Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 2 (neu)

Der folgende Text ist der Vorabdruck des Kapitel 2 aus dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?.

Neue Version von Kap.2 vom 21.Juli 2015

Monster und Engel

Es ist noch nicht so lange her, da folgten Menschenmassen wie Marionetten den Parolen faschistischer und nationalistischer Führer. Sie bekamen Arbeit, bescheidenen Wohlstand, Ordnung und viele Belobigungen für ihr Selbstwertgefühl. Dafür waren sie willig, gehorchten den Befehlen aus dem Radio, den Wochenschauen und den lokalen Repräsentanten. Dem voraus gingen Könige und Kaiser, für die Ehre alles und der Mensch nichts war.

Tötungsorgien

Mit der Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien am 28.Juli 1914 begann der erste Weltkrieg. Im Laufe dieses Krieges standen nach Schätzungen ca. 70 Millionen Menschen unter Waffen und ca. 17 Millionen sind gefallen. Dies war bis dahin die größte Tötungsorgie in der Geschichte der Menschheit.

Konnte man denken, dass dieser Tötungswahnsinn nicht mehr zu überbieten ist, wurde man durch die Geschichte darin belehrt, dass der Mensch sehr wohl zu noch mehr Gräueltaten fähig ist.
Mit dem Überfall Japans auf China am 7.Juli 1937 begann der zweite chinesisch-japanische Krieg, der mit dem Überfall auf Pearl Harbor am 7.Dezember 1941 sich zum pazifischen Krieg ausweitete. Hitler, der China bis 1941 gegen Japan unterstützt hatte, startete dann selbst einen Krieg. Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht am 1.September 1939 auf Polen begann der zweite Weltkrieg in Europa. Der europäische, der chinesisch-japanische und der pazifische Krieg zusammen haben nach Schätzung 1 und Schätzungen 2 ca. 22 – 33 Mio. Kriegstote gefordert hat und ca. 38 – 55 Mio zivile Opfer. Das Besondere hier ist, dass es dieses Mal nicht nur die Europäer waren — genauer die Deutschen –, die diesen Tötungswahnsinn inszenierten, sondern dass im asiatisch-pazifischen Raum Japan als imperiale Macht mit dem asiatisch-japanischen Krieg demonstrierte, dass der Wahnsinn des Tötens nicht geographisch und ethnisch beschränkt ist.

Ist der Krieg als solcher schon erschreckend genug, übersteigt das systematische Töten unabhängig vom Krieg, das Grauen deutlich. Unter Hitlers Führung wurden etwa 13.1 Mio systematische Tötungen an Menschen vorgenommen, die aus religiös-ethnischen, medizinischen, politischen Gründen ausgegrenzt wurden. Von den Opfern waren ca. 45\% jüdische Mitmenschen, ca. 25\% sowjetische Kriegsgefangene und ca. 25\% nichtjüdische Zivilisten (siehe Schätzung Kriegstote). Das systematische Töten Andersdenkender war aber kein Privileg Hitlers. Vor und nach dem zweiten Weltkrieg forderten die politischen Säuberungen von Josef Stalin ca. 3 -20 Millionen Tote.

Und auch nach dem zweiten Weltkrieg ging das Opfern von Menschen im großen Stil weiter. Zwar von anderer Art, aber nicht minder grausam für die Betroffenen, war ein politisches Programm genannt der ‚Großer Sprung‘, das Mao Zedong 1958 gestartet hatte. Eine massive Umstrukturierung der Gesellschaft mit dem Ziel einer Verbesserung kalkulierte große Opfer ein. Dieses Opfer kam tatsächlich zustande durch eine schwerwiegende Hungersnot, die in China von 1959 bis 1961 ca. 36 bis 45 Mio Menschen das Leben kostete. Damit handelt es sich um die größte Hungerkatastrophe in der Geschichte der Menschheit. Das Wort ‚Demozid‘ wurde geprägt.

Ein anderer ‚Demozid‘ ereignete sich in Kambodscha, kurz nachdem die roten Khmer im April 1975 die Hauptstadt Phnom Penh erobert hatten. Unter der Leitung von Pol Pot führten die roten Khmer eine radikale Umgestaltung und Säuberung der Gesellschaft durch. Die absoluten Opferzahlen betragen — im Vergleich zur großen Hungersnot zwar ’nur‘ — ca. 2-3 Mio Menschen, was bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 8 Mio Menschen aber etwa einem Viertel der Bevölkerung entspricht, die hier auf grausamste Weise umgebracht wurde.

Die Liste von Kriegen, Verfolgungen, Folterungen, Genozids, Demozids ließe sich hier weiter fortsetzen bis in unsere Gegenwart.

Diese Ereignisse zeigen eines ganz klar: Wir Menschen sind relativ leicht im großen Stil manipulierbar; wir begehen die schlimmsten Gräueltaten, wenn andere uns dies befehlen; keine Nation scheint hier ausgenommen zu sein.

Neuentdeckung der Würde

Schon während des großen Tötens, am 1.Januar 1942, schließen sich unverhofft 26 Länder zu einer gemeinsamen Aktion gegen die kriegstreibenden Länder zusammen, was nach Beendigung des zweiten Weltkriegs am 24.Okt.1945 seine Fortsetzung in der Gründung der Vereinten Nationen (United Nations, UN) findet. Etwa drei Jahre später am 28.Dez.1948, kommt es zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Englisch, Deutsch.

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland ereignete sich in diesem kurzen Zeitfenster eines Aufleuchtens von Bildern zu Demokratie und Menschenrechten, wie sie so historisch kaum jemals zuvor verfügbare gewesen waren und verfügbar gewesen sein konnten. Die Vorgeschichte der politischen Demokratiebewegung in Deutschland, hatte sich im politischen Durchsetzungskampf bis dahin als zu schwach erwiesen.

Vor dem Hintergrund der grausamen Tötungsorgien erscheint es wie ein Wunder, dass der Verfassungstext vom Mai 1949 mit dem Begriff der ‚Menschenwürde‘ beginnt. Gleich im Artikel 1 wird die Würde des Menschen, werden die Menschenrechte sowie nachfolgend einige Grundrechte explizit genannt. Während die ‚Menschenrechte‘ mit einem ‚darum‘ in einen logischen Zusammenhang zur Menschenwürde gestellt werden, bleibt der Zusammenhang zwischen ‚Menschenwürde‘ und ‚Menschenrechten‘ an dieser Stelle offen. Die Menschenwürde gilt als „unantastbar“ und es ist „Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, „sie zu achten und zu schützen“.

Mit der Gründung der demokratischen Bundesrepublik beginnt aus der Mitte Europas heraus ein neuer Demokratisierungsprozess, der nach und nach den größten Teil West- und Mitteleuropas erfasst. Die Anfänge datieren wohl auf den 18.April 1951, dem Abschluss des dem Schuhman-Plans , und einen vorläufigen Höhepunkt findet dieser Demokratisierungsprozess in den Jahren 2004 und 2007; in diesen Jahren treten 12 neue Länder aus dem ehemaligen Ostblock als neue demokratische Mitglieder dem demokratischen Europa bei.

In all diesem Geschehen demonstriert die Geschichte, dass es in der ‚Finsternis des Daseins‘ ‚Inseln des Lichts‘ geben kann, die sich nicht aus der Finsternis selbst herleiten! Irgendetwas im Menschen befähigt ihn, nicht nur den Tod, nicht nur das Grauen, nicht nur die Menschenverachtung hervor zu bringen, sondern auch das Gegenteil: Würde, Achtung, Liebe.

Der Begriff folgt der Realität

Weder die Gründung der vereinten Nationen, noch die Verkündigung der allgemeinen Menschenrechte, noch weniger die Gründung der Bundesrepublik Deutschland waren Projekte, die sich Philosophen am grünen Tisch ausgedacht hatten. Am Anfang standen keine klaren Ideen von Menschenrechten und Demokratie, die zur Realisierung in den konkreten Ereignissen führten. Nein, es war das Grauen der realen Kriege, der unendliche Wahnsinn dieser weltweiten Tötungsorgien, die in den betroffenen und bedrohten Menschen und Nationen einen Widerstand herausforderten, einen Überlebenswillen wach riefen, dem man im Nachhinein Form und Worte verlieh, eben die Idee eines friedlichen Völkerbundes, die Idee von der absoluten Würde jedes einzelnen Menschen, die Vision einer demokratischen Gesellschaft.

Dafür Worte zu finden war kein Automatismus, und sicher beeinflusst von den demokratischen Traditionen in Frankreich, England, den USA und Deutschland. Man wird aber nirgends eindeutige und zweifelsfreie Definitionen der verwendeten Begriffe finden, niedergeschrieben in einem Lehrbuch. Es ist eher ein ‚historisches Naturereignis‘, in dem die aufwühlenden Erfahrung von Krieg und Solidarität sich neue Worte gesucht und gefunden hat. Diese Worte finden wir, die der ‚Zeit danach‘ angehören, heute vor, lesen sie, reiben uns die Augen, versuchen sie zu verstehen, und beginnen mit unseren Interpretationen.

Aufstieg des Individuums

Das Buch ‚Menschenwürde (2014)‘ von Paul Tiedemann (Paul Tiedemann,„Was ist Menschenwürde? Eine Einführung“, 2. aktualisierte Aufl., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2014. Zur Person von Paul Tiedemann.) ist solch ein Interpretationsunternehmen, das einerseits die mögliche inhaltliche Bedeutung des Begriffs aus philosophischer Sicht erläutert, andererseits eine Einordnung in das Deutsche Rechtssystem vornimmt (Anmerkung: Eine längere Diskussion des Buches von Paul Tiefemann in 11 Beiträgen vom Autor ‚cagent‘).

Im Kapitel zwei seines Buches listet Paul Tiedemann 9 verschiedene Verwendungsweisen auf, wie unterschiedliche Gruppen mit dem Begriff ‚Menschenwürde‘ verfahren; in Kapitel drei folgen 8 weitere unterschiedliche Blickrichtungen auf das Thema. Alle diese verschiedenen Verwendungsweisen und Blickrichtungen sind kaum miteinander vereinbar.

Bedenkt man den historischen Kontext verwundert dies nicht. Es illustriert nur sehr deutlich, wie schwer sich das reflektierende Denken mit Manifestationen des Menschlichen tut und dass die Begriffe, die man benutzt, nicht das Phänomen selbst ersetzen, sondern — bestenfalls — angemessen beschreiben.

Anstatt nun die aufgelisteten Positionen im einzelnen zu analysieren greift Paul Tiedemann hier explizit auf die philosophische Reflexion zurück und versucht in Kapitel vier der Relativität der Vielfalt dadurch zu entkommen, dass er anfängt, die Wortbedeutung des Wortes ‚Menschenwürde‘ isoliert von den verschiedenen zuvor zitierten Lehrmeinungen zu analysieren. Dies wirkt etwas willkürlich, da er nicht alle historisch vorkommenden Verwendungsweisen ins Auge fasst, sondern nur eine bestimmte.

In seiner Analyse, fördert Paul Tiedemann das Subjekt als Ankerpunkt zutage, dem er eine Absolutheit zuspricht, die, anders als bei Kant, nicht unerreichbar ist, sondern hinreichend mit der Konkretheit eines menschlichen Subjekts verknüpft ist. Das Subjekt ist für ihn ein Zweck an sich, vor allen anderen Werten, darin ein absoluter Wert, und auch der einzige absolute Wert. Diese Absolutheit findet im politischen Handeln, in der Delegation der politischen Macht ihre gesellschaftliche Umsetzung, die so sein soll, dass sie den einzelnen in seiner Würde ermöglicht.

Erosion des Individuums zu Beginn des 21.Jahrhunderts

Während Kant eine Absolutheit (re-)konstruieren konnte, indem er sie von allem Kontingentem, Zufälligem, Empirischem abgekoppelt hatte, lokalisiert Paul Tiedemann die Unverfügbarkeit im Individuum, das sich seiner im freien Urteilen ‚gewiss‘ sein kann. Diese Autonomie des eigenen Entscheidens und Urteiles geht einher mit den modernen sozialwissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen, dass ein junger Mensch nur über angemessene soziale Interaktionen und sprachliche Kommunikation zu jenem Umgang mit sich selbst findet, der ihn in die Lage versetzt, seine eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Einsichten angemessen zu identifizieren und den Einklang mit der sozialen Umwelt zu wahren. Während die Inhalte wechseln können, bleibt die grundsätzliche Fähigkeit zu Reflexion und Urteilen konstant, bildet einen ‚Raum‘, innerhalb dessen sich der einzelne als „sich selbst bestimmend“ erfahren kann und simultan auch den anderen, das Gegenüber, mitbestimmt. Dieser generellen Selbstbestimmungsmöglichkeit kommt für Tiedemann ein grundlegender Wert zu, der durch die konkreten Einschränkungen nicht aufgehoben wird. In all diesen Prozessen vollzieht sich der Aufbau einer individuellen Identität (‚Ich‘). Tiedemann benutzt zur Kennzeichnung dieses Ansatzes die Bezeichnung ‚Identitätstheorie der Menschenwürde‘ (vgl. Tiedemann (2014), S.101f).

Die Idee, den Ankerpunkt der Autonomie in der unterstellten Fähigkeit zum eigenen Urteilen zu suchen, hat etwas Bestechendes, zugleich bietet sie einen Angriffspunkt für vielerlei Infragestellungen:

  1. Wie Tiedemann selbst ausführt, ist die inhaltliche Füllung des autonomen Urteilens abhängig von den Interaktionen mit der Umwelt und zahlreichen Rahmenbedingungen. Sollte auf einen Menschen Zwang ausgeübt werden, Gewalt, dann kann er in seinem individuellen Urteilen so stark beeinflusst werden, dass sein Urteilen nicht mehr wirklich autonom ist. Aber auch wenn dem Menschen kein Vertrauen geschenkt wird, ihm wichtiges Wissen vorenthalten oder falsches Wissen aufgezwungen wird, auch dann kann sein autonomes Urteilen ihm nicht wirklich helfen. Ferner, wird ihm keine hinreichende Privatsphäre zugestanden, wird er seine spezifischen Bedürfnisse und Fähigkeiten nicht hinreichend ausleben können (Siehe zu diesen Beispielen ausführlich das Kap.7 von Tiedemann (2014)). Und wir müssen feststellen, dass es in fast jedem Land der Erde — z.T. sehr große — Menschengruppen gibt, auf die die genannten Einschränkungen zutreffen.
  2. Wie im Kapitel 1 angedeutet, bewirkt der technologische Wandel durch die verstärkte Einführung des Digitalen in nahezu allen Bereichen eine zunehmende Abbildung von zuvor privaten, persönlichen Dingen und Handlungen in den Raum des Digitalen, wodurch Privatheit real verlorengeht. Dazu kommt das wachsende Problem der Qualität des Wissens: was ist noch ‚wahr‘, was ist ‚gefaked‘? Im Digitalen ist man auf neue Weise Beleidigungen ausgesetzt, Verleumdungen, dem Stehlen von Eigentum, der Manipulation, Ausbeutung, richtigem Terror. Die Autonomie alleine hilft hier nicht.
  3. Für die Gültigkeit seiner Überlegungen verweist Paul Tiedemann auch auf die allgemeinen Gesetze der Logik. Dieser Verweis geht ins Leere, da es die Logik, die unterstellt wird, in dieser Form bis heute nicht gibt, zumindest nicht als ausgearbeitete Theorie.
  4. Am Horizont der Vision, ansatzweise auch in der Realität, erscheint eine künstliche Intelligenz, die ebenfalls den Anspruch erhebt, autonom entscheiden zu können. War es das dann mit der Würde des Menschen? Besteht die Würde des Menschen ’nur‘ in dieser Fähigkeit des autonomen Urteilens im Raume vorfindlicher Gegebenheiten?

Das ‚Monster des Tötens‘ und der ‚Engel der Menschenwürde‘ wohnen im Menschen unmittelbar nebeneinander. Die Abhängigkeit des einzelnen von seiner Umgebung ist stark und damit das Einfallstor sowohl für menschenverachtende Propaganda wie auch für lebensbejahende Werte. Wer wird in der Zukunft gewinnen: das Monster oder der Engel? Was ist für ein Leben in der Zukunft wichtiger? Was ist ‚wahrer‘?

Fortsezung mit Teil 3 (neu).

VIKTOR JERUFEJEW – DIE RUSSISCHE SEELE – EIN TRAUM – DEUTUNGSVERSUCH

1. Gestern, am 8.April 2014, druckte das Feuilleton der FAZ die Übersetzung eines Artikels von dem russischen Schriftsteller Viktor Jerufejew ab (laut Wikipedia (DE) schreibt sich der Name Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew (Виктор Владимирович Ерофеев, wissenschaftliche Transliteration Viktor Vladimirovič Erofeev). Er trug die Überschrift ‚Die Krim ist Putins Meisterstück‘. Man kann den Text lesen als eine politische Satire, die einen bestimmten Gedanken kunstvoll überdehnt (jene vom russischen Großmachttraum), um die Absurdität deutlich zu machen, oder als die Wiedergabe einer tatsächlich Meinung in Russland, wobei nicht klar ist, wieweit der Autor dies nun selbst auch meint, oder nicht. Wie in besten Zeiten russischer Diktatur(en) ist der Text kunstvoll literarisch kodiert; man kann ihn so oder so lesen. Ich nehme ihn hier mal in jener Lesart, dass er das Fühlen und Denken der ‚russischen Seele‘, des ‚russischen Volker‘ wieder zu geben versucht (denn, angenommen der Text wäre als Satire gedacht, dann ist dies genau sein Thema: die aktuellen Manifestationen der russischen Seele zu ‚besprechen‘).

2. In diesem Artikel steht auf der einen Seite das ‚russische Volk‘, die ‚russische Seele‘ (mit ein paar politischen Akteuren, die dieser Seele dienen), die ‚Nachfahren des heiligen Rus‘, wie es die Augen der orthodoxen Kirche sehen. Das heutige Russland wird als ‚Skelett einer Großmacht‘ bezeichnet verglichen mit dem russischen Imperium des18./19.Jahrhunderts bzw. der späteren Sowjetunion. Gegenüber der Ukraine erscheint Russland als ‚Bruder‘.

3. Demgegenüber stehen die ‚westlichen Massenmedien‘, die ‚westliche Zivilisation‘, oder einfach ‚der Westen‘, der im Fall der Ukraine als ‚heimtückisch‘ bezeichnet wird. Als einziges westliches Gesicht blitzt kurz das von Obama auf, der mit seiner Bemerkung über ‚Russland als Regionalmacht‘ die russische Seele tief beleidigt habe (selbst oder gerade dann, wenn es real zutreffen würde (Idee: wenn jemand arm ist und ein Reicher bezeichnet den Armen in der Öffentlichkeit als ‚arm‘, dann verliert dieser sein Gesicht, seine Würde, dann ist er tief getroffen, beleidigt)).

4. Unabhängig davon, was dieser Artikel sonst noch an Gedanken äußert, sagt alleine schon diese ‚Aufstellung‘ sehr viel über die ‚russische Seele‘ im Sinne Jerufejews (wobei es in Russland – zumindest in den Städten – Menschen gibt (wie viele genau?), die solch eine Aufstellung erheblich differenzierter sehen würden!).

5. Die pauschale Rede von ‚dem Westen‘ verschleudert schon im Ansatz so viel Realität, so viel Wahrheit, dass das, was dann bleibt für darauf aufbauende Überlegungen, nur noch mit einer vagen Fata Morgana operiert, die keine wirklich vernünftigen Gedanken mehr zulässt.

6. Der ‚Westen‘, das sind zunächst mal grob Europa (ohne Russland), Nord- und Südamerika, und jede dieser Regionen ist extrem differenziert; zwar gibt es Gemeinsamkeiten, aber natürlich auch Gegenläufigkeiten, Antagonismen, und möglicherweise haben wir aktuell gerade eine ernsthafte Krise des Westens dahingehend, dass die USA als mit Abstand größte militärische Macht drauf und dran sind, sich zu einem totalitären imperialistischen Staat zu entwickeln, der das Vertrauen seiner bisherigen ‚Verbündeten‘ auf eine immer härtere Probe stellt und gerade dabei war (Snowden Enthüllungen), psychologisch-moralisch noch stärker ins Abseits zu rutschen. Die Krim-Krise kam der US-Regierung gerade recht; und man kann nicht mal ausschließen, dass die abfälligen Bemerkungen Obamas nicht sogar ‚gezielt‘ waren, um genau diese Reaktion Putins zu provozieren, mit der er den übrigen Westen, insbesondere Europa, in eine Rolle gedrängt hat, die Europa wieder mehr den USA zuspielen sollte (zumal seit Sommer 2013 die Geheimverhandlungen zum transatlantischen Freihandelsabkommen laufen, die den großen Konzernen (insbesondere den US-amerikanischen) neue Freiräume eröffnen sollten, und die durch Indiskretion ins Stocken geraten waren). Sollte die US-Regierung tatsächlich darauf spekuliert haben, dass Putin den ’starken Mann‘ markiert und damit Europa verschreckt, dann ist die Rechnung zunächst mal ein wenig aufgegangen.

7. Was nun Europa angeht, so ist Europa selbst ein sehr vielschichtiges Gebilde historisch, politisch, kulturell, ökonomisch, und Europa hat mit Russland mindestens so viel gemeinsam wie mit dem übrigen Westen. Hier Russland willkürlich abzutrennen von ‚dem Westen‘ erscheint fragwürdig.

8. Allerdings gibt es zwischen dem heutigen ‚westlichen Europa‘ und dem heutigen Russland einen tiefgreifenden Unterschied: die Staaten des aktuellen Europa sind ganz und gar ‚freiwillig‘ zur Einheit EU verbunden; nirgendwo stehen Soldaten, um die einzelnen Staaten dazu zu zwingen, sich als EU zu fühlen; das heutige Russland hingegen benötigt in vielen Teilgebieten starke militärische Kräfte, um die Bevölkerung in diesen Gebieten bei Russland zu halten. Ob und wie die einzelnen Staaten (und Völker) der aktuellen EU zusammenbleiben werden, ist eine offene Frage und wird nicht durch militärische Operationen entschieden werden, sondern durch die offene und freie Meinungsbildung in diesen Teilbereichen.

9. Man nennt diese Form des offenen, freiwilligen, und auf Werte gründenden Zusammenschlusses von Menschen, Völkern und Staaten ‚Demokratie‘. Wie wir alle wissen (können), hat es viele Jahrhunderte an schwersten geistigen – und auch militärischen – Auseinandersetzungen gebraucht, bis dies in Europa (und auch in Teilen Nord- und Südamerikas) soweit gekommen ist. Zwei der wichtigsten Faktoren, die dieser Bewegung entgegen standen waren monopolisierte Machtzugänge (z.B. in Form absolutistischer Monarchien) und Religionen in Form von Kirchen, die den jeweiligen Machthabern als ‚Stabilisatoren‘ der Macht durch Bereitstellung von geeigneten ‚Ideologien‘ dienten.

10. Das menschliche Unheil, das ideologisierende Religionen in der Vergangenheit angerichtet haben, ist unendlich groß: Menschenrechte wurden mit Füßen getreten, das Leben Hunderttausender wurde kurzfristigen Machtinteressen geopfert, die Wissenschaft wurde bis ins letzte Jahrhundert unterdrückt (und wird auch heute noch, speziell in den USA von ideologisierenden Kirchen diskreditiert). Die orthodoxe Kirche kann sich von diesen Mustern nicht distanzieren; sie war immer ein Teil davon und erweckt bis heute den Eindruck, dass sie noch ganz und gar diesem menschen- und wahrheitsverachtenden Muster huldigt.

11. Während also die Staaten des westlichen Europas sich freiwillig, in demokratischer Weise, und in Relativierung menschen- und wahrheitsverachtender Kirchen, zu einem Staatenbund zusammengefunden haben, der sich einer zunehmend totalitär sich gerierenden US-Regierung widersetzt (allerdings vorerst nur sehr schwach), scheint Russland das demokratische Moment und das religionskritische Moment – in einer Art Rückfall (man kann es auch Regression nennen) – herunter zu spielen.

12. In der tat kann dies ein punktuelles, rauschhaftes ‚Glücksgefühl‘ erzeugen, aber, schaut man die harten Realitäten an, dann ist dies ein Glücksgefühl, das nicht von langer Dauer sein kann. Ja, man kann das westliche Europa kritisieren, dass es die Interaktion mit Russland hätte intensiver betreiben können/ sollen; im gleichen Atemzug muss sich aber auch die russische politische Elite fragen, was sie selbst getan hat, um dies zu unterstützen. Kernstück des neuen westlichen Europas ist die durchgreifende Idee der Demokratie mit klaren Forderungen an demokratischer Öffentlichkeit, Rechtssystem, Zugang und Kontrolle der Macht, wahrheitsfähiger Wissenschaft und klare Eingrenzung von ideologisierenden Kirchen. Wie es zur Zeit aussieht, hat die politische Elite Russlands hier versagt: aus tatsächlicher – oder eingebildeter – Schwäche heraus, sich nicht zuzutrauen, die gesellschaftlichen Eckwerte in diesem modernen Sinne aufzubauen, hat man sich kurzfristig (und kurzsichtig) den ‚Geistern der Vergangenheit‘ wieder ausgeliefert und sonnt sich in dem (kurzfristigen) Gefühl, es geht doch auch ohne grundlegenden Reformen, ohne Anstrengung, ohne Risiko, ohne Kampf gegen sich selbst, ohne Kampf gegen die Vergangenheit. Nein, es wird nicht gehen. Wenn die Machtelite der USA eines wollte, dann genau dieses, das Zurückfallen Russlands in die alten Muster und die Abkehr vom westlichen Europa. Bravo Putin. Du hast die große historische Chance gründlich vermasselt. Die Erneuerung Russlands und der Wiederaufbau eines demokratischen Europa (West und Ost) gehorchen historischen Maßstäben, nicht der Willkür einzelner oder den realitätsfremden Träumen von Ideologen.

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RUSSLAND, EU, USA – WIEVIEL DOGMATISMUS DÜRFEN WIR UNS ERLAUBEN?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 20.März 2014
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

1. In diesen Tagen erleben wir ein Schauspiel, wie es sich schon oft ereignet hat: ein Staat annektiert einen anderen Staat, andere Staaten äußern Unmut, Kritik in unterschiedlicher Form. Noch gibt es keinen größeren Krieg; ganz ausschließen kann man es nicht. Das Ganze wird vom Annektierer eingehüllt in eine Aura historischer Unausweichlichkeit: das musste jetzt sein. Teile der Bevölkerung jubeln; wie viele genau, weiß man nicht. Alle Seiten führen Argumente an, die irgendwo einen Grund finden, die aber, geht man ihnen nach, auch viele Fragen aufwerfen.

2. Was man bei allen Beteiligten vermisst, das ist die Vision einer Zukunft, in der alle Beteiligten einen attraktiven Platz haben würden. Aktuell artikulieren alle letztlich sehr partikuläre Interessen, Interessen aus der eigenen nationalen Perspektive, die so sind, dass die anderen darin keinen wirklichen Platz haben.

3. Je nach Lesart kann man dem Verhalten Russlands aus Sicht abstrakter Werte viel Kritik entgegen schleudern. Bei neutraler Betrachtung könnte man dies aber in nicht geringerem Umfang auch gegenüber den USA, deren überlegener militärischer Apparat Aktionen möglich macht, von denen die Europäer nicht einmal träumen können. Die aktuelle EU hat eine große Vision und viel Freiheit, aber umfasst eine solche Vielfalt und nationale Baustellen, die ein einheitliches Auftreten bislang mehr lähmt als befördert. Doch, was immer hinter uns liegt, letztlich zählt nur, was morgen sein wird.

Vom IST wohin? Welche VISION ermöglicht eine bessere Zukunft für uns alle?

Vom IST wohin? Welche VISION ermöglicht eine bessere Zukunft für uns alle?

4. Eine Zukunft für alle kann nur attraktiv sein, wenn jeder sich darin wiederfinden kann und keiner dadurch einen Nachteil hat. Solange eine Partei sich von anderen bedroht fühlt, missverstanden, hintergangen, wird es solch eine gemeinsame Zukunft nicht geben.

5. Eine Zukunft kann es also nur geben, wenn beispielsweise die Regierung der USA, der EU (noch gibt es keine wirkliche Regierung der EU…), und von Russland sich an einen Tisch setzen und darüber sprechen würden, was sie alle zusammen tun müssten, um den Zustand der drei Regionen zu ‚optimieren‘, und zwar so zu optimieren, dass es allen maximal gut geht: allen Bürgern, den Firmen und Institutionen, usw.

6. Würde man so vorgehen, hätten alle nur Vorteile: man könnte den materiellen Wohlstand gegenüber dem aktuellen Zustand um ein Mehrfaches steigern, man könnte gemeinsam Aufgaben in Angriff nehmen, für die man alleine derzeit zu schwach ist, man könnte die Sicherheitsanstrengungen (mindestens auf Seiten der USA) dramatisch verringern, da man gemeinsame Sache machen würde, usw.

7. Neben vielen Dingen, die man bislang lieb gewonnen hat, wäre es vor allem eines, was man grundlegend ändern müsste: man müsste begreifen, dass die Zukunft des Lebens nicht auf einer historisch zufällig gewachsenen ‚Nation‘ gründet, sondern auf der neuen kooperativen Gemeinschaft von Regionen, die es schaffen, ihre Vielfalt konstruktiv gemeinsam zu nutzen. Schon heute kann man bei internationalen Veranstaltungen (insbesondere mit jungen Menschen) erleben, dass es eigentlich kein Problem sein muss, dass 100 Nationen miteinander leben und arbeiten, sofern man sich nicht künstlich ‚verteufelt‘.

8. Ferner, und das ist vielleicht das Hauptproblem, müssten die aktuellen Machteliten in den USA, den EU und in Russland über sich selbst hinauswachsen, indem sie sich aktiv vorstellen, wie man eine neue intensive Kooperation so leben kann, dass keiner den anderen als Konkurrenten sieht, sondern als Partner.

9. Klar, dies alles ist aktuell eine (stark vereinfachte) ‚Vision‘. Aber aus der allgemeinen Lerntheorie ergibt sich, dass ‚Lernen‘ nur möglich ist, wenn man sein aktuelles Wissen immer wieder bewusst und willentlich ‚ausdehnt‘, indem man Dinge untersucht und tut, die man zuvor nicht getan hat.

10. Die menschliche Psyche hat eine starke Tendenz, sich ‚abzusichern‘, zu kontrollieren und zu beherrschen. Dies begünstigt, am ‚Status Quo‘ fest zu halten, das ‚Bekannte‘ zu bewahren, und zwar umso mehr, umso mehr man zu verlieren hat. D.h. je mehr Geld jemand hat und umso mehr Macht jemand aktuell hat um so weniger wird er bereit sein, Dinge zu verändern, es sei denn, er verspricht sich dadurch eine Vergrößerung seines eigenen Vorteils.

11. Hier geht es aber um die Zukunft ganzer Nationen, großer Regionen, um Teile der Menschheit, die ihre Aufgabe auf dieser Erde noch in keiner Weise ‚im Griff‘ hat. Die Zufriedenheit der wirtschaftlich Mächtigen und der politischen Klasse ist normalerweise nicht identisch mit dem Wohl der ganzen Nation oder ganzer Regionen.

12. Blickt man in die Geschichte zurück, dann ist dies einerseits nicht ermutigend, da man da sehen kann, dass Weltbilder und politische Machtsystem sich selten von sich aus gewandelt haben. Erst massive klimatische, geologische, technologische oder ethnische Umbrüche, die Städte, Regionen, ganze Länder verwüstet haben, eröffneten immer wieder die Chance für einen Neubeginn; dazu zahllose grausame Kriege. Europa brauchte einen 1. und 2. Weltkrieg, bis es zumindest in Ansätzen die tiefsitzenden Nationalismen überwand und eine neue gemeinsame Vision entwickeln konnte, kämpft aber weiterhin mit den alten Übeln von Gruppenegoismen und Korruption. Die USA sind Opfer ihrer eigenen Stärke geworden und haben durch viele Kriege, durch Imperialismus, durch unkontrollierte Machtideologien jegliche ethische und visionäre Kraft verloren. Russland torkelte von einem absolutistischen System in das nächste, verstand Größe immer nur durch Eroberung und Herrschaft und befindet sich zur Zeit in einem experimentellen Zustand, von dem man schwer sagen kann, was als Nächstes kommt. Die wechselseitige Wahrnehmung der USA durch Russland und umgekehrt erscheint durch unreflektierte Machtinteressen und künstliche Ideologien so verzerrt, dass beide Regionen sich schwer tun, das gemeinsame Potential einer gemeinsamen Zukunft aktuell realistisch erkennen zu können.

13. Und doch, wenn wir die Zukunft menschlich meistern wollen, gibt es keinen anderen Weg, als den, die wechselseitigen Schuldzuweisungen, Verdächtigungen und Ängste zu überwinden und zu einem real konstruktiven Miteinander zu kommen.

14. Und es gibt nur einen einzigen Weg, die wechselseitigen Blockaden nachhaltig zu überwinden: kontinuierliche Aufklärung, kontinuierliches Miteinander in Lehre, Forschung und Wirtschaft, kontinuierlich vertrauensbildende Maßnahmen.

15. Allerdings, wie man bei der Geschichte der Entstehung der Demokratien und der EU sehen kann, es braucht auch eine greifbare, gemeinsame geteilte ‚Vision‘ eines gemeinsamen Lebens, in der die nationalen Interessen ‚aufgehoben‘ sind, nicht ausgelöscht, sondern integriert, respektiert, aber im Größeren Ganzen eingeordnet. Das erfordert Menschen mit der entsprechenden Weitsicht, mit der entsprechenden persönlichen Integrität, dazu Politiker, die solches Denken und Leben können. Niemand könnte einen Obama, eine EU-Regierung, einen Putin darin hindern, dies zu leben, wenn sie es wollten. Das Geheimnis ist immer, was will eine Person, wann, warum. Was hindert sie und was unterstützt sie?

16. Aktuell machen sich alle das Leben gegenseitig eher schwerer. Es ist wie ein dunkler Zauber, der über allem liegt, der die Augen, die Hirne und die Hände lähmt. Was hindert uns alle, das Bessere zu tun? Das zu verstehen heißt auch, ein Teil des Geheimnisses des Lebens überhaupt zu verstehen.

17. Und natürlich, das, was hier am Beispiel der drei Regionen USA, EU und Russland gesagt wird, gilt natürlich letztlich für alle Regionen dieser Erde; letztendlich müssen wir zu einem Miteinander finden, in dem wir uns wechselseitig ‚gut tun‘; dann hätten alle den größten Gewinn. Erst wenn die Menschheit gelernt haben wird, ihre veralteten psychischen Strukturen so zu überwinden, dass weltweite wechselseitig ‚gut tuende‘ Superstrukturen möglich geworden sind, erst dann wird sich die Menschheit der eigentlichen Aufgabe zuwenden können die sie lösen muss, nämlich wie wir das Leben dieser Erde über den kommenden Wärmetod hinaus in diesem Kosmos bewahren können. Noch haben wir ein bischen Zeit … 🙂
18. In hundert Jahren wird sich niemand dafür interessieren, warum wir heute das transnationale Miteinander durch lebensuntaugliche Ideologien und Ängste vermasselt haben, sondern nur, wann, wer, wie es geschafft hat, aus diesem unproduktiven Spiel auszubrechen, indem bessere Vision von gemeinsamem Leben Wirklichkeit wurden. Niemand kann uns verbieten, es besser zu machen, nur wir selbst.

CONSTRUCIVE RADICALLY UNPLUGGED (CRU) MUSIC

Musik vom 21-22.Maerz 2014. Weiteres Experimente mit Rhytmusfiguren, elektronischen Effekten (Teil eines größeren Experimentes)

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BAUSTEINE DER ‚UNLOGIK‘ VON GESCHICHTE: Philosophie und Politik, Einzelner und Geschichte, Das Beharrliche an Ungerechtigkeit

DENKEN, KÖRPER, WELT, POLITIK

1. Seit dem letzten Sommer schreibe ich in diesem Blog immer wieder und immer mehr über ‚politische‘ Themen, obgleich ich dies weder geplant hatte noch eigentlich will; die Tagesereignisse wirken jedoch auf das philosophierende Denken wie eine Art ‚Störfeuer‘; ich möchte Strukturen unseres Denkens, unseres Wissens, unseres Handelns weiter klären, aber dann rasen Meldungen durch die Medien von Ereignissen, die Auswirkungen auf viele haben, von Menschen, die Entscheidungen fällen, die ganze Nationen elementar betreffen, und dann ist irgendwie klar, dass das individuelle Denken und der reale Gang der Geschichte nun mal irgendwie zusammenhängen. Das individuelle Denken findet in einer realen Matrix von Gegebenheiten, Handlungen anderer statt, von denen man zwar im Denken bis zu einem gewissen Grad ‚abstrahieren‘ kann, aber trotz denkerischer Abstraktion bestehen diese realen Zusammenhänge. Auch wenn ich im ‚Denkraum‘ abtauche bleibt mein Körper ein realer Moment in realen Prozessen, verlangt er nach Nahrung, hat einen amtlich registrierten Namen, bin ich eine Nummer in einer Verwaltungsmaschinerie, unterliege ich den Spielregeln der aktuell jetzt und hier geltenden Gesetze. Im Denken kann ich ‚anders‘ sein als der Moment, als der Augenblick, als es die realen Situationen vorsehen und erlauben, aber das Denken als Denken verändert nicht notwendigerweise die Realität. Ich kann über Grundprinzipien der Demokratie ’nachdenken‘ und zugleich mit meinem Körper in einer Situation leben, in der Demokratie abgebaut wird, und ich dadurch zu diesem Abbau dadurch mit beitrage, dass mein Körper ’nichts tut‘, was diesen Prozess stoppt.

2. In dem Maße, wie ich meine, das Zusammenspiel von Realität und Denken besser zu verstehen, in dem Maße verliert die Realität ihre ‚Unschuld‘. In dem Maße wie man zu verstehen meint, wie die Prozesse des Alltags nicht ’naturgegeben‘ sind, nicht ‚unabwendbar‘, sondern auch von uns Menschen, von jedem einzelnen von uns, ‚erzeugt‘, in dem Masse wird Denken ‚über‘ diese Realität mehr und mehr zu einem Denken ‚der Realität‘, in der jedes Wort, jede Geste, jedes Handeln ‚bedeutsam‘ wird: wenn ich ’schweige‘ dann ‚rede‘ ich in der Form der Zustimmung; wenn ich rede, dann dann rede ich in Form der realen Interaktion. Dann tritt mein Denken in einem scheinbar ’schwachen‘ aber dennoch ‚realen‘ Dialog mit der Welt, in der mein Körper vorkommt. Es ist aktuell die Welt des Jahres 2014 (andere Kalender haben andere Zahlen).

3. Ich beginne für mich zu realisieren, dass die Zeit des ‚politikfreien‘ Denkens möglicherweise vorbei ist. Ich stelle fest, dass ich nicht mehr so abstrahieren kann wie früher. Ich stelle fest, dass das Denken der großen Entwicklungslinien des Lebens auf der Erde und das Alltagsgeschehen immer mehr verschmilzt. Der atemberaubende kosmologische Prozess dieser unserer Erde als Teil von Sonnensystem, Milchstraße usw. bricht sich in den scheinbar ‚geschichtslosen‘ Aktionen von Milliarden menschlicher Individuen jeden Tag neu, und je mehr man das Wunder des Lebens zu erkennen meint, umso unfassbarer wird die Perspektiv- und Verantwortungslosigkeit, die unser ‚Alltagshandel‘ zu haben scheint.

IMPLIZITES WISSEN UND EXPLIZITES HANDELN

4. Ich sage bewusst ’scheint‘, da nach aktuellem Kenntnisstand fast alles, was die Lebenssituation auf der Erde betrifft und die Strukturen des biologischen Lebens, stattgefunden hat und stattfindet ohne unser Zutun. Allerdings hat die Existenz der menschlichen Lebensform auf dieser Erde seit ein paar Millionen Jahren die Erde im Handlungsbereich eben von uns Menschen zunehmend verändert. Diese Änderungen sind mittlerweile so stark, dass wir drauf und dran sind, wichtige Teilprozesse des Gesamtprozesses so zu stören, dass der Gesamtprozess damit nachhaltig gestört wird.

5. Dennoch, obwohl das beobachtbare Verhalten von uns Menschen große Einwirkungen auf die eigene Lebensumwelt erkennen lässt, und es Menschen, Gruppierungen, größere Organisationen und Firmen gibt, deren Verhalten ‚planvoll‘ wirkt, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass das ‚Planvolle‘ an dem Geschehen letztlich überwiegend wenig reflektiert ist und von individuellen Motiven einzelner angetrieben wird, die in der individuellen Psyche und deren individueller Geschichte wurzeln, und denen jeder Bezug zu einem größeren Ganzen abgeht. Dass ‚kleinwüchsige Männer‘ einen überhöhten Geltungsdrang haben, der viele Völker in einen Strudel von Kriegen und Zerstörung getrieben haben, ist nicht nur ein Klischee, sondern historische Realität. Dass persönliche Eitelkeiten und individuelles Machtstreben gepaart mit allerlei anderen individuellen Bedürfnissen Ländereien, Fabriken, ganze Völker ruiniert haben, ist auch real. Kurzum, das psychologische Format des einzelnen Menschen erscheint immer mehr als unzureichend für die Herausforderungen einer komplexen Massengesellschaft. Während die komplexen Prozesse einer Stadt, einer Region weitreichende vernetzte und rückgekoppelte Denkprozesse verlangen, die von Menschen ausgeführt und unterstützt werden, die in ihrem Denken und Fühlen dazu fähig sind, ist die normale psychologische Ausstattung eines einzelnen Menschen dafür im Normalfall gar nicht ausgelegt.

WENDEPUNKT DER EVOLUTION?

6. Immerhin, der Mensch, zumindest der homo sapiens sapiens, hat ca. 100.000 Jahre mit seiner psychologischen Ausstattung Erstaunliches bewegt und geleistet. Nun aber scheint homo sapiens sapiens sowohl mit seinem psychologischen Format wie auch mit seinen kognitiven Fähigkeiten wie ein Insekt um ein tödliches Licht zu kreisen, das im Fall des homo sapiens sapiens die in jedem Individuum eingebauten zeitlich eng begrenzten Bedürfnisse und Motive sind, die ihn wie ein unsichtbarer Magnet in ihrem Bann halten und letztlich im Alltag bestimmen. Die verschiedenen Religionen (alle, ohne Ausnahme!) haben bislang wenig dazu beigetragen, das Bild des Menschen real so aufzuhellen, dass wir diesem in unseren Genen eingeschriebenem Programm des ‚Handelns auf Kurzsicht, Nahbereich, triebhafter Elementarsteuerung‘ usw. irgendwie entkommen könnten. Letztlich haben sie es mit blumigen Worten und allerlei zufälligem Regelwerk festgeschrieben, den Status Quo zum Selbstzweck erklärt. Am allerschlimmsten, sie haben die ‚Erde‘ und den ‚Himmel‘ geteilt. Das ist die schlimmste Form des Atheismus, die es geben kann.

7. Historisch befindet sich der homo sapiens sapiens an dem bislang ‚höchsten Punkt‘ seiner Entwicklung. Zugleich ist dies eine Art ‚Scheitelpunkt‘ an dem ein nachhaltiger ‚Systemumbau‘ notwendig ist, soll das bislang Erreichte nicht im Desaster enden. Einerseits scheint es, als ob wir genügend Wissen ansammeln konnten, andererseits stecken wir alle in einer ‚unsichtbaren‘ psychologischen ‚Programmhülle‘, die die Gene in unserem Körper und Gehirn angelegt haben, die jeden einzelnen in seinem Bann hält und wie von einer unsichtbaren Macht gezogen täglich zu Gefühlen und Handlungen anregt, die sowohl individuell wie gemeinschaftlich eher ‚destruktiv‘ wirken als ‚konstruktiv‘.

8. Solange der gesellschaftliche Diskurs diese Problematik nicht offen und kompetent adressiert, solange werden wir das bisherige Programm unserer Gene weiter ausführen und damit unsere individuelle wie gemeinschaftliche Zukunft möglicherweise zerstören; nicht, weil wir dies explizit wollen, sondern weil wir implizit, ’nichtbewusst‘, Dinge tun, die unser genetisches Programm uns beständig ‚einflüstert‘, weil sich dieses Programm vor langer Zeit mal bewährt hatte. Moralisieren und die verschiedenen, aus dem Nichtwissen geborenen Religionen, helfen hier nicht weiter. Die Wissenschaft könnte helfen; alle bekannten Gesellschaftssysteme forcieren aber – wenn überhaupt – eine Wissenschaft, die auf kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg programmiert ist, und sich in den fachlichen Details verliert und gerade nicht ein solches Wissen, das Disziplinen übergreifend nach Zusammenhängen sucht und das alltägliche Fühlen und Denken in seiner Gesamtheit im Zusammenhang sieht mit dem zugrunde liegenden genetischen Programm.

WEN FRAGEN ERWACHSENE?

9. Kinder können die Erwachsenen fragen, was sie tun sollen, und sie fragen auch. Wen können die Erwachsenen fragen? Und wenn wir alle gleich wenig wissen, wen fragen wir dann zuerst?
10. Alle Antworten sind im Prinzip schon da. Ich bin auch überzeugt, dass wir die Antworten irgendwann finden werden. Wann? Bei einem historischen Prozess von ca. 13.8 Mrd Jahren kommt es nicht auf ein paar tausend ode ein paar zehntausend oder auch mehr Jahre an. Solange wir als einzelne nicht begreifen (und fühlen), dass wir grundsätzlich Teil dieses größeren Ganzen sind, solange können diese Gedanken ’schrecklich‘ wirken.

SELBSTBEHARRUNG DER UNGERECHTIGKEIT

11. Zum letzten Teil der Überschrift: wenn man sich lange genug die vielen ‚Ungerechtigkeiten‘ in unserer Welt anschaut, so beruhen sie ja allesamt auf dem Schema, dass einige wenige sich ‚Vorteile’/ ‚Privilegien‘ auf Kosten einer Mehrheit herausnehmen. Die Begründungen für diese Privilegien variieren im Laufe der Geschichte (auch dafür musste oft Gott herhalten: ‚göttliche Abstammung‘, ‚gottgewollt‘ …). Letztlich sind alle diese Begründungen nicht viel wert. Wenn das Leben als Ganzen der oberste Wert ist und alle Teile grundsätzlich ‚gleichberechtigt‘, dann können nur solche Lösungen zählen, in denen für die Gesamtheit ein Optimum angestrebt wird. Die Tendenz individuell oder gruppenmäßig Privilegien anzuhäufen, huldigt der Überlebenslogik, dass nur die ‚eigene Gruppe‘ überleben kann und soll und dass alle ‚anderen‘ Feinde sind. Dies ist die implizit kurzsichtige Logik der Gene. Für komplexe Gesellschaften als Teil komplexer Abläufe ist dies, wie sich allenthalben zeigt, kontraproduktiv oder sogar tödlich. Allerdings scheint es so zu sein, dass privilegierte Gruppen von sich aus fast nie ‚freiwillig‘ auf ihre Privilegien verzichten. Änderungen kamen daher immer entweder dadurch, dass die Privilegienbesitzer sich selbst zugrunde gewirtschaftet haben oder weil Unzufriedene sich dieses Schauspiel nicht mehr länger ansehen wollten und versucht haben, sich ihre angestammten Rechte notfalls mit Gewalt zurück zu holen. Revolutionen, Kriege, Terrorismus sind daher immer auch Indikatoren für Ungleichgewichte. Nach erfolgreichen Aufständen wurden dann die ‚Aufrührer‘ selbst zu ‚Privilegierten‘, usw.

RUM-Music

Musik vom 13.Maerz 2014, kann man hören muss man nicht. Eines von vielen experimentellen Stücken.

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

DEMOKRATIE IM ABHÖRTEST (2) – Imperialismus, Tarnkappenpolitik, Aufrüstung, oder nicht ?

1) in einem vorausgehenden Beitrag DEMOKRATIE IM ABHÖRTEST – Nationale Sicherheit, Tarnkappenpolitik, Transhumanismus, und so… hatte ich auf der Basis von mehr als 90 Artikeln am 28.Dez.2013 eine kleine Zusammenschau gewagt im Umfeld Abhören durch die NSA, Reaktionen der Politik und Einschätzung der politischen Situation in der USA. Ich kann nicht sehen, dass sich seitdem irgend etwas Nennenswertes geändert hat.
2) In einem neueren Beitrag von Contanze Kurz mit dem Titel „Vom Mythos der Selbstreinigung“ (FAZ 10.Jan.2014, S.32) versucht sie zwar anhand des historisch berühmten Beispiels von Geheimdienstmissbrauch in der Vergangenheit zu verdeutlichen, dass die Geheimdienste von sich aus sich nicht reformieren werden, aber wer hört ihre Stimme? In Deutschland ist die neue Regierungsmannschaft weitgehend mit sich selbst beschäftigt und in den USA kann man in der offiziellen Politik keine Kräfte erkennen, die sich für das Thema verantwortlich fühlen. Wie Andrea Peterson am 27.Dezember 2013 in der Washington Post zu berichten weiß, hat jetzt ein anderer Richter das Abhören doch wieder für legal erklärt, nachdem zuvor ein Richter dies in Frage gestellt hatte (siehe vorausgehenden Beitrag); dazu erscheinen die Fronten zwischen Demokraten und Republikaner so verhärtet, dass aktuell nicht zu erkennen ist, dass hier noch irgendein sinnvoller politischer Dialog stattfinden kann. Das politische System in den USA erscheint ‚paralysiert‘.
3) Ein aus der Kontrolle geratenes System von Geheimdiensten, die keinerlei Beschränkungen mehr unterliegen und jeden potentiellen politischen Gegner quasi nach Belieben ’neutralisieren‘ können hat in einer solchen Situation nichts zu befürchten.
4) Vor diesem dunklen Bild einer außer Kontrolle geratenen Regierung gibt es in den USA aber zahlreiche beeindruckende Initiativen, Bewegungen. Eine davon ist die Amerikanische Bürgerrechtsvereinigung (American Civil Liberties Union, ACLU), die auf vielfältige Weise und engagiert die Rechte der Bürger gegen die Regierung vertritt (u.a. führt sie offiziell einen Prozess gegen die US-amerikanische Regierung wegen der Abhörtätigkeiten der NSA (siehe unten). Unter anderem hat die UCLA auch die Überlegungen der präsidialen Arbeitsgruppe zur Reform der Geheimdienste kommentiert und konkrete Vorschläge unterbreitet, was bei dieser Reform zu beachten wäre. Sehr bemerkenswert finde ich den Punkt 4. Hier wird ganz klar gesagt (eine Position, die ich hier im Blog auch vertrete), dass die Frage des Abhörens ein grundsätzliches Menschenrecht berührt, das auch jenseits der politischen Grenzen der USA gilt und das dementsprechend auch von einer Behörde eines demokratischen Staates zu respektieren ist. Diese Position der UCLA markiert die Wurzel für die Idee einer nicht nur nationalen, sondern internationalen Bürgerrechtsbewegung, da die Menschenrechte nun mal ihrer Natur nach allen Menschen zukommen. So wenig wie in den USA die Abspaltung der ‚farbigen‘ Bevölkerung von den ‚weißen‘ vor diesem Denken Bestand haben konnte (es brauchte allerdings einen blutigen Bürgerkrieg und einen gewaltsam getöteten Martin Luther King), so wenig kann eine Beschränkung der Bürgerrechte auf nur ein Land bestand haben.
5) Jedes Land auf unserem Planeten Erde kann zu diesem Thema eine lange, und leider meist sehr blutige, Geschichte erzählen. Letztlich laufen die Fäden zusammen bei uns selbst, uns Menschen, in der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, wie wir lernen oder nicht lernen, wie wir unser Leben organisieren, was wir glauben und nicht glauben, zulassen oder verhindern.
6) Angeregt durch das Buch von Tom Engelhardt, The World According To TomDispatch habe ich begonnen, von Jonathan Schell ‚The Unconquerable World. Power, Nonviolence, And the Will of The People‘ zu lesen. Im Kapitel 1 beschreibt er den Aufstieg der Verteidigungssysteme weltweit. Als theoretischen Bezugspunkt für seine Überlegungen benutzt er vornehmlich die Anschauungen von Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (1780–1831) , wie er sie in seinem unvollendeten Hauptwerk Vom Kriege niedergelegt hat.
7) Danach gibt es eine implizite Logik für die Ausgestaltung des militärischen Apparates, die darin gründet, dass militärische Macht als ein Mittel der Politik dazu dienen soll, entweder dem anderen den eigenen Willen auf zu zwingen oder zumindest einen anderen daran hindern zu können, dies umgekehrt zu tun. Jede Gruppierung, die durch eigenes Aufrüsten gepaart mit der Absicht, die eigene militärische Macht auch einzusetzen, bildet für jede andere Gruppierung per se eine potentielle Bedrohung, die nur ’neutralisiert‘ werden kann, wenn man das ‚Gleichgewicht‘ der Kräfte herstellt. Wer ’nicht dagegen‘ hält, stellt eine ‚Einladung‘ für den potentiellen Aggressor dar. Erst mit der Verfügbarkeit der Kernwaffen (und biologisch-chemischen Waffen) erreichte das Aufrüsten einen Punkt, wo ein potentieller Aggressor im Falle eines Krieges seine eigene Existenz riskieren würde. Anstatt dass dann ein ‚Zeitalter des Friedens ausbrach, beobachten wir weltweit eine Fülle von ‚lokalen‘ Kriegen mit ‚konventionellen‘ Waffen, die in ihrer Summe nichtsdestoweniger verheerend sind.
8) Am Ende des ersten Kapitels kann man den Eindruck haben, als ob der Prozess des beständigen Hochrüstens und Krieg Führens etwas ‚Unausweichliches‘ ist, unaufhaltsam. Hier muss man aber einhaken und fragen, ob dies nicht ein gehöriger Schuss ‚Ideologie‘ ist? Denn letztlich ist jegliche Militärtechnologie ein ‚Werkzeug‘, das von Menschen, von uns, genutzt wird. Es sind unsere Entscheidungen, ob und wie wir sie nutzen. Niemand zwingt uns unabwendbar, andere Menschen anzugreifen, Gefangen zu nehmen, zu töten. Letztlich bleibt es unsere Entscheidung. Wenn diese Entscheidung trotz aller Schrecklichkeit dennoch immer wieder und so häufig getroffen wird, dann sollten wir nicht über Kriegstechnologie und immer bessere Waffen diskutieren, sondern darüber, wer WIR Menschen denn eigentlich sind. Warum neigen wir zu diesen Gewaltausbrüchen? Warum sind wir so oft bis zum Rand mit Misstrauen angefüllt? Warum erklären wir so schnell andere zu ‚Feinden‘? usw.
9) Im Prinzip kennen wir die Antworten schon, zumindest zu großen Teilen. Eine mögliche Zukunft der Menschheit wird nicht nur eine verbesserte, leistungsfähigere Technologie brauchen. Wir brauchen dringend auch eine ‚Verbesserung‘ von ‚uns selbst‘. Und die Tatsache, dass seit den Anfängen des Judentums, des Christentums und des Islams diese Religionen auch dauerhaft mit Hass, Verfolgungen, Kriegen, Machtmissbrauch und Unwissenheit vielerlei Arten gepaart waren (nicht nur, aber zu großen Teilen) sollte uns eine Warnung sein, dass diese Art von Religion möglicherweise noch nicht die Religion ist, die wir brauchen, um diese tiefgreifenden Unmenschlichkeiten nachhaltig zu überwinden. Eine Religion, die auch nur ansatzweise zulässt, das andere Menschen verachtet, verfolgt, unterdrückt, getötet werden, ist keine Religion für eine bessere Zukunft. Für solch eine bessere Zukunft sind wir aber berufen; nur dazu sind wir da. Die Bosheit anderer kann niemals eine Ausrede sein, selbst das Gute nicht zu tun.

PS: Zur Metaphysik von Avicenna (Ibn Sina) werde ich demnächst etwas schreiben.

Einen Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.

QUELLENNACHWEIS (unvollständig)

ACLU (American Civil Liberties Union), The Nine Things You Should Know About the NSA Recommendations From the President’s Review Group, 20.Dez.2013, online:https://www.aclu.org/print/blog/national-security-technology-and-liberty/10-things-you-should-know-about-nsa-recommendations

ACLU (American Civil Liberties Union) vs. Clapper – challenge to NSA Mass Call-Tracking Program, online: https://www.aclu.org/national-security/aclu-v-clapper-challenge-nsa-mass-phone-call-tracking

AFP, Ermittlungen gegen 37.000 Funktionäre in China, FAZ 6.Jan.2014, S.20

Markus Bickel, Auf Unterdrückungskurs (Innenpolitik Bahrein, Sunniten – Schiiten), FAZ 30.Dez.S.6

Timm Beichelt, Von steinen und Glashäusern (Was die EU tun kann, wenn in Mitgliedsstaaten die demokratie in Gefahr erscheint), FAZ 30.Dez.2013, S.7

Ann-Dorit Boy, Revolution und Routine. Seit mehr als 6 Monaten gibt es in Bulgarien täglich Proteste…, FAZ 6.Jan.2014, S.3

Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Berlin: Dümmlers Verlag, 1832, online: http://www.clausewitz.com/readings/VomKriege1832/

Andrea Diener, Abhören auf Chinesisch, FAZ 30.Dez.2013, S.27

dpa/Reuters (ursprünglich ‚Spiegel‘), NSA zapft Datenkabel an, FAZ 30.Dez.S.6

Rainer Hermann, Erfolgspartei mit Grauschleier. Der türkische Ministerpräsident Erdogan und seine AKP haben den Zenit überschritten, FAZ 2.Jan.2014, S.3

Max Horten, Die Metaphysik Avicennas Enthaltend Die Metaphysik, Theologie, Kosmologie Und Ethik. Halle a.S. + New York: Verlag Rudolf Haupt, 1907

Contanze Kurz, Vom Mythos der Selbstreinigung, FAZ 10.Jan.2014, S.32

Robert von Lucius, Todeszone Naher Osten. Die Morde an Journalisten nehmen weltweit zu, FAZ 2.Jan.2014, S.27

Michael Martens, Die letzte Wacht (Zum Machtkampf in der Türkei), FAZ 30.Dez.2013, S.3

Andrea Peterson, The NSA seems to really enjoy exploiting high profile tech companies, WP, 30.Dez.2013, online: http://www.washingtonpost.com/blogs/the-switch/wp/2013/12/30/the-nsa-seems-to-really-enjoy-exploiting-high-profile-tech-companies//?print=1

Andrea Peterson, NSA phone records spying is constituional, judge says. WP, 27.Dez.2013, online: http://www.washingtonpost.com/blogs/the-switch/wp/2013/12/27/nsa-phone-records-spying-is-constitutional-judge-says//?print=1

Michael Reinsch, Die werte des Sports (Diskriminierungen im europäischen Profifußball), FAZ 7.Januar 2014, S.24

Jonathan Schell, The Unconquerable World. Power, Nonviolence, And the Will of The People. New York: Henry Holt and Company, 2003

Michaela Wiegel, Macht und Machenschaften (Senat verhindert Prozess wegen Bestechung gegen Serge Dassault), FAZ 10.Jan.2014, S.32