WENN ZUKUNFT ANDERS IST ALS DU WILLST, DASS SIE IST. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Sa 21.Dezember 2019 (Leichte Korrekturen: 13:50h)

KONTEXT: Zukunft wo?

In diesem Blog gab es schon viele Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob und wie wir überhaupt so etwas wie ‚Zukunft‘ erkennen können. Grundsätzlich können wir Zukunft überhaupt nicht erkennen, da Zukunft — anders als Gegenwart und Vergangenheit — nicht als etwas Reales vorkommt. Zukunft existiert nicht als ein reales Objekt; man kann nicht auf sie zeigen, man kann sie nicht ‚riechen‘, ’nicht schmecken‘ …. Zukunft fristet ein verborgenes Dasein in unserem Denken, das da irgendwo in unserem Gehirn stattfindet, das wiederum in unserem Körper eingebettet ist, verborgen von der Außenwelt, damit geschützt. Der Körper bildet ein Ökosystem für das Gehirn. Ohne diesen Körper wäre es nicht lebensfähig. Und darin irgendwie, irgendwo findet das statt, was wir Bewusstsein nennen. Ein schwieriger Begriff. Bis heute weder von Philosophen noch Psychologen noch Neurowissenschaftlern ausreichend definiert, beschrieben, vermessen. Hier, im Bewusstsein, dem schwer Fassbaren, zeigt sich ein Fragment unserer körperlichen Wirklichkeit, zeigen sich die Fragmente unseres Wissens von der Körperwelt.

LEUCHTSPUR DES LEBENS

Wie schon mehrfach im Blog beschrieben, war Kant einer der ersten Philosophen, der das Eingebettet sein des Bewusstseins in übergreifende Strukturen deutlich thematisiert hat (andere Texte, wie z.B. Platons Höhlengleichnis, kann man irgendwie auch so interpretieren, aber doch eher sehr metaphorisch), und es waren Konrad Lorenz und dann viele andere moderne Erkenntnistheoretiker, die den Zusammenhang von Bewusstsein – Gehirn – Körper weiter gedacht haben bis dahin, dass man das Phänomen homo sapiens = Mensch eingereiht hat in den Gestaltenwandel aller Lebensformen, vom vermessbaren Anfangspunkt vor ca. 3.5 Mrd. Jahren bis heute.

BASTELWERKSTATT GEHIRN

Einerseits ist das Gehirn trotz einer Wissenschaft vom Gehirn (meist ‚Neurowissenschaft‘ genannt) weiterhin mehr unbekannt als bekannt. Aus den mittlerweile sicher mehr als viele tausend Artikeln und Büchern zum Gehirn und Bewusstsein gibt es ein paar Themen, die sich durchhalten, ohne dass man sagen kann, sie erklären die Phänomene vollständig. Dazu gehört die Fähigkeit, die Wahrnehmungen der jeweiligen Gegenwart auf spezifische Weise zu ’speichern‘, sie mit späteren Wahrnehmungen ‚zu verrechnen‘, und im Raum dieser Wahrnehmungen und ‚Erinnerungen‘ Muster, Regelmäßigkeiten entdecken zu können. Mittels dieser entdeckten Muster kann unser ‚Denken‘ — das wir bis heute kaum verstehen — dann diese Muster in mögliche andere gedachte ‚Muster‘ verwandeln, in viel komplexere ‚Modelle‘ zusammenbauen, die wir dann als ‚gedachte Suchmuster‘ in die erkennbare Gegenwart zurück ‚projizieren‘ können. Diese ‚gedachten Modelle‘ stellen relativ zur gegebenen Realität der Körper ‚mögliche alternative Zustände‘ dar, die — falls die gedachten Modelle die Wirklichkeit repräsentieren — das repräsentieren, was wir Zukunft nennen.

Die Geschichte des Denkens und dann der späteren modernen empirischen Wissenschaften zeigt, dass praktisch niemand, nicht einmal die empirischen Wissenschaften, bislang in der Lage war und ist, die tatsächlich sich ereignende Realität auch nur annähernd voraus zu sagen. Selbst die physikalische Zukunft des Universums ist gedanklich nicht völlig geklärt.

ENTDECKEN DURCH HERUMPROBIEREN

Bei der Rekonstruktion der Lebensspur aus dem Dunkel der Vergangenheit konzentrieren sich die beteiligten empirischen Wissenschaften verständlicherweise zunächst mal auf das Greifbare, Messbare. Aus einer Unsumme an Einzelaspekten versuchen sie dann, ein Gesamtbild zusammen zu setzen, das ‚für uns‘ einen gewissen ‚Sinn‘ ergibt. Durch die Aufsplittung in viele einzelne wissenschaftliche Perspektiven kommt eine Vielzahl von Aspekten ans Licht, die nicht notwendigerweise harmonieren oder gar von vornherein eine alles übergreifende Linie erkennen lassen. Dies ist in gewisser Weise unvermeidbar und notwendig. Im wissenschaftlichen Rekonstruktionsprozess sollte man nicht zu schnell im Vornherein festlegen, was ‚erkannt werden soll‘, sondern erst einmal darauf einlassen, ‚was sich zeigt‘ (ein Grundsatz auch der phänomenologischen Philosophie bzw. letztlich aller wahren Philosophie). Andererseits können wir aber nur ‚erkennen‘, wenn wir die vielen Details in mögliche Beziehungen einordnen. Das Denken kann nur durch ‚Gedankenspiele‘ im ‚Raum möglicher Beziehungen‘ jene ‚Teilmengen‘ entdecken, die nicht nur ‚denkbar‘ sind, sondern darüber hinaus auch mit der Eigengesetzlichkeit der Körperwelt ‚harmonieren‘, sie ‚widerspiegeln‘, die Eigengesetzlichkeit der Welt repräsentieren, zumindest minimal, soweit, dass man damit ansatzweise Prognosen erstellen kann, Voraussagen über die möglichen Ereignisse in der Körperwelt.

EVOLUTIONÄRE LOGIK

Wie schon öfters in diesem Blog beschrieben, ist diese innere Logik unseres menschlichen Denkens in dieser spezifischen Ausprägung zwar neu, aber nicht ganz neu. Das Leben auf dieser Erde, das BIOM, wie ich es nenne, arbeitet seit 3.5 Mrd. Jahren nach diesem Muster. Seitdem die ersten Zellen auf diesem Planeten existieren — Milliardenfach, Billionenfach –, repräsentieren sie mehrere Prinzipien gleichzeitig, das, was wir evolutionäre Logik nennen können: (i) grundsätzlich können sie sich reproduzieren; (ii) durch die Fähigkeit Moleküle zu bauen, die andere Moleküle als Handlungsanweisung interpretieren können, können sie partiell bisher erfolgreiche Strukturen in die Reproduktion einfließen lassen; (iii) durch die Tatsache, dass die Reproduktion nicht 1:1 stattfindet, sondern sich auf vielfache Weise verändert, erscheint der Fortgang des Prozesses als ein innovativer, kreativer Prozess. In diesem nicht-deterministischem Charakter der Reproduktion werden in jeder Generation von neuen Zellen Teilräume aus dem Gesamtraum der möglichen Zustände aktiviert, deren Überlebenswert im Moment der Auswahl unklar ist, unbekannt. Die nachträgliche Rekonstruktion des Lebens im Rahmen der Evolutionsbiologie und vieler kooperierender Disziplinen enthüllt uns, dass es genau diese Fähigkeit zur Innovation unter Unwissenheit war — und ist? — die das Leben mitten in einer hochdynamischen Umgebung des Planeten Erde mit immer wieder absolut lebensfeindlichen, chaotischen Zuständen im Spiel gehalten hat. Es gibt aber noch zwei weitere Eigenschaften, die fundamental sind: (iv) die Fähigkeit, zu kommunizieren, und (v) die Fähigkeit, zu kooperieren bis hin zur Fähigkeit einer Integration vieler selbständiger Elemente zu einer neuen, symbiotischen Funktionseinheit, die ’nach außen‘ als ein System auftritt, nach innen aber geradezu galaktische Dimension an beteiligten autonomen Akteuren aufweist.

Alle fünf Eigenschaften sind fundamental, aber die vierte und fünfte erweisen sich als jene Faktoren, die zu einer geradezu unfassbaren Komplexitätssteigerung auf dem Planeten Erde geführt haben. Zur Erinnerung: ein menschlicher Körper repräsentiert etwa 120 Galaxien im Format der Milchstraße an Zellen. Zugleich legen Schätzungen nahe, dass es auf der Erde um ein Vielfaches mehr einzellige Lebewesen gibt als Sterne im bekannten Universum. Dies bedeutet, die Erde als scheinbares Nichts in den unendlichen Weiten des Universums ist dennoch der Ort, an dem sich eine Komplexität gebildet hat, die um ein Vielfaches größer ist als das umgebende Universum.

Kennen Sie irgendeinen Menschen in ihrer Umgebung, dem dies bewusst ist?

Kennen Sie irgendeine Publikation, in der diese Sachverhalte ernsthaft diskutiert werden?

Irgendwie haben wir Menschen eine Art ‚blinden Fleck‘, was die Besonderheit von uns selbst betrifft. Zwar hatten die Menschen Jahrtausende ein Gefühl der Besonderheit des Menschen, aber diese Besonderheit hat den Menschen vom Rest der Welt, der Wirklichkeit ‚abgesondert‘ und damit eine wahre, tiefere Erkenntnis verhindert. Als Teil des ganzen BIOMs kommt den Menschen eine besondere Rolle zu, nicht aber als abgesondertes Monster.

… ANDERS ALS WIR DENKEN

Betrachtet man die Kulturgeschichte der letzten ca. 10.000 Jahre, dann ist kaum zu übersehen, dass die Menschen nicht nur dazu tendieren, sich zu vermehren, sondern zugleich auch ihre Lebensweise zu verdichten. Immer wieder brechen sogenannte Großreiche, weil sie es nicht schaffen, die Anforderungen der selbst geschaffenen Komplexität konstant und ausreichend zu bedienen, oder weil die umgebenden Natur durch außergewöhnliche Ereignisse (Vulkanausbruch, Asteroidenabsturz, …) oder durch das Klima die Lebensbedingungen dramatisch verändert bzw. verschlechtert hat. Ganze Reiche, damals ‚Weltreiche‘, sind plötzlich in sich zusammen gebrochen, implodiert; andere haben ihre Stelle eingenommen. Zu keiner Zeit hatten die jeweils Verantwortlichen vorausgesehen, was kommen würde.

Heute erleben wir mehrere Megatrends parallel. (i) Die Vermehrung des homo sapiens schreitet voran und beansprucht den gesamten Planeten; (ii) Die Versuche einer globalen politischen Versöhnung im Konstrukt der Vereinten Nationen wird mehr denn je wieder von separatistischen, nationalistischen Strömungen konterkariert; (iii) die wirtschaftlich getriebene Globalisierung macht die Starken stärker und die Schwachen schwächer; außerdem erodiert sie nationale politische Strukturen; die Faktoren (i) – (iii) zusammen verursachen einen mehr und mehr selbstzerstörerischen Resourcenverbrauch, der begleitet wird von einer globalen Zerstörung des Leben-ermöglichenden BIOMS; zugleich wird die Natur selbst, insbesondere das komplexe und sensible Klimasystem, nachweisbar so gestört, dass die Veränderungen das gewohnte Leben schon jetzt dramatisch bedrohen, und das sind nur die Vorboten von viel dramatischeren Wirkungen. Anschauliche Beispiele gibt es dazu aus der Vergangenheit zur Genüge. Diese kommenden Klimaereignisse werden nicht nur — wie die UN schon vorgerechnet hat — Migrationswellen von 25 und mehr Prozent der Weltbevölkerung annehmen, es wird uns alle betreffen, egal wo, und es wird um das nackte Überleben gehen. Darauf ist niemand vorbereitet.

ZWITTER DIGITALISIERUNG

Was wir erleben ist, dass die Digitalisierung schon jetzt alle Lebensbereiche durchdrungen hat und durch unser alltägliches Handeln über unsere Wahrnehmung schon lange in unser Bewusstsein, in unser Denken eingewandert ist. Die junge Generation kennt schon gar nichts anderes mehr. Sie kann gar nicht anders als zu fühlen und zu denken, dass die Welt so ist, wie sie sich ihr darbietet.

Darüber kann man viel diskutieren, lamentieren, beschwören oder — was die Industrie und Politik zur Zeit bevorzugen — zu Lobpreisen, Hoffnungen zu schüren, goldene Zukünfte zu versprechen. Beides führt uns nicht weiter. Für das Überleben auf diesem Planeten brauchen wir radikale Wahrheiten und — ja, tatsächlich — globale Lösungen.

In diesem Zusammenhang gibt es einen potentiellen Verbündeten für die Zukunft, den so bislang — scheint mir — niemand auf der Rechnung hat.

Der enorme Druck, der wirtschaftlich — und auch politische — ausgeübt wird, immer mehr zu vernetzen, zeigt mittlerweile ein Phänomen, das bislang keiner so recht will: aus rein technischen Gründen ist kein einziges technisches System, das in ein Netzwerk eingebunden ist, wirklich ’sicher‘. Auch ohne Quantencomputer können alle heute benutzen Codes schon mit normalen Rechner in einer praktikablen Zeit entschlüsselt werden und dies wird auch in der Zukunft so sein, da jedes Verschlüsselungsverfahren, das technisch möglich ist, mit der gleichen Technologie auch entschlüsselt werden kann … und dabei ist die Verschlüsselung ja nur ein Moment der Abschottung, die durch viele andere Faktoren verletzt werden kann.

Aus diesem Sachverhalt folgt die Einsicht, dass die Technologie der Zukunft eine Technologie sein muss, die von allen gemeinsam genutzt wird. Separatismus, Nationalismus sind altertümliche Konzepte, die in der Zukunft nicht mehr funktionieren werden. Damit zeigt sich in der technologischen Entwicklung — die Teil der Evolution ist! –, das, was das BIOM schon längst vorlebt: lebensfähig sind nur jene Systeme, die sich in einem trans-galaktischen Maßstab vernetzen können und darin als eine Einheit auftreten.

Die Aufblähung der Sonne ist zwar für unsere menschliche Zeiterfahrung noch ein bisschen weit in der Zukunft (wobei aber auch andere Ereignisse eintreten können, die das Leben auf der Erde kurzerhand auslöschen würden), aber klar ist, dass das Leben auf der Erde nicht dazu gedacht ist, die Eitelkeiten von narzisstischen Machtpolitikern oder die abstrusen Weltbilder von Fundamentalisten zu bedienen, sondern das Leben als ganzes, eben als BIOM, muss seinen Ort im Universum neu bestimmen. Auch wenn wir uns heute das überhaupt nicht vorzustellen vermögen, die gesamte Evolutionslogik hat nur eine Botschaft: das gesamte BIOM mit dem homo sapiens als zentralem Akteur muss als Einheit sich im Universum neu positionieren. Die sogenannten regenerierbaren Energien sind mit Blick auf die Beeinflussung des CO2-Faktors in unserer planetarischen Klimamaschine zwar bis zu einem gewissen Grade sinnvoll, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Sobald der Klimawandel anfängt, in seine kritische Phase überzugehen — was faktisch passieren wird — werden Wasser und Luft nicht mehr funktionieren, Sonne unter Vorbehalt. Die Bedingungen auf der Oberfläche des Planeten Erde werden so ungemütlich werden, dass viele heute vertraute Versorgungsstrukturen einfach nicht mehr funktionieren können.

WAHRHEIT IST MEHR ALS MAINSTREAM

Ich bin mir bewusst, dass solche Gedanken aktuell nichts bewirken werden. Der nationale Egoismus der aktuellen Staaten ist zu groß, als dass ein wirklich nachhaltiges Denken und Handeln stattfinden wird. Wir sind für ein Denken über die Zukunft nicht wirklich geschaffen, obwohl der homo sapiens bislang die einzige Lebensform ist, die grundsätzlich über diese Fähigkeit verfügt. Aus meiner Sicht haben wir deswegen für das gesamte BIOM eine Verantwortung… narzisstische Machtpolitiker (und viele Kapitaleigner) wissen aber nicht, was das ist. Sie sehen nur sich selbst …

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

BREXIT – EIN POLITISCHES EREIGNIS IN EINER PHILOSOPHISCHEN SICHT

DAS EREIGNIS

  1. Als es dann geschah taten viele überrascht, Befürworter feierten, Börsenkurse gaben nach … und dann war doch alles irgendwie anders als gedacht.
  2. Der vorherrschende Eindruck am Tag 7 danach ist: keiner hat einen wirklichen Plan.
  3. Die Suche nach Gründen, Motiven, Wer ist schuldig, Wer will was, Wer ist Gewinner oder Verlierer, ist im vollen Gange. Radiodiskussionen, Fernsehrunden, alle stehen im Banne des Ereignisses. Der Austritt eines Mitglieds aus der Europäischen Union (EU) ist neu; war so noch nie da; keiner hat Erfahrung im Umgang damit.
  4. So fühlt sich jeder eingeladen, herausgefordert – oder gar berufen –, eine Deutung der Ereignisse beizusteuern.

AUSTRITT WANN?

  1. Dies fängt schon mit der Austrittsklausel des Vertrags der Europäischen Union an. Schlicht ist sie, und lässt darin so viel Handlungsspielraum: es wird gesagt, was geschieht, wenn ein Mitgliedsland seinen Austrittswunsch mitteilt, es ist aber offen, wann das Vereinigte Königreich seinen Austrittswunsch tatsächlich mitteilt. Muss dies sofort sein, wie einige heißblütig fordern, oder können sie sich beliebig lang Zeit lassen? Aktuell scheint sich niemand so richtig motiviert zu fühlen, diesen Antrag offiziell schnell zu stellen. Und wenn er nie gestellt wird?

UNRUHE

  1. Während die Motivlage bei den verschiedenen aktiven Politikern sehr unterschiedlich zu sein scheint, scharrt die Wirtschaft schon gut hörbar mit den Füßen. Von Veränderung der Geschäftsbedingungen durch einen Austritt ist die Rede; Gewinne und Verluste müssen neu kalkuliert werden. Wann muss man handeln? Hat man nicht schon morgen verloren wenn man heute nicht handelt? Immobilienspekulationen beginnen zu glühen. Banken, Telekommunikationsanbieter …. müssen wir nicht unseren Geschäftssitz verlegen?
  2. Im Vereinigten Königreich selbst brechen derweil Unterschiede, Fronten, an allen Ecken und Enden auf. Die junge Generation soll sich um ihre Zukunft betrogen fühlen, ging aber zahlenmäßig nicht so zur Wahl wie die älteren Befürworter des Brexits. Die Regionen abseits von London, abseits der globalen Finanzmärkte, bäumten sich auf, probten mit dem Referendum den Aufstand. Nordirland und Schottland – besonders Schottland – wittern eine Chance, ihre unvollständige politische Autonomie auszubauen, zu erweitern. Und in den Parteien (immerhin 15) brodelt es; innerparteiliche Gegensätze führen teilweise zu offenen Schlachten um Positionen und Ämtern (Labour Partei, dann auch bei den Konservativen). Fremdenfeindliche Äußerungen und Handlungen nehmen deutlich zu; speziell polnische Bürger sahen sich in diesen Tagen fremdenfeindlichen Taten ausgesetzt; Politik und Öffentlichkeit zeigte sich bestürzt.

TRITTBRETTFAHRER

  1. Führer von nationalistisch gestimmten Parteien und Bewegungen sehen sich im Aufwind. Allen voran Marin Le Pen von der Front National in Frankreich, Geert Wilders von der Partei für die Freiheit (Niederlande) und Heinz-Christian Strache von der Freiheitlichen Partei Österreichs; aber nicht nur diese. In öffentlichen Stellungnahmen interpretieren sie den Brexit als Ausdruck der Unzufriedenheit der Bürger mit den europäischen Institutionen, in denen man – vereinfachend ausgedrückt – politisch unkontrollierte Monster sieht, die bürgerfern tun was sie wollen.

VERDECKTE MITVERANTWORTUNG ALLER REGIERUNGEN

  1. Dass tatsächlich die europäische Kommission – sozusagen die Exekutive der EU – letztlich nichts ohne die Zustimmung der nationalen Regierungen tun kann, wird dabei gerne in den Hintergrund gedrängt; zur Verteidigung hört man Ex-Mitglieder der der EU-Kommission sagen, dass nationale Regierungen in Brüssel oft A beschlossen haben, dann aber zu Hause so redeten, als ob sie ja für non-A waren, aber die ‚bösen Menschen in Brüssel‘ hätten das wieder mal anders geregelt…

GEMEINSAM OHNE GEMEINSAMKEIT?

  1. Und dann dieses Grunddilemma: möglichst viel Freiheit für die Mitglieder der EU, aber es gibt Aufgaben, die lassen sich nur gemeinschaftlich lösen. Jüngstes Beispiel die Sicherung der Außengrenzen um die innereuropäische Freiheit zu gewährleisten. Wer gibt wie viel nationale Souveränität auf, damit eine gemeinsame europäische Handlung zustande kommt? Wer gibt nationale Daten preis, damit es zu einer europäischen Staatsanwaltschaft und Polizei kommt?

WAS IST SCHON EUROPA?

  1. Im globalen geographischen Koordinatensystem ist Europa nur eine Region unter vielen. Und andere Regionen sind – oder werden – politisch und wirtschaftlich deutlich stärker: Russland, Indien, China, asiatischer Raum, USA, Kanada, Südamerika, Afrika …. welche Rolle würde hier ein einzelnes kleines Land wie die Niederlande, Österreich, Teile Englands …. spielen?
  2. Die nicht nachlassenden Migrationsströme sind Indikatoren von tiefsitzenden gesellschaftlichen Konflikten, die sich nicht nur auf ein Land beschränken. Weitgehend liegen sie außerhalb der EU, sind der direkten und schnellen Einflussnahme der EU entzogen. Ein langfristiges gemeinschaftliches strategisches Verhalten wäre angebracht – aber Misstrauen und Kurzsichtigkeit lähmt ein gemeinsames Verhalten.

BLUTIGE VERGANGENHEIT UND EXTERNE HILFE

  1. Europa hat viele Jahrhunderte, eigentlich sogar Jahrtausende erlebt, in denen religiöse Überzeugungen immer wieder zu Unterdrückung Andersdenkender geführt haben, zu Gefängnis und Folter, zu blutigen Auseinandersetzungen, zu Verbot von Erziehung und Wissenschaft. Bis irgendwann Wissenschaft, Handel, Rechtssysteme unterstützt durch hinreichend viele Mehrheiten neue gesellschaftliche Modelle ermöglicht haben, in denen Menschen unabhängig von ihren speziellen religiösen Anschauungen friedlich miteinander leben konnten. Unbestreitbare Höhepunkte im Wahnsinn der Selbstvernichtung waren aber sicher die zwei großen Kriegen mit vielen Millionen Toten. Es war nicht voraus zu sehen, dass es inmitten des Infernos des zweiten Weltkriegs (einschließlich Asiens) in einer ethischen Sternstunde der Menschheit zur Gründung der Vereinten Nationen und der Verkündigung der Menschenrechte kam, die dann mit der äußerlich aufgezwungenen Neuordnung Deutschlands nach dem Kriegsende eine Entwicklung begünstigte,die zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft   und dann – beeinflusst durch das Ende des Kalten Krieges – zur Ausbildung der Europäischen Union führte. Diese massiven äußeren Geburtshilfen vergisst man leicht.

DIE GEISTER DER VERGANGENHEIT KOMMEN WIEDER

  1. Trotz all der Schrecken kann man heute partiell eine Wiederbelebung von vielen jener Strömungen beobachten, die in der Vergangenheit zu Unterdrückung und Krieg geführt haben: Abschottungen gegen das Fremde, Unterdrückung von differenzierten Betrachtungen, Überbetonungen von konfessionellen Unterschieden; eine naive-unkritische Religiosität mit blinden Allmachtsansprüchen im Dienste politischer Interessen…

UNGELÖSTE HAUSAUFGABEN

  1. Die ‚amtierende‘ Politik befindet sich diesen Strömungen gegenüber in keiner Position der Stärke. Das Ausmaß an Lobbyismus in der Politik ist kaum noch zu überbieten (und verhindert bislang durchgreifende Gesetze zu mehr Transparenz). Die Kluft zwischen Reich und Arm nimmt seit Jahren nur zu. Die Verschuldung von Banken auf Kosten aller wird hingenommen. Auf die zunehmende Verarmung großer Bevölkerungsteile wird nur stumpfsinnig mit noch mehr Sparprogrammen reagiert. Für die dramatische Jugendarbeitslosigkeit in südlichen Ländern (schwächelnde Wirtschaft) findet man keine Konzepte. Infrastrukturen zerfallen (auch in Deutschland). Die globale Digitalisierung entmachtet schleichend ganze Regionen und Industrien.
  2. Die Anzahl wirklich demokratischer Länder in der Welt nimmt ab. Jene, die noch offiziell demokratisch sind, zeigen einheitlich Phänomene des Zerfalls an Transparenz, an Öffentlichkeit, an sozialer Durchlässigkeit, wirtschaftliche Prosperität, Rechtssicherheit, moralischem Verhalten.

ANZEICHEN EINER GLOBALEN SELBSTZERSTÖRUNG?

  1. Sind dies alles Anzeichen eines schleichenden Zerfalls? Erleben wir ein globales Selbstzerstörungsprogramm? Ist dies unvermeidlich?

FUNDAMENTALE MACHT DER FREIHEIT

  1. Um mit dem letzten Punkt anzufangen: unvermeidlich ist eigentlich nichts. Tatsächlich können wir Menschen uns weitgehend entscheiden; dies haben Menschen oft genug bewiesen. Selbst in der größten Not und Bedrohung können Menschen sich – unter Einsatz ihres Lebens – letztlich für alles entscheiden, für alles, was ihnen wertvoll und wichtig erscheint.

ABHÄNGIGKEIT VON WERTEN

  1. Und das ist der Knackpunkt: was ihnen wertvoll und wichtig erscheint. Was erscheint Menschen wertvoll und wichtig?

MEDIUM WISSEN

  1. Dies ist weitgehend abhängig von ihrem Wissen, ihren Erfahrungen. Wissen und Erfahrungen bildet sich heraus im Laufe des Lebens durch Erlebnisse, Handlungen. Diese finden nicht isoliert statt sondern in Umgebungen mit anderen Menschen, in Beziehungen, als Teil von Gemeinschaften, unter dem Eindruck des Verhaltens und Redens anderer. Kein Mensch weiß einfach so irgendetwas. Kein Mensch hat von vornherein eine Präferenz (Wertigkeit) für irgendetwas. Essen müssen zwar alle, aber was man wie und wo isst, das haben Menschen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten sehr unterschiedlich praktiziert. Dass es Mann und Frau gibt, die vereint Nachkommen erzeugen und großziehen können war und ist zu allen Zeiten für alle gleich, aber wie Männer und Frauen miteinander leben, mit ihren Kindern, wie sie erziehen, das war und ist bis heute an verschiedenen Orten sehr verschieden. Und so in allen Bereichen. Die Welt ist dem Menschen immer vorgegeben, aber wie der Mensch mit der Welt umgeht, sie interpretiert und deutet, welche Präferenzen (Werte) er folgt, dies war zu allen Zeiten unterschiedlich und ist bis heute starken Wandlungen unterworfen.

WIR SIND ETWAS NEUES

  1. Die Welt im Jahr 2016 (nach verbreiteter westlicher Zeitrechnung, es gab und gibt alternative Konventionen) ist eine Welt, die es so vorher noch nie gab. Diese Welt und ihre Dynamik zu verstehen, erfordert permanent eine gewisse Anstrengung, komplexes und neues Denken, und lebt unter dem andauernden Vorbehalt, dass man eine wirkliche Prognose nicht abgeben kann, da ja die Menschen selber durch ihr Verhalten die Entwicklung direkt mit beeinflussen. Wenn große Teile der Menschen aufgrund von mangelndem Wissen, beschränkenden Präferenzen, leistungsschwachen Institutionen, starken Ängsten und anderen Emotionen notwendige Aufgaben heute nicht sehen und nicht anpacken, wird der weitere Verlauf natürlich ganz anders aussehen, als wenn sie es könnten und täten. Ideologische Verzeichnungen der gegenwärtigen Situation gepaart mit falschen Emotionen verhindern nicht nur das Notwendige, sie verschärfen Missstände und Mangel.
  2. Auf der Zeitachse hat das Jahr 2016 einen Vorlauf von ca. 200.000 Jahren Geschichte des homo sapiens sapiens. Dieser wiederum hat einen Vorlauf von ca. 20 Mio Jahren an Lebewesen der Menschenartigen (hominoidea). Diese wiederum haben einen Vorlauf von stolzen ca. 3.8 Milliarden Jahren an Leben auf dieser Erde.
  3. Im Lichte dieser ganzen Entwicklung ist der homo sapiens sapiens – also wir – das erste Lebewesen auf der Erde – wenn nicht im ganzen Universum –, das über die grundlegende Fähigkeit verfügt, nicht nur durch sein Gehirn aus der Gegenwart auszubrechen, in die Vergangenheit zu schauen, ansatzweise auch in mögliche Zukünfte, sondern zusätzlich auch über die Möglichkeit verfügt, die Frage nach den wichtigen Präferenzen (Werten) explizit zu stellen. Alle Lebewesen vor dem Homo sapiens sapiens wurden entwickelt; der homo sapiens sapiens kann zum ersten Mal den vorgezeichneten Gang der Entwicklung unterbrechen, kann seine eigenen Baupläne abändern, und kann mit einem Mal – bis zu einem gewissen Grad – seinen eigenen Schöpfer spielen. Dies ist qualitativ neu.

RADIKAL NEU – KEIN SELBSTLÄUFER

  1. Wie die aktuelle Situation zeigt, ist aber genau dies schwierig, kein Selbstläufer, unbequem, stark verunsichernd. Die ungeheure Masse des Wissens, über die der homo sapiens sapiens heute dank Computer, Internet, Datenbanken, entsprechend technischen und sozialen Strukturen verfügen kann, ist für diese Aufgabe einerseits eine Voraussetzung, andererseits aber auch das Problem: das bisherige menschliche Gehirn ist auf diese Datenflut nicht eingestellt. Das aktuelle menschliche Gehirn ist sehr, sehr endlich in seinen Aufnahme- und Verarbeitungskapazitäten. Selbst wenn die Computer immer schneller und datenmäßig umfassender würden, das aktuelle menschliche Gehirn kann nicht mithalten.
  2. Dazu kommt, dass Daten als solche noch kein Wissen darstellen. Was man braucht sind verallgemeinernde Begriffe, Zuordnungen, Abbildungen, organisiert in komplexen begrifflichen (letztlich dann mathematischen) Modellen. Die Wissenschaft selbst verfügt bislang kaum über Modelle für das Miteinander der Disziplinen, geschweige denn für das Ganze. Und es darf dann nicht verwundern, dass der gesellschaftliche Alltag von Denkvorstellungen durchtränkt ist, die weitab liegen von dem, was die Wissenschaft schon weiß. Selbst der Wissenschaftsbetrieb unterliegt oft Präferenzen in den Köpfen der Handelnden, die mit den Zielen und Aufgaben der Wissenschaften nicht viel zu tun haben.

EUROPÄISCHER GEIST

  1. Wenn also jetzt Europa um das rechte Selbstverständnis ringt, um die richtigen Bilder für seine möglichen Zukünfte, dann findet dieses Ringen statt in einer Gemengelage von altem, partiellen Wissen mit alten (überholten?) Präferenzen, ein-gesprengten neuen Erkenntnissen, divergierenden Interessen und Emotionen.
  2. Während die einen diese Vielfalt und scheinbare Ineffizienz beklagen und als Anzeichen von Schwäche deuten, gibt es sehr wohl Argumente, dass diese Vielfalt und scheinbare Ineffizienz gerade auch ein Stärke von Europa sein kann. Allerdings die Vielfalt der Länder auf dieser Erde ist ebenfalls eine Stärke. Die bisherige Erfolgsgeschichte des Lebens auf der Erde entstand gerade aus der unbändigen Vielfalt und dem Mut zu neuen Experimenten. Das Kennzeichen wahrer Zukunft ist gerade, dass man sie im Moment der Entscheidung nicht ganz kennt.
  3. Die vielfach beobachtbare Tendenz, auf altes Bekanntes zurück zu greifen, um den Status Quo zu erhalten (für aktuelle Machtinhaber attraktiv), ist aufs Große Ganze gesehen in der Regel falsch.
  4. Es bleibt also eine spannende Frage über wie viel Esprit, wie viel Kreativität, wie viel Leistungsfähigkeit Europa verfügt, um eine grundsätzlich nicht ganz wissbare Zukunft so zu meistern, dass möglichst viel Lebensqualität für möglichst viele Menschen dabei entsteht.

Für einen Überblick über alle Blockeinträge von Autor cagent nach Titeln siehe HIER.