Offenbarung – Der blinde Fleck der Menschheit

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Als Nachhall zur Diskussion des Artikels von Fink hier ein paar Überlegungen, dass der durch die Religionen vereinnahmte Begriff der ‚Offenbarung‘ ein Grundbegriff ist, der wesentlich zum Menschen generell gehört, bevor irgendeine Religion darauf einen Anspruch anmelden kann.

I. KONTEXT

Diesen Beitrag könnte man unter ‚Nachwehen‘ einordnen, Nachwehen zu dem letzten Beitrag. In diesem Beitrag hatte ich versucht, deutlich zu machen, dass die üblichen Vorgehensweisen, in die neuen Erkenntnisse zur Entstehung, Struktur und Dynamik des physikalischen Universums, den Glauben an ein sehr bestimmtes, klassisches Gottesbild zu ‚interpolieren‘, heute nicht mehr überzeugen können, ja, abgelehnt werden müssen als eher wegführend vom wahren Sachverhalt.

Zu dieser kritisch-ablehnenden Sicht tragen viele Argumente bei (siehe einige in dem genannten Artikel). Besonders erwähnen möchte ich hier nochmals das Buch ‚Mysticism and Philosophy‘ von Stace (1960) [ siehe Teil 3 einer Besprechung dieses Buches ]. Stace konzentriert sich bei seinen Analysen an der Struktur der menschlichen Erfahrung, wie sie über Jahrtausende in vielen Kulturen dieser Welt berichtet wird. Während diese Analysen darauf hindeuten, dass der Kern der menschlichen Erfahrungen eher gleich erscheint, erklärt sich die Vielfalt aus der Tatsache, dass — nach Stace — jede Erfahrung unausweichlich Elemente einer ‚Interpretation‘ umfasst, die aus den bisherigen Erfahrungen stammen. Selbst wenn Menschen das Gleiche erleben würden, je nach Zeit, Kultur, Sprache können sie das Gleiche unterschiedlich einordnen und benennen, so dass es über den Prozess des Erkennens etwas ‚anderes‘ wird; es erscheint nicht mehr gleich!

In einem sehr kenntnisreichen Artikel The Myth of the Framework von Karl Popper, veröffentlicht im Jahr 1994 als Kapitel 2 des Buches The Myth of the Framework: In Defence of Science and Rationality [Anmerkung: Der Herausgeber M.A.Notturno weist im Epilog zum Buch darauf hin, dass die Beiträge zum Buch schon in den 1970iger Jahren vorlagen!] hatte sich Popper mit diesem Phänomen auch auseinandergesetzt, allerdings nicht von der ‚Entstehung‘ her (wie kommt es zu diesen Weltbildern), sondern vom ‚Ergebnis‘ her, sie sind jetzt da, sie sind verschieden, was machen wir damit? [Siehe eine Diskussion des Artikels von Popper als Teil des Beitrags].

Angeregt von diesen Fragen und vielen weiteren Ideen aus den vorausgehenden Einträgen in diesem Blog ergeben sich die folgenden Notizen.

II. DER ‚BIG BANG‘ HÖRT NIE AUF …

Die Geschichte beginnt im Alltag. Wenn man in die Gegenwart seines Alltags eingetaucht ist, eingelullt wird von einem Strom von scheinbar selbstverständlichen Ereignissen, dann kann man leicht vergessen, dass die Physik uns darüber belehren kann, dass dieser unser Alltag eine Vorgeschichte hat, die viele Milliarden Jahre zurück reicht zur Entstehung unserer Erde und noch viel mehr Milliarden Jahre bis zum physikalischen Beginn unseres heute bekannten Universums. Obgleich dieses gewaltige Ereignis mitsamt seinen gigantischen Nachwirkungen mehr als 13 Milliarden Jahre zurück liegt und damit — auf einer Zeitachse — längst vorbei ist, passé, gone, … haben wir Menschen erst seit ca.50 – 60 Jahren begonnen, zu begreifen, dass das Universum in einer Art ‚Urknall‘ ins physikalische Dasein getreten ist. Was immer also vor mehr als 13 Milliarden Jahren geschehen ist, wir selbst, wir Menschen als Exemplare der Lebensform homo sapiens, haben erst vor wenigen Jahrzehnten ‚gelernt‘, dass unsere aktuelle Gegenwart bis zu solch einem Ereignis zurück reicht. Das reale physikalische Ereignis ‚Big Bang‘ fand also erst viele Milliarden Jahre später in den Gehirnen und damit im Bewusstsein von uns Menschen (zunächst nur wenige Menschen von vielen Milliarden) statt. Erst im schrittweisen Erkennen durch die vielen tausend Jahre menschlicher Kultur entstand im Bewusstsein von uns Menschen ein virtuelles Wissen von etwas vermutet Realem. Das reale Ereignis war vorbei, das virtuelle Erkennen lies es viel später in einem realen Erkenntnisprozess virtuell wieder entstehen. Vorher gab es dieses Ereignis für uns Menschen nicht. So gesehen war das Ereignis indirekt ‚gespeichert‘ im physikalischen Universum, bis diese Erkenntnisprozesse einsetzten. Welch gigantische Verzögerung!

III. OFFENBARUNG

Der Begriff ‚Offenbarung‘ ist durch seine Verwendung in der zurückliegenden Geschichte sehr belastet. Vor allem die großen Religionen wie Judentum, Christentum und Islam haben durch ihre Verwendung des Begriffs ‚Offenbarung‘ den Eindruck erweckt, dass Offenbarung etwas sehr Besonderes sei, die Eröffnung von einem Wissen, das wir Menschen nicht aus uns selbst gewinnen können, sondern nur direkt von einem etwas, das mit der Wortmarke ‚Gott‘ [die in jeder Sprache anders lautet] gemeint sei. Nur weil sich dieses etwas ‚Gott‘ bestimmten, konkreten Menschen direkt zugewandt habe, konnten diese ein spezielles Wissen erlangen, das diese dann wiederum ‚wortwörtlich‘ in Texten festgehalten haben, die seitdem als ‚heilige‘ Texte gelten.

Im Fall der sogenannten heiligen Schriften des Judentums und des Christentums hat intensive wissenschaftliche Forschung seit mehr als 100 Jahren gezeigt, dass dies natürlich nicht so einfach ist. Die Schriften sind alle zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, bisweilen Jahrhunderte auseinander, wurden mehrfach überarbeitet, und was auch immer ein bestimmter Mensch irgendwann einmal tatsächlich gesagt hat, das wurde eingewoben in vielfältige Interpretationen und Überarbeitungen. Im Nachhinein — von heute aus gesehen also nach 2000 und mehr Jahren — zu entscheiden, was ein bestimmter Satz in hebräischer oder griechischer Sprache geschrieben, tatsächlich meint, ist nur noch annäherungsweise möglich. Dazu kommt, dass die christliche Kirche über tausend Jahre lang nicht mit den Originaltexten gearbeitet hat, sondern mit lateinischen Übersetzungen der hebräischen und griechischen Texte. Jeder, der mal Übersetzungen vorgenommen hat, weiß, was dies bedeutet. Es wundert daher auch nicht, dass die letzten 2000 Jahre sehr unterschiedliche Interpretationen des christlichen Glaubens hervorgebracht haben.

Im Fall der islamischen Texte ist die Lage bis heute schwierig, da die bisher gefundenen alten Manuskripte offiziell nicht wissenschaftlich untersucht werden dürfen [Anmerkung: Siehe dazu das Buch von Pohlmann (2015) zur Entstehung des Korans; eine Besprechung dazu findet sich  hier: ]. Die bisherigen Forschungen deuten genau in die gleiche Richtung wie die Ergebnisse der Forschung im Fall der jüdisch-christlichen Tradition.

Die Befunde zu den Überlieferungen der sogenannten ‚heiligen‘ Schriften bilden natürlich nicht wirklich eine Überraschung. Dies liegt eben an uns selbst, an uns Menschen, an der Art und Weise, wie wir als Menschen erkennen, wie wir erkennen können. Das Beispiel der empirischen Wissenschaften, und hier die oben erwähnte Physik des Universums, zeigt, dass alles Wissen, über das wir verfügen, im Durchgang durch unseren Körper (Sinnesorgane, Körperzustände, Wechselwirkung des Körpers mit der umgebenden Welt, dann Verarbeitung Gehirn, dann Teile davon im Bewusstsein) zu virtuellen Strukturen in unserem Gehirn werden, die partiell bewusst sind, und die uns Teile der unterstellten realen Welt genau so zeigen, wie sie im bewussten Gehirn gedacht werden, und zwar nur so. Die Tatsache, dass es drei große Offenbarungsreligionen gibt, die sich alle auf das gleiche Etwas ‚Gott‘ berufen, diesem Gott dann aber ganz unterschiedliche Aussagen in den Mund legen [Anmerkung: seit wann schreiben Menschen vor, was Gott sagen soll?], widerspricht entweder dem Glauben an den einen Gott, der direkt spricht, oder diese Vielfalt hat schlicht damit zu tun, dass man übersieht, dass jeder Mensch ‚Gefangener seines Erkenntnisprozesses‘ ist, der nun einmal ist, wie er ist, und der nur ein Erkennen von X möglich macht im Lichte der bislang bekannten Erfahrungen/ Erkenntnisse Y. Wenn jüdische Menschen im Jahr -800 ein X erfahren mit Wissen Y1, christliche Menschen in der Zeit +100 mit Wissen Y2 und muslimische Menschen um +700 mit Wissen Y3, dann ist das Ausgangswissen jeweils völlig verschieden; was immer sie an X erfahren, es ist ein Y1(X), ein Y2(X) und ein Y3(X). Dazu die ganz anderen Sprachen. Akzeptiert man die historische Vielfalt, dann könnte man — bei gutem Willen aller Beteiligten — möglicherweise entdecken, dass man irgendwie das ‚Gleiche X‘ meint; vielleicht. Solange man die Vielfalt aber jeweils isoliert und verabsolutiert, so lange entstehen Bilder, die mit Blick auf den realen Menschen und seine Geschichte im realen Universum kaum bis gar nicht zu verstehen sind.

Schaut man sich den Menschen und sein Erkennen an, dann geschieht im menschlichen Erkennen, bei jedem Menschen, in jedem Augenblick fundamental ‚Offenbarung‘.

Das menschliche Erkennen hat die Besonderheit, dass es sich bis zu einem gewissen Grad aus der Gefangenschaft der Gegenwart befreien kann. Dies gründet in der Fähigkeit, die aktuelle Gegenwart in begrenzter Weise erinnern zu können, das Jetzt und das Vorher zu vergleichen, von Konkretem zu abstrahieren, Beziehungen in das Erkannte ‚hinein zu denken‘ (!), die als solche nicht direkt als Objekte vorkommen, und vieles mehr. Nur durch dieses Denken werden Beziehungen, Strukturen, Dynamiken sichtbar (im virtuellen Denken!), die sich so in der konkreten Gegenwart nicht zeigen; in der Gegenwart ist dies alles unsichtbar.

In dieser grundlegenden Fähigkeit zu erkennen erlebt der Mensch kontinuierlich etwas Anderes, das er weder selbst geschaffen hat noch zu Beginn versteht. Er selbst mit seinem Körper, seinem Erkennen, gehört genauso dazu: wir wurden geboren, ohne dass wir es wollten; wir erleben uns in Körpern, die wir so nicht gemacht haben. Alles, was wir auf diese Weise erleben ist ’neu‘, kommt von ‚außen auf uns zu‘, können wir ‚aus uns selbst heraus‘ nicht ansatzweise denken. Wenn irgendetwas den Namen ‚Offenbarung‘ verdient, dann dieser fundamentale Prozess des Sichtbarwerdens von Etwas (zu dem wir selbst gehören), das wir vollständig nicht gemacht haben, das uns zu Beginn vollständig unbekannt ist.

Die Geschichte des menschlichen Erkennens zeigt, dass die Menschen erst nur sehr langsam, aber dann immer schneller immer mehr von der umgebenden Welt und dann auch seit kurzem über sich selbst erkennen. Nach mehr als 13 Milliarden Jahren erkennen zu können, dass tatsächlich vor mehr als 13 Milliarden Jahren etwas stattgefunden hat, das ist keine Trivialität, das ist beeindruckend. Genauso ist es beeindruckend, dass unsere Gehirne mit dem Bewusstsein überhaupt in der Lage sind, virtuelle Modelle im Kopf zu generieren, die Ereignisse in der umgebenden Welt beschreiben und erklären können. Bis heute hat weder die Philosophie noch haben die empirischen Wissenschaften dieses Phänomen vollständig erklären können (obgleich wir heute viel mehr über unser Erkennen wissen als noch vor 100 Jahren).

Zu den wichtigen Erkenntnissen aus der Geschichte des Erkennens gehört auch, dass das Wissen ‚kumulierend‘ ist, d.h. es gibt tiefere Einsichten, die nur möglich sind, wenn man zuvor andere, einfachere Einsichten gemacht hat. Bei der Erkenntnis des großen Ganzen gibt es keine ‚Abkürzungen‘. In der Geschichte war es immer eine Versuchung, fehlendes Wissen durch vereinfachende Geschichten (Mythen) zu ersetzen. Dies macht zwar oft ein ‚gutes Gefühl‘, aber es geht an der Realität vorbei. Sowohl das kumulierende Wissen selbst wie auch die davon abhängigen alltäglichen Abläufe, die Technologien, die komplexen institutionellen Regelungen, die Bildungsprozesse usw. sie alle sind kumulierend.

Aus diesem kumulierenden Charakter von Wissen entsteht immer auch ein Problem der individuellen Verarbeitung: während dokumentiertes und technisch realisiertes Wissen als Objekt durch die Zeiten existieren kann, sind Menschen biologische Systeme, die bei Geburt nur mit einer — wenngleich sehr komplexen — Grundausstattung ihren Lebensweg beginnen. Was immer die Generationen vorher gedacht und erarbeitet haben, der jeweils neue individuelle Mensch muss schrittweise lernen, was bislang gedacht wurde, um irgendwann in der Lage zu sein, das bisher Erreichte überhaupt verstehen zu können. Menschen, die an solchen Bildungsprozessen nicht teilhaben können, sind ‚Fremde‘ in der Gegenwart; im Kopf leben sie in einer Welt, die anders ist als die umgebende reale Welt. Es sind wissensmäßig Zombies, ‚Unwissende‘ in einem Meer von geronnenem Wissen.

Sollte also das mit der Wortmarke ‚Gott‘ Gemeinte eine Realität besitzen, dann ist der Prozess der natürlichen Offenbarung, die jeden Tag, in jedem Augenblick ein wenig mehr die Erkenntnis Y über das uns vorgegebene Andere ermöglicht, die beste Voraussetzung, sich diesem Etwas ‚X = Gott‘ zu nähern. Jede Zeit hat ihr Y, mit dem sie das Ganze betrachtet. Und so sollte es uns nicht wundern, dass die Geschichte uns viele Y(X) als Deutungen des Etwas ‚X = Gott‘ anbietet.

Empirisches Wissen, Philosophisches Wissen, religiöses Wissen kreisen letztlich um ein und dieselbe Wirklichkeit; sie alle benutzen die gleichen Voraussetzungen, nämlich unsere menschlicher Existenzweise mit den vorgegebenen Erkenntnisstrukturen. Niemand hat hier einen wesentlichen Vorteil. Unterschiede ergeben sich nur dadurch, dass verschiedenen Kulturen unterschiedlich geschickt darin sind, wie sie Wissen kumulieren und wie sie dafür Sorge tragen, dass alle Menschen geeignete Bildungsprozesse durchlaufen.

IV. VEREINIGTE MENSCHHEIT

Schaut man sich an, wie die Menschen sich auch nach den beiden furchtbaren Weltkriegen und der kurzen Blüte der Idee einer Völkergemeinschaft, die Ungerechtigkeit verhindern sollte, immer wieder — und man hat den Eindruck, wieder mehr — in gegenseitige Abgrenzungen und Verteufelungen verfallen, vor grausamen lokalen Kriegen nicht zurück schrecken, die Kultur eines wirklichkeitsbewussten Wissens mutwillig schwächen oder gar zerstören, dann kann man schon mutlos werden oder gar verzweifeln.

Andererseits, schaut man die bisherige Geschichte des Universums an, die Geschichte des Lebens auf der Erde, die Geschichte des homo sapiens, die letzten 10.000 Jahre, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass es eine dynamische Bewegung hin zu mehr Erkenntnis und mehr Komplexität gegeben hat und noch immer gibt. Und wenn man sieht, wie wir alle gleich gestrickt und auf intensive Kooperation angewiesen sind — und vermutlich immer mehr –, dann erscheinen die Menschen eher wie eine Schicksalsgemeinschaft, wie ‚earth children‘, wie eine ‚Gemeinschaft von Heiligen kraft Geburt‘!

Das Wort ‚Heilige‘ mag alle irritieren, die mit Religion nichts verbinden, aber die ‚Heiligen‘ sind in den Religionen alle jene Menschen, die sich der Wahrheit des Ganzen stellen und die versuchen, aus dieser Wahrheit heraus — ohne Kompromisse — zu leben. Die Wahrheit des Ganzen ist für uns Menschen primär diese Grundsituation, dass wir alle mit unseren Körpern, mit unserem Erkennen, Teil eines Offenbarungsprozesses sind, der für alle gleich ist, der alle betrifft, und aus dem wir nicht aussteigen können. Wir sind aufeinander angewiesen. Anstatt uns gegenseitig zu bekriegen und abzuschlachten, also die ‚Bösen‘ zu spielen, wäre es näherliegender und konstruktiver, uns als ‚Heilige‘ zu verhalten, die bereit sind zum Erkennen, die bereit sind aus der Erkenntnis heraus zu handeln. Das alles ist — wie wir wissen können — nicht ganz einfach, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es einfach sei. Das Leben auf der Erde gleicht eher einem Expeditionschor, das im Universum an einer bestimmten Stelle gelandet ist, und jetzt den Weg zum Ziel finden muss. Wir brauchen keine TV-Reality-Shows, wir selbst sind die radikalste Reality-Show, die man sich denken kann. Und sie tritt gerade in eine sehr heiße Phase ein [Anmerkung: … nicht nur wegen des Klimas 🙂 ].

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HYSTERIE: NEIN, SOLIDARITÄT: JA – DAHINTER WARTET DIE WAHRHEIT

Zur Einstimmung: European Sound – There was a Time with more than three Colours of Souls Radically Unplugged Music vom 16.Januar 2015

HYSTERIE UND SOLIDARITÄT DIESER TAGE

Die Anschläge auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo am Mi, den 7.Januar 2015 hat eine Solidaritätsreaktion in Frankreich und weltweit ausgelöst, wie sie Frankreich selbst so noch nie erlebt hatte. Zugleich gab es vermehrt Angriffe auf muslimische und jüdische Einrichtungen, die zu großen Verunsicherungen und realen Ängsten bei jenen Franzosen geführt haben, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben.

NICHT WIRKLICH NEU

Das Attentat von Charlie Hebdo am 7.Januar 2015 steht nicht alleine. Mindestens seit dem 11.Sept.2001 in New York gab und gibt es terroristische Anschläge in vielen Ländern, die Entsetzen, Unverständnis und – in extremer Form – Hass hervorgerufen haben, die politischen Reaktionen veranlassten, immer mehr Kontrolle, Verstärkung von Ängsten, und auch eine deutliche Verstärkung von Feindbildern.

ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG

Solche Attentate finden in einer Zeit statt, in der sich viele Ländern, speziell auch die westlichen, in einer spürbaren allgemeinen Verunsicherung befinden, nicht wegen den Terroristen, sondern allein schon wegen ihrer eigenen Prozesse, die immer komplexer geworden sind, immer unübersichtlicher; wo die Wissensexplosion die Wissenschaften in ihrem Kern bedroht; wo die bekannten politischen Prozesse täglich erfahrbar den Eindruck erwecken, als ob sie die Nöte, Bedürfnisse und Erwartungen der Wähler nicht mehr erkannt und tatsächlich berücksichtigt werden. Wo Lobbyisten anscheinend die Kontrolle über viele Politiker bekommen haben. Wo komplizierte gesellschaftliche Probleme tendenziell eher ‚ausgesessen‘ anstatt konstruktiv gelöst werden. Wo die meisten Medien kurzfristig – und kurzsichtig? — sich dem Geschäft der tagesnahen ‚Belustigung des Publikums‘ verschrieben zu haben scheinen, 24 Stunden täglich eine Art ‚Gehirnwäsche mit Müllinhalten‘, die wenig geeignet sind, einen klaren Blick auf die laufenden gesellschaftlichen Prozesse zu unterstützen.

VEREINFACHUNG ALS VERSUCHUNG

Vor diesem Hintergrund und in dieser Situation ist es nachvollziehbar, das nicht wenige Menschen das tun, was jedem Menschen als Verhaltensreaktion quasi angeboren ist: zu vereinfachen. Es gehört zur Überlebensstrategie des Menschen, dass sein Gehirn versucht, die vielfältigen eindrücke zu ‚ordnen‘, dadurch zu ‚vereinfachen‘, und damit die Welt lebbare zu machen. Wie weit die ‚Verarbeitungstiefe‘ solcher Vereinfachungen reichen, ist zeitabhängig (wie lange kann man sich mit einem Problem beschäftigen) und wissensabhängig (wie viel weiß man schon, um neue Ereignisse einsortieren zu können). So gesehen gab es schon immer Vereinfachungstendenzen. Davon lebt jede Propaganda, die Werbeindustrie, der Unterhaltungsindustrie, und die Fundamentalisten in jeder bekannten Religion sind auch nicht neu. In der radikalen Version eines Fundamentalisten hat sich die Vereinfachung aber so verfestigt, abgeschottet, dass eine Änderung der Anschauungen nahezu ausgeschlossen scheint; Fundamentalismus ist eine Art geistiger Kurzschluss: alles, was eine Modifizierung, Korrektur des aktuellen Weltbildes verursachen könnte, ist geächtet. Wären es nicht Menschen, die solche Haltungen einnehmen können, würde man von ‚Robotern‘ sprechen, obgleich jeder ‚echte‘ Roboter eine grundsätzliche Lernfähigkeit besitzen würde, …

ERNST NEHMEN

Eine häufig zu beobachtende Reaktion von Menschen zu anderen Menschen, die erkennbare Vereinfachungen nach außen zeigen ist ‚lächerlich machen‘, ‚Verunglimpfen‘, ‚Beschimpfen‘, ‚Verachten‘, ’nieder machen‘ und dergleichen mehr. Dies verstärkt nicht nur die Haltung der anderen, sondern zeigt auch eine gewisse Form der Hilflosigkeit bei denen, die auf solche Vereinfacher treffen. Im Falle von ‚fundamentalistischen Vereinfachern‘ ist in der Tat schwer zu sehen, was man tun kann außer sich der eigenen Mehrheit in Solidarität zu versichern. Doch die wirklich harten fundamentalistischen Vereinfachern sind in der Regel eher deutliche Minderheiten. Die große Mehrheit der Vereinfacher weiß es normalerweise einfach nicht besser; ihnen fehlen Informationen; ihnen fehlt Wissen; ihnen fehlen Medien und Politiker, die sie ernsthaft und sachkundig ‚aufklären‘, die vernünftig und ruhig informieren, die zuverlässig sind und reales Vertrauen aufbauen können.

LEICHEN IM KELLER

In ‚ruhigen‘ Zeiten, wo alles ’seinen Gang‘ geht, muss man nicht viel nachdenken, benötigt man keine spezielle Kommunikation. Jeder redet das, was alle erwarten. Nimmt aber die Komplexität zu, zeigen sich Veränderungen, entstehen Verunsicherungen durch Änderungen der Abläufe, nimmt die Vielfalt zu wegen Durchdringung, dann entsteht zunehmend der Bedarf nach Verständigung, nach Erklärung. In diesem Moment kann es sich rächen, wenn man in der Vergangenheit Probleme ‚unter den Teppich‘ gekehrt hat, wenn man in der Vergangenheit keine ‚echte Diskussionskultur‘ praktiziert hat, wenn man in der Vergangenheit die Medien in Schrottkanäle verwandelt hat, wenn die Politiker sich angewöhnt haben, ihre Wähler nur noch wahltaktisch zu sehen und zu behandeln.
In Frankreich z.B., wissen alle seit Jahren, dass die Vorstädte in ihrer Struktur und Funktionalität eine vollständige Fehlplanung waren, dass sie in ihrem Format und mit ihrer ‚Belegung‘ mit problemintensiven Gruppen das ‚Unheil‘ geradezu in Reinform gleichsam ‚züchten‘, ‚ausbrüten‘. Aber niemand hat dagegen etwas getan. Diese Vorstädte waren – und sind – tickende soziale Zeitbomben; wenn in manchen Bereichen der Gesellschaft, Menschen der Gesellschaft Schaden zufügen, dann werden sie dafür u.U. zur Verantwortung gezogen. Alle jene, die diese unseligen Vorstädte geplant und gebaut haben, wurden bislang nicht zur Verantwortung gezogen. Welcher der Planer und Erbauer würde freiwillig 5 Jahre in so einem Wohngebiet wohnen? Wenn dann einige wenige junge Menschen von vielen Zehntausenden, die dazu Grund hätten, ihre Verzweiflung in unmenschliche Taten umsetzen ist die Aufregung groß, aber alle haben Jahrelang zugesehen, wie Menschen durch solche Lebensverhältnisse geradezu ‚gezüchtet‘ werden…

WAS DIE GESCHICHTE UNS SAGEN KÖNNTE

Wagt man einen Blick zurück in die Geschichte, dann findet man zu allen Zeiten Eroberungen, Wanderungsbewegungen, Transformationsprozesse, und speziell Europa als Ganzes (Morgenland und Abendland!) war schon immer reich, um nicht zu sagen überreich an Vielfalt von Ethnien, Kulturen, Gebräuchen und Sprachen. Und Europa als Ganzes hat es erstaunlich oft geschafft, über große Zeiträume (z.B. griechisch-römische Kultur ca. 500 Jahre, arabisch-islamische Kultur ca. 700 Jahre) nicht nur Frieden zu realisieren, sondern zugleich auch Toleranz, Bildung, Gesundheit, Infrastrukturen, Wohlstand, Weiterentwicklung auf allen Ebenen. Die Kernelemente waren immer eine Toleranz für eine Koexistenz unterschiedlicher Weltanschauungen und eine umfassende Bildung aller Schichten, nicht nur für Eliten. Dies war der ‚Schmierstoff‘, der alle anderen Prozesse ermöglicht hat. Die größten Bedrohungen und Behinderungen waren immer Verabsolutierungen einzelner Anschauungen und gesellschaftsfeindliche Konzentration von Besitz (sehr massiv in diesem Sinne die römische Papstkirche zwischen 500 und ca. 1500, oder all jene absolutistischen Monarchen, die eine Spaltung zwischen Eliten und der Restbevölkerung betrieben).

So gesehen sind die ‚Zutaten‘ zu einer blühenden Gesellschaft sehr einfach: reale Toleranz, Rechtssicherheit, massive Bildung, funktionierende Infrastrukturen, darin eingebettet Handel und Wirtschaft. Dann sind alle zufrieden, jeder gibt sein Bestes.

ANFANGEN KANN MAN IMMER

Egal in welchem Zustand sich eine Gesellschaft gerade befindet: es wird immer Menschen brauchen, viele Menschen, die die entscheidenden ‚Leitbilder‘ ‚vor Augen‘ haben und sich für ihre Verwirklichung einsetzen, auf allen Ebenen, an allen Orten. Ohne diese ‚Visionäre des guten Lebens‘ geht gar nichts.

Ein weit verbreiteter Irrglauben ist, dass es die Religionen sind, die uns in solchen Fragen helfen können. Die Geschichte lehrt uns eindeutig, dass es auf keinen Fall die Religionen sind, die uns helfen, eine blühende Gesellschaft zu realisieren. Die römische Papstkirche z.B. hat über fast 1000 Jahre demonstriert, dass sie Menschen und allgemeines Wissen verachtet, staatliche Einrichtungen nahezu völlig zerstört hat, und eine elitäre feudalistische Gesellschaft gefördert hat, die die westlichen europäischen Staaten (das Abendland) nahe an den Abgrund gebracht hat. Hätte es zur gleichen Zeit nicht die hochstehende arabisch-islamische Kultur gegeben, die das griechisch-römische Erbe nicht nur aufgegriffen, sondern beeindruckend weiter entwickelt und gepflegt hätten, wer weiß, was aus Europa dann geworden wäre. Der spätere Zerfall der arabisch-islamischen Kultur zeigt aber auch, dass es nicht der Islam als solcher ist, der eine blühende Gesellschaft garantiert, sondern dass es die Kombination eines Islam war mit einer Aufgeschlossenheit für Bildung und Wissen für alle gepaart mit allen zugänglichen leistungsfähigen Infrastrukturen eingebettet in eine dominante Toleranz, die es Menschen aller Hautfarbe und Anschauung ermöglichte, ein freies, kreatives und produktives Leben zu führen.

GUT UND BÖSE, WAHR UND FALSCH

Innerhalb des allgemeinen Bedürfnisses der Menschen, ihre Welt zu ‚verstehen‘, die Ereignisse ‚einordnen‘ zu können (‚Vereinfachen‘!), gibt es auch das mindestens so starke Bedürfnis – oder ist es einfach Teil vom Wunsch nach dem Verstehen? –, zu wissen, was ‚richtig‘ ist, was ‚wahr‘ und was ‚falsch‘ ist bzw. was ‚gut‘ und ‚böse‘ ist.

In Diskussionen zu diesem Thema kann man – was jeder bestimmt schon mal selbst erlebt hat – schnell in wildeste Gespräche geraten bei denen am Ende keiner mehr so richtig weiß, was ist denn jetzt ‚wahr‘, ‚falsch‘ …. und man bleibt dann vorsichtshalber erst mal wieder bei dem, was man immer schon gewusst hat.

Nun dürfte jedem klar sein, dass ein Urteil über ‚Gut – Böse‘, ‚Wahr – Falsch‘ jeweils irgendein Kriterium K voraussetzt, anhand dessen man entscheiden kann, trifft eher das eine oder eher das andere zu. Wenn man z.B. weiß, was es heißt, dass die ‚Sonne scheint‘, dann kann man normalerweise natürlich feststellen, ob die Aussage ‚Die Sonne scheint jetzt‘, ‚zutrifft‘, also ‚wahr‘ ist, oder nicht zutrifft, also ‚falsch‘ ist. Desgleichen: wenn man sich in einer sozialen Gruppe darauf geeinigt hat, was ‚Stehlen‘ ist und dass dies in der ozialen Gruppe nicht vorkommen soll, dann können alle Mitglieder der Gruppe nach bedarf entscheiden, ob ein Mitglied der Gruppe ‚etwas gestohlen‘ hat oder nicht. Ist es wahr, dass jemand etwas gestohlen hat, dann ist dies nach dem Verständnis der Gruppe ‚Böse‘; trifft es zu (ist es wahr), dass das Mitglied nicht gestohlen hat, dann ist dies im Verständnis der Gruppe ‚Gut‘.

‚Wahrheit‘ und ‚Falschheit‘ sind in diesem Sinne entscheidbare Sachverhalte, die die Basis für unsere Weltbetrachtung bilden. ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sind ‚Wertvorstellungen‘ von sozialen Gruppen, die – sofern sie verstehbar sind – dazu verwendet werden können, innerhalb einer sozialen Gruppe das gemeinsame Verhalten zu ‚regeln‘. Die Anwendung von Gut-Böse-Regeln setzt die Möglichkeit der Wahrheitsfindung voraus: liegen tatsächlich die Sachverhalte vor, die im Sinne von Gut-Böse bewertet werden sollen.

Gut-Böse-Regeln sind so gesehen gemeinsame Verhaltensnormen, Verhaltensregeln, können auch ‚Gesetze‘ genannt werden, kann man als ‚Moral‘ einer Gruppe verstehen oder als ‚ethische Dimension‘.

DER MISSBRAUCHTE GOTT

Solange solche Regeln in einer überschaubaren Gruppe praktiziert werden, sind sie für alle verstehbar, nachvollziehbar, und letztlich sogar diskutierbar, da sich ja u.U. die Lebensverhältnisse ändern, so dass bestimmte Regeln unter den neuen Bedingungen gar keinen Sinn mehr machen. Solche ‚offene‘ Normensystem sind lebenswichtig für eine Gruppe und zugleich produktiv-kreativ; sie werden den Umständen angepasst.

Werden solche sozialen Gruppen größer, so groß, dass nicht mehr alle miteinander reden können, dass man sich nicht mehr kennt, dann wird eine Verständigung über solche wichtigen Verhaltensnormen schwierig, eventuell so schwierig, dass man neue Mechanismen benötigt, um sie ‚abzusichern‘.

Das sogenannte Alte Testament als Teil der christlichen Bibel (und dann auch die Thorah der Juden) liefert zahllose Beispiele dafür, wie Verhaltensregeln, die zunächst nur für bestimmte lokale Gruppen/ Stämme galten, irgendwann (aufgrund von Wanderungen und Eroberungen) auch für weitere Gruppen gelten sollten. Das Mittel der Wahl war dann die Berufung auf ein ‚höheres Wesen‘, auf ‚Gott‘. Da scheinbar jeder Mensch eine gewisse Neigung hat, an ein höheres Wesen zu glauben, zugleich dieser ‚Gott‘ nicht weiter definiert ist, konnten soziale Anführer relativ leicht den individuellen unspezifischen Gottesglauben dazu benutzen, um ihn mit den jeweiligen Regelsystemen zu verknüpfen, die gerade sozial-politisch oder aufgrund bestimmter partikulärer Machtinteressen ‚gewollt‘ waren. Dass es im Alten Testament mehrere verschiedene solche Regelsysteme nebeneinander gab und gibt, zeigt nur die historische Bedingtheit all dieser Vorstellung (dies macht das Alte Testament zum Verstehen der Geschichte interessant). Wie man historisch feststellen kann, war dieses Vorgehen der Verknüpfung eines historisch gewachsenen Regelsystems mit einem unspezifischen Gottesglauben sozial erfolgreich. es ermöglichte größere komplexe soziale Gruppen auf der Basis eines gemeinsamen Regelsystems. Dieses ‚magische‘ Modell der Normenbildung hatte und hat nur den Nachteil, dass die Verhaltensnormen fortan nicht mehr offen von allen diskutierbar waren. Da die Regeln ihrer menschlichen Herkunft jetzt entrückt waren und den Status von ‚Gottes Wort‘ erlangt hatten, waren sie entweder ‚ewig‘ oder aber, es gab eine ‚Sonderklasse‘ von Menschen, die ‚Gottesmittler‘ die, obgleich sie Menschen waren, irgendwie, auf geheimnisvolle Weise, doch mehr wussten als normale Menschen (Propheten, Priester, Seher…). Die Geschichte zeigt klar, wie allzu menschlich all diese ‚Gottesmittler‘ in allen Jahrhunderten waren. Zugleich sieht man, wie solche der Realität enthobenen Regelsysteme im Laufe der zeit immer befremdlicher, immer obskurer wirken. während die Welt sich weiter verändert, die Gesellschaften sich aufgrund ihrer Aktivitäten weiter entwickeln, bleiben die künstlich festgefrorenen Regelsysteme ’starr‘, passen immer weniger, werden immer unverständlicher.

Man muss es Ganz-Europa hoch anrechnen, dass es nicht nur die drei größten Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam) ‚erfunden‘ hat – was als große kulturelle Leistung zu betrachten ist –, sondern zugleich auch die ‚Weiterentwicklung‘ der Offenbarungsreligion in Form des religionsfreien Staates mit einer religionsfreien Wissenschaft.

Im Konzept der religionsfreien Wissenschaft wurden die Regelsysteme wieder ‚zurückgeholt‘ aus der Sphäre der Unkontrollierbarkeit und verankert im Hier und Jetzt, wurden die Menschen wieder Herr ihrer eigenen Regeln, wurden Regeln wieder ‚kritisierbar‘, konnte man menschlich aufgestellte Regeln wieder ändern, wenn die Wirklichkeit ihnen entgegen stand. Und gestärkt durch die Erfolge der empirischen Wissenschaften gewannen auch wieder solche staatliche Regelsysteme Anerkennung und Gewicht, die wie das Griechische oder das Römische religionsfreie Regeln zur Praktizierung einer gemeinsamen und offenen Gesellschaft darstellten. Keine ‚Sonderwesen‘, keine ‚Sonderrechte‘, keine ‚Sonderwahrheiten‘ außerhalb der Kompetenz und Kontrolle der Menschen, die nach diesen Regeln leben wollen.

WAHRE RELIGION

Ist Religion damit überflüssig geworden?
Ein ganz klares NEIN!
Jetzt kann wahre Religion erstmalig anfangen.
Ganz-Europa steht vor seiner nächsten kulturellen Revolution: nach der Erfindung der Offenbarungsreligionen und des modernen, aufgeklärten Staates geht es jetzt um die wahre Religion aller Menschen in einer freien, und offenen Gesellschaft, in der Wissen offen und transparent ist, in der alle Menschen gleich sind, in der der Wohlstand für alle da ist.

Anmerkung: Dieser Beitrag kam nur zustande, weil ich mich zuvor mit dem Buch von Bergmeier Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur auseinander setzen konnte, dazu auch das Gespräch in der philosophieWerkstatt v2.0 vom 11.Januar 2015.

Wer noch etwas Zeit übrig hat …. der kann folgende RUM-Komposition anhören:

Heh – Where are You?.

Es handelt sich um ein Stück das die Situation des Autors cagent schildert … und damit stellvertretend die Situation jedes einzelnen Menschen, der versucht, in Kommunniaktion zu treten. Das Artikulieren von ‚Innenleben‘ heisst nicht automatisch, dass es eine Rückmeldung gibt… die dunkle Einsamkeit ist ein Moment einer sich aufbauenden Gemeinsamlkeit in Verschiedenheit…

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

Seit einiger Zeit melde ich die Beiträge des Blogs auch bei Twitter an. Das Pseudonym ist @cagentartist und hat als Erkennungsbild einen originalen Schneemann aus Finnland, gebaut von einer Freundin. Ein Schneemann hat viele Ähnlichkeiten mit uns Menschen 🙂

KULTURELLE AUTOIMMUNREAKTIONEN? oder: KONTROLLWAHN UND DIE ANGST UM SICH SELBST


(Unter twitter bei ‚cagentartist‘))

1) Treffen die Überlegungen im Blogeintrag ‚EMERGING MIND – Mögliche Konsequenzen‘ zu, dann befinden wir uns im Jahr 2013 an einem Punkt der Entwicklung des Geistes auf der Erde, der einen sich andeutenden umfassenden kulturellen Umbruch markiert.
2) In der Geschichte des Lebens auf der Erde gab es viele solcher Umbruchzonen, wobei der Begriff ‚Umbruchzone‘ nicht unproblematisch ist; schließlich ist jeder Abschnitt in der bisherigen Entwicklung letztlich eine Umbruchphase. Es scheint aber so zu sein, dass man Phasen unterscheiden kann, in denen aus Sicht der Beteiligten anscheinend ‚Weniger‘ oder gar ‚Nichts‘ geschieht gegenüber solchen, wo die Umbrüche durch real stattfindenden Veränderungen offensichtlicher zu sein scheinen.
3) Beispiele für global sichtbar werdende Strukturumbrüche waren die zuvor genannten ’neuen Strukturen S‘, die sich zum Vorausgehenden deutlich abhoben (Von der Anfangs-Energie zu den Quanten, von den Quanten zu den Atomen, …., von den einzelnen Zellen zu organisierten Zellverbänden, … die Sesshaftwerdung mit Ackerbau und Stadtbildung, ….. Motorisierung des Verkehrs, …. Gemeinsame Datenräume durch das Internet….).
4) Neben diesen Änderungen, die sich in realen Strukturänderungen widerspiegeln, gab es aber auch Änderungen, die sich in den semiotischen Räumen, in den deutenden ‚Weltbildern‘ abspielten, die nicht minder ‚real‘ und ‚wirksam‘ waren. So führte das Aufkommen experimenteller und formaler Methoden in der Renaissance nicht nur zu neuen Detailansichten, nein, es entstanden neue Zusammenhänge, neue Deutungsmuster, die sich zu einem kognitiven, wissensmäßigen Gegensatz zu den bisherigen Deutungsmustern aufbauten, weltanschauliche Konflikte hervorriefen, die die damals Mächtigen (die katholische Kirche) meinten, mit ‚Gewalt‘ kontrollieren und unterdrücken zu müssen. Galilei als ein Repräsentant dieser neuen Gedankenwelt sollte sich verleugnen, sollte abschwören, doch ca. 100 Jahre später waren diese neuen, gefährlich erscheinenden Gedanken in vielfältiger Weise in die Öffentlichkeit vorgedrungen. Die Erde bewegt sich um die Sonne und das Weltall ist erheblich größer, als sich jeder zuvor vorstellen konnte.
5) Weitere Umbrüche in der Deutung der Welt folgten (geologisch die Erde als Teil eines größeren Veränderungsprozesses, die biologische Evolution, das Gehirn als Organ des Fühlens und Denkens abhängig von physikalisch-chemischen Prozessen, die alltägliche Wirklichkeit als Artefakt unseres Denkens verglichen mit den zugrunde liegenden molekularen, atomaren, quantenhaften Strukturen, usw.). Allerdings scheint es so zu sein, dass die Ausbildungsprozesse mit der Explosion dieses Wissens über die Welt und uns selbst immer weniger Schritt halten können. In der Alltagswelt heute durchdringen zwar immer mehr technische Produkte als Konsequenz des erweiterten Denkens unseren Lebensraum, aber man hat nicht den Eindruck, dass im gemeinsamen öffentlichen Denken dieses Wissen tatsächlich ‚angekommen‘ ist.
6) Während digital gespeichertes Wissen sich – zumindest im Prinzip – beliebig schnell in beliebigen Mengen überall hin kopieren lässt, sich rasant schnell nahezu beliebigen formalen Operationen unterziehen lässt, haben die menschlichen biologischen Gehirne eine ihnen eingeborene eigene Langsamkeit, Trägheit, Begrenztheit, die dem Entstehen und dem Verwandeln von Wissen im einzelnen einen natürlichen Widerstand entgegen setzen. Was immer ein Individuum A in einer Generation G(t) schon alles erkannt und gedacht haben mag, ein Individuum B aus Generation G(t’>t) weiß dies alles nicht, es sei denn, er durchläuft ähnliche mühsame Lernprozesse. Solche Lernprozesse sind aber nicht notwendig, nicht zwingend, verlaufen nicht automatisch, und sind in ihren möglichen Inhalten nicht wirklich voraussagbar: keine Lernumgebung kann sicher stellen, dass die Inhalte, die die Lernorganisatoren intendieren, auch tatsächlich so in einem lernenden Individuum ‚entstehen‘.
7) Es ist von daher nicht erstaunlich, dass in einer Gesellschaft mit immer ‚mehr‘ und immer ‚komplexeren‘ Wissen immer weniger Menschen in der Lage sind, das bereits schon zuvor errungene Wissen für sich selbst erneut ‚wieder zu entdecken‘ und ‚für sich nutzbar‘ zu machen. Historisch bekannt ist der Untergang der griechischen Denkwelt samt ihren Schriften, der in Europa dann gut 1000 Jahre zu einer ‚Verdunklung‘ des Wissens geführt hatte. Erst über den Umweg vom Griechischen zum Arabischen (das damals das Wissen der Welt in sich aufsog) und dann wieder ins Lateinischen kam das ‚Licht der Erkenntnis‘ wieder nach Mitteleuropa. Ein langwieriger Übersetzungs- und Lernprozess, der nur durch den Aufbau eines neuen Ausbildungssystems (Schulen, erste Universitäten, Abschreiben, Kopieren und Übersetzen vieler Schriften…) über viele Jahrhunderte den Wissensstand von vorher ‚rekonstruierte‘ und durch diese aktive Rekonstruktion dann auch weiter entwickelte.
8) Wir leben heute in einer Welt von bizarren Wissensgegensätzen: während wir einerseits über einen Wissensschatz verfügen, der differenzierter und größer ist als jemals zuvor, erleben wir zugleich, dass viele Menschen, die meisten (?), sich in ihrem Wissen fragmentiert erleben, unvollständig oder, noch schlimmer, dass sie heute Weltbilder pflegen und für wahr halten, die 1000, 2000 Jahre alt sind, die mehrfach widerlegt wurden, aber die sie benutzen, als ob es die aktuellen Wahrheiten sind. Dies betrifft nicht nur solche Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände keine oder fast keine Ausbildung genießen konnten, sondern sogar solche die Abitur haben, die studiert haben, ja sogar solche, die einen Doktortitel erworben haben. Unsere Wissenslandschaft ist mittlerweile so komplex und zerklüftet, dass Menschen mit Doktortiteln auftreten können und den letzten ‚Unsinn‘ erzählen, ohne dass ihnen bewusst ist, dass dem so ist.
9) In dieser Situation macht es keinen Sinn, die einzelnen dafür haftbar zu machen (obgleich natürlich schon jeder bis zu einem gewissen Grad Verantwortung für sein eigenes Denken trägt), sondern man muss den Kontext berücksichtigen, innerhalb dessen jemand heute Denken kann bzw. muss. Aus Sicht einer modernen Lerntheorie scheint es so zu sein, dass die Rahmenbedingungen für ein individuelles Lernen schwieriger denn je sind. Die Vielfalt der Methoden und die ungeheure Fülle an Fakten sind von einem einzelnen biologischen Gehirn nicht mehr bewältigbar. Eine Situation, die ich vor vielen Jahren schon mal als ’negative Komplexität‘ bezeichnet hatte: Komplexität, die da ist, die aber von uns nicht mehr hinreichend verarbeitet werden kann.
10) In einer solchen Situation wird es für alle Entscheidungsträger – insbesondere auch politisch Verantwortliche – immer schwieriger, das ‚Richtige‘ zu tun. Die Angst, dass alles aus dem Ruder läuft, außer Kontrolle gerät, ist real. Die Versuchung, durch immer mehr ‚Kontrollen‘ dieser ‚Unübersichtlichkeit‘ Herr zu werden ist real gegeben, wird immer stärker. Bedenkt man nun, dass diejenigen Menschen, die in höhere Verwaltungs- und Entscheidungspositionen drängen, tendenziell eher egozentriert sind, machthungrig, ’nicht zimperlich‘, es mit der Wahrheit eher nicht so genau nehmen, usw., dann erstaunt es nicht, zu sehen, wie heute weltweit in immer mehr Staaten die führenden Politiker autokratische Züge entwickeln, Meinungsfreiheit mehr und mehr unterdrücken, Technik dazu benutzen, immer mehr Datenströme und Lebenszuckungen der Menschen zu kontrollieren, einfache (in der Regel falsche) Weltbilder favorisieren, sich auch in sogenannten demokratischen Gesellschaften die Mächtigen von ‚den anderen‘ durch immer mehr Pseudoprivilegien abzusondern trachten, sich die alten absolutistischen Klassen von ‚früher‘ neu bilden.
11) Diese Phänomene stehen in seltsamem Kontrast zur tatsächlichen globalen Entwicklung des Lebens. Sie repräsentieren ‚Rückfälle‘, eine Art von ‚Verweigerung der Zukunft‘, sind ‚Reflexe‘ des ‚alten‘ Menschen vor der anrückenden Zukunft, die von jedem einzelnen Menschen und dann von den Gemeinschaften mehr verlangt als jeder einzelne bislang gewohnt ist, zu geben. Ob diese Reflexe stärker sind als das Neue, ob der Prozess des Lebens auf der Erde durch diese Anti-Reflexe zum Scheitern kommt, ist offen. Die ungeheure Wucht des bisherigen Lebens-Prozesses im Universum und auf der Erde kann den Verdacht nähren, dass die immanenten Faktoren dieses Prozesses stärker sind als die Abwehrreflexe eines Stadiums von Leben, das zu überschreiten ist. Wirklich wissen tut es vermutlich niemand, wie auch.
12) Vom individuellen biologischen Körper kennen wir nicht nur das Immunsystem, das auf geradezu fantastische Weise praktisch in jeder Sekunde gewaltige Abwehrschlachten gegen Millionen und Milliarden von Mikroorganismen führt. Wir haben gelernt, dass dieses Immunsystem sich auch irren kann; dann fängt es an, körpereigene Zellen zu bekämpfen, eine sogenannte Autoimmunreaktion. Wenn man sich den Lebensprozess auf der Erde anschaut, wie sich tatsächlich weltweit momentan in fast allen Ländern die politisch Verantwortlichen gegen den Trend stellen, dann drängt sich unwillkürlich das Bild einer globalen kulturellen Autoimmunreaktion auf: die Verantwortlichen, die für das Wohl ihrer jeweiligen Gesellschaften verantwortlich sind, wenden sich gegen ihre eigenen Gesellschaften, indem sie sich selbst zu ernst nehmen und das kreative Potential der jüngeren Generation mehr oder weniger mit Füssen treten (was nicht heißt, dass es auch viele Jüngere gibt, die sich totalitären Weltbildern zugewandt haben, die nicht besser sind; woher sollen sie es auch wissen?).
13) In diesem Kontext spielen die sogenannten ‚Offenbarungsreligionen‘ (die bekanntesten sind das Judentum, das Christentum, und der Islam) eine zwielichtige Rolle. Insofern sie alle einen ‚heißen Kern‘ haben der auf einen allumfassenden Schöpfergott ausgerichtet ist, haben sie prinzipiell einen ‚Anschluss‘ an den Lebensprozess im Universum; insofern sie aber diesen heißen Kern mit allzu viel historischen Zufälligkeiten, allzu zeitgebundenem Menschlichen aus ihren Entstehungszeiten um diesen Kern herum gesponnen haben, ist die immanente Sprengkraft eines universalen Gottesbildes weitgehend ‚abgedunkelt‘ worden durch Dinge, die irreführend oder falsch sind und die in der Vergangenheit allzu oft für persönliche Machtspielchen missbraucht wurden. Die Unwissenheit von Menschen für persönliche Machtinteressen zu instrumentalisieren ist eines der größten Verbrechen, das ein Mensch begehen kann (ein Gedanke, der sich u.a. im Neuen Testament der Christen findet; dort wird es Jesus von Nazareth als Aussage zugeschrieben (viele der heutigen Zeitungen, Radiostationen und Fernsehsender mit ihren Verantwortlichen haben in dieser Hinsicht möglicherweise schlechte Karten….)).

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogbeiträge nach titeln findet sich HIER.

OFFENBARUNGSRELIGIONEN – Grenzen, die man bedenken sollte

(1) VORGESCHICHTE(n)

 

In vorausgehenden Blog-Einträgen habe ich schon mehrfach in verschiedener Weise über Religion und Glauben etwas aufgeschrieben (Überblick im Wiki zum Blog). Da ich dennoch immer wieder darauf angesprochen werde hier ein weiterer Eintrag, z.T. wiederholend, z.T. ergänzend.

 

(2) UMFANG DES WISSENS

 

Abkürzungen: BP := Before Present, Vor der Gegenwart, Aktuelle Gegenwart: 2012.

 

Jede der drei großen Offenbarungsreligionen Judentum [J], Christentum [C] und Islam [I] umfasst eine lange Geschichte (J mehr als 2700 Jahre, C ca. 2000 Jahre (mit J als Vorgeschichte), I ca. 1300 (mit J+C als Vorgeschichte)). Dazu gehören unterschiedliche Länder, Religionen, Kulturen, unterschiedliche Sprachen, zahllose Schriften in vielfältigen Sprachen (manche verschollen, viele für die meisten nur schwer zugänglich). Es dürfte heute keinen einzigen Menschen geben, der auch nur von einer dieser Religionen ‚alles‘ weiß. Selbst die Besten dürften nur Bruchstücke wissen. Daraus ergibt sich, dass jeder zunächst einmal mit großem Respekt vor dem jeweiligen Phänomen stehen sollte. Insbesondere sollte man hellhörig werden, wenn jemand als einzelne Person für sich in Anspruch nimmt, wesentliche Aussagen über den ‚Inhalt‘ einer dieser Religionen zu machen. Ein jeder, der so auftritt, dass er den Eindruck erweckt, er rede jetzt mit ‚absoluter Autorität‘ ohne dass er/sie sich die Mühe macht, die konkreten Voraussetzungen seiner Rede und die darin unausweichlich mitgegebenen Grenzen zu benennen, macht sich zunächst einmal automatisch ‚verdächtig‘, Dinge sagen zu wollen, über die er eigentlich gar nicht genügend weiß. Diese Vorsicht gilt gegenüber jedem und jeder – natürlich auch gegenüber dem Schreiber dieser Zeilen. Niemand ist davor geschützt trotz bester Absicht Dinge zu sagen, die sachlich nicht zutreffend sind.

 

(3) OFENBARUNGSMEDIUM/-MEDIEN

 

Zum Selbstverständnis einer Offenbarungsreligion gehört die Überzeugung, dass die primäre Quelle der ‚Offenbarung‘ ‚Gott selbst‘ ist [G], der sich auf unterschiedliche Weise bestimmten Menschen ‚mitgeteilt‘ hat (In den verschiedenen Sprachen hat Gott unterschiedliche Namen: Elohim, Jahwe, Theos, Deus, Allah,…). Diese Menschen – meistens Propheten genannt (es gibt aber viel mehr Spielarten, wie und wo Gott sich mitgeteilt haben soll) – haben das, was sie meinten, von Gott empfangen zu haben, in der Regel mündlich weiter gegeben (zumindest im Judentum und Christentum war das so; direkte schriftliche Notizen gibt es von keinem einzigen sogenannten Propheten, nicht einmal von Jesus). Diese mündlichen Mitteilungen wurden in einer Kultur der mündlichen Überlieferung auf dem zur jeweiligen Zeit üblichen Weg weitererzählt. Später (im Falle des Neuen Testaments nach wenigen Jahrzehnten, im Fall des Alten Testaments z.T. auch noch später) wurden diese mündlichen Überlieferungen von einzelnen (meist Gruppen) aufgeschrieben und als Texte überliefert. Auf diese Weise entstanden Sammlungen von Überlieferungen aus unterschiedlichen Zeiten, die – im Falle des Alten Testaments deutlich nachweisbar – auch zu größeren Einheiten zusammengefasst wurden. Angelegentlich solcher Zusammenfassungen wurden dann auch schon mal ‚Anpassungen‘ vorgenommen, spezielle Überleitungen oder Ausleitungen geschaffen oder bestimmte Teile umgestellt, ergänzt, gekürzt oder sogar überarbeitet. Dieser Prozess erstreckte sich über viele Jahrhunderte. Dadurch nahmen sehr unterschiedliche Sprache, Kulturen, Zeitanschauungen, lokale Besonderheiten usw. Einfluss auf die Darstellung. Für die islamische Tradition gilt dies entsprechend. Nur sind die historisch-kritischen Forschungen hier noch nicht soweit fortgeschritten wie im Falle der jüdisch-christlichen Traditionen. Aus Sicht der Gegenwart sollte man aber immer bedenken, dass die Sprache des hebräischen alten Testaments nicht das Hebräisch der Gegenwart ist, das Koine-Griechisch des neuen Testaments war weder das Aramäisch-Hebräisch das Jesus und seine Jünger gesprochen haben noch gleicht es dem modernen Griechisch des heutigen Griechenlands. Genausowenig entspricht das Arabisch des Koran dem modernen gesprochenen Arabisch. Wenn wir also von dem ‚Offenbarungsinhalt‘ sprechen, von der eigentlichen ‚Botschaft‘ von G an ‚uns heute‘, dann sollten wir vor Augen haben, welch schwierige Überliefungskette zwischen G und uns heute liegt (solange wir uns auf diese Überlieferungskette beschränken).

 

(4) BOTSCHAFTEN VERSTEHEN

 

Zusätzlich zu dieser beeindruckenden Überlieferungskette wissen wir aus den philosophischen und allgemeinwissenschaftlichen Arbeiten mindestens der letzten 100 Jahre sehr viel mehr über die Bedingungen sprachlicher Kommunikation als zu jeder anderen Zeit vor uns. Eine Grundtatsache ist die, dass zwei Menschen A und B nur dann ein ‚einigermaßen gleiches Verständnis‘ mit einem bestimmten sprachlichen Ausdruck E verknüpfen können, wenn sie (i) hinreichend ähnliche Wahrnehmung haben, (ii) hinreichend ähnliches Gedächtnis, (iii) hinreichend ähnliche Denkoperationen und sie (iv) wissen, unter welchen ‚Bedingungen‘ der sprachliche Ausdruck E verwendet werden soll. Im Falle eines Ausdrucks wie ‚diese rote Tasse da‘ ist. z.B. nur verständlich, wenn es dazu eine Zeigegeste gibt, die hinreichend eindeutig vom Sprecher auf ein geeignetes Objekt zeigt und der Hörer diese Geste entsprechend einordnen kann. Zudem muss der Hörer wissen, was mit ‚rot‘ gemeint ist und mit ‚Tasse‘. Zahllose konkrete empirische Untersuchungen haben aufgezeigt, wie komplex das Bedingungsgefüge für funktionierende Kommunikation im Alltag ist. In der Regel können nur Menschen einigermaßen ‚verständnisvoll‘ miteinander reden, die hinreichend viel gemeinsames Training und gemeinsame Erfahrungen teilen. Sobald der gemeinsame Erfahrungshintergrund zu ‚dünn‘ ist, hilft selbst die gleiche Sprache nicht weiter. Sind verschiedene Sprachen im Spiel, benötigt man Übersetzungen. Diese stellen ‚Interpretationen‘ dar, die vom Verständnis und der Erfahrung des Übersetzers abhängig sind, die niemals eine 1-zu-1 Abbildung gewährleisten können. Die z.T. sehr unterschiedlichen Übersetzungen des gleichen Textes illustrieren dies (dies gilt auch für die vielen Übersetzungen der Offenbarungsschriften in andere Sprachen). Ein Übersetzungsverbot hilft hier nicht unbedingt, da dann die Gefahr besteht, dass man zwar den Wortlauf des ursprünglichen Textes erhält, aber man keine Klarheit hat über die ‚Botschaft‘ des Textes. Aber auf diese kommt es an. Handelt es sich um Botschaften, die überwiegend mit ‚inneren Anschauungen‘ zu tun haben, die sich kaum bis gar nicht in der ‚Welt zwischen den Körpern‘ verorten lässt, wird Verstehen zum ‚Glücksspiel‘. Man kann sich zwar individuell etwas vorstellen, was es sein ‚könnte‘, aber wirklich ‚wissen‘ tut man es nicht.

 

(5) KONSEQUENZEN?

 

Nun könnte man versucht sein, daraus den Schluss zu ziehen, dass das mit den Offenbarungsbotschaften ein einziges ’semantisches Chaos‘ ist, das jedem seine beliebige Interpretation erlaubt und von daher wenig erhellend ist. Solange man aus dem Horizont der verfügbaren Offenbarungsschriften die eine, einzig wahre und alles erklärende Botschaft erwarten würde, hätte man tatsächlich ein Problem, da die Schriften, so, wie Sie in ihrer beeindruckenden geschichtlichen Breite, Tiefe und Vielfalt vorliegen, eine einzige klare Botschaft für viele heutige Fragen nicht zuzulassen scheinen. Sieht man in diesen Schriften aber das Zeugnis von Menschen aus mehr als 2700 Jahren, die um die Frage des Sinns der Geschichte, der Schöpfung, des Menschen usw. ringen und gerungen haben, dann bleiben diese Schriften überwältigend und einzigartig. Dann kann man aus ihnen vieles lernen, gerade aus dem Scheitern, aus den Grenzen, aus den Fehlern usw. speziell aber auch – und dies ist vielleicht mit das Bedeutsamste – gerade über Überlieferungsprozesse, über Weitergabe von Botschaften, über den Wandel von Ideen, Wandel von Sprachen und Bedeutungen. Diese Schriften ersetzen in keiner Weise die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse; warum auch, sie liegen weit vor dem Aufkommen moderner Wissenschaften. Andererseits bilden die modernen Wissenschaften auch keinen Gegensatz zu den Offenbarungsschriften, da alles, was die Wissenschaften bislang zutage gefördert haben, in keiner Weise irgendeiner dieser Offenbarungsschriften widerspricht. Hier ist anzumerken, dass die ganze Debatte biblischer Schöpfungsbericht contra moderne Evolutionstheorie  schon in der Wurzel an der großen Verirrung leidet, dass man von einem biblischen Schöpfungsbericht ausgeht, der angeblich beschreibt, wie Gott die Erde erschaffen habe. Wer sich den hebräischen Urtext anschaut wird sehr schnell sehen, dass der sogenannte biblische Schöpfungsbericht aus mindestens zwei Texten entsteht mit ganz unterschiedlichen sprachlichen Mitteln. Im einen heißt G ‚Elohim‘, im anderen ‚Jahwe‘, ferner unterscheiden sich die Texte in Sprache, Grammatik und Aussage diametral, d.h. schon ‚innerbiblisch‘ haben wir zwei konkurrierende Deutungen zum Beginn der bekannten Welt, in der Menschen aus unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichem Wissen versucht haben, für sich die Frage zu beantworten, wie man den ‚Anfang‘ wohl verstehen sollte. Dazu kommt, dass beide sogenannte Schöpfungsberichte unterschiedliche Anleihen bei Überlieferungen aus umgebenden und älteren Kulturen machen. Dazu gibt es viele hundert exzellente Untersuchungen. Biblische Texte gegen moderne Wissenschaft auszuspielen erscheint von daher widersinnig. Umgekehrt macht es sehr wohl Sinn, die modernen Erkenntnisse zur Entstehung des Universums und zur Entstehung von Leben als Ausgangspunkt für eine vertiefende Betrachtung eines möglichen ‚Sinns‘ in dem Ganzen zu nehmen. Die Wissenschaft selbst tut dies eher nicht (ist i.e.S. nicht ihre Aufgabe). Aussagen von Wissenschaftlern (prominente Beispiele Hawking, Dawkins), dass Sie meinen, aus den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften ein Argument gegen die Existenz Gottes ableiten zu können, ist genauso widersinnig. Weder bieten die modernen wissenschaftlichen Theorien irgendeinen Ansatzpunkt, die Existenz Gottes ausschließen zu können (dazu müsste man ja erst mal wissenschaftlich definieren können, was man unter ‚Gott‘ versteht; kenne niemanden, der das schon mal versucht hat), noch bieten die Offenbarungsschriften irgendeinen sinnvollen Ansatzpunkt, sich gegen moderne Wissenschaften zu wenden. Ich würde daher dazu tendieren zu sagen, dass es nicht nur ein großes Versäumnis der Offenbarungsreligionen ist, sich nicht aktiv, konstruktiv, umfassend, vorbehaltlos den modernen Wissenschaften zu öffnen, sondern hier liegt eine Verantwortung für die Wahrheit, der man sich verweigert. Das Universum als Ganzes ist mindestens soviel Offenbarung wie Gemütsregungen in einem einzelnen Menschen zu einer bestimmten Zeit, der diese dann als ‚Mitteilungen Gottes an die Welt‘ darstellt. Hier sollten die ‚Vertreter Gottes ‚in sich gehen‘, um nicht Gefahr zu laufen, die Sache Gottes eher zu verraten als ihr zu dienen. Wenn überhaupt dann ist G das jeweils Größere und nicht zu verwechseln mit den jeweils sehr beschränkten Vorstellungen eines einzelnen Menschen.

SPÄTERE BLOGEINTRÄGE

Das Thema Religion, Glaube taucht immer wieder auf. Sehr hilfreich kann auch eine rein historisch-strukturelle Betrachtung sein, so z.B. das Buch von Bergmeier Christlich-abendländische Kultur – eine Legende (Teil 1) und Teil 2. Bei diesem Buch handelt es sich um eine interessante historische Studie zum Wechselspiel zwischen ‚Gesellschaft – Christentum‘ einerseits und parallel zwischen ‚Gesellschaft – Islam‘ andererseits im Zeitraum 700 – 1400. Aus dieser Studie — und unter Berücksichtigung der Jahrhunderte danach — kann man ersehen, dass ein blühende Gesellschaft ohne Religion möglich ist, dass aber Religion umgekehrt ganze Gesellschaften behindern oder zerstören kann. Auch wenn man es aus der Sicht des Jahres 2015 kaum glauben mag, aber die kulturell höchstentwickelte Perioe und Blütezeit hatte Ganz-Europa in der Zeit ca. 800 – 1100 im arabisch-islamischen Reich. Parallel verzeicnen wir einen wirklich dramatischen Niedergang der Gesellschaft unter der römischen Papstkirche bis sich die Zivilgesellschaft von diesem Einfluß ab ca. 1200 schrittweise und mühsam im Laufe von ca. 600Jahren befeien konnte.

Für einen Überblick zu allen Blogeinträgen nach Titeln siehe HIER.