MURAKAMI-1Q84-Roman, Kurzbesprechung

Letzte Änderung: 4.Juni 2013

H.MURAKAMI, „1Q84„, Roman, Transl.from the Japanese by J.Rubin and P.Gabriel, New York: Vintage Books. International edition 2012 (Japanisch: 2009-2010)


DAS BUCH

1) Ich lese sehr selten Romane, aber jetzt habe ich mal wieder einen gelesen: „1Q84“ von Haruki Murakami (wie in der englischen Wikipedia nachzulesen ist steht das ‚Q‘ in ‚1Q84‘ im Japanischen oft für die ‚9‘; also heisst der Titel eigentlich ‚1984‘ und ist damit eine Anspielung auf die berühmte gleichnamige Novelle von George Orwell). ‚1Q84‘ spielt auch im Jahr 1984.
2) Da ich kein Japanisch kann, habe ich die englische Übersetzung gelesen. Dies hat natürlich zur Folge, dass ich nichts über die Sprache des Romans sagen kann. Wenn man bedenkt, dass Romane sich sehr stark über die Sprache definieren ist dies natürlich eine gewaltige Einschränkung. Es fehlt irgendwie das ‚Herz‘, die ‚Seele‘ des Romans. Was die englische Übersetzung angeht, so ist auch dies natürlich nicht meine Muttersprache und ich kann nur bemerken, dass sich der englische Text sehr flüssig liest. Ich empfand den Text als angenehm, was aber nicht allzuviel sagt, da meine Englischkenntnisse minimal sind.

STRUKTUREN

3) In meiner englischen Taschenbuchausgabe mit Bd.1-3 erstreckt sich der Roman über 1157 Seiten. Er ist in kleine Kapitel unterteilt, die sich jeweils um eine Person zentrieren. Dies hat zur Folge, dass Ereignisse, die parallel ablaufen, aufrund der unterschiedlichen Perspektiven oft hintereinander angeordnet werden, was zu unnatürlichen ‚Verschiebungen im Kopf‘ führen kann.
4) Es sind etwa neun Personen, die die Haupthandlung im wesentlichen tragen, darunter drei Frauen. Daneben tauchen fallweise einige andere Personen auf, die sehr wohl mehrere Kapitel bevölkern können. Alles spielt im Jahr 1984, hauptsächlich in Tokyo. Doch bleibt sowohl die Zeit als auch die Stadt weitgehend unwirklich, blass. Die einzelnen Personen erscheinen wie kleine ‚Gucklöcher‘ in Zimmern, Bars, Strassen, Häuser, Verkehrsmittel.

ERZÄHLPERSPEKTIVE

5) Durch diese strikte 1-Personen-Perspektive schleppt sich das Geschehen sehr langsam dahin. Ausführliche, detaillierte Beschreibungen der Situationen, Handlungen, subjektiven Zustände dieser Personen wirken wie ‚Zeitlupenaufnahmen‘, die ein beschauliches, abwartendes Lesen verlangen. Aufkeimende wilde Vermutungen können dann leicht störend, quälend wirken.
6) Phänomenologisch nah am Alltag, am unmittelbaren Erleben, streut der Autor viele philosophisch anmutende Reflexionen ein, die die Selbstverständlichkeit des Alltags verunsichern, in Frage stellen.
7) Wenn im Roman von Musik die Rede ist, dann von klassischer Musik; allerdings eher abstrakt. Eine große Rolle spielt ein gesunder Körper und gutes Essen, selber kochen. Die Hauptpersonen sind alle auf irgendeine Weise gesellschaftliche ‚Außenseiter‘ (z.B. durch ihre Kindheit, durch ihre Lebensgeschichte, durch ihre Berufe). Sie sind isolierte einzelne, völlig unpolitisch.

VOM ENDE HER GEFRAGT

8) Also, wozu diese aufwendige Schreibarbeit von 1157 Seiten? Blickt man gleich aufs Ende dann erscheint dies (sieht man von der sprachlichen Hülle einmal ab) wie ein billiges Bollywood-Liebes-Happyend: eine Sie-1 und ein Er-1 finden sich nach gut 20 Jahren als Traumpaar wieder, das seit der Grundschulzeit umeinander wusste, das immer unerfüllt war, und dann, nach und unter turbulenten Umständen zueinander finden konnte. Ein Paar, isoliert, einsam, nur für sich, viel Geld, unter dem Mond, in einer Hotelsuite, ‚glücklich‘. Nichts gegen Verliebtheit; es ist etwas wunderschönes, zauberhaftes, aber als Antwort auf ein fast weltbedrohliches Geschehen, mit Verbrechen, Toten, sinistren Organisationen, ein bisschen enttäuschend.
9) Daran ändert sich nicht viel, wenn man als Rahmenhandlung einbezieht, dass Sie-1 schwanger ist ohne direkte Einwirkung von ihrem Geliebten Er-1 und Er-1 zum Zeitpunkt der Befruchtung an einem anderen Ort sich in einem sexuellen Akt mit einem anderen weiblichen Wesen Sie-2 befand, deren Status bis zum Ende des Romans im Unklaren bleibt. Sie-2 sah aus wie eine junge Frau von 17 Jahren, konnte aber den Samen von Ihm Er-1 auf nicht erklärte Weise in die Vagina von ihr Sie-1 transportieren, ohne das Sie-1 sich in einem sexuellen Akt befand. Die Idee als solche ist originell (so eine Art ‚Fernbefruchtung‘) und mit Blick auf die immer ‚moderneren‘ Befruchtungsmethoden heutzutage nicht ganz so abwegig, aber in dem Roman kommt es ein wenig ‚magisch-mystisch‘ daher (das Thema ‚Empfängnis ohne direkte Einwirkung eines Mannes‘ findet sich in vielen Religionen und Märchen; normalerweise soll es die ‚Besonderheit‘ des Kindes unterstreichen).
10) Diese magische ‚Fernbefruchtung‘ ist eingebettet in eine komplexe Rahmengeschichte, in der eben dieses ‚ontologisch-unklare‘ Sie-2 eine Geschichte erzählt, die vom Er-1 literarisch aufpoliert wird und dann zum Bestseller mutiert. Was für viele nur eine ‚interessante Novelle‘ ist, entpuppt sich dann aber als die Beschreibung von scheinbar realen Vorgängen einer ‚besonderen Art‘ die sich nicht in der normalen Welt des Jahres 1984 abspielen, sondern in einer magischen Parallelwelt 1Q84, in der der Mond eine ‚Tochter‘ in Form eines kleinen grünen Mondes bekommen hat. In welcher der beiden Welten man sich befindet erkennt man an der Sichtbarkeit – oder Unsichtbarkeit – dieser beiden Monde.
11) Die Quelle für diese Novelle ist die Sie-2, ein 17 jähriger Teenager, der die Tochter eines Mannes ist, der nach und nach als der geistliche Führer einer religiösen Vereinigung enthüllt wird, und die mit 10 Jahren aus dieser religiösen Vereinigung geflohen war, zu einem alten Freund des geistlichen Führers.
12) Die Novelle selbst – genannt ‚Air Chrysalis‘ – erzählt die Erlebnisse von Sie-2 mit sonderbaren Wesen (‚kleine Menschen‘, ‚little People‘), die in die Welt treten können, dort Kopien von Menschen erzeugen können, die als ‚Wahrnehmende‘ (‚perceiver‘) für besondere Stimmen dienen, die wiederum speziellen Menschen, den ‚Empfängern‘ etwas sagen, das diese dann umsetzen können. Das Ganze verbunden mit speziellen sexuellen Praktiken, wo die Wahrnehmenden (deren Gestalt denen von kleinen 10-jährigen Mädchen ähnelt) mit den Empfängern (im Roman ein Mann, der geistliche Führer), sexuellen Verkehr gegen den Willen dieses Mannes haben. Bis zum Ende des Romans bleibt offen, wie man das genau zu verstehen hat, welche Art von Erkenntnissen hier vermittelt werden, was davon in der erzählten geistlichen Gemeinschaft tatsächlich passiert; welche Rolle letztlich Sie-2 spielt.
13) Während nun also im Roman der Vater von Sie-2, der geistliche Führer, Teil solcher sexuellen Praktiken ist und ‚Stimmen hören kann‘, was bei ihm zu unendlichen körperlichen Schmerzen führen soll, Soll Sie-1 diesen geistlichen Führer umbringen (auf seinen eigenen Wunsch hin) und wird im selben Augenblick ‚befruchtet‘, als Sie den geistlichen Führer umbringt (‚Tod auf Verlangen‘). Ob Sie-1 damit zu Mutter eines Wesens wird, das dann auch eine ‚Wahrnehmerin‘ ist, bleibt bis zum Ende offen. Ebenso ob Er-1, ihr neuer Lebenspartner, zu einem neuen ‚Empfänger‘ wird. Verschiedene Formulierungen deuten an, dass Sie-1 und Er-1 eher ein Antimittel gegen die ‚kleinen Menschen‘ und die Parallelwelt ‚1Q84‘ sind.
14) Der Roman endet dann auch damit, dass Sie-1 einen Weg findet, die Parallelwelt 1Q84 wieder zu verlassen.

EINSCHÄTZUNGEN

15) Der inhaltliche Kern des Romans wirkt ziemlich obskur, repräsentiert eine dekonstruktive Fiktionalität, d.h. eine solche, die wenig hilft, die Unerschöpflichkeit unserer realen Welt ein Stück weiter zu erhellen. Eher dient der Roman dazu, mögliche Sichten in das wahre Geheimnis unserer Welt zu verstellen mittels vieler Attrappen, verwirrender Traumbildern, Zerrbildern im Gewandte von Realitäten. Gemessen an der unfassbaren Dynamik und Komplexität der realen Welt wirken die Konstruktionen des Romans sehr simpel, sehr bieder, wenig fantasievoll, sehr bürgerlich.
16) Trotz allem, ich habe den Roman vollständig gelesen, bis zum Ende. Die Kraft der Beschreibung hält durchweg ein gewisses Interesse, eine gewisse Spannung wach und das, was sich in der obigen inhaltlichen Rekonstruktion als so wenig attraktiv darstellt, ist im Erzählfluss so gut verpackt, dass man durch das vordergründige Geschehen so mitgenommen ist, dass einem die Fragwürdigkeit des Inhalts nur erst sehr langsam und sehr spät klar wird.

ERWARTUNGEN AN EINEN ROMAN

17) Sind Romane also nur ‚Wortspiele‘, deren Inhalt egal ist? Geht es nur um ‚Effekte‘ und nicht auch um ‚Wahrheit‘? Lässt man die speziellen Rahmenkonstrukte außer Acht wirken die Schilderungen der einzelnen Figuren auf vielen Strecken schon interessant. Es sind einzelne Blitzlichter hinein in das Dunkel einer anderen Kultur. Doch als Nicht-Japaner kann man natürlich nicht beurteilen, ob die geschilderten Personen tatsächlich etwas über Realitäten in Japan verraten oder nur eine fiktive Scheinwelt beschreiben. Wenn ich sehe, wie unendlich schwer es ist, in unserer komplexen Welt ‚brauchbare Wahrheiten‘ zu gewinnen, jene Sichten, die wir zum Leben und Überleben benötigen, dann tendiere ich dazu, die Produktion von ‚Fiktionen‘, die die Verwirrungen nur noch zu vergrößern scheinen, für problematisch zu halten. Aber natürlich, wer will bzw. kann sich hier zu einem ‚Richter‘ aufwerfen?
18) Das einzig wahre Wunder bleibt das Leben selbst, das niemand von uns gewollt und geplant hat, was aber dennoch passiert, mit ungeheurer Wucht, von dem wir ein Teil sind; schlechte Romane werden es letztlich nicht aufhalten….:-)

NACHTRAG: EINZELNER UND KONTEXT
HÖLLE UND PARADIES

19) Nach Abschluss der Kurzbesprechung kam mir am folgenden Tage doch noch ein Gedanke, möglicherweise inspiriert durch ein langes Telefonat mit meinem Freund, dem Physiker M.W.; in diesem Telefonat ging es um Strukturbildungen in der Natur.
20) Betrachtet man die Hauptpersonen im Roman, insbesondere den Vater von ER-1, dann fällt auf, dass die tatsächliche Biographie der Personen ein Ergebnis von mindestens zwei Faktorenkomplexen ist: (i) die individuellen Veranlagungen und (ii) der individuelle ‚Kontext‘. Während die individuelle Veranlagung zum großen Teil genetisch vorgegeben ist, ist der Kontext eine variable Größe die man weiter differenzieren könnte.
21) Kontext besteht aus vielen dynamischen Aspekten: familiäre und freundschaftliche Beziehungen, Ausbildungssituationen, Arbeitssituationen, Freizeitsituationen, Wohnumfeld, übergreifende wirtschaftliche Situation, übergreifende Rechtssituation, übergreifende politische Situation, internationale Situation, usw. Ein einzelner kann diese Kontexte nur bedingt mitgestalten. Dort, wo er die Kontexte nicht mitgestalten kann, erscheinen diese als ’naturgegeben‘, als ‚Schicksal‘.
22) An der Person des Vaters einer der Hauptfiguren, Er-1, wird dies besonders gut illustriert: In seiner Jugend hin und her geworfen durch eine schwierige wirtschaftliche Situation, kaum Arbeitsmöglichkeiten, verschlagen ins Ausland, Krieg, nach Rückkehr durch glücklichen Umstand Gebühreneintreiber für den staatlichen Rundfunk, von seiner Frau verlassen, zurück mit einem Sohn, der möglicherweise gar nicht von ihm selbst ist, er zieht ihn auf mit harten Anforderungen. Der Kontext wirkt ‚mächtig‘, so, als ob er dem einzelnen keine Chance lässt; der einzelne erscheint wie ein ‚Spielball‘ von Kräften, auf die er selbst keinen Einfluss hat. Der Vater gehört zur ‚Kriegsgeneration‘.
23) Die Kinder der Kriegsgeneration (z.B. die Hauptpersonen Er-1, Sie-1) haben mehr Möglichkeiten: bessere Schulen, mehr Arbeitsmöglichkeiten, mehr Rechte, mehr Verkehr, Kommunikation, besseres Einkaufen, usw. aber auch sie haben Kontexte, die nicht beliebig sind: ihre Familien, die Schulen, die Freunde. Familien können ‚hart‘ sein, ‚ideologisch‘ verbrämt, gefühlskalt; Schulen können in der Gemeinschaft der Schüler die Bildung von ‚Außenseitern‘ begünstigen, Mobbing ermöglichen, können junge Menschen in Rollen drängen, die für sie eigentlich nicht passen, die ihnen aber so aufgedrängt werden. Der ‚Mainstream‘ rekrutiert sich auf diese Weise selber. Die hervorgebrachten ‚Außenseiter‘ sind dann entweder die ‚Versager‘, weil sie nicht so sind, wie die meisten, oder werden die ‚Helden‘, die durch ihr Anderssein etwas schaffen, was für alle gut ist, das der Mainstream-Masse lange verborgen blieb. Die Außenseiter als ein Moment des gesellschaftlich Irrationalen, als soziale Kreativität, aus der das Neue wächst.
24) Betrachtet man nur die Personen im Roman mit ihren ausführlichen Schilderungen (aktuellen Wahrnehmungen, Gefühlen, Motiven; Kontexte; Entstehungsprozess…), dann liegt hier ohne Zweifel eine Stärke des Romans, sein ‚Charme‘, seine punktuelle Faszination. Die Menschen kommen gut rüber (was nicht heißt, dass alles geschilderte Verhalten psychologisch plausibel erscheint).
25) Interessant wird es dort, wo das Verhältnis dieser Personen zu ihrem Kontext zum tragen kommt. Keine der Personen erweckt den Eindruck, dass sie sich mit ihrem Kontext gedanklich oder handlungsmäßig auseinandersetzt. Alle ’nehmen‘ den Kontext irgendwie ‚hin‘; der Kontext erscheint wie ’naturgegeben‘, ‚unausweichlich‘. In diesem Punkt wirken alle Personen ‚apathisch‘, ‚gedankenlos‘, ‚unpolitisch‘, ’seinsvergessen‘.
26) In einer Welt, in der die handelnden Einzelnen in einer solch radikalen Weise apathisch-unpolitisch-seinsvergessen leben, in einer solchen Welt kann eine ‚Erlösung‘ nur durch ‚magische Kräfte‘ statt haben. Wenn die Menschen als primär Handelnde den Glauben an ihre Handlungskraft verloren haben, dann bleibt nur der diffuse Glaube an ‚magische Kräfte‘, die die aktuellen Kontexte zumindest punktuell (Beispiel ‚Fernbefruchtung‘) überwinden und damit bestimmten Individuen Erlösungen zuteil werden zu lassen, die ihnen ohne diese Magie unmöglich erschien; man würde ja noch nicht einmal daran denken.
27) Und das ist, was im Roman 1Q84 geschieht: die Menschen, die in ihren Kontexten wie ‚Ausgelieferte‘ geschildert werden, individuell im Alltag Gestrandete, wie Fische, die das Meer ans Ufer gespült hat und die dort nach Luft schnappen, diese Menschen haben keine wirklichen Hoffnungen. Anstatt ihren Verstand, ihre Kommunikation, ihre Beziehungsfähigkeiten für Kontextgestaltungen zu nutzen spielt der Roman mit magischen Elementen, die letztlich das eine Schicksal durch ein anderes Schicksal ersetzen.
28) Obwohl, es gibt ‚Handelnde‘ in dem Roman. Hauptfigur Sie-3, eine reiche Witwe, die geschundenen Frauen hilft, bisweilen auch durch illegale Tötung von Männern, die Frauen durch ihre sadistische Art in den Tod getrieben haben. Hauptfigur Sie-1 hilft ihr dabei. Aber diese Extremform von Handeln passt ins Schema der umfassenden Apathie: nur wenn man den umfassenden Zusammenhang als ‚unüberwindlich‘ ansieht, als ’nicht gestaltbar‘, nur dann macht es Sinn zu solchen Methoden zu greifen.
29) Blickt man geschichtlich zurück, dann waren die Beispiele der Vergangenheit für ‚hoffnungslose‘ Gesellschaften etwa ‚absolutistisch-dogmatische‘ Gesellschaften, in denen wenige Alles durften und die Vielen so gut wie gar nichts; das Ganze festgezurrt in ein Weltbild, in dem alles geregelt war.
30) Japan gilt als ‚demokratische‘ Gesellschaft mit hohem Ausbildungsniveau. Idealerweise sind demokratische Gesellschaften ‚dynamisch‘, ‚durchlässig‘, sensibel für Gestaltungswillen, in einem offenen, transparenten, dynamischen Weltbild.
31) Was wir aber generell in demokratisch-industriell-wissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können – nicht nur in Japan –, ist die Tatsache, dass die rasante Zunahme der Komplexität in diesen Gesellschaften dazu führt, dass die Mitglieder dieser Gesellschaften – also letztlich jeder einzelne, wir – an dieser Komplexität zu scheitern drohen. Formal können wir mitgestalten, real reicht das Wissen, reichen die Kräfte nicht aus, diese Mitgestaltungsmöglichkeiten entsprechend zu nutzen; erst recht nicht dann, wenn die ‚Macher‘ die Mitgestaltungsmöglichkeiten ’sabotieren‘. Dann kann eine demokratisch-industrielle-wissenschaftliche Gesellschaft faktisch wie eine absolutistisch-dogmatische Gesellschaft erscheinen.
32) Der Sinnbedarf des einzelnen wird durch solch eine ‚unüberwindlich erscheinende‘ Gesellschaft kaum noch ‚befriedigt‘. Da reale Revolutionen sehr anstrengend sind erscheint das Ausbrechen in Fantasie, Märchen, Magie, Träume, Spiele, und Drogen naheliegend.
33) Wenn der Roman 1Q84 sich so versteht, dass er das Scheitern des Individuums an der zunehmenden Komplexität des Kontextes durch Einführung von irrrationaler Magie als Zustand beschreiben will, könnte ich ihm ein Minimum an Rationalität abgewinnen.
34) Ich zweifele aber, ob das wirklich die Intention des Romans ist. Momentan neige ich eher der Interpretation zu, dass der Roman genau dieses gesamtgesellschaftliche Hilflosigkeitsphänomen mit seinen zunehmenden irrationalen ‚Fluchten‘ widerspiegelt und auf dieser Welle bewusst ‚reitet‘. Weil das ‚chic‘ ist, ‚in‘ ist, wird hier die magische Karte gespielt, weil dies kommerziell lukrativ ist. Die Leser mögen dies, weil sie ja alle in diesem gleichen Boot sitzen und alle an dieser umfassenden Sinnkrankheit leiden.
35) Allerdings, wie würde ein Roman aussehen, der nicht dem allgemeinen Zug der Lemminge folgt, sondern seine sprachliche-epische Kraft der konstruktiven Auseinandersetzung widmen würde? Kann es solch einen Roman geben? Kann es ‚konstruktive Fiktionalität‘ geben? Wie kann ein einzelner Mensch etwas wissen, was so viele nicht wissen? Oder ist es so, dass in jeder Zeit viele Menschen Dinge ‚ahnen‘ können, ohne dass sie in er Lage sind, dies adäquat auszudrücken und dass es dann die eine oder den anderen gibt, die/der die Begabung besitzt, diese ‚Ahnung der Vielen‘ in ein Romanereignis so umzusetzen, dass es allen ein Stückchen weiterhilft?
36) 1Q84 spielt für mich im Vorhof der Hölle, um ein Bild zu benutzen. Wer findet den Eingang zum Paradies?

Eine Übersicht über alle bisherigen Beiträge nach Titeln findet sich HIER.

ANTI-KLASSISCHE MUSIK …

Wie erwähnt wird im Rman 1Q84 Musik erwähnt, aber nur ‚klassische‘ Musik….Nichts gegen klassische Musik, aber wer Musik verstehen will, sollte sich auch mit anderen Formen von Musik, mit Grenzfällen beschäftigen. Ich experimentiere seit Jahren mit Grenzfällen. Hier zwei von über 400 musikalischen Experimenten (bitte unbedingt sehr gute Kopfhörer oder Latsprecher benutzen, sonst sind viele Klänge nicht hörbar):

Dauer: ca. 10 min:
Another Pattern-Cloud Experiment…(++++)(100%RUM). Still I am experimenting with structures. In this case I have recorded several midi-clips as ‚building blocks‘, some pattern, in advance, and then I have recorded several tracks by using these patterns. This generates a dynamic ‚pattern-cloud‘. It is too regular to be called ‚anarchistic‘, but not regular enough to be ’normal‘ music. It’s something in between (but what is ’normal‘ music today?). I am planning to use this piece now as starting point for some further experiments

Dauer: ca. 30 min: Anarchistic Symphony – A lonely Piano surrounded by many weird Sounds.(RUM 100%) While trying another sound library from ableton I compiled more than 14 different sound sources as a context against which I finally have played the keys of a piano. It is another exercise in exloring new sounds, playing a little bit with structures.

MENSCHWERDUNG GOTTES – UND WIR – Teil 2

(Letzte Änderung im Anhang: 9.Jan.2013)

  1. In meinem Blog vom 24.Dez.2012 (siehe: http://www.cognitiveagent.org/2012/12/24/weihnachten-2012-menschwerdung-gottes-und-wir/ ) — etwa ab Nr.11 – habe ich versucht jene Eckwerte zu benennen, die aus heutiger Sicht gelten, wenn wir über die mögliche Beziehung eines jeden Menschen (letztlich von jedem Lebewesen, von jedem Materiellen, von allem in diesem Universum) zu Dem-mit-‚Gott‘-Gemeinten nachdenken. Ich möchte dabei nochmals betonen, dass ich diesen Eintrag am 24.Dez. spontan geschrieben habe; ich hatte nicht vor, dazu etwas zu schreiben. Aber dann habe ich es irgendwie doch getan und bin selbst ein wenig überrascht von dem, was dabei ‚zutage‘ getreten ist…
  2. Das Problem mit diesem Blogeintrag vom 24.Dez.2012 ist, dass diese Gedanken, sofern sie ‚wahr‘ sind, eigentlich ‚über sich‘ hinaus weisen in dem Sinne, das jeder Mensch, jeder Zeit, überall, mit Gott in unmittelbarer Beziehung steht und diese Beziehung individuell persönlich jederzeit nutzen und ausgestalten kann (ein Gedanke, der sich sowohl im alten Testament (Ursprache Hebräisch mit frühen Übersetzungen u.a. ins Lateinische und Griechische) an vielen Stellen findet (u.a. Propheten Jeremiah und Jesajah) wie auch im Neuen Testament (Jesus ’selbst‘ (mit einer letzten Unsicherheit immer, da bei keinem Text sicher ist, wieweit er auf Jesus selbst zurückgeht) wie auch die Bilder von der ‚Geistaussendung‘ nach dem Tod Jesu wie auch u.a. der berichteten Gotteserfahrung des Saulus, ebenfalls nach dem Tod Jesu, die ihn dazu brachte, sein Leben zu ändern). (Anmerkung: während Jesus eher Aramäisch/ Hebräisch gesprochen haben soll, ist der Urtext des Neuen Testaments das damalige Umgangsgriechisch (Koine). Allein schon aus diesem Sachverhalt ergibt sich, dass zwischen den Worten Jesu und den unbekannten Autoren des griechischen Textes verschiedene Übersetzungs- und damit Interpretationsprozesse stattgefunden haben müssen).
  3. Jetzt kann man sich spontan fragen, na und, wenn das so ist, warum kann ich dann nicht direkt mit Dem-mit-‚Gott‘-Gemeinten sprechen? Diese Frage haben sich in der Vergangenheit schon sehr viele Menschen gestellt, viele viele Tausend, und nicht wenige viele viele Tausend haben von sich gesagt, dass Sie in ihrem Leben etwas erfahren haben, was sie als ‚Erfahrung mit Gott‘ bezeichnen würden. Man denke z.B. nur an das wunderbare Buch des berühmten Psychologen William James (1842-1910) The Varieties of Religious Experience, in dem er versucht, die historischen Berichte von Menschen über ihre Gotteserfahrung so ‚empirisch wie möglich‘ zu rekonstruieren. Aber seit dem Tod Jesu (von entprechenden Erfahrungen außerhalb der christlichen Religion(en) gar nicht zu reden) gab es unfassbar viele Menschen, die solches erfahren und berichtet haben. Besonders gut dokumentiert sind natürlich die Erfahrungen jener Männer und Frauen, die durch das, was sie ihre Erfahrung mit Dem-mit-‚Gott‘-Gemeinten nennen, dann ihr Leben soweit geändert haben, dass dies für ihre Umgebung ’sichtbar‘ und erfahrbar wurde. Unter diesen ragen dann nochmals besonders jene hervor, die durch ihre veränderte Lebensweise andere Menschen so beeindruckt haben, dass Sie ‚religiöse Lebensgemeinschaften‘ gebildet haben, auch solche, die dann innerhalb der Kirchen ‚offiziell anerkannt‘ wurden als solche religiöse Lebensgemeinschaften, kurz ‚Orden‘ genannt (ich selbst war einmal 22 Jahre Mitglied eines solchen Ordens).
  4. Klingt das nicht wunderbar: viele, viele tausend Menschen erfahren etwas, das sie mit Dem-mit-‚Gott‘-Gemeinten in Verbindung bringen, gestalten ihr Leben daraufhin merklich neu, manchmal sehr radikal, um ein ‚Zeichen‘ zu setzen? Sie initiieren neue sozial Strukturen in Form neuer Lebensgemeinschaften, die z.T. nicht nur Generationen, sondern sogar Jahrhunderte überdauern, quer zu sozialen Schichten, quer zu Nationalitäten. Ja, in gewisser Weise ist es wunderbar, geradezu unfassbar: z.T. entgegen herrschenden gesellschaftlichen Regeln ohne Rücksicht auf ‚übliche‘ gesellschaftliche ‚Würden‘, ohne Rücksicht auf soziale Absicherung usw. haben religiöse Menschen in der Vergangenheit ihren Alltag, ihre Zeit gestalterisch gelebt.
  5. Bei aller Begeisterung muss man aber auch hier nüchtern bleiben und feststellen, neben vielen wunderbaren Beispielen gab und gibt es auch die Beispiele, bei denen man den Eindruck hat, dass es bei dieser Art ‚religiöser Lebensgestaltung‘ um alles andere geht als um eine Lebensführung, die in einer lebendigen Beziehung mit Dem-mit-‚Gott‘-Gemeinten steht, d.h. ‚Verirrung‘ und ‚Missbrauch‘ sind auch hier niemals gänzlich ausgeschlossen; nur weil einer eine religiöse Beziehung leben will heißt dies natürlich nicht automatisch, dass er dies auch tatsächlich kann. Warum eigentlich nicht? Ist Das-mit-‚Gott‘-Gemeinte nicht per se so ‚allmächtig‘, dass dann ‚alles geht‘, dass dann ‚alles erkannt wird‘, dass man dann nur noch ‚gut‘ ist?
  6. Hier nähern wir uns dem zentralen Punkt einer ‚Lebensführung‘, die vollständig aus einer Beziehung zu Dem-mit-‚Gott‘-Gemeinten geschehen soll.
  7. Auch wenn wir nach dem heutigen Wissensstand sagen können, dass die Lebensform des homo sapiens sapiens als Teil eines umfassend gigantischen Komplexes genannt ‚Leben‘ mit zu den absolut unglaublichsten Erscheinungen gehört, von denen wir im bekannten Universum bislang Kenntnis erlangt haben, so wissen wir auch, dass dieser homo sapiens sapiens, als jeder von uns, die wir uns Menschen nennen, in seiner konkreten leiblichen Existenz einer Reihe von materiellen Bedingungen unterworfen ist, die die Art und Weise festlegen, wie wir wahrnehmen, erinnern und denken können, welche körperlichen Bedürfnisse wir haben, welche emotionalen Zustände wir empfinden können, wie wir mittels Sprache (= Symbolen) uns mitteilen können, usw. Mit diesem konkreten Körper, so wie er jetzt ist (im Rahmen der Evolution und den neuen Möglichkeiten der Gentechnologie aber nicht sein muss und sich zwangsläufig weiter verändern wird), gibt es ganz klar Dinge, wie wir aktuell können, vor allem aber auch, die wir aktuell NICHT können.
  8. Wenn jemand also glaubt, dass Das-mit-‚Gott‘-Gemeinte Teile dieser aktuellen konkreten Struktur außer Kraft setzen würde, der irrt. Warum sollte Das-mit-‚Gott‘-Gemeinte dies tun nachdem – bleiben wir in diesem Bild – es/ er/ sie sich ca. 13.6 Mrd Jahre Zeit genommen hat, um dieses unglaubliche Wunderwerk Leben und darin den homo sapiens sapiens so ‚enstehen‘ zu lassen, wie er nun mal entstanden ist. Bedenkt man das (letztlich alle Vorstellungen sprengende) Potential, das notwendig sein musste, damit das bekannte Universum entstehen konnte, dann wäre es ‚im Prinzip‘ natürlich ein Leichtes, in jedem Moment alles ‚zu verändern‘. Doch, warum sollte dies geschehen. Der ‚Sinn‘ des Ganzen – sofern es überhaupt einen Sinn gibt – liegt ja gerade in dieser Konkretheit des Gewordenen, darin, wie es ‚ist‘, etwas , das uns die sogenannten Naturwissenschaften in den letzten 100 – 500 Jahren mühevoll, schrittweise, aufzeigen konnten (wobei dieser Prozess sicher noch nicht an seinem Ende angekommen ist).
  9. Der Hang zur Wundergläubigkeit bis hin zu allen möglichen Spielarten von sogenannter Magie – auffindbar zu allen Zeiten, quer zu allen Kulturen, auch in den Religionen — entspringt kindlichen Machtfantasien gepaart mit einer gehörigen Portion Unwissenheit, mit denen Menschen gerne ihre scheinbare Kleinheit und Hilflosigkeit im Alltag vergessen machen möchten. Es ist wie eine Art ‚kognitiver Droge‘. Letztlich verdunkeln solche Gedanken aber die Erkenntnis dessen was wirklich ist. Und das, was ‚wirklich‘ ist, enthält real mehr und größere Wunder als alles, was wir uns gewöhnlich so vorzustellen vermögen (verglichen damit selbst die wildestens Wunder-, Magie- und Horrorgeschichten wirklich nur ‚Kinderkram‘ sind).
  10. Also, wir, Exemplare der Art homo sapiens mit der Unterart homo sapiens sapiens, sind während unseres körperlichen Daseins sehr konkreten Bedingungen unterworfen, die aus einem Prozess hervorgegangen sind, der nach heutigem Erkenntnisstand ca. 13.6 Milliarden Jahre gedauert hat. Nimmt man an, dass dies alles einem ‚göttlichen Plan‘ entspricht (man muss dies nicht annehmen, aber wir tun jetzt mal so, als ob es so wäre), dann muss man akzeptieren, dass es genau diese ‚Konkretheit‘ ist, in und durch die sich ‚etwas aussagen kann‘ (sofern überhaupt etwas ausgesagt werden soll). In religiösen Termini würde man hier von einer möglichen ‚Offenbarung‘ (lat.: ‚revelatio‘) sprechen, nämlich einer Art ‚Sichtbarwerdung‘ von Strukturen, Sachverhalten, die vor dieser Sichtbarwerdung einfach nicht bekannt waren, und deren Sichtbarwerdung dem menschlichen Erkennen und Wollen vorausgeht. In unserem menschlichen Erkennen finden wir dies alles vor, einschließlich unserer selbst. Allerdings, und das haben wir in den letzten paar tausend Jahre mühsam gelernt (bzw. konnten wir lernen), ist der Prozess als solcher eine Sache, unsere Kenntnisnahme von diesem Prozess bzw. unser Verstehen dessen, was man zur Kenntnis nehmen kann, war bislang sehr langsam, eher mühsam, schleppend. Vielleicht kann man sagen, dass er sich in den letzten 100 bzw. 50 Jahren ‚beschleunigt‘ hat. Auf jeden Fall ist das Hauptproblem – soweit wir heute erkennen können – nicht der ‚Mangel‘ an Wahrheit in Form von sich ereignenden Prozessen von schier unfassbaren Eigenschaften, sondern unsere Schwachheit und Unfähigkeit das, was sich ereignet, ‚zur Kenntnis‘ zu nehmen. Wir sind die meiste Zeit entweder mit ‚Überlebensfragen‘ beschäftigt oder ‚mit uns selbst‘ und haben kaum bis gar keine Zeit, um unsere Fähigkeit zu ‚Wissen‘, zu ‚Verstehen‘ und dieses Wissen ‚praktisch zu nutzen‘ zu entwickeln. D.h. wir paralysieren uns selbst.
  11. Bislang war es so, dass alles, einschließlich uns selbst, entstanden ist, ohne dass wir – bildlich gesprochen – den kleinsten Finger dafür krumm gemacht hätten. Dies ging nicht ohne große Dramen ab, verglichen mit denen die Katastrophen der letzten paar tausend Jahre winzig erscheinen. Dennoch scheint der Prozess des Lebens im Universum eine neue Qualität dahingehend gewonnen zu haben, dass dieser Prozess mit dem homo sapiens sapiens eine Spezies hervorgebracht hat, die nicht nur erstmalig ’sich selbst‘ in einem kleinen Umfang verstehen kann, sondern mit dem aktuell möglichen begrenzten Verstand immerhin so viele Kräfte der Natur nutzen und verändern kann, dass eine Auslöschung des gesamten Lebens prinzipiell nicht mehr unmöglich ist. Ein wichtiger Bestandteil des Universums – nach heutigem Kenntnisstand – wäre damit zerstört. Damit bekommt die aktuelle ‚Geistigkeit‘ der Spezies homo sapiens sapiens eine neue Qualität: das ‚Mehr‘ an ‚Migestaltungsmöglichkeiten‘ zieht ein ‚Mehr‘ an ‚Verantwortung‘ nach sich. Dabei geht es niemals nur um einen einzelnen. Es geht immer um das ‚Ganze‘ des Lebens. Aus Sicht des einzelnen mag dies Ganze oft so ‚unwirklich‘ erscheinen, aber jeder einzelne existiert in einem umfassenden Sinne nur und ausschließlich weil es dieses Ganze gibt, von dem er in jedem Augenblick zu 99,9999… % abhängig ist. All sogenannten Ethiken, Moralvorstellungen, Gesetze und dergleichen, die dies nicht artikulieren, sind im Ansatz schlicht und einfach falsch. Sie widersprechen diametral der grundlegenden Wahrheit des Lebens.
  12. … eigentlich noch nicht zu Ende ..

Einen Überblick über alle bisherige Blogeinträge nach Themen findet sich HIER

Hier als Anhang ein musikalisches Fragment aus meinen Experimenten: Sternenzeit . ‚Im Kopf‘ soll der Song eigentlich anders klingen. Mir fehlen aber schlicht die Mittel, das so umzusetzen wie ‚gedacht‘. Habe zumindest mal die Idee festgehalten, ein Fragment. Es geht um das Leben in diesem Universum, das von der Sternenzeit geprägt ist, aber in dieser scheinbaren Undendlichkeit ist mit dem Leben etwas sichtbar geworden, etwas aufgebrochen, was eigentlich alles Bisherige sprengt. Dies zu verstehen, dies auszudrücken, da mangelt es bislang überall an Mittel, an Ausdruck, vielleicht sogar am vorauseilenden Verstehen, und sei es noch so intuitiv. Es geht hier um mehr als ‚Romantik‘, ‚Naturglückseligkeit‘, es geht um das ‚Herz der Materie‘, ‚um den Atem des Geistes im gesamten Universum‘, um ein unvorstellbares Ereignis jenseits aller Kategorien, eine ‚pure Singularität‘. Kurzweil und Co räsonnieren über einen speziellen Fall von Singularität, einen, der viele logische Löcher aufweist; tatsächlich haben wir aber schon längst einen Fall von Sigularität unvorstellbaren Ausmasses, eine Singularität, von der wir alle ein Teil sind, ein lebendiger Teil, ein reales Daseiendes, Mitwirkendes in einem realen kosmischen Netz. Denken kann man es kaum; ahnen irgendwo, irgendwie; fühlen…???

SCHAFFEN WIR DEN NÄCHSTEN LEVEL? Oder ÜBERWINDEN WIR DEN STATUS DER MONADEN?

COMPUTERSPIEL

 

(1) In Computerspielen müssen die Spieler in der Regel Aufgaben lösen, für die sie dann irgendwie ‚belohnt‘ werden (Tierdressur funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip…). Meist gibt es dann verschiedene ‚Level‘ die man aufgrund der spielerischen Leistungen erreichen kann (Punktezahlen, ein vergleichender Rang mit anderen, mehr Handlungsmöglichkeiten, …). Zugleich werden die Aufgaben ’schwieriger‘, umfassender, ‚bedeutsamer‘. Und wenn es kein expliziter ‚Level‘ ist, dann ist es ein ‚quantifizierbarer‘ Zustand (mehr Einwohner, mehr Waffen, mehr Land, ….). Für die Spieler ist ihre Spielwelt ‚real‘, sind die durch das Spielen ausgelösten Erlebnisse ‚real‘. Wenn ich über die Kopfhörer (oder die HiFi-Anlage) die Geräusche der Spielwelt höre, die Gespräche anderer Spielteilnehmer, ich in 3D eine Situation wahrnehme mit nahezu realistisch anmutenden Pflanzen, Gegenständen, Körpern usw. bei der ich selbst die Perspektive steuern und Aktionen einfließen lassen kann, dann erzeugt dies schon eine sehr realistisch wirkende Situation, der man sich nur mit Mühe entziehen kann (obgleich das Gehirn, wenn es soll/ will, den Unterschied noch erkennen kann).

 

 

SIND WIR EINE SIMULATION?

 

(2) Nicht erst seitdem es Computerspiele gibt haben sich Menschen darüber Gedanken gemacht, ob all das, was wir erleben, ‚wirklich real‘ sei, ob wir nicht einer großen ‚Täuschung‘ unterliegen (z.B. Platons Höhlengleichnis, Descartes Reflexionen über einen unbezweifelbaren Wahrheitsgrund), oder ob wir nicht Teil einer gigantischen ‚Simulation‘ seien (möglicherweise Leibnizens Spekulationen über die Möglichkeit der Welt in seiner später so genannten Schrift ‚Monadologie‘, verschiedene — mittlerweile sehr viele — Science-Fiction Bücher und Filme (z.B. Simulacron 2, 13th Floor, Matrix, um nur einige zu nennen). Ein kürzlicher, vergleichsweise systematischer Versuch unter Berücksichtigung der modernen Physik findet sich bei Witworth (2008). Dazu mein Kommentar an der angegebenen URL).

 

(3) Eines der methodischen Problemen mit solchen Überlegungen ist, dass das Wort ‚Simulation‘ voraussetzt, dass man zwischen mindestens zwei ‚Bereichen‘ unterscheiden kann, dem ‚Simulierten Bereich‘ – nennen wir ihn den ‚S-Raum‘ [SR] – und der ‚hervorbringenden Funktion‘ – nennen wir dies die ‚S-Funktion‘ [f_s] –. Sofern wir als Menschen solche Simulationen organisieren befinden wir uns ‚außerhalb‘ dieser Simulationen, d.h. wir sind im ‚organisierenden Raum‘ [OR], innerhalb dessen der simulierte Raum SR , die simulationserzeugende Funktion f_s, und wir als Simulationsarrangeure [SA] als Bestandteile vorkommen, also irgendwie OR(x) gdw x = <SA, SR, f_s,…>. Auf jeden Fall sind wir nicht selbst direkt Bestandteile unsere eigenen Simulationsräume, höchstens mittels sogenannter ‚Avatare‘ (quasi ‚Platzhalter‘). Dies sind simulierte Objekte im Simulationsraum, die über vereinbarte Interaktionen zwischen SR und SA Eigenschaften des Simulationsarrangeurs in der simulierten Welt repräsentieren können und umgekehrt.

 

(4) Wenn jetzt also spekuliert wird, ob wir nicht selbst Teil einer Simulation seien, d.h. dass unsere ganze Welt eine ’simulierte Welt‘ sei (ein Simulationsraum: Welt = SR_Welt), dann macht diese Rede nur Sinn, wenn wir annehmen, dass es einen ‚übergeordneten‘ organisierenden Raum OR_Welt gibt, innerhalb dessen wir als simulierter Raum vorkommen, dann muss es auch jenseits unserer simulierten Welt SR_Welt eine erzeugenden Simulationsfunktion f_s_Welt geben, also OR_Welt(x) gdw x = <SA_Welt, SR_Welt, f_s_Welt,…>. Weder die Simulationsfunktion f_s_Welt noch die zugehörigen Simulations-Arrangeure und ihre möglichen organisierenden Räume sind uns direkt zugänglich.

 

(5) Die alten Philosophen nannten Spekulationen über die mögliche Wirklichkeit ‚hinter‘ der erfahrbaren Welt hinaus ‚Meta-Physik‘. Dies kann ein sehr seriöses Geschäft sein; bei unsachgemäßer Handhabung wird es aber zu einer ‚Spekulationsblase‘ die mehr verwirrt, als sie klarstellt‘. Und in ’naiven‘ Formen der Spekulationen über ‚das, was die Welt im Inneren zusammenhält‘ finden wir dann die bekannten Formen von ‚Aberglauben‘, ‚Magie‘, ‚Mythen‘, ‚Märchen‘, ‚Propaganda‘, ‚Ideologien‘, usw. Natürlich enthalten alle diese ‚Grenzformen‘ des Wissens meist einen kleinen Teil an ’scheinbarer‘ Wahrheit als ‚Einstiegsdroge‘ in das dann einsetzende größere Verwirrspiel. Aber entscheidend ist der Gesamtzusammenhang, der durch diese Verwirrspiele in der Regel die Bruchstellen mit der Wahrheit verdeckt.

 

(6) Dies scheint mir auch im Fall des Redens über die Welt als ‚Simulation‘ der Fall zu sein. Unser ‚Meta-Wissen‘ über mögliche Zusammenhänge ‚hinter‘ der erfahrbaren Welt beziehen wir aus einem Standpunkt ‚in‘ dieser Welt (laut Simulationshypothese sind wir ‚in‘ dem simulierten Raum SR_Welt). Jede Form von ‚Spekulation‘ über die möglichen Gesetzmäßigkeiten der erfahrbaren Welt sind –aber auch in einer simulierten Welt — letztlich ‚Netzwerke von Begriffen‘ (natürliche Sprachen, Diagramme, mathematische Formeln,…), die im bestmöglichen Fall als ‚empirische Theorien‘ organisiert sind, deren Erfahrungsbezug über nachkontrollierbare Experimente verlaufen und deren ‚Zusammenhang‘ über eine nachvollziehbare ‚Logik‘ organisiert ist (über das dazu notwendige ‚Know-How‘ verfügt die Menschheit erst seit ca. Beginn des 20.Jahrhunderts (mit ersten ‚Spuren‘ eines solchen KnowHows – wie so oft – schon zu früheren Zeiten), wobei es selbst in der offiziellen Wissenschaft bei den meisten Wissenschaftlern sicher noch kein wirkliches explizit abrufbares Wissen darstellt). Fast alle ‚Nicht-Wissenschaftler‘ wissen nichts von alledem (allerdings: selbst Leute mit einem Doktortitel können faktisch – trotz aller akademischen Regeln – noch in einem magisch-mythischen Denken in all jenen Bereichen verhaftet sein, die sie nicht direkt untersucht haben; nicht auszuschließen ist sogar, dass sie selbst in ihrem eigenen Untersuchungsbereich Ansätze zu Magie und Mythos huldigen, da es akademische Bereiche gibt, die ohne explizite Theorien auskommen…!!!).

 

(7) Wenn also – selbst in einer simulierten Welt – die Gesamtheit der Wissenschaften zu einem bestimmten Zeitpunkt – z.B. im Jahr 2008, als der Artikel von Witworth publiziert wurde — eine empirische Theorie T_2008 hatte, in der keine erzeugende Funktion f_s_Welt_2008 vorkommt, dann kann man die Einführung einer solchen Funktion seitens Witworth in die offizielle Theorie zunächst einmal als ‚Spekulation‘ bezeichnen. Spekulationen gehören bis zu einem gewissen Grade zum Alltagsgeschäft der Wissenschaft. Man spielt mal verschiedene ‚Varianten‘ der Begriffsnetze durch um zu prüfen, ob man damit die bekannten Daten eventuell ‚besser‘ erklären kann (wobei es nicht einfach ist, zu definieren, was ‚besser‘ in jedem Fall bedeutet (hier zitiert man gerne Ockhams Rasiermesser und ähnliche ‚vertraute Sprüche’…). Grundsätzlich ist die Hypothese von Witworth – falls sie eine ’seriöse‘ Variante der allgemeinen Welttheorie ist, und das nehmen wir bis zum Beweis des Gegenteils hier an – zunächst einmal nichts anderes als eine andere ‚formale Variante‘ eines Begriffsnetzes, also neben der geltenden Welttheorie T_2008 (die es so natürlich nirgends explizit gibt) nun eben T_2008_Witworth. Damit hat sie die ‚gleiche Aussagekraft‘ (die gleiche ‚Bedeutung‘, den gleichen ‚Beschreibungsumfang‘, den gleichen ‚Wahrheitswert‘,…) wie die offizielle Variante T_2008. Nur die benutzten Worte sind ‚verschieden‘ (so sprechen   z.B. die einen von ‚Grad Celsius‘, die anderen von ‚Fahrenheit‘, die einen von ‚miles per hour‘, die anderen von ‚Kilometer pro Stunde‘. Andere ‚Worte‘ erschaffen nicht notwendigerweise einen neuen ‚Inhalt‘. In der Theorie der Informatik gibt es z.B. neben dem Konzept der Berechenbarkeit repräsentiert im Konzept der Turingmaschine sehr viele andere Konzepte (formale Sprachen, funktionsbasierte Kalküle,…) die völlig verschiedene Begriffe und Regeln benutzen, die aber alle – wie bewiesen wurde – den ‚gleichen‘ Begriff der Berechenbarkeit repräsentieren. Wenn also irgendwer plötzlich anfängt, von der erfahrbaren Welt als von einer ‚Simulation‘ zu sprechen, dann bedeutet dies bezogen auf die erfahrbare Welt nicht notwendigerweise irgendetwas Neues. Der abweichende Wortgebrauch fällt zu Beginn noch auf, dann aber –wie heute –, wenn immer mehr das Wort ‚Simulation‘ benutzen, fällt nicht einmal mehr das  auf. Ich sehe nicht, dass das Reden von Simulation im Falle der Welterklärung irgendeine nennenswerte brauchbare neue Erkenntnis geliefert hat oder liefert.

 

 

WIR SIND MONADEN

 

(8) Eventuell ist die Benutzung des Begriffs ‚Monade‘ hier nicht ganz glücklich, da das Konzept der Monade bei Leibniz (ursprünglich 1714 französisch, dann 1720 deutsch, dann 1721 lateinisch), ein sehr komplexes Begriffsnetz voraussetzt, das mit den populären Verkürzungen (von denen ich hier Gebrauch mache) nur wenig gemein hat. Immerhin hat er Formulierungen, die in Richtung der Vereinfachungen deutbar sind (siehe Beispiele: (Nr.51) … eine geschaffene Monade keinen physischen Einfluss auf das Innere der anderen haben kann… (Nr.56) …..dass jede einfache Substanz..fortwährender lebendiger Spiegel der Welt…(Nr.57) ..dass es wegen der unendlichen Menge der einfachen Substanzen gleichsam ebenso viele verschiedene Welten gibt, die gleichwohl nichts anderes sind als die perspektivischen Ansichten des einzigen Universums, je nach den verschiedenen Gesichtspunkten jeder einzelnen Monade….(Nr.60) … es ist also nicht der Gegenstand, sondern die Abstufung der Erkenntnis des Gegenstandes, worin die Monaden beschränkt sind…(Nr.61) … Aber eine Seele kann in sich selbst nur das deutlich Vorgestellte lesen; sie kann nicht auf einen Schlag auseinanderlegen, was in ihr zusammengefaltet ist, denn diese Fältelung geht ins Unendliche…(alles nach der Übersetzung von Glockner))(Vielleicht schaffe ich mal demnächst eine ausführliche Diskussion des ganzen Textes der sogenannten Monadologie)..

 

(9) Die vereinfachende Grundidee ist die einer Monade als eines Systems, das zwar mit der umgebenden Wirklichkeit in einem gewissen Austausch steht, aber bzgl. jener internen Zustände, die seine Geistigkeit charakterisieren, gibt es keinen direkten Austausch, sondern nur einen hochgradig ‚vermittelten‘.

 

(10) Dies entspricht dem heutigen Erkenntnisstand von dem Gehirn im Körper, das nur sehr begrenzt Informationen von der ‚Welt jenseits des Körpers‘ empfangen kann und das auf seine Weise immer komplexere ‚Modelle‘ einer ‚möglichen Außenwelt‘ entwirft, die wir als ‚Bewusstsein‘ eines solchen Gehirns mit Körper so benutzen, als ob die Modelle die Welt selbst seien. D.h. schon an der Wurzel unserer Erkenntnis basiert unser Weltzugang auf einer ‚Simulation einer möglichen Welt‘, die allerdings so gut ist, dass wir damit nicht nur viele praktische Aufgaben befriedigend lösen können, sondern darüber hinaus fällt es uns Menschen im Alltagsbetrieb fast nie auf, dass ‚unsere‘ Welt gar nicht die Welt ist, innerhalb deren diese simulierten Welten auftreten (natürlich kann man den Unterschied zwischen der simulierten Welt genannt ‚Bewusstsein‘ und ‚Außenwelt‘ feststellen, aber nur bei expliziter Reflexion und sehr oft nur durch Einbeziehung expliziter experimenteller Arrangements).

 

 

MONADEN ALS OFFENE SYSTEME

 

(11) Entscheidend scheint aber zu sein, dass unsere Monadenstruktur eben nicht vollständig ist; wir sind keine völlig abgeschlossenen Systeme, weder auf der körperlichen Ebene noch auf der geistigen.

 

(12) Wie wir heute wissen sind unsere körperlichen Strukturen Teil eines evolutionären Geschehens, innerhalb dessen sich alle Körper (‚Phänotypen‘ von zugrunde liegenden ‚Genotypen‘, aus denen die Phänotypen mittels Wachstum hervorgehen) in direkter Wechselwirkung mit der umgebenden ‚Welt‘ so herausgebildet haben, dass die ‚äußeren‘ Bedingungen nahezu vollständig alles bestimmt haben, was sich dann faktisch ‚entwickelt‘ hat. Nichts an den Phänotypen des biologischen Lebens (Bakterien, Pflanzen, Tiere, homo sapiens sapiens,….) ist ‚einfach so‘ entstanden; alles, radikal alles ist eine ‚Antwort‘ auf die Vielzahl der ‚Randbedingungen‘, die die umgebende Welt repräsentiert (wäre das Leben auf einem anderen Planeten, in einem anderen Sonnensystem entstanden (was wir grundsätzlich nicht ausschließen können, dass dies auch geschehen ist), dann würde die evolutionäre Entwicklung unausweichlich andere konkrete Strukturen favorisiert haben als jene, die wir kennen. Allerdings nicht beliebig andere, sondern nur ’solche andere‘, die die ‚Anreicherung von freier Energie in sich selbst organisierenden Strukturen‘ ermöglichen.

 

(13) Von daher sind die inneren Zustände der empirischen Monaden nicht völlig unbestimmt, sondern gebunden an Phänotypen, die hochgradige Ähnlichkeiten aufweisen (Leibniz spricht – wenngleich auch mit einer etwas anderen Konnotation – von der sogenannten ‚prästabilisierten Harmonie‘, ein Gedanke, den die moderne Physik und Biologie letztlich vollständig bestätigen) und die auch wechselseitig über kontinuierliche Kausalketten miteinander verknüpft sind. Es gibt innerhalb des Universums keinen radikal ‚isolierten‘ Ort, eher einen beständigen ‚Austausch‘).

 

(14) Zusätzlich benutzen die Lebewesen auf jeder Komplexitätsebene die materiellen Interaktionsmechanismen, um mittels dieser ‚direkten‘ Interaktionsereignisse ‚indirekte‘ (kodierte) Ereignisse zu ‚übertragen‘ und dann zusätzlich zu ‚interpretieren‘, ‚deuten‘, ‚verstehen‘, indem materielle Ereignisse zu ‚Zeichen‘ werden, mittels deren sich ‚Bedeutungen‘ kodieren lassen. Aufgrund der hochgradigen Ähnlichkeiten der materiellen, körperlichen Strukturen lassen sich solche semiotischen Kodierungsprozesse bis zu einem gewissen Grade erfolgreich durchführen. Sofern solche semiotischen Kodierungen gelingen lassen sich ‚abstrakte‘ (und ‚virtuelle‘!) Modelle entwickeln, die ‚mögliche Weltzustände‘ repräsentieren, die zur Orientierung für komplexe Handlungsabläufe werden können, die ohne diese semiotische Kodierungen unmöglich wären. Trotz der Abgeschlossenheit der ‚inneren‘ Zustände einer Monade von der Außenwelt ist also ein kontinuierlicher ‚Strom‘ von semiotischen Ereignissen möglich, der zu einem daran ‚gekoppelten‘ kontinuierlichen ‚Verarbeitungsprozess‘ ‚im Innern‘ einer Monade führen kann. In diesem Sinne sind wir als ‚Monaden‘ ‚offene Systeme‘, die sich bis zu einem gewissen Grad mit den Zuständen anderer Monaden ‚koordinieren‘ können.

 

STUFEN DER INTERAKTION

 

(15) Wie die Kulturgeschichte der Menschheit als Teil der übergreifenden biologischen Evolution (diese wiederum als Teil der übergreifenden kosmischen Entwicklung!) zeigt, haben sowohl die materiellen Interaktionsmöglichkeiten wie auch die semiotischen sowohl an Quantität wie auch an Komplexität zugenommen. Im Falle des homo sapiens sapiens kann man geradezu von einer Explosion sprechen, die sich in unvorstellbar kurzer Zeit entwickelt hat und die zugleich eine Beschleunigung andeutet, die – gemessen an der geringen Veränderungsgeschwindigkeit der körperlichen Trägerstrukturen — auf den ersten Blick bedrohlich wirken können (verglichen mit den hier stattfinden Problemkomplexen wirken die Angstreflexe an den Börsen angesichts von Kursverfällen geradezu lächerlich, was nicht heißt, dass diese Kursverläufe konkrete Existenzen im aktuellen gesellschaftlichen Gefüge ‚finanziell‘ zerstören können…).

 

(16) Im Laufe von mindestens 3.5 Mrd Jahren hat das Leben auf der Erde viele sehr dramatische Veränderungen erlebt (beständige Klimawechsel mit großen Eiszeiten, gewaltige Vulkanausbrüche, Einsturz von Kometen mit der Vernichtung von bis zu 90% aller Arten, usw.), aber der homo sapiens sapiens stellt eine so ‚hochentwickelte‘ Lebensform dar, dass er viele solcher Änderungen, wie sie in der Vergangenheit schon stattgefunden haben, heute eher gar nicht überleben würde. Dazu kommen vom homo sapiens sapiens selbst verursachte Veränderungen (z.B. durch erhöhten Verbrauch endlicher Ressourcen für Energie, Ernährung, Trinkwasser, …), die absehen lassen, wann die endlichen Kreislaufsysteme, die bislang über natürliche Rückkoppelungsprozesse eine gewisse Regulierung erfahren hatten, ins Ungleichgewicht kommen.

 

(17) Andererseits hat man den Eindruck, dass die gesamte Entwicklung – von der der homo sapiens sapiens ja nicht isoliert gesehen werden darf – genau auf den Punkt zuläuft, wo nach der kosmologischen, dann der chemischen und schließlich der biologischen Evolution nun eine Art ‚kognitive‘ (man könnte auch ‚geistige‘ sagen) Evolution stattfinden muss, in der die bislang vorwiegend randomisiert-kombinatorischen Suchprozesse im Umfeld des Planeten Erde zusätzlich durch technologisch gestützte modellbasierte Suchprozesse ergänzt werden müssen, um den nächsten ‚Entwicklungsschritt‘ (den nächsten ‚Level‘) zu schaffen. Dieser muss mindestens so ‚kontextsensitiv‘ sein wie die vorausgehenden Entwicklungsprozesse, da die komplexen Prozesse der umgebenden Natur bislang noch in keiner Weise vom homo sapiens sapiens alleine gesteuert werden können. Sicher wird – sofern der homo sapiens sapiens es nicht ‚vermasselt‘ — der Punkt kommen, wo der homo sapiens sapiens nicht nur vor der Notwendigkeit steht, seine Koexistenz mit den vorhanden Systemen dramatisch zu verbessern, er wird es auch können. Alles ist in gewisser Weise daraufhin ‚angelegt‘ (zumindest deutet die gesamte bisherige Entwicklung in genau diese Richtung).

 

 

KOMPLEXITÄTSPROBLEME UND FALSCHE ETHIK

 

(18) Momentan erleben wir – erstmalig für das Leben auf dieser Erde – dass die Handlungsmöglichkeiten des Lebens in Gestalt des homo sapiens sapiens eine immer größere Veränderungsgeschwindigkeit erzeugen, dass aber die Basis dieser Veränderungen, die körperliche Struktur (der Phänotyp) des homo sapiens sapiens sich nicht mit gleicher Geschwindigkeit mitverändert. Zwar wissen wir alle, dass der heutige Phänotyp des Menschen ein ‚Zwischenprodukt‘ ist, etwas ‚Gewordenes‘, auf keinen Fall etwas ‚Endgültiges‘, und in seiner konkreten Ausgestaltung auch nur gerechtfertigt durch die konkreten Lebensnotwendigtkeiten, die vor ca. 200.000 bis einige Millionen Jahre vor unserer Gegenwart (BP := Before Present) bestanden hatten, dennoch leisten wir uns den Luxus einer sogenannten Ethik, nach der wir das menschliche Genom nicht verändern dürfen. Wenn man weiß, dass wir nur deshalb heute leben, weil dieses Genom in den vorausgehenden 3.5 (oder mehr) Milliarden Jahren beständig und kontinuierlich verändert worden ist, dann wirkt es geradezu makaber, dass unter dem Vorwand, Leben zu erhalten, genau das verboten wird, was überhaupt unser Leben ermöglicht hat. Im übrigen ist kein einzelner Mensch ‚Herr‘ über das biologische Leben. Klassisch würde man dies als ‚Hybris‘ bezeichnen. Wenn wir dem Leben ‚dienen‘ wollen dann sicher nur dort und darin, wo wir die Mechanismen, die Leben ‚möglich‘ machen, immer weiter identifizieren und weiter unterstützen. Auf jeden Fall müssen wir das psychische Inventar des homo sapiens sapiens dramatisch verbessern (wobei wir niemanden haben, den wir fragen können! Wir sitzen alle im gleichen Boot des Suchens….).

 

 

OPEN END

 

(19) Ich höre an dieser Stelle mal auf. Natürlich wurde – wie immer – vieles Wichtiges nicht gesagt. Vieles ist zudem kryptisch, verlangt ausführlichere Erklärungen. Aber das genau ist Teil unseres Problems: wir müssen sehr große, komplexe Probleme mit Hilfe eines – trotz allem Fantastischen – sehr endlichen Gehirn mit sehr primitiven Kommunikationsmöglichkeiten in vergleichbar kurzer Zeit lösen. Dazu kommt ein Arsenal von Emotionen und Gefühlen, die für diese Aufgabe wenig geeignet sind (siehe vorausgehende Blog-Einträge). Nichtsdestotrotz, je mehr ich über diese Dinge nachdenke, um so mehr verfestigt sich in mir das Gefühl, dass es in allem viel, viel mehr ‚Ordnung‘ gibt als ‚Chaos‘. Denn, in welcher ‚dunklen‘ Ecke man auch immer anfängt herum zu gucken, über kurz oder lang findet man ‚Spuren‘ von Ordnung. Dies hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir selbst als homo sapiens sapiens durch und durch ein hochintegriertes Ordnungssystem darstellen, aus dem wir nicht aussteigen können (weswegen auch der französische Strukturalismus als Antistrukturalismus bestenfalls amüsant war; was soll schon herauskommen, wenn man sein eigenes Gehirn zu leugnen versucht…). Aber genau ist dann auch wichtig: sollte um uns herum tatsächlich nur Chaos herrschen, dann könnte sich auch in keiner Weise irgendeine Ordnungsstruktur daraus entwickeln. Die Tatsache, dass dies aber der Fall war, zeigt, dass es ein sehr hohes Mass an vorgegebener Ordnung gegeben haben muss (und gibt). Zudem bestätigen alle bekannten wissenschaftlichen Ergebnisse genau dieses. Methodisch ist es natürlich allemal besser, man arbeitet mit der ‚Null-Hpothese‘ (in diesem Fall: nur Chaos). Wenn man dann allerdings immer nur und immer mehr ‚Ordnung‘ findet, sollte man sich gelegentlich auch mal den ‚Luxus‘ erlauben, über das Gefundene konstruktiv nachzudenken. Vielleicht scheuen die meisten davor zurück, weil dies z.B. bedeuten würde, wir müssten uns einer neuen Ethik stellen, die vieles von den liebgewordenen Normen in Frage stellt. Noch schlimmer: dem homo sapiens sapiens käme eine Verantwortung zu, nicht für alles und jedes, aber doch für die Lebenden eine ‚totale’…für jeden…wer mag das schon…

 

Drei Jahre später gibt es einen neuen Eintrag, in dem die Worte ‚Computerspiel‘ und ‚Level‘ vorkommen, aber dort konkreter in Richtung von Stufen des phlosophischen Bewusstseins.

 

QUELLENNACHWEISE

 

G. Doeben-Henisch, URL: Skript (ältere Version), dort der Abschnitt ‚Physical World as Virtual Reality?

 

Whitworth, B., The physical world as a virtual reality, CDMTCS Research Report, CDMTCS-316, 2007, http://arxiv.org/abs/0801.0337 1-17, rev. 2008

 

G. W. Leibniz: Monadologie (Deutsch). Übersetzt , eingeleitet und erläutert von Helmut Glockner Stuttgart: Reclam, 1954

 

G. W. Leibniz: Monadologie (Französisch/Deutsch). Übersetzt und herausgegeben von Hartmut Hecht, Stuttgart: Reclam, 1998. ISBN 3-15-007853-9 (eine online Version der ersten deutschen Übersetzung von Köhler 1720 findet sich hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2790/1)

 

 

 

Eine Übersicht über alle bisherigen Themen von Autor cagent findet sich hier.