INDIVIDUUM vs. SYSTEM: Wenn das Individuum tot ist wird das System sterben …

1. Die folgenden Überlegungen müsste man eigentlich mit viel Mathematik und Empirie untermauert hinschreiben. Da ich aber auf Wochen absehbar dazu nicht die Zeit haben werde, ich den Gedanken trotzdem wichtig finde, notiere ich ihn so, wie er mir jetzt in die Finger und Tasten fließt …

PARADOX MENSCH Mai 2012

2. Am 4.Mai 2012 – also vor mehr als 2 Jahren – hatte ich einen Blogeintrag geschrieben (PARADOX MENSCH), in dem ich versucht hatte, anzudeuten, wie der eine Mensch in ganz unterschiedlichen ’sozialen Rollen‘, in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten vorkommt und dort, je nach Handlungs-, Wissens- und Werteraum ganz verschiedene Dinge tun kann. Derselbe Mensch kann hundert Tausende für sich bis zum umfallen Arbeiten lassen und selbst dabei ‚reich‘ und ‚genussvoll‘ in den Tag hinein leben oder er kann als genau dieser einzelner in einer Werkhalle stehen und für einen Hungerlohn bei miserablen Bedingungen sein Leben aufarbeiten, ohne viel darüber nachdenken zu können, wie er sein Leben ändern könnte. Der Mensch in der Werkhalle kann viel intelligenter, viel begabter sein als der, der die hundert Tausende befehligt, aber der in der Werkhalle hat keine sozialen Räume, um diese seine Begabungen ausleben zu können. Vielleicht wäre er ein mathematisches Genie, ein großer Pianist, ein begnadeter Architekt, eine wunderbare Krankenschwester, ein(e) …. wir werden es in der aktuellen Situation nicht wissen, es sei denn …

3. Was sich in dem Blogeintrag von 2012 andeutet, aber nicht explizit ausgeführt wird, das ist diese ‚doppelte Sicht‘ auf die Wirklichkeit:

INDIVIDUELL-SUBJEKTIV, SYSTEMISCH – TRANSSUBJEKTIV

4. als Individuen, als einzelne ‚erleben‘ wir die Welt aus unserer subjektiven Perspektive, mit unserem einzelnen Körper, finden uns vor in einem gesellschaftlichen Kontext, der uns als Kinder ‚empfängt‘ und der von Anfang an ‚mit uns umgeht‘. Als Kinder können wir fast nichts machen; wir sind ‚Gegenstand‘ dieser Prozesse‘, sehr oft einfach nur ‚Opfer‘; der Prozess ‚macht mit uns‘ etwas. Wie wir wissen können, gibt es hier die volle Bandbreite zwischen Hunger, Quälereien, Missbrauch, Folter, Arbeit bis hin zu friedlicher Umgebung, umsorgt werden, genügend (zu viel) zu Essen haben, spielen können, lernen können usw.

5. Wir erleben die Welt aus dieser EGO-Perspektive mit dem individuellen Körper, seinem Aussehen, seiner Motorik, seinen Eigenheiten in einer Umgebung, die ihre Spielregeln hat, unabhängig von uns. Wir gewinnen ein BILD von uns, das sich über die Umgebung formt, bildet, zu unserem Bild über uns wird, eine Rückspiegelung von uns unter den Bedingungen der Umgebung. Jemand hat die Begabung zu einem Ingenieure, wird aber immer nur belohnt und unterstützt, wenn er etwas ganz anderes macht, also wird er normalerweise nie Ingenieure werden. … Wer nur überlebt, wenn er lernt sich anzupassen oder andere mit Gewalt niederhält, permanent Angst um sich verbreitet, der wird selten zu einem ‚friedlichen‘, ‚umgänglichen‘ Gegenüber …

6. Aus Sicht ‚der Welt‘, der sozialen Struktur, der Firma, der Behörde, kurz, aus Sicht ‚des Systems‘ ist ein einzelner immer dasjenige ‚Element‘, das ‚im Sinne des Systems‘ ‚funktioniert‘! Wer Lehrer in einer Schule geworden ist, wurde dies nur, weil es das ‚System Schule‘ gibt und der einzelne bestimmte ‚Anforderung‘ ‚erfüllt‘ hat. Solange er diese Anforderungen erfüllt, kann er in dem ‚System Schule‘ das Element genannt ‚Lehrer‘ sein.

7. Das System interessiert sich nicht dafür, ob und wie das einzelne Element Lehrer auf seiner subjektiven Seite die alltäglichen Ereignisse, Erlebnisse, Anforderungen verarbeitet, verarbeiten kann; wenn das Element ‚Lehrer‘ im Sinne des Systems ‚Schwächen‘ zeigt, Anforderungen länger nicht erfüllen kann, dann muss das System dieses ’schwächelnde Element‘ ‚entfernen‘, da es ansonsten sich selbst schwächen würde. Das ‚System Schule‘ als gesellschaftliches System bezieht seine Berechtigung aus der Systemleistung. Wird diese nicht erbracht, dann gerät es – je nach Gesellschaft – unter Druck; dieser Druck wird auf jedes einzelne Element weiter gegeben.

8. Solange ein einzelnes Element die Systemanforderungen gut erfüllen kann bekommt es gute Rückmeldungen und fühlt sich ‚wohl‘. Kommt es zu Konflikten, Störungen innerhalb des Systems oder hat das individuelle Element auf seiner ’subjektiven Seite‘ Veränderungen, die es ihm schwer machen, die Systemanforderungen zu erfüllen, dann gerät es individuell unter ‚Druck‘, ‚Stress‘.

9. Kann dieser Druck auf Dauer nicht ‚gemildert‘ bzw. ganz aufgelöst werden, wird der Druck das individuelle Element (also jeden einzelnen von uns) ‚krank‘ machen, ‚arbeitsunfähig‘, ‚depressiv‘, oder was es noch an schönen Worten gibt.

MENSCHENFREUNDLICHE SYSTEME

10. In ‚menschenfreundlichen‘ Systemen gibt es Mechanismen, die einzelnen, wenn Sie in solche Stresssituationen kommen, Hilfen anbieten, wie der Druck eventuell aufgelöst werden kann, so dass das individuelle Element mit seinen Fähigkeiten, Erfahrungen und seinem Engagement mindestens erhalten bleibt. In anderen – den meisten ? — Systemen, wird ein gestresstes Element, das Ausfälle zeigt, ‚ausgesondert‘; es erfüllt nicht mehr seinen ’systemischen Zweck‘. Welche der beiden Strategien letztlich ’nachhaltiger‘ ist, mehr Qualität im System erzeugt, ist offiziell nicht entschieden.

11. In ‚menschenfreundlichen Gesellschaftssystemen‘ ist für wichtige ‚Notsituationen = Stresssituationen‘ ‚vorgesorgt‘, es gibt systemische ‚Hilfen‘, um im Falle von z.B. Arbeitslosigkeit oder Krankheit oder finanzieller Unterversorgung unterschiedlich stark unterstützt zu werden. In weniger menschenfreundlichen Systemen bekommt das einzelne Element, wenn es vom ‚System‘ ‚ausgesondert‘ wird, keinerlei Unterstützung; wer dann keinen zusätzlichen Kontext hat, fällt ins ‚gesellschaftliche Nichts‘.

12. Unabhängig von ökonomischen und gesellschaftlichen Systemen bleiben dann nur ‚individuell basierte Systeme‘ (Freundschaften, Familien, Vereine, private Vereinigungen, …), die einen ‚Puffer‘ bilden, eine ‚Lebenszone‘ für all das, was die anderen Systeme nicht bieten.

INDIVIDUELLE GRATWANDERUNG

13. Ein einzelner Mensch, der sein Leben sehr weitgehend darüber definiert, dass er ‚Systemelement‘ ist, d.h. dass er/sie als Element in einem System S bestimmte Leistungen erbringen muss, um ‚mitspielen‘ zu können, und der für dieses ‚Mitspielen‘ einen ‚vollen Einsatz‘ bringen muss, ein solcher Mensch vollzieht eine permanente ‚Gratwanderung‘.

14. Da jeder einzelne Mensch ein biologisches System ist, das einerseits fantastisch ist (im Kontext des biologischen Lebens), andererseits aber natürliche ‚Grenzwerte‘ hat, die eingehalten werden müssen, damit es auf Dauer funktionieren kann, kann ein einzelner Mensch auf Dauer als ‚Element im System‘ nicht ‚absolut‘ funktionieren; es braucht Pausen, Ruhezonen, hat auch mal ’schwächere Phasen‘, kann nicht über Jahre vollidentisch 100% liefern. Dazu kommen gelegentliche Krankheiten, Ereignisse im ‚privaten Umfeld, die für die ‚Stabilisierung‘ des einzelnen wichtig sind, die aber nicht immer mit dem ‚System‘ voll kompatibel sind. Je nach ‚Menschenunfreundlichkeit‘ des Systems lassen sich die privaten Bedürfnisse mit dem System in Einklang bringen oder aber nicht. Diese zunächst vielleicht kleinen Störungen können sich dann bei einem menschenunfreundlichem System auf Dauer zu immer größeren Störungen auswachsen bis dahin, dass das einzelne individuelle Element nicht mehr im System funktionieren kann.

15. Solange ein einzelnes Element nur seine ’subjektive Perspektive‘ anlegt und seine eigene Situation nur aus seiner individuellen Betroffenheit, seinem individuellen Stress betrachtet, kann es schnell in eine Stimmung der individuellen Ohnmacht geraten, der individuellen Kraftlosigkeit, des individuellen Versagens verknüpft mit Ängsten (eingebildeten oder real begründet), und damit mit seinen negativen Gefühlen die negative Situation weiter verstärken. Das kann dann zu einem negativen ‚Abwärtsstrudel‘ führen, gibt es nicht irgendwelche Faktoren in dem privaten Umfeld, die dieses ‚auffangen‘ können, das Ganze zum ‚Stillstand‘ bringen, ‚Besinnung‘ und ’neue Kraft‘ ermöglichen und damit die Voraussetzung für eine mögliche ‚Auflösung der Stresssituation‘ schaffen.

16. Menschen, die annähernd 100% in ihr ‚Element in einem System‘ Sein investieren und annähernd 0% in ihr privates Umfeld, sind ideale Kandidaten für den individuellen Totalcrash.

17. ‚Plazebos‘ wie Alkohol, Drogen, punktuelle Befriedigungs-Beziehungen, bezahlte Sonderevents und dergleichen sind erfahrungsgemäß keine nachhaltige Hilfe; sie verstärken eher noch die individuelle Hilflosigkeit für den Fall, dass es ernst wird mit dem Stress. Denn dann helfen alle diese Plazebos nichts mehr.

WAS WIRKLICH ZÄHLT

18. Das einzige, was wirklich zählt, das sind auf allen Ebenen solche Beziehungen zu anderen, die von ‚tatsächlichem‘ menschlichen Respekt, Anerkennung, Vertrautheit, Zuverlässigkeit, und Wertschätzung getragen sind, dann und gerade dann, wenn man phasenweise seine ‚vermeintliche Stärke‘ zu verlieren scheint. Das umfasst private Wohnbereiche zusammen mit anderen sowie ‚echte‘ Freundschaften, ‚echte‘ Beziehungen, ‚gelebte‘ Beziehungsgruppen, ‚Gefühlter Sinn‘, und dergleichen mehr.

LOGIK DES SYSTEMS

19. Die ‚Logik der Systeme‘ ist als solche ’neutral‘: sie kann menschenrelevante Aspekte entweder ausklammern oder einbeziehen. Solange es ein ‚Überangebot‘ an ‚fähigen Menschen‘ für ein System gibt, kann es vielleicht menschenrelevante Aspekte ‚ausklammern‘, solange das ‚gesellschaftliche Umfeld‘ eines Systems die ‚Störungen absorbiert‘. Wie man weiß, kann aber die ‚Qualität‘ eines Systems erheblich leiden, wenn es die ‚menschenrelevanten‘ Aspekte zu stark ausklammert; auch wird ein gesellschaftliches Umfeld – wie uns die Geschichte lehrt – auf Dauer ab einem bestimmten Ausmaß an zu absorbierenden Störungen instabil, so dass auch die für sich scheinbar funktionierenden Systeme ins Schwanken geraten. Die Stabilität eines Systems ist niemals unabhängig von seiner Umgebung. So führte historisch eine auftretende krasse Vermögens- und Arbeits-Ungleichverteilung immer wieder zu starken Turbulenzen, Revolutionen, in denen Menschen sich wehren. Denn letztlich sind alle absolut gleich, jeder hat die gleichen Rechte. Das einseitige Vorenthalten von Rechten bei den einen und die einseitige Privilegierung für wenige andere hat nahezu keine Begründung in einem persönlichen Besser sein, sondern ist fast ausschließlich systemisch-historisch bedingt. Da ‚Privilegieninhaber‘ von sich aus fast nie freiwillig auf ihre Privilegien verzichten wollen und alles tun, um diese ‚abzusichern‘, wird ein systemisches Ungleichgewicht in der Regel immer schlechter; dies ist nicht nachhaltig; letztendlich führt es zur De-Stabilisierung und damit in chaotische Zustände, in der es nicht notwendig ‚Gewinner‘ geben muss, aber auf jeden Fall viele Verlierer.

20. Ein ganz anderer Aspekt ist die globale Verarmung aller Systeme, die die individuellen Potentiale systemisch unterdrücken. Da fast jeder Mensch gut ist für etwas Besonderes, führt die ‚Einkastelung‘ der Individuen in ‚tote Elemente‘ eines Systems zwangsläufig zu einer ungeheuren Ressourcenverschwendung und Verarmung, die dem System selbst wertvollste Ressourcen entzieht. Der ‚Tod des Individuums‘ ist daher auf Dauer auch über die ‚Verarmung‘ des Systems auch ein ‚Tod des Systems‘. Jedes System, das nachhaltig die Potentiale seiner Individuen samt ihrer Privatheit besser fördert und entwickelt als ein Konkurrenzsystem, wird auf Dauer besser und stabiler sein.

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VIKTOR JERUFEJEW – DIE RUSSISCHE SEELE – EIN TRAUM – DEUTUNGSVERSUCH

1. Gestern, am 8.April 2014, druckte das Feuilleton der FAZ die Übersetzung eines Artikels von dem russischen Schriftsteller Viktor Jerufejew ab (laut Wikipedia (DE) schreibt sich der Name Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew (Виктор Владимирович Ерофеев, wissenschaftliche Transliteration Viktor Vladimirovič Erofeev). Er trug die Überschrift ‚Die Krim ist Putins Meisterstück‘. Man kann den Text lesen als eine politische Satire, die einen bestimmten Gedanken kunstvoll überdehnt (jene vom russischen Großmachttraum), um die Absurdität deutlich zu machen, oder als die Wiedergabe einer tatsächlich Meinung in Russland, wobei nicht klar ist, wieweit der Autor dies nun selbst auch meint, oder nicht. Wie in besten Zeiten russischer Diktatur(en) ist der Text kunstvoll literarisch kodiert; man kann ihn so oder so lesen. Ich nehme ihn hier mal in jener Lesart, dass er das Fühlen und Denken der ‚russischen Seele‘, des ‚russischen Volker‘ wieder zu geben versucht (denn, angenommen der Text wäre als Satire gedacht, dann ist dies genau sein Thema: die aktuellen Manifestationen der russischen Seele zu ‚besprechen‘).

2. In diesem Artikel steht auf der einen Seite das ‚russische Volk‘, die ‚russische Seele‘ (mit ein paar politischen Akteuren, die dieser Seele dienen), die ‚Nachfahren des heiligen Rus‘, wie es die Augen der orthodoxen Kirche sehen. Das heutige Russland wird als ‚Skelett einer Großmacht‘ bezeichnet verglichen mit dem russischen Imperium des18./19.Jahrhunderts bzw. der späteren Sowjetunion. Gegenüber der Ukraine erscheint Russland als ‚Bruder‘.

3. Demgegenüber stehen die ‚westlichen Massenmedien‘, die ‚westliche Zivilisation‘, oder einfach ‚der Westen‘, der im Fall der Ukraine als ‚heimtückisch‘ bezeichnet wird. Als einziges westliches Gesicht blitzt kurz das von Obama auf, der mit seiner Bemerkung über ‚Russland als Regionalmacht‘ die russische Seele tief beleidigt habe (selbst oder gerade dann, wenn es real zutreffen würde (Idee: wenn jemand arm ist und ein Reicher bezeichnet den Armen in der Öffentlichkeit als ‚arm‘, dann verliert dieser sein Gesicht, seine Würde, dann ist er tief getroffen, beleidigt)).

4. Unabhängig davon, was dieser Artikel sonst noch an Gedanken äußert, sagt alleine schon diese ‚Aufstellung‘ sehr viel über die ‚russische Seele‘ im Sinne Jerufejews (wobei es in Russland – zumindest in den Städten – Menschen gibt (wie viele genau?), die solch eine Aufstellung erheblich differenzierter sehen würden!).

5. Die pauschale Rede von ‚dem Westen‘ verschleudert schon im Ansatz so viel Realität, so viel Wahrheit, dass das, was dann bleibt für darauf aufbauende Überlegungen, nur noch mit einer vagen Fata Morgana operiert, die keine wirklich vernünftigen Gedanken mehr zulässt.

6. Der ‚Westen‘, das sind zunächst mal grob Europa (ohne Russland), Nord- und Südamerika, und jede dieser Regionen ist extrem differenziert; zwar gibt es Gemeinsamkeiten, aber natürlich auch Gegenläufigkeiten, Antagonismen, und möglicherweise haben wir aktuell gerade eine ernsthafte Krise des Westens dahingehend, dass die USA als mit Abstand größte militärische Macht drauf und dran sind, sich zu einem totalitären imperialistischen Staat zu entwickeln, der das Vertrauen seiner bisherigen ‚Verbündeten‘ auf eine immer härtere Probe stellt und gerade dabei war (Snowden Enthüllungen), psychologisch-moralisch noch stärker ins Abseits zu rutschen. Die Krim-Krise kam der US-Regierung gerade recht; und man kann nicht mal ausschließen, dass die abfälligen Bemerkungen Obamas nicht sogar ‚gezielt‘ waren, um genau diese Reaktion Putins zu provozieren, mit der er den übrigen Westen, insbesondere Europa, in eine Rolle gedrängt hat, die Europa wieder mehr den USA zuspielen sollte (zumal seit Sommer 2013 die Geheimverhandlungen zum transatlantischen Freihandelsabkommen laufen, die den großen Konzernen (insbesondere den US-amerikanischen) neue Freiräume eröffnen sollten, und die durch Indiskretion ins Stocken geraten waren). Sollte die US-Regierung tatsächlich darauf spekuliert haben, dass Putin den ’starken Mann‘ markiert und damit Europa verschreckt, dann ist die Rechnung zunächst mal ein wenig aufgegangen.

7. Was nun Europa angeht, so ist Europa selbst ein sehr vielschichtiges Gebilde historisch, politisch, kulturell, ökonomisch, und Europa hat mit Russland mindestens so viel gemeinsam wie mit dem übrigen Westen. Hier Russland willkürlich abzutrennen von ‚dem Westen‘ erscheint fragwürdig.

8. Allerdings gibt es zwischen dem heutigen ‚westlichen Europa‘ und dem heutigen Russland einen tiefgreifenden Unterschied: die Staaten des aktuellen Europa sind ganz und gar ‚freiwillig‘ zur Einheit EU verbunden; nirgendwo stehen Soldaten, um die einzelnen Staaten dazu zu zwingen, sich als EU zu fühlen; das heutige Russland hingegen benötigt in vielen Teilgebieten starke militärische Kräfte, um die Bevölkerung in diesen Gebieten bei Russland zu halten. Ob und wie die einzelnen Staaten (und Völker) der aktuellen EU zusammenbleiben werden, ist eine offene Frage und wird nicht durch militärische Operationen entschieden werden, sondern durch die offene und freie Meinungsbildung in diesen Teilbereichen.

9. Man nennt diese Form des offenen, freiwilligen, und auf Werte gründenden Zusammenschlusses von Menschen, Völkern und Staaten ‚Demokratie‘. Wie wir alle wissen (können), hat es viele Jahrhunderte an schwersten geistigen – und auch militärischen – Auseinandersetzungen gebraucht, bis dies in Europa (und auch in Teilen Nord- und Südamerikas) soweit gekommen ist. Zwei der wichtigsten Faktoren, die dieser Bewegung entgegen standen waren monopolisierte Machtzugänge (z.B. in Form absolutistischer Monarchien) und Religionen in Form von Kirchen, die den jeweiligen Machthabern als ‚Stabilisatoren‘ der Macht durch Bereitstellung von geeigneten ‚Ideologien‘ dienten.

10. Das menschliche Unheil, das ideologisierende Religionen in der Vergangenheit angerichtet haben, ist unendlich groß: Menschenrechte wurden mit Füßen getreten, das Leben Hunderttausender wurde kurzfristigen Machtinteressen geopfert, die Wissenschaft wurde bis ins letzte Jahrhundert unterdrückt (und wird auch heute noch, speziell in den USA von ideologisierenden Kirchen diskreditiert). Die orthodoxe Kirche kann sich von diesen Mustern nicht distanzieren; sie war immer ein Teil davon und erweckt bis heute den Eindruck, dass sie noch ganz und gar diesem menschen- und wahrheitsverachtenden Muster huldigt.

11. Während also die Staaten des westlichen Europas sich freiwillig, in demokratischer Weise, und in Relativierung menschen- und wahrheitsverachtender Kirchen, zu einem Staatenbund zusammengefunden haben, der sich einer zunehmend totalitär sich gerierenden US-Regierung widersetzt (allerdings vorerst nur sehr schwach), scheint Russland das demokratische Moment und das religionskritische Moment – in einer Art Rückfall (man kann es auch Regression nennen) – herunter zu spielen.

12. In der tat kann dies ein punktuelles, rauschhaftes ‚Glücksgefühl‘ erzeugen, aber, schaut man die harten Realitäten an, dann ist dies ein Glücksgefühl, das nicht von langer Dauer sein kann. Ja, man kann das westliche Europa kritisieren, dass es die Interaktion mit Russland hätte intensiver betreiben können/ sollen; im gleichen Atemzug muss sich aber auch die russische politische Elite fragen, was sie selbst getan hat, um dies zu unterstützen. Kernstück des neuen westlichen Europas ist die durchgreifende Idee der Demokratie mit klaren Forderungen an demokratischer Öffentlichkeit, Rechtssystem, Zugang und Kontrolle der Macht, wahrheitsfähiger Wissenschaft und klare Eingrenzung von ideologisierenden Kirchen. Wie es zur Zeit aussieht, hat die politische Elite Russlands hier versagt: aus tatsächlicher – oder eingebildeter – Schwäche heraus, sich nicht zuzutrauen, die gesellschaftlichen Eckwerte in diesem modernen Sinne aufzubauen, hat man sich kurzfristig (und kurzsichtig) den ‚Geistern der Vergangenheit‘ wieder ausgeliefert und sonnt sich in dem (kurzfristigen) Gefühl, es geht doch auch ohne grundlegenden Reformen, ohne Anstrengung, ohne Risiko, ohne Kampf gegen sich selbst, ohne Kampf gegen die Vergangenheit. Nein, es wird nicht gehen. Wenn die Machtelite der USA eines wollte, dann genau dieses, das Zurückfallen Russlands in die alten Muster und die Abkehr vom westlichen Europa. Bravo Putin. Du hast die große historische Chance gründlich vermasselt. Die Erneuerung Russlands und der Wiederaufbau eines demokratischen Europa (West und Ost) gehorchen historischen Maßstäben, nicht der Willkür einzelner oder den realitätsfremden Träumen von Ideologen.

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SASCHA LOBO: DIE DIGITALE KRÄNKUNG DES MENSCHEN – Eine Nachbemerkung

1) Am 12.Januar2014 erschien im Feuilleton der FAZ auf S.37 ein Beitrag von Sascha Lobo mit der Überschrift ‚Die digitale Kränkung des Menschen‘. Im Kern läuft sein Beitrag auf die Aussage hinaus — hierin Freud folgend –, dass nach den drei großen Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus (1473-1543) (Erde nicht im Zentrum), Darwin (1809-1882)(Mensch ist Teil der allgemeinen biologischen Entwicklung), und Freud (1856-1939)(Abhängigkeit des Menschen vom Nicht-Bewussten) nun eine vierte große Kränkung stattgefunden hat, nämlich die ‚digitale Kränkung‘ durch die Entdeckung, dass das Internet, der vermeintlich freie Inkubationsraum einer neuen, globalen freien Gesellschaft, von den Wurzeln her und in all seinen Verästlungen einer vollständigen Überwachung (und auch möglicher Manipulation) durch die NSA — und anderer Geheimdienste — unterliegt.
2) Das Ganze bekommt eine sehr persönliche Note, da er sich damit ‚outet‘, dass er dies nicht nur persönlich als Kränkung empfindet, sondern dass er in diesen Erkenntnissen zugleich auch bei sich selbst eine totale Fehleinschätzung der Situation einräumen muss. Er, der Netzerklärer, fühlt sich vorgeführt, getäuscht, missbraucht. Er unterlässt es nicht, sich als Netzerklärer der Avantgarde zuzurechnen, die es liebt, sich vom ‚durchschnittlichen Bildungsbürger‘ abzugrenzen; zugleich räumt er in der Öffentlichkeit einen Irrtum ein (ein Dritter könnte bei ihm möglicherweise auch eine besondere Spielart von ‚Bildungsbürgertum‘ erkennen, das gerne über Voraussetzungen und Hintergründe hinwegsieht):
3) Denn, dies ist auffällig, bei allem Aufschrei über eine Kränkung, vermisst man eine wirkliche Analyse. Wieso konnte es denn zu solch einem Irrtum kommen? Warum ist das Internet nicht die schöne, heile Welt der Freigeister sondern der Kampfplatz der Geheimdienste?
4) Anstatt Freud einfach nur zu zitieren mit den drei Kränkungen könnte Lobo ja auch diese vorausgegangenen sogenannten ‚Kränkungen‘ hinterfragen. Lobo hätte ja fragen können, ob denn die neuen Erkenntnisse von Kopernikus (und der anderen Wissenschaftler in seinem Gefolge) wirklich eine ‚Kränkung‘ waren oder nicht eher doch eine ‚Befreiung aus der Dunkelheit eines Nichtwissens‘, das sich der Naivität eines Alltagsbewusstseins verdankt, das alles nimmt, wie es ist, anstatt nachzufragen, warum das so ist (und darin ein beliebiger Spielball der aktuell Mächtigen).
5) Ferner hätte Lobo fragen können, ob die Einsichten von Darwin (und vieler anderer) nicht ebenfalls eine Befreiung aus einer tiefen Finsternis von Unkenntnis waren, indem er (mit vielen anderen) aufdecken konnte, dass es zwischen den Lebensformen zu unterschiedlichen Zeitpunkten kausale Verbindungen gibt, die bis in die frühesten Zeiten des Lebens auf dem Planeten Erde zurückweisen. Wiederum waren es Unwissenheit, durch Religionen motivierte Vorurteile und Machtinteressen, die diese Einsichten ‚unpassend‘ fanden, ’störend‘, ‚gefährlich‘, ein Abwehrverhalten, das bis heute anhält (in den USA halten im Jahr 2014 28% der Männer und 38% der Frauen die Evolutionstheorie für falsch).
6) Die Einsichten von Freud in die Abhängigkeit des Bewussten vom Nichtbewussten, heute mehr und mehr vertieft durch das Zusammenwirken von Neurowissenschaften und Psychologie, sind auch nur solange eine Kränkung, als man einem falschen Bild vom Körper, dem Gehirn, dem Psychischen, dem Erkennen anhing. Für Wissenschaftler, Aufklärer und alle ’normalen‘ Menschen kann es wiederum nur eine Befreiung von falschen Bildern über die Welt, insbesondere über den Menschen, sein. Auch das hätte Sascha Lobo hinterfragen können.
7) Würde Lobo den Spuren der Evolutionstheorie folgen, dann würde er u.a. feststellen können, dass die biologische Evolution nur die Fortsetzung einer kosmologischen und chemischen Evolution ist, die sich zu einer kulturellen und technologischen Evolution erweitert haben, innerhalb deren das Internet nur ein kleiner Ausschnitt der Entwicklung darstellt.
8) Ein anderer Ausschnitt wird gebildet von den Systemen der Machtregulierung, die mit den Systemen der neuzeitlichen Demokratien eine sehr innovative und hochkomplexe Form gefunden haben, die sich in einem permanenten ‚Gleichgewichtskampf‘ befinden. Am Beispiel der US-amerikanischen Demokratie kann man beobachten, wie diese seit dem 2.Weltkrieg dabei ist, von ‚innen‘ heraus, von der Exekutive aus, ‚ausgehöhlt‘ bzw. fast ganz ’neutralisiert‘ zu werden. Unter dem alles erschlagenden Motto ‚Nationale Sicherheit‘ wurden und werden nahezu alle Gesetze und Kontrollinstanzen ausgehebelt und parallel wurde ein weltumspannendes imperiales System aufgebaut, das systemisch keinen Spielraum mehr kennt. Dass die USA noch nicht in eine völlige Diktatur abgeglitten sind ist systembedingt nicht zu erklären; irgendwie müssen es viele wunderbare Menschen sein, die das letzte Umkippen aktuell noch verhindern. Die Exekutive selbst lässt nur eine Richtung erkennen: noch mehr Kontrolle ‚von innen‘ und noch weniger Kontrolle ‚von außerhalb‘ des Systems.
9) Diese Vorgänge in den USA sind öffentlich zugänglich und erklären, warum das Internet vor diesem Hintergrund nicht das Internet sein kann, was sich Sascha Lobo wünscht. Warum denkt Lobo darüber nicht nach? Warum interessiert ihn das demokratische System als solches nicht? Das bundesrepublikanische demokratische System hat in den letzten Monaten dramatische Schwachstellen offenbart. Alle zuständigen Stellen — einschließlich der Kanzlerin — haben sich nicht nur einer echten Aufklärung verweigert, sie haben sich selbst auch als radikal anti-demokratisch verhalten. In Sonntagsreden wird vor rechten, linken und muslimischen Fundamentalisten gewarnt, im konkreten Alltag wird aber die demokratische Öffentlichkeit von den gleichen Politikern und politischen Beamten (einschließlich Bundesstaatsanwalt) massiv für Dumm verkauft und geradezu zynisch belogen. So zerstört man eine demokratische Öffentlichkeit und damit auf Dauer nachhaltig eine Demokratie. In Sonntagsreden werden Menschen wie Gandhi, Martin Luther King oder Mandela wegen ihrem Widerstand gegen einen unmenschlichen Staat gefeiert; mit einem Edward Snowden will man aber niemand reden (Lob für Ströbele, der es dennoch tat). So zerstört man Demokratie.
10) Sascha Lobo trauert um den Verlust seiner Unschuld. Immerhin scheint er zu merken, dass seine Spielwiese Internet etwas mit dem Funktionieren oder nicht Funktionieren der Demokratie zu tun hat. Vielleicht führt diese Krise ihn ja dazu, dass er für uns alle künftig für unsere gemeinsame Demokratie mitkämpft. Dann hätte diese Krise ein Gutes. Einer mehr für eine gemeinsame demokratische Zukunft, und damit für ein freies Internet.