VERANTWORTUNGSBEWUSSTE DIGITALISIERUNG: Fortsezung 1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

So 16.Februar 2020

KONTEXT DEMOKRATIE

In einem vorausgehenden Beitrag hatte ich am Beispiel der Demokratie aufgezeigt, welche zentrale Rolle eine gemeinsame funktionierende Öffentlichkeit spielt. Ohne eine solche ist Demokratie nicht möglich. Entspechend der Komplexität einer Gesellschaft muss die große Mehrheit der Bürger daher über ein hinreichendes Wissen verfügen, um sich qualifiziert am Diskurs beteiligen und auf dieser Basis am Geschehen verantwortungsvoll partizipieren zu können. Eine solche Öffentlichkeit samt notwendigem Bildungsstand scheint in den noch existierenden Demokratien stark gefährdet zu sein. Nicht ausdrücklich erwähnt wurde in diesem Beitrag die Notwendigkeit von solchen Emotionen und Motivationen, die für das Erkennen, Kommunizieren und Handeln gebraucht werden; ohne diese nützt das beste Wissen nichts.

KONTEXT DIGITALISIERUNG

In einem Folgebeitrag hatte ich das Phänomen der Digitalisierung aus der Sicht des Benutzers skizziert, wie eine neue Technologie immer mehr eine Symbiose mit dem Leben der Gesellschaft eingeht, einer Symbiose, der man sich kaum oder gar nicht mehr entziehen kann. Wo wird dies hinführen? Löst sich unsere demokratische Gesellschaft als Demokratie schleichend auf? Haben wir überhaupt noch eine funktionierende Demokratie?

PARTIZIPATION OHNE DEMOKRATIE?

Mitten in den Diskussionen zu diesen Fragen erreichte mich das neue Buch von Manfred Faßler Partizipation ohne Demokratie (2020), Fink Verlag, Paderborn (DE). Bislang konnte ich Kap.1 lesen. In großer Intensität, mit einem in Jahrzehnten erarbeiteten Verständnis des Phänomens Digitalisierung und Demokratie, entwirft Manfred Faßler in diesem Kapitel eine packende Analyse der Auswirkungen des Phänomens Digitalisierung auf die Gesellschaft, speziell auch auf eine demokratische Gesellschaft. Als Grundidee entnehme ich diesem Kapitel, dass der Benutzer (User) in Interaktion mit den neuen digitalen Räumen subjektiv zwar viele Aspekte seiner realweltlichen sozialen Interaktionen wiederfindet, aber tatsächlich ist dies eine gefährliche Illusion: während jeder User im realweltlichen Leben als Bürger in einer realen demokratischen Gesellschaft lebt, wo es der Intention der Verfassung nach klare Rechte gibt, Verantwortlichkeiten, Transparenz, Kontrolle von Macht, ist der Bürger in den aktuellen digitalen Räumen kein Bürger, sondern ein User, der nahezu keine Rechte hat. Als User glaubt man zwar, dass man weiter ein Bürger ist, aber die individuellen Interaktionen mit dem digitalen Raum bewegen sich in einem weitgehend rechtlosen und demokratiefreiem Raum. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen kaschieren diesen Zustand durch unendliche lange Texte, die kaum einer versteht; sprechen dem User nahezu alle Rechte ab, und lassen sich kaum bis gar nicht einklagen, jedenfalls nicht in einem Format, das der User praktisch einlösen könnte. Dazu kommt, dass der digitale Raum des Users ein geliehener Raum ist; die realen Maschinen und Verfügungsgewalten liegen bei Eignern, die jenseits der gewohnten politischen Strukturen angesiedelt sind, die sich eher keiner demokratischen Ordnung verpflichtet fühlen, und die diese Verfügungsgewalt — so zeigt es die jüngste Geschichte — skrupellos an jeden verkaufen, der dafür Geld bezahlt, egal, was er damit macht.

Das bisherige politische System scheint die Urgewalt dieser Prozesse noch kaum realisiert zu haben. Es denkt noch immer in den klassischen Kategorien von Gesellschaft und Demokratie und merkt nicht, wie Grundpfeiler der Demokratie täglich immer mehr erodieren. Kapitel 1 von Faßlers Buch ist hier schonungslos konkret und klar.

LAGEPLAN DEMOKRATISCHE DIGITALISIERUNG

Möglicher Lageplan zur Auseinandersetzung zwischen nicht-demokratischer und demokratischer Digitalisierung

Erschreckend ist, wie einfach die Strategie funktioniert, den einzelnen bei seinen individuellen privaten Bedürfnissen abzuholen, ihm vorzugaukeln, er lebe in den aktuellen digitalen Räumen so wie er auch sonst als Bürger lebe, nur schneller, leichter, sogar freier von üblichen analogen Zwängen, obwohl er im Netz vieler wichtiger realer Recht beraubt wird, bis hin zu Sachverhalten und Aktionen, die nicht nur nicht demokratisch sind, sondern sogar in ihrer Wirkung eine reale Demokratie auflösen können; alles ohne Kanonendonner.

Es mag daher hilfreich sein, sich mindestens die folgenden Sachverhalte zu vergegenwärtigen:

  • Verankerung in der realen Welt
  • Zukunft gibt es nicht einfach so
  • Gesellschaft als emergentes Phänomen
  • Freie Kommunikation als Lebensader

REALE KÖRPERWELT

Fasziniert von den neuen digitalen Räumen kann man schnell vergessen, dass diese digitalen Räume als physikalische Zustände von realen Maschinen existieren, die reale Energie verbrauchen, reale Ressourcen, und die darin nicht nur unseren realen Lebensraum beschneiden, sondern auch verändern.

Diese physikalische Dimension interagiert nicht nur mit der übrigen Natur sehr real, sie unterliegt auch den bisherigen alten politischen Strukturen mit den jeweiligen nationalen und internationalen Gesetzen. Wenn die physikalischen Eigentümer nach alter Gesetzgebung in realen Ländern lokalisiert sind, die sich von den Nutzern in demokratischen Gesellschaften unterscheiden, und diese Eigentümer nicht-demokratische Ziele verfolgen, dann sind die neuen digitalen Räume nicht einfach nur neutral, nein sie sind hochpolitisch. Diese Sachverhalte scheinen in der europäischen Politik bislang kaum ernsthaft beachtet zu werden; eher erwecken viele Indizien den Eindruck, dass viele politische Akteure so handeln, als ob sie Angestellte jener Eigner sind, die sich keiner Demokratie verpflichtet fühlen (Ein Beispiel von vielen: die neue Datenschutz-Verordnung DSGVO versucht erste zaghafte Schritte zu unternehmen, um der Rechtlosigkeit der Bürger als User entgegen zu wirken, gleichzeitig wird diese DSGVO von einem Bundesministerium beständig schlecht geredet …).

ZUKUNFT IST KEIN GEGENSTAND

Wie ich in diesem Blog schon mehrfach diskutiert habe, ist Zukunft kein übliches Objekt. Weil wir über ein Gedächtnis verfügen, können wir Aspekte der jeweiligen Gegenwart speichern, wieder erinnern, unsere Wahrnehmung interpretieren, und durch unsere Denkfähigkeit Muster, Regelhaftigkeiten identifizieren, denken, und neue mögliche Kombinationen ausmalen. Diese neuen Möglichkeiten sind aber nicht die Zukunft, sondern Zustände unseres Gehirns, die auf der Basis der Vergangenheit Spekulationen über eine mögliche Zukunft bilden. Die Physik und die Biologie samt den vielen Begleitdisziplinen haben eindrucksvoll gezeigt, was ein systematischer Blick zurück zu den Anfängen des Universums (BigBang) und den Anfängen des Lebens (Entstehung von Zellen aus Molekülen) an Erkenntnissen hervor bringen kann. Sie zeigen aber auch, dass die Erde selbst wie das gesamt biologische Leben ein hochkomplexes System ist, das sich nur sehr begrenzt voraus sagen lässt. Spekulationen über mögliche zukünftige Zustände sind daher nur sehr begrenzt möglich.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass das Denken selbst kein Automatismus ist. Neben den vielen gesellschaftlichen Faktoren und Umweltfaktoren, die auf unser Denken einwirken, hängt unser Denken in seiner Ausrichtung entscheidend auch von unseren Bedürfnissen, Emotionen, Motiven und Zielvorstellungen ab. Wirkliche Innovationen, wirkliche Durchbrüche sind keine Automatismen. Sie brauchen Menschen, die resistent sind gegen jeweilige ‚Mainstreams‘, die mutig sind, sich mit Unbekanntem und Riskantem auseinander zu setzen, und vieles mehr. Solche Menschen sind keine ‚Massenware’…

GESELLSCHAFT ALS EMERGENTES PHÄNOMEN

Das Wort ‚Emergenz‘ hat vielfach eine unscharfe Bedeutung. In einer Diskussion des Buches von Miller und Page (2007) Complex Adaptive Systems. An Introduction to Computational Models of Social Life habe ich für meinen Theoriezusammenhang eine Definition vorgeschlagen, die die Position von Miller und Page berücksichtigt, aber auch die Position von Warren Weaver (1958), A quarter century in then natural sciences. Rockefeller Foundation. Annual Report,1958, pages 7–15, der von Miller und Page zitiert wird.

Die Grundidee ist die, dass ein System, das wiederum aus vielen einzelnen Systemen besteht, dann als ein organisiertes System verstanden wird, wenn das Wegnehmen eines einzelnen Systems das Gesamtverhalten des Systems verändert. Andererseits soll man aber durch die Analyse eines einzelnen Mitgliedssystems auch nicht in der Lage sein, auf das Gesamtverhalten schließen zu können. Unter diesen Voraussetzungen soll das Gesamtverhalten als emergent bezeichnet werden: es existiert nur, wenn alle einzelnen Mitgliedssysteme zusammenwirken und es ist nicht aus dem Verhalten einzelner Systeme alleine ableitbar. Wenn einige der Mitgliedssysteme zudem zufällige oder lernfähige Systeme sind, dann ist das Gesamtverhalten zusätzlich begründbar nicht voraussagbar.

Das Verhalten sozialer Systeme ist nach dieser Definition grundsätzlich emergent und wird noch dadurch verschärft, dass seine Mitgliedssysteme — individuelle Personen wie alle möglichen Arten von Vereinigungen von Personen — grundsätzlich lernende Systeme sind (was nicht impliziert, dass sie ihre Lernfähigkeit ’sinnvoll‘ nutzen). Jeder Versuch, die Zukunft sozialer Systeme voraus zu sagen, ist von daher grundsätzlich unmöglich (auch wenn wir uns alle gerne der Illusion hingeben, wir könnten es). Die einzige Möglichkeit, in einer freien Gesellschaft, Zukunft ansatzweise zu erarbeiten, wären Systeme einer umfassenden Partizipation und Rückkopplung aller Akteure. Diese Systeme gibt es bislang nicht, wären aber mit den neuen digitalen Technologien eher möglich.

FREIE KOMMUNIKATION UND BILDUNG

Die kulturellen Errungenschaften der Menschheit — ich zähle Technologie, Bildungssysteme, Wirtschaft usw. dazu — waren in der Vergangenheit möglich, weil die Menschen gelernt hatten, ihre kognitiven Fähigkeiten zusammen mit ihrer Sprache immer mehr so zu nutzen, dass sie zu Kooperationen zusammen gefunden haben: Die Verbindung von vielen Fähigkeiten und Ressourcen, auch über längere Zeiträume. Alle diese Kooperationen waren entweder möglich durch schiere Gewalt (autoritäre Gesellschaften) oder durch Einsicht in die Sachverhalte, durch Vertrauen, dass man das Ziel zusammen schon irgendwie erreichen würde, und durch konkrete Vorteile für das eigene Leben oder für das Leben der anderen, in der Gegenwart oder in der möglichen Zukunft.

Bei aller Dringlichkeit dieser Prozesse hingen sie zentral von der möglichen Kommunikation ab, vom Austausch von Gedanken und Zielen. Ohne diesen Austausch würde nichts passieren, wäre nichts möglich. Nicht umsonst diagnostizieren viele Historiker und Sozialwissenschaftler den Übergang von der alten zur neuen empirischen Wissenschaft in der Veränderung der Kommunikation, erst Recht im Übergang von vor-demokratischen Gesellschaften zu demokratischen Gesellschaften.

Was aber oft zu kurz kommt, das ist die mangelnde Einsicht in den engen Zusammenhang zwischen einer verantwortlichen Kommunikation in einer funktionierenden Demokratie und dem dazu notwendigen Wissen! Wenn ich eine freie Kommunikation in einer noch funktionierenden Demokratie haben würde, und innerhalb dieser Diskussion würden nur schwachsinnige Inhalte transportiert, dann nützt solch eine Kommunikation natürlich nichts. Eine funktionierende freie Kommunikation ist eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, aber die Verfügbarkeit von angemessenen Weltbildern, qualitativ hochwertigem Wissen bei der Mehrheit der Bürger (nicht nur bei gesellschaftlichen Teilgruppen, die sich selbst als ‚Eliten‘ verstehen) ist genauso wichtig. Beides gehört zusammen. Bei der aktuellen Zersplitterung aller Wissenschaften, der ungeheuren Menge an neuem Wissen, bei den immer schneller werdenden Innovationszyklen und bei der zunehmenden ‚Fragmementierung der Öffentlichkeit‘ verbunden mit einem wachsenden Misstrauen untereinander, ist das bisherige Wissenssystem mehr und mehr nicht nur im Stress, sondern möglicherweise kurz vor einem Kollaps. Ob es mit den neuen digitalen Technologien hierfür eine spürbare Unterstützung geben könnte, ist aktuell völlig unklar, da das Problem als solches — so scheint mir — noch nicht genügend gesellschaftlich erkannt ist und diskutiert wird. Außerdem, ein Problem erkennen ist eines, eine brauchbare Lösung zu finden etwas anderes. In der Regel sind die eingefahrenen Institutionen wenig geeignet, radikal neue Ansätzen zu denken und umzusetzen. Alte Denkgewohnheiten und das berühmte ‚Besitzstanddenken‘ sind wirkungsvolle Faktoren der Verhinderung.

AUSBLICK

Die vorangehenden Gedanken mögen auf manche Leser vielleicht negativ wirken, beunruhigend, oder gar deprimierend. Bis zum gewissen Grad wäre dies eine natürliche Reaktion und vielleicht ist dies auch notwendig, damit wir alle zusammen uns wechselseitig mehr helfen, diese Herausforderungen in den Blick zu nehmen. Der Verfasser dieses Textes ist trotz all dieser Schwierigkeiten, die sich andeuten, grundlegend optimistisch, dass es Lösungen geben kann, und dass es auch — wie immer in der bisherigen Geschichte des Lebens auf der Erde — genügend Menschen geben wird, die die richtigen Ideen haben werden, und es Menschen gibt, die sie umsetzen. Diese Fähigkeit zum Finden von neuen Lösungen ist eine grundlegende Eigenschaft des biologischen Lebens. Dennoch haben Kulturen immer die starke Tendenzen, Ängste und Kontrollen auszubilden statt Vertrauen und Experimentierfreude zu kultivieren.

Wer sich das Geschehen nüchtern betrachtet, der kann auf Anhieb eine Vielzahl von interessanten Optionen erkennen, sich eine Vielzahl von möglichen Prozessen vorstellen, die uns weiter führen könnten. Vielleicht kann dies Gegenstand von weiteren Beiträgen sein.

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DER SPÄTE FREUD UND DAS KONZEPT DER PSYCHOANALYSE. Anmerkung 2

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 18.Sept. 2018

Korrekuren: 18.Sept.2018, 13:20h
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

Nachdem ich im vorausgehenden Beitrag den letzten Text von Freud (auf Deutsch) mit dem Englischen Titel (bei Deutschem Text) ‚Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis‘ (GW XVII, 1938-40) in der Rekonstruktion von Jürgen Hardt (1996) diskutiert hatte, hier einige weitere Überlegungen, dieses Mal mit direkter Bezugnahme auf den Text von Freud.

DISKUSSION

Modellvorschlag zu Freuds letztem Text zur Psychoanalyse

BILD: Modellvorschlag zu Freuds letztem Text zur Psychoanalyse

 

MODELL PSYCHOANALYSE

  1. Nach den bisherigen Überlegungen zu Freuds Position bietet es sich an, versuchsweise ein – noch sehr allgemeines – MODELL zu formulieren, das die wichtigen Begriffe von Freud in Beziehung setzt
  2. Im Kern geht es um den Begriff des SEELISCHEN, den Freud in die Komponenten BEWUSSTSEIN (BW) und UNBEWUSSTES (-BW) aufspaltet. In gewisser Weise kann man das Unbewusste als ‚Komplement‘ zum Bewusstsein sehen, da das Bewusstsein der einzige Referenzpunkt für das System homo sapiens darstellt, relativ zu dem alles andere unbewusst ist. Präziser wäre wohl der Ausdruck ’nicht bewusst‘ oder NICHT-BEWUSSTSEIN.
  3. Sowohl das Bewusstsein wie das Nicht-Bewusstsein gehören zum System homo sapiens, der sich in seinem KÖRPER manifestiert.
  4. Generell kann man davon ausgehen, dass das System homo sapiens INPUT-EREIGNISSE realisieren kann, die durch verschiedene STIMULI Ereignisse von außerhalb des Körpers ausgelöst werden können.
  5. Ebenso ist es so, dass bestimmte interne Körperereignisse – hier MOTORISCHE Ereignisse oder OUTPUT Ereignisse genannt – über die Körperoberfläche sich als VERÄNDERUNGEN der Körperoberfläche manifestieren können, die meistens als AKTIONEN klassifiziert werden oder gar als SPEZIFIZIERTE ANTWORTEN, RESPONSES.
  6. Interessant ist die Annahme von Freud, dass sich nur Teile des Nicht-Bewusstseins an das Bewusstsein mitteilen können (im Bild durch einen Pfeil angedeutet). Der Rest des Nicht-Bewusstseins teilt sich nicht dem Bewusstsein mit.
  7. Jetzt wird es spannend: Man könnte jetzt im Modell die weiteren Annahmen machen, dass es zwischen jenem Teil des Nicht-Bewusstseins, das sich dem Bewusstsein mitteilen kann – nennen wir es -BW+ – und jenem Teilen des Nicht-Bewusstseins, das sich nicht mitteilt – nennen wir diesen Teil -BW- –, dennoch eine Wechselwirkung gibt. Dies würde es erklären, warum Anteile des Nicht-Bewusstseins sich indirekt auf das Gesamtsystem auswirken können, ohne zunächst im Bewusstsein aufzutreten, dann aber – z.B. im Verlaufe der Therapie – plötzlich im Bewusstsein ‚greifbar‘ werden.
  8. Dieser Sachverhalt kann durch die weitere Annahme differenziert werden, dass möglicher Input von außen sich simultan beiden Komponenten des Nicht-Bewusstseins (-BW+, -BW-) mitteilen kann, wie auch umgekehrt beide Komponenten ein äußerliches Verhalten verursachen können (z.B. das Fehlverhalten, die Hypnoseexperimente, Arten des Redens und Verhaltens (Stimmfärbung, Form der Bewegung, …)), das als SIGNAL des NICHT-BEWUSSTSEINS fungieren kann. Dies würde z.B. erklären, warum Menschen in der Gegenwart anderer Menschen in ganz unterschiedliche ‚Stimmungen‘ geraten können, obgleich die ausgetauschten Worte keinerlei Hinweise für diese Gestimmtheit liefern. Vom Nicht-Bewusstsein verursachte Signale können im Nicht-Bewusstsein des Anderen innere Prozesse, Zustände verursachen, die sich dann in Form bestimmter Gefühle, Stimmungen, Emotionen äußern. Dies sind – zumindest berichten dies die Psychotherapeuten – sehr oft, fast immer ? – , dann der entscheidende Hinweis auf ‚verdeckt wirkende‘ Faktoren. Ohne das Nicht-Bewusstsein bleiben die objektiven ‚Signale‘ ‚unerkannt‘, sind dann eben keine ‚Signale‘ mit Referenz.
  9. So einfach dieses Modell ist, so weitreichend sind seine möglichen Konsequenzen.
  10. Da dieses Modell eine Arbeitshypothese ist, mit der man empirische Phänomene ‚deuten können soll‘, kann man es überprüfen und bekräftigen oder abschwächen bzw. dann ablehnen.

HIERARCHIE DER GEGENSTANDSBEREICHE

Das Schaubild deutet auch an, dass wir es mit einer impliziten Hierarchie von Gegenstandsbereichen zu tun haben. Der Homo sapiens ist Teil eines umfassenden Phänomens von biologischem Leben, das mit seiner Geschichte (der Evolution) ein Teilprozess auf dem Planet Erde ist, der sich als Teil des Sonnensystems herausgebildet hatte, das wiederum innerhalb der Galaxie Milchstraße entstanden ist, die sich wiederum im Prozess des bekannten Universums herausgebildet hat. Bedenkt man, dass die Anzahl der Galaxien irgendwo im Bereich von 200 Milliarden (2×1011) bis 2 Billionen (2×1012) liegt und eine einzelne Galaxie wiederum zwischen einige hundert Millionen (108) oder gar 100 Billionen (1014) Sterne haben kann (mit noch viel mehr Exoplaneten!), dann ist der Ausschnitt an körperlicher Wirklichkeit, die unser Sonnensystem mit der Erde bietet, atemberaubend ‚klein‘, man möchte sagen ‚winzig‘, so winzig, dass uns dafür die geeigneten Worte fehlen, da unser Alltag für solche Relationen keine direkten Beispiele bietet. Nur unser Denken und die Mathematik kann uns helfen, zumindest ansatzweise eine Vorstellung dazu auszubilden.

Allerdings, diese körperliche Kleinheit kann über etwas anderes hinweg täuschen, das möglicherweise ein noch größeres Wunder sein kann.

Wie die Wissenschaft erst seit wenigen Jahren weiß, besteht ein menschlicher Körper aus ca. 36 Billionen (10^12) Körperzellen, ca. 110 Billionen Bakterien im Darm und ca. 200 Milliarden Bakterien auf der Haut, d.h. ein menschlicher Körper besitzt an Zellen die Komplexität von ca. 700 Galaxien mit jeweils 200 Milliarden Sternen! Noch dramatischer wird der Kontrast, wenn man das Volumen eines menschlichen Körpers zu dem Volumen von 700 Galaxien in Beziehung setzt. Man kommt auf ein Verhältnis von ca. 1 : 10^64 !!! Anders gewendet, das Phänomen des Biologischen stellt eine unfassbare Verdichtung von Komplexität dar, deren Bedeutung und Konsequenz für das Verständnis von ‚Natur‘ bislang kaum so richtig (wenn überhaupt) gewürdigt wird.

Diese mit Worten gar nicht beschreibbare Verdichtung von Komplexität im Phänomen des Biologischen hat auch damit zu tun, dass wir es im Übergang von den ‚vor-biologischen‘ Strukturen zu den biologischen Strukturen mit einem grundlegenden Paradigmenwechsel zu tun haben. Während wir im Bereich physikalischer Strukturen Materieverdichtungen nur durch das bislang wenig verstandene Phänomen der ‚Gravitation‘ feststellen können (die nach sehr einfachen Regeln ablaufen), präsentiert das ‚Biologische‘ neuartige Prozesse und Strukturen, mit einer konstant zunehmenden ‚Verdichtung‘, die nach völlig neuartigen Regeln ablaufen. Mit Gravitation lässt sich hier nichts mehr erklären. Diese neue Qualität materieller Strukturen und Prozesse auf die einfacheren Gesetze der bekannten Physik zu ‚reduzieren‘, wie es oft gefordert wurde, ist nicht nur grober Unfug, sondern vernichtet gerade die Besonderheit des Biologischen. Der Übergang von Physik zur Astrobiologie und dann zur Biologie ist daher ein qualitativer: im Biologischen finden wir völlig neue Phänomene, die sich an der beobachtbaren Funktionalität manifestieren. ‚Emergenz‘ würde hier bedeuten, dass wir es hier mit qualitativ neuen Phänomenen zu tun haben, die sich nicht auf die Gesetze ihrer Bestandteile reduzieren lassen.

Aufgrund der schier unfassbaren Vielfalt und Komplexität des Biologischen, das in seiner körperlichen Winzigkeit eine universale Komplexität realisiert, die die bekannten astronomischen Größen letztlich sprengt, ist es sicher nicht verwunderlich, dass sich zum Phänomen des Biologischen viele verschiedene Wissenschaften ausgebildet haben, die versuchen, Teilaspekte irgendwie zu verstehen. Da der ‚Kuchen der Komplexität‘ so unfassbar groß ist, findet jeder etwas interessantes. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass diese vielen Disziplinen in ihrer heutigen Zersplitterung etwas auseinanderreißen und zerstückeln, das letztlich zusammen gehört.

So ist auch die Psychologie mit ihrer Spezialdisziplin Psychoanalyse letztlich kein Sonderbereich, wenngleich die hier anfallenden Phänomene tierischer und menschlicher Systeme anscheinend nochmals eine Steigerung an neuen funktionalen Phänomenen bieten.

HIERARCHIE DER WISSENSCHAFTEN

Es wäre die Aufgabe einer modernen Philosophie und Wissenschaftsphilosophie die Einheit der Phänomene und Wissenschaften wieder herzustellen. Sicher ist dies nichts, was eine einzelne Person schaffen kann noch kann dies in wenigen Jahren stattfinden. Vermutlich muss die ganze Wissenschaft neu organisiert werden, sodass letztlich alle kontinuierlich an dem Gesamtbild mitwirken.

Das, was für die Physik vielleicht die dunkle Materie und die dunkle Energie ist, die bislang ein wirkliches Gesamtbild entscheidend verhindert, dies ist für die Wissenschaft überhaupt das Problem, dass die Wissenschaftler und Philosophen, die sich um eine rationale Erklärung der Welt bemühen, letztlich selbst auch Bestandteil eben jener Wirklichkeit sind, die sie erklären wollen. Solange die empirischen Wissenschaften diesen fundamentalen Faktor aus ihrer Theoriebildung ausklammern, solange werden sie sich nur an der Oberfläche von Phänomenen bewegen und die wirklich interessanten Phänomene, die über Biologie, Psychologie und Philosophie ins Blickfeld geraten, werden bis auf weiteres außen vor bleiben.

QUELLEN

Hardt, Jürgen (1996), Bemerkungen zur letzten psychoanalytischen Arbeit Freuds: ‚Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis‘, 65-85, in: Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd.35, Frommann-holzboog

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INFORMATIK & GESELLSCHAFT – Kurzbericht

Änerung: 19.März 2015 (Die Künslergruppe Reul & Härtel hat das Foto mit Ihnen durch ein Bild aus ihr Performance (‚visualexploration‘) ersetzen lassen)
Änderung: 20.Nov.2014 (Einfügung Videoschnappschuss von der Uraufführung des Eingangereignisses)

Wie schon zuvor in diesem Blog darauf hingewiesen gab es am 8.November 2014 in der Frankfurt University of Applied Sciences eine recht interessante Veranstaltung INFORMATIK & GESELLSCHAFT. Computer und Geist. Aspekte einer Standortbestimmung. Im Folgenden ein kurzer Bericht mit einigen Schnappschüssen. Alle Bilder sind von Dominik Wolf, dem es gelungen ist, unter schwierigen Lichtverhältnissen doch das eine oder andere Bild zu schiessen. Die beiden ersten Bilder sind allerdings von Anita Henisch, die dann wegen der schwierigen Lichtverhältnisse aufgegeben hatte. Von Dominik Wolf selbst gibt es leider kein Foto, was schade ist, da er die Hauptlast der Organisation getragen hat.

13.20 Uhr Eingangsereignis Computermediated Sound/Images 1
(cagentArtist & Guido May)

cagentartist im Gespräch mit Guido May vor der Uraufführung von 'Little CRUNCS symphony No.1'

cagentartist im Gespräch mit Guido May vor der Uraufführung von ‚Little CRUNCS symphony No.1‘

Jazz-Schlagzeuger Guido May während der Uraufführung von 'Little CRUNCS symphony No.1'

Jazz-Schlagzeuger Guido May während der Uraufführung von ‚Little CRUNCS symphony No.1‘

Hier ein Video Schnappschuss von Dominik Wolf. Dies war nicht als Dokumentation geplant; aber da der geplante Tonmitschnitt leider nicht verfügbar ist, ist dies nun das einzige Zeugnis der 20 Minuten-Uraufführung.

Das Stück ‚Little CRUNCS symphony No.1‘ wirkte auf den ersten Blick wie sinfonische Musik, war aber vollständig im Computer generiert worden. Sieben verschiedene Eingangsklänge wurden auf unterschiedliche Weise algorithmisch bearbeitet und miteinander verzahnt. Viele Zuhörer sagten anschliessend, dass für sie das Schlagzeugspiel sehr wichtig gewesen sei. Ohne dieses hätten sie sich mit dem reinen Soundtrack schwer getan. So aber war es ein Erlebnis. Auch für den erfahrenen Jazz-Schlagzeuger Guido May war das Stück, wie er sagte, eine besondere Herausforderung. Alle ihm bekannten Muster passten bei diresdem Stück nicht. Er musster sich die Rolle des Schlagzeugs hier speziell erarbeiten.

13.45 Uhr Begrüßungen
(Moderator Prof. Doeben-Henisch, Sprecher ForschungsCampus FC3 & Informatik Cluster Fb2 Prof. Schäfer, Dekan Fb2 Prof. Morkramer, Vizepräsident Wissenschaft Infrastruktur Forschungstransfer der Frankfurt University of Applied Sciences Prof. Schrader)

Begrüssung und Moderation von Prof.Dr.Gerd Doeben-Henisch

Begrüssung und Moderation von Prof.Dr.Gerd Doeben-Henisch

Prof.Doeben-Henisch bei der Begrüßung. Es war die erste Veranstaltung dieser Art für die Informatik an der Hochschule. So war es sehr erfreulich, dass so viele sich aktiv und engagiert bei dieser Veranstaltung beteiligt haben.

Sehr persönliche Grußworte vom Dekan des Fb2 Prof. Achim Morkramer

Sehr persönliche Grußworte vom Dekan des Fb2 Prof. Achim Morkramer

Prof. Morkramer,  der Dekan des Fb2, verstand es, am Beispiel seiner eigenen Familie lebendig werden zu lassen, wie schnell die Computer innerhalb von zwei  Generationen aus dem Nichts aufstiegen und heute alles durchdringen. Erst jetzt beginnen wir Menschen scheinbar zu begreifen, welche große Folgen dies für uns alle haben kann, nicht nur positiv, sondern auch negativ.

Grussworte mit einer Vision: Vizepräsident für Infrastruktur, Weiterbildung  und Forschung, Prof.Dr. Ulrich Schrader

Grussworte mit einer Vision: Vizepräsident für Infrastruktur, Weiterbildung und Forschung, Prof.Dr. Ulrich Schrader

Der Vizepräsident für Weiterbildung, Infrastruktur und Forschung, Prof. Dr. Schrader, griff sich aus den vielfältigen Entwicklungen jenen Bereich heraus, der ihn selbst besonders betrifft, den Bereich neuer Unterrichtstechnologien. So wunderbar diese neue Welt auch erscheint, er machte darauf aufmerksam, dass der Aufwand für eine volle Nutzung dieser neuen technologischen Möglichkeiten, von einer einzelnen Hochschule kaum gestemmt werden kann. Er wagte einen visionären Ausblick dahingehend, ob nicht Hochschule, Behörden und Wirtschaft zusammen ein ‚Leuchtturmprojekt‘ gemeinsamer neuer digitaler interaktiver Lernräume stemmen sollten. Eine Frage, die noch immer weiterhallt, auch nach der Veranstaltung.

14.00 Uhr Geist zum Nulltarif? Philosophische Aspekte zur Herkunft und zur Zukunft der Informatik. Vortrag und Diskussion
(Prof. Dr. phil. Dipl. theol G. Doeben-Henisch)

Eine Folie aus dem Vortrag von Prof. Doeben-Henisch

Eine Folie aus dem Vortrag von Prof. Doeben-Henisch

Unter dem Titel ‚Geist zum Nulltarif‘ ordnete Prof. Doeben-Henisch   den Menschen mit seiner ‚Geistigkeit‘ ein in die Ideengeschichte (‚Geist‘ in der antiken griechischen Philosophie, hier verankert im Phänomen des ‚Atmens‘ (Verb: ‚pneo‘) erweitert zum Lebensprinzip (Substantiv ‚pneuma‘)) und in die Evolution des Lebendigen (‚Geist‘ als eine inhärente Eigenschaft des Biologischen selbst). Die strukturellen Übereinstimmungen zwischen dem Prinzip Computer und biologischen Zellen bis hin zum Gehirn lassen heute nicht erkennen, warum der Computer den Menschen in seinen Fähigkeiten nicht übertreffen können sollte. Die – besonders in den USA – vertretene Hypothese von der kommenden ‚technologischen Singularität‘ geht schon ganz selbstverständlich davon aus, dass die Tage der Menschen gezählt sind; die ‚intelligenten Maschinen‘ werden ‚übernehmen’…

15.00 Uhr Informatik und Gesellschaft Soziologische und kulturanthropologische Aspekte der neuen Informationstechnologien. Vortrag und Diskussion
(Prof. Dr. habil. Dipl. soz. Manfred Faßler)

Reflexion im Vollzug: Prof.Dr.habil Manfred Fassler (Goethe Universität)

Reflexion im Vollzug: Prof.Dr.habil Manfred Fassler (Goethe Universität)

Dass diese ‚Anpassbarkeit‘ des Computers an gesellschaftliche Abläufe und psychischen Bedürfnissen massive Rückwirkungen auf das Verhalten der Menschen und viele soziale Strukturen hat, thematisierte Prof. Fassler. Er identifizierte in den beobachtbaren Veränderungen einen großen Forschungsbedarf: wie können wir verhindern, dass die Menschen zu bloßen ‚Anhängsel‘ eines einzigen großen kybernetischen Systems werden, das  einer ’smarten Humanität‘ zuwider läuft? Und in der Tat, der Reflexionsbedarf der heutigen Informatik gerade mit Blick auf Soziologie und Kulturanthropologie ist drängend; wo aber sind die zugehörigen Forschungsgruppen und Forschungsprogramme?

16.00 Uhr Pause Computermediated Sound/Images 2
(Philip Reul & Markus Härtel)

Momentaufnahme von der Performance Haertel-Reul

Momentaufnahme von der Performance Haertel-Reul

Die wunderbaren Bilder von Härtel/ Reul, die auf der digitalen Verarbeitung von analogen Prozessen in verschiedenen Flüssigkeiten beruhten, ließen in der ersten Pause  dann etwas Leichtigkeit aufblitzen, einen Hauch von Schönheit. Zu erwähnen ist, dass Philip Reul auch Absolvent des Bachelor-Studiengangs Informatik der Hochschule ist sowie des interdisziplinären Masterstudiengangs ‚Barrierefreie Systeme‘ (BaSys).

visualexploration-8nov2014

visualexploration-8nov2014 von Härtel & Reul

16.30 Uhr Verkehr von morgen. Total umsorgt, total verkauft? Über Uber, Überwachung, und die neue Mobilität. Vortrag und Diskussion
(Prof. Dr. Jörg Schäfer)

Klar und direkt: Prof.Dr. Jörg Schäfer zur Missachtung der Privatsphäre

Klar und direkt: Prof.Dr. Jörg Schäfer zur Missachtung der Privatsphäre

Prof. Schäfer demonstrierte dann am Beispiel der Mauterfassung, wie das vorhandene Knowhow der Informatik von der Politik nicht genutzt wird, um  die Privatsphäre bei der Mauterfassung zu wahren. Stattdessen wird direkt auf die Privatheit zugegriffen. Am Beispiel des neuen  Fahrgastvermittlungssystem Uber illustrierte Schäfer, wie einige wenige Kapitalgeber mit einer einfachen, billigen Software weltweit hohe Vermittlungsgebühren einziehen können, ohne juristische Verantwortung für das Fahrgastgeschäft selbst zu übernehmen. Er fragte, warum die Bürger dies nicht selbst organisieren, z.B. mit einer  ‚genossenschaftlichen Bürgerplattform‘. Noch weiter gedacht: warum sollten Studierende, Professoren und Bürger nicht solch eine Genossenschaft gründen?

17.30 Uhr Robot-Fabriken. Erhöhung der Produktivität; wo bleibt die Arbeit? Vortrag und Diskussion
( Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke)

Konnte begeistern: Prof.Dr. Oliver Schocke (Fb3) zur Notwendigkeit der Automatisierung

Konnte begeistern: Prof.Dr. Oliver Schocke (Fb3) zur Notwendigkeit der Automatisierung

Das Thema ‚Automatisierung‘ bzw. ‚Roboter-Fabriken‘ ist in der Öffentlichkeit wegen unterstelltem Arbeitsplatzverlust schon mit Vorbehalten verhaftet. Prof. Schocke verstand es aber, in einem sehr engagierten Vortrag zunächst einmal die Notwenigkeit einer Produktivitätssteigerung durch weiter automatisierte Fabriken zu klären. Der internationale Konkurrenzdruck zwingt Deutschland, hier an vorderster Stelle mit zu halten. Allerdings zeigte die lebhafte Diskussion, dass damit das Problem der oft zitierten Arbeitsplatzvernichtung möglicherweise noch nicht völlig beantwortet ist. In der Diskussion wurde klar, dass hier alle betroffenen gesellschaftlichen Kräfte herausgefordert sind nach Lösungen zu suchen. den Unternehmen alleine kann man dies nicht anlasten.

18.30 Uhr Pause Computermediated Sound/Images 3
(acrylnimbus)

Tobias Schmitt nach seiner Performance im Gespräch mit einer Teilnehmerin

Tobias Schmitt nach seiner Performance im Gespräch mit einer Teilnehmerin

Tobias Schmitt, ehemaliger Absolvent der Informatik – noch mit dem klassischen Diplom –, der zugleich seit gut 20 Jahren auch experimentelle Musik produziert, komponiert, performed, zeigte ein eigens Kunstvideo parallel zu einem eigenen Soundtrack, den er live spielte.

19.30 Uhr Video Slam zum Thema Informatik und Gesellschaft (Länge eines Videos maximal 7-Min, künstlerisch oder wissenschaftlich, Publikumspreise für die zwei besten Beiträge)

 Video--Slam Preisverleihung: Wie man sieht, herrschte eine gute Stimmung. Von links nach rechts: die Professoren Schäfer und Doeben-Henisch mit den Preisträgern Siegfried Kärcher und Tom Pluemmer

Video–Slam Preisverleihung: Wie man sieht, herrschte eine gute Stimmung. Von links nach rechts: die Professoren Schäfer und Doeben-Henisch mit den Preisträgern Siegfried Kärcher und Tom Pluemmer

Obgleich die Vorlaufzeit für den Videowettbewerb vergleichsweise sehr kurz war hatte es Einsendungen gegeben und es war möglich, den vom Förderkreis der Hochschule gestifteten Preis an zwei Preisträger zu überreichen. Sowohl Siegfried Härtel wie auch Tom Pluemmer sind profiliert Kunstschaffende. Während Tom Pluemmer seinen Schwerpunkt im Bereich Film hat, hat Siegfried Kärcher in seinem Leben schon eine ganze Bandbreite von künstlerische Aktivitäten aufzuweisen. Darin kommt eine intensive Auseinandersetzung mit Computern in ihren vielschichtigen Einsatzmöglichkeiten ebenso vor wie Lichttechnik, Sounddesign und Videokunst, um nur einiges zu nennen.

Das Cafe1 während der Pausen - Essen, Trinken, Kommunizieren

Das Cafe1 während der Pausen – Essen, Trinken, Kommunizieren

21.30-23.00 Uhr Ausgangsereignis Computermediated Sound/Images 4
(Werkstattgespräch mit den Künstlern; Digital Jam-Session)

Digitale Jam-Session: Tobias Schmitt und Guido May nach dem Video-Slam

Digitale Jam-Session: Tobias Schmitt und Guido May nach dem Video-Slam

Hier eine Momentaufnahme von der inspirierenden Improvisation Tobias Schmitt & Guido May. Leider viel zu kurz …

Weitere Berichte, Kommentare können möglicherweise noch folgen. Insbesondere sollen noch Links auf die beiden prämierten Videos folgen.

Eine erste Nachreflexion von cagent zur Tagungfindet sich HIER.

Einen Überblick über alle Einträge in diesem Blog nach Titeln findet sich HIER.

VERLUST DES SUBJEKTS? – Nachbetrachtungen zu einem Diskurs mit Soziologen, Anthropologen, Kulturanthropologen

SOUNDART

Hier ein spontanes Soundgebilde zum Thema der neuen negativen Komplexität, die uns von allen Seiten zu umringen und verschlingen droht; sie kommt und geht, und kommt … (Radically unplugged; anarchistic).

1. Es heißt ja, eine Schwalbe mache noch keinen Frühling; von daher sollte ich die Begegnung mit Soziologen/ Anthropologen/ Kulturanthropologen gestern Abend nicht überbewerten. Dennoch, Eindrücke gab es, und diese Eindrücke kamen von Vertretern dieser Fächer aus ganz Deutschland, von Vertretern, die viele viele Jahre Expertise auf sich vereinen und die nicht gerade unbedeutend sind.

2. Dass im abendlichen Plenum die promovierte Nachwuchswissenschaftlerin X letztlich immer um die Frage kreiste, was denn nun die Frage sei, entlang der man forschen sollte, lies aufmerken: ist es wirklich so, dass einer jungen Kulturanthropologin nach einem langen Studium samt langer Promotion immer noch nicht klar ist, welche Frage sie mit ihrem Forscherinnenleben beantworten möchte? Reiht Sie Untersuchung an Untersuchung ohne eigentlich zu wissen, was Sie untersucht? Ist dies ein individuelles Problem oder ist es symptomatisch für die ganze Disziplin?

3. Der andere junge promovierte Nachwuchswissenschaftler Y neben X formulierte zwar Argumente und Fragen, ihnen entnahm ich aber hauptsächlich ein Unbehagen an den Thesen des großen Lehrers A, der unter anderem in einem Buch das ‚Verschwinden der Gesellschaft‘ proklamiert hatte. Sein Unbehagen wurde klar, aber nicht so recht, warum er diese These für nicht vertretbar hielt. Was war ‚falsch‘ an der These vom Verschwinden der Gesellschaft und was waren seine Argumente? Seine Beispiele zum Verlust von ‚Autonomie‘, Verlust von ‚Privatheit‘ bzw. zur Auflösung von ‚Demokratie‘ wirkten eher wie Wasser auf die Mühlen der These vom Verwinden von Gesellschaft.

4. Ein anderer Professor Z, aus der Richtung Techniksoziologie, benutzte u.a. die Formulierung, dass ‚Gesellschaft‘ als solche nie verschwinden würde; wohl aber können sich ihre Interaktionsmuster ändern, überhaupt die Rahmenbedingungen ihrer Daseins und Handelns.

5. Dies scheint mir eine tiefliegende These zu sein, die vieles verständlich machen kann. Für einen beobachtenden und theoriebildenden Soziologen (das Wort ‚Theorie‘ fiel an diesem Abend nie!) erscheint ‚Gesellschaft‘ ja nur in ihren Manifestationen, in ihren Aktivitäten. Dabei haben alle Soziologen und Anthropologen gelernt, dass ein ‚Ereignis‘ in der Regel viele Deutungen zulässt, insbesondere dann, wenn es Teil eines ‚Geflechts von Ereignissen‘ die untereinander ‚mental‘ und ’situativ‘ zusammen hängen‘ (etwas, was Psychologen auch seit über 100 Jahren untersuchen; von Psychologie sprach an diesem Abend aber niemand). Was vor diesem Hintergrund dann ‚Gesellschaft‘ im Auge des Soziologen/ Anthropologen ist, ist notgedrungen sehr standpunktabhängig, abhängig von der Leitfrage, abhängig von verfügbaren Theorien. Von eigentlichen Leitfragen war an diesem Abend wenig die Rede, auch nicht von geltenden Theorien.

6. Nimmt man den Standpunkt von Z ernst, dann ist ‚von sich aus‘ nichts ‚gut‘ oder ‚falsch‘. Und er stellte auch konsequent fest, dass für ihn Ethik in der Wissenschaft nichts verloren habe. Die Wissenschaft der Soziologie hat zu untersuchen, wie die Menschen sich tatsächlich, faktisch verhalten und was dies impliziert und nicht, wie sie sich nach einer vorausgesetzten Ethik verhalten sollen.

7. In einem Pausengespräch erfuhr ich von zwei anderen Professoren B und C, dass diese ‚ethikfreie Soziologie‘ auf Widerspruch stoßen kann. Beide schienen darin überein zu kommen, dass ‚Ethik‘ eher den wissenschaftlichen Diskurs meint, innerhalb dessen man mögliche ‚Werte‘ klärt, wohingegen ‚Moral‘ gruppenspezifische und (soziologisch‘ gruppenendogene) Wertauffassungen spiegeln. Trotz dieser anfangshaften Unterscheidung konnten die angeführten historischen Beispiele keine letzte Klarheit bringen, ob es nun eine ethikfreie Wissenschaft gebe könne oder nicht. Möglicherweise meinte B auch eher, dass es wegen der möglichen Folgen für die Menschen keine ‚ethikfreie Technik‘ geben könne; seine Beispiele legten diesen Schluss nahe. Denn zu verlangen, dass eine Wissenschaft einer bestimmten Ethik folge, hat sofort viele Probleme im Gefolge: (i) die Geschichte zeigt, dass die experimentelle Wissenschaft vielfach nur Fortschritte erzielte, weil sie herrschende Wertemuster durchbrach, um tieferliegende wichtige Zusammenhänge sichtbar zu machen. Darüber hinaus (ii) dürfte es schwer bis unmöglich sein, so etwas wie ‚absolute‘ Werte zu identifizieren. Ferner (iii) – auch eine Korollar zu (ii) – haben wir als aktuell Lebende unsere aktuelle punktuelle Situation nicht zum Maßstab für die ganze kosmologische Entwicklung zu machen; das wäre vermessen und möglicherweise ein echter Fall von Größenwahn.

8. Hier kommt nochmal Professor A ins Spiel. Sein Konstatieren des Verschwindens von Gesellschaft bezieht seine Logik ja nicht nur aus dem allgemeinen methodischen Artefakt, dass eine Soziologie nicht ‚die Gesellschaft an sich‘ untersucht, sondern – das ist jetzt ein wenig Vermutung – auch aus dem Fakt, dass es für die beteiligten Menschen (den Untersuchungsobjekten) möglicherweise immer schwieriger wird, aus ihrer individuellen Perspektive noch irgendwie den ‚übergreifenden Zusammenhang‘ zu erkennen.

9. Ich hatte dies dann offiziell als Frage formuliert: ob es sein könne, dass es für die Menschen als Handelnde immer schwerer wird, mit ihren individuell begrenzten kognitiven Kapazitäten und ihren beschränkten Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten irgendwelche nennenswerte Zusammenhänge in dem immer komplexeren Gesamtprozess zu erfassen (in einem Beitrag für die Konferenz ‚Urban Fiction‘ (vor vielen Jahren) hatte ich dieses Überlastungsphänomen ‚Negative Komplexität‘ genannt)? Und wenn es für jeden Menschen als Menschen zutrifft, inwieweit tangiert dies dann nicht auch die untersuchenden Soziologen/ Anthropologen? Haben sie denn überhaupt noch eine Chance, irgendetwas ‚Wichtiges‘ in diesem unübersichtlichen Geschehen zu erfassen? Sind sie als selbst Betroffene überhaupt noch Meister des Geschehens? (Von diesem Standpunkt aus erscheinen u.U. die Worte der promovierten Wissenschaftlerin X in einem anderen Licht: wenn die Unterstellung von der Negativen Komplexität stimmt, dann hat heute niemand mehr eine wirklich ‚begründete‘ Forschungsfrage, und dann ist das Ringen dieser jungen Forscherin nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein Problem von uns allen; ihre Frage ist dann als Frage die eigentliche These, und die vielen Antwortversuche der ‚Älteren‘ wären dann ‚beschönigend‘, um nicht zu sagen ‚verdrängend‘.

10. Angesichts dieser Einschätzung – wohlgemerkt bislang nur eine Hypothese – wären die umfangreichen Überlegungen von Professor Z (er hatte einen Vortrag mit über 60 Minuten), die den Versuch bildeten, in dieser ‚begrifflich ungreifbaren Gesamtheit‘ eine ‚Struktur‘ einzuziehen, der falsche Ansatz. Zwar war sein Leitbegriff ‚Konstellation‘, um sich nicht vorschnell auf zu enge ‚Systeme‘ einlassen zu müssen, aber seine ‚Dreistufentheorie‘ der Komplexität würde in einer offenen Diskussion möglicherweise nicht lange überleben. In meiner Wahrnehmung trägt er dem ‚fluiden Moment‘ der ganzen Theoriebildung, nämlich der individuellen Kognition als Medium möglicher Theorien, zu wenig Rechnung (vielleicht tue ich ihm hier Unrecht; mein offizieller Einwand nach seinem Vortrag ging in diese Richtung und seine Antwort(en) konnten mich nicht überzeugen.

11. Dies führt zurück zu Professor A, für den die Gesellschaft abhanden gekommen ist (mit vielen anderen Büchern, die dies aus unterschiedlichster Perspektive erweitern erläutern,…). Wenn mich auch seine Reflexionen im Detail bislang nicht so ganz überzeugen können, so sieht er allerdings (mehr als andere?) das Individuum als einen Knotenpunkt in einem komplexen kommunikativen Netzwerk, das nicht nur von dem Individuum mitgespeist wird, sondern umgekehrt das Individuum wird durch diese Kommunikationsnetzwerke mehr und mehr beeinflusst, geprägt, geleitet, gewinnt daraus nicht wenig Bilder, die es als ‚Selbstbilder‘ missdeuten kann. Der Wandel der kommunikativen Medien vom direkten Face-to-Face, von der Vermittlung über konkrete Aktionen in konkreten Situationen verschiebt sich mehr und mehr zu immer ‚technischeren‘ Medien, die keinesfalls neutral sind, sondern als Medium immer größere ‚Fremdanteile‘ mit sich bringen (bis hin zur eingebauten Totalüberwachung). Dazu immer größere Datensammlungen, sowohl in Entstehung, Struktur und Anwesenheit immer weniger transparent, immer weniger überschaubar, im Zugang intransparent kontrolliert, in der Lagerung intransparent verändert, in ihren Wechselwirkungen immer weniger erfassbar. Das Zauberwort von ‚Big Data‘ (‚Großen Daten‘) ist primär ein Marketingvehikel für jene Firmen, die damit Geld verdienen wollen. Für die Wissenschaft ist es eine weitere Barriere, unser tatsächliches Wissen und unsere tatsächliche Kommunikation überhaupt noch zu verstehen (im übrigen ist Big Data, wie immer mehr Experten mittlerweile zugeben, je größer, umso weniger hilfreich, eher irreführend und für Managemententscheidungen von Firmen sogar gefährlich).

12. Also, einerseits scheint uns das ‚Subjekt‘ allen Geschehens irgendwie mehr und mehr abhanden zu kommen, das Subjekt sowohl als ‚Objekt‘ der Untersuchung wie auch als ‚Akteur‘ hinter allem. Das Subjekt – so scheint es – wird immer mehr eingelullt in ‚Bilder von der Welt‘, die weder seine eigenen Bilder sind noch Bilder, denen eine wissenschaftliche Relevanz zukommt. Damit wäre ‚Gesellschaft‘ im aufklärerischen Sinne ‚verschwunden‘. Fragt sich, was haben wir nun? Entgleitet sich das Subjekt in diesem umfassenden Geschehen immer mehr, nicht, weil es dies so will, sondern weil es mit ihm ‚einfach geschieht‘?

13. Die Leitwissenschaften, die sich diesen zentralen Fragen stellen, sind die Soziologie, die Anthropologie, die Kulturanthropologie um diese als ‚pars pro toto‘ zu nennen. In der deutschen Wissenschaftslandschaft werden aber genau diese Disziplinen zunehmend weggekürzt, weil sie sich nicht mehr ‚rechnen‘. Wer also noch Zweifel an der wissenschaftszerstörenden Kraft der aktuellen Prozesse hat, braucht nur diese Fakten zur Kenntnis nehmen.

LAUNIGES UNPLUGGED GESPRÄCH AM ABEND DANACH

Radically unplugged Gespräch aus einer Laune heraus …

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Bemerkungen zu “Kampf der Habitate – Neuerfindungen des Lebens im 21. Jahrhundert”

mit Prof. Dr. Manfred Faßler, Goethe-Universität Frankfurt im Rahmen der Veranstaltung unplugged heads 2.0, am 11. September 2012, 19:30 Uhr im INM, Schmickstr.18, Frankfurt (Die Veranstaltung ‚unplugged heads‘ gibt es im INM seit Ende der 90iger Jahre und zeichnet sich aus durch sehr offene und hochkarätige Diskussionen).

  1. Anlässlich seines neuen Buches „Kampf der Habitate…“ kam Manfred Faßler, Leiter des  Instituts für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, ins INM.

  2. Ich erwähne diese Veranstaltung hier, da ich den Eindruck habe, dass die Thematik sehr wohl in die Thematik des Blogs hineinreicht, und dies von einem Standpunkt aus (Soziologie, Kulturanthropologie), den ich selbst kaum vertreten kann.

  3. Was den Titel angeht, so hatte ich den Eindruck, dass der Haupttitel ‚Kampf der Habitate‘ zwar gut klingt, aber eigentlich eher einen Nebeneffekt beschreibt und nicht das, worum es tatsächlich geht,  um die  ‚Neuerfindungen des Lebens im 21. Jahrhundert‘.

  4. Manfred Faßler brachte sehr viele Beispiele, wie sich in der modernen Gesellschaft durch den Einfluss der neuen Medientechnologien bekannte Strukturen und Regelsysteme aufgelöst haben bzw. durch neue Interaktionsformen und Informationsströme an Bedeutung verloren haben (‚Habitate‘ schwächen sich ab oder gewinnen an Gewicht). Unklar ist, wer hier eigentlich der ‚Akteur‘ ist. Nicht nur einzelne, sondern ganze Gruppen und Institutionen ‚finden sich vor‘ in übergreifenden, globalen Entwicklungen, deren Wirkungen fassbar sind, deren ‚Gestaltbarkeit‘ aus Sicht der einzelnen aber immer nur Teilaspekte betrifft (facebook, youtube,…).

  5. Statt auf diese Entwicklungen die Kategorie ‚Post‘ anzuwenden bevorzugt Manfred Faßler  die Kategorie ‚Neu‘, womit sich die Frage stellt, worin das Neue besteht. Seine Antwort war nicht ganz klar, aber ging in die Richtung, dass die Tatsache von umfassenden Änderungen in hoher Geschwindigkeit empirisch manifest sei. U.a. wies er auf den Trend hin, dass sich in der Wissenschaft neue Allianzen bilden, die so vorher undenkbar waren, z.B. Biologie + Informatik + Neurowissenschaften + Nanotechnologie. Mit Anspielung auf die griechische Klassik spricht er   von dem neuen Zeitalter der ‚Digitalen Klassik‘; nur ist in dieser die Veränderungsgeschwindigkeit um ein Vielfaches Schnelller.

  6. Manfred Faßler rekurrierte mehrfach auf die biologische Evolution als grundlegendes Veränderungsmuster  und spielte die   Frage  ins Publikum hinein, ob und wie man  zwischen den gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen und dem Phänomen der biologischen Evolution einen Zusammenhang sehen kann bzw. muss. Er selbst  wies ausdrücklich hin auf das biologische Modell von Genotyp – Phänotyp und auf die Rückkopplung über die Selektion als Kernmechanismus der biologischen Evolution. Dazu  zitierte er das moderne Schlagwort von ‚Evo – Devo – Eco‘: Von der Evolution über technische Entwicklung zu Umweltveränderungen.

  7. Im Gespräch  ergänzte ich diese Perspektive mit den Worten, dass die Phänotypen, die mit Gehirnen ausgestattet sind, über kulturelle Muster und Technik, nicht nur die Umwelt verändern können, sondern ihre eigenen genetischen Grundlagen. Damit sei für mich eine neuartige Form Rückkopplung etabliert, die sowohl die innere Logik der Evolution wie auch ihre Geschwindigkeit radikal verändert.

  8. Diese wenigen Bemerkungen geben weder den Vortrag noch die sehr lebhafte Diskussion adäquat wieder. Der ganze Eintrag soll nur ein Hinweis sein auf einen Denkzusammenhang, der für die Überlegungen in diesem Blog sehr wohl relevant erscheinen. Ich werde versuchen, das Buch von Manfred Faßler auch zu lesen und hier zu diskutieren. Er wäre auch bereit, anschliesend ein Gespräch zu führen, dass wir aufzeichnen und dann als Audio-Datei hier veröffentlichen. Letztlich wird die verfügbare Zeit darüber entscheiden, wann dies geschieht.

Literaturnachweis:

M.Faßler, Kampf der Habitate. Neuerfindung des Lebens im 21.Jahrhundert, Wien – New York: Springer, 2012

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