THOMPSON: MIND IN LIFE – Review – Teil 1

Evan Thompson, Mind in Life. Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind. Harvard – London, The Belknap Press o f Harvard University Press, 2007

PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTEN – EIN MOTIV

  1. Das Motiv für die Lektüre dieses Buches rührt von der anhaltenden Auseinandersetzung von cagent zu den philosophischen Grundlagen unseres Weltbildes. Egal ob man sich mit psychologischen Modellbildungen beschäftigt, mit biologischen oder neurowissenschaftlichen, man stößt immer wieder auf die methodischen Ränder dieser Disziplinen, durch die ein direkter Zugriff auf die Inhalte des Bewusstseins nicht möglich ist (siehe Bild 1). Es bleiben immer nur Korrelationen mit etwas, das man dem Bewusstsein zurechnet, aber man kommt niemals direkt an die Daten des Bewusstseins heran.

Die drei großen Blickweisen auf den Menschen (Verhalten, Gehirn, Bewusstsein) und deren möglichen Verknüpfungen

Die drei großen Blickweisen auf den Menschen (Verhalten, Gehirn, Bewusstsein) und deren möglichen Verknüpfungen

  1. Dieses Problem ist nicht neu, es ist letztlich uralt, aber durch die Fortschritte der empirischen Wissenschaften wird die Besonderheit des Phänomens des Bewusstseins klarer als je zuvor.

  2. Welcher Philosoph das Phänomen des Bewusstseins bislang am besten beschrieben haben soll, ist schwer zu sagen. Jeder große Philosoph hat auf seine Weise interessante Aspekte enthüllt. Aus Sicht der heutigen Methoden und Erkenntnisse erscheint cagent das Vorgehen von Edmund Husserl mit seinem phänomenologischen Forschungsprogramm bislang als am ehesten geeignet zu sein, eine Brücke zu schlagen zu den heutigen empirischen Wissenschaften, ohne dabei das Alleinstellungsmerkmal des philosophischen Denkens und die Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes aufgeben zu müssen.

  3. Entscheidend für das Projekt einer verbesserten Integration von philosophischem mit empirischem Denken wird der benutze Erkenntnis- und Wissenschaftsbegriff sein. Trotz ca. 100 Jahren Wissenschaftsphilosophie kann man aber nicht behaupten, dass es in allen wissenschaftlichen Disziplinen heute einen einheitlichen Wissenschaftsbegriff gibt, der sich auch in entsprechend gemeinsamen Methoden und Darstellungsweisen ausdrückt.

  4. Der Autor cagent greift zu diesem Zweck zurück auf die Tradition der Wissenschaftstheorie, wie sie zuletzt im Institut für Logik und Wissenschaftstheorie der Ludwig-Maximilians Universität München in den 80iger Jahren des 20.Jahrhunderts praktiziert wurde (dies Institut existiert in der damaligen Form nicht mehr). Diese Sicht wurzelte stark u.a. auch in der Tradition des Wiener Kreises, mit all den Schwachstellen, die sich daraus ergaben. Dennoch kann man aus dieser Position eine Arbeitshypothese herleiten, die nachvollziehbar und kritisierbar ist. Diese Position sei hier mit der Abkürzung LMU-ILWT bezeichnet.

  5. Ein wesentlicher Punkt in der Position des LMU-ILWT besteht in der Forderung nach einer angemessen Formalisierung intendierter wissenschaftlicher Sachverhalte in einer Disziplin. Heute könnte man die Formalisierungsanforderung ergänzen um den Punkt von brauchbaren Simulationsmodellen, mit deren Hilfe sich die Auswirkungen einer formalen Theorie sichtbar und ansatzweise überprüfbar machen lassen.

  6. Die Anforderungen lassen sich an jede empirische Theorie stellen und einlösen, was aber faktisch immer nur partiell passiert. Den meisten Wissenschaftlern fehlt das Knowhow (und die Zeit, und die Werkzeuge), um diese Anforderung wirklich einzulösen.

  7. Im Rahmen eines Programms zur Integration von Philosophie und empirischen Wissenschaften ist zu überprüfen, ob und wieweit sich auch die Position der Philosophie entsprechend formalisieren und simulieren lässt. Von den meisten Philosophen wird solch eine Gedanke eher abgelehnt.

  8. Im Falle eines phänomenologischen Forschungsprogramms im Stile von Edmund Husserl ist solch eine Überlegung aber keinesfalls abwegig, sondern gehört sogar in gewisser Weise zum Forschungsprogramm selbst.

  9. Im Rückgang auf die Grunddaten des bewussten Erlebens, Fühlens, Denkens usw. zeigt sich eine Vielfalt von Phänomenen in einer spezifischen Dynamik mit impliziten Strukturen, die zu formalisieren genauso sich anbietet wie die Formalisierung von komplexen Phänomene aus dem Bereich der biologischen Evolution oder der Entstehung des physikalischen Universums.

  10. Es gab sogar einen berühmten Versuch solch einer Formalisierung. Das Buch von Rudolf Carnap Der Logische Aufbau der Welt (1928) erscheint als  eine  1-zu-1 Übersetzung jenes Konstitutionsprozesses der Phänomene des Bewusstseins, wie sie Husserl in den Ideen I + II (sowie in anderen Schriften) über Jahrzehnte entwickelt hat. Allerdings hat Carnap sowohl im Stufenbau wie auch in seiner Autobiographie alles daran getan, diesen Bezug zu Husserls Denken und Werk zu verdecken. (Anmerkung: Eine neuere, sehr ausführliche und gründlich recherchierte Untersuchung zum Verhältnis von Carnaps Stufenbau zum Denken Husserls, die diese Nähe Carnaps zu Husserl belegt,  findet sich in einem Beitrag von Verena Mayer (München), der demnächst erscheinen wird.)
  11. Der Stufenbau Carnaps wurde mehrfach heftig kritisiert. Dennoch ist die Grundidee, auch die Phänomene des Bewusstseins einer formalen Analyse zu unterziehen naheliegend und konsequent. Es gibt keinen Grund, dies nicht zu tun. Die grundsätzliche Problematik einer Versprachlichung von Erkennen wird dadurch natürlich nicht aufgehoben und nicht geheilt, aber im Raum des menschlichen Erkennens gibt es keine Alternativen. Unser Denken befindet sich kontinuierlich in einem Ringen um Artikulation, die als solche notwendig ist, aber als solche niemals das Erkannte ganz erschöpfen kann. Das bekannte Ungenügen ist keine Entschuldigung, es gar nicht zu tun. Denn die Alternative zu einer unvollkommenen Artikulation ist gar keine Artikulation.
  12. Je mehr die empirischen Wissenschaften die Grenzen des Redens über das Bewusstsein immer klarer erfahrbar machen, umso eindringlicher entsteht die Aufforderung, sich als Philosoph erneut darüber Gedanken zu machen, ob und wie solch ein Programm einer erneuerten Theorie des Bewusstseinserlebens im Kontext von Entwicklungs-, Verhaltens-, Gehirn- und Körperwissenschaften (um nur die wichtigsten zu nennen) aussehen könnte. Arbeitshypothese ist, das phänomenologische Forschungsprogramm von Husserl als Leitschnur zu nehmen erweitert um das wissenschaftsphilosophische Instrumentarium einer modernen Wissenschaftstheorie im Stil von LMU-ILWT.
  13. In diesem Kontext finde ich ein Buch wie das von Thompson reizvoll, zumal Thompson sich in den letzten Jahren in einem Netzwerk von Forschern bewegt hat, denen man das Label ‚Naturalisierung der Phänomenologie‘ anheften könnte. Diese Forscher hatten ihren eigenen Lernprozess mit dem Forschungsprogramm von Husserl.

THOMPSON Kap.1 (SS.3-15)

ENAKTIVE VORGEHENSWEISE

  1. In diesem einführenden Kapitel versucht Thompson eine historische Einordnung vorzunehmen zwischen jenem philosophisch-wissenschaftlichen Paradigma, dem er sich zugehörig fühlt und das er Enaktiv (Englisch: ‚enactive‘) nennt, und jenen anderen Strömungen, die er als vorbereitend für den eigenen Standpunkt ansieht. Der Begriff ‚enaktiv‘ ist ein Kunstwort, in dem die Idee einer Realisierung eines Gesetzes durch Verkörperung in der Zeit ausgedrückt werden soll. (vgl. S.13) Der Begriff geht zurück auf das Buch The Embodied Mind, das Thompson zusammen mit Varela und Rosch 1991 verfasst hatte.
  2. Im einzelnen zählt Thompson fünf Aspekte auf, die für eine enaktive Vorgehensweise in seinem Verständnis wichtig sind.(vgl. Dazu S.13)
  3. Zum einen (i) ist dies der Aspekt der Autonomie lebender Systeme. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten organisieren sie sich komplett selbst und in diesem Rahmen generieren sie ihren spezifischen Erkenntnisraum (‚cognitive domain‘).
  4. Innerhalb dieser generellen Autonomie arbeitet (ii) das Nervensystem (das Gehirn) ebenfalls autonom. Mit Schnittstellen zu Ereignissen außerhalb des Gehirns arbeitet das Gehirn aber vollständig selbstbezüglich und erschafft in dieser Selbstbezüglichkeit seine eigenen Bedeutungsstrukturen.
  5. Ferner gilt (iii): Erkenntnis (‚cognition‘) ist in diesem Kontext ein Moment an einem dynamischen Verhalten, das zwar über sensorische und motorische Kopplungen mit einer Umwelt interagiert, aber diese Kopplung führt nicht zu einer 1-zu-1-Determinierung des Systems. Das System hat eine Eigendynamik, die über diese Interaktion weit hinausgeht.
  6. Im Rahmen solch einer eingebetteten Kognition ist (iv) das Bild einer Welt nicht einfach eine Entsprechung, nicht eine direkte Repräsentation der empirischen Außenwelt, sondern ein dynamisches Produkt aus Interaktion und systeminternen generierenden Prozessen, die ein systemspezifisches Modell einer unterstellten Welt erzeugen.
  7. Schließlich: (v) Erfahrung (‚experience‘) ist in diesem Kontext nicht irgendein Nebeneffekt (‚epiphenomenal side issue‘), sondern der wesentliche Aspekt für ein Verständnis von Geist (‚mind‘). Von daher ist es notwendig genau diese Erfahrung zu untersuchen, und die beste Methode dafür ist nach Thompson eine phänomenologische Vorgehensweise.
  8. Bevor auf diese Punkte näher eingegangen wird sei hier noch ein kurzer Blick gestattet auf den Ausblick von Thompson auf andere, konkurrierende Ansätze.(sehe Bild 2)

KOGNITIVISMUS, KONNEKTIONISMUS, VERKÖRPERTER DYNAMIZISMUS

Aufschlüsselung der Leitbegriffe von Thompson in Kap.1

Aufschlüsselung der Leitbegriffe von Thompson in Kap.1

  1. Letztlich organisiert er seine Umschau mit den Begriffen Kognitivismus (‚cognitivism‘), Konnektionismus (‚connectionism‘) und Verköperter Dynamizismus (‚embodied dynamicism‘).
  2. Das Problem mit diesen Begriffen ist, dass sie nicht sehr scharf sind, eher vage. Dies zeigt sich sofort, wenn man versucht, konkrete Forscher diesen Richtungen zuzuordnen und dabei den Inhalt ihrer Schriften einbezieht. Die meisten Forscher haben in ihrem Leben eine Lerngeschichte, die sie mit einer bestimmten Position anfangen lässt und sie dann zu weiteren, neuen Positionen führt. Ordnet man nun bestimmte Forscher aufgrund bestimmter Ansichten im Jahr X einer bestimmten Ähnlichkeitsklasse M zu, so gilt dies oft nur für eine bestimmte Zeitspanne. Außerdem sind bestimmte Paradigmen (wie z.B. gerade der sogenannte Kognitivismus) in sich so komplex und vielfältig, dass eine saubere Definition in der Regel kaum möglich ist.
  3. So definiert Thompson den Begriff Kognitivismus einleitend gar nicht sondern zitiert in lockerer Folge unterschiedliche Autoren und Konzepte, die man sowohl der schwammigen Kognitionswissenschaft (‚cognitive science‘) zuordnen kann wie auch der Kognitionspsychologie (‚cognitive psychology‘), die sich als Gegenbewegung zur Verhaltenspsychologie (‚beavioral psychology‘, ‚behaviorism‘) gebildet hatte. Daneben gibt es auch Strömungen in der Philosophie, die sich unterschiedlich mit dem Kognitivismus und der Kognitionspsychologie überlappt haben und immer noch überlappen. In allem dabei die neue erstarkende Rolle von computerbasierten Modellen und Simulationen.(vgl. SS.4-8)
  4. In all diesen – nicht immer klaren – Positionen erkennt Thompson charakteristische Defizite.
  5. Die Verbannung der direkten Beobachtung von Geist und Bewusstsein im Rahmen einer empirischen Verhaltenspsychologie (zur Zeit ihrer Entstehung ein wichtiges Anliegen, um die einseitige Orientierung an der Introspektion aufzubrechen), führte im weiteren Verlauf zu einer ideologischen Verhärtung der Methoden, die sich dann auch in der Kognitionspsychologie und der frühen Kognitionswissenschaft (samt Teilen der Philosophie) weiter vererbte. Die Einbeziehung von Computermodellen verstärkte die Tendenz, die Arbeitsmodelle der Kognition im Stile von – rein symbolischen – Informationsverarbeitungsprozessen zu sehen, die einen gewissen Anschluss an die moderne Gehirnforschung erlaubte. Allerdings war (und ist) die Übereinstimmung des Computerparadigmas und des Gehirnparadigmas – je nach Betrachtungsstandpunkt – nur partiell ähnlich. Dazu kam – nach Thompson – eine isolierte Betrachtung individueller kognitiver Prozesse ohne den Faktor der umgebenden Kultur. Der Zusammenhang zwischen Bewusstsein und all den anderen Wissenschaftsbereichen wurde damit letztlich immer unklarer, war (und ist immer noch weitgehend) geradezu geächtet, und die resultierenden Theorie (sofern es überhaupt Theorien waren) wirkten aufgrund ihrer Eingangsbeschränkungen oft sehr verzerrt.
  6. Im Konnektionismus (‚connectionism‘), der nach anfänglichen Startschwierigkeiten ab den 80iger Jahren des 20.Jahrhunderts deutlich an Boden gewann, sieht Thompson einen gewissen Fortschritt derart, dass neue Erkenntnisse der Gehirnforschung und der Forschung mit künstlichen neuronalen Netzen deutlich machten, dass das Konzept eines deduktiven Denkens mittels Symbolen einer abstrakten Ebene zugehört, die tieferliegend mittels vernetzten Neuronen realisiert wird, die direkt keine Symbole verkörpern, sondern ein Netzwerk von Ereignissen, die dynamisch unterschiedlichste Abstraktionsebenen und Wechselwirkungen realisieren. Ein Verständnis von Geist muss also tiefer ansetzten als lange Zeit gedacht. Thompson kritisiert am Konnektionismus, dass dieser die Verkopplung mit der Welt nur ungenügend berücksichtigt habe. Für die ersten Jahrzehnte mag dies stimmen. Aber in den letzten Jahren hat sich dies radikal gewandelt (Beispiel google Algorithmen, IBMs Watson, Roboter, usw.). Was allerdings als Kritik bestehen bleibt ist Thompsons Diagnose, dass auch der Konnektionismus bislang ein Riesenproblem mit dem Bewusstsein hat.
  7. Der Begriff des verkörperten Dynamizismus (‚embodied dynamicism‘) erscheint besonders problematisch. Thompson sieht hier ein Zusammengehen der Strömung Dynamischer (selbstorganisierter) Systeme (‚dynamic (self-organizing) systems‘) und Verköperter Systeme (‚embodied systems‘). Dazu gehört, dass solche Systeme nicht einfach nur die Umwelt 1-zu-1 abbilden, sondern ihre Interaktion mit der Umwelt durch autonome, nicht-lineare Prozesse individuell gestalten. Thompson sieht in der Strömung eines verkörperten Dynamizismus Ansätze sowohl für eine Einbeziehung des Bewusstseins wie auch des Vor- und Nicht-Bewusstseins.(vgl. S.11f)
  8. In dieser vorausgehenden Strömung, dem verkörperten Dynamizismus, sieht Thompson dann auch den Übergang zu jener Richtung, der er sich selbst zugehörig fühlt und die für ihn die Lösung wichtiger Fragen ermöglichen soll, besser als in den vorausgehend charakterisierten Strömungen.

ENAKTIVES VORGEHEN und PHÄNOMENOLOGIE

  1. Nach diesen Einkreisungen der Notwendigkeit einer direkten Analyse des Bewusstseins deutet Thompson kurz an, wie er sich diese Analyse vorstellt.
  2. Es soll primär die phänomenologische Methode von Husserl und auch von Merleau-Ponty sein, dies aber im Rahmen der (selbstorganisierenden, autopoietischen) Autonomie und Intentionalität des Lebens allgemein. Ferner soll die Neurobiologie einbezogen werden, was die Notwendigkeit einer Neuro-Phänomenologie begründet.(vgl. S.15)

DISKUSSION

  1. Wie schon angedeutet, erscheint die allgemeine Lageskizze, die Thompson gibt, als problematisch, da die Begriffe nicht allzu scharf sind und eine wirkliche genau Zuordnung einzelner Personen zu bestimmten Richtungen in solch einem Kontext schwierig ist.
  2. Auch ist nach dieser Einleitung noch nicht ganz klar, wie Thompson sein Programm einlösen wird. Die skizzierte enaktive Vorgehensweise lässt viel Spielraum für alternative Konzepte.

Einen Überblick über alle Blogbeiträge von cagent nach Titeln findet sich HIER.

Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 5 – neu – Version 2

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 27.August 2015
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll.

Was ist Leben?

Erst die Erde

Etwa 9.2 Mrd Jahre nach dem sogenannten Big Bang kam es zur Entstehung unseres Sonnensystems mit der Sonne als wichtigstem Bezugspunkt. Nur ca. 60 Mio Jahre später gab es unsere Erde. Die Zeitspanne, innerhalb der Spuren von Leben auf der Erde bislang identifiziert wurden, liegt zwischen -4 Mrd Jahre von heute zurück gerechnet bis ca. -3.5 Mrd Jahre. Oder, vom Beginn der Erde aus gesehen, ca. 540 Mio Jahre bis ca. 1 Mrd Jahre nach der Entstehung der Erde.

Alte Bilder vom Leben

Wenn man vom Leben spricht, von etwas Belebtem im Gegensatz zum Unbelebtem, fragt man sich sofort, wie man ‚Leben‘ definieren kann? In der zurückliegenden Geschichte gab es viele Beschreibungs- und Definitionsversuche. Einer, der heute noch begrifflich nachwirkt, ist die Sicht der Philosophie der Antike (ca. -600 bis 650) . Hier wurde das ‚Atmen‘ (gr. ‚pneo‘) als charakteristisches Merkmal für ‚Lebendiges‘ genommen, wodurch es vom ‚Unbelebtem‘ abgegrenzt wurde. Aus dem ‚Atmen‘ wurde zugleich ein allgemeines Lebensprinzip abgeleitet, das ‚Pneuma‘ (im Deutschen leicht missverständlich als ‚Geist‘ übersetzt, im Lateinischen als ’spiritus‘), das sich u.a. im Wind manifestiert und ein allgemeines kosmologisches Lebensprinzip verkörpert, das sowohl die Grundlage für die psychischen Eigenschaften eines Lebewesens bildet wie auch für seine körperliche Lebendigkeit. In der Medizin gab es vielfältige Versuche, das Pneuma im Körper zu identifizieren (z.B. im Blut, in der Leber, im Herzen, im Gehirn und den Nerven). Im philosophischen Bereich konnte das Pneuma ein heißer Äther sein, der die ganze Welt umfasst. Eine andere Auffassung sieht das Pneuma zusammengesetzt aus Feuer und Luft, woraus sich alle Körper der Welt bilden. Das Pneuma wird auch gesehen als die ‚Seele‘, die allein das Leben des Körpers ermöglicht. Bei den Stoikern wird das Pneuma-Konzept zum allumfassenden Begriff einer Weltseele gesteigert. Mit der Zeit vermischte sich der Pneuma-Begriff mit dem Begriff ’nous‘ (Kurzform für ’noos‘)(Englisch als ‚mind‘ übersetzt; Deutsch ebenfalls als ‚Geist‘), um darin die kognitiv-geistige Dimension besser auszudrücken. Weitere einflussreiche begriffliche Koordinierungen finden statt mit dem lateinischen ‚mens‘ (Deutsch auch übersetzt mit ‚Geist‘) und dem hebräischen ‚ruach‘ (im Deutschan ebenfalls mit ‚Geist‘ übersetzt; bekannt in der Formulierung ‚Der Geist Gottes (= ‚ruach elohim‘) schwebte über den Wassern‘; in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, heißt es ‚pneuma theou‘ (= der Geist Gottes)) (Anmerkung: Diese Bemerkungen sind ein kleiner Extrakt aus der sehr ausführlichen begriffsgeschichtlichen Herleitung in Sandkühler 2010)

Die Zelle im Fokus

War es für die antiken Philosophen, Mediziner und Wissenschaftler noch praktisch unmöglich, die Frage nach den detaillierten Wirkprinzipien des ‚Lebens‘ genauer zu beantworten, erarbeitete sich die moderne Naturwissenschaft immer mehr Einsichten in die Wirkprinzipien biologischer Phänomene (bei Tieren, Pflanzen, Mikroben, molekularbiologischen Sachverhalten), so dass im Laufe des 20.Jahrhunderts klar wurde, dass die Gemeinsamkeit aller Lebensphänomene auf der Erde in jener Superstruktur zu suchen ist, die heute (biologische) Zelle genannt wird.

Alle bekannten Lebensformen auf der Erde, die mehr als eine Zelle umfassen (wir als Exemplare der Gattung homo mit der einzigen Art homo sapiens bestehen aus ca. 10^13 vielen Zellen), gehen zu Beginn ihrer körperlichen Existenz aus genau einer Zelle hervor. Dies bedeutet, dass eine Zelle über alle notwendigen Eigenschaften verfügt, sich zu reproduzieren und das Wachstum eines biologischen Systems zu steuern.

So enthält eine Zelle (Anmerkung: Für das Folgende benutze ich B.Alberts et.al (2008)) alle Informationen, die notwendig sind, um sowohl sich selbst zu organisieren wie auch um sich zu reproduzieren. Die Zelle operiert abseits eines chemischen Gleichgewichts, was nur durch permanente Aufnahme von Energie realisiert werden kann. Obwohl die Zelle durch ihre Aktivitäten die Entropie in ihrer Umgebung ‚erhöht‘, kann sie gegenläufig durch die Aufnahme von Energie auch Entropie verringern. Um einen einheitlichen Prozessraum zu gewährleisten, besitzen Zellen eine Membran, die dafür sorgt, dass nur bestimmte Stoffe in die Zelle hinein- oder herauskommen.

Keine Definition für außerirdisches Leben

Obgleich die Identifizierung der Zelle samt ihrer Funktionsweise eine der größten Errungenschaften der modernen Wissenschaften bei der Erforschung des Phänomens des Lebens darstellt, macht uns die moderne Astrobiologie darauf aufmerksam, dass eine Definition der Lebensphänomene mit Einschränkung des Blicks auf die speziellen Bedingungen auf der Erde nicht unproblematisch ist. Wunderbare Bücher wie „Rare Earth“ von Peter Douglas Ward (Geboren 1949) und Donald Eugene Brownlee (Geboren 1943) „ASTROBIOLOGY. A Multidisciplinary Approach“ von Jonathan I.Lunine (Geb. 1959) machen zumindest sichtbar, wo die Probleme liegen könnten. Lunine diskutiert in Kap.14 seines Buches die Möglichkeit einer allgemeineren Definition von Leben explizit, stellt jedoch fest, dass es aktuell keine solche eindeutige allgemeine Definition von Leben gibt, die über die bekannten erdgebundenen Formen wesentlich hinausgeht. (Vgl. ebd. S.436)

Schrödingers Vision

Wenn man die Charakterisierungen von Leben bei Lunine (2005) in Kap.14 und bei Alberts et.al (2008) in Kap.1 liest, fällt auf, dass die Beschreibung der Grundstrukturen des Lebens trotz aller Abstraktionen tendenziell noch sehr an vielen konkreten Eigenschaften hängen.

Erwin Rudolf Josef Alexander Schrödinger (1887-1961), der 1944 sein einflussreiches Büchlein „What is Life? The Physical Aspect of the Living Cell“ veröffentlichte, kannte all die Feinheiten der modernen Molekularbiologie noch nicht . Schrödinger unterzog das Phänomen des Lebens einer intensiven Befragung aus Sicht der damaligen Physik. Auch ohne all die beeindruckenden Details der neueren Forschung wurde ihm klar, dass das hervorstechendste Merkmal des ‚Biologischen‘, des ‚Lebendigen‘ die Fähigkeit ist, angesichts der physikalisch unausweichlichen Zunahme der Entropie einen gegensätzlichen Trend zu realisieren; statt wachsender Unordnung als Entropie diagnostizierte er eine wachsende Ordnung als negative Entropie, also als etwas, was der Entropie entgegen wirkt.

Diesen Gedanken Schrödingers kann man weiter variieren und in dem Sinne vertiefen, dass der Aufbau einer Ordnung Energie benötigt, mittels der Freiheitsgrade eingeschränkt und Zustände temporär ‚gefestigt‘ werden können.

Fragt sich nur, warum?

Alberts et.al (2008) sehen das Hauptcharakteristikum einer biologischen Zelle darin, dass sie sich fortpflanzen kann, und nicht nur das, sondern dass sie sich selbstmodifizierend fortpflanzen kann. Die Realität biologischer Systeme zeigt zudem, dass es nicht nur um ‚irgendeine‘ Fortpflanzung ging, sondern um eine kontinuierlich optimierende Fortpflanzung.

Metastrukturen

Nimmt man diese Eckwerte ernst, dann liegt es nahe, biologische Zellen als Systeme zu betrachten, die einerseits mit den reagierenden Molekülen mindestens eine Objektebene [O] umfasst und in Gestalt der DNA eine Art Metaebene [M]; zwischen beiden Systemen lässt sich eine geeigneten Abbildung [R] in Gestalt von Übersetzungsprozessen realisieren, so dass die Metaebene M mittels Abbildungsvorschrift R in eine Objektebene O übersetzt werden kann (R: M \longmapsto O). Damit eine Reproduktion grundsätzlich gelingen kann, muss verlangt werden, dass das System mit seiner Struktur ‚lang genug‘ stabil ist, um solch einen Übersetzungsprozess umsetzen zu können. Wie diese Übersetzungsprozesse im einzelnen vonstatten gehen, ist letztlich unwichtig. Wenn in diesem Modell bestimmte Strukturen erstmals realisiert wurden, dann fungieren sie als eine Art ‚Gedächtnis‘: alle Strukturelemente von M repräsentieren potentielle Objektstrukturen, die jeweils den Ausgangspunkt für die nächste ‚Entwicklungsstufe‘ bilden (sofern sie nicht von der Umwelt ‚aussortiert‘ werden).

Die Rolle dieser Metastrukturen lässt sich letztlich nicht einfach mit den üblichen chemischen Reaktionsketten beschreiben; tut man es dennoch, verliert man die Besonderheit des Phänomens aus dem Blick. Eine begriffliche Strategie, um das Phänomen der ‚wirkenden Metastrukturen‘ in den Griff zu bekommen, war die Einführung des ‚Informationsbegriffs‘.

Information

Grob kann man hier mindestens die folgenden sprachlichen Verwendungsweisen des Begriffs ‚Information‘ im Kontext von Informationstheorie und Molekularbiologie unterscheiden:

  1. Unreflektiert umgangssprachlich (‚Information_0‘)
  2. Anhand des Entscheidungsaufwandes (Bit) (‚Information_1‘)
  3. Rein statistisch (a la Shannon 1948) (‚Information_2‘)
  4. Semiotisch informell (ohne die Semiotik zu zitieren) (‚Semantik_0‘)
  5. Als komplementär zur Statistik (Deacon) (‚Semantik_1‘)
  6. Als erweitertes Shannonmodell (‚Semantik_2‘)

Information_0

Die ‚unreflektiert umgangssprachliche‘ Verwendung des Begriffs ‚Information‘ (hier: ‚Information_0‘) brauchen wir hier nicht weiter zu diskutieren. Sie benutzt den Begriff Information einfach so, ohne weitere Erklärungen, Herleitungen, Begründungen. (Ein Beispiel Küppers (1986:41ff))

Information_1

Die Verwendung des Begriffs Information im Kontext eines Entscheidungsaufwandes (gemessen in ‚Bit‘), hier als ‚Information_1‘ geht auf John Wilder Tukey (1915-2000) zurück.

Information_2

Shannon (1948) übernimmt zunächst diesen Begriff Information_1, verzichtet dann aber im weiteren Verlauf auf diesen Informationsbegriff und führt dann seinen statistischen Informationsbegriff ein (hier: ‚Information_2‘), der am Entropiekonzept von Boltzmann orientiert ist. Er spricht dann zwar immer noch von ‚Information‘, bezieht sich dazu aber auf den Logarithmus der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, was alles und jedes sein kann. Ein direkter Bezug zu einem ’speziellen‘ Informationsbegriff (wie z.B. Information_1) besteht nicht. Man kann die logarithmierte Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses als ‚Information‘ bezeichnen (hier: ‚Information_2‘), aber damit wird der Informationsbegriff inflationär, dann ist alles eine Information, da jedes Ereignis mindestens eine Wahrscheinlichkeit besitzt. (Leider benutzt auch Carl Friedrich von Weizsäcker (1971:347f) diesen inflationären Begriff (plus zusätzlicher philosophischer Komplikationen)). Interessanterweise ist es gerade dieser inflationäre statistische Informationsbegriff Information_2, der eine sehr starke Resonanz gefunden hat.

Semantik 0

Nun gibt es gerade im Bereich der Molekularbiologie zahlreiche Phänomene, die bei einer Beschreibung mittels eines statistischen Informationsbegriffs wichtige Momente ihres Phänomens verlieren. (Dazu eine kleine Übersicht bei Godfrey-Smith, Kim Sterelny (2009)) Ein Hauptkritikpunkt war und ist das angebliche Fehlen von Bedeutungselementen im statistischen Modell von Shannon (1948). Man spricht auch vom Fehlen einer ‚Semantik‘. Allerdings wird eine Diskussion der möglichen Bedeutungsmomente von Kommunikationsereignissen unter Verwendung des Begriffs ‚Semantik‘ auch oft unreflektiert alltagssprachlich vorgenommen (hier: Semantik_0′), d.h. es wird plötzlich von Semantik_0 gesprochen (oft noch erweitert um ‚Pragmatik‘), ohne dass die Herkunft und Verwendung dieses Begriffs in der Wissenschaft der Semiotik weiter berücksichtigt wird. (Ein Beispiel für solch eine verwirrende Verwendungsweise findet sich z.B. wieder bei Weizsäcker (1971:350f), wo Information_0, Information_2 sowie Semantik_0 miteinander frei kombiniert werden, ohne Berücksichtigung der wichtigen Randbedingungen ihrer Verwendung; ganz ähnlich Küppers (1986:61ff); zur Semiotik siehe Noeth (2000)). Ein anderes neueres Beispiel ist Floridi (2015:Kap.3+4) Er benutzt zwar den Begriff ‚Semantik‘ extensiv, aber auch er stellt keinen Bezug zur semiotischen Herkunft her und verwendet den Begriff sehr speziell. Seine Verwendung führt nicht über den formalen Rahmen der statistischen Informationstheorie hinaus.

Semantik 1

Sehr originell ist das Vorgehen von Deacon (2007, 2008, 2010). Er diagnostiziert zwar auch einen Mangel, wenn man die statistische Informationstheorie von Shannon (1948) auf biologische Phänomene anwenden will, statt sich aber auf die schwierige Thematik einer expliziten Semantik einzulassen, versucht er über die Ähnlichkeit des Shannonschen statistischen Informationsbegriffs mit dem von Boltzmann einen Anschluss an die Thermodynamik zu konstruieren. Von dort zum Ungleichgewicht biologischer Systeme, die durch Arbeit und Energieaufnahme ihr Gleichgewicht zu halten versuchen. Diese Interaktionen des Systems mit der Umgebung modifizieren die inneren Zustände des Systems, die wiederum dann das Verhalten des Systems ‚umweltgerecht‘ steuern. Allerdings belässt es Deacon bei diesen allgemeinen Annahmen. Die ‚Abwesenheit‘ der Bedeutung im Modell von Shannon wird über diese frei assoziierten Kontexte – so vermutet man als Leser – mit den postulierten internen Modifikationen des interagierenden Systems begrifflich zusammengeführt. Wie dies genau gedacht werden kann, bleibt offen.

Semantik 2

So anregend die Überlegungen von Deacon auch sind, sie lassen letztlich offen, wie man denn – auch unter Berücksichtigung des Modells von Shannon – ein quasi erweitertes Shannonmodell konstruieren kann, in dem Bedeutung eine Rolle spielt. Hier eine kurze Skizze für solch ein Modell.

Ausgehend von Shannons Modell in 1948 besteht die Welt aus Sendern S, Empfängern D, und Informationskanälen C, über die Sender und Empfänger Signale S eingebettet in ein Rauschen N austauschen können (<S,D,S,N,C> mit C: S —> S x N).

Ein Empfänger-Sender hat die Struktur, dass Signale S in interne Nachrichten M dekodiert werden können mittels R: S x N —> M. Umgekehrt können auch Nachrichten M in Signale kodiert werden mit T: M —> S. Ein minimaler Shannon Sender-Empfänger hat dann die Struktur <M, R, T>. So gesehen funktionieren R und T jeweils als ‚Schnittstellen‘ zwischen dem ‚Äußeren‘ und dem ‚Inneren‘ des Systems.

In diesem minimalen Shannonmodell kommen keine Bedeutungen vor. Man kann allerdings annehmen, dass die Menge M der Nachrichten eine strukturierte Menge ist, deren Elemente Paare der Art (m_i,p_i) in M mit ‚m_i‘ als Nachrichtenelement und ‚p_i‘ als Wahrscheinlichkeit, wie oft dieses Nachrichtenelement im Kanal auftritt. Dann könnte man Shannons Forml H=-Sum(p_i * log2(p_i)) als Teil des Systems auffassen. Das minimale Modell wäre dann <M, R, T, H>.

Will man ‚Bedeutungen‘ in das System einführen, dann muss man nach der Semiotik einen Zeichenbegriff für das System definieren, der es erlaubt, eine Beziehung (Abbildung) zwischen einem ‚Zeichenmaterial‚ und einem ‚Bedeutungsmaterial‚ zu konstruieren. Nimmt man die Signale S von Shannon als Kandidaten für ein Zeichenmaterial, fragt sich, wie man das Bedeutungsmaterial B ins Spiel bringt.

Klar ist nur, dass ein Zeichenmaterial erst dann zu einem ‚Zeichen‘ wird, wenn der Zeichenbenutzer in der Lage ist, dem Zeichenmaterial eine Bedeutung B zuzuordnen. Eine einfache Annahme wäre, zu sagen, die dekodierten Nachrichten M bilden das erkannte Zeichenmaterial und der Empfänger kann dieses Material irgendwelchen Bedeutungen B zuordnen, indem er das Zeichenmaterial M ‚interpretiert‚, also I : M —> B. Damit würde sich die Struktur erweitern zu <B, M, R, T, H, I>. Damit nicht nur ein Empfänger ‚verstehen‘ kann, sondern auch ‚mitteilen‘, müsste der Empfänger als Sender Bedeutungen auch wieder ‚umgekehrt lesen‘ können, also -I: B —> M. Diese Nachrichten könnten dann wieder mittels T in Signale übersetzt werden, der Kanal sendet diese Signale S angereichert mit Rauschen N zum Empfänger, usw. Wir erhalten also ein minimal erweitertes Shannon Modell mit Bedeutung als <B, M, R, T, H, I, -I>. Ein Sender-Empfänger kann also weiterhin die Wahrscheinlichkeitsstruktur seiner Nachrichten auswerten; zusätzlich aber auch mögliche Bedeutungsanteile.

Bliebe als Restfrage, wie die Bedeutungen B in das System hineinkommen bzw. wie die Interpretationsfunktion I entsteht?

An dieser Stelle kann man die Spekulationen von Deacon aufgreifen und als Arbeitshypothese annehmen, dass sich die Bedeutungen B samt der Interpretationsbeziehung I (und -I) in einem Adaptionsprozess (Lernprozess) in Interaktion mit der Umgebung entwickeln. Dies soll an anderer Stelle beschrieben werden.

Für eine komplette Beschreibung biologischer Phänomene benötigt man aber noch weitere Annahmen zur Ontogense und zur Phylogense. Diese seien hier noch kurz skizziert. (Eine ausführliche formale Darstellung wird anderswo nachgeliefert).

Ontogenese

Von der Lernfähigkeit eines biologischen Systems muss man die Ontogenese unterscheiden, jenen Prozess, der von der Keimzelle bis zum ausgewachsenen System führt.

Die Umsetzung der Ontogenese in einem formalen Modell besteht darin, einen Konstruktionsprozess zu definieren, das aus einem Anfangselement Zmin das endgültige System Sys in SYS erstellen würde. Das Anfangselement wäre ein minimales Element Zmin analog einer befruchteten Zelle, das alle Informationen enthalten würde, die notwendig wären, um diese Konstruktion durchführen zu können, also Ontogenese: Zmin x X —> SYS. Das ‚X‘ stünde für alle die Elemente, die im Rahmen einer Ontogenese aus der Umgebung ENV übernommen werden müssten, um das endgültige system SYS = <B, M, R, T, H, I, -I> zu konstruieren.

Phylogenese

Für die Reproduktion der Systeme im Laufe der Zeiten benötigte man eine Population von Systemen SYS, von denen jedes System Sys in SYS mindestens ein minimales Anfangselement Zmin besitzt, das für eine Ontogenese zur Verfügung gestellt werden kann. Bevor die Ontogenese beginnen würde, würden zwei minimale Anfangselemente Zmin1 und Zmin2 im Bereich ihrer Bauanleitungen ‚gemischt‘. Man müsste also annehmen, dass das minimale System um das Element Zmin erweitert würde SYS = <B, M, Zmin, R, T, H, I, -I>.

Erstes Zwischenergebnis

Auffällig ist also, dass das Phänomen des Lebens

  1. trotz Entropie über dynamische Ungleichgewichte immer komplexere Strukturen aufbauen kann.
  2. innerhalb seiner Strukturen immer komplexere Informations- und Bedeutungsstrukturen aufbaut und nutzt.

So wie man bislang z.B. die ‚Gravitation‘ anhand ihrer Wirkungen erfasst und bis heute erfolglos zu erklären versucht, so erfassen wir als Lebende das Leben anhand seiner Wirkungen und versuchen bis heute auch erfolglos, zu verstehen, was hier eigentlich passiert. Kein einziges physikalisches Gesetzt bietet auch nur den leisesten Anhaltspunkt für dieses atemberaubende Geschehen.

In dieser Situation den Menschen als eine ‚vermutlich aussterbende Art‘ zu bezeichnen ist dann nicht einfach nur ‚gedankenlos‘, sondern im höchsten Maße unwissenschaftlich, da es letztlich einer Denkverweigerung nahe kommt. Eine Wissenschaft, die sich weigert, über die Phänomene der Natur nachzudenken, ist keine Wissenschaft.

Fortsetzung Folgt.

QUELLEN

  1. H.J. Sandkühler (Hg.), 2010, „Enzyklopädie Philosophie“, Hamburg: Felix Meiner Verlag, Band 1: Von A bis H, Kapitel: Geist, SS.792ff
  2. B.Alberts et.al (Hg.), 2008, „Molecular Biology of the CELL“, Kap.1, 5.Aufl., New York: Garland Science, Taylor & Francis Group
  3. Peter Douglas Ward und `Donald Eugene Brownlee (2000),“Rare Earth: Why Complex Life Is Uncommon in the Universe“, New York: Copernikus/ Springer,
  4. Jonathan I.Lunine (2005), „ASTROBIOLOGY. A Multidisciplinary Approach“, San Francisco – Boston – New York et al.: Pearson-Addison Wesley
  5. Zu Schroedinger 1944: Based on Lectures delivered under the auspices of the Institute at Trinity College, Dublin, in February 1943, Cambridge: University Press. 1944. Ich selbst habe die Canto Taschenbuchausgabe der Cambridge University von 1992 benutzt. Diese Ausgabe enthält ‚What is Life?‘, ‚Mind from Matter‘, sowie autobiographischen Angaben und ein Vorwort von Roger Penrose
  6. Anmerkung zu Schroedinger 1944: Sowohl James D. Watson (2003) wie auch ähnlich Francis Crick (1990) berichten, dass Schrödingers Schrift (bzw. einer seiner Vorträge) sie für ihre Erforschung der DNA stark angeregt hatte.
  7. James D.Watson und A.Berry(2003), „DNA, the Secret of Life“, New York: Random House
  8. Francis Crick (1990),„What Mad Pursuit: A Personal View of Scientific Discovery“, Reprint, Basic Books
  9. Peter Godfrey-Smith und Kim Sterelny (2009) Biological Information“, in: Stanford Enyclopedia of Philosophy
  10. Carl Friedrich von Weizsäcker (1971), „Die Einheit der Natur“, München: Carl Hanser Verlag
  11. Bernd-Olaf Küppers (1986), „Der Ursprung biologischer Information. Zur Naturphilosophie der Lebensentstehung“, München – Zürich: Piper Verlag.
  12. Claude E. Shannon, A mathematical theory of communication. Bell System Tech. J., 27:379-423, 623-656, July, Oct. 1948
  13. Claude E. Shannon; Warren Weaver (1949) „The mathematical theory of communication“. Urbana – Chicgo: University of Illinois Press.
  14. Noeth, W., Handbuch der Semiotik, 2. vollst. neu bearb. und erw. Aufl. mit 89 Abb. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, xii + 668pp, 2000
  15. Luciano Floridi (2015) Semantic Conceptions of Information, in: Stanford Enyclopedia of Philosophy
  16. Deacon, T. (2007), Shannon-Boltzmann-Darwin: Redfining information. Part 1. in: Cognitive Semiotics, 1: 123-148
  17. Deacon, T. (2008), Shannon-Boltzmann-Darwin: Redfining information. Part 2. in: Cognitive Semiotics, 2: 167-194
  18. Terrence W.Deacon (2010), „What is missing from theories of information“, in: INFORMATION AND THE NATURE OF REALITY. From Physics to Metaphysics“, ed. By Paul Davies & Niels Henrik Gregersen, Cambridge (UK) et al: Cambridge University Press, pp.146 – 169

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EMERGENZ DES GEISTES?

Hypothestische Zeitabschnitte A --D anhand von Strukturmerkmalen. Erklräung: Siehe Text

Emergenz des Geistes Hypothestische Zeitabschnitte A –D anhand von Strukturmerkmalen. Erklräung: Siehe Text

(1) Nachdem im Vortrag vom 2.Okt.2011 deutlich wurde, dass der Dualismus von 'Geist' und 'Materie' so nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, ja, eigentlich in seiner ursprünglichen Intention zu verabschieden ist, bleibt als Begriffspaar eigentlich nur 'Energie - Materie' übrig: Materie als spezielle Zustandsform von Energie.

 

(2) Zusätzlich zeigte sich aber, dass die Materie im Lichte ihrer atomaren Feinstruktur einer 'Kombinatorik' fähig ist, die -- entgegen dem allgemeinen Gesetz der Entropie -- bei Vorhandensein von 'freier Energie' 'aus sich heraus' zu lokalen Strukturbildungen tendiert, die in Form von Molekülen, Zellen, vielzelligen Organismen usw. sich zu immer 'komplexeren' und immer 'handlungsfähigeren' Strukturen hin entwickeln.

 

(3) Ab einem bestimmten Punkt von Komplexität haben wir 'Menschen' angefangen, solche hochkomplexen agierenden Strukturen mit den Begriffen 'intelligent', 'geistig' zu belegen, bzw. wir unterstellen 'in' diesen Strukturen die Gegenwart von 'Geist', von 'Seele'.

 

(4) Nun sind diejenigen, die dieses 'Urteil' aussprechen selber diejenigen, auf die es zutrifft. D.h. diejenigen Lebewesen auf dieser Erde, die am 'meisten' von dieser agierenden Komplexität besitzen, sind diejenigen, die dieses 'an anderen' und 'an sich selbst' 'haben'. In der Logik nennt man dies 'selbstreferentiell' und selbstreferentielle Definitionen sind eigentlich keine 'wirklichen Definitionen'.

 

(5) Wie auch immer, wir können diese spezielle Eigenschaft einer speziell agierenden Komplexität beobachten, an anderen, an uns selbst, wir können diesen Phänomenen Bezeichnungen zuordnen, wir können versuchen, dies alles zu verstehen.

 

(6) Das Schaubild  zeigt einen ersten Versuch einer sehr groben Skizze der Evolution dieses Phänomens einer sich stetig entfaltenden agierenden Komplexität, die 'aus der Mitte der Materie' erwächst, gleichsam eine 'Ausfaltung' der der Materie (und letztlich der Energie) 'innewohnenden Eigenschaften', die sich in der Ausfaltung zeigen (offenbaren). Statt Ausfaltung könnte man auch von 'Emergenz' sprechen. Zugleich entsteht der Eindruck, dass sich diese Ausfaltung stetig beschleunigt!!!

 

(7) In diesem Schaubild habe ich versucht, grob verschiedene 'Organisationsebenen' in dieser Komplexität zu unterscheiden (sicher noch nicht das letzte Wort). Damit ergibt sich folgende erste Annäherung an einen Prozess einer sich 'auftürmenden' Evolution, die in 'Schichten' organisiert ist: unter Voraussetzung einer Evolution auf Organisationsebene i kann sich die Evolution auf Organisationsebene i+1 noch komplexer entwickeln.

 

(8) A: -13.6 bis - 4.6 Mrd, Atomare Evolution In den ersten 9 Mrd Jahren vom 'Big Bang' bis hin zur Entwicklung erster Galaxien, die sich ungleichmäßig im Universum verteilen, bildeten sich sowohl leichte wie auch 'schwere' Atome. Letztere sind wichtig für bestimmte Moleküle, die anschließend für die chemische und biologische Evolution wichtig wurden.

 

(9) B: -4.6 bis - 3.6 Mrd, Chemische Evolution: Ab Entstehung der Erde hat es ca. 1 Mrd Jahre gedauert, bis sich selbstreproduzierende Zellen entwickelt hatten, die dann nachhaltig die Atmosphäre (Sauerstoff) sowie die gesamte Erdoberfläche (einschließlich Weltmeere) veränderten.

 

(10) C: -3.6 Mrd bis heute, Biologische (= Genetische) Evolution: Mit dem Auftreten von selbstreproduzierenden Zellen begann die biologische Evolution, in der sich -- erst langsam, dann immer schneller -- Pflanzen, Pilze und Tiere entwickelt haben. Insbesondere homo sapiens beginnt sich soweit auszudehnen, dass einige der bekannten Kapazitätsgrenzen der Erde in wenigen Jahrzehnten erreicht zu sein scheinen.

 

(11) D: Ungefähr -550 Mio bis heute, Memetische Evolution: Die memetische Evolution ist eine Weiterentwicklung des Nervensystems innerhalb der biologischen Evolution, die es den biologischen Systemen ermöglicht, mehr und mehr sowohl Erlebtes zu speichern wie auch aktiv wieder zu erinnern, und zwar so, dass sie damit Hinweise für mögliche Handlungen für aktuelle Problemlösungssituationen bekommen.

 

(12) E: Ungefähr -10 Mio bis heute, Semetische Evolution: Die Semetische Evolution ist eine Weiterentwicklung des Nervensystems innerhalb der biologischen Evolution, die es den biologischen Systemen ermöglicht, das Erlebte und Erinnerbare mit Hilfe von Zeichenmaterial in Bedeutungsbeziehungen einzubetten, die aus bloßem Zeichenmaterial (Token, Laute,...) 'Zeichen' machen. Damit entstehen nach und nach Sprachsysteme, mit deren Hilfe sich Menschen, dann später insbesondere Individuen der Art homo sapiens, immer besser koordinieren können.

 

(13) F: Ungefähr -100.000 bis heute, Soziale-ökonomische Evolution: die immer komplexeren Interaktionsmöglichkeiten durch Sprache erlauben immer komplexere Interaktionen im Bereich sozialer Beziehungen, handwerkliche Prozesse, Bauten, Gesetze, wirtschaftliche Beziehungen, Bildung von Institutionen, usw.

 

(14) G: Ungefähr -1000 bis heute, Edukative Evolution: Beginn der systematischen Organisation von Erziehungs- und Ausbildungsprozessen, um das angesammelte Wissen der Population homo sapiens systematisch zu sammeln, zu ordnen, auszuwerten, weiter zu geben, weiter zu entwickeln: Schulen, Hochschulen, Bibliotheken, Forschungseinrichtungen, Zeitschriften, Bücher, ....

 

(15) H: Ungefähr -100 bis heute, Strukturevolution: Homo sapiens gelingt nicht nur die Entwicklung von Informationstechnologien, die das Umgehen mit Informationen, Wissen extrem beschleunigen können, sondern zusätzlich bekommt er Zugriff auf die 'Baupläne' der biologischen Systeme. Im Prinzip kann homo sapien jetzt nicht nur die verschiedenen übergeordneten Evolutionen beschleunigen, sondern auch die biologische Evolution selbst. Dies stellt eine wichtige Herausforderung dar, da die aktuellen 'körperlichen (biologischen)' Strukturen neben ihrer faszinierenden Komplexität und Leistungsfähigkeit deutliche Kapazitätsgrenzen und 'Unangepasstheiten vieler eingebauter genetischer Programme' erkennen lassen.

 

(16) I: Ab wann? Theologisch-, Ethische Evolution: Das unglauliche Anwachsen an Handlungsmöglichkeiten eingebettet in einen sich selbst beständig beschleunigenden Prozess führt unausweichlich zur zentralen Frage, 'wohin' denn dieser Prozess steuert bzw. offensichtlich unter Beteiligung des gesamten Lebens, insbesondere in Gestalt des homo sapiens, steuern soll. Wenn wir jetzt im Prinzip alles (!) verändern können -- letztlich sogar interstellare und galaktische Prozesse -- dann sollten wir irgendwie klären, wo wir hinwollen. Die theologischen Visionen der 'alten' Religionen sind weitgehend 'wertlos' geworden, da sie einfach 'falsch' sind. Die Grundsatzfrage jedoch, woher und wohin das gesamte Universum mit uns als Teilnehmern bleibt, und erscheint einerseits weniger beantwortet denn je, zugleich drängen sich so viele neue 'harte' Fakten ins Blickfeld unseres 'Geistes', so  dass wir nicht länger so tun können, als ob wir 'nichts' wüssten. Faktisch sind wir 'maximal Wissende' eingebettet in sehr endliche Strukturen. Wer weiss warum, wozu, wohin, wie?