DAS NEUE ALS PROBLEM DER WAHRHEIT – Zwischenbemerkung

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Überblick

Im Spannungsfeld zwischen intelligenten Maschinen und dem Menschen entwickelt sich das Bild vom Menschen in jede Richtung als atemberaubend. Hier eine kurze Werkstattnotiz beim Versuch, dies alles weiter zu denken. Hier der Punkt ’Wahrheit und Neues’.

           II. KONTEXT

Seit einiger Zeit fokussieren sich die Themen bei cagent ja auf die beiden Pole intelligente Maschinen einerseits und Menschenbild andererseits. Beides beeinflusst sich im täglichen Leben gegenseitig.

Während die Position der ’intelligenten Maschinen’ trotz aller methodischen Probleme der aktuellen Künstlichen Intelligenz Forschung – letztlich leicht abgrenzbar und überschaubar ist [(1) Anmerkung: Im Grundsätzlichen, nicht was die schier unübersehbare Fülle der Publikationen betrifft, einschließlich der Software.], erweist sich dasThema Menschenbild als umso differenzierter und komplexer, je mehr man hinschaut.

Das eine Segment des Menschenbildes repräsentieren die neuen empirischen Erkenntnisse innerhalb der Disziplinen Psychologie, Biologie (inklusive Gehirnforschung), Molekularbiologie, und Astrobiologie. Ein anderes Segment repräsentieren die Wissenschaften zum Verhalten des Menschen in historisch-kultureller Sicht. Zur Kultur rechne ich hier auch Formen des Wirtschaftens (Ökonomie), Formen der Technologie, Formen politischer Strukturen, Formen des Rechts, usw.

Sowohl die empirischen Disziplinen haben unser Wissen um den Menschen als Teil des biologischen Lebens explodieren lassen, aber auch die historisch-kulturellen Erkenntnisse. Das Eigenschaftswort atemberaubend’ ist eigentlich noch eine Untertreibung für das Gesamtbild, das sich hier andeutet.

Was bislang aber nicht – noch nicht – stattfindet, das ist eine Verknüpfung der empirischen Erkenntnisse mit den historisch-kulturellen Einsichten. Für diese Trennung gibt es sicher viele Gründe, aber letztlich kann es keine wirkliche Rechtfertigung für diese anhaltende Spaltung des Denkens geben. Das historisch-kulturelle Phänomen mit dem homo sapiens als Kernakteur ist letztlich nur möglich und verstehbar unter Voraussetzung  der empirisch erkannten Strukturen und – das wird mit dem Wort von der ’Koevolution’ bislang nur sehr schwach thematisiert – die im Historisch-Kulturellen auftretenden Phänomene sind nicht nur irgendwie Teile der biologischen Evolution’, sondern sie sind wesentliches Moment an dieser. Von daher erscheint jeder Versuch, von biologischer Evolution zu sprechen, ohne das Historisch-Kulturelle einzubeziehen, im Ansatz als  ein methodischer Fehler.

In einem längeren Artikel für ein deutschlandweites Presseorgan hatte cagent versuchsweise das Verhältnis zwischen dem Konzept der ’Künstlichen Intelligenz’ und dem ’Glauben an Gott’ ausgelotet [(2) Anmerkung: Demnächst auch hier im Blog in einer erweiterten Fassung.]  Der Begriff Glaube an Gott’ ist natürlich vom Ansatz her vieldeutig, vielschichtig, abhängig vom jeweiligen Betrachter, seinem Ort, seiner Zeit. In dem Beitrag hat cagent das Thema ’Glauben an Gott’ am Beispiel der jüdisch-christlichen Überlieferungsbasis, der Bibel, diskutiert [(3) Anmerkung: Beispiele für Übersetzungen sind einmal die deutsche ökumenische Einheitsübersetzung [BB81], die griechische Version des Alten Testamentes bekannt als Septuaginta (LXX) [Rah35], sowie eine Ausgabe in hebräischer Sprache [KKAE66]. Es gibt auch noch die berühmte lateinische Ausgabe bekannt als ’Vulgata’ [Tvv05] (Als online-Ausgabe hier http://www.wilbourhall.org/pdfs/vulgate.pdf).]

Da die Bibel selbst eine Art ’Überlieferungsmonster’ darstellt, das sich aus einer viele Jahrhunderte andauernden mündlichen Überlieferungsphase speist, die dann ca. zwischen -700 und +200 verschriftlicht wurde, um dann weitere Jahrhunderte zu brauchen, um zu fixierten Textsammlungen zu führen [(4) Anmerkung: Siehe dazu z.B. [ZO98].]  konnte die Diskussion natürlich nur exemplarisch geführt werden. Dazu bot sich das erste Buch des alten Testaments an, das als Buch ’Genesis’ bekannt ist. In den ersten 11 Kapiteln trifft der Leser auf eine Textfolge, die offensichtlich vorschriftliche Traditionsquellen verarbeitet haben. Das Besondere an den Stoffen ist ihre globale Sicht: es geht um die Welt als ganze, um die Menschheit, um ein sehr ursprüngliches Verhältnis der Menschen zu einem X genannt ’Gott’, und diese Stoffe finden sich in ganz vielen Kulturen des mittleren Ostens, Afrikas, und Indiens. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird weitere Forschung noch mehr Parallelen in noch vielen anderen Kulturen finden (oder hat sie bereits gefunden; cagent ist kein Spezialist für vergleichende Kulturgeschichte).

Was sich unter dem Strich in all diesen wunderbaren Zeugnissen menschlichen Handelns, Verstehens und Schreibens zeigt, das ist das Ringen des Menschen, seine jeweils aktuelle Sichten der Welt mit all der aufbrechenden Vielfalt des Lebens irgendwie zu versöhnen’. Dies führt zu der angekündigten Zwischenbemerkung.

II. WAHRHEIT UND NEUES

Im Zeitalter der Fake-News kann man den Eindruck gewinnen, dass ein Begriff wie Wahrheit sehr ausgehöhlt wirkt und von daher weder die Rolle von Wahrheit noch die mit der Wahrheit einhergehende Dramatik  überhaupt wahrgenommen,  geschweige denn erkannt wird.

Es gibt viele Gründe in der Gegenwart, warum selbst angestammte Bereiche der Wahrheit wie die empirischen Wissenschaften Erosionserscheinungen aufweisen; von anderen Bereichen ganz zu schweigen. Dennoch können all diese Verformungen und Entartungen nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass – selbst wenn traditionelle Wahrheits-Begriffe möglicherweise korrigiert, adjustiert werden müssen (im öffentlichen Bewusstsein) die grundlegenden Sachverhalte der Übereinstimmung unseres virtuellen Denkens mit einer jenseits dieses Denkens unterstellten objektiven Wirklichkeit weiterhin von grundlegender Bedeutung und lebenswichtig sind.

Jenseits aller allgemein philosophischen und speziell wissenschaftsphilosophischen Überlegungen zu Wahrheit’ weiß jeder einzelne, dass er in seinem Alltag nicht weit kommt, wenn das, was er persönlich von der Welt zu wissen glaubt, nicht zutrifft. Nach dem Aufwachen folgen viele, viele Stunden von Verhaltensweisen, die sich beständig dadurch speisen, dass man Wissen über eine Welt hat, die sich in den konkreten Handlungen dann auch bestätigen. Das ist unser primärer, alltäglicher Wahrheitsbegriff: Es verhält sich im Handeln so, wie wir in unserem Denken annehmen.

Zu dieser Alltagserfahrung gehört auch, dass wir uns manchmal irren: wir haben im Kopf einen Termin, der aber z.B. Tage, Zeiten, Orte verwechselt. Wir wollen einen Gegenstand mitnehmen, und er ist nicht dort, wo wir ihn erinnern. Wir fahren einen Weg, und stellen plötzlich fest, wir sind an einem Ort, der nicht wirklich zu unserer Zielvorstellung passt; usw.

Alle diese Irrtumserfahrungen lassen uns aber nicht grundsätzlich an unserer Fähigkeit zweifeln, dass wir ein handlungstaugliches Bild von der Welt haben können. Dieses Bild, sofern es funktioniert, nennen wir wahr.

Von anderen Menschen erfahren wir gelegentlich, dass sie die Orientierung im Alltag verloren haben. Ärzte sagen uns, dass diese Menschen ’krank’ seien, dass ihre Psyche oder/ und ihr Gehirn beschädigt sei. Das haken wir dann ab als mögliche Störungen, die vorkommen können; das tangiert dann aber nicht unbedingt unsere eigene Überzeugung, dass wir Wahrheitsfähig sind.

Hier gibt es nun einen (natürlich gäbe es sehr viele) interessanten Punkt: wenn wir die Wahrheit über die Handlungstauglichkeit definieren, die eine Art von Übereinstimmung zwischen Wissen/ Denken und der erfahrbaren Welt (einschließlich des eigenen Körpers) beinhaltet, wie gehen wir dann mit Neuem um?

Neues’ definiert sich ja gerade dadurch, dass es mit dem bisher Bekannten nichts oder nur wenig zu tun hat. Wirklich ’Neues’ lässt ein Stück Wirklichkeit aufbrechen, das wir so bislang nicht kennen.

Historisch und psychologisch können wir bei uns Menschen eine gewisse Tendenz erkennen, uns eher im Bekannten einzurichten, da dies überschaubar und berechenbar ist. Je mehr Vorteile ein Mensch aus einer bestimmten gegebenen Situation zieht, je mehr Sicherheit er mit ihr verbindet, umso weniger ist der Mensch geneigt, die Situation zu verändern oder sie zu verlassen. Je schlechter es Menschen geht, umso eher sind sie bereit, das Bekannte zu verlassen, denn es kann möglicherweise nur noch besser werden. Aber auch die Wissenschaft kennt solche Beharrungstendenzen. In allen Bereichen findet man eine große Zähigkeit, erworbene Anschauungen über Jahrhunderte zu tradieren, auch wenn schon längst klar ist, dass diese Anschauungen ’vorne und hinten’ nicht so wirklich passen. Im Grunde genommen ist die gesamte Geschichte eine Geschichte des Kampfes zwischen den beharrenden Anschauungen und den Abweichlern’ (politisch, moralisch, religiös, künstlerisch, )

Wenn man sich dann klar macht, dass das biologische Leben (soweit wir es heute verstehen können) im innersten Kern einen Generator für Neues fest eingebaut hat, wenn wir wissen, wie jedes einzelne Lebewesen über Zeugung, Geburt, älter werden, Sterben kontinuierlichen Wandlungsprozessen unterworfen ist; wenn wir wissen, dass die Erde, auf der wir leben, beständig massiven Veränderungen unterliegt, dazu das Sonnensystem, unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße, das ganze bekannte Universum, … dann müsste eigentlich klar sein, dass das Neue eigentlich der wichtigste Rohstoff des Wissens und des Handelns und aller kulturellen Systeme sein müsste. Genau das Gegenteil scheint aber bislang der Fall zu sein. Firmen kennen zwar das Problem der Innovation, um am Markt überleben zu können; im militärischen Bereich gibt es einen Innovationsdruck aufgrund unterstellter (oder auch realer) Konkurrenz um die Macht; die Unterhaltungsindustrie kommt nicht ohne Innovationen aus; und dennoch, die offizielle Kultur, die offiziellen Erziehungsprozesse sind nicht auf eine Kultur des Neuen ausgerichtet. Offizielle Literatur verdaut Vergangenheit, Gegenwart und Unmengen an subjektiven Gefühlen, nur in den kulturell eher immer noch geächteten Science- Fiction Werken blitzt Neues auf, Verarbeitung möglicher Zukunft, Auseinandersetzung zwischen Heute und Morgen, Auseinandersetzung zwischen Natur, Technik und Geist.

In einem vorausgehenden Eintrag   hatte cagent über Offenbarung geschrieben, nicht als Kategorie der Religionen, sondern vorab zu allen Religionen als Grundkategorie des menschlichen In-Der-Welt-Seins. Das hier angesprochene Neue ist ein Aspekt dieser grundlegenden Kategorie der Offenbarung als Weise, wie wir Menschen uns in dieser Welt vorfinden. Wir sind in jedem Moment vollständig in jeder Hinsicht einer Wirklichkeit ausgesetzt, die uns in jeder Hinsicht übersteigt in ihren Möglichkeiten. Unser Körper ist Teil dieser vorfindlichen Wirklichkeit und wer kann behaupten, dass wir die 5-10 Billionen (10^12) Zellen eines einzelnen homo-sapiens-Körpers wirklich verstehen? Unser Gehirn ist Teil davon und wer kann schon behaupten, er verstehe sein eigenes Gehirn, geschweige denn sein eigenes Denken? Und dies ist ja nur ein winziger Bruchteil jener Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden.

Wer das Neue scheut, ist im realen Leben noch nicht angekommen. Was aus all dem folgt, ist natürlich entsprechend offen. Das mag niemand, es sei denn …

QUELLEN

  • [BB81] Katholisches Bibelwerk and Deutsche Bibelgesellschaft. Die Heilige Schrift. Einheitsübersetzung. Verlag Katholisches Bibelwerk & Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1981.
  • [KKAE66] Rudolg Kittel, P. Kahle, A. Alt, and O. Eissfeldt. Biblia Hebraica. Würthembergische Bibelanstalt, Stuttgart, 7.Aufl., 1966.
  • [Rah35] Alfred Rahlfs. Septuaginta. Würthembergische Bibelanstalt, Stuttgart, 9.Aufl., 1935.
  • [Tvv05] Michaele Tvveedale, editor. BIBLIA SACRA JUXTA VULGATAM CLEMENTINAM. Bishops’ Conference of England and Wales, London (UK), Elektronische Ausgabe, 2005.
  • [ZO98] Erich Zenger et.al.. Einleitung in das Alte Testament. W.Kohlhammer, Stuttgart, 3.Aufl., 1998.

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REDAKTIONELLES – NEUE AUTOREN – THEMENFELDER – KRITERIEN

NEUER AUTOR

1. Aus Anlass eines neuen Autors, der sich aus eigener Initiative in den Diskurs in diesem Blog eingebracht hat, hier einige Bemerkungen, wie sich der Blog aus redaktioneller Hinsicht sieht.

BLICKRICHTUNG DES BLOGS

2. Die Blickrichtung des Blogs ist die der Philosophie auf das Spannungsfeld zwischen dem homo sapiens und der vom Menschen initiierten Kultur und Technik, speziell der Technologie der intelligenten Maschinen. Welche Zukunft hat der homo sapiens auf der Erde, im bekannten Universum, und speziell im Wechselspiel mit den intelligenten Maschinen? Wie müssen wir, die wir Exemplare der Lebensform homo sapiens sind, uns selbst sehen? Welche Bilder beschreiben uns angemessen, welche nicht?

EMPIRISCHE ERKENNTNISQUELLEN

3. Antworten auf diese Fragen bieten nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen, die es zur Zeit gibt. Allerdings ist eine wissenschaftliche Disziplin – wenn sie sich denn wirklich als empirische Wissenschaft versteht – rein methodisch an eine eingeschränkte Sicht auf die Wirklichkeit unter Anwendung ganz bestimmter Methoden gebunden. Dies hat viele Vorteile, aber auch Nachteile. Die Nachteile bestehen darin, dass die erfahrbare Welt als solche eine Einheit bildet, die in sich unfassbar verwoben ist. Die einzelnen Disziplinen können aber nur Fragmente liefern. Dies reicht heute immer weniger. Mit dem immer weiteren Voranschreiten der einzelnen Disziplinen brauchen wir immer dringender auch Blicke auf Zusammenhänge.

INTERDISZIPLINARITÄT IST EIN FAKE

4. Hier gibt es das Zauberwort von der Interdisziplinarität: verschiedene Disziplinen arbeiten gemeinsam an einer Problemstellung. Aus der Nähe betrachtet ist dies aber nur eine Scheinlösung. Wenn Vertreter aus mehreren Einzeldisziplinen A, B, C aufeinandertreffen, entsteht nicht automatisch eine integrierte Sicht V(A,B,C), in der von einem höheren Reflexionsniveau auf diese Einzeldisziplinen geschaut wird. In der Praxis gibt es erst einmal drei Sichten A, B, C, jeder redet auf den anderen ein und hofft, der andere versteht, was man sagt. Das funktioniert aber im Normalfall nicht. Es gibt viel Verwirrung und Frustration und man ist froh, wenn man wieder für sich alleine weiter arbeiten kann. Wenn es dann doch irgendwo leidlich funktioniert, dann nur deswegen, weil die Beteiligten über besonders gute empathische Fähigkeiten verfügen, sich besonders viel Zeit nehmen, die anderen Positionen zu verstehen, und wenigstens eine(r) dabei ist, der irgendwie übergeordnete Gesichtspunkte formulieren kann, ad hoc.

NORMIERTE VORGEHENSMODELLE

5. In der Industrie funktioniert dies nur dann, wenn sich alle auf ein gemeinsames Vorgehensmodell geeinigt haben, das auf allen Ebenen Vorgehensweisen und Ausdrucksmittel normiert hat. Diese Vorgehensmodelle (z.B. in der Art des Systems Engineerings im englischsprachigen Raum) funktionieren aber nur, wenn es Menschen gibt, die 20 – 30 Jahre Berufserfahrung haben, um die Methoden und Begrifflichkeiten zu verstehen, und selbst dann ist das gemeinsame Verständnis sehr fragil: die Verrechnung der komplexen Wirklichkeit in begrifflich normierte Modelle kann aus verschiedenen Gründen nicht funktionieren. Aber die Industrie hat hier in der Regel keine Wahl: sie muss liefern und kann sich nicht auf philosophische Dispute einlassen.

ALTERNATIVE BLOG

6. In diesem Blog ist das anders: der Blog muss nicht liefern. Wir leisten uns hier den Luxus, Fragen als Fragen zuzulassen, und wir erlauben uns, eine Suche zu starten, wenn gesucht werden muss. Die Erfahrung des Scheiterns ist mindestens so wertvoll wie scheinbare Lösungen. Hier muss keine herrschende Meinung bedient werden.
7. Hier geht es nicht um dumpfe Interdisziplinarität, sondern um eine offene philosophische Reflexion auf die Unterschiede der einzelnen Disziplinen und die Frage, wie man die verschiedenen Sichten zusammen bringen könnte. Zeitschriften für einzelwissenschaftliche Höchstleistungen gibt es genug. Hier geht es um die Reflexion auf die einzelwissenschaftliche Leistung und die Frage, wie stehen z.B. biologische, psychologische und soziologische Ergebnisse in einem Zusammenhang? Wie soll man den homo sapiens verstehen, der molekularbiologisch aus kleinen chemischen Maschinen, den Zellen besteht, die sich aber aus Molekülen erst entwickeln mussten, und dann eine wahnwitzige Entwicklungsgeschichte von 3.8 Mrd Jahren bis zu einer Lebensform, die u.a. über die Fähigkeit verfügt, Zeit wahrnehmen zu können, abstrakte Strukturen denken kann, das sich mittels banaler physikalischer Ereignisse (Schall) koordinieren kann, Kultur hervorbringt, Technik? Wie soll man die Fähigkeit des Denkens beschreiben, die neuronale Korrelate zu haben scheint, zugleich aber nur introspektiv direkt erfahrbar ist? Usw.

EUROPÄISCHES SCHISMA

8. Leider gab es in der Kulturgeschichte Europas eine folgenschwere Trennung der Art, dass sich die neu aufkommenden empirischen Wissenschaften in hunderten von Jahren von der Philosophie getrennt haben und auch umgekehrt, die Philosophie diese Trennung mit kultiviert hat, anstatt in den aufkommenden empirischen Wissenschaften die großartige Chance zu sehen, die ihre oft faktenleeren aber methodisch umfassenden Reflexionen unter Einbeziehung der empirischen Wissenschaften anzureichern. Leider gehört es bei vielen sogenannten Philosophen immer noch zum guten Ton, auf die empirischen Disziplinen als geistloses Treiben herab zu schauen; dabei übersehen die Philosophen, dass es genau ihr Job wäre, die fantastischen Ergebnisse der Einzeldisziplinen aufzugreifen, ‚beim Wort zu nehmen‘, und sie in leistungsfähige begriffliche Systeme einzuordnen, die in der Lage wären, diese Vielfalt in einer begründeten Einheit zum Leuchten zu bringen.
9. Die sogenannte Interdisziplinarität ist vor diesem Hintergrund ein andauerndes Ärgernis: es wird so getan, als ob das Zusammensperren von verschiedenen Experten in einen Raum automatisch eine begründete Zusammenschau liefern würde. Eine Unzahl von Forschungsprojekten mit EU-Geldern, in denen Interdisziplinarität erzwungen wird ohne dass man den methodischen und diskursiven Raum mit liefert, ohne dass die Beteiligten eine entsprechende Ausbildung haben, kann davon milliardenschwer künden.

ANDERE UNIVERSITÄTEN

10. Was wir bräuchten wären Universitäten, in denen jeder Studierende einer Einzelwissenschaft grundsätzlich auch lernt, wie man im Rahmen einer Wissenschaftsphilosophie das Vorgehen und das Reden einzelner Disziplinen in einen denkerisch begründeten Zusammenhang einordnen und bewerten kann. Dies würde voraussetzen, dass es Professoren gibt, die über diese Fähigkeiten verfügen und über Lehrpläne, in denen dies vorgesehen ist. Beides gibt es nicht. Der normale Professor an deutschen Universitäten hat von wissenschaftsphilosophischen Konzepten noch nie etwas gehört und aufgrund eines sehr eingeschränkten Effiziensdenkens (und einer leider immer schlimmer werden Konkurrenz um finanzielle Mittel) im universitären Bereich sind solche Lernprozesse nicht vorgesehen. Es ist auch nicht absehbar, dass sich dies in den nächsten 10-20 Jahren grundlegend ändern würde. Dazu müsste es Professoren geben, die das selbst lernen, aber wer soll sie ausbilden?

DER BLOG

11. Dieser Blog steht angesichts der allgemeinen universitären Situation mit seinem Anliegen daher eher alleine dar. Autoren, die einzelwissenschaftliche Erkenntnisse (z.B. in der eigenen Disziplin) in einem größeren Zusammenhang reflektieren, sind wunderbare Ausnahmen. Solche Autoren sind hier willkommen.
12. Mit dem Autor hardbern hat ein weiterer Autor den Mut, den dringend notwendigen Diskurs über den homo sapiens und seine Zukunft auf zu nehmen. Es wäre schön, wenn es weitere solche Autoren geben würde. Natürlich wird sich damit auch der Diskurs außerhalb des Blogs in Form von direkten Gesprächen, Vortragsdiskussionen, Workshops und ähnlichen weiter ausbilden.
13. Der Initiator dieses Blogs, cagent, ist seit 1.April 2017 emeritiert. Dies bietet die Möglichkeit, den Blog nicht nur neben einem vollen Arbeitsprogramm zu betreiben, sondern sich den Inhalten und potentiellen Autoren intensiver zu widmen. Z.B. denkt er darüber nach, künftig gezielt verschiedene ausgewiesene Experten zu den Fragen des Blogs direkt anzusprechen. Philosopisch-wissenschaftliches Denken lebt von der den Menschen eigenen Neugierde, zu verstehen, weil man verstehen will. Es geht nicht um Geld oder Ehre, es geht wirklich um die wahren Bilder der Welt, nicht als einzelwissenschaftliche Splitter, sondern als durch Denken vermittelter Zusammenhang von allem. Wenn das Wissen stirbt, versinken wir im Dunkel.

EARTH 2117 – ERDE 2117 – Erste Gedanken – Simupedia für alle?

KONTEXT

  1. Wie man als Leser des Blogs bemerken kann, fokussiert sich der Blog zur Zeit hauptsächlich auf drei Themenfelder: (i) Die Frage nach der technischen Superintelligenz (TSI); (ii) die Frage nach dem, was der Mensch ist bzw. werden kann, mit der speziellen Teilfrage nach der mystischen Erfahrung (gibt es die? Was sagt dies über den Menschen und die Welt?); sowie (iii) die Frage nach dem möglichen Zustand der Erde im Jahr 2117. Die Zahl 2117 ergab sich u.a. aus den aktuellen Prognosen, zu welchem Zeitpunkt Experten das Auftreten einer technischen Superintelligenz für hoch wahrscheinlich halten. Zu diesen drei Themenfeldern kommen dann noch die möglichen Wechselwirkungen zwischen (i), (ii) und (iii). Andere Themen sind grundsätzlich nicht ausgeschlossen, sind aber bis auf weiteres Nebenthemen.

PROGNOSEN GENERELL

  1. Die Frage nach dem möglichen Zustand der Erde setzt voraus, dass wir den Zustand der Erde als veränderlich ansehen, dass es ein Jetzt gibt, und dass es im jeweiligen Jetzt die Möglichkeit gibt, dass sich Eigenschaften der Erde im Jetzt so verändern, dass es zu einem nachfolgenden Jetzt andere Eigenschaften gibt als beim vorausgehenden Jetzt.

DER MENSCH UND DIE ZEIT

  1. Auf Seiten des Menschen ist es die Erinnerungsfähigkeit, die den Menschen in die Lage versetzt, zwischen einem aktuellen Jetzt und einem vorausgehenden Jetzt zu unterscheiden. Auf Seiten des Menschen sind es weitere kognitive Fähigkeiten, die den Menschen in die Lage versetzen, am Wahrgenommenen und Erinnerten kognitive Eigenschaften zu erfassen (durch Abstrahieren, Klassifizieren, Vergleichen usw.) mit denen sich kognitiv Veränderungen identifizieren lassen. Mittels solcher identifizierten kognitiven Konzepten der Veränderung kann der Mensch von angenommenen (kognitiven) Zuständen auf mögliche (kognitive) Zustände mittels der angenommenen Veränderungskonzepte schließen. Der Mensch ist also grundsätzlich in der Lage, aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart mögliche Veränderungen zu erschließen, die dann wiederum genutzt werden können, mögliche Zukünfte zu denken.
  2. Natürlich hängt die Qualität solche Hochrechnungen entscheidend davon ab, wie wirklichkeitsnah die Erfahrungen aus der Vergangenheit sind, die Art der Erinnerungen, die möglichen Denkoperationen des Selektierens, Abstrahierens, Vergleichens usw. Wie gut mögliche Veränderungen erfasst wurden, einschließlich der möglichen Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Faktoren.

TECHNISCHE HILFSMITTEL: COMPUTER

  1. Wie der Gang der Wissenschaften und der Technologie uns zeigen kann, können solche möglichen Hochrechnungen deutlich verbessert werden, wenn der Mensch für diese (kognitiven) Denkleistungen als Hilfsmittel formalisierte Sprachen benutzt und Computer, die mittels Algorithmen bestimmte Denkoperationen des Menschen modellhaft nachvollziehen können. Statt also per Hand auf dem Papier umfangreiche Rechnungen viele tausend Male selbst vorzunehmen (wozu in der Realität dann sehr schnell einfach die Zeit und Arbeitskraft fehlt), schreibt man einen Algorithmus (= Programm, Software), der diese Rechnungen für das Arbeiten eines Computers übersetzt und die Maschine dann die Rechnungen automatisch (= maschinell) machen lässt.

BEGRIFF DER ZEIT

  1. Ein nicht unwesentlicher Faktor in diesen Überlegungen zu möglichen Zukünften ist der Begriff der Zeit.
  2. Der Begriff der Zeit ist viel schillernd und je nach Kontext kann er etwas ganz Verschiedenes bedeuten.
  3. Im Kontext des menschlichen Denkens haben wir die grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem aktuellen Jetzt und dem vorausgehenden Jetzt in Form von verfügbaren Erinnerungen. Dazu kommen dann mögliche Jetzte aufgrund der Möglichkeit, im (kognitiven) Denken mittels dem (kognitiven) Konzept von Veränderung, aus der Vergangenheit und der Gegenwart denkbare (= mögliche) neue Zustände zu berechnen (zu denken, vorzustellen, …). Im Denken sind diese möglichen Zustände rein gedacht (virtuell), aber, sofern sie genügend nahe an der empirischen Wirklichkeit sind, könnten diese möglichen Zustände real werden, d.h. Zu einem neuen aktuellen Jetzt.

UHREN-MASCHINEN

  1. Um das Reden über diese unterschiedliche Formen von Jetzten zu vereinfachen, wurde sehr früh das Hilfsmittel der Uhr eingeführt: die Uhr ist eine Maschine, die periodisch Uhren-Ereignisse erzeugt, denen man Zahlzeichen zuordnen kann, also z.B. 1, 2, 3, … Es hat sich dann eingebürgert, ein Zeitsystem zu vereinbaren, bei dem man Jahre unterscheidet, darin 12 Monate, darin Wochen, darin 7 Wochentage, darin 24 Stunden pro Tag, darin 60 Minuten pro Stunde, darin 60 Sekunden pro Minute, und noch feinere Unterteilungen.
  2. Nimmt man an, dass eine Uhren-Maschine periodisch Sekunden erzeugt, dann würde jede Sekunde ein Ereignis angezeigt, dem dann nach 60 Sekunden eine Minute entsprechend würde, 60 Minuten dann eine Stunde, usw.
  3. Sofern man dann noch das praktische Problem lösen kann, wie die Uhren-Maschinen überall auf der Erde die gleiche Zeit anzeigen, und man einen gemeinsamen Referenzpunkt für den Beginn der Zeitrechnung hat, dann könnten alle Menschen nach der gleichen Zeitgebung leben.
  4. Unter Voraussetzung solcher einer Technologie der Zeiterzeugung könnte man dann abstrakt immer von definierten Zeitpunkten in diesem vereinbarten Zeitsystem sprechen.

(TECHNISCHE) SIMULATION

  1. Verfügt man über Computer und Zeit-Maschinen, dann kann man den Computer dazu nutzen, im Raum von definierten Zeitpunkten Hochrechnungen vorzunehmen. Man definiert Ausgangssituationen zu bestimmten Zeitpunkten (die Startzeit), man definiert angenommene mögliche Veränderungen in der Zeit, die man dann in Form eines Algorithmus aufschreibt, und dann lässt man den Computer für einen gewünschten Zeitraum ausrechnen, welche Veränderungen sich ergeben.
  2. Will man z.B. errechnen, wie sich die Bevölkerungszahl in einer bestimmten Population im Laufe von 10 Jahren berechnen, und man weiß aufgrund der Vergangenheit, wie hoch die durchschnittlichen Geburten- und Sterberaten für ein Jahr waren, dann kann man die Veränderungen von Jahr 1 zu Jahr 2 berechnen, dann wieder von Jahr 2 zu Jahr 3, usw. bis man das Zieljahr erreicht hat.
  3. Diese Rechnungen sind natürlich nur solange genau, wie sich die Geburten- und Sterberaten in diesem angenommenen Zeitraum nicht verändern. Wie wir aus der Geschichte wissen können, gibt es zahllose Faktoren, die auftreten können (Hunger, Krankheit, Kriege, …), die eine Veränderung mit sich bringen würden.
  4. Ferner sind Populationen immer seltener isoliert. Der Austausch zwischen Populationen nimmt heute immer mehr zu. Eine ganz normale Gemeinde im Kreis Offenbach (Land Hessen, Deutschland) kann z.B. eine Migrationsrate von 15% pro Jahr haben (Menschen die wegziehen oder herziehen), bei einer Geburtenrate von 0,7% und einer Sterberate von 0,8%. Die Größe einer Population hängt dann weniger vom Geborenwerden und Sterben ab, sondern von Standortfaktoren wie Verfügbarkeit von Arbeit, Höhe der Mietpreise, Verkehrsanbindung, Qualität der Schulen, ärztliche Versorgung usw.

DIE ERDE

  1. Will man nun die Erde als ganze betrachten, und hat man sowohl ein vereinbartes Zeitsystem zur Verfügung basierend auf einer gemeinsamen globalen Uhren-Technologie, wie auch Computer, die geeignete Algorithmen ausführen können, dann braucht man ’nur noch‘ (i) hinreichend gute Beschreibungen des Zustands der Erde jetzt, (Daten IST) (ii) von möglichst vielen Zuständen in der Vergangenheit (DATEN VORHER), und (iii) von möglichst allen wichtigen wirkenden Veränderungen zwischen diesen Zuständen (VREGELN). Unter der Annahme, dass alle diese Daten und Veränderungsregeln hinreichend realistisch sind, kann man dann Hochrechnungen für angenommene Zeiträume machen. In unserem Fall von 2017 bis 2117.
  2. Da schon das kleine Beispiel einer winzigen Gemeinde in Deutschland leicht erkennen lässt, wie fragil viele erkannten Veränderungsregeln sind, kann man vermuten, dass dies auf ein so komplexes System wie die ganze Erde sicher auch zutreffen wird.
  3. Betrachten wir ein paar (stark vereinfachte, idealisierte) Beispiele.
  4. Ganz allgemein gehen wir aus von einer globalen Veränderungsregel V_erde für die Erde, die den Zustand der Erde im Jahr 2017 (ERDE_2017) hochrechnen soll auf den Zustand der Erde im Jahr 2117 (ERDE_2117), als Abbildung geschrieben: V_erde : ERDE_2017 —> ERDE_2117.
  5. Der Zustand der Erde im Jahr 2017 (ERDE_2017) setzt sich zusammen aus einer ganzen Menge von Eigenschaften, die den Zustand charakterisieren. Abstrakt könnten wir sagen, die Erde besteht zu jedem Zeitpunkt aus einer Menge charakteristischer Eigenschaften Ei (ERDE_Zeit = <E1, E2, …, En>), und je nachdem, welche Veränderungen zwischen zwei Zeitpunkten stattgefunden haben, verändern sich in dieser Zeitspanne bestimmte Eigenschaften Ei.
  6. Beispiele für solche charakteristischen Eigenschaften Ei könnten sein das Klima (E_Klima), das wiederum selbst in unterscheidbare Eigenschaften zerfällt wie z.B. die durchschnittliche Sonneneinstrahlung, Beschaffenheit der Atmosphäre, Niederschlagsmenge, Wassertemperatur der Ozeane, Verdunstungsgrad des Wassers, usw. Zusammenhängend damit kann von Bedeutung sein die Bodenbeschaffenheit, verfügbare Anbauflächen, Pflanzenwachstum, mögliche Ernten, usw. Dazu wichtig die Verteilung der biologischen Populationen, deren Nahrungsbedarf, die Wechselwirkung zwischen Populationen und Pflanzenwachstum, usw. Hier fällt einem sofort auch die Frage der Lagerung von Nahrungsmitteln auf, deren Verarbeitung und Transport, deren Verteilung und deren Marktpreise.
  7. Schon diese sehr kleine Liste von Eigenschaften und angedeuteten Wechselwirkungen lassen erahnen, wie unterschiedlich mögliche Verläufe der Veränderungen in der Zukunft sein können. Von Heute aus gesehen gibt es also nie nur eine Zukunft, sondern sehr, sehr viele mögliche Zukünfte. Welche der vielen möglichen Zukünfte tatsächlich eintreten wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt auch vom Verhalten der Menschen selbst, also von uns, von jedem von uns. (An diesem Punkt lügt die deutsche Sprache! Sie spricht nur von einer Zukunft im Singular (in der Einzahl), in Wahrheit sind es sehr viele und wir können mit bewirken, welche der vielen Zukünfte eintreten wird).

WARUM ÜBER ZUKUNFT SPEKULIEREN?

  1. Angesichts so vieler Unwägbarkeiten hört man oft von Menschen (speziell auch von Politikern!), dass Versuche der Hochrechnungen (= Simulation) auf mögliche Zukünfte sinnlos seien; eine unnötige Verschwendung von Zeit und damit Ressourcen.
  2. Auf den ersten Blick mag dies tatsächlich so erscheinen. Aber nur auf den ersten Blick.
  3. Der Wert von solchen Modellrechnungen über mögliche Zukünfte liegt weniger im Detail der Endergebnisse, sondern im Erkenntniswert, der dadurch entsteht, dass man überhaupt versucht, wirkende Faktoren und deren Wechselwirkungen mit Blick auf mögliche Veränderungen zu erfassen.
  4. Wie oft hört man Klagen von Menschen und Politikern über mögliche gesellschaftliche Missstände (keine Maßnahmen gegen Autoabgase, falsche Finanzsysteme, falsche Verkehrspolitik, falsche Steuerpolitik, falsche Entwicklungspolitik, fragwürdige Arzneimittelmärkte, …). Vom Klagen alleine ändert sich aber nichts. Durch bloßes Klagen entsteht nicht automatisch ein besseres Verständnis der Zusammenhänge, der Wechselwirkungen. Durch bloßes Klagen gelangt man nicht zu verbesserten Modellvorstellungen, wie es denn überhaupt anders aussehen könnte.

SIMUPEDIA FÜR ALLE

  1. Was die Not zumindest ein wenig lindern könnte, das wären systematische (wissenschaftliche) Recherchen über alle Disziplinen hinweg, die in formalen Modellen aufbereitet werden und dann mittels Algorithmen getestet werden: Was wäre, wenn wir die Eigenschaften E1, …, En einfach mal ändern und hier und dort neue Wirkmechanismen (durch Bildung, durch Gesetze, …) ermöglichen würden? Das Ganze natürlich transparent, öffentlich nachvollziehbar, interaktiv für alle. Nicht nur ein ‚Wikipedia‘ der Texte, sondern zusätzlich  eine Art ‚Simupedia‘ der Simulationen für alle.

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NUR EIN SOUND MIT STIMME – ZEITALTER DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ – Prolog

Dies ist nur ein Sound mit einer Stimme:

Empfohlen: Guter Kopfhöer oder Soundanlage; entspannte Haltung wäre günstig, Augen geschlossen? Dauer ca.18 Min … Man muss aber nicht. Menschen müssen grundsätzlich nicht, sie können …

 

Fortsetzung (8.4.2017): Gedanken ohne Stimme

 

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DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – GEHEN WIR LOS…

Am 30.Dezember 2016 hatte ich einen Blogeintrag geschrieben, in dem  mich die Frage nach der Zukunft angesicht des einsetzenden Silvestertrubels und der unzähligen sogenannten Jahresrückblicke regelrecht angesprungen hatte. Der Blogeintrag stand unter dem Titel DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2047 – 2077 – 2107  . Das Thema beschäftigt mich aber offensichtlich weiter. Hier weitere Gedanken:

POPULISTISCHES ALLTAGSRAUSCHEN

  1. In diesen Wochen und Monaten kann man den Eindruck gewinnen, als ob das Gegenteil von Wahrheit, nämlich die Lüge, jetzt sogar in demokratischen Gesellschaften salonfähig wird. Wenn ein neugewählter Präsident mit seinem ganzen Team Fake News und alternative Fakten zum festen Bestandteil seiner Kommunikation werden lässt, dann signalisiert dies eine neue Eskalationsstufe in der öffentlichen Diskussion demokratischer Gesellschaften. Bislang waren Zensur und Propaganda, Gegenaufklärung, Falschinformationen immer ein Kennzeichen von unfreien, diktatorischen Regierungen und demokratische Gesellschaften wie z.B. große Teile des westlichen Europas und Nordamerikas haben sich davon immer abgegrenzt. Aber aktuell scheint der Drang zur Falschheit, zur Lüge, ohne jeden Skrupel, neuen Dimensionen zuzustreben. Die voranschreitende Vernetzung bei gleichzeitiger Anonymisierung der Gesellschaften bietet auch in dieser Dimension offensichtlich neue Möglichkeiten.
  2. Dass zugleich mit der Erosion von Wahrheit nationalistische und fundamentalistische Töne zunehmen, ist kein Zufall. Abgrenzung, Diskriminierung, Dogmatismus, offener Hass sind sowohl Ursachen von Verzerrungen der Wirklichkeit wie auch Folge. Wer im anderen nur Feinde sehen kann, hat ganz offensichtlich seine spezielle Sicht der Welt. Und wem beständig erzählt wird, dass die anderen die Bösen sind, fängt irgend wann an, das auch zu glauben.

DAS LEBEN: ES BEGANN SO GROSSARTIG

  1. Wenn man sieht wie im Jahr 2017 in so vielen Ländern unserer Erde Politiker (und andere) wegen kurzfristiger, sehr persönlicher, Machtinteressen, komplexe gesellschaftliche Systeme ruinieren, ausbluten, an die Wand fahren lassen, Strukturen, die z.T. In hunderten oder mehr Jahren gewachsen sind, dann kann man dies schon in der direkten Betrachtung kaum fassen.
  2. Wenn man aber dann bedenkt, dass wir, die Menschen heute, der homo sapiens, eigentlich ein Erfolgsmodell des Lebens bilden, das etwa 3.5 Mrd Jahre Entwicklungszeit investiert hat, durch schwierigste, aller schwierigste Zeiten hindurch, im Zusammenspiel mit aberwitzig vielen anderen Lebewesen, bislang der einzige Ort im gesamten bekannten Universum, wo dies gelungen ist, dann wirkt das Verhalten der Machtkranken egomanischen Politiker umso absurder.
  3. Die Physiker haben bis heute nicht den leisesten Schimmer, wie sie die Entstehung dieses komplexen Phänomens Leben im Universum erklären können. Das biologische Leben stellt ein einziges großes faszinierendes Dauerexperiment dar, wie man (noch) frei verfügbare Energie, die als solche ein neutrales Nichts ist, in immer wieder neuen Variationen dazu bringt, dass damit materielle Strukturen verändert werden. Biologische Systeme zeigen, wie man an sich ‚tote‘ Materie beständig und immer wieder neu verformen kann, neu anordnen kann, sie buchstäblich ‚zum Leben erwecken‘ kann. Biologisches Leben zeigt im Vollzug, dass die tote Materie implizit dazu in der Lage ist, ein Nicht-Tod zu sein. Das Starre, Tote, Unbelebte ist im Angesicht von biologischem Leben ein Artefakt des Denkens, ein sehr grundlegender Fake: die Existenz des Lebens zeigt, dass das Tote nur scheinbar tot ist; man kann es beleben, zum Leben erwecken, indem man mittels Energie die Atome und Moleküle so in Bewegung setzt, dass Formen entstehen, Bewegungen, Gleichgewichtszustände, biologische Informationen, biologische Erinnerungen, biologische Emotionen, sogar das, was wir Bewusstsein nennen. Das Leben ist Freiheit, Kreativität, Liebe ‚per se‘. Und das hat stattgefunden, findet statt seit 3.5 Mrd Jahren, und hat es erst ‚kürzlich‘ geschafft, sich sprachlich zu artikulieren, sich in komplexen Koordinationen in Megastädten zu verdichten, mit Datenbanken und Computer zu erweitern, mit Gentechnik und Molekularbiologie sich selbst umzubauen.
  4. Und dann laufen egomanische Politiker durch die Welt, die ganze Gesellschaften mit ihrem Schwachsinn an die Wand fahren, Lüge zur neuen Wahrheit erklären. Was läuft da schief?

EUROPA IST MEHR ALS DER EURO

Europa in seiner historischen Dimension: multiethnisch, geistig, wirtschaftlich seit mehr als 7000 Jahren

Europa in seiner historischen Dimension: multiethnisch, geistig, wirtschaftlich seit mehr als 7000 Jahren

 

  1. Wenn wir heute von Europa hören, vom politischen Europa, dann denken wir an die aktuell 28 (dann bald 27) Mitglieder der EU, die man gerne zurückführt auf die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, die 1951 mit 7 Staaten begann. Vielleicht sollte man nicht vergessen, dass dies nur möglich wurde, weil die Welt und die europäischen Staaten, allen voran Deutschland, davor zwei wahnwitzige Kriege erlebt hatten; den letzten noch glutnah bis 1945. Und dass es die Gründung der vereinten Nationen mit der Charta der Menschenrechte im Jahr 1945 war, die im Angesicht eines infernalischen Krieges für einen Moment der Weltgeschichte ein Bild von Menschenwürde und menschlicher Staatlichkeit aufblitzen lies, das zum Leitbild des politisch neuen Deutschlands nach 1945 wurde, nicht freiwillig, sondern aufgezwungen, aber dann doch wirksam. Das versammelte Weltgewissen erzwang quasi in Deutschland einen Neustart.
  2. Nach dem Krieg gewann das Ideal der Menschenrechte und der freien demokratischen Gesellschaft immer mehr Momentum: rassistische, nationale Töne waren viele Jahre verpönt. Und selbst der unwandelbar erscheinende damalige Ostblock zeigte Aufweichungstendenzen und führte Ende der 80iger/ Anfange der 90iger Jahre zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Ausweitung des Ideals demokratischer europäischer Staaten bis an die Grenzen der Ukraine und gefühlt bis an die Grenzen Russlands und des nahen Afrikas und Asiens. Es war eine bestimmte Sicht des Lebens gewesen, die über die Köpfe der Menschen die Hände erreichte, zu Taten führte, und damit neue Verhältnisse schaffte. Was nützen Panzer, wenn die, die sie fahren, nicht mehr kämpfen wollen?
  3. Was dann aber geschah, war bislang wenig überzeugend. Aus dem großen Schwung des Anfangs, aus den großen Visionen einer neuen Gesellschaft, entstanden riesige, undemokratische Bürokratien; der Euro, als Währung ein technisches Instrument im Dienste des Wirtschaftslebens, wurde zu einem ideologischen Element, das die unterschiedlichen regionalen Wirtschaftsräume auf unterschiedliche Weise behinderte; nationale Stimmungen werden mittlerweile stärker als die gemeinsame europäische Vision, und die Nachbarn Europas empfinden sich schon lange weniger als Nachbarn sondern eher als Gegner.
  4. Hier die Schuldfrage zu stellen ist wenig produktiv. Fakt ist, dass die begeisternde Vision eines Verbundes von vielen freien demokratischen Gesellschaften aktuell an Atemnot zu leiden scheint. Dies hat viele Ursachen.
  5. Eine der Ursachen ist sicher, dass sich das aktuelle politische Europa der 28 Staaten in seinem kulturellen Selbstverständnis zu früh und zu stark auf Teilaspekte der Geschichte Europas zurückgezogen hat. Das Europa der Geschichte begann nicht dort, wo sich Europa heute sieht. Das Europa der Geschichte begann in Griechenland, in Vorderasien, bis hin zu Indien, begann in Nordafrika, und hatte Russland immer dabei. Vieles (das Meiste?) , was die sogenannte europäische Kultur als Grundlagen zu bieten hat, kam aus den Bereichen, die heute noch nicht zum politischen Europa der Eu-28 gehört. Die Reduzierung auf das Christentum ist historisch falsch und stellt eine Idealisierung des Christentums dar, die den historischen Fakten Hohn spricht. Dass heute der Islam für viele von niedrigem Bildungsstand erscheint, sich in einer Unzahl von menschenverachtenden Terrorgruppen manifestiert, sich meist in solchen Ländern befindet, die große soziale Ungleichheiten auszeichnet und politische autoritäre bis diktatorische Regime vorweisen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Islam über 1000 Jahre eine in Europa vorherrschende und hochstehende Kultur war, während das Christentum ebenfalls mehr als 1000 Jahre wissenschaftsfeindlich war, Menschen- und Gesellschaftsverachtend, mit großer Primitivität. In diesen Zeiten waren die großen Bibliotheken dieser Welt samt eines hochstehenden Bildungs- und Gesundheitssystem nicht christliche Institutionen sondern islamische.
  6. Dies alles sei hier nicht gesagt, um irgendwelche Ressentiments zu schüren oder spezielle Hervorhebungen zu treffen: es soll uns nur vor Augen führen, dass eine Plakette wie ‚christlich‘ oder ‚islamisch‘ an sich nichts sagt. Es ist immer eine Frage, wie es real gelebt wird. Sowohl im Christentum als auch im Islam gab es immer wieder hochgebildete Menschen mit einer ebenso großen Ethik. Es gab aber auch auf beiden Seiten Dumpfheit, Fanatismus, Krieg und Folter. Dies sollte uns lehren, dass jemand nicht schon deshalb ein Gläubiger ist, weil der das Wort für ‚Gott‘ im Munde führt.
  7. Weitet man also den Blick auf das Europa in seinen ganzen zeitlichen kulturellen Ausdehnungen, dann ist eines ganz klar: Europa war in allen Zeiten trans-national und multi-ethnisch. Von Afrika kam der Neandertaler wie auch später der homo sapiens, die beide nicht nur Asien sondern auch Europa bevölkert haben. Während der Neandertaler als eigene Gruppe ausstarb aber genetisch im homo sapiens weiter lebte, war es dann letztlich der homo sapiens, der für alle Bewohner Europas und Asiens die Ursprungsbevölkerung bildete. Im Großraum Europa (mit Russland, Nordafrika und Vorderasien bis Indien) bildete sich viele Kulturen aus, unterschiedlichste regionale Strukturen, gab es beständig ein Hin- und Her von Menschen; sei es durch Handel, sei es aus wirtschaftlicher Not, sei es durch Kriegszüge. Der Großraum Europa war in ständiger Bewegung. Wer hier versucht, eine bestimmte geographische Region mit den heute dort zufällig wohnenden Menschen zu einer besonderen ‚Rasse‘, zu einer besonderen ‚Nation‘ hoch zu stilisieren, die sich eindeutig von anderen abgrenzen lässt, der weiß schlicht und einfach nicht, was er tut. Großeuropa war und ist ein Schmelztiegel von Genen, Praktiken, Erfahrungen, Erfindungen, Politiken, das war seine Stärke und deshalb hat dieser Großraum Dinge hervorgebracht, die früher vielfach hinter dem Großraum Indien oder China weit hinterher hinkte, dann aber auch wieder ein Stück voraus war. Letztlich ist die Synchronie stärker als der Unterschied.

AUFKLÄRUNG: RELIGIONEN UND MACHT

  1. Auffällig ist nur, dass im westlichen Teil Großeuropas in den letzten Jahrhunderten die Befreiung des Denkens von falschen religiösen Vorstellungen stärker stattgefunden hat als in den östlichen Teilen und in den Gebieten Nordafrikas. Der Islam hat bislang nicht die Feuertaufe des Geistes so stark durchlaufen müssen, dass Menschen sich vorstellen können, Gläubige zu sein, an Gott zu glauben, ohne Muslime zu sein, jenseits des scheinbaren Wortlauts der sogenannten heiligen Texte (das Gleiche gilt auch für große Teile des traditionellen Judentums). Dieser naiv-unkritische Umgang mit den Texten erlaubt es radikalen Gruppen (und autokratischen Herrschern), den Islam für ihre Machtinteressen zu instrumentalisieren. In aufgeklärten Gesellschaften muss sich politische Macht vor allen Bürgern rechtfertigen; in nicht aufgeklärten Gesellschaften beansprucht ein Machthaber ‚aus sich heraus‘ Macht (es gibt auch noch Restbestände westlicher Monarchien, aber stark abgeschwächt), die er nicht vor seinem Volk rechtfertigen will. Dass aufgeklärte Gesellschaften grundsätzlich nicht an Gott glauben, ist ein Trugschluss. Menschenrechte, freie soziale demokratische Gesellschaften realisieren jeden Tag mehr Werte, als jeder sogenannter heiliger Text dieser Welt überhaupt zur Sprache bringt. Dass auch in demokratischen Gesellschaften Missbrauch möglich ist, Verrat, liegt in der Natur der Sache. Wahre Freiheit kann eben missbraucht werden. Wahre Freiheit wird aber auch niemals ohne Not töten, da sie um die Begrenztheit des menschlichen Wissens weiß. Nur zusammen kann man kleine Fortschritte in der Erkenntnis des Lebens machen.
  2. Im Großraum Europa finden wir alle Zutaten für eine bessere menschliche Gesellschaft in Würde, in Freiheit, bei demokratischer Kontrolle von Macht, mit einer demokratischen Öffentlichkeit ohne Zensur, ohne Fake News…
  3. Die wahre Quelle für alle Taten der Jahrhunderte, für alle Greueltaten wie auch Erfolge, die liegt im Denken der Menschen, in ihrer Weltsicht. Wer nur schwarz sieht kann nicht weiß handeln. Zeitgleich mit Indien und China entstand in Europa in den Jahrhunderten vor dem technischen Jahr 0 ein philosophisches Denken, das alles Vertraute in Frage stellte, die Grenzen der Erkenntnis auslotete, und schließlich in den empirischen Wissenschaften ein Erkenntniswerkzeug gefunden und entwickelt hat, das dermaßen in die Tiefen der Zeiten, in die Tiefe der Materie, schauen konnte, wie es alles übertraf, was das Leben bis dahin auf dieser Erde geschafft hatte. Daraus entstanden nicht nur neue Bilder von der Welt und dem Menschen, neue Formen der Wirtschaft und der Politik, daraus entstand auch ein Denkunfall, der das aufgeklärte Europa bis in die Gegenwart genauso schwächt, wie es auf der anderen Seite dadurch gestärkt wird.

SELBSTISOLIERUNG DER WISSENSCHAFTEN

  1. Der Denkunfall besteht darin, dass das aufgeklärte Denken mit dem empirischen Denken sich zwar ein Erkenntniswerkzeug kaum zu überschätzender Bedeutung geschaffen hatte, dass es aber die gedankliche Kontrolle über dieses Werkzeug verloren hat. Das Ergebnis ist, dass man jetzt zwar aus einem engen Bereich der Wirklichkeitswahrnehmung heraus immer mehr weiß, dass aber der Mensch selbst in seiner Besonderheiten durch diese Methoden im Ansatz ausgeklammert ist. Die empirische Wissenschaft hat sich quasi selbst verboten, über den Menschen in menschlicher Weise nach zu denken. Das Bild vom verbotenen Apfel in einem der beiden sogenannten Schöpfungsberichten des Alten Testaments der Juden und Christen (und letztlich auch der Muslime) wurde ja gerne dahingehend instrumentalisiert, dass man daraus Wissen und Erkennen generell verteufelt hat. Pikanterweise ist es jetzt gerade die empirische Wissenschaft, die Unglaubliches geleistet hat und immer noch leistet, die sich selbst verbietet, über sich selbst nach zu denken.
  2. Mit dieser Selbstauschließung des Menschen von sich selbst – was historisch zunächst verständlich ist – nimmt sich der aufgeklärte Mensch allerdings die Möglichkeit, nach seiner – oft berechtigten – Kritik an traditionellen Glaubensbildern, nun seine eigene Gotteserfahrungen zu machen. Da Gott – sofern es ihn gibt – vom Grunde her niemandem gehört, sondern allen gleich nah ist, kann auch jeder Mensch jederzeit und überall mit Gott kommunizieren. Es ist gleichsam ein Teil dieses Lebens.Diese neue Nähe bleibt aber unerkannt und ungenutzt, weil die empirischen Wissenschaften sich – methodisch nachvollziehbar und für die Wissenschaft partiell berechtigt – von vornherein nur auf Teilbereiche der Wirklichkeitserfahrung beschränken. Hier scheint eine Art zweite Aufklärung notwendig zu sein, die die erste Aufklärung nicht abschafft, sondern die empirischen Wissenschaften wieder in den Erkenntnisrahmen einbaut, den sie braucht, um sich nicht zu verlieren.

MENSCH ALS AKTEUR: ALLES GEHT

  1. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, als ob die Menschen, wir Menschen, auf das Zeitgeschehen schauen wie das berühmte Kaninchen auf die Schlange: man nimmt wahr, was geschieht, und man könnte den Eindruck gewinnen, als ob alles eine Art Folgerichtigkeit hat, eine scheinbare Unabwendbarkeit, die ihren Gang nimmt und es nur im Chaos – oder was auch immer – enden könnte. Aus vielen Beispielen der Geschichte wissen wir, dass dies nicht so sein muss, und es liegt auch in der Natur des Menschen, dass der Mensch das erste Lebewesen auf dieser Erde ist – soweit wir wissen –, das gerade nicht zwanghaft, dumpf handeln muss (aber kann).
  2. Allgemein akzeptiert ist, dass Menschen letztlich das tun, was gerade in ihrem Kopf ist: ihre Weltsicht, ihre Emotionen, …
  3. Wir wissen aber auch, dass das, was im Kopf ist, nicht von Anfang an da war, sondern sich entwickelt hat: Kinder spielen, man erlebt sich mit anderen Menschen, man macht seine Erfahrungen, man lernt, liest, hört … das Bild im Kopf entsteht, es wird, es ist nicht fest. Es kann sich jederzeit ändern. Genau das zeigt uns die Geschichte immer wieder: der Mensch kann (muss nicht!) lernen.
  4. Was wir seit einigen Jahrzehnten dazu lernen konnten, ist die Tatsache, dass all unser Lernen und Verstehen nur möglich ist, weil wir ein Gehirn haben, einen Körper, der so geworden ist, dass wir das können, und zwar genau so, wie wir es zur Zeit können. Und da alle Menschen – weitgehend – die gleichen Strukturen im Gehirn und Körper haben (und nur deshalb), können verschiedene Menschen Ähnliches wahrnehmen, Erleben, Fühlen, können sie überhaupt miteinander reden.
  5. Auf der Basis dieses Körpers, dieses Gehirns und des darauf basierenden Bewusstseins können wir zusammen mit anderen Sprachen lernen und praktizieren, können wir unsere Welterfahrung mit der Sprache verzahnen und unsere Sprache als Vehikel benutzen, um andere (sprachlich) auf das zu stoßen, was wir gerne ansprechen wollen. Das ist unsere Stärke, aber auch unsere Schwäche. Wenn jemand bestimmte Erlebnisse, Erfahrungen, ein bestimmtes Wissen nicht hat, dann kann man noch so viele Worte benutzen, der andere wird es nicht verstehen; entweder gar nicht oder zumindest anders.
  6. Hier wird deutlich, dass Ausbildung, Bildungsprozesse für eine aufgeklärte Gesellschaft entscheidend sind. Wenn Menschen nicht das Wissen bekommen, nicht die Erfahrungen, die Erlebnisse, die sie brauchen, um die Welt in einer ‚aufgeklärten‘ (menschenfreundlichen…) Weise zu sehen, dann fehlt in ihrem Kopf etwas, dann gibt es eine Lücke, ein Nichts, und mit Nichts im Kopf kann man schwer das ‚Richtige‘ tun.
  7. Dabei darf man das Wissen nie nur abstrakt sehen. Dem Wissen müssen reale Bedingungen entsprechen: reale Freiheiten, reale Handlungsräume, reale Lebensprozesse, reale Rechte, reale Arbeit, reale Gerechtigkeit … ein Kind, das in Armut und in Unterdrückung aufwächst kann nicht der Wissenschaftler, die Künstlerin, die Politikerin … werden, der/die das Kind möglicherweise werden könnte, wenn man ihm den realen Lebensraum geben würde.
  8. Soziale Räume entstehen immer in Wechselwirkungen zwischen Menschen. Wenn man Menschen nicht erlaubt, solche soziale Räume zu leben, dann fehlt ein Stück Welt, die wichtig ist.

MORGEN IST HEUTE

  1. Was wir heute erleben ist das Erbe des Gestern. Was heute geschieht haben Menschen vor uns getan, vorher entschieden, oder nichts entschieden, und nur wiederholt, was sie immer getan haben. Wenn in den letzten Jahren die Erwachsenen von morgen nicht ausreichend ausgebildet und motiviert wurden, haben wir heute viele unzufriedene, unglückliche, und auch aggressive Menschen. Wer in den letzten Jahren keine Vision eines realen besseren Lebens kennen lernen konnte, kann sie heute auch nicht leben. Wenn wir gestern die Meere überfischt haben, mit Plastik zugemüllt, den Weltraum mit Schrott gefährlich gemacht haben, dann haben wir heute ein Problem. Wenn Menschen in den letzten Jahren Wasserreserven im großen Stil verbraucht haben, die sich nicht erneuern, dann gehen jetzt ganze Regionen zugrunde….
  2. Wir sind heute das Gestern von Morgen. Welche unserer Taten und Visionen geben unseren Kindern heute eine Chance für Morgen? Wo haben wir heute das Wissen, das uns für morgen hilft? Wie lernen wir heute kreativ zu sein, dass wir morgen das finden, was wir zum Leben brauchen?
  3. Und selbst wenn wir kreativ sind, tolle Ideen entwickeln: selbst dann braucht es Jahrzehnte, um ein eingefahrenes System zu verändern (Schulen, Sprachen, Energieversorgung, Transport, Müllverwertung….). Setzen wir eine Generation mit 30 Jahren an, dann dauert es 1-2 Generationen von einer Idee bis zu ihren vollen Nutzung.
  4. Und es sind nicht nur die natürlichen Hindernisse, die zu überwinden sind (neue Materialien finden, neue Produktionstechniken, neue Märkte aufbauen, entsprechende Mitarbeiter finden, schulen…). Es gibt immer auch beharrende Kräfte, Menschen, die sich Neues nicht vorstellen können, die Ängste entwickeln. Und in Zeiten von globaler Vernetzung und staatlich gesteuerten Fake News kann es möglicherweise noch viele Jahre mehr dauern, weil im allgemeinen Rauschen der medialen Lügen die paar Körnchen Wahrheit vielleicht nicht mehr wahrgenommen werden.
  5. Und dennoch: der Mensch ist jenes faszinierende Wesen, das dazu geschaffen ist, dass morgen alles anders sein kann … ganz im Einklang mit den Naturprozessen, die sich auch ständig weiter verändern…

DIE ZUKUNFT SPIELEN?

  1. Klar ist nur, dass das Meiste, was uns heute vertraut ist und als Gut erscheint, der Schrott von morgen sein wird.
  2. Ebenso ist klar, dass die wirklich innovativen Ideen jene sind, die die meisten heute blöd finden, oder nicht einmal das, sie nehmen sie gar nicht war, weil sie sie gar nicht verstehen.
  3. Ein starkes Kennzeichen des biologischen Lebens ist, dass es neben seinem konservierenden Trend mit dem genetischen Gedächtnis immer einen beachtlichen Teil Zufallsexperiment hatte, ein Probieren buchstäblich ‚ins Blaue‘. Und das, was zum Überleben bis heute geführt hat, waren entscheidend diese Anteile des radikalen Experimentierens mit dem Nichtwissen. Gewiss, im Rahmen der Evolution waren diese radikalen Experimente mit dem Nicht-Wissen weitgehend ‚unfreiwillig‘; die Selbstreproduktion war eben ’so‘, aber sie war auch so, weil nur auf diese Weise auf Dauer Überleben möglich war.
  4. Die Fähigkeit mit dem Unbekannten, mit dem Nicht-Wissen zu experimentieren, zu spielen, ist von daher immer ein Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Erstarrte Gesellschaften sind schon tot, obgleich sie noch leben. Es ist nur eine Frage der Zeit (und ein paar hundert Jahre bedeuten hier nichts), bis sie an sich selber zugrunde gehen werden (oder weil andere einfach leistungsfähiger sein).
  5. Vielleicht müssen wir alle neu darüber nachdenken, was Leben wirklich ist.

Eine Fortsetzung gibt es HIER (vermutlich anders, als sich die meisten denken)

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PHILOSOPHISCHES DENKEN HEUTE – Zurück auf Start?

TREND ZU INSTITUTIONALISIEREN

  1. Es scheint eine allgemeine Tendenz menschlichen Handelns zu sein, aufregende Ideen und erfolgreiche Konzepte – allerdings nicht immer – zu institutionalisieren: aus einzelnen Menschen die überzeugen, aus einzelnen kleinen Unternehmungen, die Erfolg haben, werden Institutionen, große Firmen, Staatsgebilde.
  2. Wenn sie denn da sind, die Institutionen (Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Universitäten, politische Formen, Rechtssysteme, …), dann verselbständigen sich viele Mechanismen. Die treibende Idee kann verblassen, die Selbsterhaltungskräfte einer Institution gewinnen die Oberhand (im Falle von Geheimdiensten wenig Demokratie förderlich …).

WAS BEWEGT?

  1. Bei der Frage, was das Handeln von Menschen leitet, kann man angesichts der Realität von Institutionen verleitet sein, auf die soziale Realität dieser Institutionen zu starren und zu glauben, gegen diese sei nicht anzukommen, als einzelner.
  2. Die Geschichte – und die unruhige Gegenwart – kann uns aber darüber belehren, dass alle Institutionen nur so lange funktionieren, als die sie tragenden Menschen mit ihren subjektiven-inneren Leitbildern diese Institutionen stützen. Wenn sich die subjektiven-inneren Anschauungen ändern, zerfallen Institutionen.
  3. Dafür gibt es zahllose Beispiele. Der immer stärker werdende Lobbyismus unter Politikern, die fast schon dreiste Voranstellung persönlicher kurzfristiger Erfolgskriterien vor jeder gesellschaftlich tragenden Perspektive, die zunehmende Propaganda und Zensur in vielen Ländern dieser Erde, vereinfachende schwarz-weiß Modelle von Gesellschaft und Zukunft, sind einige der wirksamen Mittel, eine friedliche, kooperierende, zukunftsfähige Gesellschaft zu zerstören.

GEMEINSAMES WISSEN

  1. In solch einer Situation – die es in den letzten Jahrtausenden immer gab, immer wieder – stellt sich die Frage, wie kann das Wissen eines Menschen so mit anderen geteilt werden, dass aus diesem gemeinsamen Wissen auch ein gemeinsames Handeln erwachsen kann?

GRÜNDUNGSIDEEN

  1. Demokratische Parteien, die noch jung sind, die noch ein wenig das Gründungsfieber, die neue Vision in sich tragen, sind gute Lehrbeispiele dafür, wie Ideen sich im Alltag mühsam ihren Weg in die Köpfe möglicher Anhänger suchen müssen und dann, im Laufe der Jahre, sich behaupten müssen. Am Gründungstag weiß niemand, wer in der Zukunft dazukommen wird und was die nachfolgenden Generationen daraus machen werden.
  2. Ähnliches kann man bei Religionsgründern und bei Ordensgründungen beobachten: eine elektrisierende Anfangsidee bringt Menschen dazu, ihr Leben nachhaltig zu ändern und damit jeweils auch ein Stück Welt.
  3. Auch Firmengründungen laufen ähnlich ab: zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte eine Idee einen wirtschaftliche Erfolg, und dieser führt zu einem Wachstum, der vorher nicht absehbar und nicht planbar war. Irgendwann gibt es ein Konglomerat aus Kapital und Macht, wo die Gründungsidee sich verdunstet hat, wo die Firma sich selbst fremd geworden ist. Manager sind angeheuerte Mietkräfte, die im System ihren persönlichen Vorteil suchen oder es gibt Anteilseigner, die wie kleine Monarchen ihrem Absolutismus zu frönen scheinen.
  4. Und so weiter, und so weiter…

ZEITLICHKEIT

  1. Die übergreifende Wahrheit ist, dass alle diese Gebilde Zeit behaftet sind: mit der Sterblichkeit ihrer Leitfiguren, mit der Veränderung der Gesellschaft und Technik und der Welt drum herum verändern sich Systeme und ihre Kontexte unaufhaltsam. Die Versuchung der totalen Kontrolle durch kleine Machtzirkel ist immer gegeben und ist immer auf Scheitern programmiert, ein Scheitern, dass vieles zerstört, viele in den Tod reist, … Jahrzehnte spielen keine Rolle; Jahrhunderte sind das minimale Zeitmaß für grundlegende Ideen und Änderungen. Die Geschichte ist hier ein unerbittliches Protokoll der Wahrheiten (was solche kurzfristigen Machtinszenierungen gerne verschweigen und fälschen).

WAHRE VISIONEN

  1. Parallel gab es immer auch die Vision einer Menschheit die lernt, die es schafft, gemeinsam Egoismus und Wahnsinn zu verhindern, Humanität allgegenwärtig zu machen, eine Vision der Zukunft zu entwickeln, in der alle vorkommen.
  2. Die historische Realität erzählt uns aber, dass bislang alle Visionen zu schwach waren. Reich – Arm, Gebildet – Ungebildet, Mächtig – machtlos sind Koordinaten eines Raumes, in dem die Wirklichkeit bis heute ungleich verteilt ist.
  3. Wahr ist aber auch, dass der Prozess des Lebens auf der Erde, wie immer er laufen wird, nur dann eine Richtung in eine gemeinsame, nachhaltige, friedliche Zukunft für alle nehmen kann, wenn es genügend Menschen gibt, die über eine Vision, über den Ansatz eines Bildes von solch einer gemeinsamen lebensfähigen Zukunft besitzen, die ihr Handeln gemeinsam leitet, eine Vision die ‚wahr‘ ist im Sinne, dass sie eine Welt beschreibt und schafft, die tatsächlich für alle das gibt, was sie suchen und brauchen.

GENEINSAME LERNPROZESSE

  1. Die Geschichte Europas vom antiken Griechenland bis in die Gegenwart ist ein Beispiel, an dem man studieren kann, wie eine ganze Epoche (das lateinische Mittelalter) durch ein gemeinsames Nachbuchstabieren vorausgehender Gedanken zu sich selbst und dann zu etwas ganz Neuem gefunden hat. In der Gegenwart kann man das Gefühl haben, dass das Neue wieder zu zerfallen droht, weil man immer mehr nur auf einzelne Teile schaut und nicht auf das Ganze.
  2. Ein Beispiel ist das wundersame Werk Wikipedia: eine solche Enzyklopädie (bei allen realen Schwächen) gab es noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Aber diese Enzyklopädie liefert nur unverbundene Einzelteile. Wo sind die Modelle, die die Zusammenhänge sichtbar machen? Wo sind die gemeinsam geteilten Modelle, die alle nachvollziehen können? Welche transparenten Mechanismen der Bewertung bräuchte man?
  3. Die Physiker, Chemiker, Biologen liefern ansatzweise Modelle für Teilbereiche. Das ist gut. Aber es sind nur sehr partielle Modelle und solche, die nur die Forscher selbst verstehen. Der Rest der Welt versteht nichts, ist außen vor, und trotz hochentwickelten Teilmodellen blühen Aberglauben, vereinfachende religiöse Überzeugungen, Esoterik und Ähnliches in einem Ausmaß, was (erschreckend) staunen lässt. … Und die Politik schafft wichtige Wissenschaften sogar wieder ab, weil die Politiker gar nicht verstehen, was die Forscher da machen (im Bereich Cyber- und Drohnenkrieg leider genau umgekehrt…).
  4. Die geistige Welt scheint also zu zerfallen, weil wir immer höhere Datengebirge erzeugen, und immer weniger interpretierende Modelle, die alle verstehen. (BigData liefert ‚Oberflächenmodelle‘ unter Voraussetzung, dessen, was ist, aber geht nicht tiefer, erklärt nichts, und vor allem, ist blind, wenn die Daten schon Schrott sind).
  5. Die Frage ist also, wie kann eine ganze Epoche aus der Zersplitterung in alte, schlechte, unverständliche Modelle der Welt zu etwas mehr gemeinsamer nachhaltiger Modellbildung kommen?

DAS GUTE UND WAHRE SIND EIN SELBSTZWECK

  1. Der einzige Grund für das ‚Gute‘ und ‚Wahre‘ ist das ‚Gute‘ und ‚Wahre‘ selbst. Die Alternativen erkennt man an ihren zerstörerischen Wirkungen (allerdings nicht immer sofort; Jahrzehnte sind die Sekunden von Kulturgeschichte, Generationen ihre Minuten, Jahrhunderte ihre Stunden ….).
  2. Der je größere Zusammenhang ist bei empirischer Betrachtung objektiv gegeben. Wieweit sind wir aber in der Lage, diese übergreifenden objektiven Zusammenhänge subjektiv zu fassen, so zu verinnerlichen, dass wir damit ‚im Einklang mit allem‘ positiv leben können?
  3. Die Geschichte sagt ganz klar, dass es nur gemeinsam geht. Wie wird aus vielen einzelnen eine geistige (rational begründete) und emotionale Gemeinschaft, die heute das tut, was auch morgen Sinn macht?
  4. Man kann ja mal die Frage stellen, warum (um einen winzigen Aspekt zu nennen), Schulen und Hochschulen es nicht als eine ihrer Hauptaufgaben ansehen, die Wikipedia der Fakten (Wikipedia Level 0) mit zu pflegen, um gleichzeitig damit zu beginnen, eine Wikipedia der Modelle (Wikipedia Level 1) aufzubauen?
  5. Philosophische Überlegungen, die ernsthaft anlässlich der realen Welt über diese reale Welt und ihre impliziten kognitiven Räume nachdenken wollen, könnten dann Level 0 + 1 als natürliche Referenzpunkte benutzen, um die kritische Reflexion über das Weltwissen weiter voran zu treiben.
  6. Ja gewiss, dies alles ist nur ein Fragment. Aber als einzelne sind wir alle fragmentiert. Leben ist die Kunst der Überwindung der Fragmente in höheren, lebensfähigen Einheiten ….

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PHILOSOPHIEWERKSTATT JETZT ALS PHILOSOPHISCHES LABOR FÜR PHILOSOPHISCHE SELBSTVERSUCHE – Version 3.0. Eine Vorausschau

KONTEXT

Leser dieses Blogs sind vertraut mit dem philosophischen Experiment der Philosophiewerkstatt (Version 1.0), wie sie im Herbst 2013 im Cafe-Bistro Confetti in Schöneck startete.  Dies waren erste Gehversuche. Es gab noch kein festes Format.

Ab Herbst 2014 gab es die Philosophiewerkstatt Version 2.0 in Kooperation mit der DENKBAR in Frankfurt. In dieser Zeit entwickelte sich eine kreative Form des gemeinsamen Gedankenaustausches, die sich stabilisierte.

Ab Herbst 2016 wird es die Philosophiewerkstatt in einer Neuauflage geben, in Version 3.0, Ortsveränderung inbegriffen: das Institut für Neue Medien in Frankfurt. Dies ist kein Abschied von der DENKBAR, die zwei Jahre lang eine belebende Umgebung für die sonntäglichen Treffen war, sondern es ist eine Kooperation von DENKBAR und INM in einer veränderten Umgebung, mit einem veränderten Konzept.

Worin besteht das Neue?

ORTLOS ZWISCHEN FÜHLEN UND DENKEN

Wer sich ein wenig in der Geschichte der Philosophie auskennt, der weiß, dass das Hauptanliegen der Philosophie eher die Klärung der Welt mit Hilfe des Denkens war. In der Verfertigung des Gedankens, im Reden, Schreiben, im Dialog da entsteht Wirklichkeit neu, als Gedachte, und im Denken als Geklärte, Bereinigte, Strukturierte, eingehüllt in Worte, in Symbole.

Die neuzeitliche Wissenschaft hat die Abkopplung des Fühlens vom Denken weiter beeinflusst; Wissenschaft wurde hier im Raum von Messwerten und mathematischen Formeln verortet; das Fühlen hat hier keine offizielle Rolle mehr und sogar das Subjekt der wissenschaftlichen Tätigkeit, der Forscher selbst, spielt keine Rolle mehr. Er wurde systematisch ausgeblendet.

Diese Ausklammerung von Fühlen und Subjekt aus dem offiziellen Denken führt mittlerweile zu sehr vielen Problemen, fundamentalen Problemen.

Im Bereich der Wissenschaft ist es der Verlust des Menschen. In vielen Bereichen – wie z.B. der Physik – kommt der Mensch als Mensch per se gar nicht mehr vor; in anderen – wie Biologie, Medizin, Gehirnwissenschaften, usw. – kommt der Mensch als Untersuchungsobjekt zwar vor, aber er zerfällt hier in unzählige Details, wird zu einem Ort bloßer chemischer Prozesse. Mögliche Zusammenhänge gehen weitgehend verloren. Die Frage, wer der Mensch denn überhaupt ist, hat in den Wissenschaften keine wirkliche Stelle mehr; sie ist unter die Räder gekommen.

Für einen einzelnen Menschen, der sich ernst nehmen will, bedeutet dies eine zunehmende Ortlosigkeit: eingebettet zwischen einem Fühlen, das diskreditiert ist, und einem Denken, das mit dem Menschen nichts anfangen kann. Hat der Mensch überhaupt noch eine Zukunft?

DAS DENKEN WOHNT IM FÜHLEN

Aus philosophischer Sicht ist klar, dass die begrifflichen Netze, mit denen empirische Wissenschaftler arbeiten, nur scheinbar vom Subjekt losgelöst sind. Denn die Theorie selbst wie auch die Messwerte brauchen die Rückkopplung an das Gehirn, an eine bestimmte Form von Bewusstsein. Ohne Bewusstsein und Gehirn gibt es weder Messwerte noch Begriffsnetzwerke. Es ist das Bewusstsein im Gehirn und im Körper als Teil eines komplexen biologischen Netzwerkes, in beständiger Interaktion mit der umgebenden Materie, welches der Ort von Fühlen und Denken ist. Es ist für uns Menschen der EINZIGE Ort, über den wir Kontakt zu dem haben, was wir Wirklichkeit nennen.

Wirklichkeit ist das erste Vorfindliche, ein Ur-begriff, an dem alle anderen Begriffe partizipieren. Was immer irgendeine wissenschaftliche Disziplin zu beschreiben versucht, sie setzt einen Ur-begriff von Wirklichkeit voraus, der durch die Einbettung in den Körper gegeben ist. Ohne den Körper ist jede Wissenschaft (und jedes Denken) nichts, echtes Nichts, das ganz und gar Undenkbare. Andererseits definiert sich eine wissenschaftliche Disziplin methodisch über eine Einschränkung und Abgrenzung. Die empirische Methode erzwingt eine Zerlegung des Phänomenraums in jene Teilräume, die intersubjektiv empirisch sind, und innerhalb dieser grundsätzlichen Einschränkung finden in der Regel weitere Abgrenzungen statt (Physik, Chemie, Biologie, (empirische) Soziologie, …).

Das Besondere des Menschen ist gerade diese Art seiner Welterfahrung, ermöglicht durch die Besonderheit seines Körpers: Makrostrukturen von Mikrostrukturen, die bis in den subatomaren Bereich – und damit unbegrenzt – hinein reichen und wechselwirken, beständig [Vorstellungshilfe: allein das menschliche Gehirn hat etwa 290 Mrd Zellen (etwa 30% Neuronen, 58% Astrozyten und etwa 12% Gliazellen). Das entspricht der Anzahl von Sternen in einer ganzen Galaxie. Der ganze menschliche Körper soll ca. 36 Billionen (10^12) Zellen haben (ohne die vielen Mrd zusätzliche Bakterien in und auf ihm), das wären dann in Entsprechung etwa 120 Galaxien. Bedenkt man noch die Komplexität der Wechselwirkung zwischen den Zellen des Körpers, dann übersteigt die Komplexität eines einzelnen menschlichen Körpers jene von 120 Galaxien um ein Mehrfaches, nur ein Körper!]. Diese Welterfahrung setzte einen Entwicklungsprozess von ca. 13.8 Mrd Jahre voraus. Unser Verständnis dieser Vorgänge ist noch ganz am Anfang (und es ist eine offene Frage, ob wir diese Komplexität wohl jemals ‚begreifen‘ können, wenn man bedenkt, dass das menschliche Arbeitsgedächtnis (auch bei Physikern) nicht mehr als ca. 7 +/- 2 Einheiten gleichzeitig verarbeiten kann).

Wenn man also als Philosoph die vorfindliche Wirklichkeit ernst nehmen will, dann darf man die eigene Körpererfahrung nicht von vornherein ausblenden, man muss sie akzeptieren, man muss sie zulassen, sie anschauen, und versuchen, daraus zu lernen, was es zu lernen gibt. Das Fühlen (im weitesten Sinne) ist ein Grundbestandteil philosophischer Weltwahrnehmung. Ob und was ein nachfolgendes Reflektieren mit solch einem Fühlen anfangen kann, das kann man vorab nicht abschätzen. Jedes Denken ist immer speziell, begrenzt, abgrenzend, ausgrenzend; das ist seine Art, seine Stärke wie zugleich seine Schwäche. Denken lebt vom Prozess, von der Wiederholung, vom unermüdlichen immer wieder neu ansetzen und neu sortieren. Denken hat kein absolutes Ende, nicht zuletzt auch deswegen nicht, weil es sich ja selbst zum Gegenstand machen kann; dies ist wichtig und gefährlich zugleich (die moderne Physik bietet das Schauspiel eines Denkens, das sich soweit von der Realität entfernt hat, dass im Einzelfall oft nicht mehr klar ist, ob hier eine wirklichkeitsrelevante Modellbildung vorliegt oder ein Artefakt des Modells, ein Denken des Denkens).

Es fragt sich dann, was hier ‚Fühlen‘ heißt und wie philosophisches Denken mit dem Fühlen umgehen kann?

WELCHES FÜHLEN UND WIE DAMIT UMGEHEN?

Für einen Philosophen kann es nur um das GANZE Fühlen gehen, d.h. alles, was ein Denken vorfinden kann. Und da dieses Fühlen an unseren Körper gebunden ist, geht es darum, was ein Körper in unterschiedlichsten Situationen fühlen kann und wie man solch ein stattfindendes Fühlen dann beschreiben kann, nicht nur punktuell, sondern auch in seiner prozesshaften Erstreckung in dem, was wir Zeit nennen.

In einer Philosophiewerkstatt wird man hier solche Prozesse kaum vorweg nehmen können. Man kann aber versuchen, die Grundeinstellung zu praktizieren, den Einstieg in das Fühlen üben, das dann Denken nachträglich zulässt.

Die Grundform des philosophischen Fühlens ist das bewusste Dasein ohne ein fokussiertes Denken. Es lassen sich zwar tausendfache Variationen denken, wie man dies tut (man denke nur an die Vielzahl von sogenannten Meditationsformen), aber das für eine bestimmte Zeitspanne einfach bewusste Dasein ohne irgend etwas anderes zu tun bzw. tun zu müssen, mit einem Denken in Ruhestellung, das ist die Grundübung. Und weil unser Körper mit seinen 120 Galaxien an Zellen samt seinen unendlich vielen Wechselwirkungen mit sich selbst und seiner Umgebung kein natürlicher Ruhepol ist, sondern ein permanenter Aufschrei an Bewegtheit, braucht es eine gewisse Zeit, bis sich überhaupt Ruhe einstellt und statt den marktschreierischen primären Wahrnehmungen auch solche Ereignisse bemerkbar machen können, die mit weniger Energie daher kommen. Jeder einzelne wird SEIN Fühlen haben, seine speziellen Wahrnehmungen (natürlich auch Gemeinsamkeiten mit anderen, weil unsere Körper strukturell ähnlich sind).

Es kann interessant sein, sich im Anschluss über sein Fühlen auszutauschen; auf jeden Fall kann es helfen, sich im Anschluss Notizen zu machen, sein Denken wieder mehr zulassen, Eindrücke zu sortieren.

FORMAT DER PHILOSOPHISCHEN SELBSTVERSUCHE

Für die Philosophiewerkstatt Version 3.0 ist folgendes Schema angedacht:

Bis 15:00h ANKOMMEN (Über die Einladung gibt es auch eine Fragestellung)

15:00 – 15:15h MIT DEM ORT VERTRAUT WERDEN

15:15 – 15:35h ZEIT ZUM INDIVIDUELLEN FÜHLEN

15:35 – 15:45h ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL NOTIEREN

15:45 – 16:05h KOMMUNIKATION VON BEOBACHTUNGEN

16:05 – 16:20h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

16:20 – 17:05h GEMEINSAME REFLEXION MIT GEDANKENBILD

17:05 – 17:20h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN

17:20 – 17:40h GEWICHTEN DES GEDANKENBILDES

17:20 – 18:00h AUSBLICK

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Stunden, Tage danach: ABSTAND NEHMEN, NACHSINNEN

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG

TERMINE

Um sich im Fühlen und Denken zu koordinieren, hier die geplanten Termine (vom INM bestätigt):

23.Okt 16

27.Nov 16

22.Jan 17

26.Febr.17 (Wegen Krankheit ausgefallen)

26.März 17 (Wegen Krankheit ausgefallen)

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HAT DER MENSCH NOCH EINE ZUKUNFT? – Zwischenreflexion

KONTEXT

  1. Ich hatte gestern eine dieser Begegnungen, die man nicht planen kann. Es passiert einfach.
  2. Irgendwie ging es um die Frage, wie unsere Universität neben und jenseits der speziellen Studienprogramme und Forschungsprojekte an einer offiziellen Stelle Fragen öffentlich stellen und diskutieren kann, die den Menschen der Gegenwart im Fokus haben. Neben der Frage des Wie man das tun könnte, spielte natürlich zentral die Frage des Was herein: Was sind die drängenden Fragen für die Menschen heute?

UNIVERSITÄT IST

  1. Die Universität wäre keine Universität, würde sie nicht schon jetzt in ihren speziellen Programmen wichtige Zukunftsfragen behandeln: Städte der Zukunft, Energieversorgung der Zukunft, Verkehr der Zukunft, Logistik, Datennutzung, Pflegekonzepte, … usw.
  2. Alle diese Programme leben von der – stillschweigenden – Voraussetzung, dass der Mensch – Wir alle – gesetzt ist als Handelnder, dass der Mensch, wir als homo sapiens (sapiens), eine zentrale Rolle spielt, weil wir …. ja, weil wir was sind?

MENSCH – ZUKUNFT

  1. Schaut man sich in den Wissenschaften um, in der Technologie, in der Wirtschaft, in der Politik …., dann kann man zum Schluss kommen, dass die verfügbaren Menschenbilder nicht nur arg zerschlissen wirken, sie sind eigentlich außer Kraft gesetzt.
  2. Auf dem Papier gibt es zwar Menschenrechte, Grundrechte, Verfassungen (in den meisten Staaten), aber angesichts der Realitäten des alltäglichen Lebens weltweit kann man den Eindruck bekommen, dass den Worten auf dem Papier in der Realität nicht mehr viel entspricht.
  3. Schließt man nicht die Augen vor dem, was täglich real passiert, dann kann – und muss? – man die Frage stellen: Hat der Mensch noch eine Zukunft?

RELIGIONEN

  1. In der Vergangenheit waren im Fall von Seuchen, Naturkatastrophen, Kriegen, Not jeder Art, die Religionen zuständig, Trost und Zuversicht zu spenden, Hoffnung auf etwas Gutes in all dem Elend. Es gab (und gibt) viele Religionen; noch immer gibt es Religionen, z.T. weltweit organisiert. Trotz ihres gewaltigen Erklärungsanspruches sind sie weitgehend nicht kompatibel miteinander, zerfallen in sich in viele Strömungen, und statt Frieden, Trost und Wahrheit bringen sie selbst immer wieder Krieg und Tod, Verfolgung, Verteufelung, tun sich schwer mit den modernen Erkenntnissen über die Welt, über das Universum. Statt die Menschen zu ‚befreien‘ schaffen sie neue Abhängigkeiten. Ist die Idee eines übergreifenden, realen Sinns, eines alles übersteigende Gute falsch?

POLITIK

  1. Die Formen der Machtausübung von Menschen über Menschen (Politik) hat schon viele Formate gesehen. Demokratische Strukturen sind ein sehr spätes Produkt. Sie sind bis heute die Ausnahme und zeigen an sich Spuren von Verschleiß und Verrat. Ist die Idee einer auf Menschenrechten und einer demokratischen Verfassung gründenden Machtausübung falsch? Ist der einzelne, selbstherrliche Diktator die bessere Variante? Können wir heute in einer digitalisierten globalen Technologie die Allgemeinheit dem digitalen Diktator überlassen, jenen anonymen Sammlern und Nutzern von Daten, die dann digital bestimmen, wo es langgeht?

WIRTSCHAFT

  1. Wirtschaftliche Tätigkeit war schon immer notwendig fürs Überleben, zugleich aber auch für Innovationen, Neuerungen, Veränderungen. Am erfolgreichsten ist die Wirtschaft bei stabilen Verhältnissen, offenen Märkten, Wohlergehen der Allgemeinheit. Die primäre Berechtigung kommt vom Überleben der Menschen, das treibende Motiv aber ist die Bereicherung der Akteure; Steigerung von Gewinnen bei Senkung der Kosten. Die Digitalisierung bietet eine neue Variante: Ersetzen der Menschen durch intelligente Maschinen. Welche Rolle kann der Mensch hier noch spielen?

TECHNIK

  1. Die Technik war von Anbeginn ein Helfer des Menschen: Energie, Transport, Bauen, Ernährung, Vorräte schaffen, Kommunikation, Krankheiten bekämpfen …. heute hat die Technik einen Punkt erreicht, wo sie die Menschen selbst zunehmend ersetzen kann. Der Mensch wird für immer mehr Tätigkeiten überflüssig. Wozu braucht es noch den Menschen?

WISSENSCHAFTEN

  1. Die Wissenschaften haben dem Menschen geholfen, die umgebende Welt und den eigenen Körper immer besser zu verstehen. Mit diesem Verstehen kamen die unendlichen Weiten des Universums, kamen die Feinstrukturen des Lebens bis hin zu den Zellen, den genetischen Informationen, der Möglichkeit, das Leben in seinen Grundlagen zu verändern. Der Mensch scheint angesichts all dessen nicht mehr so wichtig. Einen alles durchdringenden, umfassenden Sinn scheint es nicht mehr zu geben. Die alten Religionen sind bislang sprachlos oder Verweigern einfach das Gespräch. Die neuen Wissenschaften haben keine Verwendung mehr für den Menschen. Was soll ein Physiker, ein Molekularbiologie oder ein Gehirnforscher auch schon sagen? Sie wühlen in den Eingeweiden der Materie, sie messen biochemische Prozesse in den Zellen, sie können aber ihre eigene Wissenschaft nicht mehr erklären. Ein möglicher Sinn für den homo sapiens ist kein Thema für die Wissenschaften. Hat der Mensch also keine Zukunft mehr?

EPOCHEN-WENDE?

  1. In der bekannten Geschichte des Lebens gab es bislang keine Zeit, die unserer aktuellen Situation vergleichbar ist. Viele Fragen sind qualitativ, grundlegend, unbeantwortet.

UNIVERSITÄT DEFINIERT SICH IMMER WIEDER NEU

  1. Ob eine Universität in der Lage ist, sich diesen Fragen zu stellen, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt, ist offen. In der Geschichte der europäischen Universitäten waren Universitäten immer ein Spielball von aktuellen Strömungen, Machtinteressen und Wissensmonopolen. Es gibt nicht die Universität. Jede Universität ist ein Politikum, ein Machtkompromiss, muss sich in jeder Zeit neu erfinden. Dies hängt von konkreten Personen ab, vom verfügbaren Wissen, von Überzeugungskraft, ….

DIESER BLOG

  1. Dieser Blog Philosophie Jetzt sieht die Frage nach der möglichen Zukunft des Menschen im Universum als seine zentrale Frage. Und diese Frage wird ausgespannt zwischen Wissenschaften, alltäglichem Leben und konkreten Erfahrungen des Daseins, deren Menschen (und alle Lebewesen) fähig sind.

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WIR SIND DAS PROBLEM – WIR SIND ABER AUCH DIE LÖSUNG. Eine Notiz, die

  1. Dies ist eine Zwischennotiz.

  2. Wer sich heute in der Welt umschaut (und gestern, und vorgestern, und …) wird mit einem bizarren Phänomen konfrontiert: da gibt es ein Wesen, ein reales Lebewesen, wir, die Menschen, der homo sapiens (sapiens), der verantwortlich zeichnet für ein Verhalten, das in Bizarrheit kaum noch zu überbieten ist.

  3. Menschen wenden Gewalt an, um anderen Menschen weh zu tun, um sie zu quälen, um sie zu verletzen, um sie zu töten. Um andere Lebewesen zu töten, um die Oberfläche der Erde zu verändern, direkt, mit bloßen Händen, mit Werkzeugen, mit Maschinen, alleine, mit anderen, in Gruppen, ganzen Heerscharen, cool, berauscht, erregt, aggressiv, … sie tun es, wir tun es, wir Menschen tun es, schon immer, immer wieder neu, täglich,… Es gibt eigentlich keine Grausamkeit, keine mögliche Zerstörung, keinen Wahnsinn, zu dem ein Mensch grundsätzlich nicht fähig wäre…

  4. Ob wir dieses Verhalten böse nennen, dunkel, schwarz, teuflisch, kriminell, furchtbar … ist fast egal, wir Menschen, wir als homo sapiens (sapiens) können es und tun es.

  5. Wir Menschen erscheinen als unerschöpflicher Ort des Bösen und des Grauens in dieser Welt. Immer, zu jeder Zeit.

  6. Oft erzählen wir den anderen, uns selbst, dabei Geschichten, warum wir dies tun, warum dies ‚gut‘ ist, warum dies sein muss, oder auch nicht; Menschen tun es, tun es einfach so, weil etwas sie treibt, antreibt. ..

  7. Wahr ist aber auch, dass Menschen das Gegenteil davon tun, nicht Gewalt ausüben, nicht anderen Menschen weh tun, niemanden quälen, niemanden töten, …

  8. Menschen machen Musik, die anderen gefällt, sie berauscht, sie bewegt, erhebt … sie malen Bilder die zu uns sprechen können, von etwas Anderem … erzählen Geschichten, schreiben Texte von anderen Menschen, anderen Welten, von uns selbst von Morgen, von anderen Welten, wie es war oder sein könnte ….Menschen erfinden Lösungen, Werkzeuge, die das Leben verändern,… sie sind für uns da,sie haben Zeit zum Zuhören, finden Worte die uns trösten, können Lächeln ohne zu schlagen, können liebkosen ohne zu erniedrigen, sie widmen ihr ganzes Leben einer Idee von Wahrheit, von Schönheit, von Liebe …

  9. Ja, der Mensch ist all dieses. Der Mensch hat tausende von Sprachen erfunden und benutzt sie, er lebt nahezu an allen Punkten der Erdoberfläche, er hat Gestalten angenommen, Hautfarben, Haarformen, Umgangsweisen, Verhaltensweisen, Essgewohnheiten, Sehweisen, Denkweisen, die eine Variabilität zeigen, eine Anpassungsfähigkeit, eine Lernfähigkeit, die grandios ist.

  10. Menschen haben Mythen erfunden, Religionen, die das große Ganze erklären sollen, Geschichten über die Welt und den Menschen; sie haben Methoden erfunden, wie man die Welt außerhalb des Kopfes erforschen kann, das reale große Ganze….

  11. Der Mensch, die Menschheit ist dies alles, war dies alles, und ist immer noch da, um etwas zu sein, gleich, morgen, jetzt, was so unaufhaltsam wirkt, so unentrinnbar, so zwanghaft …. aber, in der Tat, es ist in keiner Weise notwendig, es ist nicht unentrinnbar, es ist nicht zwangsweise so, wie wir geneigt sind zu glauben, dass es sein sollte…

  12. Ich muss das Gewehr nicht auf andere richten, ich muss nicht auf den Knopf drücken, um Explosionen auszulösen, ich muss den anderen nicht quälen, töten, hassen; ich muss in dem anderen keinen Feind sehen, keinen wesentlich Anderen; ich muss das Geschäft nicht so abwickeln, wie ich es geplant hatte; … kein Mensch muss etwas Bestimmtes tun; niemand und nichts kann einen Menschen letztlich zwingen.

  13. Jeder Mensch hat das, was so oft besungen und zugleich so oft bezweifelt wurde: diese merkwürdige Fähigkeit, etwas nicht zu tun, etwas anderes als bisher zu tun. Wir können es. Wir können etwas einfach nicht tun, stattdessen, wenn die Körperwelt es erlaubt, etwas anderes zu tun, das ganz andere zum Bisherigen.

  14. Die Geschichte ist voll von Änderungen, spektakulären Veränderungen, wo Menschen einfach ihr Leben geändert haben. Meistens geschieht es nicht spektakulär sondern unauffällig, schrittweise, in kleinen Schritten, oder doch aufwendiger, auffälliger, mit Öffentlichkeit.

  15. Meist haben wir Erklärungen parat, warum wir etwas tun, erzählen uns Geschichten, aber vor jeder Geschichte ist da dieses Handeln, dieses innere Fühlen, etwas in uns, was uns antreibt, etwas was wir nicht unbedingt verstehen, etwas, was uns selbst fremd ist, das, was uns dazu bringt, etwas zu tun… natürlich können uns andere Menschen beeinflussen, und vielfach ist es gut, dass es da andere Menschen gibt, die uns vorleben, erzählen, was geht, was nicht geht,… aber letztlich ist es unsere Entscheidung, unser Handeln…. wir können quasi gegen uns selbst, gegen unsere eigenen Bilder angehen, uns selbst unterlaufen, wir können uns selbst ‚widerlegen‘ ….

  16. Wir können heute wissen, dass es in diesem Universum, zu dem wir aktuell gehören, das sich immer weiter ausdehnt, unvorstellbar weit, eine Galaxie gibt, darin unser Sonnensystem, dort unseren Planet Erde, auf dem sich etwas gebildet hat, was wir ‚Leben‘ nennen, das im Kleinen eine Komplexität ausgebildet hat, die größer ist als das unvorstellbar große Universum. Das Gehirn eines einzelnen homo sapiens (sapiens) ist von gleicher Komplexität im Kleinen wie die Galaxie Milchstraße im Großen, jeder Körper eines einzelnen homo sapiens (sapiens) ist sogar im Kleinen 100 bis 1000 mal komplexer als eine ganze Galaxie, und der Mensch ist nur ein winziger Teil eines unfassbaren Lebensphänomens, das sich im Mikrokosmos der Moleküle gebildet hat und sich in freier Explosion befindet. Das auseinander fliegende Universum, das so unfassbar groß erscheint, ist nichts im Vergleich zum Mikrokosmos des Lebens, das sich sei ca. 3.8 Mrd Jahren beginnt, auf dem Planeten Erde zu entfalten…

  17. Dieses Leben ist so komplex, dass bislang die Menschen nicht in der Lage sind, es, sich selbst, zu verstehen. So wunderbar so ein Gehirn mit seiner galaktischen Komplexität ist, es ist ja nur eine Begleiterscheinung in diesem großen Ganzen, ein winziges Galaktisches, das sich immer noch Geschichten über die Welt, über sich selbst erzählt, die einfach lächerlich dumm und falsch sind ….

  18. Homo sapiens (sapiens) ist entstanden, um das Leben weiter zu verdichten, es weiter zu entfalten, DAS LEBEN, nicht den homo sapiens (sapiens) alleine, das ungeheuerliche Ereignis des Lebens im Universum weiter zu ermöglichen, zu vertiefen … er ist entstanden, nicht weil ein homo sapiens (sapiens) es gewollt oder geplant hat, sondern weil DAS LEBEN so ist, das es auf eine bestimmte Weise entsteht, sich verdichtet, geschieht.

  19. Teil dieses unfassbaren Prozesses ist der homo sapiens (sapiens). DAS LEBEN hat ihn so entstehen lassen, damit er an dieser Symphonie des Lebens zu einem bestimmten Zeitpunkt mit bestimmten Fähigkeiten mitwirkt. DAS LEBEN hat sich im homo sapiens (sapiens) die Möglichkeit verschafft, aus der unmittelbaren Kausalität und der damit gebundenen Zeitdauer auszubrechen, sich im Denken selbst anschauen zu können, quasi mit sich selbst spielen kann, um schneller jene Möglichkeiten wahr zu nehmen, die für die weitere Entwicklung wichtig sind … diese Revolution der Freiheit enthält jetzt aber gerade die Möglichkeit,, die Kreativität der Evolution anders ausleben zu können, direkter, schneller, umfassender ….

  20. An der (kurzen) Geschichte des homo sapiens (sapiens) können wir ablesen, was grundlegende Freiheit heißt: nichts ist verboten, alles geht, sogar die Selbstzerstörung.

  21. Mächtige versuchen zwar zu allen Zeiten, diese unfassbare Freiheit für ihre eigenen Zwecke umzudeuten, versuchen, diese unfassbare Gewalt des Lebens für ihre eigenen partikulären, individuellen kurzsichtigen Ziele einzuspannen, zu missbrauchen, aber keine Machtkonstellation, die nur partikulären Zwecken diente, hat jemals überlebt und wird auch nicht überleben. Schlimmstenfalls geht dann alles unter, weil der homo sapiens (sapiens) versagt, weil er den nächsten Level nicht schafft …..

  22. Auf dem Planeten Erde hat DAS LEBEN noch ca. 1 Mrd Jahre Zeit, bis die sich aufblähende Sonne die Temperaturen auf der Erde so erhöht hat, dass Leben nicht mehr möglich sein wird .. oder es kommt vorher noch zu anderen Katastrophen (Kollision mit einem anderen Asteroiden hinreichender Größe, oder … es gibt viele mögliche Ursachen)

  23. Es wäre vermessen als homo sapiens (sapiens) heute zu beurteilen, ob sich das Ganze überhaupt ‚lohnt‘ … wir sind bislang nicht in der Lage, DAS LEBEN angemessen zu verstehen, geschweige denn den Rest, … wie wollen wir uns anmaßen, zu wissen, worauf das Ganze hinausläuft?

  24. Wofür werden wir uns, wird sich der Mensch, der homo sapiens (sapiens), letztlich entscheiden? Festgelegt ist nichts, aber nur bestimmte Verhaltensweisen werden das gemeinsame nachhaltige Überleben ermöglichen, nur bestimmte; alle anderen werden dazu beitragen, dass der homo sapiens (sapiens) sich selbst schwächt, zerstört, und damit DEM LEBEN die Chance nimmt, die es im homo sapiens (sapiens) als neue Variante angelegt hat …. vielleicht begreifen wir, dass es primär nicht um uns direkt geht, sondern um uns als Teil DES LEBENS ….

  25. Brauchen wir GOTT? Vielleicht, aber sicher nicht so, wie Judentum, Christentum und Islam sich das bislang vorgestellt haben oder vorstellen. Sie verstehen ja nicht einmal ihre eigene Geschichte; sie sind nicht in der Lage, miteinander zu reden und zu leben, obwohl sie sich auf den gleichen GOTT berufen ….

  26. Wenn es GOTT nicht gäbe, wäre es sinnlos, ihn zu erfinden.

  27. Wenn es GOTT gäbe, wäre es genauso sinnlos, dass Menschen ihn nach ihrem Bilde zurecht zimmern, dann wäre er schon immer da, dann würde er schon immer handeln, überall, zu jeder Zeit, wann er will, mit jedem. GOTT müsste nicht einen Menschen fragen, ob er mit einem anderen Menschen reden darf … es gäbe niemanden, der außerhalb GOTTes wäre, per se nicht. Das ganze Getue um Propheten und Offenbarung und oberste Religionslehrer ist einfach lächerlich … gäbe es GOTT, bräuchte er dies sicher alles nicht …. und wenn es tausende von Sprache auf der Erde gibt (heute), warum spricht GOTT dann nur aramäisch oder arabisch? … und nur zu wenigen Menschen, wo er doch das ganze LEBEN ermöglicht haben sollte?

  28. Wer immer GOTT sein mag, wir sind Teil eines LEBENS, das zum unglaublichsten Ereignis des bisherigen bekannten Universums gehört, das in sich, im kleinen, eine galaktische Komplexität besitzt, die das physikalische Universum locker in den Schatten stellt ….

  29. Mal sehen, was ein homo sapiens (sapiens) daraus noch macht …

DIE LÖSUNG. Eine Notiz, die eigentlich nicht geschrieben werden könnte. Aber das Leben selbst ist etwas, was es eigentlich nicht geben dürfte, genauso wenig wie den Planeten Erde, unser Sonnensystem, die Milchstraße, das ganze Universum. Es gibt keinen wirklichen Grund, warum es dies alles gibt, dennoch sind wir da, … wir haben nichts dafür getan, dass wir da sind, glauben aber manchmal, wir sind die Größten ….

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MEMO: AUGE IN AUGE MIT DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ. PHILOSOPHIESOMMER 2016 IN DER DENKBAR – Sitzung vom 12.Juni 2016

Entsprechend den vielfachen Wünschen der Teilnehmer war für die Sitzung am 12.Juni 2016 ein Experte für intelligente Maschinen eingeladen worden, eine kleine Einführung in die aktuelle Situation zu geben.

Ziel des Beitrags sollte es sein, anhand konkreter Beispiele ein wenig mehr zu verdeutlichen, was intelligente Maschinen wirklich leisten können. Im anschließenden Diskurs sollte es wieder darum gehen, diesen Beitrag als Ausgangspunkt zu nehmen, um die Fragen der anwesenden Teilnehmer und ihre Gedanken zu Worte kommen zu lassen.

Gedankenskizze von der Sitzung des Philosophiesommers 2016 in der DENKBAR vom 12.Juni 2016

Gedankenskizze von der Sitzung des Philosophiesommers 2016 in der DENKBAR vom 12.Juni 2016

Das Diagramm gibt einen ersten Überblick über die Struktur der Sitzung. Im Einstieg wurden in lockerer Form verschiedene Videos vorgestellt, immer wieder unterbrochen durch ad hoc Erläuterungen, die sehr konkrete Eindrücke von den agierenden Forschern und ihren Algorithmen vermittelten. Danach gab es ein sehr lebhaftes Gespräch, in dem weniger die Details der Algorithmen diskutiert wurden, sondern mehr die Gefühle, Befürchtungen und Fragen, die das Ganze bei allen auslöste.

KI DIREKT

Das Gebiet der KI ist ziemlich groß. An diesem Tag wurde von einem kleinen Ausschnitt berichtet, er sich aber zur Zeit im Zentrum größten Interesses befindet. Es ging vornehmlich um Bilderkennung und ein bisschen um Methoden des anfangshaften Verstehens von Sprache.

Bei der Bilderkennung wurden Beispiel gezeigt, wie Rechner heute Szenen analysieren und darin dann einzelne Objekte erkennen könne; wie dann in einer Folge von Szenen die erkannten Objekte räumliche Strukturen bilden können (Räume, Straßen, …), in denen man dann nach Pfaden/ Wegen suchen kann. Unter den Videos war auch eine künstlerische Anwendung, die zeigte, dass man diese Technologien auch ganz anders einsetzen kann. (Ergänzend kann man z.B. auch hinweisen auf Bereiche wie die Musik, in der KI mittlerweile komplexe Musikstücke analysieren und neu arrangieren kann, und sogar als eigenständiger Musiker in einer Band mitspielen kann, z.B. „Wunder der Technik Musikalische Drohnen ersetzen das Orchester „, oder „Neue Jobs für Roboter„).

Bei dem anfangshaften Verstehen von Sprache wurden Methoden vorgestellt, die aus den Verteilungen von Worten und Wortverbindungen zu Bedeutungsschätzungen kommen können, und auch hier wieder alltagspraktische Anwendungen wie jene, bei der Texte eines Politikers künstlerisch so abgewandelt werden konnten, dass sie wie die Texte dieses Politikers aussahen, aber vom Algorithmus produziert worden waren. Aber auch hier gilt, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt von dem war, was heute schon im Einsatz ist (man denke an den sogenannten Roboter-Journalismus, wo die Nachrichten und Artikel ganzer Webseiten mittlerweile komplett durch Algorithmen erstellt werden, z.B. „Roboterjournalismus: Maschinen ohne Moral“ oder „Automatisierter Journalismus: Nehmen Roboter Journalisten den Job weg?)

GESPRÄCH : WIDERHALL IN UNS

Bei den Teilnehmern überwog die Skepsis die Faszination.

KI AKTEURE

Auffällig war den meisten, wie jung die Akteure in der Szene waren, selbst die Chefs und CEOs von milliardenschweren Unternehmen. Wie diese (scheinbar) unbekümmert die Vorzüge ihrer Technik priesen, begeistert, enthusiastisch; Nachdenklichkeiten, kritische Überlegungen sah man nicht (im Kontrast dazu vielleicht die Eindrücke, die man von deutschen Konzernen hat mit ihren schwerfälligen autoritären Strukturen, mit ihren zementierten Abläufen, der großen Risikoaversion…). Der Geist der KI-Akteure hingegen erzeugt Neues, Innovatives, bewegt die Welt. In Erinnerungen an den Bau der Atombombe mit den begeisterten Forschern für das technische faszinierend Machbare stellte sich mancher aber auch die Frage, ob diese Unbekümmertheit, diese emotionslose Technik, nicht auch gefährlich ist (je mehr Bilderkennung z.B. im öffentlichen Bereich, dann auch mehr umfassende Kontrolle, Überwachung. Das ‚System‘ weiß dann immer, wo man gerade ist und mit wem er zusammen ist (immerhin hat sich das US-Verteidigungsministerium den Chef von Alphabet (dazu gehört google) mittlerweile offiziell als Berater geholt)). Andere fragten sich, ob es in Zukunft eigentlich nur noch Informatiker gibt (quasi als allfällige Diener der KI), während alle anderen überflüssig werden.

OFFENE ZIELE

Sieht man die aktuelle Techniksituation als Momentaufnahme eines Prozesses mit einer Geschichte und möglichen Zukünften, dann kann (und muss?) man die Frage, nach dem darin wirkenden Fortschrittsbegriff stellen, nach den wirkenden Kriterien.

WAS IST INTELLIGENZ?

Ein Teilaspekt ist der Begriff der Künstlichen Intelligenz mit dem Teilbegriff Intelligenz. Was ist damit eigentlich gemeint? Auf welche Intelligenz bezieht man sich? In der Psychologie benutzt man seit ca. 100 Jahren einen operationalisierten Intelligenzbegriff zur Messung der Intelligenz (Binet). Doch diese Betrachtungsweise ist sehr quantifizierend und wird vielfach kritisiert, auch mit Verweis auf kulturelle Unterschiede. Im Unterschied zur Pschologie findet man im Bereich der KI selbst bzw. in der Informatik keine einheitliche Definition von Intelligenz (siehe z.B. KI ). Während die KI im klassischen Sinne sich an der Intelligenz von biologischen Systemen orientiert, die nachempfunden werden soll, findet sich heute vielfach ein engeres, ingenieurmäßiges Verstehen von KI als Maschinelles Lernen. Hier wird die Frage nach Intelligenz im allgemeinen gar nicht mehr gestellt. Stattdessen gibt es immer konkrete, spezielle Aufgabenstellungen, die technisch gelöst werden sollen, und die Lösung konzentriert sich dann ausschließlich auf diese eingeschränkten Aspekte.

SELBSTBESCHREIBUNG DES MENSCHEN ALS MASCHINE

Die Diskussion um den Intelligenzbegriff streift auch das Phänomen, dass die Menschen in nahezu allen Epochen dahin tendieren, sich selbst immer im Licht der neuesten Erkenntnisse und Techniken zu beschreiben, sozusagen auf der Suche nach sich selbst. Eigentlich weiß kein Mensch so richtig, wer er ist und ist dankbar für jedes Bild, was man ihm anbietet. So vergleichen sich Kinder heute häufig mit einem PC: ‚mein Kopf ist wie ein Computer‘; ‚ich habe das nicht abgespeichert‘; ‚meine Festplatte ist leer’…. Zu Zeiten eines La Mettrie (1709 – 1751)  wurde der Geist der Dualisten (vor allem repräseniert duch Descartes) aus dem Körper des Menschen verbannt; der Körper war nur noch eine Maschine (im damaligen Verständnis) ohne Geist.

VIRTUALITÄT ALS GEFAHR?

Mit Blick auf die KI und die enorme Zunahme an digitalen Räumen als virtuelle Welten wurde auch die Frage aufgeworfen, wieweit dies eine Gefahr darstellt? Verzetteln wir uns nicht? Wissen wir noch Virtuelles und Reales auseinander zu halten? Dazu sei angemerkt, dass sich das Erleben und Denken des Menschen ja primär in seinem Gehirn abspielt, das als Gehirn im Körper sitzt ohne direkten Weltbezug. D.h. schon das normale Denken des Menschen hat das Problem, dass es dem einzelnen zwar real erscheint, inhaltlich aber – bezogen auf eine unterstellte Außenwelt – mit der Außenwelt nicht automatisch übereinstimmen muss. Es gehört ja gerade zur Kulturgeschichte des Menschen, dass er mühsam lernen musste, dass die meisten Gedanken der Vergangenheit eben nur Gedanken waren und nicht die Welt beschrieben haben, wie sie wirklich (=empirisch überprüfbar) ist. Insofern stellen die neuen virtuellen Welten nichts wirklich Neues dar, wohl aber eine Modifikation der Situation, die neu verstanden und gelernt werden muss.

BRAUCHEN WIR NOCH MEHR EVOLUTION?

Greift man nochmals den Gedanken auf, dass die aktuelle Techniksituation als Momentaufnahme eines Prozesses mit einer Geschichte und möglichen Zukünften Teil der Evolution ist, wurde gefragt, ob wir noch mehr Evolution brauchen? Außerdem, welches Ziel hat diese Evolution?

Mit Blick auf den Blogeintrag vom 11.Juni 2016 wurde eingeblendet, dass sich die Frage nach der Evolution möglicherweise anders stellt. Schliesslich sind wir selbst, alle Menschen, alle Lebewesen, Produkt der Evolution, wir sind Teilnehmer, aber bislang nicht als Herren des Geschehens. Und vieles spricht dafür, dass alle Phänomene im Umfeld des Menschen auch nicht los lösbar sind von der Evolution. Sie gehören quasi dazu, wenn auch vielleicht in einem neuen qualitativen Sinn. Soweit wir heute erkennen können, ist es seit dem Auftreten des homo sapiens sapiens (hss) zum ersten Mal seit dem Auftreten des Lebens auf der Erde möglich, dass das Leben als Ganzes sich in Gestalt des hss sich quasi selbst anschauen kann, es kann sich mehr und mehr verstehen, es kann seine eigenen Baupläne lesen und mehr und mehr abändern. Dies eröffnet für das Leben auf der Erde (und damit im ganzen bekannten Universum) eine völlig neue und radikale Autonomie. Die allgemeine physikalische Entropie wird bislang dadurch zwar nur lokal aufgehoben, aber immerhin, dass es überhaupt möglich ist, über die bekannten Naturgesetze hinaus durch bestimmte Prozesse Strukturen zu erzeugen, die der Entropie zuwider laufen, ist ein bemerkenswertes Faktum, das bislang von der Physik so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen wird (und auch nicht von den Akteuren selbst, dem hss).

RADIKALE AUTONOMIE

Möglicherweise ist die fundamentale Tragweite der neuen radikalen Autonomie des Lebens auch deshalb noch nicht so recht ins Bewusstsein getreten, weil im Alltag, im konkreten Dasein, die körperlichen Grenzen sehr deutlich sind, die ganze Trieb-, Bedürfnis-, und Emotionsstruktur des Menschen in ihrer Konkretheit und Intensität vielfach als so stark empfunden wird, dass man die großen Linien, die geradezu kosmologische Dimension dieser radikalen Autonomie noch kaum wahrnimmt.

Dazu kommt, dass die Tatsache, dass sich fast alle interessanten Prozesse im Innern des Menschen abspielen, es notwendig macht, dass diese inneren Prozesse über Kommunikation miteinander koordiniert werden müssten. Dies ist aufwendig und schwierig. Viele (die meisten) Menschen scheitern hier, kapitulieren. So verharren sie – und damit ganze Generationen – in bestimmten Empfindungs-, Denk- und Handlungsmustern, die nicht weiter führen, die eher Rückschritt bedeuten.

Aktuell erscheint es offen, in welche der vielen möglichen Zukünfte wir uns bewegen werden. Werden demnächst die intelligenten Maschinen alles übernehmen, weil der hss ausgedient hat? Oder wird es doch bei einer Symbiose auf hohem Niveau bleiben, in der der hss die intelligenten Maschinen für sich nutzt und die intelligenten Maschinen durch den Menschen Räume erobern können, die ihnen sonst verschlossen wären? Oder – und diese dritte Möglichkeit sieht aktuell – soweit ich sehe – eigentlich noch niemand – wird er Mensch in den nächsten Jahren neu erwachen und begreifen, dass diese radikale Autonomie etwas radikal Neues darstellt, etwas, das es so noch nie zuvor in den 13.8 Mrd Jahren gegeben hatte?

Um die radikale Autonomie nutzen zu können, muss der Mensch erstmalig in der Geschichte des Lebens die Frage nach den Werten, nach den Zielen, wohin die Reise eigentlich gehen soll, selber stellen … und beantworten. Bis zum hss gab es keine Wertediskussion. Die Evolution stellte einen Prozess dar, in dem bestimmte Lebensformen im Kontext der Erde überlebt hatten; das waren die einzigen Werte im Nachhinein. Vor der Neuwerdung im Reproduktionsprozess gab es keine expliziten Werte. Es gab bisherige Erfolge und viel Zufall.

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