Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

WAS VERSTEHEN WIR UNTER WISSENSCHAFT? Blitzlicht zu einem Workshop am 14.Dez.2018

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 16.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KURZFASSUNG

Am 14.Dez.2018 gab es einen kleinen Workshop zum obigen Thema. Die TeilnehmerInnen repräsentierten unterschiedliche institutionelle Funktionen und Lebensphasen (Studierende, Lehrende, Verwaltung). Ein Teil des Workshops bestand darin, das in den einzelnen Gehirnen verborgene ‚Schwarm-Wissen‘ ‚hervor zu locken, es sichtbar zu machen, und es gemeinsam in mögliche Zusammenhänge einzuordnen, die sich von den Wissensfragmenten her anzudeuten schienen. Das Ergebnis war ein ziemlich anspruchsvolles Bild von Wissenschaft, WissenschaftlerInnen, Gesellschaft, Entstehung, Vorwissen und Metawissen. Auf dieser Basis könnte es sich lohnen, systematisch weiter zu denken. Der nachfolgende Text war nicht Teil des Workshops, wie auch umgekehrt nicht alle Themen und Gedanken des Workshops in den nachfolgenden Text eingeflossen sind. Der Autor dieses Textes war der Moderator des Workshops.

WISSENSCHAFTSBEGRIFF

In der Ankündigung des Workshops konnte man lesen, dass man im Jahr 2018 vielleicht glauben könne, dass wir in einer von Wissenschaft geprägten Welt leben und eigentlich jeder – zumindest jeder ‚Akademiker‘ – weiß, was man unter ‚Wissenschaft‘ versteht bzw. normativ verstehen sollte. Wer sich aufmerksam umschaut in seinem Alltag, kann allerdings sehr schnell viele Beispiele finden, die eher den Eindruck erwecken, dass dem nicht so ist. Selbst von Akademikern kann man z.T. höchst verwunderliche Aussagen hören, was sie unter Wissenschaft verstehen. Und nicht nur in wissenschaftlichen Büchern, sondern sogar in ‚Handbüchern‘ zur Philosophie der Einzelwissenschaften, sucht man Erläuterungen, Erklärungen, Definitionen von dem, was man unter ‚Wissenschaft‘ versteht, verstehen sollte, oft vergeblich.

Aufgrund dieser alltäglichen Sachlage kann es Sinn machen, sich ab und zu zusammen zu finden und mal zu versuchen, sein eigenes Wissen mit dem der anderen auszutauschen und darüber nach zu denken, was man denn so tut, wenn man ‚Wissenschaft‘ ‚macht‘.

THE BIG PICTURE – DAS GROSSE BILD

Ergebnis des Brainstormings aus dem Workshop mit Andeutungen der Kommentierungen im Workshop.

Ergebnis des Brainstormings aus dem Workshop mit Andeutungen der Kommentierungen im Workshop.

Mögliche abstrakte Struktur zum Thema Wissenschaft aufgrund des vorausgegangenen 'Schwarm-Denkens'

Mögliche abstrakte Struktur zum Thema Wissenschaft aufgrund des vorausgegangenen ‚Schwarm-Denkens‘

In den beiden Bildern kann man grob zwei Phasen im Verstehensprozess des Workshops erkennen: (i) in der Ideen-Anregungsphase gab es viele einzelne Gedanken, die als solche kaum größere Zusammenhänge erkennen liesen. Aber durch die Nähe zu anderen einzelnen Gedanken deuteten sich zunehmend mögliche übergeordnete Zusammenhänge an, die dann dazu führten, dass die Gruppe gemeinsam (ii) ‚Strukturierungen‘ vornehmen konnte, tastend, versuchsweise, hypothetisch, die sich im weiteren Verlauf sowohl ‚verfestigen‘ wie auch ‚differenzieren‘ konnten.

Die ’schwarzen‘ Umrandungen deuten thematisch zusammenhängende Sachverhalte an, die ‚roten‘ Pfeile deuten auf Wechselwirkungen zwischen diesen hervorgehobenen Bereiche hin.

Im zweiten Bild sind dann nur die abstrahierten Strukturen dargestellt. Diese repräsentieren folgende induktiv (‚bottom-up‘, Schwarmwissen) gewonnene Sachverhalte:

VORWISSEN

1. Wissenschaft fängt nicht im ‚Nichts‘ an sondern hat immer schon ein VORWISSEN, aus dem heraus sie sich ‚orientiert‘. Dieses Vorwissen ist nicht statisch, sondern verändert sich in Abhängigkeit von Ort und Zeit und kulturellem Kontext kontinuierlich. Auch das, was der Wissenschaftsbetrieb dann an WISSENSCHAFTLICHEM WISSEN aus sich heraus setzt, das kann auf dieses Vorwissen zurückwirken. Wie die Geschichte zeigt, ist die Rückwirkung von wissenschaftlichem Wissen auf das Vorwissen nicht einfach, nicht direkt, nicht vollständig. Die Rückwirkung wird von vielen individuellen, kulturellen, politischen und anderen Faktoren beeinflusst. Nicht zuletzt auch von dem wissenschaftlichen Wissen selbst, das heute z.B. als Massenphänomen (wer soll das noch alles lesen?), in einer schwer bis kaum verständlichen Verpackung (Sprachen, Verfahren, Geräte…)) daherkommt, dazu – wie schon immer – institutionell verknüpft mit wirtschaftlichen, politischen und Machtinteressen.

WISSENSCHAFTLER

2. Wissenschaftliches Wissen entsteht nicht ‚automatisch‘, sondern beruht auf der Aktivität von konkreten MENSCHEN, WISSENSCHAFTLERN (männlich, weiblich, andere), die mit ihren Körpern, ihren Gehirnen, ihren individuellen Fähigkeiten versuchen, in KOMMUNIKATION mit anderen, unter den konkreten Bedingungen einer konkreten Gesellschaft, verfügbares Vorwissen aufzunehmen, es durch ihre Denken, ihre Arbeit, ihre Kommunikation zu verstehen, zu sortieren, neu zu interpretieren, neu anzuwenden, neu zu formen, und ihm öffentlich Gehör und Anerkennung zu verschaffen. Dies ist ein sehr mühsames Geschäft, es verlangt 20 und mehr Jahre kontinuierliche individuelle Arbeit, es verlangt einen institutionellen, gesellschaftlichen, kulturellen Kontext, der dies begünstigt.

WISSENSCHAFTLICHES WISSEN – MESSEN

3. WISSENSCHAFTLICHES WISSEN unterscheidet sich nach bisherigem Vorwissen von ‚anderen‘ Wissensformen durch den Anspruch, dass DIE WISSENSCHAFTLICHEN ‚AUSSAGEN ÜBER DIE WELT ‚ VON ‚OBJEKTIVEN BEDINGUNGEN‘ ABHÄNGIG SEIN SOLLEN, die jeder Mensch mit einer ‚entsprechenden sachlichen Ausstattung‘ im Prinzip selbst überprüfen kann. Dies bedeutet, es reicht nicht einfach individuell (subjektiv) irgendeine ‚Wahrnehmung von Welt‘ zu haben, sondern diese individuelle Wahrnehmung muss zugleich verknüpfbar sein mit einem ‚objektiven Messprozess‘, durch den ein ‚objektives Ereignis‘ erzeugt wird, das der individuellen (subjektiven) Wahrnehmung ‚korrespondiert‘. Genauer, zwei verschiedene ‚Beobachter‘ müssen in der Lage sein, sich über dieses ‚objektive‘ Ereignis als einem ‚intersubjektiven Ereignis‘ ‚zufriedenstellend‘ zu ‚einigen‘. Außerdem wird gefordert, dass sich das gemeinsam identifizierte objektive Ereignis genau so bei Wiederholung des objektiven Messverfahrens ‚wieder einstellt‘. Unter ‚Messen‘ versteht man dabei einen Vorgang, bei dem ein ‚zu klassifizierendes Phänomen‘ mit einem ‚zuvor vereinbarten Standardobjekt‘ ‚verglichen‘ wird. In einem vollständigen Vergleich wird   informiert, über das benutze  Verfahren, über das benutze  Standardobjekt (= Messeinheit), über quantitative Verhältnisse, über Ort und Zeit, über spezielle Größen, die das Messverfahren beeinflussen könnten, und über die Beobachter. Ohne diese Angaben ist ein Messergebnis unvollständig.

WISSENSCHAFTLICHES WISSEN – ERKLÄREN

4. Mit der Gewinnung von Messwerten, die wissenschaftliche Ansprüche erfüllen, ist es aber noch nicht getan. Wie auch das Beispiel des oben geschilderten Brainstormings andeutet, beginnt WISSEN eigentlich erst, wenn EINZELNE ASPEKTE sich in mögliche ZUSAMMENHÄNGE einordnen lassen. Und solche Zusammenhänge, auch BEZIEHUNGEN oder RELATIONEN genannt, können sehr unterschiedliche Eigenschaften aufweisen: räumlich, zeitlich, Intensitäten, Häufigkeiten und vieles mehr.

5. Während die Ereignisse als solche nach Voraussetzung ‚intersubjektiv‘ und damit ‚objektiv‘ sein sollen, messbar, geschieht eine mögliche DEUTUNG im SUBJEKTIVEN BEREICH der BEOBACHTER. Aufgrund der menschlichen Fähigkeit, Ereignisse der Außenwelt (und auch des Körpers, der Innenwelt) ‚wahrnehmen‘ zu können, automatisch zu ‚kategorisieren‘, zu ‚erinnern‘, ’neu vorzustellen‘, und vieles mehr, können Menschen (Exemplare der biologischen Gattung homo sapiens) an sich ‚isolierte Einzelphänomene‘ ‚probeweise‘ ‚in Zusammenhängen anordnen‘, die mögliche empirisch relevante Beziehungen gedanklich (= oft auch ‚mental‘ (analytische Philosophie) oder ‚kognitiv‘ (Psychologie) oder ‚geistig‘ (klassischer Philosophie) genannt) repräsentieren und damit in der Außenwelt ‚identifizierbar‘ machen. Ohne diese gedanklichen Hervorbringungen von Strukturen wäre ein Beobachter nicht in der Lage, solche Beziehungen im Wahrnehmungsfeld zu ‚identifizieren‘. Ob solche gedankliche Strukturen in einem Beobachter zustande kommen, welche, und wie, entzieht sich bis heute einem wissenschaftlichen Verstehen. Es gehört zu den (vor-wissenschaftlichen) VORAUSSETZUNGEN VON WISSENSCHAFT. Diese ermöglichen wissenschaftliches Wissen, gehören bislang aber nicht zum definierenden Teil von Wissenschaft.

META-EBENE

6. Um ÜBER Wissenschaft, Wissenschaftler und deren Voraussetzungen REDEN zu können, muss man einen STANDPUNKT einnehmen, der üblicherweise als META-EBENE bezeichnet wird: Immer dann, wenn man einen bestimmten GEGENSTANDSBEREICH G ausweisen kann, dann wird das Reden und Nachdenken über den Gegenstandsbereich G von einem Standpunkt aus vorgenommen, der NICHT SELBST TEIL VON G ist. Die Elemente von G sind dann die neuen OBJEKTE und das REDEN über diese Objekte benötigt eine eigene META-SPRACHE, um diesem Sachverhalt gerecht werden zu können. So gesehen nimmt jede einzelwissenschaftliche Disziplin einen SPEZIFISCHEN STANDPUNKT ein, von dem aus sie ÜBER einen SPEZIFISCHEN GEGENSTANDSBEREICH spricht (siehe das Schaubild zu verschiedenen Disziplinen und ihren Gegenstandsbereich im Beitrag ‚Welche Theorie von Was? ). So gesehen entwickelt normalerweise jede Einzeldisziplin ihre eigene Metasprache (‚Fachsprache‘), deren Begriffe nur im Kontext dieser Disziplin voll verständlich sind. Prinzipiell kann jeder ausweisbare Gegenstandsbereich zu solch einem Objektbereich für eine Metaebene und damit Metasprache werden. Im vorliegenden Fall also würden alle wissenschaftliche Disziplinen samt ihren Wissensprodukten und möglichen beeinflussenden Faktoren zu einem Gegenstandsbereich erklärt werden, zu dem eine Metaebene angegeben wird samt Metasprache, und diese spezielle Metadisziplin wird hier WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE genannt. Es wäre also Aufgabe der Wissenschaftsphilosophie, alles was zum Verständnis von empirischer Wissenschaft notwendig ist, in ihren Untersuchungen zu berücksichtigen, metasprachlich zu repräsentieren, und in einer allseitigen Kommunikation abzuklären.

GESELLSCHAFT

7. Im Gespräch wurde die Größe GESELLSCHAFT, die sowohl Wissenschaftler wie Wissenschaft ermöglicht und zugleich verschiedenste (oft sehr diffuse) Erwartungen an Wissenschaft hat, nur mit wenigen – wenngleich weitreichenden – Bemerkungen erwähnt.

ENTSTEHUNG VON WISSENSCHAFT

8. Zur Frage der Entstehung von wissenschaftlichem Wissen gab es direkt keine Äußerungen, da dies nicht direkt gefragt worden war. Es gab aber einen Gedanken, der im Kontext des Themenbereichs Wissenschaftler eingeordnet worden war, um Aspekte jener ‚inneren subjektiven Prozesse‘ zu charakterisieren, die zur Herausbildung von möglichen gedanklichen Beziehungen oder gar komplexeren gedanklichen Strukturen führen können. Dieser Gedanke war/ ist, dass es ‚GEIST‘ sei, der ‚INTUITIV‘ WISSEN schafft. Wie schon oben angedeutet wurde, werden die subjektiven Prozesse, die Wissenschaft ermöglichen, bislang nicht zum Erklärungsteil von Wissenschaft gerechnet. Entsprechend ist auch ein Begriff wie ‚Geist‘, der gern von klassischen Philosophen bemüht wird, um die subjektiven gedanklichen Prozesse zu ‚erklären‘, bislang nicht wirklich ein akzeptierter wissenschaftlicher Begriff. Statt wie die klassische griechische Philosophie den ‚Atem‘, das ‚Pneuma‘, zum allgemeinen Prinzip des Lebens zu machen, das im Geist (Nous) unser Denken ermöglicht, hat die empirische Wissenschaft heute so viel zur Entstehung des biologischen Lebens (und damit auch des homo sapiens) im Paradigma der EVOLUTION herausgefunden, dass man heute eher dazu tendiert, über die Rekonstruktion der Physiologie des Körpers, speziell auch des Nervensystems mit dem Gehirn (samt den vielen ungeheuerlichen Erkenntnissen zur  Mikrobiologie des Körpers), nach Ansatzpunkten zu suchen, die inneren subjektiven BEWUSSTEN gedanklichen Prozesse über die zugrunde liegende physiologischen Prozesse zu ‚erklären‘. Diese physiologischen Prozesse sind entweder vollständig UNBEWUSST (oft daher NICHT BEWUSST genannt), oder aber TEMPORÄR BEWUSST UND UNBEWUSST zugleich (Paradebeispiel Gedächtnis).

9. Allerdings ist fest zu halten, dass der Versuch der ‚Erklärung‘ des Bewussten auf der Basis des Unbewussten bislang methodisch nicht wirklich zufriedenstellend ausgeführt worden ist. Wissenschaftsphilosophisch ist auch anzumerken, dass die unterschiedliche Datenlage ein ‚einfaches Reduktionsmodell‘ aus prinzipiellen (formalen) Gründen ausschließt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wissenschaft das generelle Problem bislang nicht geklärt hat, wie man das Zusammenwirken von ‚empirischen Einzeldaten‘ und ‚gedanklichen Konstrukten‘ in einer wissenschaftlichen Erklärung wiederum erklären kann/ soll. Der Begriff der ‚wissenschaftlichen Theorie‘ ist bislang nur fragmentarisch erklärt! Alle wichtigen interessanten Aspekte sind NICHT ERKLÄRT!

10. Dem Wissenschaftsbetrieb selbst scheint es – so der Eindruck – sogar ‚egal‘ zu sein, was das genau ist, eine ‚wissenschaftliche Theorie‘. Niemand fühlt sich so richtig zuständig. Die Wissenschaftsphilosophie, die hier zuständig wäre, ist nirgendwo ein regulärer Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs. Die Einbeziehung der Perspektive der biologischen Evolution (die ja wiederum nur ein Teilaspekt der je größeren Perspektive der Entwicklung des ganzen Universums ist) hat die Frage nach dem ‚letzten Prinzip von Wirklichkeit‘ auch noch nicht vollständig gelöst. Das grundlegende Phänomen der Transformation von Energie in materielle Strukturen, die immer komplexere Feinstrukturen ausbilden, die wir ‚biologische Systeme‘ nennen mit ihren immer komplexeren Selbstorganisations-, Vernetzungs- und kognitiven Strukturen, ist bislang keinesfalls ‚erklärt‘. Wir haben nicht einmal die leiseste Idee, warum und wie das geschieht. In einer solchen wissenschaftlichen Situation den Mythos von der alles überragenden und alles vereinnahmenden künstlichen Intelligenz zu erzählen ist dann nur ein weiteres Anzeichen eines  Verfalls der wissenschaftlichen (und philosophischen!) Rationalität, die sich in irrationale Mythen flüchtet, die leichter Manipulationen und damit der Vernichtung der grundlegenden Freiheit des Universums Vorschub leistet. Popularität hatte schon immer mehr mit DUMMHEIT zu tun als mit AUFGEKLÄRTER VERNUNFT, die sich täglich neu abmüht, zu verstehen, wie es sich denn ‚wirklich verhält‘.

EPILOG

Wer will, kann sehen, dass Wissenschaft und eine begleitende Philosophie alles andere als unmodern sind, alles andere als selbstverständlich, alles andere als ein Selbstgänger. Aktuell droht die Wissenschaft samt der sie ermöglichende Gesellschaft an ihren eigenen Wissensprodukten zu ersticken. Das Auftreten der modernen (nicht zuletzt auch der digitalen) Technologien ist  kein Zufall, sondern gehören zur Logik der Evolution dessen, was wir LEBEN nennen. Die ZUKUNFT dieses Lebens wird aber wohl kaum gelingen, wenn man die PRODUKTE des Lebens von diesem selbst abkoppelt; sondern eher, wenn man das, was sich bislang als MÖGLICHES LEBEN andeutet, MIT HILFE DER NEUEN TECHNOLOGIEN weiter entfaltet. Allerdings brauchen wir dazu eine andere Form von künstlicher Intelligenz als das, was bislang marktschreierisch als solche VERKAUFT wird. Das, was bislang als künstliche Intelligenz verkauft wird, ist einfach nur EIN SCHLECHTER WITZ.

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DAS LEBEN ALS PROJEKT DER FREIHEIT

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 11.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KURZFASSUNG

Die grundlegende Idee einer Freiheit, die das Leben, insbesondere den Menschen, auszeichnet, die die großen wissenschaftlichen, politischen und auch wirtschaftlichen Umbrüche der Neuzeit hervorgebracht hat, scheint  unter zunehmender Atemnot zu leiden. Ein kurzer Blick auf die materielle Basis des Lebens unterstützt dies nicht. Leben ist gerade wissenschaftlich ein einziges Freiheitsprojekt …. Freiheit war aber noch nie ‚bequem‘ …

KONTEXT: REDE VON FREIHEIT

In einem aktuellen Beitrag in der Frankfurter Rundschau mit Titel ‚Der sanfte Umbruch‚ wird das Phänomen der Digitalisierung in seinen weitreichenden gesellschaftlichen und individuellen Wirkungen schlaglichtartig sichtbar gemacht, und zugleich als ein Leitmotiv auf den Menschen als Wesen der Freiheit hingewiesen. Dies ist bemerkenswert, da der Faktor Mensch heute weder in den Wissenschaften noch in vielen Gesellschaften als jener ausgezeichnete Ort von verdichteter Freiheit angesehen wird, der er – bei entsprechender Betrachtung – ist. Und damit sind wir am Kern des Problems: was nützen die spannendsten Sachverhalte, wenn der potentielle Betrachter eine mentale Brille auf hat, die ihn daran hindert, das zu sehen, was ‚ist‘.

IN GUTER GESELLSCHAFT: ZERSPLITTERUNG

Mit dem Aufhaben einer falschen mentalen Brille ist man allerdings in einer guten Gesellschaft. Wie der Überblick über die Vielzahl von Einzelwissenschaften im Rahmen der Relektüre von Edelmans Buch von 1992 gezeigt hat, zersplittert sich die Wissenschaft aufgrund ihres wissenschaftsphilosophischen Selbstverständnisses in immer mehr Einzelwissenschaften, die immer mehr Details zeigen, und immer weniger Zusammenhänge (die im Schaubild dieses Beitrags genannten Einzelwissenschaften sind nur die Spitze des Eisbergs). Selbst wenn es interessante komplexe Sachverhalte geben würde, die über den Wahrnehmungshorizont einer Einzelwissenschaft hinausreichen würden, solche Sachverhalte würden unerkannt bleiben, weil es keinen organisierten ‚integrierenden Blick‘ auf das ‚Ganze im Lichte des Einzelnen‘ gibt. Die verschiedenen Integrationsfantasien der Physik, die Vision einer Weltformel , haben sich weder erfüllt noch sind sie – aufgrund vieler kritischer Argumente – prinzipiell so möglich, wie sie die Physik gerne hätte.

KRANK IM KOPF?

Wer meint, „diese Probleme der Wissenschaft gehen ihn direkt nichts an, man selbst in seinem Alltag wisse ja doch schon, irgendwie, ‚wo es lang geht‘, was soll das also“, einem solchen ist natürlich zunächst wenig zu helfen. Wer so redet hat seine eigene mentale Brille, die offensichtlich darauf optimiert ist, alles auszublenden, was stört bzw. vielleicht stören könnte.

Dass mentale Brillen im Kopf selbst große Wissenschaftler beeinflussen können, ist nichts Neues. Die Geschichte ist voll davon. Edelman selbst, dessen Buch von 1992 ich einer Re-Lektüre mit Diskussion unterziehe (siehe den Überblick über alle bisherigen Beiträge), ist jemand, der eigentlich deutlich über die Grenzen seiner eigenen Wissenschaft hinaus schaut und hier auf interessante Fehlentwicklungen hinweist. Aber in seinem eigenen, angestammten Gebiet der Gehirnforschung, wird er dennoch Opfer seiner eigenen wissenschaftsphilosophischen Setzungen. In seiner Analyse und Diskussion des Phänomens ‚Bewusstsein‘  beginnt er mit sehr klaren, fast rabiaten Worten, in denen er den besonderen Charakter des Phänomens ‚Bewusstsein‘ herausstellt („Bewusstsein ist fremd, mysteriös, das ‚letzte Geheimnis‘.“ (S.137f)). Und er beschreibt auch die methodische Unmöglichkeit, das Phänomen als das, was es ist, ein erste-Person-Phänomen, wissenschaftlich angemessen beschreiben zu können. Dann aber – trotz eines eigenen Abschnitts über das, was genau die Eigenschaften einer wissenschaftlichen Theorie seien – beschreibt er wissenschaftliche Praktiken, die im Kern methodisch nicht das leisten, was sie leisten sollen, die aber dann in ihrem Ergebnis so gehandelt werden, ‚als ob‘ sie das Phänomen Bewusstsein behandelt hätten (dies erinnert ein wenig an die Praktiken der Finanzindustrie, die schrottige Finanzen (also eigentlich nicht vorhandenes Geld) so geschickt ‚mehrfach verpackt‘ haben, dass der Käufer  den Eindruck haben konnte, er kaufe ein funktionierendes Wertpapier)). Nun wird man Edelman sicher nicht jene kriminelle Energie unterstellen, die die Finanzkontrukteure angetrieben hat, aber irgendeine Form von ‚Energie‘ muss es dennoch sein, etwas mit einer Methode A erklären zu wollen, wofür die Methode A aber nicht ausgelegt ist.

Dieses Beispiel – wie gesagt, eines von vielen Hunderten wenn nicht Tausenden – zeigt, dass das Problem der mentalen Brille, die A zeigt, obgleich wir ein Nicht-A haben, jeden, selbst den größten Wissenschaftler, treffen kann. Und es ist die Gehirntheorie von Edelman selbst, die viele der Argumente liefert, warum wir ‚von Natur aus‘ das Problem der ‚mentalen Brille‘ haben; letztlich ist es eigentlich kein ‚Problem‘, sondern eine grandiose Errungenschaft des Lebens, das allerdings, bei ‚falschem Gebrauch‘, das Gegenteil von dem bewirkt, wofür es eigentlich ausgelegt ist.

BEWUSSTWERDUNG …

In den Kapiteln 11 und 12 beschreibt Edelman das Phänomen des Bewusstseins, wie es sich aus Sicht der Gehirnforschung und der Biologie darstellt.

Stark vereinfachend kann man seine Position vielleicht dahingehend zusammen fassen, dass er einmal zwischen einem ‚primären Bewusstsein‘ und einem ‚Höheren Bewusstsein‘ unterscheidet.

Das primäre Bewusstsein ist den aktuellen sinnlichen Wahrnehmungen der Außen- und Innenwelt verhaftet, kennt nur eine Gegenwart, das Jetzt, ist aber dennoch – auf unbewusste Weise – mit einer Gedächtnismaschinerie verbunden, die automatisiert die primären Erlebnisse ‚kategorisiert‘ und ‚bewertet‘. Schon hier beginnt also eine ‚Interpretation‘ von ‚Welt‘ sowohl in ihren ‚wissbaren Strukturen‘ wie auch in ihren ‚individuellen Bewertungen‘, und zwar ‚unbewusst‘. (Den Begriff ‚unbewusst‘  erläutert Edelman erst im Kap.13).

Vom primären, in der Gegenwart verhafteten Bewusstsein unterscheidet er das ‚höhere Bewusstsein‘, das in der Lage ist, die Gegenwart zu übersteigen durch Abstraktionsbildungen, welche die Gegenart und Vergangenheit explizit vergleichen können. Ein wichtiges Mittel ist hier ferner die symbolische Sprache, mit deren Hilfe nicht nur Momente des wahrgenommenen und erinnerten Wissens ‚fixiert‘, ‚bewusst erinnert‘, und ’neu konfiguriert (gedacht)‘ werden können, sondern das individuelle Gehirn kann mittels der Sprache mit einem anderen Gehirn in begrenztem Umfang ‚kommunizieren‘.

Die Wirkung dieser neuen inneren Organisationsstrukturen des Körpers zeigen sich in der Geschichte der Evolution unübersehbar und massiv: seit dem Auftreten des Homo  sapiens ist die Komplexität des Lebens auf der Erde in atemberaubend kurzer Zeit explodiert; dies ist eine extreme Form von exponentieller Beschleunigung.

Wichtig ist aber jene Unterscheidung von Edelman, dass die Entwicklung der Sprache der Entwicklung der komplexen Begriffsbildung sowie der Entwicklung des physiologischen Sprechapparates nachfolgt. Ohne komplexe Begriffsbildung und ohne Sprechapparat keine Sprache. Dies ist insofern wichtig als die Ausbildung bestimmter symbolischer Ausdrucksmittel und deren Assoziierung mit bestimmten ‚Inhalten‘ ein sekundärer Prozess ist.

KEIN DETERMINISMUS

Ebenso wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass sowohl bei der ontogenetischen Entwicklung des Gehirns in einem einzelnen Organismus sowie in der kontinuierlichen Arbeit eines individuellen Gehirns in keiner Phase ein ‚Determinismus‘ vorliegt. Sowohl das individuelle Gehirnwachstum wie auch die kontinuierliche Arbeit des Gehirns ist sowohl von vielen zufälligen Faktoren geprägt wie auch von beständigen Selektionsprozessen: aus einer Fülle von Optionen müssen ständig einige wenige ausgewählt werden, um den Lebensprozess nicht zum Stillstand zu bringen. Und hier treffen wir auf die Wurzel aller mentalen Brillen!

Um zu überleben, muss der individuelle Organismus aufgrund begrenzter Ressourcen ständig auswählen und damit Entscheidungen fällen. Diese Entscheidungen sind primär ‚automatisch‘, ‚unbewusst‘, eine Mischung aus genetischen induzierten ‚Tendenzen‘ sowie durch bisherige ‚Erfahrungen mit ihren impliziten Bewertungen‘. Dieser Mechanismus kann ‚deterministisch‘ wirken. Allerdings erlauben die höheren Gehirnleistungen – insbesondere auch die Sprache – diese weitgehend unbewussten Prozesse partiell ’sichtbar‘ und damit zu ‚explizitem Wissen‘ zu machen, das dann in komplexere Beziehungen und Modelle eingebaut werden kann, mittels deren Tendenzen sichtbar werden, implizite Voraussetzungen, mögliche Zukünfte. Ein solches explizit reflektierendes Verhalten ist mühsam, bietet aber prinzipiell die Möglichkeit, aus dem dumpfen Automatismus einer genialen Maschinerie partiell und schrittweise zu entkommen. Allerdings auch nur, wenn man sowohl den Wahrnehmungsprozess wie auch den Denkprozess beständig mit Alternativen, mit anderen Mustern konfrontiert. Die eigene Erfahrung ist sich selbst gegenüber weitgehend ‚blind‘. Die verfügbare Erfahrung als solche ist weder ‚wahr‘ noch ‚falsch‘, sie wirkt sich aus auf den kognitiven Verarbeitungsprozess, und diese Auswirkungen sind primär unbewusst. Es erfordert explizit Anstrengung, sich diesen bewusst zu machen.

Die Erfindung der neuzeitlichen experimentellen Wissenschaften war in diesem Kontext ‚revolutionär‘, da man versucht hat, die automatisierten, unbewussten Abläufe der individuellen Denkprozesse zu ‚externalisieren‘, sie an ‚externe‘ Objekte und Verfahren zu knüpfen, sie wiederholbar und transparent zu machen, unabhängig von den Besonderheiten eines individuellen Beobachters. Bis zu einem gewissen Grad hat diese Strategie bis heute große Wirkungen erzielt.

Allerdings haben diese Erfolge aus den Blick geraten lassen, dass die individuellen Gehirne der Forscher immer noch im Spiel bleiben, und dass diese individuellen Gehirne ihr eigenes ‚Betriebsprotokoll‘ haben, ihre ‚Policy‘, wie sie mit erlebbaren Ereignissen umgehen. Das Gehirn aus sich heraus ermöglicht zwar eine ‚kritische Theoriebildung‘, wenn aber der ‚Steuermann des Verhaltens‘ (Wer ist das genau?) die Mechanismen einer kritischen Überprüfung, eines kritischen Lernens nicht aktiviert, nicht nutzt, dann kann das Gehirn – wie viele Jahrtausende Kulturgeschichte zeigen – sich in Modellbildungen verrennen, die ‚an sich‘ schön aussehen, aber von nur geringem Erklärungswert sind, die Leben behindern statt zu fördern.

FREIHEIT ODER UNFREIHEIT

So wie im berühmten Beispiel mit dem halb vollen Glas, das der ‚Optimist‘ anders sieht als der ‚Pessimist‘, ist es auch hier ein wenig eine Frage der Einschätzung, ob man das biologische Wunderwerk Homo sapiens nun als einen gewissen ‚Höhepunkt‘ (aber nicht Endpunkt!) der bisherigen Evolution ansieht, oder aber als das nächste ‚Auslaufmodell‘.

Wer sich den mühevollen Weg der biologischen Evolution vergegenwärtigt, am besten noch erweitert um die Evolution des Universums, der kann eigentlich nicht umhin ins Staunen zu geraten, welche unfassbare Komplexitäten sich hier ‚aus sich heraus‘ organisiert haben. Dass wir heute vielfach an Überlastungen, an Versagen dieser Komplexität leiden, die Schwierigkeiten erleben, die eine Umsetzung der implizit gegebenen Möglichkeiten mit sich bringen, ist aus Sicht des Beteiligtseins nachvollziehbar. Dennoch waren Schwierigkeiten der Umsetzung eigentlich noch nie ein Beweis der Unmöglichkeit. Gemessen an den Problemen, die das biologische Leben in den vergangenen ca. 3.8 Mrd Jahren erleben und meistern musste, ist das, was wir heute erleben, eigentlich ein ‚Luxusproblem‘. Allerdings, die grundsätzliche Einsicht in das ‚Wunder des Lebens‘ ist noch nicht automatisch die ‚Umsetzung eines lebbaren Weges‘.

Andererseits, alle diese Probleme gibt es nur, weil das Leben von Grunde auf ein Projekt der Freiheit ist und es diese Offenheit für eine je größere und andere Zukunft ist, die permanent ‚Stress‘ erzeugt. Alles in der Vergangenheit erworbene Wissen, umgesetzte Verfahren und Strukturen haben eine eingebaute ‚Verfallszeit‘, weil der umgebenden universale Weltprozess dynamisch ist, sich beständig verändert, und alles, was bis zu einem gewissen Zeitpunkt erreicht wurde, kann nur erhalten werden, wenn es ‚angemessen‘ (nachhaltig, resilient) verändert wird. Wäre unser menschliches und gesellschaftliches Denken weniger an ‚Statik‘ ausgerichtet, weniger an ‚Bewahrung‘, weniger an ‚politischer Korrektheit‘, sondern stattdessen eher an ‚kontinuierlicher Veränderung‘, an ‚kreativer Forschung‘, an ‚experimentellen Entwürfen‘, an ‚unkonventionellen Typen‘, dann wären wir wahrscheinlich grundlegend besser aufgestellt.

 

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 13 – Fokussierung und Unbewusstes – Teil1

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 9.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe den Überblick samt Diskussionen HIER.

KURZFASSUNG

Schwerpunktmäßig diskutiert Edelman im ersten Teil dieses Kapitels den methodischen Status des ‚Bewusstseins‘ aus Sicht dessen, was er ‚Wissenschaft‘ nennt. Gegen Ende erzeugt er allerdings ein methodisches Chaos. Teil 2 des Kapitels folgt.

Kap.13: Fokussierung und Unbewusstes (‚Attention and the Unconsciousness‘)

  1. Vorweg sei darauf hingewiesen, dass eine eins-zu-eins Übersetzung des Ausdrucks ‚attention‘ schwierig bis unmöglich ist. Mögliche Worte wie ‚Aufmerksamkeit‘, ‚Achtsamkeit‘ oder ‚Konzentration‘ überlappen sich in ihrer Bedeutung nur z.T. mit dem, was Edelman beschreibt. Das Wort ‚Fokussierung‘ kommt der Sache nach meinem ‚Sprachgefühl‘ am nächsten, ist aber auch nicht optimal. Von daher bleibt hier nur der Hinweis und der nachfolgende Text.
  2. In diesem Kapitel will sich Edelman nochmals dem Thema ‚Bewusstsein‘ zuwenden und der Frage, wie man darüber eigentlich reden kann. Er stellt aber auch fest, dass man nicht nur über ‚Bewusstsein‘ isoliert reden muss, sondern, wenn Bewusstsein, dann auch über die Tatsache, dass ein guter Teil unseres bewussten Verhaltens ‚unbewusst geleitet‘ (‚unconsciously driven‘) ist, und er verweist hier direkt auf Sigmund Freud. (vgl. S.137)
  3. Edelman erwähnt jene Art von Einwand zu seinen bisherigen Ausführungen, der  kritisiert, dass er zwar jene ‚physiologische Maschinerie‘ beschrieben hat, die ‚hinter‘ dem Bewusstsein liegt, eben jenes ermöglicht, aber er habe damit gerade nicht das ‚Fühlen des Ich bin mir bewusst‘ beschrieben, noch ‚warum ich mich bewusst fühle‘. (vgl. S.137)
  4. Es sollte jeden – nicht nur jeden Philosophen – aufhorchen lassen, wenn an dieser Stelle einer der führenden Gehirnwissenschaftler seiner Zeit feststellt: „Bewusstsein ist fremd, mysteriös, das ‚letzte Geheimnis‘.“ (S.137f)
  5. Und es spricht für das explizite philosophische, wenn nicht gar wissenschaftsphilosophische, Bewusstsein von Edelman, dass er darauf aufmerksam macht, dass man sich für eine ‚Antwort‘ auf diese genannten Einwände sehr genau der ‚Grenzen‘ (‚limits‘) von jeglichem wissenschaftlichen Erklärungsanspruch bewusst machen muss und man explizit aufzeigen muss, was das Besondere (‚what is special‘) an jeder Art von Erklärung zum Bewusstsein ist. (vgl. S.138)
  6. Damit Edelman in dieser methodisch bewussten Weise vorgehen kann, benötigt er natürlich ein klares Konzept von Wissenschaft, eines, das im Alltagsgeschäft ‚entscheidbar‘ ist, so dass man tatsächlich eine Verständigung darüber bekommen kann, ob es sich um eine wissenschaftliche Erklärung handelt oder nicht.
  7. Er umschreibt dann das, was er unter einer ‚wissenschaftlichen Erklärung‘ versteht wie folgt: (i) im Kern baut Wissenschaft auf ‚formalen Beziehungen zwischen Eigenschaften‘ (‚formal correlations of properties‘) auf, wobei die Eigenschaften sowohl (ii) durch ‚Begriffe‘ (‚terms‘) beschrieben werden, als auch durch (iii) ‚theoretische Konstrukte‘ (‚theoretical constructs‘) , die möglichst sparsam (‚parsimoniously‘) alle ‚Aspekte‘ (‚aspects‘) dieser formalen Korrelationen beschreiben, und zwar ‚ohne Ausnahme‘ (‚without exception‘). Jene Begriffe (Terme), die die Eigenschaften beschreiben, müssen (iv) zwischen beliebigen menschlichen Beobachtern mit Bewusstsein ausgetauscht und verstanden werden können. Es gilt ferner (v), dass solche beschreibenden Begriffe in Experimenten ‚wiederholt‘ werden können, dass (vi) ’neue Begriffe gebildet‘ werden können, und (vii) die ‚Gesetze der Logik‘ eingehalten werden müssen. (vgl. S.138)
  8. Erstaunlich ist, dass Edelman an dieser methodisch so exponierten Stelle keinerlei Verweise auf irgendwelche Positionen angibt, mit Bezug auf diese er seine eigene Position irgendwie weiter motivieren würde. Er spricht so, als ob das, was Wissenschaft ist, aus sich heraus jedem Menschen klar sein müsste. Dies ist merkwürdig, wenn man weiß, dass die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren intensiv darum gerungen hat, was es denn heißt, ‚Wissenschaft‘ zu betreiben und nicht ‚Nicht-Wissenschaft‘.
  9. Unter Voraussetzung seines Wissenschaftsbegriffs kann Edelman ein Beispiel konstruieren, welches er als ’nichtwissenschaftliche Beschreibung‘ (’nonscientific description‘) klassifiziert.
  10. Als Beispiel nimmt er einen Trancezustand an, der durch Drogen herbeigeführt wurde. Während dieses Zustands hat er besondere Empfindungen (’sensations‘), Erinnerungen und Emotionen. Davon berichtet er.(vgl. S.138)
  11. Nach Edelman könnte jetzt ein Wissenschaftler zwar diesen seinen persönlichen Bericht mit beispielsweise 19 anderen vergleichen und auf diese Weise in den Berichten irgendwelche Muster erkennen, aber auf diese Weise würde der Wissenschaftler auf keinen Fall seine tatsächlichen aktuellen Gefühle, seine besondere Geschichte, seine Weise des Vergessens in irgendeiner Weise zuverlässig, detailliert oder verallgemeinernd erfassen und darstellen können. Wissenschaft scheitert angesichts individueller Geschichten.(vgl. S.138)
  12. Für jeden einzelnen mit einem Bewusstsein ist es zwar verständlich, dass ihm seine Bewusstheit zur Frage werden kann, dass er für sich in seiner Bewusstheit nach einer Erklärung sucht (‚I demand an explanation of my own consciousness‘), aber für diese Frage, für diesen Erklärungsanspruch gibt es nach Edelmann keine wissenschaftliche Antwort. (‚it is not a scientific act, to do so‘; ‚the demand is not a scientifically reasonable one‘).(vgl. S.138)
  13. Damit bleibt also jedem einzelnen seine ‚Bewusstheit‘, für die es aber – nach Edelman — keine wissenschaftliche Erklärung gibt.
  14. Andererseits referiert Edelman Beispiele von Experimenten, in denen bestimmte Verbindungen im Gehirn getrennt wurden (bei Menschen, warum?), was dazu führte, dass diese Menschen zwar immer noch Dinge wahrnehmen konnten, aber davon keine Bewusstheit mehr besaßen. Er beschreibt dies als eine ‚Theorie des Bewusstseins mit operationalen Komponenten‘. (vgl. S.139) Es ist aber nicht klar, warum diese Theorie eine ‚Theorie des Bewusstseins‘ (‚theory of consciousness‘) genannt werden kann, wenn doch wissenschaftlich gar keine direkten Beschreibungen von ‚Inhalte des Bewusstseins‘ möglich sein sollen? Im angeführten Beispiel werden Experimente benutzt, in denen Menschen in ihrem Verhalten so reagieren, als ob sie die Gesichter der Menschen erkannt haben, obgleich sie behaupten, sie haben sie nicht ( bewusst) erkannt. Kurz vorher hat Edelman ausgeschlossen, dass Behauptungen über individuelle Bewusstseinsinhalte ‚einen wissenschaftlichen Status‘ haben können. Wie geht das zusammen? (vgl. S.138f)
  15. Und Edelman kommt nochmals zurück auf das manifeste menschliche Bedürfnis, sich in seiner Bewusstheit ‚erklären‘ zu können. Er geht davon aus, dass jede individuelle Bewusstheit eine einzigartige Geschichte hat, eingebettet und ermöglicht durch den individuellen Körper (‚embodiment‘), eingeflochten in soziale Interaktionen, aus denen heraus das ‚Bild von einem selbst‘ sich entwickelt hat. Und Edelman wiederholt seine Feststellung, dass es auf die Frage nach dem besonderen individuellen Format keine wissenschaftliche Erklärung geben kann (‚an explanation that science cannot give‘).(vgl. S.139)
  16. Edelman umschreibt dieses in seinem eigenen Geist (‚mind‘) sich Vorfinden, mit seiner eigenen individuellen Geschichte als eine ‚In-Sich-Eingeschlossen-Sein‘ (‚locked-in‘), ein ‚Geheimnis‘ (‚mystery‘). (vgl. S.139)
  17. In einer Art Gedankenexperiment stellt Edelman sich die Frage, ob man das Geheimnis ein wenig lüften könnte, wenn man ein ‚Artefakt‘ (‚artifact‘) bauen könnte (also letztlich eine Maschine), das ein Bewusstsein und Sprache entwickeln würde, wobei man aber mit den ermöglichenden Strukturen variieren könnte. Dann könnte man vielleicht eher wissenschaftlich ermitteln, was die besondere Natur des Bewusstseins wäre.(vgl. S.139) Allerdings sei angemerkt, dass auch in diesem Fall wieder ungeklärt bleibt, wie man wissenschaftlich über das Phänomen ‚Bewusstsein‘ urteilen kann, wenn man es als solches wissenschaftlich doch gar nicht beschreiben kann? Auch ein Vergleich von ‚Bewusstsein‘ und ‚Nicht-Bewusstsein‘ macht nur Sinn, wenn ich zuvor wissenschaftlich entscheidbar feststellen kann, was ‚Bewusstsein‘ ist. Das ‚Geheimnis‘ des Phänomens Bewusstsein pflanzt sich also fort auf alle erdachten wissenschaftlichen Kontexte, in denen man ‚etwas wissenschaftlich Beschreibbares‘ mit ‚etwas wissenschaftlich nicht Beschreibbares‘ vergleichen will. Und es wäre nach dem von Edelman benutzen Kriterium von Wissenschaftlichkeit nicht sehr wissenschaftlich, sich durch solche pseudowissenschaftlichen Verfahren eine Aussage zu ‚erkaufen‘, die eigentlich nicht möglich ist.
  18. Das ‚Geheimnisvolle‘ des Bewusstseins wird möglicherweise noch verstärkt durch die wissenschaftlichen Fakten, die belegen, dass unser ‚Geist‘ (‚mind‘) sich zeigt in der physikalischen Interaktion von einer unfassbar großen Menge von unterschiedlichen Organisationsebenen (im Gehirn, dann aber auch Körper), von der molekularen Ebene aufwärts bis hin zu sozialen Interaktionen. Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut darin, sich diese Komplexitäten vorzustellen. (vgl. S.140)
  19. Dass Edelman hier plötzlich nicht mehr vom ‚Bewusstsein‘ spricht, sondern vom ‚Geist‘ (‚mind‘) wird von im nicht speziell motiviert oder erklärt, dabei ist der Begriff ‚Geist‘ zunächst mal ein ganz anderer Begriff, mit einer sehr speziellen Tradition in der Geschichte der Philosophie, Kultur und Wissenschaft, und ein Zusammenhang von ‚Bewusstsein‘ und ‚Geist‘ ist aus sich heraus nicht ohne weiteres klar. Wissenschaftlich ist diese Verwendungsweise des Begriffs ‚Geist‘ hier nicht. Auch ein Philosoph muss sich hier ’schütteln’…
  20. Trotz des methodisch ungeklärten Status des Begriffs ‚Geist‘ stellt Edelman die Frage, was einerseits ‚leicht‘ (‚easy‘) sei, sich zu diesem Begriff vorzustellen (‚imagine‘), und was ist ’schwer‘ (‚hard‘).(vgl. S.140)
  21. Ohne also zu erklären, was es mit dem Begriff ‚Geist‘ auf sich hat, stellt Edelman dann ohne weitere Begründung fest, dass mit ‚Geist‘ einfach folgenden Phänomene zu verknüpfen seien: (i) die Arbeitsweise der neuronalen Strukturen des Gehirns ist mit ihren Inputs und Outputs, ferner (ii) die Verhaltensmuster eines Lebewesens und die physikalischen Reize der umgebenden Welt, dazu (iii) verschiedene ’soziale Transmissionen‘, Verhaltensprägungen, dazu das, was Menschen ‚glauben‘, ‚wünschen‘ und ‚intendieren‘.(vgl. S.140) Schwieriger lassen sich hingegen folge Phänomene mit ‚Geist‘ verknüpfen: (i) Das Ergebnis von simultanen Aktionen in parallel arbeitenden Populationen von Neuronen; (ii) das Gedächtnis als einer Systemeigenschaft, die sich nicht direkt aus den einzelnen synaptischen Änderungen der darunter liegenden neuronalen Maschinerie bestimmen lässt; (iii) komplexe psychologische Phänomene wie ‚Bewusstsein‘; (iv) die Idee eines sozial konstruierten Selbst, das sowohl auf bewussten wie unbewussten Prozessen beruht. (vgl. S.140)
  22. Diese ganze Liste, eine Konstruktion, erscheint in jeder Hinsicht als methodisch unklar und willkürlich, mit ‚Wissenschaft‘ im Sinne von Edelman hat dies erkennbar nichts zu tun.
  23. Dieses methodische Chaos wird leider durch die nachfolgenden Bemerkungen noch weiter ausgebaut. Einmal stellt Edelman fest, dass diese Listen – insbesondere die zweite – ‚psychologische Prozesse‘ (psychological processes‘) beschreiben, und dass es ein Anliegen sein könnte, diese mittels einer ‚Theorie des Gehirns‘ (‚brain theory‘) zu verstehen. Bis heute ist nicht einmal im Ansatz klar, wie man eine ‚psychologische‘ und eine ’neuronale‘ Theorie miteinander über eine Brückentheorie verknüpfen kann. (Anmerkung: Das bislang im Umlauf befindliche Paradigma der ‚Neuropsychologie‘ bleibt fast alle wichtigen methodischen Fragen bislang schuldig). Dann behauptet Edelman noch, dass Mathematik und eine gute Theorie alleine nicht ausreichen, um die Konsistenz der komplexen Strukturen und Dynamiken zu verstehen, sondern dass man ’synthetische Computer Modelle‘ benötigt, mit denen man diese Prozesse ’simulieren‘ kann.(vgl. S.141)
  24. Dass Edelman solche Feststellungen treffen kann, obgleich er zuvor ein Kriterium für Wissenschaftlichkeit formuliert hat, zeigt, dass er seinen Wissenschaftsbegriff nicht wirklich durchdacht hat. Denn nach den Erkenntnissen der Wissenschaftsphilosophie lassen sich ‚wahrheitsfähige‘ Aussagen zur Überprüfung des empirischen Gehalts einer Theorie (‚trifft sie zu‘) bzw. metalogische Qualifikationen (‚Konsistenz‘, ‚Vollständigkeit‘) nur mit solchen Theorien gewinnen, die vollständig formalisiert sind. Andernfalls ist der Status dieser Theorien unklar. Dass bei den heutigen komplexen Gegenstandsbereichen Computermodelle benötigt werden, um Details zu berechnen, um die kombinatorischen Räume zu durchsuchen, ist richtig. Aber ein Computermodell ist ein Algorithmus, ein Algorithmus ist eine Funktion, und eine Funktion kann niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein. Allerdings kann man Funktionen als Terme in Aussagen einfügen, die prinzipiell ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sein können. Computermodelle sind also kein ‚Ersatz‘ für eine ‚Theorie‘, sondern wundervolle Ergänzungen. Dieser Mangel an theoretischer Klarheit schlägt bei Edelman in diesem Kapitel leider voll durch. Doch sollte man deshalb seine ansonsten genialen Einsichten dadurch nicht wegreden; die wissenschaftsphilosophischen Defizite lassen sich vermutlich ‚reparieren‘.
  25. Fortsetzung folgt

 

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Relektüre von Edelman 1992: Welche Theorie von was?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 5.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

 

DAS PROBLEM

Bei der Relektüre von Edelman (siehe Überblick über alle bisherigen Beiträge HIER) stellt sich die Frage, um welche Theorie es hier überhaupt geht?

Es ist ein großes Verdienst von Edelman, dass er versucht, die Gehirnforschung nicht isoliert zu betrachten, sondern sehr wohl im Kontext von Bewusstsein und Verhalten, sehr wohl auch im Kontext einer Evolution des Lebens bzw. auch im Kontext von ontogenetischen Wachstumsprozessen. Als wäre dies noch nicht genug, stellt er gelegentlich auch explizite philosophische Überlegungen an oder wagt sich vor in den Bereich des Engineering, insofern er konkrete materielle Modelle von Gehirnen baut (mittels künstlicher neuronaler Netze), um die Plausibilität seiner Überlegungen zum Gehirn zu überprüfen. Nimmt man all dies ernst, dann findet man sich unversehens in einer Situation wieder, wo man nicht mehr so richtig weiß, um ‚welche Theorie von was‘ es hier eigentlich geht.

PANORAMA VON PHÄNOMENEN

Vom BigBang zum homo sapiens, reflektiert in einer Vielzahl von Einzelwissenschaften

Vom BigBang zum homo sapiens, reflektiert in einer Vielzahl von Einzelwissenschaften

Versucht man die vielen Aspekte irgendwie zu ‚ordnen‘, die im Buch von Edelman aufscheinen, dann eröffnet sich ein breites Panorama von Phänomenen, die alle ineinander greifen (siehe Schaubild), und die – strenggenommen – auch genauso, in diesem dynamischen Zusammenhang, zu betrachten sind, will man die Eigenart dieser Phänomene ‚voll‘ erfassen.

Eigentlich geht es Edelman um ein besseres Verständnis des ‚Gehirns‘. Doch kommt das Gehirn ja schon im Ansatz nicht alleine, nicht isoliert vor, sondern als Teil eines übergeordneten ‚Körpers‘, der von außen betrachtet (Dritte-Person Perspektive) ein dynamisches ‚Verhalten‘ erkennen lässt. Dieses Verhalten ist – im Fall des homo sapiens, also in unserem Fall als Menschen – nicht isoliert, sondern ist sowohl durch ‚Kommunikation‘ mit anderen Menschen ‚vernetzt‘ als auch durch vielfältige Formen von Interaktionen mit einer Welt der Objekte, von Artefakten, von Maschinen, und heute sogar ‚programmierbaren Maschinen‘, wobei letztere ein Verhalten zeigen können, das zunehmend dem menschliche Verhalten ‚ähnelt‘. Ferner konstatieren wir im Fall des homo sapiens in der Ersten-Person Perspektive noch etwas, das wir ‚Bewusstsein‘ nennen, das sich aber nur schwer in seiner Beschaffenheit kommunizieren lässt.

WISSENSCHAFTLICHE DISZIPLINEN

Im Versuch, die Vielfalt der hier beobachtbaren Phänomene beschreiben zu können, hat sich eine Vielzahl von Disziplinen herausgebildet, die sich — neben der Sonderstellung der Philosophie — als ‚wissenschaftliche Disziplinen‘ bezeichnen. ‚Wissenschaftlich‘ heißt hier in erster Linie, dass man die Phänomene des Gegenstandsbereichs nach zuvor vereinbarten Standards reproduzierbar ‚misst‘ und man nur solche so vermessenen Phänomene als Basis weitergehender Überlegungen akzeptiert. Das Paradoxe an dieser Situation ist – was Edelman auf S.114 auch notiert –, dass sich dieses wissenschaftliche Paradigma nur umsetzen lässt, wenn man Beobachter mit Bewusstsein voraussetzt, dass man aber zugleich im Ergebnis der Messung und der Überlegungen von dem ermöglichenden Bewusstsein (samt Gehirn) abstrahiert.

PHILOSOPHIE FÜR DEN ‚REST‘

Eine Konsequenz dieser ‚Abstraktion von den Voraussetzungen‘ ist, dass ein Wissenschaftler letztlich keine Möglichkeit hat, in ‚offizieller‘ Weise, über sich selbst, über sein  Tun, und speziell auch nicht über die Voraussetzungen seines Tuns, zu sprechen. Ein solches sich selbst reflektierende Denken und Sprechen bleibt damit der Philosophie überlassen, die als solche bei der Entstehung der empirischen Wissenschaften offiziell vom Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen wurde. Als Wissenschaftsphilosophie hat die Philosophie zwar immer wieder versucht, sich dem empirischen Wissenschaftsbetrieb offiziell anzunähern, aber bis heute ist das Verhältnis von empirischen Wissenschaften und (Wissenschafts-)Philosophie aus Sicht der empirischen Wissenschaften ungeklärt. Für die empirischen Wissenschaften wundert dies nicht, da sie sich von ihrem methodischen Selbstverständnis her auf ihre isolierte Betrachtungsweisen verpflichtet haben und von diesem Selbstverständnis her sich jeder Möglichkeit beraubt haben, diese Isolation mit den typischen wissenschaftlichen Bordmitteln aufzubrechen. Allerdings produziert dieses ’selbst isolierende Paradigma‘ immer mehr Einzeldisziplinen ohne erkennbaren Zusammenhang! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wann sich diese Explosion der nicht-integrierten Einzelbilder selbst zerstört.

ANSPRUCH, ALLES ZU ERKLÄREN

Die Wissenschaften selbst, allen voran die Physik, kennen sehr wohl den Anspruch, mit ihrer Arbeit letztlich ‚alles aus einer Hand‘ zu erklären (z.B. formuliert als ‚Theory of Everything (ToE)‘ oder mit dem Begriff der ‚Weltformel‘), doch sowohl die konkrete Realität als auch grundlegende philosophische und meta-theoretische Untersuchungen legen eher den Schluss nahe, dass dies vom Standpunkt einer einzelnen empirischen Wissenschaft aus, nicht möglich ist.

VISION EINES RATIONALEN GESAMT-RAHMENS

Um also die Vielfalt der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen zu bewahren, mehr noch, um sie in ihren inhaltlichen und methodischen Beschränkungen untereinander transparent und verständlich zu machen, wird man die (philosophische) Arbeitshypothese aufstellen müssen, dass die Rationalität der Einzelwissenschaften letztlich nur aufrecht erhalten werden kann, wenn man sowohl für jede Einzelwissenschaft wie auch für ihr Zusammenspiel eine rationale Begründung sichtbar machen kann, die für alle ‚gilt‘. Ein solcher Rationalitätsanspruch ist nicht zu verwechsel mit der alten Idee einer einzelwissenschaftlichen ‚Weltformel‘ oder einer einzelwissenschaftlichen ‚Theory of Everything‘. Eher eignet sich hier das Paradigma einer kritischen Philosophie von Kant, die nach der Voraussetzung für den Wahrheitsanspruch einer Theorie fragt. Während Kant allerdings die Frage nach den Voraussetzungen bei den Grenzen des Bewusstseins mangels verfügbarem Wissens enden lassen musste, können wir heute – auch Dank der Arbeiten von Edelman und anderen – diese Grenzen weiter hinausschieben, indem wir die Voraussetzungen des Bewusstseins einbeziehen. Eine solche bewusste Erweiterung der philosophischen Frage nach den Voraussetzungen des menschlichen Erkennens über die Grenzen des Bewusstseins hinaus führt dann nicht nur zum ermöglichenden Gehirn und dem zugehörigen Körper, sondern geht dann weiter zur umgebenden Welt und ihrer Dynamik, die sich im Evolutionsgeschehen und in der Entstehung des bekannten Universums zeigt.

PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTEN

Die schon immer nicht leichte Aufgabe des philosophischen Denkens wird mit diesen methodischen Erweiterungen keinesfalls einfacher, sondern erheblich schwieriger. Andererseits muss die Philosophie diese Reflexionsarbeit nicht mehr alleine leisten, sondern sie kann die ganze Fülle der einzelwissenschaftlichen Arbeiten aufgreifen, um sie dann in einem gemeinsamen Rationalitätsrahmen neu anzuordnen.

Beispiele für Integrationsbemühungen gibt es sogar seitens der Einzelwissenschaften, wenngleich meistens methodisch wenig überzeugend. So versuchen Gehirnforscher schon seit vielen Jahren Zusammenhänge zwischen messbaren Aktivitäten des Gehirns und des beobachtbaren Verhaltens (unter dem Label ‚Neuropsychologie‘) oder zwischen messbaren Aktivitäten des Gehirns und Erlebnissen des Bewusstseins (kein wirkliches Label; man würde ‚Neurophänomenologie‘ erwarten) heraus zu finden. Bislang mit begrenztem Erfolg.

Bei aller Problematik im Detail kann es aber nur darum gehen, die ungeheure Vielfalt der Phänomene, wie sie die Einzelwissenschaften bislang zutage gefördert haben, vor-sortiert in einer Vielzahl von Arbeitshypothesen, Modellen und Theoriefragmenten, in einen von allen akzeptierbaren Rationalitätsrahmen einordnen zu können, der eine Gesamt-Theorie reflektiert, die als solche möglicherweise immer unvollendet bleiben wird

WOMIT FANGEN WIR AN?

Damit stellt sich ganz praktisch die Frage, wo und wie soll man anfangen? Das Buch von Edelman kann erste Hinweise liefern.

  1. KEINE WISSENSINSELN: Am Beispiel des homo sapiens wird deutlich, dass ein Verständnis von Bewusstsein, Gehirn, Körper, Verhalten und hier insbesondere die symbolische Kommunikation je für sich nicht gelingen kann. Und Edelman demonstriert eindrücklich, dass man zusätzlich die ontogenetische und evolutive Dimension einbeziehen muss, will man zu einem befriedigenden Verständnis kommen.
  2. INTEGRATION VON EINZELWISSEN: Man muss also Wege finden, wie man diese verschiedenen Aspekte in einem gemeinsamen Rationalitätsrahmen so anordnen kann, dass sowohl die einzelwissenschaftliche Methodik gewahrt bleibt, wie auch eine ‚Integration‘ all dieser Aspekte auf einer ‚gemeinsamen Ebene‘ möglich wird, die dabei von den Einzelwissenschaften nicht ‚isoliert‘ ist.
  3. META-WISSEN ALS LEITFADEN: Das geforderte Vorgehen betrachtet die konkreten einzelwissenschaftlichen Erklärungsansätze als einen ‚Gegenstand sui generis‘, macht also die Einzelwissenschaften zu ‚Untersuchungsgegenständen‘. Dies entspricht dem Paradigma der Wissenschaftsphilosophie.
  4. NEUE WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE: Mit Blick auf die Geschichte der modernen Wissenschaftsphilosophie (etwa seit dem Wiener Kreis) muss man dafür offen sein, dass das Paradigma der Wissenschaftsphilosophie für diese Aufgabenstellung möglicherweise neu zu formatieren ist.
  5. KOMMUNIKATIONSPROZESS ALS RAHMEN: So liegt es nahe, zu sagen, es gehe nicht primär um einen isolierten Theoriebegriff, sondern um einen Kommunikationsprozess, der Kommunikationsinhalte generiert, die im Rahmen des Kommunikationsprozesses ‚verstehbar‘ sein sollen.
  6. SYSTEMS-ENGINEERING ALS BEISPIEL: Ein modernes Beispiel für einen problemorientierten Kommunikationsprozess findet sich im Paradigma des modernen Systems-Engineering. Auslöser des Kommunikationsprozesses ist eine ‚Frage‘ oder eine ‚Problemstellung‘, und der Kommunikationsprozess versucht nun durch Ausnutzung des Wissens und der Erfahrungen von allen Beteiligten einen gemeinsames Bild von möglichen Lösungen zu generieren. Zu Beginn werden alle Kriterien kenntlich gemacht, die für die intendierte Lösung berücksichtigt werden sollen.
  7. EINBEZIEHUNG AUTOMATISIERTEN WISSENS: Insbesondere soll der Kommunikationsprozess so ausgelegt sein, dass er den Einsatz moderner Wissenstechnologien wie z.B.. ‚Interaktive Simulationen‘, ‚Kommunikationstests‘, ‚benutzerzentrierte künstliche Intelligenz‘, sowie automatisierte ‚Simulationsbibliotheken‘ erlaubt.

Dies ist nur eine erste, noch sehr vage Formulierung. Es wird notwendig sein, diese anhand von vielen Beispielen weiter zu konkretisieren und zu verfeinern.

 

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 11 – Sprache und Höheres Bewusstsein

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 4.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe die kumulierte Zusammenfassung HIER.

KURZFASSUNG

In direkter Fortsetzung zum vorausgehenden Kapitel über das ‚primäre Bewusstsein‘ führt Edelman in diesem Kapitel jene Bewusstseinsformen ein, die ‚höher‘ sind, da ‚komplexer‘, und die auf dem primären Bewusstsein aufbauen. Zugleich deutet er an, wie sich die Entstehung dieser komplexen Bewusstseinsformen im Rahmen seiner Gehirntheorie erklären lässt (Rückverweis auf Kap.6).

KAP.12 Sprache und Höheres Bewusstsein

  1. Im vorausgehenden Kapitel wurde das ‚primäre Bewusstsein‘ beschrieben, das in der ‚unmittelbaren (sinnlichen) Wahrnehmung‘ fundiert ist, angereichert mit ‚Kommentaren‘ aus dem ‚Inneren‘ des Systems bestehend aus ‚Bedürfnissen‘ einerseits und ‚Erinnerungen‘ andererseits. (vgl. S.124)

  2. Obgleich wir Menschen über ein solches primäres Bewusstsein verfügen, ist festzustellen, dass wir Menschen gleichzeitig über ‚mehr‘ verfügen: wir sind nicht nur fundiert in einer primären kommentierten Wahrnehmung des ‚Jetzt‘, der ‚Gegenwart‘, wir verfügen zugleich auch über die Möglichkeit, die ‚Gegenwart‘ explizit in Beziehung zu setzen zur ‚Erinnerung vorausgehender Gegenwarten‘. Diese Erinnerungen sind aber nicht nur strukturiert durch ‚perzeptuelle Kategorien (angereichert mit ‚Werten‘)‘, sondern auch durch ‚konzeptuelle Kategorien‘, die das ‚höhere Bewusstsein‘ mit Blick ‚auf das primäre Bewusstsein und seinen Kontext‘ ausbilden kann. Neben den schon erwähnten Vergleichen von aktueller Gegenwart und erinnerter (kommentierter) Gegenwart können die Qualia als solche adressiert werden, ihre Eigenschaften, ihre zeitlichen-räumlichen Beziehungen, wie auch eine Kodierung von Qualia mit sprachlichen Elementen (auch Qualia) in Form eines ’symbolischen Gedächtnisses‘: sprachliche Zeichen werden assoziiert mit ihrer ‚Bedeutung‘ in Gestalt von Strukturen von Qualia. Ferner sind diese ‚höheren‘ mentalen Leistungen neuronal über Schleifen mit den primären Schaltkreisen so verknüpft, dass damit die primären Prozesse durch die höheren Prozesse ‚kommentiert‘ werden können. Das primäre Bewusstsein ist dadurch ‚eingebettet‘ in das höhere Bewusstsein, ist damit genuiner Teil von ihm. (vgl. S.124f)

  3. Edelman merkt fragend an, ob es der Versuch der Befreiung von all diesen ‚Kommentierungen‘ vielleicht   ist, was manche ‚Mystiker‘ gemeint haben, wenn sie – auf unterschiedliche Weise – von einem ‚reinen Bewusstsein‘ sprechen. (vgl. S.124)

  4. Während also das ‚primäre‘ Bewusstsein in seiner Prozesshaftigkeit leicht ‚diktatorisch‘ wirken kann, eine einfach stattfindende Maschinerie des primären Klassifizierens von dem, was ’stattfindet‘, ist es aber gerade die Einbettung in das ‚höhere‘ Bewusstsein mit der Möglichkeit der sprachlichen Kodierung, einem Prozess-Determinismus ansatzweise zu entkommen, indem aus dem Strom der Ereignisse unterschiedliche Aspekte (Qualia und deren Beziehungen) ’selektiert‘ und ’sprachlich kodiert‘ werden können. Damit entstehen sekundäre (semantische) Strukturen, die ansatzweise eine ‚eigene‘ Sicht des Systems ermöglichen. Die Unterscheidung zwischen ’sich‘ (’self‘) und ’nicht-sich‘ (’non-self‘) wird möglich. Im Unterschied zu ‚dem Anderen‘ (dem ‚Nicht-Selbst‘) wird ‚das Eigene‘, ein ‚Selbst‘ möglich, das sich über die vielen unterscheidenden Eigenschaften ‚definiert“. (vgl. S.125)

  5. Edelman merkt an, dass die Schimpansen im Vergleich zum homo sapiens zwar offensichtlich auch über das Phänomen eines ‚Selbstbewusstseins‘ verfügen, nicht aber über die flexible Sprachfähigkeit. Damit bleiben sie ‚mental eingesperrt‘ in die vordefinierte Phänomenwelt ihres primären und leicht sekundären Bewusstseins. Sie sind aber nicht in der Lage, die stattfindenden Erlebnisstrukturen zu überwinden. (vgl. S.125)

GESPROCHENE SPRACHE: EPIGENETISCH

  1. Im Folgenden konzentriert sich Edelman auf zwei Aspekte: (i) die Entwicklung jener physiologischen Strukturen, die ein ‚Sprechen‘ wie beim homo sapiens erlauben samt den dazu gehörigen Gehirnstrukturen, (ii) die davon unabhängige Entwicklung von ‚konzeptuellen Strukturen (Kategorien)‘, in denen sich Aspekte des Wahrnehmens, Erinnerns und Bewertens zu Strukturen verdichten können, die dann als ‚Bausteine einer mentalen Welt‘ genutzt werden können. (vgl. S.125f)

  2. Mit Blick auf die  Diskussionen im Umfeld von Chomskys Überlegungen zum Spracherwerb deutet Edelman an, dass es nicht ein einzelner Mechanismus gewesen sein kann, der aus sich heraus die ganze Sprachfähigkeit ermöglicht hat, sondern das ‚Ausdrucksmittel‘ Sprache musste mit seinem ganzen symbolischen Apparat im Körper und im Gehirn ‚eingebettet‘ werden, um in direkter ‚Nachbarschaft‘ zu den informationellen Prozessen des primären und des sekundären Bewusstseins an jene ‚Bedeutungsstrukturen‘ andocken zu können, die dann im symbolischen Gedächtnis so kodiert werden, dass ein Gehirn mit seinen sprachlichen Ausdrücken auf solche Bedeutungsstrukturen Bezug nehmen kann. Im Englischen wird diese ‚Einbettung der Sprache in den Körper‘ ‚embodiment‘ genannt. Im Deutschen gibt es kein direktes begriffliches Äquivalent. ‚Einkörperung‘ der Sprache klingt etwas schräg. (vgl. S.126)

  3. Edelman geht davon aus, dass die grundlegende Fähigkeit zu konzeptueller Kategorienbildung der Ausbildung der Sprachfähigkeit voraus ging, da die Sprachfähigkeit selbst genau diese neuronalen Mechanismen benutzt, um Phoneme (Qualia!) bilden zu können, deren Assoziierung zu komplexen Ausdrücken, und dann deren weitere In-Beziehung-Setzung (oder ‚Assoziierung‘) zu nicht-sprachlichen Einheiten.(vgl. S.126)

  4. [Anmerkung: aufgrund dieses Sachverhalts läge es nahe, die Begriffe ‚primäres‚ und ‚höheres‚ Bewusstsein um einen dritten Begriff zu ergänzen: ‚sekundäres‚ Bewusstsein. Das ‚sekundäre‚ Bewusstsein geht über das primäre Bewusstsein durch seine Fähigkeit zur Bildung von komplexen konzeptuellen Kategorien hinaus. Insofern sich auf der Basis des sekundären Bewusstseins dann z.B. die Fähigkeit zur freien symbolischen Kodierung (vergleichbar der Bildung von DNA-Strukturen in Zellen) im Gehirn herausgebildet hat, erweitert sich das sekundäre Bewusstsein zum ‚höheren (= sprachlichen)‘ Bewusstsein.]

  5. ‚Sprache‘ war und ist primär ‚gesprochene Sprache‘ (’speech‘). Damit dies möglich wurde, mussten erhebliche anatomische Änderungen am Körperbau stattfinden, die zudem im Vollzug im Millisekundenbereich (!) aufeinander abgestimmt sein müssen: die Lungen zur Erzeugung eines hinreichenden Luftstroms in Abstimmung mit der Speiseröhre, die Stimmbänder, der Mund- und Rachenraum als Resonatoren und Filter, dazu die Zunge, die Zähne und die Lippen als Modifikatoren des Klangs; dies alles muss zusammenwirken, um das hervor bringen zu können, was wir die Ausdrucksseite der (gesprochenen) Sprache nennen. Entsprechend muss es Zentren im Gehirn geben, die das ‚Hören von Sprache, das ‚Artikulieren‘ von Sprache sowie ihre ’semantische Kodierung‘ ermöglichen, wobei die semantische Kodierung in den Kontext eines umfassenden komplexen kognitiven Prozesses eingebettet sein muss. (vgl. S.126f)

  6. Bei der Ausbildung der ‚Synchronisierung‘ von sprachlichen Ausdrücken mit den diversen Bedeutungsanteilen vermutet Edelman, dass am Anfang die Parallelisierung von ‚Objekten‘ und ‚Gegenstandswörtern‘ (’nouns‘) stand. Danach die Parallelisierung von ‚Veränderungen, Handlungen‘ mit ‚Verben‘. Dann folgten weitere Verfeinerungen der ‚Syntax‘ parallel zu entsprechenden Situationen. (vgl. S.127)

  7. Generell nimmt Edelman also an, dass die primären Mechanismen der Konzeptualisierungen und der zugehörigen anatomischen Ausprägungen ‚genetisch‘ induziert sind, dass aber die Ausbildung von bestimmten symbolischen Strukturen und deren Zuordnung zu möglichen Bedeutungsmustern ‚epigenetisch“ zustande kommt.(vgl. SS.127-131)

  8. Aufgrund der durchgängig rekursiven Struktur der neuronalen Strukturen können alle phonologischen und semantischen Konzepte und deren mögliche Assoziationen wiederum zum Gegenstand von Kategorisierungen einer höheren Ebene werden, so dass es eben Phoneme, Phonemsequenzen, Wörter, Satzstrukturen und beliebig weitere komplexe Ausdrucksstrukturen geben kann, denen entsprechend semantische Strukturen unterschiedlicher Komplexität zugeordnet werden können. Aufgrund einer sich beständig ändernden Welt würde es keinen Sinn machen, diese Kodierungen genetisch zu fixieren. Ihr praktischer Nutzen liegt gerade in ihrer Anpassungsfähigkeit an beliebige Ereignisräume. Ferner ist zu beobachten, dass solche Sequenzen und Kodierungen, die sich mal herausgebildet haben und die häufiger Verwendung finden, ‚automatisiert‘ werden können. (vgl. S.130)

  9. Nochmals weist Edelman auf die Schimpansen hin, die zwar ein primäres und sekundäres Bewusstsein zu haben scheinen (inklusive einem ‚Selbst‘-Konzept), aber eben kein Sprachsystem, das flexible komplexe Kategorisierungen mit einer entsprechenden Syntax erlaubt.(vgl. S.130)

  10. Auch ist es offensichtlich, dass das Erlernen von Sprache bei Kindern aufgrund der parallelen Gehirnentwicklung anders, einfacher, nachhaltiger verläuft als bei Erwachsenen, deren Gehirne weitgehend ‚gefestigt‘ sind. (vgl. S.130f)

  11. Während die gesprochene Sprache evolutionär (und heute noch ontogenetisch) die primäre Form der Sprachlichkeit war, können bei Vorliegen einer grundlegenden Sprachfähigkeit die auch andere Ausdrucksmittel (Gesten, Schrift, Bilder, …) benutzt werden. (vgl. S.130)

HÖHERES BEWUSSTSEIN

  1. Nach all diesen Vorüberlegungen soll die Frage beantwortet werden, wie es möglich ist, dass uns  ‚bewusst‘ ist, dass wir ‚Bewusstsein haben‘?(vgl. S.131)

  2. Generell sieht Edelman die Antwort gegeben in dem Fakt, dass wir die erlebbare ‚Gegenwart‘ (the ‚immediate present‘) in Beziehung setzen können zu ‚Erinnerungen (von vorausgehenden Gegenwarten)‘, eingebettet in eine Vielzahl von komplexen Wahrnehmungen als Konzeptualisierungen auf unterschiedlichen ‚Reflexionsstufen‘, vielfach assoziiert mit sprachlichen Ausdrücken. Das ‚Selbst‘ erscheint in diesem Kontext als ein identifizierbares Konstrukt in Relation zu Anderem, dadurch ein ’soziales Selbst‘. (vgl. S.131)

  3. Ein Teil dieser Konzeptualisierungen hat auch zu tun mit der Assoziierung mit sowohl ‚innersystemischen‘ ‚Kommentaren‘ in Form von Emotionen, Stimmungen, Bedürfnisbefriedigungen usw. generalisiert unter dem Begriff ‚innere Werte‚, ein Teil hat zu tun mit der Assoziierung von Interaktionen mit seiner Umgebung, speziell Personen, von denen auch ‚externe Werte‚ resultieren können.(vgl. S.131f)

  4. Alle diese Konzeptualisierungen inklusive deren ‚Konnotation mit Werten‘ benötigen eine ‚Langzeit-Speicherung‘ (‚long-term storage‘), um ihre nachhaltige Wirkung entfalten zu können. (vgl. S.132)

  5. Ein zentrales Element in diesem höheren Bewusstsein ist die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen der aktuell stattfindenden perzeptuellen Wahrnehmung (‚Gegenwart‘) und der konzeptuell vermittelten ‚Erinnerung‘, die es erlaubt, über die ‚Gegenwart‘, die ‚Vergangenheit‘ und eine ‚mögliche Zukunft‘ ’nachzudenken‘. (vgl. S.133)

  6. Die Konkretheit der aktuellen perzeptuellen Wahrnehmung wird durch die konzeptuell aufbereitete erinnerbare Vergangenheit quasi ‚kommentiert‚, in mögliche Beziehungen eingebettet, die als solche dadurch weitgehend ‚bewertet‚ sind.(vgl. S.133)

  7. Aufgrund der stattfindenden komplexen Prozesse, die dem Gehirn ‚bewusst‘ sind, gibt es so etwas wie ein ‚inneres Leben‚, das aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungskontexte, der unterschiedlichen Lerngeschichten hochgradig ‚individuell‚ ist.(vgl. S.133)

  8. Paläontologische Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass die Entwicklung zu solch einem höheren Bewusstsein, wie es sich beim homo sapiens findet, in extrem kurzer Zeit stattgefunden haben müssen. Man geht davon aus, dass die Entstehung eines höheren Bewusstseins zusammenfällt mit der Entstehung des homo sapiens. (vgl. S.133)

  9. Edelman verweist auf sein Kap.6 um zu sagen, dass die bislang verstandenen Mechanismen des Gehirnwachstums es plausibel erscheinen lassen, dass sich diese Strukturen ausbilden konnten. (vgl. S.133)

  10. Edelman stellt dann wieder die Frage nach dem evolutionären ‚Nutzen/ Vorteil‘ der Ausbildung von solchen Bewusstseinsphänomenen.(vgl. S.133)

  11. Für den Fall des primären Bewusstseins sieht er den Vorteil darin, dass schon auf dieser Stufe die Möglichkeit besteht, aus der Vielfalt der Phänomene (realisiert als Qualia) durch die parallel stattfindende ‚Kommentierung‘ der Erlebnisse durch das ‚innere System‘ (sowohl durch die automatisch stattfindende ‚Speicherung‘ wie auch die automatisch stattfindende ‚Erinnerung‘) es möglich ist, jene Aspekte zu ’selektieren/ präferieren‘, die für das System ‚günstiger erscheinen‘. Dies verschafft eine mögliche Verbesserung im Überleben. (vgl. S.133)

  12. Für den Fall des höheren Bewusstseins erweitern sich die Möglichkeiten der ‚In-Beziehung-Setzung‘ zu einer sehr großen Anzahl von unterschiedlichen Aspekten, einschließlich komplexer Modellbildungen, Prognosen, Tests, und die Einbeziehung sozialer Beziehungen und deren ‚Wertsetzungen‘ in die Bewertung und Entscheidung. Ein kurzer Blick in den Gang der Evolution, insbesondere in die Geschichte der Menschheit, zeigt, wie die Komplexität dieser Geschichte in den letzten Jahrzehntausenden gleichsam explodiert ist, [Anmerkung: mit einer exponentiellen Beschleunigung!]. (vgl. S.133-135)

  13. Speziell weist Edelman auch nochmals hin auf das Zusammenspiel von Qualia und Sprache. Während Qualia als solche schon Abstraktionen von perzeptuellen Konkretheiten darstellen sollen, kann ein System im Wechselspiel von Qualia und Sprache ‚Verfeinerungen‘ sowohl in der Wahrnehmung‘ als auch in er ‚Verwendung‘ von Qualia ermöglichen. Gewissermaßen zeigt sich hier die Sprache als eine Art ‚Echoprinzip‘, das Qualia ‚fixiert‘, sie dadurch speziell erinnerbar macht, und einer Verfeinerung ermöglicht, die ohne die sprachliche Kodierung entweder gar nicht erst stattfindet oder aber als ‚flüchtiges Phänomen‘ wieder untergeht. (vgl. S.136)

  14. In den inneren Prozessen des höheren Bewusstseins zeigt sich eine Fähigkeit zum Vorstellen, zum Denken, die durch die impliziten Kategorisierungen und Verallgemeinerungen weit über das ‚Konkrete‘ des primären Bewusstseins hinaus reichen kann. Hierin liegt eine verändernde, kreative Kraft, Fantasie und Mystik. Ob diese zur ‚Verbesserung‘ des Lebens führt oder ‚in die Irre‘, dies lässt sich nicht ‚im Moment‘ erkennen, nur im Nacheinander und in der praktischen ‚Bewährung‘. (vgl. S.136)

DISKUSSION

Zusammenfassend für Kap. 11+12 im nachfolgenden Blogeintrag.

QUELLEN

  • Keine Besonderen

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ÜBER DIE MATERIE DES GEISTES. Relektüre von Edelman 1992. Teil 10 – Primäres Bewusstsein

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 3.Dez. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

BISHER

Für die bisherige Diskussion siehe die kumulierte Zusammenfassung HIER.

KURZFASSUNG

Edelman stellt zunächst die wichtigsten Anforderungen an die wissenschaftliche Beschreibung des Bewusstseins ganz allgemein zusammen, dann aber auch speziell für das ‚Primäre Bewusstsein‘. Dann gibt er einen Überblick über ein mögliches neuronales Modell, das alle diese Anforderungen erfüllen soll.

KAP.11 Bewussstsein (Consciousness)

THEORIE DES BEWUSSTSEINS: ALLGEMEINE ANNAHMEN

  1. In diesem Kapitel geht es um den Test, ob Edelman mit den bisherigen Überlegungen in der Lage ist, das bekannte Postulat von Descartes über eine ‚denkende Substanz‘ (‚thinking subtance‘) zu überwinden, welche sich dem Zugriff der Wissenschaft entzieht. (vgl. p.111)

  2. Allerdings gibt es die Schwierigkeit, dass das mit ‚Bewusstsein‘ Gemeinte sich bei anderen nur im beobachtbaren Verhalten zeigt, und bei einem selbst ‚ist‘ es ‚einfach da‘, schwer zu erklären.(vgl. p.111)

  3. Nach Zitation von wesentlichen Eigenschaften des Bewusstseins, wie William James sie in seinen ‚Principles of Psychology‚ (1890, Kap.10) anführt, macht Edelman eine Unterscheidung zwischen einem ‚primären Bewusstsein‘ und einem ‚Bewusstsein höherer Ordnung‘.(vgl. p.111f)

  4. Das primäre Bewusstsein bezieht sich ausschließlich auf eine perzeptuell vermittelte Gegenwart von Dingen in der Welt, ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Bewusstsein höherer Ordnung übersteigt die perzeptuelle Gegenwart, ist eingebettet in eine Vergangenheit, eine mögliche Zukunft, und ‚weiß von sich selbst‘.(vgl. p.112)

  5. Jedwede ‚Erklärung‘ des Phänomens Bewusstsein muss nach Edelman verträglich sein mit der ‚Evolution‘; sie muss erklären, wie Bewusstsein im Laufe der Evolution ‚entstehen‘ kann, und natürlich auch, wie das Bewusstsein sich zu den anderen ‚mentalen Phänomenen‘ verhält wie z.B. zu ‚Begriffsentwicklung‘, ‚Gedächtnis und Sprache‘.(vgl. p.112f) Natürlich sollen auch die Erkenntnisse der modernen Physik gelten, allerdings ist die Physik aktuell nach Edelman nicht völlig ausreichend, und mögliche ‚Quanteneffekte‘ will er für seinen Erklärungsansatz ausschließen. (vgl. p.113)

  6. Die Annahme, dass das Phänomen ‚Bewusstsein‘ irgendwann in der Evolution sichtbar wird, schließt aus, dass Bewusstsein nur ein ‚Epiphänomen‘ ist. (vgl. p.113)

  7. Im Zustand der ‚Achtsamkeit‘ (?) (‚awareness‘) werden die phänomenalen Zustände von subjektiven Erfahrungen (‚experiences‘), Gefühlen (‚feelings‘) und Empfindungen (’sensations‘) begleitet, die Edelman kollektiv als ‚Qualia‚ bezeichnet. Das ist das, ‚wie es uns erscheint‘ (‚how things seem to us‘). Qualia sind die unterscheidbaren ‚Teile‘ einer ‚mentalen Szene‘, die sich als solche als ‚eine‘ darstellt. Die Qualia können unterschiedlich ‚intensiv‘ und unterschiedlich ‚präzise‘ sein, abhängig von der aktuellen Wahrnehmung (‚perception‘). Im normalen Wachzustand sind die Qualia außerdem begleitet von einer zeitlich-räumlichen Kontinuität, beeinflusst sowohl von einer unmittelbaren Erfahrung wie auch von der individuellen persönlichen Geschichte. Zusätzlich können die Qualia begleitet sein von Gefühlen und Emotionen. (vgl. S.114)

  8. Diese subjektive Natur der Qualia stellt für eine wissenschaftliche Theorie, die eine gemeinsame, objektive, reproduzierbare Datenbasis voraus setzt, ein großes methodisches Problem dar. (vgl. S.114) Es manifestiert sich sogar als ein ‚eindrucksvolles (‚poignant‘) Paradox‚: Jeder Physiker muss in seiner Arbeit sein Bewusstsein, seine subjektiven Wahrnehmungen, seine subjektiven Qualia einsetzen, aber im Reden über die physikalischen Sachverhalte, muss er diese subjektiven Bedingungen ausklammern. (vgl. S.114) Wie lässt sich dieser Befund, dass die phänomenale Erfahrung eine Erste-Person Angelegenheit ist, wissenschaftlich meistern? vgl. S.114f)

  9. Nach Edelman kann man dieses methodische Problem nicht dadurch lösen, dass man von der Fiktion eines qualia-freien Beobachters ausgeht, und er deutet in einem Nebensatz schon an, dass das Problem der sprachlichen Bedeutung nur durch die Einbeziehung des ‚Embodyments‘ von Sprache im Körper verstanden werden kann. (vgl. S.115) Er wird dann sogar noch deutlicher: die Lösung liegt in der hervorstechenden Fähigkeit des Menschen, dass er über ein ‚Selbstbewusstsein‘  gepaart mit einer ‚Sprache‘ verfügt, das ihn in die Lage versetzt, über die pure Gegenwart hinaus Phänomene zu benennen, und Beziehungen herzustellen zwischen den subjektiven Phänomenen und den Erkenntnissen der Physik und Biologie. (vgl. S.115)

  10. Benutzt man die Hypothese, dass Qualia in allen menschlichen Wesen bei ähnlichem Körper und Gehirn verfügbar sind, dann kann man versuchen, auf der Basis der hier vorfindlichen Korrelationen zu einer Theorie der Qualia bzw. des Bewusstseins in Menschen zu kommen. (vgl. S.115)

  11. Allerdings, so Edelman, lässt sich solch eine Theorie des Bewusstseins nur bauen, wenn es neben dem in der Gegenwart verhafteten primären Bewusstsein ein höher-stufiges Bewusstsein gibt, das über die reine Gegenwart hinaus Wahrnehmen und Denken kann und über Sprache verfügt. (vgl. S.115f) Allerdings gilt auch, dass eine ‚qualia-freie Theorie‘ nicht möglich ist. Qualia können von keiner Theorie als ‚Erfahrung‘ einfach so abgeleitet werden; man muss sie als Gegeben annehmen und mit dieser Annahme in kommunikativer Rückkopplung die Theorie des Bewusstseins bauen.(vgl. S.116)

  12. Im Vorblick auf die kommende Darstellung eines höher-stufigen Bewusstseinsmodells merkt Edelman an, dass man Qualia auch verstehen kann als ‚höher-stufige Kategorisierungen‘, die kommunizierbar sind für das ‚Selbst‘, und – etwas schwieriger – für Andere mit ähnlicher mentalen Ausstattung.(vgl. S.116)

THEORIE DES BEWUSSTSEINS: NEURONALES MODELL

Graphische Interprettion von Teilen des Kap.11 von Edelman durch G.Doeben-Henisch

Graphische Interpretation von Teilen des Kap.11 von Edelman durch G.Doeben-Henisch

  1. Nach diesen Überlegungen gibt Edelman nun die erste Version eines neuronalen Modells an, das die von ihm aufgestellten Forderungen an ein primäres Bewusstsein erfüllen soll. (vgl. SS.117-123)

  2. Die Darstellung ist allerdings zu grob, als dass man daraus zu viele Schlüsse ziehen könnte. Klar wird nur, dass er zwei große Pole sieht: (i) die physikalische Außenwelt zum Körper, die über sensorische Signale dem Cortex mit seinen Subsystemen zugeführt wird, parallel, simultan mit vielen primären Kategorisierungen, und dann (ii) das physikalische Innenleben des Organismus, dessen vielfältige Bedürfnislage über das limbische System und über den Thalamus mit den Außenweltereignissen im Rahmen einer weiteren Kategorisierung und zeitlich-räumlichen Aufbereitung als zusammenhängende ‚Szene‘ aufbereitet und ‚bewertet‘ werden kann. Diese Wert-Kategorie-Paare können dann in einem entsprechenden Gedächtnis gespeichert und wieder abgerufen werden. Das Speichern selbst samt der Bewertung gehört aber nicht mehr zum ‚primären Bewusstsein‘; es geschieht außerhalb des Bewusstseins (vgl. S.121, und Schaubild)

  3. In diesem Bild wird das ‚Lernen‘ als ein adaptiver Prozess gesehen, in den die ‚Präferenzen‘ des internen (Selbst-)Systems mit einfließen. (Vgl. S.118)

  4. Das Besondere an der ‚Szene‘ des primären Bewusstseins ist ferner, dass sich hier nicht nur kausale Verknüpfungen finden, sondern auch solche, die durch das Bewertungssystem ‚kommentiert‘ sind. Sie enthalten mögliche Hinweise auf ‚Gefahren‘ oder ‚Belohnung‘. (vgl. S.118, 121)

  5. Evolutionär gilt das ‚innere System‘ (das ‚Selbst-System‘) als älter; es umfasst die primären Erhaltungsfunktionen.(vgl. S.118f)

  6. Generell schätzt Edelman, dass es ein primäres Bewusstsein mit den zugehörigen neuronalen Strukturen ab ca. 300 Mio gibt. (vgl. S.123)

DISKUSSION

Die Diskussion zum Kapitel über das primäre Bewusstsein wird im Anschluss an die Besprechung von Kap.12 zum ‚höherstufigen Bewusstsein‘ geführt, da beide Themen eng zusammen hängen.

QUELLEN

  • James, W. (1890). The Principles of Psychology, in two volumes. New York: Henry Holt and Company.
  • James, W. (1950). The Principles of Psychology, 2 volumes in 1. New York: Dover Publications.
  • James, W. (1983). The Principles of Psychology, Volumes I and II. Cambridge, MA: Harvard University Press (with introduction by George A. Miller).
  • URL: http://psychclassics.yorku.ca/James/Principles/index.htm

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KI UND BIOLOGIE. Blitzbericht zu einem Vortrag am 28.Nov.2018

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
29.Nov. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

LETZTE AKTUALISIERUNG: 1.Dez.2018, Anmerkung 1

KONTEXT

Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung des Fachbereichs 2 ‚Informatik & Ingenieurwissenschaften‘ der Frankfurt University of Applied Sciences am 28.November 2018 mit dem Rahmenthema „Künstliche Intelligenz – Arbeit für Alle?“ hielt Gerd Doeben-Henisch einen kurzen Vortrag zum Thema „Verändert KI die Welt?“ Voraus ging ein Vortrag von Herrn Helmut Geyer „Arbeitsmarkt der Zukunft. (Flyer zur Veranstaltung: FRA-UAS_Fb2_Karte_KI-Arbeit fuer alle_Webversion )

EINSTIEG INS KI-THEMA

Im Kontext der Überlegungen zur Arbeitswelt angesichts des technologischen Wandels gerät die Frage nach der Rolle der Technologie, speziell der digitalen Technologie — und hier noch spezieller der digitalen Technologie mit KI-Anteilen – sehr schnell zwischen die beiden Pole ‚Vernichter von Arbeit‘, ‚Gefährdung der Zukunft‘ einerseits und ‚Neue Potentiale‘, ‚Neue Arbeit‘, ‚Bessere Zukunft‘, wobei es dann auch einen dritten Pol gibt, den von den ‚übermächtigen Maschinen‘, die die Menschen sehr bald überrunden und beherrschen werden.

Solche Positionen, eine Mischungen aus quasi-Fakten, viel Emotionen und vielen unabgeklärten Klischees, im Gespräch sachlich zu begegnen ist schwer bis unmöglich, erst Recht, wenn wenig Zeit zur Verfügung steht.

Doeben-Henisch entschloss sich daher, das Augenmerk zentral auf den Begriff ‚Künstliche Intelligenz‘ zu lenken und die bislang uneinheitliche und technikintrovertierte Begrifflichkeit in einen größeren Kontext zu stellen, der das begrifflich ungeklärte Nebeneinander von Menschen und Maschinen schon im Ansatz zu überwinden sucht.

ANDERE DISZIPLINEN

Viele Probleme im Kontext der Terminologie der KI im technischen Bereich erscheinen hausgemacht, wenn man den Blick auf andere Disziplinen ausweitet. Solche andere Disziplinen sind die Biologe, die Mikrobiologie sowie die Psychologie. In diesen Disziplinen beschäftigt man sich seit z.T. deutlich mehr als 100 Jahren mit komplexen Systemen und deren Verhalten, und natürlich ist die Frage nach der ‚Leistungsfähigkeit‘ solcher Systeme im Bereich Lernen und Intelligenz dort seit langem auf der Tagesordnung.

Die zunehmenden Einsichten in die unfassbare Komplexität biologischer Systeme (siehe dazu Beiträge in diesem Blog, dort auch weitere Links), lassen umso eindrücklicher die Frage laut werden, wie sich solche unfassbar komplexen Systeme überhaupt entwickeln konnten. Für die Beantwortung dieser Frage wies Doeben-Henisch auf zwei spannende Szenarien hin.

KOMMUNIKATIONSFREIE EVOLUTION

Entwicklungslogik vor der Verfügbarkeit von Gehirnen

Entwicklungslogik vor der Verfügbarkeit von Gehirnen

In der Zeit von der ersten Zelle (ca. -3.8 Mrd Jahren) bis zur Verfügbarkeit hinreichend leistungsfähiger Nervensysteme mit Gehirnen (ab ca. -300.000, vielleicht noch etwas früher) wurde die Entwicklung der Lebensformen auf der Erde durch zwei Faktoren gesteuert: (a) die Erde als ‚Filter‘, was letztlich zu einer bestimmten Zeit geht; (b) die Biomasse mit ihrer Reproduktionsfähigkeit, die neben der angenäherten Reproduktion der bislang erfolgreichen Baupläne (DNA-Informationen) in großem Umfang mehr oder weniger starke ‚Varianten‘ erzeugte, die ‚zufallsbedingt‘ waren. Bezogen auf die Erfolge der Vergangenheit konnten die zufälligen Varianten als ’sinnlos‘ erscheinen, als ’nicht zielführend‘, tatsächlich aber waren es sehr oft diese zunächst ’sinnlos erscheinenden‘ Varianten, die bei einsetzenden Änderungen der Lebensverhältnisse ein Überleben ermöglichten. Vereinfachend könnte man also für die Phase die Formel prägen ‚(Auf der dynamischen Erde:) Frühere Erfolge + Zufällige Veränderungen = Leben‘. Da zum Zeitpunkt der Entscheidung die Zukunft niemals hinreichend bekannt ist, ist die Variantenbildung die einzig mögliche Strategie. Die Geschwindigkeit der ‚Veränderung von Lebensformen‘ war in dieser Zeit auf die Generationsfolgen beschränkt.

MIT KOMMUNIKATION ANGEREICHERTE EVOLUTION

Nach einer gewissen ‚Übergangszeit‘ von einer Kommunikationsfreien zu einer mit Kommunikation angereicherte Evolution gab es in der nachfolgenden Zeit die Verfügbarkeit von hinreichend leistungsfähigen Gehirnen (spätestens mit dem Aufkommen des homo sapiens ab ca. -300.000)[1], mittels deren die Lebensformen die Umgebung und sich selbst ‚modellieren‘ und ‚abändern‘ konnten. Es war möglich, gedanklich Alternativen auszuprobieren, sich durch symbolische Kommunikation zu ‚koordinieren‘ und im Laufe der letzten ca. 10.000 Jahren konnten auf diese Weise komplexe kulturelle und technologische Strukturen hervorgebracht werden, die zuvor undenkbar waren. Zu diesen Technologien gehörten dann auch ab ca. 1940 programmierbare Maschinen, bekannt als Computer. Der Vorteil der Beschleunigung in der Veränderung der Umwelt – und zunehmend auch der Veränderung des eigenen Körpers — lies ein neues Problem sichtbar werden, das Problem der Präferenzen (Ziele, Bewertungskriterien…). Während bislang einzig die aktuelle Erde über ‚Lebensfähig‘ ‚oder nicht Lebensfähig‘ entschied, und dies das einzige Kriterium war, konnten die  Lebewesen mit den neuen Gehirnen  jetzt eine Vielzahl von Aspekten ausbilden, ‚partielle Ziele‘, nach denen sie sich verhielten, von denen oft erst in vielen Jahren oder gar Jahrzehnten oder gar noch länger sichtbar wurde, welche nachhaltigen Effekte sie haben.

Anmerkung 1: Nach Edelman (1992) gab es einfache Formen von Bewusstsein mit den zugehörigen neuronalen Strukturen ab ca. -300 Mio Jahren.(S.123) Danach hätte es  also ca. 300 Mio Jahre gedauert, bis   Gehirne, ausgehend von einem ersten einfachen Bewusstsein, zu komplexen Denkleistungen und sprachlicher Kommunikation in der Lage waren.

LERNEN und PRÄFERENZEN

Am Beispiel von biologischen Systemen kann man fundamentale Eigenschaften wie z.B. das ‚Lernen‘ und die ‚Intelligenz‘ sehr allgemein definieren.

Systematisierung von Verhalten nach Lernen und Nicht-Lernen

Systematisierung von Verhalten nach Lernen und Nicht-Lernen

In biologischer Sicht haben wir generell Input-Output-Systeme in einer unfassbar großen Zahl an Varianten bezüglich des Körperbaus und der internen Strukturen und Abläufe. Wie solch ein Input-Output-System intern im Details funktioniert spielt für das konkrete Leben nur insoweit eine Rolle, als die inneren Zustände ein äußerlich beobachtbares Verhalten ermöglichen, das wiederum das Überleben in der verfügbaren Umgebung ermöglicht und bezüglich spezieller ‚Ziele‘ ‚erfolgreich‘ ist. Für das Überleben reicht es also zunächst, einfach dieses beobachtbare Verhalten zu beschreiben.

In idealisierter Form kann man das Verhalten betrachten als Reiz-Reaktions-Paare (S = Stimulus, R = Response, (S,R)) und die Gesamtheit des beobachtbaren Verhaltens damit als eine Sequenz von solchen (S,R)-Paaren, die mathematisch eine endliche Menge bilden.

Ein so beschriebenes Verhalten kann man dann als ‚deterministisch‘ bezeichnen, wenn die beobachtbaren (S,R)-Paare ’stabil‘ bleiben, also auf einen bestimmten Reiz S immer die gleiche Antwort R erfolgt.

Ein dazu komplementäres Verhalten, also ein ’nicht-deterministisches‘ Verhalten, wäre dadurch charakterisiert, dass entweder (i) der Umfang der Menge gleich bleibt, aber manche (S,R)-Paare sich verändern oder (ii) der Umfang der Menge kann sich ändern. Dann gibt es die beiden interessanten Unterfälle (ii.1) es kommen nach und nach neue (S,R)-Paare dazu, die ‚hinreichend lang‘ ’stabil‘ bleiben, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt ‚t‘ sich nicht mehr vermehren (die Menge der stabilen Elemente wird ‚eingefroren‘, ‚fixiert‘, ‚gezähmt‘, …), oder (ii.2) die Menge der stabilen (S,R)-Paare expandiert ohne Endpunkt.

Bezeichnet man diese Expansion (zeitlich ‚befristet‘ oder ‚unbefristet‘) als ‚Lernen‘, dann wird sichtbar, dass die ‚Inhalte des Lernens‘ (die korrespondierenden Repräsentationen der (S,R)-Paare in den internen Zuständen des Systems) einmal davon abhängen, was die Umgebung der Systeme ‚erlaubt‘, zum anderen, was die ‚inneren Zustände‘ des Systems an ‚Verarbeitung ermöglichen‘, sowie – sehr indirekt – über welche welche ‚internen Selektionskriterien‘ ein System verfügt.

Die ‚internen Selektionskriterien‘ werden hier kurz ‚Präferenzen‘ genannt, also Strategien, ob eher ein A oder ein B ’selektiert‘ werden soll. Wonach sich solche Kriterien richten, bleibt dabei zunächst offen. Generell kann man sagen, dass solche Kriterien primär ‚endogen‘ begründet sein müssen, dass sie aber nachgeordnet auch von außen (‚exogen‘) übernommen werden können, wenn die inneren Kriterien eine solche Favorisierung des exogenen Inputs ‚befürworten‘ (Beispiel sind die vielen Imitationen im Lernen bzw. die Vielzahl der offiziellen Bildungsprozesse, durch die Menschen auf bestimmte Verhaltens- und Wissensmuster trainiert (programmiert) werden). Offen ist auch, ob die endogenen Präferenzen stabil sind oder sich im Laufe der Zeit ändern können; desgleichen bei den exogenen Präferenzen.

Am Beispiel der menschlichen Kulturen kann man den Eindruck gewinnen, dass das Finden und gemeinsame Befolgen von Präferenzen ein bislang offenes Problem ist. Und auch die neuere Forschung zu Robotern, die ohne Terminierung lernen sollen (‚developmental robotics‘), hat zur Zeit das Problem, dass nicht ersichtlich ist, mit welchen Werten man ein nicht-terminiertes Lernen realisieren soll. (Siehe: Merrick, 2017)) Das Problem mit der Präferenz-Findung ist bislang wenig bekannt, da die sogenannten intelligenten Programme in der Industrie immer nur für klar definierte Verhaltensprofile trainiert werden, die sie dann später beim realen Einsatz unbedingt einhalten müssen.  Im technischen Bereich spricht man hier oft von einer ’schwachen KI‘. (Siehe: VDI, 2018) Mit der hier eingeführten Terminologie  wären dies nicht-deterministische Systeme, die in ihrem Lernen ‚terminieren‘.

INTELLIGENZ

Bei der Analyse des Begriffs ‚Lernen‘ wird sichtbar, dass das, was gelernt wird, bei der Beobachtung des Verhaltens nicht direkt ’sichtbar‘ ist. Vielmehr gibt es eine allgemeine ‚Hypothese‘, dass dem äußerlich beobachtbaren Verhalten ‚interne Zustände‘ korrespondieren, die dafür verantwortlich sind, ob ein ’nicht-lernendes‘ oder ein ‚lernendes‘ Verhalten zu beobachten ist. Im Fall eines ‚lernenden‘ Verhaltens mit dem Auftreten von inkrementell sich mehrenden stabilen (S,R)-Paaren wird angenommen, das den (S,R)-Verhaltensformen ‚intern‘ entsprechende ‚interne Repräsentationen‘ existieren, anhand deren das System ‚entscheiden‘ kann, wann es wie antworten soll. Ob man diese abstrakten Repräsentationen ‚Wissen‘ nennt oder ‚Fähigkeiten‘ oder ‚Erfahrung‘ oder ‚Intelligenz‘ ist für die theoretische Betrachtung unwesentlich.

Die Psychologie hat um die Wende zum 20.Jahrhundert mit der Erfindung des Intelligenztests durch Binet und Simon (1905) sowie in Weiterführung durch W.Stern (1912) einen Ansatz gefunden, die direkt nicht messbaren internen Repräsentanten eines beobachtbaren Lernprozesses indirekt dadurch zu messen, dass sie das beobachtbare Verhalten mit einem zuvor vereinbarten Standard verglichen haben. Der vereinbarte Standard waren solche Verhaltensleistungen, die man Kindern in bestimmten Altersstufen als typisch zuordnete. Ein Standard war als ein Test formuliert, den ein Kind nach möglichst objektiven Kriterien zu durchlaufen hatte. In der Regel gab es eine ganze Liste (Katalog, Batterie) von solchen Tests. Dieses Vorgehensweisen waren sehr flexibel, universell anwendbar, zeigten allerdings schon im Ansatz, dass die Testlisten kulturabhängig stark variieren konnten. Immerhin konnte man ein beobachtbares Verhalten von einem System auf diese Weise relativ zu vorgegebenen Testlisten vergleichen und damit messen. Auf diese Weise konnte man die nicht messbaren hypothetisch unterstellten internen Repräsentationen indirekt qualitativ (Art des Tests) und quantitativ (Anteil an einer Erfüllung des Tests) indizieren.

Im vorliegenden Kontext wird ‚Intelligenz‘ daher als ein Sammelbegriff für die hypothetisch unterstellte Menge der korrespondierenden internen Repräsentanten zu den beobachtbaren (S,R)-Paaren angesehen, und mittels Tests kann man diese unterstellte Intelligenz qualitativ und quantitativ indirekt charakterisieren. Wie unterschiedlich solche Charakterisierung innerhalb der Psychologie modelliert werden können, kann man in der Übersicht von Rost (2013) nachlesen.

Wichtig ist hier zudem, dass in diesem Text die Intelligenz eine Funktion des Lernens ist, das wiederum von der Systemstruktur abhängig ist, von der Beschaffenheit der Umwelt sowie der Verfügbarkeit von Präferenzen.

Mehrdimensionaler Raum der Intelligenzrpräsentanen

Mehrdimensionaler Raum der Intelligenzrpräsentanen

Aus Sicht einer solchen allgemeinen Lerntheorie kann man statt biologischen Systemen auch programmierbare Maschinen betrachten. Verglichen mit biologischen Systemen kann man den programmierbaren Maschinen ein Äquivalent zum Körper und zur Umwelt spendieren. Grundlagentheoretisch wissen wir ferner schon seit Turing (1936/7), dass programmierbare Maschinen ihr eigenes Programm abändern können und sie prinzipiell lernfähig sind. Was allerdings (siehe zuvor das Thema Präferenz) bislang unklar ist, wo sie jeweils die Präferenzen herbekommen sollen, die sie für eine ’nachhaltige Entwicklung‘ benötigen.

ZUKUNFT VON MENSCH UND MASCHINE

Im Licht der Evolution erscheint die  sich beschleunigende Zunahme von Komplexität im Bereich der biologischen Systeme und deren Populationen darauf hinzudeuten, dass mit der Verfügbarkeit von programmierbaren Maschinen diese sicher nicht als ‚Gegensatz‘ zum Projekt des biologischen Lebens zu sehen sind, sondern als eine willkommene Unterstützung in einer Phase, wo die Verfügbarkeit der Gehirne eine rapide Beschleunigung bewirkt hat. Noch bauen die biologischen Systeme ihre eigenen Baupläne  nicht selbst um, aber der Umbau in Richtung von Cyborgs hat begonnen und schon heute ist der Einsatz von programmierbaren Maschinen existentiell: die real existierenden biologischen Kapazitätsgrenzen erzwingen den Einsatz von Computern zum Erhalt und für die weitere Entwicklung. Offen ist die Frage, ob die Computer den Menschen ersetzen sollen. Der Autor dieser Zeilen sieht die schwer deutbare Zukunft eher so, dass der Mensch den Weg der Symbiose intensivieren wird und versuchen sollte, den Computer dort zu nutzen, wo er Stärken hat und zugleich sich bewusst sein, dass das Präferenzproblem nicht von der Maschine, sondern von ihm selbst gelöst werden muss. Alles ‚Böse‘ kam in der Vergangenheit und kommt in der Gegenwart vom Menschen selbst, nicht von der Technik. Letztlich ist es der Mensch, der darüber entscheidet, wie er die Technik nutzt. Ingenieure machen sie möglich, die Gesellschaft muss entscheiden, was sie damit machen will.

BEISPIEL EINER NEUEN SYMBIOSE

Der Autor dieser Zeilen hat zusammen mit anderen KollegenInnen in diesem Sommer ein Projekt gestartet, das darauf abzielt, dass alle 11.000 Kommunen in Deutschland ihre Chancen haben sollten, ihre Kommunikation und Planungsfähigkeit untereinander dramatisch zu verbessern, indem sie die modernen programmierbaren Maschinen in neuer ‚intelligenter‘ Weise für ihre Zwecke nutzen.

QUELLEN

  • Kathryn Merrick, Value systems for developmental cognitive robotics: A survey, Cognitive Systems Research, 41:38 – 55, 2017
  • VDI, Statusreport Künstliche Intelligenz, Oktober 2018, URL: https://www.vdi.de/vdi-statusbericht-kuenstliche-intelligenz/ (zuletzt: 28.November 2018)
  • Detlef H.Rost, Handbuch der Intelligenz, 2013: Weinheim – Basel, Beltz Verlag
  • Joachim Funke (2006), Kap.2: Alfred Binet (1857 – 1911) und der erste Intelligenztest der Welt, in: Georg Lamberti (Hg.), Intelligenz auf dem Prüfstand. 100 Jahre Psychometrie, Vandenhoek & Ruprecht
  • Alfred Binet, Théodore Simon: Methodes nouvelles pour le diagnostiqc du niveau intellectuel des anormaux. In: L’Année Psychologique. Vol. 11, 1904, S. 191–244 (URL: https://www.persee.fr/doc/psy_0003-5033_1904_num_11_1_3675 )
  • William Stern, Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung und deren Anwendung an Schulkinder, 19121: Leipzig, J.A.Barth
  • Alan M. Turing, On computable numbers, with an application to the Entscheidungsproblem. Proceedings of the London Mathematical Society, 42(2):230–265, 1936-7
  • Gerald M.Edelman, Bright Air, Brilliant Fire. On the Matter of the Mind, New York: 1992, Basic Books

FREIHEIT DIE ICH MEINE. Nachhall zu einem Gespräch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 19.Nov 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

KONTEXT

‚Freiheit‘ ist eines dieser Worte, um das sich seit Jahrtausende Erwartungen, Vorstellungen, Wünsche, Geschichten ranken, mit viel Blut, mit vielen Toten, aber auch strahlenden Gesichtern, glücklichen Menschen.

Erst ab dem 18.Jahrhundert fand das mit ‚Freiheit‘ Gemeinte dann in Europa und Nordamerika eine politische Gestalt, in der eine Vision von Freiheit zum zentralen Leitmotiv vieler Gesellschaftsverträge wurde. Aber es dauerte weitere 100 Jahre, bis es sich in offiziellen Gesetzen und staatlichen Institutionen so konkretisierte, dass heute ein normaler Bürger davon ausgehen darf, dass seine ‚Freiheit‘ durch den Staat als ein großes Gut des Lebens geschützt wird.

Trotz dieser unfassbaren Geschichte der ‚Sichtbarmachung‘ von ‚Freiheit‘ in der allgemeinen gesellschaftlichen Wirklichkeit besteht im Alltag, bei den einzelnen, weiterhin eine große Verwirrung und Unsicherheit darüber, ob es ‚Freiheit‘ wirklich gibt, was ‚Freiheit‘ genau ist, ob und wie man sie konkret leben soll/kann.

In diesem Blog wurde das Thema ‚Freiheit‘ schon öfters angesprochen, auch sehr grundsätzlich, vielleicht sogar grundsätzlicher, als es bislang in den offiziellen Erklärungen zum ‚Menschenrecht Freiheit‘ formuliert worden ist.

Im folgenden Text werden einzelne Aspekte des mit ‚Freiheit Gemeinten‘ artikuliert, wie sie in einem Gespräch gestern unter 12 FreundenInnen kontrovers diskutiert wurde.

SPLITTER EINES GESPRÄCH

Die folgenden Notizen sind kein ‚Protokoll‘ des Gesprächs, sondern meine subjektive aktive Nach-Erinnerung. Vielleicht kommentieren ja einige der TeilnehmerInnen, um ihre eigenen Sichten sichtbar zu machen.

  1. Wenn im folgenden von ‚der Freiheit‘ die Rede ist, dann ist immer ‚das mit dem Wort Freiheit Gemeinte‘ der Gegenstand. Da Freiheit nicht als normaler ‚Gegenstand‘ im Alltag vorkommt, sondern nur in einem komplexen Geflecht von vielen Gegenständen und Handlungen, ist im Einzelfall immer nachzufragen, was denn jemand meint, wenn er das Wort ‚Freiheit‘ im Munde führt.
  2. In dem Gespräch wurde Freiheit zudem nicht isoliert diskutiert sondern verknüpft mit den Begriffen ‚Demokratie‘. ‚Digitalisierung‘ und ‚Meditation‘, Begriffe, die selbst nicht gerade vor Einfachheit strotzen.
  3. Begründet wurde dies damit, dass in der ‚realen Welt‘ nichts isoliert, nichts ‚einfach‘ vorkommt, sondern immer verbunden mit vielen anderen, gleichzeitig, simultan. Einfach zu sagen, man sei ‚für A‘ oder ‚gegen A‘ ist daher in vielen Fällen unzureichend, da ‚A‘ nie alleine vorkommt, sondern in vielfältigen Beziehungen mit B und C und …. so gibt es Freiheit nicht lupenrein, als etwas ‚Ideales‘, von allem anderen ‚Losgelöstes‘, sondern verflochten mit vielen realen Bedingungen, die man mit bedenken muss, will man von Freiheit reden.
  4. So stand zu Beginn des Gesprächs also nicht einfach nur das Wort ‚Freiheit‘ im Raum sondern die Sätze: ‚In einer Demokratie herrscht Freiheit. Digitalisierung und Meditation hilft uns‘.
  5. In einer ersten Reaktion wurden diese einfachen Sätze natürlich sofort in ihre Bestandteile zerpflückt, dass man das ja so gar nicht sagen könne, weil …
  6. Das Problem aber war (und ist), dass wir die Wirklichkeit nicht beliebig in ihre Bestandteile zerpflücken können. Die alltägliche Wirklichkeit kommt als ein Vielfalts-Monster daher: manches finden wir gut, manches wissen wir nicht, anderes finden wir schlecht. So auch die Freiheit in einer Demokratie. Dazu heute eine umfassende Digitalisierung mit guten wie schlechten Wirkungen. Die Praxis der Meditation, die helfen kann oder auch nicht; viele wissen dazu nichts Genaues.
  7. Nimmt man als Arbeitshypothese versuchsweise mal an, dass es tatsächlich an der Wurzel allen Lebens eine grundlegende Freiheit derart gibt, entscheiden zu können, ob man A oder nicht-A tun will, dann kann die Gesellschaftsform ‚Demokratie‘ als jene Verfassung angesehen werden, die vom Ansatz her den individuellen Freiheiten den maximal möglichen Raum zu sichern sucht. Die neuen digitalen Technologien können – bei richtiger Anwendung — den individuellen Freiheiten eine neuartige Unterstützung zukommen lassen, die ihnen helfen, die historisch angewachsene Komplexität der Wirklichkeit besser mit als ohne digitale Technologien zu meistern. Für die persönliche Orientierung (auch emotional) kann eine geeignete Form des Meditierens zusätzlich eine fundamentale Unterstützung bieten.
  8. Diese Worte deuten ein ‚Potential‘ an, das Möglichkeitsräume eröffnet. Möglichkeiten müssen aber ‚realisiert‘ werden in Raum und Zeit, durch konkrete Taten unter Zuhilfenahme von realen Ressourcen.
  9. Wenn man Kindern von vornherein aber z.B. die konkreten Bedingungen verweigert, die sie bräuchten, um ‚Lernen‘ zu können, um ihre Freiheit ‚auszuprobieren‘, dann haben sie zwar eine grundlegende Freiheit, aber sie können sie nicht ausleben, da ihnen dann die geistigen und materiellen Voraussetzungen fehlen, um es tun zu können. Wenn ich Informationen verweigere oder nur falsche Informationen gebe; wenn ich keine Zeit zugestehe, um lernen zu können, keine Nahrung für die notwendige Kraft, keine Anerkennung für den notwendigen Mut, und vieles mehr, dann verhindert man im Ansatz die Entwicklung jener Formen von Freiheit, von der wir alle konkret leben (falls wir überhaupt zum Leben gefunden haben).
  10. Das Thema der ‚Ermöglichung‘ von Freiheit zieht sich aber durch das gesamte Leben eines Menschen durch, in jeder Gesellschaft. Wenn es immer weniger ‚wahre Informationen‘ gibt, stattdessen ‚falsche Informationen‘, dann kann jemand noch so viel das ‚Richtige‘ wollen, noch so viel ‚eine gute Zukunft‘ wollen, er/ sie wird nur das Falsche tun können, Unheil anrichten, Ressourcen vergeuden, anderen Menschen Unrecht tun, auf Dauer mehr zerstören als aufbauen, auf Dauer Leid erzeugen und Tod. Die heute zu beobachtende Erosion der sogenannten ‚Öffentlichkeit‘ in demokratischen Gesellschaften ist die sicherste Methode, die Vision einer Demokratie und Freiheit im Ansatz zu zerstören, da Demokratie auf die wechselseitige Kommunikation angewiesen ist. Freiheit und Demokratie brauchen ein Maximum an Wahrheit und Kommunikation; dies kostet viel Engagement, Arbeit, Ressourcen. Wer dies verweigert und leichtfertig verspielt, verspielt Freiheit und damit dann Demokratie.
  11. Von daher ist auch klar, dass Bildung in allen Lebensphasen für alle Menschen grundlegend ist. Ein demokratischer Staat, der an Bildung spart, gib sich von innen her auf. Was nützen die großen Worte einer Verfassung, wenn die Mehrheit der Bürger sie gar nicht mehr versteht? Wenn niemand weis, wie die grundlegenden Mechanismen einer freien Gesellschaft ineinander spielen? Wenn die jungen Menschen nie lernen können, mit sich selber, mit ihren Emotionen konstruktiv umgehen zu können? Wenn Leitbilder fehlen, die eine freiheitliche demokratische Gesellschaft konstruktiv fördern? Wenn das grundlegende Wissen in jenen wissenschaftlichen und technischen Bereichen fehlen, durch die moderne Gesellschaften überhaupt nur lebensfähig sind?
  12. Natürlich erlebt jeder von Kindheit an, wie die grundlegenden Bedürfnisse des Körpers, des Lebens unser Fühlen und Handeln dominieren können. Wer hungert und dürstet, wird darum kämpfen müssen, dass er überlebt. Dass die einen Menschen anderen Menschen ihr Wasser wegnehmen können und ihre Äcker, von denen sie leben, ohne Ersatz, das ermöglicht keine Freiheit und keine Demokratie. Dass die einen ihr Kapital so nutzen, dass nur wenige davon leben können und so viele in Armut leben müssen, das kann auch keine Grundlage sein.
  13. Wir haben auch gelernt, dass der weitaus größte Teil des Körpers un-bewusst ist, dass in diesem Unbewussten viele Prozesse im Menschen ablaufen, die den Menschen ‚von innen heraus‘ steuern können. Die betroffenen Menschen erleben, dass sie sich ‚anders‘ verhalten, als sie vielleicht wollen, als es die offiziellen ‚gesellschaftlichen Normen‘ vorschreiben; sie fühlen sich aber unter ‚inneren Zwängen‘; sie ‚verstehen sich selbst nicht‘; sie sind sich selbst gegenüber ‚hilflos‘. Dies wird oft verursacht durch großes Leid, das Menschen als Kinder oder auch als Erwachsene zugefügt bekamen, auch durch körperliche Defekte, genetische Besonderheiten, durch Krankheiten. Ein Leben ‚aus Freiheit‘ ist dann erschwert oder gar blockiert. Solche ‚inneren Verwundungen‘ zu ‚heilen‘ kann langwierig, sehr schwer sein. Besser ist es, man lässt sie gar nicht entstehen.
  14. Im Vergleich der gesellschaftlichen Systeme und ihren Verhaltensregeln können wir heute sehen, wie unterschiedlich gleiche Situationen interpretiert und geregelt werden. Im Extremfall wird in einer Gesellschaft jemand für ein Verhalten X zum Tode verurteilt, während es in einer anderen Gesellschaft ganz ’normal‘ ist, X zu tun. Die Gesamtheit der vielen Regeln können viele Verhaltensweisen, die wichtig wären, ‚unterdrücken‘, ‚verhindern‘, sie können bestimmte Menschen und Menschengruppen ‚verteufeln‘, sie können ganze Wissensbereiche ausgrenzen, die zum Lebe und Überleben aber wichtig sind (in der Sicht anderer Gesellschaften). Diese verwirrende Vielfalt erschwert ein Leben aus Freiheit, in Freiheit, da es für Entscheidungen immer mehr als eine Option gibt.
  15. ‚Vielfalt‘ kann man daher aus der Sicht der Entscheidung als ‚Last‘ empfinden. Und in der Tat ist Freiheit als solche eine permanente ‚Herausforderung‘; ein ‚un-freies‘ ‚blindes‘ ‚einfaches Tun‘ erscheint auf den ersten Blick ‚einfacher‘ (für autoritäre dogmatische Regierungsformen und für diktatorische Machtstrukturen ist es auf jeden Fall ‚einfacher‘, da sie dann mit geringem Widerstand ihre egoistischen Ziele umsetzen können), aber im Laufe der Zeit kann eine solche ‚Vereinfachung‘ nur scheitern und ins Unheil führen. Dazu muss man sich nicht nur die sehr kurze Geschichte der Menschen anschauen, sondern die sehr lange Geschichte des Lebens auf der Erde demonstriert mit großer Wucht, dass ein biologisches Leben nur möglich ist, wenn es zusätzlich zu dem jeweiligen begrenzten Wissen einer Gegenwart auch solche Gedanken und Handlungsweisen zulässt, die in der Gegenwart ‚un-sinnig‘ erscheinen mögen. Dieses ‚andere‘ Wissen und Verhalten sollte nicht nur bei einigen wenigen (den berühmten ‚Hofnarren‘ oder den sogenannten ‚Künstlern‘) zugelassen werden (also nicht nur als ‚Spielerei‘), sondern ernsthaft flächendeckend in der ganzen Gesellschaft; nur gebildete, wache, kreative, unkonventionelle, mutige Gesellschaften haben eine leichte Chance, in der Zukunft bestehen zu können. Freiheit verlangt ein Leben auf allen Ebenen, außen wie innen, alleine und mit anderen, mit Gewohntem und Ungewohntem, immer mit Respekt vor dem grundlegenden Leben als solchem.

MATERIALANHANG

Das nachfolgende ‚Material‘ bietet Links zu Wikipedia-Artikeln, die schnell zu wichtigen Grundpositionen führen können. Von da aus führen Wege in viele Richtungen. Einige Textabschnitte wurden mit kopiert. Sie stellen keine erschöpfende Erklärungen dar sondern sollen nur anregen, sich selbst intensiver mit den in den Texten angesprochenen Sachverhalten zu beschäftigen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte

Der explizite Begriff der Menschenrechte wurde 1791 von Thomas Paine mit seinem Werk The Rights of Man erstmals eingeführt: Thomas Paine (1792), The Rights of Man. Online verfügbar unter diesem Link: http://pinkmonkey.com/dl/library1/right.pdf Rights of Man (1792) – Written as an answer to Edmund Burke’s Reflections on the Revolution in France, it states Paine’s belief that men have “natural rights” and urges individuals to free themselves from governmental tyranny.

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte

Als Menschenrechte werden subjektive Rechte bezeichnet, die jedem Menschen gleichermaßen zustehen. Das Konzept der Menschenrechte geht davon aus, dass alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet und dass diese egalitär begründeten Rechte universell, unveräußerlich und unteilbar sind.[1] Die Idee der Menschenrechte ist eng verbunden mit dem Humanismus und der im Zeitalter der Aufklärung entwickelten Idee des Naturrechtes. Der explizite Begriff der Menschenrechte wurde 1791 von Thomas Paine mit seinem Werk The Rights of Man erstmals eingeführt.

Das Bestehen von Menschenrechten wird heute von fast allen Staaten prinzipiell anerkannt. Die Universalität ist gleichwohl Grundlage politischer Debatten und Auseinandersetzungen.

Es hat sich eingebürgert, die Entwicklung der Menschenrechte in drei „Generationen“ einzuteilen: die Entwicklung von Abwehrrechten des Bürgers gegen den Staat zum Schutz seiner Freiheitssphäre (1. Generation), von sozialen Anspruchs- und Teilhaberechten (2. Generation) und von kollektiven Rechten, wie beispielsweise das Recht auf Selbstbestimmung der Völker (3. Generation).[2] Die Einteilung in drei Generationen wird kontrovers diskutiert, da sie eine Hierarchie zwischen Menschenrechten implizieren kann.

Weil Menschenrechte auch von dritter Seite bedroht werden, wird davon ausgegangen, dass außerdem zu jedem Menschenrecht eine staatliche Schutzpflicht gehört, mit der erst ein Menschenrecht vollständig verwirklicht werden kann. Durch die Ratifizierung von internationalen Menschenrechtsabkommen sowie durch deren Verankerung in ihren nationalen Verfassungen verpflichten sich die Staaten, die Grundrechte und Völkerrechte zunehmend umzusetzen, sie also als einklagbare Rechte in ihrem jeweiligen nationalen Recht auszugestalten.

In einem weiteren Sinne ist der Begriff „Menschenrechte“ auch als Erweiterung zu den „Bürgerrechten“ zu verstehen: Er steht dann für Grundrechte, die unabhängig von der Staatsangehörigkeit allen Menschen zustehen. „

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechtsabkommen

Menschenrechtsabkommen sind multilateral abgeschlossene völkerrechtliche Verträge. Sie kodifizieren in erster Linie Individualrechte, doch enthalten sie auch kollektive Rechte wie das Recht auf Selbstbestimmung der Völker. Die Verträge schaffen Menschenrechtsinstrumente, die im Gegensatz zu den auf der UN-Charta beruhenden Instrumenten nur für diejenigen Staaten, die den Verträgen durch Ratifikation beigetreten sind, gelten.

Seit Ende 2006 gibt es im Rahmen der Vereinten Nationen neun allen Staaten zur Ratifikation offenstehende Menschenrechtsabkommen im engeren Sinne. Sie enthalten Überprüfungsverfahren, die den dazu eingesetzten UN-Vertragsorganen obliegen. Einige, aber nicht alle Verträge werden ergänzt durch Zusatzabkommen, sogenannte Optionsprotokolle, die in der Regel Individualbeschwerdeverfahren zum Gegenstand haben.

Europa, Amerika und Afrika haben darüber hinaus unterschiedlich weit reichende regionale Menschenrechtsabkommen vereinbart, die allen Ländern dieser Regionen offenstehen. Hier nicht behandelt werden die bereits seit 1912 erzielten zahlreichen Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation.

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Das wohl bekannteste Menschenrechtsdokument, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, ist kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern eine Resolution der UN-Generalversammlung und somit nicht rechtlich bindend, sondern eine politische Verlautbarung und Willenserklärung der UN-Generalversammlung vom 10. Dezember 1948. Wegen ihrer universellen Anerkennung und permanenten Bekräftigung gilt sie aber als Bestandteil des Völkergewohnheitsrechts. Zusammen mit dem Sozial- und Zivilpakt spricht man von der International Bill of Human Rights als einem Grundkodex der internationalen Staatengemeinschaft über die Menschenrechte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Erklärung_der_Menschenrechte

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (A/RES/217, UN-Doc. 217/A-(III)), auch Deklaration der Menschenrechte oder UN-Menschenrechtscharta, Charta der Menschenrechte oder kurz AEMR[1], sind unverbindliche Empfehlungen der Vereinten Nationen zu den allgemeinen Grundsätzen der Menschenrechte. Sie wurde am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Paris verkündet.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Der 10. Dezember als Tag der Verkündung wird seit 1948 als Internationaler Tag der Menschenrechte begangen.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Menschenrechtskonvention

Die Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten enthält einen Katalog von Grundrechten und Menschenrechten (Konvention Nr. 005 des Europarats). Über ihre Umsetzung wacht der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

Die Konvention mit der SEV-Nr. 003 wurde im Rahmen des Europarats ausgearbeitet, am 4. November 1950 in Rom unterzeichnet und trat am 3. September 1953 allgemein in Kraft. Völkerrechtlich verbindlich ist allein ihre englische und französische Sprachfassung, nicht hingegen die zwischen Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz vereinbarte gemeinsame deutschsprachige Fassung.

Als so genannte geschlossene Konvention kann sie nur von Mitgliedern des Europarats – sowie von der Europäischen Union – unterzeichnet werden.[1] Die Bereitschaft zur Unterzeichnung und Ratifikation der EMRK hat sich im Laufe der Zeit zu einer festen Beitrittsbedingung für Staaten entwickelt, die dem Europarat angehören möchten. Daher haben alle Mitgliedsstaaten des Europarats die Konvention unterzeichnet und ihr innerstaatliche Geltung verschafft.

Artikel 5 – Recht auf Freiheit und Sicherheit

Art. 5 gewährleistet das Recht auf Freiheit und Sicherheit. Er enthält in Abs. 1 einen abschließenden Katalog von Umständen, unter denen einer Person auf gesetzlicher Grundlage die Freiheit entzogen werden darf (z. B. nach Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe, in Fällen der vorläufigen Festnahme bzw. bei psychisch Kranken, Rauschgiftsüchtigen oder auch Landstreichern). In den Absätzen 2–5 dieses Artikels sind die entsprechenden Rechte solcher Personen geregelt. Hierzu gehören die Information festgenommener Personen über die Gründe für die Festnahme und die Beschuldigungen und das Recht, unverzüglich einem Richter vorgeführt zu werden. Weiterhin gehört hierzu das Recht, die Freiheitsentziehung durch einen Richter prüfen zu lassen und das Recht auf Schadensersatz bei unrechtmäßigen Freiheitsentziehungen.

https://dejure.org/gesetze/MRK/5.html

Art. 5
Recht auf Freiheit und Sicherheit

(1) Jede Person hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit.

Die Freiheit darf nur in den folgenden Fällen und nur auf die gesetzlich vorgeschriebene Weise entzogen werden:

a) rechtmäßige Freiheitsentziehung nach Verurteilung durch ein zuständiges Gericht;
b) rechtmäßige Festnahme oder rechtmäßiger Freiheitsentziehung wegen Nichtbefolgung einer rechtmäßigen gerichtlichen Anordnung oder zur Erzwingung der Erfüllung einer gesetzlichen Verpflichtung;
c) rechtmäßige Festnahme oder rechtmäßiger Freiheitsentziehung zur Vorführung vor die zuständige Gerichtsbehörde, wenn hinreichender Verdacht besteht, daß die betreffende Person eine Straftat begangen hat, oder wenn begründeter Anlaß zu der Annahme besteht, daß es notwendig ist, sie an der Begehung einer Straftat oder an der Flucht nach Begehung einer solchen zu hindern;
d) rechtmäßige Freiheitsentziehung bei Minderjährigen zum Zweck überwachter Erziehung oder zur Vorführung vor die zuständige Behörde;
e) rechtmäßige Freiheitsentziehung mit dem Ziel, eine Verbreitung ansteckender Krankheiten zu verhindern, sowie bei psychisch Kranken, Alkohol- oder Rauschgiftsüchtigen und Landstreichern;
f) rechtmäßige Festnahme oder rechtmäßige Freiheitsentziehung zur Verhinderung der unerlaubten Einreise sowie bei Personen, gegen die ein Ausweisungs- oder Auslieferungsverfahren im Gange ist.

(2) Jeder festgenommenen Person muß unverzüglich in einer ihr verständlichen Sprache mitgeteilt werden, welches die Gründe für ihre Festnahme sind und welche Beschuldigungen gegen sie erhoben werden.

(3) Jede Person, die nach Absatz 1 Buchstabe c von Festnahme oder Freiheitsentziehung betroffen ist, muß unverzüglich einem Richter oder einer anderen gesetzlich zur Wahrnehmung richterlicher Aufgaben ermächtigten Person vorgeführt werden; sie hat Anspruch auf ein Urteil innerhalb angemessener Frist oder auf Entlassung während des Verfahrens. 2Die Entlassung kann von der Leistung einer Sicherheit für das Erscheinen vor Gericht abhängig gemacht werden.

(4) Jede Person, die festgenommen oder der die Freiheit entzogen ist, hat das Recht zu beantragen, daß ein Gericht innerhalb kurzer Frist über die Rechtmäßigkeit der Freiheitsentziehung entscheidet und ihre Entlassung anordnet, wenn die Freiheitsentziehung nicht rechtmäßig ist.

(5) Jede Person, die unter Verletzung dieses Artikels von Festnahme oder Freiheitsentziehung betroffen ist, hat Anspruch auf Schadensersatz.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Menschenrechtskonvention#Artikel_5_-_Recht_auf_Freiheit_und_Sicherheit

Artikel 4 – Verbot der Sklaverei und der Zwangsarbeit

Art. 4 verbietet es, eine Person in Sklaverei oder Leibeigenschaft zu halten (Abs. 1). Weiterhin verbietet dieser Artikel Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2). Nicht als Zwangs- oder Pflichtarbeit nach diesem Artikel zählen allerdings z. B. Arbeitspflichten im Strafvollzug, im Wehr- und Wehrersatzdienst oder bei Katastrophenfällen.

https://dejure.org/gesetze/MRK/4.html

Art. 4
Verbot der Sklaverei und der Zwangsarbeit

  1. Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.
  2. Niemand darf gezwungen werden, Zwangs- oder Pflichtarbeit zu verrichten.
  3. Nicht als Zwangs- oder Pflichtarbeit im Sinne dieses Artikels gilt
    1. eine Arbeit, die üblicherweise von einer Person verlangt wird, der unter den Voraussetzungen des Artikels 5 die Freiheit entzogen oder die bedingt entlassen worden ist
    2. eine Dienstleistung militärischer Art oder eine Dienstleistung, die an die Stelle des im Rahmen der Wehrpflicht zu leistenden Dienstes tritt, in Ländern, wo die Dienstverweigerung aus Gewissensgründen anerkannt ist
    3. eine Dienstleistung, die verlangt wird, wenn Notstände oder Katastrophen das Leben oder das Wohl der Gemeinschaft bedrohen
    4. eine Arbeit oder Dienstleistung, die zu den üblichen Bürgerpflichten gehört.

https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Menschenrechtskonvention#Urteil_des_Bundesverfassungsgerichts_2004

Stellung und Rang im nationalen Recht

Art. 46 der Europäischen Menschenrechtskonvention lautet: „Die Hohen Vertragsparteien verpflichten sich, in allen Rechtssachen, in denen sie Partei sind, das endgültige Urteil des Gerichtshofs zu befolgen.“

Sämtliche Unterzeichnerstaaten haben sich demgemäß der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) unterworfen. Der EGMR kann jedoch mangels Exekutivbefugnissen nur Restitutionen in Form von Entschädigungszahlungen gegen den handelnden Staat verhängen (vgl. Art. 41 EMRK). Obwohl die Entscheidungen des EGMR auf völkerrechtlicher Ebene verbindlich sind, variiert ihre Bindungswirkung innerhalb der Rechtsordnungen der einzelnen Konventionsstaaten, da die Stellung der Menschenrechtskonvention von Staat zu Staat unterschiedlich ist (siehe Dualistisches System).

Deutschland

In Deutschland steht die EMRK im Rang unter dem Grundgesetz auf Ebene des einfachen Bundesgesetzes.[26] Damit geht sie zwar landesgesetzlichen Bestimmungen vor, ist im Vergleich mit bundesgesetzlichen gleichartigen Regelungen allerdings dem „lex posterior“-Grundsatz unterworfen, könnte also unter Umständen hinter neueren gesetzlichen Regelungen zurücktreten. Da jedoch die Grundrechtsgewährleistung der EMRK weitgehend der des Grundgesetzes entspricht, hat das Bundesverfassungsgericht 1987 ausgeführt, dass andere gesetzliche Bestimmungen der Bundesrepublik (wie beispielsweise die Strafprozessordnung) im Lichte der EMRK auszulegen seien.[27] Dieser Auffassung folgen auch die oberen Bundesgerichte. Damit kommt de facto der EMRK im deutschen Recht zwar kein verfassungsrechtlicher, aber doch ein übergesetzlicher Rang zu.

Der Europarat überwacht die nationale Umsetzung der Urteile des EGMR zu Menschenrechtsverletzungen. In der aktuellen Liste der zu überwachenden Urteile u. a. zu Deutschland sind mit Stand Mai 2009 insgesamt 7 Verfahren noch nicht in Deutschland umgesetzt.[28]

Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2004

Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts vom 14. Oktober 2004 im Fall Görgülü[29] sind alle staatlichen Organe der Bundesrepublik Deutschland an die Konvention und die für Deutschland in Kraft getretenen Zusatzprotokolle im Rahmen ihrer Zuständigkeit kraft Gesetzes gebunden. Sie haben die Gewährleistungen der Konvention und die Rechtsprechung des Gerichtshofs bei der Auslegung von Grundrechten und rechtsstaatlichen Gewährleistungen zu berücksichtigen.[29] So sind die Urteile des EGMR eine Auslegungshilfe der Konvention für die deutschen Gerichte. Ist eine konventionskonforme Auslegung des deutschen Rechts möglich, so geht diese vor. Will ein deutsches Gericht anders als der EGMR entscheiden, muss es dies ausführlich begründen und sich mit der Rechtsprechung des EGMR eingehend auseinandersetzen.[29]

Hat der EGMR einen Menschenrechtsverstoß durch die Bundesrepublik Deutschland festgestellt, wird dadurch die Rechtskraft von Entscheidungen (z. B. ein Urteil) nicht beseitigt.[29] Kann aber die Entscheidung des EGMR in einem Gerichtsverfahren noch berücksichtigt werden, so muss dies grundsätzlich erfolgen. Das bedeutet: Der Menschenrechtsverstoß ist durch eine gerichtliche Entscheidung zu beseitigen.[29] Dabei ist jedoch eine „schematische Vollstreckung“ nicht gefordert. Eine solche kann sogar verfassungswidrig sein. Beachtet beispielsweise das zuständige Fachgericht in einem Zivilverfahren nicht die Interessen der am Straßburger Verfahren nicht beteiligten Prozesspartei, so kann dies einen Verstoß gegen Grundrechte in Verbindung mit dem Rechtsstaatsprinzip darstellen.[29] Im Fall Görgülü, einem Streit um das Umgangsrecht mit einem Kind, mussten daher auch die Interessen des Kindes und der Pflegefamilie berücksichtigt werden, die nicht in Straßburg eine Beschwerde geführt hatten.

Die Entscheidung des BVerfG lässt in weitem Umfang Interpretationen zu, ob und wie Entscheidungen des EGMR, die gegen Deutschland ergangen sind, national umgesetzt werden müssen. Sie sorgte auf Seiten der Mitglieder des Europarats für erhebliche Irritationen darüber, inwieweit sich die Mitgliedsstaaten an die Entscheidungen des EGMR halten müssen.[30] Der Gesetzgeber hat auf die Rechtsprechung des BVerfG reagiert. Stellt der EGMR eine Verletzung der EMRK oder ihrer Protokolle durch Deutschland fest und beruht ein Urteil auf dieser Verletzung, kann im Zivilprozess Restitutionsklage geführt werden (vgl. § 580 Nr. 8 ZPO). Auf diese Vorschrift verweisen auch die Vorschriften für den Arbeits- (§ 79 ArbGG), Sozial- (§ 179 SGG), Verwaltungs- (§ 153 VwGO) und Finanzgerichtsprozess (§ 134 FGO). Für den Strafprozess besteht bereits seit 1998 die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Verfahrens (§ 359 Nr. 6 StPO, sog. lex Pakelli).[31]

Deutschland wurde laut Aussage der Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff im Humboldt Forum Recht (ECtHR and national jurisdiction – The Görgülü Case) bis Juli 2005 insgesamt 62 Mal wegen begangener Menschenrechtsverletzungen verurteilt. Gleichzeitig äußert Lübbe-Wolff das allgemeine Unverständnis der Fachleute zum obigen Urteil (RZ 32). Sie stellt fest, dass der Staat im Falle von Menschenrechtsverletzungen den vorherigen Zustand wiederherstellen müsse und, wenn diese andauerten, der Staat diese stoppen müsse (Ziffer 16). In diesem Vortrag wird von ihr in RZ 34 auch der Fall Sürmeli erwähnt, dem ein Stillstand der Rechtserlangung vom EGMR wegen überlanger Verfahrensdauer zugestanden wurde. Der Fall wurde von der Großen Kammer des EGMR durch Urteil vom 8. Juni 2006 entschieden.[32] Dazu merkt Lübbe-Wolff an, dass Deutschland in diesem Fall schnell reagiert habe und einen Gesetzesentwurf schon im September 2006 vom Bundesjustizministerium vorgelegt habe, der diesen Fall heile. Es handelt sich jedoch dabei immer noch um den Gesetzesentwurf der Untätigkeitsbeschwerde (siehe insofern Untätigkeitsklage), der jedoch bereits im August 2005 vorgelegt wurde.[33]

Aufgrund eines Konfliktes zwischen dem EGMR und dem Bundesverfassungsgericht, wie er in der Zeitung Das Parlament vom 11. Juli 2005 beschrieben wurde, kam es in der Geschichte des Europarats zu einem beispiellosen offenen Widerstand eines nationalen Verfassungsgerichtes. Im selben Artikel wird auch die ehemalige Verfassungsrichterin Renate Jaeger zitiert, die bis Ende 2010 Richterin am Menschenrechtsgerichtshof war.

„Vielleicht, mutmaßte Jaeger, sei es manchen Ländern als „Nebeneffekt“ der Überlastung des Gerichts ja gar nicht unlieb, wenn Menschenrechtsverstöße „nicht oder nicht zeitnah untersucht und gerügt werden“. Möglicherweise gebe es bei Regierungen, die wegen Verletzungen der Menschenrechtscharta zu Schadensersatz verurteilt werden, einen „Abschreckungseffekt“ – mit der Konsequenz, dass den Staaten „Verlangsamung, Stillstand und Leerlauf“ eventuell nicht unwillkommen seien.[34]

Im Juli 2007 hat der EGMR im Fall Skugor gegen Deutschland konstatiert, dass bei menschenrechtswidriger überlanger Verfahrensdauer in Zivilverfahren die Verfassungsbeschwerde zum Bundesverfassungsgericht nicht als wirksame Beschwerdemöglichkeit im Sinne des Art. 13 EMRK angesehen werden könne:

„[…] so erinnert der Gerichtshof daran, dass die Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht nicht als wirksame Beschwerde im Sinne des Artikels 13 der Konvention angesehen werden kann und ein Beschwerdeführer demnach nicht verpflichtet ist, von diesem Rechtsbehelf Gebrauch zu machen, auch wenn die Sache noch anhängig ist (Sürmeli ./. Deutschland [GK], Nr. 75529/01, Rdnrn. 103–108, CEDH 2006-…) oder bereits abgeschlossen wurde (Herbst ./. Deutschland, Nr. 20027/02, 11. Januar 2007, Rdnrn. 65–66).“

– EGMR-Beschluss – 10/05/07: Rechtssache Skugor gegen Deutschland (Individualbeschwerde Nr. 76680/01)[35]

Um die vom EGMR aufgezeigten Rechtsschutzlücken zu schließen und wirksame Rechtsschutzmöglichkeiten im Falle überlanger Gerichtsverfahren sowie strafrechtlicher Ermittlungsverfahren zu schaffen, hat die Bundesregierung im Jahr 2010 einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der zwei Stufen vorsieht: auf der ersten Stufe sollen Betroffene die Möglichkeit erhalten, eine überlange Verfahrensdauer zu rügen („Verzögerungsrüge“); in einem zweiten Schritt kann ggf. ein angemessener Ausgleich geltend gemacht werden.

Das BVerfG wird aufgrund des Beschlusses des Bundesfinanzhofs (zum sogenannten „treaty override[36]) zu entscheiden haben, ob Völkervertragsrecht – wie bspw. auch die EMRK – wegen seiner Völkerrechtsfreundlichkeit dem Grundgesetz entgegenstehendem einfachen deutschen Recht vorgeht. Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Entscheidung vom 27. Februar 2014 zum Streikrecht für Beamte die Konfliktlösung zwischen der EMRK und entgegenstehendem einfachen deutschen Recht allein dem Gesetzgeber zugewiesen,[37][38] ohne wie der BFH eine Vorlage an das BVerfG zu erwägen.

 

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SELBSTBESCHREIBUNG UND MEDITATION

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 12.Nov 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Letzte Korrekturen: 14.Nov.2018 {Nr.6, Nr.10, Nr.13 }

 

KONTEXT

Der folgende Text steht thematisch im Zusammenhang mit den beiden vorausgehenden Beiträgen zum Thema ‚Wissenschaft und Meditation‘ sowie ‚Meditation im Alltag‘. Während der erste Beitrag ‚Wissenschaft …‘  sich die Frage stellte, ob man das kulturelle Phänomen ‚Meditation‘ in einen irgendwie sinnvollen Zusammenhang mit ‚empirischer Wissenschaft‘ sehen kann, ging es im zweiten Beitrag ‚… im Alltag‘  um das konkrete Tun beim Meditieren, zumindest bei jener Form des Meditierens, bei der man sich in eine ‚Ruhestellung‘ begibt, in der man sich selbst zum Gegenstand macht.

SELBSTBEOBACHTUNG ALS THEMA

Das Thema ‚Selbstbeobachtung‘ ist so alt, wie es philosophisches Denken gibt und hat selbst in den empirischen Wissenschaften nicht an Bedeutung verloren. Das Thema voll darzustellen würde allerdings mindestens ein ‚dickes‘ Buch verlangen, eher mehr. Von all den philosophischen Varianten und wissenschaftlichen Diskussionen soll hier aber abgesehen werden, um in einer überschaubaren Weise eine (‚die‘?) grundlegende Perspektive formulieren zu können, die sich heute unter Berücksichtigung von Philosophie und modernen Wissenschaften als Arbeitshypothese formulieren lässt. Arbeitshypothesen bringen es mit sich, dass man sie kritisieren und weiter verbessern kann.

SELBSTBEOBACHTUNG UND MEDITATION

Die neuerliche Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Selbstbeobachtung‘ in diesem Blog (bislang nicht unter dem Stichwort ‚Selbstbeobachtung‘ sondern eher in Verbindung mit Stichworten wie ‚Phänomene‘, ‚Phänomenologie‘, usw.) wurde stimuliert durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Meditation‘, innerhalb deren es neben der theoretischen Auseinandersetzung auch die konkrete Praxis, das konkrete Meditieren gibt. Diese konkrete Praxis eröffnet dem Meditierenden einen an sich unendlichen Raum an möglichen Ereignissen, konkret gefüllt mit einem bunten Strauß an Ereignissen und Veränderungen, die im Wahrnehmen Deutungen erlauben. Was aber ist eine ‚richtige‘, ‚angemessene‘ Deutung?

PHILOSOPHISCHER DEUTUNGSKONTEXT

In einer Kooperation von moderner (Wissenschafts-)Philosophie und modernen wissenschaftlichen Disziplinen lässt sich folgender ‚Rahmen‘ für mögliche Wahrnehmungen und Deutungen formulieren, der allgemein gilt, nicht nur für das Meditieren.

Ausgehend von dem Abschnitt ‚BEOBACHTUNG: SUBJEKTIVITÄT – OBJEKTIVITÄT‘ in dem schon oben erwähnten Beitrag ‚Wissenschaft …‘ werden hier folgende Annahmen gemacht (siehe Schaubild):

Unterschiedliche Datenquellen zusätzlich zur Introspektion

Unterschiedliche Datenquellen zusätzlich zur Introspektion

  1. Die verhaltensorientierten Wissenschaften, allen voran die Psychologie, benutzen vorwiegend Daten aus Verhaltensbeobachtungen. Diese Daten werden hier D_SR genannt (‚S‘ für Stimulus und ‚R‘ für Response). Damit kann die experimentelle Psychologie zwar nicht direkt in das ‚Innere‘ eines biologischen Systems schauen (Tiere, Menschen, …), wohl aber ist es möglich, auf der Basis solcher Daten explizite ‚Verhaltens-Theorien‘ (T_SR) zu formulieren, die mit ‚hypothetischen Annahmen‘ über ‚innere Zustände‘ arbeiten, mit deren Hilfe sich das äußerlich beobachtbare Verhalten ‚erklären‘ lässt. Berühmte Beispiele hierfür sind einmal das Konstrukt des ‚Unbewussten‘ in der Psychoanalyse oder das Konstrukt des ‚Gedächtnisses‘.
  2. Mit der Weiterentwicklung der allgemeinen Physiologie — hier insbesondere mit dem Spezialgebiet ‚Gehirn‘ – konnte die Wissenschaft den Bereich der objektivierbaren Daten weiter ausdehnen auf das ‚Innere des Körpers‘, die verschiedenen Organe, ihre Funktionsweisen und Interaktionen. Diese Daten werden hier D_PHYS genannt. Fasst man die Vielzahl der inneren Strukturen als ‚Input-Output-Systeme‘ auf, dann kann man auf der Basis der Beobachtungsdaten eine Vielzahl von Hypothesen über die Verhaltensfunktion solcher Input-Output-Systeme in Form von physiologischen Theorien (T_PHYS) formulieren.
  3. Sowohl die Daten wie auch die möglichen Theorien zum äußerlich beobachtbaren Verhalten wie auch zu den inneren Strukturen sind zunächst ‚unabhängig‘ voneinander. Man kann von der Theorie des Verhaltens T_SR nicht direkt auf Eigenschaften der inneren Strukturen T_PHYS schließen und auch nicht umgekehrt. Andererseits spricht alles dafür, dass die inneren Strukturen – beschrieben in einer möglichen Theorie T_PHYS – verantwortlich sind für das äußerlich beobachtbare Verhalten D_SR, das in einer möglichen Theorie T_SR beschrieben wird. Es wäre also naheliegend, eine Art ‚Brückentheorie‚ zu bauen (‚Psychophysiologie‘ oder ‚Physiopsychologie‘), in der die beiden Theorien T_SR und T_PHYS explizit als T_SR_PHYS miteinander in Beziehung gesetzt werden (als ‚Neuropsychologie‘ ist diese Idee schon länger bekannt, aber diese stellt eine Engführung des eigentlichen Themas dar und die wissenschaftsphilosophische Konzeption der bisherigen Arbeiten erscheint bislang nicht ganz überzeugend).
  4. Die soeben skizzierten Typen von Daten D_SR und D_PHYS sind relativ weit verbreitet. Was nicht so verbreitet ist, das ist die Inbeziehung-Setzung dieser Daten zum Bewusstsein. Entsprechend der großen Tradition der empirischen Wissenschaften, die den Zugriff auf die Wirklichkeit an die Verfügbarkeit von externen Messprozessen geknüpft hatten, um sich von den vielen falschen Ansprüchen einer damals noch unkritischen Philosophie abzugrenzen, ist die mögliche Bedeutung und Rolle der bewusstseinsbasierten Daten – hier D_PH genannt – etwas aus dem Blick geraten, soweit, dass lange nicht mehr klar war, wie man überhaupt empirische Daten (D_SR und D_PHYS) mit Bewusstseinsdaten (D_PH) in Beziehung setzen kann.
  5. Erst ganz langsam setzt sich mit den neueren Erkenntnissen von Biologie, Physiologie und Psychologie wieder die Einsicht durch, dass das Gehirn als ‚Ermöglichung von Bewusstheit‘ selbst ja gar keinen direkten Bezug zur empirischen Außenwelt besitzt. Über komplexe Signalprozesse werden dem Gehirn Außenweltereignisse mehrfach übersetzt zur weiteren Bearbeitung übermittelt, ebenso Ereignisse aus dem Körper wie auch aus dem Gehirn selbst. Aus all dem konstruiert das Gehirn ein dynamisches Modell der Gesamtsituation, die dann in einem biologischen System das spezifische Gesamtphänomen ‚Bewusstsein‘ ermöglicht, innerhalb dessen das System den ‚Eindruck‘ hat, dass ‚es selbst‘ unterschiedliche ‚Phänomene (PH) erlebt‘. Diese Phänomene repräsentieren nach heutigem Wissensstand nur einen winzigen Teil aller Ereignisse im Körper. Man nimmt daher – spätestens seit Freud — neben der Bewusstheit des Bewusstseins auch ein ‚Unbewusstes‘ an. Verschiedene weitere Annahmen über ein ‚Vor-Bewusstes‘ (so Freud) oder ein ‚temporäres Bewusstsein‘ spielen hier keine wesentliche Rolle, da die Phänomene des Bewusstseins allesamt aus dem Un-Bewussten herrühren und somit das Unbewusste punktuell und temporär ’sichtbar‘ machen.
  6. Mit dieser neueren Einsicht in die Gesamtarchitektur des biologischen Erkennens kann man die Beziehung zwischen empirischen Verhaltens- und Körperdaten einerseits (D_SR, D_PHYS) und Bewusstseinsdaten (D_PH) andererseits neu gewichten: auch das, was wir empirische Daten nennen sind letztlich auch Bewusstseinsdaten (!), allerdings mit der Besonderheit, dass man diese Bewusstseinsdaten mit externen Messprozeduren korrelieren kann, die parallel zu den Bewusstseinsdaten realisiert werden und die selbst sowie ihre Messergebnisse D_SR und D_PHYS zugleich auch Daten des Bewusstseins D_PH_SR und D_PH_PHYS sind. Nur weil sie auch bewusst sein können, wissen wir von ihrer Existenz, und nur wenn diese Daten uns bewusst sind, können wir mit ihnen bewusst umgehen und mit ihnen bewusst arbeiten.
  7. Die sogenannte ‚Kluft‘ zwischen Philosophie und den empirischen Wissenschaften ist daher eher ein ‚Artefakt des Denkens‘. Damit wird die besondere Stellung der empirischen Wissenschaften weder in Frage gestellt noch geschmälert, sondern es wird deutlich, wie die empirischen Wissenschaften letztlich als ein ‚Philosophieren mit anderen Mitteln‘ betrachtet werden können. Das ‚empirische Messen‘ ist von daher eine spezielle Methode, durch die die Philosophie in bestimmten Teilbereichen deutlich ‚mehr‘ erkennen kann als ohne diese Methoden.
  8. Was damit allerdings auch klar wird: statt dass sich die Philosophie – wie so oft in der Vergangenheit – mit ‚Abscheu‘ von den empirischen Wissenschaften abwendet, hat sie eine ganz besondere Verantwortung, diesen extrem wichtigen Teil einer ‚empirischen Philosophie‘ besonders zu pflegen. Die methodischen Herausforderungen, die sich hier stellen, sind enorm und übersteigen alles, was die Philosophie zuvor getan hat.
  9. In diesem Kontext sei auch besonders hingewiesen auf die vollautomatischen (= unbewussten) Prozesse der ‚induktiven Kategorienbildung‘ im Rahmen von Wahrnehmung und Gedächtnis. Was immer an Wahrnehmungsereignisse das ‚Gedächtnis‘ erreicht (ein Teilsystem des Gehirns), es wird automatisch als ein prototypisches Muster ‚angelegt‘, das sich nach impliziten Ähnlichkeitskriterien kontinuierlich ‚anreichern‘ kann. Nur deshalb sind wir in der Lage, einen zuvor schon mal wahrgenommenen ‚Gegenstand‘ der Art ‚A‘ im Fall eines neuerlichen Vorkommens wieder als ‚A‘ oder ‚dem A ähnlich‘ wiedererkennen zu können.
  10. Nur weil es diese ‚automatische induktive Kategorienbildung‘ gibt können wir Sprachsysteme einführen und benutzen, deren Symbole sich auf solche Kategorien als ihren ’natürlichen Gegenständen‘ beziehen. Worte wie ‚Tisch‘, ‚Baum‘,  ‚Hund‘ usw. können sich  auf einen konkreten Gegenstand X beziehen, weil der konkrete Gegenstand X  hinreichend viele ‚Ähnlichkeiten‘ mit der jeweiligen  induktiv entstandenen natürlichen Kategorie ‚Tisch‘, ‚Baum‘,  ‚Hund‘ usw aufweist. Die potentielle Menge von konkreten Objekten X in der realen Welt, die sich auf solch eine Weise einer ‚induktiven Gegenstandskategorie‘ zuordnen lassen,  sind daher implizit ‚offen‘, nicht wirklich ‚begrenzbar‘. Zudem  muss man  davon ausgehen, dass die konkrete Füllung dieser Gegenstandskategorien im Kontext einer natürlichen Sprache bei den einzelnen Menschen stark variieren kann, je nach individueller Erfahrung.
  11. Im Kontext der empirischen Wissenschaft sind solche ‚prinzipiell offenen Bedeutungskategorien‘ unerwünscht. Will man ‚Vieldeutigkeiten‘ vermeiden gibt es bislang zwei Strategien, um diese zu minimieren:
    1. Einführung von Fachsprachen innerhalb der normalen Alltagssprache: man versucht die benutzten Begriffe durch entsprechende Regeln zu ’normieren‘;
    2. Einführung von formalen Kunstsprachen, deren Bedeutungszuordnung durch explizite Bedeutungsregeln sichergestellt werden sollen.
  12. Beide Strategien haben sich als nicht vollständig umsetzbar erwiesen. Am erfolgreichsten erscheint bislang die Strategie der formalen Fachsprachen mit expliziten Bedeutungsregeln, und hier insbesondere die Sprache der modernen Mathematik, bekannt als ‚mengentheoretische Sprache‘ und diverse Formen von ‚Strukturbildungen mit Interpretationsbegriff‘.
  13. Grundsätzlich ist es möglich, dass man mittels einer formalen Kunstsprache ‚künstliche formale Kategorien‘ einführt, die über ‚spezielle Bedeutungszuordnungen‘ nur eine endliche Menge von klar definierten Eigenschaften umfassen oder, zumindest auf rein formaler Ebene, überabzählbar viele  Mengen von Eigenschaften unterschiedlicher Strukturen. Diese Möglichkeit von ‚künstlichen formalen Kategorien‘ hat sich in der empirischen Forschung – z.B. in der Physik – als extrem wichtig erwiesen, da die Eigenschaften der empirischen Welt oft so ganz anders zu sein scheinen als es die gewohnte induktive Kategorienbildung des menschlichen Gehirns nahelegt.
  14. Unter Einbeziehung des Aspekts ‚Sprache‚ lässt sich das Verhältnis von moderner Philosophie und moderner empirischen Wissenschaft nochmals präziser fassen: mittels definierter empirischer Messprozeduren (MSE) und daraus resultierenden empirischen Messergebnissen (D_EMP) ergeben sich im Rahmen des Bewusstseins (CONSC) spezifische Phänomene (D_PH_EMP), denen eben extern diese Messprozeduren korrespondieren. Als wahrgenommene Phänomene D_PH_EMP unterliegen sie allerdings den automatisch erzeugten induktiven Kategorienbildungen, auf die symbolische Ausdrücke einer Sprache bezogen werden können.
  15. Dabei ist zu beachten, dass die Ausdrücke einer Sprache auch sowohl als empirische Ereignisse (D_EMP_L) vorkommen wie auch als Phänomene (D_PH_EMP_L). Die Beziehung zwischen sprachlichen Ausdrücken und zugeordneten Bedeutungskorrelaten geschieht als unbewusster Prozess innerhalb des Gedächtnisses als Teil des Gehirns.
  16. Im Rahmen von Denkprozessen (teils unbewusst, teils bewusst), lassen sich beliebig viele formale Ausdrücke mit zugehörigen formalen Kategorien bilden. Im Falle von empirischen Wissenschaften müssen diese jeweils mit empirischen Phänomenen in Beziehung gesetzt werden können, um ihren Außenweltbezug herstellen zu können. Im Falle von vor-wissenschaftlichen Theorien wie einer unkritischen Metaphysik wurden zwar auch rein abstrakte, bisweilen sogar formale, Strukturen im Denken entwickelt, aber deren Geltung wurde gewöhnlich nicht nach festen Regeln auf empirische Außenweltereignisse zurückgebunden. Die negativen Auswirkungen eines solchen Vorgehens lassen sich im Rückblick untersuchen. Von heute aus gesehen liegt es daher nahe, die modernen empirischen Theorien als die genuinen Nachfolger der klassischen ‚metaphysischen‘ (= jenseits der Natur) Theorien zu betrachten, mit der Innovation, dass heute die potentiellen abstrakten (und formalisierten) Strukturen nach klar vereinbarten Verfahren an empirische Messprozesse zurückgebunden werden.
  17. Nach diesen vorbereitenden Überlegungen wird vielleicht verständlich, dass die ‚Phänomene‘ eines Bewusstseins für alle Disziplinen die ersten ’nicht weiter hintergehbaren‘ Daten darstellen. Die Einführung von empirischen Messverfahren hebt die Priorität von Phänomenen des Bewusstseins daher nicht auf, sondern ergänzt diese nur um zusätzliche Momente, die ‚berücksichtigt‘ werden sollten, will man über eine ‚Wirklichkeit‘ sprechen, die nicht nur im eigenen Bewusstsein zu verankern ist, sondern zugleich auch im ‚Zwischenbereich der Körper‘, den wir ‚empirische Welt‘ nennen.
  18. Damit stellt sich die Frage, was ist mit jenen ‚Phänomenen‘, die sich nicht mit empirischen Messverfahren korrelieren lassen; nennen wir diese abkürzend D_PH*, bestimmt durch die Gleichung D_PH* = D_PH – D_PH_EMP.
  19. Diese nicht-empirischen Phänomene D_PH* sind ja nicht weniger ‚wirklich‘ wie die empirischen Phänomene D_PH_EMP, nur fehlt ihnen ein definiertes Korrelat in der Zwischen-Körper-Welt. Alle diese nicht-empirischen Phänomene D_PH* entstammen letztlich dem Unbewussten (NON-CONSC).
  20. Aus dem Alltag wissen wir, dass alle Menschen aufgrund sehr ähnlicher Körper und Gehirnstrukturen vielerlei Phänomene kennen, über die sich eine gewisse ‚Einigkeit‘ herstellen lässt, weil sie die meisten Menschen ’sehr ähnlich‘ erleben, wie z.B. ‚Müdigkeit‘ nach längerem ’nicht Schlafen‘, ‚Hunger‘ nach längerem ’nicht Essen‘ usw .Man könnte also sagen, dass der ‚menschliche Körper‘ auch eine Art ‚Messgerät‘ ist, das bei entsprechendem ‚Verhalten‘ bestimmte ‚Zustände als Quasi-Messergebnisse‚ erzeugt, über die sich zwischen allen Beteiligten eine ‚praktisch hinreichende Einigkeit‚ erzielen lässt, wenngleich diese Einigkeit in der Regel nicht die ‚Präzision‘ hat, wie die technisch vereinbarten empirischen Messverfahren der Wissenschaften.
  21. Schwieriger wird es allerdings dann, wenn jemand ‚Phänomene‘ zu erleben meint, für die sich nicht sofort eine klare Ursache im Körper zuordnen lässt, die sich von anderen in ‚hinreichend ähnlicher Form‘ ’nachvollziehen‘ lässt. So kann es unterschiedliche Formen von ‚Schmerzen‘, ‚Emotionen‘, ‚Gefühlen‘, und ‚Stimmungen‘ geben, die sich nicht sofort ( auch nicht über längere Zeit) bestimmten körperlichen Prozessen zuordnen lassen. Dann wird eine zwischenmenschliche Verständigung schwierig. Der Angesprochene weiß dann nicht, mit welchen seiner ‚Erfahrungen‘ er die Äußerungen des anderen ‚in Verbindung bringen soll‘.
  22. Aus der schwierigen Kommunizierbarkeit von Phänomenen folgt allerdings nicht, dass diese ‚unwichtig‘, ‚unbedeutend‘ sind. Im Gegenteil, es können sehr wichtige Phänomene sein, die bislang – aus welchen Gründen auch immer – einfach von niemandem beachtet werden. So wie generell die Wissenschaft immer wieder neu um die Angemessenheit ihrer bisherigen ‚Terminologie‘ ringen muss, so müssen wir Menschen – insbesondere, wenn wir uns als Philosophen verstehen – unsere bisherigen Sprechweisen immer wieder neu an unseren Phänomenen ‚überprüfen‘.
  23. In diesem Kontext erscheint das ‚Meditieren‘ als eine der radikalsten Formen ‚eines sich seiner eigenen Erfahrung zensurfreien Aussetzens‘. Hier können sich viele Phänomene ereignen, die quer liegen zu den bisherigen Sprechweisen und die von daher neue Ausdrucksweisen erfordern.
  24. Aktuell ist dem Autor keine systematische philosophische Analyse der Phänomene des alltäglichen Erlebens inklusive speziell auch der Phänomene im Kontext von Meditation und Spiritualität bekannt. Zwar gibt es zahllose Artikel und Bücher zu diesem Thema, diese unterscheiden sich jedoch bezüglich Erfahrungskontexten, gewählten Sprachen und Methoden so stark, dass eine verallgemeinerte Aussage über diese Analysen aktuell nicht möglich erscheint; möglicherweise brauchen wir hier ein völlig neues Forschungsprogramm.
  25. Das Thema einer Super-Brückentheorie zwischen äußeren Verhaltensdaten, Körperdaten und Bewusstseinsdaten soll hier nur erwähnt werden. Eine solche Theorie wäre das ferne Ziel, das zu adressieren wäre.

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MEDITATION IM ALLTAG. Eine philosophische Betrachtungsweise … erste Skizze

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 26-27.Okt. 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Letzte Korrekturen: 14.Nov.2018

KONTEXT

Der nachfolgende Text stellt keine direkte Fortsetzung des vorausgehenden Beitrags zu ‚Meditation und Wissenschaft‚ dar, ist aber in diesem Kontext zu sehen. Er versucht das konkrete Geschehen des Meditierens zu adressieren, wie es sich aus einer eher philosophisch-wissenschaftlichen Betrachtungsweise darstellt.

RICHTIGE KÖRPERHALTUNG

Wenn wir meditieren wollen, dann geschieht dies nicht im ‚Irgendwo‘ sondern mit unserem konkreten Körper an einem konkreten Ort. Und es stellt sich unweigerlich die Frage, welche Stellung mein Körper einnehmen soll.

Rein theoretisch kann unser Körper sehr viele unterschiedliche Stellungen einnehmen. Dies nochmals moduliert ob ’statisch‘ (innerhalb der Meditation unveränderlich) oder ‚dynamisch‘ (innerhalb der Meditation ‚veränderlich‘) (siehe z.B. eine Auswahl von verschiedenen Körperstellungen, die der Meditationsforscher Ulrich Ott  auf der Webseite zu seinem Buch ‚Yoga für Dummies‘ anzeigt). Dazu kommt, dass der einzelne mit seinem Körper Besonderheiten aufweisen kann, sodass bestimmte Körperstellungen für ihn/ sie von vornherein ausgeschlossen sind.

Letztlich gilt nur eine Hauptregel: man nehme solch eine Körperstellung ein, die es zulässt, dass man für die geplante Dauer der Meditation vom Körper nicht durch ‚körperliche Schmerzen‘ ‚abgelenkt‘ wird.

Für alle Menschen, die keine besonderen körperlichen Besonderheiten aufweisen und die in einer Kultur groß geworden sind, wo das Sitzen auf Stühlen Bestandteil des Alltags ist, haben sich zwei Körperstellungen als – in der Regel – sehr hilfreich erwiesen: (i) das Sitzen auf einem Stuhl und (ii) das Sitzen auf einem erhöhten Kissen (oder Meditationsbänkchen) auf dem Boden. Bei (ii) sitzt man auf dem erhöhten (und stabilen) Kissen (oder Bänkchen) und kniet mit beiden Knien auf dem Boden (Sitzmatte, Teppich…). Dadurch hat man drei stabile Punkte, die es erlauben, mit dem Oberkörper ohne Beeinträchtigungen gerade zu sitzen, Im Fall von (i) hat man einen normalen Stuhl. Die allgemeine Empfehlung lautet, sich auf den Stuhl zu setzen, ohne sich anzulehnen, und die Beine gerade vor sich aufsetzen. Tatsächlich kann es aber helfen, vorne auf der Kante des Stuhls zu sitzen, die Beine nach unten abzuwinkeln, dass sie wie Hebel den Oberkörper leicht nach oben schieben, und die Beine dabei im unteren Bereich leicht zu verschränken. Dies nimmt zwar etwas Stabilität von den Beinen weg, erhöht aber die Freiheit und Leichtigkeit des Oberkörpers. Wer will, kann sich auch auf den Rücken auf den Boden legen; dies verleitet aber zum Einschlafen. In allen Fällen kann man die Augen offen oder geschlossen haben; nach vielen Jahrzehnten Praxis würde ich die Schließung der Augen befürworten, weil dies sehr oft mehr hilft, sich auf seinen eigenen Körper zu konzentrieren.

KÖRPER ALS UNIVERSUM

Bevor wir uns jetzt auf die Abenteuerreise Meditation einlassen, einige wenige Gedanken vorweg, um zu verstehen, in welche Kontext wir uns bewegen.

Wenn wir hier vom ‚Körper‘ sprechen, von ‚unserem Körper‘, dann haben wir normalerweise die Bilder vor Augen, die wir aus unserer Alltagspraxis wahrnehmen: unsere Körper haben eine bestimmte ‚Form‘, sie können sich ‚bewegen‘, sie haben ‚Bedürfnisse‘, sie können ‚Schmerzen‘ empfinden, aber auch verschiedene Formen von ‚Lust‘, sie reagieren auf unterschiedliche Aspekte der Umgebung, sie können ‚krank‘ werden, sie können ‚wachsen‘, sie können ‚altern‘ bis hin zum ‚Tod‘, und vieles mehr.

Diese Erfahrungen sind unsere primären Erfahrungen und graben sich seit unserer Kindheit tief ein in unseren inneren Erfahrungsraum, in unsere Erinnerungen, in unsere Erwartungen, und in unser ‚Bild von der Welt und uns selbst‘. Je nachdem, welche individuellen Erfahrungen ein einzelner Mensch in seinem Leben gemacht hat, können sich diese Bilder unterscheiden, bis dahin, dass Aspekte des Alltag für den einen ‚positiv‘ besetzt sind, für die andere ’negativ‘. Positive Erinnerungen ermutigen, diese Bilder zu wiederholen, negative lösen ‚Ängste‘ aus und blockieren.

In den letzten 100 Jahren konnte die Wissenschaft über den Körper viele neue Dinge in Erfahrung bringen, die unser Bild vom Körper nachhaltig verändert haben, und in den letzten 10 – 50 Jahren kamen sehr viele weitere Erkenntnisse hinzu, die es uns heute erlauben, das Bild von unserem Körper noch radikaler neu zu zeichnen.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts entdeckte der Naturwissenschaftler Sigmund Freud (1856 – 1939), dass unser Bewusstsein‘ ‚lückenhaft‘, ‚fragmentarisch‘ ist; eine Erfahrung, die jeder in seinem Alltag leicht wiederholen kann. Der Inhalt unseres ‚Gedächtnisses‘ ist uns zu keiner Zeit vollständig bewusst; wir erinnern nur solche Fragmente, die sich aufgrund eines ‚Schlüsselreizes‘ aufrufen, aktivieren lassen. Potentiell erscheint unser ‚Gedächtnis‘ nahezu beliebige groß zu sein (wenn man bedenkt, wie viele Details wir lernen können), faktisch, ‚im Lichte des Bewusstseins‘, wissen wir aber immer nur kleine Fragmente. Freud bildete die Arbeitshypothese, dass es neben dem uns bekannten ‚Bewussten‘ zugleich noch ein ‚Unbewusstes‘ geben muss, das immer da ist, das mit dem ‚Bewussten‘ kooperiert, und dass daher das ‚Psychische‘ sich aus beidem zusammensetzt: aus dem ‚Bewussten‘ und aus dem ‚Unbewussten‘. Während er Zeit seines Lebens viele verschlungene Wege ging, um diese Arbeitshypothese weiter zu verstehen, sie zu erforschen, hat er in seinem letzten Text 1938 vor seinem Tod im September 1939 seinen theoretischen Ansatz auf genau diesen Punkt zugespitzt. Und interessant ist auch seine Bemerkung zur Rolle des Bewusstseins: angesichts der Entdeckung des ‚Unbewussten‘ könnte man der Versuchung verfallen, das ‚Bewusste‘ damit zur Seite zu schieben als bedeutungslos. Das hat Freude nicht getan, er schreibt am Ende seines Textes: „Mit alledem ist aber nicht gesagt, dass die Qualität der Bewusstheit ihre Bedeutung für uns verloren hat. Sie bleibt das einzige Licht, das uns im Dunkel des Seelenlebens leuchtet und leitet.“(Freud (1952), S.147)

Mit der Entdeckung des ‚Unbewussten‘ wird das ‚Bewusste‘ also nicht überflüssig.

Nach Freud, ca. 60 Jahre, kann die Wissenschaft die Arbeitshypothese vom ‚Bewussten‘ und ‚Unbewussten‘ weiter präzisieren. Wir wissen heute ziemlich klar, dass unsere ‚Bewusstheit‘ an die Funktionen des Gehirns gebunden ist, das im Körper sitzt, und dass unser Gehirn nur etwa 0.1% der gesamten Zellen repräsentiert, die unseren Körper bilden (für Details dieser Überlegung siehe meinen Blogbeitrag HIER) Dies bedeutet, dass nur ein kleiner Teil dessen, was im Körper passiert, überhaupt im Gehirn präsentiert ist, und dass von dem, was im Gehirn verfügbar ist, wiederum nur ein kleiner Teil punktuell bewusst ist.

Zusätzlich sind zweierlei Aspekte zu bedenken: einmal (i) dass der Signalfluss vom Körper zum Gehirn Zeit benötigt, ebenso von jenen Gehirnteilen, die ’nicht bewusst‘ sind zu jenen, die für uns ‚Bewusstheit‘ ermöglichen; zum anderen (ii) werden die Signale ‚am Ziel‘ nicht einfach nur 1-zu-1 übernommen sondern in der Regel nach bestimmten Mustern verarbeitet, sowohl in Richtung ‚Strukturbildung‘ (Klassen, Kategorien, Typen, …) wie auch in Richtung ‚funktionale Beziehung‘ (Wenn X dann Y). Diese Signalverarbeitung durch das Ziel kann wiederum in zweifachen Sinne geschehen: (a) genetisch induzierte feste Muster oder (b) ’neu gelernte‘ Muster.

Wenn wir also den Raum aller jener Ereignisse, deren wir uns zu einem bestimmten Zeitintervall ‚bewusst‘ sein können, ‚Bewusstsein‘ (BW) nennen, und alle jene Ereignisse, die diesen Raum des Bewusstseins füllen ‚Phänomene (PH)‘, dann haben wir eine erste wissenschaftlich motivierte Arbeitshypothese zu dem, was wir unter ‚Bewusstsein‘ verstehen können. Folgen wir dem Vorschlag von Freud und nennen die Gesamtheit des Bewussten und des Unbewussten das ‚Psychische‘, dann wird durch diese Begriffsbildung klar zum Ausdruck gebracht, dass beide unauflöslich miteinander verknüpft sind.

TUN – FÜHLEN – DEUTEN

Wenn wir eine bestimmte Körperstellung einnehmen, um zu meditieren, (unser TUN) und wir dabei vorzugsweise unsere Augen schließen, dann bildet für uns unser Bewusstsein eine Art ‚psychisches Teleskop‘ hinein in die unendlichen Weiten unseres Unbewussten. Die Vielzahl der Phänomene, die wir dabei erleben können (unser FÜHLEN), erscheint nahezu unerschöpflich, und bis heute existiert weder eine allgemein akzeptierte ‚Landkarte‘ des Bewusstseins (als Teil des Psychischen) noch haben die Philosophen und Wissenschaftler es bislang geschafft, hier eine wissenschaftlich begründete erschöpfende Theorie zu formulieren (Teil einer DEUTUNG). Wir sind daher eher vergleichbar mit einem Christoph Columbus, der dachte, er folge einem Weg nach Indien, und dann in Amerika landete …. Wenn wir uns mutig in die Meditation begeben, glaubt so mancher, er wisse, was er finde, aber die Wahrheit ist eher eine andere …

ZEIT

Da der Raum der Phänomene aus sich heraus keine ‚Fixpunkte‘ ermöglicht, anhand deren man die Dauer einer Meditation festmachen kann, empfiehlt es sich, vor Beginn der Meditation ein festes Zeitintervall vorzugeben, an dem man sich orientiert (ein Wecker oder heutzutage eine Timer-App auf dem Handy kann hier sehr nützlich sein).

Für alle die anfangen und in anfordernde Tagesabläufe eingebunden sind, empfiehlt es sich, die psychologische Einstiegsschwelle möglichst niedrig zu legen. 10 Minuten + X kann ein guter Start sein, also z.B. mit X=2 hätte man 12 Minuten.

Wichtiger als ab und zu lange zu meditieren ist es, regelmäßig zu meditieren, und dies gelingt zu Beginn nur, wenn die Einstiegsschwelle niedrig genug ist.

Mit ca. 12 Minuten zu Beginn ist die ‚Entdeckungstiefe‘ zwar begrenzt, aber erste interessante Entdeckungen und erste Wirkungen auf das Lebensgefühl können eintreten (natürlich individuell verschieden, und nicht ganz unabhängig vom jeweiligen Kontext). Wichtig ist es, das Meditieren so ’normal wie möglich‘ zu sehen und zu praktizieren. Man tut etwas für sich, so wie man ja auch schläft und isst.

Siehe Anmerkung: ZEIT(1)

LOGBUCH UND REFLEXION

Wer nicht nur ‚Fühlen‘ will (was für sich schon sehr positiv ist!), sondern auch ‚Erkennen‘ will, für den empfiehlt es sich, eine Art ‚Logbuch‘ zu führen, wie die Seeleute auf dem Meer oder die frühen Astronomen bei der Erkundung des Himmels.

Solch ein Logbuch zu führen, ist nicht ganz einfach, da es bislang – im Gegensatz zu den Seeleuten und Astronomen — keine klaren Kriterien gibt, worauf man denn achten soll. Das Bewusstsein als Fenster ins Unbewusste ist mit einer Unendlichkeit konfrontiert, die bislang eher unerforscht ist, und dies wird dadurch weiter erschwert, dass – nach all unserem Wissen – nicht nur das Unbewusste selbst extrem veränderlich sein kann, sondern auch das Bewusstsein ist keine statische Größe. Das Wissen, das wir aus unserem Alltag kennen, ist vergleichsweise einfach, meist sehr statisch, sehr fragmentiert. Es ist eher hinderlich bei dem eigenen Forschungsprojekt in das eigene Selbst, das nicht statisch ist, das nicht endlich abgrenzbar ist. Möglicherweise muss man ganz neue Begriffe und Denkmuster erfinden, um den Phänomenen gerecht zu werden, auf die man bei dem Experiment Meditation trifft.

Von daher gibt es keinen Königsweg, wie man sein Logbuch schreibt. Man muss einfach mal anfangen und schreiben, so gut man kann. Und bei diesem Aufschreiben sollte man versuchen, so wenig wie möglich mit bekannten Mustern zu ‚deuten‘, sondern so viel wie möglich zu ’notieren‘, was ’so passiert‘ ist. Was, wann, wie, zeitliche Anordnung, … das Logbuch dient der ‚Sammlung von ersten Daten‘.

Wenn man eine Zeitlang sein Logbuch geschrieben hat, dann kommen oft schon ‚von selbst‘ gewisse Ideen hoch nach Zusammenhängen, Mustern, Regelhaftigkeiten. Man kann diese dann separat notieren als ‚erste Deutungsversuche‘, die Anlass sein können, um über verschiedene mögliche Zusammenhänge neu nachzudenken. Diese Deutungsversuche sollte man als ‚Arbeitshypothesen‘ auffassen, die man im Alltag überprüfen kann.

INTENSIVIERUNGEN

Wer es schafft, die psychologische Einstiegsschwelle im Alltag zu überwinden und es fertig bringt, tatsächlich regelmäßig zu meditieren, und zwar täglich (!), der wird mit der Zeit vielerlei Effekte an sich spüren können. Einmal kann sich sein gesamtes Fühlen deutlich ändern, zum anderen kann sich sein ‚Verstehen‘ zunehmend ändern, sollte er/ sie auch ein Logbuch führen. Da Menschen erstaunliche Unterschiede aufweisen, können die Details dieser Veränderungen sich deutlich unterscheiden.

Die Erfahrung legt den Rat nahe, dass alle, die regelmäßig meditieren, sich einen Kreis Gleichgesinnter suchen (soziale Netze können hierzu u.U. helfen), in dem sie sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Dies könnte vielfache positive Effekte haben. Ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass man im Austausch mit anderen eher die Chance hat, zu entdecken, was man mit anderen gemeinsam hat, und was speziell ist. Das gemeinsame kann stark verbinden. Das Spezielle kann sowohl Hinweise liefern, wo persönliche Stärken und Begabungen liegen, als auch Hinweise, dass es Individuelles gibt, was einen stört, hindert, traurig macht, Schmerzen bereitet usw. und wo man den Dingen ‚auf den Grund‘ gehen sollte. Möglicherweise benötigt man hier dann zusätzliche Unterstützung durch ExpertenInnen, die sich mit solchen Belastungen auskennen und konkret helfen können, sich davon zu befreien.

Ein häufiger Effekt nach einer längeren Zeit des regelmäßigen Meditierens ist, dass man dann auch mal ‚länger‘ meditieren oder gar eine Art ‚Meditations-Urlaub‘ verbringen möchte, in dem man 10 Tage oder länger in einer ruhigen Umgebung verbringt, mit anderen Meditierern, wo man auch mal länger meditiert (20, 40 … Minuten, vielleicht mehrmals am Tag). Dies kann das ‚Fühlen‘ erheblich intensivieren.

Letztlich ist die Bandbreite dessen, was man fühlen kann, auch wie intensiv, wie sich dies auf ein Leben auswirken kann, sehr groß. Berichte dazu könnten Bibliotheken füllen. Entsprechend haben sich im Lauf der Jahrtausende auch viele Deutungsversuche angesammelt. Was davon allgemeingültig ist, was letztlich diese Deutungen ‚wirklich‘ bedeuten, ist aufgrund der Besonderheit des Gegenstandes und der Schwierigkeit, darüber zu kommunizieren, bis heute offen. Viele lieben solche Deutungen, weil sie eine Deutung in der Unendlichkeit unseres Daseins haben möchten, die  ihnen ein ‚Gefühl von Ordnung und Sicherheit‘ vermittelt. Aber diese persönlichen Vorlieben und das ‚Gefühl von Sicherheit‘ ersetzen nicht die Wahrheit…

Die volle Wahrheit erschließt sich zwar für uns nur über Deutungen, aber sie erschöpft sich nicht in ihnen. Es geht nicht um ‚festhalten‘, sondern um ‚Leben‘ …

Siehe Anmerkung INTENSIVIERUNG (1).

QUELLEN

Sigmund Freud (1952), Gesammelte Werke. Imago Publishing Company, Ltd., London, 1952, Band 17, mit dem Abschnitt ‚Schriften aus dem Jahr 1938‘; darin ein deutscher Text mit englischer Überschrift: ‚Some Elementary Lessons from Psychanalysis‘, Online: http://freud- online.de/

 

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