ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 13 – Fokussierung und Unbewusstes – Teil1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 9.Dez. 2018
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe den Überblick samt Diskussionen HIER.

KURZFASSUNG

Schwerpunktmäßig diskutiert Edelman im ersten Teil dieses Kapitels den methodischen Status des ‚Bewusstseins‘ aus Sicht dessen, was er ‚Wissenschaft‘ nennt. Gegen Ende erzeugt er allerdings ein methodisches Chaos. Teil 2 des Kapitels folgt.

Kap.13: Fokussierung und Unbewusstes (‚Attention and the Unconsciousness‘)

  1. Vorweg sei darauf hingewiesen, dass eine eins-zu-eins Übersetzung des Ausdrucks ‚attention‘ schwierig bis unmöglich ist. Mögliche Worte wie ‚Aufmerksamkeit‘, ‚Achtsamkeit‘ oder ‚Konzentration‘ überlappen sich in ihrer Bedeutung nur z.T. mit dem, was Edelman beschreibt. Das Wort ‚Fokussierung‘ kommt der Sache nach meinem ‚Sprachgefühl‘ am nächsten, ist aber auch nicht optimal. Von daher bleibt hier nur der Hinweis und der nachfolgende Text.
  2. In diesem Kapitel will sich Edelman nochmals dem Thema ‚Bewusstsein‘ zuwenden und der Frage, wie man darüber eigentlich reden kann. Er stellt aber auch fest, dass man nicht nur über ‚Bewusstsein‘ isoliert reden muss, sondern, wenn Bewusstsein, dann auch über die Tatsache, dass ein guter Teil unseres bewussten Verhaltens ‚unbewusst geleitet‘ (‚unconsciously driven‘) ist, und er verweist hier direkt auf Sigmund Freud. (vgl. S.137)
  3. Edelman erwähnt jene Art von Einwand zu seinen bisherigen Ausführungen, der  kritisiert, dass er zwar jene ‚physiologische Maschinerie‘ beschrieben hat, die ‚hinter‘ dem Bewusstsein liegt, eben jenes ermöglicht, aber er habe damit gerade nicht das ‚Fühlen des Ich bin mir bewusst‘ beschrieben, noch ‚warum ich mich bewusst fühle‘. (vgl. S.137)
  4. Es sollte jeden – nicht nur jeden Philosophen – aufhorchen lassen, wenn an dieser Stelle einer der führenden Gehirnwissenschaftler seiner Zeit feststellt: „Bewusstsein ist fremd, mysteriös, das ‚letzte Geheimnis‘.“ (S.137f)
  5. Und es spricht für das explizite philosophische, wenn nicht gar wissenschaftsphilosophische, Bewusstsein von Edelman, dass er darauf aufmerksam macht, dass man sich für eine ‚Antwort‘ auf diese genannten Einwände sehr genau der ‚Grenzen‘ (‚limits‘) von jeglichem wissenschaftlichen Erklärungsanspruch bewusst machen muss und man explizit aufzeigen muss, was das Besondere (‚what is special‘) an jeder Art von Erklärung zum Bewusstsein ist. (vgl. S.138)
  6. Damit Edelman in dieser methodisch bewussten Weise vorgehen kann, benötigt er natürlich ein klares Konzept von Wissenschaft, eines, das im Alltagsgeschäft ‚entscheidbar‘ ist, so dass man tatsächlich eine Verständigung darüber bekommen kann, ob es sich um eine wissenschaftliche Erklärung handelt oder nicht.
  7. Er umschreibt dann das, was er unter einer ‚wissenschaftlichen Erklärung‘ versteht wie folgt: (i) im Kern baut Wissenschaft auf ‚formalen Beziehungen zwischen Eigenschaften‘ (‚formal correlations of properties‘) auf, wobei die Eigenschaften sowohl (ii) durch ‚Begriffe‘ (‚terms‘) beschrieben werden, als auch durch (iii) ‚theoretische Konstrukte‘ (‚theoretical constructs‘) , die möglichst sparsam (‚parsimoniously‘) alle ‚Aspekte‘ (‚aspects‘) dieser formalen Korrelationen beschreiben, und zwar ‚ohne Ausnahme‘ (‚without exception‘). Jene Begriffe (Terme), die die Eigenschaften beschreiben, müssen (iv) zwischen beliebigen menschlichen Beobachtern mit Bewusstsein ausgetauscht und verstanden werden können. Es gilt ferner (v), dass solche beschreibenden Begriffe in Experimenten ‚wiederholt‘ werden können, dass (vi) ’neue Begriffe gebildet‘ werden können, und (vii) die ‚Gesetze der Logik‘ eingehalten werden müssen. (vgl. S.138)
  8. Erstaunlich ist, dass Edelman an dieser methodisch so exponierten Stelle keinerlei Verweise auf irgendwelche Positionen angibt, mit Bezug auf diese er seine eigene Position irgendwie weiter motivieren würde. Er spricht so, als ob das, was Wissenschaft ist, aus sich heraus jedem Menschen klar sein müsste. Dies ist merkwürdig, wenn man weiß, dass die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren intensiv darum gerungen hat, was es denn heißt, ‚Wissenschaft‘ zu betreiben und nicht ‚Nicht-Wissenschaft‘.
  9. Unter Voraussetzung seines Wissenschaftsbegriffs kann Edelman ein Beispiel konstruieren, welches er als ’nichtwissenschaftliche Beschreibung‘ (’nonscientific description‘) klassifiziert.
  10. Als Beispiel nimmt er einen Trancezustand an, der durch Drogen herbeigeführt wurde. Während dieses Zustands hat er besondere Empfindungen (’sensations‘), Erinnerungen und Emotionen. Davon berichtet er.(vgl. S.138)
  11. Nach Edelman könnte jetzt ein Wissenschaftler zwar diesen seinen persönlichen Bericht mit beispielsweise 19 anderen vergleichen und auf diese Weise in den Berichten irgendwelche Muster erkennen, aber auf diese Weise würde der Wissenschaftler auf keinen Fall seine tatsächlichen aktuellen Gefühle, seine besondere Geschichte, seine Weise des Vergessens in irgendeiner Weise zuverlässig, detailliert oder verallgemeinernd erfassen und darstellen können. Wissenschaft scheitert angesichts individueller Geschichten.(vgl. S.138)
  12. Für jeden einzelnen mit einem Bewusstsein ist es zwar verständlich, dass ihm seine Bewusstheit zur Frage werden kann, dass er für sich in seiner Bewusstheit nach einer Erklärung sucht (‚I demand an explanation of my own consciousness‘), aber für diese Frage, für diesen Erklärungsanspruch gibt es nach Edelmann keine wissenschaftliche Antwort. (‚it is not a scientific act, to do so‘; ‚the demand is not a scientifically reasonable one‘).(vgl. S.138)
  13. Damit bleibt also jedem einzelnen seine ‚Bewusstheit‘, für die es aber – nach Edelman — keine wissenschaftliche Erklärung gibt.
  14. Andererseits referiert Edelman Beispiele von Experimenten, in denen bestimmte Verbindungen im Gehirn getrennt wurden (bei Menschen, warum?), was dazu führte, dass diese Menschen zwar immer noch Dinge wahrnehmen konnten, aber davon keine Bewusstheit mehr besaßen. Er beschreibt dies als eine ‚Theorie des Bewusstseins mit operationalen Komponenten‘. (vgl. S.139) Es ist aber nicht klar, warum diese Theorie eine ‚Theorie des Bewusstseins‘ (‚theory of consciousness‘) genannt werden kann, wenn doch wissenschaftlich gar keine direkten Beschreibungen von ‚Inhalte des Bewusstseins‘ möglich sein sollen? Im angeführten Beispiel werden Experimente benutzt, in denen Menschen in ihrem Verhalten so reagieren, als ob sie die Gesichter der Menschen erkannt haben, obgleich sie behaupten, sie haben sie nicht ( bewusst) erkannt. Kurz vorher hat Edelman ausgeschlossen, dass Behauptungen über individuelle Bewusstseinsinhalte ‚einen wissenschaftlichen Status‘ haben können. Wie geht das zusammen? (vgl. S.138f)
  15. Und Edelman kommt nochmals zurück auf das manifeste menschliche Bedürfnis, sich in seiner Bewusstheit ‚erklären‘ zu können. Er geht davon aus, dass jede individuelle Bewusstheit eine einzigartige Geschichte hat, eingebettet und ermöglicht durch den individuellen Körper (‚embodiment‘), eingeflochten in soziale Interaktionen, aus denen heraus das ‚Bild von einem selbst‘ sich entwickelt hat. Und Edelman wiederholt seine Feststellung, dass es auf die Frage nach dem besonderen individuellen Format keine wissenschaftliche Erklärung geben kann (‚an explanation that science cannot give‘).(vgl. S.139)
  16. Edelman umschreibt dieses in seinem eigenen Geist (‚mind‘) sich Vorfinden, mit seiner eigenen individuellen Geschichte als eine ‚In-Sich-Eingeschlossen-Sein‘ (‚locked-in‘), ein ‚Geheimnis‘ (‚mystery‘). (vgl. S.139)
  17. In einer Art Gedankenexperiment stellt Edelman sich die Frage, ob man das Geheimnis ein wenig lüften könnte, wenn man ein ‚Artefakt‘ (‚artifact‘) bauen könnte (also letztlich eine Maschine), das ein Bewusstsein und Sprache entwickeln würde, wobei man aber mit den ermöglichenden Strukturen variieren könnte. Dann könnte man vielleicht eher wissenschaftlich ermitteln, was die besondere Natur des Bewusstseins wäre.(vgl. S.139) Allerdings sei angemerkt, dass auch in diesem Fall wieder ungeklärt bleibt, wie man wissenschaftlich über das Phänomen ‚Bewusstsein‘ urteilen kann, wenn man es als solches wissenschaftlich doch gar nicht beschreiben kann? Auch ein Vergleich von ‚Bewusstsein‘ und ‚Nicht-Bewusstsein‘ macht nur Sinn, wenn ich zuvor wissenschaftlich entscheidbar feststellen kann, was ‚Bewusstsein‘ ist. Das ‚Geheimnis‘ des Phänomens Bewusstsein pflanzt sich also fort auf alle erdachten wissenschaftlichen Kontexte, in denen man ‚etwas wissenschaftlich Beschreibbares‘ mit ‚etwas wissenschaftlich nicht Beschreibbares‘ vergleichen will. Und es wäre nach dem von Edelman benutzen Kriterium von Wissenschaftlichkeit nicht sehr wissenschaftlich, sich durch solche pseudowissenschaftlichen Verfahren eine Aussage zu ‚erkaufen‘, die eigentlich nicht möglich ist.
  18. Das ‚Geheimnisvolle‘ des Bewusstseins wird möglicherweise noch verstärkt durch die wissenschaftlichen Fakten, die belegen, dass unser ‚Geist‘ (‚mind‘) sich zeigt in der physikalischen Interaktion von einer unfassbar großen Menge von unterschiedlichen Organisationsebenen (im Gehirn, dann aber auch Körper), von der molekularen Ebene aufwärts bis hin zu sozialen Interaktionen. Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut darin, sich diese Komplexitäten vorzustellen. (vgl. S.140)
  19. Dass Edelman hier plötzlich nicht mehr vom ‚Bewusstsein‘ spricht, sondern vom ‚Geist‘ (‚mind‘) wird von im nicht speziell motiviert oder erklärt, dabei ist der Begriff ‚Geist‘ zunächst mal ein ganz anderer Begriff, mit einer sehr speziellen Tradition in der Geschichte der Philosophie, Kultur und Wissenschaft, und ein Zusammenhang von ‚Bewusstsein‘ und ‚Geist‘ ist aus sich heraus nicht ohne weiteres klar. Wissenschaftlich ist diese Verwendungsweise des Begriffs ‚Geist‘ hier nicht. Auch ein Philosoph muss sich hier ’schütteln’…
  20. Trotz des methodisch ungeklärten Status des Begriffs ‚Geist‘ stellt Edelman die Frage, was einerseits ‚leicht‘ (‚easy‘) sei, sich zu diesem Begriff vorzustellen (‚imagine‘), und was ist ’schwer‘ (‚hard‘).(vgl. S.140)
  21. Ohne also zu erklären, was es mit dem Begriff ‚Geist‘ auf sich hat, stellt Edelman dann ohne weitere Begründung fest, dass mit ‚Geist‘ einfach folgenden Phänomene zu verknüpfen seien: (i) die Arbeitsweise der neuronalen Strukturen des Gehirns ist mit ihren Inputs und Outputs, ferner (ii) die Verhaltensmuster eines Lebewesens und die physikalischen Reize der umgebenden Welt, dazu (iii) verschiedene ’soziale Transmissionen‘, Verhaltensprägungen, dazu das, was Menschen ‚glauben‘, ‚wünschen‘ und ‚intendieren‘.(vgl. S.140) Schwieriger lassen sich hingegen folge Phänomene mit ‚Geist‘ verknüpfen: (i) Das Ergebnis von simultanen Aktionen in parallel arbeitenden Populationen von Neuronen; (ii) das Gedächtnis als einer Systemeigenschaft, die sich nicht direkt aus den einzelnen synaptischen Änderungen der darunter liegenden neuronalen Maschinerie bestimmen lässt; (iii) komplexe psychologische Phänomene wie ‚Bewusstsein‘; (iv) die Idee eines sozial konstruierten Selbst, das sowohl auf bewussten wie unbewussten Prozessen beruht. (vgl. S.140)
  22. Diese ganze Liste, eine Konstruktion, erscheint in jeder Hinsicht als methodisch unklar und willkürlich, mit ‚Wissenschaft‘ im Sinne von Edelman hat dies erkennbar nichts zu tun.
  23. Dieses methodische Chaos wird leider durch die nachfolgenden Bemerkungen noch weiter ausgebaut. Einmal stellt Edelman fest, dass diese Listen – insbesondere die zweite – ‚psychologische Prozesse‘ (psychological processes‘) beschreiben, und dass es ein Anliegen sein könnte, diese mittels einer ‚Theorie des Gehirns‘ (‚brain theory‘) zu verstehen. Bis heute ist nicht einmal im Ansatz klar, wie man eine ‚psychologische‘ und eine ’neuronale‘ Theorie miteinander über eine Brückentheorie verknüpfen kann. (Anmerkung: Das bislang im Umlauf befindliche Paradigma der ‚Neuropsychologie‘ bleibt fast alle wichtigen methodischen Fragen bislang schuldig). Dann behauptet Edelman noch, dass Mathematik und eine gute Theorie alleine nicht ausreichen, um die Konsistenz der komplexen Strukturen und Dynamiken zu verstehen, sondern dass man ’synthetische Computer Modelle‘ benötigt, mit denen man diese Prozesse ’simulieren‘ kann.(vgl. S.141)
  24. Dass Edelman solche Feststellungen treffen kann, obgleich er zuvor ein Kriterium für Wissenschaftlichkeit formuliert hat, zeigt, dass er seinen Wissenschaftsbegriff nicht wirklich durchdacht hat. Denn nach den Erkenntnissen der Wissenschaftsphilosophie lassen sich ‚wahrheitsfähige‘ Aussagen zur Überprüfung des empirischen Gehalts einer Theorie (‚trifft sie zu‘) bzw. metalogische Qualifikationen (‚Konsistenz‘, ‚Vollständigkeit‘) nur mit solchen Theorien gewinnen, die vollständig formalisiert sind. Andernfalls ist der Status dieser Theorien unklar. Dass bei den heutigen komplexen Gegenstandsbereichen Computermodelle benötigt werden, um Details zu berechnen, um die kombinatorischen Räume zu durchsuchen, ist richtig. Aber ein Computermodell ist ein Algorithmus, ein Algorithmus ist eine Funktion, und eine Funktion kann niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein. Allerdings kann man Funktionen als Terme in Aussagen einfügen, die prinzipiell ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein können. Computermodelle sind also kein ‚Ersatz‘ für eine ‚Theorie‘, sondern wundervolle Ergänzungen. Dieser Mangel an theoretischer Klarheit schlägt bei Edelman in diesem Kapitel leider voll durch. Doch sollte man deshalb seine ansonsten genialen Einsichten dadurch nicht wegreden; die wissenschaftsphilosophischen Defizite lassen sich vermutlich ‚reparieren‘.
  25. Fortsetzung folgt

 

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SELBSTBESCHREIBUNG UND MEDITATION

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 12.Nov 2018
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
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Letzte Korrekturen: 14.Nov.2018 {Nr.6, Nr.10, Nr.13 }

 

KONTEXT

Der folgende Text steht thematisch im Zusammenhang mit den beiden vorausgehenden Beiträgen zum Thema ‚Wissenschaft und Meditation‘ sowie ‚Meditation im Alltag‘. Während der erste Beitrag ‚Wissenschaft …‘  sich die Frage stellte, ob man das kulturelle Phänomen ‚Meditation‘ in einen irgendwie sinnvollen Zusammenhang mit ‚empirischer Wissenschaft‘ sehen kann, ging es im zweiten Beitrag ‚… im Alltag‘  um das konkrete Tun beim Meditieren, zumindest bei jener Form des Meditierens, bei der man sich in eine ‚Ruhestellung‘ begibt, in der man sich selbst zum Gegenstand macht.

SELBSTBEOBACHTUNG ALS THEMA

Das Thema ‚Selbstbeobachtung‘ ist so alt, wie es philosophisches Denken gibt und hat selbst in den empirischen Wissenschaften nicht an Bedeutung verloren. Das Thema voll darzustellen würde allerdings mindestens ein ‚dickes‘ Buch verlangen, eher mehr. Von all den philosophischen Varianten und wissenschaftlichen Diskussionen soll hier aber abgesehen werden, um in einer überschaubaren Weise eine (‚die‘?) grundlegende Perspektive formulieren zu können, die sich heute unter Berücksichtigung von Philosophie und modernen Wissenschaften als Arbeitshypothese formulieren lässt. Arbeitshypothesen bringen es mit sich, dass man sie kritisieren und weiter verbessern kann.

SELBSTBEOBACHTUNG UND MEDITATION

Die neuerliche Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Selbstbeobachtung‘ in diesem Blog (bislang nicht unter dem Stichwort ‚Selbstbeobachtung‘ sondern eher in Verbindung mit Stichworten wie ‚Phänomene‘, ‚Phänomenologie‘, usw.) wurde stimuliert durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Meditation‘, innerhalb deren es neben der theoretischen Auseinandersetzung auch die konkrete Praxis, das konkrete Meditieren gibt. Diese konkrete Praxis eröffnet dem Meditierenden einen an sich unendlichen Raum an möglichen Ereignissen, konkret gefüllt mit einem bunten Strauß an Ereignissen und Veränderungen, die im Wahrnehmen Deutungen erlauben. Was aber ist eine ‚richtige‘, ‚angemessene‘ Deutung?

PHILOSOPHISCHER DEUTUNGSKONTEXT

In einer Kooperation von moderner (Wissenschafts-)Philosophie und modernen wissenschaftlichen Disziplinen lässt sich folgender ‚Rahmen‘ für mögliche Wahrnehmungen und Deutungen formulieren, der allgemein gilt, nicht nur für das Meditieren.

Ausgehend von dem Abschnitt ‚BEOBACHTUNG: SUBJEKTIVITÄT – OBJEKTIVITÄT‘ in dem schon oben erwähnten Beitrag ‚Wissenschaft …‘ werden hier folgende Annahmen gemacht (siehe Schaubild):

Unterschiedliche Datenquellen zusätzlich zur Introspektion

Unterschiedliche Datenquellen zusätzlich zur Introspektion

  1. Die verhaltensorientierten Wissenschaften, allen voran die Psychologie, benutzen vorwiegend Daten aus Verhaltensbeobachtungen. Diese Daten werden hier D_SR genannt (‚S‘ für Stimulus und ‚R‘ für Response). Damit kann die experimentelle Psychologie zwar nicht direkt in das ‚Innere‘ eines biologischen Systems schauen (Tiere, Menschen, …), wohl aber ist es möglich, auf der Basis solcher Daten explizite ‚Verhaltens-Theorien‘ (T_SR) zu formulieren, die mit ‚hypothetischen Annahmen‘ über ‚innere Zustände‘ arbeiten, mit deren Hilfe sich das äußerlich beobachtbare Verhalten ‚erklären‘ lässt. Berühmte Beispiele hierfür sind einmal das Konstrukt des ‚Unbewussten‘ in der Psychoanalyse oder das Konstrukt des ‚Gedächtnisses‘.
  2. Mit der Weiterentwicklung der allgemeinen Physiologie — hier insbesondere mit dem Spezialgebiet ‚Gehirn‘ – konnte die Wissenschaft den Bereich der objektivierbaren Daten weiter ausdehnen auf das ‚Innere des Körpers‘, die verschiedenen Organe, ihre Funktionsweisen und Interaktionen. Diese Daten werden hier D_PHYS genannt. Fasst man die Vielzahl der inneren Strukturen als ‚Input-Output-Systeme‘ auf, dann kann man auf der Basis der Beobachtungsdaten eine Vielzahl von Hypothesen über die Verhaltensfunktion solcher Input-Output-Systeme in Form von physiologischen Theorien (T_PHYS) formulieren.
  3. Sowohl die Daten wie auch die möglichen Theorien zum äußerlich beobachtbaren Verhalten wie auch zu den inneren Strukturen sind zunächst ‚unabhängig‘ voneinander. Man kann von der Theorie des Verhaltens T_SR nicht direkt auf Eigenschaften der inneren Strukturen T_PHYS schließen und auch nicht umgekehrt. Andererseits spricht alles dafür, dass die inneren Strukturen – beschrieben in einer möglichen Theorie T_PHYS – verantwortlich sind für das äußerlich beobachtbare Verhalten D_SR, das in einer möglichen Theorie T_SR beschrieben wird. Es wäre also naheliegend, eine Art ‚Brückentheorie‚ zu bauen (‚Psychophysiologie‘ oder ‚Physiopsychologie‘), in der die beiden Theorien T_SR und T_PHYS explizit als T_SR_PHYS miteinander in Beziehung gesetzt werden (als ‚Neuropsychologie‘ ist diese Idee schon länger bekannt, aber diese stellt eine Engführung des eigentlichen Themas dar und die wissenschaftsphilosophische Konzeption der bisherigen Arbeiten erscheint bislang nicht ganz überzeugend).
  4. Die soeben skizzierten Typen von Daten D_SR und D_PHYS sind relativ weit verbreitet. Was nicht so verbreitet ist, das ist die Inbeziehung-Setzung dieser Daten zum Bewusstsein. Entsprechend der großen Tradition der empirischen Wissenschaften, die den Zugriff auf die Wirklichkeit an die Verfügbarkeit von externen Messprozessen geknüpft hatten, um sich von den vielen falschen Ansprüchen einer damals noch unkritischen Philosophie abzugrenzen, ist die mögliche Bedeutung und Rolle der bewusstseinsbasierten Daten – hier D_PH genannt – etwas aus dem Blick geraten, soweit, dass lange nicht mehr klar war, wie man überhaupt empirische Daten (D_SR und D_PHYS) mit Bewusstseinsdaten (D_PH) in Beziehung setzen kann.
  5. Erst ganz langsam setzt sich mit den neueren Erkenntnissen von Biologie, Physiologie und Psychologie wieder die Einsicht durch, dass das Gehirn als ‚Ermöglichung von Bewusstheit‘ selbst ja gar keinen direkten Bezug zur empirischen Außenwelt besitzt. Über komplexe Signalprozesse werden dem Gehirn Außenweltereignisse mehrfach übersetzt zur weiteren Bearbeitung übermittelt, ebenso Ereignisse aus dem Körper wie auch aus dem Gehirn selbst. Aus all dem konstruiert das Gehirn ein dynamisches Modell der Gesamtsituation, die dann in einem biologischen System das spezifische Gesamtphänomen ‚Bewusstsein‘ ermöglicht, innerhalb dessen das System den ‚Eindruck‘ hat, dass ‚es selbst‘ unterschiedliche ‚Phänomene (PH) erlebt‘. Diese Phänomene repräsentieren nach heutigem Wissensstand nur einen winzigen Teil aller Ereignisse im Körper. Man nimmt daher – spätestens seit Freud — neben der Bewusstheit des Bewusstseins auch ein ‚Unbewusstes‘ an. Verschiedene weitere Annahmen über ein ‚Vor-Bewusstes‘ (so Freud) oder ein ‚temporäres Bewusstsein‘ spielen hier keine wesentliche Rolle, da die Phänomene des Bewusstseins allesamt aus dem Un-Bewussten herrühren und somit das Unbewusste punktuell und temporär ’sichtbar‘ machen.
  6. Mit dieser neueren Einsicht in die Gesamtarchitektur des biologischen Erkennens kann man die Beziehung zwischen empirischen Verhaltens- und Körperdaten einerseits (D_SR, D_PHYS) und Bewusstseinsdaten (D_PH) andererseits neu gewichten: auch das, was wir empirische Daten nennen sind letztlich auch Bewusstseinsdaten (!), allerdings mit der Besonderheit, dass man diese Bewusstseinsdaten mit externen Messprozeduren korrelieren kann, die parallel zu den Bewusstseinsdaten realisiert werden und die selbst sowie ihre Messergebnisse D_SR und D_PHYS zugleich auch Daten des Bewusstseins D_PH_SR und D_PH_PHYS sind. Nur weil sie auch bewusst sein können, wissen wir von ihrer Existenz, und nur wenn diese Daten uns bewusst sind, können wir mit ihnen bewusst umgehen und mit ihnen bewusst arbeiten.
  7. Die sogenannte ‚Kluft‘ zwischen Philosophie und den empirischen Wissenschaften ist daher eher ein ‚Artefakt des Denkens‘. Damit wird die besondere Stellung der empirischen Wissenschaften weder in Frage gestellt noch geschmälert, sondern es wird deutlich, wie die empirischen Wissenschaften letztlich als ein ‚Philosophieren mit anderen Mitteln‘ betrachtet werden können. Das ‚empirische Messen‘ ist von daher eine spezielle Methode, durch die die Philosophie in bestimmten Teilbereichen deutlich ‚mehr‘ erkennen kann als ohne diese Methoden.
  8. Was damit allerdings auch klar wird: statt dass sich die Philosophie – wie so oft in der Vergangenheit – mit ‚Abscheu‘ von den empirischen Wissenschaften abwendet, hat sie eine ganz besondere Verantwortung, diesen extrem wichtigen Teil einer ‚empirischen Philosophie‘ besonders zu pflegen. Die methodischen Herausforderungen, die sich hier stellen, sind enorm und übersteigen alles, was die Philosophie zuvor getan hat.
  9. In diesem Kontext sei auch besonders hingewiesen auf die vollautomatischen (= unbewussten) Prozesse der ‚induktiven Kategorienbildung‘ im Rahmen von Wahrnehmung und Gedächtnis. Was immer an Wahrnehmungsereignisse das ‚Gedächtnis‘ erreicht (ein Teilsystem des Gehirns), es wird automatisch als ein prototypisches Muster ‚angelegt‘, das sich nach impliziten Ähnlichkeitskriterien kontinuierlich ‚anreichern‘ kann. Nur deshalb sind wir in der Lage, einen zuvor schon mal wahrgenommenen ‚Gegenstand‘ der Art ‚A‘ im Fall eines neuerlichen Vorkommens wieder als ‚A‘ oder ‚dem A ähnlich‘ wiedererkennen zu können.
  10. Nur weil es diese ‚automatische induktive Kategorienbildung‘ gibt können wir Sprachsysteme einführen und benutzen, deren Symbole sich auf solche Kategorien als ihren ’natürlichen Gegenständen‘ beziehen. Worte wie ‚Tisch‘, ‚Baum‘,  ‚Hund‘ usw. können sich  auf einen konkreten Gegenstand X beziehen, weil der konkrete Gegenstand X  hinreichend viele ‚Ähnlichkeiten‘ mit der jeweiligen  induktiv entstandenen natürlichen Kategorie ‚Tisch‘, ‚Baum‘,  ‚Hund‘ usw aufweist. Die potentielle Menge von konkreten Objekten X in der realen Welt, die sich auf solch eine Weise einer ‚induktiven Gegenstandskategorie‘ zuordnen lassen,  sind daher implizit ‚offen‘, nicht wirklich ‚begrenzbar‘. Zudem  muss man  davon ausgehen, dass die konkrete Füllung dieser Gegenstandskategorien im Kontext einer natürlichen Sprache bei den einzelnen Menschen stark variieren kann, je nach individueller Erfahrung.
  11. Im Kontext der empirischen Wissenschaft sind solche ‚prinzipiell offenen Bedeutungskategorien‘ unerwünscht. Will man ‚Vieldeutigkeiten‘ vermeiden gibt es bislang zwei Strategien, um diese zu minimieren:
    1. Einführung von Fachsprachen innerhalb der normalen Alltagssprache: man versucht die benutzten Begriffe durch entsprechende Regeln zu ’normieren‘;
    2. Einführung von formalen Kunstsprachen, deren Bedeutungszuordnung durch explizite Bedeutungsregeln sichergestellt werden sollen.
  12. Beide Strategien haben sich als nicht vollständig umsetzbar erwiesen. Am erfolgreichsten erscheint bislang die Strategie der formalen Fachsprachen mit expliziten Bedeutungsregeln, und hier insbesondere die Sprache der modernen Mathematik, bekannt als ‚mengentheoretische Sprache‘ und diverse Formen von ‚Strukturbildungen mit Interpretationsbegriff‘.
  13. Grundsätzlich ist es möglich, dass man mittels einer formalen Kunstsprache ‚künstliche formale Kategorien‘ einführt, die über ‚spezielle Bedeutungszuordnungen‘ nur eine endliche Menge von klar definierten Eigenschaften umfassen oder, zumindest auf rein formaler Ebene, überabzählbar viele  Mengen von Eigenschaften unterschiedlicher Strukturen. Diese Möglichkeit von ‚künstlichen formalen Kategorien‘ hat sich in der empirischen Forschung – z.B. in der Physik – als extrem wichtig erwiesen, da die Eigenschaften der empirischen Welt oft so ganz anders zu sein scheinen als es die gewohnte induktive Kategorienbildung des menschlichen Gehirns nahelegt.
  14. Unter Einbeziehung des Aspekts ‚Sprache‚ lässt sich das Verhältnis von moderner Philosophie und moderner empirischen Wissenschaft nochmals präziser fassen: mittels definierter empirischer Messprozeduren (MSE) und daraus resultierenden empirischen Messergebnissen (D_EMP) ergeben sich im Rahmen des Bewusstseins (CONSC) spezifische Phänomene (D_PH_EMP), denen eben extern diese Messprozeduren korrespondieren. Als wahrgenommene Phänomene D_PH_EMP unterliegen sie allerdings den automatisch erzeugten induktiven Kategorienbildungen, auf die symbolische Ausdrücke einer Sprache bezogen werden können.
  15. Dabei ist zu beachten, dass die Ausdrücke einer Sprache auch sowohl als empirische Ereignisse (D_EMP_L) vorkommen wie auch als Phänomene (D_PH_EMP_L). Die Beziehung zwischen sprachlichen Ausdrücken und zugeordneten Bedeutungskorrelaten geschieht als unbewusster Prozess innerhalb des Gedächtnisses als Teil des Gehirns.
  16. Im Rahmen von Denkprozessen (teils unbewusst, teils bewusst), lassen sich beliebig viele formale Ausdrücke mit zugehörigen formalen Kategorien bilden. Im Falle von empirischen Wissenschaften müssen diese jeweils mit empirischen Phänomenen in Beziehung gesetzt werden können, um ihren Außenweltbezug herstellen zu können. Im Falle von vor-wissenschaftlichen Theorien wie einer unkritischen Metaphysik wurden zwar auch rein abstrakte, bisweilen sogar formale, Strukturen im Denken entwickelt, aber deren Geltung wurde gewöhnlich nicht nach festen Regeln auf empirische Außenweltereignisse zurückgebunden. Die negativen Auswirkungen eines solchen Vorgehens lassen sich im Rückblick untersuchen. Von heute aus gesehen liegt es daher nahe, die modernen empirischen Theorien als die genuinen Nachfolger der klassischen ‚metaphysischen‘ (= jenseits der Natur) Theorien zu betrachten, mit der Innovation, dass heute die potentiellen abstrakten (und formalisierten) Strukturen nach klar vereinbarten Verfahren an empirische Messprozesse zurückgebunden werden.
  17. Nach diesen vorbereitenden Überlegungen wird vielleicht verständlich, dass die ‚Phänomene‘ eines Bewusstseins für alle Disziplinen die ersten ’nicht weiter hintergehbaren‘ Daten darstellen. Die Einführung von empirischen Messverfahren hebt die Priorität von Phänomenen des Bewusstseins daher nicht auf, sondern ergänzt diese nur um zusätzliche Momente, die ‚berücksichtigt‘ werden sollten, will man über eine ‚Wirklichkeit‘ sprechen, die nicht nur im eigenen Bewusstsein zu verankern ist, sondern zugleich auch im ‚Zwischenbereich der Körper‘, den wir ‚empirische Welt‘ nennen.
  18. Damit stellt sich die Frage, was ist mit jenen ‚Phänomenen‘, die sich nicht mit empirischen Messverfahren korrelieren lassen; nennen wir diese abkürzend D_PH*, bestimmt durch die Gleichung D_PH* = D_PH – D_PH_EMP.
  19. Diese nicht-empirischen Phänomene D_PH* sind ja nicht weniger ‚wirklich‘ wie die empirischen Phänomene D_PH_EMP, nur fehlt ihnen ein definiertes Korrelat in der Zwischen-Körper-Welt. Alle diese nicht-empirischen Phänomene D_PH* entstammen letztlich dem Unbewussten (NON-CONSC).
  20. Aus dem Alltag wissen wir, dass alle Menschen aufgrund sehr ähnlicher Körper und Gehirnstrukturen vielerlei Phänomene kennen, über die sich eine gewisse ‚Einigkeit‘ herstellen lässt, weil sie die meisten Menschen ’sehr ähnlich‘ erleben, wie z.B. ‚Müdigkeit‘ nach längerem ’nicht Schlafen‘, ‚Hunger‘ nach längerem ’nicht Essen‘ usw .Man könnte also sagen, dass der ‚menschliche Körper‘ auch eine Art ‚Messgerät‘ ist, das bei entsprechendem ‚Verhalten‘ bestimmte ‚Zustände als Quasi-Messergebnisse‚ erzeugt, über die sich zwischen allen Beteiligten eine ‚praktisch hinreichende Einigkeit‚ erzielen lässt, wenngleich diese Einigkeit in der Regel nicht die ‚Präzision‘ hat, wie die technisch vereinbarten empirischen Messverfahren der Wissenschaften.
  21. Schwieriger wird es allerdings dann, wenn jemand ‚Phänomene‘ zu erleben meint, für die sich nicht sofort eine klare Ursache im Körper zuordnen lässt, die sich von anderen in ‚hinreichend ähnlicher Form‘ ’nachvollziehen‘ lässt. So kann es unterschiedliche Formen von ‚Schmerzen‘, ‚Emotionen‘, ‚Gefühlen‘, und ‚Stimmungen‘ geben, die sich nicht sofort ( auch nicht über längere Zeit) bestimmten körperlichen Prozessen zuordnen lassen. Dann wird eine zwischenmenschliche Verständigung schwierig. Der Angesprochene weiß dann nicht, mit welchen seiner ‚Erfahrungen‘ er die Äußerungen des anderen ‚in Verbindung bringen soll‘.
  22. Aus der schwierigen Kommunizierbarkeit von Phänomenen folgt allerdings nicht, dass diese ‚unwichtig‘, ‚unbedeutend‘ sind. Im Gegenteil, es können sehr wichtige Phänomene sein, die bislang – aus welchen Gründen auch immer – einfach von niemandem beachtet werden. So wie generell die Wissenschaft immer wieder neu um die Angemessenheit ihrer bisherigen ‚Terminologie‘ ringen muss, so müssen wir Menschen – insbesondere, wenn wir uns als Philosophen verstehen – unsere bisherigen Sprechweisen immer wieder neu an unseren Phänomenen ‚überprüfen‘.
  23. In diesem Kontext erscheint das ‚Meditieren‘ als eine der radikalsten Formen ‚eines sich seiner eigenen Erfahrung zensurfreien Aussetzens‘. Hier können sich viele Phänomene ereignen, die quer liegen zu den bisherigen Sprechweisen und die von daher neue Ausdrucksweisen erfordern.
  24. Aktuell ist dem Autor keine systematische philosophische Analyse der Phänomene des alltäglichen Erlebens inklusive speziell auch der Phänomene im Kontext von Meditation und Spiritualität bekannt. Zwar gibt es zahllose Artikel und Bücher zu diesem Thema, diese unterscheiden sich jedoch bezüglich Erfahrungskontexten, gewählten Sprachen und Methoden so stark, dass eine verallgemeinerte Aussage über diese Analysen aktuell nicht möglich erscheint; möglicherweise brauchen wir hier ein völlig neues Forschungsprogramm.
  25. Das Thema einer Super-Brückentheorie zwischen äußeren Verhaltensdaten, Körperdaten und Bewusstseinsdaten soll hier nur erwähnt werden. Eine solche Theorie wäre das ferne Ziel, das zu adressieren wäre.

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MEDITATION UND WISSENSCHAFT. Überlegungen zu einem Lehr- und Forschungsexperiment an einer Deutschen Hochschule

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KONTEXT

Das Hauptthema in diesem Blog ist seit Beginn die Suche nach dem neuen Menschenbild innerhalb der Koordinaten ‚Philosophie – Wissenschaft‘ ergänzt um die Themen ‚Gesellschaft – Technologie‘ und ‚Religion‘.

Im Laufe der Jahre haben sich aufgrund dieser Überlegungen immer wieder ‚Unterprojekte‘ außerhalb des Blogs herausgebildet, um die allgemeinen Überlegungen auch konkret zu prüfen bzw. umzusetzen.

Aktuell gibt es drei Unterprojekte: (i) Vorbereitet durch viele Jahre Vorlesungen gibt es ein online-Buchprojekt zum integrierten Engineering, das weit fortgeschritten ist. (ii) Ferner gibt es nun schon im vierten Semester ein Projekt ‚Meditation und Wissenschaft‘ an einer Deutschen Hochschule als reguläre interdisziplinäre Lehrveranstaltung, aus der ein erstes Buch hervorgegangen ist (kurz vor dem Druck), und zu dem es in wenigen Tagen einen ersten wissenschaftlichen Kongress geben wird. (iii) Seit dem Frühjahr 2018 hat sich im Anschluss an einen Kongress zur Städteplanung ein neues interdisziplinäres Projekt gebildet, das eine ziemlich direkte Umsetzung der Theorie des Engineerings ist, die unter (i) erwähnt wird (die aktuelle Webseite https://www.frankfurt-university.de/index.php?id=4664 verrät noch nicht all zu viel, aber eine deutlich erweiterte Fassung ist in Vorbereitung (bis ca. Mitte November) und adressiert alle Kommunen in Deutschland (und letztlich in ganz Europa). Eine weitere Variante adressiert Universitäten und Schulen, auch Firmen.

Hier soll kurz auf das unter (ii) genannte Projekt eingegangen werden.

GESELLSCHAFTICHE AUSGANGSLAGE

Wie in dem im Frühjahr 2019 erscheinenden Buch ausführlich dargelegt wird, erleben wir eine Zeit, in der aktuelle technologische Entwicklungen (sehr dominant: die sogenannte ‚Digitalisierung‘) die gewohnten Abläufe in der Gesellschaft von Grund auf neu formen. Zusätzlich wirbeln alte, bekannte Weltbilder mit neuen wissenschaftlichen Sehweisen, meist sehr fragmentiert, durcheinander und lassen den einzelnen eher verwirrt denn aufgeklärt zurück. Die konkreten Alltagsformate der einzelnen Menschen in den Industrieländern induzieren viele neue Stresssituationen, selbst schon bei Kindern, Jugendlichen und Studierenden, die das aktuelle Bildungssystem zu überfordern scheinen.

VERANTWORTUNG DER HOCHSCHULEN

In einem solchen Kontext müssen sich Hochschulen, auch die Hochschulen für angewandte Wissenschaften, neu orientieren und sortieren.

Traditionellerweise verbindet man mit Hochschulen ‚Wissenschaft‘, ‚wissenschaftliches Denken und Arbeiten‘, und es gibt zahlreiche juristische und organisatorische Abläufe, die diese Wissenschaftlichkeit absichern sollen. Aus Sicht des einzelnen Studierenden erscheint eine Hochschule aber immer mehr wie eine ‚Service-Maschine‘, die eine Vielfalt von Studienprogrammen anbietet, die jeweils kleine Ausschnitte aus dem großen Wissenskosmos vorstellt, die — in der Regel — weder mit dem Rest der Wissenschaft noch mit der Breite der Gesellschaft irgendetwas zu tun haben. Wichtiges Detail: der einzelne Studierende als ‚Person‘, als ‚Mensch‘ mit all seinen Facetten und heutigen Belastungen kommt in diesen Programmen normalerweise nicht vor. Dies ist ‚Privatsache‘. Da muss jeder auf eigene Faust schauen, wie er das ‚regelt‘.

Der wachsende ‚Veränderungsdruck‘ in der gesamten Gesellschaft, die Zersplitterung der kognitiven Landkarte in viele Fragmente, die nicht mehr zusammen zu passen scheinen, die allseitige Zunahme an körperlichen und psychischen Erkrankungen, kann man, wenn man will, als Anregung, als Herausforderung verstehen, den Ort ‚Hochschule‘ neu zu formen, um diesen greifbaren Defiziten mehr gerecht zu werden.

ERSTER ANTWORTVERSUCH

Eine umfassende Antwort würde möglicherweise in eine sehr grundlegende Reform der Hochschulen münden. Ob, wann und wie dies geschieht, weiß momentan sicher niemand. Aufgrund einer besonderen Situation an der Frankfurt University of Applied Sciences kam es im Frühjahr 2017 zu einer Initiative (Dievernich, Frey, Doeben-Henisch), die zum Start eines offiziellen Lehrmoduls ‚Meditation als kulturelle Praxis‘ führte, das sich seitdem inhaltlich immer mehr zur Thematik ‚Meditation und Wissenschaft‘ hin entwickelt hat.

Es soll hier einführend beschrieben werden, wie das Projekt so zwei unterschiedlich erscheinende Themen wie ‚Meditation‘ einerseits und ‚Wissenschaft und Technologie‘ andererseits miteinander zu einer Lehrveranstaltung mit forschendem Charakter verbinden kann. Zudem sollte es einen Beitrag zur personalen, menschlichen Situation der Studierenden leisten.

INTERDISZIPLINÄRES FELD STUDIUM GENERALE

Vorweg zu den Details der nachfolgenden Erläuterungen muss festgestellt werden, dass der Start zu dem neuen, innovativen, Projekt ‚Meditation als kulturelle Praxis‘ (oder dann künftig eher ‚Meditation und Wissenschaft‘) nur möglich war, weil es in der Hochschule schon seit 2005 die alle Fachbereiche und Studienprogramme übergreifende Einrichtung eines ‚interdisziplinären Studium Generale (ISG)‘ gibt. In diesem Rahmen können nahezu beliebige Themen von Dozenteams aus mindestens 2 – eher 3 — verschiedenen Fachbereichen angeboten werden, und die Studierenden aus allen Bachelorstudiengängen können sich dafür anmelden. Dieser kreative Raum innerhalb der ansonsten ziemlich ‚hart verdrahteten‘ Lehre war schon vielfach ein Ort für neue, innovative, und vor allem teamorientierte Lernerfahrungen. Doch auch hier gilt: was nützen die besten Optionen, wenn es zu wenig kreative und mutige Dozenten und Studierende gibt. Freiräume sind ‚Einladungen zu‘ aber keine ‚Garantien für‘ eine kreative Nutzung.

PHÄNOMEN MEDITATION

Das Thema ‚Meditation‘ blickt zurück auf eine Tradition von mehr als 2000 Jahren, mit vielen unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen, und erlebt seit Jahren eine starke Wiederbelebung in von Technologie geprägten Gesellschaften, deren Vielfalt kaum noch zu überschauen ist. Im Kern wird das Thema Meditation aber begleitet von einer Art Versprechen, dass jemand, der meditiert, daraus sowohl für seinen Körper als auch für seine Psyche ‚positive Wirkungen‘ ziehen kann.

Meditieren heißt, dass man mit seinem Körper etwas konkretes ‚tut‘, dass man konkrete Zustände seines Körpers konkret ‚erlebt‘, und dass man dieses Tun und Erleben ‚interpretieren‘ kann, aber nicht muss. Sowohl zu den konkreten praktischen Formen des Meditierens wie auch zu den möglichen Interpretationen gibt es ein breites Spektrum an Vorgehensweisen und Deutungen.

Was kann ein einzelner Mensch tun, wenn er sich mit Meditieren beschäftigen will? Was kann er tun, wenn er in einer von Wissenschaft und Technik geprägten Welt mit dem Phänomen Meditation konfrontiert wird? Welche Rolle spielen die ‚Deutungsmodelle‘? Warum gibt es überhaupt so viele unterschiedliche Deutungsmodelle? Was bedeutet es, dass diese Deutungsmodelle in so vielen verschiedenen Sprachen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten vorliegen?

DEUTUNGSMODELLE UND WISSENSCHAFT

Die modernen empirischen Wissenschaften sind im Laufe der Jahrhunderte (mit langen Vorlaufzeiten von bis zu 2000 Jahren!) entstanden als eine neue Art von ‚Wahrheitsbewegung‘: wie kann man in der Vielfalt der Erfahrungen und des Wissens jene ‚Bestandteile‘ herausfinden, die ‚wirklich Geltung‘ haben im Unterschied zu jenen Bestandteilen, die sprachlich zwar beschrieben und behauptet werden, aber nur schwer bis gar nicht als ‚gültig‘ erwiesen werden können? In einem mühsamen Prozess, der in den ca. letzten 400 Jahren zu seiner heutigen Form fand, zeigte sich, dass das Festhalten an intersubjektiv überprüfbaren ‚Standards‘ intersubjektiv nachvollziehbare und reproduzierbare ‚Messoperationen‘ mit ‚Messwerten‘ ermöglichte, was wiederum ganz neue explizite ‚Arbeitshypothesen‘, ‚Modelle‘ und dann ‚Theorien‘ ermöglicht.

KEIN GEGENSATZ ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND ‚GEIST‘

Während das Projekt ‚empirische Wissenschaft‘ lange Zeit als Gegensatz zur klassischen Philosophie und den sogenannten Geisteswissenschaften erschien, führten die Ergebnisse der ca. letzten 150 Jahre mehr und mehr dazu, dass man die Position des ‚Geistes‘, der ‚Geisteswissenschaften‘ im Rahmen der modernen empirischen Theorien schrittweise so ‚einordnen‘ kann, dass die Geisteswissenschaften einerseits im Rahmen der empirischen Wissenschaften integriert werden können, andererseits aber die Besonderheit des Menschen (als Teil des gesamten biologischen Lebens) nicht verschwindet. Statt dass die Besonderheit des Geistigen und des Lebens verschwindet, scheint es eher so zu sein, dass die Besonderheit des Geistigen als Teil des Biologischen eine noch viel größere Wucht erhält als je zuvor. Diese neue mögliche Fusion von empirischen Wissenschaften und ‚Theorie des Geistigen‘ wird bislang noch kaum genutzt. Zu tief haben sich traditionelle Begrifflichkeiten als kulturelle Muster in die Gehirne ‚eingegraben‘; solches zu ändern dauert erfahrungsgemäß viele Generationen.

KANT 2.0

Während der Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) eingesperrt in sein Bewusstsein, ohne Sprachkritik und ohne Evolutionstheorie, die Antworten auf seine Fragen nur als abstrakte Postulate formulieren konnte, nach denen u.a. Raum und Zeit ‚konstitutiv‘ für menschliches Erkennen sind, ohne dass er dies weiter erklären konnte, hat die moderne Wissenschaft nicht nur ein Stück mehr erklären können, wie überhaupt Sprache funktioniert, sondern zusätzlich wie die Strukturen unserer Wahrnehmung, unseres Gedächtnisses, unseres Denkens und vieles mehr von den Strukturen unseres Gehirns in einem bestimmten Körper geprägt sind, die sich wiederum in einer Entwicklungsgeschichte von vielen Milliarden Jahren herausgebildet haben. Wir wissen heute, dass das ‚Bewusstsein‘ nur einen quantitativ verschwindend kleinen Teil des Gesamtkörpers repräsentiert; das meiste ist ‚unbewusst‘ (die Gehirnzellen haben am ganzen Körper einen Anteil von ca. 0.15%, das ‚Bewusstsein‘ wiederum ist nur mit einem Teil der Gehirnzellen assoziiert…). Zusätzlich hat die Wissenschaft ansatzweise aufgedeckt, wie das Gehirn die aufgenommenen Sinnesreize und Körperreize im Kontext von Wahrnehmung, Gedächtnis und Lernen ‚induktiv‘ zu nahezu beliebig komplexen Mustern verrechnen kann, die für uns dann die Konzepte/ Kategorien bilden, mit denen wir die Welt und und uns selbst anschauen. Da diese komplexen Strukturbildungsprozesse durch kommunikative Interaktionen (speziell auch sprachlichen) beeinflusst werde können, können sich Gehirn-induzierte und Kultur-induzierte Muster mischen, vermischen, und so komplexe Deutungsmuster entstehen lassen, deren ‚Gültigkeitsgehalt‘ stark variieren.

REFORMBEDARF DER WISSENSCHAFTEN

Während die empirischen Wissenschaften (und darauf aufbauen die Ingenieurskunst), in den letzten Jahrhunderten viele Pluspunkte sammeln konnten, zeigen sich im bisherigen Konzept und der Praxis von Wissenschaft dennoch gewisse Schwachpunkte: im Rahmen des empirischen Paradigmas können zwar erfolgreiche empirische Experimente und partielle Modelle entwickelt werden, aber die bisherigen empirischen Konzepte reichen nicht aus, um (i) die vielen einzelnen Theorien zu ‚integrieren‘, und (ii) die bisherigen Konzepte sind nicht in der Lage, den ‚Theoriemacher‘ und ‚Theoriebenutzer‘ in der Theorie mit zu repräsentieren. Gerade in den Ingenieurwissenschaften mit ihren immer komplexeren Projekten führt dies zu grotesken Verzerrungen und vielfachen Projektabstürzen. In den empirischen Wissenschaften ist dies nicht wirklich besser, nur fällt es dort nicht so direkt auf. Allerdings kann man zwischen einer rein physikalischen Betrachtungsweise und einer biologischen immer größere Probleme entdecken.

RÜCKKEHR DER PHILOSOPHIE

An dieser Stelle wird klar, dass das historisch ‚ältere‘ Projekt einer umfassenden Philosophie noch nicht ganz ausgedient hat. Während die Philosophie in der oftmals selbst gewählten Abstinenz von Wissenschaft (seit ca. 1500 Jahren) mehr und mehr den Kontakt zur Welt verlor, kann Philosophie in enger Kooperation mit Wissenschaft dieser helfen, ihre fehlende ‚Einheit‘ zurück zu gewinnen. Das neue Paradigma lautet daher ‚Philosophie und Wissenschaft‘ als grundlegendem Denkmuster, erweitert, konkretisiert in der ‚Ingenieurskunst‘. Diese liefern den Rahmen, in dem sich die Freiheit und Kreativität des Lebens entfalten und gestalten kann.

MEDITATION UND WISSENSCHAFT

Schematisches Modell für eine philosophisch begründete empirische Weltsicht am Beispiel des Meditierens

Schematisches Modell für eine philosophisch begründete empirische Weltsicht am Beispiel des Meditierens

Diese neuen, spannenden Entwicklungen in Philosophie und Wissenschaft eröffnen auch neue, interessante Zugangsweisen im Umgang mit dem empirischen (und historisch überlieferten) Phänomen der Meditation. Im folgenden Text (siehe auch die Schaubilder) wird versucht, aufzuzeigen, wie ein modernes Philosophie-Wissenschafts-Paradigma eine aktive Auseinandersetzung mit dem Phänomen leisten könnte.

Für diese aktive Beschäftigung mit dem Phänomen Meditation wird angenommen, dass sich grob vier Perspektiven unterscheiden lassen:

  1. REALE PRAXIS: Meditation wird in einer bestimmten Umgebung praktiziert von einem Menschen, der dabei mit seinem Körper etwas tut. Dies kann zu Veränderungen an seinem Körper führen wie auch in seinem Erleben.

  2. BEOBACHTEN: Vor der Praxis kann man in Form von Fragen festlegen, auf welche Art von Phänomenen man vor, während und nach der Meditation achten will. Dazu kann man festlegen, in welcher Form die Beobachtung ausgeführt werden soll und wie man die Beobachtungswerte/ -daten protokollieren will. Sie sollten unter festgelegten Bedingungen für jeden potentiellen Beobachter reproduzierbar sein. Ort, Zeit, Umstände usw. sollten aus den Protokollen entnehmbar sein.

  3. DEUTUNG: Einzelne Beobachtungswerte repräsentieren isolierte Ereignisse, die als solche noch keine weiterreichenden Deutungen zulassen. Die einfachste Form von Deutungen sind einfache Beziehungen zwischen verschiedenen Beobachtungswerten (räumliche, zeitliche, …). Sobald mehr als eine Beziehung auftritt, ein Beziehungsbündel, kann man Beziehungsnetzwerke formulieren, Modelle, in denen Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Faktoren sichtbar werden. Wahrheitsfähig werden Deutungen aber erst, wenn sie als Theorie formuliert werden (Strukturen, Beziehungen, Dynamiken, Folgerungsbegriff, …), erst dann können sie wahr oder falsch sein, können sie möglicherweise falsifiziert werden, weil man Voraussagen ableiten kann. Generell kann man für Deutungen noch folgende Eigenschaften festhalten:

    1. Die einfachste und historisch häufigste Form von Deutungen sind Texte in ‚Normalsprache‚, eventuell angereichert mit Bildern oder anderen Artefakten.

    2. In modernen Versionen von Deutungen finden sich zusätzlich mehr und mehr voll definierte Diagramm-Sprachen bis hin zu animierten Bildfolgen

    3. Für die eigentliche, harte Modell- und Theoriebildung haben sich aber formale Sprachen durchgesetzt bzw. eine konsequent mathematische Darstellungsweise, ergänzt um eine explizite Logik, die beschreibt, wie man korrekte Folgerungen aus einer gegebenen Theorie gewinnen kann.

    4. Quer zu den Darstellungsweisen Text, Bild und Formel gibt es die zusätzliche Dimension einer dynamischen Repräsentation in Form von Ablaufschilderungen, Bildfolgen, Computer-Simulationen, oft noch erweitert um Interaktionen, die dem Ganzen einen spielerischen Charakter verleihen.

    5. ÜBERLIEFERUNG: Zu vielen (den meisten…) Phänomenen finden sich Überlieferungen aus früheren Zeiten. Die Überlieferungsgeschichte ist unterschiedlich gut, bisweilen sehr schlecht. Die Kontexte und die verwendeten sprachlichen sowie bildhaften Mittel setzen Interpretationsbeziehungen voraus, die heute gar nicht oder nur partiell bekannt sind. Die konkreten Umstände der Überlieferung, die beteiligten Personen, deren Innenleben, sind oft nur wenig bis gar nicht bekannt. Die Einbeziehung von Überlieferungen ist daher mit großer Vorsicht zu sehen. Dennoch können sie wertvolle Hinweise liefern, die man neu überprüfen kann.

  4. REFLEXION: Die bislang genannten Themen ‚Reale Praxis – Beobachtung – Deutung‘ kann man als solche ‚definieren‘, ‚beschreiben‘ und anwenden. Allerdings setzen alle diese Themen einen übergreifenden/ vorausgehenden Standpunkt voraus, in dem entschieden wird, ob man sich überhaupt einer Realität zuwenden will, welcher Realität, wie, wie oft usw. Ebenso muss vor der Beobachtung geklärt werden, ob man überhaupt beobachten will, wie, wann, wie oft, was man mit den Beobachtungswerten dann tun will, usw. Und entsprechend muss man vor Deutungsaktionen entscheiden, ob man überhaupt deuten will, wie, was, usw. Diese Dimension der vorbereitenden, begleitenden, und nachsinnenden Überlegungen zum gesamten Prozess wird hier Reflexion genannt. Als Menschen verfügen wir über diese Fähigkeit. Sie wird in all unserem Tun, speziell dann auch in einem wissenschaftlichen Verhalten, nicht direkt sichtbar, sondern nur indirekt durch die Art und Weise, wie wir mit der Welt und uns selbst umgehen. Es ist irgendwie die gesamte Vorgehensweise, in der sich ein ‚Plan‘, verschiedene ‚Überlegungen‘, verschiedene ‚Entscheidungen‘ auswirken und damit ausdrücken können. Und ein wissenschaftlicher Umgang mit der Welt und sich selbst setzt insofern bestimmte Verhaltensformate voraus. Wissenschaft im üblichen Sinne ist die geordnete Umsetzung eines solchen Planes. Die Analyse und das Design eines solchen wissenschaftlichen Handlungsformates leistet idealerweise die Wissenschaftsphilosophie. Den kompletten Rahmen für jedwede Art von Vorgehen, das Nachsinnen ob und wie überhaupt, die Klärung von Motiven und Voraussetzungen, die Methode einer Wissenschaftsphilosophie, und vieles mehr, das ist die originäre Aufgabe der Philosophie. Insofern ist die Domäne der vor- und übergreifenden Reflexion die Domäne der Philosophie, die darin in einer methodisch engen Weise mit jedweder Form von Wissenschaft verknüpft ist.

Die hier aufgelisteten Punkte bilden eine minimale Skizze, die weitere Kommentare benötigt.

BEOBACHTUNG: SUBJEKTIVITÄT – OBJEKTIVITÄT

Die Verschränkung des 'Objektiven' mit dem 'Subjektiven' aufgrund des heutigen Kenntnisstands

Die Verschränkung des ‚Objektiven‘ mit dem ‚Subjektiven‘ aufgrund des heutigen Kenntnisstands

Setzt man obigen Rahmen voraus, dann scheint es hilfreich, einen Punkt daraus hier speziell aufzugreifen: das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität, das sich nahezu durch die gesamte Geschichte der Philosophie und der Auseinandersetzung zwischen Philosophie und empirischer Wissenschaft zieht. Und gerade im Fall des Meditierens gewinnt diese Unterscheidung eine besondere Bedeutung, da neben jenen Wirkungen des Meditierens, die sich äußerlich und in Körperfunktionen direkt (empirisch, objektiv) beobachten (messen) lassen, es viele (die meisten) Wirkungen gibt, die sich nur ‚im Innern‘ (subjektiv) des Meditierenden erfassen lassen. Wie geht man damit um?

Aufgrund der Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften können wir heute relativ klar sagen, dass das persönliche Erleben an das jeweilige, individuelle Bewusstsein (‚consciousness‘) geknüpft ist, das wiederum – in einer noch nicht genau rekonstruierten Weise – eine Funktion des individuellen Gehirns ist. Das Gehirn wiederum sitzt in einem Körper und wird von diesem neben der notwendigen Energie mit allerlei Erregungsmustern (neuronale Signale) versorgt. Einige stammen von Sinnesorganen, die verschiedene energetische Ereignisse er Außenwelt (Licht, Schall, Geruch, …) in neuronale Signale übersetzen, andere vom Körperinnern, andere vom Gehirn selbst. Das Gehirn weiß also von der Außenwelt ‚direkt‘ nichts, sondern nur in dem Maße, als ihm diverse neuronale Signale übermittelt werden, die in sich schon eine erste Übersetzung darstellen. Aus all diesen Signalen errechnet das Gehirn kontinuierlich ein Netzwerk von repräsentierenden Ereignisstrukturen, die zusammen ein ‚komplexes (dynamisches) Bild‘ des aktuellen Zustands ergeben. Dieses Zustandsbild ist beeinflusst von ‚vergangenen Bildern‘ (Gedächtnis), von unterschiedlichen ‚Abstraktionsprozessen‘, von unterschiedlichen ‚Erwartungswerten‘ und ‚Bewertungen‘, um as Mindeste zu sagen. Wie viel von den kontinuierlichen Berechnungen des Gehirns tatsächlich ins ‚Bewusstsein‘ gelangt, also ‚bewusst‘ ist, lässt sich nicht klar sagen. Sicher ist nur, dass das, was uns bewusst ist, in jedem Fall eine Auswahl darstellt und es insofern – aus Sicht des Bewussten – ein Unbewusstes gibt, das nach groben Schätzungen erheblich größer ist als das Bewusste.

Philosophen nennen die unterschiedlichen Inhalte des Bewusstseins ‚Phänomene [PH]‘ (zumindest in jener Richtung, die sich phänomenologische Philosophie‘ nennt). Innerhalb dieser Menge der Phänomene kann man anhand von Eigenschaften unterschiedliche Teilmengen der Phänomene unterscheiden. Eine sehr wichtige ist die Teilmenge der ‚Phänomene von den externen Sensoren (PH_W_EXT)‘. Durch ihren Bezug zu unterstellten Objekten der Außenwelt und zusätzlich unterstützt durch Phänomene einer realen Kommunikation lässt sich eine Art ‚Korrelation‘ dieser Phänomene mit unterstellten Objekten der Außenwelt in einer Weise herstellen, die sich mit anderen ‚Beobachtern‘ ’synchronisieren‘ lässt. Sofern dies gelingt (z.B. durch vereinbarte Formen des Messens mit vereinbarten Standards) bekommen diese Phänomene PH_W_EXT einen besonderen Status. Wir nennen sie empirische Phänomene weil sie – obgleich sie weiterhin Phänomene bleiben und damit subjektiv sind – sich in einer Weise mit externen Ereignissen koppeln lassen, die sich in der Reaktion anderer Beobachter auch reproduzieren lässt. Durch diese ‚Rückkopplung‘ gelingt es einem Gehirn, seine ‚locked-in‘ Situation partiell zu überwinden. Daher kommt den als empirisch qualifizierbaren subjektiven Phänomene eine ganz besondere Rolle zu.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die modernen empirischen Wissenschaften durch ihren methodischen Bezug auf die empirischen subjektiven Phänomene sich eine Beobachtungsbasis geschaffen haben, der ein maximaler Erfolgt deswegen vergönnt war, weil tatsächlich nur jene Phänomene Berücksichtigung fanden, die im Prinzip allen Beobachtern in gleicher Weise zugänglich sind.

Eine unkritische – was hier heißt: eine un-philosophische – Handhabung des empirischen Auswahlprinzips kann aber zu unerwünschten Ergebnissen führen. Einer der größten Fehler der Wissenschaftsgeschichte ist wohl (und da hat die Philosophie simultan auch versagt), aus der methodisch sinnvollen Einschränkung auf die subjektiven empirischen Phänomene zu schließen, dass alle anderen (subjektiven) Phänomene grundsätzlich unwichtig oder gar irreführend seien. Diese Folgerung war und ist sachlich völlig haltlos und in ihrer Wirkung verheerend.

Es ist ja nicht nur so (siehe den vorausgehenden Text), dass die empirisch genannten Phänomene weiterhin rein subjektive Phänomene bleiben, sondern das Bewusstsein als Ganzes ist die primäre Quelle für jede Form von Erkenntnis, deren der homo sapiens fähig ist! Die neueren Erkenntnisse zur gleichzeitigen Existenz eines sehr großen Unbewussten setzen das Phänomen des Bewusstseins ja nicht ‚außer Kraft‘, sondern, ganz im Gegenteil, es stellt sich verschärft die Frage, warum es in der Evolution zur Ausprägung des Bewusstseins unter Voraussetzung des Unbewussten kam? Was ist der ‚Vorteil‘ für ein biologisches System zusätzlich zum gewaltigen Komplex der ‚unbewussten Maschinerie‘ des Körpers und des Gehirns noch die Form des ‚Bewusstseins‘ zu besitzen? Bei einem sehr groben Vergleich der Zeiträume von Lebewesen ‚mit‘ und ‚ohne‘ Bewusstsein ist unübersehbar, dass es erst mit der Verfügbarkeit eines hinreichend differenzierten Bewusstseins zu den überaus komplexen und beständig weiter anwachsenden komplexen Verhaltensleistungen ganzer Populationen gekommen ist. Und aus der Tatsache, dass sich nur ein kleiner Teil der Phänomene des Bewusstseins direkt über die Außenwelt mit anderen Beobachtern korrelieren lässt, zu folgern, dass alle anderen Phänomene ‚irrelevant‘ seien, ist weder sachlich noch logisch irgendwie begründbar. Mit dem heutigen Wissensstand müssten wir eher das Gegenteil folgern: eine neue bewusste und herzhafte Hinwendung zu jener reichen Phänomenwelt, die ein biologisches System hervorbringen kann, die sich aber (bislang) einem direkten empirischen Zugriff entziehen.

In diesem Zusammenhang ist auch zu beachten, dass eine ‚Erklärung‘ von subjektiven Phänomenen durch Rückgriff auf ausschließlich direkt korrelierbare physiologische Eigenschaften methodisch fragwürdig ist und in der Regel genau das nicht erklärt, was erklärt werden sollte.

Diese wenigen ersten Gedanken können vielleicht deutlich machen, dass der Anteil subjektiver Phänomene im Kontext des Phänomens ‚Meditation‘ philosophisch und wissenschaftlich kein unüberwindbares Hindernis darstellt, sondern eher eine Einladung, die Forschungen zu vertiefen und zu verbessern.

WIE PRAKTISCH VORGEHEN?

Was bedeutet dies nun für ein praktisches Vorgehen? Wie kann man dies im Rahmen eines konkreten Lehrmoduls umsetzen? Hier ein erster Entwurf:

  1. Als primärer Referenzpunkt sollen konkrete praktische Meditationsübungen dienen, von denen unterschiedliche Formen vorgestellt und dann unter Anleitung ausprobiert werden können. Dies kann in jeder Sitzung und außerhalb, im privaten und öffentlichen Bereich geschehen.

  2. Damit die Perspektive der Wissenschaft und Philosophie zur Wirkung kommen kann, sollte von Anfang an diese Perspektive vorgestellt und demonstriert werden, wie diese sich auf das konkrete Beispiel Meditation anwenden lässt. Neben einer allgemeinen Einführung müsste konkret erläutert werden, welche Fragen sich stellen lassen, und wie eine Beobachtung aussehen könnte. Jeder für sich und dann auch im Team versucht eine Art ‚Logbuch‘ zu führen, in dem alle für die Beobachtung wichtigen Daten eingetragen werden.

  3. Nachdem erste Beobachtungen vorliegen, kann man gemeinsam überlegen, ob und wie man solche Daten ‚deuten‘ könnte: welche Art von Mustern, Regelmäßigkeiten deuten sich an? Gibt es Unterschiede in den verschiedenen Logbüchern? Welchen Status haben solche Deutungen?

  4. Die Schritte (1) – (3) kann man mehrfach wiederholen. Im Alltagsleben kann dies Jahre dauern, viele Jahre. Im Lehrbetrieb hat man nur ca. 2-3 Monate Zeit, um zumindest den grundlegenden Ansatz zu vermitteln.

  5. Nachdem ein erster Eindruck vermittelt wurde, wie man selber sowohl konkret meditieren wie auch empirisch seine Erfahrungen analysieren kann, kann man den individuellen Prozess in größere Kontexte einbetten wie (i) Beispiele von traditionellen Deutungen anhand von prominenten Texten aus der Überlieferung oder (ii) Beispiele aus der Arbeitsweise der verhaltensbasierten Psychologie und der etwas differenzierteren Psychoanalyse oder (iii) Beispielen aus der Philosophie und der Wissenschaftsphilosophie.

Wie man aus diesem kleinen Aufriss entnehmen kann, stellt ein einzelnes Modul nur ein minimales Kick-Off dar, für eine allererste Idee, wie es gehen könnte. Im Grunde genommen bräuchte man für jeden der genannten Punkte (i) – (iii) ein eigenes Modul, und selbst dies wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hieran kann man erahnen, wie schwierig die Ausbildung einer eigenen konkreten Selbsterfahrungs-Praxis mit einer wissenschaftlichen Begleitung eigentlich ist, und wir dürfen uns nicht wundern, wenn so viele Menschen heute sich im Strom der Ereignisse schnell ‚verloren‘ vorkommen… sogenannte ‚Patentantworten‘ sind nicht notwendigerweise ‚richtige Antworten’…

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 6

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 29.August 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

LETZTE ÄNDERUNG: 1.Dez.2018, Wiederholung der vorausgehenden Diskussion gestrichen. Kumulierte Zusammenfassungen sind HIER.

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

KAP.7 DIE PROBLEME NEU ÜBERLEGT

  1. Nach den ersten Analysen in Kap.1-6 stellt Edelman eine ‚Zwischenreflexion‘ an. Angesichts der entdeckten Komplexität und Dynamik im Fall des Gehirns und seiner Entwicklung stellt sich die Frage, wie man den Zusammenhang zwischen den vorfindlichen materiellen Strukturen und ihren Funktionen miteinander in Beziehung setzen (‚to relate‘) kann.(vgl. S.65f)
  2. Und um seine mögliche neue Position zu bestimmen wiederholt er summarisch nochmals seine zuvor geäußerte Kritik an der ‚falschen Objektivität‘ der Physik, an der zu eng gefassten Kognitionswissenschaft, und er wiederholt auch wieder die unsinnigen Vergleiche mit einem falschen Begriff von Computer, der weder theoretisch noch praktisch Sinn macht.(vgl. SS.66-69)
  3. Grundsätzlich hält er an der Forderung fest, (i) eine ‚Theorie‘ zu bauen (‚to construct), die (ii) ‚wissenschaftlich‘ ist. ‚Wissenschaftlich sein‘ macht er an der Eigenschaft fest (iii), dass die Theorie ‚überprüfbar‘ sein soll. Allerdings muss die Theorie (iv) ’nicht immer‘ zu (v) ‚Voraussagen auf allen Ebenen führen‘, noch muss (vi) ‚jeder Teil von der Theorie direkt falsifizierbar‘ sein.(vgl. S.66)
  4. Aufgrund seiner massiven Kritik an der unterdrückten Rolle des Beobachters speziell in der Physik (vgl. S.66f) muss man indirekt folgern, dass (a) der Beobachter in einer ‚kritischen Wissenschaft‘ im Zusammenspiel mit der Theorie ‚anders integriert wird als bisher‘. Dies bedeutet, man muss berücksichtigen, (b) dass es ‚mentale Ereignisse‘ gibt (‚Bewusstsein‘, ‚Intentionalität‘) gibt, die (c) nur durch ‚Introspektion‘ oder (d) nur durch indirekte Schlüsse aufgrund des beobachtbaren Verhaltens von anderen‘ zugänglich sind.(vgl. S.67)

DISKUSSION FORTSETZUNG

  1. Das Kapitel 7 ist sehr kurz und bringt weitgehend nur Wiederholungen ausgenommen der Punkt mit der Theorie. Der ist neu. Und es ist überhaupt das erste Mal, dass Edelman in diesem Buch explizit über eine ‚wissenschaftliche Theorie‘ spricht, obgleich er sich selbst ja als Wissenschaftler versteht und  er seine eigenen Überlegungen gleichwohl als wissenschaftlich verstanden wissen will (wenngleich er das aktuelle Buch in seiner Form nicht streng als wissenschaftliche Theorie verfasst hat).
  2. Seine Charakterisierung einer ‚wissenschaftlichen Theorie‘ ist interessant. Sie ist generell sehr fragmentarisch; sie ist ferner in ihrer Ernsthaftigkeit fragwürdig, da er die Forderung der Falsifizierbarkeit mit dem Argument einschränkt, dass ansonsten Darwins Theorie in ihrer Anfangszeit niemals hätte Erfolg haben können; und sie ist geradezu mystisch, da er eine radikal neue Rolle des Beobachters mit all seinen mentalen Eigenschaften innerhalb der Theoriebildung einfordert, ohne aber irgendwelche Hinweise zu liefern, wie das praktiziert werden soll.
  3. Man stellt sich die Frage, welchen ‚Begriff von Theorie‘ Edelman eigentlich benutzt? In der Geschichte der empirischen Wissenschaften gab es viele verschiedene Begrifflichkeiten, die nicht ohne weiteres kompatibel sind, und seit ca. 100 Jahren gibt es eine eigene Meta-Wissenschaft zu den Wissenschaften mit Namen wie ‚Wissenschaftsphilosophie‘, ‚Wissenschaftstheorie‘, ‚Wissenschaftslogik‘, deren Gegenstandsbereich gerade die empirischen Wissenschaften und ihr Theoriebegriff ist. Obgleich das Gebiet der Wissenschaftsphilosophie, wie ich es hier nenne, bislang immer noch keinen geschlossenen begrifflichen Raum darstellt, gibt es doch eine Reihe von grundlegenden Annahmen, die die meisten Vertreter dieses Feldes einer Metawissenschaft zu den Wissenschaften teilen. Aufgrund seiner bisherigen Ausführungen scheint Edelman nichts vom Gebiet der Wissenschaftsphilosophie zu kennen.
  4. Die Überprüfbarkeit einer Theorie ist in der Tat ein wesentliches Merkmal der modernen empirischen Wissenschaften. Ohne diese Überprüfbarkeit gäbe es keine empirische Wissenschaft. Die Frage ist nur, was mit ‚Überprüfbarkeit‘ gemeint ist bzw. gemeint sein kann.
  5. Wenn Edelman fordert dass für eine Theorie gelten soll, dass nicht (vi) ‚jeder Teil von der Theorie direkt falsifizierbar‘ sein muss, dann geht er offensichtlich davon aus, dass eine Theorie T aus ‚Teilen‘ besteht, also etwa T(T1, T2, …, Tn) und dass im ‚Idealfall‘ jeder Teil ‚direkt falsifizierbar‘ sein müsste. Diese Vorstellung ist sehr befremdlich und hat weder mit der Realität existierender physikalischer Theorien irgend etwas zu tun noch entspricht dies den modernen Auffassungen von Theorie. Moderne Theorien T sind mathematische (letztlich algebraische) Strukturen, die als solche überhaupt nicht interpretierbar sind, geschweige den einzelne Teile davon. Ferner liegt die Erklärungsfähigkeit von Theorien nicht in ihren Teilen, sondern in den ‚Beziehungen‘, die mittels dieser Teile formulierbar und behauptbar werden. Und ob man irgendetwas aus solch einer Theorie ‚voraussagen‘ kann hängt minimal davon ab, ob die mathematische Struktur der Theorie die Anwendung eines ‚logischen Folgerungsbegriffs‘ erlaubt, mittels dem sich ‚Aussagen‘ ‚ableiten‘ lassen, die sich dann – möglicherweise – ‚verifizieren‘ lassen. Diese Verifizierbarkeit impliziert sowohl eine ‚Interpretierbarkeit‘ der gefolgerten Aussagen wie auch geeignete ‚Messverfahren‘, um feststellen zu können, ob die ‚in den interpretierten Aussagen involvierten entscheidbaren Eigenschaften‘ per Messung verifiziert werden können oder nicht. Der zentrale Begriff ist hier ‚Verifikation‘. Der Begriff der ‚Falsifikation‘ ist relativ zu Verifikation als komplementärer Begriff definiert. Begrifflich erscheint dies klar: wenn ich nicht verifizieren kann, dann habe ich automatisch falsifiziert. In der Praxis stellt sich aber oft das Problem, entscheiden zu können, ob der ganz Prozess des Verifizierens ‚korrekt genug‘ war: sind die Umgebungsbedingungen angemessen? Hat das Messgerät richtig funktioniert? Haben die Beobachter sich eventuell geirrt? Usw. Als ‚theoretischer Begriff‘ ist Falsifikation elegant, in der Praxis aber nur schwer anzuwenden. Letztlich gilt dies dann auch für den Verifikationsbegriff: selbst wenn der Messvorgang jene Werte liefert, die man aufgrund einer abgeleiteten und interpretierten Aussage erwartet, heißt dies nicht mit absoluter Sicherheit, dass richtig gemessen wurde oder dass die Aussage möglicherweise falsch interpretiert oder falsch abgeleitet worden ist.
  6. All diese Schwierigkeiten verweisen auf den ausführenden Beobachter, der im Idealfall auch der Theoriemacher ist. In der Tat ist es bislang ein menschliches Wesen, das mit seinen konkreten mentalen Eigenschaften (basierend auf einer bestimmten materiellen Struktur Gehirn im Körper in einer Welt) sowohl Phänomene und Messwerte in hypothetische mathematische Strukturen transformiert, und diese dann wiederum über Folgerungen und Interpretationen auf Phänomene und Messwerte anwendet. Dies in der Regel nicht isoliert, sondern als Teil eines sozialen Netzwerkes, das sich über Interaktionen, besonders über Kommunikation, konstituiert und am Leben erhält.
  7. Edelman hat Recht, wenn er auf die bisherige unbefriedigende Praxis der Wissenschaften hinweist, in der die Rolle des Theoriemachers als Teil der Theoriebildung kaum bis gar nicht thematisiert wird, erst recht geht diese Rolle nicht in die eigentliche Theorie mit ein. Edelman selbst hat aber offensichtlich keinerlei Vorstellung, wie eine Verbesserung erreicht werden könnte, hat er ja noch nicht einmal einen rudimentären Theoriebegriff.
  8. Aus dem bisher Gesagten lässt sich zumindest erahnen, dass ein verbessertes Konzept einer Theorie darin bestehen müsste, dass es eine explizite ‚Theorie einer Population von Theoriemachern (TPTM)‘ gibt, die beschreibt, wie solch eine Population überhaupt eine Theorie gemeinsam entwickeln und anwenden kann und innerhalb dieser Theorie einer Population von Theoriemachern würden die bisherigen klassischen Theoriekonzepte dann als mögliche Theoriemodelle eingebettet. Die TPTM wäre dann quasi ein ‚Betriebssystem für Theorien‘. Alle Fragen, die Edelman angeschnitten hat, könnte man dann in einem solchen erweiterten begrifflichen Rahmen bequem diskutieren, bis hinab in winzigste Details, auch unter Einbeziehung der zugrunde liegenden materiellen Strukturen.
  9. Das, was Edelman als Theorie andeutet, ist vollständig unzulänglich und sogar in wesentlichen Punkten falsch.
  10. Anmerkung: Darwin hatte nichts was einem modernen Begriff von Theorie entsprechen würde. Insofern ist auch das Reden von einer ‚Evolutionstheorie‘ im Kontext von Darwin unangemessen. Damit wird aber der epochalen Leistung von Darwin kein Abbruch getan! Eher wirkt sein Werk dadurch noch gewaltiger, denn die Transformation von Gedanken, Phänomenen, Fakten usw. in die Form einer modernen Theorie setzt nicht nur voraus, dass man über die notwendigen Formalisierungsfähigkeiten verfügt (selbst bei den theoretischen Physikern ist dies nicht unbedingt vollständig gegeben) sondern man kann erst dann ’sinnvoll formalisieren‘, wenn man überhaupt irgendetwas ‚Interessantes‘ hat, was man formalisieren kann. Die großen Naturforscher (wie z.B. Darwin) hatten den Genius, die Kreativität, den Mut, die Zähigkeit, das bohrende, systematisierende Denken, was den Stoff für interessante Erkenntnisse liefert. Dazu braucht man keine formale Theorie. Die Transformation in eine formale Theorie ist irgendwo Fleißarbeit, allerdings, wie die Geschichte der Physik zeigt, braucht man auch hier gelegentlich die ‚Genies‘, die das Formale so beherrschen, dass sie bisherige ‚umständliche‘ oder ‚unpassende‘ Strukturen in ‚einfachere‘, ‚elegantere‘, ‚besser passende‘ formale Strukturen umschreiben.

Fortsetzung folgt HIER.

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Thomas Görnitz (2006) Quanten Sind Anders – Kurzkommentar.

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 21.August 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Angeregt durch die Lektüre des Buches von Thomas Görnitz, Quanten Sind Anders: Die verborgene Einheit der Welt, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg: 2006, habe ich zunächst mal einen kurzen Kommentar direkt bei amazon geschrieben (alternative Adresse).

Hier der Text des Kommentars:

SCHREIBEN ODER NICHT SCHREIBEN?

Ich habe offen gestanden länger überlegt, ob ich einen kurzen Kommentar zu diesem Buch schreiben sollte oder nicht. Einerseits ist das Thema ‚Quantentheorie‘ weiterhin wichtig und ich habe nicht den Endruck, dass die einschlägigen Konzepte mittlerweile zum ‚Alltagswissen‘ unserer Gesellschaft gehören; andererseits unternimmt Görnitz den – letztlich mutigen und verdienstvollen – Versuch, dieses schwierige Thema mit anderen Wissensbereichen wie unserer Alltagserfahrung, mit der Philosophie, der Psychologie der Biologie, und der Mathematik und Logik zu verknüpfen. Und es sind gerade diese eigentlich so notwendigen ‚Grenzgänge‘ zu anderen Disziplinen, die mir als Leser Schwierigkeiten bereitet haben und noch immer bereiten.

Zu dieser grundlegenden Thematik kommt der durchgängige Darstellungsstil: Görnitz arbeitet viel mit Vereinfachungen, Andeutungen, Verweise auf spätere Behandlungen im Buch. Dies ist bisweilen begrüßenswert, aber wenn es bei den Vereinfachungen bleibt, wenn dann die späteren Behandlungen doch keine Antwort liefern, dann kann dies ein bisschen frustrierend wirken. Ich war mehrfach versucht, mein Lesen einzustellen, habe dann aber irgendwie durchgehalten.

Dieses ‚Durchhalten‘ hat mir immerhin die Einsicht beschert, dass Thomas Görnitz bei allen Vereinfachungen und Grenzgängen zumindest in seinem Hauptgebiet der Quantenmechanik samt er zugehörigen Mathematik unzweifelhaft ein großer Kenner ist der sich grundlegende und weitreichende Gedanken gemacht hat. Aufgrund seiner Fachkenntnisse hätte er zu dem Thema ‚Quantenmechanik und Mathematik‘ eine Menge sagen können, wird doch gerade hier die Abhängigkeit des Denkens von der benutzen Sprache (hier: der mathematischen Sprache) in einer Weise deutlich wie sie kaum noch zu überbieten ist. Eng damit verknüpft ist das ganze Problem der ‚empirischen Überprüfbarkeit‘ von quantenmechanischen Aussagen.

PHILOSOPHISCHER AUSFALL

Leider kommt es in letzter Konsequenz dann nicht zu solchen spannenden Reflexionen. Es zeigt sich hier, dass Thomas Görnitz von der modernen Wissenschaftsphilosophie offenbar nur wenig kennt (er erwähnt moderne Wissenschaftstheorie einmal auf S.55, tendenziell abschätzig). Seine philosophischen Kenntnisse erklären das Programm Kants noch immer zu einem interessanten Kandidaten, ohne die ganze moderne Diskussion zu erwähnen, in denen die kantischen transzendentalen Bedingungen durch die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie auf mögliche konkrete, sehr dynamische Voraussetzungen hin verflüssigt wurden. Obgleich er das bahnbrechende Buch von Edelmann von 1983 ‚Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind‘ positiv erwähnt, hält er an der künstlichen Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften fest. Sein Art von Logik zu reden, entspricht dem Konzept der klassischen aristotelischen Logik ohne scheinbar zu bemerken, dass die moderne Logik parallel zur modernen Mathematik ebenfalls eine explosionsartige Entwicklung genommen hat. Neben einer ‚klassischen‘ zweiwertigen Variante gibt es in der modernen Logik beliebig viele mehr-wertige Logiken, dazu eine kaum abgrenzbare Menge von unterschiedlichen Folgerungsbegriffen und unterschiedlichen Sprachtypen. Unter anderem bedingt durch die eben erwähnten Einschränkungen seiner Sehweise kommt Görnitz u.a. zu einer Sicht des ‚Beobachters‘ im Theorieprozess, die man nur als ‚vereinfachend‘ bezeichnen kann. Dies aber korrumpiert dann letztlich seine eigenen Grundlagen.

SEHR VIELE ANREGUNGEN – PROBLEMATISCHE GRUNDANNAHMEN

Die ausführlichen historischen Beschreibungen zur Geschichte der Naturwissenschaften und dann der späteren Quantenmechanik als Teil der Naturwissenschaften kann man sehr wohl als informativ und anregend empfinden, aber die Einbettung dieser Informationen in bestimmte philosophische und psychologische Grundannahmen, die als solche kaum reflektiert werden, wirft viele Fragen auf.

Neben der schon angesprochenen Begrenztheit der philosophischen Perspektive werden ebenfalls beständig psychologische Sachverhalte benutzt, ohne dass es irgendwo zu einer nennenswerten Auseinandersetzung mit den Methoden der modernen Psychologie kommt geschweige denn mit den grundlegenden Wechselwirkungen zwischen empirischer Psychologie, Biologie (inklusive Neurowissenschaften) und Phänomenologie. Die Überlegungen zur Wechselwirkung zwischen quantentheoretischen Erkenntnissen und dem ‚menschlichen Geist‘ verbleiben dadurch in einem begrifflich ungeklärten Rahmen und wirken auf diese Weise eher ‚aufgesetzt‘.

SEHR SCHADE

Die Grundannahmen der Quantentheorie und die zugehörigen mathematischen Konzepte blitzen auf, lassen erahnen, was Görnitz zu sagen hat, aber die Art und Weise der Einbettung in andere Disziplinen, in grenzüberschreitende Überlegungen, wirkt schwach, ist nicht überzeugend. Dies ist sehr schade.

AUTOR UND PUBLIKUM

Wenn man ein Buch aus der Sicht des Lesers wahrnimmt, besteht natürlich immer die Gefahr, dass man im Buch etwas anderes sieht, als der Autor selbst intendiert hatte. Würde ich die vielen Seiten mit Notizen benutzen, die ich mir während der Lektüre gemacht habe, dann würde dieser Kommentar zu einer Ansammlung vieler Details verkommen. Der Versuch, sich auf ein paar allgemeine Aspekte zu beschränken, kann hingegen schnell ungerecht werden. Daher hier noch ein ganz anderer Gedanke.

Wenn man in Rechnung stellt, wie wenig heute in der normalen schulischen Ausbildung und im Allgemeinwissen Naturwissenschaft, insbesondere auch Mathematik, repräsentiert sind, dass es geradezu als ‚chic‘ gilt, davon möglichst nichts zu verstehen, dann stellt sich für einen Experten aus diesen Gebieten die Frage, wie soll er seine Geschichte erzählen? Einfach mit Mathematik so loszulegen, wie man es tun müsste, um die Sachverhalten angemessen zu beschreiben, geht nicht. Jeder Versuch, es dann mit ‚Alltagsverständnis‘ zu versuchen, mit möglichst ‚mathematikfreien‘ Formulierungen, mit Alltagsbeispielen, wird der eigentlichen Sache dann mehr oder weniger NICHT gerecht. Will man trotzdem nicht schweigen, beginnt ein begrifflicher Weg, der im Prinzip nur scheitern kann. Andererseits, wagt man es nicht, verharrt man im Schweigen, wird das Alltagswissen auch nicht besser. So gesehen empfinde ich die Unternehmung von Thomas Görnitz sehr mutig und sehe darin einen wichtigen Versuch, das alltagssprachlich eigentlich ‚Nicht-Sagbare‘ doch ‚irgendwie‘ zu sagen. Diejenigen, die die Grenzen des Gesagten aufgrund ihrer Kompetenzen erkennen können, können aus diesen Grenzen letztlich immer viel lernen. Von daher habe ich mich für 4 Sterne entschieden und nicht für 2-3. Mich hat das Buch trotz aller Fragen, die es in mir hervorgerufen hat – oder gerade wegen dieser? –, sehr angeregt.

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OBJEKTIVE WERTE? Diskussion von Stace’s ’Religion and the Modern Mind’ Kap.5, Teil 4

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
2.Juli 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

ÜBERSICHT

In Fortsetzung der vorausgehenden Teile 1   sowie 2  und 3  wird in diesem vierten Teil das Kap.5 von Stace besprochen. Im Kapitel 5 beschreibt Stace die direkten Auswirkungen des neuzeitlichen wissenschaftlichen Weltbildes auf den bisherigen christlichen Gottesglauben. Dazu die verschiedenen Versuche, diesen Gottesglauben gegenüber dem modernen Weltbild zu bewahren samt jenen Argumenten, die das alte Bild des christlichen Gottesglaubens vor dem 18.Jahrhundert zu entkräften versuchen.

KAPITEL 5

Stace (1952) Kap.5 - Gedankenskizze

Stace (1952) Kap.5 – Gedankenskizze

 

Das Christliche Weltbild

Um die allmählich eintretende Wirkung des neuzeitlichen Wissenschaftsbegriffs zu verdeutlichen benutzt Stace eine kompakte Formel (vgl. S.84), um die Gestalt des christlichen Weltbildes zu umreißen:

1) Ein göttliches Wesen hat das Universum erschaffen.

2) Es gibt eine umfassende Absicht im ganzen Universum.

3) Die Welt repräsentiert eine moralische Ordnung.

4) Gott ist den Menschen nah.

Dieses grundsätzliche Bild wurde noch ergänzt um spezielle kosmologische Annahmen wie (vgl. S.83):

1) Die Sonne bewegt sich um die Erde

2) Die Planetenbahnen sind kreisförmig

3) Die Bewegung der Körper kommt mit der Zeit zur Ruhe

4) Eine Anziehungskraft (Gravitation) war nicht bekannt.

Obwohl die speziellen kosmologischen Annahmen nicht direkt aus den christlichen Glaubenssätzen folgten, waren sie zu jener Zeit eine derart starke Verbindung mit dem christlichen Kernglauben eingegangen, dass sie für die damaligen Menschen wie ’natürliche Bestandteile’ des christlichen Glaubens erschienen, deren Infragestellung mit einer Infragestellung des christlichen Glaubens selbst gleichgesetzt werden konnte.

Das Neue wissenschaftliche Weltbild

Mit der Entstehung des neuen wissenschaftlichen Weltbildes (siehe die Besprechung in Teil 3) kam es zunächst zu einer direkten Entgegensetzung von christlichen Annahmen über den Kosmos und dem neuen wissenschaftlichen Weltbild (vgl. S.83):

1) Die Sonne bewegt sich um die Erde < −− > Die Erde bewegt sich um die Sonne.

2) Die Planetenbahnen sind kreisförmig < −− > Die Planetenbahnen sind ellipsenförmig.

3) Die Bewegung der Körper kommt mit der Zeit zur Ruhe < −− > Die Bewegung der Körper setzt sich unverändert fort solange keine zusätzliche Kraft einwirkt.

4) Eine Anziehungskraft (Gravitation) war nicht bekannt. < −− > Neue Gravitationsgesetze.

Diese letztlich nicht-theologischen Erkenntnisse wurde von der Kirche dennoch zunächst als bedrohlich für den Glauben empfunden, als ketzerisch eingestuft und dementsprechend bekämpft. Zugleich provozierten diese Einsichten den Gottesglauben auch der Wissenschaftler und Philosophen. Während Denker wie Newton und Berkeley meinten, den Gottesglauben auf unterschiedliche Weise verteidigen zu müssen, gab es andere Denker wie z.B. Laplace, die versuchten, weitere Argumente zu finden, warum man die Annahme Gottes im Verständnis der natürlichen Welt nicht brauchen würde.

Rettungsversuch Mit Design-Begriff

Eine beliebte Denkfigur (bis in unsere Gegenwart hinein), um die Begrenztheit der naturwissenschaftlichen Erklärungsansätze mit einem expliziten Gottesbegriff für die Natur zu retten, ist der sogenannte Design Ansatz: der Aufweis der großen Komplexität der bedingenden Faktoren sowie die daraus resultierende immense Unwahrscheinlichkeit, dass in solch einer Situation die bekannten Lösungen ’einfach so’ entstehen konnten, wird als Argument dafür benutzt, dass es hinter allem einen planenden, absichtsvollen Geist geben muss, eben einen Schöpfer, den christlichen Gott (vgl. SS.74ff).

Diese Argumentation erweist sich als schwierig und wenig plausibel. Einmal zeigt der Gang der Wissenschaftsgeschichte, dass der Begriff der Komplexität sehr relativ ist: was in einer bestimmten Zeit als ’komplex’ und ’unerklärbar’ erscheint, findet zu anderen Zeiten einfache und elegante Erklärungen. Zum anderen erklären die Designansätze in der Regel zwar die ’schönen’ Fälle, in denen es für die beteiligten Geschöpfe ’gut’ ausgeht, sie könne aber nicht mit den unzähligen Fällen des Scheiterns und des Elends umgehen. Ein Zufalls-basierter Ansatz mag zwar vielfach ’unwahrscheinlich’ erscheinen, aber das Auftreten von Varianten, von Scheitern, von Übel ist im Rahmen einer vom Zufall bestimmten Entwicklung eingeschlossen. (Anmerkung: Im weiteren Gang der modernen Wissenschaften  wurde die Annahme einer Zufalls-basierten Entwicklung um weitere Faktoren ergänzt. So sind bei der Entwicklung von biologischen Systemen begrenzende Faktoren unterschiedlicher Art anzunehmen, die die Zufallsräume deutlich einschränken!)

Rettungsversuch mit Bewusstseins-Ansatz

Einen für seine Zeit sehr originellen Rettungsversuch startete George Berkeley (1685 – 1753) mit seiner Schrift ”A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge” (1910) [1], [2]. Zunächst arbeitete er heraus, dass unser gesamtes aktuelles Weltwissen primär im Bewusstsein stattfindet (was heute die Neurowissenschaften umfassend bestätigen konnten), was Berkeley dann zum Anlass nahm, anzunehmen, dass all das, was man gemeinhin materielle Objekte nennt, aus Sicht des Bewusstseins nicht wirklich existiert. Berkeley leitete aus dieser Situation die Hypothese ab, dass man für die Existenz der materiellen Welt außerhalb des Bewusstseins generell die Hypothese eines Schöpfers benötigt, der all dies bereitstellt und verwaltet.

Die modernen Naturwissenschaften konnten daher nach Berkeley die Existenz Gottes gar nicht in Frage stellen, da sie sich sowieso nur auf die Phänomene des Bewusstseins und ihre impliziten Gesetzen berufen.

Das Problem der Wissensgrenze

Was sich hier am Beispiel des Design-Begriffs oder der neuen Erkenntnistheorie von Berkeley andeutet, das sind Beispiele für das allgemeine Problem, wenn Menschen mit ihrem Wissen W auf Phänomene stoßen, die nicht so recht oder überhaupt nicht mit dem bisherige Wissen W übereinzustimmen scheinen.

In der Tat ist es ein grundlegendes und ungelöstes Problem, was Wissensgrenzen grundsätzlich bedeuten. Im Normalfall benutzt man sein eigenes Wissen W wie eine Art ’Werkzeug’, um die Wahrnehmung der Welt und von sich selbst ’im Lichte dieses Wissens W’ zu ’deuten’. In diesem Fall ist man ’in’ diesem Wissen drin, man setzt das Wissen W voraus.

Auf der anderen Seite verfügen wir – zumindest ansatzweise, in bestimmten Situationen – über die Fähigkeit, die ’Übereinstimmung’ unseres Wissens W mit wahrnehmbaren Phänomenen zu überprüfen. In diesem speziellen Fall verhalten wir uns zu unserem Wissen W als ob dieses Wissen W für uns ein ’Gegenstand’ ist, ’über’ den wir urteilen können. Und wir wissen aus der Wissenschaftsphilosophie, dass man jedes Wissen W, das in Form einer expliziten formalen symbolischen Theorie T W vorliegt, beschreiben und abändern können.

Letzteres folgt auch alleine schon aus dem Umstand, dass alles Wissen bzw. dann auch alle Theorien von den Autoren ’geschaffen’ werden, indem angesichts von Phänomenen (Daten) nach’ möglichen Beziehungen’ und ’Regeln’ gesucht wird, die diese Daten ’in einen Zusammenhang’ bringen können. In diesen Such- und Konstruktionsprozess können viele logische und nicht-logische Faktoren einfließen. Und es sollte von daher klar sein, dass Wissen bzw. strukturierte Formen von Wissen in Form von symbolischen Theorien grundsätzlich ’dynamische Größen’ darstellen, die im ’Fluss der Zeit’ unterschiedliche Formen annehmen können.

Wenn also im historischen Prozess bestimmte Wissensformen plötzlich Probleme haben, dann ist dies von der Natur des Wissens her eigentlich kein Problem, wohl aber für solche Menschen, die offensichtlich glauben, dass ein bestimmtes Wissen W zu einem bestimmten Zeitpunkt für immer ’fest’ sei, quasi ’absolut’. In diesen Fällen wäre es sehr irreführend, von den Erklärungsproblemen dieser Theorien auf ein Problem in der Welt der Phänomene zu schließen; viel mehr sollten diese Menschen ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Wissen problematisieren und überprüfen. Dies ist im Kern die Aufgabe der Philosophie, heute zusätzlich unterstützt von vielen Spezialdisziplinen wie z.B. Psychologie und Neuropsychologie.

Wissenschaftliche Theorie und Glaube

Ein anderer Aspekt, der oft übersehen wird, den Stace aber explizit benennt (siehe z.B. p.96), das ist das Moment des ’Glaubens’ im Kontext von wissenschaftlichen Theorien.

Die Wurzel für diese Form von ’wissenschaftlichem Glauben’ liegt einmal in der Art, wie wissenschaftliche Theorien entstehen (siehe Abschnitt zuvor), zum anderen in der Art ihrer Nutzung.

Bei der Konstruktion von wissenschaftlichen Theorien müssen Forscher grundsätzlich über die endliche Menge von isolierten Datenpunkten ’hinaus’ gehen und explizit ’Vermutungen über Zusammenhänge’ äußern, d.h. was ’glauben’ sie, welche Art von Zusammenhängen ’da draußen’ existieren, aufgrund deren Wirken die beobachteten Phänomene (gemessene Daten) auftreten. Und wenn sie dann ihre Vermutungen, ihren Glauben, niedergeschrieben haben, dann stehen die benutzen theoretischen Terme für genau diese Vermutungen, für den so artikulierten Glauben als mögliche Zusammenhänge.

In der normalen Physik gibt es viele Beispiele für solche Terme, deren ’Bedeutung’, deren ’Extension’ nicht direkt beobachtet werde kann, sondern nur ihre ’Wirkung’, die als ’Hinweis auf ihre Existenz’ angenommen (geglaubt) wird.

So kann man das ’Gewicht’ eines Körpers nicht direkt sehen, sondern nur die Auswirkung des Gewichts im Rahmen eines Messvorgangs, entsprechend mit der Anziehungskraft von Körpern aufgrund der postulierten Gravitation. Wenn also — das wäre der Analogieschluss — das mit der Wortmarke ’Gott’ Gemeine nicht direkt mit normalen Sinnesorganen punktuell beobachtet werden kann, so würde daraus nicht notwendigerweise der Schluss folgen, dass diese Wortmarke keine Extension besitzt. Tausende von menschlichen Zeugnissen deuten in die Richtung, dass ’das mit Gott Gemeinte’ sich auf vielfache Weise in Form von Zeitreihen zeigen kann, die unterschiedliche Randbedingungen aufweisen können. Darauf aufbauende ’Überzeugungen= Wissensformen’ gehen dann über den Augenblick hinaus (analog zu empirischen Theorien) und ermöglichen ein  ’erfahrungsbasiertes Handeln’, das entweder weitere ’Bestätigungen’ zulässt oder nicht. Abänderungen solcher Überzeugungen im Kontext von Erfahrungen ist möglich und üblich.

QUELLEN

[1] G. Berkeley, A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge, 1st ed. Skinner Row (Dublin): Jeremy Pepyat, Bookseller, 1710.

[2] ——, A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge. Three Dialogues, 1st ed., R. Woolhouse, Ed. London:Penguin Books, 1988.

KONTEXT BLOG

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MEDITATION IN EINER TECHNISCHEN UND WISSENSCHAFTLICHEN WELT? Versuch einer philosophischen Verortung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
7.Mai 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: doeben@fb2.fra-uas.de

 

ÜBERSICHT

I Fragmentierung der Welt als Dauerentfremdung

II Philosophie und Wissenschaft (Idealbild)

II-A Alltagserfahrung – Oberflächen .

II-B Jenseits des Alltags – Wissenschaft

II-C Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

II-D Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

III Erst Reaktionen

III-A Erosion der Wissenschaft ’von innen’

III-B ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’? .

III-C Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Quellen

IDEE

In diesem Text wird aufgezeigt, wie das Phänomen der Meditation im Koordinatensystem der modernen Philosophie und der empirischen Wissenschaften in einer mittlerweile hochtechnisierten Welt verortet werden kann. Ein Deutungsversuch. Er wurde provoziert durch ein Experiment an der Frankfurt University of Applied Sciences, an der seit dem Sommersemester 2017 das Thema ’Meditation’ als offizielles Fach Für alle Bachelor-Studierende der Universität angeboten wird.

I. FRAGMENTIERUNG DER WELT ALS DAUERENTFREMDUNG

In ihren Bachelorstudiengängen erwerben die Studierende grundlegende Kenntnisse über viele verschiedene Einzeldisziplinen. Wieweit diese Disziplinen eher als ’empirische wissenschaftliche Disziplinen’ daherkommen oder doch mehr als ein ’ingenieurmäßiges Anwendungsfeld’ hängt stark vom Charakter der einzelnen Disziplin ab. Sicher ist nur, diese Einzeldisziplinen vermitteln keine ’Gesamtsicht’ der Welt oder des Menschen in der Welt. Ein ’Betriebswirtschaftler’ pflegt einen ganz anderen Zugang zur Welt als ein ’Architekt’, eine ’Case-Managerin’ ist keine ’Elektrotechnikerin’, usw.

Vorab zu allen möglichen Spezialisierungen ist ein Studierender aber primär ein ’Mensch’, ein weltoffenes Wesen, das eine Orientierung im Ganzen sucht, mit einem Körper, der eines der größten Wunderwerke der biologischen Evolution darstellt. Gesellschaftliche Teilhabe, Kommunikation, Verstehen sind wichtige Facetten in einer menschlichen Existenz. Historische Kontexte, Kultur, Werte, eigene Lernprozesse, das eigene Erleben und Lernen, dies alles gehört wesentlich zum Menschsein.

In einer einzelnen Disziplin kommt all dies nicht vor. Wer sich voll in einer bestimmten Disziplin engagiert ist damit nur zu einem kleinen Teil seines Menschseins ’versorgt’. Es klaffen große Lücken. In diesem Kontext ein Modul ’Meditation als kulturelle Praxis’ anzubieten, adressiert ein paar zusätzliche Teilaspekte des studentischen Lebens. Es spricht den persönlichen Umgang mit dem eigenen Körper an, mit spezifischen Körpererfahrungen, die eine feste erlebnismäßige Basis im Strom der Alltagsereignisse bieten können. Damit diese konkrete Praxis nicht ’ir-rational’ daherkommt, werden Teile des kulturellen Kontextes, aus der Geschichte, aus dem heutigen Weltbild, mit erzählt. Wie verstehen Menschen das ’Meditieren’ zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kulturen, heute?

II. PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT (IDEALBILD)

Zwei besonders wichtige Blickweisen in der europäischen Kultur werden durch die modernen empirischen Wissenschaften und durch die moderne Philosophie repräsentiert. Beide entwickelten sich in enger Wechselwirkung seit dem 17.Jahrhundert; sie schufen die Grundlage für moderne Technologien, Gesellschafts- und Wertesysteme. Auch legten sie die Basis für einen Blick auf das Universum, das Leben im Universum, wie auch auf das menschliche Erkennen, wie es in der bisherigen Geschichte des Lebens einmalig ist.

Nun ist der Umfang dieses wissenschaftlichen und philosophischen Wissens zu groß, um es hier auch nur ansatzweise ausbreiten zu können. Es soll aber versucht werden, ausgehend von der Alltagserfahrung und der Praxis der Meditation anzudeuten, wie sich dieses aus Sicht der Philosophie und der empirischen Wissenschaften darstellt.

A. Alltagserfahrung

Oberflächen In seinem Alltag erlebt sich der Mensch mit seinem ’Körper’, der in einem räumlichen Miteinander mit anderen Körpern und Objekten vorkommt. Er erlebt Veränderungen, Verhaltensweisen, asynchron und synchron: Menschen auf einer Straße können wild durcheinander laufen, sie können aber auch gemeinsam diszipliniert in einer Warteschlange stehen, sich im gemeinsamen Tanz bewegen, oder im direkten Gespräch ihr individuelles Verstehen miteinander verschränken.

Zugleich lernt jeder von früh an, dass es ’hinter der Oberfläche’, ’im’ Körper, eine Vielfalt von Ereignissen gibt, subjektive Erlebnisse, die das ’Innere’ eines Menschen charakterisieren. Einiges von diesen Vorgängen ist ’bewusst’, bildet das ’Bewusstsein’ des Menschen. Wir wissen aber heute, dass vieles im Inneren eines Körpers, eigentlich das meiste, ’nicht bewusst’ ist! So sind die ’Inhalte’ unseres ’Gedächtnisses’ normalerweise nicht bewusst; sie können aber bewusst werden, wenn bestimmte Ereignisse uns an etwas erinnern, und herausfordern. Solche Erinnerungen können wie eine Kettenreaktion wirken: eine Erinnerung aktiviert die nächste.

B. Jenseits des Alltags

Wissenschaft Mittlerweile wurde der menschliche Körper, seine Bauweise, viele seiner Funktionen, durch die Biologie, die Physiologie, die Psychologie und durch viele weitere Wissenschaften untersucht und partiell ’erklärt’, dazu auch das Miteinander mit anderen Menschen in seinen vielfältigen Formen.

Wir wissen, dass die ’innere Verarbeitung’ des Menschen die äußeren und die körperinternen Reize nach festen Verfahren zu allgemeinen Strukturen zusammenführt (’Cluster’, ’Kategorien’), diese untereinander vielfach vernetzt, und automatisch in einer Raumstruktur aufbereitet. Zugleich erlaubt das Gedächtnis jede aktuelle Gegenwart mit gespeicherten ’alten Gegenwarten’ zu vergleichen, was ein ’vorher/nachher’ ermöglicht, der Ausgangspunkt für ein Konzept von ’Zeit’. Dazu kommt die besondere Fähigkeit des Menschen, die Ausdrücke einer Sprache mit seinen ’inneren Zuständen’ ’verzahnen’ zu können. Ein Ausdruck wie ’Es ist 7 Uhr auf meiner Uhr’ können wir in Beziehung setzen zu unserer Wahrnehmung eines Gegenstandes am angesprochenen Arm.

Ein wichtiges Charakteristikum biologischer Körper ist auch ihre grundlegende ’Nicht-Determiniertheit’, eine grundlegende Voraussetzung für ’Freiheit’.

Dass diese komplexen inneren Mechanismen des menschlichen Körpers so scheinbar mühelos mit den Gegebenheiten der Körperwelt ’harmonieren’, kommt nicht von ungefähr. Die moderne Biologie mit Spezialgebieten  wie z.B. der ’Mikrobiologie’, der ’Evolutionsbiologie’, der ’Paläobiologie’, der ’Astrobiologie’ 1 zusätzlich vereint mit Disziplinen wie der Geologie, Archäologie, der Klimatologie samt vielen Subdisziplinen der Physik und der Chemie; diese alle haben in über 100 Jahren konzertierter Arbeit die Geschichte der Lebensformen auf der Erde samt den parallelen Veränderungen der Erde mit ihrem Klima häppchenweise entschlüsselt, entziffert, dekodiert und immer wieder neu zu einem Gesamtbild zusammen gefügt. Das Bild, das sich daraus bis heute ergeben hat, zeigt eine ungeheure Vielfalt, eine bisweilen große Dramatik, vor allem aber das erstaunliche Phänomen, wie sich ’biologisches Leben’ anschickt, die freien Energiereserven des Universums ’anzuzapfen’, sie für sich ’nutzbar zu machen’, um damit immer komplexere Strukturen zu schaffen, die über einfache erste Zellen von vor ca. 3.8 Mrd. Jahren zu komplexen (’eukaryotischen’) Zellen führten, zu Zellverbänden, zu Pflanzen, zu Tieren und dann, sehr spät, ’erst vor kurzem’, zu einer Lebensform, die wir ’homo sapiens’ nennen, die sich von Ostafrika aus kommend, in ca. 45.000 Jahren über die ganze bekannte Erde ausgebreitet hat. Das sind wir.

Nimmt man die Erkenntnisse der Astrobiologie hinzu, dann wird deutlich, dass unser Planet Erde bisher eine äußerst ’lebensfreundliche’ Position in unserem Sonnensystem inne hatte; unser Sonnensystem wiederum befindet sich in einem sehr lebensfreundlichen Bereich unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße mit ihren ca. 200 – 400 Mrd. Sternen; erst in ein paar Mrd. Jahren wird die Milchstraße – nach heutigem Kenntnisstand – mit der Andromeda- Galaxie kollidieren, die ca. 1 Bio. Sterne zählt.

C. Homo Sapiens Heute – Digitale Versklavung beginnt

Verglichen mit den langen Zeiträumen der Entwicklung des bekannten Universums (vor ca. 13.8 Mrd. Jahren), unserer Erde (vor ca. 4.5 Mrd. Jahren), des biologischen Lebens selbst (vor ca. 3.8 Mrd. Jahren) ist das Auftreten des homo sapiens (vor ca. 200.000 Jahre) verschwindend kurz. Betrachtet man nur die Zeit seit der Gründung der ersten Städte (vor ca. 11.000 Jahren), seit dem ersten Computer (vor ca. 88 Jahren), seit dem Internet (vor ca. 48 Jahren), dann muss man sagen, dass wir Menschen uns seit kurzem mitten in einer Revolution befinden, in der digitalen Revolution, die das Zeug dazu hat, die bisherige Lebensweise des homo sapiens so nachhaltig zu verändern, wie vielleicht vergleichbar mit der frühen Seßhaftwerdung des homo sapiens.

Ein Grundzug der Digitalisierung des menschlichen Lebens ist der Aufbau einer parallelen, einer digitalen Welt, in der ungeheure Datenmengen eingelagert werden können, riesige Datenströme schneller als menschliche Gedanken von überall nach überall hin und her strömen können, Daten, die partiell Abbilder, Kopien, Modelle der realen Welt darstellen, in denen Computerprogramme diese Datenberge geräuschlos verwalten, verarbeiten und in Maßnahmen umsetzen können.

Der homo sapiens mit seinem Körper für die Außenwelt und seinen bewussten kognitiven Prozessen in der ’Innenwelt’, wird über Schnittstellen mit der digitalen Welt verkoppelt und lebt immer mehr nur durch das Medium des Digitalen. Sein Körper, die Vorgänge in der Außenwelt, verlieren an Bedeutung. Die wahrgenommene Außenwelt wird zu einem immer kleiner werdenden Segment der subjektiv gedachten und digital aufbereiteten Welt. Falls der homo sapiens die Nutzung der digitalen Welt in der Zukunft nicht grundlegend anders organisiert, wird das einzelne, individuelle Gehirn zu einem bloßen Anhängsel einer neuen digitalen Galaxie, deren Beherrschung und Steuerung sich allen bekannten Kategorien aus der Außenwelt entzieht. Alle bekannten rechtliche, soziale und politische Kategorien werden nicht mehr gelten. Ganze Staaten verlieren ihren Halt, weil ihre Bürger in einer digitalen Welt leben, die von globalen anonymen Kräften beherrscht werden. Bürger mutieren zu ’Realwelt-Zombies’, deren Inneres zum Bestandteil über-individueller globaler Algorithmen geworden ist, die alle individuellen Regungen automatisch beobachten, und nach partiellen ökonomischen Interessen global steuern.

Noch ist diese Vision nicht vollständig wahr, aber doch schon soweit, dass es uns erschrecken sollte. Ist es das, was wir wollen, was wir wollen sollten?

D. Selbstvergewisserung – Speziell durch Meditation?

Eines der wichtigsten Themen der Philosophie war und ist zu allen Zeiten das Thema der ’Selbstvergewisserung’: wer bin ich, der ich wahrnehme, empfinde, denke, und handle? Bin ich das, was ich wahrnehme, empfinde etc. oder bin ich etwas davon ’Verschiedenes’, oder die ’Synthese’ aus all dem, oder etwas noch ganz anderes?

Die Palette der Antworten ist so breit, wie die Zeit lang ist. Jeder Philosoph hat das Thema irgendwie neu moduliert; bis heute gibt es nicht ’die’ Antwort.

Schon mittendrin in der digitalen Revolution, schon jetzt fast mehr im ’digitalen’ Raum als im ’realen Körperraum’, verschärft sich diese philosophische Fragestellung weiter: wenn das, was ich wahrnehme, immer weniger direkt mit der realen Körperwelt korrespondiert, dafür immer mehr mit digital aufbereiteten Objekten, deren Herkunft zu bestimmen immer schwieriger wird, dann kann es passieren, dass sich das individuelle erkennende Subjekt über eine (digitale) Objektwelt definiert, die weitgehend ein Fake ist, einzig dazu da, den Einzelnen zu manipulieren, ihn zu einem ferngesteuerten ’Diener des Systems’ zu machen, besser: zu einem ’digitalen Sklaven’.

Würde man die aktuelle Entwicklungstendenz der digitalen Revolution so fort schreiben, wie sie aktuell formatiert ist, dann würde dies zur totalen Auslöschung eines freien, kreativen Individuums führen. Denn selbst ein Individuum, das vom Ansatz her ein ’freies’ Individuum ist, würde durch eine reale Lebensform der manifesten digitalen Sklaverei jeglichen Ansatzpunkt verlieren, die Freiheit zu ’materialisieren’.

Um eine solche digitale Sklaverei zu verhindern, kann und muss man die aktuelle digitale Revolution ’um- formatieren’. Statt den menschlichen Benutzer zu einem vollständig manipulierten Bestandteil einer Population von wertfreien Algorithmen zu machen, die von einzelnen narzisstischen, macht-hungrigen und menschenverachtenden Menschen global gesteuert werden, sollte man den digitalen Raum neu, von ’unten-nach-oben’ organisieren. Der einzelne Mensch muss wieder zum Taktgeber werden, die individuelle Freiheit, Kreativität und in Freiheit geborenen Werte müssen in einer freien Gesellschaft wieder ins Zentrum gerückt werden, und die diversen Algorithmen und Datengebirge müssen diesen individuellen Freiheiten in einer demokratischen Gesellschaft ’dienen’!

Eine Grundvoraussetzung für solch eine neue ’Selbstvergewisserung’ von ’Freiheit’ ist eine radikale, authentische Selbstwahrnehmung des ganzen individuellen Daseins, weit-möglichst frei von manipulierten und gefakten Fakten. Natürlich kann dies nicht bedeuten, dass der Mensch sich all seiner Erfahrungen, all seines Wissens ’entleert’, das wäre die andere Form von Versklavung in der Dunkelheit eines radikalen ’Nicht-Wissens’. Aber in all seinen Erfahrungen, in all seinem Wissen, braucht es die Erfahrung ’seiner selbst’, wie man ’faktisch ist’, man ’selbst’, mit seinem ’Körper’, in einer Erfahrungswelt, die dem menschlichen Tun ’vorgelagert’ ist als das, was wir ’Natur’ nennen, die ’aus sich heraus gewordene und werdende Wirklichkeit’ der Erde im Universum, des Lebens auf der Erde, von dem wir ein Teil sind.

Natürlich, und das wissen wir mittlerweile, gerade auch durch das philosophische Denken im Einklang mit den empirischen Wissenschaften, haben wir Menschen niemals einen völlig authentischen, einen völlig ’ungefilterten’ Zugang zur ’Natur’. Einmal nicht, weil das menschliche Vermögen des Wahrnehmens und Verstehens aus sich heraus ’konstruktiv’ ist und wir die ’Außenwelt’ grundsätzlich nur im Modus unserer ’Innenwelt’ ’haben’, zum anderen nicht, weil wir selbst Teil dieser Natur sind und durch unsere Aktivitäten diese Natur mit verändern. Die erlebbare Natur ist von daher immer schon eine ’vom Menschen mit-gestaltete Natur’! Je mehr wir dies tun, je mehr wir selbst als Teil der Natur die Natur verändern, umso weniger können wir die Natur ’vor’ oder ’ohne’ den Menschen erleben.

Dennoch, bei aller ’Verwicklung’ des Menschen mit der umgebenden Natur, und heute noch zusätzlich mit der selbst geschaffenen digitalen Wirklichkeit, gibt es keine Alternative zu einer praktizierten Selbstvergewisserung mit vollem Körpereinsatz. Dies können intensive Formen körperlicher Aktivitäten sein – wie z.B. Gehen, Laufen, Fahrrad fahren, Mannschaftssport, Tanzen, Musizieren, … –, dies kann aber auch das ’Meditieren’ sein. Im Meditieren, mit dem Atmen als ’Referenzpunkt’, kann sich der einzelne mit all seinen Befindlichkeiten als ’Ganzes’ erleben, als direkt Gegebenes, mit einem ungefilterten Erleben, mit einer Feinheit des Erlebens, die nicht durch Alltagsrauschen ’überdeckt’, ’maskiert’ wird, und der einzelne kann darin nicht nur ’physiologische Entspannung’ finden, sondern auch – über die Zeit – durch seine erweiterte Wahrnehmung zu neuen, differenzierteren ’Bildern seiner selbst’ kommen, zum ’Entdecken’ von ’Mustern’ des Daseins, die über den aktuellen Moment hinaus auf Wirkzusammenhänge verweisen, die im Alltagsrauschen normalerweise völlig untergehen. Darüber hinaus können sich – meist auf Dauer – Erlebnisse, Erfahrungen einstellen, die sich in spezifischer Weise ’wohltuend’ auf das gesamte Lebensgefühl eines einzelnen auswirken, die einen ’gefühlten Zusammenhang mit Allem’ ermöglichen, der das ’Gefühl für das Ganze’ deutlich verändert. Dieses ’Wohlfühlen’ ist ’mehr’ als physiologische Entspannung, es sind ’Gefühle eines komplexen Existierens’, zu dem nur biologische Systeme fähig sind, deren Körper aufgrund ihrer quanten-physikalischen Offenheit in allen Richtungen Wirklichkeit ’registrieren’ können. Auch das Thema sogenannter ’mystischer’ Erfahrungen gehört in diesen Kontext. Leider gibt es dazu kaum wissenschaftliche Forschungen, aber viele Phänomene, die der Erklärung harren.

III. ERST REAKTIONEN

Obwohl dieser Text erst wenige Tage alt ist, kam es schon zu interessanten Rückmeldungen. Einige davon seien hier ausdrücklich genannt, da sie helfen können, den Kern der Aussage noch weiter zu konturieren.

A. Erosion der Wissenschaft ’von innen’

Wenn im vorausgehenden Text von ’Wissenschaft’ die Rede ist, dann wurde in diesem Text ein Idealbild von Wissenschaft unterstellt, das es so heute ansatzweise gar nicht mehr gibt, und das tendenziell dabei ist, sicher weiter zu verwischen. Für das Projekt einer Zukunft mit dem homo sapiens als aktivem Teilnehmer ist dies brandgefährlich!

Für eine ausführliche Beschreibung dieser beginnenden Erosion von Wissenschaft bräuchte es einen längeren Text. Hier zwei Beispiele, die als erste ’Indikatoren’ dienen mögen.

Vor wenigen Tagen hatte ich Gelegenheit, im Rahmen eines sogenannten ’Graduiertenkollegs’ mit Studierenden von 6 verschiedenen Universitäten mit 7 verschiedenen akademischen Profilen arbeiten zu können; alle waren DoktorandenInnen.

Wir nahmen uns zu Beginn die Zeit, mittels einfacher Zettel, mal zusammen zu stellen, was jedem von ihnen zum Thema ’Wissenschaft’ einfällt. Das Ergebnis war erschreckend. Kein einziger war in der Lage, ein auch nur annähernd ’korrektes’ Bild dessen zu zeichnen, was ’standardmäßig’ unter dem Begriff ’Wissenschaft’ zu verstehen ist; keiner. Nachdem wir dann in Ruhe alle Beiträge gemeinsam diskutiert und in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet hatten (mit vielen Ergänzungen), war die einhellige Reaktion, dass sie dieses in ihrem ganzen Studium noch nie gehört hätten, und dass sie ein großes Interesse hätten, dazu mehr zu erfahren.

Also, eine Zufallsauswahl von jungen Menschen, die eine Doktorarbeit schreiben wollen, war nicht in der Lage, ein belastbares Konzept von ’Wissenschaft’ zu kommunizieren, und das nach ca. 5-6 Jahren Studien an 6 verschiedenen Universitäten in 7 verschiedenen Fachprofilen.

Wer diesen Befund jetzt mit dem Hinweis wegwischen möchte, dass dies auf keinen Fall repräsentativ sei, dem möchte ich ein neueres Handbuch der Wissenschaftsphilosophie zu den Philosophien der Einzelwissenschaften zur Lektüre empfehlen (siehe: [LR17]). In diesem Buch von 2017 wird von Experten der Wissenschaftsphilosophie in 22 Kapiteln sehr kenntnisreich, mit umfänglichen Literatursammlungen, dargelegt, was heute die großen Strömungen im Verständnis von Wissenschaft sind. Was man in diesen Texten nicht findet – ich konnte bislang 6 von 22 Kapiteln lesen –, ist ein klares Konzept, was dann heute unter ’Wissenschaft’ verstanden wird oder verstanden werden sollte. Wenn mir beispielsweise für die Disziplinen Mathematik, Philosophie, Ingenieurwissenschaften und Psychologie – ohne Zweifel sehr kenntnisreich – allerlei Strömungen und Problemdiskussionen präsentiert werden, das Fach selbst samt Wissenschaftsbegriff aber nicht zuvor geklärt wird, dann ist die Aufzählung von all den interessanten Aspekten wenig hilfreich. Alles verschwimmt in einem großen Brei. Und die Studierenden (siehe das Beispiel oben) durchlaufen den Wissenschaftsbetrieb und wissen nachher eigentlich nicht, was man unter ’Wissenschaft’ versteht bzw. verstehen sollte.

Das meine ich mit ’innerer Erosion’ von Wissenschaft: der Wissenschaftsbetrieb als ganzer weist heute riesige, komplexe Organisationsformen auf, verschlingt riesige Geldsummen, aber keiner scheint mehr zu wissen, was es eigentlich ist, was man da macht.

B. ’Digitalisierung’ als ’hypnotischer Zustand’?

Ein ähnliches Phänomen kann man im Umfeld des Phänomens der ’Digitalisierung von Gesellschaft’ beobachten. Mittlerweile vergeht nicht ein Tag, an dem nicht in Zeitungen, im Fernsehen, in Fachartikeln, in Romanen das Phänomen der Digitalisierung beschworen wird. Zumeist hält man sich bei einigen Auswirkungen auf, die in der Tat bedrohlich erscheinen oder sogar sind, aber fast nirgends findet man fundierte Analysen von jenen Technologien, die ’hinter’ den Phänomenen tatsächlich am Werk sind. Am schlimmsten ist das Wort ’Künstliche Intelligenz’. Obwohl es bis heute keine wirklich akzeptierte Definition gibt, jeder damit etwas anderes meint (Anmerkung: Eines der am häufigsten zitierten Lehrbücher zur künstlichen Intelligenz enthält über viele hundert Seiten unzählige Beispiele von einzelnen mathematischen Konzepten (und Algorithmen), aber eine klare Definition wird man nicht finden, auch keine klare Einordnung in das Gesamt von Wissenschaft; siehe [RN10] )  wird so getan, als ob klar ist, was es ist, als ob es so einfach wäre, dass künstliche Intelligenz sich verselbständigen könnte und die ’Herrschaft über die Menschen’ übernehmen wird. Zeitgleich fällt das Bild vom Menschen in ein schwarzes Loch des Nichtwissens, aus dem es kein Entrinnen gibt, um der umfassenden gesellschaftlichen ’Hypnose’ der Digitalisierung ein paar vernünftige Gedanken entgegen zu setzen. Eine der wenigen kritische, dekonstruierende Stellungnahme ist für mich ein Artikel von Sarah Spiekermann (siehe [Spi18]), in dem sie die ernüchternde Schwachheit des ganzen Big-Data-Ansatzes klar ausspricht und welche Gefahren gerade dadurch für uns als Gesellschaft davon ausgehen. Nicht die ’Stärke’ dieser Algorithmen bildet eine Gefahr, sondern ihre grandiose Schwäche, durch welche die Komplexität der Gegenwart und die noch größeren Komplexität der noch unbekannten Zukunft vor unserem geistigen Auge verdeckt wird.

C. Meditationserfahrung gegen Reflexion?

Einen anderen interessanten Reflex durfte ich erfahren (nicht unbedingt erst seit diesem Text): diejenigen, die Meditation schon für ihr Leben entdeckt haben, es bisweilen viele Jahre oder gar schon Jahrzehnte, praktizieren, reagieren spontan mit Abwehr auf die ’Vereinnahmung’ von Meditation durch Reflexion, durch Wissen, was sie als ’Quelle von Störungen’ erfahren, als Hindernis zur tieferen, inneren Erkenntnis und Erfahrung.

Kommunikation in diesem Kontext wird dadurch erschwert, dass das Phänomen ’Meditation’ ja nicht nur über tausende von Jahren in unterschiedlichen kulturellen Kontexten praktiziert und interpretiert wurde (und niemand beherrscht rein wissensmäßig alle diese Traditionen), sondern die Meditationserfahrung selbst spielt sich in jenen inneren Bereichen des Körpers ab, die sich einem direkten ’Zugriff von außen’ entziehen und die von daher schwer bis gar nicht mit ’klaren sprachlichen Ausdrücken’ kommunizierbar sind. Jeder muss immer unterstellen, dass der andere ’das Gleiche’ meint, wie man selbst, ohne es wirklich kontrollieren zu können. Auch die modernen Verfahren der Hirnforschung bieten hier nur sehr abstrakte, äußerliche Kriterien zu irgendwelchen physiologischen Parametern, die keinen direkten Schluss auf die tatsächlichen internen Prozesse zulassen (dazu: Jonas/ Kording (2017) [JK17]).

Zu diesen objektiven Schwierigkeiten kommt aber dann eine verbreitete subjektive Abwehr von Reflexion in meditativen Kontexten, da es sowohl dominante Tendenzen in den verschiedenen Traditionen gibt, die diese ’inneren Prozesse/ Zustände/ Erlebensformen…’ im direkten Gegensatz zu ’diskursiven Tätigkeiten’ sehen, wie auch durch die Tatsache bedingt, dass die ’alten Traditionen’ die modernen (wissenschaftlichen und philosophischen) Sichtweisen in keinster Weise kannten. Obwohl also einerseits die Meditation selbst ’diskursfrei’ gesehen wird, wird ihre ’Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext’ mit einem begrifflichen Rahmen ’verpackt’, ’interpretiert’, der von modernen Erkenntnissen ’unberührt’ ist.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man zwischen dem ’inneren meditativen Erfahrungsraum’ und den sekundären begrifflichen Erklärungsmustern klar unterscheiden würde. Egal ob ein Buddhist, eine Jude, ein Christ oder ein Muslim – oder wer auch immer – etwas zu Meditation sagt, das ’Reden über Meditation’ ist nicht gleichzusetzen mit dem Meditieren selbst und den hier stattfindenden Ereignissen. Wie eine Reihe von Untersuchungen nahelegen (z.B. Stace (1960) [Sta60]), kann der gleiche Sachverhalt, je nach kulturellem Vor- Wissen, ganz unterschiedliche interpretiert werden.

Von daher kann es sehr wohl sein – und der Autor dieser Zeilen geht davon aus – dass der ’Innenraum’ des Meditierens im ’Lichte’ der Erkenntnisse der neueren Philosophie(en) und Wissenschaften eine ganz neue Deutung finden kann. Insofern das Meditieren im Grundansatz an den Phänomenen des ’Innenraums’ orientiert ist (die nichts mit den Phänomenen des ’Außenraums’ zu tun haben müssen!), hat Meditation eine an ’Erfahrung’ orientierte Ausrichtung, die von allen, die sich ’in gleicher Weise’ verhalten, ’im Prinzip reproduzierbar’ ist. Bezieht man die aktuellen empirischen Wissenschaften mit ihren reproduzierbaren Messprozessen auf die ’intersubjektiven Phänomene’ des ’Körperraums’, dann weisen die meditativen Erfahrungen hin auf einen ’erweiterten Erfahrungsraum’, der sich bislang nur durch den vollen Körpereinsatz unter Einbeziehung der ’Phänomene des Innenraums’ manifestiert, und der ansatzweise erfahrungsmäßig reproduzierbar ist.

Während der Innenraum der Meditation im Prinzip versucht, reflektierende Prozesse ’raus zu halten’, kann die begleitende Reflexion vorher und nachher sehr wohl versuchen, das Getane und Erlebte mit dem verfügbaren Wissen zu vernetzten und damit in bekannte Zusammenhänge einzuordnen. Genauso wenig aber, wie aus empirischen Messwerten ’rein automatisch’ Modelle oder Theorien folgen, genauso wenig folgen aus meditativen ’Erlebnissen/ Erfahrungen…’ irgendwelche Modelle oder Theorien. Jede Art von übergreifendem Zusammenhang ist die kreative Eigenleistung eines Individuums und muss sich vor dem Gesamtheit der Erfahrung und im Experiment ’bewähren’.

Vor diesem Hintergrund kann keine Zeit für sich einen absoluten Interpretationsanspruch zum Phänomen der Meditation beanspruchen! Im Gegenteil, jede neue Zeit ist herausgefordert, bisherige Interpretationen im Lichte neuer Erfahrungen, neuer Experimente, immer wieder zu überprüfen.

LITERATUR

[JK17] E. Jonas and K.P. Kording. Could a neuroscientist understand a microprocessor? PLoS Comput Biol, 13(1):1–24, January 2017.

[LR17] Simon Lohse and Thomas Reydon. Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (Germany), 1 edition, 2017.

[RN10] Stuart Russel and Peter Norvig. Artificial Intelligence. A Modern Approach. Universe Books, 3 edition, 2010.

[Spi18] Sarah Spiekermann. Die große big-data-illusion. FAZ, (96):13, 25.April 2018.

[Sta60] W.T. Stace. Mysticism and Philosophy. Jeremy P.Tarcher, Inc., Lo Angeles (CA), 1 edition, 1960.

KONTEXT BLOG

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DER VERSTECKTE BEOBACHTER UND AKTEUR. Wo Denken sich verabschiedet. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
12.April 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: cagent

Philosophie des Beobachters - Vogelperspektive

Philosophie des Beobachters – Vogelperspektive

DER  BEOBACHTER

In den Wissenschaften ist klar, dass es ohne einen Beobachter nichts gibt: keine Experimente mit Messungen, die Daten generieren, und keine Modelle, Theorien, die Daten in Zusammenhänge setzen und damit Deutungs- oder gar Erklärungshypothesen liefern.

Weniger klar ist, dass und wieweit der Beobachter konstitutiv in eine Theorie eingeht und dass eine ’normale‘ Theorie nicht in der Lage ist, ihren eigenen Beobachter zu thematisieren.

Besonders krass ist der Fall in der Physik. Die standardisierten physikalischen Messeinheiten erlauben interessante Modellbildungen zu Strukturen und Dynamiken der realen Welt, es ist mit diesen Daten und Modellen jedoch nicht möglich, den physik- spezifischen Beobachter angemessen zu beschreiben.

Andere Disziplinen wie z.B. die Biologie, die Psychologie oder die Soziologie kommen den komplexen Phänomenen eines Beobachters zwar ’näher‘, aber auch diese – wenn sie denn als empirische Wissenschaften arbeiten – können ihre jeweiligen spezifischen Beobachter nicht mir eigenen ‚Bordmitteln‘ erschöpfend beschreiben. Würden sie es tun, würden sie ihr Wissenschaftsparadigma sprengen; dann müssten sie aufhören, empirische Wissenschaften zu sein.

IRREFÜHRUNG INTERDISZIPLINARITÄT

Im übrigen muss man auch fragen, ob nicht alle Disziplinen auf ihre spezifische Weise Sichten zum Beobachter entwickeln, die  jeweils spezifisch  ‚Recht‘ haben. Nur eine Zusammenschau aller dieser verschiedenen Sichten würde dem komplexen Phänomen ‚Beobachter‘ gerecht, wenngleich prinzipiell unvollständig. Allerdings wäre keine der einzelnen Disziplinen je für sich in der Lage, eine ‚Gesamtschau‘ zu organisieren. Das gibt der normale Theoriebegriff nicht her. Das Reden vom ‚Interdisziplinären‘ ist insofern eine Farce. Hier wird eine Disziplinen-Übergreifende Einheit angedeutet, die es zwischen Einzeldisziplinen prinzipiell nicht geben kann (und auch in der Praxis nie erreicht wird; das scheitert schon an den verschiedenen Sprachen der Disziplinen).

ROLLEN

In der Praxis der Gesellschaft und der Industrie manifestiert sich das Dilemma des versteckten Beobachters im Phänomen der unterschiedlichen Rollen. An einem Systems-Engineering Prozess (SEP) kann man dies verdeutlichen.

Die Manager eines SEP legen Rahmenbedingungen fest, geben Ziele vor, überwachen den Ablauf. Der Prozess selbst wird von unterschiedlichen Experten (Akteuren) gelebt. Diese Experten setzen den ‚durch die Manager gesetzten Rahmen‘ für die Dauer des Prozesses voraus, als gültiges Referenzsystem, innerhalb dessen sie ihre Problemlösung in Kooperation mit anderen Akteuren ‚leben‘.

Innerhalb eines SEP gibt es Akteure , z.B. die Mensch-Maschine Interaktions (MMI) Experten, heute auch schon Akteur-Akteur-Interaktions (AAI) Experten genannt (Akteure können Menschen (biologische Systeme) oder auch mittlerweile Roboter (nicht-biologische Systeme) sein. ‚Cyborgs‘ bilden neuartige ‚Zwitterwesen‘, wo noch nicht ganz klar ist, ob es ‚erweiterte biologische Systeme‘ sind oder es sich hier um eine neue hybride Lebensform als Ergebnis der Evolution handelt). Die MMI oder AAI Experten entwickeln Konzepte für ‚potentielle Benutzer (User)‘, also ‚andere Akteure‘, die in ‚angedachten Abläufen‘ mit ‚angedachten neuen Schnittstellen (Interface)‘ aktiv werden sollen. Werden die Pläne der AAI Experten akzeptiert und realisiert, entstehen für die angedachten Abläufe neue Schnittstellen, mit denen dann andere – dann ‚reale‘ – Akteure‘ arbeiten werden. Tritt dieser Fall ein, dann übernehmen die ‚Anwender (User)‘ einen ‚von anderen Akteuren gesetzten‘ Rahmen für ihr Handeln.

Vom Auftraggeber (Ebene 1) zum Manager eines SEP (Ebene 2) zu den Experten des SEP (Ebene 3) zu den intendierten Anwendern (Ebene 4). Wie sich dies dann wieder auf die umgebende Gesellschaft (Ebene 5) auswirkt, die sowohl Auftraggeber (Ebene 1) als auch Manager von Prozessen (Ebene 2) als auch die verschiedenen Experten (Ebene 3) beeinflussen kann, ist im Normalfall weitgehend unklar. Zu vielfältig sind hier die möglichen Verflechtungen.

Andere Querbeziehungen in einen SEP hinein (kleine Auswahl) treten dort auf, wo z.B. die AAI Experten andere Wissenschaften zu Rate ziehen, entweder über deren ‚Produkte‘ (Artikel, Bücher, Verfahren) oder direkt durch Einbeziehung der Akteure (Psychologie, Psychologen, Soziologie, Soziologen, usw.).

An keiner Stelle in diesem überaus komplexen Rollengeflecht gibt es normalerweise eine Rolle, die offiziell sowohl die spezifischen Aufgaben ‚innerhalb‘ einer Rolle wie auch die ‚Rolle selbst‘ beobachtet, protokolliert, untersucht. Eine solche Rolle würde jeweils vorgegebene Rollen ‚durchbrechen‘, ‚aufbrechen‘, ‚verletzten‘. Das verwirrt, schafft Unruhe, erzeugt Ängste und Abwehr.

HOFNARREN, PHILOSOPHEN

Andererseits gibt es historisch diese Formen in allen Zeiten. In der einen Form ist es der ‚Hofnarr‘, der kraft seiner Rolle grundsätzlich anders sein darf, dadurch feste Muster, Klischees durchbrechen darf, bis zum gewissen Grad wird dies auch erwartet, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Unterschwellige Machtstrukturen dürfen in der Regel nicht angetastet werden.

In der anderen Rolle haben wir die Philosophen. Das philosophische Denken kann das einzelwissenschaftliche Denken ‚imitieren‘, es kann aber jederzeit aus diesem Muster ausbrechen und nach den Voraussetzungen des einzelwissenschaftlichen Denkens fragen. Ein Philosoph kann — von seinem Denken her — die immer und überall wirksamen ‚Voraussetzungen‘ von Verhalten und Denken ‚hinterfragen‘, ‚thematisieren‘ und auf diese Weise einer expliziten Reflexion und sogar bis zu einem gewissen Grade einer Theoriebildung zugänglich machen. Der Philosoph als Teil einer Gesellschaft mit seiner Nähe zum ‚Hofnarren‘ darf meistens aber nur soviel anders sein (Schulphilosophie), die die Gesellschaft ihm zugesteht. Vom Standpunkt eines philosophischen Denkens aus kann man unterschiedliche einzelwissenschaftliche Modelle und Theorien ‚als Objekte‘ untersuchen, vergleichen, formalisieren und man kann auf einer ‚Metaebene‘ zu den Einzelwissenschaften ‚integrierte Theorien‘ schaffen; nur so. Interdisziplinarität ist von hier aus betrachtet eine Form von Ideologie, die genau solche Integrationen  verhindert.

WISSENSCHAFTLICHE EINZELSTAATEREI

Der Versuch der Einzelwissenschaften, sich der ‚Gängelei‘ eines philosophischen Denkens zu entziehen, führt bei aller Positivität der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem großen Wirrwarr, das wir heute um uns herum beobachten können. Ein komplexes Phänomen wie der Homo sapiens wird zwischen den einzelwissenschaftlichen Mühlsteinen zu Sand zerrieben; übrig bleibt nichts. Die verschiedenen biologischen, psychologischen, neurologischen, soziologischen usw. ‚Substrate‘ bilden unterschiedliche Zerrformen, die in keinem Gesamtbild integriert sind. Das kommt einer Abschaffung des Menschen durch den Wissenschaftsbetrieb gleich. Dies erinnert ein wenig an den kleinstaatlichen Flickenteppich, bevor Deutschland ein integrierter Staat wurde; jeder war sein eigener Fürst; sehr schön; komplexere Einheit fand nicht statt. Das menschliche Gehirn bevorzugt Vereinfachungen, und das subjektive Machtgefühl eines jeden fühlt sich geschmeichelt, wenn es sich als (wenn auch kleiner und beschränkter) ‚Fürst‘ fühlen kann.

EINLADUNG zur PHILOSOPHIEWERKSTATT: PSYCHOANALYSE DURCH ROBOTER? So, 28.Jan.2018, 15:00h, im INM (Frankfurt)

THEMA

Ausgehend von den Themenvorschlägen von der letzten Philosophiewerkstatt am 28.November 2017 und den beginnenden Gesprächen zwischen Jürgen Hardt (Psychoanalytiker) und Gerd Doeben-Henisch (Wissenschaftsphilosoph, KI-Forscher) zum Thema ‚Kann der Psychoanalytiker durch einen intelligenten Roboter ersetzt werden?‘ wird für das Treffen am So, 28.Januar 2018 als Thema (leicht salopp formuliert) „Psychoanalyse durch Roboter?“ gewählt.

Zwar glauben alle einschlägigen Experten im Feld der Psychoanalyse bislang, dass solch ein Zukunftsszenarium für lange Zeit nicht möglich sein wird, vielleicht ist es sogar grundsätzlich nicht möglich, aber philosophisches und wissenschaftliches Denken hört nicht bei herrschenden Meinungen auf, sondern fängt genau da an.

Da die Analyse des Verhältnisses zwischen einem Psychoanalytiker als Akteur und einem einem Patienten als Akteur   kaum umhin können wird, auch die Frage nach dem zugrunde liegenden Menschenbild anzusprechen,  darf man davon ausgehen, dass sich die Themenwünsche von der letzten Philosophiewerkstatt  in diesem Diskurskontext alle wiederfinden werden.

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:40h GEDANKEN ZUM EINSTIEG (Erste Deutungsversuche von Gerd Doeben-Henisch aus Sicht der Wissenschaftsphilosophie, dann Gegenrede, Kommentierungen von Jürgen Hardt aus Sicht der Psychoanalyse)

15:40 – 16:30h: GEMEINSAMER DISKURS ALLER (Fragen, Kommentare…, mit Gedankenbild/ Mindmap)

16:30 – 16:40h PAUSE

16:40– 17:00h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation, individuell, freiwillig)

17:00 – 17:10h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

17:10 – 17:50h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:50– 18:00h: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h: VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

KONTEXTE

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Mit freundlichen Grüßen,

Gerd Doeben-Henisch

WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE IM ALLTAG. Wahrheit im Dauerversuch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

INHALT

I Wissenschaftsphilosophie und Wahrheit …1
II Interdisziplinär und Unterschiede …2
III Interdisziplinäres Projekt…2
III-A Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’ . . . . . . . .3
III-B Vernetzung der Einzelvorschläge . ….3
III-C Formalisierungsversuch . . . . . . . . 4
Weiter zur Wahrheit …7
IV Literaturverweise …8

WORUM ES GEHT

‚Wissenschaftsphilosophie‘ klingt für die meisten sehr abstrakt. Wendet man sich aber dem Alltag zu und betrachtet ein – fast beliebiges – Beispiel, dann kann man
schnell entdecken, dass eine wissenschaftsphilosophische
Sehweise sehr konkret – und auch sehr praktisch – werden
kann. Dies wird in diesem Beitrag illustriert.

PDF

I. WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE UND WAHRHEIT

In einem vorausgehenden Beitrag in diesem Blog mit
der Überschrift ”WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER
ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT”  wurde
besprochen, welche Mechanismen uns Menschen
zur Verfügung stehen, um wahre Aussagen über
die Welt und uns selbst machen zu können. Die
Blickweise, die hinter diesen Überlegungen stand,
war die der Wissenschaftsphilosophie. Aber was ist
’Wissenschaftsphilosophie’? Warum ist diese Blickweise
so wichtig?

’Wissenschaftsphilosophie’ ist, wie der Name schon
andeutet, ein Teil der philosophischen Blickweise auf die
Welt.

Während sich die Einzelwissenschaften aufgrund ihrer
spezifischen Interessen auf ’Teilgebiete der erfahrbaren
Wirklichkeit’ festlegen und diese im Rahmen des Paradigmas der experimentellen Wissenschaften im Detail erforschen, versteht sich eine philosophische
Blickweise als jene, die nicht von vornherein
Ausgrenzungen vornimmt, sondern alle Phänomene
zulässt, die sich dem menschlichen Bewusstsein zur
Erfahrung geben. Ein philosophisches Denken legt sich
auch nicht auf einige wenige Methoden fest, sondern
erlaubt zunächst einmal alles, was geht.
Eine so verstandene philosophische Blickweise hat
Vor- und Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand:
der Verzicht auf eine wie auch immer geartete Vorweg-
Zensur von Erfahrung konfrontiert einen Philosophen
von vornherein mit einer solchen Fülle von Phänomen
und Methoden, dass es im Allgemeinen schwer ist,
hier auf einfache und schnelle Weise zu strukturierten
Erkenntnissen zu kommen.

Andererseits, schaut man sich die fortschreitende
Zersplitterung der Einzelwissenschaften an, dann
trifft man auch hier auf eine methodisch bedingte
Vielfalt, die bislang nicht systematisch integriert ist.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist es nicht einmal abzusehen,
wann und wie diese immensen, sich gegenseitig
ausschließenden Datengebirge und Teildeutungen, sich
irgendwann zu einem einzigen großen integrierten
Ganzen zusammenfügen lassen lassen.

Die philosophische Blickweise als solche trägt im
Prinzip den Keim der Integration in sich, da sie ja
nicht auf Teilaspekte der Wirklichkeit abonniert ist,
sondern im Prinzip für alles offen ist. So kann sie sich
die Ergebnisse der Einzelwissenschaften vornehmen
und versuchsweise, spielerisch die verschiedenen
Erkenntnisse z.B. zum subjektiven Bewusstsein, zum
objektiven Verhalten oder zum objektiven Körper
aufgreifen, miteinander in Beziehung setzen, und
versuchen, die darin verborgenen Zusammenhänge
sichtbar zu machen.

Philosophen können dies irgendwie machen, oder
sie können sich im Jahr 2017 die denkerischen
Vorarbeiten der Wissenschaftsphilosophen aus den
letzten ca. 150 Jahren zu Nutze machen. Diese haben nämlich spezielle Teilaspekte der Wirklichkeit, des Denkens, der Wissenschaften systematisch untersucht.
Dazu gehören Themen wie Messen, Modellbildung,
logische Argumentation, Überprüfung eines Modells,
Simulation, und vieles mehr. Im Endeffekt haben die
Wissenschaftsphilosophen untersucht, wie das Konzept
einer experimentellen Wissenschaften überhaupt
funktioniert, unter welchen Umständen experimentelle
Theorien wahr sind, und unter welchen Bedingungen
man verschiedene Theorien integrieren kann.

Da das Thema Wissenschaftsphilosophie für sich
sehr umfassend ist und in vielen Bereichen nicht gerade
einfach zu erklären ist, sei an dieser Stelle auf eine solche
umfassende Darstellung verzichtet (Vergleiche dazu z.B.: [Sup79], [Sne79],
[Bal82], [BMS87]). Stattdessen sei hier ein einfaches (reales) Beispiel aus dem (realen) Alltag
vorgestellt, wie es jeder erleben kann oder schon erlebt
hat.

II. INTERDISZIPLINÄR UND UNTERSCHIEDE

Das Wort Interdisziplinär ist heute ja ein
richtiges Modewort, um das Zusammenarbeiten
von unterschiedlichen Disziplinen, Experten mit
unterschiedlichem Knowhow, unterschiedlichen
Erfahrungen zu etikettieren.

Während wir in den verschiedenen Gesellschaften
in Europa und weltweit zunehmend eher wieder
Phänomene der Abgrenzung beobachten, der
Ausgrenzung, der Abschottung, der identitätserhaltenden
Gruppenbildung, haben wir immer mehr international
operierende Firmen, in denen die Zusammenarbeit
von Menschen aus vielen Nationen (bis über 100)
Alltag ist und funktioniert. Es spielt nicht wirklich eine
Rolle, aus welchem Land jemand kommt, welche
Religion er hat, wie sie sich kleidet, was jemand isst,
solange alle im Rahmen der gestellten Aufgabe friedlich
zusammenwirken können. Auch in den Wissenschaften
ist dies eigentlich Alltag. Mathematik ist für alle gleich und
die Welt, die es zu erforschen gilt, ist auch für alle gleich.
Ähnlich ist es in den großen internationalen Metropolen
dieser Welt. Dort leben ganz viele verschiedene Kulturen
so lange friedlich zusammen, so lange niemand anfängt,
bewusst Hass und Zwietracht zu streuen.

Andererseits scheint das Phänomen der Abgrenzung
ein tief sitzender Reflex im menschlichen Verhalten
zu sein. Denn überall, wo Menschen leben und
es in der jeweiligen Gemeinschaft unterschiedliche
Gruppen – alleine schon wegen der notwendigen und
fortschreitenden Spezialisierungen – gibt, tendiert jede
Gruppe dazu, sich von den anderen abzugrenzen.
Es ist letztlich eine kognitive Entlastungsstrategie: es
ist immer einfacher, sich nur dem den Eigenschaften
und Regeln der eigenen Gruppe zu beschäftigen, als
zusätzlich auch noch mit den Eigenheiten und Regeln
einer anderen Gruppe. Dies strengt an und belastet.
Zu diesem Zweck gibt es allgemeine Verhaltensregeln,
die einem im Alltag Entscheidungen abnehmen, und
es gibt Klischees, Stereotype, mit denen man andere
Gruppen – und damit auch die einzelnen Mitglieder
der anderen Gruppen – mit einem einzigen Wort
in eine große Kiste von Klischees einsortiert. Dies
fängt schon im Bereich der Familie an, und erstreckt
sich dann über Schulklassen, Schulen, Abteilungen
in Behörden und Betrieben zu ganzen Einrichtungen,
Stadtteilen, Volksgruppen. Im ’Normalbetrieb’ verläuft
dies friedlich, ohne direkte Auseinandersetzungen, ist
fester Bestandteil von Witzen, Volksbelustigungen und
vielen Fernsehsendungen und Filmen.

Im Konfliktfall sind diese Vorurteile aber wie trockenes
Holz, das sich blitzschnell entzünden kann, und mit
einem Mal sind die Nachbarn, die Arbeitskolleginnen,
und die Leute aus dem anderen Stadtteil nicht einfach
nur anders, sondern gefährlich anders, moralisch anders,
überhaupt anders. Aus unverfänglichen Unterschieden
werden plötzlich metaphysische Ungeheuer. Die
gedankliche Bequemlichkeit, die sich im Alltag im
Gebrauch von Klischees ausruht, wird zur gedanklichen
Hilflosigkeit, die im Stress einfach wild um sich schlägt,
und dann natürlich auf das haut, was sie in ihrer
vereinfachten Weltsicht kennt: auf die stereotypen
Unterschiede, die plötzlich die ganze Welt bedeuten.

III. INTERDISZIPLINÄRES PROJEKT

Während interdisziplinäres Zusammenarbeiten in
großen Firmen und Behörden von Metropolen Alltag ist,
tun sich die Bildungseinrichtungen, speziell Hochschulen
in Deutschland, damit noch schwer. Selbst an einer
Hochschule in einer internationalen Metropole, an der
junge Menschen aus mehr als 100 Nationen studieren,
gibt es nur einen verschwindend geringen Anteil von
wirklich interdisziplinären Studienprogrammen. Die
Lehrenden mögen solche Veranstaltungen nicht, da
der normal Lehrende ein Spezialist ist; auch die
Fachbereichsstrukturen an Hochschulen stehen einer
wirklichen Interdisziplinarität massiv im Wege, und die
Hochschulleitungen sind heute von der Realität der
Lehre in ihren eigenen Hochschulen meist so weit
entfernt, dass sie in der Regel gar nicht wirklich wissen,
wie der Alltag der Lehre aussieht.

Das folgende Beispiel stammt aus einer realen
Lehrveranstaltung von einer realen Hochschule mit
Studierenden aus mehr als 100 Nationen, an der es
offiziell genau zwei interdisziplinäre Studienprogramme
gibt. Im Rahmen des einen Programms gibt es ein Modul,
in dem sich Studierende aus verschiedenen Disziplinen
mit dem Begriff der Simulation auseinander setzen sollen.

So gibt es in diesem Modul z.B. Studierende
aus den Disziplinen soziale Arbeit, Pflege, Case
Management, Architektur, Maschinenbau, Elektrotechnik
und Informatik.

A. Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’

Das Modul ist so angelegt, dass alle Beteiligten
im Rahmen von Kommunikationsprozessen, eigenen
Recherchen und eigenen Experimenten schrittweise
ihr bisheriges Verständnis des Begriffs ’Simulation’
verfeinern und mit den Vorstellungen der jeweils
anderen Disziplinen integrieren, falls möglich. Im
Folgenden Beispiele von Formulierungen, wie der Begriff
Simulation’ zu Beginn von den Teilnehmern umschrieben
wurde.

  • Team A: Unter Simulation versteht man ein realitätsnahes Nachbilden von Situationen.
    • Ein virtueller Raum wird mit Hilfe von Visualisierungsprogrammen realistisch dargestellt .
    • Nach einer Abbildung mit verschiedenen Programmen kann das Modell mit Hilfe von Grundrissen geschaffen werden.
    • Verschiedene Gebäudetypen, zum Beispiel:
      öffentliche, kulturelle oder soziale Einrichtungen,
      können simuliert werden.
    • Der Außenraum bzw. die Umgebung wird beim
      Entwurf mitberücksichtigt und 3D visualisiert.
    • Durch Materialität, Textur, Lichtverhältnissen
      und Schattierungen wird versucht, den Entwurf
      realitätsnah wie möglich darzustellen.
    • Konstruktionen können in Simulationsprogrammen ebenfalls detailliert ausgeführt werden.
  • Team B: Simulation ist eine Methode Situationen abzubilden, z.B. räumliche Wirkungen, Umwelteinflüsse, Szenarien, um effektiv Probleme und
    Lösungen zu analysieren.
  • Team C: Die Analyse von möglichen Problemen
    im Alltag. Die Nachbildung von Anwendungsfällen
    wie zum Beispiel Flugsimulation und Wettersimulation. Die Optimierung von Systemen und Prozessen.
    Komplexe Sachverhalten zu vereinfachen und (visuell) darzustellen. Es ist eine kostengünstigere Variante als die tatsächliche Umsetzung. Es werden in
    einer Simulation Prognosen und Voraussagen erstellt.
  • Team D:
    1. Analyse von Systemen vor der praktischen An-
      wendung
    2. Die Simulation ist ein Bestandteil eines Produktlebenszyklus. Dabei lassen sich die Entwicklungsschritte wie folgt definieren:
      1. Konzeptentwicklung
      2. Simulation
      3. Konstruktiond) Produktherstellung
      4. Integration im System
    3. Optimierung von einem bestehendem Prozess
      mit Ziel die Effizienz und die Fehlerbehebung
      zu verbessern −→ Prozessoptimierung
  • Team E: Unter dem Begriff ”Simulation” ist das
    theoretische bzw. praktische Durchspielen unterschiedlicher Szenarien zu verstehen. Das Durchspielen oder auch Verifizieren der Situation lässt
    die Übertragung von komplexen Aussagen über das
    mögliche Verhalten des gewählten Klientels zu. Das
    Ergebnis kann auf die Realität projiziert werden,
    ohne damit laufende Prozesse negativ zu beeinflussen.
  • Team F : Eine Simulation ist eine modellhafte
    Darstellung einer möglichen oder reellen Situation.
    Die Situation kann sowohl prospektiv als auch retrospektiv sein. Sie dient der Analyse, Übung und Optimierung verschiedener Prozesse beziehungsweise
    einzelner Prozessabläufe.
  • Team G: Simulationen in der sozialen Arbeit bieten die Möglichkeit insbesondere ethisch schwierig
    vertretbare oder praktisch schwierig umsetzbare Situationen experimentell darzustellen und dadurch
    präventiv Kompetenzen zu erwerben, Lerninhalte
    zu erarbeiten, Lösungsansätze zu entwickeln und
    Problem- bzw. Konfliktsituationen zu vermeiden.
  • Team H: Simulation im Beratungskontext meint das
    Herstellen realitätsnaher Szenarien, um das Verhalten von Personen in speziellen Situationen erproben,
    beobachten und evaluieren zu können.
B. Vernetzung der Einzelvorschläge

Diese Textfragmente wirken unterschiedlich und tragen
deutlich Spuren der unterschiedlichen Fachkulturen. So
ist das Team A unschwer als Team aus dem Bereich
Architektur zu erkennen, oder Team C: das klingt sehr
nach einem technischen Hintergrund. Team E klingt
nach sozialer Arbeit oder Case Management. usw.

Was macht man nun damit?

Es gab ein Live-Gespräch, bei dem die einzelnen
Formulierungen nacheinander diskutiert wurden
und einzelne Begriffe, die hervor stachen, wurden
versuchsweise auf ein Whiteboard geschrieben (siehe
Schaubild Nr. 1).

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Für einen Unbeteiligten wirkt dieses Bild vermutlich
noch ein wenig ’wirr’, aber bei näherem Hinsehen kann
man die Umrisse einer ersten Struktur erkennen.
In einer im Anschluss erstellten Idealisierung des
ersten Tafelbild (siehe Schaubild Nr. 2) kann man die
in diesen Begriffen liegende verborgene Struktur schon
deutlicher erkennen.

Reinzeichnung des Tafelbildes

Reinzeichnung des Tafelbildes

Man erkennt abgrenzbare Bereiche, Komponenten
wie z.B. die reale Welt oder das Ersatzsystem, Modell,
oder auch so etwas wie die Idee von etwas Neuem.
Zwischen diesen Komponenten findet man Beziehungen
wie Nachbilden oder Erfinden oder Modell nutzen.

Offensichtlich passen diese Größen nicht in das
klassische Schema einer Definition, bei dem ein neuer
Begriff (das ’Definiendum’) durch schon bekannte
Begriffe (das ’Definiens’) ’erklärt’ wird (vgl. dazu [Mit95] und [San10]), sondern es ist
eher die Einführung eines neuen Bedeutungsfeldes im
Sinne einer axiomatischen Theorie: man benennt eine
Reihe von Komponenten, von denen man annimmt, dass
sie alle wichtig sind, beschreibt Beziehungen zwischen
diesen Komponenten, die man ebenfalls für wichtig
findet, und nennt dann das Ganze ’Simulation’. Eine
zunächst diffuse Wirklichkeit gewinnt dadurch Konturen,
gewinnt eine Struktur.

Ob diese sich so heraus schälende Struktur wirklich
brauchbar ist, irgendwelche Wahrheitsansprüche
einlösen lässt, das kann man zu diesem Zeitpunkt
noch nicht entscheiden. Dazu ist das Ganze noch
zu vage. Andererseits gibt es an dieser Stelle auch
keine festen Regeln, wie man solche Strukturen
herausarbeitet. Auf der einen Seite sammelt man
Phänomene ein, auf der anderen Seite sucht man
Begriffe, sprachliche Ausdrücke, die passen könnten.
Was einem auffällt, und wie man es dann anordnet,
hängt offensichtlich von aktuellen Interessen, verfügbarer
Erfahrung und verfügbarem Sprachwissen ab. Drei
verschiedene Personen kämen isoliert vermutlich zu drei
unterschiedlichen Ergebnissen.

Man kann jetzt bei dem Schaubild stehen
bleiben, oder man kann das Instrumentarium der
Wissenschaftsphilosophie weiter nutzen indem man
z.B. eine formale Strukturbildung versucht. Unter
Verwendung einer mengentheoretischen Sprache
kann man versuchen, die erkannten Komponenten
und Beziehungen in mathematische Strukturen
umzuschreiben. Falls es gelingt, führt dies zu noch
mehr struktureller Klarheit, ohne dass man irgendwelche
Feinheiten opfern müsste. Man kann im Verlauf eines
solchen Formalisierungsprozesses Details nach Bedarf
beliebig ergänzen.

C. Formalisierungsversuch

Das idealisierte Schaubild lässt erkennen, dass wir
es mit drei Wirklichkeitsbereichen zu tun haben: (i)
die Reale Welt (W) als Ausgangspunkt; (ii) die Welt
der kreativen Ideen (KID) als Quelle möglicher neuer
Gegenstände oder Verhaltensweisen; und verschiedene
Ersatzsysteme, Modelle (M), mittels deren man etwas tun kann.

Unter Voraussetzung dieser genannten Gegenstandsbereiche W, KID, M wurde folgende wichtige Beziehungen genannt, die zwischen diesen
Gegenstandsbereichen angenommen wurden:

  1. Nachbilden, Abbilden (Abb): Bestimmte Aspekte
    der realen Welt W werden in einem Ersatzsystem,
    in einem Modell M so nachgebildet, dass man
    damit etwas tun kann. Außerdem soll das Modell
    u.a. realitätsnah sein, Kosten sparen, und Risiken
    vermindern.
  2. Erfinden (Erf): Aufgrund von kreativen Ideen KID
    wird ein Modell M erstellt, um diese Ideen sichtbar
    zu machen.
  3. Simulieren (Sim): Hat man ein Modell M gebaut,
    dann können Menschen (ME) mit dem Modell
    unterschiedliche Simulationen für unterschiedliche
    Zwecke vornehmen. Aufgrund von Simulationen
    werden die Menschen Erfahrungen (X+) mit dem
    Modell sammeln, die zu einem verbesserten Verhalten (V+) auch in der realen Welt führen können, zugleich kann aufgrund dieser Erfahrungen das
    bisherige Modell oft auch optimiert werden; man
    kommt also zu einem optimierten Modell (M+).
  4. Transfer (Trans): Aufgrund von neuen Erfahrungen
    (X+) und einem möglicherweise optimierten Modell
    (M+) besteht die Möglichkeit, dass man im Ausgangspunkt, in der realen Welt (W), Sachverhalte und Abläufe ändert, um die Verbesserungen im
    Modell und im neuen Verhalten in die reale Welt,
    in den Alltag, einzubringen. Würde man dies tun,
    dann erhielte man eine verbesserte Welt (W+).

Diese Vorstrukturierung kann man nun weiter treiben und tatsächlich eine mathematische Struktur hinschreiben. Diese könnte folgendermaßen aussehen:

— Siehe hierzu das PDF-Dokument —

Der Ausdruck zu Nummer (1) besagt, dass etwas (x) genau nur dann (iff) eine Simulation (SIMU) genannt wird, wenn es die folgenden Komponenten enthält: W, W+ M, M+ , KID, X+ , ME. Zusätzlich werden folgenden Beziehungen zwischen diesen Komponenten angenommen: Abb, Erf, Sim, Trans. Welcher Art diese Beziehungen sind, wird in den folgenden Nummern (2) – (5) erläutert.

In der Abbildungsbeziehung Abb : ME × W−→ M werden Aspekte der realen Welt W von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Erfindungsbeziehung Erf : ME × KID −→ M werden Aspekte aus der Welt der Ideen KID von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Simulationsbeziehung Sim : ME × M −→ M+ × X+ benutzen Menschen ME Modelle M und machen dadurch neue Erfahrungen X+ und können u.a. das Modell verbessern, optimieren M+ .

In der Transferbeziehung  rans : ME × M+ × X+ −→ W+ können Menschen ME optimierte Modelle M+ und/ oder neue Erfahrungen X+ in ihren Alltag, in die reale Welt so einbringen, dass die bisherige Welt zu einer besseren Welt M+ verändert wird.

IV. WEITER ZUR WAHRHEIT

An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie man
unterschiedliche alltagssprachliche Formulierungen
miteinander vernetzen kann, daraus Strukturen
herausarbeitet, und diese ansatzweise formalisiert.

Um einen möglichen Wahrheitsanspruch dieser
Formalisierung klären zu können, müsste nun weiter
herausgearbeitet werden, was mit den einzelnen
Größen dieser Struktur gemeint ist. Also, wenn man die
Beziehung Abbildung liest ( Abb : ME × W −→ M), müsste klar sein, welche Menschen gemeint sind, die dort eine Abbildungsbeziehung herstellen, und was
müsste man sich konkret darunter vorstellen, dass
Menschen Aspekte der Welt (W) in ein Modell (M)
abbilden?

Wenn ein Kind ein Stück Holz benutzt, als ob es
ein Spielzeugauto ist, mit dem es auf dem Boden
herumfährt und dazu ’BrumBrum’ macht, dann ist für
das Kind das Stück Holz offensichtlich ein Modell für ein
Autor aus der realen Welt, seine Bewegungen simulieren
das Herumfahren, und das ’BrumBrum’ simuliert das
Motorgeräusch (bald nicht mehr, vielleicht).

Wenn Architekten (früher) aus Gips ein Gebäude im
Maßstab angefertigt hatten, es in eine Modelllandschaft
stellten, und dies einer Lichtquelle aussetzten, die
analog der Sonne bewegt wurde, dann war offensichtlich
das Gipshaus in der Landschaft mit der Lichtquelle
ein Modell des Schattenwurfs eines Gebäudes bei
Sonnenlicht.

Wenn Pflegestudierende heute an einem Krankenbett
mit einer künstlichen Puppe üben, wie man verschiedene
Pflegetätigkeiten ausübt, dann ist diese Puppe im Bett
offensichtlich ein Modell des realen Patienten, an dem
man übt.

Wenn Case Managerinnen in Rollenspielen
Beratungsgespräche üben, dann sind diese Rollen,
die sie ausfüllenden Personen, und die stattfindenden
Interaktionen ein Modell der realen Situation.

Wenn Informatikstudierende am Computerbildschirm
Schaltungen zusammenbauen, dann sind diese Software
basierten Bauteile und Schaltungen offensichtlich
Modelle von richtigen Bauteilen und den daraus
konstruierten Schaltungen.

Die Liste der hier möglichen Beispiele ist potentiell
unendlich lang.

Die Abbildung von Aspekten der realen Welt in
Ersatzsysteme, die wie Modelle fungieren, anhand bzw.
mittels deren man üben kann, analysieren usw. ist
offensichtlich sehr grundlegend.

Ob solch ein modellierendes Ersatzsystem und
die damit möglichen Handlungen die abzubildende
Wirklichkeit hinreichend gut abbilden, oder ob sie diese
so verzerren, dass das Modell bezogen auf die reale
Welt falsch ist, dies zu beurteilen ist nicht immer ganz
einfach oder vielleicht sogar unmöglich. Schwierig und
unmöglich ist dies dann, wenn das erarbeitete Modell
etwas zeigt, was in der realen Welt selbst durch die
Verwobenheit mit anderen Faktoren gar nicht sichtbar
ist, wenn also dass Modell überhaupt erst etwas sichtbar
macht, was ansonsten verdeckt, verborgen ist. Damit
würde das Modell selbst zu einer Art Standard, an dem
man die reale Welt misst.

Was im ersten Moment absurd klingt, ist aber genau
die Praxis der Wissenschaften. Das Ur-Meter, das als
Standard für eine Längeneinheit vereinbart wurde, ist
ein Modell für eine bestimmte Länge, die überall in
der räumlichen Welt angetroffen werden kann, aber
ohne das Ur-Meter können wir nicht sagen, welche der
unendlich vielen Stellen nun einem Meter entspricht. Wir
benutzen also ein künstlich erschaffenes Modell einer
bestimmten Länge, um damit die ansonsten amorphe
reale Welt mit Plaketten zu überziehen. Wir projizieren
das Ur-Meter in die reale Welt und sehen dann überall
Längen, die die realer Welt als solche nicht zeigt. Zu
sagen, diese Strecke hier in der realen Welt ist 1 m lang,
ist eine Äußerung, von der wir normalerweise sagen
würden, sie ist wahr. Wahrheit ist hier eine Beziehung
zwischen einer vereinbarten Einheit und einem Aspekt
der realen Welt.

Im allgemeinen Fall haben wir irgendwelche
sprachlichen Ausdrücke (z.B. Abb : ME × W −→ M), wir ordnen diesen sprachlichen Ausdrücke davon unabhängige Bedeutungen zu, und stellen dann fest,
ob es in der realen Welt Sachverhalte gibt, die mit
dieser vereinbarten Bedeutung korrespondieren oder
nicht. Falls Korrespondenz feststellbar ist, sprechen
wir von Wahrheit, sonst nicht. Eine solche Wahrheit ist
aber keine absolute Wahrheit, sondern eine abgeleitete
Wahrheit, die nur festgestellt werden kann, weil zuvor
eine Bedeutung vereinbart wurde, deren Korrespondenz
man dann feststellt (oder nicht). Sprachlich gefasste
Wahrheiten können also immer nur etwas feststellen,
was zuvor vereinbart worden ist (wie beim Ur-Meter), und
man dann sagt, ja, das früher vereinbarte X liegt jetzt
hier auch vor. Und diese grundsätzliche Feststellung,
diese ist fundamental. Sie erlaubt, in den veränderlichen
vielfältigen Bildern der Welt, ansatzweise Ähnlichkeiten,
Wiederholungen und Unterschiede feststellen zu
können, ohne dass damit immer schon irgendwelche
letzten absoluten Sachverhalte dingfest gemacht werden.

Die moderne Wissenschaft hat uns demonstriert, wie
dieses einfachen Mittel in vielen kleinen Schritten über
Jahrzehnte hinweg dann doch zu sehr allgemeingültigen
Sachverhalten hinführen können.

LITERATURHINWEISE

[Bal82] W. Balzer, editor. Empirische Theorien: Modelle, Strukturen,
Beispiele. Friedr.Vieweg & Sohn, Wiesbaden, 1 edition, 1982.

[BMS87] W. Balzer, C. U. Moulines, and J. D. Sneed. An Architectonic
for Science. D.Reidel Publishing Company, Dordrecht (NL),
1 edition, 1987.

[Mit95] Jürgen Mittelstrass, editor. Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie Teil: Bd. 1., A – G. Verlag J.B. Metzler,
Stuttgart – Weimar, 1 edition, 1995.

[San10] Hans Jörg Sandkühler, editor. Enzyklopädie Philosophie,
Bd.1-3. Meiner Verlag, Hamburg, 1 edition, 2010.

[Sne79] J. D. Sneed. The Logical Structure of Mathematical Physics.
D.Reidel Publishing Company, Dordrecht – Boston – London,
2 edition, 1979.

[Sup79] F. Suppe, editor. The Structure of Scientific Theories. Uni-
versity of Illinois Press, Urbana, 2 edition, 1979.

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