Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 4-neu

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll.

Wie alles anfing

Die Überlegungen im vorausgehenden Kapitel beziehen sich auf das, was heute ist, auf die Gegenwart. Wie können z.B. Philosophen die Innensicht ihres Bewusstseins beschreiben; wie können Psychologen das beobachtbare Verhalten untersuchen. Was können die Gehirnforscher über die Struktur und die Funktionen des Gehirns feststellen. Diese Aufgabe ist groß genug, dass man damit mehr als ein Leben ausfüllen kann. Hätte man diese Beschreibungsaufgaben vollständig erfüllt — bislang fehlt da noch einiges –, würden dennoch wichtige Teile am Bild fehlen, vielleicht sogar die wichtigsten, ohne die das Ganze nicht verständlich ist: der reale Entstehungsprozess; wie es zum heutigen Zustand kommen konnte? Wie ist es möglich, dass sich solch komplexen Strukturen im Universum, als Leben auf der Erde herausbilden konnten, ohne dass man eine ‚äußere‘ Einwirkung erkennen kann? Was soll das Ganze? Wohin wird dies führen? Wohin kann dies führen? Welche Rolle spielen wir Menschen dabei? Sind wir nur eines von vielen vorübergehenden Phänomenen des Lebens, das wieder vergehen wird, bevor es bemerkt wurde?

Zeichen der Veränderung

Beginnend mit dem 19.Jahrhundert kam es in Westeuropa zu grundlegenden Änderungen im bis dahin vorwiegend christlich-biblisch geprägten Menschen- und Weltbild. Immer mehr Phänomene in der Veränderung von Lebensformen im Kontext unterschiedlicher Ablagerungsschichten im Gestein und Erdreich wurden entdeckt (Anmerkung: Aus meiner Sicht ein sehr hilfreiches Buch für diese Zeit ist u.a. Peter J.Bowler, „Evolution. The History of an Idea“, Berkeley, Los Angeles (CA): University of California Press, 1983, rev.ed. 1989).

Im Falle der Fossilien waren es berühmte Naturforscher wie z.B. Cuvier (1769 — 1832) , Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772 – 1844) und Charles Robert Darwin (1809 — 1882), die neben der Vielfalt auch die Veränderungen in den unterschiedlichsten geologischen Schichten erkannten. Im Fall der geologischen Schichten waren es Männer wie William Smith (1769 — 1839), Roderick Impey Murchison (1792 — 1871), Adam Sedgwick (1785 — 1873), John Phillips (1800 – 1874) und Charles Lyell (1797 — 1875), die es schafften, erste Klassifikation von Erdschichten und deren chronologischer Abfolge mit Korrelation zu Fossilien aufzustellen. Insgesamt entstanden durch viele verschiedene, z.T. kontrovers diskutierte, Untersuchungen die ersten Umrisse eines Bildes, in dem die aktuelle Gestalt der Erde und der Lebensformen eine Folge von Veränderungen, eine Geschichte, beinhalten. Die Details dieser Geschichte (Vulkanismus, Klimaänderungen, Plattentecktonik, Baupläne,…) waren in ihren genauen Wirkungen lange Zeit zwar nicht eindeutig entscheidbar, ‚dass‘ die Erde und das Leben auf der Erde aber Veränderungen durchlaufen hatten und immer noch durchlaufen, das erschien jedoch immer mehr unabweislich.

Wie lange zurück reichte diese Geschichte? Neue thermodynamische Überlegungen von William Thomson, besser bekannt als Lord Kelvin (1824 – 1907), schränkten den zur Verfügung stehenden absoluten Zeitraum für die Entwicklung der Erde und des gesamten Universums im Laufe seines Lebens immer mehr ein, schließlich bis auf eine zweistellige Millionenzahl. Wie viele seiner Zeitgenossen ging er davon aus, dass die Erde und die Sonne sich kontinuierlich abkühlen, ohne dass neue Energie zur Verfügung steht, die dieser Abkühlung entgegen wirken könnte. Es brauchte die ersten Jahrzehnte des 20.Jh. um mit Hilfe der neuen Erkenntnisse aus der (Nuklear-)Physik bzw. aus dem Spezialgebiet der Teilchenphysik verstehen zu können, dass Sterne und Planeten eigene Energievorräte besitzen und über Prozesse verfügen, durch die diese Energie in Form von beobachtbaren Veränderungen (Sonnenstrahlen, Klima, Vulkanismus, Erdbeben, …) wirksam werden können.

Immer kleiner

1905 hatte Albert Einstein ganz allgemein u.a. die Äquivalenz von Masse und Energie mit seiner bekannten Formel E=mc^{2} aufgezeigt, es brauchte aber noch weiterer gehöriger Anstrengungen, bis im Februar 1939 Lise Meitner (1878 – 1968) eine theoretische Beschreibung des ersten Kernspaltungs-Experiments veröffentlichen konnte, das Otto Hahn Ende Dezember 1938 zusammen mit seinem Assistent Fritz Straßman durchgeführt hatte. Im gleichen Jahr konnte Hans Albrecht Bethe (1906 – 2005) sein theoretisches Modell der Kernfusionsprozesse in der Sonne veröffentlichen (für die er 1967 den Nobelpreis bekam). Damit war die Tür zur Erkenntnis der verborgenen Energie in der Materie, in den Sternen, im Universum soweit geöffnet, dass dem Forscher ein glutheißer Atem entgegen schlug.

Es folgten stürmische Jahre der vertiefenden Erforschung der nuklearen Zusammenhänge, stark geprägt von den militärisch motivierten Forschungen zum Bau von Nuklearwaffen. Immer mehr Teilchen wurden im Umfeld des Atoms entdeckt, bis es dann ab den 70iger Jahren des 20.Jh zum sogenannten Standardmodell kam.

Obwohl sich dieses Standardmodell bislang in vielen grundlegenden Fragen sehr bewährt hat, gibt es zahlreiche fundamentale Phänomene (z.B. die Gravitation, die Expansion des Universums, dunkle Materie), für die das Modell noch keine erschöpfende Erklärung bietet.

Big Bang – Zeitpunkt Null

Ausgestattet mit den Erkenntnissen der modernen Physik lassen sich die Hypothesen aus dem 19.Jahrhundert zur Welt als Prozess ausdehnen auf das ganze Universum. Fasst man alle heutigen Erkenntnisse zusammen, wie dies in der sogenannten
Big Bang Theorie geschieht, nach 1990 gefasst als Lambda-CDM-Modell, führt dies auf ein Ereignis vor jeder physikalisch messbaren Zeit zurück. Ein solches Ereignis gilt den Physikern als eine Singularität. Da es im Universum auch andere Formen von Singularitäten gibt, nenne ich jene Singularität, mit der das bekannte Universum begann, hier die erste Singularität.

Durch die Weiterentwicklung der Relativitätstheorie von Albert Einstein konnten Stephen William Hawking (geb.1942),
George Francis Rayner Ellis (geb.1939) und Roger Penrose (geb.1931) aufzeigen, dass die Größen Raum und Zeit mit der ersten Singularität beginnen.

Von heute aus gesehen trat die erste Singularität vor 13.8 Mrd Jahren auf. Beginnend mit einer unendlich extremen Dichte und Hitze begann aus dem Ereignis heraus eine Ausdehnung (Raum und Zeit), die begleitet war von einer zunehmenden Abkühlung. Gleichzeitig kam es zur Herausbildung von subatomaren Teilchen, aus denen sich einfache Atome formten (Anmerkung: Die Entstehung der ersten Atome wird in der Zeitspanne 10 Sek – 20 Min verortet.). Gigantische Ansammlungen dieser ersten Elemente führten dann aufgrund der Gravitation zu Verdichtungen, aus denen Sterne und Galaxien hervorgingen (Anmerkung: Erste Sterne, die das dunkle Weltall erleuchteten werden nach ca. 100 Mio Jahren angenommen. Erste Galaxien etwa 1 Mrd Jahre später.). In den Sternen fanden Kernfusionsprozesse statt, die im Gefolge davon zur Bildung von immer schwereren Atomen führten. Ferner wird seit etwa 6.5 Mrd Jahren eine Beschleunigung bei der Ausdehnung des Universums beobachtet. Man vermutet, dass dies mit der ‚dunklen Energie‘ zu tun hat. Viele Fragen sind offen. Nach letzten Messungen geh man davon aus, dass das bekannte Universums zu 73% aus dunkler Energie besteht, zu 23% aus dunkler Materie, zu 4.6% aus ’normaler‘ Materie und zu weniger als 1% aus Neutrinos (Anmerkung: Jarosik, N. et al. (WMAP Collaboration) (2011). „Seven-Year Wilkinson Microwave Anisotropy Probe (WMAP) Observations: Sky Maps, Systematic Errors, and Basic Results“. NASA/GSFC. p. 39, Table 8. Retrieved 4 December 2010).

Fortsetzung mit Kapitel 5

Einen Überblick über alle Blogbeiträge des Autors cagent nach Titeln findet sich HIER.

OBJEKT AN SICH, SUBJEKT – Fortsetzung 1 zu den Überlegungen von N.Hartmanns Metaphysik der Erkenntnis

ZWISCHENSTAND

 

(1) In den bisherigen Überlegungen arbeitet N.Hartmann immer schärfer einen Gegensatz heraus zwischen dem empfangenden und erkennenden Subjekt einerseits (wobei eine genauere Beschreibung und Analyse dieses ‚Subjektes‘ bemerkenswerter Weise auf sich warten läßt) und der Realisierung eines Objektes im phänomenalen Raum, von der er sagt, dass sie über sich hinaus weist (transzendieren, Transzendenz) auf ein eigentliches Objekt, auf ein ‚Objekt an sich‘, das als solches der Erkenntnis entzogen ist, das aber als dieses ganz und gar eigenständige Objekt die wahre ‚Objektivität‘, die wahre ‚Existenz‘ verkörpere. Dies ist für ihn der Gegenstandsbereich der ‚Ontologie‘, der Kern des ‚Metaphysischen‘.

 

(2) Mit dieser Art von Rede über ein ‚Objekt an sich‘ bei gleichzeitigem Festhalten an einer phänomengebundenen Erkenntnis hat Hartmann eine logische Antinomie aufgebaut, die als solche nicht auflösbar ist, solange er an beiden ‚Polen‘ (‚Objekt an sich‘ versus ‚Raum der Phänomene mit Reflexion‘) festhalten will. So nimmt es auch nicht wunder, dass er auf den folgenden Seiten MdE 61-71 letztlich nichts anderes tut, als mit immer neuen –oder auch gleichen– Worten diese Antinomie zu beschreiben, wie ein Hamster in einem Laufrad; das Ergebnis ist vorhersagbar….

 

ES GEHT WEITER

 

(3) Folgendes Zitat mag diese These illustrieren: „Das Problem beginnt schon mit dem nackten Gegenüber von Subjekt und Objekt. Wie kann zwischen diesen beiden eine aktuelle Relation bestehen, da doch ihre Sphären derart getrennt und einander getrennt sind, dass jede von ihnen auch außer der Relation für sich besteht? Entweder die Relation ist ihnen unwesentlich und inaktuell, oder sie hebt ihre Transzendenz auf. (MdE, 61).

 

(4) Dies ist der eine Pol, die Annahme eines ‚Objekts an sich‘. Wohlgemerkt: Hartmann hat vorher nirgends eine wirkliche Begründung für die Annahme eines ‚Objekts an sich‘ geliefert. Es erscheint ihm einfach ‚evident‘, wobei die Eigenschaft ‚evident‘ nicht weiter erläutert wird (z.B. durch Kontextbedingungen) (mir persönlich z.B. erscheint diese Annahme keinesfalls ‚evident‘).

 

(5) Der andere Pol, der Gegenpol, ist illustriert durch die folgenden Worte: „Wenn Subjekt und Objekt mit ihrem ganzen Sein nur Erkennendes und Erkanntes wären und in der Erkenntnisrelation aufgingen, so könnte diese als das Primäre aufgefasst werden. Subjekt und Objekt wären dann nichts als untergeordnete Momente an ihr … dann wäre ihre Einheit ihnen wesentlich und mit ihnen notwendig gesetzt;…“ (MdE, 61)

 

(6) Wenn es so wäre, dass das Objekt und Subjekt ausschließlich in der Erkenntnisrelation vorkommen, dann wäre es so und man müsste untersuchen, was daraus folgt. Doch aus irgendwelchen Gründen tut sich Hartmann schwer mit dieser Ansicht; er schreibt: „… mit dem Subjekt wäre notwendig das Objekt gesetzt und umgekehrt. Diese Auffassung ist die aller Identitätsphilosophie; sie ist falsch, weil sie dem Phänomen nicht entspricht.“ (MdE, 61) So einfach ist das: „weil sie dem Phänomen nicht entspricht“. In seiner Erkenntnis von Welt, muss Hartmann ein ‚Wissen‘ haben, das ihn daran hindert, die Verortung von Subjekt und Objekt in der Erkenntnisbeziehung so zu sehen, dass es ein unabhängig davon existierendes Objekt nicht geben könnte. ‚Etwas‘ in seinem ‚Wissen‘ treibt ihn dazu, zu postulieren, dass das Phänomen in sich Informationen trägt, die ‚über es selbst‘ hinausweisen hin in einen von der Erkenntnisbeziehung unabhängigen Bereich. Dieses Wissen, das ihn da ‚treibt‘ beschreibt er aber nicht direkt und explizit. Man könnte an dieser Stelle spekulieren, dass er ‚mehr‘ haben möchte, ein ‚umfassenderes‘ Wissen als nur ein solches, das im Rahmen der Subjekt-Objekt-Erkenntnisbziehung entstehen kann. Doch dies ist Spekulation. Die Überlegungen sind hier wie im Fall der sogenannten ’schwarzen Materie‘ (‚dark matter‘) der Physiker: man kann sie nicht direkt beobachten, nur indirekt über ihre beobachtbaren Wirkungen erschliessen.

 

(7) Möglicherweise kann die folgende ‚Antinomie des Bewusstseins‘ einen leichten Hinweis bieten. Hartmann umschreibt diese wie folgt: „These: Das Bewusstsein muß aus sich heraustreten, sofern es außer sich erfasst, d.h. sofern es erkennendes Bewusstsein ist. Antithese: das Bewusstsein kann nicht aus sich heraustreten sofern es nur seine Inhalte erfassen kann, d.h. sofern es erkennendes Bewusstsein ist.“ (MdE, 62)

 

(8) Diese Antinomie lebt von ihren beiden Thesen. Wenn eine davon falsch wäre, würde sie in sich zusammen sinken. Z.B. ist die These, dass das Bewusstsein ‚aus sich heraustreten‘ müsse, sofern es außer sich etwas erfassen würde, fragwürdig. (i) Erstens unterstellt Hartmann hier eine Verschiebung von Subjekt zu Bewusstsein: ursprünglich war es das ‚Subjekt‘, das innerhalb einer Erkenntnisbeziehung zusammen mit einem ‚Objekt‘ vorkommt und das ‚Bewusstsein‘ kann gesehen werden als dieser ‚Erkenntnisraum‘, der sich durch die Erkenntnisbeziehung ‚aufspannt‘; natürlich nicht wie ein ‚physikalischer‘ Raum, sondern ein gnoseologischer (kognitiver) Raum des gleichzeitigen Vorkommens von Erkanntem und Erkennen (letzteres bei Husserl das transzendentale ego). (ii) In dieser Lesart muss also das Bewusstsein nicht aus sich herausgehen, um zu erkennen, sondern anlässlich des Erkennens in einer sich ereignenden Erkenntnisbeziehung ‚gibt‘ es einen Erkenntnisraum, das Bewusstsein. Das Bewusstsein ist das ‚Resultat‘ des ‚Aufeinandertreffens‘ von zu erkennendem Objekt und ‚Erkennen‘. Das Erkennen selbst ist kein ‚Objekt‘, keine ‚Substanz‘. Die Einführung der Bezeichnung ‚Subjekt‘ für das ‚Erkennen‘ ist eine Notlösung, da es für das ‚Erkennen‘ keine anderen vergleichbaren Objekte gibt. Das ‚Erkennen‘ ist etwas ganz Einzigartiges. Die Benutzung des Begriffs ‚Subjekt‘ verleitet viele Menschen dazu, hinter ‚Subjekt‘ etwas Konkretes, Substantielles zu sehen; das ist aber in keiner Weise gerechtfertigt. Würde man dieser Begriffsklärung folgen, dann wäre die These hinfällig, und damit wäre die Antinomie hinfällig.

 

(9) Neben der sogenannten ‚Antinomie des Bewusstseins‘ beschreibt Hartmann aber auch noch eine ‚Antinomie des Objekts‘: „These: Die Bestimmtheiten des Objekts müssen dem Subjekt irgendwie übermittelt werden, sofern Erkenntnis stattfindet; das Bild im Subjekt kann nur ‚objektiv‘ sein, d.h. Züge des Objekts tragen, wenn das Objekt sie irgendwie auf dasselbe übertragen kann; in dieser Übertragung ist aber die Transzendenz des Objekts für das Subjekt bereits durchbrochen. Antithese: die Bestimmtheiten des Objekts können sich auf das Bild im Subjekt nicht übertragen, sie bleiben der Sphäre des Subjekts transzendent; denn im Objektbewusstsein ist die Transzendenz des Objekts im Subjekt nicht durchbrochen, sondern bleibt intakt; es meint das Objekt gerade als Ansichseiendes, welches gleichgültig ist gegen sein Erkanntwerden.“ (MdE, 63)

 

(10) Als erstes fragt man sich, wie es möglich ist, dass Hartmann über ein Objekt reden kann, das nach seiner Charakterisierung ‚außerhalb der Erkenntnisbeziehung‘ anzusiedeln ist. Denn –wie er ja selber umschreibt– ist das Objekt ‚innerhalb‘ der Erkenntnisbeziehung, dann ist es kein eigenständiges Etwas ‚außerhalb‘ des Erkennens (eine Tautologie, die aus der zuvor angenommenen Definition folgt), oder aber es ist etwas ‚außerhalb des Erkennens‘, dann fragt man sich zurecht, wie kann man davon wissen. Nach gesetzter Definition von Erkennen als an eine Erkenntnisbeziehung gebundenes Phänomen ist dies –wieder ganz tautologisch– aufgrund der vorausgesetzten Definition nicht möglich. Es gibt hier vielerlei Strategien, um die Antinomie aufzulösen. Zwei grundsätzliche sind die folgenden: (i) Hartmann zieht entweder seine Aussagen über das ‚Objekt an sich‘ zurück weil sie unzulässig sind, weil es keinen hinreichenden ‚Erkenntnisgrund‘ gibt um über ‚Objekte an sich‘ zu sprechen, oder (ii) er muss seinen Erkenntnisbegriff ändern; dann muss er annehmen, dass es jenseits der primären Subjekt-Objekt-Relation noch weitere Aspekte für das Subjekt gibt, die es ihm erlauben, vom ‚Bild des Objekts‘ auf das ‚hinter dem Bild liegende‘ ‚Objekt an sich‘ zu schliessen.

 

(11) Wie ich in meinem Vortrag in Bremerhaven ansatzweise herausgearbeitet hatte, sehe ich eine Lösung zwischen (i) und (ii). Die Rede von einem Objekt an sich im Sinne einer ‚absoluten‘ Erkenntnis eines ‚Objekts an sich‘ erscheint mit durch nichts gedeckt (und Hartmann kann dazu letztlich auch nichts Überzeugendes einbringen). Deshalb ist auch die Formulierung vom ‚Bild des Objekts‘ zunächst nicht wirklich begründet. Das Subjekt hat tatsächlich primär nur diejenigen Eigenschaften eines Objekts, die innerhalb der Erkenntnisbeziehung –und damit innerhalb des Bewusstseins– auftreten. Allerdings bietet der Raum der Reflexion vielerlei Anknüpfungspunkte, durch die deutlich wird, dass das erkennende Subjekt Abstraktionen, Verallgemeinerungen jenseits aktueller Phänomene bilden kann, Beziehungen und Vergleiche –auch zwischen Vorher und Nachher–, die die Bildung von Begriffen erlauben, die ein aktuelles Phänomen sehr wohl als nur eine ‚Realisierung‘ von einem Phänomenkomplex erkennen kann, der ansatzweise die Bildung eines Objektbegriffs erlaubt, der weit allgemeiner ist als jede aktuelle Realisierung, aber dennoch nicht das ‚Objekt an sich‘ repräsentiert. Wohl lassen sich Begriffe bilden, die diese ‚Veränderlichkeit‘ eines Objektbegriffs, sein ‚potentielles Wachsen‘ adressieren können. Dies könnte man auch als ‚Transzendenz‘ bezeichnen, allerdings in einem abgeschwächten Sinne als ‚gnoseologische (kognitive) Transzendenz‘; es ist eine Form von Transzendenz, aber eine ‚induktive‘, keine solche, die sich aus der Erkenntnis eines ‚Objekts an sich‘ direkt speisen würde.

 

Zur direkten Fortsetzung schaue hier

 

 

Eine Übersicht zu allen Beiträgen des Blogs findet sich im begleitenden cogntiveagent-Wiki

LITERATURVERWEISE

 

Hartmann, N. “ Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis“, Berlin: Walter de Gruyter & Co, 5.Aufl. 1965 (Erstausgabe 1929).