GOTT 3.0. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 8.Oktober 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

  1. Wer auf der Home-Page des Blogs cognitiveagent.org das Stichwort ‚Gott‘ anklickt, bekommt (am 8.Oktober 2018) 58 Blogeinträge angezeigt, in denen die Wortmarke ‚Gott‘ vorkommt. Dies kann man als Indiz dafür werten, dass die Wortmarke ‚Gott‘ und das damit potentiell ‚Gemeinte‘ in diesem Blog nicht ganz fremd ist.

  2. Trotz alledem kann man nicht behaupten, dass das Thema ‚Gott‘ in diesem Blog auch nur annähernd hinreichend behandelt wurde. Der Umfang der Phänomene, die sich historisch um die Wortmarke ‚Gott‘ samt ihren vielen Spielarten in all den Sprachen dieser Welt ranken, ist zu groß, als dass man sie hier aufzählen könnte, geschweige denn, dass man all die Texte und Manifestationen auch nur ansatzweise hier würdigen könnte.

  3. Dennoch – und dies erscheint wie ein Paradox (auf den ersten Blick) – ist es möglich, das Themenfeld im Umfeld der Wortmarke ‚Gott‘ in drei Phasen einzuteilen. In Anlehnung an die spärlichen Notizen aus dem Beitrag zu den epistemischen Schockwellen der letzten 3500 Jahre  gibt es eine Periode im kulturellen Erbe der Menschheit (im Beitrag nur angedeutet), die in der Zeit zwischen ca. -1500 und +700 Vorstellungen vom Göttlichen in das Denken der Menschheit eingeführt hat, die in vielen Punkten eine neue Qualität im Denken der Menschen über das Göttliche ermöglicht haben. Bezeichnet man diese Phase im kulturellen Erbe der Menschheit versuchsweise als die ‚Gott 2.0 Phase‘ und die Zeit davor als ‚Gott 1.0 Phase‘, dann beginnt danach, langsam, zunächst kaum wahrnehmbar, dann aber immer deutlicher, eine neue Phase, die ich hier mal mit ‚Gott 3.0‘ deklarieren möchte. Dabei ist zu beachten, dass in der Gott 3.0 Phase die alten Konzepte Gott 2.0 – und sogar Gott 1.0 — weiter bestehen. Kulturelle Denkmuster können sich sehr ‚zäh‘ in einem Alltag am Leben erhalten, wenn die Menschen daran gehindert werden, durch Lernprozesse die Weite, Größe, Feinheiten des Lebens und des Kosmos tiefer zu studieren als es die ‚älteren‘ und ‚primitiveren‘ Denkvorstellungen zum Thema ‚Gott‘ zuvor ermöglicht haben.

  4. Auffällig an den Gott-2.0 Protagonisten ist, dass sie einerseits zwar einen Deutungsanspruch auf das Ganze des Lebens erheben, andererseits aber sich in vielem von jeweils anderen Gott-2.0 Protagonisten unterscheiden. Anstatt die manifesten Unterschiede aufzugreifen und anhand dieser nach der tieferen, umfassenderen Wahrheit zu suchen, haben sie entweder versucht, andere Positionen in einer schlecht gemachten Weise zu ‚integrieren‘ oder aber sich einfach abzugrenzen durch Herabwürdigung der ‚anderen‘ Positionen. Mit Beginn des neuzeitlichen Denkens in Wissenschaft, Philosophie und Gesellschaft ist das Totalversagen aller Gott-2.0 Protagonisten überdeutlich; dies Totalversagen führt zu kulturellen Reibungsphänomenen, die ein tieferes und positiveres Verhältnis zur Gesamtheit des Lebens und des Universums mehr oder weniger stark behindert und damit verdunkeln.

  5. Ist schon die Behinderung der neuen, vertiefenden Sichten des Lebens für das Leben ungünstig, so führt die Koexistenz von Gott-2.0 (und älteren) Konzepten mit der Moderne vielfach dazu, dass die Menschen der Moderne Gotteskonzepten generell misstrauen. Solch ein verbreitetes, unterschwelliges generelles Misstrauen gegen Gottes-Konzepte aufgrund schwacher Gotteskonzepten wie Gott-1.0 und Gott-2.0 verhindert die Ausbildung von Gott-3.0 Konzepten, die als Teil des modernen Denkens dieses mit ganz anderer spiritueller Wucht beflügeln und vorantreiben könnten.

  6. Der Verfasser dieser Zeilen, der einen Teil seines Lebens intensivst Gott-2.0 Konzepte, studiert, praktisch gelebt, spirituell durchfühlt hatte, konnte in einer anderen Phase seines Lebens ausprobieren, was passiert, wenn man sich aus Gott-2.0 Konzepten herauslöst (theoretisch und praktisch). Was verschwindet, das sind die historischen Artefakte der Gott-2.0 Konzepte, aber die potentielle Dimension ‚hinter‘ der Wortmarke ‚Gott‘ verschwindet natürlich nicht. Im Gegenteil, das Handeln und Denken befreit von Gott-2.0 Mustern kann sich plötzlich in die unfassbaren Weiten des modernen Denkens und des gesamten Phänomenraums des biologischen Lebens im physikalischen Universum ausdehnen und das potentielle ‚Fühlen‘ der potentiellen Dimension ‚hinter‘ der Wortmarke ‚Gott‘ gewinnt mit diesem erweiterten Denken und Handeln einen ‚Resonanzraum‘, der alles in den Schatten stellt , was innerhalb der Gott-2.0 Konzepte bekannt war und heute – oft in zusätzlich sehr verzerrten Formen – weiterlebt.

  7. ‚Religion‘ ist in dieser Perspektive keine Sache einer – wie auch immer gearteten – speziellen ‚Institution‘, sondern ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Phänomens Leben im Universum, analog zum Phänomen ‚Wissenschaft‘, die auch grundsätzlich keiner bestimmten Gruppe, keinem bestimmten Land, keiner bestimmten Organisation ‚gehört‘, obgleich es auch hier beständig die Versuche gibt,Wissenschaft als Mittel der Macht zu vereinnahmen, abzuschließen, abzugrenzen.

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WECHSELSPIEL PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT – ZUKUNFT DER RELIGIONEN – Nachtrag zu Stace’s ‚Mysticism and Philosophy‘

  1. In der Lektüre und dann Diskussion von Stace’s Buch ‚Mysticism and Philosophy‘  wird man unweigerlich auf die Grundlagen unserer Wirklichkeitswahrnehmung und unseres Denkens zurückgeworfen. Nun ist dieser Blog voll von solchen Überlegungen und Untersuchungen. Dennoch haben Bücher wie das von Stace den großen Wert, dass sie deutlich machen, eine bestimmte Form der Wirklichkeitswahrnehmung ist nicht individuelle Willkür, sondern scheint sich auf sehr viele Menschen über verschiedene Kulturen, Religionen und Jahrtausende zu erstrecken. Dies gibt immerhin Anlass, darüber weiter nachzudenken.
  2. Das Thema der mystischen Erfahrung führt zu den Grundlagen unseres Erkennens, zu dem Ort, wo sich Wahrnehmen und Interpretation die Hand reichen.
  3. Es ist ein Dauerthema vieler Philosophen seit mindestens 2500 Jahren, wie man das Zusammenspiel von Wahrnehmen ‚wie es ist‘ und Interpretieren ‚wie man meint, wie es ist‘ näher bestimmen kann.
  4. In diesen Chor haben sich bei Zeiten auch die Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam, …) eingemischt, um eine besondere religiöse Interpretation der wahrnehmbaren Wirklichkeit überzustülpen.
  5. Schließlich entwickelte sich eine empirische Wissenschaft, die den Raum der Wahrnehmung drastisch einschränkte auf nur solche Wahrnehmungen, denen ein messbares Ereignis in der Welt außerhalb der menschlichen Körper entspricht. Ihre Interpretationen hatten den großen Vorteil, dass der Bedeutungsbezug vergleichsweise einfach zu klären war.
  6. Obwohl das Thema Wahrnehmen und Interpretieren also nicht neu ist und in so vielen Spielarten auftritt, hat man nicht den Eindruck, dass es im Hier und Jetzt des Jahres 2017 dazu unter den Menschen eine einheitliche Meinung gibt. Selbst unter jenen Menschen, die eine akademische Ausbildung haben finden sich mehrheitlich geradezu abstruse Auffassungen dazu, was und wie wir wahrnehmen und interpretieren. Esoterisches Fake-Wissen und Ablehnung der Evolutionslehre sind nur einige Bruchstücke aus dem Kaleidoskop der heute öffentlich vertretenen Meinungen.
  7. In diesem Blog hat sich über die Jahre eine Position ‚ergeben‘, die folgende Grundannahmen macht (der Beginn dieser Position reicht in etwa zurück zu dem öffentlichen Vortrag in der philosophischen Gesellschaft Bremerhaven im Januar 2012)
  8. Primärer Zugang zur Welt und zu uns selbst ist unser bewusstes Erleben. In ihm haben wir Wahrnehmungen von konkreten Dingen, die sich in unterschiedliche Sinneswahrnehmungen aufgliedern lassen. Zugleich haben wir aber auch ein abstraktes Wissen parallel zu diesen konkreten Dingen, das sich darin ausdrückt dass wir von einem konkreten Ding sagen können, es sei eine ‚Tasse‘ oder ein ‚Hund‘ oder dergleichen. ‚Tasse‘ und ‚Hund‘ sind keine konkreten Dinge sondern abstrakte Größen (Konzepte, Begriffe, Klassen, Cluster, …) und die sinnlich wahrgenommenen konkreten Größen sind dann Beispiele/ Instanzen solcher abstrakten Größen, z.B. ‚Dieses konkrete Etwas ist ein Beispiel für ein abstraktes Ding genannt Tasse‘.
  9. Das parallele abstrakte Wissen bietet aber noch weitere Aspekte wie Beziehungen zwischen abstrakten Größen, Einbettungen von abstrakten Größen in andere, Veränderungen von abstrakten Größen, Zuordnung von Zeichensystemen, ein ‚Wissen, dass es so ist‘, komplexe Modellbildungen, und vieles mehr.
  10. Der Begriff des ‚bewussten Erlebens‘ ist von daher verwirrend: er meint einerseits tatsächlich ein konkretes sinnliches Erleben, zugleich meint er aber auch die abstrakten Wissenselemente, die sich mit dem konkreten Erleben quasi automatisch verbinden.
  11. Es sind diese automatischen abstrakten Wissensanteile, die das konkrete Erleben kontinuierlich ‚kommentieren‘, indem sie die konkreten Dinge in abstrakte Wissensbeziehungen einordnen.
  12. Jeder einzelne ist diesem Mechanismus ausgeliefert.
  13. Da die abstrakten Wissenselemente offensichtlich aus Erfahrungs- und Lernprozessen stammen, können die interpretierenden abstrakten Wissenselemente individuell sehr unterschiedlich ausfallen und faktisch fallen sie unterschiedlich aus, z.B. sehr extrem unterschiedlich.
  14. Solange jeder einzelne darum weiß, besteht die Möglichkeit, dass zwei Menschen mit unterschiedlichen ‚Meinungen‘ aufgrund ihres ‚Wissens um das eigene Wissen‚ solche Unterschiede zum Anlass nehmen, um die Ursachen der unterschiedlichen Meinungen zu klären.
  15. Die Alltagserfahrung lehrt uns, dass die allerwenigsten Menschen sich dessen bewusst sind, dass ihre automatisiertes Erfahrungswissen beständig am Werk ist und dass eine aktuelle Meinung möglicherweise durch viele Zufälle und Besonderheiten eine Form gefunden hat, die – bei näherer Analyse – sich als ‚falsch‘ erweisen würde. Menschen, die sich dessen nicht bewusst sind, nehmen ihre zufällig-falsche aktuelle Interpretation der Welt, die im Bewusstsein automatisch erzeugt wird, als eine ‚wahr Meinung‘, d.h. als die ‚wahre Beschreibung der Welt‘ und damit als das Bild davon, ‚wie die Welt ist‘. Und wenn sie diese Meinung haben (die Zahl der Fanatiker in unserer Welt ist ja nachweislich größer als ca. 20% aller Menschen), dann sind sie u.U. bereit, dafür zu streiten, zu kämpfen, zu terrorisieren, zu foltern und zu töten.
  16. Als Philosoph kann man durch bewusste Analyse des Erlebensraumes (man nennt dies häufig ‚phänomenologisches Denken‘ angereichert mit geeigneten Reflexionen darauf) viele Eigenschaften unseres alltäglichen Wissens erfassen und klären. Dennoch, der Raum des bewussten Erlebens ist ein abgeschlossener Raum und bietet aus sich heraus keine Hinweise darauf, warum er die Struktur hat, die er nun mal hat.
  17. Hier bieten die modernen empirischen Wissenschaften vom Leben (Biologie, Psychologie, Physiologie,…) viele interessante Erkenntnisse. Obgleich sich diese empirischen Wissenschaften nur auf einen Teilbereich der bewussten Erlebnisse (= Phänomene) beschränken, nämlich auf die empirischen Erlebnisse – also jenen, denen Gegebenheiten in der körperexternen Wirklichkeit entsprechen, die sich empirisch messen lassen –, konnten diese Wissenschaften  Zeitreihen von Veränderungen analysieren, aufgrund deren wir nicht nur die Entstehung der menschlichen Körper in der Zeit neu verstehen können, sondern auch das grundsätzliche Funktionieren des aktuellen Körpers.
  18. Auch wenn empirische Wissenschaften die subjektiven Erlebnisdaten bis heute nicht direkt verwenden können, so können wir als Menschen und insbesondere als Philosophen die empirischen Wahrnehmungen als Teil des ganzen Erlebnisraumes einordnen und in Beziehung setzen.
  19. Durch die Einbeziehung von Erkenntnissen aus empirischer Forschung in philosophisches Denken können wir quasi hybride Modelle bauen, in denen die empirische Erkenntnisse es möglich machen, den subjektiven Erlebnisraum samt seinen abstrakten Elementen ‚einzubetten‘ in ein empirisches Modell von Wahrnehmung, Gedächtnis und Denken. Dieses empirische Modell kann dann ansatzweise kommentieren, warum wir sinnliche Wahrnehmungen haben, wie wir sie erleben, warum wir abstrakte Elemente im Wissen verfügbar haben und warum ausgerechnet diese abstrakten Elemente (Anmerkung: ein historisches Beispiel ist die empirische Kommentierung von Kant durch Konrad Lorenz (wenn der Autor dieser Zeilen auch nicht alles teilt, was Lorenz da schreibt))
  20. Die philosophisch kontrollierte Einbeziehung von empirischem Wissen in ein philosophisches Denken ist kein Stilbruch, sondern letztlich philosophisch konsequent: da die empirischen Phänomene ja weiterhin zu den primären Wahrnehmungen auch eines philosophierenden Menschen gehören. Ein Philosoph kann also alle empirischen Erkenntnisse als Momente am philosophischen Denken benutzen und damit, in der Tat, viele Jahrtausend alte Probleme des philosophischen Denkens auflösen; allerdings nicht vollständig. Es bleiben genügend spannende Reste.
  21. Für die Probleme des Alltags folgt aus alledem, dass Menschen unbedingt mehr lernen müssten (Bildung! Aufklärung!…), dass ihre aktuellen Weltsichten grundsätzlich und immer automatisierte Konstrukte ihres Gedächtnisses sind, die die konkreten Wahrnehmungen kommentieren und die meistens ein wenig bis sehr viel nicht stimmen. Das Auftreten von Unterschieden zwischen den Weltsichten verschiedener Menschen sollte von daher – im positiven Fall – ein willkommener Anlass sein, zu überprüfen, wie es denn zu diesen Unterschieden kommen konnte. Möglicherweise gehört dies zu einer ‚Kultur des Dialogs‘, in der es nicht darum geht, die Meinung eines anderen und dazu noch den anderen selbst einfach zu diskreditieren, sondern die unterschiedlichen Interpretationen auf ihre Voraussetzungen und ihre Entstehung hin zu klären. Dies kann nur bei  gegenseitigem Respekt, einvernehmlich und mit Geduld und Empathie gelingen, wenn überhaupt. Oft fehlt Menschen schlicht die geeignete Sprache, um das, was sie fühlen, denken, meinen angemessen auszudrücken.
  22. Die Vielfalt der sogenannten Religionen, ihr heute noch immer eher abgrenzendes Auftreten, ihre begrenzte Dialogfähigkeit, kann bzw. muss man vor diesem Hintergrund deuten als ein Verhalten, das aufgrund eines mangelnden Wissens um das menschliche Wahrnehmen und Erkennen entstanden ist und immer noch besteht.
  23. Gerade wenn eine religiöse Überzeugung auf einen ‚lebendigen Gott‘ (was oder wer dies immer ist) gründet, würde man doch erwarten, dass alle diese Religionen ein großes Interesse daran haben sollten, die Wirklichkeit dieses Gottes und seine Wechselwirkung mit der Welt und den Menschen besser zu verstehen. Speziell sollte jeder Religion ein Interesse daran haben, mit den anderen Religionen in einen Austausch zu treten, um zu klären, warum es solche Unterschiede gibt, weildoch angeblich alle an den gleichen Gott glauben.
  24. Wenn es um Gott als das höchste Wesen geht, dann kann es – jetzt logisch gedacht – nur ein einziges höchstes Wesen geben, und dass es mehr als eine Religion gibt, die sich auf das höchste Wesen beruft, kann eigentlich nicht sein. Statt aber weltweit den Dialog miteinander zu suchen, versuchen sich die großen Religionen bislang eher voneinander abzugrenzen, und tendieren dazu, die anderen zu verteufeln, gar zu verfolgen. Dies ist bizarr, unlogisch, und lässt alle diese Religionen als eher fragwürdig erscheinen. Sich gegenseitig mit viel Pomp zu besuchen ersetzt keinen wahrhaftigen Dialog.
  25. Die Lektüre von Stace’s exzellentem Buch bestärkt eher die Hypothese, dass der harte Kern religiöser Erfahrungen, wie er sich in den mystischen Erfahrungen zu allen Zeiten und in allen Kulturen manifestiert, gerade diese Einheitshypothese bestärkt: trotz aller Unterschiede meint Stace in den Berichten zu mystischen Erfahrungen einen harten Kern erkennen zu können, der überall gleich erscheint. Es sind dann die zeit- und kulturgebundenen Interpretationen, die Unterschiede hineintragen. Und dies geht nur, weil die Menschen, die interpretieren, sich der Eigenart des menschlichen Wissensapparates nicht bewusst sind. Sie verstehen nicht, dass jede Form von Wissen, die sich in einem Menschen ereignet, virtuell ist, konstruiert, tendenziell eher falsch, und es erwachsene, gebildete Menschen braucht, die solche Falschheiten erkennen (wenn überhaupt).
  26. Wenn die Hypothese von Stace stimmt (und der Autor dieser Zeilen sieht dies so), dann haben wir heute keine Krise von Gott oder einer echten Gottesbeziehung, sondern eine Krise der historisch gewordenen institutionalisierten Religionen.
  27. Anmerkung: Es ist sehr seltsam, dass man zum Jubiläum der Reformation immer nur die alten Muster neu aufgießt anstatt über eine ‚Reformation der Reformation‘ nachzudenken. Eine solche Reformation der Reformation wäre nicht nur aufgrund des verbesserten Wissens möglich, sondern sehr notwendig. So aber hängen alle in einer historischen Interpretationsschleife, die wie ein Mandra funktioniert.

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HAT DER MENSCH NOCH EINE ZUKUNFT? – Zwischenreflexion

KONTEXT

  1. Ich hatte gestern eine dieser Begegnungen, die man nicht planen kann. Es passiert einfach.
  2. Irgendwie ging es um die Frage, wie unsere Universität neben und jenseits der speziellen Studienprogramme und Forschungsprojekte an einer offiziellen Stelle Fragen öffentlich stellen und diskutieren kann, die den Menschen der Gegenwart im Fokus haben. Neben der Frage des Wie man das tun könnte, spielte natürlich zentral die Frage des Was herein: Was sind die drängenden Fragen für die Menschen heute?

UNIVERSITÄT IST

  1. Die Universität wäre keine Universität, würde sie nicht schon jetzt in ihren speziellen Programmen wichtige Zukunftsfragen behandeln: Städte der Zukunft, Energieversorgung der Zukunft, Verkehr der Zukunft, Logistik, Datennutzung, Pflegekonzepte, … usw.
  2. Alle diese Programme leben von der – stillschweigenden – Voraussetzung, dass der Mensch – Wir alle – gesetzt ist als Handelnder, dass der Mensch, wir als homo sapiens (sapiens), eine zentrale Rolle spielt, weil wir …. ja, weil wir was sind?

MENSCH – ZUKUNFT

  1. Schaut man sich in den Wissenschaften um, in der Technologie, in der Wirtschaft, in der Politik …., dann kann man zum Schluss kommen, dass die verfügbaren Menschenbilder nicht nur arg zerschlissen wirken, sie sind eigentlich außer Kraft gesetzt.
  2. Auf dem Papier gibt es zwar Menschenrechte, Grundrechte, Verfassungen (in den meisten Staaten), aber angesichts der Realitäten des alltäglichen Lebens weltweit kann man den Eindruck bekommen, dass den Worten auf dem Papier in der Realität nicht mehr viel entspricht.
  3. Schließt man nicht die Augen vor dem, was täglich real passiert, dann kann – und muss? – man die Frage stellen: Hat der Mensch noch eine Zukunft?

RELIGIONEN

  1. In der Vergangenheit waren im Fall von Seuchen, Naturkatastrophen, Kriegen, Not jeder Art, die Religionen zuständig, Trost und Zuversicht zu spenden, Hoffnung auf etwas Gutes in all dem Elend. Es gab (und gibt) viele Religionen; noch immer gibt es Religionen, z.T. weltweit organisiert. Trotz ihres gewaltigen Erklärungsanspruches sind sie weitgehend nicht kompatibel miteinander, zerfallen in sich in viele Strömungen, und statt Frieden, Trost und Wahrheit bringen sie selbst immer wieder Krieg und Tod, Verfolgung, Verteufelung, tun sich schwer mit den modernen Erkenntnissen über die Welt, über das Universum. Statt die Menschen zu ‚befreien‘ schaffen sie neue Abhängigkeiten. Ist die Idee eines übergreifenden, realen Sinns, eines alles übersteigende Gute falsch?

POLITIK

  1. Die Formen der Machtausübung von Menschen über Menschen (Politik) hat schon viele Formate gesehen. Demokratische Strukturen sind ein sehr spätes Produkt. Sie sind bis heute die Ausnahme und zeigen an sich Spuren von Verschleiß und Verrat. Ist die Idee einer auf Menschenrechten und einer demokratischen Verfassung gründenden Machtausübung falsch? Ist der einzelne, selbstherrliche Diktator die bessere Variante? Können wir heute in einer digitalisierten globalen Technologie die Allgemeinheit dem digitalen Diktator überlassen, jenen anonymen Sammlern und Nutzern von Daten, die dann digital bestimmen, wo es langgeht?

WIRTSCHAFT

  1. Wirtschaftliche Tätigkeit war schon immer notwendig fürs Überleben, zugleich aber auch für Innovationen, Neuerungen, Veränderungen. Am erfolgreichsten ist die Wirtschaft bei stabilen Verhältnissen, offenen Märkten, Wohlergehen der Allgemeinheit. Die primäre Berechtigung kommt vom Überleben der Menschen, das treibende Motiv aber ist die Bereicherung der Akteure; Steigerung von Gewinnen bei Senkung der Kosten. Die Digitalisierung bietet eine neue Variante: Ersetzen der Menschen durch intelligente Maschinen. Welche Rolle kann der Mensch hier noch spielen?

TECHNIK

  1. Die Technik war von Anbeginn ein Helfer des Menschen: Energie, Transport, Bauen, Ernährung, Vorräte schaffen, Kommunikation, Krankheiten bekämpfen …. heute hat die Technik einen Punkt erreicht, wo sie die Menschen selbst zunehmend ersetzen kann. Der Mensch wird für immer mehr Tätigkeiten überflüssig. Wozu braucht es noch den Menschen?

WISSENSCHAFTEN

  1. Die Wissenschaften haben dem Menschen geholfen, die umgebende Welt und den eigenen Körper immer besser zu verstehen. Mit diesem Verstehen kamen die unendlichen Weiten des Universums, kamen die Feinstrukturen des Lebens bis hin zu den Zellen, den genetischen Informationen, der Möglichkeit, das Leben in seinen Grundlagen zu verändern. Der Mensch scheint angesichts all dessen nicht mehr so wichtig. Einen alles durchdringenden, umfassenden Sinn scheint es nicht mehr zu geben. Die alten Religionen sind bislang sprachlos oder Verweigern einfach das Gespräch. Die neuen Wissenschaften haben keine Verwendung mehr für den Menschen. Was soll ein Physiker, ein Molekularbiologie oder ein Gehirnforscher auch schon sagen? Sie wühlen in den Eingeweiden der Materie, sie messen biochemische Prozesse in den Zellen, sie können aber ihre eigene Wissenschaft nicht mehr erklären. Ein möglicher Sinn für den homo sapiens ist kein Thema für die Wissenschaften. Hat der Mensch also keine Zukunft mehr?

EPOCHEN-WENDE?

  1. In der bekannten Geschichte des Lebens gab es bislang keine Zeit, die unserer aktuellen Situation vergleichbar ist. Viele Fragen sind qualitativ, grundlegend, unbeantwortet.

UNIVERSITÄT DEFINIERT SICH IMMER WIEDER NEU

  1. Ob eine Universität in der Lage ist, sich diesen Fragen zu stellen, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt, ist offen. In der Geschichte der europäischen Universitäten waren Universitäten immer ein Spielball von aktuellen Strömungen, Machtinteressen und Wissensmonopolen. Es gibt nicht die Universität. Jede Universität ist ein Politikum, ein Machtkompromiss, muss sich in jeder Zeit neu erfinden. Dies hängt von konkreten Personen ab, vom verfügbaren Wissen, von Überzeugungskraft, ….

DIESER BLOG

  1. Dieser Blog Philosophie Jetzt sieht die Frage nach der möglichen Zukunft des Menschen im Universum als seine zentrale Frage. Und diese Frage wird ausgespannt zwischen Wissenschaften, alltäglichem Leben und konkreten Erfahrungen des Daseins, deren Menschen (und alle Lebewesen) fähig sind.

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FOLGT AUS DER ANNAHME VON EMERGENZ DIE FUNKTION-IN-MATERIE HYPOTHESE? Anmerkungen zu Monod, Dawkins, Wilson und speziell Kauffman

Here You can find an audio-version in English, which is not a direct translation of the German text below. Rather it is
an unplugged version of the ideas without a given English Text.
Please excuse my bad English. I did it as a special tribute for Stuart Kauffman, who did such a great Job with his ‚Reinventing the Sacred‚.

  1. Die letzten beiden Blogeinträge standen unter dem Eindruck des evolutionär ungeheuerlichen Phänomens der neuen Geistigkeit eines homo sapiens  (hs, Mensch), der in der Lage ist, die Gegenwart eines Jetzt zu überwinden, indem er über Gedächtnis, Abstraktion, Vergleich, Schlussfolgern und weiteren kognitiven Eigenschaften verfügt, die es ihm ermöglichen, das jeweilige Jetzt einzureihen in eine Folge von Jetzten, in Veränderungen, in Prozesse, in darin waltenden Beziehungen/ Relationen/ Regeln (die Grundlagen dazu wurden auch schon HIER diskutiert)..
  2. Diese Beobachtungen sind nicht singulär. Angeregt durch Gespräche mit meinem Freund MaFa wurde ich ausdrücklich aufmerksam auf jene soziobiologische Diskussion, die sich im Kontext von Personen wie Jacques Monod, Richard Dawkins und Edward O.Wilson findet.
Monod-Dawkins-Wilson

Monod-Dawkins-Wilson

  1. Das Leitthema von Monod, Dawkins und Wilson lässt sich vielleicht zusammenfassen in der These, dass die beobachtbaren Phänotypen und Verhaltensweisen von biologischen Systemen grundlegend und primär von ihren Genen bestimmt wird. Was immer die verschiedenen biologischen Systeme tun (einschließlich des hss), sie folgen in ihrem Tun den grundlegenden Interessen der Gene.
  2. Diese Gedanken sind primär stimuliert durch die Erkenntnisse der modernen Evolutionsbiologie, Molekulabiologie und Genetik. Ein Blick in die mikrobiologischen chemischen Prozesse von Selbstreproduktion lässt wenig Raum für andere Gedanken. Was wir dort sehen sind Moleküle, die miteinander wechselwirken und in diesen Wechselwirkungen neue Moleküle, ganze Zellen generieren, die wieder das Gleiche tun. In dieser Perspektive ist kein Raum für irgend etwas anderes.
  3. Schon stark abstrahierend könnte man die Struktur des DNA-Moleküls (das von anderen Molekülen als Informationsträger interpretiert wird) als Speicher vergangener Erfolgsrezepte deuten und die nicht voraussagbare Variabilität innerhalb des Reproduktionsprozesses als zufälliges Geschehen, das keinerlei außen geleitete Beeinflussungen (Monod) erkennen lässt.
  4. Auffällig ist, dass alle Autoren, insbesondere aber Monod und Dawkins, diese Beobachtungen und Überlegungen zum Anlass nehmen, neben den biologischen Sachverhalten noch kulturelle Interpretationsmuster und -praktiken zu kritisieren, die sich als Religionen darstellen und die das Wort Gott dazu benutzt haben/ benutzen, um dem grundlegend biologischen Geschehen eine spezielle religiöse Deutung unter zu legen: diese beobachtbaren biologischen Prozesse seien letztlich in einem größeren Kontext zu sehen, nämlich dass es einen umfassenden schaffenden Gott gibt (Creator, Schöpfer), der dies alles angestoßen hat und ermöglicht.
Stuart Kauffman - Benutze Texte

Stuart Kauffman – Benutze Texte

  1. Stuart Kauffman, der sich Jahrzehnte mit den physikalischen, biochemischen und molekularbiologischen Grundlagen des Lebens auseinander gesetzt hat, der aber zugleich komplexe mathematische Modellbildungen und Simulationen einbezogen hat, kommt bei den Themen der vorgenannten Autoren zu anderen Schlussfolgerungen.
Abrahamitiche Religionen nd moderner Reduktionismus

Abrahamitiche Religionen nd moderner Reduktionismus

  1. Zunächst einmal macht er darauf aufmerksam, dass in der Tat historisch die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) das Wort Gott sowohl für die letzten umfassenden Erklärungen benutzt haben (Gott als Schöpfer) wie auch als letzte Quelle jeglicher Moralität. Und es war die moderne empirische Wissenschaft, die mit ihrem neuen methodischen Zugang zur Erforschung der Welt zwar neue, starke, belastbare Fakten geschaffen hat, aber keinen Raum mehr lässt für Werte oder spirituelles Erleben. Mit der Kritik an einer problematischen Verwendung des Wortes Gott wurden gleich viele einschlägige Phänomene mit beerdigt. Der modernen Gesellschaft mangelt es daher an jeglicher Basis, um solche Wertsysteme zu schaffen, die jede moderne – und globale – Gesellschaft benötigt, um zu funktionieren.
  2. Kauffman sieht hier eine Art Überreaktion der modernen Wissenschaft, die vor lauter Bemühen, unberechtigte Deutungsansprüche seitens der etablierten Religionen abzuwehren, dabei auch Aspekte ausklammert, die eigentlich zum legitimen Phänomenbereich der Wissenschaften gehören sollten. Diese Überreaktion macht sich fest an einer Denkhaltung, die er Reduktionismus nennt.
  3. Die Diskussion über Reduktionismus ist nicht neu und hat schon zu vielen theoretischen Diskursen vor Kauffman Anlass gegeben. Kauffman greift diese Debatte aber wieder auf und macht anhand zahlreicher Beispiele deutlich, dass die Rückführung komplexer Phänomene auf einfache Bestandteile vielfach zu absurden Rekonstruktionen führt, die im Endeffekt das auslösende komplexe Phänomen praktisch zum Verschwinden bringen, nicht aber wirklich erklären.
  4. Anders gesagt, sei KP ein komplexes Phänomen mit Verhaltenseigenschaft f_kp, das man in Beziehung setzt zu einfacheren Bestandteilen E={e1, …, en}. Dann müsste man Gesetzmäßigkeiten f_e für die Bestandteile E finden, die so sind, dass sich ihre Funktionalität f_e direkt parallelisieren lässt mit der komplexen Funktionalität f_kp. Also ein Zustand S1_e mit Elementen E geht mittels f_e über in einen anderen Zustand S2_e, und parallel, synchron geht ein Zustand S1_kp über in einen anderen Zustand S2-Kp mittels der Funktion f_kp.
  5. Beispiel: ich tippe (komplexes Phänomen KP) bei meinem Computer die Taste ‚A‘ und auf dem Bildschirm erscheint ein ‚A‘. Tief unten im Computer, sagen wir auf der Ebene der logischen Gattern (elementare Bestandteile ) , realisiert in der Hardware, gibt es tausende, hunderttausende oder mehr elektrische Potentiale, wild verteilt im Mehr von vielen Milliarden elektrischen Potentialen, die ihren Zustand ändern, ohne dass man an den vielen logischen Gattern irgend eine Eigenschaft erkennen könnte, warum gerade diese nun ihr Potential ändern und nicht andere. Eine Beschreibung von Potentialänderungen auf der Gatterebene ist zwar möglich, wäre aber wenig hilfreich, um die vielen hunderttausend unterschiedlichen Phänomene auf der Nutzerebene zu unterscheiden. Dies wäre noch schwieriger, würde man noch tiefer steigen und auf die Ebene der Atome zurückgehen, die letztlich jedem logischen Gatter in der Hardware zugrunde liegen. Damit würde jeder Versuch einer systematischen Zuordnung zu komplexen Phänomenen sinnlos.
  6. Analog wäre dies, wenn man die Vielfalt biologischer Phänotypen auf das Verhalten zugrunde liegender Atome zurückführen würde. Man würde alle jene Phänomene verlieren, die gerade das Besondere ausmachen.
  7. Damit stellt sich die Frage, wie man denn komplexe Phänomene anders betrachten kann als im Stil eines Phänomen-vernichtenden Reduktionismus ohne dabei Wissenschaftlichkeit einzubüßen?

EMERGENZ

Emergenz - Enige Thesen von Kauffman

Emergenz – Enige Thesen von Kauffman

  1. Kauffman bringt an dieser Stelle den Begriff Emergenz ins Spiel und erklärt ihn in dem Sinne, dass er sagt, dass erkenntnistheoretisch (epistemologisch) die Rückführung eines Komplexen auf seine Bestandteile dann sinnlos wird, wenn man von den Bestandteilen selbst aus das Komplexe nicht konstruieren könnte. In diesem Fall kommt dem Phänomen eine ontologische Geltung zu, d.h. das Phänomen ist empirisch real, existierend und damit ein mögliches Objekt der empirischen Wissenschaft. Statt es also weg zu interpretieren durch einen sachfremden Reduktionismus muss man stattdessen nach neuen wissenschaftlichen Erklärungen suchen, die dem Phänomen gerecht werden.
  2. So sind es ja auch nicht die Gene selbst, die dem Selektionsprinzip der Natur unterworfen werden, sondern nur jene emergenten Eigenschaften der Phänotypen (Körper), die als reale Phänomene in der empirischen Welt real wechselwirken und darin entweder Leben erhalten oder Leben verlieren können. Die Gene profitieren nur indirekt von diesem Geschehen, insofern sie Teile eines größeren Ganzen sind, das als dieses Ganze eine funktionale Rolle spielt und nur insofern das Ganze überlebt dann auch mit überleben. Die Gene als solche sind nicht überlebensfähig, wohl aber als Teil eines Ganzen, das mehr ist als seine Teile!
  3. Insofern müsste man sagen, dass emergente Phänomene solche sind, die als Ganzes eine Funktionalität, ein Verhalten zeigen, das möglich ist in dieser umfassenden Konstellation. Die Rückführung auf die einzelnen Teile des komplexen Phänomens würde dieser komplexen Verhaltensweise die materielle Basis nehmen. (Etwas Ähnliches haben wir ja auch bei vielen physikalischen Phänomenen. So ist das Phänomen der Gravitation zwar als Wirkung (Verhalten, Funktionalität) zwischen Körpern beobachtbar, aber bei Betrachtung eines einzelnen Körpers alleine wäre sie nicht vorhanden.)
  4. Dies führt – über Kauffman hinausgehend – zu der Überlegung, dass komplexe (emergente) Phänomene nur möglich sind, weil ihre Funktionalität (Verhaltensweise) grundsätzlich in den beteiligten materiellen Komponenten angelegt ist. Diese Verhaltensweisen können sich aber nur zeigen, wenn eine entsprechende Anordnung/ Konstellation der beteiligten materiellen Komponenten vorliegt. Ich nenne dies die Funktion-in-Materie Hypothese. D.h. das, was wir Materie nennen, das ist ein Material, das implizit potentiell nahezu unendlich viele Funktionalitäten (Verhaltensweisen) erlaubt, je nachdem , wie man das Material anordnet.
  5. So wissen wir aus der Chemie, dass sich mit den bekannten Atomen als Bausteinen je nach Kontext nahezu unendlich viele Atomkombinationen (Moleküle) erzeugen lassen, die jeweils ganz andere Verhaltensweisen (Funktionalitäten) zeigen. Diese Funktionalitäten sind real, sie sind nicht zufällig, sondern sie sind die realen Manifestationen von realen Eigenschaften der beteiligten materiellen Komponenten. Sie müssen nicht erfunden werden, sondern sie sind implizit schon immer fester Bestandteil der materiellen Komponenten.
  6. So ist auch die Frage nach dem Ursprung des biologischen Lebens, die sich erst seit kurzem einer möglichen Antwort nähert, letztlich keine Frage nach einem unerklärbaren Wunder, sondern nur die Frage nach jener Konstellation von Materie (Atomen, Molekülen, Kontextbedingungen), durch die genau jene Funktionalitäten zum Zuge kommen konnten, die einerseits implizit zur Verfügung sehen, die sich aber andererseits erst bei entsprechender (auch komplexer) Anordnung zeigt.

BEWUSSTSEIN

  1. Dies lässt möglicherweise auch das Phänomen des (menschlichen) Bewusstseins bzw. die Phänomene des Geistigen in einem neuen Licht erscheinen. Für viele (auch für mich) ist das Phänomen des menschlichen Bewusstseins auf jeden Fall ein emergentes Phänomen im vollen Sinne (nicht erklärbar durch seine Teile, sprich hier die neuronale Zellen).
  2. Für manche (Kauffman, Edelman, …) impliziert die Besonderheit dieses Bewusstseins u.a., dass es von der physikalischen Kausalität seiner Bestandteile abgekoppelt ist, und man versucht diese spezielle Autonomie des Denkens und Wollens durch Rückgriff auf quantenphysikalische Überlegungen zu erklären. Möglicherweise sind diese akrobatischen Denküberlegungen nicht notwendig.
  3. Einmal gibt es seit der Einführung des philosophisch-mathematischen Konzepts der Turingmaschine den logisch-mathematischen Beweis, dass selbst das Verhalten einer voll deterministischen endlichen Turingmaschine, deren Beschaffenheit vollständig bekannt ist, prinzipiell nicht in allen Fällen vorausgesagt werden kan; es ist nicht entscheidbar,  was diese Machine im nächsten Schritt tun wird (das berühmte Halteproblem). Wäre also unser Gehirn formal einer Turingmaschine äquivalent (was manche bezweifeln, weil sie glauben, das Gehirn sei komplexer als eine Turingmaschine), dann wäre das Verhalten des Gehirns nicht in allen Fällen voraussagbar. Wäre das Gehirn noch komplexer, würde sich jede Aussage über ein mögliches Verhalten erübrigen; wir wüssten nicht einmal, wie wir die Frage formulieren sollten.
  4. Zum anderen impliziert ja der Begriff der Emergenz, dass sich das komplexe Phänomen gerade nicht aus seinen Bestandteilen ableiten lässt, sonst hätten wir gar kein emergentes Phänomen. Genauso wenig, wie man aus den logischen Gattern eines Computers irgendeine der komplexen Verhaltensweisen ableiten könnte, die die Programmierung für die Benutzer zur Verfügung stellen, genauso (und noch viel weniger) kann man aus den Neuronen des Gehirns seine erfahrbare komplexe Funktionalität ableiten. Es ist eben so, dass bei einem emergenten Phänomen die simultane Koexistenz der Bestandteile eine Funktionalität sichtbar und möglich macht, die originär ist, nicht herleitbar und erklärbar aus seinen Bestandteilen. Die vielen Diskussionen um Willensfreiheit und deren Infragestellung durch Messungen elektrischer Potentiale einzelner Neuronen ist in diesem Kontext theoretisch absurd und lächerlich.
  5. Dieses hier unterstellte Verständnis von Emergenz wirft allerdings ein neues Licht auf die ganze Frage von Bewusstsein und Geist im philosophischen Sinne.
  6. Generell ist es zwar schwierig, überhaupt über Geist zu reden, da die vielen philosophischen Texte mit so unterschiedlichen Begriffen, Methoden und Blickweisen operieren, aber jeder kann ja sein eigenes Bewusstsein betrachten, seine eigene Geistigkeit, und an dieser ablesen, dass alle unsere Vorstellungs- und Denkinhalte so sind, dass man von diesen in keiner Weise auf die Art ihrer Hervorbringung, nämlich durch eine komplexe neuronale Maschinerie, schließen kann. Das Bewusstsein bildet ein geschlossenes System von Phänomenen, die einer eigenen Logik folgen, die sich zwar eines Körpers und einer unterstellten Außenwelt bedienen kann, aber zugleich in einer speziellen Weise autonom ist: prinzipiell kann alles gedacht werden, alles kann abgeändert werden, alles kann gewollt werden. Im Bewusstsein, im menschlichen Geist, erscheint alles beliebig klein oder groß, alles erscheint möglich. Man kann sogar die ermöglichende materielle Welt als solche untersuchen, beschreiben, neu denken, abändern. Jeder Versuch, diese Phänomene des Bewusstseins, des menschlichen Geistes, auf die ermöglichenden materiellen Bestandteile, zu reduzieren, ist vollständig unsinnig, geradezu absurd.

AGENCY, WERTE

  1. Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass Kauffman in all den emergenten Phänomenen des Lebens – beginnend bei der einfachsten Zelle – eine neue Qualität von Realität am Werke sieht, die er Agentenschaft (‚agency‘) nennt, eine Struktur des autonomen Handelns, die sich in diesem Handeln in keiner Weise mit physikalischen Gesetzen voraussagen lässt. Im Lichte dieser neuen universellen biologischen Agentenschaft werden die bloßen Fakten eingebettet in Verhaltensdynamiken, die nicht mehr nur und alleine von den beschreibbaren Fakten bestimmt/ determiniert sind, sondern die aufgrund ihrer jeweiligen Autonomie neue Zusammenhänge, neue Bewertungen der Fakten sichtbar machen, die die Bedeutung von Fakten für mögliche Lebensprozesse generieren, die als Anhaltspunkte für eine universelle Bewertung von Leben auf der Erde bzw. im ganzen Universum dienen können. Diese neue Form von Bewertungen jenseits bloßer Fakten kann man Werte nennen.
  2. In der bekannten Kulturgeschichte des hss finden sich immer und überall unterschiedliche Bewertungen (Werte) von Verhaltensweisen. Zum Teil kann man ihre Verwurzelung in konkreten Lebensabläufen nach vollziehen, z.T wurden sie aber daraus losgelöst und mit speziellen Autoritäten (oft mit den Namen von Göttern) verknüpft, um ihnen eine über die momentane Situation hinausgehende Geltung zu verschaffen. So verständlich diese Überhöhung von Geltungen für manche Interessengruppen sein mag, auf lange Sicht sind sie lebensfeindlich, da sie die konkreten Bedingungen ihrer Geltung verwischen und sie damit einer notwendigen Transparenz und Kritisierbarkeit entziehen. Emergente Lebensprozesse brauchen Erkenntnisse über lebensfördernde oder lebensfeindliche Wirkungen von Verhalten. Entzieht man diese Erkenntnisse der direkten Kontrolle (durch unhinterfragbare Autoritäten), dann macht man emergente Lebensprozesse blind. Alle bekannten Religionen haben sich dieser Werteverschleierung schuldig gemacht. Alle bekannten Diktaturen benutzen die Methode der Werteverschleierung, um ihren speziellen, letztlich lebensfeindlichen, Prozesse zu begründen. Leider muss man die Wissenschaft, sofern sie reduktiv argumentiert, hier einbeziehen. Durch reduktive Denkstrategien werden nahezu alle lebenswichtigen emergente Phänomene verbal, denkerisch (zum Glück nicht ontologisch) vernichtet.

HEILIGER STUART KAUFFMAN 🙂

  1. Wenn man bedenkt, welch harten Denkweg Start Kauffman von der Physik, Molekularbiologie, Komplexitätstheorie – um nur die wichtigsten Felder zu nennen – hin zu den emergenten Phänomenen zurückgelegt hat, und dann sieht, wie er viele wichtigen emergenten Phänomene (auch Bewusstsein, auch Spiritualität) dem wissenschaftlichen Denken wieder zugeführt hat, dann kommt ihm – aus meiner Sicht – eine große Ehrung zu. Es dürfte nicht all zu viele geben, die ihm in dieser Rolle, in diesem umfassend komplexen Denken mit Offenheit für die emergenten Phänomene, gleich tun. Das eben gehört zum Wunder von Agency, von lebensbasierter Spiritualität, von Emergenz, von menschlicher Geistigkeit.

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EIN EVOLUTIONSSPRUNG PASSIERT – JETZT – UND NIEMAND BEMERKT ES?

FANTASIE ALLÜBERALL

  1. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Fantasien, Träumen, Mythen, Utopien, Science Fiction. Heutzutage wird die Bilderflut noch verstärkt durch die vielen medialen Kanälen, in denen das Gehirn überschwemmt wird mit Bildern, die sich kaum noch einordnen lassen lassen als real, oder als fantastisch oder was genau?

WUNDERBARES GEHIRN

  1. Diese Bilderflut ist möglich durch ein Gehirn, das in der Lage ist, aktuell Gegebenes, das Jetzt, durch Erinnerungen, Abstraktionen, freie Kombinationen hinter sich zu lassen. Das Jetzt kann darin zu einem Moment in einer Folge werden, und die Folge wird zu einem Ist, das zwar passiert, aber beeinflussbar ist. Der hss lernt, dass er selbst kein rein passives Etwas ist, sondern auf vielfältige Weise Einfluss nehmen kann auf das Jetzt, auf die Folgen von Momenten. Er lernt, dass er den Gang der Dinge verändern kann.

JENSEITS DES JETZT

  1. Dieses Wissen um das Mehr jenseits des Jetzt ist uns vertraut, ist uns so vertraut, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Aber es sollte uns auffallen, es sollte uns geradezu elektrisieren, denn fast 13.8 Mrd Jahre lang gab es – nach aktuellem Wissen – keine aktuelle Lebensform im gesamten Universum, die über diese Fähigkeit verfügte.
Evolution durchbricht mit dem hss den objektivn Gang der Dinge: hss kann auch ohne Tod Innovationen herbeiführen. Der Prozess hat ein 'Selbst' bekommen

Evolution durchbricht mit dem hss den objektivn Gang der Dinge: hss kann auch ohne Tod Innovationen herbeiführen. Der Prozess hat ein ‚Selbst‘ bekommen

DAS LEBEN VOR DEM MENSCHEN

EINE KETTE AN INNOVATIVEN EXPLOSIONEN

  1. Das Leben vor dem hss war ein Getriebenes: nach ca. 10 Mrd Jahren universalem kosmischen Geschehen, das u.a. unser Sonnensystem mit unserer Erde hervorgebracht hatte, entstanden auf der Erde, in den Tiefen der Ozeane, jene chemischen Strukturen, die wir heute als erste Zellen bezeichnen. Schon diese erste – einfache – Zellen sind ein Wunderwerk molekularer Strukturen und chemischer Prozessketten. Mit diesen ersten Zellen war es erstmalig möglich, selbständig Energie in Form von freien Ladungen aus der Umgebung über eine Membranoberfläche in das Innere der Zelle zu transportieren und diese Energie für unterschiedliche chemische Prozesse zu nutzen. Dies war eine Sensation. Entgegen der allgemeinen Entropie gab es hier physikalische Prozesse, die freie Energie aus der Umgebung abzapften und sie – entgegen der Entropie – für den Aufbau lokaler Strukturen, also lokaler Ordnungen, nutzten. In der allgemeinen Physik sind solche Prozesse nicht vorgesehen und bis heute nicht erklärbar.
  2. Diese ersten Wunderwerke des Lebens konnten sich auch schon selbst reproduzieren. Schon da gab es spezielle Moleküle – heute DNA Moleküle genannt –, die von anderen Molekülen so benutzt wurden, als ob sie eine Bauanleitung darstellten. Die einzelnen Elemente dieser Bauanleitungsmoleküle wurden als Elemente eines Kodes interpretiert, aus dem man entnehmen konnte, wie man eine neue Zelle bauen kann. Wie es zu dieser originellen Arbeitsteilung – von Informationsspeicher hier und Informationen lesen und übersetzen dort — kam ist bis heute noch eher im Dunkeln. Mit dem heutigen Wissen können wir aber in dieser Struktur der Interpretation eines Kodes und darauf aufbauend die Aktivität einer Konstruktion als strukturidentisch mit dem Konzept einer Turingmaschine erkennen. Die Turingmaschine, das zentrale philosophisch-mathematische Konzept unserer Tage für das, was ein Computer sein kann, ist in diesen ersten einfachen Zellen schon realisiert. Jede Zelle ist in dem Sinne ein Computer! Mit dem Computer haben wir so gesehen nichts Neues erfunden, nur etwas sehr, sehr Altes auf neuer Ebene wieder endeckt.
  3. Und noch etwas Grundlegendes ist zu beachten: der Reproduktionsprozess war nie ein 1-zu-1 Prozess. Die neuen Strukturen wichen von den vorausgehenden immer irgendwie ab, mal weniger, mal mehr. Dies hatte zur Folge, dass die nachfolgenden Generationen neue Formen (Phänotypen) ausbildeten, die darin über neue Fähigkeiten verfügten, die andere Organismen nicht besaßen. Wenn diese neuen Fähigkeiten das Überleben verbesserten, erhöhten sich die Chancen auf Nachkommen; andernfalls wurden sie geringer. Der stillschweigende Maßstab für Erfolg/ Misserfolg war jeweils die Passung zur vorhandenen Erde samt ihren Gegebenheiten. Einem Lebewesen vor dem hss war es nicht möglich, ein eigenes Wertesystem unabhängig von den Vorgaben der Erde zu entwickeln. Dies bedeutet, dass es in der Zeit von ca. -3.8 Mrd Jahren bis ca. -200.000 (oder etwas früher, wenn man die früheren menschenähnlichen Wesen mit einbeziehen will) einem Lebewesen nicht möglich war, ein eigenständiges Ziel-/ Wertesystem über die realen Lebenserfordernisse hinaus auszubilden.
  4. Verschärft wird diese Situation auch noch dadurch, dass bei dieser beschränkten Innovationsfähigkeit der Lebewesen (nur bei Reproduktion) die Notwendigkeit eines Todes, also einer beschränkten Lebenszeit, unausweichlich war. Durch die beständige Veränderung der Erde sowie durch die parallele dynamische Entwicklung aller Lebensformen bestand zwischen allen Lebensformen und der Lebenssituation eine kontinuierliche Konkurrenzsituation. Ohne häufige Reproduktionen und durch Sterben wäre jene Innovationsrate gefährdet gewesen, die zum Überleben notwendig war.
  5. Bis zur Lebensform eines hss waren aber aus Sicht er ersten einfachen Zellen noch viele Hürden zu nehmen. So waren die ersten Zellen in ihrer potentiellen Größe massiv beschränkt: solange Energie nur über die Membranen in den Zellkörper kam war durch das Missverhältnis zwischen Oberflächenzunahme (quadratisch) und Volumenzunahmen (kubisch) eine Wachstumsgrenze eingebaut. Es hat etwa 1.7 Mrd Jahre gedauert, bis das Leben einen Weg gefunden hat, durch Einbau vieler einzelner Zellen – später Mitochondrien genannt – in eine Gastzelle die Membranoberfläche zu vervielfachen.
  6. Viele weitere Details sind hier wichtig (sehr schön erklärt u.a. in dem Buch von Nick Lane (2009) Life Ascending).
  7. Im Endeffekt führte die Fähigkeit zu immer komplexeren Prozessen mit immer komplexeren Kooperationen dazu, dass (nach dem großen Sauerstoffereignis) Lebensformen auf dem Land Fuß fassen konnten und nach einer weiter langen Zeit von fast 500 Mio Jahren dann jene Lebensform möglich wurde, die wir als hss kennen.

DAS AUFTRETEN DES MENSCHEN IST EINE ZÄSUR

  1. Der hss verkörperte dann genau diese Lebensform die zum ersten Mal Erstaunliches vermochte.
  2. Der hss konnte durch sein Gedächtnis, seine Abstraktionsfähigkeiten, seine gedanklichen Kombinationen mit einem Male — nach ca. 13.8 Mrd Jahren – als erste Lebensform auf der Erde aus dem Jetzt ausbrechen und mögliche Zukünfte versuchsweise denken.
  3. Der hss konnte durch sein Denken, Kommunizieren, seine Technologie, seine Organisationsformen, seine Wissenskulturen erstmalig die Fähigkeit erlangen, die Baupläne des Lebens zu lesen, sie Anfangshaft zu verstehen. Prinzipiell könnte er jetzt strukturelle Innovationen während des Lebens einer Generation einleiten, ohne dafür zuerst sterben zu müssen. Der Tod des Körpers wäre nicht mehr notwendig.
  4. Durch diese neue Autonomie des Erkennens, Handelns und Gestaltens hat der hss aber ein ganz neuartiges Problem: zum ersten Mal steht er selbst vor der Frage, wohin die Reise eigentlich gehen soll? Zuvor wurde die Frage indirekt durch das Faktum des Überlebens beantwortet. Jetzt muss er sich selbst die Frage stellen, welche der vielen möglichen erkennbaren Zukünfte sind Lebenswert?

ZWISCHENSPIEL: RELIGIONEN

  1. Viele Jahrtausende haben Menschen in Gestalt sogenannter Religionen Antworten hergeleitet, die heutigen Erkenntnisansprüchen nicht mehr genügen, die aber die Menschen in diesen Zeiten benutzt haben, um sich das Unerklärliche zu erklären. Und auch heute scheint es so zu sein, dass eine sehr große Anzahl der Menschen diese alten Religionen immer noch als Hilfsmittel benutzen, um Antworten auf Fragen zu finden, die die Wissenschaften bislang nicht gegeben haben.
  2. Im Kern von Religionen – nicht allen: der Buddhismus kann anders interpretiert werden – steht gewöhnlich ein zentraler Begriff Gott. Aber, was man leicht übersieht, alles, was über Gott bislang gesagt wurde, haben letztlich Menschen gesagt, die von sich behaupten, sie haben mit Gott geredet bzw. er mit ihnen. Da alle diese Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen, dann noch zu Zeiten, die tausende Jahre her sind, haben wir nicht nur ein Sprachproblem (Sanskrit, Hebräisch, Griechisch, Arabisch, …), sondern auch ein Verstehensproblem (wer weiß schon, welche Vorstellungen Menschen vor tausenden von Jahren mit bestimmten Ausdrücken verbunden haben). Dazu haben wir ein Überlieferungproblem: wer hat eigentlich wann was von wem aufgeschrieben? Welche Texte sind überhaupt original erhalten? Wie oft wurden Texte aus einer Zeit von Menschen in einer nachfolgenden Zeit überarbeitet und dabei verändert?
  3. Schon allein der Versuch, aus der Vielfalt dieser Texte (und dazu noch aus der ungeheuren Fülle nachfolgender Kommentare und Interpretationen) heute ein zuverlässiges und einheitliches Bild von Gott zu gewinnen, muss scheitern. Es ist vollständig unmöglich, nicht nur rein faktisch aufgrund der Vielzahl und Fülle, aber auch inhaltlich methodisch: die geistigen und begrifflichen Voraussetzungen der vielen Texte sind derart verschieden, dass Worte, die gleich klingen, von ihrem begrifflich-methodischen Kontext her etwas vollständig Verschiedenes bedeuten können.
  4. Angesichts dieser Sachlage mutet es merkwürdig an, wie manchmal Naturwissenschaftler sich berufen fühlen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften gegen ein falsches Gottesbild zu verteidigen und dabei selber bizarre Gottesvorstellungen als Feindbilder benutzen, wo man sich nur fragen kann, wo sie die hergezaubert haben. Natürlich gab es Zeiten (und sie sind noch nicht überwunden), da unterschiedlichste Religionsvertreter versucht haben (und versuchen) neueste Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit ihrem spezifischen religiösen Weltbild zu versöhnen. Ein Beispiel sind die sogenannten kreationistischen Deutungen der Evolution. Aber die Ausgangslage einer religiös motivierten Argumentation ist in sich so verworren und schwammig, dass jeglicher Gesprächsversuch hier im Ansatz sinnlos ist. Die Vertreter der Religionen sind ja nicht einmal in der Lage, sich untereinander zu verständigen; warum sollte man sich mit diesen Positionen dann überhaupt auseinandersetzen? Worin besteht diese Position überhaupt? Es ist ein bisschen wie mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: jeder tut so, als ob die Sache mit Gott doch klar sei, aber keiner will zugeben, dass er eigentlich nichts Genaues weiß…

ZURÜCK IN DIE REALE ZUKUNFT

  1. Kommen wir zurück zur realen Welt, in der wir uns mit unseren Körpern vorfinden. Von dieser Welt haben wir gelernt, wie sie eine unfassbare Fülle an Lebensformen hervorgebracht hat bis zu jener, dem hss, der über erstaunlich neue Fähigkeiten verfügt. Bricht schon das Phänomen der Evolution bis zum hss die bekannten Denkmodelle der Physik, so ist dies neue Phänomen hss mit seinem Gedächtnis, seinem Denken, seiner Zukunftsfähigkeit, seiner Veränderungsfähigkeit, seiner autonomen Frage nach der richtigen Zukunft ein radikaler Systembruch. Das Erscheinen des hss markiert das Ende der klassischen empirischen Wissenschaften. Alles, was die empirischen Wissenschaften bislang entdeckt haben, ist richtig, aber das, was die Physik bislang gedacht hat, ist schlicht zu wenig (auch schon für den engeren Bereich der unbelebten Materie (dunkle Materie, dunkle Energie), wie wir lernen durften).
  2. Sollte es tatsächlich so etwas wie einen Gott geben (was niemand letztlich ganz ausschließen kann, genauso wenig wie man es beweisen kann), dann wäre er in allem anwesend und würde sich darin zeigen. Wir müssten ihn nicht erfinden. Egal was wir tun, er wäre da. Wäre er hingegen nicht da, wäre es auch egal, was wir tun. Wir könnten ihn nicht herbei zaubern.
  3. Schon eine christliche Theologie hat ja (wenngleich rein spekulativ) angenommen, dass Gott sich aus der Transzendenz in die Immanenz bewegen könne (Inkarnation), und dass es in der Immanenz (also in unserer Körperwelt) eine erfahrbare Gegenwart Gottes geben könne. Nahezu alle christlichen Ordensgründer und Ordensgründerinnen berichten von ihren persönlichen Erfahrungen mit Gott, bis dahin, dass ein Ignatius von Loyola, der Mitbegründer des Jesuitenordens, geradezu lehrt, dass Gott sine causa in den Menschen direkt wirken könne. Entsprechende Berichte finden sich auch bei Mitgliedern von anderen Religionen. Zur Überzeugung der Religionen gehört auch, dass die Menschen die Welt gestalten sollen. Die Überzeugungen aller Religionen ist auch, dass das Leben nach dem körperlichen Tod nicht endet, sondern irgendwo (man nennt es Himmel) weiter geht, dann sogar viel besser und schöner.
  4. Wie gesagt, gäbe es so etwas wie Gott, dann müssten wir ihn nicht erfinden, allerdings müssten wir ihn entdecken, so wie wir alle Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden, vermittelt durch unseren Körper entdecken, sortieren, verbinden, interpretieren müssen, um zu wissen, wer wir tatsächlich sind, die anderen, die Erde, das Leben, wie sich alles bewegt. So gesehen wäre Alles Theologie, aber nur, wenn wir Gott voraussetzen. Tun wir dies nicht (und es ist methodisch erlaubt, dies nicht zu tun), ist das Gleiche, was vorher Theologie heißt, einfach Wissenschaft vom Leben im Universum, und möglicherweise darüber hinaus. Die Worte mögen verschieden sein, die Sache ist die gleiche.
  5. Ein möglicher Gott stellt für eine radikale Wissenschaft keine Bedrohung dar, wohl aber pseudoreligiöse Ansprüche, die im Namen eines unbekannten Gottes vorgebracht werden, die aber letztlich nur jene Wahrheit verweigern wollen, die uns alle frei macht, die die unfassbare neue Autonomie des hss freilegt.

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DIGITALISIERUNG UND DIE RELIGIONEN

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
9.März 2016
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Letzte Aktualisierungen: 4.Juli 2018

KAMINGESPRÄCH

  1. Die nachfolgenden Gedanken wurden angeregt von einem Kamingespräch in Karlsruhe, am 8.März 2016, in denen sich Vertreter der evangelischen Kirche zusammen mit unterschiedlichen Experten der Frage stellten, was die Digitalisierung der Gesellschaft aus Sicht der Religionen bedeutet. Die hier niedergeschriebenen Gedanken geben nicht das Gespräch selbst wieder sondern sind Gedanken, die sich für cagent – angeregt durch das Gespräch – im Nachhinein ergeben haben.

VIELFALT DER PHÄNOMENE

  1. Ins Auge springend ist die Vielfalt der Phänomene, die sich mit der Digitalisierung verknüpfen. In nahezu allen Lebensbereichen trifft man auf Phänomene der Digitalisierung. Eine neue Technologie macht es möglich, dass man Objekte und Vorgänge der bekannten realen Objekt- und Körperwelt in digitale Strukturen transformiert. Statt direkt redet man über Medien miteinander; statt ein richtiges Buch liest man elektronische Artikel, Bücher, schaut Videos. Anstatt Live-Musik hört man gestreamte Musik, anstatt reale Akten werden nur noch digitale Akten benutzt. Aktivitäten im realen Raum werden im digitalen Raum repräsentiert und werden damit rund um die Uhr global zugänglich.

REAL – DIGITAL

  1. Während im realen Raum reale Geschäfte mit realen Objekten hantieren, können im digitalen Raum Firmen auf die digitalisierten Objekte von überall zugreifen, unauffällig, unsichtbar. Während es im realen Raum verboten ist, die Privatsphäre eines Menschen zu verletzten oder seinen Körper gegen seinen Willen zu benutzen, ist dies im digitalen Raum gang und gäbe: alle Regungen eines Menschen werden über Smartphones und Internetzugang protokolliert, aufgezeichnet, vermessen und ohne Wissen des Verursachers weltweit verkauft.
  2. Während die Menschen im realen Raum gelernt haben, unterschiedliche juristische Regeln einzuführen, Menschenrechte, politische Regularien, soziale Verhaltensweisen, Solidarität, Verantwortung, scheinen diese Regeln im digitalen Datenraum außer Kraft gesetzt zu sein. Die globalen IT-Firmen geben sich die Regeln selbst, beuten aus, monopolisieren, manipulieren mit neuen Techniken die Menschen. Autokratische-diktatorische und unsolidarische Verhaltensweisen werden zum neuen Standard.

AUFKÜNDIGUNG ALTER STANDARDS

  1. Diese Aufkündigung vieler bisherigen Werte ist eigentlich nicht durch irgend etwas gerechtfertigt. Und doch gibt es bislang wenig Widerstand, wenig Widerspruch. Der normale Benutzer genießt seine neuen Handlungsfähigkeiten, die Politik hofiert die neuen Diktatoren und lässt den Cyberkriminellen ihren Lauf.

MENSCH ALS AUSLAUFMODELL

  1. Die Nutzung der neuen digitalen Technologien geht einher mit einer naiven Technikverherrlichung gepaart mit einer neuen Nichtbeachtung und Verachtung des Menschlichen. Für Transhumanisten ist der Mensch eine aussterbende Spezies und ’nicht der Rede wert‘. Er wird einfach totgeschwiegen. Wirkliche harte Argumente gibt es weder für diese Geringschätzung noch für den nativen Glauben, dass die intelligenten Maschinen in der Zukunft all das besser werden machen können, was die Menschen nicht geschafft haben. Hier entsteht so etwas wie eine neue Weltreligion der naiven Maschinenverherrlichung (Anmerkung 4.Juli 2018: Diese Wertung des ‚Transhumanismus‘ ist möglicherweise zu eng, zu einseitig. In späteren Beiträgen dieses Blogs wird deutlich, dass die Logik der Evolution möglicherweise gerade in Richtung ‚Cyborgisierung‘, ‚Transhumanismus‘ läuft…Einen guten Einstieg in die vielfältigen Richtungen von Transhumanismus  samt Publikationen findet sich auf der Englischsprachigen Wikipedia-Seite zum Stichwort ‚Transhumanism‚.)

SOFTWARE ALS UNERBITTLICHER PARTNER

  1. Wenn im Alltag Arbeitsprozesse von Software unterstützt oder gar ersetzt werden, dann entsteht häufig die bizarre Situation, dass Menschen ihr Verhalten durch die Software vorgeschrieben wird. Als Mensch ist man flexibel, kann dazu lernen, kann sich unterschiedlichen Situationen anpassen, aber die heutigen Programme sind dumm, starr, unbelehrbar, unkorrigierbar, lassen nicht mit sich diskutieren. Es ist eigentlich eine Zumutung, dass Menschen, die komplexesten Wesen des bekannten Universums, sich solchen dummen Abläufen unterwerfen müssen; Menschen haben diese Programme geschrieben, haben Abläufe dekretiert, damit andere Menschen sich danach sklavisch verhalten.

… AUCH DER MENSCH KANN STUR SEIN

  1. Andererseits, bevor es Software gab, gab  es natürlich auch Menschen, die stur ihre Pflicht getan haben, die die Paragraphen in ihrem Sinne manipuliert haben, die nicht mit sich reden ließen, … allerdings war dies dann eine konkrete Person, sie war ansprechbar, sie hatte die Verantwortung, man konnte sich über sie aufregen, mit ihr reden, sich beschweren. Programme werden als ewige Gesetze behandelt: das ist der Computer; da können wir nichts machen.

NEUE MEDIEN NICHT FEINDLICH?

  1. Von kirchlicher Seite wird oft betont, dass neue Medien nicht grundsätzlich feindlich zu betrachten sind, da ja die christliche Religion selbst erst durch Medien (Sprache, Texte, Liturgien, Musik, Bilder, …) kommuniziert werden konnten. Allerdings übersieht dieses Argument, dass die neuen computergestützten Medien nicht einfach nur alte Inhalte in einem neuen Gewand transportieren. Computergestützte Medien verbinden alte Inhalte mit neuen Kontexten, sind jederzeit änderbar, machen ihre Benutzer (für den Benutzer kaum merkbar) in neuer Weise global sichtbar, machen ihn (für den Benutzer kaum merkbar) digital verwertbar, und manipulierbar. Wer Millionen, ja sogar Milliarden Benutzer nahezu in Echtzeit überwachen kann, kann ihn auch gezielt anhand der messbaren Bedürfnissen und Vorlieben ködern, animieren, verführen und zu Handlungen ermutigen, die das Leben von Menschen massiv verändern können.
  2. Neu ist nicht, dass Menschen manipuliert und verführt werden können. Dies haben Menschen mit Menschen schon immer gemacht und wird im positiven Fall vielleicht Erziehung genannt, Ausbildung. Neu ist hier die Intransparenz, dass hier nicht ein Mensch eine Schulklasse oder einen Hörsaal manipulieren darf, sondern dass Unbekannte auf intransparente Weise Millionen von Menschen gleichzeitig manipulieren können, ohne das dies sichtbar ist.

STILLE HOFFNUNGEN … DIGITALES ICH

  1. Hinter dieser zunehmenden Ersetzung der natürlichen Objektwelt durch digitale Strukturen und Abläufe steckt auf der einen Seite die positive Hoffnung, die Situation für die Menschen zu verbessern (Automatisierung der Arbeit, Verminderung von Gefahrensituationen, Überwindung von Komplexitätsschranken, Überwindung von Einsamkeit, Verbesserung der Pflege, schneller mehr Geld verdienen, von der Willkür anderer Menschen unabhängig zu werden, bequemer einkaufen, größere Auswahl beim Einkaufen, unabhängig werden vom lokalen Anbieter, Zugang zu mehr Kunden, Senkung von Vertriebskosten, bessere Erreichbarkeit von Adressaten, …), andererseits verschieben sich die Bedingungen des Menschseins von der unmittelbaren Körperlichkeit zu einer erweiterten Körperlichkeit mit digitalen und technischen ‚Körperteilen‘, die neu auf andere einwirken und die neu von anderen benutzt werden können. Das digitale Ich bezieht seine Identität nicht mehr nur über seine körperliche Erscheinungen sondern auch über seine digitalen Spuren, digitalen Präsenzen und den digitalen Feedbacks. Die ‚Likes‘ von facebook müssen nichts weiter bedeuten, können aber ein Selbstwertgefühl steigern. Das Anwachsen von digitalen Benutzerzahlen erfüllt mit Stolz obwohl es Spamprogramme sein können, Softwarebots, die menschliche Benutzer nur imitieren. In Wirklichkeit habe ich vielleicht nicht 1000 Benutzer sondern nur 50, alle anderen sind gefaked, wie man sagen würde.

DIGITALE REVOLUTION EVOLUTIONÄR KONSEQUENT?

  1. Nimmt man die Beliebtheit der Nutzung neuer digitaler Dienste als Indiz, dass die neuen digitalen Technologien neue positive Verhaltensmöglichkeiten schaffen, dass neue Geschäftsmodelle möglich werden, die die Weltwirtschaft nachhaltig neu gestalten, dann wird man geneigt sein zu sagen, dass die Digitalisierung positiv das Menschsein beeinflusst. Auf dieser Linie liegen auch die Erkenntnisse der biologischen Evolution, nach der mit dem Aufkommen des Gehirns des homo sapiens in Verbindung mit Computer, Datenspeicher und Netzwerken sich die Geschwindigkeit der Evolution exponentiell beschleunigt hat.

KEINE BESCHLEUNIGUNG VON PSYCHE UND ETHIK

  1. Was sich nicht in gleicher Weise beschleunigt hat, das sind die psychischen Strukturen der Menschen, ihre individuellen Verarbeitungskapazitäten, die Normen und Ethiken, nach denen Menschen zu handeln gelernt haben. Ferner erleben wir mit dem Umbruch des Digitalen – wie schon so oft in der Geschichte – einen neuen Raubtierkapitalismus, der die Neuheit der Situation ausnutzt und versucht, ganz egoistisch, individualistisch, klassisch gierig und klassisch autoritär, die Situation für sich auszunutzen. Die feudalistischen Systeme der Vergangenheit erleben im Digitalen eine gewisse Renaissance.

AUFKLÄRUNG 2.0?

  1. Wichtig ist allerdings, dass dies nicht zwangsweise so sein muss. Die Menschen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie über Prozesse der Aufklärung, über politische Prozesse die Gestalt einer Gesellschaft in Richtung mehr Solidarität prägen konnten. Brauchen wir eine Aufklärung 2.0? Brauchen wir eine Radikalisierung des Wissens über den Menschen bei zugleich mehr kritischem Bewusstsein über intelligente Maschinen? Was können intelligente Maschinen wirklich? Worauf gründet der Glaube, dass sie besser sein können als die Menschen? Was ist mit den ungeklärten Ziel- und Wertefragen der Menschen: können intelligente Maschinen besser mit Werten umgehen als Menschen?

QUASI-INTELLIGENZ

  1. Diese Fragen werden bislang nicht diskutiert. Sie werden nicht einmal gestellt. Allerdings kann jeder wissen, wenn er will, dass intelligente Maschinen sehr wohl von Wertefragen abhängen. Die heutigen sogenannten intelligenten Algorithmen sind noch nicht wirklich intelligent, nur quasi-intelligent; sie können Ereignisse, die auftreten, statistisch aufbereiten und Tendenzen ermitteln. Sie können aber nicht Ereignismodelle mit Blick auf mögliche Kontexte im Stil von Menschen bewerten.
  2. Die google-amazon-facebook und ähnliche Algorithmen sind per se nicht in der Lage, die Fakten, die ihnen eingespeichert werden, mit Blick auf den Entstehungszusammenhang Mensch-Erde zu bewerten. Sie nehmen alles für bare Münze, natürlich auch Fehler und Schrotteingaben. Sie können nicht zwischen sinnvoll und nicht sinnvoll unterscheiden. Schon jetzt sind diese Algorithmen angefüllt mit viel Datenschrott, den sie für wahr halten. Sie selbst können sich nicht korrigieren und Menschen können dies schon lange nicht mehr, da kein einzelner Mensch diese Algorithmen und Datenmengen noch sinnvoll bewerten kann. Die Manager dieser Firmen vertrauen auf ein algorithmisches Datenungeheuer, für das es nur eine Frage der Zeit ist, bis es sich selbst zerstört, und damit leider uns alle mit.

RENAISSANCE DES MENSCHEN?

  1. Der Mensch wird heute von den Propheten der intelligenten Digitalisierung tendenziell eher klein geredet, entwertet, zum Auslaufmodell erklärt. Dies in einem Abschnitt der Wissenschaftsgeschichte, in der gerade sichtbar wird, wie ungeheuerlich der Mensch ist, wie fantastisch, wie unfassbar, von einer Komplexität, die unser menschliches Denken bei weitem übersteigt. D.h. wir selbst verstehen von uns, dem homo sapiens, und unserer Stellung im Gesamt des Lebens und des Universums bislang nur ein Zipfelchen, und doch erdreisten sich die Vertreter der naiven Maschinenreligion den Menschen zum Auslaufmodell zu deklarieren (was sie selbst dann auch sind).

RENAISANCE DER RELIGION?

  1. Man kann die verschiedenen großen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) in vielen Dingen kritisieren, was sie aber als fundamentale Botschaft in das Bewusstsein der Menschheit überbracht haben, das ist die mögliche Verbundenheit des einzelnen Menschen mit dem Ganzen, mit dem, was Schöpfer/ Gott genannt wird, als eine Wirklichkeit, die jeder persönlich real erfahren kann ohne Vermittlung durch irgend jemanden anderen, ohne Notwendigkeit zusätzlicher Mittel, nur er selbst als Lebewesen. Diese Erfahrung gehört genauso zur Welterfahrung wie Zahnschmerzen, dass es regnet, dass die Sonne glühend heiß sein kann, dass der Körper Schmerzen erfahren kann.
  2. Für die Frage der Zielfindung, der Präferenzenbildung ist diese Erfahrungsmöglichkeit fundamental, und übersteigt die Fitnessregeln der biologischen Evolution vor dem Erscheinen des homo sapiens. Der homo sapiens hat mit seinem Gehirn nicht nur eine neue kognitive Revolution eingeleitet, sondern auch eine neue emotionale-psychische transzendente Revolution. Diese Dimension, in der Vergangenheit (mindestens die letzten 5000 Jahre) in Formen unterschiedlicher Religionen manifest geworden, war aber überlagert mit vielen historisch-kulturellen Besonderheiten, durchtränkt von den üblichen Geld und Machtpraktiken der Menschen, eingesperrt in alte Begrifflichkeiten, so dass die Wucht dieser neuen Befindlichkeit des Lebens auf der Erde und im Universum kaum zum Strahlen kam (wenn man überprüfen würde/könnte, wie viele der offiziellen religiösen Funktionäre tatsächlich, real ihre Gottesbeziehung haben, würde man möglicherweise eine (negative) Überraschung erleben…).
  3. Angesichts des in Mode gekommenen schlechten Redens über den Menschen bar jeglicher Kenntnisse über das im Menschen anwesende Wunder wären eigentlich die Religionen berufen, die Tiefendimension des Menschen im Einklang mit den Wissenschaften sichtbar zu machen. Doch bisher scheinen die Religionen so sehr mit sich selbst und ihren Skurrilitäten beschäftigt zu sein, dass sie in dieser wichtigen Rolle bislang ausfallen.
  4. Die Geschichte ist mit der digitalen Revolution keinesfalls zu Ende, auch wird sie mit Sicherheit nicht in der Alleinherrschaft der Maschinen enden. Eine Garantie für einen Erfolg – was immer dies in der Zukunft heißen mag – gibt es aber dennoch nicht. Denn nicht nur hat der Mensch mit seiner Freiheit bislang zur Genüge bewiesen, dass er sogar sich selbst auszurotten vermag, auch die Software produziert Unsinn und Fehler in Massen, nicht nur, weil schlechte Programmierer schlechte Programme schreiben.

Eine gewisse Fortsetzung finden diese Überlegung im Beitrag DENKEN UND WERTE – DER TREIBSATZ FÜR ZUKÜNFTIGE WELTEN (Teil 1) vom 13.März 2016.

Oder in dem Beitrag (sehr ausführlich):

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI) – CHRISTLICHE THEOLOGIE – GOTTESGLAUBE. Ein paar Gedanken

Ein Überblick über alle Beiträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.

EINLADUNG ZUR NÄCHSTEN philosophieWerkstatt v3.0 am So 8.Nov. 2015, 16:00h – WISSEN, WISSENSCHAFT und OFFENBARUNGSRELIGIONEN (Judentum, Christentum, Islam) – ANNÄHERUNG AN EIN TRAUMA

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philosophieWerkstatt v3.0

am

Sonntag, 8.Nov.2015

16:00 – 19:00h

in der
DENKBAR Frankfurt
Spohrstrasse 46a

Essen und Trinken wird angeboten von Michas Essen & Trinken. Parken ist im Umfeld schwierig; evtl. in der Rat-Beil-Strasse (entlang der Friedhofsmauer).

Anliegen der Philosophiewerkstatt ist es, ein philosophisches Gespräch zu ermöglichen, in dem die Fragen der TeilnehmerInnen versuchsweise zu Begriffsnetzen verknüpft werden, die in Beziehung gesetzt werden zum allgemeinen Denkraum der Philosophie, der Wissenschaften, der Kunst und Religion. Im Hintergrund stehen die Reflexionen aus dem Blog cognitiveagent.org, das Ringen um das neue Menschen- und Weltbild.

PROGRAMMVORSCHLAG

Nach der Sommerpause ist dies die erste Veranstaltung der philosophieWerkstatt, nunmehr in der dritten Auflage. Normalerweise gibt es einen Themenvorschlag aus der letzten Sitzung. Für diese erste Sitzung war das Thema offen. Angeregt durch vielerlei Faktoren werde ich diese Sitzung mit dem Thema einleiten:

WISSEN, WISSENSCHAFT und OFFENBARUNGSRELIGIONEN (Judentum, Christentum, Islam) – ANNÄHERUNG AN EIN TRAUMA

Letzter Anstoss zu diesem Thema war möglicherweise die Lektüre des Buches von Pohlmann zur Entstehung des Korans. Grundsätzlich sehe ich im Verhältnis von Wissen und moderner Wissenschaft gegenüber den großen drei Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam eine Art Trauma vorliegen: es gibt heute beides, die Wissenschaften und das Wissen einerseits sowie die großen Offenbarungsreligionen. Aber ihr Verhältnis ist gezeichnet von tiefen Verletzungen auf Seiten der modernen Wissenschaften und durch extreme Verdrängungen auf Seiten der Offenbarungsreligionen. Der Modus der Koexistenz in europäischen Gesellschaften erscheint eher gezwungen zu sein anstatt lebendig und einer natürlichen Einstellung entspringend. Ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler, der das Thema Religion noch für wichtig hält. Ich kenne zugleich keinen einzigen engagierten Gläubigen (Juden, Cristen, Muslime), der ein wirklich offenes und positives Verhältnis zur modernen Wissenschaft hat. Psychologisch liegen hier tiefe Verletzungen und Verunsicherungen vor, die ein wirkliches Gespräch blockieren.

In der Philosophiewerkstatt am 8.November möchte ich mich diesem europäischen Trauma ein wenig annähern, wohl wissend, dass dieses Thema so groß und vielschichtig ist, dass wir zunächst keine zu großen Erwartungen haben sollten.

Als Programmablauf wird vorgeschlagen:

1. Begrüßung
2. Kurzeinführung durch Gerd Doeben-Henisch
3. Gemeinsame Reflexion zum Thema mit begleitender Erstellung eines gemeinsamen
Begriffsnetzwerkes.
4. ‚Blubberphase‘ – jeder kann mit jedem reden, um das zuvor gesagte ‚aktiv zu verdauen‘
5. Schlussdiskussion mit Zusammenfassung der Ergebnisse

Einen Überblick über alle Beiträge zur Philosophiewerkstatt nach Themen findet sich HIER

SÄKULARES GLAUBENBEKENNTNIS? Ein Telefonat und ein Soundtrack vom April 2014

1. Seit dem Besuch des ersten religionspolitischen Kongresses der GRÜNEN gab es sehr viele anregende Impulse. Einer berührt das Thema ‚Säkularisierung‘. Im letzten sehr langen Telefonat mit einem Mitglied der säkularen GRÜNEN skizzierte dieser das Spektrum der verschiedenen Bewegungen und Initiativen, die sich in Deutschland irgendwie der Wortmarke ’säkular‘ zuordnen lassen. Nach einem beeindruckenden Überblick entstand unter dem Strich der Eindruck, dass alle diese verschiedenartigen Bewegungen irgendwie mit der Kritik an den bekannten Religionen auch gleich ‚Gott selbst‘ eliminiert hatten und haben. Am radikalsten vielleicht die ‚Naturalisten im engeren Sinne‘ mit einer ‚Geist- und Gottfreien Materie‘.

2. Im Hin und Her des Gesprächs deutete sich an, dass wir der Überzeugung sind, dass eine Kirchen- und Religionskritik nicht automatisch auch eine ‚Abschaffung Gottes‘ impliziert, da ‚Religiosität‘ etwas so Fundamentales in Empfinden der Menschen ist, dass diese Empfindsamkeitsstruktur nicht schon durch Kritik an institutionellen Fehlformen von Religion betroffen sein muss (was im übrigen die Frage, ob und wie ‚Gott‘ sei, noch weitgehend im Hintergrund lässt).

3. Auch bieten die neuen Entwicklungen in der Wissenschaft sowie der Wissenschaftsphilosophie neue Ansatzpunkte, um die schroffe Gegenüberstellung von naturwissenschaftlichem Wissen hier und religiösem Weltverständnis dort zumindest in Frage zu stellen (ein Thema in diesem Blog seit langem).

4. Dazu kommt, dass – zumindest im Bereich der christlichen Kirchen, und hier besonders im Bereich der römischen Papstkirche – das Verhältnis zwischen ‚kirchlichem Amt‘ und ‚Spiritualität‘ – also eigener religiöser Erfahrung – seit Anbeginn problematisch war. Spätestens ab dem 5. Jahrhundert befand sich das religiöse Empfinden des einzelnen unter der vollständigen Kontrolle des Amtes. Was immer ein einzelner erleben mochte, es spielte künftig keine Rolle mehr. Es galt nur noch das, was dem Amt ‚genehm‘ war. Abweichungen wurden mit Bestrafung oder direktem Ausschluss bzw. mit dem Tod bestraft.

5. Ein prominentes Opfer dieser Verhältnisse ist der Jesuitenorden. Lange Zeit und für Viele galten die Jesuiten als besonders papsttreu und ’nah an der Macht‘. Die Wahrheit ist aber komplexer.

6. Es stimmt, dass die Jesuiten aufgrund ihrer Ordenssatzung sich dem Papst direkt ‚unterworfen‘ hatten, und es stimmt, dass diese ‚Unterwerfung‘ von ihrer Spiritualität weitgehend gedeckt wurde.

7. Was man aber nicht übersehen sollte, ist, dass das Spiritualitätsmodell der Jesuiten – soweit man es an der Autobiographie des Ordensgründers Ignatius von Loyola und seinem konkreten Wirken (und dem seiner Ordensmitglieder) ablesen kann – vom Ansatz her hochmodern ist, ganz und gar erfahrungsbasiert, und ein Modell darstellt, wie es jeder Mensch – auch heute – praktizieren könnte. Dieses Modell war so leistungsfähig, dass die Jesuiten im 16. und 17.Jahrhundert in der Lage waren, in allen Kontinenten Sprachen zu lernen, sich neue Kulturen anzueignen, sich anderen Lebensformen anzupassen, neue Gesellschaftsformen zu erfinden, also auf breiter Front Dinge zu tun, die mit dem damaligen engen Kirchen- und Religionsverständnis eigentlich nicht vereinbar waren. Diese Kreativität und Dynamik wurde ihnen dann schließlich zum Verhängnis, als die Differenz zu anderen ‚konkurrierenden‘ Orden und zu verschiedenen staatlichen Machtpositionen zu groß wurde. Es kam zum ersten weltweiten Verbot des Ordens ohne einen wirklichen Prozess, für viele völlig überraschend, verbunden mit Einkerkerungen und Tod.

8. Man kann natürlich die Frage aufwerfen, warum die Jesuiten, wenn sie doch so eine großartige Spiritualität hatten, dann nicht die Problematik der römischen Papstkirche erkannt und daraus ihre Konsequenzen gezogen haben? Eine Antwort auf diese Frage würde es erfordern, tiefer in dieses Spiritualitätsmodell einzusteigen, was an dieser Stelle jetzt nicht geschehen soll. Fakt ist nur, dass auch das jesuitische Spiritualitätsmodell von jedem einzelnen mehrjährige ‚Lernphasen‘ abverlangt in Wechselwirkung mit kognitiver Verarbeitung. Die Erfahrung der ‚Nähe Gottes‘ ersetzt keine analytische Erkenntnis! (Dies erklärt auch, warum Mohammed als Prophet sehr wohl unmittelbare Gotteserfahrungen gehabt haben kann ohne deswegen zugleich auch die volle Weite der möglichen analytischen Erkenntnisse besessen zu haben. Schon die großen islamischen Theologen des 11. Jahrhunderts gingen weit über Mohammed hinaus. Aber auch hier gilt: die mögliche berechtigte Kritik an Aussagen eines Menschen ändert nichts an der Tatsache, dass dieser Mensch genuine, authentische Erfahrungen gemacht haben kann, die für diesen Menschen sehr wichtig waren).

9. Außerdem sollte man bedenken, dass das allgemeine ‚religionsunabhängige‘ wissenschaftliche Weltwissen sich ja auch erst – nimmt man das Wirken von Galilei als einen Bezugspunkt – über ca. 350 Jahre mühsam im direkten Kampf gegen die römische Papstkirche entwickeln musste, d.h. selbst wenn es eine ’spirituelle Richtung‘ gegeben haben mag, ein ‚passendes Wissen‘ war schwer verfügbar.

10. Das, was man exemplarisch an der Geschichte des Jesuitenordens beobachten kann, kann man weitgehend auf alle Menschen in der römischen Papstkirche übertragen, die versucht haben, eine eigene, authentische Spiritualität zu leben: entweder mussten sie die Kirche verlassen oder die eigene Spiritualität so weitgehend verleugnen, dass von der Sprengkraft, die einer authentischen Spiritualität innewohnt, nicht mehr viel übrig blieb. Verständlicherweise ist diese destruktive Wirkung einer Amtskirche auf die Spiritualität ihrer Mitglieder in der offiziellen Theologie nie untersucht worden.

11. Im übrigen steht im Raum, dass dieses negative, menschenverachtende Verhalten gegenüber der individuellen Erfahrung – wie wir mittlerweile wissen können – ein durchgehender Zug vieler (aller?) organisierter (Offenbarungs-)Religionen ist, und sich auch in politischem Kontext in allen Staaten wiederfindet, die versuchen ohne demokratische Strukturen mit purer Macht die Bürger zu befehligen und zu bevormunden. Pluralität, Pressefreiheit, Toleranz usw. sind äußere Kennzeichen einer Gesellschaft, in der die subjektive Erfahrung des einzelnen – zumindest im Ansatz und grundsätzlich – akzeptiert und geachtet wird. Die formale Trennung von Staat und Religion in demokratischen Staaten ist daher nicht ein ‚weniger an Religion‘, sondern die einzige Voraussetzung für eine ‚wahre Religion‘, die in der Subjektivität des einzelnen wurzelt.

12. Allerdings kann man den Eindruck haben, dass die Bürger demokratischer Staaten, die sich von erfahrungsfeindlichen Religionen gelöst haben, deswegen nicht automatisch zu ihrer eigenen, authentischen Religiosität finden. Die negativen Beispiele der organisierten Religionen können – trotz Ablehnung – so blockierend wirken, dass trotz der Ablehnung von etwas Menschenfeindlichem deswegen noch nicht der Blick, das Gefühl, der Verstand frei ist für die konstruktive Alternative (in diesem Sinne kann/ muss man fragen, ob nicht die offiziellen Religionen selbst das größte Hindernis sind, um zur eigenen, wahren Religiosität zu finden? Natürlich haben die bekannten Religionen auch Großartiges hervorgebracht; das macht die Sache nicht einfach).

13. Hier wäre viel zu tun. Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, ob und wie wir alle in diesen Fragen weiterkommen werden. Aktuell kann man den Eindruck gewinnen, dass die ‚Regression‘ auf die alten, menschenverachtende Religionsmuster mehr Attraktivität besitzen als der Aufbruch in eine neue Religiosität, die dort beginnt, wo die Aufklärung, die Wissenschaft, die demokratischen Staatsformen uns hingebracht haben, in einen Raum, in dem individuelle, subjektive Erfahrung geduldet, gefördert und offiziell geschützt wird, begleitet von einem großartigen empirischen Wissen über die Welt im Universum, eingebettet in neue globale Kommunikationsformen.
14. Angeregt durch diese Gedanken fiel mir ein Soundtrack auf, den ich im April 2014 aufgezeichnet hatte und der im Kontext dieser Gedanken eine Anregung für ein ’säkulares Glaubensbekenntnis‘ sein könnte. Hier der Soundtrack (Warnung: Laufzeit 18 Minuten! Eine entspannte, ruhige Situation wird empfohlen):

15. Soundtrack vom April 2014: Säkulares Glaubensbekenntnis?.

16. ANMERKUNG: Der Soundtrack wurde nach der Methode ‚radically unplugged‘ generiert. Diese Methode hat einen direkten Bezug zum Thema dieses Blogeintrags, da die radically unplugged Methode hier einen Musikbegriff repräsentiert, der sich gegen die etablierten Dogmen von Musik stellt und den einzelnen mit seiner Subjektivität zur primären authentischen Quelle von Musik erklärt. Radically unplugged Aufnahmetechnik bedeutet, dass jeder jederzeit jede Art von Klang erzeugen und aufzeichnen kann, Manipulationen vornehmen kann, und der entstehende Klang ist immer ‚richtig‘. Natürlich kann man solche Radically Unplugged Musik (= RUM) dann nach beliebigen Kriterien diskutieren, und natürlich wird es immer Menschen geben, die aufgrund von spezieller Begabung und langjährigem Training bestimmte Klänge hervorbringen, die ohne diese Begabung und Motorik von keinem anderen live so hervorgebracht werden können. Dennoch erscheint es mir falsch, solche – irgendwo bewunderungswürdigen – Leistungen zum einzigen Maßstab zu erklären. Ziel sollte es sein, dass jeder angeregt wird, seine individuelle Klangfähigkeit zu entwickeln, da sie, wie Lesen und Schreiben, zu Grundfähigkeiten des individuellen Selbsterfahrens und Kommunizierens gehören.

17. Im übrigen leben wir in einer Zeit, in der die moderne Technik es möglich macht, dass jeder einzelne auch ohne reale Orchester und teuerste Instrumente heute Klangräume durchwandern kann, die weit über das hinaus gehen, was klassische Musikinstrumente ermöglicht haben. Die junge Generation hat dies vielfach schon erkannt und geht hier unbekümmert neue Wege, abseits der ‚Feuilletonpäpste‘ und ‚Radiooberlehrer’…

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge von cagent nach Titeln findet sich HIER.

KONSTANTIN WECKER – MÖNCH UND KRIEGER – LAUNIGE ANMERKUNGEN

Konstantin Wecker, „Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.“, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2014

LAUNIG: REALER MÖNCH GEGEN VIRTUELLEN MÖNCH

Normalerweise schreibe ich Nachbetrachtungen zu einem Buch nur, wenn ich es – aus meiner beschränkten Sicht — entweder eindeutig ‚gut‘ fand, packend, spannend, kenntnisreich, irgendwie ‚mich weiterbringend‘ (was immer sehr subjektiv ist). Die anderen Bücher lege ich ansonsten sehr oft schon nach ein paar Seiten zur Seite oder – sollte ich mich dennoch bis zum Ende ‚durchgequält‘ haben –, lege sie irgendwo weg, weit weg, um den Kopf für etwas ‚Neues‘ frei zu bekommen. Im Fall des Buches von Konstantin Wecker hat mich zugegebenermaßen der Untertitel angezogen, die Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt. Klingt dies doch vertraut aus Sicht dieses Blogs. Der Haupttitel ‚Mönch und Krieger‘ hat bei mir hingegen eher ‚Alarmglocken‘ schrillen lassen; war ich doch selbst mehr als 22 Jahre ‚realer‘ Mönch gewesen, der sich auch irgendwie als ‚Krieger‘ verstand, und – das ist natürlich ein Zufall des Lebens – ich kann mich erinnern, dass ich nach meinem ersten (und einzigen) Weckerkonzert (muss in der Zeit 1970 – 1972 gewesen sein) als junger radikaler Mönch irgendwann in einem Keller auf einer Gitarre, die Passanten auf der Straße damit verwirrt haben muss, ein Anti-Wecker Lied gesungen zu haben. Aus Sicht eines ‚realen Mönches‘ bot der junger Konstantin Wecker ja genug Stoff, sich aufzuregen. Seitdem hatte ich mich mit Konstantin Wecker eigentlich nie wieder beschäftigt. Nun, nachdem ich seit fast 25 Jahren kein klassischer Mönch mehr bin, bekomme ich das Buch von Wecker geschenkt und lese, dass er sich mittlerweile ein bisschen – oder auch viel mehr — wie ein ‚Mönch‘ sieht, … und wie ein Krieger. Das ist ein Setting, das neugierig machen kann. Außerdem war es unmittelbar vor der Abreise in einen Kurzurlaub; na ja, ich habe tatsächlich angefangen zu lesen.

RAUSCHENDE vs. QUÄLENDE LEKTÜRE

Ich muss bekennen, dass ich (sicherheitshalber) noch ein zweites Buch eingepackt hatte; man kann ja nie wissen (das war das Buch Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur Broschiert von R.Bergmeier). Um es vorweg zu nehmen, ich habe das Buch von Konstantin Wecker gelesen, sogar ganz gelesen, allerdings mit viel Mühe und ab der Mitte nur mithilfe von Tricks. Als ich in der Mitte irgendwie die Lust verloren hatte (siehe unten, warum), versuchte ich mein Interesse am Leben zu erhalten, indem ich vom Schluss her weitergelesen habe; ja, das hat geholfen. Dieses letzte Kapitel, eine Koproduktion zusammen mit Prinz Chaos II. vom September 2013 (damals als freies eBook), ist ein engagierter Aufruf für eine Revolte eingebettet und motiviert durch eine Zusammenstellung sehr vieler Schwachstellen, Kritikpunkte und Defizite an der aktuellen Gesellschaft, lokal wie global. Dieses Kapitel ist engagiert geschrieben, bietet viele reale und kratzende Fakten, und gibt sogar Hinweise für Lösungsansätze. (vgl. SS. 231 – 278) Mit diesem inspirierenden Kapitel im Rücken habe ich versucht, von hinten rückwärts bis in die Mitte vorzudringen (so, wie man ja Tunnel von den beiden Endpunkten aus anfängt, um sich dann in der Mitte zu treffen …). Ja, ich kam bis zur Mitte. Allerdings verfestigte sich bei mir der Eindruck, dass das Buch als Ganzes keine wirkliche Struktur hat, trotz Inhaltsverzeichnis. Zum Vergleich: möglicherweise nicht ganz fair, aber mein ‚zweites‘ Buch im Gepäck, das oben erwähnte, von Bergmeier, habe ich dann quasi in einem Rutsch gelesen. Die erste Hälfte an jenem Abend in der weitgehend menschenleeren Hotelhalle in Oulu (Finnland, ca. -10C, starker Schneefall), den zweiten Teil am nächsten Tag in der Wartehalle des Flughafens Helsinki, während die anderen sich in der Stadt herumtrieben. Ich konnte nicht aufhören.

EINE BRODELNDE AMORPHE MASSE

Schaut man sich die Kapiteln einzeln an, so haben sie alle spannende Überschriften und meistens auch interessante Aspekte, Fakten, anregende Gedanken, z.T. sehr Persönliches. Aber diese viele – für sich wunderbaren – Dinge sind in einer Weise angeordnet, dass es – für mich – schwer ist, darin irgendeine Struktur, irgendeine mitreißende Bewegung zu erkennen. Dazu kommt, dass die fehlende Struktur zu vielen Wiederholungen von Themen führt. So kommt praktisch in jedem Kapitel irgendetwas Persönliches, autobiographisches von Konstantin Wecker vor, aber immer nur häppchenweise. Oder immer wieder etwas über die Gesellschaft, oder die Spiritualität, aber nicht zusammenhängend, nicht in einer Struktur,… Vielleicht liegt dies auch daran, dass – wie Roland Rottenfusser im Nachwort durchscheinen lässt –, dieses Buch nicht als Einheit von Konstantin Wecker geschrieben wurde, sondern – so verstehe ich den Text – es sehr viele Textfragmente, Lieder und Gedichte von Konstantin Wecker gab, die dann zu diesem Buch von Roland Rottenfusser ‚zusammengestellt‘ wurden. Die aktuelle ‚verstreute‘, ‚mosaikhafte‘ Anordnung der Inhalte nimmt dem Buch viel von seiner Wirkung, die es haben könnte, wären die Themen besser strukturiert und besser kontextualisiert.

DER MENSCH WECKER

Da meine Kenntnis von Konstantin Wecker zu Beginn der Lektüre in nahezu Nichts bestand, nur diese vage Erinnerung an meine damalige Aufregung als junger Realmönch über den jungen Real-Wecker (ohne irgendwelche Details der Erinnerung), war eigentlich jeder Satz, jede Bemerkung, die Wecker in seinem Buch über sich selbst schreibt neu und interessant. Seine Einzelsohn-Mutterbeziehung; die zwiespältige Beziehung zum Vater; das Introvertiertsein mit wenigen Freunden; sein Hang zum Auftritt; seine Diebstahlkarriere; Strassenkreuzer; Umgang mit Zuhältern; teure Klamotten zum Auffallen; dem Hang, andere zu verletzen; sein Drogenproblem … Dinge, die man nicht unbedingt schreiben müsste, aber er schreibt sie. Man kann dies als Ehrlichkeit auslegen, als Wahrhaftigkeit. Für den Leser bleibt es ambivalent; wie ist der wirkliche Konstantin Wecker? Ist er eher weiterhin der sehr Selbstbezogene, Eitle, Unempathische, der mit diesen Bekenntnissen doch wieder nur nach Bewunderung heischt (schaut mal, ich war so schlecht; jetzt aber bin ich so gut), oder mittlerweile tatsächlich der Veränderte, Geläuterte, Aufgewachte, Verantwortunsgvolle, der mit all dem anderen Mut machen möchte, die sich aktuell noch ‚verrannt‘ haben und am Beispiel von Konstantin Wecker sehen können, dass es andere Wege gibt, dass eine andere Zukunft möglich ist?

SPIRITUALITÄT

Von den vielen Themen, die Konstantin Wecker in seinem Buch anspricht, sticht eines sicher besonders hervor, da es im Kontext von Welt, Politik, Revolution eher selten zu finden ist: das Thema ‚Spiritualität‘. Seine Einstieg in die Spiritualität scheint – nach seinen Worten – sein Gefängnisaufenthalt aufgrund seines Drogenkonsums gewesen zu sein und das ganze ‚Drum Herum‘ um dieses Ereignis. Die Erfahrung, ‚dies alles nicht mehr zu brauchen‘, kann Frieden schaffen, Kraft geben, in sich selbst. (vgl. S.110) An anderen Stellen spricht der davon, dass Revolution im Innern beginnen muss. (z.B. S.174) Dass er auch keinen Gegensatz sieht zwischen Spiritualität und der Natur, dem Denken, der Politik. (z.B. SS.194ff) Man muss das Selbst zulassen. Und auch die Kunst ist für ihn ‚Mystisch‘, stellt sich für ihn dar als eine Vereinigung von ‚Quelle‘ und Inspiriertem. (vgl. 200f) Institutionalisierte Religionen erscheinen Wecker wenig hilfreich. Es ist vornehmlich die Stille in der man zu sich finden kann; Lärm und Getöse lenken ab. Wie gut, dass man ein Haus in der Einöde der Toskana hat. (vgl. 201f) Die Essenz der Mystik findet sich im Moment der Einheit, des Wissens um die Verbundenheit. (vgl. 203,205) Eine Spiritualität braucht aber auch die Tat, die aus der Freiheit von Angst entstehen kann. (vgl. 206) Dies sind einige der Gedankensplitter zum Thema Spiritualität, die sich im Buch finden, verstreut über verschiedene Kapitel und in variierenden Kontexten. Es gibt viel mehr Stellen. Man kann den Eindruck bekommen, dass real erlebte und praktizierte Spiritualität für Konstantin Wecker sehr wichtig ist; er vermittelt auch den Eindruck, dass er einerseits ’scheu‘ ist, darüber im Detail zu reden, um nicht seine Subjektivität zum Maßstab für andere zu machen, dass er aber doch von der Realität und Kraft der spirituellen Erfahrung so überzeugt ist, dass er sie mit vielem (allem?) in seinem Leben in Beziehung setzt. Allerdings wird es nicht so konkret, dass man daraus ‚Handlungsanregungen‘ für den eigenen Alltag ableiten könnte.

KUNST ALS INSPIRATION

Wahre Kunst sieht er (siehe oben) letztlich auch im Mystischen verwurzelt, dort, wo die Einheit zwischen der ‚Quelle‘ und dem Künstler real wird. In diesem Sinne sieht er sich als Künstler, in dem sich Klänge und Worte so formen, dass sie es ihm ermöglichen, mit seinem Publikum in einen Energieaustausch zu treten aufgrund der inneren Einheit, die zwischen Hörendem und Produzierendem entsteht. (vgl. S.200f)

EINIGE ANMERKUNGEN

SPITZE DES EISBERGS

Diese wenigen Worte zuvor erschöpfen die Vielzahl der Ideen und Inhalte nicht, die der Text des Buches bietet. Es ist letztlich nur die eigene Lektüre, die den Eindruck vermittelt, den jeder – meist ganz anders als die anderen – dann bei seiner Lektüre bekommen kann.

ERMUTIGEND

Überwiegend empfand ich es als anregend, ermutigend, als positiv mit welcher Konkretheit und Klarheit Konstantin Wecker gesellschaftliche Missstände anprangert, wie offen er über viele seiner Empfindungen und Gedanken spricht. Auch das klare Ja zu einer Spiritualität ist nicht selbstverständlich, erst recht nicht in der un-esoterischen Art in der er einen Einklang von Wissen (Wissenschaft) und Gefühl sieht und fordert, auch die klare Einheit von Spiritualität und Tat.

KIRCHENKRITIK

Letztlich kann ich es von meiner Seite auch nur unterstreichen, dass wir bei aller Kritik an den institutionalisierten Religionen mit dieser Kritik nicht zugleich das opfern, was uns alle, jeden einzeln, zentral ausmacht, unsere eigene Subjektivität, unser Selbst, unser Bewusstsein als authentischem Raum von Wirklichkeitserfahrung, als der einzigen Quelle von Wahrheit und Sinn, die es auf diesem Planeten gibt. Jenseits des biologischen Lebens gibt es zwar ein real existierendes Universum, aber ‚Erfahrung‘ dieses Universums, ein ‚Bild‘ von diesem Universum existiert nur in den biologischen Lebensformen (bislang), und hier am weitesten entwickelt im homo sapiens, also bei uns. Wenn wir uns selbst in dieser uns ‚durch das Leben zugewiesenen‘ Aufgabe nicht wahr- und ernstnehmen, dann sägen wir quasi den Ast ab, auf dem wir sitzen. Aus der Ablehnung gewisser Deutungen, die sich ‚religiös‘ nennen oder ‚theologisch‘, folgt nicht zugleich auch notwendigerweise, dass die grundsätzliche Frage nach einem gemeinsamen Urgrund, einem gemeinsamen Zusammenhang, nach einem alles durchdringenden Sinn automatisch erledigt sei.

SÄKULARE SPIRITUALITÄT

Die modernen demokratischen Gesellschaften tun sich allerdings schwer, ‚post-institutionell-religiös‘ ein neues Selbstbewusstsein, eine neue post-religiöse Spiritualität zu entwickeln, die das ‚Innere der Dinge‘, das ‚Innere von jedem‘ so zur Erfahrung bringt, dass jeder einzelne in seinem Alltag daraus Kraft ziehen kann. Die ‚Angstfreiheit‘, die Konstantin Wecker treffend notiert, ist die Voraussetzung für jene Gestaltung unserer Welt, die dann vielleicht ‚zukunftsfähig‘ ist. Allerdings, das lernen uns die SelbstmordatentäterInnen der Gegenwart, die Angstfreiheit an sich kann zerstörerisch wirken, wenn sie nicht gepaart ist mit einer grundsätzlichen Wertschätzung anderer Menschen und nicht mit einem hinreichen Wissen um die Welt wie sie ist, wie sie sein könnte, und wie wir sie gemeinsam gestalten möchten. Der ungeheure kulturelle Höhenflug der arabisch-islamischen Kultur in der Zeit 700 – 1400 war nicht primär begründet im Islam als solchen, sondern in der Tatsache, dass die damaligen arabisch-islamischen Herrscher ein außergewöhnlich positives Verhältnis zu einem umfassenden Wissen aus allen Kulturen und allen Sprachen hatten, eine Aufgeschlossenheit für Handwerk, Technik, Handel, Infrastrukturen, Gesundheit, und zu einer umfassenden Toleranz gegenüber Menschen mit anderen Glaubens- und Weltanschauungen. Dies führte zu einem umfassenden Wohlstand für alle (!), zu Frieden, zur beständigen Weiterentwicklung aller gesellschaftlicher Bereiche. Daneben ein 500 Jahre andauernder Verfallsprozess in den westlichen europäischen Ländern, tiefste Finsternis und Unwissenheit durch Fanatismus, durch Ablehnung von Wissen, durch Verweigerung eines allgemeinen Staates für das Wohlergehen für alle.

JEDER IST AUTHENTISCH

Es ist nicht das Label ‚Religion‘ oder ‚religiös‘, das Wahrheit und Wohlergehen für alle befördert, sondern nur die Wahrheit und das Leben selbst. Jeder von uns ist authentischer Teil dieses Lebens, und nur wenn wir uns als einzelne und zusammen darin wahrnehmen, uns ernst nehmen, uns das Leben unvoreingenommen anschauen, es verstehen und gemeinsame gestalten, nur dann kann Leben stattfinden und sich zukunftsfähig entwickeln. Für mich liegt Konstantin Wecker auf dieser Linie. Deswegen empfinde ich sein Buch – trotz seiner chaotischen Struktur – positiv stimulierend.

KRITIK AN WECKERS MUSIK-KUNST-AUFFASSUNG

Mit seiner Auffassung von Kunst und seinen Liedtexten kann ich nicht viel anfangen. Das muss ja auch nicht sein. Allerdings finde ich, dass er in Sachen ‚Klängen und ‚Texten‘ dann auch ‚toleranter‘ sein sollte als er rüberkommt. Genauso, wie es eine institutionalisierte Form von Religiosität gibt gibt es auch institutionalisierte Formen von Kunst im allgemeinen und bildende Kunst und Musik im Besonderen. Allein schon die Geschichte und auch die Kulturvergleiche zeigen, wie unterschiedlich Menschen Klänge erlebt haben, gestalten und nutzen. Und ich empfinde das ‚Überschreiten‘ von bekannten Formen – selbst wenn es zu Beginn vielleicht wenig ‚Sinn‘ zu machen scheint –, auch als eine Form von Kunst, eine ‚Arbeit des sich Befreiens‘, ein ‚Wagnis von Neuem, Unbekannten‘. Es verlangt nicht nur Mut, sich für eine Demonstration auf die Straße zu stellen oder in einer Wissenschafts-Community eine neue These aufzustellen, sondern es verlangt auch Mut, in der Musik neue Muster auszuprobieren. Der etablierte Musikbetrieb mit seinen fixierten Orchestern bietet sicher höchstentwickelte ‚Handfertigkeiten‘ im Bedienen der Instrumente und im Abspielen von Noten. Diese ‚Handfertigkeiten‘ können nur wenige über viele Jahrzehnte erlernen. Was ist aber mit der ‚Musik für alle‘? Ist der ’normale‘ Mensch ein musikalischer Bürger dritter Klasse wie im westlich-christlichen Mittelalter, in dem Menschen jenseits von Adel und Kleriker letztlich keine Menschen waren; sie mussten nicht lesen und schreiben können. Spricht man den ’normalen‘ Menschen das Recht auf Musikerleben durch selber Musikmachen ab? Ist nur das Musik, was einige wenige sich ausdenken und dann massiv über kontrollierte Kanäle täglich immer wieder neu spielen. Hier würde mir bei Konstantin Wecker ein bisschen weniger Kunstpathos besser gefallen, gerade auch wenn man die Spiritualität ernst nimmt, die er propagiert. Die jungen Leute heute begreifen dies immer mehr, und wenn man sieht, was jeden Tag hier auf vielen Webplattformen an Musik aufpoppt, das ist schon grandios, zumindest schon mal als ‚Lebenszeichen vieler suchender Seelen‘; vielleicht gibt es auch so etwas wie eine ‚Underground-Spiritualität‘, sie ist da, aber keiner redet davon ….

Hier zwei (authentische) Klangexperimente auf der Suche nach Klängen, in einer finnischen Blockhütte, umgeben von Schnee, zusammen mit anderen, nur mit einem Laptop (unromantisch?), dennoch unterwegs ‚im Klang‘:

  1. Klangexperiment 1

  2. Klangexperiment 2

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

PS: Seit einiger Zeit habe ich ein Twitter-Konto aktiviert; cagentArtist auf Twitter… Name leider nicht ganz exakt, da der Autor von cognitiveagent.org das Pseudonym ‚cagent‘ hat und ‚cagentArtist‘ ist das Pseudonym des Künstlers von cagentartist.net …. Die Netzwelt ist kompliziert ….

GOTT OHNE KIRCHE? Warum es dennoch immer Kirchen geben wird

GOTTUNMITELBAR FÜR JEDEN

Wenn die Überlegungen aus dem letzten Blogeintrag stimmen, dann ist jeder Mensch ‚gottunmittelbar‘, und nicht nur jeder Mensch, sondern jede Lebensform in diesem Universum, letztlich jedes Molekül, jedes Atom, alles.

WORTMARKE ‚GOTT‘

Dabei, das sei nochmals erwähnt, ist das mit der Wortmarke ‚Gott‘ Gemeinte aus sich heraus zunächst nicht klar bestimmt. Wie schon die vielen verschiedenen Namen für Gott in den verschiedenen Sprachen andeuten (‚Gott‘, ‚deus‘, ‚theos‘, ‚Elohim‘, ‚Jhw‘, ‚Allah‘, ….) ist die Wahl der Wortmarke fast ein bischen beliebig (wie bei jeder Wortmarke in einer Sprache), und was die einzelnen Sprecher in ihrer jeweiligen Verwendung dieser Wortmarke damit jeweils ‚meinen‘, das ist zunächst niemals klar. Selbst in einem historisch gewachsenen Interpretationsraum wie dem Christentum (oder dem Judentum, oder dem Islam, oder….) kann es (wie jeder in der Geschichte der Bibelauslegung beispielsweise nachlesen kann) zu tausenderlei verschiedenen Interpretationen des gleichen Textes kommen und jeder kann im Brustton der Überzeugung sagen, ‚meine‘ Interpretation ist ‚richtig‘. Das liegt daran, dass im Falle von Religion/ Glauben der Fluchtpunkt der Bedeutungen irgendwo ‚im Innern eines jeden Menschen‘ liegt, zugleich aber auch in der ‚Menge aller Handlungen‘ bzw. im ‚Gesamt des ganzen Universums‘. Welche speziellen Bezugspunkte hier jemand jeweils wählt, hängt ganz und gar von dem jeweiligen Interpreten ab (ich kenne keine einzige theologische Interpretation, die von Kriterien abhängt, die man ‚hart‘ entscheiden könnte).

NUR EIN EINES

Sofern die verschiedenen Wortmarken ‚Gott‘, … irgendwie auf jene Superwirklichkeit abzielen (sie unterstellen, sie annehmen, sie für möglich halten….), die ‚hinter allem‘ steht, die ‚alles hervorgebracht‘ hat bzw. beständig alles ‚hervorbringt‘, sozusagen der klassische ‚Schöpfer‘ (creator) (hebräisch z.B. ‚barah‘), kann es natürlich nur ‚eine‘ geben. D.h. welche Wortmarke man auch immer benutzen mag, sofern man sie in diesem einen Sinne benutzt, kann man nur das gleiche Eine meinen, nämlich diese schöpferische Superwirklichkeit, aus der wir alle hervorgegangen sind und in deren andauernder Gegenwart wir uns befinden. So viele verschiedene Wortmarken wir auch in den verschiedenen Sprachen generieren mögen (im hebräischen Alten Testament gibt es z.B. mindestens zwei verschiedene: ‚Elhm‘ und ‚Jhw‘), um diese eine Superwirklichkeit zu benennen)(die hebräisch-aramäischen Worte Jesu sind uns nicht überliefert; die griechischen Autoren des Neuen Testaments legen ihm aber Worte in den Mund wie ‚theos‘, ‚pater‘,…), sofern es um die letze, alles umfassende Wirklichkeit geht, kann es (nach heutigem Wissen) nur eine einzige geben.

RELIGIOSITÄT UNIVERSELL?

Die Entwicklung des Universums, unserer Milchstraße, unseres Sonnensystems, unserer Erde, des Lebens auf der Erde — unser aller Lebens — zeigt, dass z.B. alle lebenden Menschen aus den gleichen Vorläuferorganismen hervorgegangen sind und dass entweder niemand einen Kontakt zur allumfassenden Superwirklichkeit hat oder jeder. Das Auftreten von religiösen Verhaltensweisen im Umfeld der Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten zeigt, dass das ‚Wissen‘ um den größeren Zusammenhang quasi ‚in jedem Organismus steckt. Je ‚bewusster‘ ein Organismus sein kann, um so expliziter und ausgeprägter kann sich dieses allem innewohnende Verbundenheit ‚zeigen‘. Und, wie die unzählig vielen Zeugnisse aus allen Kulturen zeigen, berichten so viele Menschen von ‚ihrer Beziehung zu Gott‘. Aufgrund der spezifischen Art und Weise der hier involvierten ’subjektiven Wirklichkeiten‘ ist es natürlich schwer bis unmöglich, diese Aussagen direkt zu vergleichen. Aber als Verhaltensphänomene sind sie manifest.

DAS ANDERE ALS PRINZIP

Im übrigen gilt hier auch das ‚Erfahrungsprinzip‘; zwar nicht so reduziert wie im Falle der empirischen Wissenschaften, wo das Messen genialerweise auf solche Vergleichsprozesse eingeschränkt wurde, die sich unabhängig von den subjektiven Zuständen einer menschlichen Person unter den gleichen Bedingungen reproduzieren lassen müssen, sondern in einem verallgemeinerten Sinne, dass jeder Mensch mit seinem Körper (die Frage ist, wie viele Arten von körperlichen Einschränkungen bleiben ohne Einfluss) subjektiv Erlebniszustände haben kann, die auf unzählbar vielen Faktoren zurückgehen können (Bei der Entschlüsselung dieser Erlebniszustände und deren Verursachung steht die Wissenschaft ganz am Anfang, und beschränkt sich bislang auch weitgehend auf partielle Aspekte des Gehirns). Die wenigen Texte von großem Mystikern, die ich intensiver über Jahre lesen konnte, sind sich darin einig, dass diese eine Superwirklichkeit sich jedem Menschen jederzeit mitteilen kann, wenn diese Superwirklichkeit will (ein Ignatius von Loyola nennt Erlebniszustände dieser Art ’sine causa‘, d.h. zwar verursacht, aber nicht durch die Kausalketten der uns umgebenden körperlichen Welt). Man kann diese Art von Erlebniszuständen ’nicht erzwingen‘ (auch kein Papst, oder Bischof oder welche Art von religiösem Funktionär auch immer). In dieser Unabhängigkeit vom individuellen Wollen zeigt sich eine Art von ‚Andersartigkeit‘, die diese Erlebniszustände mit allen ‚empirischen‘ Phänomenen teilen. Sie sind zwar (zumindest mit den bisherigen Messmethoden) nicht intersubjektv (= empirisch) messbar, aber sie sind nicht beliebig (so wie auch die Funktion unseres Gedächtnisses in unserem Erleben nicht beliebig ist, allerdings unter gewissen Bedingungen in der Regel ‚aktivierbar‘).

ERLEBEN ALS KOMMUNIKATION

Wichtig bei all diesen möglichen subjektiven Erlebniszuständen — so stark sie auch sein mögen — ist, dass man sich klar macht, dass das, was man erlebt, nicht ‚die Superwirklichkeit selbst in ihrem ganzen Umfang‘ ist, sondern nur solche Zustände, über die diese mit dem Individuum ‚kommuniziert‘ (so, wie wir uns mit Schallwellen im Gespräch austauschen und darin uns sehr ’nahe‘ sein können). Durch unsere materiell-energetische Existenz können wir zwar in gewissem Sinne ‚voll‘ mit der Superwirklichkeit verbunden sein, aber diese Aspekte der Vereinigung entziehen sich unserer Sprache, da diese an den Bewusstseinsraum geknüpft ist. Was über diesen hinausgeht, entzieht sich dem direkten Sprechen, mutiert zu Andeutungen, Bildern, die für den, der Ähnliches erlebt hat, vielleicht noch die Ahnung eines möglichen Verstehens hervorrufen kann, aber kein volles, explizites Verstehen. Wittgenstein lässt grüßen.

IM PRINZIP KEINE KIRCHE NOTWENDIG

Für alle diese Dinge braucht niemand strenggenommen eine Kirche. Jeder ist hier frei, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Da aber viele (die meisten? alle?) Menschen — aus welchen Gründen auch immer — sich in der Regel schwer tut, hier einen eigenen Weg zu gehen, gab es — und wird es vermutlich immer wieder geben — Zusammenschlüsse von Menschen zentriert um solche Menschen, die den Eindruck erweckten, sie wüssten, wie das geht. Dass solche ‚Institutionalisierungen‘ von ‚Glauben‘ nicht nur viel Gutes, sondern auch viel Missbrauch hervorgebracht haben (und hervorbringen) ist offensichtlich der spezifischen psychologischen Struktur des Menschen geschuldet. Nicht wenige Menschen sind offensichtlich bereit, Leib, Leben und Geld für den letzten Unsinn zu bezahlen, wenn Sie nur subjektiv das Gefühl haben, sie hätten sich damit ‚in Sicherheit‘ gebracht. Für diejenigen, die davon profitieren, ist offensichtlich die Versuchung der Macht (und aller möglicher weiterer Privilegien) zu groß, um diesem Unsinn gegen zu steuern. Die Fähigkeit von Menschen, Unwahres zu glauben und sich gegen mögliche Kritik zu ‚immunisieren‘, ist beeindruckend, und findet sich in allen Bereichen.

LITERATURHINWEISE

Liste ökumenischer Konzilien: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_%C3%B6kumenischer_Konzilien

Offizieller Schriftbestand in der jüdisch-christlichen Tradition: http://de.wikipedia.org/wiki/Biblischer_Kanon (zuletzt: 16.2.2013)

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