EARTH 2117 – ERDE 2117 – Erste Gedanken – Simupedia für alle?

KONTEXT

  1. Wie man als Leser des Blogs bemerken kann, fokussiert sich der Blog zur Zeit hauptsächlich auf drei Themenfelder: (i) Die Frage nach der technischen Superintelligenz (TSI); (ii) die Frage nach dem, was der Mensch ist bzw. werden kann, mit der speziellen Teilfrage nach der mystischen Erfahrung (gibt es die? Was sagt dies über den Menschen und die Welt?); sowie (iii) die Frage nach dem möglichen Zustand der Erde im Jahr 2117. Die Zahl 2117 ergab sich u.a. aus den aktuellen Prognosen, zu welchem Zeitpunkt Experten das Auftreten einer technischen Superintelligenz für hoch wahrscheinlich halten. Zu diesen drei Themenfeldern kommen dann noch die möglichen Wechselwirkungen zwischen (i), (ii) und (iii). Andere Themen sind grundsätzlich nicht ausgeschlossen, sind aber bis auf weiteres Nebenthemen.

PROGNOSEN GENERELL

  1. Die Frage nach dem möglichen Zustand der Erde setzt voraus, dass wir den Zustand der Erde als veränderlich ansehen, dass es ein Jetzt gibt, und dass es im jeweiligen Jetzt die Möglichkeit gibt, dass sich Eigenschaften der Erde im Jetzt so verändern, dass es zu einem nachfolgenden Jetzt andere Eigenschaften gibt als beim vorausgehenden Jetzt.

DER MENSCH UND DIE ZEIT

  1. Auf Seiten des Menschen ist es die Erinnerungsfähigkeit, die den Menschen in die Lage versetzt, zwischen einem aktuellen Jetzt und einem vorausgehenden Jetzt zu unterscheiden. Auf Seiten des Menschen sind es weitere kognitive Fähigkeiten, die den Menschen in die Lage versetzen, am Wahrgenommenen und Erinnerten kognitive Eigenschaften zu erfassen (durch Abstrahieren, Klassifizieren, Vergleichen usw.) mit denen sich kognitiv Veränderungen identifizieren lassen. Mittels solcher identifizierten kognitiven Konzepten der Veränderung kann der Mensch von angenommenen (kognitiven) Zuständen auf mögliche (kognitive) Zustände mittels der angenommenen Veränderungskonzepte schließen. Der Mensch ist also grundsätzlich in der Lage, aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart mögliche Veränderungen zu erschließen, die dann wiederum genutzt werden können, mögliche Zukünfte zu denken.
  2. Natürlich hängt die Qualität solche Hochrechnungen entscheidend davon ab, wie wirklichkeitsnah die Erfahrungen aus der Vergangenheit sind, die Art der Erinnerungen, die möglichen Denkoperationen des Selektierens, Abstrahierens, Vergleichens usw. Wie gut mögliche Veränderungen erfasst wurden, einschließlich der möglichen Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Faktoren.

TECHNISCHE HILFSMITTEL: COMPUTER

  1. Wie der Gang der Wissenschaften und der Technologie uns zeigen kann, können solche möglichen Hochrechnungen deutlich verbessert werden, wenn der Mensch für diese (kognitiven) Denkleistungen als Hilfsmittel formalisierte Sprachen benutzt und Computer, die mittels Algorithmen bestimmte Denkoperationen des Menschen modellhaft nachvollziehen können. Statt also per Hand auf dem Papier umfangreiche Rechnungen viele tausend Male selbst vorzunehmen (wozu in der Realität dann sehr schnell einfach die Zeit und Arbeitskraft fehlt), schreibt man einen Algorithmus (= Programm, Software), der diese Rechnungen für das Arbeiten eines Computers übersetzt und die Maschine dann die Rechnungen automatisch (= maschinell) machen lässt.

BEGRIFF DER ZEIT

  1. Ein nicht unwesentlicher Faktor in diesen Überlegungen zu möglichen Zukünften ist der Begriff der Zeit.
  2. Der Begriff der Zeit ist viel schillernd und je nach Kontext kann er etwas ganz Verschiedenes bedeuten.
  3. Im Kontext des menschlichen Denkens haben wir die grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem aktuellen Jetzt und dem vorausgehenden Jetzt in Form von verfügbaren Erinnerungen. Dazu kommen dann mögliche Jetzte aufgrund der Möglichkeit, im (kognitiven) Denken mittels dem (kognitiven) Konzept von Veränderung, aus der Vergangenheit und der Gegenwart denkbare (= mögliche) neue Zustände zu berechnen (zu denken, vorzustellen, …). Im Denken sind diese möglichen Zustände rein gedacht (virtuell), aber, sofern sie genügend nahe an der empirischen Wirklichkeit sind, könnten diese möglichen Zustände real werden, d.h. Zu einem neuen aktuellen Jetzt.

UHREN-MASCHINEN

  1. Um das Reden über diese unterschiedliche Formen von Jetzten zu vereinfachen, wurde sehr früh das Hilfsmittel der Uhr eingeführt: die Uhr ist eine Maschine, die periodisch Uhren-Ereignisse erzeugt, denen man Zahlzeichen zuordnen kann, also z.B. 1, 2, 3, … Es hat sich dann eingebürgert, ein Zeitsystem zu vereinbaren, bei dem man Jahre unterscheidet, darin 12 Monate, darin Wochen, darin 7 Wochentage, darin 24 Stunden pro Tag, darin 60 Minuten pro Stunde, darin 60 Sekunden pro Minute, und noch feinere Unterteilungen.
  2. Nimmt man an, dass eine Uhren-Maschine periodisch Sekunden erzeugt, dann würde jede Sekunde ein Ereignis angezeigt, dem dann nach 60 Sekunden eine Minute entsprechend würde, 60 Minuten dann eine Stunde, usw.
  3. Sofern man dann noch das praktische Problem lösen kann, wie die Uhren-Maschinen überall auf der Erde die gleiche Zeit anzeigen, und man einen gemeinsamen Referenzpunkt für den Beginn der Zeitrechnung hat, dann könnten alle Menschen nach der gleichen Zeitgebung leben.
  4. Unter Voraussetzung solcher einer Technologie der Zeiterzeugung könnte man dann abstrakt immer von definierten Zeitpunkten in diesem vereinbarten Zeitsystem sprechen.

(TECHNISCHE) SIMULATION

  1. Verfügt man über Computer und Zeit-Maschinen, dann kann man den Computer dazu nutzen, im Raum von definierten Zeitpunkten Hochrechnungen vorzunehmen. Man definiert Ausgangssituationen zu bestimmten Zeitpunkten (die Startzeit), man definiert angenommene mögliche Veränderungen in der Zeit, die man dann in Form eines Algorithmus aufschreibt, und dann lässt man den Computer für einen gewünschten Zeitraum ausrechnen, welche Veränderungen sich ergeben.
  2. Will man z.B. errechnen, wie sich die Bevölkerungszahl in einer bestimmten Population im Laufe von 10 Jahren berechnen, und man weiß aufgrund der Vergangenheit, wie hoch die durchschnittlichen Geburten- und Sterberaten für ein Jahr waren, dann kann man die Veränderungen von Jahr 1 zu Jahr 2 berechnen, dann wieder von Jahr 2 zu Jahr 3, usw. bis man das Zieljahr erreicht hat.
  3. Diese Rechnungen sind natürlich nur solange genau, wie sich die Geburten- und Sterberaten in diesem angenommenen Zeitraum nicht verändern. Wie wir aus der Geschichte wissen können, gibt es zahllose Faktoren, die auftreten können (Hunger, Krankheit, Kriege, …), die eine Veränderung mit sich bringen würden.
  4. Ferner sind Populationen immer seltener isoliert. Der Austausch zwischen Populationen nimmt heute immer mehr zu. Eine ganz normale Gemeinde im Kreis Offenbach (Land Hessen, Deutschland) kann z.B. eine Migrationsrate von 15% pro Jahr haben (Menschen die wegziehen oder herziehen), bei einer Geburtenrate von 0,7% und einer Sterberate von 0,8%. Die Größe einer Population hängt dann weniger vom Geborenwerden und Sterben ab, sondern von Standortfaktoren wie Verfügbarkeit von Arbeit, Höhe der Mietpreise, Verkehrsanbindung, Qualität der Schulen, ärztliche Versorgung usw.

DIE ERDE

  1. Will man nun die Erde als ganze betrachten, und hat man sowohl ein vereinbartes Zeitsystem zur Verfügung basierend auf einer gemeinsamen globalen Uhren-Technologie, wie auch Computer, die geeignete Algorithmen ausführen können, dann braucht man ’nur noch‘ (i) hinreichend gute Beschreibungen des Zustands der Erde jetzt, (Daten IST) (ii) von möglichst vielen Zuständen in der Vergangenheit (DATEN VORHER), und (iii) von möglichst allen wichtigen wirkenden Veränderungen zwischen diesen Zuständen (VREGELN). Unter der Annahme, dass alle diese Daten und Veränderungsregeln hinreichend realistisch sind, kann man dann Hochrechnungen für angenommene Zeiträume machen. In unserem Fall von 2017 bis 2117.
  2. Da schon das kleine Beispiel einer winzigen Gemeinde in Deutschland leicht erkennen lässt, wie fragil viele erkannten Veränderungsregeln sind, kann man vermuten, dass dies auf ein so komplexes System wie die ganze Erde sicher auch zutreffen wird.
  3. Betrachten wir ein paar (stark vereinfachte, idealisierte) Beispiele.
  4. Ganz allgemein gehen wir aus von einer globalen Veränderungsregel V_erde für die Erde, die den Zustand der Erde im Jahr 2017 (ERDE_2017) hochrechnen soll auf den Zustand der Erde im Jahr 2117 (ERDE_2117), als Abbildung geschrieben: V_erde : ERDE_2017 —> ERDE_2117.
  5. Der Zustand der Erde im Jahr 2017 (ERDE_2017) setzt sich zusammen aus einer ganzen Menge von Eigenschaften, die den Zustand charakterisieren. Abstrakt könnten wir sagen, die Erde besteht zu jedem Zeitpunkt aus einer Menge charakteristischer Eigenschaften Ei (ERDE_Zeit = <E1, E2, …, En>), und je nachdem, welche Veränderungen zwischen zwei Zeitpunkten stattgefunden haben, verändern sich in dieser Zeitspanne bestimmte Eigenschaften Ei.
  6. Beispiele für solche charakteristischen Eigenschaften Ei könnten sein das Klima (E_Klima), das wiederum selbst in unterscheidbare Eigenschaften zerfällt wie z.B. die durchschnittliche Sonneneinstrahlung, Beschaffenheit der Atmosphäre, Niederschlagsmenge, Wassertemperatur der Ozeane, Verdunstungsgrad des Wassers, usw. Zusammenhängend damit kann von Bedeutung sein die Bodenbeschaffenheit, verfügbare Anbauflächen, Pflanzenwachstum, mögliche Ernten, usw. Dazu wichtig die Verteilung der biologischen Populationen, deren Nahrungsbedarf, die Wechselwirkung zwischen Populationen und Pflanzenwachstum, usw. Hier fällt einem sofort auch die Frage der Lagerung von Nahrungsmitteln auf, deren Verarbeitung und Transport, deren Verteilung und deren Marktpreise.
  7. Schon diese sehr kleine Liste von Eigenschaften und angedeuteten Wechselwirkungen lassen erahnen, wie unterschiedlich mögliche Verläufe der Veränderungen in der Zukunft sein können. Von Heute aus gesehen gibt es also nie nur eine Zukunft, sondern sehr, sehr viele mögliche Zukünfte. Welche der vielen möglichen Zukünfte tatsächlich eintreten wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt auch vom Verhalten der Menschen selbst, also von uns, von jedem von uns. (An diesem Punkt lügt die deutsche Sprache! Sie spricht nur von einer Zukunft im Singular (in der Einzahl), in Wahrheit sind es sehr viele und wir können mit bewirken, welche der vielen Zukünfte eintreten wird).

WARUM ÜBER ZUKUNFT SPEKULIEREN?

  1. Angesichts so vieler Unwägbarkeiten hört man oft von Menschen (speziell auch von Politikern!), dass Versuche der Hochrechnungen (= Simulation) auf mögliche Zukünfte sinnlos seien; eine unnötige Verschwendung von Zeit und damit Ressourcen.
  2. Auf den ersten Blick mag dies tatsächlich so erscheinen. Aber nur auf den ersten Blick.
  3. Der Wert von solchen Modellrechnungen über mögliche Zukünfte liegt weniger im Detail der Endergebnisse, sondern im Erkenntniswert, der dadurch entsteht, dass man überhaupt versucht, wirkende Faktoren und deren Wechselwirkungen mit Blick auf mögliche Veränderungen zu erfassen.
  4. Wie oft hört man Klagen von Menschen und Politikern über mögliche gesellschaftliche Missstände (keine Maßnahmen gegen Autoabgase, falsche Finanzsysteme, falsche Verkehrspolitik, falsche Steuerpolitik, falsche Entwicklungspolitik, fragwürdige Arzneimittelmärkte, …). Vom Klagen alleine ändert sich aber nichts. Durch bloßes Klagen entsteht nicht automatisch ein besseres Verständnis der Zusammenhänge, der Wechselwirkungen. Durch bloßes Klagen gelangt man nicht zu verbesserten Modellvorstellungen, wie es denn überhaupt anders aussehen könnte.

SIMUPEDIA FÜR ALLE

  1. Was die Not zumindest ein wenig lindern könnte, das wären systematische (wissenschaftliche) Recherchen über alle Disziplinen hinweg, die in formalen Modellen aufbereitet werden und dann mittels Algorithmen getestet werden: Was wäre, wenn wir die Eigenschaften E1, …, En einfach mal ändern und hier und dort neue Wirkmechanismen (durch Bildung, durch Gesetze, …) ermöglichen würden? Das Ganze natürlich transparent, öffentlich nachvollziehbar, interaktiv für alle. Nicht nur ein ‚Wikipedia‘ der Texte, sondern zusätzlich  eine Art ‚Simupedia‘ der Simulationen für alle.

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DONALD A.NORMAN, THINGS THAT MAKE US SMART – Teil 6

Diesem Beitrag ging voraus Teil 5.

BISHER
(ohne kritische Anmerkungen)

In den vorausgehenden Teilen wurden bislang zwei Aspekte sichtbar: einmal die ‚Menschenvergessenheit‘ in der Entwicklung und Nutzung von Technologie sowie die Einbeziehung von ‚wissensunterstützenden Dingen‘ sowohl außerhalb des Körpers (physisch) wie auch im Denken selber (kognitiv). Ferner hatte Norman die Vielfalt des Denkens auf zwei ‚Arbeitsweisen‘ reduziert: die ‚erfahrungsorientierte‘ Vorgehensweise, ohne explizite Reflexion (die aber über ‚Training‘ implizit in die Erfahrung eingegangen sein kann), und die ‚reflektierende‘ Vorgehensweise. Er unterschied ferner grob zwischen dem Sammeln (‚accretion‘) von Fakten, einer ‚Abstimmung‘ (‚tuning‘) der verschiedenen Parameter für ein reibungsloses Laufen, Schreiben, Sprechen, usw., und einer Restrukturierung (‚restructuring‘) vorhandener begrifflicher Konzepte. Ferner sieht er in der ‚Motivation‘ einen wichtigen Faktor. Diese Faktoren können ergänzt werden um Artefakte, die Denkprozesse unterstützen. In diesem Zusammenhang führt Norman die Begriffe ‚Repräsentation‘ und ‚Abstraktion‘ ein, ergänzt um ‚Symbol‘ (nicht sauber unterschieden von ‚Zeichen‘) und ‚Interpreter‘. Mit Hilfe von Abstraktionen und Symbolen können Repräsentationen von Objekten realisiert werden, die eine deutliche Verstärkung der kognitiven Fähigkeiten darstellen. Allerdings, und dies ist ein oft übersehener Umstand, durch die Benutzung eines Artefaktes werden nicht die kognitiven Eigenschaften des Benutzers als solchen geändert, sondern – bestenfalls – sein Zugang zum Problem. Wenn in einem solchen Fall zwischen den wahrnehmbaren Eigenschaften eines Artefakts und den korrelierenden ‚Zuständen‘ des Problems ein Zusammenhang nur schwer bis gar nicht erkennbar werden kann, dann führt dies zu Unklarheiten, Belastungen und Fehlern. Norman wiederholt dann die Feststellung, dass die Art wie das menschliche Gehirn ‚denkt‘ und wie Computer oder die mathematische Logik Probleme behandeln, grundlegend verschieden ist. Im Prinzip sind es drei Bereiche, in denen sich das Besondere des Menschen zeigt: (i) der hochkomplexe Körper, (ii) das hochkomplexe Gehirn im Körper, (iii) die Interaktions- und Kooperationsmöglichkeiten, die soziale Strukturen, Kultur und Technologie ermöglichen. Die Komplexität des Gehirns ist so groß, dass im gesamten bekannten Universum nichts Vergleichbares existiert. Mit Bezugnahme auf Mervin Donald (1991) macht Norman darauf aufmerksam dass die auffälligen Eigenschaften des Menschen auch einen entsprechenden evolutionären Entwicklungsprozess voraussetzen, innerhalb dessen sich die heutigen Eigenschaften schrittweise herausgebildet haben. Nach kurzen Bemerkungen zur Leistungsfähigkeit des Menschen schon mit wenig partiellen Informationen aufgrund seines Gedächtnisses Zusammenhänge erkennen zu können, was zugleich ein großes Fehlerrisiko birgt, Norman dann den Fokus auf die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, mit großer Leichtigkeit komplexe Geschichten (’stories‘) erzeugen, erinnern, und verstehen zu können. Er erwähnt auch typische Fehler, die Menschen aufgrund ihrer kognitiven Struktur machen: Flüchtigkeitsfehler (’slips‘) und richtige Fehler (‚mistakes‘). Fehler erhöhen sich, wenn man nicht berücksichtigt, dass Menschen sich eher keine Details merken, sondern ‚wesentliche Sachverhalte‘ (’substance and meaning‘); wir können uns in der Regel nur auf eine einzige Sache konzentrieren, und hier nicht so sehr ‚kontinuierlich‘ sondern punktuell mit Blick auf stattfindende ‚Änderungen‘. Dementsprechend merken wir uns eher ‚Neuheiten‘ und weniger Wiederholungen von Bekanntem.(vgl. S.131) Ein anderes typisches Fehlerverhalten ist die Fixierung auf eine bestimmte Hypothese.

VERTEILTES WISSEN IN GETEILTEN SITUATIONEN

1) Am Beispiel von Flugzeugcockpits (Boeing vs. Airbus) und Leitständen großer technischer Anlagen illustriert Norman, wie eine durch die gemeinsam geteilte Situation gestützte Kommunikation alle Mitglieder eines Teams auf indirekte Verweise miteinander verbindet, sie kommunizieren und verstehen lässt. Ohne dass ausdrücklich etwas erklärt werden muss erlebt jeder durch die gemeinsame Situation Vorgänge, Vorgehensweisen, Zustände, kann so indirekt lernen und man kann sich indirekt wechselseitig kontrollieren. Im Allgemeinen sind diese indirekten Formen verteilten Wissens wenig erforscht. (vgl. SS.139-146)
2) Eine solche verteilte Intelligenz in einer realen Situation unter Benutzung realer Objekte hat einen wesentlichen Vorteil gegenüber einer rein simulierten Welt: die Benutzung realer Objekte ist eindeutig, auch wenn die begleitende Kommunikation vieldeutig sein mag.(vgl. S.146 -148)
3) In einer simulierten Situation muss man die impliziten Gesetze der realen Welt explizit programmieren. Das ist nicht nur sehr aufwendig, sondern entsprechend fehleranfällig. Eine Kommunikation wird vieldeutiger und damit schwieriger. (vgl. SS.148-151)

ZU VIEL DETAILS

4) Norman greift dann nochmals das Thema des unangemessenen, falschen Wissens auf mit Blick auf die Art und Weise, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Am Beispiel der mündlichen Überlieferung die strukturell, typologisch vorging verweist er auf die heutige ‚Überlieferung‘ in Form von immer detaillierteren Texten, immer mehr technisch bedingten Details, die eigentlich unserer menschlichen Art des Erinnerns widersprechen. (vgl. SS.151-153)

ORGANISATION VON WISSEN

5) Auf den SS.155-184 diskutiert Norman anhand von Beispielen das Problem, wie man Wissen so anordnen sollte, dass man dann, wenn man etwas Bestimmtes braucht, dieses auch findet. Es ist ein Wechselspiel zwischen den Anforderungen einer Aufgabe, der Struktur des menschlichen Gedächtnisses sowie der Struktur der Ablage von Wissen.

DIE ZUKUNFT VORAUSSAGEN

6) Das folgende Kapitel (SS.185-219) steht unter der Hauptüberschrift, die Zukunft voraus zu sagen; tatsächlich enthält es auch eine ganze Reihe von anderen Themen, die sich nur sehr lose dem Thema zuordnen lassen.
7) Nach Norman ist es generell schwer bis unmöglich, die Zukunft vorauszusagen; zu viele Optionen stehen zur Verfügung. Andererseits brauchen wir Abschätzungen wahrscheinlicher Szenarien. (vgl. S.185f)
8) Als Begründung für seine skeptische These wählt er vier Beispiele aus der Vergangenheit (Privater Hubschrauber, Atomenergie, Computer, Telephon), anhand deren er das Versagen einer treffenden Prognose illustriert.(vgl.186-192) Der größte Schwachpunkt in allen Voraussagen betrifft den Bereich der sozialen Konsequenzen. Hier liegt überwiegend ein Totalversagen vor. Und er bemerkt, dass man den Ingenieuren zwar nicht vorwerfen kann, dass sie sich mit sozialen Folgen nicht auskennen, aber dass sie ihr Nichtwissen in diesem Bereich nicht ernst nehmen.(vgl. S.186).
9) Der andere Aspekt ist die Umsetzungsdauer von einer Idee bis zu einer verbreiteten alltäglichen Nutzung. Anhand von Beispielen (Fernsehen, Flugzeug, Fax) zeigt er auf, dass es zwischen 40 – 140 Jahren dauern konnte. denn neben der Idee selbst und einem arbeitsfähigen Prototypen muss ja der bestehende Alltag unterschiedlich weit ‚umgebaut‘ werden, evtl. müssen alte bestehende Strukturen (verbunden mit starken Interessen) durch neue ersetzt werden.(vgl. S.192-195)
10) [Anmerkung: Wir erleben z.B. seit den 60iger Jahren des 20.Jahrhunderts die Diskussion zur Frage erneuerbarer Energien, der eine bestehende Struktur von ölbasierten Technologien, Atomkraft, Kohle und Gas entgegen stehen, jeweils verbunden mit sehr starken ökonomischen und politischen Interessen.]
11) Er macht dann selber einige Voraussagen (Verfügbarkeit von digitaler Information, von hohen Bandbreiten, von noch mächtigeren immer kleineren Computern, von 3D-Ansichten unter Einbeziehung der eigenen Position, von elektronischen Publikationen, von mehr computergestütztem Lernen, noch raffiniertere Unterhaltung, von Videogesprächen im privaten Bereich, von mehr kollaborativen Arbeitsplätzen).(vgl. SS.195-201)
12) [Anmerkung: 20 Jahre später kann man sagen, dass alle diese Voraussagen entweder voll umgesetzt wurden oder wir dabei sind, sie umzusetzen.]
13) Norman spielt dann die möglichen sozialen Folgen von diesen neuen Technologien anhand von sehr vielen konkreten Beispielen durch. Ein Trend ist der zunehmende Ersatz des Menschen im Handeln durch künstliche Charaktere, was schließlich dazu führen kann, dass in der Öffentlichkeit dann nur noch die Software handelt, während die ‚realen‘ Menschen mehr und mehr aus der Öffentlichkeit verschwinden. (vgl. SS. 201-210)
14) [Anmerkung: Diese Art von Auswüchsen, wie sie Norman plastisch schildert, werden in immer mehr Science-Fiction Filmen thematisiert. Ein Beispiel war die 10-teilige Folge ‚Real Humans – Echte Menschen‘, eine schwedische Produktion, die von arte im Frühjahr 2013 gezeigt wurde. Darin wurde die Existenz von menschenähnlichen Robotern im alltäglichen Leben sehr konkret durchgespielt. Ein sehr ähnliches Thema hatte auch der Film Surrogates (2009), wenn auch mit einer anderen Rahmengeschichte. Es gibt hierzu zahllose weitere Beispiele.]

NEUROINTERFACE

15) Norman greift auch das Thema ‚Neurointerface‘ auf, eine direkte Verbindung des menschlichen Nervensystems mit einem Computer. (vgl. SS.210-214)

KOLLABORATIVE SOFTWARE

16) Natürlich wird die neue Technologie auch Auswirkungen für die Arbeit von sozialen Gruppen haben. Hier sieht er aber besonders viele Schwierigkeiten, da das Arbeiten in einer Gruppe besonders komplex ist und sensitiv für viele Faktoren. (vgl. SS. 214-217)

TRÄUMEN MACHT MEHR SPASS ALS REALE NUTZUNG

17) Abschließend bemerkt Norman noch, das der Hype um neue Technologien sich häufig an den visionären Szenarien entzündet; wenn es zur tatsächlichen Nutzung kommt, flaut dieser Hype sehr schnell wieder ab. (vgl. SS.217-219)
18) [Anmerkung: Die Themen zersplittern zunehmend. Dennoch stellen Sie allesamt wertvolle Erfahrungen und Einsichten dar. s wird Aufgabe der Schlussreflexion sein, die Vielfalt dieser Aspekte auszuwerten und für eine Gesamttheorie nutzbar zu machen.]

Fortsetzung folgt im Teil Teil 7

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 4

Vorausgehender Teil 3

NICHTVORAUSSAGBARKEIT DER WIRTSCHAFT

1. Im Kapitel ‚The Evolution of the Economy‘ (‚Die Evolution der Wirtschaft‘) (SS.150-176) beschreibt Kauffman, wie sich die bislang aufgefundenen Eigenschaften der Nichtergodizität und der Präadaptation auch im Bereich der Wirtschaft – bei ihm in Anlehnung an die ‚biosphere‘ ‚ecosphere‘ genannt – wiederfinden, mit allerlei Konsequenzen. Z.B. folgt aus der Annahme der Gültigkeit seiner Modellvorstellungen, dass eine Wirtschaft – in der Theorie – am besten gedeihen kann, wenn es eine möglichst große Vielfalt gibt. Denn dann ist die Chance zur Bildung neuer, innovativer – koevolutionärer – Lösungen am höchsten. Das System stimuliert sich dann quasi ’selbst‘, immer mehr. Zugleich folgt aus seinem Modell die prinzipielle Nichtvoraussagbarkeit der diversen Entwicklungen. (vgl.S.150f)
2. Als ein Beispiel für die Schwierigkeit der Voraussagbarkeit des wirtschaftlichen Geschehens und der Nichtreduzierbarkeit dieser Vorgänge auf die Physik führt Kauffman das berühmte Arrow-Debreu Modell des kompetitiven Gleichgewichts an (heute ein Kern der General equilibrium theory). Das Arrow-Debreu Modell wird bisweilen auch Arrow-Debreu-McKenzie Modell genannt, da neben Kenneth Arrow und Gérard Debreu später Lionel W.McKenzie einige Verbesserungen in das Modell eingebracht hatte.
3. Die Nichtreduzierbarkeit auf die Physik sieht Kauffman dadurch gegeben, dass die teilnehmenden Markt-Akteure u.a. auch mit ‚Werten‘ operieren, die sie den verschiedenen handelbaren Gütern zuordnen. Da nach Kauffman physikalische Modelle nur über reale Ereignisse in der realen Welt operieren können, folgt für ihn aus dieser Annahme die Nichtanwendbarkeit der Physik. (vgl. S.155) [Anmerkung: Wie schon früher angemerkt, hängt diese Schlussfolgerung an einer bestimmten Definition von Physik. Wenn man davon ausgeht, dass die Physik sich prinzipiell mit der ‚ganzen‘ Natur beschäftigt, dann würde sich die Physik – mit wachsenden Einsichten in die Besonderheiten der Welt – konzeptuell beständig weiter ausdehnen! Vom Selbstverständnis einer Physik her wären dann auch Akteure mit Werturteilen nicht notwendigerweise aus einer physikalischen Theoriebildung ausgeschlossen. Dann aber wären alle heute bekannten wissenschaftlichen Disziplinen nur ‚Spielarten‘ der einen Disziplin Physik. Das wirkt auch nicht sehr überzeugend. Hier stellt sich die wissenschaftstheoretische Frage nach der Abgrenzbarkeit der verschiedenen Disziplinen voneinander bzw. nach ihrer möglichen inhaltlichen Beziehung. Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Frage bislang irgendwo nennenswert diskutiert wird. Aus ökonomischen und politischen Überlebensinteressen heraus erscheint eine erfolgreiche Abgrenzung meist erfolgversprechender als eine diffuse Vereinigung.]
4. Die Nichtanwendbarkeit der ökonomischen Modelle – und damit die Unmöglichkeit einer seriösen Voraussagbarkeit – sieht Kauffman sowohl in der Nichtvoraussagbarkeit der zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich vorhandenen Güter gegeben wie auch in der Nichtvoraussagbarkeit der zu einem bestimmten Zeitpunkt neu erfundenen Güter.(vgl. S.155) Der tiefere Grund scheint in der Unmöglichkeit zu liegen, den ökonomischen Entwicklungsprozess selbst zu modellieren.(vgl. S.156).
5. Kauffman erwähnt auch die Theorien game theory (‚Spieltheorie‘) und rational expectations (‚Rationale Erwartungen‘). In beiden Fällen sieht er eine Nichtanwendbarkeit in der Realität, da diese Theorien – wie schon im Falle der zuvor erwähnten Gleichgewichtstheorie – die zugrunde liegenden nicht voraussagbaren Entwicklungsprozesse weder beschreiben noch in Rechnung stellen können. (vgl. SS.156-158)
6. [Anmk: In der grundsätzlichen Kritik würde ich Kauffman zwar folgen, aber die Frage ist, ob man damit diesen verschiedenen Theoriebildungen gerecht wird. Insofern die genannten Theorien einen ‚totalen‘ Erklärungsanspruch erheben, muss man sie sicher kritisieren, da sonst falsche Erwartungen geweckt werden. Aber der Wert dieser Theorien liegt in der Praxis meist darin, dass die beteiligten Wissenschaftler mit Hilfe solcher Theorien (= Modellen) versuchen, ihr Verständnis der wirtschaftlichen Vorgänge zu klären und zu schärfen. Ohne solche Modelle gäbe es nur ein Grau-in-Grau von Datenfluten ohne erkennbare Strukturen. Mit solchen Modellen zeigen sich mögliche interessante Strukturen, die Anlass geben können, weiter zu denken. Und in allen drei Fällen kann man beobachten, wie diese Modellbildungen eine anhaltende Diskussion erzeugt haben und erzeugen, die zu immer weiteren Klärungen voranschreitet, einschließlich massiver Kritik, warum das Modell als Ganzes oder Teile davon nicht anwendbar sind. ]

WIRTSCHAFT UND AUTOKATALYSE

7. Nachdem Kauffman drei sehr prominente Modelle ökonomischen Geschehens in dem Punkt kritisiert hat, dass sie den allem Geschehen zugrunde liegende Prozess der Entwicklung nicht beschreiben, stellt er selbst ein Modell für solch einen Entwicklungsprozess vor. Dazu benutzt er wieder sein schon mehrfach zitiertes ‚autokatalytisches Modell‘. Die Kernidee ist ja, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge von Gütern und Akteuren gibt. Zu einem Gut gibt es entweder ein ‚komplimentäres‘ Gut (ein Auto benötigt Reifen, eine Innenausstattung, usw.) oder ein ’substituierendes‘ Gut (z.B. statt Dampfantrieb ein Elektroantrieb). Diese komplimentären und ersetzenden Möglichkeiten stehen ferner in Wechselwirkungen mit einem an Akteure gebundenen Bedarf, der seiner Natur nach in keiner Weise umfassend und erschöpfend beschrieben noch vorweg genommen werden. Man kann leicht sehen, wie diese wechselseitigen ‚Stimulationen‘ umso vielfältiger und intensiver sein können, als die aktuelle Menge an verfügbaren Gütern und erwartenden Akteuren größer und vielfältiger ist. Kauffman spricht hier von Ko-Konstruktionen bzw. Ko-Evolution. Und, so wenig dieser gesamte Prozess des sich wechselseitigen Stimulierens und Hervorbringens in irgend einer Weise voraussagbar ist, so wenig ist auch das erfinderische Verhalten der beteiligten Akteure, der Menschen, als solches voraussagbar. (SS.158-163)
8. Auf den Seiten 163-172 stellt Kauffman dann konkrete Simulationen vor, die mit Computerversionen des Modells gerechnet worden sind. Die Details spielen hier keine Rolle. Allerdings zeigt sich in diesen Simulationen, dass verschiedene Phänomene in diesem Modell einem ‚Potenzgesetz‘ (‚power law‘) folgen. Damit stellt er eine Verbindung her zum Modell der ’selbstorganisierenden Kritikalität‘ Self-organized criticality (SOC), das in der Physik entdeckt worden war zur Beschreibung komplexer Phänomene in der Natur. Er selbst konnte in Experimenten nachweisen, wie sich die Verteilung der Lebenszeit von Individuen oder die Verteilung von Aussterbensereignisse mit solch einem Modell beschreiben lassen.(vgl. S.172f) Das Modell der selbsorganisierenden Kritikalität lies sich auch anhand der Daten der Lebenszeit von Firmen nachweisen. (vgl.S.174)

GRENZEN VON COMPUTERMODELLEN ZUR VORAUSSAGE WIRTSCHAFTLICHER PROZESSE

9. Abschliessend zweifelt er daran, dass man mittels Computersimulationen wirtschaftliche Prozesse so simulieren könne, dass man daraus belastbare Vorhersagen für die Zukunft gewinnen könnte.(vgl.S.174) Nochmals zitiert er Gödel mit seinem Unvollständigkeitsbeweis und stellt mit Blick auf die ökonomischen Modelle fest, dass die Ergebnisse von Gödel im Falle der Ökonomie auf jeden Fall auch zutreffen.
10. [Anmk: Eine detaillierte Diskussion der verschiedenen von Kauffman zitierten Modelle und Theorien ist in dem hier gesetzten Rahmen einer ersten Besprechung nicht geeignet. In anderen Kontexten werde ich verschiedene dieser Modelle noch genauer untersuchen und dann bei Gelegenheit im Blog darüber berichten. Die grundsätzliche Stossrichtung der Argumentation erscheint mir aber plausibel und wichtig. In der Tat ist es die innere Logik des Prozesses selbst, die interessant ist und die daraus sich ergebende Nichtvoraussagbarkeit der nächsten Prozesschritte. Dennoch geschieht das Ganze nicht vollständig ‚planlos‘, was sich aus verschiedenen Voraussetzungen ergibt. Hier zeigt sich eine interessante Paradoxie, die weiter zu ergründen ist.]

Zur Fortsetzung siehe Teil 5

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DIE UNBEGREIFBARKEIT DES MENSCHEN oder DAS GEHIRN ALS SPIEGEL DES UNIVERSUMS (wegen Providerwechsel war dieser Beitrag zeitweise nicht sichtbar)

  1. Wenn man sich aufmacht in die Welt der neuen Erkenntnisse zum Universum und zum Leben, dann ist man sehr bald an einem Punkt, wo die Maschinerie des Alltags ‘bizarr’ wirkt, ‘unwirklich’, wie ein Marionettentheater von ‘Wahnsinnigen’, die sich über Dinge aufregen, die dermaßen lachhaft erscheinen, dass man nicht begreifen kann, wie solch ein Verhalten möglich ist.
  2. Aber, falsche Überheblichkeit ist fehl am Platze. Wo immer wir uns als ‘Beobachter’ wähnen stecken wir zu 100% leibhaftig genau mittendrin in diesem so ‘lächerlich erscheinendem’ Spiel. Was immer wir ‘tief in uns drinnen’ zu fühlen und zu denken meinen, so wahr es uns erscheint, so bedeutsam, gegenüber der ‘Welt da draußen’, der Welt, die wir ‘real’ nennen, so wenig wird das ‘Innere’ ‘wirksam’, ‘gestalterisch mächtig’, ‘verändernd’, solange wir keinen Weg finden, unser ‘Inneres’ mit dem ‘Äußeren’ zu ‘versöhnen’.
  3. Von daher erscheint es oft einfacher, erst gar keine Erkenntnisse zu haben. Man gerät nicht in ‘Spannung’, man spürt keine ‘Differenzen’, man sieht keine Anhaltspunkte, wo man etwas tun sollte….Das Bild von den ‘glücklichen Kühen’… Doch ist auch dies – vermute ich – eine grobe Vereinfachung. Eher scheint es so zu sein, dass alle Lebensformen, selbst die einfachsten, im ‘Medium ihrer inneren Zustände’ Äquivalente von ‘Erleben’ und ‘Leiden’ haben, die wegzudiskutieren bequem ist, aber diesen Zuständen womöglich nicht gerecht wird.
  4. Wenn man aber irgendwelche Erkenntnisse hat – und die haben wir alle, wenngleich unterschiedlich –, dann führen diese unweigerlich zu ‘Spannungen’ zu dem Bisherigen. Wie geht man damit um? Empfindet man sie als ’störend’ und ‘bedrückend’, dann wird man unzufrieden, krank,…. Empfindet man sie als ‘anregend’, ‘belebend’, ‘inspirierend’, dann fühlt man sich gut….
  5. Natürlich macht es einen Unterschied, ob neue Erkenntnisse sich eher in ‘Übereinstimmung’ mit der aktuellen Situation befinden oder eher im ‘Gegensatz’. Im letzteren Fall deuten sich Konflikte an, mögliche Änderungen des Status Quo. Sind die Menschen in der Umgebung aufgeschlossen, neugierig, unternehmungslustig, ist dies kein Problem. Herrscht dagegen ‘Bewahrung’ vor, ‘Festhalten’, Angst vor Veränderung, dann können neue Erkenntnisse zum Problem werden.
  6. Die Geschichte zeigt, dass das Neue, sofern es wirtschaftliche und politische Vorteile zu bringen scheint, eher eine Chance hat, als wenn es liebgewordene Anschauungen in Religion, Politik usw. so in Frage stellt, dass herrschende Vorteilsverhältnisse gefährdet werden (eine Glühbirne, die 100 Jahre hält, will keiner; ein Medikament, das Ursachen beseitigt anstatt Leiden zu mildern, will auch keiner; usw.).
  7. Zurück zu den neuen Erkenntnissen über das Universum und das Leben. Zurück zu unserer Welt, die in ihren konkreten Abläufen so ‘verrückt’ erscheinen kann. Was machen wir dann, wenn wir uns in dieser permanenten Spannung zwischen ‘gedanklich anderer Welt’ und ‘faktisch vorfindlicher So-Welt’ vorfinden? Müssen wir verzweifeln?
  8. Wenn man sich anschaut, wie mühsam dasjenige, was wir von heute aus als ‘Leben’ erkennen können, sich aus dem Raum der Atome und Moleküle der jungen Erde im Laufe von mehr als 3.5 Mrd Jahre herausexperimentiert hat, mit unendlichem Aufwand, unter permanentem Leiden, immer im Totalverlust (Tod) endend, dann erscheint zumindest die aktuelle Situation als ein solch unglaublicher und – vergleichsweise – ‘paradiesischer’ Zustand, dass ein – wie auch immer geartetes – Lamentieren geradezu als ’schäbig’ erscheinen mag .
  9. Andererseits, wir sind – nach allem, was wir wissen – die erste Art von Lebewesen, die ein ‘Gehirn’ besitzen, das uns in die Lage versetzt, nicht nur auf primitive Weise wahrgenommene Reize (Stimuli = S) direkt und ‘festverdrahtet’ (’reaktiv’, ‘Instinktiv’) in fixierte Antworten (Reaktionen = R) zu übersetzen, sondern wir können weit mehr. Unser Gehirn kann z.B. Ereignisse verallgemeinern, in Beziehung zu anderem setzen, kann erinnern, kann relativ zu Körperzuständen ‘bewerten’, kann ‘komplexe Modelle’ von Situationen und deren mögliche Veränderungen ‘denken’…Mit anderen Worten, unser Gehirn versetzt uns in die Lage ‘in’ unserem Körper die Welt ‘da draußen’ ‘nachzubauen’, sie ‘intern zu simulieren’ und in ‘Gedankenexperimenten’ alternative ‘mögliche Welten’ zu ‘denken’. In diesem Kontext können wir auch ein ‘Modell von uns selbst’ und ‘den Anderen’ konstruieren. Es sind diese ’selbstgemachten Bilder’ in unserem Gehirn die wir für ‘real’ halten, nicht die Welt selbst; die kennt unser Gehirn gar nicht.
  10. D.h. – soweit wir wissen — passiert heute, ca. 14,7 Mrd. Jahre nach dem sogenannten ‘Big Bang’, etwas, was innerhalb des bekannten Universums ungeheuerlich ist: im Medium der biologischen Gehirne ’schaut sich das Universum selbst an’ (wobei diese Gehirne ein ‘Produkt’ dieses Universums sind als Teil des Phänomens ‘Leben’!). D.h. das Universum schafft sich gleichsam einen ‘Spiegel’, in dem es sich selbst anschauen kann. Mehr noch, über das ‘Spiegeln’ hinaus ist ein Gehirn (und noch mehr ein ‘Verbund von Gehirnen’) in der Lage, Veränderungen ‘einzuleiten’ auf der Basis der ‘Spiegelungen’. Dies führt zum Paradox, dass das Universum einerseits im Lichte der bekannten physikalischen Gesetze eine ‘bestimmte Entwicklung’ zu nehmen scheint, während es im Medium der Gehirne ’sich selbst in Frage stellen kann’. Welch ein wahnwitziger Gedanke (allerdings bilden wir individuelle Menschen uns bislang eher ein, wir seien die Meister des Universums… eine putzige Vorstellung…).
  11. Aus Sicht des einzelnen Menschen mag dies ‘unwirklich’ erscheinen, ‘artifiziell’, aber im Gesamtkontext des Lebens im Universum ist dies ein absolut herausragendes Ereignis. Während die ‘Materiewerdung’ mit den anschließenden Ausprägungen als stellare Wolken, Sterne, Galaxien sich einigermaßen mit den Gesetzen der Physik beschreiben lassen, entzieht sich die Entstehung des Lebens als Opponentin zur Entropie und durch den ‘inneren Trend’ zur Steigerung der Komplexität bislang allen physikalischen Erklärungsversuchen. Ein Teil der Komplexität ist auch die Zunahme der Kommunikation, die zu einer Koordinierung von Gehirnen, deren ‘gedanklichen Räumen’ führt.
  12. Das Erleben von ‘mehr’ Erkenntnis und einer damit einhergehenden ‘Unruhe’, ‘Spannung’ ist also kein ‘Zufall’, keine ‘Panne’, keine ‘Störung’ sondern gehört wesentlich zum Phänomen des Lebens hinzu. Indem das Leben sich alle frei verfügbare Energien in seiner Umgebung immer mehr ‘einverleibt’ und damit Strukturen schafft, die dies immer besser können, also immer mehr Energie ‘einsammeln’ können, stellt sich die Frage, wozu das Ganze?
  13. Nach gängiger Meinung ist der ‘Big Bang’ dadurch charakterisiert, dass Energie sich in einer Weise in Materie verwandelt hat, dass daraus eben das heute bekannte Universum ‘hervorgehen’ konnte. Sterne und Galaxien sind eine Form der Zusammenballung dieser Materie (durch Gravitation, aber nicht nur (schwarze Materie?)); das uns bekannte ‘Leben’ ist auch eine Zusammenballung von Energie, aber anders. Was verstehen wir noch nicht?
  14. Die klassischen Religionen, so hilfreich sie in er Vergangenheit partiell vielleicht waren, in der heutigen Situation erscheinen sie mir wenig hilfreich, eher hinderlich. Sie verstellen den Blick und können das Herz verdunkeln. Damit will ich nicht sagen, dass auch die Gottesfrage obsolet sei. Wenn es überhaupt so etwas wie ‘Gott’ gibt, so sind wie ihm näher als je zuvor.
  15. Nur sollten wir die ‘Wahrheit’ der Erkenntnis nicht verwechseln mit dem ‘Erkenntniswunsch’. Die Bücher der alten Philosophen (alt kann bis gestern gehen..-:)) sind voll von Pseudorationalismen: man analysiert wie ein Weltmeister um letztlich dann doch nur sein eigenes Vorurteil zu rechtfertigen. Niemand ist davor gefeit; auch ich nicht.
  16. Alle bekannten Positionen muss man immer und immer wieder in Frage stellen, muss sie versuchsweise zerstören. Die ‘wahre Wahrheit’ ist das, was sich nicht zerstören lässt, sie ist das, was vor all unserem individuellen Denken schon immer da war (was nicht heißt, dass sie ‘ewig’ sein muss). Vor der Wahrheit brauchen wir daher keine Angst haben, nur vor uns selbst, vor uns Menschen, die wir unsere individuellen Unwahrheiten schützen und retten wollen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass die wahre Wahrheit schlicht und einfach größer ist. Wir klammern uns an das bischen Leben, was wir individuell haben ohne lange zu begreifen, dass dieses ‘Bischen’ nur da ist, weil es ein größeres Ganzes gibt, durch das wir überhaupt geworden sind und in dem alles andere nur weiterlebt.
  17. Was bleibt also: viel Geduld ist notwendig und die Kunst, immer wieder sterben zu können um zu lernen, dass das Leben erst dort anfängt, wo wir oft glauben, dass es zu Ende sei. Freiwillig schaffen dies die wenigsten. Leicht ist es nicht. Transzendenz in Immanenz.
  18. Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben, aber so kommt es manchmal.

Eine Übersicht über alle bisherige Beiträge findet sich HIER.

SCHAFFEN WIR DEN NÄCHSTEN LEVEL? Oder ÜBERWINDEN WIR DEN STATUS DER MONADEN?

COMPUTERSPIEL

 

(1) In Computerspielen müssen die Spieler in der Regel Aufgaben lösen, für die sie dann irgendwie ‚belohnt‘ werden (Tierdressur funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip…). Meist gibt es dann verschiedene ‚Level‘ die man aufgrund der spielerischen Leistungen erreichen kann (Punktezahlen, ein vergleichender Rang mit anderen, mehr Handlungsmöglichkeiten, …). Zugleich werden die Aufgaben ’schwieriger‘, umfassender, ‚bedeutsamer‘. Und wenn es kein expliziter ‚Level‘ ist, dann ist es ein ‚quantifizierbarer‘ Zustand (mehr Einwohner, mehr Waffen, mehr Land, ….). Für die Spieler ist ihre Spielwelt ‚real‘, sind die durch das Spielen ausgelösten Erlebnisse ‚real‘. Wenn ich über die Kopfhörer (oder die HiFi-Anlage) die Geräusche der Spielwelt höre, die Gespräche anderer Spielteilnehmer, ich in 3D eine Situation wahrnehme mit nahezu realistisch anmutenden Pflanzen, Gegenständen, Körpern usw. bei der ich selbst die Perspektive steuern und Aktionen einfließen lassen kann, dann erzeugt dies schon eine sehr realistisch wirkende Situation, der man sich nur mit Mühe entziehen kann (obgleich das Gehirn, wenn es soll/ will, den Unterschied noch erkennen kann).

 

 

SIND WIR EINE SIMULATION?

 

(2) Nicht erst seitdem es Computerspiele gibt haben sich Menschen darüber Gedanken gemacht, ob all das, was wir erleben, ‚wirklich real‘ sei, ob wir nicht einer großen ‚Täuschung‘ unterliegen (z.B. Platons Höhlengleichnis, Descartes Reflexionen über einen unbezweifelbaren Wahrheitsgrund), oder ob wir nicht Teil einer gigantischen ‚Simulation‘ seien (möglicherweise Leibnizens Spekulationen über die Möglichkeit der Welt in seiner später so genannten Schrift ‚Monadologie‘, verschiedene — mittlerweile sehr viele — Science-Fiction Bücher und Filme (z.B. Simulacron 2, 13th Floor, Matrix, um nur einige zu nennen). Ein kürzlicher, vergleichsweise systematischer Versuch unter Berücksichtigung der modernen Physik findet sich bei Witworth (2008). Dazu mein Kommentar an der angegebenen URL).

 

(3) Eines der methodischen Problemen mit solchen Überlegungen ist, dass das Wort ‚Simulation‘ voraussetzt, dass man zwischen mindestens zwei ‚Bereichen‘ unterscheiden kann, dem ‚Simulierten Bereich‘ – nennen wir ihn den ‚S-Raum‘ [SR] – und der ‚hervorbringenden Funktion‘ – nennen wir dies die ‚S-Funktion‘ [f_s] –. Sofern wir als Menschen solche Simulationen organisieren befinden wir uns ‚außerhalb‘ dieser Simulationen, d.h. wir sind im ‚organisierenden Raum‘ [OR], innerhalb dessen der simulierte Raum SR , die simulationserzeugende Funktion f_s, und wir als Simulationsarrangeure [SA] als Bestandteile vorkommen, also irgendwie OR(x) gdw x = <SA, SR, f_s,…>. Auf jeden Fall sind wir nicht selbst direkt Bestandteile unsere eigenen Simulationsräume, höchstens mittels sogenannter ‚Avatare‘ (quasi ‚Platzhalter‘). Dies sind simulierte Objekte im Simulationsraum, die über vereinbarte Interaktionen zwischen SR und SA Eigenschaften des Simulationsarrangeurs in der simulierten Welt repräsentieren können und umgekehrt.

 

(4) Wenn jetzt also spekuliert wird, ob wir nicht selbst Teil einer Simulation seien, d.h. dass unsere ganze Welt eine ’simulierte Welt‘ sei (ein Simulationsraum: Welt = SR_Welt), dann macht diese Rede nur Sinn, wenn wir annehmen, dass es einen ‚übergeordneten‘ organisierenden Raum OR_Welt gibt, innerhalb dessen wir als simulierter Raum vorkommen, dann muss es auch jenseits unserer simulierten Welt SR_Welt eine erzeugenden Simulationsfunktion f_s_Welt geben, also OR_Welt(x) gdw x = <SA_Welt, SR_Welt, f_s_Welt,…>. Weder die Simulationsfunktion f_s_Welt noch die zugehörigen Simulations-Arrangeure und ihre möglichen organisierenden Räume sind uns direkt zugänglich.

 

(5) Die alten Philosophen nannten Spekulationen über die mögliche Wirklichkeit ‚hinter‘ der erfahrbaren Welt hinaus ‚Meta-Physik‘. Dies kann ein sehr seriöses Geschäft sein; bei unsachgemäßer Handhabung wird es aber zu einer ‚Spekulationsblase‘ die mehr verwirrt, als sie klarstellt‘. Und in ’naiven‘ Formen der Spekulationen über ‚das, was die Welt im Inneren zusammenhält‘ finden wir dann die bekannten Formen von ‚Aberglauben‘, ‚Magie‘, ‚Mythen‘, ‚Märchen‘, ‚Propaganda‘, ‚Ideologien‘, usw. Natürlich enthalten alle diese ‚Grenzformen‘ des Wissens meist einen kleinen Teil an ’scheinbarer‘ Wahrheit als ‚Einstiegsdroge‘ in das dann einsetzende größere Verwirrspiel. Aber entscheidend ist der Gesamtzusammenhang, der durch diese Verwirrspiele in der Regel die Bruchstellen mit der Wahrheit verdeckt.

 

(6) Dies scheint mir auch im Fall des Redens über die Welt als ‚Simulation‘ der Fall zu sein. Unser ‚Meta-Wissen‘ über mögliche Zusammenhänge ‚hinter‘ der erfahrbaren Welt beziehen wir aus einem Standpunkt ‚in‘ dieser Welt (laut Simulationshypothese sind wir ‚in‘ dem simulierten Raum SR_Welt). Jede Form von ‚Spekulation‘ über die möglichen Gesetzmäßigkeiten der erfahrbaren Welt sind –aber auch in einer simulierten Welt — letztlich ‚Netzwerke von Begriffen‘ (natürliche Sprachen, Diagramme, mathematische Formeln,…), die im bestmöglichen Fall als ‚empirische Theorien‘ organisiert sind, deren Erfahrungsbezug über nachkontrollierbare Experimente verlaufen und deren ‚Zusammenhang‘ über eine nachvollziehbare ‚Logik‘ organisiert ist (über das dazu notwendige ‚Know-How‘ verfügt die Menschheit erst seit ca. Beginn des 20.Jahrhunderts (mit ersten ‚Spuren‘ eines solchen KnowHows – wie so oft – schon zu früheren Zeiten), wobei es selbst in der offiziellen Wissenschaft bei den meisten Wissenschaftlern sicher noch kein wirkliches explizit abrufbares Wissen darstellt). Fast alle ‚Nicht-Wissenschaftler‘ wissen nichts von alledem (allerdings: selbst Leute mit einem Doktortitel können faktisch – trotz aller akademischen Regeln – noch in einem magisch-mythischen Denken in all jenen Bereichen verhaftet sein, die sie nicht direkt untersucht haben; nicht auszuschließen ist sogar, dass sie selbst in ihrem eigenen Untersuchungsbereich Ansätze zu Magie und Mythos huldigen, da es akademische Bereiche gibt, die ohne explizite Theorien auskommen…!!!).

 

(7) Wenn also – selbst in einer simulierten Welt – die Gesamtheit der Wissenschaften zu einem bestimmten Zeitpunkt – z.B. im Jahr 2008, als der Artikel von Witworth publiziert wurde — eine empirische Theorie T_2008 hatte, in der keine erzeugende Funktion f_s_Welt_2008 vorkommt, dann kann man die Einführung einer solchen Funktion seitens Witworth in die offizielle Theorie zunächst einmal als ‚Spekulation‘ bezeichnen. Spekulationen gehören bis zu einem gewissen Grade zum Alltagsgeschäft der Wissenschaft. Man spielt mal verschiedene ‚Varianten‘ der Begriffsnetze durch um zu prüfen, ob man damit die bekannten Daten eventuell ‚besser‘ erklären kann (wobei es nicht einfach ist, zu definieren, was ‚besser‘ in jedem Fall bedeutet (hier zitiert man gerne Ockhams Rasiermesser und ähnliche ‚vertraute Sprüche’…). Grundsätzlich ist die Hypothese von Witworth – falls sie eine ’seriöse‘ Variante der allgemeinen Welttheorie ist, und das nehmen wir bis zum Beweis des Gegenteils hier an – zunächst einmal nichts anderes als eine andere ‚formale Variante‘ eines Begriffsnetzes, also neben der geltenden Welttheorie T_2008 (die es so natürlich nirgends explizit gibt) nun eben T_2008_Witworth. Damit hat sie die ‚gleiche Aussagekraft‘ (die gleiche ‚Bedeutung‘, den gleichen ‚Beschreibungsumfang‘, den gleichen ‚Wahrheitswert‘,…) wie die offizielle Variante T_2008. Nur die benutzten Worte sind ‚verschieden‘ (so sprechen   z.B. die einen von ‚Grad Celsius‘, die anderen von ‚Fahrenheit‘, die einen von ‚miles per hour‘, die anderen von ‚Kilometer pro Stunde‘. Andere ‚Worte‘ erschaffen nicht notwendigerweise einen neuen ‚Inhalt‘. In der Theorie der Informatik gibt es z.B. neben dem Konzept der Berechenbarkeit repräsentiert im Konzept der Turingmaschine sehr viele andere Konzepte (formale Sprachen, funktionsbasierte Kalküle,…) die völlig verschiedene Begriffe und Regeln benutzen, die aber alle – wie bewiesen wurde – den ‚gleichen‘ Begriff der Berechenbarkeit repräsentieren. Wenn also irgendwer plötzlich anfängt, von der erfahrbaren Welt als von einer ‚Simulation‘ zu sprechen, dann bedeutet dies bezogen auf die erfahrbare Welt nicht notwendigerweise irgendetwas Neues. Der abweichende Wortgebrauch fällt zu Beginn noch auf, dann aber –wie heute –, wenn immer mehr das Wort ‚Simulation‘ benutzen, fällt nicht einmal mehr das  auf. Ich sehe nicht, dass das Reden von Simulation im Falle der Welterklärung irgendeine nennenswerte brauchbare neue Erkenntnis geliefert hat oder liefert.

 

 

WIR SIND MONADEN

 

(8) Eventuell ist die Benutzung des Begriffs ‚Monade‘ hier nicht ganz glücklich, da das Konzept der Monade bei Leibniz (ursprünglich 1714 französisch, dann 1720 deutsch, dann 1721 lateinisch), ein sehr komplexes Begriffsnetz voraussetzt, das mit den populären Verkürzungen (von denen ich hier Gebrauch mache) nur wenig gemein hat. Immerhin hat er Formulierungen, die in Richtung der Vereinfachungen deutbar sind (siehe Beispiele: (Nr.51) … eine geschaffene Monade keinen physischen Einfluss auf das Innere der anderen haben kann… (Nr.56) …..dass jede einfache Substanz..fortwährender lebendiger Spiegel der Welt…(Nr.57) ..dass es wegen der unendlichen Menge der einfachen Substanzen gleichsam ebenso viele verschiedene Welten gibt, die gleichwohl nichts anderes sind als die perspektivischen Ansichten des einzigen Universums, je nach den verschiedenen Gesichtspunkten jeder einzelnen Monade….(Nr.60) … es ist also nicht der Gegenstand, sondern die Abstufung der Erkenntnis des Gegenstandes, worin die Monaden beschränkt sind…(Nr.61) … Aber eine Seele kann in sich selbst nur das deutlich Vorgestellte lesen; sie kann nicht auf einen Schlag auseinanderlegen, was in ihr zusammengefaltet ist, denn diese Fältelung geht ins Unendliche…(alles nach der Übersetzung von Glockner))(Vielleicht schaffe ich mal demnächst eine ausführliche Diskussion des ganzen Textes der sogenannten Monadologie)..

 

(9) Die vereinfachende Grundidee ist die einer Monade als eines Systems, das zwar mit der umgebenden Wirklichkeit in einem gewissen Austausch steht, aber bzgl. jener internen Zustände, die seine Geistigkeit charakterisieren, gibt es keinen direkten Austausch, sondern nur einen hochgradig ‚vermittelten‘.

 

(10) Dies entspricht dem heutigen Erkenntnisstand von dem Gehirn im Körper, das nur sehr begrenzt Informationen von der ‚Welt jenseits des Körpers‘ empfangen kann und das auf seine Weise immer komplexere ‚Modelle‘ einer ‚möglichen Außenwelt‘ entwirft, die wir als ‚Bewusstsein‘ eines solchen Gehirns mit Körper so benutzen, als ob die Modelle die Welt selbst seien. D.h. schon an der Wurzel unserer Erkenntnis basiert unser Weltzugang auf einer ‚Simulation einer möglichen Welt‘, die allerdings so gut ist, dass wir damit nicht nur viele praktische Aufgaben befriedigend lösen können, sondern darüber hinaus fällt es uns Menschen im Alltagsbetrieb fast nie auf, dass ‚unsere‘ Welt gar nicht die Welt ist, innerhalb deren diese simulierten Welten auftreten (natürlich kann man den Unterschied zwischen der simulierten Welt genannt ‚Bewusstsein‘ und ‚Außenwelt‘ feststellen, aber nur bei expliziter Reflexion und sehr oft nur durch Einbeziehung expliziter experimenteller Arrangements).

 

 

MONADEN ALS OFFENE SYSTEME

 

(11) Entscheidend scheint aber zu sein, dass unsere Monadenstruktur eben nicht vollständig ist; wir sind keine völlig abgeschlossenen Systeme, weder auf der körperlichen Ebene noch auf der geistigen.

 

(12) Wie wir heute wissen sind unsere körperlichen Strukturen Teil eines evolutionären Geschehens, innerhalb dessen sich alle Körper (‚Phänotypen‘ von zugrunde liegenden ‚Genotypen‘, aus denen die Phänotypen mittels Wachstum hervorgehen) in direkter Wechselwirkung mit der umgebenden ‚Welt‘ so herausgebildet haben, dass die ‚äußeren‘ Bedingungen nahezu vollständig alles bestimmt haben, was sich dann faktisch ‚entwickelt‘ hat. Nichts an den Phänotypen des biologischen Lebens (Bakterien, Pflanzen, Tiere, homo sapiens sapiens,….) ist ‚einfach so‘ entstanden; alles, radikal alles ist eine ‚Antwort‘ auf die Vielzahl der ‚Randbedingungen‘, die die umgebende Welt repräsentiert (wäre das Leben auf einem anderen Planeten, in einem anderen Sonnensystem entstanden (was wir grundsätzlich nicht ausschließen können, dass dies auch geschehen ist), dann würde die evolutionäre Entwicklung unausweichlich andere konkrete Strukturen favorisiert haben als jene, die wir kennen. Allerdings nicht beliebig andere, sondern nur ’solche andere‘, die die ‚Anreicherung von freier Energie in sich selbst organisierenden Strukturen‘ ermöglichen.

 

(13) Von daher sind die inneren Zustände der empirischen Monaden nicht völlig unbestimmt, sondern gebunden an Phänotypen, die hochgradige Ähnlichkeiten aufweisen (Leibniz spricht – wenngleich auch mit einer etwas anderen Konnotation – von der sogenannten ‚prästabilisierten Harmonie‘, ein Gedanke, den die moderne Physik und Biologie letztlich vollständig bestätigen) und die auch wechselseitig über kontinuierliche Kausalketten miteinander verknüpft sind. Es gibt innerhalb des Universums keinen radikal ‚isolierten‘ Ort, eher einen beständigen ‚Austausch‘).

 

(14) Zusätzlich benutzen die Lebewesen auf jeder Komplexitätsebene die materiellen Interaktionsmechanismen, um mittels dieser ‚direkten‘ Interaktionsereignisse ‚indirekte‘ (kodierte) Ereignisse zu ‚übertragen‘ und dann zusätzlich zu ‚interpretieren‘, ‚deuten‘, ‚verstehen‘, indem materielle Ereignisse zu ‚Zeichen‘ werden, mittels deren sich ‚Bedeutungen‘ kodieren lassen. Aufgrund der hochgradigen Ähnlichkeiten der materiellen, körperlichen Strukturen lassen sich solche semiotischen Kodierungsprozesse bis zu einem gewissen Grade erfolgreich durchführen. Sofern solche semiotischen Kodierungen gelingen lassen sich ‚abstrakte‘ (und ‚virtuelle‘!) Modelle entwickeln, die ‚mögliche Weltzustände‘ repräsentieren, die zur Orientierung für komplexe Handlungsabläufe werden können, die ohne diese semiotische Kodierungen unmöglich wären. Trotz der Abgeschlossenheit der ‚inneren‘ Zustände einer Monade von der Außenwelt ist also ein kontinuierlicher ‚Strom‘ von semiotischen Ereignissen möglich, der zu einem daran ‚gekoppelten‘ kontinuierlichen ‚Verarbeitungsprozess‘ ‚im Innern‘ einer Monade führen kann. In diesem Sinne sind wir als ‚Monaden‘ ‚offene Systeme‘, die sich bis zu einem gewissen Grad mit den Zuständen anderer Monaden ‚koordinieren‘ können.

 

STUFEN DER INTERAKTION

 

(15) Wie die Kulturgeschichte der Menschheit als Teil der übergreifenden biologischen Evolution (diese wiederum als Teil der übergreifenden kosmischen Entwicklung!) zeigt, haben sowohl die materiellen Interaktionsmöglichkeiten wie auch die semiotischen sowohl an Quantität wie auch an Komplexität zugenommen. Im Falle des homo sapiens sapiens kann man geradezu von einer Explosion sprechen, die sich in unvorstellbar kurzer Zeit entwickelt hat und die zugleich eine Beschleunigung andeutet, die – gemessen an der geringen Veränderungsgeschwindigkeit der körperlichen Trägerstrukturen — auf den ersten Blick bedrohlich wirken können (verglichen mit den hier stattfinden Problemkomplexen wirken die Angstreflexe an den Börsen angesichts von Kursverfällen geradezu lächerlich, was nicht heißt, dass diese Kursverläufe konkrete Existenzen im aktuellen gesellschaftlichen Gefüge ‚finanziell‘ zerstören können…).

 

(16) Im Laufe von mindestens 3.5 Mrd Jahren hat das Leben auf der Erde viele sehr dramatische Veränderungen erlebt (beständige Klimawechsel mit großen Eiszeiten, gewaltige Vulkanausbrüche, Einsturz von Kometen mit der Vernichtung von bis zu 90% aller Arten, usw.), aber der homo sapiens sapiens stellt eine so ‚hochentwickelte‘ Lebensform dar, dass er viele solcher Änderungen, wie sie in der Vergangenheit schon stattgefunden haben, heute eher gar nicht überleben würde. Dazu kommen vom homo sapiens sapiens selbst verursachte Veränderungen (z.B. durch erhöhten Verbrauch endlicher Ressourcen für Energie, Ernährung, Trinkwasser, …), die absehen lassen, wann die endlichen Kreislaufsysteme, die bislang über natürliche Rückkoppelungsprozesse eine gewisse Regulierung erfahren hatten, ins Ungleichgewicht kommen.

 

(17) Andererseits hat man den Eindruck, dass die gesamte Entwicklung – von der der homo sapiens sapiens ja nicht isoliert gesehen werden darf – genau auf den Punkt zuläuft, wo nach der kosmologischen, dann der chemischen und schließlich der biologischen Evolution nun eine Art ‚kognitive‘ (man könnte auch ‚geistige‘ sagen) Evolution stattfinden muss, in der die bislang vorwiegend randomisiert-kombinatorischen Suchprozesse im Umfeld des Planeten Erde zusätzlich durch technologisch gestützte modellbasierte Suchprozesse ergänzt werden müssen, um den nächsten ‚Entwicklungsschritt‘ (den nächsten ‚Level‘) zu schaffen. Dieser muss mindestens so ‚kontextsensitiv‘ sein wie die vorausgehenden Entwicklungsprozesse, da die komplexen Prozesse der umgebenden Natur bislang noch in keiner Weise vom homo sapiens sapiens alleine gesteuert werden können. Sicher wird – sofern der homo sapiens sapiens es nicht ‚vermasselt‘ — der Punkt kommen, wo der homo sapiens sapiens nicht nur vor der Notwendigkeit steht, seine Koexistenz mit den vorhanden Systemen dramatisch zu verbessern, er wird es auch können. Alles ist in gewisser Weise daraufhin ‚angelegt‘ (zumindest deutet die gesamte bisherige Entwicklung in genau diese Richtung).

 

 

KOMPLEXITÄTSPROBLEME UND FALSCHE ETHIK

 

(18) Momentan erleben wir – erstmalig für das Leben auf dieser Erde – dass die Handlungsmöglichkeiten des Lebens in Gestalt des homo sapiens sapiens eine immer größere Veränderungsgeschwindigkeit erzeugen, dass aber die Basis dieser Veränderungen, die körperliche Struktur (der Phänotyp) des homo sapiens sapiens sich nicht mit gleicher Geschwindigkeit mitverändert. Zwar wissen wir alle, dass der heutige Phänotyp des Menschen ein ‚Zwischenprodukt‘ ist, etwas ‚Gewordenes‘, auf keinen Fall etwas ‚Endgültiges‘, und in seiner konkreten Ausgestaltung auch nur gerechtfertigt durch die konkreten Lebensnotwendigtkeiten, die vor ca. 200.000 bis einige Millionen Jahre vor unserer Gegenwart (BP := Before Present) bestanden hatten, dennoch leisten wir uns den Luxus einer sogenannten Ethik, nach der wir das menschliche Genom nicht verändern dürfen. Wenn man weiß, dass wir nur deshalb heute leben, weil dieses Genom in den vorausgehenden 3.5 (oder mehr) Milliarden Jahren beständig und kontinuierlich verändert worden ist, dann wirkt es geradezu makaber, dass unter dem Vorwand, Leben zu erhalten, genau das verboten wird, was überhaupt unser Leben ermöglicht hat. Im übrigen ist kein einzelner Mensch ‚Herr‘ über das biologische Leben. Klassisch würde man dies als ‚Hybris‘ bezeichnen. Wenn wir dem Leben ‚dienen‘ wollen dann sicher nur dort und darin, wo wir die Mechanismen, die Leben ‚möglich‘ machen, immer weiter identifizieren und weiter unterstützen. Auf jeden Fall müssen wir das psychische Inventar des homo sapiens sapiens dramatisch verbessern (wobei wir niemanden haben, den wir fragen können! Wir sitzen alle im gleichen Boot des Suchens….).

 

 

OPEN END

 

(19) Ich höre an dieser Stelle mal auf. Natürlich wurde – wie immer – vieles Wichtiges nicht gesagt. Vieles ist zudem kryptisch, verlangt ausführlichere Erklärungen. Aber das genau ist Teil unseres Problems: wir müssen sehr große, komplexe Probleme mit Hilfe eines – trotz allem Fantastischen – sehr endlichen Gehirn mit sehr primitiven Kommunikationsmöglichkeiten in vergleichbar kurzer Zeit lösen. Dazu kommt ein Arsenal von Emotionen und Gefühlen, die für diese Aufgabe wenig geeignet sind (siehe vorausgehende Blog-Einträge). Nichtsdestotrotz, je mehr ich über diese Dinge nachdenke, um so mehr verfestigt sich in mir das Gefühl, dass es in allem viel, viel mehr ‚Ordnung‘ gibt als ‚Chaos‘. Denn, in welcher ‚dunklen‘ Ecke man auch immer anfängt herum zu gucken, über kurz oder lang findet man ‚Spuren‘ von Ordnung. Dies hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir selbst als homo sapiens sapiens durch und durch ein hochintegriertes Ordnungssystem darstellen, aus dem wir nicht aussteigen können (weswegen auch der französische Strukturalismus als Antistrukturalismus bestenfalls amüsant war; was soll schon herauskommen, wenn man sein eigenes Gehirn zu leugnen versucht…). Aber genau ist dann auch wichtig: sollte um uns herum tatsächlich nur Chaos herrschen, dann könnte sich auch in keiner Weise irgendeine Ordnungsstruktur daraus entwickeln. Die Tatsache, dass dies aber der Fall war, zeigt, dass es ein sehr hohes Mass an vorgegebener Ordnung gegeben haben muss (und gibt). Zudem bestätigen alle bekannten wissenschaftlichen Ergebnisse genau dieses. Methodisch ist es natürlich allemal besser, man arbeitet mit der ‚Null-Hpothese‘ (in diesem Fall: nur Chaos). Wenn man dann allerdings immer nur und immer mehr ‚Ordnung‘ findet, sollte man sich gelegentlich auch mal den ‚Luxus‘ erlauben, über das Gefundene konstruktiv nachzudenken. Vielleicht scheuen die meisten davor zurück, weil dies z.B. bedeuten würde, wir müssten uns einer neuen Ethik stellen, die vieles von den liebgewordenen Normen in Frage stellt. Noch schlimmer: dem homo sapiens sapiens käme eine Verantwortung zu, nicht für alles und jedes, aber doch für die Lebenden eine ‚totale’…für jeden…wer mag das schon…

 

Drei Jahre später gibt es einen neuen Eintrag, in dem die Worte ‚Computerspiel‘ und ‚Level‘ vorkommen, aber dort konkreter in Richtung von Stufen des phlosophischen Bewusstseins.

 

QUELLENNACHWEISE

 

G. Doeben-Henisch, URL: Skript (ältere Version), dort der Abschnitt ‚Physical World as Virtual Reality?

 

Whitworth, B., The physical world as a virtual reality, CDMTCS Research Report, CDMTCS-316, 2007, http://arxiv.org/abs/0801.0337 1-17, rev. 2008

 

G. W. Leibniz: Monadologie (Deutsch). Übersetzt , eingeleitet und erläutert von Helmut Glockner Stuttgart: Reclam, 1954

 

G. W. Leibniz: Monadologie (Französisch/Deutsch). Übersetzt und herausgegeben von Hartmut Hecht, Stuttgart: Reclam, 1998. ISBN 3-15-007853-9 (eine online Version der ersten deutschen Übersetzung von Köhler 1720 findet sich hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2790/1)

 

 

 

Eine Übersicht über alle bisherigen Themen von Autor cagent findet sich hier.