WAHRHEIT CONTRA WAHRHEIT. Notiz

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Worum es geht

Im Zeitalter von Fake News (manche sprechen schon vom postfaktischen Zeitalter ) scheint der Begriff der Wahrheit abhanden gekommen zu sein. Dies trifft aber nicht zu. Die folgenden Zeilen kann man als Fortsetzung des vorausgehenden Beitrags lesen.

I. ARBEITSDEFINITION VON WAHRHEIT

1) In dem vorausgehenden Beitrag wurde angenommen, dass Wahrheit zunächst einmal die Gesamtheit des Wissens, der Erfahrungen und der Emotionen ist, die einer einzelnen Person zum aktuellen Zeitpunkt zur Verfügung steht. Was immer geschrieben, gedacht, gesagt usw. wird, jeder einzelne versteht und handelt auf
der Basis dessen, was er zu diesem Zeitpunkt in sich angesammelt hat.

2) Eine zentrale Einsicht ist dabei, dass unser Gehirn die aktuellen sensorischen Daten – externe wie interne– sofort, und automatisch, mit dem abgleicht, was bisher zu diesem Zeitpunkt im Gedächtnis verfügbar ist. Dadurch erleben wir alles, was uns begegnet, im Lichte des bislang Bekannten. Unsere Wahrnehmung ist eine unausweichlich interpretierte Wahrnehmung.

3) Ein Beispiel: Wenn jemand gefragt wird, ’ist dies dein Kugelschreiber?’, und dieser jemand antwortet mit ’Ja’, dann nimmt er einen Gegenstand wahr (als Ereignis seines Bewusstseins) und dieser jemand stellt zugleich fest, dass sein Gedächtnis in ihm eine Konzept aktiviert hat, bezogen auf das er diesen Gegenstand als seinen Kugelschreiber interpretieren kann. Für diesen jemand ist Wahrheit dann die Übereinstimmung zwischen (i) einer Wahrnehmung als einem Ereignis ’Kugelschreiber’ in seinem Bewusstsein, (ii) einem zugleich aktivierten Konstrukt aus dem Gedächtnis  ’mein Kugelschreiber’, sowie (iii) der Fähigkeit, erkennen zu können, dass das Wahrnehmungsereignis ’Kugelschreiber’ eine mögliche Instanz des Erinnerungsereignisses ’mein Kugelschreiber’ ist. Das Erinnerungsereignis ’mein Kugelschreiber’ repräsentiert (iv) zudem den Bedeutungsanteil des sprachlichen Ausdrucks ’dein Kugelschreiber’. Letzteres setzt voraus, dass der Frager und der Antwortende (v) beide die gleiche Sprache  gelernt haben und der Ausdruck ’dein Kugelschreiber’ aus Sicht des Fragenden und ’mein Kugelschreiber’ aus Sicht des Antwortenden von beiden (vi) in gleicher Weise interpretiert wird.

4) Anzumerken ist hier, dass jene Ereignisse, die ihm Bewusstsein als Wahrnehmungen aufschlagen können, unterschiedlich leicht zwischen zwei Teilnehmern des Gesprächs identifiziert werden können. Einmal können Aussagen über die empirische Welt sehr viele komplizierte Zusammenhänge implizieren, die nicht sofort erkennbar sind (wie funktioniert ein Fernseher, ein Computer, ein Smartphone…), zum anderen kann es
sein, dass die beiden Gesprächsteilnehmer die benutzte Sprache sehr unterschiedlich gelernt haben können (Fachausdrücke, spezielle Redewendungen, Art der Bedeutungszuschreibung, usw). Obwohl der Sachverhalt vielleicht im Prinzip erklärbar wäre, kann es sein, dass beide Gesprächsteilnehmer im Moment des Gesprächs
damit überfordert sind.

5) Ferner kann man sich durch dieses Beispiel nochmals deutlich machen, dass die Bezeichnung der Gesamtheit des Wissens, der Erfahrung und der Emotionen eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt als der subjektiven Wahrheit dieses Menschen ihren Sinn darin besitzt, dass dieser Mensch in dem Moment, wo er gefragt wird, ob es sich SO verhält, nur dann ’Ja’ sagen wird, wenn der gefragte Mensch in seiner subjektiven Wahrheit Elemente findet, die diesem So-sein entsprechen. Das ’So-sein’ aus der Frage muss ein Bestandteil der subjektiven Wahrheit sein und nur dann kann ein Mensch auf eine Anfrage hin sagen, ja, das wahrgenommene So-sein findet in der subjektiven Wahrheit eine Entsprechung. Die Fähigkeit zur Wahrheit erscheint somit primär in der subjektiven Wahrheit eines Menschen begründet zu sein.

II. WAHRHEIT UND LEBENSFORM

1) Ergänzend zu diesem geschilderten grundsätzlichem Zusammenhang wissen wir, dass die subjektive Wahrheit nicht unabhängig ist von dem Lebensprozess des jeweiligen Menschen. Alles, was ein Mensch erlebt, was auf ihn einwirkt, kann in diesem Menschen als Ereignis erlebbar werden, kann ihn beeinflussen, kann ihn
verändern. Dazu gehört natürlich auch das eigene Tun. Wenn jemand durch den Wald läuft und merkt, dass er laufen kann, wie sich das Laufen anfühlt, wie sich dies langfristig auf seinen Körperzustand auswirkt, dann beeinflusst dies auch das individuelle Erkennen von Welt und von sich selbst, als jemand, der laufen und
Fühlen kann. Wenn stattdessen Kinder in Kobaldminen arbeiten müssen statt zu lernen,  sich vielfältig neu entdecken zu können, dann wird diesen Kinder mit der Vorenthaltung einer Lebenspraxis zugleich ihr Inneres zerstört; es kann nur ein verzerrter Aufbau von Persönlichkeit stattfinden. Wir schwärmen derweil von den angeblich umweltfreundlichen Elektroautos, die wir fahren sollen. Oder: wenn Kinder im Dauerhagel von Granaten und Bomben aufwachsen müssen, um sich herum Verwundete und Tote erleben müssen, dann werden sie sich selbst entfremdet, weil verschiedene Machthaber ihre Macht in Stellvertreterkriegen meinen, ausagieren zu müssen.

2) Aufgrund der so unendlich verschiedenen Lebensprozesse auf dieser Erde können sich in den Menschen, die von ihrer Natur aus weitgehend strukturgleich sind,  ganz unterschiedliche subjektive Wahrheiten ansammeln. Derselbe Mensch sieht dann die Welt anders, handelt anders, fühlt anders. Es ist dann nahezu unausweichlich, dass sich bei der Begegnung von zwei Menschen zwei verschiedene Wahrheiten begegnen. Je nachdem, wie ähnlich oder unähnlich die Lebensprozesse dieser Menschen sind, sind auch die subjektiven Wahrheiten eher ähnlich oder unähnlich.

3) Wie man beobachten kann, tendieren Menschen dazu, sich vorzugsweise mit solchen Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, mit ihnen zusammen etwas tun, die mit ihnen bezüglich ihrer subjektiven Wahrheiten möglichst ähnlich sind. Manche meinen, solche selbstbezügliche Gruppen (’Echokammer’, ’Filterblase’) auch
im Internet, in den sozialen Netzwerken entdecken zu können. Obwohl das Internet im Prinzip die ganze Welt zugänglich macht [Anmerkung: Allerdings nicht in Ländern, in denen der Zugang zum Internet kontrolliert wird, wie z.B. massiv in China.], treffen sich Menschen vorzugsweise mit denen, die sie kennen, und mit denen sie eine ähnliche Meinung teilen. Man muss aber dazu gar nicht ins Internet schauen. Auch im Alltag kann man beobachten, dass jeder einzelne Mitglied unterschiedlicher sozialer Gruppen ist, in denen er sich wohl fühlt, weil man dort zu bestimmten Themen eine gleiche Anschauung vorfindet. An meiner Hochschule, an der Studierende aus mehr als 100 Ländern vertreten sind, kann man beobachten, dass die Studierenden
vorzugsweise unter sich bleiben statt die Vielfalt zu nutzen. Und die vielfältigen Beziehungskonflikte, die sich zwischen Nachbarn, Freunden, Lebenspartnern, Mitarbeitern usw. finden, sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie real  unterschiedlich subjektive Wahrheiten im Alltag sind. [Anmerkung: Allerdings ist diese Aufsplitterung in viele kleine Gruppen von ‚Gleichgesinnten‘ nicht notwendigerweise nur negativ; die Kultivierung von Vielfalt braucht eine natürliche Umgebung, in der Vielfalt möglich ist und geschätzt wird.]

4) Obwohl also der Mechanismus der subjektiven Wahrheitsbildung grob betrachtet einfach erscheint, hat man den Eindruck, dass wir Menschen uns dieses Sachverhaltes im Alltag nicht  wirklich bewusst sind. Wie schnell fühlt sich jemand beleidigt, verletzt, oder gar angegriffen, nur weil jemand sich anders verhält, als man es im Lichte seiner subjektiven Wahrheit erwartet. Wie schnell neigen wir dazu, uns von anderen abzugrenzen, sie abzustempeln als krank, verrückt, oder böse zu erklären, nur weil sie anders sind als wir selbst.

III. GEDANKE UND REALE WELT

1) Bis hierher konnte man den Eindruck gewinnen, als ob die subjektive Wahrheit ein rein gedankliches, theoretisches Etwas ist, das sich allerdings im Handeln bemerkbar machen kann. Doch schon durch die Erwähnung des Lebensprozesses, innerhalb dessen sich die subjektive Wahrheit bildet, konnte man ahnen, dass die konkreten Umstände ein wichtiges Moment an der subjektiven Wahrheit spielen. Dies bedeutet z.B., dass wir die Welt nicht nur in einer bestimmten Weise sehen, sondern wir verhalten uns ganz konkret in dieser Welt aufgrund unserer subjektiven Wahrheit (= Weltsicht), wir leben unseren Alltag mit ganz konkreten Objekten, Besitztümern und Gewohnheiten. Eine andere subjektive Wahrheit (bzw. Weltsicht) ist daher in der
Regel nicht nur ein bloßer abstrakter Gedanke, sondern kann zugleich reale, konkrete Veränderungen des eigenen Alltags implizieren. Da aber schrecken wir alle (verständlicherweise?) sofort zurück, blitzartig, vielleicht sogar unbewusst. Über die Wahrheit reden mag grundsätzlich chic sein, aber wenn die zur Sprache kommenden
Wahrheit anders ist als die eigene Wahrheit, dann zucken wir zurück. Dann wird es unheimlich, ungemütlich; dann können allerlei Ängste aufsteigen: was ist das für eine Welt, die anders wäre als die Welt, die wir kennen? Der verinnerlichten Welt korrespondiert immer auch eine reale Alltagswelt. [Anmerkung: In diesen Kontext passt vielleicht das paradoxe Beispiel, das Jesus von Nazareth in den Mund gelegt wird mit dem Bild, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen würde, als dass ein Reicher in den Himmel gelangen könnte. Eine Deutung wäre, dass jemand der als Reicher
(unterstellt: auf Kosten anderer) in einer Wirklichkeitsblase lebt, die angenehm ist, und er als Reicher wenig Motive hat, dies zu ändern. Allerdings, was man gerne
übersieht, ein solches Verhaftetsein mit der aktuellen Situation, die als angenehm gilt, gilt in vielen Abstufungen für jeden Menschen. In den Apartheitsgefängnissen von Südafrika (heute als Museum zu besichtigen) gab es z.B. unter den Gefangenen eine klare Hierarchie: die Bosse, die Helfer der Bosse, und der Rest. Kein Boss wäre auf die Idee gekommen, seine relativen Vorteile zu Gunsten von allen aufzugeben.]

2) In der Struktur der gesellschaftliche Wirklichkeit kann man den Mechanismus der parzellierten Wahrheiten wiederfinden. Eine Gesellschaft ist mit unzähligen Rollen durchsetzt, mit Ämtern, Amtsbezeichnungen, Institutionen usw.. Dazu kommen in vielen Ländern Abgrenzungen von unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Weiter gibt es Nationalstaaten, die ihre eigenen Wahrheiten pflegen. Die Tendenz, das Andere, die Anderen negativ zu belegen, um seinen eigenen Status dadurch indirekt zu sichern, findet sich zwischenstaatlich auch wieder. [Anmerkung: Gut zu erkennen in dem Erstarken von nationalistisch-populistischen Doktrinen in leider immer mehr Ländern der Erde.] Eine unkritische Ausübung gewachsener partieller Wahrheiten kann Unterschiede dann nur zementieren oder gar vergrößern, anstatt sie zu überbrücken und zu allgemeineren Wahrheitsbegriffen zu kommen.

IV. EINE KULTUR DER WAHRHEIT?

1) Wenn man sieht wie unglaublich stark die Tendenz unter uns Menschen ist, aktuelle, partielle Wahrheiten (die aus Sicht des einzelnen nicht partiell, sondern universell sind) mit einer bestimmten Alltagspraxis zu verknüpfen und diese fest zu schreiben, dann könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was wir als Menschen tun können, um dieser starken Tendenz ein natürliches Gegengewicht gegenüber zu stellen, das
dem Trieb zu partiellen Wahrheit entgegenwirken könnte.

2) Innerhalb der Rechtsgeschichte kann man beobachten, wie im Laufe von Jahrtausenden das Recht des Angeklagten häppchenweise soweit gestärkt wurde, dass es in modernen Staaten mit einem funktionieren Rechtssystem üblich geworden ist, jemanden erst dann tatsächlich zu verurteilen, nachdem in nachvollziehbaren, transparenten Verfahren die Schuld bzw. Unschuld objektiv festgestellt worden ist. Dennoch kann man sehen, dass gerade in der Gegenwart in vielen Staaten wieder eine umgekehrte Entwicklung um sich greift: der methodische Respekt vor der Gefahr partieller Wahrheiten wird einfachüber Bord geworfen und Menschen werden allein aufgrund ihrer Andersheit und eines blinden Verdachts vorverurteilt, gefoltert, und
aus ihren gesellschaftlichen Stellungen verjagt.

3) Innerhalb der Welt der Ideen gab es eine ähnliche Entwicklung wie im Rechtssystem: mit dem Aufkommen der empirischen experimentellen Wissenschaften in Kooperation mit Mathematischen Strukturen konnte das Reden über Sachverhalte, über mögliche Entstehungsprozesse und über mögliche Entwicklungen auf ganz neue Weise transparent gemacht werden, nachvollziehbar, überprüfbar, wiederholbar, unabhängig von dem Fühlen und Meinen eines einzelnen [Anmerkung: Allerdings nicht ganz!].  Diese Art von Wissenschaft kann großartige Erfolge aufweisen, ohne die das heutige
Leben gar nicht vorstellbar wäre. Doch auch hier können wir heute beobachten, wie selbst in den Ländern mit einem entwickelten Wissenschaftssystem die wissenschaftlichen Prinzipien zunehmen kurzfristigen politischen
und ökonomischen Interessen geopfert werden, die jeweils auf den partiellen Wahrheiten der Akteure beruhen.

4) Es drängt sich dann die Frage auf, ob der Zustand der vielen (partiellen) Wahrheiten generell vermeidbar wäre bzw. wie man ihn konstruktiv nutzen könnte, um auf der Basis der partiellen Wahrheiten zu einer umfassenderen weniger partiellen Wahrheit zu kommen.

5) Eine beliebte Lösungsstrategie ist ein autoritär-diktatorisches Gesellschaftssystem, das überhaupt nur noch eine partielle Wahrheit zulässt. Dies kennen wir aus der Geschichte und leider auch aus der Gegenwart: Gleichschaltung von Presse, Medien; Zensur; nur noch eine Meinung zählt.

6) Die Alternative ist die berühmte offene Gesellschaft, in der eine Vielfalt von partiellen Wahrheiten möglich ist, verbunden mit dem Vertrauen, dass die Vielfalt zu entsprechend vielen neuen erweiterten partiellen Wahrheiten führen kann (nicht muss!). Hier gibt es – im Idealfall – eine Fülle unterschiedlicher Medien und keine Zensur. Entsprechend wären auch alle Lern- und Erziehungsprozesse nicht an einem Drill, einer
autoritären Abrichtung der Kinder und Jugendlichen orientiert, sondern an offenen, kreativen Lernprozessen, mit viel Austausch, mit vielen Experimenten.

7) Allerdings kann man beobachten kann, dass viele Menschen nicht von vornherein solche offenen, kreativen Lernprozesse gut finden oder unterstützen, weil sie viel anstrengender sind als einfach einer autoritären Vorgabe zu folgen. Und es ist ein historisches Faktum, dass partielle Wahrheitsmodelle bei geeigneter Propaganda und gesellschaftlichen Druck eine große Anhängerschaft finden können.  Dies war und ist eine große Versuchung für alle narzisstischen und machtorientierte Menschen. Das scheinbar Einfachere und Bequemere wird damit sprichwörtlich zum ’highway to hell’.

8) Für eine offene Gesellschaft als natürlicher Entwicklungsumgebung für das Entstehen immer allgemeinerer Wahrheiten sowohl in den Beteiligten wie auch im Alltag scheinen von daher geeignete Bildungsprozesse sowie freie, unzensierte Medien (dazu gehört heute auch das Internet) eine grundlegende Voraussetzung zu
sein. Die Verfügbarkeit solcher Prozesse und Medien kann zwar keine bessere gedachte und gelebte Wahrheit garantieren, sie sind allerdings notwendige Voraussetzungen, für eine umfassendere Kultur der Wahrheit. [Anmerkung: Natürlich braucht es noch mehr Elemente, um einen einigermaßen freien Raum für möglicheübergreifende Wahrheiten zu ermöglichen.]

9) Vor diesem Hintergrund ist die weltweit zu beobachtende Erosion von freien Medien und einer offenen, kreativen Bildung ein deutliches Alarmsignal, das wir Menschen offensichtlich dabei sind, den Weg in ein wahrheitsfähige Zukunft immer mehr zu blockieren. Letztlich blockieren wir uns als Menschen damit nur selbst. Allerdings,
aus der kritischen Beobachtung alleine folgen keine wirkenden konkreten Verbesserungen. Ohne eine bessere Vision von Wahrheit ist auch kein alternatives Handeln möglich. Deswegen versuchen ja autoritäre Regierungen immer, zu zensieren und mit Propaganda und Fake-News die Öffentlichkeit zu verwirren.

V. KONTEXTE

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VERLUST DES SUBJEKTS? – Nachbetrachtungen zu einem Diskurs mit Soziologen, Anthropologen, Kulturanthropologen

SOUNDART

Hier ein spontanes Soundgebilde zum Thema der neuen negativen Komplexität, die uns von allen Seiten zu umringen und verschlingen droht; sie kommt und geht, und kommt … (Radically unplugged; anarchistic).

1. Es heißt ja, eine Schwalbe mache noch keinen Frühling; von daher sollte ich die Begegnung mit Soziologen/ Anthropologen/ Kulturanthropologen gestern Abend nicht überbewerten. Dennoch, Eindrücke gab es, und diese Eindrücke kamen von Vertretern dieser Fächer aus ganz Deutschland, von Vertretern, die viele viele Jahre Expertise auf sich vereinen und die nicht gerade unbedeutend sind.

2. Dass im abendlichen Plenum die promovierte Nachwuchswissenschaftlerin X letztlich immer um die Frage kreiste, was denn nun die Frage sei, entlang der man forschen sollte, lies aufmerken: ist es wirklich so, dass einer jungen Kulturanthropologin nach einem langen Studium samt langer Promotion immer noch nicht klar ist, welche Frage sie mit ihrem Forscherinnenleben beantworten möchte? Reiht Sie Untersuchung an Untersuchung ohne eigentlich zu wissen, was Sie untersucht? Ist dies ein individuelles Problem oder ist es symptomatisch für die ganze Disziplin?

3. Der andere junge promovierte Nachwuchswissenschaftler Y neben X formulierte zwar Argumente und Fragen, ihnen entnahm ich aber hauptsächlich ein Unbehagen an den Thesen des großen Lehrers A, der unter anderem in einem Buch das ‚Verschwinden der Gesellschaft‘ proklamiert hatte. Sein Unbehagen wurde klar, aber nicht so recht, warum er diese These für nicht vertretbar hielt. Was war ‚falsch‘ an der These vom Verschwinden der Gesellschaft und was waren seine Argumente? Seine Beispiele zum Verlust von ‚Autonomie‘, Verlust von ‚Privatheit‘ bzw. zur Auflösung von ‚Demokratie‘ wirkten eher wie Wasser auf die Mühlen der These vom Verwinden von Gesellschaft.

4. Ein anderer Professor Z, aus der Richtung Techniksoziologie, benutzte u.a. die Formulierung, dass ‚Gesellschaft‘ als solche nie verschwinden würde; wohl aber können sich ihre Interaktionsmuster ändern, überhaupt die Rahmenbedingungen ihrer Daseins und Handelns.

5. Dies scheint mir eine tiefliegende These zu sein, die vieles verständlich machen kann. Für einen beobachtenden und theoriebildenden Soziologen (das Wort ‚Theorie‘ fiel an diesem Abend nie!) erscheint ‚Gesellschaft‘ ja nur in ihren Manifestationen, in ihren Aktivitäten. Dabei haben alle Soziologen und Anthropologen gelernt, dass ein ‚Ereignis‘ in der Regel viele Deutungen zulässt, insbesondere dann, wenn es Teil eines ‚Geflechts von Ereignissen‘ die untereinander ‚mental‘ und ’situativ‘ zusammen hängen‘ (etwas, was Psychologen auch seit über 100 Jahren untersuchen; von Psychologie sprach an diesem Abend aber niemand). Was vor diesem Hintergrund dann ‚Gesellschaft‘ im Auge des Soziologen/ Anthropologen ist, ist notgedrungen sehr standpunktabhängig, abhängig von der Leitfrage, abhängig von verfügbaren Theorien. Von eigentlichen Leitfragen war an diesem Abend wenig die Rede, auch nicht von geltenden Theorien.

6. Nimmt man den Standpunkt von Z ernst, dann ist ‚von sich aus‘ nichts ‚gut‘ oder ‚falsch‘. Und er stellte auch konsequent fest, dass für ihn Ethik in der Wissenschaft nichts verloren habe. Die Wissenschaft der Soziologie hat zu untersuchen, wie die Menschen sich tatsächlich, faktisch verhalten und was dies impliziert und nicht, wie sie sich nach einer vorausgesetzten Ethik verhalten sollen.

7. In einem Pausengespräch erfuhr ich von zwei anderen Professoren B und C, dass diese ‚ethikfreie Soziologie‘ auf Widerspruch stoßen kann. Beide schienen darin überein zu kommen, dass ‚Ethik‘ eher den wissenschaftlichen Diskurs meint, innerhalb dessen man mögliche ‚Werte‘ klärt, wohingegen ‚Moral‘ gruppenspezifische und (soziologisch‘ gruppenendogene) Wertauffassungen spiegeln. Trotz dieser anfangshaften Unterscheidung konnten die angeführten historischen Beispiele keine letzte Klarheit bringen, ob es nun eine ethikfreie Wissenschaft gebe könne oder nicht. Möglicherweise meinte B auch eher, dass es wegen der möglichen Folgen für die Menschen keine ‚ethikfreie Technik‘ geben könne; seine Beispiele legten diesen Schluss nahe. Denn zu verlangen, dass eine Wissenschaft einer bestimmten Ethik folge, hat sofort viele Probleme im Gefolge: (i) die Geschichte zeigt, dass die experimentelle Wissenschaft vielfach nur Fortschritte erzielte, weil sie herrschende Wertemuster durchbrach, um tieferliegende wichtige Zusammenhänge sichtbar zu machen. Darüber hinaus (ii) dürfte es schwer bis unmöglich sein, so etwas wie ‚absolute‘ Werte zu identifizieren. Ferner (iii) – auch eine Korollar zu (ii) – haben wir als aktuell Lebende unsere aktuelle punktuelle Situation nicht zum Maßstab für die ganze kosmologische Entwicklung zu machen; das wäre vermessen und möglicherweise ein echter Fall von Größenwahn.

8. Hier kommt nochmal Professor A ins Spiel. Sein Konstatieren des Verschwindens von Gesellschaft bezieht seine Logik ja nicht nur aus dem allgemeinen methodischen Artefakt, dass eine Soziologie nicht ‚die Gesellschaft an sich‘ untersucht, sondern – das ist jetzt ein wenig Vermutung – auch aus dem Fakt, dass es für die beteiligten Menschen (den Untersuchungsobjekten) möglicherweise immer schwieriger wird, aus ihrer individuellen Perspektive noch irgendwie den ‚übergreifenden Zusammenhang‘ zu erkennen.

9. Ich hatte dies dann offiziell als Frage formuliert: ob es sein könne, dass es für die Menschen als Handelnde immer schwerer wird, mit ihren individuell begrenzten kognitiven Kapazitäten und ihren beschränkten Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten irgendwelche nennenswerte Zusammenhänge in dem immer komplexeren Gesamtprozess zu erfassen (in einem Beitrag für die Konferenz ‚Urban Fiction‘ (vor vielen Jahren) hatte ich dieses Überlastungsphänomen ‚Negative Komplexität‘ genannt)? Und wenn es für jeden Menschen als Menschen zutrifft, inwieweit tangiert dies dann nicht auch die untersuchenden Soziologen/ Anthropologen? Haben sie denn überhaupt noch eine Chance, irgendetwas ‚Wichtiges‘ in diesem unübersichtlichen Geschehen zu erfassen? Sind sie als selbst Betroffene überhaupt noch Meister des Geschehens? (Von diesem Standpunkt aus erscheinen u.U. die Worte der promovierten Wissenschaftlerin X in einem anderen Licht: wenn die Unterstellung von der Negativen Komplexität stimmt, dann hat heute niemand mehr eine wirklich ‚begründete‘ Forschungsfrage, und dann ist das Ringen dieser jungen Forscherin nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein Problem von uns allen; ihre Frage ist dann als Frage die eigentliche These, und die vielen Antwortversuche der ‚Älteren‘ wären dann ‚beschönigend‘, um nicht zu sagen ‚verdrängend‘.

10. Angesichts dieser Einschätzung – wohlgemerkt bislang nur eine Hypothese – wären die umfangreichen Überlegungen von Professor Z (er hatte einen Vortrag mit über 60 Minuten), die den Versuch bildeten, in dieser ‚begrifflich ungreifbaren Gesamtheit‘ eine ‚Struktur‘ einzuziehen, der falsche Ansatz. Zwar war sein Leitbegriff ‚Konstellation‘, um sich nicht vorschnell auf zu enge ‚Systeme‘ einlassen zu müssen, aber seine ‚Dreistufentheorie‘ der Komplexität würde in einer offenen Diskussion möglicherweise nicht lange überleben. In meiner Wahrnehmung trägt er dem ‚fluiden Moment‘ der ganzen Theoriebildung, nämlich der individuellen Kognition als Medium möglicher Theorien, zu wenig Rechnung (vielleicht tue ich ihm hier Unrecht; mein offizieller Einwand nach seinem Vortrag ging in diese Richtung und seine Antwort(en) konnten mich nicht überzeugen.

11. Dies führt zurück zu Professor A, für den die Gesellschaft abhanden gekommen ist (mit vielen anderen Büchern, die dies aus unterschiedlichster Perspektive erweitern erläutern,…). Wenn mich auch seine Reflexionen im Detail bislang nicht so ganz überzeugen können, so sieht er allerdings (mehr als andere?) das Individuum als einen Knotenpunkt in einem komplexen kommunikativen Netzwerk, das nicht nur von dem Individuum mitgespeist wird, sondern umgekehrt das Individuum wird durch diese Kommunikationsnetzwerke mehr und mehr beeinflusst, geprägt, geleitet, gewinnt daraus nicht wenig Bilder, die es als ‚Selbstbilder‘ missdeuten kann. Der Wandel der kommunikativen Medien vom direkten Face-to-Face, von der Vermittlung über konkrete Aktionen in konkreten Situationen verschiebt sich mehr und mehr zu immer ‚technischeren‘ Medien, die keinesfalls neutral sind, sondern als Medium immer größere ‚Fremdanteile‘ mit sich bringen (bis hin zur eingebauten Totalüberwachung). Dazu immer größere Datensammlungen, sowohl in Entstehung, Struktur und Anwesenheit immer weniger transparent, immer weniger überschaubar, im Zugang intransparent kontrolliert, in der Lagerung intransparent verändert, in ihren Wechselwirkungen immer weniger erfassbar. Das Zauberwort von ‚Big Data‘ (‚Großen Daten‘) ist primär ein Marketingvehikel für jene Firmen, die damit Geld verdienen wollen. Für die Wissenschaft ist es eine weitere Barriere, unser tatsächliches Wissen und unsere tatsächliche Kommunikation überhaupt noch zu verstehen (im übrigen ist Big Data, wie immer mehr Experten mittlerweile zugeben, je größer, umso weniger hilfreich, eher irreführend und für Managemententscheidungen von Firmen sogar gefährlich).

12. Also, einerseits scheint uns das ‚Subjekt‘ allen Geschehens irgendwie mehr und mehr abhanden zu kommen, das Subjekt sowohl als ‚Objekt‘ der Untersuchung wie auch als ‚Akteur‘ hinter allem. Das Subjekt – so scheint es – wird immer mehr eingelullt in ‚Bilder von der Welt‘, die weder seine eigenen Bilder sind noch Bilder, denen eine wissenschaftliche Relevanz zukommt. Damit wäre ‚Gesellschaft‘ im aufklärerischen Sinne ‚verschwunden‘. Fragt sich, was haben wir nun? Entgleitet sich das Subjekt in diesem umfassenden Geschehen immer mehr, nicht, weil es dies so will, sondern weil es mit ihm ‚einfach geschieht‘?

13. Die Leitwissenschaften, die sich diesen zentralen Fragen stellen, sind die Soziologie, die Anthropologie, die Kulturanthropologie um diese als ‚pars pro toto‘ zu nennen. In der deutschen Wissenschaftslandschaft werden aber genau diese Disziplinen zunehmend weggekürzt, weil sie sich nicht mehr ‚rechnen‘. Wer also noch Zweifel an der wissenschaftszerstörenden Kraft der aktuellen Prozesse hat, braucht nur diese Fakten zur Kenntnis nehmen.

LAUNIGES UNPLUGGED GESPRÄCH AM ABEND DANACH

Radically unplugged Gespräch aus einer Laune heraus …

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REVIEW: THE WORLD ACCORDING TO TOMDISPATCH – Teil 2

T.Engelhardt (ed), „The World Acording to TomDispatch. America in the New Age of Empire“, London-New York: Verso, 2008

Diesem Text ging voraus: Teil 1.

Letzte Änderung: 31.Aug.2013, 17:58h, Musikstück (im Anschluss an den Text)

EIN UNIPOLARER IMPERIALISTISCHER PLANET?

1) Es war diese ungeheuerliche Verwandlung der amerikanischen Öffentlichkeit — natürlich auch zusammen mit den entsprechenden Maßnahmen des Regierungsapparates samt kooperierender Institutionen — nach 9/11, die Tom Engelhardt und seine Freunde mehr und mehr herausforderte. Und einleitend zum Buch versucht er die eigene Wahrnehmung in einer Art Kurzfassung vorzustellen, und er benutzt als Kurzformel den Ausdruck ‚a mad unipolar imperial planet‘. (vgl. S.xi).
2) Noch am Tag vor 9/11 war die öffentliche Meinung laut Umfragen über die Regierung und den Präsidenten denkbar schlecht. Doch das Attentat erwies sich — vom Nachhinein betrachtet — als ein ‚Katalysator‘, der den Plänen der Regierung direkt in die Hände zu spielen schien. (vgl. S.xiv)
3) Die neokonservativen Anhänger sprachen öffentlich und begeistert von den USA nach dem Ende des kalten Krieges als dem ’neuen Rom‘, dem ’neuen imperialen Großbritannien‘, der ’neuen einzigen Supermacht‘ auf der Erde.(vgl.S.xii)
4) Die Bush-Administration erhöhte drastisch die Macht der Geheimdienste und des Pentagons bei gleichzeitiger Schwächung von Diensten für die Allgemeinheit. Die Regierung verkörperte eher einen aggressiven, militanten Isolationismus, für den das Konzept der ‚Partnerschaft‘ keine Rolle spielte, weder im Land noch weltweit. Der Rest der Welt hatte sie zu akzeptieren oder wurde in das Lager der Terroristen eingereiht (nicht nur weltweit sondern auch im eigenen Land). (vgl. S.xiii)
5) Diese Regierung etablierte die Administration mit den meisten und höchsten Sicherheitsstufen in der Geschichte der USA. Diese Regierung hatte ihre eigenen Medien und praktizierte die größte ‚Medien-Phobie‘ seit Bestehen der USA. Viele Medien gaben es schlicht auf, Termine mit Regierungsstellen zu machen, weil sie keine bekamen.(vgl. S.xiiif)
6) Der dominante Regierungsstil bestand darin, regelmäßig ‚Angst‘ in die Öffentlichkeit zu pumpen bei gleichzeitiger Dominanz in einem zunehmend geschwächten Kongress.(vgl. S.xiv)
7) Ungeachtet der Diskussion um einen möglichen christlichen Fundamentalismus am Beispiel der Person des Präsidenten gab es einen ungebrochenen (und unkritischen) Glauben an die ‚Macht des Militärs‘ als weltweit stärkste Kraft ohne Konkurrenz. Nicht ‚Demokratie‘ oder ‚Freiheit‘ waren die Markenzeichen dieser Regierung, sondern die ferngesteuerten Drohnen, die jederzeit überall zuschlagen konnten. Dazu passt, dass die gesamte Welt in amerikanische Militärbezirke eingeteilt wurde, ausgestattet mit amerikanischen Garnisonen (und die USA selbst wurden letztlich auch zu solch einem Militärbezirk, unterstellt dem ‚Heimatschutzministerium‘!). Und das Ganze lief unter dem Titel der ‚Befreiung der Menschheit‘ (vom Bösen)! Eine solche Haltung und Zielsetzung gab es nie zuvor in der Geschichte der USA, allerdings im Nazi-Deutschland, im imperialistischen Japan und in Stalins Russland.(vgl. SS.viv-xvi)
8) Begleitet wurde dieser ungehemmte Glaube an die nackte Macht und die eigene Sonderstellung mit einer vollständigen Entledigung von rechtlichen Fesseln: nicht nur nahm diese Regierung für sich in Anspruch, selbst definieren zu können, was ‚Gut‘ und ‚Böse‘ ist, sondern sie nahm sich das generelle Recht, jeden jederzeit angreifen zu dürfen, wenn sie es für richtig fand, unter Anwendung aller Mittel, natürlich auch Folter; Alles war erlaubt! (vgl. S.xvi)
9) [Anmerkung: Diese Zusammenfassung kann die poetische Kraft des Textes wie auch seine viel differenzierteren Details nur ansatzweise wiedergeben; letztlich sollte man den Text selber lesen. ]
10) [Anmerkung: Es ist nicht nur erschreckend, wie schwach und unkritisch die amerikanischen Medien mit diesem außer Kontrolle geratenen Monsterapparat umgegangen sind, sondern nicht weniger unkritisch und ‚wegduckend‘ haben sich die Europäer verhalten. Nirgendwo gab es Politiker, die öffentlich und beherzt dieses Verhalten hinterfragt haben. Letztlich waren es die amerikanischen Bürger selbst, die dieser Regierung ein Ende gesetzt haben. Aber dieses ‚Ende‘ erscheint ‚halbherzig‘: die ungeheuerlichen Rechtsbrüche dieser Regierung wurden niemals ernsthaft diskutiert oder gar untersucht. Und der aktuelle Präsident findet als Erbe eine Monsterstruktur von Geheimdiensten und Militär vor, die sich der Doktrin der vorausgehenden Regierung voll verschrieben hatte (und noch immer hat?). Dass der aktuelle Präsident — obgleich zuvor schärfster Kritiker — im Alltagsgeschäft den monsterhaften Apparat einfach weiterführt, seine ursprünglichen Kritiken vergessen zu haben scheint, und er selbst die dahinter steckende Ideologie nicht öffentlich hinterfragt, das ist erschreckend. Genauso ist erschreckend, dass das politische Amerika seine tiefgreifende Verwandlung und seine mögliche Zukunft in einer Welt mit ‚Partnern‘ nicht aktiv, offen diskutiert. Wie soll sich diese Politik ändern, wenn niemand darüber spricht, wie es alternativ sein könnte bzw. vielleicht sein sollte. Die Webseite TomDispatch bildet hier einen kleinen ‚Leuchtturm‘ (und zum Glück gibt es noch weitere….).]

Fortsetzung folgt mit Teil 3.

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Hier ein Blues-ähnliches Musikstück The Power Boys … zum Thema dieses Blogeintrags

DONALD A.NORMAN, THINGS THAT MAKE US SMART – Teil 7, Epilog

Diesem Beitrag ging voraus Teil 6.

BISHER
(ohne kritische Anmerkungen)

In den vorausgehenden Teilen wurden bislang zwei Aspekte sichtbar: einmal die ‚Menschenvergessenheit‘ in der Entwicklung und Nutzung von Technologie sowie die Einbeziehung von ‚wissensunterstützenden Dingen‘ sowohl außerhalb des Körpers (physisch) wie auch im Denken selber (kognitiv). Ferner hatte Norman die Vielfalt des Denkens auf zwei ‚Arbeitsweisen‘ reduziert: die ‚erfahrungsorientierte‘ Vorgehensweise, ohne explizite Reflexion (die aber über ‚Training‘ implizit in die Erfahrung eingegangen sein kann), und die ‚reflektierende‘ Vorgehensweise. Er unterschied ferner grob zwischen dem Sammeln (‚accretion‘) von Fakten, einer ‚Abstimmung‘ (‚tuning‘) der verschiedenen Parameter für ein reibungsloses Laufen, Schreiben, Sprechen, usw., und einer Restrukturierung (‚restructuring‘) vorhandener begrifflicher Konzepte. Ferner sieht er in der ‚Motivation‘ einen wichtigen Faktor. Diese Faktoren können ergänzt werden um Artefakte, die Denkprozesse unterstützen. In diesem Zusammenhang führt Norman die Begriffe ‚Repräsentation‘ und ‚Abstraktion‘ ein, ergänzt um ‚Symbol‘ (nicht sauber unterschieden von ‚Zeichen‘) und ‚Interpreter‘. Mit Hilfe von Abstraktionen und Symbolen können Repräsentationen von Objekten realisiert werden, die eine deutliche Verstärkung der kognitiven Fähigkeiten darstellen. Allerdings, und dies ist ein oft übersehener Umstand, durch die Benutzung eines Artefaktes werden nicht die kognitiven Eigenschaften des Benutzers als solchen geändert, sondern – bestenfalls – sein Zugang zum Problem. Wenn in einem solchen Fall zwischen den wahrnehmbaren Eigenschaften eines Artefakts und den korrelierenden ‚Zuständen‘ des Problems ein Zusammenhang nur schwer bis gar nicht erkennbar werden kann, dann führt dies zu Unklarheiten, Belastungen und Fehlern. Norman wiederholt dann die Feststellung, dass die Art wie das menschliche Gehirn ‚denkt‘ und wie Computer oder die mathematische Logik Probleme behandeln, grundlegend verschieden ist. Im Prinzip sind es drei Bereiche, in denen sich das Besondere des Menschen zeigt: (i) der hochkomplexe Körper, (ii) das hochkomplexe Gehirn im Körper, (iii) die Interaktions- und Kooperationsmöglichkeiten, die soziale Strukturen, Kultur und Technologie ermöglichen. Die Komplexität des Gehirns ist so groß, dass im gesamten bekannten Universum nichts Vergleichbares existiert. Mit Bezugnahme auf Mervin Donald (1991) macht Norman darauf aufmerksam dass die auffälligen Eigenschaften des Menschen auch einen entsprechenden evolutionären Entwicklungsprozess voraussetzen, innerhalb dessen sich die heutigen Eigenschaften schrittweise herausgebildet haben. Nach kurzen Bemerkungen zur Leistungsfähigkeit des Menschen, der schon mit wenig partiellen Informationen aufgrund seines Gedächtnisses übergreifende Zusammenhänge erkennen kann (was zugleich ein großes Fehlerrisiko birgt), legt Norman dann den Fokus auf die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, mit großer Leichtigkeit komplexe Geschichten (’stories‘) erzeugen, erinnern, und verstehen zu können. Er erwähnt auch typische Fehler, die Menschen aufgrund ihrer kognitiven Struktur machen: Flüchtigkeitsfehler (’slips‘) und richtige Fehler (‚mistakes‘). Fehler erhöhen sich, wenn man nicht berücksichtigt, dass Menschen sich eher keine Details merken, sondern ‚wesentliche Sachverhalte‘ (’substance and meaning‘); wir können uns in der Regel nur auf eine einzige Sache konzentrieren, und hier nicht so sehr ‚kontinuierlich‘ sondern punktuell mit Blick auf stattfindende ‚Änderungen‘. Dementsprechend merken wir uns eher ‚Neuheiten‘ und weniger Wiederholungen von Bekanntem. Ein anderes typisches Fehlerverhalten ist die Fixierung auf eine bestimmte Hypothese. Am Beispiel von Flugzeugcockpits (Boeing vs. Airbus) und Leitständen großer technischer Anlagen illustriert Norman, wie eine durch die gemeinsam geteilte Situation gestützte Kommunikation alle Mitglieder eines Teams auf indirekte Verweise miteinander verbindet, sie kommunizieren und verstehen lässt. In einer simulierten Situation müsste man die impliziten Gesetze der realen Welt explizit programmieren. Das ist nicht nur sehr aufwendig, sondern entsprechend fehleranfällig. Ein anderes großes Thema ist das Problem, wie man Wissen so anordnen sollte, dass man dann, wenn man etwas Bestimmtes braucht, dieses auch findet. Es ist ein Wechselspiel zwischen den Anforderungen einer Aufgabe, der Struktur des menschlichen Gedächtnisses sowie der Struktur der Ablage von Wissen. Nach Norman ist es generell schwer bis unmöglich, die Zukunft vorauszusagen; zu viele Optionen stehen zur Verfügung. Andererseits brauchen wir Abschätzungen wahrscheinlicher Szenarien. Dazu präsentiert er zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit (Privater Hubschrauber, Atomenergie, Computer, Telephon), anhand deren das Versagen von Prognose illustriert wird. Der größte Schwachpunkt in allen Voraussagen ist immer der Bereich der sozialen Konsequenzen. Auffällig in den neuen Entwicklungen ist der Trend, den Menschen im Handeln durch künstliche Charaktere zu ersetzen. Weitere Themen sind ‚Neurointerface‘, kollaborativesArbeiten, Viel ‚Hype‘ um Visionen, wenig Erfolg in der tatsächlichen Realisierung.

WEICHE UND HARTE TECHNOLOGIE

1) Auf den Seiten 221-242 wiederholt Norman Themen, die er auch schon vorher angesprochen hat. Es geht um die Grundeinsicht, dass der Mensch typische Stärken und Schwächen hat, die zu den heute bekannten Fähigkeiten der Maschinen weitgehend komplementär sind (zusammengefasst in einer Tabelle auf S.224).(vgl. SS.221-224) Statt maschinenorientiert zu denken, indem man den Menschen an Maschinen anzupassen versucht und dadurch den Menschen in für Menschen ungünstige Situationen zu pressen (mit entsprechend großem Fehlerpotential), sollte wir eher versuchen, die Maschinen an die Menschen anzupassen. Im Grunde sind beide komplementär und Maschinen könnten den Menschen hervorragend ergänzen.(vgl. SS.224-227)
2) Er stellt dann nochmals gegenüber die Logik, die in den Maschinen zum Tragen kommt, und die Logik des menschlichen Gehirns, die sich vorwiegend in der Art und Weise äußert, wie wir sprechen, wie wir unsere Sprache benutzen.(vgl. SS.227-232). Er illustriert die Gegenüberstellung von ‚maschinenorientierter (harter)‘ zu ‚menschenorientierter (weicher)‘ Technologie an den Beispielen ‚Telephon‘, ‚Briefmarkenautomat‘ sowie einer wissensunterstützenden Software genannt ‚Rabbit‘. (vgl. SS.232-242)

TECHNIK IST NICHT NEUTRAL

3) Auch auf den Schlussseiten SS.243-253 wiederholt Norman nur Thesen, die er zuvor schon mehrfach besprochen hat. Zentral sind ihm die Themen, dass das Medium für ihn im Gegensatz zu Marshall McLuhan nicht die Botschaft ist, wenngleich das Medium durch seine Eigenschaften einen spezifischen Effekt haben kann.(vgl.S.243f)
4) Er verdeutlicht dies (wiederholt) an der Gegenüberstellung von ‚Text lesen‘ und ‚Fernsehen schauen‘. Letzteres ist passiv und lässt in der Regel keine Zeit zur Verarbeitung. Die enorme Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Dinge auf unterschiedliche Weise zu verarbeiten und zu gewichten wird durch das Fernsehen neutralisiert und führt nach jahrelanger mehrstündiger Praxis täglich zu deutlich negativen Effekten.(vgl. SS.244-246)
5) Eine Behebung dieses Problems sieht er (wiederholt) in der Einbeziehung des menschlichen Denkens durch eine Einbettung von Fernsehen in einer interaktive Version, bei der die Darbietung jederzeit unterbrochen werden kann.(vgl. S.248f)
6) Seine Schlusszeile lautet: „Menschen schlagen vor, Wissenschaft untersucht, Technologie macht verfügbar (‚conforms‘)“.(S.253)

EPILOG

ZERFLEDDERT

7) Hat man sich durch das ganze Buch durchgekämpft, dann kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Gesamtheit der Themen nicht sehr streng systematisch organisiert worden sind. Viele Themen kommen immer wieder vor, mal mehr, mal weniger durchanalysiert. Dazu kommt, dass die Reflexion über Beispiele nicht konsequent durchgeführt erscheint. Reflexionsansätze werden immer wieder durchbrochen durch eine Vielzahl von Beispielen, die in sich zwar interessant und lehrreich sind, aber letztlich nicht wirklich in einer kohärenten Theorie aufgefangen werden.

GRUNDLEGENDE EINSICHTEN

8) Dieser negative Eindruck wird aber durch zwei positive Aspekte ausgeglichen: (i) die vielen ausführlichen Beispiele (die ich hier nicht im einzelnen beschrieben habe) illustrieren sehr schön den Reichtum seiner praktischen Erfahrungen; (ii) seine Grundthesen erscheinen mir tatsächlich fundamental, grundlegend, auch nach nunmehr 20 Jahren seit dem ersten Erscheinen des Buches.
9) Zwar nimmt in der Wirtschaft das Bewusstsein für bessere Bedienbarkeit von Geräten deutlich zu, aber eher weniger durch theoretische Einsicht sondern vielmehr durch die Realität des Marktes: schlechte Bedienbarkeit führt zu realen wirtschaftlichen Verlusten oder kann bei Zulassungsverfahren zum Ausschlusskriterium werden.
10) Das grundsätzliche Verhältnis von Menschen vs. Maschinen hat sich im Bewusstsein der Mehrheit deswegen nicht unbedingt zugunsten des Menschen verschoben. Die Unterhaltungsindustrie lebt jedenfalls extensiv von der immer wieder neuen Variierung des Themas ‚Intelligente Maschinen bedrohen die Existenz der Menschen‘.
11) Ich finde, dass Norman zurecht die Stärken und Schwächen des Menschen thematisiert und dass er im großen und ganzen die Möglichkeiten einer technischen Intelligenz demgegenüber als potentiell komplementär skizziert. Aus eigener Erfahrung im Hochschulbetrieb weiß ich, dass im Bereich der Informatik und Ingenieurwissenschaften das explizite Bewusstsein vom ‚Faktor Mensch‘ höchstens bei jenen wenigen Professoren gegeben ist, die das Thema ‚Mensch-Maschine-Interaktion‘ explizit betreuen; aber selbst in dieser verschwindend kleinen Gruppe gibt es noch genügend, die das Fach ‚maschinenorientiert‘ verstehen: wie kann ich den Menschen am besten an die Gegebenheiten eines bestimmten technischen Systems anpassen?‘.
12) Seine letztlich tiefgreifenden Einsichten in den Fundamentalzusammenhang zwischen Menschen und Technologie berühren allerdings ein Thema, das weit über die Disziplin Mensch-Maschine Interaktion hinausgeht. Es berührt den grundsätzlichen Wertekanon einer informationstechnologisch geprägten Gesellschaft, berührt die grundsätzlichen Fragen nach dem ‚Selbstbild des Menschen‘, die Frage, wie wir als Menschen uns selbst sehen, begreifen, verstehen angesichts einer immer mehr beschleunigten Komplexität.
13) Und in diesem Bereich der übergreifenden ‚Weltbilder‘ erleben wir neben einer großen Ungleichzeitigkeit zwischen unterschiedlichen Regionen und Kulturen auf der Erde im Bereich der stark wissenschaftlich geprägten Gesellschaften ein gefährliches denkerisches Vakuum: Bis zum Beginn der Entwicklung neuzeitlicher experimenteller und formal-mathematischer Wissenschaften verbanden die Menschen das ‚Lebendige‘, speziell den ‚Menschen‘ – also sich selbst – mit der Kategorie, etwas ‚Besonderes‘ zu sein, und die unterschiedlichen Manifestationen dieser Besonderheiten im Verhalten nannte man – im weitesten Sinne – z.B. ‚intelligent‘, ‚vernunftbegabt‘, ‚geistig‘, bis dahin, dass man einem Menschen einen ‚Geist‘ unterstellte (was immer dies auch im einzelnen war), der einen Menschen genau zu diesem wunderbaren Verhalten befähigt. Dieser unterstellte ‚Geist‘ war eine beliebte Projektionsfläche für sehr vieles, u.a. auch für religiöse Vorstellungen. Mit dem Fortschreiten der experimentellen und formalen Wissenschaften begann aber eine zunehmende ‚Durchleuchtung‘ der empirischen Welt, auch des menschlichen Körpers einschließlich Gehirn, auch des Universums, und überall fand man immer nur noch Kleineres, Zellen, Moleküle, Atome, Quanten, aber eben keinen ‚Geist‘. Diese zunehmende Zerkleinerung mit Verlust der Sicht auf potentielle Zusammenhänge oder Hervorbringungen haben die Aura des ‚Besonderen‘ denkerisch ausgetrocknet. Die ‚Rückbesinnungen‘ auf das typisch, ursprünglich Menschliche, auf immer buntere Formen von Religiosität, wirken in diesem Zusammenhang wie Verzweiflungsaktionen, eher emotional, wenig rational, kaum erhellend, auf keinen Fall kraftvoll genug, um die Stellung des Menschen (und überhaupt des Lebens) im Kosmos nennenswert zu stärken. In einer solchen denkerisch ausgehöhlten, ausgelutschten Situation gibt es keine wirklichen Argumente für den Menschen. Philosophie und Religion sind sprachlos, die Wissenschaft gefangen in ihre einzelwissenschaftlichen Zerkleinerungen eines großen Ganzen, das dem Blick entschwunden ist. Die Lücke füllen Fantasien aller Arten.
14) Das schon mehrfach erwähnte ‚Emerging Mind Project‘ stellt in diesem Zusammenhang einen Versuch dar, den Zusammenhang wieder zurück zu gewinnen und das Phänomen des ‚Lebens‘ (einschließlich des Menschen) in seiner spezifischen Rolle neu sichtbar zu machen. Technologie wird hier dann zu einem genuinen Teil des Lebens, nicht als Gegensatz, sondern als ‚genuiner Teil‘!

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

SINN, SINN, und nochmals SINN

(1) Wie die vorausgehenden Beiträge auf unterschiedliche Weise gezeigt haben, führt die Frage nach dem ‚Sinn‘ (eng verknüpft mit der Frage nach der Wahrheit), wenn man sie ernsthaft stellt, schnell auf allerlei ‚Randbedingungen‘ des ‚Erkennens‘, die nicht nur ‚passiver Natur‘ sind (was ‚uns geschieht‘), sondern zugleich auch vielfältiger ‚aktiver‘ Momente (was ‚wir tun‘), damit wir überhaupt etwas erkennen, ‚wie‘ wir erkennen, ‚wann‘, ‚wo‘, usw. ‚Erkennen‘ zeigt sich somit als ein komplexes Geschehen, eingebettet in eine Vielzahl von Randbedingungen, die eine unüberschaubare Anzahl von Möglichkeiten zulassen.

 

 

(2) In jeder dieser unendlich vielen Kombinationen haben wir ein Erkenntniserlebnis, was immer auch die aktuelle Konstellation sein mag (Fernsehen gucken, Lesen, Laufen, reden, arbeiten, Malen, Streiten, Internet surfen, ….). Dieses aktuelle Erlebnis ist als Erlebnis ‚real‘. Wir können uns diesem realen Erleben nicht entziehen. Wir sind ‚mitten drin‘. Und wenn wir über das, was wir erleben, nicht explizit und zusätzlich ’nachdenken‘ (reflektieren…), dann ist die Welt das, was wir aktuell faktisch erleben (Wittgensteins berühmter Satz ‚Die Welt ist, was der Fall ist‘ (der in einem ganz bestimmten Kontext geäußert wurde) würde hier jetzt genau dies bedeuten: die Welt ist, was ich erlebe (was Wittgenstein genau vehement abstreiten würde (das war sein Problem…)). Denn nur das haben wir zur Verfügung (oder, wie zuvor mehrfach ausgeführt, das ist das, was das Gehirn ’sich selbst‘ aufgrund der verfügbaren Signale ‚zubereitet‘ (… wobei ‚Gehirn‘ ein komplexes theoretisches Konzept ist, dessen Anführung in diesem Kontext für viele Leser eher irreführend als zielführend sein kann)).

 

(3) Was die Sache mit dem Erleben (aus theoretischer Sicht) ’schwierig‘ macht (mit den entsprechenden weitreichenden Folgen für das alltägliche praktische Leben), ist die Tatsache, dass unser Erleben (wie jetzt schon oft besprochen) keine 1-zu-1-Abbildung von ‚Dingen außerhalb des Körpers‘ ist, sondern eine permanente dynamische Konstruktionsleistung unseres Gehirns, das aktuell verfügbare Signale mit schon zuvor ‚erworbenen (gelernten?)‘ Daten (Erinnerung, Gedächtnis) ‚verrechnet‘ und ‚Arbeitshypothesen‘ entwickelt, wie das alles ‚zusammenpassen‘ (Kohärenz, Konsistenz…) kann. Da das Gehirn endlich ist und in knapp bemessener Zeit aus einer Signalflut permanent auswählen muss, fallen beständig Sachen unter den Tisch, werden ausgeklammert, werden Dinge ‚vereinfacht‘ usw. Auf der ‚Habenseite‘ dieses atemberaubenden Geschehens verbleibt aber ein ‚Erkenntniseindruck‘, der ‚uns‘ das Gefühl vermittelt, wir ’sehen‘ etwas, wir ‚hören‘, usw.

 

 

(4) Dieser permanente Rückgriff auf ’schon Bekanntes‘ hat den großen Vorteil, dass die meist unvollkommenen Daten durch den Bezug auf ‚Ähnliches‘ ‚ergänzt‘ (interpretiert, gedeutet…) werden können und damit der ‚Entscheidungsprozess‘ während der ‚Berechnung‘ der ‚möglichen Strukturen in den Signalströmen‘ in Richtung des ’schon Bekannten‘ geleitet und damit abgekürzt werden kann (in Experimenten im Rahmen der Phonetik konnte man zeigen, dass Menschen bei der Identifizierung von akustischen Signalen ohne ‚Kontextwissen‘ deutlich schlechter waren, als mathematische Algorithmen für die Signalerkennung. Sobald die Menschen aber nur ein wenig Kontextwissen besaßen, waren sie den Algorithmen (nachvollziehbarerweise) deutlich überlegen. Andererseits konnte man sie dadurch aber auch gezielter ‚manipulieren‘: wenn man weiß, welches Kontextwissen bei einem bestimmten Menschen ‚dominant‘ ist, dann kann man ihm Daten so servieren, dass er diese Daten ’spontan‘ (wenn er nicht kritisch nachdenkt) im Sinne seines Kontextwissens interpretiert und damit zu ‚Schlüssen‘ kommt, die mit der tatsächlich auslösenden Situation gar nichts mehr zu tun haben).

 

(5) Diese ambivalente Rückwirkung des ’schon Bekannten‘ wird noch komplexer, wenn man berücksichtigt, dass mit dem Erlernen einer Sprache die ‚Gegenstandswelt‘ erweitert wird um eine ‚Welt der Zeichen‘, die auf diese Gegenstandswelt (und auf sich selbst!) auf vielfältige Weise ‚verweisen‘ kann. Ein sprachlicher Ausdruck als solcher ist auch ein reales Erlebnis, das aber – im Normalfall – von sich weg auf etwas ‚Anderes‘, auf seine ‚Bedeutung‘ ‚verweist‘. Jede mögliche Bedeutung ist letztlich immer erst mal wieder nur ein Erlebnis, das irgendwann einmal stattgefunden hat, und sei es als bloß ‚Imaginiertes/ Vorgestelltes/…‘. D.h. die Verwendung der Sprache als solche führt nicht grundsätzlich über den Bereich des Erlebbaren hinaus. Ein Denken mit Hilfe von sprachlichen Ausdrücken ist nur ’strukturierter‘, ‚berechenbarer‘, ‚handhabbarer‘ als ein Denken ohne sprachliche Ausdrücke. Sprache erlaubt die ‚wunderbare Vermehrung der Dinge‘, ohne dass real die Dinge tatsächlich vermehrt oder verändert werden (ein Roman von vielen hundert oder gar über tausend Seiten kann für den Leser ein sehr intensives ‚Erlebnis‘ erzeugen, gestiftet von einem bunten Strauss von sprachlich induzierten ‚Vorstellungen‘, die als solche real sind, ohne dass diesen Vorstellungen irgendetwas in der Außenwelt entsprechen muss.

 

(6) Mit den modernen Medien (Film, Fernsehen, Video, Computeranimation…) wird die Erzeugung von ‚Vorstellungen‘ nach ‚außen‘ verlagert in ein Medium, das Erlebnisse erzeugt ’scheinbar wie die Außenwelt‘, die aber ‚willkürlich erzeugt‘ wurden und die mit der empirisch-realen Welt nichts zu tun haben müssen. Dem ‚Erlebnis als solchem‘ kann man dies u.U. Nicht mehr ansehen, sofern man nicht (wie auch in allen anderen Fällen) sehr bewusst ‚kritisch‘ Randbedingungen überprüft und berücksichtigt. Während das Lesen eines Romans ‚als Lesen‘ deutlich macht, dass alle durch das Lesen induzierten Erlebnisse ‚künstlich‘ sind, kann das sehen/ hören/ fühlen… eines künstlichen Mediums die Einsichtsschwelle in die ‚Künstlichkeit‘ immer ‚höher‘ legen. Ein Film über ‚Erfundenes‘ neben einem Film über ‚empirisch-Reales‘ ist nicht mehr ohne weiteres identifizierbar.

 

(7) Sofern man nicht explizit die Frage nach der ‚Wahrheit‘ stellt (ich definiere ‚Wahrheit‘ hier jetzt nicht; siehe dazu die vorausgehenden Reflexionen) sind alle diese möglichen Erlebniswelten (real-empirisch bezogen oder beliebig generiert) aus Sicht des Erlebens ‚gleichwertig‘. Wer hier nicht ausdrücklich immer darauf achtet, was wann wie von wem mit welcher Absicht usw. ‚erzeugt‘ wurde, für den verschwimmen alle diese erlebnisfundierten Bilder zu einem großen Gesamtbild, wo jedes jedes ‚interpretiert‘ und wo die Frage nach der Wahrheit aus den Händen gleitet. Dennoch bieten alle diese Bilder – so verzerrt und willkürlich sie auch sein mögen – für den, der sie ‚hat‘ eine ‚Interpretation‘ und damit einen ‚möglichen Sinn‘. Ohne die ‚Gewichtung‘ durch den Aspekt der Wahrheit sind alle diese ‚möglichen Sinne‘ ‚gleichwertig‘. Es gibt im Bereich des möglichen Sinns keine ausgezeichnete Instanz, die einen besonderen Vorzug verdienen würde. Entsprechend ‚bunt‘ ist das Bild, das sich bietet, wenn man schaut, was Menschen alles für ’sinnvoll‘ halten. Es kann für jemand anderen noch so ‚grotesk‘ erscheinen, für den ‚Besitzer‘ dieses Sinns ist es ‚der allein seligmachende‘.

 

(8) Wie gesagt, solange man die Frage nach der ‚Wahrheit‘ ausklammert, geht alles. Die Frage nach der Wahrheit wiederum setzt eine ‚kritische Reflexion‘ auf Randbedingungen voraus. Wie der Alltag zeigt, ist aber den meisten Menschen gar nicht klar, was ‚kritische Reflexion‘ praktisch bedeutet. Selbst wenn sie ‚kritisch reflektieren‘ wollten, sie könnten es nicht. Millionen von Menschen sind zwar bereit, viel Geld, viel persönliche Zeit, ja sogar ihr ganzes persönliche Leben, in ‚Gefolgschaften‘ von Kursen und Organisationen zu investieren, ohne ein Minimum an kritischem Denken dafür zurück zu bekommen. Das ‚Verwirrspiel‘ um den ‚Sinn‘, um den ‚Lebenssinn‘, um den ‚wahren Sinn‘ wird damit nur schlimmer und furchtbarer. Meist werden ein paar Leute dadurch sehr viel reicher, und viele andere sehr viel ärmer. Soetwas sollte immer als ein mögliches Alarmzeichen dienen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es bei solchen Veranstaltungen (das müssen nicht nur sogenannte ‚Sekten‘ sein, das kann — wie wir täglich leidvoll dazu lernen — jede Art von sogenannten ‚Beratern‘ sein) nicht um ‚wahren Sinn‘ geht, sondern um simple materielle Vorteile einzelner auf Kosten anderer.

 

(9) Das Thema ist damit nicht erschöpft (was ja auch die vorausgehenden Eindrücke zusätzlich belegen können), …es ist nur eine ‚Notiz‘ zwischendurch….

 

 

Ein Überblick über alle bisherigen Beiträge findet sich hier.

 

 

 

LITERATURNACHWEISE

Wittgenstein, L.: Logisch-philosophische Abhandlung, W. Ostwald (Hrsg.), Annalen der Naturphilosophie, Band 14, 1921, S. 185–262

nachlesbar in:

Wittgenstein, L.: Logisch-philosophische Abhandlung, Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998

 

 

 

 

 

 

 

 

Philosophische Büttenrede…

(Vorgetragen am 19.Febr.2012)

Liebe Narren,

in diesen Tagen,

was soll ich sagen?

 

Die Welt trauert um Whitney Houston,

die Demokraten feiern den Abschied von Christian Wulff,

in Syrien richtet Assad ein Blutbad nach dem anderen an,

die Tuareg wehren sich gegen die Ausrottung durch ihre eigenen Regierungen,

 

aber — trotz allem – und dennoch —

die Narren sind los.

Von Mainz bis Düsseldorf,

von Köln bis Franken,

die Menschen proben den Ausstand vom Alltag,

die Ausnahme von der Regel,

suchen die Nähe der anderen,

feiern und schunkeln,

erleben die Kraft der Fantasie,

ja, ich bekenne,

ich bin ein Fan der Stunksitzung in Köln,

ich bin besoffen von Pink Punk Pantheon,

ich bin ein Philosoph zwischen

Spass und Wahrheit,

zwischen der Alternative und dem Jetzt, das schon tot ist in dem Moment, wo es stattfindet.

 

PHILOSOPH UND WAHRHEIT

Ja, es ist wahr,

in all diesem Gewusel von Ereignissen, Hektiken, Schlagzeilen,

ein wahrer Philosoph versinkt trotz allem in seinen Gedanken,

taucht ab in Sein und Nichtsein,

denkt über sein Denken,

fragt sich, ob wirklich ist, was zu sein scheint,

fragt ob wahr ist, was Wahr zu sein beansprucht,

grübelt über sich, Gott und die Welt,

und weiss nie, ob Sinn macht, was er da treibt.

 

Ja, so ein Philosoph der hat’s nicht leicht…

 

Körper, Triebe, Sucht…

… wohnt sein Denken doch im Hirn,

dieses sitzt im Körper,

wie in einer Flaschenpost,

angefüllt mit Trieben allerlei Art.

Diese schrein Jucheeh, wenn wir sie bedienen.

Wen wundert’s dann wenn

Sex, Alkohohl und Drogen tun so gut,

süße Speisen, Anerkennung, Lob geh’n runter wie nichts, …

Macht, Reichtum, Publicity… wer kann dem widerstehen?

Für sich sein, Alleinsein, sein eigener Herr sein,

wie angenehm…

Drum, liebe Narren, wundert euch nicht, wenn

so viele Kranke uns umgeben.

Es ist nicht nur die Arbeit, die uns quält,

nein, wir selbst

sind unsre eignen Feinde,

der Körper ist’s, das Hirn,

das in uns waltet ohne uns zu fragen.

 

Geschlechterkampf

Geschlechterkampf,

Mann und Frau,

ein pompöses Gerede,

das ablenkt von den harten Trieben,

tief in uns drin,

die mitgegeben uns durch lange Zeiten,

vom Werden und Vergeh’n des Lebens auf dieser Erde.

Nicht wir, 2012, sind die Herren des Geschehens,

nein, die Gene sind’s, die uns treiben!

 

Philosoph

So ist’s dann doch wieder der Philosoph, der

erahnt, vielleicht erkennt,

was die Welt im Innersten zusammendrängt,

warum heute ist, was uns umgibt,

warum wir sind, was wir sind,

und was das bessere Bild vom Menschen wäre –vielleicht–

nicht ganz so kitschig, so naiv, als ….

 

Politik

… während ich so räsoniere sucht Schöneck einen neuen Bürgermeister –oder auch eine Meisterin, Hausfrau oder Jugendbildungsexpertin–

die Deutschen suchen einen neuen Präsidenten,

der Sarkozy ringt um seine Macht,

die Griechen wollen unser Geld,

die USA türmen Schulden auf Schulden,

Lobbyisten umgarnen die Politik,

Minister vergeben massenweise neue Pöstchen mit unserem Geld,

Vetternwirtschaft nennt man das,

Korruption greift weiter um sich,

Staatsanwälte sind nicht unabhängig,

Richter werden seltsam, Polizei kassiert erst mal ab,…

 

Medien

Wo sind da unsere Medien, unsere Journalisten?

Gibt es noch welche, die ‚frei‘ sind, ‚unabhängig‘?

Gibt es noch Zeitungen, die untersuchen, was zu untersuchen ist?

Frei von Werbung, frei von platter Sensationsmache?

Haben wir noch eine reelle Chance, uns eine Meinung zu bilden,

uns das Bild zu machen, das wir brauchen,

um zu wissen, wo es langgeht?

 

Natur und Tiere

Auf die Tiere können wir wohl nicht warten, dass sie uns helfen.

In mehr als 3 Mrd Jahren

  • sind wir es, der homo sapiens, der den Durchbruch schaffte zu Bewusstsein, Sprache, komplexen sozialen Gebilden

  • sind wir es die die Welt überziehen wie ein überall sich ausbreitender Teppich von Menschen, Gebäuden, Strassen, die Nachts als bunte Lichterketten leuchten

  • sind wir es die die Erde aussaugen mit Rohstoffen, Energie,

  • sind wir es die alle anderen Arten ausrotten, buchstäblich auffressen

Hunger und Durst wachsen, weil wir uns vermehren

doch es gibt nicht beliebig viel:

die Erde ist klein,

das Weltall so groß…

 

Abgang

Ja…was ein Philosoph so alles denken muss…

doch, wer will’s schon wissen?

Der Alltag dreht sein Rad auch so,

heute wie morgen.

Du fährst zur Arbeit,

das Radio plärrt,

der Kollege nervt,

abends ist Feierabend

das Bier schmeckt….

und doch…

spürt es nicht jeder?

Dieses ‚Oh je‘, ‚Ach‘ und ‚Au‘ …

das sind nicht unsere letzten Worte.

Wir können jammern, ja lamentieren,

wir können aber auch fantasieren,

Wir können ändern was uns drückt und quält,

wir können lachen und

das machen, was uns weiterhilft.

Gemeinschaft ist ein Zaubertrank,

mit Witz, Humor und Fantasie,

kann Dunkles neu erhellen,

kann Leben sich neu erfinden lassen.

Deswegen liebe Narren hier,

lasst uns leben aus der Freude,

die verändern kann, was uns bedrückt.

Städe – Helau!!!