SÄKULARES GLAUBENBEKENNTNIS? Ein Telefonat und ein Soundtrack vom April 2014

1. Seit dem Besuch des ersten religionspolitischen Kongresses der GRÜNEN gab es sehr viele anregende Impulse. Einer berührt das Thema ‚Säkularisierung‘. Im letzten sehr langen Telefonat mit einem Mitglied der säkularen GRÜNEN skizzierte dieser das Spektrum der verschiedenen Bewegungen und Initiativen, die sich in Deutschland irgendwie der Wortmarke ’säkular‘ zuordnen lassen. Nach einem beeindruckenden Überblick entstand unter dem Strich der Eindruck, dass alle diese verschiedenartigen Bewegungen irgendwie mit der Kritik an den bekannten Religionen auch gleich ‚Gott selbst‘ eliminiert hatten und haben. Am radikalsten vielleicht die ‚Naturalisten im engeren Sinne‘ mit einer ‚Geist- und Gottfreien Materie‘.

2. Im Hin und Her des Gesprächs deutete sich an, dass wir der Überzeugung sind, dass eine Kirchen- und Religionskritik nicht automatisch auch eine ‚Abschaffung Gottes‘ impliziert, da ‚Religiosität‘ etwas so Fundamentales in Empfinden der Menschen ist, dass diese Empfindsamkeitsstruktur nicht schon durch Kritik an institutionellen Fehlformen von Religion betroffen sein muss (was im übrigen die Frage, ob und wie ‚Gott‘ sei, noch weitgehend im Hintergrund lässt).

3. Auch bieten die neuen Entwicklungen in der Wissenschaft sowie der Wissenschaftsphilosophie neue Ansatzpunkte, um die schroffe Gegenüberstellung von naturwissenschaftlichem Wissen hier und religiösem Weltverständnis dort zumindest in Frage zu stellen (ein Thema in diesem Blog seit langem).

4. Dazu kommt, dass – zumindest im Bereich der christlichen Kirchen, und hier besonders im Bereich der römischen Papstkirche – das Verhältnis zwischen ‚kirchlichem Amt‘ und ‚Spiritualität‘ – also eigener religiöser Erfahrung – seit Anbeginn problematisch war. Spätestens ab dem 5. Jahrhundert befand sich das religiöse Empfinden des einzelnen unter der vollständigen Kontrolle des Amtes. Was immer ein einzelner erleben mochte, es spielte künftig keine Rolle mehr. Es galt nur noch das, was dem Amt ‚genehm‘ war. Abweichungen wurden mit Bestrafung oder direktem Ausschluss bzw. mit dem Tod bestraft.

5. Ein prominentes Opfer dieser Verhältnisse ist der Jesuitenorden. Lange Zeit und für Viele galten die Jesuiten als besonders papsttreu und ’nah an der Macht‘. Die Wahrheit ist aber komplexer.

6. Es stimmt, dass die Jesuiten aufgrund ihrer Ordenssatzung sich dem Papst direkt ‚unterworfen‘ hatten, und es stimmt, dass diese ‚Unterwerfung‘ von ihrer Spiritualität weitgehend gedeckt wurde.

7. Was man aber nicht übersehen sollte, ist, dass das Spiritualitätsmodell der Jesuiten – soweit man es an der Autobiographie des Ordensgründers Ignatius von Loyola und seinem konkreten Wirken (und dem seiner Ordensmitglieder) ablesen kann – vom Ansatz her hochmodern ist, ganz und gar erfahrungsbasiert, und ein Modell darstellt, wie es jeder Mensch – auch heute – praktizieren könnte. Dieses Modell war so leistungsfähig, dass die Jesuiten im 16. und 17.Jahrhundert in der Lage waren, in allen Kontinenten Sprachen zu lernen, sich neue Kulturen anzueignen, sich anderen Lebensformen anzupassen, neue Gesellschaftsformen zu erfinden, also auf breiter Front Dinge zu tun, die mit dem damaligen engen Kirchen- und Religionsverständnis eigentlich nicht vereinbar waren. Diese Kreativität und Dynamik wurde ihnen dann schließlich zum Verhängnis, als die Differenz zu anderen ‚konkurrierenden‘ Orden und zu verschiedenen staatlichen Machtpositionen zu groß wurde. Es kam zum ersten weltweiten Verbot des Ordens ohne einen wirklichen Prozess, für viele völlig überraschend, verbunden mit Einkerkerungen und Tod.

8. Man kann natürlich die Frage aufwerfen, warum die Jesuiten, wenn sie doch so eine großartige Spiritualität hatten, dann nicht die Problematik der römischen Papstkirche erkannt und daraus ihre Konsequenzen gezogen haben? Eine Antwort auf diese Frage würde es erfordern, tiefer in dieses Spiritualitätsmodell einzusteigen, was an dieser Stelle jetzt nicht geschehen soll. Fakt ist nur, dass auch das jesuitische Spiritualitätsmodell von jedem einzelnen mehrjährige ‚Lernphasen‘ abverlangt in Wechselwirkung mit kognitiver Verarbeitung. Die Erfahrung der ‚Nähe Gottes‘ ersetzt keine analytische Erkenntnis! (Dies erklärt auch, warum Mohammed als Prophet sehr wohl unmittelbare Gotteserfahrungen gehabt haben kann ohne deswegen zugleich auch die volle Weite der möglichen analytischen Erkenntnisse besessen zu haben. Schon die großen islamischen Theologen des 11. Jahrhunderts gingen weit über Mohammed hinaus. Aber auch hier gilt: die mögliche berechtigte Kritik an Aussagen eines Menschen ändert nichts an der Tatsache, dass dieser Mensch genuine, authentische Erfahrungen gemacht haben kann, die für diesen Menschen sehr wichtig waren).

9. Außerdem sollte man bedenken, dass das allgemeine ‚religionsunabhängige‘ wissenschaftliche Weltwissen sich ja auch erst – nimmt man das Wirken von Galilei als einen Bezugspunkt – über ca. 350 Jahre mühsam im direkten Kampf gegen die römische Papstkirche entwickeln musste, d.h. selbst wenn es eine ’spirituelle Richtung‘ gegeben haben mag, ein ‚passendes Wissen‘ war schwer verfügbar.

10. Das, was man exemplarisch an der Geschichte des Jesuitenordens beobachten kann, kann man weitgehend auf alle Menschen in der römischen Papstkirche übertragen, die versucht haben, eine eigene, authentische Spiritualität zu leben: entweder mussten sie die Kirche verlassen oder die eigene Spiritualität so weitgehend verleugnen, dass von der Sprengkraft, die einer authentischen Spiritualität innewohnt, nicht mehr viel übrig blieb. Verständlicherweise ist diese destruktive Wirkung einer Amtskirche auf die Spiritualität ihrer Mitglieder in der offiziellen Theologie nie untersucht worden.

11. Im übrigen steht im Raum, dass dieses negative, menschenverachtende Verhalten gegenüber der individuellen Erfahrung – wie wir mittlerweile wissen können – ein durchgehender Zug vieler (aller?) organisierter (Offenbarungs-)Religionen ist, und sich auch in politischem Kontext in allen Staaten wiederfindet, die versuchen ohne demokratische Strukturen mit purer Macht die Bürger zu befehligen und zu bevormunden. Pluralität, Pressefreiheit, Toleranz usw. sind äußere Kennzeichen einer Gesellschaft, in der die subjektive Erfahrung des einzelnen – zumindest im Ansatz und grundsätzlich – akzeptiert und geachtet wird. Die formale Trennung von Staat und Religion in demokratischen Staaten ist daher nicht ein ‚weniger an Religion‘, sondern die einzige Voraussetzung für eine ‚wahre Religion‘, die in der Subjektivität des einzelnen wurzelt.

12. Allerdings kann man den Eindruck haben, dass die Bürger demokratischer Staaten, die sich von erfahrungsfeindlichen Religionen gelöst haben, deswegen nicht automatisch zu ihrer eigenen, authentischen Religiosität finden. Die negativen Beispiele der organisierten Religionen können – trotz Ablehnung – so blockierend wirken, dass trotz der Ablehnung von etwas Menschenfeindlichem deswegen noch nicht der Blick, das Gefühl, der Verstand frei ist für die konstruktive Alternative (in diesem Sinne kann/ muss man fragen, ob nicht die offiziellen Religionen selbst das größte Hindernis sind, um zur eigenen, wahren Religiosität zu finden? Natürlich haben die bekannten Religionen auch Großartiges hervorgebracht; das macht die Sache nicht einfach).

13. Hier wäre viel zu tun. Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, ob und wie wir alle in diesen Fragen weiterkommen werden. Aktuell kann man den Eindruck gewinnen, dass die ‚Regression‘ auf die alten, menschenverachtende Religionsmuster mehr Attraktivität besitzen als der Aufbruch in eine neue Religiosität, die dort beginnt, wo die Aufklärung, die Wissenschaft, die demokratischen Staatsformen uns hingebracht haben, in einen Raum, in dem individuelle, subjektive Erfahrung geduldet, gefördert und offiziell geschützt wird, begleitet von einem großartigen empirischen Wissen über die Welt im Universum, eingebettet in neue globale Kommunikationsformen.
14. Angeregt durch diese Gedanken fiel mir ein Soundtrack auf, den ich im April 2014 aufgezeichnet hatte und der im Kontext dieser Gedanken eine Anregung für ein ’säkulares Glaubensbekenntnis‘ sein könnte. Hier der Soundtrack (Warnung: Laufzeit 18 Minuten! Eine entspannte, ruhige Situation wird empfohlen):

15. Soundtrack vom April 2014: Säkulares Glaubensbekenntnis?.

16. ANMERKUNG: Der Soundtrack wurde nach der Methode ‚radically unplugged‘ generiert. Diese Methode hat einen direkten Bezug zum Thema dieses Blogeintrags, da die radically unplugged Methode hier einen Musikbegriff repräsentiert, der sich gegen die etablierten Dogmen von Musik stellt und den einzelnen mit seiner Subjektivität zur primären authentischen Quelle von Musik erklärt. Radically unplugged Aufnahmetechnik bedeutet, dass jeder jederzeit jede Art von Klang erzeugen und aufzeichnen kann, Manipulationen vornehmen kann, und der entstehende Klang ist immer ‚richtig‘. Natürlich kann man solche Radically Unplugged Musik (= RUM) dann nach beliebigen Kriterien diskutieren, und natürlich wird es immer Menschen geben, die aufgrund von spezieller Begabung und langjährigem Training bestimmte Klänge hervorbringen, die ohne diese Begabung und Motorik von keinem anderen live so hervorgebracht werden können. Dennoch erscheint es mir falsch, solche – irgendwo bewunderungswürdigen – Leistungen zum einzigen Maßstab zu erklären. Ziel sollte es sein, dass jeder angeregt wird, seine individuelle Klangfähigkeit zu entwickeln, da sie, wie Lesen und Schreiben, zu Grundfähigkeiten des individuellen Selbsterfahrens und Kommunizierens gehören.

17. Im übrigen leben wir in einer Zeit, in der die moderne Technik es möglich macht, dass jeder einzelne auch ohne reale Orchester und teuerste Instrumente heute Klangräume durchwandern kann, die weit über das hinaus gehen, was klassische Musikinstrumente ermöglicht haben. Die junge Generation hat dies vielfach schon erkannt und geht hier unbekümmert neue Wege, abseits der ‚Feuilletonpäpste‘ und ‚Radiooberlehrer’…

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ERSTER RELIGIONSPOLITISCHER KONGRESS VON BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN – Sehr subjektive Betrachtungen eines Teilnehmers

KONTEXT DES BLOGS

1. Aufmerksame Leser dieses Blogs dürften bemerkt haben, dass das Thema Religion in diesem Blog seit wenigen Wochen eine neue Intensität gewonnen hat. Dies hat nichts – wie man im ersten Moment meinen könnte – mit den aktuellen Ereignissen in und um Paris zu tun, sondern damit, dass der ‚Denkweg‘ in diesem Blog nach Klärungen im Bereich ‚Philosophie und Wissenschaft‘, ‚Philosophie, Wissenschaft und Kunst‘ sowie immer wieder vereinzelt die Frage der Offenbarungsreligionen durch die Lektüre des Buches von Bergmeier Teil 1 und Teil 2 sowie meinen Reflexionen im Anschluß an die letzte philosophieWerkstatt v2.0 mit dem bisherigen Höhepunkt einer Verabschiedung der bisherigen Offenbarungsreligionen und Aufruf, jetzt, innerhalb der modernen Staatsformen jene Religiosität zu finden und zu kultivieren, die keine ‚Kirchen‘ mehr braucht, weil der Staat selbst den Rahmen liefert, in dem jeder einzeln und doch zusammen mit allen anderen eine authentische Religiosität leben kann.

2. Sensibilisiert durch all diese aktuellen Überlegungen wirkte auf mich die Nachricht von dem religionspolitischen Kongress der Grünen in Düsseldorf am 17.Januar 2015 sehr stimulierend und dank einer starken Neugierde habe ich mich dort kurzfristig angemeldet und bin hingefahren.

ZIEL DES KONGRESSES

3. Den verschiedenen Verlautbarungen und Statements im Umfeld des Kongresses entnahm ich, dass die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre es notwendig erscheinen lassen, das Verhältnis zwischen Staat, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften neu zu überdenken und in entsprechende Gesetzesinitiativen einfließen zu lassen. Eingeladen hatte die Landtagsfraktion der GRÜNEN sowie die Kommission ‚Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat‘ des GRÜNEN Bundesvorstandes. Diese Kommission hatte mehrere Themenfelder identifiziert, die dann die Plenarsitzungen wie auch die verschiedenen Arbeitskreise thematisch bestimmten.

BEEINDRUCKENDE MENSCHEN

4. Geht man von der Besetzung des Plenarsaales aus, dann waren mehr als 200 TeilnehmerInnen zu diesem Kongress gekommen. Die Vielfalt der vertretenen Auffassungen gepaart mit einer Offenheit, Fairness und Herzlichkeit im Umgang miteinander war beeindruckend. Denkt man an die Bilder von parteiischen Menschengruppen, die sich gegenseitig verdächtigen, beschimpfen oder sogar bekämpfen, die von den Medien vorzugsweise in die deutschen Wohnzimmer transportiert werden, dann erschien das hier fast wie eine Botschaft aus einer anderen Welt: Evangelische und katholische Christen, Juden, verschiedene islamische Bekenntnisse, Aleviten, Buddhisten, Humanistischer Verband – um nur einige zu nennen – diskutierten miteinander friedlich; die meisten kannten sich von Jahren gemeinsamer Arbeit vor Ort. In den Gesprächen zwischendurch und in Diskussionen während der Arbeitssitzungen begegnete einem viel Erfahrung, viel Engagement und sehr viel Fachkompetenz. Das war ermutigend.

STARKE EIGEN-INTERESSEN

5. Allerdings zeigte sich auch sehr schnell, dass es natürlich auch um handfeste Interessen ging. Immerhin ging es um Überlegungen, die Auswirkungen auf konkrete Anerkennung als Religionsgemeinschaft oder Weltanschauungsgemeinschaft mit all den damit verbundenen ‚Privilegien‘ (wie z.B. Steuervergünstigungen, Sonderrechte, Religionsunterricht, Arbeitsrecht, und Feiertage) zu diskutieren.

6. So trat der Humanistische Verband unter seinem Präsidenten Dr. Wolf (zusammen mit weiteren Mitgliedern) im Rahmen des Erlaubten ziemlich massiv auf, um den Weg zur Anerkennung des Humanistischen Verbandes als Weltanschauungsgemeinschaft weiter zu ebnen um auf Dauer mit den etablierten Kirchen gleich zu ziehen. Nicht weniger selbstbewusst vertrat Herr Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland die legitimen Interessen verschiedener muslimischer Verbände. Dem standen die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche natürlich nicht nach; allerdings konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie natürlich aus einer historischen ‚Position der Stärke‘ heraus argumentierten und sich ‚offen‘ für mögliche Änderungen zeigten, ohne diese Offenheit aber weiter zu konkretisieren.

EUROPAS ERBE AUF DER HINTERBANK?

7. So positiv dies alles im ersten Moment erscheint (friedliches, freundliches Miteinander, …), so problematisch wird dies aber, sobald man es in einen historischen und systematischen Kontext einbettet.

8. Der Key-Note Vortrag (gemeint ist ‚Einführungsvortrag‘ … :-)) von Prof. Brumlik war kenntnisreich und anregend, konnte aber die jüdische Grundüberzeugung seines Autors nicht ganz verhehlen: so versuchte er eine religiöse Grundüberzeugung schon in die Gründungsformulierung der Grünen hinein zu interpretieren (‚ökologisch‘ als ‚Erhaltung der Schöpfung‘) und unterstellte allen Menschen eine Sehnsucht nach ‚Erlösung‘ (und das mit einem Adorno-Zitat…). Entsprechend fiel seine Analyse der wichtigsten Vertragsmodelle zwischen Staat und Kirche (USA, Frankfreich, Deutschland) besonders positiv für das deutsche ‚Kooperationsmodell‘ aus, in dem der Staat den religiösen Gemeinschaften eine Reihe von Sonderrechten (Privilegien!) einräumt und sich dafür das Recht vorbehält – hier vereinfachend –, bei dem Religionsunterricht und der Ausbildung der Lehrer und Theologen eine gewisse staatliche Aufsicht zu führen. Diese Form der Kooperation wirke sich – so Brumlik – ‚moderierend‘ aus gegen zu starke Fundamentalisierungen, wie man sie z.B. in den USA beobachten könne. Eine wirkliche historische Dimension lies der Vortrag allerdings vermissen und die speziellen historischen Entstehungsbedingungen der modernen Demokratien kamen nicht zur Sprache. Dies ist bedauerlich, da damit genau jene Momente verschwiegen wurden, die wichtig wären für eine Einschätzung des aktuellen Verhältnisses von Staat und Kirche.

9. Bettina Jarasch, die Leiterin der GRÜNEN Kommission ‚Weltanschauung, Religionsgemeinschaften und Staat‘ fand – nach Wahrnehmung dieses Autors – etwas klarere Worte als Prof.Brumlik, alle zum Punkt, leider war ihr Beitrag sehr kurz und sie nahm im weiteren Verlauf nicht aktiv an den Vorträgen und Diskussionen teil.

10. Die anwesenden starken religiösen und weltanschaulichen Interessengruppen sowie die ‚religionsgeschwängerten‘ generellen Überlegungen von Prof.Brumlik deuten an, dass die gegenwärtigen religiösen Verbände und Kirchen keinen wirklichen Blick für die Menschen und die Verfassungsinteressen jenseits ihrer religiösen Bekenntnisse haben. Dies erstaunt nicht, muss aber bedenklich stimmen angesichts der Tatsache, dass die ’statistische Mehrheit der Konfessionslosen‘, die ’normalen‘ Bürger, als solche nicht organisiert sind, da sie ja in einem modernen Staat leben, der ihnen eigentliche alle Rahmenbedingungen bietet für die es keine speziellen Kirchen mehr bräuchte. Und ein Interessenvertreter der evangelischen Kirche, Prof. Jähnichen hatte keine Probleme damit, im Panel 4 festzustellen, dass es in einer modernen Demokratie üblich sei, dass sich Interessengruppen öffentlich organisieren – was die Religionen tun –, und wenn die Nichtkonfessionellen dies nicht tun, dann sei das deren Problem.

11. Nun gab es auch die ‚Nichtkonfessionellen‘ im Publikum, und zwar nicht wenige, sehr Engagierte aus vielen Bereichen, die dem Geist eines demokratischen Staates wie der Bundesrepublik ’näher schienen‘ als die verschiedenen religiösen Interessenvertreter. Diese meldeten sich auch zu Wort (in meiner Zählung waren es insgesamt die meisten Diskussionsbeiträge), aber sie waren in den Leitungen der Panels deutlich unterrepräsentiert. Besonders beeindruckt hat mich die Gruppe der Säkularen GRÜNE aus NRW. Ihre Stellungnahme zum Positionspapier des Bundeskommission enthält alle wichtigen kritischen Punkte. Dass diese grundsätzliche Position, die im Einklang mit Geschichte, Menschenrechten und dem spezifischen Staatsinteresse steht, nach meiner Wahrnehmung im Programm und in den Dokumenten keinen erkennbar ‚offiziellen Status‘ bekommen hat, halte ich für bedenklich. Auf welcher geistigen und politischen Basis operiert hier die Bundeskommission?

12. Von den 6 Vertretern im Schlusspanel war nur einer (!), der explizit eine kritische Position gegenüber den religiösen Verbänden im Verhältnis zum Staat verdeutlichte, Joachim Frank, Chefkorrespondent der Mediengruppe M. DuMont (Schauberg, Köln, Frankfurt, Berlin), Deutschland. Aber wie schon zuvor, wenn Diskussionsteilnehmer kritische Positionen ins Gespräch einbrachten, wurden diese zwar gehört, aber von den Vertretern der religiösen und weltanschaulichen Interessengruppen letztlich ‚immunisiert‘, d.h. zur Kenntnis genommen aber nicht wirklich beantwortet. Für einen ernsthaften Dialog war allerdings auch die Zeit zu kurz. Immerhin konnte man einen guten Eindruck von der Vielfal bekommen und den – trotz aller Freundlichkeit – noch bestehenden Kommunikationsdefiziten.

WIE KANN ES WEITERGEHEN?

13. Wenn man bedenkt, dass Europa ca. 4000 Jahre gebraucht hat,neben der Erfindung von drei Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam), und neben der Erfindung des modernen Staatsgedankens (Griechen, Römer mit griechischer Kultur, arabisch-islamische Kultur 700 – 1400 teilweise, die Zivilgesellschaften in den westlichen europäischen Ländern in einem zähen Kampf gegen die römische Papstkirche und die vorherrschenden elitären Feudalstrukturen über ca. 1000 Jahre …), dann den ‚modernen‘ wissenschaftsgeleiteten, auf Menschenrechten und demokratischer Partiziption basierenden Staat – wenn auch z.T. unfreiwillig – zu realisieren, dann darf man nicht erwarten, dass die Eingliederung spezieller religiöser und weltanschaulicher Bekenntnisse in einen ‚gemeinsamen‘ Staat schnell und ‚leicht‘ geht. Wie schon in den zurückliegenden Jahrhunderten ist Mangel an Wissen das Haupthindernis für eine Verständigung. Will man keine Gewalt anwenden, bleibt nur die kontinuierliche ‚Aufklärung‘; diese allerdings braucht leistungsfähige Bildungsinstitutionen und eine funktionierende Öffentlichkeit. Letztere, obgleich für eine Demokratie ein unverzichtbarer Lebensnerv, gerät durch eine fortschreitende Ökonomisierung in immer mehr finanzielle Abhängigkeiten von partikulären Geschäftsinteressen, die von der eigenen politischen Geschichte eines umfassenden Europas immer weniger wissen und auch – so der Eindruck – scheinbar immer weniger wissen wollen. Solange jemand noch öffentlich sagt, dass das moderne Europa, der moderne deutsche Staat, auf dem Erbe des christlichen Abendlandes beruhe, solange kann man gewiss sein, dass dieser Jemand nicht versteht, was er sagt; das historische christliche Abendland war der größte Feind der modernen Gesellschaften. Diesen überwunden zu haben, ist eine der größten kulturellen Leistungen. Die aktuelle Diskussion um einen neuen religionspolitischen Staatsvertrag erweckt bislang nicht den Eindruck, dass die aktuelle Politik sich der historischen Dimension bewusst ist.

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ISLAM, CHRISTENUM und EUROPA AUS HISTORISCHER SICHT – Kurzmemo zur philosophieWerkstatt v2.0 vom 11.Januar 2015

PLAN DER EINLADUNG

Entsprechend der Einladung zur philosophieWerkstatt v2.0 für den 11.Januar 2015 sollte es neben einem kleinen experimentellen Kunstteil ein Einführungsreferat aus religionswissenschaftlicher Sicht zum Thema „Das Gute und das Böse in den Religionen” geben.

THEMENWECHSEL: RELIGIONEN IN HISTORISCHER PERSPEKTIVE, VERHÄLTNIS ZUM STAAT

Da erst zu Beginn der Sitzung bekannt wurde, dass die geplante Referentin nicht kommen würde, musste das Thema kurzfristig etwas geändert werden. Statt eines ’strukturellen Vergleichs‘ mit Blick auf ‚Gut und Böse‘ in den Religionen sprang der Veranstalter dann ein mit Thesen aus dem Buch von Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur – eine Legende (Teil 1) und Teil 2. Bei diesem Buch handelt es sich um eine interessante historische Studie zum Wechselspiel zwischen ‚Gesellschaft – Christentum‘ einerseits und parallel zwischen ‚Gesellschaft – Islam‘ andererseits im Zeitraum 700 – 1400.

GESELLSCHAFT OHNE RELIGION IST MÖGLICH

Aus dieser Studie — und unter Berücksichtigung der Jahrhunderte danach — kann man ersehen, dass ein blühende Gesellschaft ohne Religion möglich ist, dass aber Religion umgekehrt ganze Gesellschaften behindern oder zerstören kann. Auch wenn man es aus der Sicht des Jahres 2015 kaum glauben mag, aber die kulturell höchstentwickelte Periode und Blütezeit hatte Ganz-Europa in der Zeit ca. 800 – 1100 im arabisch-islamischen Reich. Parallel verzeichnen wir einen wirklich dramatischen Niedergang der Gesellschaft unter der römischen Papstkirche bis sich die Zivilgesellschaft von diesem Einfluss ab ca. 1200 schrittweise und mühsam im Laufe von ca. 700Jahren befreien konnte.

Diese historische – und letztlich auch soziologische – Betrachtungsweise erlaubt es, Einschätzungen zu verschiedenen Religionen zu bekommen, ohne dass man Details dieser Religion kennen noch verstehen muss.

GRIECHISCH-RÖMISCH

Wenn so z.B. (i) in der Phase der griechischen Kultur (ca. ab 500 v.u.Z.) und dann in der römisch-griechischen Kultur (ca. 200 v.u.Z. bis ca. 400) die Gesellschaft blüht weil der Staat sich für alle verantwortlich fühlt und mit Schulen, Infrastruktur, Toleranz bzgl. Weltanschauungen sowie Rechtssicherheit das Aufblühen von Handel und Wirtschaft ermöglicht, wir dann beobachten können,

ARABISCH-ISLAMISCH

wie (ii) sich diese Blüte im arabisch-islamischen Bereich ca. 700 – 1400 fortsetzt, da die neuen islamischen Machthaber dem Wissen gegenüber aufgeschlossen sind und sie Toleranz gegenüber Weltanschauungen praktizieren,

RÖMISCHE PAPSTKIRCHE

wie dann (iii) zeitgleich in den westlich christlichen Ländern die Gesellschaft geradezu dramatisch zusammenbricht, weil unter dem Einfluss der staatlich privilegierten römischen Papstkirche dem Staat die Mittel fehlen, öffentliche Schulen, Infrastrukturen weiter zu pflegen; Toleranz gegenüber anderen Weltanschauungen praktisch abgeschafft ist; dann finden wir einen beispiellosen Niedergang des Wissens, der Wirtschaft und der Gesellschaft.

RENAISSANCE, AUFKLÄRUNG, REVOLUTION …

In den westlichen europäischen Ländern (Abendland) kann man dann (iv) beobachten, wie die westlichen Länder sich langsam aus ihrer Schockstarre wieder befreien, indem sie sich schrittweise aus dem Machteinfluss der römischen Papstkirche lösen. Die Zauberworte hier lauten u.a. Renaissance, Aufklärung, französische Revolution, Entstehung von Demokratien. Dies bedeutet Rückgewinnung des Wissens (zu Beginn unter Hilfe der arabisch-islamischen Kultur und der des griechischen Byzanz!), Aufbau von Bildung und Infrastrukturen, und Rückkehr der Toleranz. Dieser Befreiungsprozess hat ca. 700 Jahre gedauert und er ist noch nicht wirklich vollständig abgeschlossen (die Rolle der Reformation wurde noch nicht diskutiert).

OSMANISCH

(v) In der Nachfolge des arabisch-islamischen Reiches gab es zwar das osmanische Reich (ca. 1300 bis 1923), doch hatte es zu keinem Zeitpunkt die Offenheit für Wissen, die Toleranz und die Infrastrukturen wie das vorausgehende arabisch-islamische Reich. Die Gesellschaft als solche blieb hinter der Entwicklung der westlichen europäischen Länder zurück.

SPALTUNG EUROPAS

In diesen geschilderten Entwicklungen liegen die Wurzeln für die Entstehung eines sogenannten ‚fortschrittlichen abendländischen‘ Europas und eines ‚weniger fortschrittlichen morgenländischen‘ Europas. Während im Fall des ‚morgenländischen‘ Europas der Faktor Religion in Form verschiedener islamischer Varianten eher bremsend wirksam ist, liegt der Fall bei dem ‚fortschrittlicheren morgenländischen‘ Europa anders: hier findet die Entwicklung in dem Maße statt, wie sich die Gesellschaft vom Einfluss der Religionen – – speziell vom Einfluss der römischen Papstkirche – befreit hat. Im Fall des abendländischen Europas von einer ‚christlichen Leitkultur‘ zu sprechen ist historisch und sachlich falsch. Zwar gab es starke christliche Einflüsse im abendländischen Europa, aber alles, was die heutigen Demokratien und das gesellschaftliche Funktionieren ermöglicht, wurde eindeutig GEGEN den Einfluss der christlichen Bekenntnisse mühsam – und streckenweise blutig – erkämpft! Die wahren Grundlagen des Erfolges des abendländischen Europa sind die staatlichen und Kulturen Errungenschaften des antiken Griechenlands, des antiken Roms, die Blütezeit des arabisch-islamischen Reiches und dann die fortschreitende Befreiung vom Einfluss der Religionen im Abendland.

EIN GANZES EUROPA

Ein ‚Ganzes Europa‘ (= Morgenland und Abendland) war in der Vergangenheit möglich und wäre auch heute möglich, wenn die Förderung der staatlich-gesellschaftlichen Strukturen im Vordergrund stehen würde (Bildung, Forschung, Infrastrukturen, Rechtssicherheit, Toleranz) und die Religionen dies als ihre ‚Rahmenbedingungen‘ anerkennen würden. Zugleich müssten die Religionen alle ‚weiter entwickelt‘ werden, da ihr aktueller Wissensstand weit hinter dem Wissen der Welt zurückliegt. Was immer eine Religion heute privat, individuell von Gott wissen mag, eingehüllt in eine dunkle Wolke von Nichtwissen kann dieses Wissen um Gott nur ein Zerrbild Gottes ergeben.

OFFENE GESPRÄCHSRUNDE

Die offene Gesprächsrunde folgte diesen historischen Entwicklungslinien nicht. Alle Teilnehmer standen stark unter dem Eindruck der Geschehnisse in Paris (Attentate von Islamisten in Paris) im Kontext der anhaltenden Diskussionen in der Öffentlichkeit zur Rolle des Islam in Europa. Einige artikulierten auf unterschiedliche Weise eine gewisse Hilflosigkeit der Orientierung. Diese Orientierungslosigkeit wollte nicht ganz von dem Begriff der Religion lassen und fokussierte mehrfach um die Frage, was ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sei, was ‚Richtig‘ und ‚Falsch‘. Der Begriff der ‚Religion‘ blieb unklar trotz Unterscheidung von ‚Religion‘ – ‚Konfession‘ – ‚Kirche‘. Einige sehen ‚Religion‘ als sehr grundlegende Bedürfnisse, die sich aus der Existenz des Menschen in dieser Welt ergeben sollen. Andere zitierten den Psychologen Bauer, der die Wurzel in jener Zeit verordnen, in der die Menschen im Übergang von kleinen Gruppen (Jäger) zu größeren komplexen Gruppen (Ackerbau, Städtebildung) gezwungen sind, komplexe Regelsystem aufzustellen und zu sanktionieren. ‚Gott‘ hier als ‚virtueller Rächer‘ für Regelmissbrauch. Es gab nicht genügend Zeit, um alle aufgeworfenen Fragen ausreichend zu klären.

AUFGABENSTELLUNG FÜR DAS NÄCHSTE MAL: So, 8.Febr.2015

Für das nächste Mal gab es zwei Vorschläge

1. Jeder überlegt aus seinem Wissens- und Erfahrungsbereich, wo und wie er/sie die Begriffe ‚Gut’/ ‚Böse, ‚Richtig’/’Falsch‘ am ehesten verorten würde. Dazu den Begriff ‚Religion‘.
2. Zwei der teilnehmenden PsychologenInnen versuchen ein Kurzstatement vorzubereiten, wie diese Phänomene im Kontext von Kindern auftreten. Kann man daraus etwas entnehmen?

MUSIK(KUNST)EXPERIMENTE

Zu Beginn wurde wieder ein kleines Musik-Kunst-Experiment durchgeführt und kurz darüber gesprochen. Dies bestand aus drei Teilen: (i) 7 Bilder in Folge, die auf einem einzigen Foto beruhten, das unterschiedlich bearbeitet worden war; (ii) Die sieben Bilder mit einem ersten Klangbild nach der RUM-Methode; (iii) die gleichen Bilder mit einem zweiten Klangbild nach der RUM-Methode. sowohl die Bilder als auch die Musik sind in Finnland entstanden, und zwar zunächst unabhängig voneinander. Interessant war die große Vielfalt der Eindrücke sowohl zu den Bildern alleine wie auch zum Wechselspiel von Bild und Klang. Klangbeispiel zwei, obgleich völlig unabhängig von den Bildern gemacht, wirkte in der Einheit mit den Bildern so intensiv, als ob Bildfolge und Musik bewusst aufeinander abgestimmt war. Was sagt dies darüber, wie wir als ‚Konsumenten‘ Klangstrukturen und Bildfolgen in uns verarbeiten?

Für einen Überblick zu allen Blogeinträgen nach Titeln siehe HIER.

KONSTANTIN WECKER – MÖNCH UND KRIEGER – LAUNIGE ANMERKUNGEN

Konstantin Wecker, „Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.“, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2014

LAUNIG: REALER MÖNCH GEGEN VIRTUELLEN MÖNCH

Normalerweise schreibe ich Nachbetrachtungen zu einem Buch nur, wenn ich es – aus meiner beschränkten Sicht — entweder eindeutig ‚gut‘ fand, packend, spannend, kenntnisreich, irgendwie ‚mich weiterbringend‘ (was immer sehr subjektiv ist). Die anderen Bücher lege ich ansonsten sehr oft schon nach ein paar Seiten zur Seite oder – sollte ich mich dennoch bis zum Ende ‚durchgequält‘ haben –, lege sie irgendwo weg, weit weg, um den Kopf für etwas ‚Neues‘ frei zu bekommen. Im Fall des Buches von Konstantin Wecker hat mich zugegebenermaßen der Untertitel angezogen, die Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt. Klingt dies doch vertraut aus Sicht dieses Blogs. Der Haupttitel ‚Mönch und Krieger‘ hat bei mir hingegen eher ‚Alarmglocken‘ schrillen lassen; war ich doch selbst mehr als 22 Jahre ‚realer‘ Mönch gewesen, der sich auch irgendwie als ‚Krieger‘ verstand, und – das ist natürlich ein Zufall des Lebens – ich kann mich erinnern, dass ich nach meinem ersten (und einzigen) Weckerkonzert (muss in der Zeit 1970 – 1972 gewesen sein) als junger radikaler Mönch irgendwann in einem Keller auf einer Gitarre, die Passanten auf der Straße damit verwirrt haben muss, ein Anti-Wecker Lied gesungen zu haben. Aus Sicht eines ‚realen Mönches‘ bot der junger Konstantin Wecker ja genug Stoff, sich aufzuregen. Seitdem hatte ich mich mit Konstantin Wecker eigentlich nie wieder beschäftigt. Nun, nachdem ich seit fast 25 Jahren kein klassischer Mönch mehr bin, bekomme ich das Buch von Wecker geschenkt und lese, dass er sich mittlerweile ein bisschen – oder auch viel mehr — wie ein ‚Mönch‘ sieht, … und wie ein Krieger. Das ist ein Setting, das neugierig machen kann. Außerdem war es unmittelbar vor der Abreise in einen Kurzurlaub; na ja, ich habe tatsächlich angefangen zu lesen.

RAUSCHENDE vs. QUÄLENDE LEKTÜRE

Ich muss bekennen, dass ich (sicherheitshalber) noch ein zweites Buch eingepackt hatte; man kann ja nie wissen (das war das Buch Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur Broschiert von R.Bergmeier). Um es vorweg zu nehmen, ich habe das Buch von Konstantin Wecker gelesen, sogar ganz gelesen, allerdings mit viel Mühe und ab der Mitte nur mithilfe von Tricks. Als ich in der Mitte irgendwie die Lust verloren hatte (siehe unten, warum), versuchte ich mein Interesse am Leben zu erhalten, indem ich vom Schluss her weitergelesen habe; ja, das hat geholfen. Dieses letzte Kapitel, eine Koproduktion zusammen mit Prinz Chaos II. vom September 2013 (damals als freies eBook), ist ein engagierter Aufruf für eine Revolte eingebettet und motiviert durch eine Zusammenstellung sehr vieler Schwachstellen, Kritikpunkte und Defizite an der aktuellen Gesellschaft, lokal wie global. Dieses Kapitel ist engagiert geschrieben, bietet viele reale und kratzende Fakten, und gibt sogar Hinweise für Lösungsansätze. (vgl. SS. 231 – 278) Mit diesem inspirierenden Kapitel im Rücken habe ich versucht, von hinten rückwärts bis in die Mitte vorzudringen (so, wie man ja Tunnel von den beiden Endpunkten aus anfängt, um sich dann in der Mitte zu treffen …). Ja, ich kam bis zur Mitte. Allerdings verfestigte sich bei mir der Eindruck, dass das Buch als Ganzes keine wirkliche Struktur hat, trotz Inhaltsverzeichnis. Zum Vergleich: möglicherweise nicht ganz fair, aber mein ‚zweites‘ Buch im Gepäck, das oben erwähnte, von Bergmeier, habe ich dann quasi in einem Rutsch gelesen. Die erste Hälfte an jenem Abend in der weitgehend menschenleeren Hotelhalle in Oulu (Finnland, ca. -10C, starker Schneefall), den zweiten Teil am nächsten Tag in der Wartehalle des Flughafens Helsinki, während die anderen sich in der Stadt herumtrieben. Ich konnte nicht aufhören.

EINE BRODELNDE AMORPHE MASSE

Schaut man sich die Kapiteln einzeln an, so haben sie alle spannende Überschriften und meistens auch interessante Aspekte, Fakten, anregende Gedanken, z.T. sehr Persönliches. Aber diese viele – für sich wunderbaren – Dinge sind in einer Weise angeordnet, dass es – für mich – schwer ist, darin irgendeine Struktur, irgendeine mitreißende Bewegung zu erkennen. Dazu kommt, dass die fehlende Struktur zu vielen Wiederholungen von Themen führt. So kommt praktisch in jedem Kapitel irgendetwas Persönliches, autobiographisches von Konstantin Wecker vor, aber immer nur häppchenweise. Oder immer wieder etwas über die Gesellschaft, oder die Spiritualität, aber nicht zusammenhängend, nicht in einer Struktur,… Vielleicht liegt dies auch daran, dass – wie Roland Rottenfusser im Nachwort durchscheinen lässt –, dieses Buch nicht als Einheit von Konstantin Wecker geschrieben wurde, sondern – so verstehe ich den Text – es sehr viele Textfragmente, Lieder und Gedichte von Konstantin Wecker gab, die dann zu diesem Buch von Roland Rottenfusser ‚zusammengestellt‘ wurden. Die aktuelle ‚verstreute‘, ‚mosaikhafte‘ Anordnung der Inhalte nimmt dem Buch viel von seiner Wirkung, die es haben könnte, wären die Themen besser strukturiert und besser kontextualisiert.

DER MENSCH WECKER

Da meine Kenntnis von Konstantin Wecker zu Beginn der Lektüre in nahezu Nichts bestand, nur diese vage Erinnerung an meine damalige Aufregung als junger Realmönch über den jungen Real-Wecker (ohne irgendwelche Details der Erinnerung), war eigentlich jeder Satz, jede Bemerkung, die Wecker in seinem Buch über sich selbst schreibt neu und interessant. Seine Einzelsohn-Mutterbeziehung; die zwiespältige Beziehung zum Vater; das Introvertiertsein mit wenigen Freunden; sein Hang zum Auftritt; seine Diebstahlkarriere; Strassenkreuzer; Umgang mit Zuhältern; teure Klamotten zum Auffallen; dem Hang, andere zu verletzen; sein Drogenproblem … Dinge, die man nicht unbedingt schreiben müsste, aber er schreibt sie. Man kann dies als Ehrlichkeit auslegen, als Wahrhaftigkeit. Für den Leser bleibt es ambivalent; wie ist der wirkliche Konstantin Wecker? Ist er eher weiterhin der sehr Selbstbezogene, Eitle, Unempathische, der mit diesen Bekenntnissen doch wieder nur nach Bewunderung heischt (schaut mal, ich war so schlecht; jetzt aber bin ich so gut), oder mittlerweile tatsächlich der Veränderte, Geläuterte, Aufgewachte, Verantwortunsgvolle, der mit all dem anderen Mut machen möchte, die sich aktuell noch ‚verrannt‘ haben und am Beispiel von Konstantin Wecker sehen können, dass es andere Wege gibt, dass eine andere Zukunft möglich ist?

SPIRITUALITÄT

Von den vielen Themen, die Konstantin Wecker in seinem Buch anspricht, sticht eines sicher besonders hervor, da es im Kontext von Welt, Politik, Revolution eher selten zu finden ist: das Thema ‚Spiritualität‘. Seine Einstieg in die Spiritualität scheint – nach seinen Worten – sein Gefängnisaufenthalt aufgrund seines Drogenkonsums gewesen zu sein und das ganze ‚Drum Herum‘ um dieses Ereignis. Die Erfahrung, ‚dies alles nicht mehr zu brauchen‘, kann Frieden schaffen, Kraft geben, in sich selbst. (vgl. S.110) An anderen Stellen spricht der davon, dass Revolution im Innern beginnen muss. (z.B. S.174) Dass er auch keinen Gegensatz sieht zwischen Spiritualität und der Natur, dem Denken, der Politik. (z.B. SS.194ff) Man muss das Selbst zulassen. Und auch die Kunst ist für ihn ‚Mystisch‘, stellt sich für ihn dar als eine Vereinigung von ‚Quelle‘ und Inspiriertem. (vgl. 200f) Institutionalisierte Religionen erscheinen Wecker wenig hilfreich. Es ist vornehmlich die Stille in der man zu sich finden kann; Lärm und Getöse lenken ab. Wie gut, dass man ein Haus in der Einöde der Toskana hat. (vgl. 201f) Die Essenz der Mystik findet sich im Moment der Einheit, des Wissens um die Verbundenheit. (vgl. 203,205) Eine Spiritualität braucht aber auch die Tat, die aus der Freiheit von Angst entstehen kann. (vgl. 206) Dies sind einige der Gedankensplitter zum Thema Spiritualität, die sich im Buch finden, verstreut über verschiedene Kapitel und in variierenden Kontexten. Es gibt viel mehr Stellen. Man kann den Eindruck bekommen, dass real erlebte und praktizierte Spiritualität für Konstantin Wecker sehr wichtig ist; er vermittelt auch den Eindruck, dass er einerseits ’scheu‘ ist, darüber im Detail zu reden, um nicht seine Subjektivität zum Maßstab für andere zu machen, dass er aber doch von der Realität und Kraft der spirituellen Erfahrung so überzeugt ist, dass er sie mit vielem (allem?) in seinem Leben in Beziehung setzt. Allerdings wird es nicht so konkret, dass man daraus ‚Handlungsanregungen‘ für den eigenen Alltag ableiten könnte.

KUNST ALS INSPIRATION

Wahre Kunst sieht er (siehe oben) letztlich auch im Mystischen verwurzelt, dort, wo die Einheit zwischen der ‚Quelle‘ und dem Künstler real wird. In diesem Sinne sieht er sich als Künstler, in dem sich Klänge und Worte so formen, dass sie es ihm ermöglichen, mit seinem Publikum in einen Energieaustausch zu treten aufgrund der inneren Einheit, die zwischen Hörendem und Produzierendem entsteht. (vgl. S.200f)

EINIGE ANMERKUNGEN

SPITZE DES EISBERGS

Diese wenigen Worte zuvor erschöpfen die Vielzahl der Ideen und Inhalte nicht, die der Text des Buches bietet. Es ist letztlich nur die eigene Lektüre, die den Eindruck vermittelt, den jeder – meist ganz anders als die anderen – dann bei seiner Lektüre bekommen kann.

ERMUTIGEND

Überwiegend empfand ich es als anregend, ermutigend, als positiv mit welcher Konkretheit und Klarheit Konstantin Wecker gesellschaftliche Missstände anprangert, wie offen er über viele seiner Empfindungen und Gedanken spricht. Auch das klare Ja zu einer Spiritualität ist nicht selbstverständlich, erst recht nicht in der un-esoterischen Art in der er einen Einklang von Wissen (Wissenschaft) und Gefühl sieht und fordert, auch die klare Einheit von Spiritualität und Tat.

KIRCHENKRITIK

Letztlich kann ich es von meiner Seite auch nur unterstreichen, dass wir bei aller Kritik an den institutionalisierten Religionen mit dieser Kritik nicht zugleich das opfern, was uns alle, jeden einzeln, zentral ausmacht, unsere eigene Subjektivität, unser Selbst, unser Bewusstsein als authentischem Raum von Wirklichkeitserfahrung, als der einzigen Quelle von Wahrheit und Sinn, die es auf diesem Planeten gibt. Jenseits des biologischen Lebens gibt es zwar ein real existierendes Universum, aber ‚Erfahrung‘ dieses Universums, ein ‚Bild‘ von diesem Universum existiert nur in den biologischen Lebensformen (bislang), und hier am weitesten entwickelt im homo sapiens, also bei uns. Wenn wir uns selbst in dieser uns ‚durch das Leben zugewiesenen‘ Aufgabe nicht wahr- und ernstnehmen, dann sägen wir quasi den Ast ab, auf dem wir sitzen. Aus der Ablehnung gewisser Deutungen, die sich ‚religiös‘ nennen oder ‚theologisch‘, folgt nicht zugleich auch notwendigerweise, dass die grundsätzliche Frage nach einem gemeinsamen Urgrund, einem gemeinsamen Zusammenhang, nach einem alles durchdringenden Sinn automatisch erledigt sei.

SÄKULARE SPIRITUALITÄT

Die modernen demokratischen Gesellschaften tun sich allerdings schwer, ‚post-institutionell-religiös‘ ein neues Selbstbewusstsein, eine neue post-religiöse Spiritualität zu entwickeln, die das ‚Innere der Dinge‘, das ‚Innere von jedem‘ so zur Erfahrung bringt, dass jeder einzelne in seinem Alltag daraus Kraft ziehen kann. Die ‚Angstfreiheit‘, die Konstantin Wecker treffend notiert, ist die Voraussetzung für jene Gestaltung unserer Welt, die dann vielleicht ‚zukunftsfähig‘ ist. Allerdings, das lernen uns die SelbstmordatentäterInnen der Gegenwart, die Angstfreiheit an sich kann zerstörerisch wirken, wenn sie nicht gepaart ist mit einer grundsätzlichen Wertschätzung anderer Menschen und nicht mit einem hinreichen Wissen um die Welt wie sie ist, wie sie sein könnte, und wie wir sie gemeinsam gestalten möchten. Der ungeheure kulturelle Höhenflug der arabisch-islamischen Kultur in der Zeit 700 – 1400 war nicht primär begründet im Islam als solchen, sondern in der Tatsache, dass die damaligen arabisch-islamischen Herrscher ein außergewöhnlich positives Verhältnis zu einem umfassenden Wissen aus allen Kulturen und allen Sprachen hatten, eine Aufgeschlossenheit für Handwerk, Technik, Handel, Infrastrukturen, Gesundheit, und zu einer umfassenden Toleranz gegenüber Menschen mit anderen Glaubens- und Weltanschauungen. Dies führte zu einem umfassenden Wohlstand für alle (!), zu Frieden, zur beständigen Weiterentwicklung aller gesellschaftlicher Bereiche. Daneben ein 500 Jahre andauernder Verfallsprozess in den westlichen europäischen Ländern, tiefste Finsternis und Unwissenheit durch Fanatismus, durch Ablehnung von Wissen, durch Verweigerung eines allgemeinen Staates für das Wohlergehen für alle.

JEDER IST AUTHENTISCH

Es ist nicht das Label ‚Religion‘ oder ‚religiös‘, das Wahrheit und Wohlergehen für alle befördert, sondern nur die Wahrheit und das Leben selbst. Jeder von uns ist authentischer Teil dieses Lebens, und nur wenn wir uns als einzelne und zusammen darin wahrnehmen, uns ernst nehmen, uns das Leben unvoreingenommen anschauen, es verstehen und gemeinsame gestalten, nur dann kann Leben stattfinden und sich zukunftsfähig entwickeln. Für mich liegt Konstantin Wecker auf dieser Linie. Deswegen empfinde ich sein Buch – trotz seiner chaotischen Struktur – positiv stimulierend.

KRITIK AN WECKERS MUSIK-KUNST-AUFFASSUNG

Mit seiner Auffassung von Kunst und seinen Liedtexten kann ich nicht viel anfangen. Das muss ja auch nicht sein. Allerdings finde ich, dass er in Sachen ‚Klängen und ‚Texten‘ dann auch ‚toleranter‘ sein sollte als er rüberkommt. Genauso, wie es eine institutionalisierte Form von Religiosität gibt gibt es auch institutionalisierte Formen von Kunst im allgemeinen und bildende Kunst und Musik im Besonderen. Allein schon die Geschichte und auch die Kulturvergleiche zeigen, wie unterschiedlich Menschen Klänge erlebt haben, gestalten und nutzen. Und ich empfinde das ‚Überschreiten‘ von bekannten Formen – selbst wenn es zu Beginn vielleicht wenig ‚Sinn‘ zu machen scheint –, auch als eine Form von Kunst, eine ‚Arbeit des sich Befreiens‘, ein ‚Wagnis von Neuem, Unbekannten‘. Es verlangt nicht nur Mut, sich für eine Demonstration auf die Straße zu stellen oder in einer Wissenschafts-Community eine neue These aufzustellen, sondern es verlangt auch Mut, in der Musik neue Muster auszuprobieren. Der etablierte Musikbetrieb mit seinen fixierten Orchestern bietet sicher höchstentwickelte ‚Handfertigkeiten‘ im Bedienen der Instrumente und im Abspielen von Noten. Diese ‚Handfertigkeiten‘ können nur wenige über viele Jahrzehnte erlernen. Was ist aber mit der ‚Musik für alle‘? Ist der ’normale‘ Mensch ein musikalischer Bürger dritter Klasse wie im westlich-christlichen Mittelalter, in dem Menschen jenseits von Adel und Kleriker letztlich keine Menschen waren; sie mussten nicht lesen und schreiben können. Spricht man den ’normalen‘ Menschen das Recht auf Musikerleben durch selber Musikmachen ab? Ist nur das Musik, was einige wenige sich ausdenken und dann massiv über kontrollierte Kanäle täglich immer wieder neu spielen. Hier würde mir bei Konstantin Wecker ein bisschen weniger Kunstpathos besser gefallen, gerade auch wenn man die Spiritualität ernst nimmt, die er propagiert. Die jungen Leute heute begreifen dies immer mehr, und wenn man sieht, was jeden Tag hier auf vielen Webplattformen an Musik aufpoppt, das ist schon grandios, zumindest schon mal als ‚Lebenszeichen vieler suchender Seelen‘; vielleicht gibt es auch so etwas wie eine ‚Underground-Spiritualität‘, sie ist da, aber keiner redet davon ….

Hier zwei (authentische) Klangexperimente auf der Suche nach Klängen, in einer finnischen Blockhütte, umgeben von Schnee, zusammen mit anderen, nur mit einem Laptop (unromantisch?), dennoch unterwegs ‚im Klang‘:

  1. Klangexperiment 1

  2. Klangexperiment 2

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

PS: Seit einiger Zeit habe ich ein Twitter-Konto aktiviert; cagentArtist auf Twitter… Name leider nicht ganz exakt, da der Autor von cognitiveagent.org das Pseudonym ‚cagent‘ hat und ‚cagentArtist‘ ist das Pseudonym des Künstlers von cagentartist.net …. Die Netzwelt ist kompliziert ….

NOTIZ: VON DEN KLISCHEES ÜBER DIE JESUITEN ZUR MODERNEN WERTEGEMEINSCHAFT? – Zu einem Film von A.Sawall über die Jesuiten, Phoenix Sa 24.Mai 2014, 20:15h

EINEN FILM ANSCHAUEN

1. Am Samstag 24.Mai 2014 fragten uns Freunde, ob wir mit Ihnen einen Film über die Jesuiten anschauen möchten zwecks anschließender Diskussion. Er hatte den Titel Die geheime Macht der Jesuiten. Verschwörer oder Heilige? von Andreas Sawall. So spontan die Anfrage war, so spontan war die Zusage.

KLISCHEES ÜBER DIE JESUITEN

2. Es scheint, dass die historisch erstmalige Ernennung eines Jesuiten zum Papst Franziskus zu diesem Filmbericht animiert hatte. Die seit Jahrhunderten kursierenden Verschwörungstheorien über die Jesuiten als geistige Giftmischer, Erfinder des absoluten Kadavergehorsams und der Jesuitenmoral bildeten weitere Aufhänger für diesen Bericht.

3. Der Bericht folgt den bekannten Klischees über die Macht (und deren möglichen Missbrauch) durch die Jesuiten im Laufe der Jahrhunderte.

4. Ein Buch aus dem Jahr 1614 – 80 Jahre nach der Ordensgründung erschienen – steht im Zentrum vieler Verschwörungstheorien: Die ‚monita secreta‘, die ‚geheimen Anweisungen‘. Ein Jesuitengeneral soll sie als Anleitung geschrieben haben, um den Orden mit allen Mitteln an die Macht zu bringen: Lüge, Intrige, Manipulation – in dieser lateinischen Schrift sind alle möglichen dubiosen Methoden der Jesuiten beschrieben. Der Filmbeitrag macht deutlich, dass es sich bei dieser so einflussreichen Schrift nach heutigem Kenntnisstand um eine gezielte Fälschung handelt.

5. Auch eine andere immer wiederholte Anklage gegen die Jesuiten, dass sie bei dem ‚Pulverattentat‘ gegen den König von England (1605) führend beteiligt gewesen sein sollen, wurde in der Sendung aufgrund neuer historischer Analysen als sehr wahrscheinliche Fälschung belegt.

GROSSE LEISTUNGEN, SPIRITUALITÄT

6. Es wurden exemplarisch die großen Leistungen der Jesuiten in der ganzen Welt angesprochen (ausführlicher nachlesbar sowohl in der deutschen Wikipedia (Jesuiten) wie auch in der Englischen Wikipedia (Jesuits).

7. Nicht ganz klar wurde, warum genau es im 18.Jahrhundert dann zu Verfolgungen und Aufhebungen der Jesuiten kam, bis hin zur vollständigen Aufhebung durch den Papst Clemens XIV. 1773. Die Rolle des Papstes war hier wenig schmeichelhaft.

8. Das wahre Geheimnis der Jesuiten ist ihre Spiritualität, die vor allem am Buch der Ignatianischen Exerziten festgemacht wurde. Allerdings, bedenkt man, dass dieses Buch für erfahrene Begleiter gedacht war, die schon ausreichend Erfahrung mit Exerzitien hatten, war im Film das bloße Zitieren einiger Gedanken aus diesem Buch wenig hilfreich. Es unterstützte eher nur gewisse Klischees, statt den potentiell revolutionären Ansatz der Exerzitien (Als Text hier herunterladbar) sichtbar zu machen.

GEISTIGER LEBENSWEG DES ORDENSGRÜNDERS ALS SCHLÜSSEL

9. Will man die Exerzitien verstehen, dann muss man sich den geistlichen Lebensweg des Ignatius von Loyola anschauen, wie er in seinem (gegen Ende seines Lebens) diktierten geistlichen Werdegang unter dem Titel Bericht des Pilgers vorliegt. Über ein paar Klischees kommt der Filmbericht aber leider nicht hinaus. Nähere und tiefere Analysen könnten aber aufzeigen, dass Ignatius von Loyola (ohne dass er sich selbst zu seiner Zeit dessen bewusst war noch bewusst sein konnte) mit seiner ‚Unterscheidung der Geister‘ eine Methode gefunden hatte, wie jeder Mensch weltweit und zu jeder Zeit seine persönliche Beziehung zu Gott klären und vertiefen kann. Methodisch unterscheidet sich diese Methode in nichts von modernen psychologischen Methoden der Selbstfindung.

10. Der radikal subjekt-akzeptierende Ansatz der Unterscheidung der Geister hatte vom Ansatz her eine gewisse Nähe zu den damals aufbrechenden neuen Strömungen im Umfeld des europäischen Humanismus, der Reformation sowie den beginnenden empirischen Wissenschaften. Wie Werner Löser, deutscher Jesuit und Theologe in der philosophische-theologischen Hochschule Sankt Georgen (in Frankfurt am Main), in einem Artikel ‚Die Regeln des Ignatius von Loyola zur kirchlichen Gesinnung – ihre historische Aussage und ihre aktuelle Bedeutung‘ in der Zeitschrift Geist und Leben 1984 herausgearbeitet hatte, war Ignatius von Loyola schon sehr früh mit dem humanistischen Gedankengut vertraut. Unter dem Eindruck beständiger Verdächtigungen seiner Person von der kirchlichen Inquisition und auch wohl im Lichte seines Kirchenverständnisses hat er aber – nach Löser – die im Konzil von Paris 1529 veröffentlichen Sätze gegen Erasmus von Rotterdam in seinen Regeln zum rechten Gespür mit der Kirche, übernommen.

PROBLEMATISCHES KIRCHENBILD

11. Es sind vor allem zwei Kerngedanken, die nicht nur damals, sondern alle Jahrhunderte hindurch bis heute das Bild der Jesuiten von außen so negativ geprägt haben, dass ihr anderer Beitrag, jener der radikalen Offenlegung der persönlichen Gottesbeziehung und des daraus entspringenden umfassenden Engagements für die Menschen, oft in den Hintergrund getreten ist. Diese finden sich in den Regeln Nr.1 und Nr.13 wieder. In diesen wird die konkrete hierarchische Kirche gesehen als vom ‚gleichen Geist geleitet wie Jesus selbst‘. Daraus folgt dann, dass, was auch immer der Einzelne in seiner subjektiven Gottesbeziehung erkennen mag, wenn diese vom göttlichen Geist geleitete Kirche sagt, es sei weiß, obwohl man selbst es als schwarz sieht, dann ist es eben weiß.

12. Dieses Prinzip ist rational kaum zu widerlegen, da es selbst nicht rational ist. Es setzt eine Glaubenseinstellung voraus, die nicht nur aus dem Menschen Jesus von Nazareth einen Sohn Gottes macht (rational nicht ableitbar), sondern die auch noch eine Vereinigung von Menschen, deren einzelne Mitglieder ganz offensichtlich begrenzt und fehlerhaft sind, als – im Sinne des Glaubens – ‚unfehlbar‘ annimmt, egal, was diese Gemeinschaft in Gestalt ihrer Hierarchie sagt und tut.

WAHRHEIT AUSSERHALB DER KRICHE

13. Im Bereich der menschlichen Erkenntnis durften wir erleben, dass – quasi zeitgleich mit Ignatius von Loyola und dem Jesuitenorden – sich die modernen empirischen Wissenschaften entwickelt haben. Galilei war den Jesuiten nicht nur bekannt, sondern sie waren als Wissenschaftler und Astronomen mit ihm im Gespräch. Es heißt sogar, dass sie seine Ansichten als richtig angesehen haben. Dennoch wurde Galilei von der Kirche gezwungen, seine Erkenntnisse zu widerrufen und für den Rest seines Lebens unter Hausarrest gestellt. Erst 1822 erteilte die Kirche eine offizielle Druckerlaubnis auf das damals umstrittene Werk und 1992 wurde Galilei formal rehabilitiert.

14. Zwar wissen wir heute, dass die empirischen Wissenschaften zu allen Zeiten von verschiedenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen instrumentalisiert wurden und auch heute noch werden (in welchem Land dieser Erde kann heute Wissenschaft wirklich frei und offen forschen?), dennoch hat die moderne Wissenschaft es immer wieder und nachhaltig geschafft, herrschende falsche Bilder und Meinungen zu korrigieren und unser Bild von der Welt weiter voran zu bringen. Das Geheimnis des Erfolgs ist die radikale Transparenz und ein experimentell verankerter Wahrheitsbezug. Während also die ’säkulare‘ Gesellschaft gelernt hat, der ‚Wahrheit‘ in einem radikalen Sinne zu dienen, erweckt die katholische Kirche immer noch den Eindruck, Wahrheit nach ’nicht rationalem Gutdünken‘ zu verwalten. Dies ist nicht nur nicht der Geist der Moderne, sondern es ist radikal anti-modern.

DEMOKRATISIERUNG DER MACHT

15. Parallel zur modernen Wissenschaft haben wir zugleich lernen können, dass die Aufgabe einer absolutistischen Monopolisierung der Macht nicht notwendigerweise zum Untergang führen muss, sondern dass – im Gegenteil – moderne demokratische Gesellschaften ein Wertesystem definieren und praktizieren können, dass deutlich über religiös motivierte und erlaubte Wertesysteme hinausreicht. Während die großen Religionen bis heute ein Problem mit der Existenz anderer religiöser (und weltanschaulicher) Anschauungen haben, haben die modernen demokratischen Gesellschaften solche Ein- und Abgrenzungen konstruktiv überwunden und einen Lebensraum geschaffen, in der alle Anschauungen leben können, solange sie andere nicht schädigen. Darüber hinaus hat die moderne Wissenschaft in diesen Gesellschaften – zumindest dem Buchstaben nach – eine privilegierte Rolle bei der Offenlegung der ‚Wahrheit dieser Wirklichkeit‘.

ZUKUNFT DER JESUITISCHEN SPIRITUALITÄT

16. Nimmt man all dies in den Blick, kann man die Frage aufwerfen, ob die radikale jesuitische Spiritualität (die die Jesuiten selbst aber nach der Gründergeneration auch für Jahrhunderte verloren hatten) nicht eine noch erheblich größere Wirkung hätte entfalten können, hätte sie sich nicht mit einem antimodernen, wahrheits- und menschenfeindlichen Kirchenbild bedingungslos verbunden.

17. Der aktuelle Papst, ein Jesuit, von vielen bewundert, da er sich rein äußerlich von einigen Insignien traditioneller päpstlicher Herrlichkeit verabschiedet hat, lässt bislang nicht erkennen, dass er das antimodernen, wahrheits- und menschenfeindlichen Kirchenbild grundsätzlich ändern möchte. Mit etwas ärmlicher Folklore kann man massenwirksame Aufmerksamkeit erregen, aber die grundlegenden geistigen Auseinandersetzungen mit einem – möglicherweise falschen – Wahrheitsideal sieht anders aus. Wer tatsächlich an einen ‚lebendigen wirkenden Gott‘ in allem glaubt, der muss sich eigentlich nicht ängstlich um politische Macht und Geld sorgen, allerdings um die richtige Erkenntnis, und die gründet bislang noch immer in der Subjektivität des einzelnen, der sich aus freien Stücken mit anderen zusammenfindet. Die dazu notwendigen ‚Regeln zur Unterscheidung der Geister‘ hat ein Ignatius von Loyola ansatzweise bekannt gemacht, aber eine wahrheitsfeindliche kirchliche Kurie hatte sie ihrer Modernität beraubt, jener Modernität, die in dieser Welt Menschenrechte, Demokratie und Wissenschaft möglich gemacht hat, gegen den Geist einer Institution, die den Namen Gottes für sich beansprucht, ohne die Weise Gottes zu akzeptieren.

18. Es bleibt offen, wie sich das Projekt einer wahrheitssuchenden und liebenden menschlichen Gesellschaft weiter entwickeln wird. Eine Kirche — nicht nur eine katholische –, die hinter dem Wertekanon einer neuzeitlichen Wissenschaft, hinter Menschenrechten und hinter einer Demokratie zurückbleibt, erscheint nicht als Hoffnungsträger und kann das Bild Gottes möglicherweise mehr verdunkeln als erhellen.

Einen Überblick über alle Blogeinräge nach Titeln findet sichHIER.

REDUKTIONISMUS, EMERGENZ, KREATIVITÄT, GOTT – S.A.Kauffman – Teil 7

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Letzte Änderungen: 22.April 2013, 08:18h

KAUFFMANS GOTTESBEGRIFF

1. In den folgenden Kapiteln 14-19 spekuliert Kauffman auf der Basis des bislang Gedachten. Das Kapitel ‚Living in Mystery‘ (etwa ‚Leben im Geheimnis‘) SS.230-245 beginnt er mit der zusammenfassenden Feststellung, dass nach den vorausgehenden Untersuchungen die gesamte bisherige – biologische wie auch kulturelle – Geschichte ’selbst-konsistent‘ (’self-consistent‘) sei, ‚ko-konstruierend‘ (‚co-constructing‘), ‚evolvierend‘ (‚evolving‘), ‚emergent‘ und ’nicht voraussagbar‘ (‚unpredictable‘).(vgl. S.231) In allem erkennt er eine fortschreitende ‚Individualisierung‘ (‚individuation‘) von Teilsystemen und Prozessen mit kontinuierlichen Ausprägungen von ’selbst-konsistenten Zusammenfügungen von Gemeinschaften‘. Alle diese Prozesse geschehen ständig, ohne dass wir in der Lage wären, sie mit den bekannten physikalischen Gesetzen hinreichend beschreiben zu können. (vgl. S.231) Für all dieses Geschehen, in dem er eine spezifische ‚Kreativität‘ am Werke sieht, führt er seinen Begriff von ‚Gott‘ (‚god‘) ein als eine Art technischen Begriff für das Ganze. (vgl.S.276) Und unter Voraussetzung dieses seines speziellen Gottesbegriffs führt er dann als weiteren technischen Begriff den Term ‚Heilig(es)‘ (’sacred‘) ein mit der Bemerkung, dass wir mit unserer Entscheidung (‚our choice‘) das ‚Heilige‘ im Universum und seinem Werden hochhalten (‚hold‘). (vgl. S.232,)

KRITISCHE ANMERKUNGEN ZU KAUFFMANS GOTTESBEGRIFF

2. [Anmerkung: Dieses Vorgehen ist schon etwas merkwürdig. Einerseits beteuert Kauffman dass er mit Glauben und Religion nichts zu schaffen habe, andererseits versucht er hier den historisch gewaltig aufgeladenen Begriff ‚Gott‘ in diesem neuen Kontext mit seiner Bedeutung zu etablieren, zusätzlich ergänzt um den nicht weniger aufgeladenen Begriff ‚heilig’/ ‚Heiligkeit‘. Warum tut er das? Wenn ihm die bisherigen Glaubenstraditionen egal wären, gäbe es eigentlich keine Motivation, Begriffe wie ‚Gott‘ bzw. ‚heilig‘ in diesen Kontexten zu erwähnen. Wenn er es aber dennoch tut, scheinen ihm diese Begriffe wichtig zu sein. Irgendwie verbindet sich für ihn mit den Begriffen ‚Gott‘ und ‚heilig‘ etwas, was er mit den für ihn spannendsten Eigenschaften dieser Welt verknüpft sehen will. Ich selbst bin 1990 aus der katholischen Kirche ausgetreten, da ich mit ihrer Art den Glauben an das Ganze zu vermitteln, einfach nicht mehr einhergehen konnte. Andererseits sind für mich die verschiedenen religiösen Traditionen (jüdisch, jüdisch-christlich, jüdisch-christlich-islamisch,…) trotz all ihrer Unvollkommenheiten nicht grundsätzlich etwas ‚Schlechtes‘, transportieren sie doch in ihrer geschichtlichen Konkretheit wertvolle menschliche Erfahrungen, von denen wir alle lernen können, sofern wir unser kritisches Denken dabei nicht ausschalten. Und mit Blick auf diese Traditionen muss man sagen, dass es hier Bilder und Überlegungen zu dem Begriff ‚Gott‘ gibt, die mit den Überlegungen von Kauffman vollständig kompatibel sein können; man könnte die Überlegungen von Kauffman ohne weiteres als eine Art weiterführenden Beitrag zum Thema sehen. Ein christlicher Theologe wie Teilhard de Chardin (1881 – 1955) war – trotz seiner beständigen Unterdrückung durch das kirchliche Lehramt – sehr nahe bei den Sichten, die Kauffman propagiert; in gewisser Weise vielleicht sogar weiter, wenngleich im technischen Detail natürlich – zeitbedingt – nicht so weit wie Kauffman. Kurzum, mir scheint dass Kauffman entweder das Thema ‚Gott‘ aus seinen Überlegungen heraushalten sollte (wenn Religion doch so unwichtig ist) oder aber, wenn er doch historisch so aufgeladene Begriffe wie ‚Gott‘ und ‚heilig‘ benutzt, sich die Mühe machen müsste, seine Art der Verwendung dieser Begriffe mit den in diesen gewachsenen Traditionen gebräuchlichen Verwendungen abzugleichen. Die wissenschaftliche Redlichkeit, um die er sich ansonsten immer bemüht, gebietet dies. Seine seltsam ‚verdrängende‘ Vorgehensweise im Gebrauch der Begriffe ‚Gott‘ und ‚heilig‘ erscheint mir von daher – so stimulierend diese Gedanken sind – wissenschaftlich unredlich und damit der schwächste Teil seines ganzen Buches. Nicht nur das, indem er diese Dimension seines Buches nahezu vollständig ausklammert beraubt er sein Buch einer wichtigen möglichen Wirkkomponente: die große Schwäche der religiösen Traditionen Judentum, jüdisches Christentum, jüdisch-christlicher Islam heute besteht nach meiner Wahrnehmung darin, dass sie die gesamten modernen Entwicklungen mehr oder weniger vollständig ausgeklammert haben. Ein konstruktiver Brückenschlag zwischen Erkenntnissen, wie sie Kauffman kommuniziert und diesen Positionen könnte ‚belebend‘ sein für beide Seiten. Dies setzt allerdings voraus, dass man die religiösen Traditionen nicht als vollständigen Unsinn abtut sondern in ihrem ‚Kern‘ eine empirisch vollziehbare Gottesbeziehung erkennt und für möglich hält, die jedem Lebewesen, ja dem ganzen Universum ‚innewohnt‘. Es ist für mich eine offene Frage, ob es irgend einen offiziellen religiösen Repräsentanten gibt, der in diesem radikalen Sinne ‚an Gott glaubt‘ – oder verbirgt sich hinter der ‚religiösen Fassade‘ letztlich ein abgrundtiefer Unglaube? Wirklich entscheiden werden wir diese Frage nie können. Es bleibt uns letztlich nur eine ‚Vertrauen‘ in den anderen, eine Art von ‚Glauben‘, der natürlich enttäuscht werden kann. Jede Art von Radikalismus ist hier fehl am Platz.]

PRINZIPIELL UNVOLLSTÄNDIGES WISSEN

3. Auf den SS.232-235 folgen dann verschiedene Überlegungen, in denen er unterschiedlichste Autoren zitiert (u.a. T.S.Eliot, Plato, Aristoteles, Newton, Carl Jung, Paul Dirac, Nietzsche) und das ‚Deep Blue‘ Computerprogramm von IBM, das den damaligen Schachweltmeister Gary Kasparow schlagen konnte. Alle diese Stellen sollen illustrieren, dass und wie wir mit einem begrenzten Wissen in einer offenen, sich beständig wandelnden Situation agieren.
4. Es folgt dann ein etwas systematischerer Abschnitt SS.236-245, in dem er anhand einer spieltheoretischen Situation illustriert, wie zwei Spieler sich wechselseitig hochschaukeln können, indem sie nach und nach jeweils ein ‚Modell des Anderen‘ konstruieren, das sie in ihren Entscheidungen leitet. Jede Ereigniskette, die solche Akteure als Produzenten enthält, verliert damit auf Dauer ihren ‚zufälligen‘ Charakter. Andererseits ist es so, dass die Verhaltensweisen solcher ‚lernfähiger‘ Akteure nicht ‚konstant‘ ist, sondern sich aufgrund ihrer aktiven Modellbildungen beständig verändert. D.h. adaptive Rationalität selbst ändert die erfahrbare Rationalität der Wirklichkeit. Und folgerichtig stellt Kauffman die Frage, was es denn heißt, ‚vernünftig‘ (‚wisely‘) zu handeln, wenn wir nicht nur das Ganze noch nicht kennen, sondern durch unser eigenes Verhalten das Ganze beständig verändern? (vgl. S.244) Und er kommt aufgrund wissenschaftlicher Überlegungen zu dem bedenkenswerten Schluss: „Das, was wir brauchen, um unser Leben zu leben, ist Glauben (‚faith‘); bei weitem wichtiger als Wissen (‚knowing‘) oder Erkennen (‚reckoning‘).“ (S.244) Und diese Art zu glauben ist ein biologisches Phänomen, eine inhärente Eigenschaft biologischer Lebensformen, die auf dieser Erde entstanden sind. (vgl. S.245)

DIE ZWEI KULTUREN (und Religion)

5. Auf den folgenden Seiten SS.246-254 variiert Kauffman diese Gedanken weiter anhand der kulturellen Aufspaltung in Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, wie sie Europa – und dann auch andere Teile der Erde – seit dem Aufkommen der modernen empirischen Wissenschaften charakterisiert und prägt. Angesichts der von ihm herausgearbeiteten grundsätzlichen ‚Kreativität‘ des ganzen Universums und des evolutionären Geschehens auf der Erde, hält er diese Aufspaltung für nicht mehr gerechtfertigt. Mit zahlreichen Zitaten von diversen Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern versucht er zu unterstreichen, dass die ‚Kunst‘ letztlich zum inneren Prinzip des kreativ-evolutionären Geschehens gehört. Wie zuvor aufgezeigt stößt die menschliche Vernunft beständig an ihre Grenzen, die sie nur überwinden kann, wenn sie diese Grenzen akzeptiert und sie durch ein geeignetes kreativ-koevolutionäres Verhalten ‚erweitert‘ und so dem Werden des je Unbekannten Raum gibt.
6. Verräterisch ist, wenn Kauffman zu Beginn dieses Kapitels hervorhebt, dass man jetzt mit einem Gottesbegriff leben kann, den ‚wir selber erfunden haben‘ (‚our own invention‘).(S.246) Damit bestätigt er indirekt die oben von mir geäußerte Vermutung, dass er die ‚älteren Verwendungsweisen des Begriffes ‚Gott“ als unangemessen ablehnt. [Anmerkung: Hier baut Kauffman einen Gegensatz auf, der so meines Erachtens nicht nur unnötig, sondern sogar falsch ist. Noch mehr, er vergibt sich die Chance, zu zeigen, dass auch die traditionellen jüdisch-christlich-islamischen Verwendungsweisen des Wortes ‚Gott‘ historisch gewachsen sind, dass sie sich kreativ-koevolutiv im Wechselspiel von menschlichem Leben und umgebender sich ereignender Geschichte ‚entwickelt‘ haben. Und dass gerade diese Entwicklung der verschiedenen Verwendungsweisen des Begriffs ‚Gott‘ in dramatisch wissenschaflich-künstlerischer Weise dokumentieren, wie hier der menschliche Geist damit ringt, trotz seiner konkreten und historischen Begrenztheiten das je Größere zu ahnen, irgendwie doch zu fassen, irgendwie doch das je Größere Absolute Transzendente in die endliche Konkretheiten einer historisch bedingten Körperlichkeit zu ‚übersetzen‘. Wer in den Wörtern der ‚heiligen‘ Texte immer nur die historischen Bedingtheiten, die zeitlich bezogenen Konkretheiten sieht, der verweigert diesen Texten genau die Ehrfurcht, die Weite, die Tiefe, die Großzügigkeit, den Mut, die transzendierende Mystik, die in ihnen ‚lebt‘, sich Ausdruck gesucht hat. Natürlich ist dieser ‚weitere, tiefere‘ Blick nicht logisch zwingend, nicht deduktiv absolut herleitbar (was manche immer wieder glauben), aber Kraft der transzendenten Wahrheit, die in jedem menschlichen Erkennen lebt, kann sie jeder ’sehen‘, wenn er will, und, vor allem, er kann sie mit seinem eigenen Leben ‚ausprobieren‘; dies nennt man dann entweder ‚Künstlersein‘ oder ‚religiös sein‘, gespeist von Kreativität und Glauben, oder beides in einem. Es ist sehr schade, dass Kauffman diesen tieferen und umfassenderen Zusammenhang offensichtlich nicht sieht. Dies kann u.a. daran liegen, dass die offiziellen religiösen Gemeinschaften den tieferen ‚Schatz ihrer eigenen Überlieferung‘ oft nicht voll verstehen und dass die sogenannten ‚geistlichen Führer‘ weniger ‚geistliche‘ Führer sind sondern Machtmenschen und Geschäftsleute, die ihre sehr persönlichen Vorteile in allem suchen. Die innere Freiheit des Geschehens kann solchen Missbrauch nicht verhindern und kann dann zur Abkehr von sehr vielen Menschen von den religiösen Traditionen führen. Schon ein Jesus von Nazareth hatte den Unterschied zwischen ’sich religiös geben‘ und ‚tatsächlich religiös sein‘ sehr klar erkannt und benannt.]

FÄHIG ZUM BÖSEN

7. Auf den SS.255-258 verweist Kauffman auf das Faktum, dass wir Menschen als konkreter Teil einer konkreten Evolution aufgrund unserer limitierten Ausstattung sehr vieles falsch machen können und auch schon falsch gemacht haben. zusätzlich haben wir Bedürfnisse, Emotionen, Motivationen die sehr partikulär sein können, sehr egoistisch und sehr, sehr grausam. Die Technologien der Zerstörung (und des Tötens) gehören immer mit zu den am weitesten entwickelten. Ob und wie wir diese destruktiven limitierenden Kräfte auf Dauer hinreichend konstruktiv einbinden können muss die Zukunft zeigen.

ETHIK

8. Ein Hauptthema des Buches von Kauffman war und ist der Versuch, aufzuzeigen, dass der sogenannte ‚Reduktionismus‘ aller Phänomene auf einen ‚Physikalismus‘ nicht haltbar ist. Ein zentrales Argument innerhalb dieses Aufweises ist die Behauptung, dass die meisten für uns Menschen interessante Phänomene der Evolution ‚emergenter‘ Natur sind, d.h. sich in ihrer Komplexität nicht aus den physikalischen Bestandteilen als solchen erschließen. Innerhalb dieser emergenter Phänomene gibt es das, was Kauffman ‚Agentenschaft‘ (‚agency‘) nennt, und verbunden mit der Agentenschaft, die Fähigkeit, bestimmten Vorkommnissen nicht nur allgemein eine ‚Bedeutung‘ zuzuweisen, sondern sogar eine ausgezeichnete Bedeutung im Sinne eines ‚Wertes‘: ein Vorkommnis x hat einen bestimmten ‚Wert‘ v mit Bezug auf einen ‚lebensrelevanten‘ Faktor L. D.h. innerhalb der biologischen Evolution haben sich Strukturen entwickelt, für die die wahrnehmbare Welt nicht ’neutral‘ ist, sondern ‚wertig‘; es gibt Ereignisse die mit Bezug auf das ‚Überleben‘ der Art ‚relevant‘ sind, ‚bedeutungsvoll‘, ‚wichtig‘.(vgl. S.259)
9. [Anmerkung: Man muss also sagen, dass es zum ‚Auftreten‘ des ‚Lebens‘ auf dieser Erde gehört, dass das Leben ‚als Teil von sich‘ bestimmte Ereignisse/ Eigenschaften dieser Welt als ‚wertvoll‘ erlebt. Oder, anders ausgedrückt, das Leben definiert sich wesentlich dadurch, dass es selbst einen ‚Wert‘ darstellt, der ‚von sich aus‘ ‚erhalten‘ sein will. Das Leben muss nicht künstlich irgendwelche Werte finden, derentwillen es sich lohnt zu leben, sondern das Leben als biologisches Phänomen ‚ist selbst der primäre Wert‘, um den es geht. Es existiert nur, weil es in dieser Form vom ‚Kosmischen Gesamtzusammenhang‘ Erde – Sonnensystem – Milchstraße – Universum in dieser Besonderheit ‚induziert‘ wurde und sich in Form dieser Besonderheit entwickeln konnte. Eine Alternative ist praktisch nicht möglich, da die Alternative vom kosmischen Gesamtzusammenhang her nicht unterstützt wird! Alle Atome, Moleküle, die sich nicht ‚in der Weise verhalten‘, wie es vom kosmischen Gesamtzusammenhang ‚belohnt‘ wird, haben keine Existenzmöglichkeit!!! Damit erscheint das Leben, so, wie es sich im kosmischen Gesamtzusammenhang entwickelt hat, als der einzige ‚fundamentale Wert‘, den wir bis heute kennen!!! Und natürlich liegt der Schluss nahe, dass sich aus diesem fundamentalen Wert (der sich aber nur den ‚im Leben befindlichen Akteuren‘ erschließt) alle anderen Werte ableiten lassen müssen.]
10. Im Lichte dieser fundamentalen Werteposition wundert es nicht, dass Kauffman zwei wichtige Positionen der heutigen Ethik kritisiert: den ‚Deontologismus‘ und den ‚Konsequentialismus‘. (vgl. S.259).
11. Sein Hauptargument besteht darin, dass unser moralisches Empfinden und unser Wertesystem sich erst in der Evolution und der zugehörigen Kultur ‚entwickelt‘ hat und dass von daher die Bezugnahme auf eine höheres, absolutes moralisches Fühlen im Sinne eines Deontologismus (sich verpflichtet fühlen) bzw. eines die Folgen des Handelns Bedenkens im Sinne eines Konsequentialismus ohne die Berücksichtigung der Entstehung und ihres jeweiligen Kontexts keinen Sinn macht. (vgl.S.259f)
12. Kauffman illustriert diese Kernthese mit vielen Zitaten (vgl. SS.260-266) und ergänzt den Entwicklungscharakter der Ethik noch um den Aspekt er formalen Unabgeschlossenheit (Gödels Theorem) jeglichen möglichen ethischen Systems. (vgl. S.266) [Anmerkung: Diese formale Unabgechlossenheit ergibt sich u.a. aus der evolutiven Entstehung des Wertesystems bzw. aus der inneren Struktur des Lebens. Diese innere Struktur besteht prinzipiell im beständig über das Gegebene Hinausgehen mit einem – zum Zeitpunkt des Darüberhinausgehens – unvollständigen Wissen! D.h. das ‚Innovative‘ am Leben ist seine ‚Kreativität‘ und die Fähigkeit, sich selbst permanent ‚transzendieren‘ zu können. Die Struktur des Lebens ist – was viele Philosophen früher auch schon erkannt hatten, ohne den Mechanismus der Evolution zu verstehen – in sich so, dass die ‚Erfüllung‘ des Lebensprozesses nur möglich ist, indem sich die bestehenden Strukturen mit etwas ‚außerhalb ihrer selbst‘ ‚verbinden‘!! Zum Zeitpunkt des Lebens ist dem jeweiligen lebenden System aber nicht vollständig klar, was dies genau ist; es erlebt sich selbst allerdings in einer ‚prinzipiellen Unabgeschlossenheit‘ (eine mögliche Version von ‚Transzendentalität‘), durch die es ‚angetrieben‘ ist, das ’noch Fehlende‘ zu ‚finden‘!!!]
13. Aus diesen Überlegungen folgert Kauffman, dass es nicht ein einzelnes höchstes Gut gibt, sondern eher – entsprechend der Idee eines ‚Pareto Optimums‘ im Kontext der Pareto Effizienz (nicht zu verwechseln mit dem Pareto Prinzip) – viele verschiedene Dinge, die alle zugleich wichtig sein können, damit bestimmte Lebensprozesse funktionieren. Nicht die Luftreinheit alleine oder die Wasserqualität oder die Ressourcenschonung oder …. bilden biologisch relevante Werte, sondern das Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren in einem bestimmten Gleichgewicht. (vgl. S.266f). Es kann also nicht darum gehen einige wenige absolute Werte zu identifizieren und zu isolieren. Nein, die biologische Evolution wird kontinuierlich neue Werteensembles ’sichtbar‘ machen, deren Einhaltung und Zusammenspiel wichtig sind; diese Werte können und werden sich im Laufe der Zeit ändern. (vgl. S.271f)

GLOBALE ETHIK

14. Es liegt nahe, den Gedanken der Ethik in einem globalen Rahmen weiter zu denken. Viele Gedanken aus den vorausgehenden Kapiteln wiederholen sich hier (vgl. SS.273-280). Ausdrücklich genannt wird das Thema Vielfalt und Vermischung von Kulturen, globale Ressourcenknappheit, die Problematik verzerrter (fundamentalistischer) religiöser Richtungen und unser Missbrauch anderer Lebewesen für unsere Ernährung. Und er wiederholt auch das Problem der prinzipiellen Wissensgrenzen zu jedem Zeitpunkt bei gleichzeitiger Notwendigkeit, handeln zu müssen. Dieses wissens-unvollständige Handeln verlangt nach Werten, die nicht ‚partikulär‘ sein können. Wo sollen diese neuen Werte herkommen? Er hofft, dass seine Deutung der natürlichen Entwicklung mit seinem Begriff der ‚Kreativität‘ als ‚Heiligkeit‘ eine Art ’natürlichen Gottesbegriff‘ begründet, der als gemeinsamer Grund für alle dienen kann. (vgl. S.276, 280)
15. [Anmerkung: Hier wird unmissverständlich deutlich, dass Kauffman einen bestimmten globalen Zusammenhang voraussetzt, ganz bestimmte kulturelle Gegebenheiten, die in seinem Verständnis eine neue Weltsicht einschließlich einer neuen Ethik verlangen. Während er glaubt, dass dies möglicherweise durch bloße Einführung eines neuen Begriffs (‚God‘, ‚Sacred‘) gelingt, beschreibt er indirekt, dass sehr viele Menschen noch unter dem Eindruck der ‚alten Bilder und Interpretationen‘ stehen, die durch ihre Begrenztheiten ein ‚angemesseneres‘ Verhalten verhindern. Angesichts des Beharrungsvermögens, das psychische und kognitive Muster an den Tag legen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die bloße Einführung einer neuen Deutung von ‚Gott‘ die Gewohnheiten von 2000 – 3000 Jahren einfach so ändern; sie sind im Alltag eingebettet und leben dort u.a. in Form von Gewohnheiten, Gebräuchen, Schriftstücken, und Gesetzen, die sich von alleine nicht ändern. Ihre ‚Faktizität‘ prägt aber täglich das Verhalten und damit das Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung. Durch diese Rückkopplung des subjektiven Erlebens und Denkens an objektive, soziale Tatbestände kann eine einschneidende Veränderung des Denkens von Dauer immer nur über eine entsprechende Änderung der realen Lebensverhältnisse führen. Die Geschichte hat Beispiele parat, wann und wie solche Prozesse stattgefunden haben.]

NOCHMALS GOTT

16. Auf den abschließenden Seiten SS.281-288 kulminiert nochmals das Denken von Kauffman in der Verwendung und Motivierung der Begriffe ‚Gott‘ und ‚Heilig‘, wie er sie eingeführt hat. Er nimmt ausdrücklich Bezug auf die jüdisch-christliche Traditionen, auch den Buddhismus, nicht aber auf den jüdisch-christlichen Islam. Er unterstreicht, dass eigentlich nur der Begriff ‚Gott‘ die kulturelle Kraft hat, die tiefsten und wichtigsten Überzeugungen der Menschheit zu repräsentieren. Er spricht von der Notwendigkeit von ‚Spiritualität‘ und auch von ‚Riten‘.
17. [Mit diesen vielfachen Wiederholung immer des gleichen Themas in den letzten Kapiteln manifestiert sich sowohl die Bedeutung, die Kauffman diesen Begriffen beimisst wie auch die Schwierigkeit, dieser Bedeutungschwere den angemessenen Ausdruck zu verleihen. Wenn man Kaufman auf all den Seiten seines Buches gefolgt ist, und schrittweise miterlebt hat, wie er sich seine eigene, neue Sichtweise mühsam gegen vielseitig gewohnte Sehweisen erkämpft hat, dann kann man ansatzweise nachempfinden, wie das Neue nachhallt und sich zugleich immer mehr Perspektiven auftun, neue Ansatzpunkte greifbar werden, wo und wie man diese stimulierenden Gedanken weiterführen und möglicherweise sogar umsetzen kann. Jeder erlebt die Lektüre eines Buches notgedrungen im Lichte seiner eigenen Fragen und seines eigenen Wissens. Für mich war dies Buch eine Art ‚Katalysator‘ für sehr viele wichtige Gedanken und Perspektiven. In der nächsten Zeit werde ich mit Sicherheit darauf zurückkommen. ]

Ende der besprechenden Lektüre von Kauffman’s Buch ‚Reinventing the Sacred‘.

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FLIEGENDE GEDANKEN – BEHARRENDE REALITÄT – NEUE ETHIK

1. Betrachten wir unser Denken, dann können unsere Gedanken uns erscheinen wie ‚fliegende Tänzer‘, die zu einer wilden, neuen Musik dahinfliegen, scheinbar schwerelos, für die es nur bedingt Raum und Zeit gibt.
2. Die ungeheure emergente Wucht des Biologischen, das die tote Oberfläche des Planeten Erde im Laufe der Zeit (ca. 3.8 Milliarden Jahre) in ein Faszinosum Billionenfach miteinander verwobener Energie-, Informations-, Zeichen-, Handlungs- und vieler anderer Prozesse verwandelt hat, hat sich in der Existenz von ‚Gedankenräumen‘ ein Medium geschaffen, das nicht nur das biologische Geschehen selbst in seinen Grundfesten erschüttern kann und schon längst direkt betrifft, sondern der materielle Träger dieses In-Materie-Sich-Ereignenden-Lebens, die Erde, wird zunehmend Gestaltungsgegenstand dieser Gedankenräume.
3. Real existierende Gedankenräume, individuell Milliardenfach, ‚vereinigt‘ kaum fassbar, ‚beschleunigen‘ die strukturelle Erweiterung des Biologischen in zuvor ungeahnter Weise. Brauchte es zuvor für eine strukturelle Veränderung sowohl der Körper wie auch der Umwelten Generationen, können heute Gedanken in Sekunden — und technologisch unterstützt — gar in Bruchteilen von Sekunden neue Strukturen vorwegnehmen, deren Komplexität nach oben prinzipiell keine Grenzen kennen.
4. Wir sind lebende Zeugen eines Evolutionssprungs ungeahnten Ausmaßes.
5. Diese ‚Explosion möglichen Lebens‘ in Gestalt real existierender Gedankenräume ist allerdings, wie jeder an sich selber überprüfen kann, tatsächlich noch nicht von dieser Schwerelosigkeit, die die ‚Gedanken an sich‘ zu haben scheinen. Welche Gedankenräume auch immer wir uns anschauen, sie treten nicht ‚losgelöst‘ auf, sondern — bislang — ausschließlich ‚eingebettet‘ in energetische Prozesse, die an Molekülkomplexe gebunden sind, die wir Körper nennen. Und diese Körper haben als Molekülkomplex physikalische Dimensionen wie Volumen, Gewicht, Energieverbrauch, usw. Ferner werden diese Gedanken realisiert mittels wechselnder Ladungszustände, deren Aufrechterhaltung und deren Veränderungen minimale ‚Prozesszeiten‘ benötigen. Wir können noch nicht — zumindest nicht mit dem aktuellen konkreten Körper — beliebig ’schnell‘ oder beliebig ‚viel‘.
6. Durch diese Beschränkungen durch die aktuellen Körper sind die Gedanken, die wir tatsächlich denken können, nur ein winziger Bruchteil all der Gedanken, die möglich wären. Ganz ohne Gedanken wären wir vollständig ‚blind‘ und es gäbe auch überhaupt kein Leben. Mit den paar Gedanken, die wir zur Zeit denken können, blinzeln wir beständig mit den Augen, da wir etwas ’sehen‘, aber wir sehen eigentlich nicht viel sehr klar.
7. Dazu kommt — das wissen wir alle — , dass wir zur gleichen Zeit nur sehr wenige Gedanken aktiv bewältigen können, dass wir ‚komplexere‘ Konzepte mühsam durch vorausgehende ‚einfachere‘ Konzepte ‚vorbereiten müssen; komplexere Konzepte setzen einfachere unumgänglich voraus, andernfalls gäbe es keine komplexere Konzepte. Dann sind da all die unterschiedlichen ’steuernden‘ Faktoren, jene, die dafür verantwortlich, was wir denken wollen, ob wir überhaupt denken wollen, was wir für ‚wichtig‘ empfinden, was als ‚unwichtig‘, usw. Wer in seinem Leben in einer Situation gelebt hat, die nie die Möglichkeit gewährte, jene Gedanken kennen zu lernen, die man braucht, um das Geschehen des Lebens auf der Erde zu verstehen, der wird es einfach nicht sehen und deshalb wird sein Weltbild ganz anders aussehen als das eines Menschen, der dies konnte. Zwei verschiedene Weltbilder A und B in der gleichen Welt. Unsere Gehirne kennen die Welt nicht; sie versuchen sie für uns zu ‚errechnen‘. Wenn wir ihnen den falschen ‚Input‘ geben, dann laufen die Gehirne zwangsläufig in die Irre.
8. In diesen Tagen bot sich das mediale Superspektakel der Wahl eines neuen Papstes und dessen erstes Auftreten. Wenn man nach einem Beispiel sucht für den Unterschied zwischen der Freiheit der Gedanken und der Beharrung der Realität dann sicher dieses Geschehen in der katholischen Kirche.
9. In Teilen von Europa (und zum Glück auch in Teilen der übrigen Welt) gibt es Gedankenwelten, in denen jenseits von traditionell-religiösen Mustern das Leben der Menschen auf dieser Erde neu gedacht werden kann, Gedanken, für die viele Jahrhunderte unter größten Mühen gekämpft werden musste. In großen Teilen der übrigen Welt sind diese Gedanken bei den Menschen unbekannt. Aus diesen Sichten wirken die europäischen Gedanken befremdlich, unverständlich, Verrat am alten, unnötig, usw.
10. So hat z.B. in weiten Teilen Europas die Frau eine Stellung gewinnen können, die ihren Fähigkeiten und ihrer Würde besser gerecht werden — so sagen wir — als in vielen anderen kulturellen Mustern, z.B. auch besser als in der offiziellen katholischen Kirche. Dies ist ein Punkt von vielen. Diese ‚Ungleichzeitigkeit‘ von Gedanken ist ein Hinweis darauf, dass die Welt der Gedanken als Teil einer ‚Kultur‘ seine Zeit benötigt, und durch das heute fast schon erzwungene ‚Miteinander von Verschiedenem‘, diese ‚Ungleichzeitigkeit‘, zu einem Problem werden kann. ‚Auf Kommando‘ lassen sich ungleichzeitige Gedankenräume nicht verändern. Die Verknüpfung von Gedanken mit konkreten Körpern und deren Einbettung in reale Lebensabläufe impliziert, dass die Veränderungen der Gedanken meistens auch reale Lebensabläufe ändern würde. Hier aber fühlen sich Menschen persönlich betroffen, real bedroht, real in Frage gestellt, usw. ‚Gedanken‘ sind eben nicht ‚reine‘ Gedanken, sondern ‚Repräsentanten‘ einer ‚realen‘ wie auch einer ‚möglichen‘ Welt. Wir Menschen hängen — fast schon fanatisch — am Realen (Vieles, was in diesem Zusammenhang über ‚Integration‘ gesagt wird, wirkt bezogen auf die reale Ungleichzeitigkeit und die hier notwendigen Maßnahmen erschreckend naiv, aber es ist ja auch nicht ganz leicht, in einer solchen komplexen Situation einen Weg zu finden, der allen ‚gerecht‘ wird, wenn doch ‚Gerechtigkeit‘ an den jeweiligen verschiedenen (!) Gedankenräumen festgemacht wird).
11. So wenig ein einzelner in der heutigen Situation vielleicht weiß oder überhaupt wissen kann, was genau als nächstes zu tun ist, so wahrscheinlich scheint es zu sein, dass die ‚Gesamtbewegung‘ der Evolution nur eine Richtung zu kennen scheint: Fortführung und Intensivierung von mehr Gedankenräumen durch immer stärkere Integration der individuellen Gedankenräume in einen großen Raum. Dazu gehört die Technologie als Teil (!) der biologischen Evolution wie auch die schrittweise Veränderung der gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen. Es geht nicht um die ‚Auslöschung‘ des Individuums, sondern um die zunehmende Integration der einzelnen Individuen in eine Form eines ‚vernetzten‘ Superorganismus, der als Ganzer um so besser ist, als jedes Mitglied ‚optimal‘ ist.
12. Mit diesem Superorganismus sind nicht die totalitären Muster der Vergangenheit gemeint, in denen einzelne Starke ganz Völker unterjocht haben, sondern selbstorganisierende Systeme in denen jeder seine kreativen Potentiale maximal nutzt, aber in einer Kultur des wechselseitigen voneinander Lernens. Da keiner das künftige Wissen schon hat sondern alle gemeinsam auf der Suche sind ist jeder einzelne maximal wichtig. Es kann immer nur ein einzelner sein, der etwas Neues entdeckt, und es kann nur der Superorganismus sein, der es entsprechend umsetzt zum Wohl für alle.
13. In dem kommenden biologischen Superorganismus gibt es keine einzelnen mehr, die alles entscheiden, aber es gibt auch keine einzelnen mehr, die einfach im ‚Nichts‘ dahinvegetieren können.
14. Dafür braucht es eine weit entwickeltere Ethik und Spiritualität, als wir zur Zeit haben. Solange Menschen denken, sie brauchen z.B. einen bestimmten Papst, um selber religiös leben zu können, so lange sind wir noch sehr weit weg von der neuen Kultur der sich wechselseitig helfenden Menschen. Es bleibt mir unbegreiflich, warum Menschen Jahre, Jahrzehnte darüber lamentieren, warum ein paar alte Männer in der vatikanischen Kurie oder überhaupt in einer Kirche gewisse Dinge nicht erlauben, wo sie es doch einfach tun könnten. Wozu brauchen sie diese alten Männer? Wer einem Jesus nachfolgen will kann dies überall und immer tun; dazu muss er niemanden fragen. Wer Gott in allem erkennen will, kann dies tun, niemand kann ihn daran hindern. Solange wir in ‚Stellvertreterkategorien‘ denken sind wir verloren. Jeder einzelne Mensch ist selbst ein potentieller Heiliger, er muss sich dies nur zugestehen. Niemand kann ihn letztlich daran hindern, das Richtige zu tun, wenn er will. Meine Geburt war unfreiwillig, meinen Tod kann ich frei wählen, und das Leben bis dahin auch, mitsamt den realen Umständen, auf die ich keinen Einfluss habe. Solange wir auf ein Wunder durch andere warten verpassen wir unser eigenes Wunder, und das ist das, worüber sich vielleicht andere freuen würden, dass wir ein Wunder für die sind….
15. Die Welt ist nicht einfach, aber voller Geheimnisse.

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WEIHNACHTEN 2012 – MENSCHWERDUNG GOTTES – UND WIR

  1. Wir schreiben heute den 24.Dez.2012. Für die Christen ist dies das Datum, an dem sie das Weihnachtsfest feiern.
  2. Dieses Fest geht zurück auf Texte im Neuen Testament (einem Teil der christlichen Bibel), in denen von der Geburt von Jesus von Nazareth die Rede ist.
  3. Die Texte selbst sind keine historischen Zeitzeugnisse. Sie wurden mehrere Jahrzehnte nach dem Tod des Jesus von Nazareths von Menschen aufgeschrieben, die nicht dabei waren, von Menschen die von dem grausamen Tod dieses Jesus wussten und die sich im Nachhinein Gedanken darüber gemacht haben, wer er denn war, ob er ein besonderer Mensch war, vielleicht sogar der lang erwartete Messias, oder gar der Sohn Gottes?
  4. Die Geburtstexte lassen denn auch keinen Zweifel darüber, wie die Autoren dieser Texte (die genaue Identität der Autoren konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden) den Menschen Jesus von Nazareth sahen: für sie war er der Sohn Gottes. Sie bringen dies u.a. dadurch zum Ausdruck, dass sie die Mutter so darstellen, dass sie von Gott selbst schwanger wurde, ohne Einwirkung eines Mannes (natürlich auch nicht im Sinne einer künstlichen Befruchtung, was heute möglich wäre).
  5. Sehr bemerkenswert finde ich auch die Aussagerichtung des Textes, dass Gott das Kind im Bauch der Mutter unter den aller ärmlichsten Verhältnissen zur Welt bringen lies, außerhalb der Städte, außerhalb der Machtzentren, in der Nähe von Tieren.
  6. Im späteren, Jahrhunderte langen, Ringen um die ‚richtige‘ ‚theologische‘ Interpretation der ‚wahren Natur‘ des Menschen Jesus von Nazareth setzte sich in der christlichen Kirche schließlich die zum ‚Dogma‘ erhobene Formulierung durch, dass Jesus ganz und gar Mensch war, in allem uns gleich (außer der Ursünde Adams), und doch zugleich auch Gottes Sohn, ohne dass auch nur ansatzweise geklärt wird, wie beides zusammen gehen soll. Wie soll man sich das vorstellen, dass jemand ganz und gar ‚Mensch‘ ist und zugleich ‚Sohn Gottes‘? (Siehe das Konzil von Chalcedon 451 nach christlicher Zeitrechnung).
  7. Nach dem Verständnis der christlichen Kirchen haben wir es durch die Person Jesus von Nazareth also mit einer ‚Menschwerdung Gottes‘ zu tun, ohne dass uns bis heute jemand erklären konnte, wie man sich dies vorstellen soll. Obwohl die christliche Kirchen (es ist nicht nur die katholische Kirche, die dieses Lehrmeinung vertritt) im Laufe der Jahrtausende über viele Dinge gesprochen haben, diesen Kernsachverhalt haben sie bis heute nicht aufgeklärt.
  8. Mit einem Abstand von nun fast 2000 Jahren lässt sich mancher Gedanke anders denken als er in der Vergangenheit gedacht wurde.
  9. Jeder, der die Geburtstexte liest (natürlich im Urtext, im ‚Bibel-Griechischen‘, samt all den textkritischen Erkenntnissen zu den unterschiedlichen Überlieferungen der Textfragmente) wird — wie es so viele Bibelwissenschaftler (‚Exegeten‚ genannt) schon getan haben — zu der Einschätzung kommen, dass es sich um einen stark ‚interpretierenden‘ Text handelt, in dem aus dem nachträglichen Glauben an die ‚Besonderheit Jesu‚ der Text so ausgestaltet worden ist, dass alle Textelemente auf diese eine Aussage hin ‚komponiert‘ worden sind (Bezüge auf das Alte Testament, die idealisierte Jungfräulichkeit, die Rolle des Jesu gegenüber dem Täufer Johannes, usw.). Mit der ‚wahren‘ Geburtsgeschichte muss dies nicht viel zu tun gehabt haben; eher spricht alles dafür, dass es so ziemlich gar nichts mit der tatsächlichen Geburt und Kindheit Jesu zu tun hat (neben grundsätzlichen Erwägungen sind dies auch die anderen Stellen im Neuen Testament, wo von den leiblichen Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist).
  10. Noch so viele wissenschaftlichen Analysen werden aber im Nachhinein natürlich keine 100%-Klarheit in den Sachverhalt bringen können. Diejenigen, die die ‚GöttlichkeitJesu durch Hinweis auf ‚besondere göttliche Umstände‘ ‚belegt‘ sehen wollen, werden solche Umstände immer und überall sehen (unsere reale Welt hat so viele ‚kognitiven Löcher‘, dass es jeder Fantasie ein Leichtes ist, diese Lücken mit Interpretationen zu füllen, die einen ‚Sinn‘ ergeben, auch wenn die Fakten dies nicht unbedingt hergeben).
  11. Ist die Lage daher für unser Erkennen ‚hoffnungslos‘? Natürlich nicht. Es gibt einen einfachen Grundsatz des menschlichen (logischen) Denkens, der besagt ‚Aus Nichts kann ich nichts beweisen‘, oder, ausgedehnt auf das metaphysische (philosophische) Denken: ‚Wahrheit kann ich nur erkennen, wenn es Wahrheit gibt‘! Im Falle der Beziehung zwischen Menschen (und damit dem ganzen biologischen Leben) und dem, was die christlichen Kirchen als ‚Gott‘ bezeichnen (und vermutlich alle anderen Menschen auf dieser Erde auch, wenn sie in Richtung des mit ‚Gott Gemeinten‘ denken) bedeutet dies, dass wir nur dann über diese Beziehung sinnvoll etwas sagen können, wenn es eine reale Beziehung zwischen dem mit Gott Gemeinten und dem biologischen Leben auf der Erde geben würde. Die besonderen Umstände (‚Wunder‘), mit denen die Autoren der verschiedenen Texte des Neuen Testaments an verschiedenen Stellen immer wieder versuchen, solche ‚Hinweise auf das Göttliche‘ im ‚irdischen Alltag‘ einzubauen, sind ja letztlich nichts anderes als genau jene ‚kognitiven Reflexe‘, durch die man versucht, den ‚Brückenschlag‘ zwischen ‚Irdischem‘ und ‚Göttlichem‘ herzustellen wohl wissend, dass ohne jeglichen aufweisbaren Bezüge solch ein Reden über Gott sich in er ‚Nacht der puren Willkür‘ nahezu völlig auflösen würde.
  12. Während die Menschen zur Zeit und kurz nach Jesus von Nazareth sich nur dadurch behelfen konnten, dass sie ‚wundersame Mittel‘ literarisch einsetzten, um diese Brückenschläge kognitiv anzudeuten, konnten wir in den letzten 2000 Jahren sehr viel darüber dazu lernen, wie die Natur ist, wie wir Menschen als Teil dieser Natur ‚gebaut‘ sind, wie diese ganze Welt sich als Teil des Universums in atemberaubender Weise entwickelt hat und immer noch weiter entwickelt. Wir haben begonnen, zu verstehen, wie unsere Körper funktionieren, wie unser Denken in den Gehirnen abläuft, was biologisch determinierte ‚Bedürfnisse‘ und ‚Gefühle‘ sind, wie der ‚Geist‘, der sich im Verhalten von Menschen zeigt, eine tiefliegende Eigenschaft nicht nur von allem biologisch-Lebendigem zu sein scheint, sondern geradezu von allem ‚Materiellen‘, das in der ‚Energie‘ gründet. Wir beginnen zu verstehen, dass es zwischen allem ‚Materiellen‘ im Universum eine viel größere, tiefere und reichere Verbindung gibt, als alles Denken der vorausgehenden Jahrtausende uns enthüllen konnte. Wenn es etwas gibt, das wir das ‚Göttliche‘ nennen, dann ist es nicht nur unendlich ‚weit entrückt‘ (transzendent), sondern es ist zugleich immer und überall ‚unendlich nah‘ (immanent)(es gibt eine Reihe von Textstellen im Neuen Testament, die die Exegeten sehr nah an Jesus heranrücken, in denen der Mensch Jesus von dieser Immanenz des Göttlichen in JEDEM Menschen zu sprechen scheint). Und es ist genau diese ‚Umkehrung‘ der Wirkungsrichtung im Denken, die ‚Licht ins Dunkle‘ bringt: es ist nicht so, dass wir ’nachträglich‘ einen Weg zum mit ‚Gott Gemeinten‘ finden, sondern weil alles, was es im Universum gibt — wenn überhaupt — von genau diesem mit ‚Gott Gemeinten‘ ‚Kommt‘, und zwar real, konkret, nur deshalb gibt es eine ‚Verbindung‘ zum mit ‚Gott Gemeinten‘ von Anfang an, immer, beständig, und nur deshalb können wir sagen, dass das ‚Leben‘ in diesem Sinne ein ‚Abbild Gottes‘ sei, nur deshalb können wir das mit ‚Gott Gemeinte‘ in uns ’spüren‘ (‚Mystik‘, ‚Gotteserfahrung‘, …), und nur deshalb zeigt das ‚Leben‘ Eigenschaften, die es vom physikalischen Eigenschaftsfeld ‚abheben‘, es zum ‚Rätsel‘ für die Physik machen und nach Erklärungen verlangen, die weit über das hinausgehen, was wir bislang an Erklärungen zu bieten hatten.
  13. Das ‚Reden über‘ den Menschen Jesus von Nazareth mag also eine Reihe von ‚bizarren Gedanken enthalten, die im Nachhinein betrachtet ‚unangemessen‘ sind, möglicherweise sogar ‚falsch‘ und ‚irreführend‘, Jesus selbst — sofern man den textkritischen Analysen trauen darf — hatte mit Wundern und ‚Extravaganzen‘ eher weniger ‚am Hut‘, da er — so ist mein Eindruck — die Tiefe des allgemeinen menschlichen Daseins mit Blick auf seine Herkunft und mögliche Bestimmung als Mensch (!) in einer Weise erahnt und erfasst zu haben scheint, wie sie ALLEN Menschen — auch uns — immer und jederzeit möglich ist. Mit dem mit ‚Gott Gemeintem‘ ‚verbunden‘ zu sein erscheint sowohl vom heutigen Wissensstand her wie auch in den Augen eines Jesus von Nazareth daher kein ‚Privileg‘ von einigen wenigen zu sein, sondern gehört zur ‚Grundausstattung‘ von allem Materiellen, insbesondere natürlich von allem Lebendigen, und hier insbesondere von der ‚jüngsten Spezies‘ auf der Erde, dem homo sapiens sapiens, also zu uns. Wer also das mit ‚Gott Gemeinte‘ suchen will, muss keine Millionenspenden an obskure Organisationen entrichten, muss seine ‚Seele‘ nicht an selbsternannte ‚Gurus‘ vermieten oder verkaufen, muss keine speziellen Trainingskurse oder Fastenpraktiken absolvieren, er muss nur anfangen sich selbst, die anderen Menschen, diese Erde, dieses Universum zu sehen, ‚wie es ist‘, sich selbst und die anderen ‚ernst‘ nehmen.
  14. Die ‚Wahrheit‘ ist da und sie wahr ‚von Anbeginn‘ da. Unser Problem ist offensichtlich, zur Kenntnis zu nehmen, was ‚da‘ ist. Wir Menschen sind extrem erfindungsreich im ‚Fabulieren‚ von Besonderheiten, da es natürlich allemal einfacher ist, irgendetwas ‚Besonderes‘ zu erfinden und es nach Belieben hoch zu stilisieren, als das zur Kenntnis zu nehmen, was tatsächlich da ist. So gesehen könnte man sagen, dass die Naturwissenschaften heute ‚eher‘ ‚das Theologische‘ enthüllen als die ‚Theologie‘ (wobei viele sogenannte Religionen ja noch nicht einmal eine systematische Theologie (als ’systematische Untersuchung von dem mit Gott Gemeintem) besitzen.

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OFFENBARUNGSRELIGIONEN – Grenzen, die man bedenken sollte

(1) VORGESCHICHTE(n)

 

In vorausgehenden Blog-Einträgen habe ich schon mehrfach in verschiedener Weise über Religion und Glauben etwas aufgeschrieben (Überblick im Wiki zum Blog). Da ich dennoch immer wieder darauf angesprochen werde hier ein weiterer Eintrag, z.T. wiederholend, z.T. ergänzend.

 

(2) UMFANG DES WISSENS

 

Abkürzungen: BP := Before Present, Vor der Gegenwart, Aktuelle Gegenwart: 2012.

 

Jede der drei großen Offenbarungsreligionen Judentum [J], Christentum [C] und Islam [I] umfasst eine lange Geschichte (J mehr als 2700 Jahre, C ca. 2000 Jahre (mit J als Vorgeschichte), I ca. 1300 (mit J+C als Vorgeschichte)). Dazu gehören unterschiedliche Länder, Religionen, Kulturen, unterschiedliche Sprachen, zahllose Schriften in vielfältigen Sprachen (manche verschollen, viele für die meisten nur schwer zugänglich). Es dürfte heute keinen einzigen Menschen geben, der auch nur von einer dieser Religionen ‚alles‘ weiß. Selbst die Besten dürften nur Bruchstücke wissen. Daraus ergibt sich, dass jeder zunächst einmal mit großem Respekt vor dem jeweiligen Phänomen stehen sollte. Insbesondere sollte man hellhörig werden, wenn jemand als einzelne Person für sich in Anspruch nimmt, wesentliche Aussagen über den ‚Inhalt‘ einer dieser Religionen zu machen. Ein jeder, der so auftritt, dass er den Eindruck erweckt, er rede jetzt mit ‚absoluter Autorität‘ ohne dass er/sie sich die Mühe macht, die konkreten Voraussetzungen seiner Rede und die darin unausweichlich mitgegebenen Grenzen zu benennen, macht sich zunächst einmal automatisch ‚verdächtig‘, Dinge sagen zu wollen, über die er eigentlich gar nicht genügend weiß. Diese Vorsicht gilt gegenüber jedem und jeder – natürlich auch gegenüber dem Schreiber dieser Zeilen. Niemand ist davor geschützt trotz bester Absicht Dinge zu sagen, die sachlich nicht zutreffend sind.

 

(3) OFENBARUNGSMEDIUM/-MEDIEN

 

Zum Selbstverständnis einer Offenbarungsreligion gehört die Überzeugung, dass die primäre Quelle der ‚Offenbarung‘ ‚Gott selbst‘ ist [G], der sich auf unterschiedliche Weise bestimmten Menschen ‚mitgeteilt‘ hat (In den verschiedenen Sprachen hat Gott unterschiedliche Namen: Elohim, Jahwe, Theos, Deus, Allah,…). Diese Menschen – meistens Propheten genannt (es gibt aber viel mehr Spielarten, wie und wo Gott sich mitgeteilt haben soll) – haben das, was sie meinten, von Gott empfangen zu haben, in der Regel mündlich weiter gegeben (zumindest im Judentum und Christentum war das so; direkte schriftliche Notizen gibt es von keinem einzigen sogenannten Propheten, nicht einmal von Jesus). Diese mündlichen Mitteilungen wurden in einer Kultur der mündlichen Überlieferung auf dem zur jeweiligen Zeit üblichen Weg weitererzählt. Später (im Falle des Neuen Testaments nach wenigen Jahrzehnten, im Fall des Alten Testaments z.T. auch noch später) wurden diese mündlichen Überlieferungen von einzelnen (meist Gruppen) aufgeschrieben und als Texte überliefert. Auf diese Weise entstanden Sammlungen von Überlieferungen aus unterschiedlichen Zeiten, die – im Falle des Alten Testaments deutlich nachweisbar – auch zu größeren Einheiten zusammengefasst wurden. Angelegentlich solcher Zusammenfassungen wurden dann auch schon mal ‚Anpassungen‘ vorgenommen, spezielle Überleitungen oder Ausleitungen geschaffen oder bestimmte Teile umgestellt, ergänzt, gekürzt oder sogar überarbeitet. Dieser Prozess erstreckte sich über viele Jahrhunderte. Dadurch nahmen sehr unterschiedliche Sprache, Kulturen, Zeitanschauungen, lokale Besonderheiten usw. Einfluss auf die Darstellung. Für die islamische Tradition gilt dies entsprechend. Nur sind die historisch-kritischen Forschungen hier noch nicht soweit fortgeschritten wie im Falle der jüdisch-christlichen Traditionen. Aus Sicht der Gegenwart sollte man aber immer bedenken, dass die Sprache des hebräischen alten Testaments nicht das Hebräisch der Gegenwart ist, das Koine-Griechisch des neuen Testaments war weder das Aramäisch-Hebräisch das Jesus und seine Jünger gesprochen haben noch gleicht es dem modernen Griechisch des heutigen Griechenlands. Genausowenig entspricht das Arabisch des Koran dem modernen gesprochenen Arabisch. Wenn wir also von dem ‚Offenbarungsinhalt‘ sprechen, von der eigentlichen ‚Botschaft‘ von G an ‚uns heute‘, dann sollten wir vor Augen haben, welch schwierige Überliefungskette zwischen G und uns heute liegt (solange wir uns auf diese Überlieferungskette beschränken).

 

(4) BOTSCHAFTEN VERSTEHEN

 

Zusätzlich zu dieser beeindruckenden Überlieferungskette wissen wir aus den philosophischen und allgemeinwissenschaftlichen Arbeiten mindestens der letzten 100 Jahre sehr viel mehr über die Bedingungen sprachlicher Kommunikation als zu jeder anderen Zeit vor uns. Eine Grundtatsache ist die, dass zwei Menschen A und B nur dann ein ‚einigermaßen gleiches Verständnis‘ mit einem bestimmten sprachlichen Ausdruck E verknüpfen können, wenn sie (i) hinreichend ähnliche Wahrnehmung haben, (ii) hinreichend ähnliches Gedächtnis, (iii) hinreichend ähnliche Denkoperationen und sie (iv) wissen, unter welchen ‚Bedingungen‘ der sprachliche Ausdruck E verwendet werden soll. Im Falle eines Ausdrucks wie ‚diese rote Tasse da‘ ist. z.B. nur verständlich, wenn es dazu eine Zeigegeste gibt, die hinreichend eindeutig vom Sprecher auf ein geeignetes Objekt zeigt und der Hörer diese Geste entsprechend einordnen kann. Zudem muss der Hörer wissen, was mit ‚rot‘ gemeint ist und mit ‚Tasse‘. Zahllose konkrete empirische Untersuchungen haben aufgezeigt, wie komplex das Bedingungsgefüge für funktionierende Kommunikation im Alltag ist. In der Regel können nur Menschen einigermaßen ‚verständnisvoll‘ miteinander reden, die hinreichend viel gemeinsames Training und gemeinsame Erfahrungen teilen. Sobald der gemeinsame Erfahrungshintergrund zu ‚dünn‘ ist, hilft selbst die gleiche Sprache nicht weiter. Sind verschiedene Sprachen im Spiel, benötigt man Übersetzungen. Diese stellen ‚Interpretationen‘ dar, die vom Verständnis und der Erfahrung des Übersetzers abhängig sind, die niemals eine 1-zu-1 Abbildung gewährleisten können. Die z.T. sehr unterschiedlichen Übersetzungen des gleichen Textes illustrieren dies (dies gilt auch für die vielen Übersetzungen der Offenbarungsschriften in andere Sprachen). Ein Übersetzungsverbot hilft hier nicht unbedingt, da dann die Gefahr besteht, dass man zwar den Wortlauf des ursprünglichen Textes erhält, aber man keine Klarheit hat über die ‚Botschaft‘ des Textes. Aber auf diese kommt es an. Handelt es sich um Botschaften, die überwiegend mit ‚inneren Anschauungen‘ zu tun haben, die sich kaum bis gar nicht in der ‚Welt zwischen den Körpern‘ verorten lässt, wird Verstehen zum ‚Glücksspiel‘. Man kann sich zwar individuell etwas vorstellen, was es sein ‚könnte‘, aber wirklich ‚wissen‘ tut man es nicht.

 

(5) KONSEQUENZEN?

 

Nun könnte man versucht sein, daraus den Schluss zu ziehen, dass das mit den Offenbarungsbotschaften ein einziges ’semantisches Chaos‘ ist, das jedem seine beliebige Interpretation erlaubt und von daher wenig erhellend ist. Solange man aus dem Horizont der verfügbaren Offenbarungsschriften die eine, einzig wahre und alles erklärende Botschaft erwarten würde, hätte man tatsächlich ein Problem, da die Schriften, so, wie Sie in ihrer beeindruckenden geschichtlichen Breite, Tiefe und Vielfalt vorliegen, eine einzige klare Botschaft für viele heutige Fragen nicht zuzulassen scheinen. Sieht man in diesen Schriften aber das Zeugnis von Menschen aus mehr als 2700 Jahren, die um die Frage des Sinns der Geschichte, der Schöpfung, des Menschen usw. ringen und gerungen haben, dann bleiben diese Schriften überwältigend und einzigartig. Dann kann man aus ihnen vieles lernen, gerade aus dem Scheitern, aus den Grenzen, aus den Fehlern usw. speziell aber auch – und dies ist vielleicht mit das Bedeutsamste – gerade über Überlieferungsprozesse, über Weitergabe von Botschaften, über den Wandel von Ideen, Wandel von Sprachen und Bedeutungen. Diese Schriften ersetzen in keiner Weise die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse; warum auch, sie liegen weit vor dem Aufkommen moderner Wissenschaften. Andererseits bilden die modernen Wissenschaften auch keinen Gegensatz zu den Offenbarungsschriften, da alles, was die Wissenschaften bislang zutage gefördert haben, in keiner Weise irgendeiner dieser Offenbarungsschriften widerspricht. Hier ist anzumerken, dass die ganze Debatte biblischer Schöpfungsbericht contra moderne Evolutionstheorie  schon in der Wurzel an der großen Verirrung leidet, dass man von einem biblischen Schöpfungsbericht ausgeht, der angeblich beschreibt, wie Gott die Erde erschaffen habe. Wer sich den hebräischen Urtext anschaut wird sehr schnell sehen, dass der sogenannte biblische Schöpfungsbericht aus mindestens zwei Texten entsteht mit ganz unterschiedlichen sprachlichen Mitteln. Im einen heißt G ‚Elohim‘, im anderen ‚Jahwe‘, ferner unterscheiden sich die Texte in Sprache, Grammatik und Aussage diametral, d.h. schon ‚innerbiblisch‘ haben wir zwei konkurrierende Deutungen zum Beginn der bekannten Welt, in der Menschen aus unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichem Wissen versucht haben, für sich die Frage zu beantworten, wie man den ‚Anfang‘ wohl verstehen sollte. Dazu kommt, dass beide sogenannte Schöpfungsberichte unterschiedliche Anleihen bei Überlieferungen aus umgebenden und älteren Kulturen machen. Dazu gibt es viele hundert exzellente Untersuchungen. Biblische Texte gegen moderne Wissenschaft auszuspielen erscheint von daher widersinnig. Umgekehrt macht es sehr wohl Sinn, die modernen Erkenntnisse zur Entstehung des Universums und zur Entstehung von Leben als Ausgangspunkt für eine vertiefende Betrachtung eines möglichen ‚Sinns‘ in dem Ganzen zu nehmen. Die Wissenschaft selbst tut dies eher nicht (ist i.e.S. nicht ihre Aufgabe). Aussagen von Wissenschaftlern (prominente Beispiele Hawking, Dawkins), dass Sie meinen, aus den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften ein Argument gegen die Existenz Gottes ableiten zu können, ist genauso widersinnig. Weder bieten die modernen wissenschaftlichen Theorien irgendeinen Ansatzpunkt, die Existenz Gottes ausschließen zu können (dazu müsste man ja erst mal wissenschaftlich definieren können, was man unter ‚Gott‘ versteht; kenne niemanden, der das schon mal versucht hat), noch bieten die Offenbarungsschriften irgendeinen sinnvollen Ansatzpunkt, sich gegen moderne Wissenschaften zu wenden. Ich würde daher dazu tendieren zu sagen, dass es nicht nur ein großes Versäumnis der Offenbarungsreligionen ist, sich nicht aktiv, konstruktiv, umfassend, vorbehaltlos den modernen Wissenschaften zu öffnen, sondern hier liegt eine Verantwortung für die Wahrheit, der man sich verweigert. Das Universum als Ganzes ist mindestens soviel Offenbarung wie Gemütsregungen in einem einzelnen Menschen zu einer bestimmten Zeit, der diese dann als ‚Mitteilungen Gottes an die Welt‘ darstellt. Hier sollten die ‚Vertreter Gottes ‚in sich gehen‘, um nicht Gefahr zu laufen, die Sache Gottes eher zu verraten als ihr zu dienen. Wenn überhaupt dann ist G das jeweils Größere und nicht zu verwechseln mit den jeweils sehr beschränkten Vorstellungen eines einzelnen Menschen.

SPÄTERE BLOGEINTRÄGE

Das Thema Religion, Glaube taucht immer wieder auf. Sehr hilfreich kann auch eine rein historisch-strukturelle Betrachtung sein, so z.B. das Buch von Bergmeier Christlich-abendländische Kultur – eine Legende (Teil 1) und Teil 2. Bei diesem Buch handelt es sich um eine interessante historische Studie zum Wechselspiel zwischen ‚Gesellschaft – Christentum‘ einerseits und parallel zwischen ‚Gesellschaft – Islam‘ andererseits im Zeitraum 700 – 1400. Aus dieser Studie — und unter Berücksichtigung der Jahrhunderte danach — kann man ersehen, dass ein blühende Gesellschaft ohne Religion möglich ist, dass aber Religion umgekehrt ganze Gesellschaften behindern oder zerstören kann. Auch wenn man es aus der Sicht des Jahres 2015 kaum glauben mag, aber die kulturell höchstentwickelte Perioe und Blütezeit hatte Ganz-Europa in der Zeit ca. 800 – 1100 im arabisch-islamischen Reich. Parallel verzeicnen wir einen wirklich dramatischen Niedergang der Gesellschaft unter der römischen Papstkirche bis sich die Zivilgesellschaft von diesem Einfluß ab ca. 1200 schrittweise und mühsam im Laufe von ca. 600Jahren befeien konnte.

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