Bemerkungen zu “Kampf der Habitate – Neuerfindungen des Lebens im 21. Jahrhundert”

mit Prof. Dr. Manfred Faßler, Goethe-Universität Frankfurt im Rahmen der Veranstaltung unplugged heads 2.0, am 11. September 2012, 19:30 Uhr im INM, Schmickstr.18, Frankfurt (Die Veranstaltung ‚unplugged heads‘ gibt es im INM seit Ende der 90iger Jahre und zeichnet sich aus durch sehr offene und hochkarätige Diskussionen).

  1. Anlässlich seines neuen Buches „Kampf der Habitate…“ kam Manfred Faßler, Leiter des  Instituts für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, ins INM.

  2. Ich erwähne diese Veranstaltung hier, da ich den Eindruck habe, dass die Thematik sehr wohl in die Thematik des Blogs hineinreicht, und dies von einem Standpunkt aus (Soziologie, Kulturanthropologie), den ich selbst kaum vertreten kann.

  3. Was den Titel angeht, so hatte ich den Eindruck, dass der Haupttitel ‚Kampf der Habitate‘ zwar gut klingt, aber eigentlich eher einen Nebeneffekt beschreibt und nicht das, worum es tatsächlich geht,  um die  ‚Neuerfindungen des Lebens im 21. Jahrhundert‘.

  4. Manfred Faßler brachte sehr viele Beispiele, wie sich in der modernen Gesellschaft durch den Einfluss der neuen Medientechnologien bekannte Strukturen und Regelsysteme aufgelöst haben bzw. durch neue Interaktionsformen und Informationsströme an Bedeutung verloren haben (‚Habitate‘ schwächen sich ab oder gewinnen an Gewicht). Unklar ist, wer hier eigentlich der ‚Akteur‘ ist. Nicht nur einzelne, sondern ganze Gruppen und Institutionen ‚finden sich vor‘ in übergreifenden, globalen Entwicklungen, deren Wirkungen fassbar sind, deren ‚Gestaltbarkeit‘ aus Sicht der einzelnen aber immer nur Teilaspekte betrifft (facebook, youtube,…).

  5. Statt auf diese Entwicklungen die Kategorie ‚Post‘ anzuwenden bevorzugt Manfred Faßler  die Kategorie ‚Neu‘, womit sich die Frage stellt, worin das Neue besteht. Seine Antwort war nicht ganz klar, aber ging in die Richtung, dass die Tatsache von umfassenden Änderungen in hoher Geschwindigkeit empirisch manifest sei. U.a. wies er auf den Trend hin, dass sich in der Wissenschaft neue Allianzen bilden, die so vorher undenkbar waren, z.B. Biologie + Informatik + Neurowissenschaften + Nanotechnologie. Mit Anspielung auf die griechische Klassik spricht er   von dem neuen Zeitalter der ‚Digitalen Klassik‘; nur ist in dieser die Veränderungsgeschwindigkeit um ein Vielfaches Schnelller.

  6. Manfred Faßler rekurrierte mehrfach auf die biologische Evolution als grundlegendes Veränderungsmuster  und spielte die   Frage  ins Publikum hinein, ob und wie man  zwischen den gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen und dem Phänomen der biologischen Evolution einen Zusammenhang sehen kann bzw. muss. Er selbst  wies ausdrücklich hin auf das biologische Modell von Genotyp – Phänotyp und auf die Rückkopplung über die Selektion als Kernmechanismus der biologischen Evolution. Dazu  zitierte er das moderne Schlagwort von ‚Evo – Devo – Eco‘: Von der Evolution über technische Entwicklung zu Umweltveränderungen.

  7. Im Gespräch  ergänzte ich diese Perspektive mit den Worten, dass die Phänotypen, die mit Gehirnen ausgestattet sind, über kulturelle Muster und Technik, nicht nur die Umwelt verändern können, sondern ihre eigenen genetischen Grundlagen. Damit sei für mich eine neuartige Form Rückkopplung etabliert, die sowohl die innere Logik der Evolution wie auch ihre Geschwindigkeit radikal verändert.

  8. Diese wenigen Bemerkungen geben weder den Vortrag noch die sehr lebhafte Diskussion adäquat wieder. Der ganze Eintrag soll nur ein Hinweis sein auf einen Denkzusammenhang, der für die Überlegungen in diesem Blog sehr wohl relevant erscheinen. Ich werde versuchen, das Buch von Manfred Faßler auch zu lesen und hier zu diskutieren. Er wäre auch bereit, anschliesend ein Gespräch zu führen, dass wir aufzeichnen und dann als Audio-Datei hier veröffentlichen. Letztlich wird die verfügbare Zeit darüber entscheiden, wann dies geschieht.

Literaturnachweis:

M.Faßler, Kampf der Habitate. Neuerfindung des Lebens im 21.Jahrhundert, Wien – New York: Springer, 2012

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

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