Archiv der Kategorie: Weltsicht-Entstehung

STÄNDIGE WIEDERGEBURT – Jetzt. Schweigen hilft nicht …Exploration

Autor: Gerd Doeben-Henisch

Email: gerd@doeben-henisch.de

28.Aug 2023 – 28.Aug 2023 (17:53h)

KONTEXT

Zum Format ‚Exploration‘ siehe [*]

Wie im vorausgehenden Blog-Eintrag geschrieben, entstand der letzte Blog-Eintrag mit dem Thema „Homo Sapiens: empirische und nachhaltig-empirische Theorien, Emotionen, und Maschinen. Eine Skizze“ [1] als Redeentwurf für die Konferenz „KI – Text und Geltung. Wie verändern KI-Textgeneratoren wissenschaftliche Diskurse?“ [2] Aufgrund des engen Zeitrahmens (20 Min für den Vortrag) war dieser Text sehr komprimiert. Trotz der Kürze enthält der komprimierte Text aber sehr viele Hinweise auf grundlegende Sachverhalte. Einer davon soll hier kurz aufgegriffen werden.

Anmerkung: Eine Englische Version dieses Beitrags findet sich unter : https://www.uffmm.org/2023/08/28/state-change-from-non-writing-to-writing-working-with-chatgpt4-in-parallel/ . Zusätzlich gibt es in der Englischen Version ein Experiment insofern als das Thema des Posts unabhängig vom ersten Post mit chatGPT4 parallel bearbeitet worden ist. Zwar lassen sich die Voraussetzungen des ursprünglichen Artikels nicht einfach auf den Dialog mit chatGPT4 übertragen, aber man kann dennoch ein gewisses Gefühl dafür entwickeln, wo einerseits die Stärken von chatGPT4 liegen, andererseits aber auch die Schwächen. Für ‚authentisches‘ Schreiben ist eine Ersetzung durch chatGPT4 keine Option, aber eine ‚Kooperation‘ zwischen ‚authentischem‘ Schreiben und chatGPT erscheint möglich und in manchen Kontexten sicher sogar fruchtbar.

Lokalisierung im Text des Vortrags

Einen ersten Hinweis findet man in dem Abschnitt überschrieben mit „ZUKUNFT UND EMOTIONEN“ sowie dann in dem Abschnitt „NACHHALTIGE EMPIRISCHE THEORIE„.

In diesen Textabschnitten wird darauf aufmerksam gemacht, dass jeder expliziten Weltsicht eine Phase des ‚Entstehens‘ dieser Weltsicht vorausgeht, in der es einen charakteristischen ‚Übergang‘ gibt zwischen dem ‚Ergebnis‘ in Form eines möglichen Textes und einem vorausgehenden Zustand, in dem dieser Text noch nicht ‚da‘ ist. Natürlich gibt es in dieser ‚Vor-Text-Phase‘ — entsprechend den Annahmen im Abschnitt „BEDEUTUNG“ — viele Wissenstatbestände und Emotionen im ‚Gehirn des Autors‘, die allesamt ’nicht bewusst‘ sind, von denen aber die möglichen Auswirkungen in Form eines Textes ausgehen. Wie genau von diesem ‚vor-bewussten‘ Wissen und den Emotionen ‚Wirkung‘ ausgehen soll, ist weitgehend unklar.

Aus dem Alltag wissen wir, dass externe Ereignisse ‚Wahrnehmungen‘ auslösen können, die wiederum als ‚Auslöser‘ die unterschiedlichsten Reaktionen ‚anregen‘ können. Sieht man von solchen Reaktionen ab, die aufgrund häufiger Praxis in unserem Gehirn ‚vorgespurt‘ sind und die dann fast immer ‚automatisch‘ hervorgerufen werden, ist es in der Regel kaum voraussagbar, ob und wie wir reagieren.

Vom Nicht-Handeln zum Handeln

Dieser potentielle Übergang vom Nicht-Handeln zum Handeln ist im Alltag allgegenwärtig. Als solcher fällt er uns normalerweise nicht auf. In besonderen Situationen, dort, wo wir explizit zu Entscheidungen herausgefordert werden, befinden wir uns dann aber plötzlich in einem quasi ‚undefiniertem Zustand‘: die Situation erscheint uns so, als ob wir uns entscheiden sollen. Sollen wir überhaupt etwas tun (etwas Essen oder nicht)? Welche Option ist wichtiger (Zur geplanten Sitzung hingehen oder doch lieber eine bestimmte Aufgabe zu Ende bringen)? Wir wollen einen Plan umsetzen, aber welche der vielen Optionen sollen wir ‚auswählen‘ (… es gibt mindestens drei Alternativen; alle haben Pros und Cons)? Die Entscheidung für eine als hoch favorisierte Option würde erhebliche Änderungen in der eigenen Lebenssituation mit sich bringen; will ich dies wirklich? Wäre es dies wert? Die Art der Herausforderungen ist so vielfältig wie das alltägliche Leben in den unterschiedlichsten Bereichen.

Was ist wichtig, wichtiger?

Sobald vor dem ‚geistigen Auge‘ eine oder mehr als eine Option möglich erscheint, fragt man sich unwillkürlich, wie ‚ernst‘ soll man die Optionen nehmen? Gibt es Argumente dafür oder dagegen? Sind die Gründe ‚glaubwürdig‘? Welche ‚Risiken‘ verbinden sich damit? Was kann ich als ‚positiven Mehrwert‘ erwarten? Welche Veränderungen für meine ‚persönliche Situation‘ sind damit verbunden? Was bedeutet dies für mein ‚Umfeld‘? …

Was mache ich, wenn die ‚erkennbaren‘ (‚rationalen‘) Optionen kein klares Resultat liefern, es meinem ‚Lebensgefühl‘, ‚mir‘, ‚widerspricht‘ und ich es ’spontan‘ ablehne, es spontan ’nicht will‘, es diverse ’starke Gefühle‘ auslöst, die mich möglicherweise ‚überwältigen‘ (Wut, Angst, Enttäuschung, Trauer, …)? …

Der Übergang vom Nicht-Handeln zum Handeln kann eine Vielzahl von ‚rationalen‘ und ‚emotionalen‘ Aspekten ‚aktivieren‘, die sich gegenseitig beeinflussen können — und meistens tatsächlich beeinflussen –, bis dahin, dass man in einem ‚Knäuel‘ von Überlegungen und Emotionen verstrickt eine ‚Hilflosigkeit‘ erlebt: man hat das Gefühl, dass man ‚festhängt‘, eine ‚klare Lösung‘ erscheint fern. …

Falls man ‚abwarten‘ kann (Stunden, Tage, Wochen, …) und/oder man die Gelegenheit hat, mit anderen Menschen darüber zu sprechen, dann kann dies oft — nicht immer — die Situation soweit klären, dass man zu wissen meint, was man ‚jetzt will‘. Doch solche ‚Klärungen‘ schaffen in der Regel die ‚Herausforderung einer ‚Entscheidung‘ nicht aus dem Weg. Außerdem ist die ‚Flucht‘ in das ‚Verdrängen‘ der Situation immer eine Option; manchmal hilft es; wenn es nicht hilft, dann wird durch das ‚Verdrängen‘ die ‚alltägliche‘ Situation schlimmer, ganz abgesehen davon, dass ‚ungelöste Problemstellungen‘ ja nicht ‚verschwinden‘, sondern ‚im Innern‘ weiter leben und dort auf vielfache Weise ’spezielle Wirkungen‘ entfalten können, die sehr ‚destruktiv‘ sind.

Wiedergeburt?

Die Vielfalt der möglichen — emotionalen wie rationalen — Aspekte des Übergangs vom Nicht-Handeln zum Handeln sind faszinierend, aber möglicherweise noch faszinierender ist der grundsätzliche Vorgang selbst: zu jedem Zeitpunkt lebt jeder Mensch in einer bestimmten Alltags-Situation mit einer Vielzahl von schon gemachten Erfahrungen, eine Mischung von ‚rationalen Erklärungen‘ und ‚emotionalen Zuständen‘. Und, je nach Beschaffenheit des Alltags, kann man sich ‚dahin treiben lassen‘ oder man muss täglich ‚anstrengende Tätigkeiten‘ wahrnehmen, um die Situation des Alltags zu erhalten; in anderen Fällen muss beständig real um den Fortbestand im Alltag ‚kämpfen‘. Man erfährt hierin dass die ‚Gegebenheiten des Alltags‘ dem einzelnen weitgehend vorgegeben sind und man kann diese nur begrenzt und mit einem entsprechenden ‚Aufwand‘ ändern.

Externe Ereignisse (Feuer, Wasser, Gewalt, Krieg, Dürre, Unfall, Lebensformen einer Community, Arbeitsplatz, Firmenpolitik,Krankheiten, Altern, …) können natürlich ‚gegen den eigenen Willen‘ den persönlichen Alltag stark beeinflussen, aber letztlich bleibt eine grundlegende Autonomie des Entscheidens im einzelnen erhalten: man kann im nächsten Moment anders entscheiden als bisher, auch ohne dass einem in diesem Moment selbst ganz klar ist, ‚warum‘ man es tut. Ob man dieses ‚Nicht-Erklären-Können‘ dann ‚Bauchgefühl‘ nennt oder ‚Intuition‘ oder … alle diese Worte umschreiben nur ein ‚Nicht-Wissen‘ über die Prozesse ‚in uns‘, die stattfinden, und uns ‚motivieren‘. Und selbst wenn man eine ’sprachliche Erklärung‘ verfügbar hat, muss dies nicht bedeuten, das sich mit diesen Worten auch eine ‚klare Einsicht‘ verbindet. Der Anteil der ‚vorbewussten/ unbewussten‘ ‚inneren Prozesse‘ ist hoch und letztlich sind diese nicht ‚aus sich heraus‘ erklärbar: sie finden statt, bewegen uns, und wir ’setzen sie um‘.

Ja, in jedem Moment können wir uns ‚wie gewohnt‘ verhalten und darin die Welt ‚erhalten‘ (oder dadurch daran hindern, anders zu werden?). Wir können aber auch mal vom Gewohnten ‚abweichen‘ (und dadurch etwas ‚zerstören‘ oder etwas ‚Neues ermöglichen?). Insgesamt bleibt der ‚Raum des Inneren‘ dabei weitgehend ‚unerhellt‘. Wir verstehen kaum bis gar nicht, warum wir dies tun; dies verlangt Vertrauen in uns und die Situation. Ist der Unterschied zur ‚ursprünglichen Geburt‘ nur graduell? Befinden wir uns in einem anhaltenden Geburtsprozess der beständig den Aufbau von etwas ‚Neuem‘ ermöglicht, ‚Leben‘ unterstützen kann oder auch ’schwächen‘?

ANMERKUNGEN

[*] Das Format ‚Exploration‘ wird ab jetzt in dem Blog neu eingeführt, da es vielfach die Situation gibt, dass der Autor an der Übergangsstelle von ‚Nicht-Handeln zu Handeln‘, von ‚Nicht-Schreiben zu Schreiben‘ ausprobiert, welche emotionalen und rationalen ‚Reaktionen‘ aus dem ‚Inneren‘ für eine bestimmte Frage/ eine bestimmte Idee ’spontan‘ verfügbar sind. Dies ist zu unterscheiden von einer ’systematischen Ausarbeitung‘ eines Gedankens, obgleich der Einfluss des ‚Inneren‘ natürlich nie ganz ausgeklammert werden. Der ‚Unterschied‘ zwischen ‚explorativem‘ und ’systematischem‘ Schreiben habt darauf ab, dass beim systematischen Schreiben versucht wird, die ‚rationale Dimension‘ des Gedankens in den Vordergrund zu stellen.

[1] https://www.cognitiveagent.org/2023/08/24/homo-sapiens-empirische-und-nachhaltig-empirische-theorien-emotionen-und-maschinen-eine-skizze/ .

[2] https://zevedi.de/themen/ki-text/

DER AUTOR

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.