U.ACKERMANN: DIE DIGITALE REVOLUTION – Eine Herausforderung für die Freiheit – Kurzbesprechung

U.Ackermann (2014), DIE DIGITALE REVOLUTION – Eine Herausforderung für die Freiheit, in: U.Ackermann (Hg.), Freiheitsindex Deutschland 2014 des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, Frankfurt am Main: Humanities online

KONTEXT

1. In diesem Blog wurde schon mehrfach das Thema Neue Technologien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft angesprochen. Das kleine Büchlein vom John Start Mill Institut unter der Leitung von Ulrike Ackermann passt sehr gut in diese Thematik.

ACKERMANN – FREIHEIT

2. Insbesondere der Beitrag der Herausgeberin Ulricke Ackermann fällt – im Vergleich zu vielen anderen Publikationen zu diesem Thema – sehr positiv auf. Das Freiheitsthema wird sehr differenziert heruntergebrochen auf die großen Dimensionen Individuum, Alltag und Politik, und das Ineinanderspiel von realer und virtueller (digitaler) Welt wird sachkundig an vielen Beispielen vorgestellt und kritisch gewürdigt.

3. Fernab einer einfachen Schwarz-Weiß-Malerei findet sie sowohl Worte für die unbestreitbaren neuen Möglichkeiten und Vorzüge, die die neue digitale Welt auf allen Ebenen eröffnet, deutet aber zugleich auch hin auf die unübersehbaren Risiken und schleichenden Tendenzen zu einer immer größeren Vereinnahmung des einzelnen auf allen Ebenen.

4. In der europäischen Aufklärungstradition und im Kontext von Menschenrechten und Demokratien wurde die konstitutive Bedeutung einer realen Privatheit für das Leben einer Demokratie, zwar nur sehr langsam, aber dann doch mit großer Entschiedenheit erkannt und in der Gesetzgebung verankert. Durch den immer leichteren Zugang auf private Daten durch die modernen Technologien und durch neue globale digitale Geschäftskonzepte, in denen die kostenlose Nutzung gegen höchst intime Datenausbeutung getauscht werden, gekoppelt mit der als ‚Fürsorge‘ getarnte Datensammlung von Behörden, geraten wir aber in eine Situation, in der die hochgeschätzte Privatheit mit ihren speziellen Freiheitsrechten sich mehr und mehr buchstäblich in Luft auflöst. Während die europäischen Institutionen den Eindruck erwecken, die Idee der Privat hochhalten zu wollen, verursachen die deutschen Regierungsvertreter einen Eindruck, als ob sie – entgegen offiziellen politischen Verlautbarungen – real eher eine starke Liberalisierungsformel (sprich: eine Auflösung der Privatheit) vertreten.

5. Die Fülle der Details im Artikel zeugen von großer Sachkenntnis und können hier nur erwähnt werden.

DISKUSSION

6. Eigentlich kann man dem Artikel nur Positives abgewinnen. Dennoch bleiben wichtige Fragen offen, denen im Rahmen dieses Blogs versucht wird, nach zu gehen.

7. Die Diskussion im Beitrag von Ulrike Ackermann folgt den großen Linien der europäischen Aufklärung und den aktuellen Werten der Menschenrechte und den grundlegenden Verfassungstexten in Deutschland und Europa. In diesem Rahmen ist die Argumentation schlüssig.

8. Einem aufmerksamen Betrachter der Menschenrechts- und Grundgesetzdiskussion (vgl. die 11-teilig Diskussion zum Begriff ‚Menschenwürde‘ im Kontext des gleichnamigen Buches von Paul Tiedemann in diesem Blog) wird aber nicht entgangen sein, dass sich die aktuellen Interpretationen dieser Werte im Bereich der Rechtsexperten eher in die Richtung bewegt, dass eine klare Begründung mindestens schwierig, wenn nicht gar unmöglich wird. Selbst ein Paul Tiedemann, dem die Bewahrung der Menschenwürde ein großes Anliegen ist, muss für die Begründung seines Standpunktes zu Argumentationen greifen, die alles andere als selbsterklärend sind.

9. Erweitert man den Blick auf die Entwicklung des Menschenbildes in den Naturwissenschaften und den technologienahen Bereichen, dann muss man konstatieren, dass die Naturwissenschaften, sofern sie überhaupt einen Bezug zum Menschenbild nehmen, den Menschen in keinster Weise so sehen, wie Grundgesetz und Menschenrechte dies voraussetzen. In den Naturwissenschaften ist der Mensch der Aufklärung praktisch verschwunden: eine Ansammlung von Molekülen, Atomen, Teilchen ohne jegliche spezifische Bedeutung und damit ohne jegliche Werte.

10. Bedenkt man, dass diese Verschiebungen im Weltbild zusätzlich einhergehen mit einem dramatischen Abbau von geistes- und sozialwissenschaftlichen Lehrstühlen und Standards, dann werden hier auch mögliche Quellen alternativer kritischer Betrachtungsweisen schlichtweg ausgelöscht.

11. Ein weiteres Moment ist die ‚Form‘ der Technologie. Mit dem Aufkommen von ‚intelligenten‘ Maschinen erleben wir nicht nur eine weitere industrielle Revolution, die bisherige Industrien und Arbeitswelten bedrohen, sondern wir erleben einen Frontalangriff auf alsbald scheinbar alle Fähigkeiten, die bislang als ‚typisch Menschlich‘ galten. Was dies für die bisherigen Gesellschaften bedeuten, ist schwer voraussagbar. Auf keinen Fall kann es ein einfaches ‚weiter so‘ wie bisher geben.

12. Sieht man diese neuen technologisches Möglichkeiten mit der simultanen Erosion des aufklärerischen Menschenbildes (repräsentiert in den Menschenrechten) und der Tendenz selbst demokratischer Regierungen, die Besonderheit des Menschen ‚zu opfern‘, dann kann man erahnen, dass die bisherige (‚klassische‘) Freiheitsdiskussion erheblich ausgeweitet und radikalisiert werden muss. Der Mensch selbst steht zur Debatte in einer Weise, wie wir es noch nie erlebt haben.

13. Genuine ‚Anwälte‘ des Menschen sind aktuell schwer identifizierbar. Die klassischen Offenbarungsreligionen taugen hier – wie schon in der Vergangenheit – nur sehr begrenzt. Ihre Menschenbilder sind bis heute zu stark mit vorwissenschaftlichen Bildern durchsetzt.

 

Einen Überblick über alle Blogeinträge von cagent nach Titeln findet sich HIER: cagent.

REISENOTIZEN: BESUCH BEIM IDOL UND DEM, WAS NOCH ÜBRIG IST

1. Auslöser für das Reiseziel war ein kleines Hilfsprojekt für Schüler einer Schule, an dem wir seit längerem beteiligt sind. Dazu kam — nach ca. 5 Monaten Dauerstress — das persönliche Bedürfnis nach Urlaub .
2. Der 12-stündige Hinflug führte von Kälte direkt in tropische Hitze und bescherte eine mehrstündige Autofahrt durch Rush-Hour, Holperpisten, Regengüssen und ein Ankommen in tiefster Dunkelheit. Wir waren am Teilziel 1.
3. Ja, es gab alles, was das Klischee charakterisiert: Wärme, tropische Gewächse, Strände, grünliches bis blaues Meer, Rum, Abenteuerreisen, die eingeborenen Männer, die geduldig auf die weißen Frauen warteten, überall Reggae-Musik, freundliche Menschen, …

Strand, Ufer, und Meer

Strand, Ufer, und Meer

Pelican Bar mitten im Meer (auf einer Sandbank)

Pelican Bar mitten im Meer (auf einer Sandbank)

4. Wer Augen und Ohren hatte und mit den Menschen sprach, konnte aber schon im normalen Alltag viele Spuren einer Realität entdecken, die ein bisschen anders war als jene, aus der wir kamen.
5. Blitzlichter: Stillgelegte Bauxit-Fabriken (ein Rohstoff, den es im Land reichlich gibt) verminderten das Exportvolumen erheblich. Die Musikindustrie, ehemals weltweit einflussreich und sich vital entwickelnd, erschöpft sich bislang eher in bedeutungslosen Wiederholungen; schmälert das Exportvolumen weiterhin. Zuckerplantagen sind rückläufig. Die Kaffeeplantagen in den Blue Mountains wurden durch tropische Wirbelstürme zu ca. 60% (oder mehr) zerstört. Außer einer langen Straße an der Nordküste und einem kleinen Teilstück privater Bezahlautobahn im Süden sind die Straßen in einem miserablen Zustand. Eisenbahn gibt es nicht (mehr). Die Trinkwasserversorgung kann schwankend sein. Überall eine hohe Arbeitslosigkeit….

Stillgelegte Bauxitfabrik

Stillgelegte Bauxitfabrik

Blick aus dem Fenster eines Kaffeeplantagenhauses auf die Hänge der Blue Mountains; dazwischen die Kaffeepflanzen

Blick aus dem Fenster eines Kaffeeplantagenhauses auf die Hänge der Blue Mountains; dazwischen die Kaffeepflanzen

6. Ja, das Land hat wunderbare natürliche Ressourcen, es hat Bodenschätze, es hat wunderbare Menschen, und doch sitzt ein Krebsgeschwür inmitten aller Menschen: das abgründige Misstrauen gegenüber der Politik, die nach allen bekannten Daten als ‚durchgehend korrupt‘ geschildert wird, gemeinsame Sache mit den Gewerkschaften und dem organisierten Verbrechen macht, Recht und Gerechtigkeit als nicht erwartbar darstellt, die Filetstücke des Landes an ausländische Investoren verkauft hat bzw. weiter verkauft, die das Land für ihre ausländische Interessen schamlos ausbeuten ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, ohne einen erkennbaren Ansatz von Nachhaltigkeit, der dem Land auf Dauer helfen würde, seine Aufgaben besser zu lösen und dadurch die Krise nur weiter verstärkt. Krasses Beispiel: eine ausländische Hotelanlage für Touristen, in der die einheimische Bevölkerung nur durch einen Sondereingang hinein darf, weil die Kunden keine ‚dunkelhäutige Menschen‘ sehen sollen ….
7. Ein anderes Phänomen ist unübersehbar: wohin immer man auch fährt, man sieht überall viele unvollendete Gebäude, meist größere, die dastehen als Zeugnisse zerschollener Träume. Die Breite des Phänomens legt die Vermutung nahe, dass dies mit einer verbreiteten Einstellung zu tun haben muss, einem Bedürfnis nach individueller Darstellung, die allerdings so auch in vielen anderen Ländern zu finden ist. Ein scheinbar globales menschliches Phänomen; das Bedürfnis nach Besitz, nach Sicherheit durch Boden und Steine…

Ruine eines verstorbenen Boxers

Ruine eines verstorbenen Boxers

Ruine eines weltbekannten Malers

Ruine eines verstorbenen weltbekannten Malers

8. Bedenkt man die Armut der Menschen, dann wirkt ein Schulsystem, in dem die Kinder für ihr Lehrmaterial zahlen müssen, ‚unfreundlich‘ und vielleicht sogar kontra-produktiv, da ein Staat für eine florierende Zukunft ja auf ein leistungsfähiges Ausbildungssystem angewiesen ist. Aber selbst bei diesem noch stark verbesserungsfähigen Ausbildungssystem ist es so, dass die Mehrheit der Absolventen keine Arbeit im eigenen Land findet. Sie sind arbeitslos oder versuchen ihr Glück im Ausland. Bislang waren dies viele Millionen Menschen. Ihre Transferleistungen bilden einen wichtigen Faktor für die Menschen im Land. Doch die Einwanderungsbestimmungen in potentiellen Zielländern verschärfen sich seit einigen Jahren.

Teilansicht der Schule, die wir ein wenig unterstützen (nicht für Autos zugänglich!)

Teilansicht der Schule, die wir ein wenig unterstützen (nicht für Autos zugänglich!)

9. Durch extrem hohe Zuckeranteile in fast allen Lebensmitteln bekommen viele Menschen sehr früh zuckertypische Krankheiten (z.B. auch bei den Zähnen), die mangels medizinischer Versorgung bzw. dem Mangel an Geld für solch eine Behandlung bei vielen Menschen zu Problemen führen. Die Regierung unterlässt es, die Bevölkerung durch entsprechende Regelungen und Kontrollen zu schützen.
10. Dass es im Lande trotz all dieser Probleme bislang weitgehend geordnet und friedlich zugeht, liegt z.T. am Naturell der Menschen, an ihrer freundlichen und friedlichen Art und der Fantasie und Improvisationskunst, mit der sie versuchen, mit nahezu Nichts Lösungen oder Dienstleistungen zu generieren.
11. Andererseits stehen heute alle Länder, die touristische Dienste anbieten, in einem globalen Wettbewerb. Die Standards sind hoch. Die ’normalen‘ Bürger des Landes sind in der Regel nicht in der Lage, Leistungen anzubieten, die diesen Standards genügen. Dies führt dazu, dass immer mehr ausländische Konzerne das Heft in die Hand nehmen und schrittweise, schleichend, das Land seinen eigenen Bewohnern’entfremden‘; man kann es auch eine Form von Kolonialisierung nennen. Eine neue Variante ist die: die ausländische Investoren kaufen für ihre Mitarbeiter (aus dem Ausland) gleich die Staatsbürgerschaft mit ein. Dann könnten diese auf Dauer sogar wählen und könnten die einheimischen Regierungen unblutig durch ihre eigenen Mitarbeiter ersetzen…..

Vereinfachtes Systemschaubild eines Landes als Input-Output-System. Die Selbststeurungskapazitäten sind durch psychologische Grenzen der Verantwortlichen eingeschränkt

Vereinfachtes Systemschaubild eines Landes als Input-Output-System. Die Selbststeurungskapazitäten sind durch psychologische Grenzen der Verantwortlichen eingeschränkt

12. In unserer aktuellen Welt gibt es viele Länder, in denen sich ganz ähnliche Prozesse abspielen. Das Neue hier ist, dass ein Land A ein anderes Land B ganz ohne Krieg, einfach durch wirtschaftliche Maßnahmen – begleitet durch Änderungen geltender Gesetze – quasi ‚unterwandern‘ kann. Eine Bevölkerung, die bei diesen Veränderungsprozessen nicht mithalten kann, wird schrittweise marginalisiert. Das Erschreckende ist nur, dass nationale Strukturen im globalen Kontext so schwach und hilflos erscheinen. Nicht notwendigerweise, aber dann, wenn die politische Oberschicht sehr individuell-egoistisch und kurzfristig denkt. Würde sie die Spielregeln anders definieren und auf
ihre Einhaltung achten, wären ganz andere konstruktive Prozesse denkbar, bei denen es mehr Gewinner als Verlierer geben könnte. Das ‚psychologische Format‘ der herrschenden politischen Klasse scheint hier aber unzulänglich ‚entwickelt‘ zu sein. Ihr fehlen Weitblick, Durchsetzungsvermögen, Sachverstand, Kontakt und Verantwortung mit der eigenen Bevölkerung. Es gibt genügend Beispiele, wie man ein Land konstruktiv und nachhaltig entwickeln kann; man muss es wissen und man muss es wollen. Warum will man etwas und warum nicht?

Ausschnitt aus einer Versteinerung aus einer Zeit (vor einigen Mio Jahren), da Teile des Landes noch unter dem Meer lagen

Ausschnitt aus einer Versteinerung aus einer Zeit (vor einigen Mio Jahren), da Teile des Landes noch unter dem Meer lagen

13. Beim Rückflug saß ich in einem bunt bemalten Flugzeug eingepfercht im touristischen Standardsitz und neben mir ein Reisender von einem anderen Land, das große Investitionsprojekte im Land durchführte. Der Reisende sprach nicht die Sprache des Landes, in dem und für das er arbeitet. Er wohnte in einer Wohnanlage, die abgeschottet war von den Landesbewohnern. Er reiste auch nur deswegen, damit sein Touristenvisum für die Fortsetzung der Arbeit verlängert werden konnte. Aber auch er ist ein Menschen mit Hoffnungen. Mein Vater war auch Kriegsflüchtling und später Wirtschaftsflüchtling; er riskierte auf eigene Faust in ein anderes Land zu flüchten, für eine bessere Zukunft, und seine Frau (meine Mutter) mit damals zwei kleinen Kindern musste auf abenteuerliche Weise mit nur einem Koffer und keinem Geld nachkommen. Letztlich sitzen wir alle im gleichen Boot; aber richtig begriffen haben wir es offensichtlich noch nicht: diejenigen, die haben, verteidigen; und diejenigen die nicht haben, leiden und kämpfen, aus ihrer Sicht zu Recht…
14. Vielleicht mache ich noch einen Song zu diesem Erlebnis, oder auch zwei … Das ‚Geheimnis‘ der Reggae-Musik habe ich, glaube ich, mittlerweile ‚verstanden‘; es muss aber auch keine Kopie sein; vielleicht eher ein Reggae-After-Exploration-Experiment …

RUM als RADICALLY UNPLUGGED MUSIC

Musik vom 12.Januar 2014, kein Reggae, aber irgendwie passt sie zu den widersprüchlichen Erfahrungen dieser Reise (spziell zu der gigantischen Ruine des Malers …). Habe mit Chorversatzstücken aus einer Bibliothek herumgespielt.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.