ZUR LAGE DER MENSCHHEIT … Ausgangspunkt im Alltag

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.August 2020
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

PROLOG I: GENERVT IM ALLTAG

Sind Sie genervt von den vielen — aus ihrer Sicht — Halbwahrheiten, Unsinnigkeiten, Lügen, die ihren Alltag durchtränken? Von all den Leuten, die scheinbar nur sich selbst sehen, sich als erstes, und die versuchen, ‚ihr Ding‘ zu machen, egal zu welchem Preis? Haben Sie nicht auch schon diese Gefühle gehabt, diese Verzweiflung über das — in ihren Augen — Versagen anderer Menschen, über den Betrug einzelner an der Gemeinschaft, die vielen ‚Deals im Hintergrund‘, die manchmal bekannt werden und breites Entsetzen auslösen? Sind sie auch manchmal unangenehm berührt, enttäuscht, wenn Sie erfahren wie — in ihren Augen — unsinnig manche Behörden gehandelt haben, wie wenig Durchblick und Weitblick in Verwaltungen herrscht, wie berühmte Firmen plötzlich ins Schleudern geraten, weil ihre Manager ‚die Zeichen der Zeit‘ nicht rechtzeitig erkannt haben?

Wenn Sie diese Enttäuschungen nicht für sich behalten, sondern sie aussprechen, laut, bei anderen, mit anderen, werden sie feststellen, dass Sie nicht alleine sind. Da sind sehr viele Menschen um sie herum, die solche Enttäuschungen teilen. Fast scheint es so zu sein, als ob diese Enttäuschungen zum Alltag gehören, gleichsam wie eine untergründige Melodie, wie ein musikalisches Thema, das alles irgendwie zu durchziehen scheint. … es beschleicht Sie das Gefühl, dass es ja alles noch viel schlimmer ist, als sie gedacht haben. Ihre Ohnmacht, ihre Angst, ihr Ärger erscheinen übermächtig.

Und dann entdecken Sie vielleicht andere, einen Text, ein Video, einen Podcast, eine Veranstaltung, eine Bewegung, die das alles genau so ausspricht, wie sie es ständig empfinden. Da gibt es diese Menschen, die Antworten auf ihre Enttäuschungen haben, die die Ereignisse mit ihren Worten in Zusammenhänge einordnen, die ihnen plausibel erscheinen. Mit einem Mal bekommen ihre diffusen Ängste Namen von Menschen und Gruppen, die die Verursacher sind. Mit einem Mal bekommen Sie Worte angeboten, Slogans, Texte, die ihnen alles ‚erklären‘, ganz einfach, und sie beginnen, sich ‚zu Hause‘ zu fühlen. Da sind welche, die sie ‚verstehen‘. Menschen wie Sie selbst, persönlich, konkret, ganz nah, nicht in den Tiefen des Netzes, nicht verdeckt hinter den Fassaden der Macht….

Sie glauben, jetzt beginnt für Sie etwas Neues, neben den Enttäuschungen glimmt Hoffnung auf. Sie sind nicht alleine. Da sind andere mit ihnen….

PROLOG II: ALLTAG AUFBRECHEN

Wenn wir in unseren Alltag eingetaucht sind, dann können wir die Welt um uns herum, unsere Welt, unseren Alltag, genauso erleben, wie eingangs beschrieben, und es ist tatsächlich so, dass sehr viele Menschen heute es genau so erleben.

Wir kennen aber auch die Metapher, von dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Wenn wir uns im Wald befinden, sehen wir nur viele Bäume, aber nicht den Wald als Ganzes. So ist es vielfach auch mit unserem Alltag: wir sind eingebettet in viele Abläufe, Verpflichtungen, Gewohnheiten, wen wir treffen, was wir arbeiten, was wir bei verschiedenen Gelegenheiten so sagen, mit wem wir was besprechen, welchen Informationsquellen wir folgen, was wir so essen und dementsprechend einkaufen …. ein Außenstehender könnte uns vielleicht sogar ziemlich gut beschreiben in allem, was wir tun. Google-Algorithmen, Handy-Algorithmen, und viele andere, tun dies rund um die Uhr, Woche um Woche. Deswegen können sie auch vieles sehr gut vorhersagen, oder Auftraggeber können wissen, was sie tun müssen, um uns zu bestimmten Verhaltensweisen anzuregen …

Wenn wir dies alles so tun, jeden Tag, Woche um Woche, heißt dies nicht unbedingt, dass wir selber genau wissen, was wir da tun; ja, wir tun es, aber warum genau? Welchen Zweck befolgen wir? Haben wir ein Ziel, was uns wie ein Licht vorausleuchtet über das Jetzt hinweg, für einen Punkt in der Zukunft, wo wir hinwollen? Oder treiben wir eher so dahin, fühlen wir uns gezwungen und dirigiert von den Umständen, die uns übermächtig erscheinen? Sind wir täglich von unserer Arbeit so ausgelaugt, dass uns schlicht die Kraft fehlt, am Abend, zwischendurch, an Alternativen zu denken, an irgendetwas anderes, an Freundschaften, an eine andere Form zu leben? Nehmen wir es also einfach so hin, was passiert, wie es passiert, ohne wirklich zu verstehen, warum dies geschieht, wer da im Hintergrund die Fäden spinnt?

MIT ANDEREN AUGEN

Manchmal gibt es sie dann doch, diese seltenen Momente, wo Sie irgendwie zur Ruhe kommen, wo Sie ein Buch lesen, dessen Worte sie gefangen nehmen, einen Film sehen, der Sie anspricht, einen Song hören, der sie berührt, oder mit einem anderen Menschen reden, der Ihnen zuhört, und der Ihnen dann Worte sagt, die ihnen helfen, sich selbst mal mit anderen Augen zu sehen, ihr Leben, ihr Tun; eine Freundin, ein Freund, oder jemand Fremdes,….

Jeder von uns hat seinen eigenen Blick, den wir uns in vielen Jahren angeeignet haben, die eigene Sprache, die eigenen Vorlieben, und dann sehen wir andere Menschen, die es anders machen, und irgendwie haben wir das Gefühl, das fühlt sich gut an… oder unser Gegenüber hört uns zu und fragt dann zurück, warum wir dies und jenes überhaupt so machen. Warum machen wir ständig A, warum nicht auch einmal B? Und im Moment, wo wir gefragt werden, schrecken wir vielleicht zurück und fangen sofort an, uns zu verteidigen, oder, wir zögern einen Moment, merken vielleicht, da wird ein Punkt berührt, der einen schon lange irgendwie beschäftigt, aber man hatte noch nie die Muße, den Mut, ihn ernsthaft ins Auge zu fassen, ihn wirklich an sich heran kommen zu lassen…

Entscheidend ist, dass es meistens irgendwelche Ereignisse braucht, die uns dazu bringen, im gewöhnlichen Ablauf inne zu halten, etwas zu merken, aufmerksam zu werden auf etwas in unserem Leben, an uns, von dem wir spüren, das könnte auch anders sein. Hier können sehr viele Emotionen im Spiel sein, Ängste wie auch Hoffnungen, Schmerzen wie auch Lustgefühle, Erinnerungen, die uns lähmen und solche, die uns ermutigen…

Die Gefühle, die Emotionen alleine sind es aber nicht, auch wenn sie uns vielleicht lähmen, fesseln können. Es braucht schon auch ein Bild, eine Vision, eine Vorstellung, eine Idee die uns Zusammenhänge sichtbar macht, mögliche alternative Zustände, die so sind, dass wir daraus mögliche Handlungen ableiten können, eine mögliche neue Richtung, was man mit anderen konkret tun könnte: andere Menschen, andere Orte, andere Bewegungsformen, anderes sehen, anderes ….

Mit dem neuen Tun ändert sich die eigene Wahrnehmung, ändert sich die eigene Erfahrung, kann sich das Bild von der Welt, von den anderen, von sich selbst ändern; dadurch können sich Gefühle ändern. Was vorher so aussichtslos, fern erschien, erscheint plötzlich vielleicht erreichbar… so ein bisschen kann man dann erahnen, dass man selbst vielleicht mehr ist als nur ein Bündel von Gewohnheiten, die feststehen …. dass man irgendetwas in sich hat, was die Abläufe ändern kann, etwas, das das ganze Gefüge in Bewegung setzt. Ich muss nicht immer das Gleiche machen, ich kann anders … die Welt ist mehr als ds Bild, was ich gerade noch im Kopf hatte, mein Bild, das mich eingesperrt hat in mich selbst …

EREIGNIS BEI MIR: Vor 33 Jahren …

Ereignisse, die einem helfen können, für einen Moment inne zu halten, aufzumerken, zu ahnen, zu spüren, dass da etwas ist, was anders ist, sind vielfältiger Art. Jeder kann davon bestimmt mindestens eine Geschichte erzählen. Bei mir war es die Tage ein Gespräch mit Freunden, bei dem einer (MF) das Wort autopoiesis erwähnte, ein Wort, das einem ja nicht alle Tage über den Weg läuft. Und ja, dieses Wort spiel eine zentrale Rolle in einem Buch, das den vielsagenden Titel trägt Baum der Erkenntnis. Dies ruft gleich Assoziationen an esoterisches Gedankengut wach, an Mythen und Sagen, oder auch an den berühmten Sündenfall von Eva und Adam, als sie im Paradies vom ‚Baum der Erkenntnis‘ aßen und daraufhin aus dem Paradies vertrieben wurden. Wer versteht die Botschaft in dieser Geschichte nicht: Wehe, wenn Du Dich zu sehr mit Erkenntnis beschäftigst, dann verlierst Du deine Unschuld und es wird Dir Zeit deines Lebens schlecht ergehen.

Ja, und vielleicht stimmt diese Mahnung auch, wird so mancher denken, denn das Buch, um das es hier geht, erschien 1987 erstmals und wurde von zwei Wissenschaftlern verfasst, die aufgrund ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der Erforschung der Natur, insbesondere des biologischen Lebens, ein Bild von der Welt und uns als Menschen erarbeitet hatten, das die Geschichten aus der Bibel — und viele anderen — nicht besonders gut aussehen lassen.

Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass ich dieses Buch noch in meinem Bücherregal hatte, ich hatte es sogar vor 33 Jahren gelesen, wovon viele Markierungen im Text Zeugnis geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es damals tatsächlich in seiner Tragweite verstanden hatte. Jetzt, 33 Jahre später, als ich als erstes das Schlusskapitel nochmals las, hatte ich das Gefühl, dass ich fast jeden Satz mehrfach unterstreichen konnte. Ich merkte, dass meine ganzen Arbeiten der letzten 33 Jahre (!) letztlich dazu gedient haben, die Vision in diesem Buch — ohne mir dessen vielleicht immer bewusst gewesen zu sein — durch eigenes Forschen, Experimentieren, Probieren, Schreiben, Verwerfen usw. für mich neu zu erarbeiten. Während man sicher viele Details aus dem Buch von Maturana und Varela aktualisieren muss, erscheint mir die Grundperspektive weiterhin voll gültig zu sein und es könnte uns heute, uns allen, die wir von unseren alltäglichen Abläufen oft wie ‚Gefangen genommen‘ erscheinen, vielleicht eine deutliche Hilfe sein, aus unseren — tendenziell unfertigen und falschen — Bildern auszubrechen.

AUFTRAG, NICHT SCHICKSAL

Wie eingangs angedeutet, leidet unser Alltag stark an der Unvollständigkeit unserer Bilder von uns selbst, von den anderen, von der Gesellschaft, der Welt. Und ja, man kann dadurch entmutigt werden, vielleicht sogar daran verzweifeln. Aber vielleicht hilft es, wenn man weiß, dass der fragmentarische Charakter unseres Welterlebens und Weltwissens eigentlich unsere Versicherung ist, dass wir als Menschen, als Leben auf der Erde nicht zwangsläufig zugrunde gehen müssen! Wären wir als Lebewesen von Anfang an mit einem kompletten Bild ausgestattet, dann kämen wir vielleicht eine gewisse Zeit klar mit den Gegebenheiten; da aber die Erde hochdynamisch ist, sich permanent verändert, z.T. dramatisch (Vulkane, Erdbeben, Verschiebung der Erdplatten, Klima mit vielen Eiszeiten…), würden wir bald scheitern, weil wir auf diese Veränderungen nicht vorbereitet wären. Überleben auf einer hochdynamischen Erde heißt, sein Bild von der Erde ständig weiter entwickeln, ständig korrigieren, ständig erneuern. Wichtig ist also nicht, wie viel Wissen man zu Beginn hat, sondern, ob man das Wissen verändern, weiter entwickeln kann. Wissen ist ganz klar ein Werkzeug zum Überleben! Und — was man in diesem Zusammenhang vielleicht schnell verstehen kann — Wissensfragmente benötigen zum Verändern jede Menge Kooperationen.

Die ersten Lebensformen auf der Erde waren Zellen, die unterschiedlich spezialisiert waren. Eine Zelle alleine war nicht überlebensfähig, aber alle Zellen zusammen haben u.a. die gesamte Atmosphäre der Erde verändert, sie haben unfassbar komplexe hoch organiserte Zellverbände entstehen lassen, die wir als Pflanzen, Tiere und Menschen — Wir! — kennen. Diese Winzlinge, diese Mikroben, haben dies geschafft, weil sie ihr minimales Wissen im großen Stile nicht nur immer wieder verändert haben, sondern weil sie es auch beständig ausgetauscht haben. Die Anzahl dieser Mikroben auf der Erde übersteigt die Anzahl der heute bekannten Sterne im bekannten Universum um ein Mehrfaches. Zugleich bilden sie zusammen einen Superrechner — ich nenne ihn BIOM I –, der alle heutigen Superrechner einfach nur schlecht aussehen lässt. Denn der BIOM I Supercomputer ist so, dass jedes Element von ihm beständig eigenständig dazu lernt und alle Elemente ihr Erlerntes untereinander austauschen. Davon können heutige Supercomputer nur träumen, falls sie träumen könnten.

Also, der fragmentarische Charakter unseres Wissens ist gerade kein negatives Schicksal, sondern gibt uns die Chance, unser Wissen gemeinsam weiter zu entwickeln, um so den jeweils neuen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Anmerkung: In dem Maße, wie biologische Lebensformen die Erde bevölkern — nicht zuletzt auch der Mensch selbst — erzeugen diese aufgrund ihrer Freiheitsgrade auch Veränderungen, und zwar schwer vorausberechenbare Veränderungen. Um diesen gerecht zu werden, bedarf es um so mehr der Fähigkeit, sich dynamisch ein Bild möglicher Prozesse zu machen. Die Tendenz von Regierungen zu allen Zeiten, diese implizite Dynamik des Lebens durch autoritäre Regelsysteme einzugrenzen, zu ‚zähmen‘, hat noch nie wirklich funktioniert und wird auch niemals funktionieren, will man nicht das Leben selbst zerstören.

MONADE + MONADE = ?

Jahrtausende lang haben Menschen darum gerungen, zu verstehen, wie sie ihr Verstehen, ihr Wissen bewerten sollen: Was ist wahr? Wann denken wir richtig? Wo kommt unser Wissen her? Wie entsteht unser Wissen? Wieweit können wir unserem Wissen vertrauen? Und so ähnlich.

Aber, selbst die besten Philosophen und Wissenschaftler blieben immer im Gestrüpp ihres Selbstbewusstseins hängen. Im Nachhinein betrachtet glichen die Philosophen den berühmten Mücken, die immer um das Licht kreisen, an dem sie dann verbrennen. Und war nicht Eva auch so eine ‚Mücke‘, die um das ‚Licht der Erkenntnis‘ kreiste, um dann daran zu zerschellen?

Es ist schwer zu sagen, wann genau wer jetzt diese Form der Selbstbezüglichkeit durchbrach. Vermutlich war es wie immer, dass es die vielen Versuche einzelner waren, von denen man sich dann untereinander erzählt hatte, die so langsam eine Atmosphäre, ein Ahnen, einen Sack voller Experimente mit sich brachten, die dann zu einem Durchbruch geführt haben, der — so erscheint es von heute aus — in vielen Disziplinen gleichzeitig stattgefunden hat, jeweils speziell und anders, aber dann doch so, dass sich mit den vielen Puzzlesteinen langsam ein Gesamtbild andeutete, das zu einem bisher nie dagewesenen Durchbruch im Verstehen unserer selbst als Teil der Natur, des Universums geführt hat.

Fairerweise muss man sagen, dass frühere Generationen tatsächlich auch keine reale Chance hatten, diesen Durchbruch vorweg zu nehmen, da wir Menschen einige Jahrtausende und dann speziell die letzten Jahrhunderte gebraucht haben, unser Wissen über die Welt, die Natur, das Leben so weit auszudehnen, dass wir letztlich verstehen konnten, dass und wie unser Körper aus einer großen Anzahl von Galaxien an Zellen besteht, dass diese Zellen, jede für sich, autonom sind, dass sie es aber schaffen, so miteinander zu kooperieren, dass es eine Vielzahl von Organen in unserem Körper gibt, die die unglaublichsten Dinge vollbringen, ohne dass wir bis heute dieses Geschehen vollständig verstehen. Speziell das Gehirn versetzt uns mehr und mehr in Erstaunen, wenn wir langsam begreifen, was es alles leistet. Ein zentraler Punkt — wie vielfach schon in diesem Blog dargelegt — ist der, dass das Gehirn im Körper aus all den verfügbaren Körpersignalen ein Bild von der Welt errechnet, das für den ganzen Organismus zur Orientierung dient. Konkret, alles, was wir von der Welt sehen ist nicht die Welt selbst, sondern das, wie sich unser Gehirn die Welt vorstellt!

Vieles, was Leibniz damals 1714 unter der Idee einer Monadologie beschrieben hatte, könnte man auf das Gehirn anwenden, das vollständig auf sich selbst bezogen damit beschäftigt ist, ein Bild von sich selbst und der Umgebung zu entwickeln mit dem wichtigen Zweck, zu überleben. Entscheidend dabei ist der dynamische Charakter des Gehirns und seiner Berechnungen. Es kann zwar einerseits Strukturen bilden, die ihm zur Orientierung dienen, es kann aber auch, diese Strukturen ständig wieder abändern, um sie den veränderten Erfahrungen anzupassen.

Im Unterschied zu einer reinen Monade haben Gehirne die Fähigkeit ausgebildet, viele ihrer inneren Zustände mit beliebigen sprachlichen Ausdrücken zu assoziieren, zu korrelieren, so dass Manifestationen von sprachlichen Ausdrücken außerhalb des Körpers von anderen Gehirnen wahrgenommen werden können. Wie immer die Gehirne dies irgendwie und irgendwo geschafft haben, sie haben es geschafft, mit Hilfe solcher Manifestationen gemeinsame Bedeutungen zu vereinbaren und dann auch gemeinsam, synchron zu nutzen. Damit war symbolische Kommunikation grundgelegt.

Während zwei Monaden nach dem Modell von Leibniz strikt Monaden bleiben, können zwei biologische Monaden, die über ein Gehirn mit Sprache verfügen, durch Kommunikation zu Kooperationen zusammen finden, aus denen eine nahezu unendliche Menge neuer Zustände entstehen kann. Letztlich können biologische Monaden das gesamte Universum umbauen!

VERTRAUEN ALS NATURGEWALT ? !

Wenn wir von Naturgewalten sprechen, denken wir sicher erst mal an Unwetter, Erdbeben, Vulkane und dergleichen. In den Wissenschaften hat man Worte wie z.B. die Gravitation, um eine Eigenschaft zu beschreiben, die wir überall im heute bekannten Universum beobachten können als eine Kraft, die sich indirekt zeigt: auf der Erde fallen alle Gegenstände ’nach unten‘ und alle Körper haben ein ‚Gewicht‘.

Das biologische Leben gehört aber auch zur Natur, es ist Natur durch und durch. Allerdings, biologische Strukturen haben eine Komplexität angenommen, die weit über alles hinausgeht, was wir aus dem physikalisch erforschten Universum kennen. Und so wie es die Gravitation als eine Kraft gibt, die die Strukturbildung im physikalischen Universum stark prägt, so gibt es im Bereich biologischer Systeme die Kraft der Kooperation, die schier Unvorstellbares möglich macht (wer kann sich bei Betrachtung einfacher Zellen von vor 3.5 Milliarden Jahren ernsthaft vorstellen, wie sich von diesem Ausgangspunkt aus Zellformationen bilden können, die zusammen ca. 240 Billionen (10^12) Zellen umfassen, und dann als homo sapiens auftreten?) Aber nicht nur das. Je größer der Grad der Komplexität wird, um so mehr zeigt sich in diesen biologischen Lebensformen ein immer höherer Grad an Freiheitsgraden! Verglichen mit den anderen Lebensformen hat der Homo sapiens eine bislang besonders hohes Ausmaß an Freiheitsgraden erreicht. Dies eröffnet eine schier unendliche Menge an Möglichkeiten, stellt aber den Akteur auch vor entsprechend große Herausforderungen. Alleine hat er nahezu keine Chance. Zusammen mit anderen erhöht sich die Chance. Allerdings — und dies zeigt unser Alltag nahezu stündlich — Kooperationen verlangen einen ‚Grundstoff‘, ohne den überhaupt nichts geht: Vertrauen! Da wir uns permanent in unvollständigen Situationen bewegen, die unsere Gehirne durch geeignetes Wissen partiell ‚ausfüllen‘ können, können wir Unbekanntheiten partiell überbrücken, partiell mit Möglichkeiten ausfüllen, aber wir brauchen als ‚Vorschuss‘ jede Menge Vertrauen, um uns überhaupt gemeinsam in diese Richtung zu bewegen. Es ist eine qualitative Besonderheit des Homo sapiens, dass er über diese seltene Gabe als eine besondere Kraft der Natur verfügt.

Vertrauen ist lebensnotwendig, Voraussetzung für jede Form von Zukunftsgestaltung.

WISSEN ALS ZUKUNFTSTECHNOLOGIE

Das Verhältnis von uns Menschen zum Wissen ist durchwachsen. Einerseits wissen wir es zu schätzen, weil es uns vielfach hilft, unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Andererseits wird es aber gerade auch von denen, die primär an Macht und monadischen Selbstinteressen orientiert sind, vielfach missbraucht zum Schaden vieler anderer. Und als einzelner, als Kind, als Jugendlicher wird das Abenteuer des Wissens vielfach schlecht oder — in vielen Ländern dieser Welt — so gut wie gar nicht vermittelt. Damit schaden wir uns selbst in hohem Maße!

Man kann über die uns verfügbaren Freiheitsgrade schimpfen, über sie lamentieren, sie verleugnen … aber es ist eine Eigenschaft, die wir als Homo sapiens jetzt haben und die uns prinzipiell die Möglichkeit gibt, in vertrauensvoller Kooperation mit allen anderen Wissen zu erarbeiten, das helfen kann, den fragmentarischen Charakter unserer einzelnen partiellen Bilder zu ergänzen und dadurch zu überwinden. Unser Ziel kann es nicht sein, den beschämenden gegenwärtigen Zustand der Weltbevölkerung fest zu schreiben. Was wir als Menschen zur Zeit veranstalten, das ist in hohem Maße dumm, grausam, lebensverachtend, zukunftsunwillig, welt-zerstörerisch.

Wissen ist kein Luxus! Wissen ist neben Kooperation und Vertrauen der wichtigste Rohstoff, die wichtigste Technologie, um uns ein Minimum an Zukunft zu sichern, einer Zukunft, die das ganze Universum in den Blick nehmen muss, nicht nur unsere eigene Haustür!

DESCARTES IMPLODIEREN LASSEN. Dualität mutiert zur Monade

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
14.Juli 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

IDEE

Bei der Lektüre des Buches ’Quanten sind anders’ (2006) von Görnitz [1] bin ich auf den Seiten 27-49 über Erklärungen gestolpert, die man so zwar eigentlich in allen heutigen Interpretationen zu Descartes wiederfindet, die aber deswegen nicht unbedingt richtig sein müssen. Möglicherweise angeregt durch den Erklärungskontext bei Görnitz sowie meinen eigenen Überlegungen in verschiedenen Zusammenhängen (u.a. in den Rekonstruktionen von Stace, insbesondere ab Teil 3  und 4) erscheint mir die schnelle Etikettierung von Descartes Ansatz als Dualist nur bedingt hilfreich, zumindest wenn man über ihn vom heutigen Wissensstand aus spricht.

I. DESCARTES

a) Descartes klassisch interpretiert: Vereinfachend kann man die klassische Interpretation von Descartes in zwei Punkten zusammenfassen.1) Bei der Suche nach einem ’Ankerpunkt’ für sein Denken meinte Descartes in der ’Gewissheit seiner eigenen Denktätigkeit’ einen Punkt gefunden zu haben , von dem aus sich alles weitere – die verschiedenen wechselnden Inhalte und Formen – sortieren und diskutieren lassen. 2) Von diesem markierten Denkpunkt aus hat er dann versucht, diese beiden ’Pole’ seiner Bewusstheit– das ’Sich-im-Denken-gewiss-sein’ und die ’wechselnden Inhalte’ – seinsmäßig (ontologisch) zu ’interpretieren. Eine solche Interpretation in Form von spezifischen ’Zuordnungen’ folgt nicht zwingend aus den Phänomenen des Ausgangspunktes. Diese Zuordnung stellt eine freie Auswahl aus verschiedenen Denkmöglichkeiten dar.

Descartes wählte für seine freie Zuordnung (Deutung,Interpretation, Kodierung) die Begriffe ’res cogitans’ und ’res extensa’, die zur damaligen Zeit in verschiedenen philosophischen Konzepten verfügbar waren. Und er ordnete dann seine ’Gewissheit’ der ’res cogitans’ zu und die wechselnden Inhalte und Formen der ’res extensa’. Belässt man es bei dieser Interpretation, dann spaltet sich in der Tat die Wirklichkeit in zwei ontologisch unterschiedliche Seinsbereiche auf, deren Beziehung untereinander logisch größte Probleme aufwirft.

Dass Descartes selbst hier eine Lösung über eine postulierte ’Zirbeldrüse’ andachte (was die logischen Probleme faktisch nicht löste), soll uns hier weiter nicht beschäftigen.

2b) Descartes neu interpretiert: Nach dem heutigen Wissensstand können wir annehmen, dass das bewusste Denken sich – wie genau, das ist noch nicht vollständig geklärt – in Verbindung mit dem ’Gehirn’ abspielt. Das Gehirn ist ein Organ unseres Körpers und wäre im Sinne Descartes der ’res extensa’ zuzuordnen. Anstatt nun eine weiter ’Substanz’ zu postulieren, die ’res cogitans’, wie es Descartes tat (und vermutlich aufgrund seines Wissensstandes auch gar nicht anders konnte), könnten wir heute sagen, dass das bewusste Denken, die Selbstgewissheit, eine ’Eigenschaft des Gehirns’ ist, genauer eine ’Funktion des Gehirns’. Damit wären ’res cogitans’ und ’res extensa’ nicht mehr zwei ontologisch unverbundene Seinsweisen sondern die ’res cogitans’ wird zu einer Eigenschaft, zu einer Funktion der ’res extensa’. Die res extensa, als ’Sammelbecken’ von statischen Eigenschaften, wird mit der ’res cogitans’ zu jenem’ dynamischen Etwas’ als das wir heute die ’Materie (= res extensa)’ erleben und erforschen. Statt einer klassischen Dualität haben wir dann eine dynamische ’Monadizität’, eine Art ’Implosion‘ der res cogitans in die res extensa hinein (Anmerkung: In direkte Antwort zu Descartes waren es speziell Spinoza und Leibniz, die seinen dualistischen Ansatz ablehnend-kritisch sahen. In der Einleitung zum 5.Kapitel seiner Ethik hat Spinoza [2] den Ansatz von Descartes analysiert und als nicht akzeptabel verworfen. Sein eigener Lösungsansatz versucht die ’Einheit’ von Denken und Körper durch Annahme einer in Gott gründenden ’einen Substanz’ zu retten, die in vielen Punkten ebenso wenig nachvollziehbar ist wie Descartes Rettungsversuch über die Zirbeldrüse. (Für die weitere kritische Diskussion von Spinoza siehe auch Decher (2015) [3]:SS.101-108) Der Lösungsansatz von Leibniz in seiner ’Monadologie’ [4] kommt einem systematisch-modernen Denken weiter entgegen, doch bringt er auch als Letztbegründung wieder Gott ins Spiel (vgl. Decher (2015) [3]:SS.110-117). Würde man diesen Faktor bei Leibniz ’herausrechnen’, dann erscheint seine Monadologie in einem interessanten Licht. Der hier benutze Begriff der ’Monadizität’ setzt das Wort ’Monadologie’ voraus.).

Im Denken selbst erscheint zwar ’Denken’ und ’Inhalt’ als etwas Getrenntes, aber ’ontologisch’ ist das Denken (die klassische ’res cogitans’) eine ’inhärente Eigenschaft’ des Körpers, der Materie (die klassische ’res extensa’). Eine Zirbeldrüse im Sinne des Descartes wird damit überflüssig.

c) Geist-Materie: Bislang wird der Begriff ‚Geist-Materie‘ kaum benutzt.  Mit dieser neuen implodierten Einheit von Denken und Sein lösen sich viele klassische Probleme, die aus einer speziellen Interpretation der primären Phänomene resultierten, es stellen sich aber ganz neue, möglicherweise noch radikalere Herausforderungen. Denn jetzt wird das ’Bewusstsein’, das ’Sich-Selbst-Denken’ zu einer genuinen Eigenschaft der Materie. Während die einen darin eine ’Abwertung’ des Denkens und des ’Geistigen’ sehen, werden die anderen darin eine ’Aufwertung’ des Körperlichen, des Materiellen sehen (oder auch, ganz im Gegenteil, eine ‚Verwässerung‘ des Materiebegriffs).

Die moderne Physik, hier allen voraus die Quantenphysik, hat schon längst die Positionen der klassischen Physik und damit eines deterministischen Objektdenkens aufgebrochen. Die schöne heile Welt der abgrenzbaren Objekte, der deterministischen Verhältnisse, wurde mit den neuen Forschungen quasi weggesprengt. Der fließende Übergang von Energie und Materie, das Verschwinden aller Determinismen, bei einer gleichzeitig zu beobachtenden Dynamik des bekannten Universums, das sich nicht als reines ’Chaos’ präsentiert, sondern als eine Quelle gerichteter und steigender Komplexität, allerdings nicht deterministisch, sondern ’frei’ … dies wirft tonnenweise Fragen auf, die bislang nicht einmal im Ansatz geklärt sind. Historisch mag man Descartes als jenen Meilenstein ansehen, an dem die Aporie des klassischen Geist-Materie Denkens sein historisches Maximum erreicht hat, das aber dann mit der modernen Quantenphysik (wann genau?) seine denkerische Transformation hinein in eine neue ontologische Geist-Materie-Einheit erlebte.

Im Prinzip war das klassische griechische Denken davon nicht weit entfernt, aber es fehlten ihnen damals einfach die notwendigen Daten.

d) Nachbemerkungen: Görnitz erwähnt in der Kritik an Descartes Dualismus auch zwei der heutigen Standardeinwände gegen Descartes Gewissheitsansatz: Freud mit seinem Unbewussten und Gödel mit seiner Unentscheidbarkeit hinreichend komplexer formaler Systeme (vgl. Görnitz S.45). Im Lichte der neuen Interpretation erscheinen mir beide Hinweise nicht zielführend zu sein.

Die Tatsache, dass ein Großteil der Vorgänge in unserem Körper – möglicherweise muss man heute sogar sagen: der überwiegende Teil – nicht im Zugriff des Bewusstseins liegt, muss nicht notwendigerweise ein Totschlagargument gegen die Position der Gewissheit von Descartes sein. Die ’Gewissheit im Denken’ bezieht sich ja gerade nicht auf die wahrnehmbaren ’Inhalte’ des Denkens, die variieren, die ganz unterschiedlichen Wirkursachen zu verdanken sind, sondern auf die Fähigkeit, in diesem Wandel einen Bezugspunkt zu haben, relativ zu dem der Wandel überhaupt ’bewusst’ sein kann. Dass das ’Unbewusste’ sich ’auswirken’ kann – in seinen Auswirkungen dann sehr wohl bewusst’ –unterscheidet es nicht von jeder beliebigen anderen bewusst wahrnehmbaren Wirkung von irgendwelchen anderen Wirkursachen. Entscheidend ist vielmehr, dass der Mensch über jene Form von Bewusstsein verfügt, die die Andersartigkeit der Phänomene wie auch ihren Wandel ’bemerken’ kann. Diese formale Bewusstheit wird ergänzt um ein –weitgehend unbewusst arbeitendes – Gedächtnis (eine Funktion des Gehirns), das auf ’automatische’ (vom Gehirn vorgegebene) Weise den Strom der Phänomene selektiert, abstrahiert, assoziiert und vieles mehr. In diesem Zusammenspiel von ’Sich-Selbst-Bewusst-Sein-können‘ und der ’ordnenden Funktion’ des Gedächtnisses kann das sich seiner bewusste Subjekt den Strom der Phänomene (wodurch auch immer verursacht) soweit ’sortieren’, dass Muster, Regel erkennbar werden, die Zeitreihen erlauben, mittels denen das punktuelle Bewusstsein sich denkerisch in Räume und Zeiten hinein ausdehnen kann, die es selbst in einem komplexen Geschehen vorkommend erscheinen lassen.

Dass diese Bewusstheit samt Ordnungstätigkeit sich ’täuschen’ kann ist zwar bekannt, aber – wie wir heute wissen können – bis zu einem gewissen Grad ’ausgleichbar’, speziell dann, wenn die einzelnen Gehirne gelernt haben, ’im Verbund’ zu denken.

Auch der berühmte Unentscheidbarkeitsbeweis von Kurt Gödel (1931) [5] scheint hier fehl am Platz zu sein. Gödel bezieht sich nicht auf Phänomene des Bewusstseins sondern auf die Möglichkeit, die Eigenschaften eines formalen Systems (Anmerkung: Er benutzte das System der Arithmetik. ) formal so zu beschreiben, dass alle (=Vollständigkeit) wahren(=speziell ausgezeichnete) Aussagen dieses Systems formal ableitbar sind. Aufgrund der inhärenten Doppelstruktur eines solchen formalen Beweises von Objektsprache (das zu beschreibenden System) und Metasprache (die Sprache des Beweises), die dann die Objektsprache in der Metasprache nachvollziehen muss, kann es grundsätzlich keinen vollständigen Beweis geben. Dies liegt einfach an der Struktur eines solchen Beweises. Dieser beweistheoretische Sachverhalt, auf den Gödel in wunderbarer Weise hingewiesen hat (was später von Turing (1936/7) [6] auf eine andere Weise ebenfalls gezeigt worden ist), berührt die Überlegungen von Descartes in keiner Weise. Vielmehr ist der metalogische Beweis von Gödel (und auch von Turing (und von vielen anderen)) ein wunderbares Beispiel, wie die Struktur des Selbstbewusstseins im Zusammenspiel mit dem (denkenden) Gedächtnis gerade in der Lage ist, die Eigenschaften solcher formaler Systeme und der metalogischen Beweise nicht nur zu vollziehen, sondern sie auf eine Weise zu vollziehen, die dann andere Gehirne mit ihrem Bewusstsein nachvollziehen können.

Diese relative Struktur des Bewusstseins (und des zugehörigen Gehirns) ist genau die Stärke des menschlichen Denkens. Im Prinzip wissen wir im Augenblick nichts, aber in einem kontinuierlichen Prozess können wir immer mehr Strukturen aufbauen, die uns die Möglichkeit verschaffen, ’im Prinzip’ ’Alles’ wissen zu können. In diesem Zusammenhang hat die Menschheit gelernt, dass ihre Gehirne bei anwachsender Komplexität der äußeren Welt – die weitgehend vom Menschen mit verursacht ist – trotz aller Wunderbarkeit des Gehirns an physische, und damit endliche Grenzen, der Verarbeitung stößt. Glücklicherweise hat die Menschheit mittlerweile programmierbare Maschinen erfunden (die Computer), beherrscht ihre Vernetzung, so dass die menschlichen Gehirne ihre physischen Grenzen im Prinzip mittels dieser programmierbaren Maschinen wieder ein Stück überwinden könnten. Aktuell hat man aber den Eindruck, dass die Menschheit sich noch schwer tut, diese neue Technologie in maximal symbiotischer Weise konstruktiv einzusetzen.

4 QUELLEN

[1] T. Goernitz, Quanten Sind Anders: Die verborgene Einheit der Welt, 1st ed. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag,2006.

[2] Spinoza, “Werke. Bd 1+2, lateinisch – deutsch,” Darmstadt, 1967.

[3] F. Decher, Handbuch der Philosophie des Geistes, 1st ed. Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015.

[4] G. Leibniz, Monadologie und andere metaphysische Schriften, Französisch-Deutsch, 1st ed., J. Schneider, Ed. Hamburg:Felix Meiner Verlag, 2002.

[5] K. Goedel, “Über formal unentscheidbare Saetze der principia mathematica und verwandter Systeme, I,” Monatshefte fuer Mathematik und Physik, vol. 38, pp. 173–98, 1931.

[6] A. M. Turing, “On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem,” Proceedings of the London Mathematical Society, vol. 42, no. 2, p. 230–265, 1936-7.

KONTEXT BLOG

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GEIST-PLUS

(1)Im Rahmen der Notizen zu dem Geist-Sichtbarmachungs-Projekt wurden Aussagen gemacht, die ein bestimmtes Bild von dem andeuten, was mit ‚Geist‘ gemeint sein könnte. Hier ist noch vieles zu sagen. Es wird Teil dieses Experimentes sein, immer mehr Aspekte des Geistes sichtbar zu machen.
(2) In diesem Zusammenhang habe ich die Tage wieder eine dieser typischen Leseerfahrungen gemacht: man liest einen Artikel, der eine bestimmte Idee in der Wissenschaft propagiert und diese Idee gleich als Grundlage für eine ganze Richtung in einer Disziplin benutzt (so eine Art ‚Wissenschaftspolitik‘; da die Wissenschaft mehr und mehr kommerziell unter Druck gesetzt wird, zählt es nicht mehr, dass man einen Gedanken in Ruhe sachlich in alle Richtungen entwickelt, sondern dass man möglichst oft und schnell mit einem neuen ‚(Ideen-)Produkt‘ auf den ‚Markt (der Ideen)‘ kommt. Dieser Druck kommt nicht von den Wissenschaftlern, sondern von der Gesellschaft. Je weniger man Wissenschaft versteht, umso mehr wollen die Politiker (und Unternehmen) die Wissenschaft ‚kontrollieren‘. Eine weitgehend sinnlose Kontrolle, die dazu führt, dass immer mehr partikulare Interessen des Politikbetriebes (eng verbandelt mit allen möglichen Lobbyisten) zu sagen versucht, was ‚wahr‘ sein soll…). Eine Analyse möglicher Querbezüge oder möglicher Vorläufer findet immer weniger oder gar nicht statt.
(3)Auf der anderen Seite muss man – unabhängig von aller Politik — aber auch selbstkritisch festhalten, dass angesichts der heutigen Publikationsflut (allein zum Thema ‚Bewusstsein‘ und verwandter Begriffe ca. 5000 Publikationen pro Jahr, laut Baars (2010)) der einzelne Wissenschaftler in dieser Informationsflut quasi ‚absäuft‘. Die sowieso sehr geringe Zeit für eigene Lektüre führt angesichts dieser explosiven Publikationsvermehrung zwangsläufig zu einer immer größeren Engführung und Verarmung. Ohne neue leistungsfähige ‚Kulturtechniken‘, die die Wissensverarbeitung verbessern, werden wir durch unsere eigene Wissensproduktion im Wissen so fragmentiert, dass es sich fortlaufend selbst relativiert und entwertet; ‚Beliebigkeit‘ als gesellschaftlich aufgezwungener Nomalzustand, ‚Rauschen‘ als neue Wahrheit, in der alle Wahrheit zur Unkenntlichkeit ‚aufgesogen‘ und ’nivelliert‘ ist (OK, ich übertreibe etwas, aber in übertreibenden Zuspitzungen werden Dinge deutlicher).
(4)Der Artikel stammt von Hollan et al. (2000) und entwickelt – inspiriert durch die Praxis — die Idee des ‚verteilten Wissens‘. Wissen ist nicht nur das, was wir ‚in unserem Kopf, in unserem Gehirn‘ haben, sondern in der unmittelbaren Wechselwirkung mit der umgebenden Situation. Ohne die jeweiligen Eigenschaften einer Situation haben wir in diesem Ansatz eigentlich kein Wissen. mehr noch, Teile der Situation, Objekte, Geräte, Computer, andere Menschen sind mit ihren Eigenschaften Teil des Wissens. Ein geschriebenes Buch verändert mein Wissen qualitativ, meine Notizen, die ich wieder lesen kann, das Messgerät, das Sachverhalte anzeigt, usw. Diese Sicht kommt eine gewisse Plausibilität zu. Wenn man Wissen verstehen will, dann muss man das ‚Netzwerk‘ all jener Elemente berücksichtigen, die in den Wissensprozess eingehen (also auch unser Erziehungssystem mit Eltern, Kindergarten, Schulen usw., unsere Medien, etc.).
(5) Soweit, so gut. Ärgerlich ist nur, dass es in diesem Artikel keinen Hinweis darauf gibt, dass es eine ‚ökologische Psychologie‘ gibt, zu der ein Mann wie Gibson gehört, der/ die 20-30 Jahre früher ganz ähnliche Gedanken entwickelt hatten. Aber heute können wir dies wissen (und Dank Wikipedia kann heute jeder ohne Geld bezahlen zu müssen sehr schnell erste qualitativ gute Bezüge herausfinden!). Allerdings muss man umgekehrt feststellen, dass die ökologische Psychologie offensichtlich auch keinen Bezug zum Paradigma des ‚verteilten Wissens‘ genommen hat.
(6) Man kann diesen Faden weiter spinnen. Nach meinem Verständnis hat das Paradigma des verteilten Wissens seinen eigentlichen Vorläufer im Werk des Biologen Jakob Johann von Uexküll 1864 – 1944). Seine ‚biologische‘ Bedeutungslehre enthält alle fundamentalen Erkenntnisse. Allerdings fehlen bei ihm natürlich verschiedene Teilaspekte, die erst später virulent wurden. Eine Integration der Gedanken von Uexküll und jener aus dem Paradigma des verteilten Wissens könnte sehr fruchtbar sein. Zumal der Artikel von Hollan und Co. theoretisch wenig ausgearbeitet ist. Das zentrale Konzept von ‚verteiltem Wissen‘ bleibt äußerst vage und lässt viele Ausdeutungen zu.
(7) Viele weitere Querbezüge kommen hier noch in Betracht. Erwähnt wird oft der ‚Konstruktivismus‘ oder die ‚evolutionäre Erkenntnistheorie‘. Ich würde noch den ’symbolischen Interaktionismus‘ hinzufügen, die Wissenspsychologie oder auch die Wissenssoziologie, oder – wenngleich ich kein Freund davon bin, den ‚Strukturalismus‘ mit seinem vielen Spielarten. Und sicher vieles mehr.
(8) Man sollte sich aber klar machen, dass das Paradigma des ‚verteilten Wissens‘ ambivalent ist: man kann es sowohl in Richtung eines verstärkten ‚Realismus‘ deuten (wie es z.B. Gibson getan hat oder wohl auch die meisten offiziellen Vertreter des Paradigmas es tun), oder auch mehr ‚kognitiv’/ ‚mental‘, wie es Ansätze bei Uexküll gibt, oder dann in der Phänomenologie (speziell müsste man da vielleicht bei Merleau-Ponty 1908-1961 nachschauen).
(9) Verfolgt man die ‚kognitiv-mentale‘ Sicht der Dinge wäre hier die Monadologie (1714) von Leibniz sehr interessant. Zu seiner Zeit eher ein Fragment gewinnt es heute eine neue Aktualität, wenn man eine Monade interpretiert als einen kognitiven Prozessor.(Natürlich wäre diese Interpretation möglicherweise eine Verkürzung der Bedeutung, die Leibniz in diesen Begriff hineingelegt hat. Andererseits würde durch die neuen Überlegungen zum Verhältnis von Geist – Materie – Energie hier eine Interpretation von ‚kognitivem Prozessor‘ möglich, die die metaphysische Konnotation von Leibnizens Begriff und dem im ersten Aufgenblick technisch anmutenden Begriff des ‚kognitiven Prozessors‘ aufeinander zubewegen könnten. Der Begriff ‚Prozessor‘ ist hier nicht im engeren Sinne technisch-digital gemeint sondern mathematisch als Ausdruck für einen ‚Zuordnungsvorgang‘. In diesem Sinne kann man technische Vorrichtungen, biologische Strukturen und andere Strukturen, die wir noch garnicht kennen, unter einem gemeinsamen Blickwinkel betrachten. So gesehen ist die mathematuische Denk- und Sprechweise sicher die wichtigsten philosophische Denkweise, auch wenn viele (die meisten?) Philosophen dies garnicht verstehen (Descartes und Leibniz waren wundersame Ausnahmen!)). Weiß nicht, ob das schon jemand versucht hat. Die theoretische Situation im Bereich ‚verteiltes Wissen‘ ist jedenfalls noch nicht sehr weit fortgeschritten.
(10)Muss damit meine Notiz abschließen. Eigentlich gibt es hier vielen interessanten Stoff zum Weiterdenken, ich muss mich jetzt aber um organisatorische Fragen des Studiengangs kümmern. Muss auch sein. Wir leben nicht im luftleeren Raum sondern sehr konkret, körperlich, energetisch, kommunikativ interagierend, wo Worte notwendig sind, um Handlungen zu ermöglichen. Dies alles kostet Zeit, Energie, und verlangt nach ‚geeigneten Emotionen’….

Baars, J.B.; Gage, N.M. Cognition, Brain, and Consciousness. Introduction to Cognitive Neuroscience, 2nd.ed., Amsterdam et: Elsevier, 2010

Ecological Psychology, online: http://en.wikipedia.org/wiki/Ecological_psychology
Gibson, J.J.; 1904-1979, http://en.wikipedia.org/wiki/James_J._Gibson (last access: 4.Jan.2013)

Hollan, J.; Hutchins, E.; Kirsh,D.; Distributed cognition: toward a new foundation for human-computer interaction research, June 2000, Transactions on Computer-Human Interaction (TOCHI) , Volume 7 Issue 2, Publisher: ACM

Holling, C.S.; Resilience and Stability of Ecological Systems, Annual Review of Ecology and Systematics, Vol. 4: 1-23 (Volume publication date November 1973), DOI: 10.1146/annurev.es.04.110173.000245

Leibniz, G.W.; Monadologie, 1714, siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Monadologie (last access: 4.Jan.2013)

Uexküll, J.J.v., Lebensthema: Umwelt als Bedeutungsraum, siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Johann_von_Uexk%C3%BCll (last access: 4.Jan.2013)

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge anhand von Themen findet sich HIER

SCHAFFEN WIR DEN NÄCHSTEN LEVEL? Oder ÜBERWINDEN WIR DEN STATUS DER MONADEN?

COMPUTERSPIEL

 

(1) In Computerspielen müssen die Spieler in der Regel Aufgaben lösen, für die sie dann irgendwie ‚belohnt‘ werden (Tierdressur funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip…). Meist gibt es dann verschiedene ‚Level‘ die man aufgrund der spielerischen Leistungen erreichen kann (Punktezahlen, ein vergleichender Rang mit anderen, mehr Handlungsmöglichkeiten, …). Zugleich werden die Aufgaben ’schwieriger‘, umfassender, ‚bedeutsamer‘. Und wenn es kein expliziter ‚Level‘ ist, dann ist es ein ‚quantifizierbarer‘ Zustand (mehr Einwohner, mehr Waffen, mehr Land, ….). Für die Spieler ist ihre Spielwelt ‚real‘, sind die durch das Spielen ausgelösten Erlebnisse ‚real‘. Wenn ich über die Kopfhörer (oder die HiFi-Anlage) die Geräusche der Spielwelt höre, die Gespräche anderer Spielteilnehmer, ich in 3D eine Situation wahrnehme mit nahezu realistisch anmutenden Pflanzen, Gegenständen, Körpern usw. bei der ich selbst die Perspektive steuern und Aktionen einfließen lassen kann, dann erzeugt dies schon eine sehr realistisch wirkende Situation, der man sich nur mit Mühe entziehen kann (obgleich das Gehirn, wenn es soll/ will, den Unterschied noch erkennen kann).

 

 

SIND WIR EINE SIMULATION?

 

(2) Nicht erst seitdem es Computerspiele gibt haben sich Menschen darüber Gedanken gemacht, ob all das, was wir erleben, ‚wirklich real‘ sei, ob wir nicht einer großen ‚Täuschung‘ unterliegen (z.B. Platons Höhlengleichnis, Descartes Reflexionen über einen unbezweifelbaren Wahrheitsgrund), oder ob wir nicht Teil einer gigantischen ‚Simulation‘ seien (möglicherweise Leibnizens Spekulationen über die Möglichkeit der Welt in seiner später so genannten Schrift ‚Monadologie‘, verschiedene — mittlerweile sehr viele — Science-Fiction Bücher und Filme (z.B. Simulacron 2, 13th Floor, Matrix, um nur einige zu nennen). Ein kürzlicher, vergleichsweise systematischer Versuch unter Berücksichtigung der modernen Physik findet sich bei Witworth (2008). Dazu mein Kommentar an der angegebenen URL).

 

(3) Eines der methodischen Problemen mit solchen Überlegungen ist, dass das Wort ‚Simulation‘ voraussetzt, dass man zwischen mindestens zwei ‚Bereichen‘ unterscheiden kann, dem ‚Simulierten Bereich‘ – nennen wir ihn den ‚S-Raum‘ [SR] – und der ‚hervorbringenden Funktion‘ – nennen wir dies die ‚S-Funktion‘ [f_s] –. Sofern wir als Menschen solche Simulationen organisieren befinden wir uns ‚außerhalb‘ dieser Simulationen, d.h. wir sind im ‚organisierenden Raum‘ [OR], innerhalb dessen der simulierte Raum SR , die simulationserzeugende Funktion f_s, und wir als Simulationsarrangeure [SA] als Bestandteile vorkommen, also irgendwie OR(x) gdw x = <SA, SR, f_s,…>. Auf jeden Fall sind wir nicht selbst direkt Bestandteile unsere eigenen Simulationsräume, höchstens mittels sogenannter ‚Avatare‘ (quasi ‚Platzhalter‘). Dies sind simulierte Objekte im Simulationsraum, die über vereinbarte Interaktionen zwischen SR und SA Eigenschaften des Simulationsarrangeurs in der simulierten Welt repräsentieren können und umgekehrt.

 

(4) Wenn jetzt also spekuliert wird, ob wir nicht selbst Teil einer Simulation seien, d.h. dass unsere ganze Welt eine ’simulierte Welt‘ sei (ein Simulationsraum: Welt = SR_Welt), dann macht diese Rede nur Sinn, wenn wir annehmen, dass es einen ‚übergeordneten‘ organisierenden Raum OR_Welt gibt, innerhalb dessen wir als simulierter Raum vorkommen, dann muss es auch jenseits unserer simulierten Welt SR_Welt eine erzeugenden Simulationsfunktion f_s_Welt geben, also OR_Welt(x) gdw x = <SA_Welt, SR_Welt, f_s_Welt,…>. Weder die Simulationsfunktion f_s_Welt noch die zugehörigen Simulations-Arrangeure und ihre möglichen organisierenden Räume sind uns direkt zugänglich.

 

(5) Die alten Philosophen nannten Spekulationen über die mögliche Wirklichkeit ‚hinter‘ der erfahrbaren Welt hinaus ‚Meta-Physik‘. Dies kann ein sehr seriöses Geschäft sein; bei unsachgemäßer Handhabung wird es aber zu einer ‚Spekulationsblase‘ die mehr verwirrt, als sie klarstellt‘. Und in ’naiven‘ Formen der Spekulationen über ‚das, was die Welt im Inneren zusammenhält‘ finden wir dann die bekannten Formen von ‚Aberglauben‘, ‚Magie‘, ‚Mythen‘, ‚Märchen‘, ‚Propaganda‘, ‚Ideologien‘, usw. Natürlich enthalten alle diese ‚Grenzformen‘ des Wissens meist einen kleinen Teil an ’scheinbarer‘ Wahrheit als ‚Einstiegsdroge‘ in das dann einsetzende größere Verwirrspiel. Aber entscheidend ist der Gesamtzusammenhang, der durch diese Verwirrspiele in der Regel die Bruchstellen mit der Wahrheit verdeckt.

 

(6) Dies scheint mir auch im Fall des Redens über die Welt als ‚Simulation‘ der Fall zu sein. Unser ‚Meta-Wissen‘ über mögliche Zusammenhänge ‚hinter‘ der erfahrbaren Welt beziehen wir aus einem Standpunkt ‚in‘ dieser Welt (laut Simulationshypothese sind wir ‚in‘ dem simulierten Raum SR_Welt). Jede Form von ‚Spekulation‘ über die möglichen Gesetzmäßigkeiten der erfahrbaren Welt sind –aber auch in einer simulierten Welt — letztlich ‚Netzwerke von Begriffen‘ (natürliche Sprachen, Diagramme, mathematische Formeln,…), die im bestmöglichen Fall als ‚empirische Theorien‘ organisiert sind, deren Erfahrungsbezug über nachkontrollierbare Experimente verlaufen und deren ‚Zusammenhang‘ über eine nachvollziehbare ‚Logik‘ organisiert ist (über das dazu notwendige ‚Know-How‘ verfügt die Menschheit erst seit ca. Beginn des 20.Jahrhunderts (mit ersten ‚Spuren‘ eines solchen KnowHows – wie so oft – schon zu früheren Zeiten), wobei es selbst in der offiziellen Wissenschaft bei den meisten Wissenschaftlern sicher noch kein wirkliches explizit abrufbares Wissen darstellt). Fast alle ‚Nicht-Wissenschaftler‘ wissen nichts von alledem (allerdings: selbst Leute mit einem Doktortitel können faktisch – trotz aller akademischen Regeln – noch in einem magisch-mythischen Denken in all jenen Bereichen verhaftet sein, die sie nicht direkt untersucht haben; nicht auszuschließen ist sogar, dass sie selbst in ihrem eigenen Untersuchungsbereich Ansätze zu Magie und Mythos huldigen, da es akademische Bereiche gibt, die ohne explizite Theorien auskommen…!!!).

 

(7) Wenn also – selbst in einer simulierten Welt – die Gesamtheit der Wissenschaften zu einem bestimmten Zeitpunkt – z.B. im Jahr 2008, als der Artikel von Witworth publiziert wurde — eine empirische Theorie T_2008 hatte, in der keine erzeugende Funktion f_s_Welt_2008 vorkommt, dann kann man die Einführung einer solchen Funktion seitens Witworth in die offizielle Theorie zunächst einmal als ‚Spekulation‘ bezeichnen. Spekulationen gehören bis zu einem gewissen Grade zum Alltagsgeschäft der Wissenschaft. Man spielt mal verschiedene ‚Varianten‘ der Begriffsnetze durch um zu prüfen, ob man damit die bekannten Daten eventuell ‚besser‘ erklären kann (wobei es nicht einfach ist, zu definieren, was ‚besser‘ in jedem Fall bedeutet (hier zitiert man gerne Ockhams Rasiermesser und ähnliche ‚vertraute Sprüche’…). Grundsätzlich ist die Hypothese von Witworth – falls sie eine ’seriöse‘ Variante der allgemeinen Welttheorie ist, und das nehmen wir bis zum Beweis des Gegenteils hier an – zunächst einmal nichts anderes als eine andere ‚formale Variante‘ eines Begriffsnetzes, also neben der geltenden Welttheorie T_2008 (die es so natürlich nirgends explizit gibt) nun eben T_2008_Witworth. Damit hat sie die ‚gleiche Aussagekraft‘ (die gleiche ‚Bedeutung‘, den gleichen ‚Beschreibungsumfang‘, den gleichen ‚Wahrheitswert‘,…) wie die offizielle Variante T_2008. Nur die benutzten Worte sind ‚verschieden‘ (so sprechen   z.B. die einen von ‚Grad Celsius‘, die anderen von ‚Fahrenheit‘, die einen von ‚miles per hour‘, die anderen von ‚Kilometer pro Stunde‘. Andere ‚Worte‘ erschaffen nicht notwendigerweise einen neuen ‚Inhalt‘. In der Theorie der Informatik gibt es z.B. neben dem Konzept der Berechenbarkeit repräsentiert im Konzept der Turingmaschine sehr viele andere Konzepte (formale Sprachen, funktionsbasierte Kalküle,…) die völlig verschiedene Begriffe und Regeln benutzen, die aber alle – wie bewiesen wurde – den ‚gleichen‘ Begriff der Berechenbarkeit repräsentieren. Wenn also irgendwer plötzlich anfängt, von der erfahrbaren Welt als von einer ‚Simulation‘ zu sprechen, dann bedeutet dies bezogen auf die erfahrbare Welt nicht notwendigerweise irgendetwas Neues. Der abweichende Wortgebrauch fällt zu Beginn noch auf, dann aber –wie heute –, wenn immer mehr das Wort ‚Simulation‘ benutzen, fällt nicht einmal mehr das  auf. Ich sehe nicht, dass das Reden von Simulation im Falle der Welterklärung irgendeine nennenswerte brauchbare neue Erkenntnis geliefert hat oder liefert.

 

 

WIR SIND MONADEN

 

(8) Eventuell ist die Benutzung des Begriffs ‚Monade‘ hier nicht ganz glücklich, da das Konzept der Monade bei Leibniz (ursprünglich 1714 französisch, dann 1720 deutsch, dann 1721 lateinisch), ein sehr komplexes Begriffsnetz voraussetzt, das mit den populären Verkürzungen (von denen ich hier Gebrauch mache) nur wenig gemein hat. Immerhin hat er Formulierungen, die in Richtung der Vereinfachungen deutbar sind (siehe Beispiele: (Nr.51) … eine geschaffene Monade keinen physischen Einfluss auf das Innere der anderen haben kann… (Nr.56) …..dass jede einfache Substanz..fortwährender lebendiger Spiegel der Welt…(Nr.57) ..dass es wegen der unendlichen Menge der einfachen Substanzen gleichsam ebenso viele verschiedene Welten gibt, die gleichwohl nichts anderes sind als die perspektivischen Ansichten des einzigen Universums, je nach den verschiedenen Gesichtspunkten jeder einzelnen Monade….(Nr.60) … es ist also nicht der Gegenstand, sondern die Abstufung der Erkenntnis des Gegenstandes, worin die Monaden beschränkt sind…(Nr.61) … Aber eine Seele kann in sich selbst nur das deutlich Vorgestellte lesen; sie kann nicht auf einen Schlag auseinanderlegen, was in ihr zusammengefaltet ist, denn diese Fältelung geht ins Unendliche…(alles nach der Übersetzung von Glockner))(Vielleicht schaffe ich mal demnächst eine ausführliche Diskussion des ganzen Textes der sogenannten Monadologie)..

 

(9) Die vereinfachende Grundidee ist die einer Monade als eines Systems, das zwar mit der umgebenden Wirklichkeit in einem gewissen Austausch steht, aber bzgl. jener internen Zustände, die seine Geistigkeit charakterisieren, gibt es keinen direkten Austausch, sondern nur einen hochgradig ‚vermittelten‘.

 

(10) Dies entspricht dem heutigen Erkenntnisstand von dem Gehirn im Körper, das nur sehr begrenzt Informationen von der ‚Welt jenseits des Körpers‘ empfangen kann und das auf seine Weise immer komplexere ‚Modelle‘ einer ‚möglichen Außenwelt‘ entwirft, die wir als ‚Bewusstsein‘ eines solchen Gehirns mit Körper so benutzen, als ob die Modelle die Welt selbst seien. D.h. schon an der Wurzel unserer Erkenntnis basiert unser Weltzugang auf einer ‚Simulation einer möglichen Welt‘, die allerdings so gut ist, dass wir damit nicht nur viele praktische Aufgaben befriedigend lösen können, sondern darüber hinaus fällt es uns Menschen im Alltagsbetrieb fast nie auf, dass ‚unsere‘ Welt gar nicht die Welt ist, innerhalb deren diese simulierten Welten auftreten (natürlich kann man den Unterschied zwischen der simulierten Welt genannt ‚Bewusstsein‘ und ‚Außenwelt‘ feststellen, aber nur bei expliziter Reflexion und sehr oft nur durch Einbeziehung expliziter experimenteller Arrangements).

 

 

MONADEN ALS OFFENE SYSTEME

 

(11) Entscheidend scheint aber zu sein, dass unsere Monadenstruktur eben nicht vollständig ist; wir sind keine völlig abgeschlossenen Systeme, weder auf der körperlichen Ebene noch auf der geistigen.

 

(12) Wie wir heute wissen sind unsere körperlichen Strukturen Teil eines evolutionären Geschehens, innerhalb dessen sich alle Körper (‚Phänotypen‘ von zugrunde liegenden ‚Genotypen‘, aus denen die Phänotypen mittels Wachstum hervorgehen) in direkter Wechselwirkung mit der umgebenden ‚Welt‘ so herausgebildet haben, dass die ‚äußeren‘ Bedingungen nahezu vollständig alles bestimmt haben, was sich dann faktisch ‚entwickelt‘ hat. Nichts an den Phänotypen des biologischen Lebens (Bakterien, Pflanzen, Tiere, homo sapiens sapiens,….) ist ‚einfach so‘ entstanden; alles, radikal alles ist eine ‚Antwort‘ auf die Vielzahl der ‚Randbedingungen‘, die die umgebende Welt repräsentiert (wäre das Leben auf einem anderen Planeten, in einem anderen Sonnensystem entstanden (was wir grundsätzlich nicht ausschließen können, dass dies auch geschehen ist), dann würde die evolutionäre Entwicklung unausweichlich andere konkrete Strukturen favorisiert haben als jene, die wir kennen. Allerdings nicht beliebig andere, sondern nur ’solche andere‘, die die ‚Anreicherung von freier Energie in sich selbst organisierenden Strukturen‘ ermöglichen.

 

(13) Von daher sind die inneren Zustände der empirischen Monaden nicht völlig unbestimmt, sondern gebunden an Phänotypen, die hochgradige Ähnlichkeiten aufweisen (Leibniz spricht – wenngleich auch mit einer etwas anderen Konnotation – von der sogenannten ‚prästabilisierten Harmonie‘, ein Gedanke, den die moderne Physik und Biologie letztlich vollständig bestätigen) und die auch wechselseitig über kontinuierliche Kausalketten miteinander verknüpft sind. Es gibt innerhalb des Universums keinen radikal ‚isolierten‘ Ort, eher einen beständigen ‚Austausch‘).

 

(14) Zusätzlich benutzen die Lebewesen auf jeder Komplexitätsebene die materiellen Interaktionsmechanismen, um mittels dieser ‚direkten‘ Interaktionsereignisse ‚indirekte‘ (kodierte) Ereignisse zu ‚übertragen‘ und dann zusätzlich zu ‚interpretieren‘, ‚deuten‘, ‚verstehen‘, indem materielle Ereignisse zu ‚Zeichen‘ werden, mittels deren sich ‚Bedeutungen‘ kodieren lassen. Aufgrund der hochgradigen Ähnlichkeiten der materiellen, körperlichen Strukturen lassen sich solche semiotischen Kodierungsprozesse bis zu einem gewissen Grade erfolgreich durchführen. Sofern solche semiotischen Kodierungen gelingen lassen sich ‚abstrakte‘ (und ‚virtuelle‘!) Modelle entwickeln, die ‚mögliche Weltzustände‘ repräsentieren, die zur Orientierung für komplexe Handlungsabläufe werden können, die ohne diese semiotische Kodierungen unmöglich wären. Trotz der Abgeschlossenheit der ‚inneren‘ Zustände einer Monade von der Außenwelt ist also ein kontinuierlicher ‚Strom‘ von semiotischen Ereignissen möglich, der zu einem daran ‚gekoppelten‘ kontinuierlichen ‚Verarbeitungsprozess‘ ‚im Innern‘ einer Monade führen kann. In diesem Sinne sind wir als ‚Monaden‘ ‚offene Systeme‘, die sich bis zu einem gewissen Grad mit den Zuständen anderer Monaden ‚koordinieren‘ können.

 

STUFEN DER INTERAKTION

 

(15) Wie die Kulturgeschichte der Menschheit als Teil der übergreifenden biologischen Evolution (diese wiederum als Teil der übergreifenden kosmischen Entwicklung!) zeigt, haben sowohl die materiellen Interaktionsmöglichkeiten wie auch die semiotischen sowohl an Quantität wie auch an Komplexität zugenommen. Im Falle des homo sapiens sapiens kann man geradezu von einer Explosion sprechen, die sich in unvorstellbar kurzer Zeit entwickelt hat und die zugleich eine Beschleunigung andeutet, die – gemessen an der geringen Veränderungsgeschwindigkeit der körperlichen Trägerstrukturen — auf den ersten Blick bedrohlich wirken können (verglichen mit den hier stattfinden Problemkomplexen wirken die Angstreflexe an den Börsen angesichts von Kursverfällen geradezu lächerlich, was nicht heißt, dass diese Kursverläufe konkrete Existenzen im aktuellen gesellschaftlichen Gefüge ‚finanziell‘ zerstören können…).

 

(16) Im Laufe von mindestens 3.5 Mrd Jahren hat das Leben auf der Erde viele sehr dramatische Veränderungen erlebt (beständige Klimawechsel mit großen Eiszeiten, gewaltige Vulkanausbrüche, Einsturz von Kometen mit der Vernichtung von bis zu 90% aller Arten, usw.), aber der homo sapiens sapiens stellt eine so ‚hochentwickelte‘ Lebensform dar, dass er viele solcher Änderungen, wie sie in der Vergangenheit schon stattgefunden haben, heute eher gar nicht überleben würde. Dazu kommen vom homo sapiens sapiens selbst verursachte Veränderungen (z.B. durch erhöhten Verbrauch endlicher Ressourcen für Energie, Ernährung, Trinkwasser, …), die absehen lassen, wann die endlichen Kreislaufsysteme, die bislang über natürliche Rückkoppelungsprozesse eine gewisse Regulierung erfahren hatten, ins Ungleichgewicht kommen.

 

(17) Andererseits hat man den Eindruck, dass die gesamte Entwicklung – von der der homo sapiens sapiens ja nicht isoliert gesehen werden darf – genau auf den Punkt zuläuft, wo nach der kosmologischen, dann der chemischen und schließlich der biologischen Evolution nun eine Art ‚kognitive‘ (man könnte auch ‚geistige‘ sagen) Evolution stattfinden muss, in der die bislang vorwiegend randomisiert-kombinatorischen Suchprozesse im Umfeld des Planeten Erde zusätzlich durch technologisch gestützte modellbasierte Suchprozesse ergänzt werden müssen, um den nächsten ‚Entwicklungsschritt‘ (den nächsten ‚Level‘) zu schaffen. Dieser muss mindestens so ‚kontextsensitiv‘ sein wie die vorausgehenden Entwicklungsprozesse, da die komplexen Prozesse der umgebenden Natur bislang noch in keiner Weise vom homo sapiens sapiens alleine gesteuert werden können. Sicher wird – sofern der homo sapiens sapiens es nicht ‚vermasselt‘ — der Punkt kommen, wo der homo sapiens sapiens nicht nur vor der Notwendigkeit steht, seine Koexistenz mit den vorhanden Systemen dramatisch zu verbessern, er wird es auch können. Alles ist in gewisser Weise daraufhin ‚angelegt‘ (zumindest deutet die gesamte bisherige Entwicklung in genau diese Richtung).

 

 

KOMPLEXITÄTSPROBLEME UND FALSCHE ETHIK

 

(18) Momentan erleben wir – erstmalig für das Leben auf dieser Erde – dass die Handlungsmöglichkeiten des Lebens in Gestalt des homo sapiens sapiens eine immer größere Veränderungsgeschwindigkeit erzeugen, dass aber die Basis dieser Veränderungen, die körperliche Struktur (der Phänotyp) des homo sapiens sapiens sich nicht mit gleicher Geschwindigkeit mitverändert. Zwar wissen wir alle, dass der heutige Phänotyp des Menschen ein ‚Zwischenprodukt‘ ist, etwas ‚Gewordenes‘, auf keinen Fall etwas ‚Endgültiges‘, und in seiner konkreten Ausgestaltung auch nur gerechtfertigt durch die konkreten Lebensnotwendigtkeiten, die vor ca. 200.000 bis einige Millionen Jahre vor unserer Gegenwart (BP := Before Present) bestanden hatten, dennoch leisten wir uns den Luxus einer sogenannten Ethik, nach der wir das menschliche Genom nicht verändern dürfen. Wenn man weiß, dass wir nur deshalb heute leben, weil dieses Genom in den vorausgehenden 3.5 (oder mehr) Milliarden Jahren beständig und kontinuierlich verändert worden ist, dann wirkt es geradezu makaber, dass unter dem Vorwand, Leben zu erhalten, genau das verboten wird, was überhaupt unser Leben ermöglicht hat. Im übrigen ist kein einzelner Mensch ‚Herr‘ über das biologische Leben. Klassisch würde man dies als ‚Hybris‘ bezeichnen. Wenn wir dem Leben ‚dienen‘ wollen dann sicher nur dort und darin, wo wir die Mechanismen, die Leben ‚möglich‘ machen, immer weiter identifizieren und weiter unterstützen. Auf jeden Fall müssen wir das psychische Inventar des homo sapiens sapiens dramatisch verbessern (wobei wir niemanden haben, den wir fragen können! Wir sitzen alle im gleichen Boot des Suchens….).

 

 

OPEN END

 

(19) Ich höre an dieser Stelle mal auf. Natürlich wurde – wie immer – vieles Wichtiges nicht gesagt. Vieles ist zudem kryptisch, verlangt ausführlichere Erklärungen. Aber das genau ist Teil unseres Problems: wir müssen sehr große, komplexe Probleme mit Hilfe eines – trotz allem Fantastischen – sehr endlichen Gehirn mit sehr primitiven Kommunikationsmöglichkeiten in vergleichbar kurzer Zeit lösen. Dazu kommt ein Arsenal von Emotionen und Gefühlen, die für diese Aufgabe wenig geeignet sind (siehe vorausgehende Blog-Einträge). Nichtsdestotrotz, je mehr ich über diese Dinge nachdenke, um so mehr verfestigt sich in mir das Gefühl, dass es in allem viel, viel mehr ‚Ordnung‘ gibt als ‚Chaos‘. Denn, in welcher ‚dunklen‘ Ecke man auch immer anfängt herum zu gucken, über kurz oder lang findet man ‚Spuren‘ von Ordnung. Dies hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir selbst als homo sapiens sapiens durch und durch ein hochintegriertes Ordnungssystem darstellen, aus dem wir nicht aussteigen können (weswegen auch der französische Strukturalismus als Antistrukturalismus bestenfalls amüsant war; was soll schon herauskommen, wenn man sein eigenes Gehirn zu leugnen versucht…). Aber genau ist dann auch wichtig: sollte um uns herum tatsächlich nur Chaos herrschen, dann könnte sich auch in keiner Weise irgendeine Ordnungsstruktur daraus entwickeln. Die Tatsache, dass dies aber der Fall war, zeigt, dass es ein sehr hohes Mass an vorgegebener Ordnung gegeben haben muss (und gibt). Zudem bestätigen alle bekannten wissenschaftlichen Ergebnisse genau dieses. Methodisch ist es natürlich allemal besser, man arbeitet mit der ‚Null-Hpothese‘ (in diesem Fall: nur Chaos). Wenn man dann allerdings immer nur und immer mehr ‚Ordnung‘ findet, sollte man sich gelegentlich auch mal den ‚Luxus‘ erlauben, über das Gefundene konstruktiv nachzudenken. Vielleicht scheuen die meisten davor zurück, weil dies z.B. bedeuten würde, wir müssten uns einer neuen Ethik stellen, die vieles von den liebgewordenen Normen in Frage stellt. Noch schlimmer: dem homo sapiens sapiens käme eine Verantwortung zu, nicht für alles und jedes, aber doch für die Lebenden eine ‚totale’…für jeden…wer mag das schon…

 

Drei Jahre später gibt es einen neuen Eintrag, in dem die Worte ‚Computerspiel‘ und ‚Level‘ vorkommen, aber dort konkreter in Richtung von Stufen des phlosophischen Bewusstseins.

 

QUELLENNACHWEISE

 

G. Doeben-Henisch, URL: Skript (ältere Version), dort der Abschnitt ‚Physical World as Virtual Reality?

 

Whitworth, B., The physical world as a virtual reality, CDMTCS Research Report, CDMTCS-316, 2007, http://arxiv.org/abs/0801.0337 1-17, rev. 2008

 

G. W. Leibniz: Monadologie (Deutsch). Übersetzt , eingeleitet und erläutert von Helmut Glockner Stuttgart: Reclam, 1954

 

G. W. Leibniz: Monadologie (Französisch/Deutsch). Übersetzt und herausgegeben von Hartmut Hecht, Stuttgart: Reclam, 1998. ISBN 3-15-007853-9 (eine online Version der ersten deutschen Übersetzung von Köhler 1720 findet sich hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2790/1)

 

 

 

Eine Übersicht über alle bisherigen Themen von Autor cagent findet sich hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CARTESIANISCHE MEDITATIONEN III, Teil 4

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 13.Dezember 2011
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

ÄNDERNGEN: Letzte Änderung 17.Dez.2011 vor 16:35h

(57) Husserl betont ferner wiederholt, dass man nach den ‚möglichen Wegen‘ fragen kann, auf denen ein Gegenstand in einer Kette von Evidenzen als ‚wirklich‘, als ‚Fantasiegebilde‘, oder als ’seiend‘ bzw. ’nicht seiend‘ ausgewiesen werden kann.(vgl. CM2,S23,Z5-10)
(58) Sofern sich der Begriff der ‚Evidenz‘ –wie zuvor analysiert– auf die Selbstgewissheit des denkenden Ich bezieht, das um das Gegebensein von einem cogitatum als cogitatum ‚weiß‘, dann kann man die Aussage über die ‚Kette‘ so interpretieren,  dass die Aufeinanderfolge des jeweils Gegebenseins eines cogitatum im Denken ‚evident gewusst‘ ist. Was auf eine gewisse Tautologie hinausläuft, da ja das ‚evident sein‘ per definitionem mit dem ‚cogitatum selbst‘, sprich: dem ‚Wissen um das cogitatum als cogitatum‘, zusammen fällt. Das eigentliche Problem beginnt nach dieser Feststellung: angenommen wir haben solche eine Aufeinanderfolge (Kette) von jeweils gewussten Gegebenheiten <cog_1, …, cog_n>. Während jedes einzelne gewusste cog_i ein bewusstes x in C ist, ist aber diese cog_i ‚im nächsten Moment‘, wenn cog_i+1 bewusst ist –also ein x in C– nicht mehr bewusst! Das zuvor bewusste cog_i verwandelt sich in ein ‚unbewusstes x* in C*‘, also cog_i in C —> cog_i in C*. Es verschwindet damit aus dem Bewusstsein. Möglicherweise gibt es noch ein explizites Bewusstsein davon, dass das cog_i+1 auf das cog_i ’nachgefolgt ist‘ auf cog_i, die Eigenschaft eines ‚Nachfolgers auf cog_i‘ besitzt –etwa succ(cog_i) = cog_i+1–, doch das cog_i selbst ist nicht mehr bewusst, noch weniger das cog_i-1, usw. Und auch das unterstellte Wissen um das ‚Nachfolgersein‘ dürfte sich auf die Präsenz des cog_i+1 beschränken. Man hätte also im bewussten Wissen ein Zugleich von {succ(cog_i) = cog_i+1, cog_i+1} subset C. Im ‚darauf folgenden Moment‘ etwa {succ(cog_i+1) = cog_i+2, cog_i+2} subset C, usw.
(59) Als ‚wirklich bewusst‘ existiert in dieser Rekonstruktion nicht die ‚Kette‘, sondern nur jeweils ein einzelnes ‚Glied dieser Kette‘ angereichert mit dem Wissen um ein ‚Nachfolger in der Kette sein‘.
(60) Husserls Formulierung ‚…nach den Wegen [:= Kette] in denen er [:= der Gegenstand] konsequent sich als als seiend auswiese, in einstimmiger Kontinuität von Evidenzen erreichbar…‘ (vgl. CM2,S23,Z7-9) legt die Interpretation nahe, dass er davon ausgeht, dass diese einzelnen Evidenzen …{cog_i in C, succ(cog_i-1) = cog_i}, {cog_i+1 in C, succ(cog_i) = cog_i+1}, … eine ‚Kontinuität‘ bilden und deshalb ein cog_n am ‚Ende der Kette‘ quasi als ‚Ergebnis‘ erscheint, als eine Art ‚Produkt‘. Dies ’suggerieren‘ die Formulieren, wenngleich dies nicht explizit behauptet wird. Die nachfolgenden Seiten (vgl. CM2, S.23ff) kreisen alle um diese Thematik.
(61) Husserl benutzt allerdings andere Begriffspaare, um diesen Sachverhalt zu umschreiben: Einmal geht es um das ‚Aktuale (Wirkliche)‘, das dem ‚Potential (dem Möglichen)‘ gegenübersteht, dann ist es das (reine) transzendentale ego, das kontinuierlich ‚für sich‘, seiner selbst gewiss sein kann trotz aller wechselnden Ausprägungen des So-Seins, das dem ‚ego in voller Konkretion‘ gegenübersteht, das er als ‚konkrete Monade‘ bezeichnet. (vgl. CM2, S.26,Z31-35) Und es ist diese Spanne zwischen dem aktual Gewissen –symbolisch hier dargestellt als {…}– für das transzendentale ego in seiner Intentionalität und dem potentiell Möglichen –symbolisch hier dargestellt als —> (…)–, das dem aktual Gegebenen durch die Intentionalität in der Identität des ego zugeordnet werden kann und durch diese Zuordnung den wahren Sinn erschließt; nicht das einzelne Gewusste cog_i in C für sich alleine ergibt den Sinn sondern ‚das endlos offene System möglicher Wahrnehmungen‘.  (vgl. CM2,S.23,Z31 – S.24,Z6). Letzteres kann auf eine Vielzahl von Ketten/ Pfaden hinweisen, die möglicherweise untereinander wie in einem Graphen/ Netzwerk verknüpft sind,
(62)  Nach allem, was Husserl zuvor über transzendentales ego, Selbstgewissheit usw. gesagt hat, gibt es eigentlich keinen direkten Weg vom Aktualem zum Potentialem.  Dass es hier ein Problem geben kann, deuten seine eigenen Fragen zumindest an: ‚Wie kommt das ego dazu, ein solches System [:= möglicher Erfahrungen] als verfügbaren Besitz zu haben, auch wenn keine Erfahrung von ihm aktuell ist? … was bedeutet es für mich, dass Gegenstände für mich sind, was sie sind, ohne dass ich von ihnen weiß und wußte?‘ (vgl. CM2,S.25,Z5-9)
(61) Nach dem zuvor herausgearbeiteten Problem der ‚lokalen‘ Evidenz bezogen auf eine ‚Kette‘ von  bewussten Ereignissen ist bislang nicht zu sehen, wie es zu einer Art ‚Hyper-Evidenz‘ kommen kann, die alle lokalen Evidenzen nicht nur zusammenfasst, sondern dann auch noch die ‚möglichen Evidenzen‘ gleich mit einschließt.
(62) Obwohl Husserl diese Probleme irgendwie bemerkt haben muss (siehe seine zuvor zitierte Fragen), war er offensicht fixiert auf die Idee, dass ‚aller Seinssinn‘ in der ‚unmittelbaren und mittelbaren Intentionalität beschlossen‘ sein muss. (vgl. CM2,S24,Z13-16) Und in diesem Zusammenhang benutzt er den in der Tat ‚verführerischen‘ Begriff der ‚phänomenologischen Konstitution‘. (vgl. CM2,S23,Z30) Tatsächlich gibt es eigentlich keinen Weg vom ‚aktuell‘ Bewusstem zur Gesamtheit von ’schon mal‘ Bewusstem bzw. auch noch zur Gesamtheit von ‚möglichem‘ Bewusstem. ‚Phänomenologische Konstitution eines Gegenstandes, das besagt: Betrachtung der Universalität des ego unter dem  Gesichtspunkt der Identität dieses Gegenstandes, nämlich in der Frage nach der systematischen Allheit von wirklichen und möglichen Bewusstseinserlebnissen, die als auf ihn beziehbare in meinem ego vorgezeichnet sind und für mein ego eine feste Regel möglicher Synthesen bedeuten‘. (vgl. CM2,S24,Z30-36)
(63) Diese Worte legen die Interpretation nahe, dass Husserl tatsächlich annimmt, dass die ‚möglichen‘ Erlebnisse im transzendentalen ego ‚vorgezeichnet‘ sind, und zwar so, dass ihre Entfaltung nach ‚festen Regeln‘ erfolgt.
(64) Es ist dabei nicht völlig klar, ob Husserl mit diesen Bemerkungen meint, dass die allgemeine Struktur, in der überhaupt –im transzendentalen Sinne– Erlebnisse auftreten können, also die Struktur der Möglichkeit, ‚gewusst‘ sein kann, oder gar  der ‚Ausweis‘ der Geltung eines bestimmten Erlebnisses cog_i, das in einer ‚Kette‘ von entweder schon ‚vergangenen‘ Erlebnissen auftritt oder aber als Ausgangspunkt von ’noch möglichen‘ Erlebnissen. Die Formulierungen auf den Seiten CM2,SS24ff sind nicht ganz eindeutig.
(65) Der harte Kern seiner Annahmen scheint um das Phänomen des ‚Möglichen‘ zu kreisen, das er als wesentlichen Bestandteil des transzendentalen ego begreift. Innerhalb der transzendentalen Intentionalität gibt es nicht nur das Aktuale als sich ereignendes cogitatum, sondern beständig auch das aus dem Aktualem heraustretende nächste Aktuale, das als Potential im Aktualen, in der transzendentalen Intentionalität notwendig angelegt ist. ‚Das ego …hat immer Seiendes und möglicherweise Seiendes, und so ist seine Wesenheit die, immerfort Systeme der Intentionalität zu bilden und gebildete schon zu haben, deren Index die von ihm gemeinten, gedachten … zu phantasierenden Gegenstände sind usw.‘. (vgl. CM2, S.25,Z21-27).
(66) Bezogen auf das ego gibt es also Dinge, die erscheinen, die heraustreten, die in ihrer Erscheinung eine Struktur zeigen und zugleich So-Sein, Konkret-Sein haben. In diesem Sinne erscheint das ego ‚konstituierend‘. Doch schon dieses Wissen, das Wissen um das Aktuale als ‚hervorgehend‘ setzt voraus, dass es neben dem Wissen um das  Aktuale auch ein Wissen um das Vor-Aktuale relativ zu dem  Aktualen geben muss, durch das das Aktuale als ein ‚Nachfolgendes‘ erscheint. Und es ist auch wiederum dieses Wissen um ein Vorher-Nachher vom Standpunkt des Aktualen aus, das den Begriff des Potentials ermöglicht, das Reden vom ‚Möglichen‘, vom ‚Horizont‘, der jedem Seienden zukommen soll. Dieses Vorher-Nachher-Wissen ist nicht identisch mit dem Wissen um das Aktuale als reell Gegebenes. Rein phänomenologisch ist diese Unterscheidung nicht auflösbar, höchstens hinnehmbar. Bei Husserl hat man den Eindruck, dass er sie ’nivelliert‘, da sie nicht so recht zu passen scheint in sein umfassendes Konzept der transzendentalen Einheit, die selbst das Vergangene und Mögliche aus sich heraussetzt, konstituiert und darin einer umfassenden (und erschöpfenden!) Analyse zugänglich macht.
(67) Würde man, wie vorher schon angedeutet, die Unterscheidung von ‚bewusst‘ x in C, ‚unbewusst‘ x in C* und ’nicht bewusst‘ x in C‘, beibehalten mit der Interpretation, dass das Unbewusste der Bereich des ‚zuvor einmal Gewussten‘ ist, das unter bestimmten Bedingungen ‚zurückkommen‘ kann als ‚Erinnertes‘ bzw. ‚Gewusstes‘, dann würde das ‚Vorher‘ dieser allgemeine, nur partiell zugängliche, darin meist weniger klare Anteil des Unbewussten sein, das partiell ‚zurückkehrt‘ und das Aktuale in einer ‚Perspektive erscheinen lässt, die unterschiedliche Formen des ‚Nachher‘ erkennbar macht. Das Aktuale vor dem wabernden Hintergrund des Erinnerbaren läßt die Konstituierung von Typen zu, von allgemeinen Formen, von ‚Clustern‘, von ‚Vernetzungen‘, ‚Ereignisketten‘ usw. auf deren Basis sich unterschiedliche ‚Regelhaftigkeiten‘ (induktiv) ‚ableiten‘ lassen, die dann dazu benutzt werden können, um mögliche Fortsetzungen (potentiell, Horizont…) zu fantasieren, zu denken, zu berechnen usw. Das transzendentale ego wäre dann zwar immer noch jene Einheit, in der sich dies alles abspielt, aber es wäre nicht mehr denknotwendig die einzige ‚treibende Kraft‘, die dies alles bewirkt.
(68) 82 Jahre nach Husserls Vorlesung kann das reflektierende Denken wissen, dass das ‚Unbewusste‘ möglicherweise ein komplexes Gedächtnissystem ist, das ‚in sich‘ komplexe Verarbeitungen vornimmt, ohne (!) dass diese bewusst sein müssen bzw. sogar, ohne dass diese jemals bewusst sein können. Zu diesen Verarbeitungsprozessen gehören diverse Abstraktionsleistungen, Assoziationsleistungen, Sortierungen nach unterschiedlichen Kriterien, Verstärkungen und Abschwächungen in der Wahrscheinlichkeit von ‚Inhalten‘, aus dem Bereich des Unbewussten wieder ‚heraus zu treten‘. Wenn dies zutrifft –und alles spricht bislang dafür– dann wären sowohl die allgemeinen Strukturen, die in der transzendentalen Einheit sichtbar werden, wie auch die konkreten Inhalte nicht wirklich ‚Leistungen‘ des transzendentalen ego; sie würden vielmehr ’nur‘ innerhalb dieser transzendentalen Einheit ‚aufscheinen‘, ‚hervortreten‘, ’sich zeigen‘. Ihr ‚Erkenntniswert‘ würde durch solch eine reflektierende ‚Einordnung‘ nicht gemindert (schließlich hat das ego sonst nichts zum Erkennen; ohne diese Inhalte wäre es ‚leer‘). Allerdings würde  diese Interpretation andeuten, dass hier das transzendentale ego mindestens  in einem zweifachen Sinne ein ‚empfangendes ego‘ ist: (i) die konkreten Gegebenheiten, bevor sie ins Unbewusste übergehen,  produziert es nicht selbst, sondern ‚findet sie‘ in seiner Bewusstheit ‚vor‘; (ii) die konkreten Gegebenheiten als ‚Erinnerte‘ folgen in ihren ‚Modifikationen‘ Regeln, die das ego nicht selbst aktiv bestimmt, sondern die es selbst auch wieder rein passiv ‚empfängt‘. Es kann zur Kenntnis nehmen, es kann aber die Art und Weise des Erinnerns in keiner Weise beeinflussen. Hier ist eine Struktur ‚am Werke‘ die jenseits seiner Möglichkeiten liegt. Das Vorkommen dieser konkreten So-Seienden im Konkreten wie in ihrer Typik ist transzendental, die Konkretheit selbst wie auch ihre Typik wäre dann nicht (!) transzendental, sondern ‚kontingent‘ in dem Sinne, wie auch alle empirischen Tatsachen DAT_emp der empirischen Wissenschaften als kontingent bezeichnet werden (die ja wie oben festgestellt nur eine echte Teilmenge der phänomenologischen Tatsachen DAT_ph sind). Der Stellenwert des Transzendentalen wird damit in einer Hinsicht deutlich eingeschränkt, aber eben nicht gänzlich aufgehoben. Das, was hier im ersten Moment als Verlust erscheinen mag, kann sich –siehe weiter unten–  möglicherweise als ein unverhoffter Gewinn erweisen.
(69) Wenn Husserl schreibt, dass das ego kein bloßer leerer Pol sei, sondern das ’stehende und bleibende Ich der verharrenden Überzeugungen, der Habitualitäten, in deren Veränderung sich allererst Einheit des personalen Ich und seines personalen Charakters konstituiert‘ (vgl. CM2, S26,Z27-30), so mag man ihm nach den vorausgehenden Überlegungen zustimmen bzgl. des Punktes, dass sich die Einheit des Ich erst in durch die Veränderungen konstituiert (da wir diese Einheit ohne diese Veränderungen gar nicht erfahren können), man mag ihm aber nicht zustimmen, dass das ego sich gerade in den ‚verharrenden Überzeugungen‘ als bleibendes Ich konstituiere. Das transzendentale ego ist nicht identisch mit seinen Inhalten, sondern höchstens ‚korrelativ‘ zu diesen, und diese Erinnerungen selbst sind nicht transzendental, sondern kontingent, treten auf, passieren, ereignen sich; zwar als Momente am transzendentalen ego aber nicht als substantiellen Momente sondern als periphere Momente, die kommen und gehen. Ihre Stetigkeit im Festgehaltenwerden durch das Unbewusste ist eine abgeleitete, die ihre Form nicht vom transzendentalen ego empfängt. Im Gegensatz zu Husserl muss man sagen, dass das transzendentale ego –nach den bisherigen Erkenntnissen– als transzendentales wirklich ‚leer‘ ist. Es ist jene allgemeine Bedingung, unter der überhaupt etwas erscheinen kann, für das, was erscheint ist es jedoch konkret weder Bedingung noch Ursache noch Form.

(70) Wenn Husserl mit dem Begriff der ‚konkreten Monade‘ das ‚ego in voller Konkretion‘ (vgl. CM2, S.26, Z31, Z35) für die Phänomenologie zu ‚retten‘ versucht, dann kann dies nach dem Vorausgehenden nicht überzeugen. ‚Psychologisch‘ mag das Ich sich –eingebettet in die Konkretheit der begleitenden Erscheinungen– als dieses konkrete Ich empfinden, aber diese Konkretheiten sind strukturell verschieden von dem transzendentalen ego als notwendiger Bedingung alles Erscheinens. Durch diese unzulässige Vereinnahmung des Konkreten in das Transzendentale deckt Husserl eine ‚Kluft‘ zu, die sich in der transzendentalen Erkenntnis auftut: es ist die Kluft zwischen allgemein-Transzendenalem und konkret-soseiendem Gegebenem als Aktuales, als Erinnertes oder als Visioniertes. Für das individuelle Denken ist das allgemein Transzendentale ein nicht weiter verrückbarer Referenzpunkt des Denkens. Das in Beziehung auf dieses transzendentale ego aufscheinende Konkrete samt seinen Typen, Formen, Verkettungen usw. dagegen ist diesem transzendentalem ego gegenüber ein ‚Fremdes‘, ein sich ‚Unabhängig Ereignendes‘, das man in dieser Unabhängigkeit auch als ‚transzendental‘ bezeichnen kann. Vom Standpunkt des transzendentalen ego hat die Unverfügbarkeit des konkret Erscheinenden etwas Bedingendes,  in dem sich grundlegend jedwedes Andere, jedwedes ‚fremde Selbst‘ zeigen kann, aber nicht muss.

(71) Versucht man diese Kluft nicht zu nivellieren –wie es Husserl zu tun scheint–, sondern nimmt man diese Kluft als eine grundlegende Gegebenheit unseres Daseins an, dann trifft das transzendentale ego ‚quasi in sich selbst‘ auf das zu ihm ganz andere, an dem es sich in seiner Verschiedenheit bewusst wird. Voraussetzung für diese substantielle Erkenntnis ist die Reflektion des Denkens auf sich selbst. Diese Selbst-Reflexion ist mehr al nur Epoché! (vgl. CM2, S.31,Z15-30) Die Epoché bezieht sich nur auf die Einklammerung gewisser ‚Geltungsansprüche‘ im Rahmen der Denkautomatismen.  Jemand, der Epoché praktisch ausführt muss nicht notwendigerweise seiner selbst im vollen Umfang bewusst sein. Epoché ist eine partielle Selbstreflexion, sie führt nicht zwangsweise zu einer vollen Selbstreflexion.

(72) In der Selbstreflexion findet das transzendentale ego sich vor als unausweichlich (transzendental) korreliert mit einem ganz Anderem, das nicht ‚fest‘ ist, ’nicht begrenzt‘, ’nicht einzeln‘, sondern ein ‚Strom‘ von Vielheit, darin sich zeigenden ‚Formen‘, ‚Regelhaftigkeiten‘, die zu einer Fülle von ‚Gestalten‘ Anlaß bieten, in die es über das Denken und einem Körper vielfach ‚eingewoben‘ ist. All dies ‚gehört‘ auf unterschiedliche Weise ‚zu ihm‘ und ist doch wesenhaft ‚verschieden‘. Vordergründig erscheint das Andere in seiner Konkretheit endlich zu sein; als sich kontinuierlich ereignender ‚Strom‘ von Ereignissen zeigt es sich jedoch als eine ‚unendliche Endlichkeit‘ von endlichen Gegebenheiten, die in der punktuellen Benennung punktuell ‚wahr‘ ist, im Fluss der Ereignisse sich aber als ‚falsch‘ erweist. Ein ‚Wahres‘ gibt es hier nur als ein ‚Allgemeines‘, das über das Punktuelle hinausreicht durch seine Verankerung im Erinnerten eines Vorher mit Bezug auf ein gegebenes Aktuales. Diese Allgemeinheiten sind jedoch  ‚gewordene‘ Allgemeinheiten, sich aus dem Fluss der Ereignisse ‚heraus‘ Zeigende, Induktionen, hypothetische Verallgemeinerungen, Auswürfe in die Zukunft, die vom Erinnerten gespeist werden. Gewordenes Allgemeines kann falsch sein bzw. werden. In der Selbstgewissheit des Denkens ist das gewordene Allgemeine ‚gewiss‘, ‚evident‘, zugleich aber auch ‚markiert‘ als ‚geworden‘ und von daher nicht endgültig, ‚vorläufig‘, ‚hypothetisch‘. Das evident Gewordene ist die allgemeinste Form des ‚Empirischen‘, das in den empirischen Wissenschaften auf eine Teilmenge von Ereignissen eingeschränkt wird.

Zur Fortsetzung siehe CM3, Teil 5

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Fitness – Materie – Geist

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062,

11.März 2010
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

FITNESS

(1) Im Rahmen von GENETISCHEN ALGORITHMEN betrachtet man Mengen (= Populationen, POP) von Individuen (= I), wie diese sich im Laufe der ZEIT relativ zur vorgegebenen UMGEBUNG (E = ENVIRONMENT) ‚bewähren‘.

(2) Das gröbste Raster für ERFOLG bzw. MISSERFOLG ist das Überleben in Form von Nachkommen (- NOT-DELETED) bzw. eben keine Nachkommen (+DELETED). Dasjenige Individuum, das nicht überlebt, kann sein ‚Programm‘ nicht weiter ‚optimieren‘.

(3) Hat ein Individuum Nachkommen (-NOT-DELETED) ist die Skala des Fitnesswertes (FIT), je nach Betrachtung, beliebig fein.

(4) Denn die NACHKOMMEN eines Individuums im Rahmen einer Population können zahlreicher (MORE OFFSPRINGS) sein als die von anderen Individuen, oder sie können an mehr verschiedenen Orten (MORE PLACES) lebensfähig sein, oder sie können sich gegen mehr Feinde länger schützen (MORE PROTECTION), oder sie können sich untereinander besser koordinieren (MORE COORDINATION), usw.

(5) Der genetische Algorithmus selbst kümmert sich NICHT darum, WELCHER Fitnesswert vorliegt, auch nicht WIE dieser zustande kommt. Er nimmt nur an, dass es EINEN GIBT. Von daher ist ein genetischer Algorithmus nur eine Methode, einen vorliegenden Fitnesswert bezüglich vorgegebenen Strukturen so zu VERRECHNEN, dass eine STRUKTUR-ÄNDERUNG entsteht, die das Verhältnis zur Umgebung möglichst ‚positiv‘ beeinflusst. Betrachtet man ein Individuum formal als ein Input-Output-System, was mathematisch einer FUNKTION entspricht, dann ist ein genetischer Algorithmus eine von vielen OPTIMIERUNGSMETHODEN für Funktionen.

(6) Während die theoretischen Disziplinen, die Optimierungsmethoden benutzen, sich in der Regel mit den formalen (= mathematischen)  Eigenschaften der Optimierungsmethoden begnügen, stellt sich natürlich METATHEORETISCH (PHILOSOPHISCH) die Frage, WAS denn genau diese Fitnesswerte sind, die im Falle von biologischen Systemen zu deren Veränderungen im Laufe der Jahrmillionen bzw. Jahrmiliarden (!) beigetragen haben? Diese Frage ist nicht ganz ohne, da es zwar mittlerweile viele mathematische ‚Optimierungstheorien‘ (auch im Gewande von ‚mathematischen LERNTHEORIEN‘) gibt, aber KEINE dieser Theorien stellt sich der Frage nach der ‚Natur‘ der Fitnesswerte. Im einfachen Fall eines konkreten LEHRERS (SUPERVISORS) bzw. von sogenannten TRAININGS-MENGEN reduziert sich die Frage auf das konkrete Verhalten dieses Lehrers bzw. auf die vorliegenden Trainings-ITEMS, doch ist die Frage damit in keiner Weise beantwortet. Den wer sagt uns, was die RICHTIGEN Antworten des Lehrers sind bzw. die RICHTIGEN Trainings-Items?

(7) In konkreten Optimierungs- bzw. Lerntheorien gibt man von daher immer ganz konkrete Szenarien (Umgebungen) so vor, dass die zu optimierenden Verhaltenseigenschaften von vornherein definiert sind. Im Falle biologischer Systeme gibt es keine expliziten LEHRMEISTER DER STRUKTUREN. Entweder ERWEIST sich eine bestimmte vorkommende Struktur als ÜBERLEBENSFÄHIG relativ zu einer VORGEGEBENEN UMGEBUNG oder nicht. In dem Moment, wo der ‚Beweis‘ der Überlebensfähigkeit erbracht wurde wurde die überlebensfähige Struktur durch ihre Nachkommen ERSETZT. Dies bedeutet im WECHSELSPIEL zwischen vorgegebener Umgebung(zu der auch andere Populationen gehören können)  und dem individuellen Verhalten muss die individuelle Struktur es schaffen, sich so fortzupflanzen, dass die NACHKOMMEN (OFFSPRINGS) miteinander eine ähnliche Leistung erbringen können.

(8) Stellt sich die Frage, WO diese Strukturen herkommen, deren aktives Verhalten zu einer erfolgreichen Fortpflanzung führt? Dass es diese Strukturen gibt liegt offensichtlich an der grundlegenden Fähigkeit, die eigene Struktur (evtl. vermischt mit anderen Strukturen) zu VERERBEN. Das Vererben ist in sich ein hochkomplexer Prozess, den technische Systeme bis heute noch nicht beherrschen. Wie auch immer dieser beschaffen ist verlagert die Annahme eines VERERBUNGSMECHANISMUS die Frage nach dem HERKOMMEN der Strukturen aber nur.

(9) Grundsätzlich muss man wohl sagen, dass diese sich vererbenden Strukturen AUS der Umgebung GENOMMEN sind, MIT der sie in WECHSELWIRKUNG treten. Diese Strukturen fallen also nicht völlig ‚aus dem Rahmen‘, sondern sie sind als solche vererbenden Strukturen ‚aus der Umgebung‘ genommen und bleiben letztlich sogar ‚Teil der Umgebung‘, auch wenn man sie in einer abstrahierenden Betrachtung von der Umgebung ‚gedanklich abtrennen‘ kann. Unter anderem gewinnen Sie beständig ‚Energie‘ aus der Umgebung, um das ‚Funktionieren‘ ihrer Strukturen ‚aufrecht
zu erhalten‘.

(10) Die Vielfalt der biologischen Strukturen, die bislang bekannt geworden sind, ist atemberaubend. Alleine heute –wo wir doch allenthalben ein großes rapides Artensterben verzeichnen– schätzen Biologen die Artenvielfalt z.B. im brasilianischen Regenwald ‚unter‘ den Baumkronen auf einige Millionen, ‚in‘ den Baumkronen –dem eigentlichen Lebensraum– vermutet man nach neuesten Untersuchungen aber noch viel mehr verschiedene Arten.

(11) Was immer also an konkreten biologischen Strukturen entstehen kann, es sind Strukturen, die ‚aus dem genommen sind‘, was ‚vorgegeben‘ ist, eben die ‚Erde‘ mit ihren unterschiedlichen Substanzen angereichert mit Substanzen, die im Laufe der Zeit aus dem ‚umgebenden Weltall‘ gekommen ist.

(12) Eine wichtige TEILSTRUKTUR der allgemeinen Struktur von biologischen Systemen sind die NEURONALEN Strukturen, die eine bio-chemische Signalverarbeitung ermöglichen. Damit kann eine biologische Struktur in ihrem ‚INNEREN‘ Erregungszustände erzeugen, die WIRKUNGEN DER UMGEBUNG AUF DEN KÖRPER ‚KODIEREN‘ bzw. es ist auch mögliche, KÖRPER-INTERNE Wirkungen und Vorgänge gleicherweise zu ‚Kodieren‘. Zusätzlich ist es möglich WECHSELWIRKUNGEN zwischen diesen verschiedenen KODIERTEN WIRKUNGEN auch zu kodieren. Generell: KODIERTES kann WIEDER KODIERT werden. Damit sind die Grundlagen für KOGNITION gegeben: Welcher Wirkungen immer  von der Umgebung auf die Struktur des Individuums zu verzeichnen sind, welche Wirkungen immer innerhalb der Struktur des Individuums vorkommen können, mit dieser Technik der KÖRPER-INTERNEN KODIERUNG einschließlich der KODIERUNG DER KODIERUNG machen die biologischen Systeme eine Eigenschaft sichtbar, die sie quasi zu ‚AKTIVEN SPIEGELN‘ der Umgebung macht, aus der sie kommen und deren Teil sie sind.

(13) Eine Folgerung aus dieser Überlegung (neben vielen anderen) ist die, dass die sogenannte MATERIE –was immer das im einzelnen sonst noch sein mag– offensichtlich das Potential besitzt, solche Kodierungsprozesse zu ermöglichen, die wir dann KOGNITION nennen. Inwieweit damit die alten Begriffe von  GEIST (griechisch PSYCHE und NOUS, hebräisch RUACH ) ihre vollständige Deutung gefunden haben, ist schwer zu entscheiden, da diese Begriffe keine klaren Definitionen besitzen. Sicher ist nur, dass die viele tausend Jahre währende Gegenübersetzung von GEIST  und MATERIE für sehr viele Bereich    unserer Welterfahrung vollständig irreführend ist. Alles, was wir bislang wissenschaftlich von ‚Geist‘ wissen erweist sich bislang als eine Eigenschaft der ‚Materie‘, aus der alles kommt. Allerdings ist das dann keine ‚Reduktion‘ von etwas ‚Grösserem‘ auf etwas ‚Kleineres‘, sondern, wir müssen lernen, dass diese ‚Materie‘ (was wissen wir bislang davon überhaupt?) offensichtlich erheblich komplexer ist, als die meisten Menschen sich bislang vorstellen konnten (oder wollten). Im übrigen ist die Idee einer GEIST-MATERIE in keiner Weise neu.

(14) Hier müssten jetzt allerlei Überlegungen zur Ethik, zu Normen etc. anknüpfen.

Grafik für Fitness

Die direkte Fortsetzung dieses Beitrags findet sich HIER.

DER SUBJEKTIVE RAHMEN DER OBJEKTIVEN WELT

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062,

17.Januar 2010
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

(1) Empirische Wissenschaft definiert sich normalerweise über Messoperationen. Alles, was sich mittels eines bestimmten Messverfahrens messen läßt, gilt als gemessener = objektiver Wert (z.B. ‚5 m‘, ‚3.5 s‘, ‚2.33 kg‘, …).

(2) Die Ergenisse von empirischen Messungen M_Emp müssen unabhänig von der Person sein, die die Messung vornimmt, der Vorgang M als solcher muss wiederholbar sein und ‚unter gleichen Umständen‘ sollte das Ergebnis reproduzierbar sein. Im übrigen sollte der Messvorgang auch ’standardisiert‘ und die Messaparatur ‚zertifiziert‘ sein.

(3) Messungen beziehen sich immer auf einen bestimmten ‚Zeitpunkt‘ t (oder ein geeignetes Zeitintervall), auf ein bestimmtes ‚Raumgebiet‘ R, geschehen unter bestimmten ‚Umgebungsbedingungen‘ E und können in einer Sprache L_Measure protokolliert werden. (‚Zeitpunkt‘ setzt eine geeignete ‚Uhr‘ voraus, die in ein international synchronisiertes Zeitsystem (UTC) eingebunden ist und ‚Raumgebiet‘ setzt entsprechend eine international gültige ‚Ortung‘ voraus; ‚Umgebungsbedingungen‘ beruhen ebenfalls auf Messwerten  oder ‚Beobachtungen‘. ).

(4) Messwerte als solche M_Emp_t_R_E sind isolierte Fakten ohne jeden Zusammenhang; sie liegen vor als Ereignisse im ‚intersubjektiven‘ Raum, der allen Menschen mit einem ’normalen‘ Wahrnehmungsapparat zugänglich ist.

(5) Für einen einzelnen Menschen gibt es objektive Messwerte nur in der Form subjektiver Wahrnehmung! Nur als ‚Ereignis im Bewusstsein‘ (:= Phänomen, Ph) hat ein Mensch Kenntnis von Messwerten. Entsprechendes gilt auch von dem objektiven Messvorgang M als solchem: was immer objektiv geschieht, der einzelne Mensch ‚weiss‘ davon nur insoweit diese objektiven Ereignisse als subjektive Ereignisse Ph_M im Bewusstsein ‚irgendwie repräsentiert‘ sind. Die subjektive Repräsentation von objektiven Messwerten kann bekanntlich ‚verzerrt‘ oder ‚grob falsch‘ sein.

(6) Empirische Messwerte M_Emp sind also –sofern Sie Teil eines subjektiven Wissens sind– immer zugleich auch Phänomene Ph_Memp.

(7) Generell gilt, dass alle Arten von Messwerten (zum Gehirn M_Emp_Brain, zum Körper M_Emp_Body, zu kulturellen Artefakten M_Emp_Culture, zur Erde M_EMP_Earth, usw.) für den einzelnen nur existieren, wenn sie Eingang in das Bewusstsein (Consciousness, Consc) der betreffenden Person gefunden haben, d.h. wenn die objektiven Messwerte als subjektive Phänomene vorliegen, also MEmp_Brain als Ph_MEmp_Brain, M_Emp_Body als Ph_M_Emp_Body, usw.

(8) Im Bewusstsein gibt es solche Phänomene, die aus Wahrnehmungen intersubjektiver Zusammenhänge stammen Ph_Emp und solche, die nicht aus intersubjektiven Zusammenhängen stammen –Ph_Emp. Ferner kann man grob unterscheiden zwischen jenen Phänomenen Ph_Concr, die ‚einzelne‘ Fakten (wie z.B. Messwerte) repräsentieren, als auch solche Ph_Abstr, die ‚Abstraktionen‘ von vielen möglichen einzelnen Fakten darstellen bzw. solche Ph_Rel, die ‚Beziehungen‘ repräsentieren. Die abstrahierenden und beziehungsrepräsenterenden Phänomene sind –aus Sicht der subjektiven Wahrnehmung– quasi ‚Eigenleistungen‘ des Bewusstseins. Vereinfachend kann man sagen, dass ‚abstrakte Modelle‘ Ph_Mod  bzw. ‚abstrakte Theorien‘ Ph_Th ‚Kompositionen‘ von abstrakten Konzepten und Relationen darstellen.

(9) Eine über den isolierten Zeitpunkt und über das isolierte Raumgebiet hinausgehende ‚Bedeutung‘ können Messwerte nur gewinnen, wenn man sie in abstrakte Konzepte und abstrakte Beziehungen ‚einbetten‘ kann, wie sie ausschliesslich als subjektive abstrahierende und beziehende Phänomene vorkommen. Diese ‚allgemeineren‘ Strukturen sind ‚rein subjektive‘ Leistungen, die mit den Phänomenen aus dem intersubjektiven Raum (z.B. Messwerten) innerhalb des Bewusstseins eine ‚Symbiose‘ eingehen. Hier stellen sich interessante Fragen nach einer möglichen ‚Konformität‘ der subjektiven interpretierenden Strukturen (Modelle, Theorien) mit den isolierten empirischen Phänomenen (diese Problematik war/ist Thema verschiedener philosophischer ‚Wahrheitstheorien‘ bzw. auch wissenschaftstheoretischer Diskussionen über die ‚Falsifizierbarkeit‘ bzw.  der ‚Verifizierbarkeit‘ von Theorien).

(10) Was man hier erkennen kann, ist die Tatsache, dass Begriffe wie ‚aussen‘, ‚empirisch‘, ‚objektiv‘, ‚intersubjektiv‘ usw. angeleitete Begriffe sind, sozusagen Hypothesen auf der Basis der subjektiven Wahrnehmung.

(11) Das Bewusstsein erscheint mit ‚fliessenden Grenzen‘, ‚variierenden Inhalten‘, ’schwankenden Strukturen‘.

(12) Anhand von empirischen Daten zum Gehirn (die selbst als subjektive Erlebnisse vorliegen müssen, um gedanklich verarbeitet werden zu können), die mit Bewusstseinszuständen zeitlich korreliert werden, kann man Hypothesen über einen möglichen funktionellen Zusammenhang zwischen messbaren Gehirnprozessen und phänomenalen Gegebenheiten herstellen. Solche Daten deuten darauf hin (klare Erkenntnisse gibt es noch nicht), dass die bewussten Inhalte nur einen kleinen Teil der Ereignisse im Gehirn (und Körper) widerspiegeln. Ferner ist das, was repräsentiert wird, variable, dynamisch: im ‚Wachzustand‘ sind es z.T.  andere Ereignisse, die ‚zugänglich‘ sind als im ‚Schlafzustand‘ oder in anderen ‚Bewusstseinsmodi‘. Prinzipiell ist heutzutage nicht auszuschliessen, dass über Bewusstseinszustände auch solche Ereignisse partiell zugänglich sind, die klassischerweise als ‚vor-‚ oder ‚unterbewusst‘ bezeichnet werden.

(13) Bei der ‚Interpretation‘ der Bewusstseinsinhalte ist es allerdings schwierig, diese ‚einzuordnen‘ sofern sich die auslösenden Prozesse von einer klaren Zuordnung zu kontrollierbaren körperlichen oder interpersonalen Prozessen entfernen. Letztlich ist dann eine ‚Semantik‘ nicht mehr rational herstellbar und damit jegliche Deutung ‚willkürlich‘. Im Bereich der ‚Mystik‘ gibt es in allen Religionen quer zu allen Kulturen Berichte von ‚Erlebnissen besonderer Art‘ die, sofern sie sich nicht unterangebbaren Bedingungen reproduzieren lassen, subjektiv sehr ‚farbig‘ sein können, die aber einer Deutung im Kontext einer ‚Welterklärung‘ unzugänglich sind.

(14) Audio-Datei: Hier

Epistemology of the Consciousness

Die direkte Fortsetzung zu diesem Beitrag findet sich HIER.

Eine inhaltlich passende Fortsezung findet sich HIER.

Hinter den Phänomenen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062

21.Dezember 2009
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Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

(1)Das, was ein Mensch als erstes von der Welt bewusst erlebt, das sind die Zustände seines Bewusstseins (Consciousness)
(2)Das Bewusstsein ist eine Funktion des Gehirns, das Teil eines Körpers ist.
(3)Der Körper hat eine lange Geschichte hinter sich (Evolution).
(4)Ein Körper integriert viele komplexe Organe, die aus komplexen Substrukturen bestehen, die letztlich auf der Integration von vielen Zellen beruhen.
(5)Zellen repräsentieren komplexe Organisationen von Molekülen.
(6)Moleküle sind komplexe Organisationen von Atomen
(7)Atome sind Abstraktionen von komplexen Strukturen mit subatomaren Partikeln
(8)Der Bereich der subatomaren Partikeln läßt sich mit allgemeinen Gesetzen beschreiben (Materie, Energie, Symmetrien…)
(9)Eines der bekannten Gesetze ist das Gesetz der Entropie.
(10) Die Bildung von Strukturen, die über Atome hinausgehen, repräsentieren lokale Ordnungen, die der Entropie widersprechen.
(11) Oberhalb der Molekülstrukturen gibt es Strukturen (DNA), die Informationen repräsentieren und die als ‚Bauanleitungen‘ funktionieren können.
(12) Das, was wir als ‚Leben‘ bezeichnen, widerspricht allen bislang bekannten Gesetzen des Universums (wir kennen möglicherweise noch zu wenig(e)).
(13) Jenseits der DNA gibt es mehr und mehr komplexe Strukturen, die eine dynamische  Kodierung von Informationen erlauben.
(14) Eine Struktur der Informationsrepräsentation und -verarbeitung is das Gehirn. Seine Komplexität  widersetzt sich bislang unserer Fähigkeit, sie zu verstehen.
(15) Eine Eigenschaft des Gehirns ist der Raum des bewussten Erlebens, der sich beständig verändert.
(16) In der Interaktion von menschlichen Gehirnen haben sich Formen ausgebildet, die Artifakte beinhalten, die wir ‚Kultur‘ nennen.
(17) Die Formen des Lebens sind vielfältig, und bilden eine Kette von Emmanationen, die eher andeuten als enthüllen.
(18) Audio-Datei: Hier

The Emergence of Life

Die direkte Fortsetzung findet sich HIER.

Monadischer Charakter des Bewusstseins

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Sa 10.Dezember 2009

Der vorausgehende Beitrag liegt 34 Monate zurück… und doch gibt es einen direkten Zusammenhang.

(1) Ein radikaler Idealismus a la Berkeley oder ein Monismus im Sinne einer Monade a la Leibniz waren in der Philosophie nie besonders populär, noch weniger ausserhalb der Philosophie.

(2) Umso bemerkenswerter, dass es gerade die moderne Gehirnwissenschaft(en) ist (sind), die dieser Sichtweise zu neuer Gültigkeit verhilft.

(3) Stark vereinfacht kann man heute sagen (siehe Bild), dass das, was in der ‚Welt ausserhalb des Körpers‘ geschieht, nur insoweit in das ‚Innere des Körpers‘ gelangt, als es durch geeignete ‚Sensoren‘ von einem Energiezustand in einen anderen ‚konvertiert‘ wird.

(4) Die verschiedenen Sensorarten im Körper (visuell, audidorisch, taktil, olfaktorisch, usw.) erzeugen elektrische Signale auf chemischer Basis. Das Verhältnis zwischen diesen konvertierten messbaren sensorischen Signalen und den auslösenden Energien ist nicht 1-zu-1.

(5) Die sensorischen Signale werden auf unterschiedlichste Weise sowohl zum Gehirn weitergeleitet wie auch auf diesem Wege auf unterschiedliche Weise modifiziert und assoziiert.

(6) Die Zielbereiche der sensorischen Signale sind vielfältig und das, was ‚im‘ Gehirn dann an verschiedenen ‚Orten‘ zu verschiedenen ‚Zeiten‘  als ‚Endprodukt‘ von den sensorischen Signalen benutzt und weiterverarbeitet wird ist wiederum keine 1-zu-1-Abbildung des ursprünglichen sensorischen Signals.

(7) Was immer also das Gehirn in bestimmten Bereichen als ein ‚Modell der sensoisch erfassten Welt‘ ‚konstruiert‘, dieses Modell ist niemals ‚die Welt da draussen‘, sondern eben eine ‚Konstruktion des Gehirns‘ anhand verfügbarer Signale und im Rahmen von verfügbaren ‚Konstruktionsprinzipien‘. Das Gehirn selbst hat keinen direkten Kontakt mit der ‚Welt da draussen‘.

(8) Ähnliches gilt auch für all die sensorischen Signale, die das Gehirn von Sensoren ‚im Körper‘ (propriozeptive Signale) empfängt. So gesehen ist das Körperinnere (ohne das Gehirn) für das Gehirn auch eine ‚Umgebung‘, ein ‚Jenseits‘, dessen Zustände aus vielfach modifizierten sensorischen Signalen ebenfalls in ein ‚konstruiertes Modell des Körpers‘ überführt werden.

(9) In einem permanenten Konstruktionsprozess versucht also das Gehirn auf der Basis verfügbarer sensorischer Daten die dynamischen Umgebungen ‚Körper‘ und ‚Welt‘ durch seine konstruierten Modelle so gut wie möglich ‚anzunähern‘.

(10) Alle empirischen und subjektiven Daten sprechen dafür, dass das ‚Bewusstsein‘ eines Menschen eine dynamische Funktion seines Gehirns ist, d.h. Teile des Gehirns können andere Teile des Gehirns ‚bewusst‘ machen, können ‚integrieren‘, ‚fokussieren‘, ‚assoziieren‘ usw. Dabei läßt sich bis heute nicht eindeutig sagen, welche Teile des Gehirns ‚genau‘ dafür zuständig sind. Es scheint eine sehr variable Konstellation zu sein, die sich von Moment zu Moment umkonfigurieren kann.

(11) Da ein Mensch nur das, was ihm ‚explizit bewusst‘ ist für eine ‚explizite Kommunikation‘ benutzen kann, bildet das Bewusstsein mit seinen dynamischen Inhalten die gemeinsame Schnittstelle zwischen verschiedenen Gehirnen.

(12) Während das Gehirn als solches ‚in sich eingeschlossen‘ ist, bietet symbolische Kommunikation die Möglichkeit, das ‚Innere der Monade‘ partiell zu ‚durchbrechen‘ und zu ‚überwinden‘. In der Kommunikation transzendiert ein monadisches Bewusstsein (sprich ein Gehirn) sich selbst.

(13) Also, Leibniz, Berkeley (und viele Phänomenologen) dürfen auf er Basis der Neurowissenschaften neu gelesen werden.

(14) Eine offene Frage ist für mich, ob es die Gehirnwissenschaften sind, die sich darüber Gedanken machen müßten, wie sie das vorläufige ‚Endprodukt‘ einer evolutionären Gehirnentwicklung, nämlich die ‚kommunikablen Phänomene‘, angemessen theoretisch beschreiben wollen. Eine rein physiologische Betrachtungsweise ist aus methodologischer Sicht abseits der interessierenden Phänomene. Wirkliche Theoriebildung ist in den Gehirnwissenschaften aber stark unterentwickelt (selbst  bei Nobelpreisträgern im Bereich Gehirnwissenschaften ist man sich nicht sicher, ob Sie überhaupt wissen, was eine ‚Theorie‘ ist).

(15) Audio-Datei vom Text: Hier

Environment - Body - Brain - Consciousness

 

Die direkte Fortsetzung findet sich HIER.

Eine spätere Fortsetzung (eine von vielen…) findet sich HIER.

Philosophy Song No. 2020-1