ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 9

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 12.Okt. 2018
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe die kumulierte Zusammenfassung HIER.

KURFASSUNG

Aus wissenschaftsphilosophischer Sicht ist das Kapitel 10 sehr aufschlussreich. Der in den vorausgehenden Kapiteln immer wieder angedeutete Brückenschlag zwischen Physiologie (mit Gehirnforschung) und Psychologie (verhaltensorientiert) wird in diesem Kapitel ein wenig ‚anfassbarer‘. Allerdings nicht in dem Sinne, dass der Brückenschlag nun explizit erklärt wird, aber so, dass einerseits die Begrifflichkeit auf psychologischer Seite und andererseits die Begrifflichkeit auf physiologischer Seite etwas ausdifferenziert wird. Die Beschreibung der Beziehung zwischen beiden Begrifflichkeiten verbleibt im Bereich informeller Andeutungen bzw. in Form von Postulaten, dass die zuvor geschilderte physiologische Maschinerie in der Lage sei, die angedeuteten psychologischen Strukturen in ihrer Dynamik zu ‚erklären‘.

KAP.10 Gedächtnis und Konzepte (‚Memory and Concepts‘): Errichtung einer Brücke zum Bewusstsein (‚Building a Bridge to Consciousness‘)

  1. Nach den vorbereitenden Kapiteln 1-9 versucht Edelman mit den soweit formulierten Grundlagen nun ‚höhere‘ Hirnleistungen und ‚psychologische (=verhaltensbasierte)‘ Eigenschaften durch Rückgriff auf die evolutionären und neuronalen Mechanismen zu ‚erklären‘.

  2. Der Ausgangspunkt der Überlegungen in Kap.10 bilden die Annahmen der vorausgehenden Kapitel, dass die ‚Welt‘ ‚außerhalb‘ eines Organismus ein überwältigendes Ereignisfeld ist, das vom wahrnehmenden Organismus erst einmal ’strukturiert‘ werden muss, damit der Organismus mit diesen Ereignisfeldern konstruktiv umgehen kann. Es stellen sich in diesem Kontext folgende Fragen: (i) welche Strukturierungen nimmt ein Organismus vor, und (ii) wie konnten sich jene Mechanismen ausbilden, die solche Strukturierungen ermöglichen? Zusätzlich ist zu bedenken, dass sich die außer-organismischen Ereignisfelder – kontinuierlich wie auch disruptiv – ändern. Es reicht also nicht, die Fähigkeit der Herausbildung solcher strukturierenden Mechanismen einmalig anzunehmen, sondern (iii) es muss auch geklärt werden, wie es zu ‚dynamischen Anpassungen‘ der strukturierenden Mechanismen angesichts einer sich ändernden Umwelt kommen kann? Die bisherige Antwort auf die Fragen (i) – (iii) war der Verweis auf (a) evolutionäre Strukturbildung, auf (b) embryonale Entwicklung, sowie auf die (c) flexible Verschaltung von neuronalen Karten sowohl durch (c.1) Rückkopplungen wie auch durch (c.2) Hierarchiebildungen. Mit diesen Annahmen zu einer komplexen dynamischen Maschinerie verbindet Edelman die Überzeugung, dass sich damit alle bekannten komplexen Funktionsleistungen des Gehirns (wie z.B. ‚Gedächtnis‘ (‚memory‘) wie auch beobachtbare psychologische Eigenschaften ‚erklären‘ lassen. (vgl. S.99f)

  3. Für das, was nach Edelman ‚erklärt‘ werden soll, benutzt er die Worte ‚Bewusstsein‘, ‚Intentionalität‘, ‚Kategorisierung der Wahrnehmung‘ (‚perceptual categorization‘), ‚Gedächtnis‘ und ‚Lernen‘. Und er spricht im Zusammenhang dieser Wortmarken von ‚höheren Gehirnfunktionen‘ (‚higher brain functions‘). Damit verknüpft Edelman in dieser kurzen Beschreibung zwei methodisch unterschiedliche Betrachtungsweisen: die Begriffe ‚Bewusstsein‘, ‚Intentionalität‘, ‚Kategorisierung der Wahrnehmung‘, ‚Gedächtnis‘ und ‚Lernen‘ gehören normalerweise in den Bereich der verhaltensbasierten Psychologie; der Begriff ‚höhere Gehirnfunktionen‘ dagegen verweist auf den Bereich der Biologie mit den Spezialbereichen Physiologie und darin noch spezieller der Gehirnforschung. Damit findet sich hier die Stelle, wo er die beiden Pole Psychologie und Gehirnforschung verknüpfen möchte. Bemerkenswert ist seine ausdrückliche Feststellung, dass diese 5 mentalen Leistungen, obwohl sie oft ‚getrennt/ isoliert‘ (’separated‘) behandelt werden, doch ‚untrennbare Aspekte einer gemeinsamen mentalen Leistung‘ (‚inseparable aspects of a common mental performance‘) darstellen. Diese Feststellung geht weit über die benannten einzelnen Wortmarken hinaus. Aus dieser Feststellung folgt, dass wir es hier mit 5 unterscheidbaren mentalen ‚Leistungen‘ zu tun haben, die man als ‚Funktionen‘ {f1, …,f5} auffassen kann und sie in einer wissenschaftlichen Sicht auch so auffassen muss; dazu postuliert Edelman eine Superfunktion f*, die sich aus diesen genannten 5 Funktionen ‚zusammensetzt‘ als etwa f* = f1 u … u f5. Sind schon die einzelnen Funktionen – jede für sich – sehr ‚komplex‘ (und bis heute in der Psychologie nur unvollständig erklärt), so führt die postulierte Superfunktion f* in einen Denkbereich, der nur schwer zu fassen ist, und der bislang eigentlich von niemandem theoretisch irgendwie modelliert worden ist. (vgl. S.100) //* Falls es doch irgendwo solch eine Ausarbeitung gibt, wäre ich als Autor für einen Hinweis sehr dankbar! *//

  4. Edelman sagt ganz klar, dass es der Bereich des ‚Verhaltens‘ (‚behavior‘, ‚B‘ ) ist, an dem die Bedeutung der drei ‚fundamentalen Funktionen‘ (‚fundamental functions‘) f1 ‚Kategorisierung der Wahrnehmung‘, f2 ‚Gedächtnis‘ und f3 ‚Lernen‘ zu ‚testen‘ sind. Und er sieht auch eine funktionale Abhängigkeit zwischen diesen fundamentalen Funktionen der Art, dass f2 (Gedächtnis) die Funktion f1 (Kategoriale Wahrnehmung) voraussetzt und die Funktion f3 (Lernen) setzt sowohl f1 als auch f2 voraus. Alle drei ‚beeinflussen‘ (‚affect‘) das Verhalten ‚B‘, weil sie sich untereinander beeinflussen. Angenähert könnte man dann formulieren B = (f1,f2,f3). Nach Edelmann versorgen Wahrnehmen und Gedächtnis das System mit grundlegenden Datenstrukturen, und Lernen kann daraus neue, weiterreichende Strukturen ableiten. Dann stellt Edelman plötzlich fest, dass die beiden Funktionen f1 und f2 für das Lernen f3 zwar notwendige Voraussetzungen bilden (also: f3 = (f1,f2), aber sie alleine noch nicht ausreichend wären; es bedarf noch einer weiteren Funktionalität fx, also f3=(f1,f2,fx). Diese weitere Funktion fx verweist nach Edelman auf ein ‚Wertesystem‘ (‚value system‘), das von den Kategorisierungsleistungen des Wahrnehmens und Erinnerns unabhängig ist. Wir bekommen damit folgende Zusammenhänge: B = f*() mit f* = (f3,f4,f5) und f3 = (f1,f2,fx). (vgl. S.100)

  5. Das ‚Wertesystem‘ fx hat – aus Sicht des Verhaltens B – mehrere Eigenschaften: (i) es basiert auf unterschiedlichen Wertelieferanten fx = (fx1, …, fxn), die (ii) unterschiedliche ‚Erwartungen‘ (‚expectancy‘) als ‚Referenzpunkte‘ (’set points‘) ausbilden können. Diese Erwartungen können als Fitnesswerte in dem Sinne genutzt werden, dass ein Systemverhalten solche Referenzpunkte entweder ‚befriedigt‘ (und damit wieder ‚zurück setzt‘) oder ’nicht befriedigt‘ (und damit ’nicht zurücksetzt‘). Ein Lernen f3 ist ‚erfolgreich‘ (‚is achhieved‘), wenn das System seine ‚Systemzustände‘ (‚IS‘) so arrangieren kann, dass ‚in der Zukunft‘ das Verhalten des Systems bei Auftreten von werthaften Referenzpunkten direkt die ‚richtige Verhaltensantwort‘ findet. Dies impliziert als eine weitere Komponente eine ‚Dauer‘, eine zeitliche Erstreckung zwischen zwei ‚Zeitpunkten‘ (t,t‘) mit t‘ als ’später‘ zu t. Nur unter Voraussetzung einer ‚hinreichend langen‘ Zeitdauer (t,t‘) kann Lernen sich realisieren, also f3(f1,f2,fx,(t,t‘)) = (Success_1, …, Success_n) mit der Bedeutung, dass Lernen innerhalb einer Zeitspanne (t,t‘) dazu führt, dass werthafte Referenzpunkte von fx() mit Hilfe von Wahrnehmung, Wahrnehmungskategorien und Gedächtnis in ‚möglichst kurzer Zeit‘ so bedient werden können, dass sie auf einen ’neutralen Wert‘ zurück gehen. Das exakte Zusammenspiel zwischen einem solchen Lernen f3() und den übrigen Größen f4, f5 und Verhalten ‚B‘ bleibt zunächst offen. (vgl. S.101)

  6. Den Zusammenhang zwischen diesen verhaltensbasierten Begriffen – nennen wir sie hier ‚Begriffe_B‘ – und jenen Begriffen, die auf der Theorie der neuronalen Gruppen basiert – nennen wir sie hier ‚Begriffe_NN‘ – sieht Edelman grundsätzlich darin, dass die Begriffe_NN letztlich ein materielles System S_NN beschreiben, das als ein ‚Modell‘ dienen kann, über dem man die Begriffe_B ‚interpretieren‘ kann. Anders ausgedrückt postulirt Edelman hier eine Abbildung der Art: Interpretation_B_NN : Begriffe_B <—> Begriffe_NN. Edelman beschreibt diese Abbildung an dieser Stelle aber nicht wirklich; er unterstellt sie einfach; er nimmt sie an und illustriert sie anhand sehr vager Beispiele. (vgl. S.101)

  7. Edelman führt an dieser Stelle noch einen weiteren Prozess (eine Funktion) ‚fc‘ ein, dem er die Fähigkeit zuschreibt, dass dieser auf der Basis von Wahrnehmung (f1) und von Gedächtnis (f2) im Kontext des Lernens (f3) und möglicherweise auch — das sagt er nicht explizit – unter Berücksichtigung des Wertesystems (fx) in der Lage ist, ‚allgemeine Beziehungen‘ (‚general relational properties‘) hervorzubringen (‚to yield‘). Unter Voraussetzung dieser fünf Funktionen {f1, f2, f3, fx, fc} will er dann später zeigen, wie man damit das ‚Auftreten eines Bewusstseins‘ (‚the emergence of consciousness‘) erklären kann. //* Es sei hier darauf hingewiesen, dass die Kozeptualisierungsleistung fc im Rahmen psychologischer Modelle des Gedächtnisses oft als eine Eigenschaft des Gedächtnisses angesehen wird bzw. — was Edelman ja zuvor selbst feststellt – z.T. auch schon als eine Leistung der Wahrnehmung f1. *//

  8. Den Rest des Kapitels widmet Edelman zwei Wortmarken: ‚Gedächtnis‘ (‚memory‘) und ‚Konzepte‘ (‚concepts‘).

  9. Seine allgemeinste Bedeutungszuschreibung zur Wortmarke ‚Gedächtnis‘ geschieht in der verhaltensbasierten Perspektive der Psychologie, indem er die Wortmarke ‚Gedächtnis‘ verbindet mit der ‚Fähigkeit, ein Verhalten zu wiederholen‘ (f2) (‚ability to repeat a performance‘). Diese Fähigkeit beinhaltet die andere, kurz zuvor eingeführte, Fähigkeit zur Konzeptualisierung fc, die im Rahmen des Gedächtnisses die zu einem bestimmten Zeitpunkt t vorhandenen konzeptuellen Strukturen ISc(t) ‚erweitert‘ (‚enhancement‘), so dass zu einem späteren Zeitpunkt T‘ eine erweiterte konzeptuelle Struktur ISc(t‘) vorliegt.(vgl. S.102)

  10. Parallel und zwischen diesen vorausgehenden psychologischen Erklärungen streut Edelman immer wieder auf informelle Weise Bemerkungen ein, wie sich die so beschriebenen psychologischen Strukturen und Funktionalitäten durch seine neuronale Maschinerie S_NN erklären lassen würden. Eine wirkliche Erklärung der hier notwendigen Interpretationsleistung der Art: Interpretation_B_NN : Begriffe_B <—> Begriffe_NN mit Begriffe_NN = S_NN leistet Edelman hier aber nicht. (vgl. S.102)

  11. Edelman verweist ferner auf das sich im Verhalten manifestierende Phänomen, dass Konzeptualisierungen, die wir als ‚Kategorien‘ auffassen und nutzen, nicht statisch sondern ‚dynamisch‘ sind, d.h. der Prozess des Anordnens läuft kontinuierlich und neue Ereignisse können bisherige Anordnungen ‚überschreiben‘, ‚ergänzen‘. (vgl. S.102)

  12. Wie schon zuvor bemerkt, ist die Einführung der eigenständigen Kategorisierungsleistung (Konzeptbildung) fc im Rahmen des Gedächtnisses in ihrer Beziehung zu der vorausgehenden Kategorisierungsleistung f1 in der Wahrnehmung nicht klar beschrieben. Und auf S.104 charakterisiert er die Kategorisierungsleistung der Wahrnehmung f1 als ‚zufallsgesteuert‘ (‚probabilistic‘) und als die ‚initiale Basis‘ (‚initial basis‘) des Gedächtnisses f2 und — das muss man hier unterstellen – der weiteren Kategorisierungsleistung fc des Gedächtnisses. Allgemeine, sich im Verhalten manifestierende psychologisch begründete Begriffe wie ‚Assoziation‘, ‚Ungenauigkeit‘ (‚inexactness‘), sowie ‚Generalisierung‘, sieht Edelman als Ergebnis dieser vorausgesetzten f1, f2 und fc Leistungen.(vgl. S.104)

  13. Edelman betont ausdrücklich, dass das ‚Gedächtnis‘ f2 über die Fähigkeit verfügt, die ‚zeitliche Abfolge von Ereignissen‘ zu ’notieren‘ (‚to account of‘).(vgl. S.104)

  14. Nachdem Edelman eine Reihe von psychologisch motivierte Wortmarken – wie z.B. {f1, f2, f3, fx, fc} – eingeführt hatte, die das verhaltenspsychologische Begriffsfeld Begriffe_B bilden, führt er nun weitere, neue Wortmarken aus dem Bereich des Gehirns ein, die alle zum physiologisch motivierten Begriffsfeld Begriffe_NN gehören. Sein Motiv für diese begrifflichen Erweiterungen ist, dadurch mehr begriffliche Möglichkeiten zu bekommen, um die Interpretationsfunktion Interpretation_B_NN : Begriffe_B <—> Begriffe_NN zu differenzieren.

  15. Er beginnt mit der Einführung der Begriffe ‚Cortex‘ (Cx), ‚Cerebellum‘ (Cm), ‚Hippocampus‘ (Hp), und ‚Basal Ganglia‘ (Bg), wobei Cm, Hp und Bg den Prozess des Cortex im Bereich des ‚räumlichen und zeitlichen Ordnens‘ unterstützen, was Edelman in Verbindung sieht mit den psychologisch beschriebenen Leistungen des Gedächtnisses. (vgl. S.104) Auf der nächsten Seite erwähnt er auch noch den ‚Motor Cortex‘ (Cxm), der als Teil des Cortex eng mit den zuvor genannten Strukturen kooperiert. (vgl. S.105)

  16. Bemerkenswert ist, dass Edelman bei der Charakterisierung der Leistungen der genannten Gehirnstrukturen auf psychologische Begriffe zurückgreift, z.B. wenn er vom Cerebellum Cm sagt, dass es eine wichtige Rolle spiele bei der ‚zeitlichen Ordnung‘ und einem ‚möglichst kontinuierlichen Verlauf‘ von Bewegungen (‚timing and smoothing of successions of movements‘). Letztlich kennen wir primär nur ein beobachtbares Verhalten und dessen Eigenschaften. Und es ist natürlich ein solches beobachtbares Verhalten (Gegenstand der Psychologie) als eine Art ‚Referenzpunkt‘ zu nehmen, um zu schauen, welche physiologischen Prozesse und welche zugehörigen physiologische Strukturen – wie z.B. das Cerebellum – im Kontext eines solchen beobachtbaren Verhaltens auftreten. Sofern es gelingt (was methodisch und messtechnisch extrem schwierig ist), eine irgendwie statistisch signifikante Korrelation zwischen physiologischen Messwerten und psychologischen Beobachtungswerten zu erfassen, kann man feststellen, dass z.B. das Cerebellumg Cm ‚eine wichtige Rolle spiele bei‘. Ohne ein explizites psychologisches Referenzmodell Begriffe_B wäre eine solche Korrelation ’spielt eine Rolle bei‘ nicht möglich. Dabei reicht es auch nicht aus, irgendwelche isolierte physiologische Messwerte zu haben, sondern man benötigt ein komplettes physiologisches Referenzmodell Begriffe_NN, das von den physiologischen Messwerten motiviert wird, das man mit dem psychologischen Referenzmodell Begriffe_NN in Beziehung setzt. Man müsste dann verfeinert sagen: (i) aufgrund von psychologischen Verhaltensdaten DAT_B generieren Psychologen ein psychologisches Referenzmodell Begriffe_B; (ii) aufgrund von physiologischen Messwerten DAT_NN generieren Physiologen (Gehirnforscher) ein physiologisches Referenzmodell Begriffe_NN; (iii) In einem interdisziplinären Team wird eine Interpretationsfunktion Interpretation_B_NN : Begriffe_B <—> Begriffe_NN konstruiert, die einen Zusammenhang herstellt zwischen psychologischen Verhaltensdaten und physiologischen Messwerten.(vgl. S.104f)

  17. Auf der Verhaltensebene unterscheidet Edelman zwischen der ‚einzelnen Handlung‘ mit deren zeitlicher und kontinuierlicher Ausführung einerseits und ‚zeitlich sich erstreckenden Handlungsfolgen‘. Diese längeren, komplexeren – psychologisch charakterisierten — ‚Handlungsfolgen‘ bringt er in Verbindung mit der physiologischen Struktur genannt ‚Basal Ganglia‘ Bg. Eine solche komplexe Funktion wie ‚Handlungsplanung‘ (fd) interagiert mit sehr vielen unterschiedlichen anderen Funktionen, u.a. auch mit dem Wertesystem fx.(vgl. S.105f)

  18. Für die Charakterisierung der nächsten physiologischen Struktur Hippocampus (Hp) benötigt Edelman weitere psychologische Begriffe, die er bislang noch nicht eingeführt hatte: er unterscheidet bei der psychologischen Funktion des Gedächtnisses (f2) zwischen eine ‚Kurzzeit-Gedächtnis‘ (’short-term memory‘) (Mst) und einem ‚Langzeit-Gedächtnis‘ (‚long-term memory‘) (Mlt). Zwischen diesen beiden psychologischen Formen des Gedächtnisses gib es spezifische Interaktionsmuster. Eines hat damit zu tun, dass Elemente des Kurzzeitgedächtnisses in das Langzeitgedächtnis ‚übernommen‘ werden. Und mit Bezug auf dieses psychologische Referenzmodell sieht Edelman den Hippocampus mit beteiligt. Der Hippocampus empfängt von allen Teilen des Cortex Signale, auch vom Wertesystem fx, und schickt seine Prozesswerte auch wieder zu den sendenden Stellen zurück.(vgl. S.106f)

  19. Abschließend zu den genannten Strukturen ‚Cortex‘ (Cx), mit ‚Motor-Cortex (Cxm), ‚Cerebellum‘ (Cm), ‚Hippocampus‘ (Hp), und ‚Basal Ganglia‘ (Bg) meint Edelman, dass die Differenziertheit und Flexibilität dieser Strukturen – kondensiert in einem physiologischen begrifflichen Modell Begriffe_NN – ausreicht, um das zuvor erstellte psychologische Referenzmodell des Verhaltens zu erklären.(vgl. S.107f)

  20. An dieser Stelle kommt Edelman nochmals zurück auf die Wortmarke ‚Konzepte‘ (‚concepts‘) und grenzt seine Verwendung dieser Wortmarke ab von jener, in der ‚Konzepte‘ in einem rein linguistischen Kontext gesehen wird. Für Edelman sind ‚Konzepte‘ Ordnungsstrukturen (Kategorien), durch die der Strom der Wahrnehmungen und der Gedächtnisinhalte, immer wieder neu geordnet werden können, vorab zu jeder Sprache, als Voraussetzung für Sprache. Das System gewinnt dadurch die Möglichkeit, sein Verhalten mit Bezug auf diese Strukturen neu zu kontrollieren. (vgl. S.108)

  21. Das Besondere an der Konzeptualisierungsfähigkeit ist, dass sie auch unabhängig von aktuellen Stimuli stattfinden kann, dass sie sich auf ‚alles‘ anwenden kann, was im Wahrnehmen, Erinnern und Denken vorkommen kann. Dies bedeutet, die Konzeptualisierungsfähigkeit kann ihre eigenen Ergebnisse, so abstrakt sie auch sein mögen, zum Gegenstand einer späteren Aktivität machen. //* Mathematiker nennen solch eine Struktur ‚rekursiv‘ *// Solche ‚abstrakteren‘ Strukturen (Konzepte) benötigen auch keine ‚topographischen‘ Strukturen, wie man sie im Bereich der sensorischen Wahrnehmung findet. Dies hat zur Folge, dass auch nicht-topographische Ereignisse wie z.B. systemrelevante ‚Werte‘ (über Bedürfnisse wie Hunger, Durst,…) in die Strukturierung einbezogen und damit verhaltensrelevant werden können. (vgl. S.108-110)

  22. Erstaunlich ist, dass Edelman an dieser Stelle nun eine Wortmarke einführt, die weder dem physiologischen Sprachspiel zugehört, noch dem psychologischen, sondern dem philosophischen Sprachspiel sofern es auf den Raum subjektiver Phänomene fokussiert ist: ‚Intentionalität‚, indem er sagt, dass die konzeptuellen Strukturbildungen ‚intentional‚ (‚intentional‘) sind. Und Edelman geht noch weiter; er sieht hier einen ‚Übergang‘, eine ‚Brücke‘ (‚the bridging elements‘) von der Physiologie zum ‚Bewusstsein‚ (‚consciousness‘) und er stellt ausdrücklich fest, dass für diesen Brückenschlag ‚keine neuen theoretischen Annahmen‘ (’no new theoretical assumptions‘) gemacht werden müssen. Diese letzte Bemerkung trifft zu, wenn man sie auf die vorausgesetzte physiologische Maschinerie bezieht: das physiologische Modell Begriffe_NN wird nicht verändert. Mit der Einführung der Wortmarken ‚Intentional‘ und ‚Bewusstsein‘ aktiviert er aber ein neues (philosophisches) Sprachspiel, das er bislang nicht benutzt hat, und das er bislang in keiner Weise erklärt hat. Man müsste hierfür auch einen eigenen Begriff Begriffe_PH einführen vergleichbar zu Begriffe_B und Begriffe_NN und man müsste natürlich auch hier explizite Interpretationsfunktionen einführen wie Interpretation_B_PH : Begriffe_B <—> Begriffe_PH sowie Interpretation_NN_PH : Begriffe_NN <—> Begriffe_PH.

DISKUSSION FORTSETZUNG: KAP.10

  1. Aus wissenschaftsphilosophischer Sicht ist das Kapitel 10 sehr aufschlussreich. Der in den vorausgehenden Kapiteln immer wieder angedeutete Brückenschlag zwischen Physiologie (mit Gehirnforschung) und Psychologie (verhaltensorientiert) wird in diesem Kapitel ein wenig ‚anfassbarer‘. Allerdings nicht in dem Sinne, dass der Brückenschlag nun explizit erklärt wird, aber so, dass einerseits die Begrifflichkeit auf psychologischer Seite und andererseits die Begrifflichkeit auf physiologischer Seite etwas ausdifferenziert wird. Die Beschreibung der Beziehung zwischen beiden Begrifflichkeiten verbleibt im Bereich informeller Andeutungen bzw. in Form von Postulaten, dass die zuvor geschilderte physiologische Maschinerie in der Lage sei, die angedeuteten psychologischen Strukturen in ihrer Dynamik zu ‚erklären‘.

  2. Am Ende des Kapitels 10, mehr nur in Form einer kurzen Andeutung, in einer Art Fußbote, bringt Edelman noch die Begriffe ‚Intentionalität‘ und ‚Bewusstsein‘ ins Spiel, allerdings ohne jedwede Motivation, ohne jedwede Erklärung. Diese Begriffe entstammen einen ganz anderen Sprachspiel als dem zuvor besprochenen physiologischen oder psychologischem Sprachspiel; sie gehören zum philosophischen Sprachspiel, und die Behauptung Edelmans, dass man auch diese Wortmarken aus dem philosophischen Sprachspiel in ein Erklärungsmuster einbeziehen könnte, das seine Grundlage in dem physiologischen Modell Begriffe_NN habe, ist an dieser Stelle ein reines Postulat ohne jeglichen Begründungsansatz.

  3. Wissenschaftsphilosophisch kann man hier festhalten, dass man drei Sprachspiele unterscheiden muss:

    1. Ein psychologisches Sprachspiel, das von Verhaltensdaten DAT_B ausgeht, und relativ zu diesen Begriffsnetzwerke Begriffe_B einführt (Modelle, Theorien), um die Verhaltensdaten zu erklären.

    2. Ein physiologisches Sprachspiel, das von physiologischen Daten DAT_NN ausgeht, und relativ zu diesen Begriffsnetzwerke Begriffe_NN einführt (Modelle, Theorien), um die Prozesse der physiologischen Strukturen (Gehirn) zu erklären.

    3. Ein phänomenologisches Sprachspiel (Teilbereich der Philosophie), das von phänomenologischen Daten DAT_PH ausgeht, und relativ zu diesen Begriffsnetzwerke Begriffe_PH einführt (Modelle, Theorien), um die Prozesse der phänomenologischen Strukturen (Bewusstsein) zu erklären.

  4. Diese Sprachspiele kann man isoliert, jedes für sich betreiben. Man kann aber auch versuchen, zwischen den verschiedenen Sprachspielen ‚Brücken‘ zu bauen in Form von ‚Interpretationsfunktionen‘, also:

    1. Zwischen Psychologie und Physiologie: Interpretationsfunktion Interpretation_B_NN : Begriffe_B <—> Begriffe_NN

    2. Zwischen Psychologie und Phänomenologie: Interpretationsfunktion Interpretation_B_PH : Begriffe_B <—> Begriffe_PH

    3. Zwischen Phänomenologie und Physiologie: Interpretationsfunktion Interpretation_PH_NN : Begriffe_PH <—> Begriffe_NN

  5. Man muss festhalten, dass es bis heute (2018) solche Interpretationsfunktionen als explizite Theorien noch nicht gibt; genauso wenig gibt es die einzelnen Theorien Begriffe_X (X=B, PH, NN) als explizite Theorien, obgleich es unfassbare viele Daten und partielle (meist informelle) Beschreibungen gibt.

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 2

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Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Teil 1

DISKUSSION NACH TEIL 1

  1. Die generelle Idee von Edelman, den Dualismus von ‚Geist‘ und ‚Materie‘ dadurch aufzulösen, dass man der Frage nachgeht, wie der Geist überhaupt in die als ‚materiell klassifizierte Welt‘ hineinkommt, ist auch die Idee dieses Blogs.
  2. Edelman selbst liefert mehrere Hinweise, wo er ansetzen will: (i) Descartes hatte versäumt, die Grundlage seines ‚cogito ergo sum‘ zu hinterfragen, nämlich seinen Körper. Den spanischen Universal-Intellektuellen Miguel de Unamuno y Jugo (1864 – 1936 , https://en.wikipedia.org/wiki/Miguel_de_Unamuno ) zitierend formulierte er das Motto von Descartes um: ’sum ergo cogito‘ (‚Ich bin, daher denke ich‘). In diesem, was in diesem Blog schon so formuliert wurde, ist die ‚res cogitans‘ eine Eigenschaft der ‚res extensa‘, was wiederum die Frage nach der genauen ‚Beschaffenheit‘ der res extensa aufwirft. (ii) Die moderne Physik hat den Beobachter aus ihrer Theoriebildung ausgeklammert, dabei aber fundamentale Eigenschaften der empirischen Wirklichkeit mit ausgeklammert. Die ‚geist-freie‘ Materie erscheint in dieser Hinsicht als ein ‚methodischer Artefakt‘ der Theoriemacher. (iii) Die moderne verhaltensbasierte Psychologie (oft als ‚Behaviorismus‘ bezeichnet) verhält sich synchron zur modernen Physik: sie klammert den Beobachter aus aus Angst, die ‚objektive Empirie‘ mit ’subjektiven Wahrnehmungsinhalten zu verunreinigen‘. (iv) Der wissenschaftliche Modetrend der Kognitionswissenschaft unterscheidet sich letztlich vom Behaviorismus methodisch gar nicht; die Kognitionswissenschaft hat nur freizügiger von Theorie-Erweiterungen Gebrauch gemacht, die mehr Mathematik und mehr Algorithmen einbezogen haben, ohne allerdings die empirische Basis entsprechend zu erweitern.
  3. Edelman sieht nun eine Verbesserung des Verstehens gegeben in dem Versuch, die Biologie stärker einzubeziehen: einmal mit Blick auf den Entwicklungsaspekt (Evolution), wie auch mit Blick auf die funktionalen Aspekte des Körpers und hier speziell des Gehirns.
  4. Obwohl Edelman die fundamentale Rolle des Beobachters und seiner Körperlichkeit sieht und unterstreicht, lässt er aber gerade den Beobachter als Ausgangspunkt und Basis jeder Theoriebildung offen. Obwohl Edelman auf das Problem der primären Subjektivität hinweist, das sich nur mühsam durch Kommunikationsprozesse mit anderen Subjektivitäten ‚vermitteln‘ lässt, lässt er es offen, was dies für die verschiedenen empirischen Disziplinen methodisch bedeutet.
  5. Wissenschaftsphilosophisch handelt es sich bei ‚introspektiven (=subjektiven)‘ Daten (Phänomenologie), ‚Verhaltensdaten‘ (Psychologie, Biologie) und ‚physiologischen‘ Daten (Physiologie, Biologie), das Ganze noch ausgedehnt in ‚Zeitreihen‘ (Biologie), um ganz unterschiedliche Daten, die eigene Theoriebildungen erfordern, die miteinander ‚korreliert‘ werden müssten. Bedenkt man weiter, dass die Verhaltensdaten und physiologischen Daten samt aller Zeitreihen primär auch subjektive Daten sind (das Gehirn sitzt ‚im Körper‘, berechnet von dort aus alles) und nur im abgeleiteten Sinne ‚objektiv‘ genannt werden können, werden hier viele Fragen aufgeworfen, von denen nicht bekannt ist, dass sie bislang irgendjemand ernsthaft angegangen ist. Edelman liefert alle Zutaten, um die Fragen zu stellen, aber er lässt diesen Komplex zunächst mal im Unbestimmten.

KRITIK AN PSYCHOLOGIE UND PHILOSOPHIE DES GEISTES

(Wiederholung und Verstärkung)

In Kapitel 4 greift Edelman seine kritische Sicht der Psychologie und Philosophie nochmals auf und verstärkt dies durch Nennung von noch mehr Namen und Positionen: so nennt er nochmals die Philosophen Rene Descartes, John Locke, George Berkeley, David Hume und Immanuel Kant explizit als solche, die versuchen den ‚Geist aus dem Geist‘ zu erklären (vgl. SS.34f).

Nicht viel besser schneiden bei ihm Psychologen ab wie William James, Wilhelm Wundt, Ewald Hering, Hermann von Helmholtz, Edward Titchener, Hermann Ebbinghaus, Ivan Pavlow, Edward Thorndike, Clark Leonard Hull, John Watson, B.F.Skinner, Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka, Sigmund Freud, Frederic Bartlett. Auch diesen wirft Edelman vor, dass sie versucht haben, psychische Phänomene ohne expliziten Rekurs auf die physiologischen Grundlagen der Psyche, des Geistes zu erklären.(vgl. SS.36ff)

Aus der Sicht Edelmans ändert sich die Situation erst, als man ernsthaft begann, nach physiologischen Grundlagen zu forschen. Explizit nennt er als Beispiele: Santiago Ramón y Cajal (Nervenzellen), Sir Charles Sherrington (Messungen), Gustav Fritsch und Julius Hitzig (entdecken ‚Gehirnfelder‘ (‚brain maps‘)), Paul Broca (korreliert bestimmte Gehirnfelder mit unterschiedlichen Aspekten des Sprachvermögens), Karl Lashley, Donald Hebb. Allerdings fanden diese frühen Forschungen noch ganz ohne direkten Bezug zum Aspekt der ‚Evolution der Strukturen‘ statt. (vgl. SS.38ff)

Für die neue evolutive Sichtweise benennt Edelman folgende Forscher: Charles Darwin, George Romanes, C.Lloyd Morgan, C.W.Mills, J.M.Baldwin, Jean Piaget.(vgl. S.39f)

Erst langsam setzte sich dann die Haltung durch, dass psychologische Fakten im Kontext von biologischen (inklusive evolutions-biologischen) Fakten zu analysieren und zu deuten sind. Für diese neue Synthese benennt er Biologen (genauer: Ethologen) wie Nikolaas Tinbergen und Konrad Lorenz. (vgl. S.40f)

Edelman konstruiert auf der Basis dieser begrifflichen Entwicklungen die Arbeitshypothese, dass das, was wir ‚Geist‘ nennen, sich nur ab bestimmten Zeitpunkten während der allgemeinen Evolution ‚gezeigt‘ (‚emerged‘) hat, und zwar sehr spät.(vgl. S.41) Und dies setzt die Annahme voraus, dass die fundamentale Basis für alles Verhalten und für die ‚Sichtbarwerdung‘ (‚emergence‘) des Geistes die Anatomie und Morphologie der biologischen Strukturen ist sowie deren Funktionen.(vgl. S.41)

DISKUSSION (FORTSEZUNG)

  1. Der Arbeitshypothese zuzustimmen, dass man für ein volles Verständnis der psychisch-geistigen Funktionen die materiellen Grundlagen untersuchen sollte samt der evolutionären Entwicklungsgeschichte ist eine Sache, der man heute aus mehreren Gründen zustimmen kann und sollte. Zugleich die Arbeitshypothese aufzustellen, dass damit Analyse- und Erklärungsansätze von vornherein zu verurteilen sind, die Verhaltensdaten (Psychologie) bzw. auch introspektive Daten (Philosophie) als solche als Basis nehmen ohne direkt einen Bezug zu den materiellen (anatomischen) Daten herzustellen, ist mindestens problematisch wenn nicht wissenschaftsphilosophisch unhaltbar. Im weiteren Verlauf wird gerade am Beispiel der Anatomie (bzw. der Gehirnforschung im engeren Sinne) gezeigt, dass anatomische Daten ‚für sich‘ keinerlei verhaltensrelevanten Aussagen zulassen, geschweige denn solche, die irgendeinen Bezug zu psychisch-geistigen Eigenschaften erlauben.
  2. Die von Edelman scharf kritisierten Psychologen haben allesamt grundlegende Pionierarbeit geleistet, indem sie Methoden entwickelt und partielle Theorien formuliert haben, die auch heute noch fruchtbar genutzt werden können. Ihr Schicksal ist nur, dass ihre Arbeiten mit den neuen wissenschaftsphilosophischen Methoden nicht neu aufgearbeitet worden sind. So war – um nur einen heraus zu greifen – Ebbinghaus ein Pionier der Gedächtnisforschung, der erstmalig mit experimentellen Methoden (und ohne all die wundersamen technischen Hilfsmittel der heutigen empirischen Wissenschaften) die Dynamik des menschlichen Gedächtnisses ansatzweise quantitativ erfassen und beschreiben konnte, und das ohne auf die anatomischen Grundlagen Bezug zu nehmen. Selbst wenn Ebbinghaus die Möglichkeit gehabt hätte, dies mit moderneren Messverfahren tun zu können (bislang geht es immer noch nur sehr eingeschränkt) hätte ihm dies für seine Forschungen gar nichts genützt. Denn, wie immer die anatomischen Grundlagen beschaffen sein mögen, wenn ich deren ‚Verhaltensdynamik‘ erforschen will, interessieren mich die Details dieser Anatomie nicht, sondern nur ihre Funktion. Und diese lässt sich nicht durch Rekurs auf Bestandteile beschreiben sondern nur durch Beobachtung des Systemverhaltens. Das begrenzte wissenschaftsphilosophische Verständnis, das Edelman hier offenbart, ist leider eine Eigenschaft, die sich in vielen (den meisten?) Arbeiten von Neurowissenschaftlern auch heute noch zeigt. Und dies ist insofern schade, da dadurch das große Potential einer empirischen verhaltensbasierten Psychologie für eine Gesamtsicht eines biologischen Systems nicht genutzt wird.
  3. Analog kann man sagen, der Arbeitshypothese zuzustimmen, dass man die materiellen Strukturen eines biologischen Systems ‚theoretisch einbetten‘ sollte in Zeitreihen von ‚passenden Daten‘, die eine ‚Entwicklung dieser Strukturen‘ sichtbar machen, ist aus vielen Gründen sinnvoll. Zugleich anzunehmen, dass damit automatisch neue Einsichten über psychisch-geistige Eigenschaften folgen würden, ist mehr als kühn. Aus materiellen Strukturen als solchen folgt in keiner Weise irgend etwas ‚Geistiges‘ es sei denn, ich habe vorab zur Untersuchung einen Kriterienkatalog G, den ich als Maßstab anlegen kann, um dann bei der Analyse der Beobachtungsdaten konstatieren zu können, das der Eigenschaftskomplex G vorliegt. Habe ich solch einen Kriterienkatalog G nicht, kann ich noch so viele empirische Daten zu irgendwelchen materiellen Strukturen vorweisen; ‚aus sich heraus‘ lassen diese Daten eine solche Eigenschaftszuschreibung nicht zu!
  4. Tinbergen und Lorenz hatte z.B. zuerst bestimmte Verhaltensmerkmale V im Verhalten ihrer biologischen Systeme identifiziert und dann versucht, die Frage zu beantworten, von welchen physiologischen Voraussetzungen diese wohl abhängig sein könnten. Dies führte zu sehr interessanten Entdeckungen und öffnete den Blick für die anatomischen Grundlagen vieler Verhaltensweisen und der mit diesen Verhaltensweisen assoziierten ‚Eigenschaften‘, nennen wir sie ‚psychisch‘, ‚geistig‘, ‚unbewusst‘ oder wie auch immer. Allerdings, ohne die ‚Anhaltspunkte‘ im ‚beobachtbaren Verhalten‘ wäre es praktisch unmöglich, jene bedingenden materiellen Struktureigenschaften zu identifizieren, da die zugrundeliegenden neuronalen und damit letztlich biochemischen Grundlagen rein mathematisch nahezu unbegrenzt viele Funktionen erlauben. Letztlich deuten diese materiellen Strukturen auf einen quantenmechanischen Möglichkeitsraum hin, deren Konkretisierung von Faktoren abhängt, die sich aus den Strukturen selbst nicht so einfach ableiten lassen.
  5. Diese Überlegungen legen nahe, dass man grundsätzlich einen methodisch transparenten Ansatz benötigt, in dem die Methoden einer verhaltensbasierten Psychologie, einer evolutionären Biologie und – falls man die Neurowissenschaften als eigenen Bereich innerhalb der Biologie sehen will – einer systemischen Neurowissenschaft in einer kombinierten Theorie zusammen geführt werden. Jede Einzeltheorie hätte hier ihren spezifischen Ansatz, der aber in einem übergeordneten Theorierahmen integriert würde. Gelegentlich findet man die Bezeichnung ‚Neuropsychologie‘, aber das, was sich hinter diesem Namen verbirgt, ist selten das, was es sein sollte.
  6. Alles, was am Beispiel der von Edelman zitierten Psychologen angemerkt wurde, lässt sich in analoger Weise auch auf die zitierten Philosophen anwenden (wobei die Liste von Edelman sehr unvollkommen ist!). Philosophen arbeiten traditionell mit dem subjektiven Erlebnisraum direkt, ohne zugleich die Frage nach den materiellen Bedingungen der so erlebbaren ‚Phänomene‘ zu fragen. In gewisser Weise handelt es sich bei diesen subjektiven (= bewussten) Phänomenen auch um eine Systemfunktion eigener Art mit einer spezifischen Besonderheit, der man nicht gerecht werden würde, würde man sie durch Rekurs auf die bedingenden materiellen Strukturen (Gehirn, Körper, Welt, …) ‚ersetzen‘ wollen. Abgesehen davon, dass selbst die aktuelle Gehirnforschung eine solche vollständige begrifflich-funktionale Substitution noch gar nicht leisten könnte, muss man sich klar machen, dass alle sogenannten ‚empirischen Daten‘ ja nicht ‚außerhalb‘ des ‚bewusstseinsbedingten Phänomenraums‘ vorkommen, sondern auch nur ‚beusstseinsbedingte Phänomene‘ sind, allerdings eine spezielle Teilmenge, die man mit unterstellten Vorgängen in der Außenwelt in Verbindung bringt. Insofern bildet der subjektive Phänomenraum die Basis für jegliche Denkfigur, auch für die empirischen Wissenschaften.
  7. Angesichts der soeben skizzierten methodischen Situation kann man Philosophen eventuell darin kritisieren, dass sie die falschen Schlüsse gezogen haben, aber nicht darin, dass sie die primär im Bewusstsein fundierte Denkfiguren benutzen. Dies machen alle empirischen Wissenschaftler; nur sind diese sich dieser Tatsache oft nicht mehr bewusst. Und genauso wie Verhaltenswissenschaftler und Physiologen sich wechselseitig Hilfestellung leisten können im Zustandekommen von Verhaltensdaten so können sich Verhaltenswissenschaftler, Physiologen und Philosophen gegenseitig helfen, indem sie die Korrelationen zwischen Bewusstseinsdaten, Verhaltensdaten und physiologischen Daten untersuchen. Dies dann weitergehend erweitert um die Entwicklungsdimension.
  8. Die Frage, was denn dann die primären Kriterien für das ‚Psychische-Geistige‘ sind, wird durch diese multidisziplinäre Kooperationen nicht einfacher: da die materiellen Strukturen als solche keinerlei Anhaltspunkte für ‚Geistiges‘ liefern, bleibt letztlich als Ausgangspunkt doch nur das ‚Geistige‘, wie biologische Systeme ’sich selbst‘ sehen, weil sie sich so ‚erleben‘. Das ‚Geistige‘ erscheint hier als ‚Dynamik‘ von Systemen, die sich anhand des Auftretens dieser Systeme ‚zeigt‘, ‚manifestiert‘. Aus den einzelnen materiellen Bestandteilen kann man diese Eigenschaften nicht ableiten, nur aus der Gesamtheit in spezifischen Wechselwirkungen. Sofern man auf diese Weise einen ‚intuitiven‘ Zugang zu diesem komplexen Phänomen hat, kann es interessant sein, seine ‚Fundierung‘ in materiellen Strukturen und deren Entwicklung zu untersuchen. Man darf allerdings nicht erwarten, dass die materiellen Strukturen als solche irgendwelche Hinweise liefern. Dies ist ein bisschen wie das Phänomen der ‚Gravitation‘ in der physikalischen Sicht der Welt. Gravitation manifestiert sich im Gesamtverhalten, lässt sich aber – bis heute – nicht auf bestimmte materielle Eigenschaften zurück führen. Würde man jetzt sagen, dass Gravitation eine ‚Chimäre‘ sei, würde die physikalische Beschreibung des Universums weitgehend zusammen brechen. Am Beispiel des – methodisch sehr analogen – Begriffs ‚Geist‘ tut sich die Wissenschaft eigentümlicherweise sehr schwer, hier ebenfalls einen systemisch notwendigen theoretischen Term anzunehmen, der sich nur im Gesamt definieren lässt, nicht durch Bezug auf einzelne materielle Aspekte.

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MEDITATION IN EINER TECHNISCHEN UND WISSENSCHAFTLICHEN WELT? Versuch einer philosophischen Verortung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
7.Mai 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: doeben@fb2.fra-uas.de

 

ÜBERSICHT

I Fragmentierung der Welt als Dauerentfremdung

II Philosophie und Wissenschaft (Idealbild)

II-A Alltagserfahrung – Oberflächen .

II-B Jenseits des Alltags – Wissenschaft

II-C Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

II-D Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

III Erst Reaktionen

III-A Erosion der Wissenschaft ’von innen’

III-B ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’? .

III-C Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Quellen

IDEE

In diesem Text wird aufgezeigt, wie das Phänomen der Meditation im Koordinatensystem der modernen Philosophie und der empirischen Wissenschaften in einer mittlerweile hochtechnisierten Welt verortet werden kann. Ein Deutungsversuch. Er wurde provoziert durch ein Experiment an der Frankfurt University of Applied Sciences, an der seit dem Sommersemester 2017 das Thema ’Meditation’ als offizielles Fach Für alle Bachelor-Studierende der Universität angeboten wird.

I. FRAGMENTIERUNG DER WELT ALS DAUERENTFREMDUNG

In ihren Bachelorstudiengängen erwerben die Studierende grundlegende Kenntnisse über viele verschiedene Einzeldisziplinen. Wieweit diese Disziplinen eher als ’empirische wissenschaftliche Disziplinen’ daherkommen oder doch mehr als ein ’ingenieurmäßiges Anwendungsfeld’ hängt stark vom Charakter der einzelnen Disziplin ab. Sicher ist nur, diese Einzeldisziplinen vermitteln keine ’Gesamtsicht’ der Welt oder des Menschen in der Welt. Ein ’Betriebswirtschaftler’ pflegt einen ganz anderen Zugang zur Welt als ein ’Architekt’, eine ’Case-Managerin’ ist keine ’Elektrotechnikerin’, usw.

Vorab zu allen möglichen Spezialisierungen ist ein Studierender aber primär ein ’Mensch’, ein weltoffenes Wesen, das eine Orientierung im Ganzen sucht, mit einem Körper, der eines der größten Wunderwerke der biologischen Evolution darstellt. Gesellschaftliche Teilhabe, Kommunikation, Verstehen sind wichtige Facetten in einer menschlichen Existenz. Historische Kontexte, Kultur, Werte, eigene Lernprozesse, das eigene Erleben und Lernen, dies alles gehört wesentlich zum Menschsein.

In einer einzelnen Disziplin kommt all dies nicht vor. Wer sich voll in einer bestimmten Disziplin engagiert ist damit nur zu einem kleinen Teil seines Menschseins ’versorgt’. Es klaffen große Lücken. In diesem Kontext ein Modul ’Meditation als kulturelle Praxis’ anzubieten, adressiert ein paar zusätzliche Teilaspekte des studentischen Lebens. Es spricht den persönlichen Umgang mit dem eigenen Körper an, mit spezifischen Körpererfahrungen, die eine feste erlebnismäßige Basis im Strom der Alltagsereignisse bieten können. Damit diese konkrete Praxis nicht ’ir-rational’ daherkommt, werden Teile des kulturellen Kontextes, aus der Geschichte, aus dem heutigen Weltbild, mit erzählt. Wie verstehen Menschen das ’Meditieren’ zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kulturen, heute?

II. PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT (IDEALBILD)

Zwei besonders wichtige Blickweisen in der europäischen Kultur werden durch die modernen empirischen Wissenschaften und durch die moderne Philosophie repräsentiert. Beide entwickelten sich in enger Wechselwirkung seit dem 17.Jahrhundert; sie schufen die Grundlage für moderne Technologien, Gesellschafts- und Wertesysteme. Auch legten sie die Basis für einen Blick auf das Universum, das Leben im Universum, wie auch auf das menschliche Erkennen, wie es in der bisherigen Geschichte des Lebens einmalig ist.

Nun ist der Umfang dieses wissenschaftlichen und philosophischen Wissens zu groß, um es hier auch nur ansatzweise ausbreiten zu können. Es soll aber versucht werden, ausgehend von der Alltagserfahrung und der Praxis der Meditation anzudeuten, wie sich dieses aus Sicht der Philosophie und der empirischen Wissenschaften darstellt.

A. Alltagserfahrung

Oberflächen In seinem Alltag erlebt sich der Mensch mit seinem ’Körper’, der in einem räumlichen Miteinander mit anderen Körpern und Objekten vorkommt. Er erlebt Veränderungen, Verhaltensweisen, asynchron und synchron: Menschen auf einer Straße können wild durcheinander laufen, sie können aber auch gemeinsam diszipliniert in einer Warteschlange stehen, sich im gemeinsamen Tanz bewegen, oder im direkten Gespräch ihr individuelles Verstehen miteinander verschränken.

Zugleich lernt jeder von früh an, dass es ’hinter der Oberfläche’, ’im’ Körper, eine Vielfalt von Ereignissen gibt, subjektive Erlebnisse, die das ’Innere’ eines Menschen charakterisieren. Einiges von diesen Vorgängen ist ’bewusst’, bildet das ’Bewusstsein’ des Menschen. Wir wissen aber heute, dass vieles im Inneren eines Körpers, eigentlich das meiste, ’nicht bewusst’ ist! So sind die ’Inhalte’ unseres ’Gedächtnisses’ normalerweise nicht bewusst; sie können aber bewusst werden, wenn bestimmte Ereignisse uns an etwas erinnern, und herausfordern. Solche Erinnerungen können wie eine Kettenreaktion wirken: eine Erinnerung aktiviert die nächste.

B. Jenseits des Alltags

Wissenschaft Mittlerweile wurde der menschliche Körper, seine Bauweise, viele seiner Funktionen, durch die Biologie, die Physiologie, die Psychologie und durch viele weitere Wissenschaften untersucht und partiell ’erklärt’, dazu auch das Miteinander mit anderen Menschen in seinen vielfältigen Formen.

Wir wissen, dass die ’innere Verarbeitung’ des Menschen die äußeren und die körperinternen Reize nach festen Verfahren zu allgemeinen Strukturen zusammenführt (’Cluster’, ’Kategorien’), diese untereinander vielfach vernetzt, und automatisch in einer Raumstruktur aufbereitet. Zugleich erlaubt das Gedächtnis jede aktuelle Gegenwart mit gespeicherten ’alten Gegenwarten’ zu vergleichen, was ein ’vorher/nachher’ ermöglicht, der Ausgangspunkt für ein Konzept von ’Zeit’. Dazu kommt die besondere Fähigkeit des Menschen, die Ausdrücke einer Sprache mit seinen ’inneren Zuständen’ ’verzahnen’ zu können. Ein Ausdruck wie ’Es ist 7 Uhr auf meiner Uhr’ können wir in Beziehung setzen zu unserer Wahrnehmung eines Gegenstandes am angesprochenen Arm.

Ein wichtiges Charakteristikum biologischer Körper ist auch ihre grundlegende ’Nicht-Determiniertheit’, eine grundlegende Voraussetzung für ’Freiheit’.

Dass diese komplexen inneren Mechanismen des menschlichen Körpers so scheinbar mühelos mit den Gegebenheiten der Körperwelt ’harmonieren’, kommt nicht von ungefähr. Die moderne Biologie mit Spezialgebieten  wie z.B. der ’Mikrobiologie’, der ’Evolutionsbiologie’, der ’Paläobiologie’, der ’Astrobiologie’ 1 zusätzlich vereint mit Disziplinen wie der Geologie, Archäologie, der Klimatologie samt vielen Subdisziplinen der Physik und der Chemie; diese alle haben in über 100 Jahren konzertierter Arbeit die Geschichte der Lebensformen auf der Erde samt den parallelen Veränderungen der Erde mit ihrem Klima häppchenweise entschlüsselt, entziffert, dekodiert und immer wieder neu zu einem Gesamtbild zusammen gefügt. Das Bild, das sich daraus bis heute ergeben hat, zeigt eine ungeheure Vielfalt, eine bisweilen große Dramatik, vor allem aber das erstaunliche Phänomen, wie sich ’biologisches Leben’ anschickt, die freien Energiereserven des Universums ’anzuzapfen’, sie für sich ’nutzbar zu machen’, um damit immer komplexere Strukturen zu schaffen, die über einfache erste Zellen von vor ca. 3.8 Mrd. Jahren zu komplexen (’eukaryotischen’) Zellen führten, zu Zellverbänden, zu Pflanzen, zu Tieren und dann, sehr spät, ’erst vor kurzem’, zu einer Lebensform, die wir ’homo sapiens’ nennen, die sich von Ostafrika aus kommend, in ca. 45.000 Jahren über die ganze bekannte Erde ausgebreitet hat. Das sind wir.

Nimmt man die Erkenntnisse der Astrobiologie hinzu, dann wird deutlich, dass unser Planet Erde bisher eine äußerst ’lebensfreundliche’ Position in unserem Sonnensystem inne hatte; unser Sonnensystem wiederum befindet sich in einem sehr lebensfreundlichen Bereich unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße mit ihren ca. 200 – 400 Mrd. Sternen; erst in ein paar Mrd. Jahren wird die Milchstraße – nach heutigem Kenntnisstand – mit der Andromeda- Galaxie kollidieren, die ca. 1 Bio. Sterne zählt.

C. Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

Verglichen mit den langen Zeiträumen der Entwicklung des bekannten Universums (vor ca. 13.8 Mrd. Jahren), unserer Erde (vor ca. 4.5 Mrd. Jahren), des biologischen Lebens selbst (vor ca. 3.8 Mrd. Jahren) ist das Auftreten des homo sapiens (vor ca. 200.000 Jahre) verschwindend kurz. Betrachtet man nur die Zeit seit der Gründung der ersten Städte (vor ca. 11.000 Jahren), seit dem ersten Computer (vor ca. 88 Jahren), seit dem Internet (vor ca. 48 Jahren), dann muss man sagen, dass wir Menschen uns seit kurzem mitten in einer Revolution befinden, in der digitalen Revolution, die das Zeug dazu hat, die bisherige Lebensweise des homo sapiens so nachhaltig zu verändern, wie vielleicht vergleichbar mit der frühen Seßhaftwerdung des homo sapiens.

Ein Grundzug der Digitalisierung des menschlichen Lebens ist der Aufbau einer parallelen, einer digitalen Welt, in der ungeheure Datenmengen eingelagert werden können, riesige Datenströme schneller als menschliche Gedanken von überall nach überall hin und her strömen können, Daten, die partiell Abbilder, Kopien, Modelle der realen Welt darstellen, in denen Computerprogramme diese Datenberge geräuschlos verwalten, verarbeiten und in Maßnahmen umsetzen können.

Der homo sapiens mit seinem Körper für die Außenwelt und seinen bewussten kognitiven Prozessen in der ’Innenwelt’, wird über Schnittstellen mit der digitalen Welt verkoppelt und lebt immer mehr nur durch das Medium des Digitalen. Sein Körper, die Vorgänge in der Außenwelt, verlieren an Bedeutung. Die wahrgenommene Außenwelt wird zu einem immer kleiner werdenden Segment der subjektiv gedachten und digital aufbereiteten Welt. Falls der homo sapiens die Nutzung der digitalen Welt in der Zukunft nicht grundlegend anders organisiert, wird das einzelne, individuelle Gehirn zu einem bloßen Anhängsel einer neuen digitalen Galaxie, deren Beherrschung und Steuerung sich allen bekannten Kategorien aus der Außenwelt entzieht. Alle bekannten rechtliche, soziale und politische Kategorien werden nicht mehr gelten. Ganze Staaten verlieren ihren Halt, weil ihre Bürger in einer digitalen Welt leben, die von globalen anonymen Kräften beherrscht werden. Bürger mutieren zu ’Realwelt-Zombies’, deren Inneres zum Bestandteil über-individueller globaler Algorithmen geworden ist, die alle individuellen Regungen automatisch beobachten, und nach partiellen ökonomischen Interessen global steuern.

Noch ist diese Vision nicht vollständig wahr, aber doch schon soweit, dass es uns erschrecken sollte. Ist es das, was wir wollen, was wir wollen sollten?

D. Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

Eines der wichtigsten Themen der Philosophie war und ist zu allen Zeiten das Thema der ’Selbstvergewisserung’: wer bin ich, der ich wahrnehme, empfinde, denke, und handle? Bin ich das, was ich wahrnehme, empfinde etc. oder bin ich etwas davon ’Verschiedenes’, oder die ’Synthese’ aus all dem, oder etwas noch ganz anderes?

Die Palette der Antworten ist so breit, wie die Zeit lang ist. Jeder Philosoph hat das Thema irgendwie neu moduliert; bis heute gibt es nicht ’die’ Antwort.

Schon mittendrin in der digitalen Revolution, schon jetzt fast mehr im ’digitalen’ Raum als im ’realen Körperraum’, verschärft sich diese philosophische Fragestellung weiter: wenn das, was ich wahrnehme, immer weniger direkt mit der realen Körperwelt korrespondiert, dafür immer mehr mit digital aufbereiteten Objekten, deren Herkunft zu bestimmen immer schwieriger wird, dann kann es passieren, dass sich das individuelle erkennende Subjekt über eine (digitale) Objektwelt definiert, die weitgehend ein Fake ist, einzig dazu da, den Einzelnen zu manipulieren, ihn zu einem ferngesteuerten ’Diener des Systems’ zu machen, besser: zu einem ’digitalen Sklaven’.

Würde man die aktuelle Entwicklungstendenz der digitalen Revolution so fort schreiben, wie sie aktuell formatiert ist, dann würde dies zur totalen Auslöschung eines freien, kreativen Individuums führen. Denn selbst ein Individuum, das vom Ansatz her ein ’freies’ Individuum ist, würde durch eine reale Lebensform der manifesten digitalen Sklaverei jeglichen Ansatzpunkt verlieren, die Freiheit zu ’materialisieren’.

Um eine solche digitale Sklaverei zu verhindern, kann und muss man die aktuelle digitale Revolution ’um- formatieren’. Statt den menschlichen Benutzer zu einem vollständig manipulierten Bestandteil einer Population von wertfreien Algorithmen zu machen, die von einzelnen narzisstischen, macht-hungrigen und menschenverachtenden Menschen global gesteuert werden, sollte man den digitalen Raum neu, von ’unten-nach-oben’ organisieren. Der einzelne Mensch muss wieder zum Taktgeber werden, die individuelle Freiheit, Kreativität und in Freiheit geborenen Werte müssen in einer freien Gesellschaft wieder ins Zentrum gerückt werden, und die diversen Algorithmen und Datengebirge müssen diesen individuellen Freiheiten in einer demokratischen Gesellschaft ’dienen’!

Eine Grundvoraussetzung für solch eine neue ’Selbstvergewisserung’ von ’Freiheit’ ist eine radikale, authentische Selbstwahrnehmung des ganzen individuellen Daseins, weit-möglichst frei von manipulierten und gefakten Fakten. Natürlich kann dies nicht bedeuten, dass der Mensch sich all seiner Erfahrungen, all seines Wissens ’entleert’, das wäre die andere Form von Versklavung in der Dunkelheit eines radikalen ’Nicht-Wissens’. Aber in all seinen Erfahrungen, in all seinem Wissen, braucht es die Erfahrung ’seiner selbst’, wie man ’faktisch ist’, man ’selbst’, mit seinem ’Körper’, in einer Erfahrungswelt, die dem menschlichen Tun ’vorgelagert’ ist als das, was wir ’Natur’ nennen, die ’aus sich heraus gewordene und werdende Wirklichkeit’ der Erde im Universum, des Lebens auf der Erde, von dem wir ein Teil sind.

Natürlich, und das wissen wir mittlerweile, gerade auch durch das philosophische Denken im Einklang mit den empirischen Wissenschaften, haben wir Menschen niemals einen völlig authentischen, einen völlig ’ungefilterten’ Zugang zur ’Natur’. Einmal nicht, weil das menschliche Vermögen des Wahrnehmens und Verstehens aus sich heraus ’konstruktiv’ ist und wir die ’Außenwelt’ grundsätzlich nur im Modus unserer ’Innenwelt’ ’haben’, zum anderen nicht, weil wir selbst Teil dieser Natur sind und durch unsere Aktivitäten diese Natur mit verändern. Die erlebbare Natur ist von daher immer schon eine ’vom Menschen mit-gestaltete Natur’! Je mehr wir dies tun, je mehr wir selbst als Teil der Natur die Natur verändern, umso weniger können wir die Natur ’vor’ oder ’ohne’ den Menschen erleben.

Dennoch, bei aller ’Verwicklung’ des Menschen mit der umgebenden Natur, und heute noch zusätzlich mit der selbst geschaffenen digitalen Wirklichkeit, gibt es keine Alternative zu einer praktizierten Selbstvergewisserung mit vollem Körpereinsatz. Dies können intensive Formen körperlicher Aktivitäten sein – wie z.B. Gehen, Laufen, Fahrrad fahren, Mannschaftssport, Tanzen, Musizieren, … –, dies kann aber auch das ’Meditieren’ sein. Im Meditieren, mit dem Atmen als ’Referenzpunkt’, kann sich der einzelne mit all seinen Befindlichkeiten als ’Ganzes’ erleben, als direkt Gegebenes, mit einem ungefilterten Erleben, mit einer Feinheit des Erlebens, die nicht durch Alltagsrauschen ’überdeckt’, ’maskiert’ wird, und der einzelne kann darin nicht nur ’physiologische Entspannung’ finden, sondern auch – über die Zeit – durch seine erweiterte Wahrnehmung zu neuen, differenzierteren ’Bildern seiner selbst’ kommen, zum ’Entdecken’ von ’Mustern’ des Daseins, die über den aktuellen Moment hinaus auf Wirkzusammenhänge verweisen, die im Alltagsrauschen normalerweise völlig untergehen. Darüber hinaus können sich – meist auf Dauer – Erlebnisse, Erfahrungen einstellen, die sich in spezifischer Weise ’wohltuend’ auf das gesamte Lebensgefühl eines einzelnen auswirken, die einen ’gefühlten Zusammenhang mit Allem’ ermöglichen, der das ’Gefühl für das Ganze’ deutlich verändert. Dieses ’Wohlfühlen’ ist ’mehr’ als physiologische Entspannung, es sind ’Gefühle eines komplexen Existierens’, zu dem nur biologische Systeme fähig sind, deren Körper aufgrund ihrer quanten-physikalischen Offenheit in allen Richtungen Wirklichkeit ’registrieren’ können. Auch das Thema sogenannter ’mystischer’ Erfahrungen gehört in diesen Kontext. Leider gibt es dazu kaum wissenschaftliche Forschungen, aber viele Phänomene, die der Erklärung harren.

III. ERST REAKTIONEN

Obwohl dieser Text erst wenige Tage alt ist, kam es schon zu interessanten Rückmeldungen. Einige davon seien hier ausdrücklich genannt, da sie helfen können, den Kern der Aussage noch weiter zu konturieren.

A. Erosion der Wissenschaft ’von innen’

Wenn im vorausgehenden Text von ’Wissenschaft’ die Rede ist, dann wurde in diesem Text ein Idealbild von Wissenschaft unterstellt, das es so heute ansatzweise gar nicht mehr gibt, und das tendenziell dabei ist, sicher weiter zu verwischen. Für das Projekt einer Zukunft mit dem homo sapiens als aktivem Teilnehmer ist dies brandgefährlich!

Für eine ausführliche Beschreibung dieser beginnenden Erosion von Wissenschaft bräuchte es einen längeren Text. Hier zwei Beispiele, die als erste ’Indikatoren’ dienen mögen.

Vor wenigen Tagen hatte ich Gelegenheit, im Rahmen eines sogenannten ’Graduiertenkollegs’ mit Studierenden von 6 verschiedenen Universitäten mit 7 verschiedenen akademischen Profilen arbeiten zu können; alle waren DoktorandenInnen.

Wir nahmen uns zu Beginn die Zeit, mittels einfacher Zettel, mal zusammen zu stellen, was jedem von ihnen zum Thema ’Wissenschaft’ einfällt. Das Ergebnis war erschreckend. Kein einziger war in der Lage, ein auch nur annähernd ’korrektes’ Bild dessen zu zeichnen, was ’standardmäßig’ unter dem Begriff ’Wissenschaft’ zu verstehen ist; keiner. Nachdem wir dann in Ruhe alle Beiträge gemeinsam diskutiert und in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet hatten (mit vielen Ergänzungen), war die einhellige Reaktion, dass sie dieses in ihrem ganzen Studium noch nie gehört hätten, und dass sie ein großes Interesse hätten, dazu mehr zu erfahren.

Also, eine Zufallsauswahl von jungen Menschen, die eine Doktorarbeit schreiben wollen, war nicht in der Lage, ein belastbares Konzept von ’Wissenschaft’ zu kommunizieren, und das nach ca. 5-6 Jahren Studien an 6 verschiedenen Universitäten in 7 verschiedenen Fachprofilen.

Wer diesen Befund jetzt mit dem Hinweis wegwischen möchte, dass dies auf keinen Fall repräsentativ sei, dem möchte ich ein neueres Handbuch der Wissenschaftsphilosophie zu den Philosophien der Einzelwissenschaften zur Lektüre empfehlen (siehe: [LR17]). In diesem Buch von 2017 wird von Experten der Wissenschaftsphilosophie in 22 Kapiteln sehr kenntnisreich, mit umfänglichen Literatursammlungen, dargelegt, was heute die großen Strömungen im Verständnis von Wissenschaft sind. Was man in diesen Texten nicht findet – ich konnte bislang 6 von 22 Kapiteln lesen –, ist ein klares Konzept, was dann heute unter ’Wissenschaft’ verstanden wird oder verstanden werden sollte. Wenn mir beispielsweise für die Disziplinen Mathematik, Philosophie, Ingenieurwissenschaften und Psychologie – ohne Zweifel sehr kenntnisreich – allerlei Strömungen und Problemdiskussionen präsentiert werden, das Fach selbst samt Wissenschaftsbegriff aber nicht zuvor geklärt wird, dann ist die Aufzählung von all den interessanten Aspekten wenig hilfreich. Alles verschwimmt in einem großen Brei. Und die Studierenden (siehe das Beispiel oben) durchlaufen den Wissenschaftsbetrieb und wissen nachher eigentlich nicht, was man unter ’Wissenschaft’ versteht bzw. verstehen sollte.

Das meine ich mit ’innerer Erosion’ von Wissenschaft: der Wissenschaftsbetrieb als ganzer weist heute riesige, komplexe Organisationsformen auf, verschlingt riesige Geldsummen, aber keiner scheint mehr zu wissen, was es eigentlich ist, was man da macht.

B. ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’?

Ein ähnliches Phänomen kann man im Umfeld des Phänomens der ’Digitalisierung von Gesellschaft’ beobachten. Mittlerweile vergeht nicht ein Tag, an dem nicht in Zeitungen, im Fernsehen, in Fachartikeln, in Romanen das Phänomen der Digitalisierung beschworen wird. Zumeist hält man sich bei einigen Auswirkungen auf, die in der Tat bedrohlich erscheinen oder sogar sind, aber fast nirgends findet man fundierte Analysen von jenen Technologien, die ’hinter’ den Phänomenen tatsächlich am Werk sind. Am schlimmsten ist das Wort ’Künstliche Intelligenz’. Obwohl es bis heute keine wirklich akzeptierte Definition gibt, jeder damit etwas anderes meint (Anmerkung: Eines der am häufigsten zitierten Lehrbücher zur künstlichen Intelligenz enthält über viele hundert Seiten unzählige Beispiele von einzelnen mathematischen Konzepten (und Algorithmen), aber eine klare Definition wird man nicht finden, auch keine klare Einordnung in das Gesamt von Wissenschaft; siehe [RN10] )  wird so getan, als ob klar ist, was es ist, als ob es so einfach wäre, dass künstliche Intelligenz sich verselbständigen könnte und die ’Herrschaft über die Menschen’ übernehmen wird. Zeitgleich fällt das Bild vom Menschen in ein schwarzes Loch des Nichtwissens, aus dem es kein Entrinnen gibt, um der umfassenden gesellschaftlichen ’Hypnose’ der Digitalisierung ein paar vernünftige Gedanken entgegen zu setzen. Eine der wenigen kritische, dekonstruierende Stellungnahme ist für mich ein Artikel von Sarah Spiekermann (siehe [Spi18]), in dem sie die ernüchternde Schwachheit des ganzen Big-Data-Ansatzes klar ausspricht und welche Gefahren gerade dadurch für uns als Gesellschaft davon ausgehen. Nicht die ’Stärke’ dieser Algorithmen bildet eine Gefahr, sondern ihre grandiose Schwäche, durch welche die Komplexität der Gegenwart und die noch größeren Komplexität der noch unbekannten Zukunft vor unserem geistigen Auge verdeckt wird.

C. Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Einen anderen interessanten Reflex durfte ich erfahren (nicht unbedingt erst seit diesem Text): diejenigen, die Meditation schon für ihr Leben entdeckt haben, es bisweilen viele Jahre oder gar schon Jahrzehnte, praktizieren, reagieren spontan mit Abwehr auf die ’Vereinnahmung’ von Meditation durch Reflexion, durch Wissen, was sie als ’Quelle von Störungen’ erfahren, als Hindernis zur tieferen, inneren Erkenntnis und Erfahrung.

Kommunikation in diesem Kontext wird dadurch erschwert, dass das Phänomen ’Meditation’ ja nicht nur über tausende von Jahren in unterschiedlichen kulturellen Kontexten praktiziert und interpretiert wurde (und niemand beherrscht rein wissensmäßig alle diese Traditionen), sondern die Meditationserfahrung selbst spielt sich in jenen inneren Bereichen des Körpers ab, die sich einem direkten ’Zugriff von außen’ entziehen und die von daher schwer bis gar nicht mit ’klaren sprachlichen Ausdrücken’ kommunizierbar sind. Jeder muss immer unterstellen, dass der andere ’das Gleiche’ meint, wie man selbst, ohne es wirklich kontrollieren zu können. Auch die modernen Verfahren der Hirnforschung bieten hier nur sehr abstrakte, äußerliche Kriterien zu irgendwelchen physiologischen Parametern, die keinen direkten Schluss auf die tatsächlichen internen Prozesse zulassen (dazu: Jonas/ Kording (2017) [JK17]).

Zu diesen objektiven Schwierigkeiten kommt aber dann eine verbreitete subjektive Abwehr von Reflexion in meditativen Kontexten, da es sowohl dominante Tendenzen in den verschiedenen Traditionen gibt, die diese ’inneren Prozesse/ Zustände/ Erlebensformen…’ im direkten Gegensatz zu ’diskursiven Tätigkeiten’ sehen, wie auch durch die Tatsache bedingt, dass die ’alten Traditionen’ die modernen (wissenschaftlichen und philosophischen) Sichtweisen in keinster Weise kannten. Obwohl also einerseits die Meditation selbst ’diskursfrei’ gesehen wird, wird ihre ’Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext’ mit einem begrifflichen Rahmen ’verpackt’, ’interpretiert’, der von modernen Erkenntnissen ’unberührt’ ist.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man zwischen dem ’inneren meditativen Erfahrungsraum’ und den sekundären begrifflichen Erklärungsmustern klar unterscheiden würde. Egal ob ein Buddhist, eine Jude, ein Christ oder ein Muslim – oder wer auch immer – etwas zu Meditation sagt, das ’Reden über Meditation’ ist nicht gleichzusetzen mit dem Meditieren selbst und den hier stattfindenden Ereignissen. Wie eine Reihe von Untersuchungen nahelegen (z.B. Stace (1960) [Sta60]), kann der gleiche Sachverhalt, je nach kulturellem Vor- Wissen, ganz unterschiedliche interpretiert werden.

Von daher kann es sehr wohl sein – und der Autor dieser Zeilen geht davon aus – dass der ’Innenraum’ des Meditierens im ’Lichte’ der Erkenntnisse der neueren Philosophie(en) und Wissenschaften eine ganz neue Deutung finden kann. Insofern das Meditieren im Grundansatz an den Phänomenen des ’Innenraums’ orientiert ist (die nichts mit den Phänomenen des ’Außenraums’ zu tun haben müssen!), hat Meditation eine an ’Erfahrung’ orientierte Ausrichtung, die von allen, die sich ’in gleicher Weise’ verhalten, ’im Prinzip reproduzierbar’ ist. Bezieht man die aktuellen empirischen Wissenschaften mit ihren reproduzierbaren Messprozessen auf die ’intersubjektiven Phänomene’ des ’Körperraums’, dann weisen die meditativen Erfahrungen hin auf einen ’erweiterten Erfahrungsraum’, der sich bislang nur durch den vollen Körpereinsatz unter Einbeziehung der ’Phänomene des Innenraums’ manifestiert, und der ansatzweise erfahrungsmäßig reproduzierbar ist.

Während der Innenraum der Meditation im Prinzip versucht, reflektierende Prozesse ’raus zu halten’, kann die begleitende Reflexion vorher und nachher sehr wohl versuchen, das Getane und Erlebte mit dem verfügbaren Wissen zu vernetzten und damit in bekannte Zusammenhänge einzuordnen. Genauso wenig aber, wie aus empirischen Messwerten ’rein automatisch’ Modelle oder Theorien folgen, genauso wenig folgen aus meditativen ’Erlebnissen/ Erfahrungen…’ irgendwelche Modelle oder Theorien. Jede Art von übergreifendem Zusammenhang ist die kreative Eigenleistung eines Individuums und muss sich vor dem Gesamtheit der Erfahrung und im Experiment ’bewähren’.

Vor diesem Hintergrund kann keine Zeit für sich einen absoluten Interpretationsanspruch zum Phänomen der Meditation beanspruchen! Im Gegenteil, jede neue Zeit ist herausgefordert, bisherige Interpretationen im Lichte neuer Erfahrungen, neuer Experimente, immer wieder zu überprüfen.

LITERATUR

[JK17] E. Jonas and K.P. Kording. Could a neuroscientist understand a microprocessor? PLoS Comput Biol, 13(1):1–24, January 2017.

[LR17] Simon Lohse and Thomas Reydon. Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (Germany), 1 edition, 2017.

[RN10] Stuart Russel and Peter Norvig. Artificial Intelligence. A Modern Approach. Universe Books, 3 edition, 2010.

[Spi18] Sarah Spiekermann. Die große big-data-illusion. FAZ, (96):13, 25.April 2018.

[Sta60] W.T. Stace. Mysticism and Philosophy. Jeremy P.Tarcher, Inc., Lo Angeles (CA), 1 edition, 1960.

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DAS NEUE ALS PROBLEM DER WAHRHEIT. Memo zur Philosophiewerkstatt vom 16.Juli 2017

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ÜBERBLICK

Ausgehend von dem Thema der Einladung zur Philosophiewerkstatt werden in der Einleitung dann wichtige Elemente einer subjektiven Wahrheit aufgelistet. Im nachfolgenden Diskurs (nach der Möglichkeit einer Meditation) wurde dann speziell versucht zu klären, worin denn das ‚Neue‘ besteht. Es kam zu interessanten Einsichten.

I. THEMA

In der Einladung zur Philosophiewerkstatt am 16.Juli 2017  war auf das Phänomen des Neuen in seiner Beziehung zu der aktuellen Wahrheit hingewiesen worden. Dabei wurde die aktuelle Wahrheit als das verstanden, was der einzelne gerade in seinem Kopf als Wissen über die Welt mit sich herumträgt; ein Wissen, mit dem die aktuelle Wahrnehmung interpretiert und das eigene Handeln entschieden wird. Verglichen mit dieser aktuellen Wahrheit ist jede Art von Neuem problematisch. Gemessen an der eigenen, aktuellen Anschauung ist alles, was da kommt, zunächst einmal eine Abweichung. Es stellt sich dann die Frage, was man damit macht. Die Vielfalt der Antworten ist das, was wir jeden Tag im privaten Umfeld, in der Wirtschaft, in der Politik, in den Massenmedien erleben. Je nach Interessenlage (und Wissen) wird das ‚Abweichende‘ z.B. zum Bösen schlechthin instrumentalisiert oder wandelt sich zur neuen Verheißung.

Es schlossen sich an diese Beobachtung die Fragen an, wie wir zum Neuen stehen? Gibt es Verhaltensgewohnheiten, Regeln, Strategien im Umgang mit dem ‚Neuen‘? Gibt es so etwas wie eine  Kultur des Neuen in allen Bereichen unseres Lebens oder ist es eine Dauerbaustelle jeder Gesellschaft, wie sie mit Neuem umgeht?

Oder die eher grundsätzlichen Fragen, warum es überhaupt ‚Neues‘ geben kann? Wenn unsere privaten Ansichten über die Welt wahr sind, warum kann die Welt dann so — unerlaubterweise 🙂 — anders sein? Verdrängen wir nicht ständig, dass wir uns selbst vom Embryo über das Baby über das Kind zum Teenager, zum jungen Erwachsenen, Leistungsträger, Senior beständig verändern, wir uns selbst gegenüber — sozusagen — etwas Neues sind? Sind wir mit dieser unserer eigenen Art der beständigen Neuheit nicht selbst ‚unheimlich‘? Machen wir uns selbst Angst?

II ELEMENTE DER SUBJEKTIVEN WAHRHEIT

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 - Gedankenbild - Einführung

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 – Gedankenbild – Einführung

In der Einführung zur Diskussion wurden skizzenhaft (siehe Schaubild ‚Einführung‘) wichtige Elemente der subjektiven Wahrheit vorgestellt.

Zentraler Angelpunkt ist bei jedem einzelnen sein persönliches Bewusstsein, angefüllt mit diversen Inhalten an Wahrnehmungseindrücken, Erinnerungen, Bedürfnissen, Gefühlen, Wissensfragmenten und Fähigkeiten, die sich im Tun zeigen.

Dieses Bewusstsein ist, wie wir heute wissen können, weitgehend eine Funktion unseres Gehirns, das wiederum Teil unseres Körpers ist. Dieser Körper hat eine Außenseite, die durchsetzt ist mit tausenden von  Sensoren für  Außenwelt-Reize (z.B. visuell, akustisch, Wärme, Berührung,…), wie auch Sensoren im Körper für körperspezifische Reize (z.B. Durst, Hunger, Gelenkstellungen, …).

Die Reize werden kontinuierlich zum Gehirn geleitet und sowohl auf dem Weg dahin wie auch dann im Gehirn selbst auf vielfache Weise bearbeitet. Wichtig ist hierbei, dass diese Reize in sogenannten sensorischen Puffern für eine kurze Zeitdauer (ca. 50 – 200 Millisekunden) zwischengespeichert werden, bevor sie von den nächsten Reizen überschrieben werden. Diese ‚Pufferung‘ führt dazu, dass die Ereignisse außerhalb des Gehirns in Zeitscheiben zerlegt werden (‚frames‘), die dann als diese Zeitscheiben weiter verarbeitet werden.

Im Rahmen der Bearbeitung und Verarbeitung der sensorischen Reize kommt es auf vielfache Weise zu Strukturbildungen, die wir auch als Abstraktionen verstehen können: eine Menge von einzelnen Erregungspunkten werden dann z.B. übersetzt in ‚Kanten‘, ‚Ecken‘, ‚Frequenzen‘ usw., die dann im weiteren Verlauf zu noch komplexeren Strukturen zusammengebaut werden. Letztlich werden hier die grundlegenden Eigenschaften von Objekten zusammengebaut, die wir dann anschließend in unserer bewussten Wahrnehmung als solche Strukturelemente bewusst wahrnehmen. Voraus und/ oder parallel zu dieser bewussten Wahrnehmung interagieren diese perzeptuellen Strukturen mit dem Gedächtnis (einer komplexen Gehirnleistung), in der sich bislang gelernte Strukturen, Beziehungen, Veränderungen usw. finden. Diese aktuell vorhandenen Erfahrungs-/Wissenselemente bilden automatisch einen Kontext zu den aktuellen Perzeptionen, so dass die aktuelle sensorische Wahrnehmung damit automatisch interpretiert wird.

Das  Gedächtnis hat vielfältige Funktionen. Neben den Abstraktionsleistungen und der Anordnung von Elementen in unterschiedlichen Beziehungen ist wohl die grundlegendste Leistung jene, durch die  aktuelle Wahrnehmungen mit  schon gespeicherten Inhalten verglichen werden können. Dadurch entsteht die Möglichkeit, das aktuelle Jetzt durch Rückgriff auf ein  erinnertes Jetzt in mögliche  Abfolgen aufzulösen und damit zu einem  fundamentalen Zeitbegriff zu kommen. Die Anordnung von Ereignissen in einer Abfolge induziert indirekt das, was wir  Veränderung nennen, darauf aufbauend Zeit. Zeit ist damit grundlegend eine Kategorie des Erkennens, der Erkenntnisleistung, ermöglicht durch die Leistung des Gehirns.

Mit der Verfügbarkeit von zeichenbasierten Sprachen verfügt das menschliche Gehirn und Bewusstsein über eine zusätzliche sehr starke Struktur: beliebige Inhalte des Bewusstseins lassen sich mit Ausdruckselementen zu bedeutungsvollen Ausdrücken verbinden, so dass durch den Austausch von physikalischen Zeichenträgern verschiedene Gehirne sich Botschaften über ihre internen Zustände übermitteln können. Diese akustischen (gesprochene Sprache) oder visuellen (Schriftzeichen, Texte) Signale können unterschiedlich komplex und elaboriert sein.

Aus der Kulturgeschichte wissen wir, dass Menschen seit Jahrtausenden in einer Vielzahl von Geschichten, Märchen, Mythen, Sagen, historischen Berichten, Theaterstücken, Ritualen, Gedichten, symbolischen (= mathematischen) Modellen usw. gelernt haben, Eigenschaften der Außenwelt wie auch der Innenwelt zu kommunizieren. Je nach Art des Textes ist der Bezug zur realen Welt oder zur möglichen Zukunft eher konkret, klar, nachvollziehbar, oder aber vage, nur angedeutet, nur vermutet, reine Fantasie.

Mit dem Aufkommen der empirischen Wissenschaften seit dem 16.Jahrhundert haben die Menschen gelernt, im Bereich der subjektiven Wahrnehmungen jene Teilmenge von Phänomenen gesondert zu behandeln, die sich mit Messvorgängen in der Außenwelt (= objektiv) verbinden lassen. Messvorgänge und deren Ergebnisse sind zwar weiterhin  subjektive Phänomene, aber eben nicht nur; ihnen korrespondiert etwas in der  gemeinsamen (= intersubjektiven = objektiven) Außenwelt.

Die Verknüpfung von empirischen Messwerten mit zeichenbasierten Ausdrücken einer formalen (meist mathematischen) Struktur zu einer  empirischen Theorie bleibt zwar weiterhin verankert in einem individuellen Bewusstsein, in einem individuellen Gedächtnis, aber die Verständigung zwischen den verschiedenen Gehirnen verschiedener Wissenschaftler kann über den Bezug zu objektiven Sachverhalten eher  synchronisiert werden als ohne diesen Bezug. Mit dem Voranschreiten der  Theoriebildung zu immer komplexeren Strukturen erweist sich allerdings die Absicherung solcher Theorien durch empirische Messwerte als immer schwieriger. Dazu kommt, dass moderne Messgeräte selbst schon komplexe Theorien repräsentieren, die man voraussetzen muss, um überhaupt solche Messwerte zu bekommen.

Als Nebeneffekt der neueren komplexen zeichenbasierten Theorien konnte man unter anderem auch die  Vorstellung von der Zeit auf unterschiedliche Weise präzisieren und neu formulieren.

III. ZEIT ZUM FÜHLEN – MEDITATION

Die Zeit zum individuellen Fühlen (andere nennen es Meditation) wurde von den einzelnen unterschiedlich genutzt. Historisch ist er Begriff vielfältig belegt, meist durch religiös-kirchliche Kontexte. Heute ist es im Westen ein Trendthema, vielfach unabhängig von Kirchen und Religionen, dem sich die Wirtschaft auf unterschiedliche Weise bemächtigt hat. Philosophisch ist es eine grundlegende Form der Selbstvergewisserung im eigenen Fühlen. Man kann sich war in vielfältigen Formen (speziell auch Bewegung, Sport, Spaziergang, usw.) ‚fühlen‘, das ruhige Dasitzen hat aber offensichtlich eine besondere Qualität. Allerdings gilt: tiefere Wirkungen stellen sich auch hier erst mit vielen Wiederholungen über einen längeren Zeitraum ein. Generell gilt, dass man mit dem Meditieren als ’sich fühlen‘ in eine ‚offene Zone des Erlebens‘ eintritt, deren ‚Ränder‘ und deren möglichen ‚Inhalte‘ im Vorhinein nicht abgegrenzt und nicht völlig definierbar sind. Im ‚Sich Fühlen‘ kann man sehr viel Neues entdecken, Unangenehmes wie Angenehmes.

IV. DISKURS

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 - Gedankenbild - Diskurs

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 – Gedankenbild – Diskurs

Nach der Einstimmung nahm das Gespräch Fahrt auf (siehe dazu das Schaubild ‚Diskurs‘). Zentraler Dreh- und Angelpunkt war der Begriff des Neuen.\\

Die erste Schwierigkeit bestand darin, wie man den Begriff des ‚Neuen‘ klarer fassen kann.

Grundlegend sollte gelten, dass wir das ‚Neue‘ immer im Kontext einer  bestimmten Person betrachten und hier mit Bezug auf die Gesamtheit des Wissens und der Erfahrung dieser Person. Diese Gesamtheit wurde auch gleichgesetzt mit der subjektiven Wahrheit dieser Person [Anmerkung: Zu den Elemente einer subjektiven Wahrheit siehe den vorausgehenden Abschnitt].  Als ’neu‘ sollte dann alles gelten, was relativ zu dieser vorausgesetzten  aktuellen subjektiven Wahrheit neu ist, weil es nicht zu dem bislang Bekanntem ‚passt‘.

Unterstellt man, dass die subjektive Wahrheit eine  dynamische Größe ist, die sich beständig ändern kann (z.B. durch Lernen), dann ist auch das ‚Neue‘ relativ: was eben noch ’neu‘ war ist beim nächsten Mal schon nicht mehr neu. Ein  aktuell Neues führt zu Veränderungen in der  aktuellen Wahrheit, wodurch das Neue zum schon Bekannten wird.

Wichtig ist auch, dass die wissensmäßigen und handlungsmäßigen Anteil der Erfahrung zusätzlich auf vielfältige Weise mit Erfahrungen von Bedürfnissen, Emotionen, Stimmungen, Gefühlen usw. verknüpft sind. Ist etwas Erinnerbares mit  negativen Emotionen verknüpft, kann es dazu führen, dass wir etwas ablehnen, ihm auszuweichen versuchen; verknüpft es sich mit positiven Emotionen, kann es umgekehrt anregen, dies anzustreben. Ist es  neutral, dann ist offen, was wir damit wollen.

Ohne Vorerfahrungen sind wir in gewisser Weise blind: wenn jemand eine Situation als  Gefahrensituation einstufen kann, dann kann — abhängig von der verfügbaren Erfahrung — eine ganze Skala von Reaktionen ablaufen. Entweder, man hat ein-trainierte Verhaltensmuster, die man abrufen kann, oder, wenn nicht, können angeborene Reflexe einsetzen, die einen zum Kampf oder zur Flucht oder z.B. zm Tot-stellen drängen. Hat man die Erfahrung nicht, dann können Menschen ’nichtsahnend‘ in Gefahrensituationen hineingehen, ohne sich entsprechend zu verhalten.

V. NACHTRAG

Was in den Gesprächen klar wurde, ist die  vollständige Abhängigkeit des einzelnen von seiner (subjektiven) Wahrheit. Was immer ein einzelner tun will, er wird geleitet werden von seiner aktuellen Wahrheit. Sollte diese seine Wahrheit durch seine Umgebung (Erziehung, Erfahrungen, andere Menschen…) einseitig sein, die ‚wahre Welt‘ nur ‚verzerrt‘ repräsentieren, dann könnte der einzelne selbst bei bester Absicht nicht optimal wahr handeln, da er nur seine eigene aktuelle Wahrheit hat.

Jeder einzelne Mensch stellt hier eine lebende Geschichte dar. Als Beispiel kann der Bericht über einen türkischen Lungenfacharzt Gergerlioglu dienen [Anmerkung: Siehe Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.Juli 2017, Nr.28, S.3.]  Als überzeugter Muslim hat er früher gemeinsam mit der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi = Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) für die Rechte von Muslimen, speziell für die Rechte der Frauen, gekämpft. Über dieses Engagement entdeckte er die Sicht der allgemeinen Menschenrechte. Von da war es für Ihn dann kein weiter Weg, zu entdecken, dass es ja noch andere religiöse Gruppen gab, die in der Türkei unterdrückt wurden: Aleviten, Christen, Kurden, Armenier, Atheisten, und die Misshandlung von Frauen. Er trat einer Menschenrechtsgruppe bei, wurde bald zum Vorsitzenden und dann deren Präsident in der ganzen Türkei. Damals arbeitete er noch eng mit der AKP zusammen, da sie zu dieser Zeit sich noch für die Rechte von Minderheiten einsetze und einen Aussöhnungsprozess mit den Kurden aktiv betrieb. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit für die AKP änderte sich plötzlich alles.

Unter Erdogan begann jetzt ein nationalistisches Vorgehen, in dessen Zusammenhang der Friedensprozess mit den Kurden gestoppt wurde; Hetze gegen Kurden und Minderheiten war plötzlich Realität. Als Gergerlioglu versuchte den Wahnsinn deutlich zu machen, indem er im Internet die Bilder von zwei Särgen veröffentlichte, einer mit einer türkischen, einer mit einer PKK-Flagge; daneben jeweils eine Mutter die weinte. Gergerlioglu stellte die Frage, warum verzehren wir uns gegenseitig, warum können die beiden nicht gleichberechtigt nebeneinander, Schulter an Schulter leben?

Diese Aktion machten Gergerlioglu innerhalb von 48 Std zum Terrorverdächtigen. Er wurde vom Dienst suspendiert, sein Pass wurde als ungültig erklärt, dann wurde er offiziell aus dem Staatsdienst entlassen. In der Justiz gab es angeblich kein Personal, um den Staatsanwalt auf ordentliche Weise einzuschalten. An der Schule seine Sohnes wurde er gebeten, nicht mehr für den Elternverein zu kandidieren. Aus dem Moscheeverein seines Viertels wurde er verdrängt. Seine schon eingereichten medizinischen Aufsätze wurden nicht mehr gedruckt. Später wurde auch seine Krankenversicherung gekündigt. Wie sich herausstellte, wurden mittlerweile alle Bürger in zwei Codegruppen eingeteilt: die mit einer 1 am Anfang sind unerwünscht, die mit einer 0 sind OK. Dies kommt einer gesellschaftlichen Auslöschung gleich.

Dieses Beispiel zeigt, dass die subjektive Wahrheit sich bei Herrn Gergerlioglu nicht geändert hat, wohl aber die Wahrheit der politisch einflussreichen Partei und deren Anhänger und Unterstützer. Menschenrechte und eine bestimmte Auffassung von Demokratie besitzen gesellschaftlich keine Mehrheiten mehr. Dies führt zu willkürlichen Ausgrenzungen von mittlerweile geschätzten 175.000 Bürgern. Offene Prozesse, transparente Nachweise fehlen bislang. Äußerungen des türkischen Wirtschaftsministers über potentielle Gegner der Regierung lassen das Allerschlimmste befürchten.

Interessant ist die Reaktion von Herrn Gergerlioglu auf diese Ereignisse. Für ihn sind die geänderten Kontexte neu. Die realen Begleiterscheinungen sind bedrohlich, schmerzlich, lebensverneinend, ohne große Perspektive (er hat u.a. eine schwerkranke Frau, deren Medikamente er bald nicht mehr bezahlen kann). Was ihm bislang Kraft gibt, diese Differenz zwischen seiner subjektiven Wahrheit und die des Kontextes auszuhalten, das ist sein Glaube. Was ist das, dieser  Glaube?

KONTEXTE

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(MASCHINELLES) BEWUSSTSEIN – ALLTAGSERKENNEN – ZURÜCK AUF START

(A shorter version in English can be found HERE)

KONTEXT: WELT DER INGENIEURE

  1. Seit letztem Sommer arbeite ich bei einem Buchprojekt mit, bei dem es eigentlich um die Welt der Ingenieure geht: Wie löst ein Ingenieur ein Problem? Sozusagen vom ‚Problem‘ zum ‚fertigen Produkt‘. Zu diesem Thema gibt es viele dicke Bücher und internationale Standards, viele hundert Artikel. Dennoch gibt es hier viele offene Fragen, z.B. auch die nach den Erkenntnisprozessen, die in Ingenieuren ablaufen müssen, damit sie ein Problem in eine funktionierende Lösung transformieren können. Unter welchen Voraussetzungen kann eine Kommunikation zwischen Ingenieuren gelingen? Gibt es eine innere Logik in diesem Prozess? Und was ist mit den intelligenten Programmen und Maschinen, die immer mehr Teil dieses Prozesses sind und sein werden? Was ist eigentlich ‚Künstliche Intelligenz‘? Was kann sie wirklich? Könnte eine Maschine menschlich kommunizieren? Kann eine Maschine ein maschinelles Bewusstsein haben, das eine Kooperation mit Menschen im menschlichen Stil ermöglicht?

MASCHINELLES BEWUSSTEIN

  1. Dies sind einige der Fragen. Die Frage nach einem maschinellen Bewusstsein wurde in diesem Blog bisweilen schon angerissen. Damit zusammenhängend stellt sich – zumindest methodisch – sofort die Frage, was wir denn unter dem Begriff ‚Bewusstsein‘ verstehen können oder sollen? Macht es Sinn, von einem ‚maschinellen Bewusstsein‘ zu sprechen, wenn wir doch gar nicht wissen, was ein ‚Bewusstsein‘ sein soll? Hier stellen sich viele spannende Fragen; einige davon wurden in diesem Blog auch schon diskutiert.

BEWUSSTSEIN UND NEURONALE KORRELATE

  1. Speziell die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein hat schon immer Philosophen beschäftigt, später, in der Neuzeit, auch Psychologen, und dann, noch später, seit einigen Jahrzehnten zunehmend die Neurowissenschaften bzw. die Neuropsychologie. Der Begriff der ’neuronalen Korrelate des Bewusstseins‘ ist mittlerweile weit verbreitet. Ganz allgemein werden damit Gehirnaktivitäten gemeint, die mit Bewusstseinsprozessen einhergehen sollen. Die Zahl der Publikationen zu diesem Thema geht in die Hunderte. Dennoch wird man sich schwer tun, in irgendeiner dieser Publikationen eine brauchbare Definition von ‚Bewusstsein‘ zu finden, die unabhängig von neurowissenschaftlichen Tatbeständen ist. Von daher bewegen sich diese Publikationen weitgehend in einem hermeneutischen Zirkel: sie versuchen neuronale Korrelate des Bewusstseins zu definieren, ohne dass sie den Begriff ‚Bewusstsein‘ unabhängig von Gehirnaktivitäten definieren. Vereinfacht wird ein Bündel von Gehirnaktivitäten genommen und erklärt, dass immer dann, wenn diese auftreten, bewusste Aktivitäten vorliegen, ohne dass diese bewussten Aktivitäten in einem selbständigen theoretischen Modell erklärt werden bzw. unabhängig von den neuronalen Aktivitäten gemessen werden.
  2. Die Methodendiskussionen im Kontext der Neurowissenschaften – auch unter Einbeziehung der Neuropsychologie – erscheinen von daher bislang eher unbefriedigend.

MACHINELLES BEWUSSTSEIN – KI

  1. Hier gibt es einen interessanten Nebenkriegsschauplatz, von dem man sich auf den ersten Blick vielleicht kaum Erkenntnisse für die Frage ‚Bewusstsein – Gehirn‘ erhofft. Das Gebiet des maschinellen Bewusstseins, einem Teilgebiet der künstlichen Intelligenz (Anmerkung: der heute oft anzutreffende Begriff der ‚Maschinellen Intelligenz‘ ist – wenn man sich an den veröffentlichten Texten orientiert – nur ein kleiner Teilbereich des weiten Gebietes der ‚Künstlichen Intelligenz‘. Allerdings ist der Sprachgebrauch von ‚Künstlicher Intelligenz‘, ‚Maschineller Intelligenz‘, ‚Computational Intelligence‘, ‚Cognitive Computation‘ usw. zur Zeit nicht sehr einheitlich.) fragt sich sehr speziell, ob und wie man das Phänomen des menschlichen Bewusstseins mittels einer Maschine soweit nachbauen könnte, dass sich alle Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins damit reproduzieren lassen. Wie man dieses maschinelle Bewusstsein technisch realisiert ist bei dieser Fragestellung eigentlich offen, faktisch versucht aber die große Mehrheit der hier aktiven Forscher Anleihen bei der Gehirnwissenschaft und der Psychologie zu holen, weil nun mal der Prototyp eines menschlichen Bewusstseins in realen Menschen real vorliegt und es für viele einfacher erscheint, sich hier etwas abzugucken als alles aus dem Nichts neu zu erfinden.
  2. Einen der besten Überblicke, den ich zu diesem Forschungsgebiet kenne, stammt von James A.Reggia aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „The rise of machine consciousness: Studying consciousness with computational models“ (erschienen in der Zeitschrift ‚Neural Networks‘ von Elsevier (URL: https://pdfs.semanticscholar.org/8333/603ff38df5fb8277f0ef945b3d4c6ccd672e.pdf ). In einem späteren Artikel aus 2017 hat er die grundlegende methodische Problematik unter dem Titel „Exploring the Computational Explanatory Gap‚ zusammen mit anderen nochmals weiter ausformuliert (in der Zeitschrift ‚Philosophies‘ (URL: doi:10.3390/philosophies2010005 ). Reggia zeigt viele der methodischen Schwachstellen der Rede von den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins auf (auch sehr grundlegende Einwände) und kommt letztlich zum Ergebnis, dass die Forschung nicht wirklich weiter kommt, solange sie sich nicht dem Phänomen des ‚Bewusstseins‘ direkt stellt ohne den Umweg über Verhalten (Psychologie) oder Gehirnaktivität (Neurowissenschaft).

WIE DIE FRAGE STELLEN?

  1. Damit stellt sich die Frage, welche Chancen wir denn haben, uns direkt mit dem Bewusstsein zu beschäftigen. Die vielfachen Versuche der Philosophen aus mehr als 2000 Jahren, die der Psychologen seit ca. 150 Jahren bieten eine kaum überschaubare Fülle von Vorgehensweisen, von denen sich aber bislang keine wirklich durchsetzen konnte. Am meisten vielleicht noch (meine subjektive Einschätzungen) die Ansätze einer phänomenologischen Philosophie (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty…), aber so richtig durchsetzen konnten diese sich bislang auch nicht. Seit den 90iger Jahren gab es eine neue Welle von philosophischen Untersuchungen. Den Namen Thomas Metzinger kennen seitdem viele, die Zeitschrift ‚Journal of Consciousness Studies‘ bildete einen starken Impuls, in der Einbeziehung der Gehirnforschung sahen viele eine neue Option. In dem Maße aber, wie sich die Daten der Gehirnforschung mathematisch fassen und in neuartige Experimente umsetzen lassen, wird sichtbar, dass die Gehirnforschung als solche nicht automatisch jene Erkenntnisse liefert, nach denen wir fragen. Was also tun?

SYSTEMS ENGINEERING

  1. Mehr durch Zufall bin ich vor ca. 18 Jahren mit Menschen zusammen getroffen —  speziell mit einem –, die sich Ingenieure nennen, genauer, ‚Systems Engineers‘. Dies sind Menschen, die ein umfangreiches Training vorwiegend in Technologie, Mathematik und Management genommen haben, meist mindestens 20 – 25 Jahre, bis sie dann Raketen und Flugzeige planen und bauen können, Atomreaktoren mit Extremsicherheitsanforderungen, den Verkehrsfluss in Städten, die Grenzsicherung eines Landes, das Gesundheitssystem eines Landes, und vieles mehr. Systems Engineers sind gewohnt, komplex zu denken, in Prozessen, unter Einbeziehung des Faktors Mensch, und immer sehr konkret, überprüfbar, messbar, mit vielen mathematischen Modellen, unter Einbeziehung von hochentwickelten Softwarewerkzeugen.
  2. An dieser Stelle kann man mal die Frage aufwerfen, wie müsste eine Theorie des menschlichen Bewusstseins aussehen, so dass ein Systems Engineer sie real und praktisch benutzen könnte, um seine komplexen Aufgaben damit besser lösen zu können? Die meisten Publikationen zum Thema Bewusstsein reden in gewisser Weise ‚über‘ das Phänomen, eingebettet in viele spezielle Begriffe, deren Bedeutung nicht so ohne weiteres klar ist, ohne dass sich daraus ableiten lässt, wie man aus diesem Reden ‚über‘ das Bewusstsein zu konkreten Anleitungen und zu konkreten Methoden kommen kann, die geeignet sind, das reale Verhalten von Akteuren mit Bewusstsein sowohl zu beschreiben wie auch – soweit es die internen Freiheitsgrade von Akteuren erlauben – gewisse Prognosen über ihr Verhalten abzugeben. Für Ingenieure besonders wichtig sind brauchbare Erkenntnisse über die Wechselwirkung zwischen den Situationsgegebenheiten und den inneren Zuständen des Akteurs. Eine verhaltensorientierte Psychologie kann hier in der Regel von großer Hilfe sein, ersetzt aber keine ‚Theorie des Bewusstseins‘ im engeren Sinne.

ZURÜCK AUF START

  1. Die obigen Überlegungen im Hinterkopf, z.T. schon viele Jahrzehnte, habe ich mich jetzt entschlossen, die Frage nach einer geeigneten Theorie des Bewusstseins, die sich in Ingenieurkontexten praktisch nutzen lässt, nochmals neu anzugehen. Dieses Mal bewusst im Rahmen des methodischen Paradigmas des Systems Engineerings.
  2. Dabei trat die Notwendigkeit auf, die pragmatischen Umschreibungen und Handhabungen des Begriffs ‚Systems Engineering‘ im Modell einer ‚Empirischen Wissenschaft‘ mit einer ‚formalen Theorie‘ zu reformulieren und in diesem Kontext dann die Frage nach dem Bewusstsein empirisch und theoretisch zu verfolgen. Obgleich man davon ausgehen kann, dass die Ergebnisse der empirischen Psychologie, der empirischen Neurowissenschaften und einer empirischen Neuropsychologie wertvolle Korrelationen liefern können, so muss man methodisch festhalten, dass sie dies nur dann können, wenn es unabhängig vom Verhalten und den Gehirnaktivitäten eine brauchbare Theorie des Bewusstseins gibt, die sich korrelieren lässt. Ohne solch eine eigenständige Theorie des Bewusstseins bewegen sich Psychologie und Gehirnwissenschaft in einem hermeneutischen Zirkel, aus dem es keinen Notausgang gibt.
  3. Ein Ziel zu haben ist eines, den Weg zum Ziel zu finden etwas anderes.

START IM ALLTAG

  1. Nach zahllosen Versuchen in den letzten Jahren und den intensiven Diskussionen in der Fachliteratur habe ich mich entschieden, den Start der Untersuchung in den Alltag zu verlegen, in den Kontext jener Abläufe und Handlungen, die wir täglich vornehmen, die wir mehr oder weniger gemeinsam haben, und über die zwar nicht unbedingt theoretisch explizit aber dennoch pragmatisch unausgesprochen eine gewisse Einigkeit besteht.

KÖRPER ALS APRIORI

  1. Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass jene Verhaltensweisen, die wir praktizieren, ohne darüber groß zu diskutieren, jene sind, die in der Dynamik und Struktur unseres Körpers, unseres Gehirns und unseres Bewusstsein biologisch angelegt sind, jene Plattform des Wahrnehmens, Fühlens, Erinnerns, Vorstellens, Entscheidens usw. bieten, mit der wir unser alltägliches Leben bestreiten, auch wenn wir über keinerlei theoretische Erkenntnisse verfügen, wie man dies alles genau verstehen kann bzw. sollte (So können Kinder lernen, sich zu bewegen und zu sprechen, ohne theoretische Kenntnisse).
  2. In der formalen Logik gibt es den Grundsatz, dass man nur jene Sachverhalte ‚beweisen‘ kann, die schon in den Voraussetzungen einer Theorie drin stecken. Im Fall unseres Alltagsverhaltens wäre dann das Alltagsverhalten zu verstehen als eine fortdauernde Manifestation von Voraussetzungen, die biologisch in unserem Körper angelegt sind. Die eigentliche theoretische Arbeit bestünde dann darin, jene Voraussetzungen sichtbar zu machen, die in unserem Körper so angelegt sind, dass wir genau zu dem beobachtbaren Verhalten fähig sind. Schwierig wird es dann nur, wenn wir in unserem beobachtbaren Verhalten nur einen Bruchteil von dem Potential ausnutzen, was ‚in uns‘ steckt. Wie wollen wir dann wissen, ‚wer‘ wir sind, wenn sich unsere potentielle Person – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht ‚zeigt‘? Die Geschichte der Menschheit ist voll von Beispielen, wie kulturelle Muster das Verhalten von Menschen unnötiger Weise in bestimmte Muster gepresst haben (und immer noch pressen), die die Entfaltung von Menschen behindern; umgekehrt haben immer wieder Menschen und Situationen neue Verhaltensweisen hervorgebracht, von denen man sich vorher gar nicht vorstellen konnte, dass es sie geben könnte.

BARRIEREN IM SELBST-ERKENNEN

  1. Dies zeigt, dass das ‚Erkennen unserer selbst‘ selbst wiederum in einem hermeneutischen Zirkel stattfindet, in dem wir möglicherweise nur deswegen vieles nicht erkennen, weil wir uns schlicht nicht vorstellen können,   dass es möglich ist, bzw.  dass wir als Menschen auch ganz anders sein könnten (die Art und Weise, wie noch heute in vielen Kulturen z.B. Kinder und Frauen gesehen und behandelt werden, zeigt überdeutlich, wie schwer sich der homo sapiens tut, seine Verhaltensmodelle zu ändern, und auszuweiten).

Fortsetzung folgt

 

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DECHER – HANDBUCH PHILOSOPHIE DES GEISTES – EINLEITUNG – DISKURS

Decher, Friedhelm, Handbuch der Philosophie des Geistes, Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015 (Im Folgenden abgekürzt: HPG)

KONTEXT

  1. Im Laufe der letzten Jahre tauchte der Begriff Geist im Kontext der Blogeinträge immer wieder auf. Ja, er mündete sogar in ein eigenes großes öffentliches Forschungsprojekt, das den Namen Geist im Titel trägt, wenngleich in der englischen Variante Mind. Es ist die Rede vom Emerging Mind Projekt. In diesem Projekt wird ein Bogen gespannt zwischen den geistesgeschichtlichen (inklusive theologischen) Traditionen Europas zu den Errungenschaften der modernen empirischen Wissenschaften – insbesondere der evolutionären Biologie – inklusive der modernen Mathematik und Ingenieurskunst in Form von selbstlernenden intelligenten Maschinen. Die Arbeitshypothese bisher lautet, dass das, was geisteswissenschaftliche unter dem Begriff Geist abgehandelt wird, eine inhärente Eigenschaft der Energie-Materie ist.
  2. Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Friedhelm Decher von Interesse. Er entwickelt in der Art eines Lese-Leitfadens den Gebrauch des Begriffs Geist entlang bedeutender Autoren von den ersten griechischen Denkern bis in die Gegenwart. Im Folgenden soll den Gedanken dieses Buches gefolgt werden und im einzelnen überprüft werden, wo und wieweit es sich mit der Arbeitshypothese des Emerging Mind Projektes überdeckt und wo es davon abweicht; im letzteren Fall interessiert natürlich speziell, wo und warum es eine Abweichung gibt.
  3. Die Arbeitshypothese des Emerging Mind Projektes ist ambivalent. Angenommen, sie trifft zu (wobei zu klären wäre, an welchen empirischen Kriterien man dies verifizieren könnte), dann könnte man das Ergebnis entweder (i) so deuten, dass die Besonderheit des Phänomens Geist sich in die Allgemeinheit einer Energie-Materie auflösen würde, oder (ii) die Besonderheiten der Eigenschaften des Geist-Phänomens lassen die Energie-Materie in einem neuen Licht erscheinen. Die aktuelle Aufspaltung der empirischen Phänomene in physikalische, chemische, biologische usw. Aspekte ist auf jeden Fall wissenschaftsphilosophisch unbefriedigend. Die vielfachen Reduktionsversuche von empirischen Phänomenen aus nicht-physikalischen Disziplinen auf das Begriffsrepertoire der Physik ist wissenschaftsphilosophisch ebenfalls weitgehend nicht überzeugend. Vor diesem Hintergrund wäre ein Vorgehen im Stile von (ii) sehr wohl interessant.
  4. Anmerkung: Die folgende Diskussion des Buches ersetzt in keiner Weise die eigene Lektüre. Der Autor dieser Zeilen diskutiert das Buch aus seinem Erkenntnisinteresse heraus, das verschieden sein kann sowohl von dem eines potentiellen Lesers wie auch möglicherweise (und sehr wahrscheinlich) von Friedhelm Decher selbst. Wer sich also eine eigene Meinung bilden will, kommt um die eigene Lektüre und eigene Urteilsbildung nicht herum.

EINLEITUNG (SS.9-15)

Diagramm zur Einleitung von Handbuch der Philosophie des Geistes (Decher 2015)

Diagramm zur Einleitung von Handbuch der Philosophie des Geistes (Decher 2015)

  1. Einleitungen in Bücher sind immer schwierig. Im Fall des HPG werden einerseits die verschiedenen sprachlichen Manifestationen des Begriffs Geist anhand diverser Wörterbücher und der aktuellen Alltagssprache illustrierend aufgelistet, andererseits gibt es den Versuch einer Fokussierung und einer ersten Strukturierung aus der Sicht des Autors Decher.
  2. Decher geht davon aus, dass Begriffe wie Geist, Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Ich beim Menschen sowohl im Rahmen seiner Selbsterfahrung vorliegen, wie auch sich im menschlichen Verhalten manifestieren. Am Verhalten kann man viele Fähigkeiten ablesen wie z.B. sich Erinnern können, Sprechen können, vorausschauend Planen usw.
  3. Decher geht ferner davon aus, dass diese Phänomene jedem vertraut sind; sie sind offensichtlich.
  4. Es stellt sich damit die Frage, wo diese Phänomene herkommen. Mit Blick auf die Naturgeschichte folgt er einem einzigen Autor Ian Tattersall (1998), nach dem die Geschichte des Menschen vor 200.000 Jahren beginnt, und dieser Beginn sei u.a. dadurch charakterisiert, dass schon bei dieser Entstehung der Mensch kognitive Fähigkeiten gezeigt hat, die ihn von allen anderen Lebensformen abhoben. (vgl. S.14) Dies wertet Decher als erste Manifestationen von Geist, die sich dann im weiteren Verlauf in vielerlei Weise ergänzen. Er erwähnt besonders die Höhlenmalereien von vor 35.000 Jahren oder dann später mit Beginn der Hochkulturen in Ägypten und in Griechenland die sprachlichen Manifestationen.
  5. Zu erwähnen ist auch noch die Nennung des Begriffs Seele. (vgl. S.13) Dieser Begriff kommt nahezu parallel zum Begriff Geist vor. Hier bleibt noch offen, wie das Verhältnis dieser beiden Begriffe zu klären ist.

DISKURS

  1. So vorläufig und kryptisch, wie Gedanken in einer Einleitung nun mal sein müssen, so lassen diese Seiten doch schon – wenn man will – eine erste Positionierung von Autor Decher erkennen. Trotz Parallelisierung mit der Naturgeschichte des Menschen hebt er die Phänomene von Geist (und Seele) doch deutlich hervor und baut damit – dramaturgisch? – eine erste Spannung auf, wie sich das Verhältnis von Geist-Seele zum Übrigen von Geist-Seele weiter bestimmen lässt.
  2. Da wir heute aufgrund der modernen Wissenschaften über Erkenntnisse zum Gehirn sowie zu mathematischen Modellen verfügen, mittels deren wir alle bekannten geistig-seelischen Phänomene mittels nicht-geistig-seelischer Mittel als Verhaltensereignisse realisieren können, wird die Frage nach der möglichen Besonderheit des Geistes nicht minder spannend.
  3. Die heute vielfach festzustellende Euphorie in der Einschätzung intelligenter Maschinen und die stark einseitige Einschätzung einer möglichen Zukunft des Menschen im Vergleich zu den intelligenten Maschinen zugunsten der intelligenten Maschinen kann ein Motiv sein, die Spurensuche nach der Besonderheit des Geistigen mit Interesse zu verfolgen. Auf Seiten der Technikgläubigen kann man vielfach eine gewisse Naivität in der Einschätzung der Möglichkeiten von intelligenten Maschinen beobachten gepaart mit einer erschreckend großen Unwissenheit über die biologische Komplexität des Phänomens homo sapiens als Teil eines gigantischen Ökosystems. Eine solche Mischung aus technischer Naivität und Biologischer Unwissenheit kann sehr gefährlich sein, zumindest dann, wenn sie den Leitfaden abgibt für die Gestaltung der Zukunft menschlicher Gesellschaften.
  4. Es bleibt spannend zu sehen, ob und wie die Lektüre von Dechers Buch in dieser Fragestellung konstruktive Anregungen bringen kann.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

Einen Überblick aller Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 3-neu

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll.

Hinter den Augen …

Das eingesperrte Gehirn

Die Antwort auf die Frage, warum Menschen so unterschiedlich wahrnehmen, warum sie dies tun und anderes lassen, liegt irgendwo da im ‚Inneren‘ des Menschen, dort, hinter seinen Augen, hinter seinem Gesicht, das mal lächelt, mal weint, mal zürnt; dort gibt es ‚geheimnisvolle Kräfte‘, die ihn, uns, Dich und mich, dazu bringen uns so zu verhalten, wie wir es erleben.

Wie die moderne Biologie uns in Gestalt der Gehirnforschung lehrt, ist es vor allem das Gehirn, in dem ca. 100 Milliarden einzelne neuronale Zellen miteinander ein Dauergespräch führen, dessen Nebenwirkungen die eine oder andere Handlung ist, die wir vornehmen.

Wenn wir uns auf die moderne Biologie einlassen, auf die Gehirnwissenschaft, erkennen wir sehr schnell, dass das Gehirn, das unser Verhalten bestimmt, selbst keinen Kontakt mit der Welt hat. Es ist im Körper eingeschlossen, quasi abgeschottet, isoliert von der Welt jenseits des Körpers.

Das Gehirn bezieht sein Wissen über die Welt jenseits der Gehirnzellen von einer Art von ‚Mittelsmännern‘, von speziellen Kontaktpersonen, von Übersetzern; dies sind unsere Sinnesorgane (Augen, Ohren, Haut, Geschmackszellen, Gleichgewichtsorgan, die bestimmte Ereignisse aus der Welt jenseits der Gehirnzellen in die ‚Sprache des Gehirns‘ übersetzen.(Anmerkung: Siehe: Sinnesorgan, Sensory Receptor, Sensory System)

Wenn wir sagen, dass wir Musik hören, wunderschöne Klänge, harmonisch oder dissonant, laut oder leise, hoch oder tief, mit unterschiedlichen Klangfarben, dann sind dies für das Gehirn ’neuronale Signale‘, elektrische Potentialänderungen, die man als ‚Signal‘ oder ‚Nicht-Signal‘ interpretieren kann, als ‚An‘ oder ‚Aus‘, oder einfach als ‚1‘ oder ‚0‘, allerdings zusätzlich eingebettet in eine ‚Zeitstruktur‘; innerhalb eines Zeitintervalls können ‚viele‘ Signale auftreten oder ‚wenige‘. Ferner gibt es eine ‚topologische‘ Struktur: das gleiche Signal kann an einem Ort im Gehirn ein ‚Klang‘ bedeuten, an einem anderen Ort eine ‚Bild‘, wieder an einem anderen Ort ein ‚Geschmack‘ oder ….

Was hier am Beispiel des Hörens gesagt wurde, gilt für alle anderen Sinnesorgane gleichermaßen: bestimmte physikalische Umwelteigenschaften werden von einem Sinnesorgan so weit ‚verarbeitet‘, dass am Ende immer alles in die Sprache des Gehirns, in die neuronalen ‚1en‘ und ‚0en‘ so übersetzt wird, so dass diese Signale zeitlich und topologisch geordnet zwischen den 100 Mrd Gehirnzellen hin und her wandern können, um im Gehirn Pflanzen, Tiere, Räume, Objekte und Handlungen jenseits der Gehirnzellen neuronal-binär repräsentieren zu können.

Alles, was in der Welt jenseits des Gehirns existiert (auch die anderen Körperorgane mit ihren Aktivitäten), es wird einheitlich in die neuronal-binäre Sprache des Gehirns übersetzt. Dies ist eine geniale Leistung der Natur(Anmerkung: Dass wir in unserem subjektiven Erleben keine ‚1en‘ und ‚0en‘ wahrnehmen, sondern Töne, Farben, Formen, Geschmäcker usw., das ist das andere ‚Wunder der Natur‘.) (siehe weiter unten.).

Die Welt wird zerschnitten

Diese Transformation der Welt in ‚1en‘ und ‚0en‘ ist aber nicht die einzige Übersetzungsbesonderheit. Wir wissen heute, dass die Sinnesinformationen für eine kurze Zeitspanne (in der Regel deutlich weniger als eine Sekunde) nach Sinnesarten getrennt in einer Art ‚Puffer‘ zwischen gespeichert werden. (Anmerkung: Siehe Sensory Memory) Von dort können sie für weitere Verarbeitungen übernommen werden. Ist die eingestellte Zeitdauer verstrichen, wird der aktuelle Inhalt von neuen Daten überschrieben. Das voreingestellte Zeitfenster (t1,t2) definiert damit, was ‚gleichzeitig‘ ist.

Faktisch wird die sinnlich wahrnehmbare Welt damit in Zeitscheiben ‚zerlegt‘ bzw. ‚zerschnitten‘. Was immer passiert, für das Gehirn existiert die Welt jenseits seiner Neuronen nur in Form von säuberlich getrennten Zeitscheiben. In Diskussionen, ob und wieweit ein Computer das menschliche Gehirn ’nachahmen‘ könnte, wird oft betont, der Computer sei ja ‚diskret‘, ‚binär‘, zerlege alles in 1en und 0en im Gegensatz zum ‚analogen‘ Gehirn. Die empirischen Fakten legen hingegen nahe, auch das Gehirn als eine ‚diskrete Maschine‘ zu betrachten.

Unterscheiden sich die ‚Inhalte‘ von Zeitscheiben, kann dies als Hinweis auf mögliche ‚Veränderungen‘ gedeutet werden.

Beachte: jede Sinnesart hat ihre eigene Zeitscheibe, die dann vom Gehirn zu ’sinnvollen Kombinationen‘ ‚verrechnet‘ werden müssen.

Die Welt wird vereinfacht

Für die Beurteilung, wie das Gehirn die vielen unterschiedlichen Informationen so zusammenfügt, auswertet und neu formt, dass daraus ein ’sinnvolles Verhalten‘ entsteht, reicht es nicht aus, nur die Gehirnzellen selbst zu betrachten, was zum Gegenstandsbereich der Gehirnwissenschaft (Neurowissenschaft) gehört. Vielmehr muss das Wechselverhältnis von Gehirnaktivitäten und Verhaltenseigenschaften simultan betrachtet werden. Dies verlangt nach einer systematischen Kooperation von wissenschaftlicher Verhaltenswissenschaft (Psychologie) und Gehirnwissenschaft unter der Bezeichnung Neuropsychologie. (Anmerkung: Siehe Neuropsychology)

Ein wichtiges theoretisches Konzept, das wir der Neuropsychologie verdanken, ist das Konzept des Gedächtnisses. (Anmerkung: Memory) Mit Gedächtnis wird die generelle Fähigkeit des Gehirns umschrieben, Ereignisse zu verallgemeinern, zu speichern, zu erinnern, und miteinander zu assoziieren.

Ausgehend von den oben erwähnten zeitlich begrenzten Sinnesspeichern unterteilt man das Gedächtnis z.B. nach der Zeitdauer (kurz, mittel, unbegrenzt), in der Ereignisse im Gedächtnis verfügbar sind, und nach der Art ihrer Nutzung. Im Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis kann eine kleine Zahl von Ereignissen im begrenzten Umfang verarbeitet und mit dem Langzeitgedächtnis in begrenztem Umfang ausgetauscht werden (speichern, erinnern). Die Kapazität von sinnespezifischen Kurzzeitspeicher und multimodalem Arbeitsgedächtnis liegt zwischen ca. 4 (im Kurzzeitgedächtnis) bis 9 (im Arbeitsgedächtnis) Gedächtniseinheiten. Dabei ist zu beachten, dass schon im Übergang vom oben erwähnten Sinnesspeichern zum Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis eine starke Informationsreduktion stattfindet; grob von 100% auf etwa 25%.

Nicht alles, was im Kurz- und Arbeitsgedächtnis vorkommt, gelangt automatisch ins Langzeitgedächtnis. Ein wichtiger Faktor, der zum Speichern führt, ist die ‚Verweildauer‘ im Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, und die ‚Häufigkeit‘ des Auftretens. Ob wir nach einer Speicherung etwas ‚wiederfinden‘ können, hängt ferner davon ab, wie ein Ereignis abgespeichert wurde. Je mehr ein Ereignis sich zu anderen Ereignissen in Beziehung setzen lässt, umso eher wird es erinnert. Völlig neuartige Ereignisse (z.B. die chinesischen Schriftzeichen in der Ordnung eines chinesischen Wörterbuches, wenn man Chinesisch neu lernt) können Wochen oder gar Monate dauern, bis sie so ‚verankert‘ sind, dass sie bei Bedarf ‚mühelos‘ erinnern lassen.

Ein anderer Punkt ist die Abstraktion. Wenn wir über alltägliche Situationen sprechen, dann benutzen wir beständig Allgemeinbegriffe wie ‚Tasse‘, ‚Stuhl‘, ‚Tisch‘, ‚Mensch‘ usw. um über ‚konkrete individuelle Objekte‘ zu sprechen. So nennen wir ein konkretes rotes Etwas auf dem Tisch eine Tasse, ein anderen blaues konkretes Etwas aber auch, obgleich sie Unterschiede aufweisen. Desgleichen nennen wir ein ‚vertikales durchsichtiges Etwas‘ eine Flasche, ein vertikales grünliches Etwas auch; usw.

Unser Gedächtnis besitzt die wunderbare Eigenschaft, alles, was sinnlich wahrgenommen wird, durch einen unbewussten automatischen Abstraktionsprozess in eine abstrakte Struktur, in einen Allgemeinbegriff, in eine ‚Kategorie‘ zu übersetzen. Dies ist extrem effizient. Auf diese Weise kann das Gedächtnis mit einem einzigen Konzept hunderte, tausende, ja letztlich unendlich viele konkrete Objekte klassifizieren, identifizieren und damit weiter arbeiten.

Welt im Tresor

Ohne die Inhalte unseres Gedächtnisses würden wir nur in Augenblicken existieren, ohne vorher und nachher. Alles wäre genau das, wie es gerade erscheint. Nichts hätte eine Bedeutung.

Durch die Möglichkeit des ‚Speicherns‘ von Ereignisse (auch in den abstrakten Formen von Kategorien), und des ‚Erinnerns‘ können wir ‚vergleichen‘, können somit Veränderungen feststellen, können Abfolgen und mögliche Verursachungen erfassen, Regelmäßigkeiten bis hin zu Gesetzmäßigkeiten; ferner können wir Strukturen erfassen.

Eine Besonderheit sticht aber ins Auge: nur ein winziger Teil unseres potentiellen Wissens ist ‚aktuell verfügbar/ bewusst‘; meist weniger als 9 Einheiten! Alles andere ist nicht aktuell verfügbar, ist ’nicht bewusst‘!

Man kann dies so sehen, dass die schier unendliche Menge der bisher von uns wahrgenommenen Ereignisse im Langzeitgedächtnis weggesperrt ist wie in einem großen Tresor. Und tatsächlich, wie bei einem richtigen Tresor brauchen auch wir selbst ein Codewort, um an den Inhalt zu gelangen, und nicht nur ein Codewort, nein, wir benötigen für jeden Inhalt ein eigenes Codewort. Das Codewort für das abstrakte Konzept ‚Flasche‘ ist ein konkretes ‚Flaschenereignis‘ das — hoffentlich — genügend Merkmale aufweist, die als Code für das abstrakte Konzept ‚Flasche‘ dienen können.

Wenn über solch einen auslösenden Merkmalscode ein abstraktes Konzept ‚Flasche‘ aktiviert wird, werden in der Regel aber auch alle jene Konzepte ‚aktiviert‘, die zusammen mit dem Konzept ‚Flasche‘ bislang aufgetreten sind. Wir erinnern dann nicht nur das Konzept ‚Flasche‘, sondern eben auch all diese anderen Ereignisse.

Finden wir keinen passenden Code, oder wir haben zwar einen Code, aber aus irgendwelchen Emotionen heraus haben wir Angst, uns zu erinnern, passiert nichts. Eine Erinnerung findet nicht statt; Blockade, Ladehemmung, ‚blackout‘.

Bewusstsein im Nichtbewusstsein

Im Alltag denken wir nicht ‚über‘ unser Gehirn nach, sondern wir benutzen es direkt. Im Alltag haben wir subjektiv Eindrücke, Erlebnisse, Empfindungen, Gedanken, Vorstellungen, Fantasien. Wir sind ‚in‘ unserem Erleben, wir selbst ‚haben‘ diese Eindrücke. Es sind ‚unsere‘ Erlebnisse‘.

Die Philosophen haben diese Erlebnis- und Erkenntnisweise den Raum unseres ‚Bewusstseins‘ genannt. Sie sprechen davon, dass wir ‚Bewusstsein haben‘, dass uns die Ding ‚bewusst sind‘; sie nennen die Inhalte unseres Bewusstseins ‚Qualia‘ oder ‚Phänomene‘, und sie bezeichnen diese Erkenntnisperspektive den Standpunkt der ‚ersten Person‘ (‚first person view‘) im Vergleich zur Betrachtung von Gegenständen in der Außenwelt, die mehrere Personen gleichzeitig haben können; das nennen sie den Standpunkt der ‚dritten Person‘ (‚third person view‘) (Anmerkung: Ein Philosoph, der dies beschrieben hat, ist Thomas Nagel. Siehe zur Person: Thomas Nagel. Ein Buch von ihm, das hir einschlägig ist: ‚The view from nowhere‘, 1986, New York, Oxford University Press).

Nach den heutigen Erkenntnissen der Neuropsychologie gibt es zwischen dem, was die Philosophen ‚Bewusstsein‘ nennen und dem, was die Neuropsychologen ‚Arbeitsgedächtnis‘ nennen, eine funktionale Korrespondenz. Wenn man daraus schließen kann, dass unser Bewusstsein sozusagen die erlebte ‚Innenperspektive‘ des ‚Arbeitsgedächtnisses‘ ist, dann können wir erahnen, dass das, was uns gerade ‚bewusst‘ ist, nur ein winziger Bruchteil dessen ist, was uns ’nicht bewusst‘ ist. Nicht nur ist der potentiell erinnerbare Inhalt unseres Langzeitgedächtnisses viel größer als das aktuell gewusste, auch die Milliarden von Prozessen in unserem Körper sind nicht bewusst. Ganz zu schweigen von der Welt jenseits unseres Körpers. Unser Bewusstsein gleicht damit einem winzig kleinen Lichtpunkt in einem unfassbar großen Raum von Nicht-Bewusstsein. Die Welt, in der wir bewusst leben, ist fast ein Nichts gegenüber der Welt, die jenseits unseres Bewusstseins existiert; so scheint es.

Außenwelt in der Innenwelt

Der Begriff ‚Außenwelt‘, den wir eben benutzt haben, ist trügerisch. Er gaukelt vor, als ob es da die Außenwelt als ein reales Etwas gibt, über das wir einfach so reden können neben dem Bewusstsein, in dem wir uns befinden können.

Wenn wir die Erkenntnisse der Neuropsychologie ernst nehmen, dann findet die Erkenntnis der ‚Außenwelt‘ ‚in‘ unserem Gehirn statt, von dem wir wissen, dass es ‚in‘ unserem Körper ist und direkt nichts von der Außenwelt weiß.

Für die Philosophen aller Zeiten war dies ein permanentes Problem. Wie kann ich etwas über die ‚Außenwelt‘ wissen, wenn ich mich im Alltag zunächst im Modus des Bewusstseins vorfinde?

Seit dem Erstarken des empirischen Denkens — spätestens seit der Zeit Galileis (Anmerkung: Galilei) — tut sich die Philosophie noch schwerer. Wie vereinbare ich die ‚empirische Welt‘ der experimentellen Wissenschaften mit der ’subjektiven Welt‘ der Philosophen, die auch die Welt jedes Menschen in seinem Alltag ist? Umgekehrt ist es auch ein Problem der empirischen Wissenschaften; für den ’normalen‘ empirischen Wissenschaftler ist seit dem Erstarken der empirischen Wissenschaften die Philosophie obsolet geworden, eine ’no go area‘, etwas, von dem sich der empirische Wissenschaftler fernhält. Dieser Konflikt — Philosophen kritisieren die empirischen Wissenschaften und die empirischen Wissenschaften lehnen die Philosophie ab — ist in dieser Form ein Artefakt der Neuzeit und eine Denkblokade mit verheerenden Folgen.

Die empirischen Wissenschaften gründen auf der Annahme, dass es eine Außenwelt gibt, die man untersuchen kann. Alle Aussagen über die empirische Welt müssen auf solchen Ereignissen beruhen, sich im Rahmen eines beschriebenen ‚Messvorgangs‘ reproduzieren lassen. Ein Messvorgang ist immer ein ‚Vergleich‘ zwischen einem zuvor vereinbarten ‚Standard‘ und einem ‚zu messenden Phänomen‘. Klassische Standards sind ‚das Meter‘, ‚das Kilogramm‘, ‚die Sekunde‘, usw. (Anmerkung: Siehe dazu: Internationales Einheitensystem) Wenn ein zu messendes Phänomen ein Objekt ist, das z.B. im Vergleich mit dem Standard ‚Meter [m]‘ die Länge 3m aufweist, und jeder, der diese Messung wiederholt, kommt zum gleichen Ergebnis, dann wäre dies eine empirische Aussage über dieses Objekt.

Die Einschränkung auf solche Phänomene, die sich mit einem empirischen Messstandard vergleichen lassen und die von allen Menschen, die einen solchen Messvorgang wiederholen, zum gleichen Messergebnis führen, ist eine frei gewählte Entscheidung, die methodisch motiviert ist. Sie stellt sicher, dass man zu einer Phänomenmenge kommt, die allen Menschen(Anmerkung: die über gleiche Fähigkeiten der Wahrnehmung und des Denkens verfügen. Blinde Menschen, taube Menschen usw. könnten hier Probleme bekommen!“> … in gleicher Weise zugänglich und für diese nachvollziehbar ist. Erkenntnisse, die allen Menschen in gleicher Weise zugänglich und nachprüfbar sind haben einen unbestreitbaren Vorteil. Sie können eine gemeinsame Basis in einer ansonsten komplexen verwirrenden Wirklichkeit bieten.

Die ‚Unabhängigkeit‘ dieser empirischen Messvorgänge hat im Laufe der Geschichte bei vielen den Eindruck vertieft, als ob es die ‚vermessene Welt‘ außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein als eigenständiges Objekt gibt, und dass die vielen ‚rein subjektiven‘ Empfindungen, Stimmungen, Vorstellungen im Bewusstsein, die sich nicht direkt in der vermessbaren Welt finden, von geringerer Bedeutung sind, unbedeutender ’subjektiver Kram‘, der eine ‚Verunreinigung der Wissenschaft‘ darstellt.

Dies ist ein Trugschluss mit verheerenden Folgen bis in die letzten Winkel unseres Alltags hinein.

Der Trugschluss beginnt dort, wo man übersieht, dass die zu messenden Phänomene auch für den empirischen Wissenschaftler nicht ein Sonderdasein führen, sondern weiterhin nur Phänomene seines Bewusstseins sind, die ihm sein Gehirn aus der Sinneswahrnehmung ‚herausgerechnet‘ hat. Vereinfachend könne man sagen, die Menge aller Phänomene unseres Bewusstseins — nennen wir sie PH — lässt sich aufteilen in die Teilmenge jener Phänomene, auf die sich Messoperationen anwenden lassen, das sind dann die empirischen Phänomene PH_EMP, und jene Phänomene, bei denen dies nicht möglich ist; dies sind dann die nicht-empirischen Phänomene oder ‚rein subjektiven‘ Phänomene PH_NEMP. Die ‚Existenz einer Außenwelt‘ ist dann eine Arbeitshypothese, die zwar schon kleine Kindern lernen, die aber letztlich darauf basiert, dass es Phänomene im Bewusstsein gibt, die andere Eigenschaften haben als die anderen Phänomene.

In diesen Zusammenhang gehört auch das Konzept unseres ‚Körpers‘, der sich mit den empirischen Phänomenen verknüpft.

Der Andere als Reflektor des Selbst

Bislang haben wir im Bereich der Phänomene (zur Erinnerung: dies sind die Inhalte unseres Bewusstseins) unterschieden zwischen den empirischen und den nicht-empirischen Phänomenen. Bei genauerem Hinsehen kann man hier viele weitere Unterscheidungen vornehmen. Uns interessiert hier nur der Unterschied zwischen jenen empirischen Phänomenen, die zu unserem Körper gehören und jenen empirischen Phänomenen, die unserem Körper ähneln, jedoch nicht zu uns, sondern zu jemand ‚anderem‘ gehören.

Die Ähnlichkeit der Körperlichkeit des ‚anderen‘ zu unserer Körperlichkeit bietet einen Ansatzpunkt, eine ‚Vermutung‘ ausbilden zu können, dass ‚in dem Körper des anderen‘ ähnliche innere Ereignisse vorkommen, wie im eigenen Bewusstsein. Wenn wir gegen einen harten Gegenstand stoßen, dabei Schmerz empfinden und eventuell leise aufschreien, dann unterstellen wir, dass ein anderer, wenn er mit seinem Körper gegen einen Gegenstand stößt, ebenfalls Schmerz empfindet. Und so in vielen anderen Ereignissen, in denen der Körper eine Rolle spielt(Anmerkung: Wie wir mittlerweile gelernt haben, gibt es Menschen, die genetisch bedingt keine Schmerzen empfinden, oder die angeboren blind oder taub sind, oder die zu keiner Empathie fähig sind, usw.“> … .

Generalisiert heißt dies, dass wir dazu neigen, beim Auftreten eines Anderen Körpers unser eigenes ‚Innenleben‘ in den Anderen hinein zu deuten, zu projizieren, und auf diese Weise im anderen Körper ‚mehr‘ sehen als nur einen Körper. Würden wir diese Projektionsleistung nicht erbringen, wäre ein menschliches Miteinander nicht möglich. Nur im ‚Übersteigen‘ (‚meta‘) des endlichen Körpers durch eine ‚übergreifende‘ (‚transzendierende‘) Interpretation sind wir in der Lage, den anderen Körper als eine ‚Person‘ zu begreifen, die aus Körper und Seele, aus Physis und Psyche besteht.

Eine solche Interpretation ist nicht logisch zwingend. Würden wir solch eine Interpretation verweigern, dann würden wir im Anderen nur einen leblosen Körper sehen, eine Ansammlung von unstrukturierten Zellen. Was immer der Andere tun würde, nichts von alledem könnte uns zwingen, unsere Interpretation zu verändern. Die ‚personale Wirklichkeit des Anderen‘ lebt wesentlich von unserer Unterstellung, dass er tatsächlich mehr ist als der Körper, den wir sinnlich wahrnehmen können.

Dieses Dilemma zeigt sich sehr schön in dem berühmten ‚Turing Test'(Anmerkung: Turing-Test, den Alan Matthew Turing 1950 vorgeschlagen hatte, um zu testen, wie gut ein Computer einen Menschen imitiere kann. (Anmerkung: Es war in dem Artikel: „Alan Turing: Computing Machinery and Intelligence“, Mind 59, Nr. 236, Oktober 1950, S. 433–460) Da man ja ‚den Geist‘ selbst nicht sehen kann, sondern nur die Auswirkungen des Geistes im Verhalten, kann man in dem Test auch nur das Verhalten eines Menschen neben einem Computer beobachten, eingeschränkt auf schriftliche Fragen und Antworten. (Anmerkung: heute könnte man dies sicher ausdehnen auf gesprochene Fragen und Antworten, eventuell kombiniert mit einem Gesicht oder gar mehr“) Die vielen Versuche mit diesem Test haben deutlich gemacht — was man im Alltag auch ohne diesen Test sehen kann –, dass das beobachtbare Verhalten eines Akteurs niemals ausreicht, um logisch zwingend auf einen ‚echten Geist‘, sprich auf eine ‚echte Person‘ schließen zu können. Daraus folgt nebenbei, dass man — sollte es jemals hinreichend intelligente Maschinen geben — niemals zwingend einen Menschen, nur aufgrund seines Verhaltens, von einer intelligenten Maschine unterscheiden könnte.

Rein praktisch folgt aus alledem, dass wir im Alltag nur dann und solange als Menschen miteinander umgehen können, solange wir uns wechselseitig ‚Menschlichkeit‘ unterstellen, an den ‚Menschen‘ im anderen glauben, und mein Denken und meine Gefühle hinreichend vom Anderen ‚erwidert‘ werden. Passiert dies nicht, dann muss dies noch nicht eine völlige Katastrophe bedeuten, aber auf Dauer benötigen Menschen eine minimale Basis von Gemeinsamkeiten, auf denen sie ihr Verhalten aufbauen können.

Im positiven Fall können Unterschiede zwischen Menschen dazu führen, dass man sich wechselseitig anregt, man durch die Andersartigkeit ‚Neues‘ lernen kann, man sich weiter entwickelt. Im negativen Fall kann es zu Missverständnissen kommen, zu Verletzungen, zu Aggressionen, gar zur wechselseitigen Zerstörung. Zwingend ist keines von beidem.

Fortsetzung mit Kapitel 4 (neu).

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Wieweit können wir den ‘biologischen Geist’ durch einen ‘künstlichen Geist’ nachbilden? – Nachreflexion zur Philosophiewerkstatt vom 12.April 2015

Gedankenskizze von der Philosophiewerkstatt am 12-April 2015 in der DENKBAR

Gedankenskizze von der Philosophiewerkstatt am 12-April 2015 in der DENKBAR

1. Trotz wunderbarem Wetter draußen fand sich wieder eine interessante Gruppe von Philosophierenden am 12.April 2015 zur Philosophiewerkstatt in der DENKBAR zusammen.

2. Mittlerweile bildet sich ein ’spezifischer Stil‘ in der Philosophiewerkstatt heraus: Immer weniger vorgefertigter Input durch einen Eingangsvortrag, sondern stattdessen von Anfang an ein ‚gemeinsames Denken‘ entlang einer Fragestellung. Das ‚Gemeinsame‘ wird in einem aktuellen ‚Gedankenbild‘ festgehalten, ‚visualisiert‘, so dass die Vielfalt der Gedanken für alle sichtbar wird. Nichts geht verloren. Dies eröffnet dann jedem die Möglichkeit, anhand der sichtbaren Unterschiede, Lücken und Gemeinsamkeiten ‚fehlende Stücke‘ zu suchen, zu ergänzen, oder vorhandene Begriffe weiter zu erläutern.

3. Als ‚Rhythmus‘ des gemeinsamen Denkens erweist sich ein gemeinsamer Einstieg, dann ‚Blubberpause‘, dann Schlussrunde als sehr produktiv.

GEIST – BIOLOGISCH UND KÜNSTLICH

4. Ausgangspunkt waren die Begriffe ‚Geist‘, ‚Biologisch‘ sowie ‚Künstlich‘.

5. Auf einer Zeitachse betrachtet kann man grob sagen, dass der Begriff ‚Geist‘ in der antiken griechischen Philosophie eine zentrale Rolle gespielt hat, sich bis mindestens ins 19.Jahrhundert durchgehalten hat, dann aber – zumindest im Bereich der Naturwissenschaft – nahezu jegliche Verwendung verloren hat. In den heutigen Naturwissenschaften herrscht der Eindruck vor, man bräuchte den Begriff ‚Geist‘ nicht mehr. Zugleich fehlen damit auch alle ‚Unterstützungsmerkmale‘ für jenes Wertesystem, das einer demokratischen Staatsform wie der deutschen Demokratie zugrunde liegt. ‚Menschenwürde‘ in Art.1 des Grundgesetzes hat im Lichte der aktuellen Naturwissenschaften keine Bedeutung mehr.

6. Gleichfalls auf der Zeitachse beobachten wir, dass das Paradigma der ‚Maschine‘ mit dem Aufkommen des theoretischen Begriffs des Automaten (erste Hälfte des 20.Jahrhunderts) und der Bereitstellung von geeigneter Technologie (Computer) einen neuen Begriff von ‚Künstlichkeit‘ ermöglicht: der Computer als programmierbare Maschine erlaubt die Nachbildung von immer mehr Verhaltensweisen, die wir sonst nur von biologischen Systemen kennen. Je mehr dies geschieht, umso mehr stellt sich die Frage, wieweit diese neue ‚Künstlichkeit‘ letztlich alle ‚Eigenschaften‘ des Biologischen, insbesondere auch ‚intelligentes Verhalten‘ bzw. den ‚Geist im Biologischen‘ nachbilden kann?

GEIST – SUBJEKTIV UND OBJEKTIV NEURONAL

7. Im Bereich des Biologischen können wir seit dem 20.Jahrhundert auch zunehmend differenzieren zwischen der subjektiven Dimension des Geistes im Bereich unseres Erlebens, des Bewusstseins, und den körperlichen, speziell neuronalen Prozessen im Gehirn, die mit den subjektiven Prozessen korrelieren. Zwar ist die ‚Messgenauigkeit‘ sowohl des Subjektiven wie auch des Neuronalen noch nicht besonders gut, aber man kann schon erstaunlich viele Korrelationen identifizieren, die sehr vielen, auch grundsätzlichen subjektiv-geistigen Phänomenen auf diese Weise neuronale Strukturen und Prozesse zuordnen, die zur ‚Erklärung‘ benutzt werden können. Sofern man dies tun kann und es dann auch tut, werden die subjektiv-geistigen Phänomene in die Sprache neuronaler Prozesse übersetzt; damit wirken diese subjektiven Begriffe leicht ‚obsolet‘, ‚überflüssig‘. Zugleich tritt damit möglicherweise eine Nivellierung ein, eine ‚Reduktion‘ von spezifischen ‚Makrophänomenen‘ auf unspezifische neuronale Mechanismen, wie sie sich in allen Lebewesen finden. Erklärung im Stil von Reduktion kann gefährlich sein, wenn man damit interessante Phänomene ‚unsichtbar‘ macht, die eigentlich auf komplexere Mechanismen hindeuten, als die ‚einfachen‘ Bestandteile eines Systems.

MATERIE – INFORMATION1 und INFORMATION2

8. Im Bereich der materiellen Struktur unseres Universums hat es sich eingebürgert, dass man die physikalische Entropie mit einem Ordnungsbegriff korreliert und darüber auch mit dem statistischen Informationsbegriff von Shannon. Ich nenne diesen Informationsbegriff hier Information1.

9. Davon zu unterscheiden ist ein anderer Informationsbegriff – den ich hier Information2 nenne –, der über die Statistik hinausgeht und eine Abbildung impliziert, nämlich die Abbildung von einer Struktur auf eine andere. Im Sinne der Semiotik (:= allgemeine Lehre von den Zeichen) kann man dies als eine ‚Bedeutungsbeziehung‘ deuten, für die es auch den Begriff ’semantische Beziehung‘ gibt. Für die Realisierung einer Bedeutungsbeziehung im Sinne von Information2 benötigt man im physikalischen Raum minimal drei Elemente: eine Ausgangsgröße, eine Zielgröße und eine ‚vermittelnde Instanz‘.

10. Im Falle der Selbstreproduktion der biologischen Zellen kann man genau solch eine Struktur identifizieren: (i) die Ausgangsgröße sind solche Moleküle, deren physikalische Eigenschaften ‚für den Vermittler‘ als ‚Informationen2‘ gedeutet werden können; (ii) die Zielgröße sind jene Verbindungen von Molekülen, die generiert werden sollen; (iii) die vermittelnde Instanz sind jene Moleküle, die die Moleküle mit Information2 ‚lesen‘ und dann die ‚Generierungsprozesse‘ für die Zielgrößen anstoßen. Dies ist ein komplexes Verhalten, das sich aus den beteiligten Elementen nicht direkt ableiten lässt. Nur auf den Prozess als solchen zu verweisen, ‚erklärt‘ in diesem Fall eigentlich nichts.

11. Interessant wird dies nun, wenn man bedenkt, dass das mathematische Konzept, das den heutigen Computern zugrunde liegt, der Begriff des programmierten Automaten, ebenfalls solch eine Struktur besitzt, die es ermöglicht, Information2 zu realisieren.

12. Dies bedeutet, dass sowohl der ‚Kern‘ des Biologischen wie auch der ‚Kern‘ des neuen Künstlichen beide die Grundstruktur von Information2 repräsentieren.

13. Sofern nun das ‚Lebendige‘, das ‚Geistige‘ reduzierbar sind auf eine Information2-fähige Struktur, müsste man nun folgern, dass die Computertechnologie das gleiche Potential besitzt wie das Biologische.

OFFENE FRAGEN

14. Offen bleibt – und blieb bei dem Werkstattgespräch –, ob diese Reduktion tatsächlich möglich ist.

15. Die Frage, ob eine reduktionistische Erklärungsstrategie ausreichend und angemessen ist, um die komplexen Phänomene des Lebens zu deuten, wird schon seit vielen Jahren diskutiert.

16. Eine reduktionistische Erklärungsstrategie wäre ‚unangemessen‘, wenn man sagen könnte/ müsste, dass die Angabe einer Verhaltensfunktion f: I –-> O auf der Basis der beobachteten Reaktionen (Input I, Output O) eines Systems ‚Eigenschaften des Systems‘ sichtbar macht, die sich durch die bekannten Systembestandteile als solche nicht erklären lassen. Dies gilt verstärkt, wenn die Bestandteile eines Systems (z.B.die physikalischen Gatter im Computer oder die Neuronen im Gehirn) von sich aus keinerlei oder ein rein zufälliges Verhalten zeigen, es sei denn, man würde – im Falle des Computers – ‚in‘ die Menge der Gatter eine ‚Funktion‘ ‚hineinlegen‘, die dazu führt, dass sich die Gatter in dieser bestimmten Weise ‚verhalten‘. Würde man nun dieses spezifische Verhalten dadurch ‚erklären‘ wollen, dass man einfach die vorhandenen Gatter verweist, würde man gerade nicht erklären, was zu erklären wäre. Überträgt man diesen Befund auf biologische oder generell physikalische Systeme, dann müsste man mindestens mal die Frage stellen, ob man mit den reduktionistischen Strategien nicht genau das vernichtet, was man erklären sollte.

17. Eine Reihe von Physikern (Schrödinger, Davis) haben das Auftreten von Information2 im Kontexte des Biologischen jedenfalls als eigenständiges Phänomen gewürdigt, das man nicht einfach mit den bekannten physikalischen Erklärungsmodellen ‚erklären‘ kann.

AUSBLICK PHILOSOPHIEWERKSTATT MAI UND JUNI

18. Die nächste Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015 will sich der Frage widmen, wie ein einzelner innerhalb einer multikausalen Welt überhaupt noch sinnvoll entscheiden kann. Speziell auch die Frage, welche Wirkung man überhaupt noch erzielen kann? Ist nicht irgendwie alles egal?

19. Die Philosophiewerkstatt am 14.Juni ist die letzte Werkstatt vor der Sommerpause. Es wird im Anschluss an die Sitzung ein offener Abend mit voller Restauration angeboten werden und mit der Möglichkeit, über das weitere Vorgehen zu diskutieren (welche Formate, zusätzliche Ereignisse,…).

Einen Überblick über alle Beiträge zur Philosophiewerkstatt nach Themen findet sich HIER

VEREINIGUNG VON PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT?

(1) Eine klare Definition von Philosophie gibt es bislang nicht und dürfte es
angesichts der Besonderheit des Gegenstandes vermutlich auch niemals geben.

(2) Viele Autoren, die sich als Philosophen verstehen, sehen den Gegenstand
der Philosophie in der Aufdeckung von Zusammenhängen, die jedem Denken zugehören,
unabhängig von den wechselnden (‚kontingenten‘) ‚Inhalten‘.

(3) Nach Descartes, Kant — und vielen anderen — hat Husserl versucht, einen
allgemeingültigen und ‚festen‘ Grund des Denkens durch Fokussierung auf das
Erleben des eigenen Denkens zu finden.

(4) Husserl unterscheidet zwischen den wechselnden — und vom ihm als ‚kontingent‘
bezeichneten — Inhalten des Erlebens (den ‚Phänomene‘) sowie jenen Momenten des
Erlebens, die allem Erleben ‚innewohnen‘, ‚implizit zugehören‘. Immer, wenn wir
erleben, dann sind diese Momente als solche ‚unterscheidbar‘ von den kontingenten
Phänomenen. In Anlehnung an Kant kann man solche ‚impliziten‘, ‚dem Erleben
innewohnenden‘ Eigenschaften ‚transzendental‘ nennen: sie sind dem Erleben
‚voraus(gesetzt)‘.

(5) Husserl hebt hervor, dass diese Unterscheidungen von kontingenten
Bewusstseinsinhalten und transzendentalen Momenten des Bewusstseins zur
Voraussetzung hat, dass man die ’normale (alltägliche)‘ Erlebniseinstellung verlässt.
Für Letztere ist kennzeichnend, dass ‚erlebte Inhalte‘ nicht als ‚erlebte‘ Inhalte
genommen werden, sondern dass diese ‚automatisch‘ so interpretiert werden, als ob
diese Erlebnisinhalte – sofern sie dem Bereich der Sinneswahrnehmung zugeordnet
werden — ‚Dinge in der realen Welt‘ ‚verkörpern‘. D.h. Unser alltägliches ’naives‘
Erleben unterstellt den Erlebnisinhalten eine ‚ontologische Geltung‘, eine
‚Existenz in der realen Welt‘. Sofern man sich ‚als Philosoph‘ ‚bewusst‘ wird,
dass das ‚Erleben als solches‘ nicht notwendigerweise eine reale Existenz bedingen
muss (Beispiel ‚Träumen‘, ‚Fantasieren‘, ‚Vorstellen‘, ‚Erinnern‘,…), kann man
diese Unterscheidung festhalten und versuchen, sie zu einem methodischen Element
des Welterlebens machen. Husserl nennt die Einstellung, die diese Unterscheidung
konserviert, ‚epochä‘ (aus dem Griechischen), etwa ‚Ausklammerung (oder ‚Einklammerung‘).
Unter Anwendung der epochä werden die ontologischen Unterstellungen für alle
Erlebnisinhalte erst einmal eingeklammert.

(6)Der epochä voraus liegt die grundsätzliche ‚Bewusstwerdung‘ des ‚Erlebens als
solchem‘! Erst unter Voraussetzung des Erlebens als solchem kann ich innerhalb
dieser Bewusstwerdung die zusätzliche Unterscheidung zwischen dem ‚reinen
Erlebnisinhalt‘ und den ‚begleitenden Eigenschaften‘ machen wie z.B. den
ontologischen Unterstellungen oder den transzendentalen Momenten des Erlebens.

(7) Am transzendentalen Erleben kann man im Rahmen der grundsätzlichen
Bewusstwerdung viele unterscheidbare Eigenschaften (informell beschreibbar
als ‚Erinnern‘, ‚Abstrahieren‘, ‚Vergleichen‘,…), identifizieren.

(8) Ein Philosophieren, das die Inhalte des Erlebens zum Gegenstand macht,
hat ein Grundproblem, das bis heute – so scheint es – noch niemand befriedigend
lösen konnte; dies ist dem Umstand geschuldet, dass Philosophieren eine Tätigkeit
ist, zu der die Kommunikation zwischen Menschen dazu gehört. Ohne sprachliche
Kommunikation der Denkinhalte ist das Philosophieren weitgehend wertlos.
Selbst wenn das individuelle Denken über irgendwelche ‚Inhalte‘ verfügen würde
(wovon auszugehen ist), wären diese Inhalte solange ‚unsichtbar‘, solange sie
nicht in einer gemeinsam geteilten Sprache ‚vermittelbar‘ wären. Davon zu
unterscheiden wäre die Frage, was denn ein einzelner Denker überhaupt denken
kann, wenn er nicht über eine Sprache verfügt, die von anderen verstanden wird.
Wieweit bilden die Tiere, die keine elaborierte Sprache ausgebildet haben, ein
Beispiel für sprachfreies Denken? Immerhin sind zu komplexen – auch sozialen –
Handlungen fähig.

(9) Wie viele vor Wittgenstein als ‚Philosophen der Sprache‘ bezeichnet werden
sollten, kann ich momentan nicht klar entscheiden, auf jeden Fall hat Ludwig
Wittgenstein die transzendentale Rolle der Sprache für unser Erleben in einer
Weise beleuchtet und reflektiert, wie niemand zuvor – und bislang vielleicht auch
niemand mehr nach ihm –. Er ist der kreative Totalzerstörer von jeglicher
Bedeutungssicherheit. Er liefert zwar keine neue konstruktive Antworten, aber
er bereitet den Weg durch Zerstörung falscher Sicherheiten. Wittgenstein muss man
‚meditieren‘, und dann kann man versuchen, ‚erneuert‘ zu denken…

(10) Von einer anderen Warte aus – und offensichtlich noch ohne Kenntnis von Wittgenstein –
hat Saussure in seinen Grundlagen zur Sprachwissenschaft (erstmalig in Vorlesungen
1906 – 1911) versucht, einen allgemeinen Begriff des (sprachlichen) Zeichens einzuführen.
Sein Ausgangspunkt ist eine Population von Sprecher-Hörern – eine Population P von
Zeichenbenutzern –, von denen sich ein einzelner Zeichenbenutzer beim Sprachgebrauch
immer in einem sprachlichen Rückkopplungsprozess derart befindet, dass der physikalische
Laut zwischen mindestens zwei Zeichenbenutzern sensorisch aufgenommen, physiologisch
– sprich: neuronal – verarbeitet verarbeitet wird, so dass es zu einem ‚psychischen
Erlebnis‘ kommt, welches das eigentliche Ereignis für den Hörer darstellt. Im ‚Erleben‘
erlebe ich einen Klang als ‚abstraktes Klangereignis‘ und zusätzlich erlebe ich ein
‚abstraktes Dingkonzept‘ (implizit zubereitet durch das verarbeitende Gehirn). Zwischen
einem Dingkonzept O_ph und einem Lautkonzept L_ph kann im Gehirn eine Verbindung
(‚Assoziation‘) hergestellt werden, so dass das Lautkonzept über diese Verbindung auf
das Dingkonzept ‚verweisen‘ kann, und umgekehrt)(ASSOC(L_ph,O_ph)). Das Lautkonzept wird
in solch einer Verbindung zum ‚Bezeichner‘ (’signifiant‘, Signifikanten), und das über
solch eine Verbindung Bezeichnete wird zur ‚Bedeutung‘ (’signifie‘, Signifikat) des
Bezeichners. Beide Momente vereint durch eine Beziehung werden dann zu einem ‚Zeichen‘
(’signe‘). Für Saussure war es wichtig, festzuhalten, dass diese mögliche Beziehung
zwischen einem Bezeichner und einem Bezeichnten ‚arbiträr‘ ist in dem Sinne, dass
ein bestimmtes Bezeichnetes ‚von sich aus‘ keinen bestimmten Bezeichner ‚verlangt‘.
Ob man eine mögliche (!) Unterscheidung im Rahmen der Wahrnehmung von dark und light
nun mit den Bezeichnern ‚dunkel‘ und ‚hell‘ bezeichnen will oder mit irgendwelchen
anderen Lautkombinationen ist völlig der Entscheidung der Sprachgemeinschaft überlassen.
Wenn diese sich einmal entschieden hat, dann wird die einmal getroffene Entscheidung
in den meisten Fällen erst einmal als ‚Verabredung‘ (Konvention) dahingehend wirksam
sein, dass ein Zeichenbenutzer dieser Population im Bedarfsfall erst einmal die
eingeführten Zeichen benutzen wird. Dennoch steht es der Population frei, diese
Zuordnungen wieder zu verändern (was historisch auch immer wieder geschehen ist).

(11) Schon diese minimale Sprachtheorie macht deutlich, dass die Einführung von Zeichen
für Objekte, die nicht ‚zwischen‘ den verschiedenen Zeichenbenutzern existieren
und somit als empirische Objekte wahrgenommen werden können, viel grundsätzliche
Fragen aufwirft. Aber selbst die sprachliche Kommunikation über sogenannte ‚empirische‘
Objekte ist nicht trivial. Nach der Saussurschen Theorie können zwei Zeichenbenutzer
nur dann über ein empirisches Objekt zu einer Einigung kommen, wenn die psychischen
Objekte L_ph und O_ph bei bei beiden Zeichenbenutzern hinreichend ‚ähnlich‘ sind
und darüber hinaus in ihrer ‚Abbildung‘ vom externen Stimulus in ein psychisches
Ereignis hinreichend ‚konstant‘. Würde das ‚gleiche‘ empirische Objekt O_e.i bei
jedem Auftreten anders abgebildet werden (also O_e.i —> {O_ph.i.1, …, O_ph.i.k}),
dann wäre der betreffende Zeichenbenutzer garnicht in der Lage, in diesen
verschiedenen psychischen Ereignissen ein einziges bestimmtes empirisches Objekt
erkennen zu können. Ferner, selbst wenn die Abbildung als solche konstant wäre,
würde es zu Problemen kommen können, wenn die Abbildungen in jedem Zeichenbenutzer
grundsätzlich verschieden wäre (also O_ph.i von Zeichenbenutzer A wäre verschieden
von O_ph.i von Zeichenbenutzer B). Dies bedeutet, schon die ’normale‘ sprachliche
Kommunikation von empirischen Objekten verlangt, dass die internen
Abbildungsmechanismen von Wahrnehmungsereignissen in psychische Objekte sowohl
hinreichen ‚konstant‘ wie auch hinreichend ‚ähnlich‘ zwischen unterschiedlichen
Zeichenbenutzern sind.

(12) Aufgrund der Erkenntnisse verschiedener empirischer Wissenschaften zur
Evolution des Lebens – speziell auch zur Entwicklung genetischer Strukturen,
Körperentwicklung, Gehirn- und Verhaltensentwicklung — wissen wir, dass der
‚Bauplan‘ für den homo sapiens ‚identisch‘ ist und dass trotz Wechselwirkung
mit der Umwelt während der Wachstumsphase die entscheidenden Gehirnstrukturen
tatsächlich hinreichend ähnlich sind. Sinneswahrnehmung, Gedächtnisstrukturen,
Bewegungsprogramme, Spracherwerb, usw. funktionieren bei den einzelnen Zeichenbenutzern
‚vollautomatisch‘ und hinreichend ’strukturähnlich‘.

(13)Ausgestattet mit diesen Erkenntnissen eröffnet sich für die Frage der
sprachlichen Kommunizierbarkeit von bewusstseinsphilosophischen Sachverhalten
der interessante Ansatzpunkt, dass eine bedingte Kommunikation von
nichtempirischen Phänomenen möglich erscheint, wenn diese Phänomene
konditioniert sind von einer allgemeinen Erlebnisstruktur des homo sapiens
(eine der Leitideen der evolutionären Erkenntnistheorie). In diesem Fall
könnte ein Zeichenbenutzer A, der Zahnschmerzen hat, unter bestimmten
Voraussetzungen einem anderen Zeichenbenutzer B, der die Zahnschmerzen des A
nicht ‚wahrnehmen‘ kann, u.U. ‚indirekt‘ verstehen (z.B. durch Hinweise auf
Situationen, in denen er auch ‚Schmerzen‘ hatte oder gar ‚Zahnschmerzen‘).
Eine solche ‚indirekte‘ Bedeutungseinführung verlangt von allen Beteiligten
eine große Disziplin, verlangt möglichst viele gemeinsam geteilte Erfahrungen,
vor allem aber ‚Vertrauen‘ darin, dass der andere nicht ‚täuscht‘, nicht etwas
’simuliert‘, was garnicht da ist. Eine direkte Überprüfbarkeit ist stark
reduziert wenn nicht völlig ausgeschlossen. Trotz dieser Widrigkeiten, das zeigt
der Alltag, gelingt der Aufbau von ‚indirekten Bedeutungsbeziehungen‘ erstaunlich
gut und kann sehr weit ausgreifen. Allerdings erscheinen die ‚Grenzen‘ dieses
Verfahrens ‚fließend‘ zu sein.

(14) Eine Bewusstseinsphilosophie auf der Suche nach transzendentalen Strukturen
wird also letztlich nur soweit kommen können wie einerseits (i) das Erleben als
solches Inhalte verfügbar machen kann und zum anderen (ii) nur insoweit, als
eine gemeinsame Sprache verfügbar ist, die es erlaubt, die verfügbaren
Unterscheidungen im Raum des Erlebens sprachlich zu kodieren.

(15) Husserl selbst blieb in der Struktur seines Erlebens letztlich ‚gefangen‘
und alle seine Bemühungen zur Einordnung von kontingenter Welterfahrung und
transzendental bedingter Metaphysik enden an den Grenzen des puren Erlebens
(inklusive der darin fassbaren allgemeinen Sachverhalte)

(16) In der Philosophie nach Husserl gab es unterschiedliche Strömungen, den
phänomenologischen Ansatz anders zu deuten oder gar weiter zu entwickeln, doch
die schier unüberwindlich erscheinende Gegenübersetzung von kontingenten
Erlebnisinhalten (und den darauf aufbauenden entsprechend angenommenen kontingenten
Einzelwissenschaften) und transzendentalen Sachverhalten paralysierte alle
Nachfolger (einschließlich z.B. Heidegger, Derrida, Lyotard).

(17) Folgt man den Einsichten zum Sprachgebrauch dann kann deutlich werden,
dass die Formulierung abstrakter Modelle (formaler Theorien) sowohl zur
Beschreibung von Regelhaftigkeiten im Kontext von kontingenten Inhalten benutzt
werden kann wie auch zur Beschreibung von transzendentalen Eigenschaften des
Erlebens. Mehr noch, die Entwicklung von empirischen Theorien mit ‚formalen
Kernen‘ hat gezeigt, dass Dasjenige, was den ‚Erkenntnisinhalt‘ solcher
Theorien ausmacht, gerade nicht das kontingente Faktum als solches ist,
sondern jene ‚Regelhaftigkeiten‘, die anläßlich des kontingenten Auftretens
durch ‚Speicherung der Ereignisse‘ ’sichtbar‘ werden und eben als diese
‚Regeln‘ dann in eine formale Strukturbildung Eingang finden. Statt – wie
Husserl dies tut – hier von der ‚Transzendenz‘ der empirischen Bedeutungen zu
sprechen, vom ‚unendlichen Horizont der Bedeutung‘ (was in gewissem Sinne
schon einen ‚Sinn‘ ergibt), wäre es vielleicht hilfreicher, sich klar zu machen,
dass die kontingenten Inhalte als solche dem bewussten Erleben gegenüber
auch ‚transzendental‘ sind, dem Erleben ‚vorausgehend‘, und dass die ‚Extraktion‘
von Regeln in den transzendentalen Inhalten ein Denkprozess ist, der als solcher
transzendental ist. Es ist das ‚transzendentale Denken‘ das sich aus den
transzendentalen Phänomenen jene Eigenschaften extrahiert, die über das
einzelne Phänomen hinausweisen und als allgemein Gedachtes dann zur
‚Voraussetzung‘ des weiteren Denkprozesses wird. Zugleich sind die
erkannten Regeln in ihrer möglichen ontologischen Interpretation ebenfalls
ein ‚transzendentales Etwas‘ für das erkennende Denken.

(18) Findet somit schon über die Dimension des Zeichengebrauchs eine gewisse
Annäherung zischen dem ‚Kontingenten‘ und dem ‚Transzendentalem‘ statt, so haben
uns die modernen empirischen Wissenschaften darüber belehrt, dass die allgemeinen
Strukturen des Erlebens (und darin enthalten Erinnern, Abstrahieren, Denken usw.)
zwar aus der Perspektive des Erlebens selbst als etwas Transzendentales, als
etwas nicht weiter Hintergehbares erscheinen, dass aber mit Hilfe von formalen
Theoriebildungen anhand von kontingenten Fakten klar geworden ist, dass
diese transzendentalen Strukturen letztlich selbst kontingent sind, nämlich
jene Strukturen, die sich im Rahmen der Evolution im Laufe von ca. 3.5 Milliarden
Jahren in Interaktion mit der vorfindlichen Erde entwickelt haben. Und diese
Strukturen sind kein ‚Endpunkt‘, sondern nur eine ‚Zwischenstation‘ in einem
Prozess, dessen Ende noch niemand kennt. Eine Metaphysik auf Basis rein
transzendentaler Sachverhalte im Sinne Husserls – also unter Ausklammerung der
Erkenntnisse aus den kontingenten Inhalten – erscheint von daher sehr fragwürdig,
mehr noch, sie führt – wie es bislang der Fall ist –, zu einer Fülle
unauflöslicher Paradoxien.

(19) Nimmt man die neuen Einsichten auf, dann lässt sich ein interessanter neuer
– und dynamischer – Ansatzpunkt für eine die ganze Welterfahrung umspannende
Metaphysik skizzieren. Den Kern bilden emirische Theorien mit formalen
Theoriekernen, die im Erleben verankert sind. Das Erleben ist aber korreliert
mit den Erkenntnissen über die Strukturentwicklung von Körper und Gehirn.
Dies ist notwendig, da die transzendentalen Voraussetzungen des individuellen
Erlebens innerhalb des individuellen Erlebens zwar einen ‚absoluten‘ Rahmen
bilden, insofern das Individuum aber Teil einer Population ist, die eine
evolutionäre Entwicklung hinter sich hat, ist dieser individuelle transzendentale
Rahmen eine ‚gewordene‘ Struktur, die ihre Wahrheit aus den bisherigen
Interaktionserfolgen mit der vorgegebenen Erde bezieht. Die Erde selbst ist
aber nur ein winziger Teil des Universums, in dem schon alleine die Milchstrasse
als unser Heimatgalaxie mehr als 200 Miliarden Sonnen enthalten soll. Es
wäre also zu klären, worin das ‚Allgemeine‘ in der Struktur liegt, die wir
bislang ‚empfangen‘ haben und inwieweit man dies über die Erde hinaus ausdehnen
kann.

(20) Jede künftige Philosophie ist entweder eine Philosophie des Lebendigen
im Universum unter Einbeziehung aller empirischen Wissenschaften oder sie
degeneriert zu einem bloßen ‚Meinen‘ von einzelnen Personen, bei dem nicht klar
ist, was sie sagen wollen, weil die Beziehung zum Ganzen des Wissens willkürlich
beschnitten wurde.