EINE BUCHMESSE FÜR PROGRAMMIERER?

eJournal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 15.Okt. 2017
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THEMA

Im Fieberzustand der Frankfurter Buchmesse geht leicht verloren, worum es wirklich geht: Mit Worten die Welt zu verändern. Zwischen Mythos, Wunsch und Wirklichkeit.

ES IST BUCHMESSE

Wenn die Frankfurter Zeitungen mit dicken Zusatzbeilagen erscheinen, Hotels und Restaurants tagelang ausgebucht sind, in den Messehallen Lärm und Getriebe die Grenze zum Unerträglichen erreichen, dann findet Buchmesse statt, in Frankfurt. Die, die Geld verdienen wollen, die, die Öffentlichkeit suchen, die, …. ein kleiner Kosmos versammelt sich in den Hallen und Umgebung. Erregung liegt in der Luft, in den Gesichtern….

VERUSACHER: WORTE

Der Anlass für all dies sind Worte, schwarze Zeichen auf weißem Papier, auf Bildschirmen, als Smartphone-Textereignisse… Menschen, die so etwas wahrnehmen, lesen, aufnehmen, sich angeregt fühlen, nachdenken, Gefühle entwickeln, Erinnern, Fantasieren, betroffen sind, die dafür Geld ausgeben, um es sehen zu können.

Worte, aneinandergereiht, zusammengefügt, aus hunderten verschiedener Sprachen dieser Welt, manche kaum noch verstehbar, von gestern, von vor-vorgestern, von …

MENSCHEN MACHEN DAS

In die Welt gebracht von Menschen, die sich hingesetzt haben, stunden-, tage-, wochen-, monatelang, und länger, um irgend etwas aus ihrem Inneren nach Außen zu schaffen, auszudrücken, zu artikulieren, zu äußern, lesbar zu denken, zu manifestieren, zu bekennen, zu dokumentieren… oder vielleicht einfach, um mit Worten so zu spielen, dass sie Menschen mit ihren Ängsten, Sehnsüchten, Fantasien, ihrem Unterhaltungsbedürfnis in den Bann ziehen wollen, zu jedem Preis, zum Preis von Wahrheit?, für persönlichen Ruhm und Ehre … und Geld?

ROBOTER-AUTOREN

Heute muss man allerdings aufpassen. In Zeiten der Digitalisierung gibt es schon Computerprogramme, die Worte aufsammeln, Sprachfetzen, diese unter bestimmten Kriterien neu zusammensetzen und als Meldungen, kurze Artikel in die Welt setzen. Eine neue Art von Mimikry, die kaum als solche zu erkennen ist, nicht auf den ersten Blick. Und dies greift um sich. Viele der Texte, die Menschen in die Sprache bringen sind so, dass sie sich von Maschinen imitieren lassen, ohne dass es auffällt. Es entsteht eine Grauzone, eine Übergangsphase, ein Mensch-Maschine Waberland. Wer sind wir, wenn uns Maschinen imitieren können?

DIE WAHRE GELDBRINGER

Aus der Sicht der Wirtschaft sind es auch nicht unbedingt die Romane, die Lyrik, die Poesie, die das große Geld bringen. Es sind die schnellen und die praktischen Bücher: Bücher mit schönen Fotos, Kochbücher, Reiseberichte, Adressbücher, praktische Anleitungen, …. Dinge zum schnellen schenken oder die man braucht. Dann die vielen Unterhaltungsbücher einschließlich Krimis; das Bedienen von Emotionen, Spannungen, Ablenkungen… Sachbücher, Schulbücher, Lehrbücher, technische Standards …. irgendwo dann die, die sich Schriftsteller nennen, Dichter…. sie stehen für das Große, das Unaussprechliche, das Mystische, das Erhabene, für … für Sprache, Sprachkunst? Wer definiert dies eigentlich? Die Sprache gehört ja bekanntlich niemandem, sie schwebt über allem, sie ist in allem, findet in jedem und überall gleichzeitig statt…

SCHMUDDELKINDER

Die Schreibenden, sie alle benutzen Worte, Wortreihen, Wortmuster, Wortgebilde, mit so unterschiedlichen Interessen, so unterschiedlichen Situationen, so unterschiedlichen Themen…

Und dann gibt es die sprachlichen Schmuddelkinder, die Grenzgänger, die nicht so ins erhabenen Schema passen, die auch reden, die auch schreiben, die Sprache mit Bildern verknüpfen, die die Bedeutung durch Bilder voranstellen, und die Worte nur noch wie Anhängsel benutzen, minimalistische Kommentare eines Geschehens, das sich vor den Augen bildhaft abspielt. Das Grauen aller Sprachkünstler, der Abscheu aller Wortgewaltigen, der Schrecken der Wortmeister und Sprachmagier…

WELCHE MASS-STÄBE?

Aber, was reden wir hier über Literatur, wenn wir über Wortkunst reden?

Wonach bemessen wir die Bedeutung von aneinander gefügten Worten in einer Gesellschaft?

Sprechen wir nicht über die Digitalisierung der Gesellschaft, die alles überrollt, durchdringt, bis in die kleinsten und tiefsten Poren unseres Alltags eindringt, eingedrungen ist? Ist es denn nicht wahr, dass die digitalen Technologien uns nahezu vollständig umrundet und umzingelt haben? Benutzen nicht auch die klassischen Verlage mittlerweile alle Computer, Datenbanken, Netzwerke, Drucken-On-Demand, ebooks, eReader …. ?

Sind es nicht die Software-Firmen dieser Welt, die zu den wirtschaftlichen Giganten zählen, zu den internationalen Geldmonstern? Deren Datenpaläste alles in sich versammelt haben, was irgendwie gesagt wurde, gesagt wird, gesagt werden kann?

Und womit haben sie dies alles ermöglicht?

WORT-MASCHINEN

Irreführender Weise sprechen wir hier von ‚Software‘, von ‚Programmen‘, von ‚Sourcecode‘, von ‚Algorithmen‘, die auf den Computern Arbeit verrichten und all dies möglich machen. ‚Programme‘ sagen wir beiläufig, alltäglich verniedlichend, sehr abstrakt, dabei kaschieren wir einen Umstand, der wesentlich ist, der uns — je nach Gemütslage — begeistern oder schwer beunruhigen kann.

Diese sogenannten Computerprogramme sind letztlich auch Texte, Aneinanderreihungen von Wortmustern, nach bestimmten grammatischen und semantischen Regeln.

Wenn ich einen Kriminalroman lese, dann erzeugen die aneinandergereihten Worte Bilder von Menschen in bestimmten Situationen, die Verhalten zeigen, Gefühle haben, die ein Geschehen am Laufen halten.

Ein Programm-Text tut nichts anderes. Er lässt Bilder von Welten entstehen, mit Objekten, Eigenschaften, Akteuren. Diese haben Wünsche, Pläne, Erinnerungen, handeln konkret, verändern die Welt, die Objekte in der Welt, sich selbst. Die Worte eines Programmtextes beschreiben Wort-Maschinen, Wort-Welten, ganze Universen, die passieren können, die sich ereignen können, die sich mit uns lebenden realen Menschen zusammen ereignen können, die mit uns reden, die Geräusche, Sounds erzeugen können, Lieder, bewegte Bilder, super-realistisch, die Menschen als Sexroboterinnen in deren männlichen Einsamkeiten beglücken, als Pflege-Haustier-Roboter einsamen, älteren Menschen einen Hauch von sozialer Realität verschaffen, die als Operationsroboter und genetische Superrechner unseren Krankheiten zu Leibe rücken, die ….

WORTMEISTER ALS DUNKELMÄNNER

Während wir die klassischen Wortmeister feiern (für was?) führen die modernen Wortmeister der Wort-Maschinen ein Schattendasein. Diese sind es, die unsere Flugzeuge fliegen lassen, die unsere Städte am Leben erhalten, die eine Tourismusbranche möglich machen, die …

Wer kennt diese? Auf welcher Buchmesse werden sie gefeiert? Wer versteht überhaupt ihre Sprache? An den Schulen unseres Landes wird dies weitgehend nicht unterrichtet. An den Universitäten sind es höchsten die Informatiker, die sich damit beschäftigen, aber auch diese tun es nur sehr begrenzt, eher altmodisch, technisch verkürzt. Dabei sind sie die Wortmeister der Zukunft, die Wortmeister der digitalen Kultur, die Wortmeister unseres Alltags … es sagt ihnen aber niemand, sie bekommen keine Kulturpreise … von welcher Kultur eigentlich? Sind die Feuilletons der Zeitungen, die Spielstätten der Theater und Opern nicht letztlich Reflexe einer Minderheit, die sich von der Welt partiell verabschieden und sich einer Ereigniszone hingeben, die nurmehr noch entrückt und vergessen macht, aber vor der stattfindenden digitalen Kultur kapituliert hat, schon von Anfang an?

NEUE SPRACHEN FÜR NEUES DENKEN?

Das Bild zeigt die ersten Zeilen eines sehr einfachen Programm-Textes, tatsächlich eine erste Schreibübung, in der eine Ereigniswelt beschrieben (und damit erschaffen!) wird, die real stattfinden kann, die real eine Welt entstehen lassen kann mit Akteuren, Bedürfnissen, Nahrungsangeboten, Geboren werden und Sterben … die mit realen Menschen interagieren kann, die sich darin wiederfinden können …Die Sprache dieses Programms heißt nicht Englisch, Deutsch, oder Französisch, sondern ‚python‘, eine Kunstsprache, speziell geschaffen um Wort-Maschinen bauen zu können, ablaufbare Wort-Universen, die neuen Bücher, Filme, und Theaterstücke zugleich.

PTextfragment aus einer Wortmachine für künstliche Welten mit Akteuren

Textfragment aus einer Wortmachine für künstliche Welten mit Akteuren

Man muss sich fragen, wie weit die sogenannte ‚Wahrheit‘ der alten, sprich ‚vor-digitalen‘, Kunst letztlich nur in ihrer Selbstbezüglichkeit findet, in ihrer hermetischen Abwiegelung von real stattfindender Welt, eingesperrt in ihren klassischen Sprachkäfigen, in denen nur bestimmte Werte gelten, nur bestimmte Menschen- und Handlungsmuster vorkommen, nicht die unfassbaren Potentiale des Lebens, nicht das universale Lebensgeschehen, sondern das, was sich in alten Sprachgespinsten sagen lässt, idealistisch-romantisch, hart am Abgrund menschlicher Tragödien, die endlichen Selbstbezüglichkeit, die vielen Fixierungen auf den menschlichen Körper, Klassengesellschaften der Vorzeit, ohne mögliche kosmischen ….

HOMO SAPIENS ALLEIN ZU HAUS

Das alles sind wir, der homo sapiens, der seit ca. 200.000 bis 300.000 tausend Jahren seine Weg sucht auf diesem Planeten… nicht zufällig da, sondern Gewordener von Milliarden Jahren stattfindenden Prozessen von einer Komplexität, die unser Denken bis heute überfordert…

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Wahrheit

  1. Eine Benutzung des Wortes ‚Wahrheit‘ setzt voraus, dass es etwas gibt, was meinem eigenen Denken und Fühlen vorgelagert ist, von meinem eigenen Wollen unabhängig; egal was ich mir wünsche, vorstelle, phantasiere, denke; es ist etwas — ein X, das Andere –, das vorkommt, weil es ‚aus sich heraus‘ vorkommt.
  2. Im Alltag ist es ein Gegenstand, über den ich im Dunklen stolpere, weil ich an dieser Stelle keinen Gegenstand vermutet habe; die Sonne, die mich blendet, weil sie so tief steht; der Kaffee, den ich trinke; der Stuhl, auf dem ich sitze; mein Gegenüber, das auf mich einredet; der Regen, der mit Macht hernieder prasselt …
  3. Diese Selbstverständlichkeit kann schnell ins Wanken geraten, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.
  4. Wir wissen, dass wir Menschen phantasieren können, träumen, wir können Halluzinationen haben, Wahnvorstellungen, … oder denken gerade nach. Diesen Beispielen ist gemeinsam, dass derjenige der phantasiert, träumt usw. ‚für sich‘, ’subjektiv‘, etwas erlebt, empfindet, denkt, was ihm in diesem Moment ‚wie wirklich‘ erscheint, obgleich andere Menschen in der Umgebung einer solchen Person zum Schluss kommen könnten, dass die aktuellen Phantasiebilder, Träume usw. nichts mit der aktuellen äußeren Situation dieser Person zu tun haben.
  5. So stellt sich die Person vor, sie sei eine Königin, obwohl sie nach offiziellen Daten nur eine Büroangestellte ist; oder jemand träumt im Schlaf, schreit, schlägt um sich, und wenn dann der Bettnachbar ihn aufweckt, berichtet der Träumer von irgendwelchen Ungeheuern, vor denen er geflohen sei. Jemand anderes hat Drogen genommen und sieht den aktuellen Raum plötzlich ganz anders, umarmt Anwesende oder beschimpft sie, obwohl es keinen äußerlich bekannten Grund dafür gibt. Andere fühlen sich verfolgt, haben panische Ängste, verstecken sich, schließen sich ein, kaufen Waffen, aber es gibt niemand, der ihnen nachstellt. Und dann der Denker: er sitzt scheinbar tatenlos auf einem Stuhl, stiert vor sich hin auf ein Spielbrett, und in seinem Kopf denkt er intensiv über verschiedene Möglichkeiten nach, welche Züge er im Spiel machen könnte, Züge, die nur in seinem Denken existieren, nicht auf dem Spielbrett.
  6. Das innere Erleben eines Menschen kann offensichtlich für den Betreffenden so ‚wirklich‘ erscheinen, wie das, was sich von der ‚Außenwelt‘ in seiner ‚Wahrnehmung‘ niederschlagen kann. Und offensichtlich gibt es hier Zustände, in denen der Betreffende in seinem Erleben nicht mehr so richtig (oder gar nicht?) entscheiden kann, ob das Erlebte nun ’nur innerlich, subjektiv‘ vorkommt, oder auch ‚zugleich äußerlich, objektiv, intersubjektiv‘, so, dass andere diese Sachverhalte von sich aus bestätigen könnten.
  7. Die Dinge werden noch schwieriger, wenn man die Sprache einbezieht.
  8. Die Sprache — gesprochen wie geschrieben (oder noch anders) — hat die Besonderheit, dass sich sprachliche Äußerungen normalerweise in kleinere Einheiten unterteilen lassen, die teilweise als diese kleineren Einheiten eine ‚Bedeutung‘ haben; im Zusammenhang der Äußerung können diese unterscheidbaren kleineren Einheiten eine ‚über die einzelne Einheit hinausgehende‘ Bedeutung besitzen. Zugleich spielt die Situation eine Rolle: die gleiche sprachliche Äußerung kann je nach der Deutung der Situation eine ganz unterschiedliche Bedeutung besitzen.
  9. Eine Äußerung wie ‚Ich bitte Dich, mir zu helfen, das Haus zu verkaufen‘, enthält kleinere Einheiten, die wir gewöhnlich ‚Worte‘ nennen. Einzelne Worte wie z.B. ‚Haus‘ haben eine Bedeutung durch Bezug auf gedachte und dann möglicherweise objektive Gegenstände mit bestimmten Eigenschaften. Andere Worte wie ‚zu‘ und ‚das‘ haben keinen direkten Gegenstandbezug. Für jemand, der die deutsche Sprache kennt, deutet sich in dieser sprachlichen Äußerung an, dass eine Person A (die mit dem ‚Ich‘) eine andere Person B (die mit dem ‚Dich‘) ‚bittet‘ bei einem Hausverkauf zu helfen. Wenn die beiden Personen A und B voneinander gesellschaftlich unabhängig sind, die Person B dem A in keiner Weise verpflichtet ist, dann ist die ausgesprochene Bitte typisch und der Ausgang offen. Wenn aber B dem A irgendwie verpflichtet ist, von A vielleicht sogar sehr direkt abhängt, dann kann diese Bitte eher als ein Befehl verstanden werden, den B dann aus gesellschaftlichen Gründen nicht wirklich ablehnen kann. Dies setzt voraus, dass man die sprachliche Äußerung als Teil eines größeren sozialen Zusammenhangs erkennt, dessen Eigenschaften die Bedeutung beeinflussen können.
  10. Es gibt aber noch weitere Unwägbarkeiten. Wenn in der Äußerung davon gesprochen wird, ‚das Haus‘ zu verkaufen, dann unterstellt A, dass B ‚weiß‘, welches Haus ‚gemeint‘ ist. Wenn die sprachliche Äußerung aber in ‚Abwesenheit des Hause‘ getätigt wird, dann existiert ‚das Haus‘ nur im ‚Wissen‘ der beiden beteiligten Personen A und B. Zumindest unterstellt A, dass B ‚weiß‘, welches Haus A ‚meint‘. Dies funktioniert, wenn es in der Vergangenheit eine Situation gab, durch die eindeutig genug ein ganz bestimmtes Haus identifiziert worden ist, also ‚das Haus‘ von dieser erinnerbaren Situation. Dies kann funktionieren. Wenn diese erinnerbare Situation aber nicht eindeutig war, wenn schon in dieser Situation zwar von ‚dem Haus‘ geredet wurde, aber schon in der damaligen Situation A an ein anderes Haus gedacht hat als B und beide diesen Unterschied nicht bemerkt haben, dann wird B möglicherweise zustimmen und für sich an ein anderes Haus H1 denken als A, der an das Haus H2 denkt. Irgendwann werden beide vielleicht merken, dass sie mit ‚das Haus‘ zwei verschiedene Objekte meinen, spätestens dann, wenn sie zu dem Haus hinfahren würden. Solange sie dies nicht tun leben Sie mit ihren privaten, subjektiven Vorstellungen von einem Hausobjekt H1 bzw. H2, benutzen die gleichen Worte, und merken nicht, dass sie beide etwas ‚Verschiedenes meinen‘.
  11. Ein Bezug zur Außenwelt unter Zuhilfenahme einer Sprache kann also unterschiedlich missverständlich sein. Die Worte können im Kopf, im ‚Innern‘, im Denken eines Sprecher-Hörers, einen Sachverhalt induzieren, hervorrufen, aktivieren, der für ‚wirklich‘ angenommen wird, obgleich sich diese Vorstellungen in den Köpfen verschiedener Sprecher-Hörer unterscheiden können, trotz gleicher Worte.
  12. Bei sogenannten ‚abstrakten Bedeutungen‘, wie sie sich bei Worten finden wie ‚Freiheit‘, ‚Demokratie‘, ‚Bewusstsein‘, ‚das Dasein‘, ‚Existenz‘, ‚Glauben‘, ‚Gott‘, ‚Paradies‘, ‚Mathematik‘ usw. kann man in der Regel nicht von vornherein von einer allen gleichermaßen bekannten ‚Bedeutung‘ ausgehen. Worte mit solchen Bedeutungen haben einen solch vielschichtigen Verwendungszusammenhang, dass man bei ihrem Gebrauch grundsätzlich vorher mit allen Beteiligten klären sollte, welche Verwendungszusammenhänge sie jeweils voraussetzen.
  13. Sprechen wir im Alltag von ‚Wahrheit‘ dann unterstellen wir einen Zusammenhang zwischen Sprecher und Umwelt derart, dass eine Aussage wie ‚Es regnet‘ sich auf einen realen, objektiven Vorgang in der Umwelt bezieht, der von anderen auch so wahrgenommen wird (oder werden kann), der jetzt stattfindet. Bei der Aussage, ‚Ich war gestern in Frankfurt‘ wird es schwieriger. Ob die Aussage als ‚wahr‘ bezeichnet wird, hängt davon ab, ob sich nachweisen lässt, dass der Sprecher einen Tag früher tatsächlich in der Stadt mit Namen Frankfurt war, und dass der Sprecher mit der Aussage ‚Ich war gestern in Frankfurt‘ diesen Sachverhalt meint. Wenn der Sprecher während der Aussage für sich gedacht hat, dass er sich nur vorgestellt hat, dass er in Frankfurt gewesen sei, dann wäre die Aussage nach üblichem Sprachverständnis ‚falsch‘, da man bei solch einer Aussage unterstellt, dass der Sprecher tatsächlich in Frankfurt war. Wenn eine Sprecherin sagen würde ‚Ich werde morgen nach Frankfurt fahren‘, dann wäre der Wahrheitsgehalt noch offen. Sie kündigt ein Ereignis an, das in der Zukunft stattfinden soll. Ob es tatsächlich stattfinden wird, muss man erst mal ’sehen‘. Es ist eher eine ‚Absichtserklärung‘, allerdings eine mit potentiellem Wahrheitsanspruch. Falls die Sprecherin während der Aussage denkt, dass Sie nicht wirklich nach Frankfurt fahren will, wäre ihr Aussage nach normalem Verständnis eine ‚Lüge‘ oder eine ‚Täuschung‘. Allerdings, wenn die Sprechsituation locker ist, man gerade ‚herum spinnt‘, man Möglichkeiten überlegt, es nicht so ganz ernst zugeht, dann wäre die Aussage eine Meinungsäußerung ohne klaren Wahrheitsstatus.
    Fassen wir zusammen: Das Reden von ‚Wahrheit‘ setzt voraus:

    1. Es gibt mindestens einen Sprecher A und mindestens einen Hörer B
    2. Beide benutzen die gleiche Sprache L in einer gemeinsam geteilten Situation S
    3. A und B können zwischen Innen (subjektiv) und Außen (objektiv) unterscheiden.
    4. Für A und B haben die hörbaren und/ oder lesbaren Ausdrücke E der Sprache L eine subjektive Bedeutung Y, die mit Sachverhalten X in der Umgebung korrespondieren können.
    5. Wenn A einen Ausdruck E mit der subjektiven Bedeutung YA(E) — aus der Sicht von A — äußert, und dieser Äußerung von E ein Sachverhalt X korrespondiert, den B auch wahrnehmen kann, so dass durch den Ausdruck E und dem Sachverhalt X bei B die subjektive Bedeutung YB(E) aktiviert wird, dann würde aus Sicht von B eine ‚wahre Aussage E‘ vorliegen, wenn der Sachverhalt X mit seiner Bedeutung YB(E) ‚korrespondiert‘.
    6. Da die subjektive Bedeutung Y eines Ausdrucks E mit einem Sachverhalt X korrespondieren soll, muss der Sachverhalt X auch als eine wahrnehmbare Größe XSprecher-Hoerer so vorliegen, dass die subjektive Bedeutung YSprecher-Hoerer sich direkt mit dem Sachverhalt vergleichen lässt. Dies bedeutet, es bedarf einer subjektiven Vergleichsoperation XSprecher-Hoerer = YSprecher-Hoerer ?. Dies bedeutet, sowohl die subjektive Bedeutung Y wie auch der wahrgenommene Sachverhalt X stellen subjektive Größen dar; sie unterscheiden sich nur durch die Art der Hervorbringung: YSprecher-Hoerer wird durch subjektive Aktivitäten generiert und XSprecher-Hoerer wird durch Sinnesorgane des Körpers über das Gehirn generiert. Die Menge der subjektiven Gegebenheiten soll hier technisch als ‚Phänomenraum (PH)‘ bezeichnet werden. Es würde dann gelten dass alle Arten von aktuell wahrgenommenen Sachverhalten X eine Teilmenge des Phänomenraums PH sind und ebenso alle aktuell generierten subjektiven Bedeutungen Y, als XNOW ⊆ PH und YNOW ⊆ PH.Ferner würde gelten YNOW ∩ XNOW = 0
    7. Dabei muss man sich klar machen, dass es zwischen der jeweiligen subjektiven Bedeutung YSprecher-Hoerer und einem sprachlichen Ausdruck E auch eine hinreichend klare und stabile Korrespondenz geben muss. Dies setzt wiederum voraus, dass der hörbare oder sichtbare sprachliche Ausdruck E eine interne Repräsentation ESprecher-Hoerer haben muss, die mit der subjektiven Bedeutungsrepräsentation YSprecher-Hoerer assoziiert ist. Dabei ist zu beachten, dass es eine sprachliche Bedeutung im engeren Sinne gibt, nur bezogen auf den Ausdruck, und eine Bedeutung im weiteren Sinne, insofern der situative Kontext C(Sprecher,Hoerer) zu berücksichtigen ist. Es muss also eine Beziehung folgender Art geben: Meaning : CSprecher-Hoerer x ESprecher-Hoerer —> YSprecher-Hoerer. Dies führt zu den Erweiterungen: CNOW ⊆ PH sowie YNOW ∩ XNOW ∩ CNOW = 0.
  14. Schon diese stark vereinfachende Rekonstruktion lässt erkennen, wie schwierig es ist, zu wirklich wahren Aussagen im Kontext einer Kommunikation zu kommen. Haben zwei Personen eine unterschiedliche Wahrnehmung, dann kann dies schon zu Missverständnissen führen. Haben Sie bei der Zuordnung zwischen wahrgenommenem Sachverhalt X und Bedeutungskonzept Y Unterschiede, funktioniert es auch nicht. Ferner muss die Situationszuordnung passen, und, am allerwichtigsten, die Zuordnung von Ausdruck und Bedeutung muss gleich sein. Alle diese Bedingungen herzustellen und zu überprüfen, erfordert viel Aufmerksamkeit und vielen guten Willen.
  15. Die vielen Kommunikationsprobleme im Alltag zeigen, dass es in der Tat schwierig ist; dazu kommen die vielfältigen systematischen Manipulationen von Sprache aus unterschiedlichsten Gründen (Lügen, Werbung, Propaganda, Indoktrination, Fälschung, Unterhaltung, Fiktion,…).

Eine  Fortsetzung findet sich HIER.

Pausenmusik 🙂

PS: Eine Ergänzung zu diesen Überlegungen könnte das Memo zur Philosophiewerkstatt vom 8.Oktober sein.

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