Magie der Worte – Kein Fake. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 26.April 2019
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

In diesem Fall ist es die letzte der vielen spontanen Produktionen aus meinem seit Jahren andauerndem RUM- Experiment (radically unplugged music), die als Anlass für einen Eintrag dient. Das Experiment ereignete sich gestern Abend. Im Nachhinein, heute Morgen, trafen sich die Wirkungen mit vielen grundlegenden Überlegungen der letzten Zeit zu der Art und Weise, wie unterschiedliche Menschen ihr Wissen, ihre Erfahrungen, aus dem Dunkel ihres Unbewussten hervor holen können, um sich in gemeinsamen Resonanzereignissen wechselseitig anregen — stimulieren — zu können, im Rauschen der Worte das scheinbar Unsagbare doch irgendwie zu sagen. Was als merkwürdiges Geplapper anfangen kann, als Stammeln von Worten, als lyrische Wortfetzen, als poetisch reguliertes ‚Irgendwie‘, als Strom von Klängen mit innewohnenden Worten, das kann sehr wohl in noch mehr regulierte Wortstrukturen übergehen, in Texte, die mehr Konkretheit, mehr Klarheit an sich tragen, die im engeren Sinne wahrheitsfähig erscheinen und als solche dann auch funktionieren. Die sich so entbergende Wahrheiten werden dann zu jenen Kletterhaken unseres Geistes, an denen wir steile Wände erklimmen können, die ansonsten nur ferne, eher ungewiss zu erahnen sind.

THE FLYING DANCER – Soundereignis

Wie gesagt, ich führe seit Jahren ein Experiment durch, das sich Radically Unplugged Music (RUM) nennt. Es geht darum, welche Klänge, Sounds, Musikstücke entstehen, wenn man selbst weder richtig ein Instrument spielen kann, noch singen, noch Zeit hat, zu üben, keine Noten benutzt, keine fertigen Texte, sondern sich einfach nur hinsetzt, die Aufnahmegeräte einschaltet, und dann anfängt zu spielen bzw. zu sprechen… und dies mehrfach in dem Sinne, dass z.B. im Stück genannt The Flying Dancer erst Schlagzeug gespielt wird, dann ein Elektro-Bass, dann ein Elektro-Klavier, und schließlich dazu gesprochen wird.

Die Stimme beginnt mit einer Entschuldigung, weil der Sprecher gerade die Distanz zum Hörer unterbricht, möglicherweise störend, weil er bei seiner Betrachtung der Welt, von seinem speziellen Standpunkt aus, etwas wahrnimmt, das er mitteilen möchte.

Die Stimme spricht vom Staub der Zeit, vielleicht meint er auch so etwas wie Nebel, worin er die Schatten von Lichtern zu erkennen meint, die das Auge durchdringen. Und in diesen Schatten von Lichtern im Staub der Zeit scheint er viele wahrzunehmen, die gehört werden wollen, und es stellt sich die Frage, ob das, was da zu Gehör kommen soll, wichtig ist? Hilfreich? Und in all dem sieht er dann den fliegenden Tänzer, zwischen allem, mit sich ändernden Farben, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, auf- und absteigend im Gewoge der Ereignisse; wie auf einer Welle reitend. Die Stimme wiederholt diese bisherigen Eindrücke, und bemerkt dann zum fliegenden Tänzer noch, dass dieser schaue als ob er etwas weiß von hinter den Oberflächen der Dinge, die sich zeigen, und er schaut Dich an… und der Klang schwebt dahin, entschwebt, als ob nichts war.

LYRIK – POESIE – MAGIE DER WORTE …

In der Hetze des Alltags, können solche Worte leicht überhört werden, selbst, wenn Sie in Klänge eingehüllt daher kommen. Wir hören — und sehen — heute so Vieles, dass das Erklingen von Etwas weit weniger Aufmerksamkeit erzeugt als das Nicht-Erklingen, das Schweigen, die Stille. In der Stille, in der vermeintlichen, oft beschworenen, ist es dann aber real, tatsächlich, gar nicht still … es ist anders. Wir nehmen anders wahr, Anderes, was sonst im Getöse des Alltags schlicht untergeht, weil die anderen, lauteren Klänge die leisen übertönen, kaschieren, oder maskieren, wie die Tontechniker sagen.

Und einzelne Klänge, Töne, einzelne Worte entfalten plötzlich eine eigene Resonanz mit unserem Inneren… und wie von Zauberhand steigen Bilder, Erlebnisse, andere Töne und andere Worte aus dem Dunkel des Unbewussten auf, wie von Geisterhand, und beginnen die scheinbare Stille zu füllen mit ihrem eigenen Geschmack, ihrem eigenen Anfühlen, und diese aufsteigenden Ereignisse rufen weitere, andere wach, und so entsteht ein bunter Strom an Farben, Gestalten, Tönen, Gerüchen, Geschmäckern, Worten, aus dem scheinbaren Nichts des Unbewussten, das sich als gar nicht so unbestimmt, leer erweist, als das es im ersten Moment erscheinen mag.

Fokussieren wir uns in diesen aufsteigenden Gestalten auf die Worte, Wortfetzen, Satzfragmenten, dann haben diese eine eigentümliche Zwitterstellung: ja, es sind Fragmente, herausgerissen aus etwas möglichem Größeren, lassen — noch unbewusst, unsichtbar — ein schwer Bestimmbares und doch irgend ein angefühltes Anderes in einem anklingen, das aus diesen Wortfetzen gefühlt mehr macht als sie als Worte darstellen. Dies kann die Wurzel, der Ur-Grund von Lyrik sein, von Poesie, wenngleich der eine oder die andere möglicherweise Worte wie Lyrik und Poesie noch mit weiteren Eigenschaften aufladen möchte, z.B. mit noch mehr Eigenschaften des rein Sprachlichen.

Ich bevorzuge bei solchen sprachlichen Ereignissen im Kontext von Lyrik, Poesie und RUM die Fokussierung auf den Charakter der Gratwanderung, des Ambivalenten, des Fragmentarischen, das davon lebt, dass Worte jeglicher Art diese besonderen Boten des Zwischen sind, zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, die möglichen Brücken zwischen bloßem Schall und möglicher Bedeutung. Es ist genau diese Mittlerrolle die unseren Worten eine Magie verleihen, weil sie quasi aus dem Nichts, aus der völligen Bedeutungslosigkeit, auferstehen können mit einer möglichen Botschaft zunächst zwischen dem eigenen Unbewussten und dem eigenen Bewusstsein, dann aber auch, vielleicht, im glücklichen Fall, zwischen verschiedenen Gehirnen, die in verschiedenen Körpern wohnen und sich nur über die Magie der Worte miteinander koordinieren können (ein Thema, das in diesem Blog schon mehrfach behandelt wurde, und das beliebig komplex gedacht werden kann).

MYSTIK

Im Kontext von Lyrik und Poesie muss man die Mystik nicht erwähnen. Mystik lebt primär nicht vom Wort, von Wortfragmenten, Sätzen. Mystik nährt sich vom Ereignis, das aus den Weiten des Unbewussten, des nicht direkt Wahrnehmbaren, auf uns zukommt, uns packt, uns auf vielerlei Weise berührt, anrührt, bewegt, erfüllt, aufregt, bewegt, erleuchtet, … das Vielerlei der Worte, das Menschen (Mystiker) bemühen, um das irgendwie Unsagbare doch irgendwie zu sagen, deutet an, lässt anklingen, dass wir es hier mit Urereignissen des Erlebens zu tun haben, für die Worte zu finden, die diesem Urerleben gerecht werden und sich dann irgendwie mit anderen bekannten Erlebnissen verknüpfen lassen, schwer bis unmöglich ist. Letztlich bleibt einem nur Worte zu benutzen, die irgendwie aus anderen Kontexten schon eine gewisse Bedeutung und Bekanntheit haben, und man dann diese geliehene Bedeutung benutzt, um etwas von dem neuen Erleben anzudeuten, das sich da zur Erfahrung gibt. In diesem sehr speziellen Sinne hat die Sprache der Mystik Ähnlichkeiten mit der Sprache der Lyrik und Poesie bzw. zeigt sich im Grenzfall des mystischen Erlebens die Magie der Worte in ihrem absoluten Grenzfall: man möchte etwas sagen, was eigentlich nicht sagbar ist, und benutzt dazu Worte aus anderen Zusammenhängen, die, je für sich zu ernst genommen, falsch sind, aber doch, gerade in ihren verschiedenen Verschränkungen zwischen den Zeilen, indirekt, etwas anklingen lassen können, was derjenige, der dann Ähnliches erleben kann, möglicherweise wiedererkennt.

Ist es schon in der offiziellen Wissenschaft heute nicht ganz einfach, ja, sogar schwer, zwischen wahrer Wissenschaft und Fake-Wissen zu unterscheiden, so geraten wir im Bereich der Mystik, der mystischen Sprache, in einen Bereich, wo eine Bewertung des Wahrheits- und Sinngehaltes letztlich — und auch dann nur ansatzweise, versuchsweise — gelingt, wenn man selbst hinreichend ähnliche Erlebnisse, Erfahrungen machen konnte, die sich über viele Zeitpunkte in verschiedenen Kontexten erstrecken. Trotz dieses schwer fassbaren Gehalts an Wirklichkeit sind solche Erfahrungen dennoch von großem Wert, da sie etwas über uns, unsere Wirklichkeit erkennen lassen, das deutlich über die grobkörnigen Alltagsereignisse hinausreicht (auch eine moderne Physik lebt von zahllosen grenzwertigen Phänomenen, die sich in keiner Alltagserfahrung erfassen lassen, nur mit aufwendigsten Messvorrichtungen, die jede für sich eine Vielzahl komplexer Theorien voraussetzen, um sie zu interpretieren). Und die mystische Erfahrung in dieser Form ist in keiner Weise beliebig! Ihr Charakter gleicht jener der härtesten empirischen Erfahrung, ist nicht manipulierbar, und macht ausdrücklich, was eine Quantenphysik nur sehr indirekt vermitteln kann: der Grundcharakter aller Wirklichkeit ist nicht deterministisch sondern Freiheit. Die mystische Erfahrung enthüllt in der Art und Weise, wie sie in jedem von uns stattfinden kann, neben ihrer Ur-Realität eine Nicht-Erzwingbarkeit. Es kann stattfinden, es muss aber nicht. Dies ist schwer verstehbar; aber der Grundcharakter der quantenmechanisch enthüllten empirischen Wirklichkeit als solcher ist auch nicht wirklich verstehbar. Wie denn auch? Wir kennen nichts Vergleichbares.

Wenn man bedenkt, dass die Menschen aus allen Zeiten, aus denen wir Zeugnisse haben, den mystischen Charakter ihres Grunderlebens schon immer entdeckt und genutzt haben (nicht zu verwechseln mit den vielfältigen Ideologien unterschiedlichster Religionen, die wenig mit Mystik zu tun haben), dann könnte man sagen, dass die moderne Physik die späte Rekonstruktion dieser Ur-Phänomene mit empirisch-formalen Mitteln ist. Leider hat die offizielle Physik den Kontakt mit ihren eigenen humanen Wurzeln weitgehend verloren; selbst der unverzichtbare Beobachter wird aus theoretischen Betrachtungen weitgehend eliminiert, was die physikalischen Theorien in gewisser Weise in die Sphären von irrationalen Wortgebilden entrückt. Aber diese Blickrichtungen sind grundsätzlich korrigierbar.

KEIN FAKE

Unsere Zeiten erleben die Praxis von Propaganda, Desinformationen und Fake-News mit einer neuen, bislang kaum gekannten Wucht, vor allem nicht in der Art, dass Regierungen und Öffentlichkeiten selbst in sogenannten demokratischen Staaten meinen, dass dies doch kein Problem sei. Dass wir als Menschen uns auf diese Weise großflächig, ja, man könnte sagen, in einem industriellem Maße, den Zugang zur Wirklichkeit, zur Wahrheit verschütten, verbauen, unkenntlich machen, und uns als Gesellschaften damit die Basis für eine rationale Zukunftsgestaltung entziehen, scheint aktuell immer weniger Menschen zu kümmern.

Der bewusste Umgang mit der realen Welt im Lichte des eigenen Erlebens, und gerade auch im Grenzbereich der Magie der Worte und der mystischen Erfahrung, ist dagegen keine Flucht aus der Wirklichkeit, ist kein Fake, sondern die einzige Möglichkeit, den instrumentalisierten Fakes eines global ferngesteuerten Alltags ein kleines Stück echter Wirklichkeit entgegen zu setzen. Einzelne Elementarteilchen scheinen bedeutungslos zu sein, aber im Verbund von Atomen, Molekülen und Zellen entwickeln sie eine Kraft, die dabei ist, das gesamte Universum zu verändern. Fake News sind dagegen eine kognitive Krankheit, eine Art kognitiver Krebs, der daherkommt wie Wahrheit aber tatsächlich mögliche Wahrheit im falschen Gewand der Wahrheit zersetzt, zerstört, und damit unsere Brücken zur realen Welt und zueinander zerstört.

THE FLYING DANCER

Ist der fliegende Tänzer nur ein unwirkliches Fantasiegebilde oder irgendwie mehr?…

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Im Auge des Betrachters zeigt sich die Seele – Notizen

THEMENSTAU

  1. Zur Zeit gibt es einen ‚Themenstau‘ dergestalt, dass sich in meinem Entwurfsordner zahlreiche Entwürfe ansammeln, die mangels Zeit nicht ausgeführt werden können. Es gibt so Phasen, da bin ich durch offizielle Aufgaben so absorbiert, dass kaum Luft bleibt.
  2. Bei den Themen gibt es solche, die aus ’systematischen‘ Gründen bearbeitet werden sollten, und solche, die sich ’spontan‘ ’nach vorne‘ drängen aufgrund konkreter Anlässe oder ‚einfach so‘.
  3. Während ich aus ’systematischen‘ Gründen das Buch von Kauffman zu Ende besprechen möchte drängten sich beständig andere Themen dazwischen, wie z.B. letztens ‚Wahrheit vs. Kapital‘.
  4. Gestern überlegte ich, die Zukunftsvorstellungen in verschiedenen Science-Fiction Filmen zum Ausgangspunkt der Reflexion zu nehmen, da sich in diesen aktuelle Denkmuster greifbar zeigen.

IM AUGE DES BETRACHTERS … AVATAR 3D

  1. Dabei entwickelte sich spontan die Besprechung von Camerons ‚Avatar‘ in der aktuellen 3D-Fassung zu einem eigenen Text, der weit über das übliche Format einer amazon-Besprechung hinausgeht. Deshalb erwähne ich die Besprechung hier. Eigentlich ist es ein Blogeintrag. Aber ich möchte die verschiedenen Formate hier nicht mischen. Meine aktuellen Besprechungen (mit dem Avatar) finden sich HIER: Avatar 3D
  2. Das, was sich dann während des Schreibens dann so entwickelte berührt zentrale Themen dieses Blogs und sollte in weiteren Beiträgen entsprechend aufgegriffen werden.

MUSIK VERÄNDERT

  1. Zwei Tage früher, am Freitag-Abend, hatte ich wieder ein Musikexperiment machen können (Methode ‚Radically Unplugged‘). Nach mehreren Jahren herumexperimentieren bemerke ich jetzt interessante Veränderungen. Auch das wäre ein Blogeintrag wert: was Musik mit uns macht, wenn wir uns ihr aussetzen (der letzte Musikeintrag findet sich HIER: Regen, Flöte, Klarinette,… ).

ALLTAGSGEFLÜSTER

  1. Gestern Abend hatte ich u.a. noch ein spontanes Gespräch mit einem befreundeten Mediziner (DJ) und einer Psychotherapeutin (MSJ). Im Prinzip haben wir viele Themen des Blogs gestreift, nicht, weil wir über den Blog gesprochen haben, sondern über unseren Alltag. Die totale Überlastung von so vielen (Neudeutsch: Burn Out), die systemischen Ursachen davon; die zunehmende ‚Verrauschung‘ von Wahrheiten, durch die Überflutung mit Informationen; die Zunahme globaler ‚Netz-Leibeigenschaft‘ durch Vordringen globaler Internetfirmen; das immer noch Nachwirken von ‚alten Weltbildern‘ weil sie fraglos weiter praktiziert werden, obgleich ihre impliziten Annahmen alle nicht mehr stimmen; die zunehmende ‚Gleichschaltung‘ der Medien durch Monopolisierungsvorgängen und deren Instrumentalisierung durch Kapitalgeber, denen es nicht primär um ‚Wahrheit‘ geht sondern um die Durchsetzung ihrer partikularen Interessen; usw.
  2. … dennoch ist die Wahrheit um ein Vielfaches stärker als die Unwahrheit; das ist unser Glück, und unsere Hoffnung…

Ein Überblick über alle bisherigen Blogeinträge nach Themen findet sich HIER.

EIN ABEND MIT DEM SALON SLALOM

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 8.Dezember 2012
URL: cognitiveagent.org
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Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Loser Kontakt

Seit dem Frühjahr 2012 habe ich einen losen Kontakt mit dem Salon Slalom (URL: http://salonslalom.wordpress.com/salon-slalom/). Ein Team von aktuell fünf Personen organisiert gemeinsame Veranstaltungen zu allen möglichen Themen, meist aus den Reihen der Salon-Mitglieder. Das Besondere daran ist, dass es keinen festen Ort gibt. Die Veranstaltungen sind je nach Thema irgendwo, teilweise auch draußen. Ich war z.B. einmal bei einer sehr inspirierenden Veranstaltung mit einem Holzkünstler im Taunus. Irgendwann hatte ich auch mal zugesagt, einen Abend zu gestalten. Die Ankündigung findet sich hier:

http://salonslalom.wordpress.com/termine/hinter-dem-phanomen-lauert-das-ich-aber-was-kommt-dann/. Der Ort war also, wie man aus der Ankündigung entnehmen kann, im INM (Institut für Neue Medien, url: http://www.inm.de), da einige Mitglieder explizit das INM mal kennen lernen wollten (in Frankfurt nicht ganz unbekannt).

Wintereinbruch

Durch einen akuten Wintereinbruch mit starkem Schneefall wurde die Anreise für alle TeilnehmerInnen an diesem Abend zu einem kleinen Abenteuer. Dazu noch die Lage des INM im Osthafen, zwischen lauter Logistikunternehmen, im vierten Stock auf dem Dach eines alten Bunkers, ohne Aufzug (die Städte nehmen es in ihren eigenen Gebäuden mit der Barrierefreiheit nicht so genau…). Aber der Raum füllte sich dann doch.

Harakiri?

Angeregt durch die offene Atmosphäre des Salons hatte ich mir vorgenommen, meine aktuellen Gedanken zum neuen Welt- und Menschenbild so zusammen zu stellen, dass man zumindest ahnen konnte, wie das Wissen um den Menschen, die Evolution, und die Computer sich wechselseitig verschränken. Angereichert wurde das Ganze noch durch kurze Schilderungen meiner Radically Unplugged Music Selbstversuche mit Klangbeispielen (Startseite für die RUM-Experimente ist: http://www.doeben-henisch.de/sounds/index.html). Die Stücke, die ich für diesen Abend ausgewählt hatte, stammten von meiner provisorischen ‚Playlist‘: http://www.doeben-henisch.de/sounds/playlist). Natürlich weiß man vorher nie, wie die TeilnehmerInnen auf das alles reagieren.

Nach der Begrüßung und einigen einleitenden Worten habe ich erst mal ein Stück zur Einstimmung gespielt:

Thunderstorm Dancing Ahead of (Version c) Interesting, somehow I was nearly sleeping after a long day, but when I started the recorder and started playing I became awake again….somewhere in the night…

Fügte noch hinzu, dass ich im Sommer 2010 kurz vorher ein kleines Aufnahmegerät gekauft hatte, mit dem ich im Juli einen kleinen Sturm aufgenommen hatte. Den Sound von diesem Sturm hatte ich in diesem Stück als Ausgangspunkt benutzt.

Phänomene und hinter den Phänomenen

Hauptproblem bei allen Vorträgen ist immer, wie fange ich an. Ermutigt durch die positive Resonanz im Münchner Vortrag bei der YPO-Jahresveranstaltung wählte ich die Vielschichtigkeit des Menschen als Ausgangspunkt,

Vielschichtigkeit des Menschen (vier verschiedene Bilder von Wikipedia (en) zusammengesetzt (siehe Quellenangaben unten)

um davon ausgehend deutlich zu machen, dass alle unseren bewussten Bilder von einem Gehirn stammen, das im Körper sitzt und selbst keinen direkten Kontakt mit der Welt hat.

Daraus ergeben sich allerlei Konsequenzen dazu, wie wir mit den Bildern, die unser Gehirn von der Welt produziert, umgehen sollten. So wunderbar unser Gehirn arbeitet, so wenig darf man ihm blindlings trauen. Dazu habe ich ein paar Beispiele erzählt.

Die Philosophen in Europa haben sich mindestens seit der Zeit der griechischen Philosophie beständig damit beschäftigt, wie sie die Erscheinungsformen der Phänomene analysieren und bewerten sollten. Einige der letzten großen Heroen der bewusstseinsbasierten Philosopien waren Descartes, Kant, Hegel, Hume, Locke, Berckeley, Husserl, Hartmann, um nur einige zu nennen. Sie alle erkannten in den Phänomenen des Bewusstseins zwar gewisse Regelhaftigkeiten, sie blieben aber notgedrungen im Bewusstsein ‚gefangen‘. Erst die neuen Erkenntnisse zum Gehirn (ab Beginn 20.Jahrhundert) sowie zur Evolution (ab Ende 19.Jahrhundert) ermöglichten uns, die ‚Rahmenbedingungen der Entstehung der Phänomene‘ neu zu verstehen (was sich u.a. im Aufblühen neuer an den Naturwissenschaften orientierten Erkenntnistheorien manifestiert).

Die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse lieferten aber nicht nur einen Schlüssel zum Paradox des Bewusstseins in der Weise, dass wir jetzt die Dynamik unseres Bewusstseins in Beziehung setzen können zur Arbeitsweise des Gehirns , sondern wir bekommen damit einen weiteren Schlüssel dafür, warum wir überhaupt ein so unglaubliches Gehirn in einem nicht weniger unglaublichen Körper haben. Die Evolutionsbiologie kann uns in eindrücklicher Weise aufzeigen, wie dieses unser heutiges Gehirn mit dem Körper sich in einer langen 4 Milliarden Jahre dauernden mühevollen Geschichte herausbilden mussten. Wir Menschen haben eine Geschichte, eine reale Geschichte. Wir haben reale Vorfahren, die in unglaublichen erfinderischen Prozessen mit extrem hohen ‚Verlusten‘ das ermöglicht haben, was wir heute sind. Und wir sind kein Endpunkt, sondern – soweit wir sehen können – eine Durchgangsstation zu einem Zustand, den keiner aktuell genau beschreiben kann (obwohl es Menschen gab wie der französische Jesuit Teilhard de Chardin, der als weltweit geachteter Paläontologe sein von der Theologie und Philosophie inspirierte Visionen über das wahre Wesen des Menschen und des Kosmos in wortgewaltigen Texten niedergeschrieben hat; gegen das Lehramt der katholischen Kirche, mit mehrfachen Verboten mundtod gemacht, aber dann doch durch seine vielen Freunde der Öffentlichkeit gerettet).

Mit diesen neuen Erkenntnissen ergaben sich neue Fragen: wie ist diese atemberaubende ‚Gestaltwerdung‘ im Biologischen möglich?

 

Am Beispiel der Interaktion zwischen Genotyp und Phänotyp versuchte ich dann deutlich zu machen, wie hier ein lokaler Veränderungsmechanismus, der in sich völlig ‚blind‘ für den Kontext ist, mögliche Gestaltungsräume absucht, die dann über Wachstum und Körper mit der Umgebung Erde in Interaktion treten. Es ist dann die konkrete Erde, die quasi als ‚Schiedsrichter‘ auftritt, welche der versuchten Strukturen ‚es schaffen‘ und welche nicht (die Darwinsche Selektion). Man kann hier auch das fundamentale Wertesystem erkennen (wenn man will), das alles andere übertönt: Erhaltung des Lebens unter den Bedingungen der Erde. Allerdings, und darauf habe ich dann im weiteren Verlauf hingewiesen, hat die Evolution selbst die Bedingungen im späteren Verlauf tiefgreifend verändert.

Massstäbliches Diagramm zur Geschichte des Universums; Hervorhebung wichtiger Meilensteine für die Entstehung des Biologischen

Können diese Überlegungen noch sehr abstrakt wirken, so macht uns der reale Gang der universalen Genese seit dem Big Bang klar, dass wir es mit einem überaus realen Prozess zu tun haben, von dem wir ein Teil sind. Die geradezu dramatische Weise der Entstehung des Lebens seit ca. 4 Mrd.Jahren, die unglaublichen Vorgänge im Rahmen der chemischen Evolution, die zur ersten Zelle führten und die bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt sind, dann die ca. 2.8 Milliarden dauernde Zeitspanne (!!!!!!!!), bis es von den einzelligen zu mehrzelligen Lebensformen kam, usw. usw. Wer sich dies bewusst anschaut und nicht in ergriffener Bewunderung endet, dem ist schwer zu helfen.

Bemerkenswert ist, dass nach heutigen Kenntnisstand bis zur Ausdehnung der Sonne noch ca. 1 Mrd Jahre Zeit haben, bis die mit der Aufblähung der Sonne einhergehende Temperaturerhöhung alles Leben auf der Erde unmöglich machen wird. Gemessen an der bisherigen Zeit unseres bekannten Universums von ca. 13.7 Mrd Jahren macht dies etwa 1/15 aus. Gemessen an der Evolution des Lebens von ca. 3.8 – 4 Mrd etwa 1/5. Wenn man sieht, welche ungeheure Beschleunigung die Evolution des Lebens auf der Erde allein in den letzten 100 Jahren genommen hat, können die verbleibenden 1 Mrd Jahre mehr als ausreichend sein, um eine Lösung für die Erhaltung des Lebens zu finden. Vorausgesetzt, wir nutzen unsere Möglichkeiten entsprechend.

Es gab dann einen Einschub mit Gedanken zu meinen Radically Unpluggd Music Selbstversuchen.

Schilderte kurz die Entstehungsgeschichte, die Auflehnung dagegen, nur passiver Konsument zu sein, die Versuchsanordnung, wie ich mit Musik experimentieren kann ohne Noten zu benutzen und ohne vorher üben zu können.

Die klassische Musikproduktion und Rezeption wird heute ergänzt durch eine technische Muskproduktion auf der Basis der Mathematik. Damit dehnen sich die potentiellen Klangräume schier unendlich aus.

Dazu ein paar Gedanken zur Frage, was denn ein ‚Ton‘ ist und wie die Mathematik und die moderne Technik es erlaubt, den klassischen Produktions- und Reproduktionszusammenhang aufzubrechen und in schier unendliche Räume auszuweiten. Der ‚reale‘ menschliche Musiker und Komponist wird dadurch nicht ‚überflüssig‘, aber er kommt in eine neue Rolle. In gewisser Weise eröffnet die Mathematik in Kombination mit der Technik ein Universum an Instrumenten und Klängen und die Frage, was Musik ist, was wir mit ihr tun, stellt sich völlig neu. Auch hier, im Segment der Musik, wirkt sich die fortdauernde Evolution aus.

Es kam dann als nächstes Stück ‚Die Wahrheit spielt vor den schwarzen Riesen (The truth plays before the black giants‘).

The Truth Plays Before the Black Giants I have experimented with some abstract ‚dark‘ sound in the back and a very crisp and clear oboe-sound in the foreground. I am still curious about the many libraries of ableton. But besides this ’sound curiosity‘ I gave some space for inspirations. There was the picture of the ‚(seemingly) tiny truth‘ playing before the large dark giants of the ‚all earth’… The tiny small truth got their hearts and the darkness was rumbling, but in comfort…

Mathematik und Computer

Übersicht über eine formale Theorie und ihre Elemente nach Hilbert und Ackermann

Versuchte deutlich zu machen, dass nahezu alles, was wir heute im Alltag an Technologie benutzen, ohne die Entwicklung der modernen Mathematik unmöglich wäre. Die Mathematik ist das zentrale Instrument des modernen Geistes, um sich in der überwältigenden Vielfalt der Realität zurecht zu finden und es ist geradezu bizarr wie eine Gesellschaft, die nahezu vollständig auf er Mathematik basiert, in ihrem öffentlichen Leben, im öffentlichen Bewusstsein, in den Medien dies nahezu vollständig ausblendet, verdrängt. Dies grenzt an eine kollektive Neurose, die sich wie eine Gehirnwäsche über alles legt und schon die kleinsten Regungen, dass jemand irgendetwas Mathematisches äußert, zeigt, tut sofort negativ abstraft oder ins Lächerliche zieht.

Ich habe dann versucht, deutlich zu machen, dass die Technologie des Computers, die heute nahezu alle Winkel unseres alltäglichen Lebens erobert, durchdringt und damit mitgestaltet, ihren Ausgangspunkt in den Grundlagendiskussionen der Mathematiker kurz vor der Wende zum 20.Jahrhundert wie dann in den ersten Jahrzehnten eben dieses Jahrhunderts hatte.

Nach den ersten großen Formalisierungserfolgen entstand die Idee – insbesondere bei David Hilbert – ob sich nicht alle Fragen mathematischer Theorien völlig ‚automatisch‘ mittels eines endlichen Kalküls entscheiden lassen.

Es dauerte zwar ca. 30 Jahre von den ersten Vermutungen dieser Art bis zum Beweis von Kurt Gödel 1931, aber dafür war das Ergebnis um so schockartiger.

Das Bild zeigt verschiedene frühe Formalisierungsbeiträge zum Thema ‚endliches Verfahren‘

Kurt Gödel konnte beweisen, dass es schon bei den ‚einfachen‘ mathematischen Theorien nicht möglich ist, sowohl ihre ‚Widerspruchsfreiheit‘ als auch ihre ‚Vollständigkeit‘ zu beweisen. Der Beweis von Gödel konnte bis heute nicht widerlegt werden, aber Gödel selbst war mit ihm nicht ganz zufrieden. Ein Beweis bezieht seine Überzeugungskraft ja daher, dass er im Beweis nur solche Mittel benutzt, die ‚aus sich heraus‘ ‚zweifelsfrei‘ sind. Im Konkreten heißt dies, diese Mittel müssen – um der einfachen Struktur des menschlichen Gehirns zu entsprechen – durchweg ‚endlich‘ sein und nach ‚endlich vielen Schritten‘ einen klaren ‚Endzustand‘ erreichen. Was für die meisten Menschen im Alltag eher als Banaliät erscheinen mag (ist doch im Alltag alles sehr deutlich und konkret ‚endlich‘) war für den Bereich mathematischer Beweise offensichtlich nicht so trivial. Es war dann Alan Matthew Turing, ein genialer Engländer, der den Beweis von Gödel quasi mit anderen Mitteln wiederholte und der es auf eine Weise tat, die Gödel begeisterte. Diese Art des Beweises akzeptierte Gödel sofort.

Das Konzept der Turingmaschine (rechts oben im Bild) als Teil eines Theoriebildungsprozesses

Schaut man sich das Verfahren von Turing näher an, ist man zuerst einmal überrascht. Das Verfahren, das Turing beschreibt, sieht so einfach aus, dass man sich im ersten Moment gar nicht vorstellen kann, dass man damit irgend etwas Ernsthaftes machen könnte. Turings Vorbild war ein Büroangestellter, der mit einem Schreibstift auf einem Blatt Papier Zahlen schreibt. Wie sich dann aber in den Jahren nach Turing herausstellte, ist es genau dieses Verfahren, was sich bislang als ‚das‘ Konzept, als der ‚Maßstab‘ für einen ‚endlichen berechenbaren Prozess‘ erwiesen hat, denn von allen anderen Formalisierungsvorschlägen, die nach ihm gemacht wurden (oder zeitgleich oder kurz vorher) konnte bewiesen werden, dass sie höchstens ‚gleichwertig‘ sind oder schwächer. Damit dürfte dieses Konzept von Turing, das später und heute allgemein als ‚Turingmaschine‘ benannt wird, als das fundamentalste philosophische Konzept des 20.Jahrhunderts erscheinen (fragt sich natürlich, welche anderen Bereiche man noch hinzunehmen möchte. Im Bereich Naturwissenschaft gab es im 20.Jahrhundert viele bahnbrechende Erkenntnisse. Eventuell müsste man die dann dazurechnen). Jeder konkrete Computer heute kann nicht mehr als das, was das mathematische Konzept der Turingmaschine verkörpert (leider gibt es immer wieder Leute, die das mathematische Konzept der Turingmaschine als Beschreibung einer konkreten ’sequentiellen‘ Rechnerarchitektur missverstehen. Das führt dann natürlich zu allerlei logischen Ungereimtheiten).

Intelligenz bei Tieren und Computern

Dass das Prinzip der Turingmaschine umgesetzt in der Technologie heutiger Computer extrem vielseitig ist, das erleben wir heute in unserem Alltag (falls man sich überhaupt noch bewusst macht, dass nahezu in jedem Gerät heute mindestens ein Computer steckt (allein in einem einzigen Autositz können z.B. bis zu 7 kleine Computer vor sich hinwerkeln, ohne dass sich jemand dessen bewusst ist). Dennoch kann man die Frage stellen, wieweit die prinzipiellen Fähigkeiten dieser Technologie reichen.

Turing selbst dachte laut darüber nach (und hat dies auch in sehr vergnüglicher Weise beschrieben), dass das Prinzip der Turingmaschine eigentlich so universal ist, dass eine Maschine, die nach diesen Prinzipien gebaut würde (ein Computer, ein Roboter), mit der entsprechenden Ausstattung an Sensoren und bei Teilnahme an allen Lernprozessen, die auch ein Kind durchläuft, in der Lage sein müsste, alles lernen zu können, was auch ein Kind lernt. Turing selbst konnte es nicht erleben, ob dies tatsächlich geht.

Aber spätestens seit ihm wird immer wieder laut darüber nachgedacht, ob ein Computer so intelligent sein kann wie ein Mensch, oder gar noch intelligenter.

Ich habe dann kurz die Entwicklung der wissenschaftlichen Psychologie zu Beginn des 20.Jahrhunderts in den USA eingeblendet. Bekannt unter dem Schlagwort ‚verhaltensbasierte Psychologie‘ (‚Behaviorismus) versuchten in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts (aufgrund starker Anregungen von europäischen Psychologen) Psychologen zu empirisch begründeten Aussagen über beobachtbares Verhalten zu kommen. Das vorherrschende Versuchsparadigma waren damals Ratten, die in einem Labyrinth nach Futter (oder Wasser) suchen mussten.

Ein Experiment von Tolman (und anderen), das ihm lange Zeit eine gewisse Berühmtheit bescherte, war die Beobachtung, dass nicht nur Ratten (i) die hungrig waren, nach einer Anzahl von Versuchen das Futter immer schneller fanden, sondern (ii) auch Ratten, die viele Versuche ohne Hunger im Labyrinth herumlaufen konnten, ab dem Zeitpunkt, wo sie dann ‚hungrig gemacht wurden‘, ziemlich direkt das Futter ansteuerten. Tolman & Co folgerten daraus, dass die Ratten offensichtlich während der ’nicht-Hunger-Zeit‘ trotzdem ‚gelernt‘ haben, wie das Labyrinth angeordnet ist, so dass sie in dem Moment, wo sie das Futter wirklich brauchten, dieses aufgrund des zuvor ‚erworbenen Wissens‘ direkt ansteuern konnten.

Die Psychologen dieser Zeit versuchten also aus den beobachtbaren Verhaltensdaten auf ‚Regelmäßigkeiten‘ ‚in‘ der Ratte zu schließen. Da man in dieser Zeit noch nicht so richtig in ein Rattengehirn hineinschauen konnte (übrigens auch heute ist das, was die Neurowissenschaften im Kontext von Rattenexperimenten zu Tage fördern, äußerst unbefriedigend!) , war der Interpretationsspielraum recht groß. Die Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Interpretationsschulen (z.B. das Lager um Hull mit dem ‚Reward-learning‘ und das Lager um Tolman mit den ‚cognitive maps‘) erscheinen aus heutiger Sicht merkwürdig (zumal man zeigen kann, dass sich cognitive maps mit neuronalen Netzen nachbilden lassen, die ziemlich genau den Annahmen von Hull entsprechen). Entscheidend ist nur, dass man aufgrund des Verhaltens eindeutig ausschließen konnte, dass die Ratten ‚zufällig vorgehen.

Zentrale Komponenten eines minimalen lernenden Classifier Systems (ohne Anzeige des Bedürfnisses Hunger). Mit Hilfe des Fitnesswertes können alle jene Komponenten hervorgehoben werden, die im Zusammenwirken einen Pfad generieren. Fitnessgeber können auch ‚eingebaut‘ sein

Mittlerweile können wir – mittels Computern! – beliebige Typen von ‚virtuellen‘ Ratten simulieren. Das Bild zeigt die Struktur des Programms einer virtuellen Ratte basiert auf dem Konzept der Classifier Systeme, allerdings hier abgewandelt), die das Erlernen eines Weges im Labyrinth zum Futter sehr schnell erledigt. Was dieser einfache Typ aber nicht kann, ist das ‚Umlernen‘, falls das Futter nicht mehr am alten Ort ist, sondern an einem neuen Ort. Durch geringfügige Änderungen kann man dies aber ‚einbauen‘.

Die Frage ist, was man aus diesen Befunden folgern kann bzw. sollte. Hat die virtuelle Ratte die ‚gleiche Intelligenz‘ wie die reale Ratte, wenn die beobachtbaren Verhalten messtechnisch ‚gleich‘ sind (Eine Fragestellung, die in den berühmten Turing-Tests auch beständig diskutiert wird)?

Würde man ‚Ja‘ sagen, dann würde dies bedeuten, dass ‚Intelligenz‘ etwas ist, was nicht an die biologische Struktur als Körper gebunden ist, sondern mit jeder Struktur realisiert werden kann, die die entsprechenden ’strukturellen Eigenschaften‘ aufweist. Zwar ist damit nicht gesagt, dass man damit das Phänomen des biologischen Lebens ‚als solchem‘ reproduziert, aber die Eigenschaft der Intelligenz, die sich uns ursprünglich an, mit und durch die biologischen Strukturen ‚zeigt‘ (‚enthüllt‘, ‚offenbart‘, ‚emergiert’…).

Links im Bild ein Ribosom, das Proteine zusammenbaut, und rechts das Schema einer Turingmaschine

Ich habe dann einen weiteren ‚Schwenk‘ gemacht und versuchte zu verdeutlichen, dass sich die Strukturen der Turingmaschine im Kern des Biologischen selbst finden. Am Beispiel des Übergangs vom Genotyp (die Gene) zum Phänotyp (die Körper) kann man sehen, dass die Prozesse, die hier ablaufen, strukturell identisch sind mit der Arbeitsweise einer Turingmaschine, im Prinzip sogar einer abgeschwächten Turingmaschine. Der molekulare Input für das Ribosom repräsentiert die ‚Bandinhalte‘, die ‚Gelesen‘ werden, und der molekulare Output des Ribosoms repräsentiert den Bandinhalt, der ‚geschrieben‘ wird.

Noch wichtiger aber ist vielleicht der Sachverhalt (von dem der Physiker Paul Davies anmerkte, dass er sich bislang jeder physikalischen Theorie widersetzt), dass der Input von einem Molekül kommt (DNA), dessen ‚Bedeutung‘ nicht durch seine primären physikalischen Eigenschaften gegeben ist, sondern durch einen Informationskode, für den es keinerlei physikalische Notwendigkeit gibt. Überhaupt ist das Auftreten von ‚Information‘ in diesem Kontext geradezu aberwitzig. Jeder Kode setzt das Zusammenspiel von einem Sender und Empfänger voraus. Wenn wir also hier , an der Wurzel des Biologischen unübersehbar einen Kode vorfinden, der Bau- und Wachstumsprozesse steuert, und es keine dritte Instanz gibt, die diesen Kode vereinbart hat (und eine solche Instanz ist nicht bekannt), dann muss die Struktur des Kodes schon im Ausgangsmaterial als physikalische Eigenschaft angelegt sein. Das würde aber bedeuten, dass diese eindeutigen Eigenschaften von Intelligenz und Geist inhärente Eigenschaften der Materie selbst sein müssen. Eine andere Erklärung ist aktuell rein logisch nicht möglich (Plato und die Neuplatoniker haben so etwas beispielsweise auch schon gedacht, allerdings ohne explizites Wissen um die Strukturen des Lebens und der Materie).

Zusammenfassung aller wichtigen Eckdaten zum Biologischen. Im Bild fehlt allerdings der Aspekt der Tendenz zum Aufbau komplexer Strukturen, und zwar tendenziell immer komplexerer Strukturen

versucht man alle bekannten Fakten zusammen zu fassen, dann kann man zu folgendem eindrücklichen Bild kommen: das Phänomen des Biologischen im Universum resultiert zunächst einmal aus der Tatsache, dass sich das Universum laut Aussagen der Physik noch in einem Zustand unterhalb des Maximums der Entropie befindet. Dadurch gibt es noch ‚Energieunterschiede‘ im Universum, die sich in Form ‚frei verfügbarer Energie‘ nutzen lassen. Alle bekannten biologische Phänomene tun genau dies: sie nutzen freie Energie um – im Widerspruch zum Entropiegesetz der Physik!!! – immer komplexere Strukturen hervor zu bringen. Ab einem bestimmten Komplexitätspunkt (Tiere, insbesondere dann wir als homo sapiens sapiens) sind diese Strukturen in der Lage, Modell der Umgebung und von sich selbst zu erstellen, die für das eigene Handeln genutzt werden können. Damit hat sich die Evolution einen erweiterten Handlungsspielraum geschaffen, der die Geschwindigkeit der Lernprozesse um geschätzt den Faktor 10^7 zu beschleunigen (weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen). Gleichzeitig gibt es im Konzept der Turingmaschine eine ‚technische Kopie‘ jener Struktureigenschaften, die wir mit Intelligenz verknüpfen. Die Evolution hat sich also neben den ‚intelligenten biologischen Strukturen‘ auch noch einen ‚Intelligenzverstärker‘ geschaffen, der sich unabhängig von den biologischen Strukturen entwickeln und nutzen lässt.

In diesem Zusammenhang fundamental bedeutsam ist auch der Umstand, dass alle biologischen Strukturen ‚wertabhängig‘ sind, d.h. Alle (!!!) Wachstums- und Lernprozesse setzen voraus, dass es messbare ‚Präferenzen‘ (Fitness, Werte) gibt, an denen sich diese Prozesse orientieren. Bislang ist dies die Erde selbst in ihrer Konkretheit. In dem Masse, wie die Evolution aber Strukturen geschaffen hat, die in ihrer Erkenntnisfähigkeit über die Erde ‚hinaus schauen‘ können, wird dies primäre Wertsystem ‚Leben unter den Bedingungen der Erde‘ abgelöst durch ein Wertesystem ‚Leben unter den Bedingungen des Universums‘. Eine solche Erweiterung des Wertesystem ist auch dringend notwendig, da mit den verbleibenden 1 Mrd Jahre bis zum Wärmtod durch die Sonne einiges getan werden muss, um diesem Wärmetod zu entgehen. Hierin deutet sich an, dass das Leben seinen ‚Sinn‘ ‚in sich selbst‘ hat. Dies alles zu verstehen stehen wir vermutlich erst ganz am Anfang.

Es gab dann noch ein paar Bilder und Bemerkungen zur Beschreibung von Vielfalt durch die Mathematik oder den direkten Strukturvergleich zwischen Menschen als selbsmodifizierendem System und der universellen Turingmaschine:

Verhaltensformel Mensch: phi: I x IS —> IS x O

Verhaltensformel UTM: phi: I x IS —> IS x O

Ich habe die Präsentation beendet mit dem Hinweis darauf, dass wir hier in Frankfurt, und zwar genau in diesem INM, wo an diesem Abend der Vortrag stattfand, zusammen mit der FH Frankfurt und der Goethe-Uni Frankfurt und allen, die mitmachen wollen, im Frühjahr 2014 das große ‚Geist-Sichtbarkeitsmachung-Projekt‘ starten wird. Rund um die Uhr, jeden Tag des Jahres, wird man zuschauen können, wie der künstliche Geist unter den Augen der Öffentlichkeit entstehen wird. Die Vorbereitungen dazu laufen schon. Noch im Dezember wird es eine erste Gründungsversammlung mit einer ersten Webseite geben. Wir werden auch Sponsorengelder einsammeln, da wir ganz ohne ein Minimalteam zum Management des Ganzen nicht auskommen werden.

Es folgte abschließend ein weiteres Musikstück, inhaltlich passend zum neuen Welt- und Menschenbild. ‚Du bist die Botschaft des Universums‘, womit jeder gemeint ist; jeder verkörpert – ob er/ sie will oder nicht – eine Botschaft, in der das Ganze des Universums enthalten ist. Wir müssen diese Botschaft nur lesen lernen:

You are the message of the universe (Rap-like…)  Hatte nur so gespielt. Erst ein paar Drum-Clips arrangiert. Dann eine verfremdete Flöte als Hauptmotiv. Dazu dann einen Bass. Als mir dann keine geeignete weitere Stimme mehr einfiel, habe ich mich an einen Text erinnert, den ich vor Monaten schon in einem Musikvideo verarbeitet hatte ‚You are the message of the universe‘. Ich finde, im aktuellen Arrangement passt er ganz gut. Eine Art Anti-Rap Rap….oder auch nicht. Es gibt so unendlich viele Sichten zu jeder Sache. Die immanente Unendlichkeit ist der eigentliche ‚Hit‘, natürlich hervorgebraht vom Gehirn, dieses selbst aber ist eine Hervorbringung aus dem Innern der Materie, und damit aus der Mitte der Energie… diese wiederum ist — physikalisch betrachtet — ‚unsterblich‘. Wir sind alle viel mehr, als wir ahnen, geschweige denn denken können…letztlich ist es egal, was wir denken, bevor wir denken sind wir schon das, was wir sind… das ist unser Glück. Aber natürlich, warum können wir dann überhaupt denken? Wozu? Gute Frage… wer die Antwort findet, braucht sie nicht mehr….Good Luck..

PS: Ursprünglich hatte ich noch einen Abschnittt über die zentrale Rolle von Künstlern zusammen mit Wissenschaftlern; aber der blieb auf der Strecke, es war dann doch zu viel Stoff….

PS2: Es gab noch eine recht intensive Diskussion.

PS3: Am Tag drauf hatte ich eine lange, sehr inspirierende Besprechung mit einem guten Bekannten aus der Szene der experimentellen Musik, wo wir die verschiedenen Aspekte des kommenden Projektes zur ‚Sichtbarmachung von Geist‘ durchsprachen. Von den vielen Punkten, die wir demnächst auch entsprechen kommunizieren werden, war einer für den Zusammenhang hier besonders interessant: da der Begriff ‚Geist‘ (Englisch oft ‚mind‘) extrem vage ist und bis heute in keiner Wissenschaft eine operationale Definition existiert, die diesen Begriffen irgendwie fassbar macht (nur sehr viele blumige Beispiele), sollten wir uns in der Diskussion und Weiterentwicklung zunächst an den Begriff ‚Intelligenz‘ halten. Für diesen Begriff haben die experimentellen Psychologen eine sehr brauchbare operationale Defintion entwickelt, die in Gestalt des IQ (Intelligenzquotienten) weit verbreitet ist. Was immer ‚Geist‘ sein mag, insofern er sich im Verhalten manifestiert, das man beobachten und messen kann, kann man die sich ‚im Verhalten zeigende Intelligenz‘ in ihren unterschiedlichen Ausprägungen ‚messen‘, d.h. mit vorgegebenen Standards ‚vergleichen‘. Für diese ‚Messungen‘ spielt es keine Rolle, ob es sich bei dem beobachteten System um eine Pflanze, ein Tier, einen homo sapiens sapiens oder um eine Maschine handelt. Der psychologische Intelligenzbegriff ist insofern ‚invariant‘ bzgl. derjenigen Struktur, die das zu messende Verhalten hervorbringt. Insofern ist dieser Intelligenzbegriff geeignet, ‚Intelligenz‘ so zu messen, dass man all die verschiedenen ‚Hervorbringungsstrukturen‘ vergleichen kann. Präzisierend müßte man von daher vielleicht sagen, dass wir in diesem Experiment zegen wollen, dass die Entstehung und Anwendung von Intelligenz nicht an eine biologische Trägerstruktur gebunden ist, sondern nur an Strukturmerkmalen, die in nahezu beliebiger materieller Beschaffenheit auftreten können. Der philosophische ‚Druck‘ auf das Selbstverständnis von uns Menschen bleibt damit sehr wohl erhalten: Wer sind wir wirklich? Was soll das Ganze? Sind wir überflüssig? Haben wir eine spezielle Mission? Haben wir trotz allem eine Verantwortung für das Ganze? usw.

PS4: In einem privaten Kreis mit vielen Freunden flammten diese Diskussionen auch wieder auf, da im Kreis außer mir zwei da waren, die auch bei dem Salon waren. Diese Themen bewegen…

Literaturnachweise

Body Surface at http://en.wikipedia.org/wiki/Human_body (letzter Besuch: 12.Nov.2012)
Organs below the Body Surface at http://en.wikipedia.org/wiki/Human_anatomy (letzter Besuch: 12.Nov.2012)
Davis, M. Computability and Unsolvability, New York – Toronto – London: McGraw-Hill Book Company, Inc.,1958
Davis, M. (Ed.). (1965). The Undecidable. Basic Papers On Undecidable Propositions, Unsolvable Problems And Computable Functions. Hewlett (NY): Raven Press.
Doeben-Henisch, G.; Beschreibung TM auf der Seite: http://www.doeben-henisch.de/fh/I-TI04/VL/VL3/i-ti04-vl-vl3.html
Gödel, K. Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I, In: Monatshefte Math.Phys., vol.38(1931),pp:175-198
Gödel, K. Remarks before the princeton bicentennial conference on problems in mathematics, 1946. In: Martin Davis, 1965: pp.84-87
Hilbert, D.; Ackermann, W. Grundzüge der theoretischen Logik, Berlin. J.Springer, 1928
Hilbert in Wikipedia (en): Hilbert’s problems, URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Hilbert%27s_problems (Last access Sept-30, 2012)
Hilbert, D. Mathematische Probleme, Vortrag, gehalten auf dem internationalen Mathematiker-Kongreß zu Paris 1900, Göttinger Nachrichten 1900, S.253-297, URL: http://www.mathematik.uni-bielefeld.de/ kersten/hilbert/rede.html, und http://www.mathematik.uni-bielefeld.de/ kersten/hilbert/ (Last Access Sept-30, 2012)
Holland, J.H. Hidden Order. How adaptation Builds Complexity, New York: USA, Basic Books, 1995
Hull, C.L. Principles of Behavior, New York: Appleton-Century-Crofts, 1943
Hull, C.L. Essentials of Behavior, New Haven: Yale University Press, 1951
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Hull, C.L; Hovland, C.I.; Ross, R.T.; Hall, M.; Perkins, D.T.; Fitch, F.G. Mathematico-deductive theory of rote learning, New Haven: Yale University Press, 1940
Kandel, E.R.; Schwartz, J.H.; Jessell, T.M.; Siegelbaum, S.A.; Hudspeth, A.J.; (Eds.) Principles of Neural Science, 5th.ed., New York et.al: McGrawHill, 2012
Tolman E.C., Purposive behavior in animals and men, New York: Appleton-Century-Crofts, 1932 (repr. 1949 by University of California Press)Tolman, E. C. (1948). Cognitive maps in rats and men, Psychological Review, 55, 189-208 (online version at: http://psychclassics.yorku.ca/Tolman/Maps/maps.htm ; last ascess: 14.Nov.2012)Tolman E.C., Collected Papers in Psychology, Berkeley: University of California Press, 1951
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Turing, A. M. On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem. In: Proc. London Math. Soc., Ser.2, vol.42(1936), pp.230-265; received May 25, 1936; Appendix added August 28; read November 12, 1936; corr. Ibid. vol.43(1937), pp.544-546. Turing’s paper appeared in Part 2 of vol.42 which was issued in December 1936 (Reprint in M.DAVIS 1965, pp.116-151; corr. ibid. pp.151-154).(an online version at: http://www.comlab.ox.ac.uk/activities/ieg/e-library/sources/tp2-ie.pdf, last accesss Sept-30, 2012))
Wilson, S.W. ZCS: a zeroth level classifier system, Evolutionary Computation, 2(1), 1-18 (1994)

Eine Übersicht über alle Beiträge anhand der Titel findet sich HIER

EINSCHUB – ‚RADICALLY UNPLUGGED‘ ALS ERKENNTNISFORM

(1) Eigentlich versuche ich das Buch von Duve zu Ende zu besprechen. Während des Semesterbetriebes muss ich aber in vielen Prozessen parallel denken und arbeiten. Es gibt dann immer diese ‚Zeitscheiben‘ (wie das klingt, die Zeit in ‚Scheiben‘ geschnitten, wie Salami oder Käse…) und jede Zeitscheibe ist eine kleine ‚Welt für sich‘, als ob es das andere nicht gibt. Allerdings ist unser Körper (das unbekannte Wesen, letztlich), der diese verschiedenen Zeitscheibenwelten ‚beherbergt‘ und untereinander auf geheimnisvolle Weise verknüpfen kann, so als ob die eine Zeitscheibe mit der anderen ‚redet’….In diesem Sinne spricht jetzt hier eine ‚Zeitscheibe‘ während die andere (Besprechung Duve) ‚ruht’…
(2) Ich mache seit Jahren ‚Selbstversuche‘ mit experimenteller Musik. Ich wusste lange nicht, wie ich dies einschätzen sollte: Völliger ‚Humbug‘, ‚Zeitverschwendung‘, ‚Lächerlich‘, …mittlerweile bin ich aber sicher, dass dies eine fast unausweichliche Verhaltensweise ist, wenn man in der immer stärkeren Automatisierung und Virtualisierung unser Kultur seinen eigenen ‚Realitätskern‘ nicht verlieren will. Es ist sicher auch kein Zufall, dass die ’nachwachsende‘ Generation (wie das klingt ’nachwachsend‘, aber es ist mehr als wahr, wenn es auch den individuellen Egoismus und die individuelle Eitelkeit von so manchem stark ankratzt…) im Bereich Musik (zumindest abseits der populären Schiene, die immer nur das gewohnt Konventionelle reproduziert (man will ja ‚gefallen‘, es geht nicht um Erkenntnis…)) extrem experimentell vorgeht (die Musikerin Dominique Dillon de Byington, genannt Dillon ist hier nur ein Beispiel von vielen (hundert?)).
(3) Diese meine Einschätzung hängt damit zusammen, dass im täglichen Erkenntnisvollzug jeder von uns in erster Linie und unausweichlich in der ‚Schleife des Bekannten‘ hängt. Unser Körper (und hier speziell das Gehirn) verfügt über die wunderbare Gabe, wahrnehmbare Ereignisse (niemand spricht über die unfassbar große Menge der ’nicht-wahrnehmbaren‘ Ereignisse!) mit Hilfe von bestimmten Mustern (das hatte schon Kant und viele andere Philosophen zum Nachdenken gebracht) in ‚abstrakteren‘ Einheiten zu ‚organisieren‘ und uns damit ein ‚Bild‘ von einer ‚alltäglich geordneten‘ Welt aufbereitet, die wir für ‚wahr‘ nehmen und wir unser Verhalten entsprechend diesem Bild ausrichten.
(4) Der wichtige Punkt ist hier die ‚Unausweichlichkeit‘ in dem Sinne, dass unser Gehirn-Körper auch ohne unser ‚Zutun‘ so ‚arbeitet‘ und auf diese Weise in jeder wahrnehmbaren Zeitscheibe (ja, unser Körper arbeitet mit Zeitscheiben einer messbaren Länge!) ein ‚Produkt‘ abliefert, das wir als ‚Welt‘ bezeichnen.
(5) Solange sich die ‚reale‘ Welt mit den Bildern der ‚Gehirn-Körper-Generierten‘ Welt in Übereinstimmung befindet, ergibt sich ein gewisser Gleichklang, Einklang, Harmonie, eine ‚Flüssigkeit‘, eine ‚Vertrautheit‘, die uns in ‚gewohnten Bahnen‘ laufen lässt. Weichen die realen Ereignisse von den ‚erwarteten‘ ab, gibt es ‚Unruhe‘; bei solchen Gelegenheiten haben wir die Chance, zu bemerken (zu erkennen?), dass die ‚Welt im Kopf‘ nicht die ‚Welt da draußen‘ ist. Die einen unternehmen viele Anstrengungen, entweder solche ‚Beunruhigungen‘ von vornherein zu ‚unterbinden‘ (! lieber ‚Ruhe‘ als ‚Wahrheit‘!), oder sie zu unterdrücken, falls sie dann doch auftreten. Gelingt dies alles nicht, gibt es die Aggressiven, die die Quelle der Beunruhigung auszuschalten versuchen, die ‚Possenreißer‘, die das Ungeplante per Humor zersteuben wollen, … die Bandbreite möglicher Reaktionen ist groß. Das ‚Unerwartete‘ bewusst zu integrieren ist auf jeden Fall anstrengender als es nicht zu tun.
(6) Als Kinder ist dieser beständige Konstruktionsprozess das ‚Normale‘; wir nennen das ‚Lernen‘. Dass Kinder dabei ziemliche Dramen durchleben können ist nicht unbedingt Allgemeingut bei den Erwachsenen…
(7) Manche ziehen aus dem Unverhofften, Unerwarteten ‚Nutzen‘; sie verändern ihr Bild von sich, den anderen, der Welt….
(8) Die Frage ist auch, inwieweit wir im Laufe des Lebens diese grundlegende Lernfähigkeit verlieren können. Ich werde niemals den Kontrast vergessen, den ich als Jugendsozialarbeiter erlebt habe, als ich in einer deutschen Großstadt nachmittags mit Kindergruppen (7-11 Jahre) gearbeitet hatte und abends mit den ‚Älteren‘ (ca. 17-22 Jahren). Innerhalb von 5 bis 10 Jahren können junge Menschen nahezu alle positiven Fähigkeiten verlieren, die sie als Kinder mal hatten. Der Einfluss der täglichen Umgebung erscheint erschreckend gewaltig destruktiv: aus selbstbewussten kreativen neugierigen Wesen werden stumpfe ideenlose hoffnungslose Wesen ohne Selbstvertrauen, die Menschen, die unsere Zukunft tatkräftig gestalten sollen, ohne zu wissen, wer sie selbst sind….
(9) Wie auch immer, selbst wenn man viele Dinge in seinem Leben konstruktiv gemeistert haben mag. Die Tendenz, sich im Erfolg letztlich doch zu verstetigen, in gebahnte Bahnen zu erstarren, sich im Gewohnten zu betäuben, ist massiv. Als ich vor ein paar Jahren dazu kam, nach mehr als 35 Jahren Pause wieder Musik zu machen, ohne Training, unmusikalisch, keine Zeit zu großen Übungen, alleine, in einem Mehrparteienmietshaus (Lärm praktisch unmöglich), psychologisch in einer schlechten Situation: was denken die Leute (ganz zu schweigen von meiner Frau), da blieb mir nur eines, ‚radically unplugged music (RUM)‘ als ‚legale‘ Form des Musikmachens zu erklären. Quasi als Manifest gegen die Diktatur der herrschenden Gewohnheiten, die u.a. die meisten Radio- und Fernsehkanäle besetzt halten, als ‚Aufschrei‘ des unterdrückten Individuums, das angesichts dieser allseitigen ‚Vernormung‘ dessen was sein darf zu ersticken droht, an ‚Atemnot‘, weil alles, was man als einzelner tun kann, bevor man es tut, schon gesellschaftlich ’nichts‘ ist. Globalisierung als Elimination des Individuums im Ansatz. Zerstörung von Kreativität und Erkenntnis im Ansatz. Menschenverachtend. Zynismus pur…
(10) Als ich gestern — während ich etwas schrieb — zufällig im Hintergrund die Sendung ‚Punk in Myanmar‘ in zdf-kultur sah (siehe: http://aufnahmezustand.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/cd946bca-3138-33a7-9ff7-c183e90cd233/20065425?doDispatch=1″), merkte ich, wie ich von diesem Bericht sehr beeindruckt war. Dieser Bericht verstand es, die Situation der jungen Menschen in der Diktatur Myanmar so in Szene zu setzen, dass jedem Zuschauer klar werden konnte, warum diese jungen Leute so waren, wie sie sind, und dass diese den Nerv des möglichen Lebens in einer lebensfeindlichen Umgebung in — auf ihre Weise — aufopfernder Weise zu Gehör bringen wollten. Die persönlichen Risiken, die sie dabei eingingen, ihr Engagement, war sehr beeindrucken. Beeindruckend auch die einzige Sängerin, die schließlich aber wegen ihres Vaters wieder aufhörte, zu singen. Am tiefsten beeindruckte mich die Mutter des einen, eine emeritierte Professorin für Chemie. Wahnsinn welche Personalität, Liebe und Tiefe. Wie sie mit der Andersartigkeit ihres Sohnes und der ganzen Bewegung umging trotz der Ablehnung und Aggressivität der Umgebung!!!!! Hier erschien die Musik als Teil des Lebens, des Lebenskampfes, des Lebenlernens, als authentische Tätigkeit in dem Kampf um Wahrheit, Authentizität, Lebensgefühl schlechthin.
(11) Myanmar erscheint weit weg von Deutschland aus gesehen. Aber in gewisser Weise ist es direkt um uns herum. Auch wir erleben unzählige Prozesse um uns herum, die ‚lebensfeindlich‘ sind, die die uns unsere Ideen stehlen, uns unserer Lebensgefühle zu entfremden drohen, und auch wir sind beständig herausgefordert, uns aus dem Alltagsschlaf heraus zu reißen und uns zu fragen: ist es das wirklich? Soll es so sein oder sollte es nicht ganz anders sein? Jeder weiß, dass wir genügend offene Rechnung mit der Gegenwart haben…
(12) In mir verstärkt sich das Gefühl, dass die Methode ‚Radically Unplugged‘ etwas wirklich Grundlegendes ist, die Art und Weise betrifft, in der wir mit uns selbst und der Welt um uns herum umgehen. In einer Welt der globalisierenden Virtualisierung und Normierung durch diktatorische Kapitalmassen haben wir als Individuen nur noch die Authentizität. Diese alleine reicht zwar nicht, ist aber eine fundamentale Voraussetzung. Ohne diese sind wir nur mehr das dreihundert-billionste Bit in einem gigantischen Datenmeer, das von so vielen verschiedenen ‚Geistern‘ angetrieben wird, dass …..
(13) Merkwürdigerweise können wir im Prinzip alles ändern… nicht nur, indem wir alles zerstören, was in ein paar Milliarden Jahre ohne unser Zutun aufgebaut wurde, nicht nur, aber das ‚konstruktive Gestalten‘, eher eine Form des ‚Miterschaffens‘, ist extrem lernabhängig, dialogisch, … wir müssen verstehen, wer wir sind, wozu wir da sind, was dieses ganze Universum soll, um vielleicht weniger zu zerstören und ein wenig beizutragen. Der kosmologische Prozess selbst hat uns ins Szene gesetzt, ohne dass wir es wollten. Es wäre mehr als erstaunlich, wenn diese implizit kosmologische Weisheit nicht auch für die Option eines konstruktiven Mitwirkens eine Option parat halten würde… unsere aktuelle Dummheit ist aber vielleicht noch zu groß, als dass wir es verstehen können…

RUM Links

Insgesamt wird empfohlen, entweder richtig gute Kopfhörer zu benutzen oder eine richtig gute Soundanlage. Normale PC-Lautsprecher sind einfach zu schlecht; man hört irgendein Gequäcke aber keinen wirklichen ‚Sound’…

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