EINSCHUB – ‚RADICALLY UNPLUGGED‘ ALS ERKENNTNISFORM

(1) Eigentlich versuche ich das Buch von Duve zu Ende zu besprechen. Während des Semesterbetriebes muss ich aber in vielen Prozessen parallel denken und arbeiten. Es gibt dann immer diese ‚Zeitscheiben‘ (wie das klingt, die Zeit in ‚Scheiben‘ geschnitten, wie Salami oder Käse…) und jede Zeitscheibe ist eine kleine ‚Welt für sich‘, als ob es das andere nicht gibt. Allerdings ist unser Körper (das unbekannte Wesen, letztlich), der diese verschiedenen Zeitscheibenwelten ‚beherbergt‘ und untereinander auf geheimnisvolle Weise verknüpfen kann, so als ob die eine Zeitscheibe mit der anderen ‚redet’….In diesem Sinne spricht jetzt hier eine ‚Zeitscheibe‘ während die andere (Besprechung Duve) ‚ruht’…
(2) Ich mache seit Jahren ‚Selbstversuche‘ mit experimenteller Musik. Ich wusste lange nicht, wie ich dies einschätzen sollte: Völliger ‚Humbug‘, ‚Zeitverschwendung‘, ‚Lächerlich‘, …mittlerweile bin ich aber sicher, dass dies eine fast unausweichliche Verhaltensweise ist, wenn man in der immer stärkeren Automatisierung und Virtualisierung unser Kultur seinen eigenen ‚Realitätskern‘ nicht verlieren will. Es ist sicher auch kein Zufall, dass die ’nachwachsende‘ Generation (wie das klingt ’nachwachsend‘, aber es ist mehr als wahr, wenn es auch den individuellen Egoismus und die individuelle Eitelkeit von so manchem stark ankratzt…) im Bereich Musik (zumindest abseits der populären Schiene, die immer nur das gewohnt Konventionelle reproduziert (man will ja ‚gefallen‘, es geht nicht um Erkenntnis…)) extrem experimentell vorgeht (die Musikerin Dominique Dillon de Byington, genannt Dillon ist hier nur ein Beispiel von vielen (hundert?)).
(3) Diese meine Einschätzung hängt damit zusammen, dass im täglichen Erkenntnisvollzug jeder von uns in erster Linie und unausweichlich in der ‚Schleife des Bekannten‘ hängt. Unser Körper (und hier speziell das Gehirn) verfügt über die wunderbare Gabe, wahrnehmbare Ereignisse (niemand spricht über die unfassbar große Menge der ’nicht-wahrnehmbaren‘ Ereignisse!) mit Hilfe von bestimmten Mustern (das hatte schon Kant und viele andere Philosophen zum Nachdenken gebracht) in ‚abstrakteren‘ Einheiten zu ‚organisieren‘ und uns damit ein ‚Bild‘ von einer ‚alltäglich geordneten‘ Welt aufbereitet, die wir für ‚wahr‘ nehmen und wir unser Verhalten entsprechend diesem Bild ausrichten.
(4) Der wichtige Punkt ist hier die ‚Unausweichlichkeit‘ in dem Sinne, dass unser Gehirn-Körper auch ohne unser ‚Zutun‘ so ‚arbeitet‘ und auf diese Weise in jeder wahrnehmbaren Zeitscheibe (ja, unser Körper arbeitet mit Zeitscheiben einer messbaren Länge!) ein ‚Produkt‘ abliefert, das wir als ‚Welt‘ bezeichnen.
(5) Solange sich die ‚reale‘ Welt mit den Bildern der ‚Gehirn-Körper-Generierten‘ Welt in Übereinstimmung befindet, ergibt sich ein gewisser Gleichklang, Einklang, Harmonie, eine ‚Flüssigkeit‘, eine ‚Vertrautheit‘, die uns in ‚gewohnten Bahnen‘ laufen lässt. Weichen die realen Ereignisse von den ‚erwarteten‘ ab, gibt es ‚Unruhe‘; bei solchen Gelegenheiten haben wir die Chance, zu bemerken (zu erkennen?), dass die ‚Welt im Kopf‘ nicht die ‚Welt da draußen‘ ist. Die einen unternehmen viele Anstrengungen, entweder solche ‚Beunruhigungen‘ von vornherein zu ‚unterbinden‘ (! lieber ‚Ruhe‘ als ‚Wahrheit‘!), oder sie zu unterdrücken, falls sie dann doch auftreten. Gelingt dies alles nicht, gibt es die Aggressiven, die die Quelle der Beunruhigung auszuschalten versuchen, die ‚Possenreißer‘, die das Ungeplante per Humor zersteuben wollen, … die Bandbreite möglicher Reaktionen ist groß. Das ‚Unerwartete‘ bewusst zu integrieren ist auf jeden Fall anstrengender als es nicht zu tun.
(6) Als Kinder ist dieser beständige Konstruktionsprozess das ‚Normale‘; wir nennen das ‚Lernen‘. Dass Kinder dabei ziemliche Dramen durchleben können ist nicht unbedingt Allgemeingut bei den Erwachsenen…
(7) Manche ziehen aus dem Unverhofften, Unerwarteten ‚Nutzen‘; sie verändern ihr Bild von sich, den anderen, der Welt….
(8) Die Frage ist auch, inwieweit wir im Laufe des Lebens diese grundlegende Lernfähigkeit verlieren können. Ich werde niemals den Kontrast vergessen, den ich als Jugendsozialarbeiter erlebt habe, als ich in einer deutschen Großstadt nachmittags mit Kindergruppen (7-11 Jahre) gearbeitet hatte und abends mit den ‚Älteren‘ (ca. 17-22 Jahren). Innerhalb von 5 bis 10 Jahren können junge Menschen nahezu alle positiven Fähigkeiten verlieren, die sie als Kinder mal hatten. Der Einfluss der täglichen Umgebung erscheint erschreckend gewaltig destruktiv: aus selbstbewussten kreativen neugierigen Wesen werden stumpfe ideenlose hoffnungslose Wesen ohne Selbstvertrauen, die Menschen, die unsere Zukunft tatkräftig gestalten sollen, ohne zu wissen, wer sie selbst sind….
(9) Wie auch immer, selbst wenn man viele Dinge in seinem Leben konstruktiv gemeistert haben mag. Die Tendenz, sich im Erfolg letztlich doch zu verstetigen, in gebahnte Bahnen zu erstarren, sich im Gewohnten zu betäuben, ist massiv. Als ich vor ein paar Jahren dazu kam, nach mehr als 35 Jahren Pause wieder Musik zu machen, ohne Training, unmusikalisch, keine Zeit zu großen Übungen, alleine, in einem Mehrparteienmietshaus (Lärm praktisch unmöglich), psychologisch in einer schlechten Situation: was denken die Leute (ganz zu schweigen von meiner Frau), da blieb mir nur eines, ‚radically unplugged music (RUM)‘ als ‚legale‘ Form des Musikmachens zu erklären. Quasi als Manifest gegen die Diktatur der herrschenden Gewohnheiten, die u.a. die meisten Radio- und Fernsehkanäle besetzt halten, als ‚Aufschrei‘ des unterdrückten Individuums, das angesichts dieser allseitigen ‚Vernormung‘ dessen was sein darf zu ersticken droht, an ‚Atemnot‘, weil alles, was man als einzelner tun kann, bevor man es tut, schon gesellschaftlich ’nichts‘ ist. Globalisierung als Elimination des Individuums im Ansatz. Zerstörung von Kreativität und Erkenntnis im Ansatz. Menschenverachtend. Zynismus pur…
(10) Als ich gestern — während ich etwas schrieb — zufällig im Hintergrund die Sendung ‚Punk in Myanmar‘ in zdf-kultur sah (siehe: http://aufnahmezustand.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/cd946bca-3138-33a7-9ff7-c183e90cd233/20065425?doDispatch=1″), merkte ich, wie ich von diesem Bericht sehr beeindruckt war. Dieser Bericht verstand es, die Situation der jungen Menschen in der Diktatur Myanmar so in Szene zu setzen, dass jedem Zuschauer klar werden konnte, warum diese jungen Leute so waren, wie sie sind, und dass diese den Nerv des möglichen Lebens in einer lebensfeindlichen Umgebung in — auf ihre Weise — aufopfernder Weise zu Gehör bringen wollten. Die persönlichen Risiken, die sie dabei eingingen, ihr Engagement, war sehr beeindrucken. Beeindruckend auch die einzige Sängerin, die schließlich aber wegen ihres Vaters wieder aufhörte, zu singen. Am tiefsten beeindruckte mich die Mutter des einen, eine emeritierte Professorin für Chemie. Wahnsinn welche Personalität, Liebe und Tiefe. Wie sie mit der Andersartigkeit ihres Sohnes und der ganzen Bewegung umging trotz der Ablehnung und Aggressivität der Umgebung!!!!! Hier erschien die Musik als Teil des Lebens, des Lebenskampfes, des Lebenlernens, als authentische Tätigkeit in dem Kampf um Wahrheit, Authentizität, Lebensgefühl schlechthin.
(11) Myanmar erscheint weit weg von Deutschland aus gesehen. Aber in gewisser Weise ist es direkt um uns herum. Auch wir erleben unzählige Prozesse um uns herum, die ‚lebensfeindlich‘ sind, die die uns unsere Ideen stehlen, uns unserer Lebensgefühle zu entfremden drohen, und auch wir sind beständig herausgefordert, uns aus dem Alltagsschlaf heraus zu reißen und uns zu fragen: ist es das wirklich? Soll es so sein oder sollte es nicht ganz anders sein? Jeder weiß, dass wir genügend offene Rechnung mit der Gegenwart haben…
(12) In mir verstärkt sich das Gefühl, dass die Methode ‚Radically Unplugged‘ etwas wirklich Grundlegendes ist, die Art und Weise betrifft, in der wir mit uns selbst und der Welt um uns herum umgehen. In einer Welt der globalisierenden Virtualisierung und Normierung durch diktatorische Kapitalmassen haben wir als Individuen nur noch die Authentizität. Diese alleine reicht zwar nicht, ist aber eine fundamentale Voraussetzung. Ohne diese sind wir nur mehr das dreihundert-billionste Bit in einem gigantischen Datenmeer, das von so vielen verschiedenen ‚Geistern‘ angetrieben wird, dass …..
(13) Merkwürdigerweise können wir im Prinzip alles ändern… nicht nur, indem wir alles zerstören, was in ein paar Milliarden Jahre ohne unser Zutun aufgebaut wurde, nicht nur, aber das ‚konstruktive Gestalten‘, eher eine Form des ‚Miterschaffens‘, ist extrem lernabhängig, dialogisch, … wir müssen verstehen, wer wir sind, wozu wir da sind, was dieses ganze Universum soll, um vielleicht weniger zu zerstören und ein wenig beizutragen. Der kosmologische Prozess selbst hat uns ins Szene gesetzt, ohne dass wir es wollten. Es wäre mehr als erstaunlich, wenn diese implizit kosmologische Weisheit nicht auch für die Option eines konstruktiven Mitwirkens eine Option parat halten würde… unsere aktuelle Dummheit ist aber vielleicht noch zu groß, als dass wir es verstehen können…

RUM Links

Insgesamt wird empfohlen, entweder richtig gute Kopfhörer zu benutzen oder eine richtig gute Soundanlage. Normale PC-Lautsprecher sind einfach zu schlecht; man hört irgendein Gequäcke aber keinen wirklichen ‚Sound’…

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WANN IST EIN MENSCH AUTHENTISCH?

 

  1. Das gesprochene Wort ‚authentisch‘: ein einzelner Mensch kann das Wort ‚authentisch‘ im Deutschen ganz unterschiedlich aussprechen (langsam, schnell, laut, leise, mit speziellen Betonungen…). Beim Sprechen wird ein veränderlicher Schalldruck erzeugt, den man messen kann (z.B. mit einem Mikrophon, analog) und dann ‚digitalisieren‘. Diese besteht in einer periodischen (1x pro Sekunde, 10x, 1000x, …) Abtastung des analogen Signals mit einer bestimmten ‚Bitauflösung‘ (2 Bit, 4, 8, 16 ….). Damit entsteht eine Zahlenfolge, die jeweils verschieden ist. Ein Computerprogramm ohne ‚Vorwissen‘, könnte damit nicht viel anfangen. Sprecher der deutschen Sprache sind aber in der Regel in der Lage, die verschiedenen lautlichen Realisierungen des einen gesprochenen Wortes als ‚das gleiche Wort‘ zu erkennen. Dies bedeutet, dass unser Gehirn verbunden mit dem Gehörorgan in der Lage ist, bei unterschiedlichen Schallobjekten ‚Gemeinsamkeiten‘ zu erkennen, die nicht ‚unmittelbar‘ im Schall selbst präsent sind. Menschen können – bei ein bischen Training – ‚Lautbestandteile‘ an einem Wort unterscheiden (Konsonanten, Vokale, Halbsilben, Silben, Morpheme,…), die ein Computerprogramm nur mit erheblichem Aufwand zu identifizieren in der Lage ist (die heute (August 2012) käuflich erhältlichen Programme zum Diktieren können dies immer noch nur sehr begrenzt!). Zu fragen, was denn die ‚richtige‘ Aussprache des Wortes ‚authentisch‘ sei, hängt also von dieser besonderen Fähigkeit des menschlichen Gehirns ab und ist — von daher schwierig. Das, was jeder Mensch jeweils als ‚das Gemeinsame‘ in den unterschiedlichen Aussprachen (‚Realisierungen‘) des einen Wortes ‚authentisch‘ ‚erkennt‘, ist selbst nicht ‚vorzeigbar‘. Es existiert nur im individuellen Erkennen. Dass es dieses ‚Gemeinsame‘ gibt, erkennen wir indirekt daran, dass ein Mensch bei unterschiedlicher Aussprache immer das gleiche Wort auf einen Zettel ’schreiben‘ könnte (wobei das ‚Schreiben‘ eine eigenständige Leistung ist. Sogenannte ‚Analphabeten‘ können sprechen, aber nicht schreiben). Sprachgemeinschaften versuchen zwar, eine ‚offizielle Aussprache‘ zu ’normieren‘ (das ‚Hochdeutsche‘, das ‚Bühnendeutsch‘ der Nachrichtensprecher, usw.), doch können diese Normierungen letztlich nur grobe Leitlinien sein, die — aufgrund des Sachverhalts — niemals vollständig eindeutig sein können. Halten wir fest: schon das gesprochene Wort als primäres Mittel sprachlicher Kommunikation existiert in Realisierungsformen, die eine letzte Eindeutigkeit nicht zulassen; man braucht eine Vielzahl von Beispielen, man braucht Hypothesen (Annahmen, Vermutungen), man ’nähert sich an‘, man operiert mit einem ’subjektivem Konstrukt‘ auf der Basis ‚empirischer Ereignisse‘.

  2. Die Bedeutung des Wortes ‚authentisch‘: Ein Lautereignis als solches hat normalerweise keine Bedeutung. Wenn ich im Deutschen Laute äußern würde, die sich schriftlich in etwa als ‚Dididu‘, ‚Garseku‘, ‚Uklukl‘ usw. repräsentieren lassen, dann wird normalerweise niemand etwas damit anfangen können. Äußerungen, die sich schriftlich in etwa als ‚Haus‘, ‚Tasse‘, ‚Stuhl‘ usw. repräsentieren lassen (und die sich lautlich als ‚das gleiche Wort‘ identifizieren lassen), würde man sehr wohl als ‚bedeutsam‘ einstufen. Eine lautliche Äußerung, die sich als ‚Stuhl‘ aufschreiben lässt, verbindet man mit ‚etwas anderem‘, eben jenem, was man ‚meint‘, wenn man das Wort ‚Stuhl‘ äußert. Dieses ‚andere Gemeinte‘ konstituiert dann die ‚Bedeutung‘ des lautlichen Ereignisses ‚Stuhl‘. Dieses ‚Andere‘ zum gesprochenen Wort, das seine ‚Bedeutung‘ konstituieren kann, ist auch wieder – im einfachen Fall – ein ‚Wahrgenommenes‘ (sichtbar, hörbar, tastbar, schmeckbar,…), das in verschiedenen Realisierungen vorkommt: dasselbe ‚Stuhlobjekt‘ aus verschiedenen Perspektiven, mit verschiedenen Beleuchtungsverhältnissen in unterschiedlichen Kontexten, oder aber ‚unterschiedliche‘ Stuhlobjekte (Farben, Materialien, Abmessungen, Formen,…) (auch hier würde eine einfache Digitalisierung z.B. der visuellen Signale einer Videokamera Zahlenkolonnen erzeugen, die selbst bei dem gleichen Stuhlobjekt völlig verschieden wären. Ein Computerprogramm ohne ‚Vorwissen‘ würde nichts erkennen können). Aber auch in diesem Fall besitzt das menschliche Gehirn im Verbund mit den verschiedenen Sinnesorganen (Sehsinn, Höhrsinn, Tastsinn,…) die erstaunliche Fähigkeit, in der Vielzahl der Eindrücke ‚Gemeinsamkeiten‘ zu erkennen, aufgrund deren dann ein Mensch (z.B. ein Kind, das Sprache lernt) bei einem bestimmten Stuhlobjekt trotz wechselndem Standpunkt, wechselnder Perspektive, unterschiedlichem Abstand, unterschiedlicher Beleuchtung dieses Stuhlobjekt als das ‚gleiche Objekt‘ in den unterschiedlichen Wahrnehmungsrealisierungen zu erkennen. Diese Fähigkeit des Erkennens von ‚Gemeinsamkeiten‘ in ‚veränderlichen Details‘ ist eine entscheidende Fähigkeit zum Erkennen überhaupt (heute käufliche Computerprogramme zur Objekterkennung sind hier mittlerweile erstaunlich weit gekommen, zumindest wenn man auf bestimmte Teilaspekte abhebt (z.B. Gesichtserkennung)). Aber auch hier gilt, dass der entscheidende Aspekt des ‚Erkennens‘ nicht in der aktuellen Realisierung eines Objektes liegt, sondern in dem ’subjektiven Konstrukt‘ eines Gehirns, das sich anlässlich der unterschiedlichen ‚empirischen Realisierungen‘ eines Objektes ‚bildet‘. Dieses ’subjektive Konstrukt‘ Cog(Perc(EObj)) = CObj eines ‚kognitiven Objektes‘ anlässlich unterschiedlicher ‚empirisches Objekte‘ ist aber – wie schon im Falle des subjektiven Konstrukts des gesprochenen Wortes – selbst nicht ‚vorzeigbar‘, sondern existiert nur ‚intern‘, als ‚gewusstes Etwas‘, indirekt erkennbar an einem bestimmten ‚Verhalten‘, z.B. daran, dass ein Mensch bei ‚ein und demselben Objekt‘ immer das ‚gleiche Wort‘ benutzt, obwohl er das empirische Objekt unterschiedlich realisiert wahrnimmt. Dies hat zur Folge, dass die ‚gemeinte Bedeutung‘ eines Wortes wie ‚Stuhl‘ grundsätzlich niemals ‚eindeutig‘ sein kann noch jemals ‚abgeschlossen‘ ist. Neue Stuhlereignisse können das bisherige subjektive Konstrukt ‚verändern‘, und diese Veränderungen sind von Mensch zu Mensch verschieden und sie sind dem einzelnen Menschen selbst nicht notwendigerweise ‚bewusst‘! Man merkt solche Veränderungen des subjektiven Erkenntnisstandes oft erst dann, wenn man in einer Gesprächssituation feststellen darf, dass der Gesprächspartner aktuell einen anderen ‚Aspekt‘ des Objektes ‚thematisiert‘ als man selbst bereit oder fähig ist, zu thematisieren. Halten wir fest: die subjektive Bedeutung von empirischen Ereignissen ist der eigentliche Kern sprachlicher Bedeutungen, diese selbst sind dynamische Gebilde, als solche nicht vorzeigbar, teilweise dem Sprecher selbst nicht ‚bewusst‘ und bilden sich interaktiv in gemeinsame geteilten Sprechsituationen.

  3. Im Fall des Wortes ‚authentisch‘ kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: während ‚empirisch aufweisbare‘ Objekte wie ‚Stuhl‘, ‚Tisch‘, ‚Tasse‘ für alle beteiligten Sprecher einen ‚gemeinsamen objektiven Referenzpunkt‘ bilde können, an dem die verschiedenen Sprachteilnehmer ihre ‚Bedeutungshypothesen‘ ‚ausrichten‘, gibt es Worte – wie das Wort ‚authentisch‘ –, die nicht als ‚einfache empirische Objekte‘ vorkommen. Zu sagen, ein Mensch sei ‚authentisch‘ kann sich prinzipiell auf sämtliche Aktivitäten dieses Menschen beziehen, auf sämtliche Situationen, in denen er auftritt. Faktisch wird man sich meistens auf eine Auswahl beschränken, da normalerweise niemand das vollständige Verhalten eines Menschen untersuchen kann (wie ja auch der einzelne Mensch von sich selbst nur eine sehr begrenzte Kenntnis hat (weil man vieles vergisst, weil die Selbstwahrnehmung unvollständig ist, weil das Verständnis von einem selbst unvollständig oder unpassend ist,….). Man hat also normalerweise eine kleine Auswahl von Fragmenten eines komplexen Geschehens, dessen Randbedingungen einem nur unvollständig zugänglich sind (z.B. hat man keine direkten Kenntnisse von den inneren (subjektiven) Zuständen, die einen Menschen dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun). Will man in solch einer komplexen und unübersichtlichen Situation dennoch einen Bedeutungsinhalt konstruieren, der eine minimale ‚Gemeinsamkeit‘ zwischen verschiedenen Sprechern erlaubt, dann kann dies nur dadurch geschehen, dass es ‚Standardsituationen‘ und ‚Standardverhaltensweisen‘ gibt, die sich von allen Beteiligten hinreichend identifizieren lassen und die man als ‚Kriterium‘ benutzen kann, um zur ‚Einschätzung‘ zu kommen, jemand sei ‚authentisch‘ oder nicht.

  4. Fragt man sich, wie solche ‚Standardsituationen‘ und ‚Standardverhaltensweisen‘ aussehen könnten, dann benötigt man etwas ‚Allgemeines‘, das über einzelne konkrete Ereignisse hinausreicht, so, dass man sagen könnte, dass diese oder jene konkrete Verhaltensweise ‚Beispiele‘ für dieses ‚Allgemeine‘ sind (z.B.  Formulierungen wie ‚X kocht‘, ‚X hebt Geld ab‘, ‚X macht Musik‘, ‚X lernt gerade‘,… als Beispiele für etwas Allgemeines, dem sich ein konkretes individuelles Verhalten zuordnen lässt). Die Gesetzgebung — wie auch unterschiedliche Normierungen — sind ein Beispiel dafür, wie man versucht, mittels Texten Situationen so zu beschreiben, dass man im Einzelfall entscheiden kann, ob die Handlung einer Person solch einer Beschreibung subsumiert werden kann und ein Richter feststellen kann, ob eine Person mit diesem Verhalten im Sinne dieser Beschreibung ’straffällig‘ geworden ist oder nicht. Wie man aus der Praxis der Rechtsfindung weiß, ist dies alles andere als einfach und ganz selten eindeutig. Letztlich sind es die aktiven Richter, die darüber ‚befinden‘, ob bestimmte Ereignisse als unter eine Beschreibung ’subsumierbar‘ anzusehen sind oder nicht. Im alten lateinischen Spruch ‚in dubio pro reo‘ (Etwa „Im Zweifel für den Angeklagten“), drückt sich schlagwortartig diese Einsicht in die Begrenztheit der Erkenntnis aus, so dass man im Strafprozess einen Angeklagten aufgrund der notorisch schwierigen Erkenntnislage nicht verurteilen sollte, wenn Zweifel an seiner Schuld verbleiben.

  5. Was wären ‚Standardsituationen‘ für ‚authentische‘ Menschen? Wenn jemand – ohne erkennbare Not — sagt, er heiße ABC, laut Ausweis aber CAB heißt, wäre dies vielleicht ein Grenzfall (ein Scherz? Schauspielerei? Vorgauklung falscher Tatsachen?..). Wenn jemand (ebenfalls ohne Not) sagt, er übe Position XYZ in einer Institution aus oder den Beruf XYZ, tatsächlich aber nicht, wäre dies eher kein Beispiel für ‚Authentizität‘? Wenn jemand nichts vom modernen Modebetrieb hält, sich aber dennoch bestimmte Kleidungsstücke anzieht, weil dies die mediengesteuerte Mehrheit in einer bestimmten soziologischen Gruppe ’so tut‘, ist dies ‚Anpassung‘, ‚Unterwerfung‘ – und damit nicht authentisch – oder ist dies ‚Pragmatismus‘, ‚Klugheit‘ und dadurch noch authentisch? Wenn jemand in Gesprächen mit KollegenInnen eine ‚Rolle‘ spielt, von der er/sie meint, damit komme er/sie ‚gut an‘, obgleich er/sie tatsächlich andere Meinungen und Werte haben, wäre dies auch ein Grenzfall; eher kein Fall von Authentizität? Was aber, wenn bestimmte berufliche Positionen nur erreicht werden können, wenn man einer Mehrheit ‚gefällt‘, deren Meinung man nur bedingt teilt. Gibt man sich auf, ‚verrät‘ man sich, wenn man dann ’so tut‘, ‚als ob‘ man diese Meinungen vertritt, um die Position zu bekommen? Falls die Position selbst dann Handlungen ermöglicht, hinter denen man stehen kann, wäre der Weg zu dieser Position dann ein ‚Kompromiss‘ (?), um etwas ‚Gutes‘ zu erreichen. Wäre dies ‚authentisch‘? Wenn aber die Position selbst weitgehend Handlungen erfordert, hinter denen man nicht wirklich steht, würde dies jede ‚Authentizität‘ ausschließen?

  6. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass offensichtlich Handlungen als solche nicht direkt etwas über ‚Authentizität‘ aussagen, da die Umstände von Handlungen sehr vielschichtig sein können und die ‚Bedeutung‘ einzelner Momente sich nur im Gesamtkontext erschließt.

  7. Was kann es aber unabhängig von bestimmten Handlungsabläufen geben, was sich in all den verschiedenen Situationen ‚durchhält‘? Ferner muss man auch fragen, ob es unbedingt ‚für andere erkennbar‘ sein muss? Kann es nicht sogar sein, dass ein Mensch ’sich selbst treu‘ bleibt, wenn er in verschiedenen Situationen und Lebensphasen ganz unterschiedliche Dinge tut, in denen ein ‚Außenstehender‘ nur ‚Widersprüchliches‘ erkennt obwohl es aus Sicht des Handelnden einen ‚roten Faden‘ gibt. Wäre solch ein Mensch ‚authentisch‘ … sozusagen mit einer verborgenen Authentizität? Wäre ‚das Authentische‘ dann eher eine subjektive Kategorie, ein ’sich selbst treu bleiben‘ im Laufe unterschiedlichster Situationen? Wenn wir aber annehmen müssen, dass das Bild von einem selbst sehr fehleranfällig, sehr unvollständig ist, dann wäre eine Authentizität, die sich an diesem problematischen Selbstbild orientiert, nicht minder problematisch und fehleranfällig.

  8. Möglicherweise haben wir hier einen ersten ‚Ankerpunkt‘ für die Bedeutung von ‚Authentizität‘. Da wir wissen, dass jede Form von Wissen grundsätzlich unvollständig und fehleranfällig ist, bleibt uns nur die bescheidene Möglichkeit, mit dem Wenigen, was wir haben, ’sorgsam umzugehen‘. Wir können versuchen, das Wenige, was wir tatsächlich meinen zu wissen und vom dem wir glauben, dass es ‚wichtig‘ sein könnte, dieses in jeder Hinsicht so ‚transparent‘ wie möglich zu ‚bewahren‘ und es zu ‚benutzen‘. Da wir nichts anderes haben als dieses ‚Wenige‘ entscheidet Sorgsamkeit, Ehrlichkeit, Transparenz darüber, ob wir mit diesem Wenigen ‚ein Stück mehr‘ erkennen können, ‚wie es ist‘ oder nicht. In diesem Sinne ist unser eigener Umgang mit dem Wenigen, was wir haben die Voraussetzung für nächste Schritte bzw. für die Integration von einzelnen Aspekten zu größeren Zusammenhängen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir einen Menschen, der in diesem grundlegenden Sinne ’sorgsam‘, ‚ehrlich‘, ‚transparent‘ mit sich selbst und anderen umgeht, etwas ‚Authentisches‘ hat, dass er eine ‚Atmosphäre‘ ‚ausstrahlt‘, in der man ‚vertrauen‘ kann, sich ‚entspannen‘ kann usw. Ein authentischer Mensch in diesem Sinne repräsentiert daher einen ‚Raum von Transparenz, Ehrlichkeit, Sorgsamkeit, Verantwortlichkeit‘, von der aus sich im Prinzip alles erreichen lässt, was wichtig ist, allerdings in – meistens – vielen Schritten, längeren Zeiträumen, mit viel Energie, mit viel Arbeit, mit einer ’sich selbst speisenden‘ Motivation und Zufriedenheit, die sich nicht aus ‚Sachen‘ speist, sondern aus einer Haltung, einem Prozess, einem sich daraus ergebenden Zustand.

  9. Ich glaube nicht, dass man in irgendeinem Buch (Wörterbuch, Lexikon,…) dieser Welt im einzelnen nachlesen kann, was ‚authentisch‘ ist. Wer für sich selbst diesen ‚Zustand‘ nicht selber findet, wird niemals verstehen können, was es ist (wie mit allen wichtigen Dingen). Zugleich gibt es keinen harten Grund, warum nicht grundsätzlich jeder Mensch ein ‚authentischer Mensch‘ werden könnte, wenngleich Schmerzen, Folter, Terror, Überlebenskampf und dergleichen starke Faktoren sind, die einen Menschen darin behindern können. Doch gibt es viele Beispiele, wo Menschen selbst unter solchen extremen Umständen ihren authentischen Charakter beibehalten haben. Letztlich gibt es für uns Menschen auch keine wirkliche Alternative zum Authentischsein. Wer in den elementaren Dingen des Lebens Kompromisse mit dem Nicht-Authentischen eingeht, zerstört letztlich seine eigene Lebensgrundlage und damit meistens auch die Lebensgrundlage von anderen Menschen. Wir sind niemals alleine: weder im Empfangen noch im Geben. Die Vorstellung des Alleine-Seins ist ein tragischer Irrtum, der den Keim der Lüge und Unwahrheit von Anbeginn in sich trägt und mehr zur Selbstzerstörung beiträgt als alles andere. Jeder Mensch braucht den anderen Menschen, und zwar so authentisch wie möglich. Leider garantiert dies keinen Erfolgt im Überlebenskampf. Ohne diese Kunst des wechselseitigen Authentischseins kann es aber auch keinen nachhaltigen Erfolg geben, da Authentischsein die Voraussetzung für wahre Erkenntnis ist, diese wiederum ist die Voraussetzung für Theorien (und Technologien), die nachhaltig funktionieren. Große Teile unserer heutigen Lebensweisen und Technologien sind dabei, die Lebensgrundlagen fast aller Arten und damit auch die des Menschen nachhaltig zu zerstören. In diesem Sinne sind sie nicht ‚wahr‘, weil wir, die Urheber und Schöpfer, nicht ausreichend authentisch sind. Wir Verschließen unsere Augen, weil wir uns wechselseitig suggerieren, so schlimm sei es doch nicht, wenn wir es im Detail nicht so genau nehmen, wenn wir uns wechselseitig verletzen und ruinieren. Doch, mit der Wahrheit lässt sich nicht spielen. Sie war schon lange vor unseren modernen Unwahrheiten dar und sie ist unvergleichlich mächtiger. Unwahrheit führt unweigerlich zum Scheitern (dazu braucht man keine ‚Pseudogötter‘ zu beschwören. Die Wahrheit selbst reicht dazu völlig aus).

Spiegelung Umwelt im Gebaeude

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