IBN SINA/ AVICENNA: DIE METAPHYSIK AVICENNAS – Warum man manchmal schlafende Hunde wecken sollte (Teil 1)

AVICENNA: DIE METAPHYSIK AVICENNAS. Enthaltend Die Metaphysik, Theologie, Kosmologie und Ethik. Übersetzt und erläutert von Max Horten, Halle a.S. und New York: Verlag von Rudolf Haupt, 1907 (Reprint durch Amazon.co.uk Ltd., Marston Gate (Great Britain), Ulan Press, keine Jahreszahl)

Nachtrag: hier eine musikalische Variante zu Avicenna; tatsächlich 10 Tage vor dem Eintrag in den Blog. Die Aussprache der Jahreszahl zu Beginn ist nicht korrekt … Das ist eben ‚radically unplugged music‘ (RUM).

VON LOBO, NSA, DEMOKRATIE, MACHT ZU AVICENNA

Im Film wäre der Übergang vom letzten Blogeintrag zum diesem hier ein harter Schnitt. Aber hier im Blog muss dies auch sein, da die Welt viele Facetten hat und dieser Blog sich der Vielfalt aus Sicht der Philosophie verschrieben hat. Letztlich könnte man sogar eine direkte Brücke bauen. Nehmen wir den Interneterklärer Lobo (die NSA und die anderen Stichworte wären natürlich auch geeignet). Lobo diagnostiziert an sich selbst, dass sein ‚bisheriges Bild vom Internet‘ ‚falsch‘ gewesen ist. Anhand konkreter Ereignisse wird ihm bewusst, dass sein ‚Weltbild‘ die reale Welt nicht so repräsentiert hatte, wie sie sich ihm jetzt in den konkreten Ereignissen ’neu‘ darzustellen scheint. Er ist jemand, der nicht nur zu solcher kritischen Selbsterkenntnis fähig zu sein scheint, nein, er macht es auch noch transparent, öffentlich; er macht sich damit anfassbar. Ob sich dadurch viel ändern wird, ist damit noch nicht gesagt; aber er hat damit zumindest empfänglich gemacht für mögliche ‚Korrekturen‘ an seinem ‚Weltbild‘.

WELTBILD

Die sprachliche Ausdrucksweise, dass wir vom ‚Weltbild‘ Lobos reden, ist einerseits ‚üblich‘, andererseits aber — bei näherer Betrachtung — gefährlich. Legt sie doch die Vorstellung nahe, dass das Weltbild etwas ‚Konkretes‘, ‚Wirkliches‘ ‚in‘ Sascha Lobos ‚Kopf‘ sei, wie so eine Art Gegenstand mit Eigenschaften, allerdings ein Gegenstand, der sich ‚ändern‘ kann. Dazu kommt, dass der Gegenstand ‚Weltbild‘ die Art und Weise bestimmt, wie wir unsere Welt ’sehen‘, ‚interpretieren‘. Das ist sehr ungewöhnlich für Gegenstände. Wir benutzen zwar die Gegenstände ‚Brille‘, ‚Fernglas‘, ‚Mikroskop‘ (und Fernsehen? und Computer? und Smartphone? …), um die Dinge der realen Welt visuell ’scharf‘ zu sehen oder ‚größer‘ (oder ‚bunt‘ mit mitgeliefertem, aber nicht kenntlich gemachten, Interpretationsanteilen?), aber diese optischen ‚Sehhilfen‘ lassen die Dinge (von Skalierungen und Farbveränderungen abgesehen), ‚wie sie sind‘. Ein ‚Weltbild‘ hingegen ‚verändert‘ die Dinge notwendigerweise. Ohne dass wir selbst etwas dagegen tun können werden die Inhalte unserer Wahrnehmung (visuell, akustisch, … , interozeptiv, ..) vom aktuellen Weltbild auf vielfache Weise in das vorhandene Wissensgeflecht aktiv eingefügt, vom ‚Vorhandenen aus‘ dadurch interpretiert, so dass das, was wir dann ‚bewusst‘ wahrnehmen, nicht das ist, was ‚faktisch auslösend war‘, sondern tatsächlich das, was unser Wissen daraus aktuell und aktiv ‚macht‘. Der bloße Vorsatz, ‚kritisch sein zu wollen‘ ändert an diesem Automatismus unseres aktuellen Wissens zunächst gar nichts. Um Kritikfähigkeit zur Wirkung kommen zu lassen muss man aktiv aktuelle Wissensbestände durch aktive Denkprozesse verändern. Wünschen alleine reicht nicht. Schon das bewusste aktive Lesen eines guten Artikels kann Wunder wirken, wobei die Betonung auf ‚bewusst‘ und ‚aktiv‘ liegt. Einen Vortrag einfach ’nur hören‘ oder einen Artikel einfach ’nur lesen‘ bewirkt meist nicht viel (ein interessanter Test wäre, dass jemand sie 30 min nach der Tagesschau oder nach ‚heute‘ oder ähnlichen Nachrichtenmagazinen unerwartet interviewen würde, was sie in diesen Nachrichtensendungen gesehen, gehört und verstanden haben. Es wäre überraschend, wenn auch nur eine einzige Versuchsperson in der Lage wäre, einigermaßen wiederzugeben, was der Inhalt der Sendung war. Das Paradoxe ist, dass dennoch so viele Menschen sich diese Sendungen anschauen; also bleibt doch etwas hängen? Was bleibt hängen? Welchen sachlich-erklärenden Informationswert hat das, was hängenbleibt?).

WELTBILD UND PHILOSOPHIE

Aus dem Faktum von Weltbildern in den Köpfen der Menschen folgt nicht zwingend, dass man sich mit Philosophie beschäftigen sollte. Es gibt verschiedene Disziplinen und Handlungsbereiche, die sich mit einzelnen Aspekten von Weltbildern beschäftigen. Am intensivsten wohl alle möglichen Spielarten von Werbepsychologie (weil man wissen will, wie man das Kaufverhalten beeinflussen kann), von Meinungsumfragen (Demoskopie) (weil man das Wahlverhalten für den eigenen politischen Erfolg nutzen möchte), von Leser- und Zuschauer- oder Kundenverhalten (weil man den wirtschaftlichen Erfolg des Senders, des Kinos, des Theaters, der Zeitung usw. erhalten oder steigern möchte), von Arbeitspsychologie (weil man Störungen in den Arbeitsabläufen minimieren will), von Verhaltenstherapien (weil man Menschen helfen möchte, Störungen in ihrem Lebensgefühl und ihrem Verhalten zu mildern), von Religions-, Kulturwissenschaften und Ethnologie (weil man das Verhalten von Menschen in Abhängigkeit von ihren Weltbildern untersucht), und vielem mehr. Bei dieser Aufzählung kann auffallen, dass keine der zuvor genannten Aktivitäten im Umfeld menschlichen Verhaltens mit Bezug auf potentielle ’steuernde‘ Weltbilder die Weltbilder als solche bzw. sogar die generelle Struktur und Dynamik von beliebigen Weltbildern thematisiert. Näher liegen hier sicher die kognitive Psychologie (mit allen möglichen Teildisziplinen wie Wahrnehmung, Sprache, Gedächtnis usw.) oder auch die Neuropsychologie (DE) (Neuropsychology (EN), insofern bei letzterer die generelle Struktur von Kognition in Korrelation mit den zugrundeliegenden neuronalen Prozessen untersucht wird. Dennoch fällt auf, dass die Neuropsychologie bislang eher noch von speziellen Fragestellungen getrieben wird mit einem Übergewicht der Verhaltensorientierung. Ein explizites Modell des ’subjektiven Weltbildes‘ hat sie nicht und es nicht zu erkennen, dass dies irgendwo entwickelt werden soll. Wenn im Kontext von Neuropsychologie von ‚Kognition‘ (‚cognition‘) gesprochen wird, dann handelt es sich in der Regel um Modellbildungen der kognitiven Psychologie, die auf der Basis von Verhaltensdaten hypothetische Modelle von Verarbeitungsfunktionen ‚im Innern des Körpers‘ generieren.
Die klassische (europäische) Philosophie seit den Griechen nahm dagegen ihren Ausgangspunkt nicht bei den empirisch beobachtbaren Verhaltensdaten alleine sondern bei der ‚Welt‘, wie sie sich innerhalb des bewussten Raumes ‚introspektiv‘, ’subjektiv‘ als Raum von Phänomenen darbot; die empirischen Verhaltensdaten bilden in diesem Phänomenraum eine echte Teilmenge. Das Interesse aller Philosophen richtete sich dann darauf, ausgehend von diesem (subjektiven) Phänomenraum Strukturen und Gesetzlichkeiten zu erkennen, die möglicherweise Aussagen erlauben würden, die ‚über‘ (Griechisch: ‚meta‘) den aktuellen Phänomenraum hinausweisen können, und zwar in einer Form von ‚Allgemeinheit‘, die die zufälligen individuellen Gegebenheiten des eigenen Phänomenraumes möglicherweise übersteigen könnten. Vom Konkreten, Natürlichen, Individuellem (Natur, ‚physis‘), zum Allgemeinen, Idealisierten/ Geistigen (‚meta physis‘). In diesem Anliegen liegt die Wurzel zur Meta-Physik, dem eigentlichen Kern aller Philosophie: alles Wissen im Konkreten und Allgemeinen so erfassen zu können, dass ein Maximum an Klarheit und Aussagbarkeit (was Voraussagbarkeit mit einschließt) entsteht.

ANSTOSS VON AUSSEN

Vor vielen, vielen Jahren, als ich die ersten Jahre Philosophie und Theologie studieren konnte, hatte ich mit großem Interesse u.a. auch Teile der griechischen Philosophie (besonders Aristoteles (384 – 322)) und Teile der lateinischen Theologie und Philosophie (vor allem Thomas von Acquin (1225-1274)) studiert. Zum Studium orientalischer Philosophen hatte die Zeit nicht gereicht. Andere Wege führten dann u.a. in die moderne Logik und Wissenschaftstheorie. Als ich dann kürzlich — so spielt das Leben — meine Frau und Freunde zum Film ‚Der Medicus‘ begleitete, traf ich ziemlich unerwartet (hatte den Roman nicht gelesen; hatte mich auch nicht informiert, worum es in dem Film ging) auf die Person Avicennas (c. 980-1037), der in dem Film unter dem seinem arabischen Namen ‚Ibn Sina‘ (laut englischer Wikipedia war sein voller Name Abū ʿAlī al-Ḥusayn ibn ʿAbd Allāh ibn Al-Hasan ibn Ali ibn Sīnā) durch eine Hauptrolle repräsentiert wird. Der Film zeigt nur die Schlussphase seines Lebens. Erste Recherchen meinerseits im Anschluss an den Film ergaben, dass er nicht nur ein großer Medizinwissenschaftler gewesen ist, sondern zeit übergreifend war er auch bedeutend im Bereich der Philosophie.

AVICENNAS POSITIONIERUNG IN DER ZEIT

An dieser Stelle kann es nicht um eine inhaltliche (und erst recht keine abschließende) Positionierung von Avicenna im Kontext der philosophischen-wissenschaftlichen Traditionen gehen, sondern zunächst nur mal um eine grobe Positionierung im Kontext anderer großer Namen und Traditionen.

Konsultiert man die verschiedenen Enzyklopädien so scheint Avicenna zum Höhepunkt der sogenannten ‚frühen islamischen Philosophie‘ oder des ‚Goldenen Zeitalters‘ (8.Jh – 12.Jh) der islamischen Philosophie zu gehören. Personen, die ihn im Denken stark beeinflusst haben, gibt es viele. Im Bereich der Metaphysik gehört sicher dazu Al-Farabi (lat. Alpharabius (c. 872 950/951), Abu Sahl ‚Isa ibn Yahya al-Masihi al-Jurjani (starb 999/1000)(Lehrer von Avicenna. Schreib eine medizinische Abhandlung mit 100 Kapiteln, die die erste dieser Art in der arabischen Welt war und möglicherweise auch Vorbild für Avicennas späteres medizinisches Hauptwerk war), Abu Nasr Mansur ibn Ali ibn Iraq (c. 960 – 1036)(persischer Mathematiker), Abū al-Rayhān Muhammad ibn Ahmad al-Bīrūnī (973 – 1048)(lat. Alberonius, Engl. Al-Biruni)(ilamischer Wissenschaftler und Mathematiker), Abū Ḥāmid Muḥammad ibn Muḥammad al-Ghazālī (c. 1058–1111)(lat. Al-Ghazali oder Algazel)(gilt als der einflussreichste islamische Theologe und Philosoph nach Mohammed). Abū l-Walīd Muḥammad bin ʾAḥmad bin Rušd (auch Ibn Rushd , lat. Averroës 1126 – 1198)(spanischer Universalgelehrter; in der islamischen Welt kritisch gesehen; sehr einflussreich im westlichen mittelalterlichen Denken; einer der einflussreichsten Kommentatoren von Aristoteles für die westlich-lateinische Überlieferung).

AD FONTES – ZU DEN QUELLEN

Bei einem so komplexen geistesgeschichtlichen Umfeld hat man zunächst nahezu keine Chance, irgendetwas wirklich zu verstehen. Nach meiner Erfahrung hilft da letztlich nur eines: reale Texte von realen Denkern nehmen und anfangen diese aktiv zu lesen. Hält man dies lange genug durch, dann entstehen erste Umrisse eines Bildes von diesem Denken, auf dem man dann aufbauen und weiter arbeiten kann. Da ich zwar von früher her noch ein wenig Latein und Griechisch kann, aber — bedauerlicherweise — kein Arabisch, bleibt mir momentan nichts übrig, als nach einer Übersetzung von Avicennas Werken zu schauen. Für deutschsprachige Leser gibt es den glücklichen Umstand, dass deutsche Orientalisten zu Beginn des 20.Jahrhunderts großartige Arbeit geleistet haben. Ein bedeutender deutscher Orientalist war Max Horten (voller Name: Maximilian Joseph Heinrich Horten) (1874 — 1945). Von ihm gibt es eine sehr gute Übersetzung mit ausgiebigen Erläuterungen von dem philosophischen Hauptwerk von Avicenna, von seiner Metaphysik. Das Buch „Die Metaphysik Avicennas: das Buch der Genesung der Seele, Leipzig 1907; Frankfurt am Main 1960“ ist zwar vergriffen, aber es gibt einen Reprint dieses Buches bei Amazon.

DAS BUCH

Dieses Buch, ein 1-zu-1 Reprint der Ausgabe von 1907, umfasst 799 Seiten. Es präsentiert sich in einem exzellenten Deutsch und einer umfassenden Kommentierung in den Fußnoten. Da Horten ein Orientalist mit breiten Kenntnissen in Philosophie und Theologie (insbesondere die lateinische Tradition) war, eröffnen seine Anmerkungen mit Originalzitaten griechischer, arabischer und lateinischer Autoren einen Einblick in die Vernetzung der Gedankenwelt Avicennas mit den verschiedenen Traditionen.

Ich habe bislang zwar erst ca. 100 von den 799 Seiten gelesen, aber ich bin restlos begeistert und fasziniert von diesem Text; nicht so sehr, weil ich glaube, dass man diese Gedanken heute noch so direkt übernehmen könnte, aber weil dieser Text die Möglichkeit bietet, das ‚alte‘ Denken, das viele Jahrhunderte (letztlich fast 2000 Jahre) den europäischen Raum (zu dem der ‚Orient‘ wesentlich dazugehört) geprägt hat, mit dem heutigen ‚modernen‘ Denken direkt in Beziehung zu setzen, um dadurch die grundlegenden Transformationen deutlich zu machen, die das europäische Denken durchlaufen hat. Insbesondere habe ich durch die bisherige Lektüre den Eindruck gewonnen, dass seine Auffassung von Logik und Metaphysik einen wunderbaren Anknüpfungspunkt bildet, um die Besonderheiten des modernen Denkens zu erklären. Einerseits kann man die moderne Logik, Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie seit dem Ende des 19.Jahrhunderts als eine Art Generalkritik an der klassischen Metaphysik sehen, andererseits ist die moderne Philosophie mittlerweile soweit fortgeschritten, dass sie neben der ‚Kritik‘ nun einen konstruktiven Vergleich wagen könnte, der aus dem konstruktiven nebeneinander von klassischer Metaphysik und moderner Logik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie ein neues ‚Gesamtbild‘ zeichnen könnte, in der beide (!) vorkommen. Wie gesagt, dies ist eine aktuelle Vermutung, die sich bei der Lektüre aufdrängt, und die im Folgenden im einzelnen erst genauer zu erarbeiten wäre.

Ob und wie sich das europäische Denken mit anderen Denkformen verzahnt oder nicht verzahnt, sich möglicherweise gegenseitig anregen kann, dies wäre ein eigenes Thema.

FÜR WELCHE LESER

Für jemanden, der keinerlei Vorwissen in griechischer Philosophie, lateinischer Theologie und klassischer Logik hat, ist das Buch möglicherweise ein bisschen ‚hart‘ und mag als verwirrende ‚Begriffsklauberei‘ erscheinen. Wer sich aber da ein wenig auskennt und vielleicht noch dazu ein wenig moderne Logik, Philosophie und Wissenschaftstheorie kennt, für den kann das Buch ein absoluter Genuss sein. Ich werde das Buch auf jeden Fall weiter lesen und hier diskutieren.

Zur Fortsetzung siehe hier, Teil 2.

HILFREICHE LINKS

Max Horten: http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Horten Autor von: Die Metaphysik Avicennas: das Buch der Genesung der Seele, Leipzig 1907; Frankfurt am Main 1960 (vergriffen)
Encyclopaedia Iranica: http://www.iranicaonline.org/articles/avicenna-index
Wikipedia (EN): http://en.wikipedia.org/wiki/Avicenna
The MacTutor History of Mathematics archive: http://www-history.mcs.st-andrews.ac.uk/Biographies/Avicenna.html
Thomas Hockey et al. (eds.). The Biographical Encyclopedia of Astronomers, Springer Reference. New York: Springer, 2007, pp. 570-572: http://islamsci.mcgill.ca/RASI/BEA/Ibn_Sina_BEA.htm
Wikipedia (DE): http://de.wikipedia.org/wiki/Avicenna
The Internet Encyclopedia of Philosophy (IEP) (ISSN 2161-0002): http://www.iep.utm.edu/avicenna/
Ecyclopedia Britannica: http://www.britannica.com/EBchecked/topic/45755/Avicenna
Islamische Philosophie: http://www.muslimphilosophy.com/sina/art/ei-is.htm
Enzyklopädie des Islams: http://www.eslam.de/begriffe/a/avicenna.htm
Catholic Encyclopedia: http://en.wikisource.org/wiki/Catholic_Encyclopedia_%281913%29/Avicenna

Einen Überblick über alle Blogbeiträge von cagent nach Titeln findet sich HIER.

BLOG – IN EIGENER SACHE (2)

STEIGENDE BESUCHERZAHLEN

Warum auch immer, die Zahl der Besucher dieses Blogs steigt kontinuierlich. Dies ist zwiespältig. Einerseits kann man dies als ein Anzeichen dafür deuten, dass die Inhalte des Blogs die Leser in irgendeiner Weise positiv ansprechen. Dies kann der Ansatz zu einer übergreifenden Kommunikation sein darüber, wie wir unsere gemeinsame Welt verstehen können oder sogar sollten, um uns in ihr zurecht zu finden. Andererseits kann es für die Schreibenden eine Gefahr sein, nicht mehr ‚um der Wahrheit willen‘ zu schreiben sondern aus dem ‚Gefühl heraus, gehört zu werden‘. Positive Resonanz zwischen Menschen ist wichtig, eine Art Grundvoraussetzung persönlicher Kommunikation, aber wenn sie zu einer Art Selbstzweck wird, dann geht es nicht mehr um ‚Wahrheit‘, sondern um ‚Gefallen‘, ‚Bekannt sein‘, und dergleichen. Mit Wahrheit hat dies dann immer weniger zu tun. Wenn die ‚Wahrheit‘ als Nebeneffekt zu Bekanntheit führt, ist dies OK, aber ‚Bekanntheit‘ als solche ist eher tödlich für die Wahrheit.

KEINE WERBUNG

Vor diesem Hintergrund soll hier klargestellt werden, dass dieser Blog KEINERLEI Werbung macht. Positiv verstanden ist ‚Werbung‘ ein ‚Informieren‘ über Produkte und Dienstleistungen, was für diejenigen, die genau solche Produkte und Dienstleistungen suchen, sehr wichtig sein kann. Aber mit der Werbung ist es wie mit dem ‚Gefallen‘: Werbung als solche führt zu nichts. Wenn sich aus der Suche nach der Wahrheit ergibt, dass bestimmte Personen, Sachverhalte, Dinge, Dienste usw. ‚wichtig‘ sind, dann wird man darüber sprechen, aber nicht losgelöst, nicht einfach so um ‚Geld‘ zu verdienen. ‚Geld‘ ist ein nützliches ‚Universalmittel‘ um zwischen einem Bedarf und möglichen Angeboten zu ‚vermitteln‘; ‚Geld‘ als solches hat aber keinen ‚Sinn‘ oder ‚Wert‘ an sich. In diesem Sinn kann ein Milliardär möglicherweise ein ‚Weltmeister der Sinnlosigkeit‘ sein; wer sich davon beeindrucken lässt, begibt sich selbst in den Strudel möglicher Sinnlosigkeit. Geld ohne ‚Sinn‘ ist wie ein schwarzes Loch, das zwar alles ansaugt, aber nichts wiedergibt.

BUCHBESPRECHUNGEN

Im Rahmen der Suche nach dem ‚Sinn‘, der ‚Wahrheit‘ lese ich auch Bücher, und, falls mich ein Buch anspricht, sowohl besonders positiv wie auch besonders negativ, dann versuche ich auch schon mal darüber in diesem Blog zu berichten. Leider ist das Verhältnis zwischen den Büchern, die ich lesen möchte oder von denen mein Gefühl mir sagt, ich sollte sie lesen, und der verfügbaren Zeit, zu Lesen krass negativ. Der Stapel der zu lesenden Bücher geht beständig in die 60 bis 70, aber faktisch lesen kann ich immer nur eines. Wenn mir dann ein Verlag unaufgefordert ein Buch zusendet, um es zu besprechen, dann ist dies ambivalent: warum soll dieses zugesandte Buch jetzt wichtiger sein als eines von denen, die da schon liegen und auf Gelesen werden warten? Was ist mit der ‚Authentizität‘? Die Suche nach der Wahrheit ist eingebettet in eine Art ‚Spiritualität‘, die sich schwer vermitteln lässt. Einflussnahmen von außen sind sehr kritisch. Natürlich kann ein zugesandtes Buch, ein Artikel, eine Begegnung ‚genau zum Punkt‘ sein, aber es muss nicht; es kann — zumindest in diesem Augenblick — nicht ‚zum Punkt sein‘. Dann muss man auch ‚loslassen‘ und ‚warten‘ können. Die ‚Wahrheit‘ kennt Zeitpunkte… so erscheint es mir….Zwang ist auf jedenfalls vollständig unproduktiv.

WAS WILL DER BLOG?

Ja, was will der Blog. Als ich mit dem Blog angefangen habe (Januar 2007), wusste ich es nicht wirklich Es hat bis Dezember 2009 gedauert, bis aus der ersten vagen ‚Regung‘ ein ‚Impuls‘ wurde, mehr zu schreiben. Die folgenden Jahre waren ‚Suchvorgänge‘ in viele Richtungen. Aktuell würde ich es mal so formulieren:

(1) Für mich als Autor (cagent) ist das Schreiben ein Mittel, um mein eigenes Weltverständnis zu klären; ich schreibe, weil ich es brauche, um selber zu verstehen.
(2) Aus dieser Notwendigkeit resultiert das Bedürfnis, mit ‚realen‘ Fakten zu arbeiten, mit ‚funktionierenden Theorien‘, mit authentischen Menschen, ohne ‚Vor-Urteile‘, so ‚transparent‘ wie möglich, unter Benennung von ‚wirkenden Motiven oder Interessen‘, usw.
(3) In diesem Versuch bin ich mir meiner Grenzen bis zu einem gewissen Grade bewusst: mein Wissen und meine Erfahrungen sind sehr begrenzt, mein Fühlen ist auf eine bestimmte Weise ’sozialisiert‘ und ich bin daher darin — neutral gesprochen — ‚eingebettet‘, oder — plakativer gesprochen — darin ‚gefangen‘; mein soziales Umfeld hat seine Eigenheiten und ich korrespondiere mit diesen Eigenheiten, usw.
(4) Aufgrund der eigenen Begrenztheit ist man beständig angewiesen auf ‚andere Menschen‘, die anders Fühlen und Denken, weil man sich — nicht notwendigerweise, aber möglicherweise — nur durch die ‚Andersheit‘ des Anderen seiner eigenen Begrenztheiten und Besonderheiten bewusst werden kann. Allerdings ist die Fähigkeit von uns Menschen, ‚Andersheit‘ konstruktiv wahrnehmen und daraus konstruktiv lernen zu können, bislang eher begrenzt. Wir können nicht beliebig viel ‚Andersheit‘ ‚verarbeiten‘, so wie wir generell nur begrenzt lernfähig sind, weil unsre körperlichen Grenzen des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens usw. real sind, sehr eng, sehr limitiert. Körperlich sind wir sehr ‚endlich‘; ‚geistig‘ erscheint es uns alles als ‚unbegrenzt‘; aber solange wir mit diesem Körper in dieser Welt vorkommen, solange haben wir konkrete Grenzen.
(5) Der Blog versucht also, getragen von einer gewissen ‚Spiritualität‘, zu klären, WER wir im Alltag, in der Geschichte, im Kosmos ’sind‘. WAS ist die ‚bessere‘ Beschreibung der Vorgänge und Strukturen? Gibt es so etwas wie einen SINN in all dem Geschehen (von vornherein zu behaupten, es gäbe keinen, ist genauso dogmatisch und unsinnig, wie von vornherein zu behaupten, es gäbe einen).
(6) Methodisch ist die leitende Perspektive, diejenige, die ich PHILOSOPHIE nenne (in den letzten Jahren dahingehend ‚geklärt‘). Teil der so verstanden Philosophie ist das, was wir moderne experimentelle WISSENSCHAFT nennen. Nach meinem Verständnis kann es aber keine Philosophie und keine Wissenschaft geben, wenn nicht ein Minimum an KUNST stattfindet; Kunst hier nicht verstanden als ‚Fertigkeit‘ im Sinne von Malen, Bildhauern können, nicht im Sinne von Instrumenten perfekt spielen können, usw. sondern als jene Haltung eines Menschen, der sich darum bemüht und es irgendwie schafft, die ‚gewohnten Verhaltens-, Denk-, Fühlensmuster‘ zu thematisieren, zu unterlaufen, zu verändern, zu hinterfragen, spielerisch-experimentell zu überschreiten, um darin allen anderen zu helfen, sich des verborgenen ‚Gefängnisses des Alltags‘ bewusst zu werden, um Anreize zu bekommen, sich und die Welt ’neu‘ zu sehen und daraus heraus vielleicht mit zu verändern. Schließlich, gehört dazu sehr grundlegend auch das FÜHLEN, das sich praktiziert als SPIRITUALITÄT auslebt, jener verborgenen Kraft in uns allen, die letztlich hinter allem Lernen steht: die elementarsten Mechanismen der Evolution funktionieren nur mit einem ‚Fitnesswert‘ (= minimale Präferenzen) genauso wie die elementarsten Algorithmen einer lernenden (!) künstlichen Intelligenz nicht ohne minimale Präferenzen auskommen. ‚Fitness‘ und ‚Präferenz‘ sind jenseits ihrer scheinbaren Formalität aber genau dies, jene weltimmanente implizite Logik allen Lebens (und Geistes) im bekannten Universum. Wir Menschen als homo sapiens sapiens ‚erleben‘ sie u.a. als jene spezifischen Gefühle, die uns im ‚Dickicht des Alltags‘ ‚voran leuchten‘, wie so eine Art ‚Hintergrundfühlen‘ in allem. Manche Menschen haben es verstanden (bzw. verstehen es), dies ‚für sich‘ (und damit letztlich auch für andere) ‚intensiver‘ zu machen und für die Gestaltung des Lebens zu nutzen. Man kann es ‚Spiritualität‘ nennen, ‚Meditation‘, ‚Gebet‘ oder noch anders, aber in der Sache ist es genau eines, das für ALLE Menschen (und letztlich für alle Lebensformen im Universum) GLEICH ist.

ANDERE AUTORENinnen?

Natürlich stellt sich die Frage, ob in diesem Blog nicht auch andere als Autoren mitwirken können oder sollten. Da ich selbst beständig sehr vernetzt fühle und lebe, liegt dies Frage auf der Hand. Nach meinem Verständnis gibt es unter uns Menschen ein Phänomen, das ich ‚Individualität‘ nennen möchte. Biologisch haben wir alle in unseren körperlichen und dann in den davon induzierten Verhaltensstrukturen eine ungeheure Ähnlichkeit, die so stark ist, dass wir uns untereinander bis zu einem gewissen Grade ‚verständigen‘ können, trotz Verschiedenheit. Und es ist diese wundersame ‚Gemeinsamkeit‘ in den Strukturen, die ein komplexes Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht. Aber zugleich zu diesen Gemeinsamkeiten besitzt JEDER Mensch eine unverrückbare INDIVIDUALITÄT, die ihn von anderen (mehr oder weniger) unterscheidet, abhebt. Für sich genommen hat diese Individualität keinen rechten Sinn; als Teil eines Ganzen bekommt sie aber eine fundamentale Bedeutung für alle anderen. Vor dem Hintergrund der Gemeinsamkeit sind Individualitäten Manifestationen einer grundlegenden (kosmischen) Kreativität, in der sich Leben und Geist ‚ausspricht‘. Wenn wir sie so sehen, das Besondere im Kontext des Allgemeinen, dann entsteht eine ‚übergreifende Sinfonie‘ von Manifestationen, ein Gesamtklang des Lebens im größeren Kontext, der noch nicht vollständig entborgen ist.

Das Wechselspiel zwischen GEMEINSAMKEIT und INDIVIDUALITÄT ist fragil, empfindlich, schwer fassbar. Es ist von daher schwer allgemein entscheidbar, sollen einfach mehr in diesem Blog schreiben, was in einer Hinsicht die vorhandene Individualität nivellieren könnte, oder ist es gerade so, wie oben beschrieben, dass die Hereinnahme von mehr Individualitäten die verborgene Sinfonie des Lebens dadurch mehr Ausdruck bekommen könnte?

Tatsächlich — und glücklicherweise — gibt es ja gleichzeitig zu diesem Blog viele andere wunderbare Blogs, die Teile der Gesamtsinfonie realisieren. Vielleicht sollten wir auch Wege finden, wie man diese vielen wunderbaren Blogs mehr in einen ausdrücklichen Zusammenhang bringt, so eine Art ‚Meta-Blog’…

Auf jeden Fall bin ich schon mit anderen im konkreten Gespräch, ob und wie sie vielleicht an diesem Blog mitschreiben. ‚Es wird sich zeigen’…

Einen Überblick aller bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.