit auf irgendein x‘ in C‘ zu schließen. Die Formulierung von Husserl ’sofern es auf einen Weg der Klärung verweist‘ ist also bei Annahme der Definition von Bewusstsein und Nicht-Bewusstsein im vorausgehenden Sinne im Ansatz nicht möglich. Im Nichtbewusstsein C‘ gibt es kein etwas x‘ in C‘, das in irgendeiner Weise dem Bewusstsein C zugänglich ist.

(53) Will man die Aussage Husserls retten, dann könnte man ein ‚Drittes‘ postulieren, nämlich einen Zwischenbereich zwischen Bewusstsein C und Nichtbewusstsein C‘; nennen wir dieses Dritte hypothetisch ‚Un-Bewusstes‘ C*. Das Un-Bewusste wäre dann ein etwas x* in C*, dessen konkrete Ausgestaltung als solche aktuell nicht gerade bewusst ist, aber ‚irgendwie‘ gibt es ein ‚leeres, vages‘ Bewusstsein von seiner Verfügbarkeit. Ein möglicher Zusammenhang (Hypothese) zwischen einem bewussten Phänomen x in C und einem unbewussten x* in C* wäre möglicherweise, dass jedes bewusstes Phänomen x in den ‚Zustand‘ eines unbewussten x* übergehen kann und umgekehrt. Die Details dieser Übergänge von x nach X* und zurück lassen wir an dieser Stelle einmal offen. Wichtig ist nur, dass es keinerlei Übergänge von einem nicht bewussten x‘ in C‘ zu einem bewussten x in C geben kann. Möglicherweise aber von einem unbewussten x* in C* zu einem nicht bewussten x‘ in C‘. Die Formulierung von Husserl ‚Jedes vage Bewusstsein kann ich befragen, wie sein Gegenstand aussehen müsste‘, kann man als Bekräftigung der Hypothese zum Un-Bewussten C* lesen.

(54) In diesem Zusammenhang führt Husserl auch die Begriffe ‚Bestätigung‘, ‚Erfüllung‘ einerseits ein wie auch die Begriffe ‚Enttäuschung‘, ‚Aufhebung‘, ‚Negation‘ andererseits ein.(vgl. CM2,S22,Z36-38) Alle diese Begriffe setzen eine Beziehung (Relation) voraus: Ich habe ein X, das sich in einem Zustand befindet, von dem ich noch nicht sagen kann, dass er ‚bestätigt‘ oder ‚enttäuscht‘ sei oder ich habe –zeitlich danach– einen Zustand, in dem ich von X sagen kann, er sei bestätigt oder er sei enttäuscht.

(55) Man kann sich jetzt fragen, wo und wie sich dieses Schema innerhalb der transzendentalen Phänomenologie ‚interpretieren‘ lässt. Da man von den allgemeinen Strukturen annehmen muss, dass sie ’sind wie sie sind‘, kann ein Bestätigen bzw. Enttäuschen nur bei jenen Gegebenheiten (Tatsachen) des Bewusstseins auftreten, die in einer Beziehung vorkommen können, in denen sich etwas ändert. Dies sind eigentlich nur jene Objekte, die auf kontingenten Mannigfaltigkeiten beruhen, die mal so und mal so sein können. Während ‚Erinnerbares‘ (das ein Bewusstes x in C war, das zu einem unbewussten x* in C* überging und von dort wieder zu einem bewussten x in C werden kann) tendenziell eher seine Beschaffenheit ‚bewahrt‘ (obgleich wir heute wissen, dass das Erinnerte immer Verschieden ist von dem initialen Bewussten), ist es das sinnlich Wahrgenommene, das sich ‚autonom‘ ändert. Man könnte also ein erinnertes bewusstes x_mem in C mit einem sinnlich wahrgenommenen x_emp in C vergleichen. In der Tat sagt unsere Erfahrung, dass zwischen Erinnertem x_mem und sinnlich Wahrgenommenen x_emp Bestätigung oder Enttäuschung stattfinden kann (z.B. bestaetigung(x_mem, x_emp) = 1 oder  bestaetigung(x_mem, x_emp) = 0). Natürlich kann sowohl unsere ‚Fantasie‘ wie auch unser ‚rationales Denken‘ als Teile von DLOG eine Menge von bewussten x_i in C ‚verarbeiten‘ zu einem ’neuen‘ x_neu in C. Auch bzgl. eines solchen ’neuen‘ x_neu kann man einen Vergleich mit einem x_emp anstellen (oder auch einem x_mem):  bestaetigung(x_neu, x_emp) = 1 oder  bestaetigung(x_neu, x_emp) = 0.

(56) Husserl benutzt im vorausgehenden Kontext das Begriffspaar ‚anschaulich‘ und ‚unanschaulich‘.(vgl. CM2,S23,Z3f) Der systematische Bezug zur Themaik ‚Bestätigung‘ und ‚Enttäuschung‘ ist nicht ganz klar.

Zur Fortsetzung siehe CM3, Teil 4

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