Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

DIE IMMER WIEDER NEUE ANEIGNUNG VON WELT. Spannend – Schmerzhaft – Überraschend. Nachhall zu einer Jungen-Generation-Tagung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 15.Januar 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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INHALT

I START … 1
II LEITTHEMA … 2
III ZUKUNFT DER ARBEIT … 2
IV IMMERSION UND CYBORGISIERUNG … 3
V ALGORITHMISCHER JOURNALISMUS … 3
VI SELBER SCHREIBEN … 4
VII KRIEGS-KI … 4
VIII KI IST ÄUSSERLICH VIELFACH BESSER, AUCH INNERLICH KOMPETENTER? … 4
IX EX MACHINA SCIENCE FICTION … 5
X NON-KONFORMISMUS IM KONFORMISMUS- EIN MARKENZEICHEN? … 5
XI ETHIK NUR EIN ANHÄNGSEL? … 6
XII RESÜMEE. OFFENE FRAGEN … 6
Quellen …   7

THEMA

Persönlicher Nachhall zu einer wunderbaren Tagung am 13./14.Januar 2018 mit der Generation der Zukunft (15 – 25 Jahre, die ’Newcomer’), angetrieben von einem Team junger Referenten (25 – 35 Jahre, die ’Young Professionals’). Zur Nachahmung empfohlen.

I. START

Die Lawine des Lebens rollt seit 3.8 Milliarden Jahre durch die Zeit. Die jeweilige Gegenwart bildet die Wellenfront. Die 15 – 25 Jährigen gehören zu jenen, die dabei sind auf-zu-wachen als jene, die aufgerufen sind, entweder ’die Welle zu reiten’ oder von ihr getrieben, oder – im worst case scenario – zertrümmert zu werden. Nennen wir sie
die ’Newcomer’.

Noch nahe, und doch schon ein paar Schritte weiter, sind die 25 – 35 Jährigen. Nennen wir sie die ’Young Professionals’.

Jenseits der 35 nimmt die Erfahrungsnähe zu den Newcomern und Young Professionals beliebig ab. Die 65igen, gar 70igen laufen definitiv unter anderen ’Spielregeln’, und ein Zusammenhang mit den Newcomern und Young Professionals ist eher nicht gegeben. Vielleicht noch in jenen ’strukturellen Bereichen’ von Erleben, Erfahren und Denken, denen eine gewisse Zeitlosigkeit zukommt, oder ein exemplarischer Charakter, von dem auch die nachfolgenden Generationen einen Gewinn ziehen können. Nennen wir diese Älteren die ’Fernen Verwandten’; irgendwie hängt man zusammen, aber Genaues weiß man nicht…

Durch eine Art Missverständnis geriet ich als solch ein ferner Verwandter in eine Tagung von Newcomern, angefeuert von den Ideen von Young Professionals. Was im ersten Moment als ein Regiefehler erscheinen mochte, erwies sich dann aber als eine überaus – und zwar wechselseitig, wie es scheint – vielseitige Anregung und
Bereicherung, die eher nach Wiederholung ruft denn zur künftigen Vermeidung.

II. LEITTHEMA

Die ganze Veranstaltung stand unter dem Eindruck der umfassenden Digitalisierung der Gesellschaft, wie diese sich in so vielen Facetten im Alltag bricht, das eigene Leben berührt, alte Orientierungsbilder über den Haufen wirft, neue entstehen lässt, und das sich ’Einrichten’ in dieser neuen bunten Welt der smarten Kleinigkeiten zu einem
Dauerereignis werden lässt.

Während die Newcomer die Welt gar nicht anders kennen als ’so’ und die Young Professionals gerade lernen, wie man hier partiell gestalterisch eingreifen kann und eingreift, erleben die fernen Verwandten diese neue Gegenwart – wenn sie denn noch erleben – beständig als Überschreibung bisheriger Erfahrungs- und Weltbilder, als
Dauerkontrastprogramm, als ein neuartig aggressives Anderes, das sich da Bahn bricht, von dem man nicht sofort sagen kann, was man davon halten soll. Tendenziell tendiert der Mensch zur Abwehr von Neuen, zu Ängsten, und es kostet Wachheit, Interesse, Energie, um sich nicht sogleich in das altbekannte ’Schneckenhaus des Bekannten’ zurück zu ziehen.

So saß ich dann als ferner Verwandter inmitten von Newcomern und Young Professionals, die gemeinsam übten, ihre Welt zu verstehen, und ich war neugierig, wie ihre Sichten aussehen.

III. ZUKUNFT DER ARBEIT

Ein Young Professional aus den Wirtschaftswissenschaften, der zugleich bei einer großen internationalen Crowdsourcing Firma (Zu dieser Firmenform siehe [WE18b]) arbeitet, gab einen Einblick in die viel-schillernde Welt der Arbeit in einer digitalen
Gesellschaft und ihrer zukünftigen Perspektiven. Für seine Analyse orientierte er sich vorwiegend an den Begriffen ’Digitale Technologien’, ’Märkte’ und ’Arbeit’. Der Begriff Arbeit blieb trotz historischer Rückgriffe durchweg ein wenig abstrakt. Von den heutigen Märkten wurden nur einige erwähnt. Bei den digitalen Technologien ging er neben den Grundelementen (Rechner, Netze, Datenbanken, Clouds) dann vor allem auf die Robotik ein, und hier nicht auf die einflussreiche Welt der Industrieroboter und
Fabrikautomatisation, sondern auf die speziellen Forschungen der Firma Boston Dynamics, die eher exotischen Charakter haben.

Dieser gedankliche Ausflug endete mit neueren Forschungen zum Thema ’Zukunft der Arbeit’. Er verweist u.a. auf eine populären Webseite , in der abgeschätzt wird, wie viele Prozente eines Arbeitsfeldes künftig durch die neuen digitalen Technologien ersetzt (substituiert, automatisiert) werden können. Diese Gedanken waren geeignet, ’wach zu machen’, ’auf zu merken’. Es blieb aber unklar, warum nicht der ganze Mensch durch digitale Technologien ersetzt werden kann?

IV. IMMERSION UND CYBORGISIERUNG

Die nächsten Überlegungen kamen aus einer Ecke, in der man sie vielleicht nicht sofort vermutet hätte, von einem Young Professional aus der katholischen Theologie, der als Doktorand am Zentrum für angewandte Pastoralforschung der theologischen Fakultät einer Deutschen Universität arbeitet.

In seinem Beitrag ging es darum, dass digitale Technologien heute durch immer realistischere Präsentation von Ideen nicht nur als dreidimensionale Bilder ermöglichen, sondern auch – durch Einsatz entsprechender Brillen – die scheinbar völlige Verschmelzung von Virtuellem und Realem, von eigenem Körper, realer Welt und virtueller Welt. Die Kombination von sogenannter Angereicherter Realität (Augmented Reality (AR)) (Siehe [WE18a]) und Virtueller Realität (VR) eröffnet nahezu unendliche Anwendungen. Der reale Mensch verschmilzt in seiner Wahrnehmung und seinem
Erleben immer mehr mit einer virtuellen Welt: Immersion findet statt.

Ergänzt wird diese Entwicklung durch die zunehmende digitale Vermessung des Körpers und seiner Funktionen. Im Kontext von Fitness und Gesundheit geben immer mehr Menschen persönliche Daten freiwillig und ungeschützt ab und machen sich damit zu gläsernen Kunden, die für umfassende Manipulationen unterschiedlichster
Geschäftsinteressen verfügbar werden, auch solcher, die gegen das eigene Interesse gerichtet sein können (Krankenkassen, Versicherungen, Finanzinstitute, polizeiliche Dienste, Privatauskünfte, Personalabteilungen von Firmen, …). Der digitale Zwilling gewinnt eine eigene Realität, über die man nur ansatzweise die individuelle
Kontrolle besitzt.

Ergänzt wir diese fortschreitende Immersion des Digitalen in das Reale durch den digitalen 3D-Druck kombiniert mit biologisch verwertbaren Materialien: beliebiger Druck von Prothesen oder gar künstlichen Organen. Damit gewinnt die Vision des Menschen als Cyborg einen weiteren Schub.

Bedenkt man, dass die Technologie der Gen-Analyse und des Gen-Engineering ebenfalls weit fortgeschritten sind, dann kann einem hier dämmern, dass die aktuelle Erscheinungsweise des heutigen Menschen, der heutige Phänotyp des homo sapiens, dabei ist, sich real zu ändern; letztlich nicht nur den Phänotyp, sondern auch den
Genotyp.

Eine Teilnehmerin, ein Newcomer, stellte zwischen drin die Frage: Was haben diese neuen Formen von Leben noch mit Gott zu tun? Kann der alte Gottesglaube hier noch mit halten?

V. ALGORITHMISCHER JOURNALISMUS

Eine andere Young Professional, eine Radiojournalistin, lenkte den Blick auf das Phänomen des algorithmischen Journalismus (Stattdessen wird oft auch der Begriff Roboterjournalismus verwendet, aber das ist eher irreführend. Siehe z.B.: http://roboterjournalismus.com/).  Damit ist jene Anwendung der digitalen Technologie gemeint, bei der ein Computerprogramm – ein Algorithmus – aus vorhandenen Daten und Textmustern einen Text synthetisiert, der wie eine Agenturmeldung oder wie ein
Zeitungsartikel aussieht. Alle algorithmisch erzeugten Textbeispiele, die während des Vortrags präsentiert wurden, klassifizierten die Zuhörer als von einem Menschen geschrieben. Dies zeigt, wie gut diese Algorithmen mittlerweile sind.

Beeindruckend ist auch die Menge der heute schon von Algorithmen erzeugten Texte. So sind es z.B. nicht nur Finanznachrichten, Sportberichte und Wetterberichte, die weitgehend automatisch erstellt werden, sondern immer mehr und fast ausschließlich auch alle Texte zu Produktbeschreibungen von online Shops oder generell
Webauftritten. Ja, mittlerweile können ganze Zeitschriften automatisch erstellt werden (Siehe [JVD16]).

Diese Veränderungen regten zu vielfachen Fragen an: Warum und wie kann die digitale Technologie Texte erzeugen? Gibt es hier eine Grenze? Wie steht es mit der Wahrheit dieser Texte? Können Algorithmen darüber entscheiden, ob eine Meldung wahr ist? Wie verhalten sich diese algorithmischen Texte zu Fake News? Zerstören wir nicht die Öffentlichkeit, die wir in einer demokratischen Gesellschaft brauchen, um eine gemeinsame Meinung zu wahren und nützlichen Sachverhalten zu finden?

VI. SELBER SCHREIBEN

Angesichts der voranschreitenden Algorithmisierung der Textproduktion tat es gut, die eigene Schreibfähigkeit in verschiedenen kreativen Schreibaufgaben auszuprobieren und zu erleben. Unter Anleitung einer anderen Young Professional wurde um die Wette geschrieben. Beim Vorlesen wurde sehr viel Kreativität sichtbar, Humor, Hintersinnigkeit, auch tiefes existenzielles Reflektieren. Hier ein Textbeispiel von vielen:

Überall im Netz
stoße ich auf Texte und Bilder.
Wer hat sie rein gestellt?
Die bösen Trolle?
Die Mafia?
Die Fans von Borussia Dortmund?
Der Vatikan?
Der Super-Welt-Algorithmus, der doch alles machen soll?
Mich hat er nicht programmiert … oder doch?
Sind wir alle nur eine Simulation?
Wie kann ich das ergründen?
Brauche ich dazu die Nummer von Sherlock?

VII. KRIEGS-KI

Als weitere Young Professional trat eine junge Sozialwissenschaftlerin auf. Sie widmete sich dem Phänomen der modernen Kriegführung unter Einbeziehung von künstlicher Intelligenz.

Die Fülle an Daten, die Notwendigkeit zu immer schnelleren Reaktionen, der Kostenfaktor bei konventionellen Waffen, das hohe Risiko für Leib und Leben bei direktem Personeneinsatz, dies sind einige der Faktoren, die dazu beitragen, dass das Militär weltweit danach trachtet, Waffen, ganze Waffensysteme und deren Einsatz zu
automatisieren. Das Identifizieren von Zielen, deren Verfolgung und dann die Entscheidung zum Angriff gehören zum inneren Prozess der Automatisierung.
So rational diese Faktoren für einen Einsatz erscheinen mögen, so unscharf kann aber die reale Situation sein, so unscharf ist auch heute weitgehend die Rechtslage. Die allgemeine Problematik jeder Kriegsführung wird durch eine Automatisierung des Krieges nicht aufgehoben; sie kann aber subtiler werden, da durch die Automatisierung
problematische Teilaspekte so verdeckt werden können, dass den Beteiligten nicht mehr unbedingt klar ist, was sie tatsächlich tun und bewirken. Dies vor allem auch im Bereich der steuernden Algorithmen selbst: wer kennt sie überhaupt? Wer kontrolliert sie? Wieweit können sie überhaupt entscheiden?

 

VIII. KI IST ÄUSSERLICH VIELFACH BESSER, AUCH INNERLICH KOMPETENTER?

Ein zweiter Young Professional aus dem Gebiet der Theologie trat auf. Wie sein zuvor schon auftretender Kollege überraschte auch er mit Überlegungen, die tief in das Phänomen Künstliche Intelligenz (KI) eindrang, speziell im Zusammenhang mit Ethik!
Am Beispiel von Leistungen künstlicher Intelligenzen aus den letzten Jahren wurde verdeutlicht, dass diese KIs den Menschen in immer mehr Bereichen, was die Ausführung (Performanz) betrifft, übertreffen (Schach spielen, Go spielen, Muster erkennen, große Datenmengen durchforsten,… ). Zunehmend können Sie auch spezifische Eigenschaften von Menschen erkennen – z.B. Gefühlszustände – und sie können dies auch ausdrücken.

Das Erkennen im Rahmen eines Turing-Tests, ob ein Verhalten von einem realen Menschen erzeugt wird oder von einer künstlichen Intelligenz, wird immer schwieriger. Streckenweise gelingt es nicht mehr (siehe z.B. die algorithmisch erzeugten Texte im Abschnitt V). Dies verschärft die Frage nach einer möglichen Grenze zwischen Menschen und intelligenten Maschinen. Gibt  es keine Grenze mehr?

Der junge Theologe brachte das Thema Moral und Ethik ins Spiel. Er zitierte Aristoteles dahingehend, dass eine Ethik – verstanden als ein Ethos – gelernt werden muss.

Angesichts der immer größeren Lernleistungen von künstlicher Intelligenz im Bereich komplexer Muster erscheint es nicht völlig ausgeschlossen, dass eine Ethik, die sich in beobachtbarem Verhalten ausdrückt, möglicherweise gelernt werden kann. Was sollte dagegen sprechen? Also können KIs eine selbst erworbene Ethik haben?

Nicht thematisiert wurde die Frage, wo eine Ethik herkommt. Es ist eine Sache, dass eine Gruppe eine schon vorhandene Ethik praktiziert und diese als solche durch Lernen übernommen werden kann. Wie aber entsteht eine Ethik ? Wo kommen die Werte/ die Präferenzen her, die eine Ethik konstituieren? Und was führt dann dazu, dass ein Akteur einen erkannten Wert für sich so akzeptiert, dass künftig dieser Wert zur Referenzpunkt für sein Verhalten wird?

 

IX. EX MACHINA SCIENCE FICTION

Nach so viel Theorie gab es einen künstlerischen Einschub in Gestalt des Sciencefiction Films Ex Machina . Es soll hier nicht auf die Details dieses Films eingegangen werden. Sowohl ästhetisch wie auch inhaltlich gehört er sicher zu einem der besseren Sciencefiction Filmen. Es sei nur so viel gesagt, dass der Film die Idee des Turing-Tests radikaler als sonst umsetzt. Eine (im Film) real existierende KI wird darauf hin getestet, ob sie in der Lage ist, einen Menschen glauben zu machen, dass er geliebt wird, und die KI diesen Menschen dadurch dazu  bringen kann, etwas zu tun, was die KI will, auch wenn es für den Menschen sehr unangenehm und gar gefährlich
wird. Im Film gelingt dies, besser, als der menschliche Versuchsleiter es für möglich gehalten hat. Dies endet mit dem Tod des Versuchsleiters und die äußerlich weiblich erscheinende KI, die einen jungen Informatiker dazu gebracht hat, ihr aus Liebe zu helfen, sperrt den verliebten Informatiker in dem Labor ein und verschwindet in die Welt.

Dieses Ende entspricht den verborgenen Ängsten, die viele Menschen vor den kommenden intelligenten Maschinen haben. Aus dem Film wird nicht klar, worin genau die künstliche Intelligenz besteht. Warum ist sie zu solch einem Verhalten fähig? Warum opfert die KI jenen Partner, der durch sein Verhalten positive Unterstützung
trotz Gefahr signalisiert hatte? Welche Ethik steckt hinter diesem Verhalten?

Es ist letztlich nicht unbedingt Aufgabe des Films, diese Fragen zu klären; der Film verwirklicht sich in einer überzeugenden und spannenden Inszenierung. Die gedankliche Aufklärungsarbeit liegt bei uns, den Zuschauern. Während die Generation der ’fernen Verwandten’ vielleicht einfach die Schultern zucken kann und sich damit
beruhigt, dass es sie nicht mehr wirklich betreffen wird, stellt sich diese Frage für die Newcomer und für die Young Professionals sehr direkt. Einfache Formen von KI sind schon überall da; bessere sind in der Entwicklung. Wo wird dies hinführen?

 

X. NON-KONFORMISMUS IM KONFORMISMUS. EIN MARKENZEICHEN?

Die Frage nach der Erlernbarkeit von Ethik durch KIs stand noch im Raum, als eine andere Young Professional, eine Schauspielerin, Regisseurin und angehende Psychologin in enger Interaktion mit den ZuhörernInnen sichtbar machte, wie tief im Menschen eine Tendenz zum konformen Verhalten verwurzelt ist.

Evolutionsbiologisch verspricht das konforme Verhalten viele Vorteile: zusammen ist man vielfach stärker und besser geschützt. Regel konformes Verhalten erhöht die Planbarkeit, macht das Geschehen überschaubar, transparent, vermindert Unsicherheiten. Insofern kommt der Fähigkeit, voneinander zu lernen, sich anzugleichen, eine hohe Bedeutung zu.

Doch wissen wir aus der Geschichte der Menschheit, aus der Geschichte des homo sapiens, dass Gruppen, ganze Völker irren können, und dass dieser Irrtum zum Untergang der Gruppe oder eines ganzen Volkes führen kann. Eine herrschende Meinung, ein herrschendes Ethos kann also falsch sein, was im Umkehrschluss die
Frage nach der Wahrheit aufwirft. Wann, wie, – und vor allem wer – soll denn eine herrschende Falschheit erkennen?

An dieser Stelle wird sichtbar, dass das Individuum plötzlich eine Rolle bekommt, eine sehr wichtige Rolle: in einer konformen Gruppe mit einer falschen Meinung muss es einzelne geben, die den Mut haben, sich partiell von der herrschenden Meinung zu lösen, um Alternativen zu erkunden, obwohl dies Nachteile bringen kann, gravierende Nachteile. Hier ist möglicherweise auch der Ort für Kreativität, um Neues zu entdecken und auszuprobieren.

Es blieb allerdings offen, ob eine KI sich in diesem radikalen Sinne non-konform zu einem gegebenen Regelsystem verhalten kann. Gegebene Regeln zu imitieren erscheint möglich, aber gegen herrschende Regeln neue Regeln zu erfinden und umzusetzen, möglicherweise zum Preis des individuellen Untergangs, dies erscheint aktuell unklar. Nach welchen Prinzipien sollte eine KI so etwas lernen können? Haben wir hier einen Punkt, der einen Menschen möglicherweise von einer KI grundlegend unterscheidet? Diese letzte Frage macht     deutlich, dass die Frage nach dem, was eine KI prinzipiell kann, letztlich auch eine Frage an das Selbstverständnis von uns Menschen ist: Ob und wie kann ein Mensch Wert-schaffend sein?

 

XI. ETHIK NUR EIN ANHÄNGSEL?

Im letzten Beitrag referierte eine Young Professional mit Erfahrungsfeldern in Philosophie, Literatur und Ethik, dies eingebettet in Technikentwicklung für Menschen. Der Schwerpunkt im Vortrag lag auf dem Phänomen des demographischen Wandels und der Frage, ob und wieweit technische Entwicklungen unter Berücksichtigung der
Digitalisierung Menschen helfen können, mögliche Einschränkungen ihres Lebens im Alter zu überwinden, gerade dann, wenn geeignete menschliche Pflegekräfte im großen Stil einfach nicht vorhanden sein werden?

Es wurden viele konkrete Beispiele von neuen technischen Assistenzsystemen (die meisten in Gestalt von Robotern) vorgestellt. An diesen konkreten Beispielen zeigte sich, wie schwierig eine ethische Fragestellung in konkreten Situationen ist.
Spielt Ethik für die Ingenieure eine Rolle, die eine Vorrichtung erfinden und bauen? Wieweit hat das Umfeld (Pflegeheim, private Wohnung, Pflegeorganisation,…) eine ethische Verantwortung? Wieweit muss sich der Gesetzgeber den Hut aufsetzen? Welche der vielen beteiligten Professionen ist ’wichtiger’: die Pflege, die soziale
Arbeit, die Krankenschwestern, die Ärzte, die Psychologen, die … ?

Diese vereinfachte Aufzählung deutet an, dass sich die Frage der Ethik heute in einem vielfältig verflochtenen Handlungsfeld stellt, bei dem alle Beteiligten ganz unterschiedliche Verstehens-Brillen auf haben. Wie soll hier eine einheitliche Perspektive für die Ethik gewonnen werden? Bräuchte es nicht ein für alle Beteiligten grundlegendes Bild vom Menschen, das alle teilen, und mit Bezug auf das die vielfältigen Phänomene diskutiert werden können?

 

XII. RESÜMEE. OFFENE FRAGEN

Der Wert dieser Tagung lag nicht in erster Linie in einer – wie auch immer gearteten – Perfektion… diese findet sich ja oft auch nicht bei den ’fernen Verwandten’. Der Wert dieser Tagung lag im Willen und der Bereitschaft, sich gemeinsam mit der eigenen Welt als Newcomer und Young Professional auseinander zu setzen, offen, kreativ, intensiv, mit sehr vielen interessanten Perspektiven. Dies ist ganz offensichtlich gelungen.

Ermöglicht wurde diese von einer Tagungsleitung, die den Mut hatte, den Newcomern und Young Professionals zuzutrauen, dass Sie sich in dieser Weise einbringen würden ohne direkte Unterstützung von den ’fernen Verwandten’…

Für die ’Zielgruppe’ der Newcomer war diese Tagung – wie sich herausstellte – ziemlich optimal. Die aktive Beteiligung und die – auch emotional positive – Resonanz war eindeutig. Durch den durchgehenden Mut zu unkonventionellen Fragestellungen und Vorgehensweisen kam die Gruppe vielen zentralen Fragen der Gegenwart sehr nahe.

Der Autor dieses Textes findet folgende (unvollständige) Liste von Fragen für den weiteren Gang der Diskussion für hilfreich:

  1. Was versteht man unter ’künstlicher Intelligenz’?
  2. Wie misst man ’Intelligenz’, bei Menschen und bei Maschinen?
  3. Welche Unterschiede gibt es zwischen Menschen und intelligenten Maschinen?
  4. Was verstehen wir unter ’Lernen’?
  5. Wie unterscheidet sich das Lernen bei Menschen und Maschinen?
  6. Wie verhält sich Intelligenz zum Lernen?
  7. Können wir uns eine stärkere Symbiose von Mensch und intelligenten Maschinen vorstellen?
  8. Wie begründet sich eine Ethik für Alle?
  9. Wo spielt Wahrheit eine Rolle?
  10. Wo spielt Freiheit eine Rolle?
  11. Wie entsteht die Bedeutung von Sprachen?
  12. Wie hängen Freiheit, Wahrheit und Verstehen untereinander zusammen?
  13. Wie konnte das biologische Leben die heutigen komplexen Lebensformen entwickeln, obwohl das Ausgangsmaterial – die Atome und Moleküle – nichts von der Welt verstehen?
  14. Die Sache mit Gott: Vorbei oder müssen wir Gott ganz neu denken (weil unseren bisherigen Denkansätze falsch waren)?

QUELLEN

  • [JVD16] Deutscher Journalisten-Verband (DJV).
    „Roboter-Journalismus. Wenn Computer Texte liefern.“ 2016, URL:
    https://www.djv.de/startseite/service/news-kalender/detail/aktuelles/article/wenn-computer-texte-liefern.html.
  • [US15] National Public Radio (NPR) US. „Will your job be done by a machine? 2015“ URL: https://www.npr.org/sections/money/2015/05/21/408234543/will-your-job-be-done-by-a-machine.
  • [WE18a] Wikipedia-EN. Augmented Reality (AR). 2018. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Augmented reality.
  • [WE18b] Wikipedia-EN. Crowdsourcing. 2018. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Crowdsourcing.
  • [WE18c] Wikipedia-EN. Turing test. 2018. URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Turing test.

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WENN PHILOSOPHISCHE SACHVERHALTE POLITISCH RELEVANT WERDEN

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 3.Januar 2018
URL: cognitiveagent.org
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Autor: cagent
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INHALT

I Referenzpunkt Wahrheit … 2
II Halbherzige Philosophie … 2
III Das Präsidentenspiel … 2
IV Spitze des Eisbergs … 2
V Die Kultur als Verusacher … 3
VI Wir sind alle infiziert … 3
VII Staatliche De-Formierung von Wissen? … 4
VIII Ein Schluss, der keiner ist … 4
Quellen

THEMA

Die Freilegung von Wahrheit durch philosophisches Denken bleibt wirkungslos, wenn das Alltagsdenken – und die Politik gehört dazu – sich der Wahrheit verweigert.

I. REFERENZPUNKT WAHRHEIT

In einem vorausgehenden Blogeintrag (Siehe DH) war philosophisch aufgezeigt worden, worin die grundsätzliche Wahrheitsfähigkeit des Menschen besteht.

Der Mensch, der Lebensform homo sapiens zugehörig, besitzt nach ca. 13.8 Milliarden Jahren Entwicklungszeit als erste Lebensform des beobachtbaren Universums die welt-verändernde Fähigkeit, durch die Beschaffenheit seiner inneren Struktur den Augenblick zu überwinden, kann Veränderungen erfassen, Muster, Regel,   kann Alternativen denken, kann sich mittels symbolischer Kommunikation mit dem Inneren anderer Lebewesen kurzschließen, und so zu neuartigen internen Bildern von der Welt da draußen kommen.

Zu internen Bildern von der Welt zu kommen, die angemessen sind, die wahr sind, ist zwar nicht einfach, verlangt einen großen gemeinschaftlichen Aufwand, ist aber grundsätzlich bei aller bleibenden Vorläufigkeit möglich. Zugleich wurde auch klar, wie leicht das Erarbeiten von angemessenen Weltbildern von einer Vielzahl von
Faktoren im individuellen wie auch im gemeinschaftlichen Einflussbereich gestört werden kann, so massiv, dass die Bilder unangemessen/ falsch werden können.

II. HALBHERZIGE PHILOSOPHIE

Obwohl Philosophen in vielen Jahrtausenden und Kulturen sich daran versucht haben, das Phänomen der Wahrheit zu fassen, gibt es bis heute kein philosophisches Konzept der Wahrheit, das in allen philosophischen Schulen, in allen Kulturen einheitlich verstanden und akzeptiert ist. Man hat eher den Eindruck, dass gerade die neuere Philosophie – sagen wir seit Ludwig Wittgenstein, um mal einen Referenzpunkt zu nennen – das Konzept von Wahrheit eher wieder aufgegeben hat. Die großartige kritische Arbeit, die ein Wittgenstein geleistet hat, führte damit nicht zu einer Erneuerung des Wahrheitskonzepts, sondern vielmehr zu seiner (vorläufigen) Zerstörung. Man darf sich dann auch nicht wundern, dass in einer solchen philosophisch ungeklärten Lage alle anderen sich ihren eigenen Reim auf Wahrheit machen, bis dahin, dass offensichtlich Falsches oder Unsinniges plötzlich benutzt
werden kann, als ob es ’wahr’ wäre.

Beispiele für das Versagen der menschlichen Kultur bei der Herausforderung, eine wahre Kultur zu sein, sind so vielfältig und überwältigend, dass man den Glauben an die grundsätzliche Wahrheitsfähigkeit fast verlieren könnte …. wüsste man nicht, dass es grundsätzlich möglich ist, und zwar für jeden, überall, zu jeder Zeit…

Hier einige Beispiel für das Versagen an Wahrheit.

 

III. DAS PRÄSIDENTENSPIEL

Der aktuelle Präsident eines der führenden westlichen Ländern der Welt demonstriert täglich, stündlich, fast minütlich, wie sein individuelles internes Weltmodell von der realen Welt gravierend abweicht. Die Kritik, den Spott und Hohn von anderen interpretiert er offenbar nicht als Anfrage an seine Wahrheitsfähigkeit, sondern als
Angriff auf ihn selbst, auf seine Person. Er scheint nicht differenzieren zu können zwischen seinem Denken, das er allen erzählt, und seiner Person, die dieses Denken praktiziert. Wäre er sich bewusst, dass sein Denken falsch sein kann (ein Problem, das in dieser komplexen Welt jeder hat), könnte er das Wahrheitsspiel spielen und die
Kritik konstruktiv aufgreifen, um die Wahrheitsbedingungen seines eigenen Weltmodells zu überprüfen und sein Weltmodell eventuell optimieren. Über die grundlegende Fähigkeit einer wahrheits-geleiteten Selbstkritik scheint er aber nicht zu verfügen. Wäre er ein Ingenieur, der technische Lösung für die Gesellschaft ersinnt und baut,
wäre dieser Mangel das sofortige Aus; ein Ingenieur ohne diese grundlegende Fähigkeit zur Selbstkritik seiner Denkmodelle würde sofort von allen seinen Kollegen als unfähig ausgesondert. Nicht so offensichtlich in der Politik. Jemand, der täglich den Eindruck erweckt, grundsätzlich Wahrheitsunfähig zu sein, darf nicht nur über das Schicksal einer großen Nation entscheiden, er darf auch in das Wechselspiel aller Nationen dieser Welt eingreifen… bis hin zur Einleitung von kriegerischen Handlungen, die das Leben und die Welt vieler, ganzer Völker, betreffen können.

IV. SPITZE DES EISBERGS

Der tägliche Spott und Hohn, der sich über diese so traurig erscheinende Gestalt der Politik ergießt, ist aber selbst traurig und sogar gefährlich.
Dieser, einer grundlegenden Selbstkritik unfähig erscheinende, Präsident ist ja kein isoliertes Phänomen. Es muss sehr viele Millionen Wähler gegeben haben – und wie es scheint, gibt es sie immer noch –, die sein verzerrtes Bild von der Welt teilen und beklatschen. Viele Millionen Bürger eines großen Landes tragen also in sich ein Weltbild mit sich herum, das überaus schlicht, und darin sehr falsch erscheint. Die philosophisch interessante Frage ist dann die, wie es möglich ist, dass ein Land, das als Teil der westlichen Kultur angesehen wird, das wirtschaftlich und technisch als hoch entwickelt gilt, unter seinen Bürgern das Entstehen von individuellen Weltbildern begünstigt und ermöglicht hat, die der Differenziertheit der heutigen dynamischen international vernetzten Wissens- und Finanzgesellschaft in keiner Weise gerecht wird.

Das Bizarre daran ist, dass man dies nicht einmal als Versagen der demokratischen Strukturen anprangern kann, denn diese funktionieren ganz offensichtlich. Nein, nicht die demokratischen Strukturen versagen, sondern die Akteure, die diese demokratische Strukturen leben, diese haben Weltbildern in ihren Köpfen, die hochgradig falsch erscheinen gemessen an dem Wissen, das wir heute über unsere Welt und unsere Prozesse haben können. Und von den vielen potentiellen Wählern, die durch ihre Wahlentscheidung mit entscheiden, welche Akteure zu den zeitlich begrenzten politischen Verantwortlichen werden können, scheint eine hinreichend große Menge an diesen falschen Weltbildern zu partizipieren.

Woher kommen also diese als unangemessen/ falsch erscheinen Weltbildern in den Köpfen der Menschen?

Wenn man irgendwo in einer Provinz weitab den globalen Weltläufen lebt, weitab von technologischen Entwicklungen, weitab von Forschungen, weitab von internationalen Konflikten, begrenzt auf überschaubare (oft religiös verbrämte) Lebensverhältnisse, dann kann man mit vergleichsweise einfachen Weltbildern weit kommen. Kleine Abweichungen im Alltag kann man durch gezielte Ausgrenzungen ’regeln’…
Wenn nun aber diejenigen, die in solchen Gegenden mit einfachen Weltbildern mit wählen können, und damit Einfluss nehmen können auf Politiker, die sich einem globalen Wirtschaftsgeschehen stellen müssen, einer globalen Forschung, einer globalen militärischen Situation, einem globalen Wettbewerb von Ideologien (auch Religionen), einer globalen Klimasituation, einem globalen Ökosystem … dann geraten diese einfachen Weltbilder der Provinz in einen Kontext, für den diese einfachen Weltbilder der Provinz nicht geschaffen sind. Dann kann es passieren, was
passiert ist, dass sich Politiker berufen fühlen, diese vereinfachten Weltbilder zu bedienen, die der differenzierten Weltlage eigentlich nicht gerecht werden. Dann kann die Unwahrheit in den vielen Köpfen zur herrschenden Unwahrheit werden. Damit kann sich ein ganzes Land selbst sprichwörtlich ’an die Wand’ fahren. Niemand kann
sich darüber freuen. Das ist nicht nur traurig, das ist furchtbar für alle direkt und dann auch indirekt Beteiligten.

V. DIE KULTUR ALS VERUSACHER

Wenn so etwas passiert, dass vereinfachte – und darin falsche – Weltbilder politisch die Oberhand bekommen, ist es ein beliebtes Spiel nach Sündenböcken zu suchen, irgendwelche Personen, Gruppierungen, Institutionen, die man namhaft machen möchte für das Zustandekommen eines solchen Zustands. Wenn aber eine ganze Nation über Jahrzehnte flächendeckend ein Bildungssystem und eine Medienlandschaft pflegt, die ganz offensichtlich das Entstehen von solchen flächendeckend vereinfachten Weltbildern ermöglicht, dann ist die Suche nach einem moralischen Sündenbock irreführend. Man muss dann die Frage stellen, ob nicht die gesamte Kultur einer solchen Nation dafür Mit-Verantwortung trägt, was in den Köpfen der Mehrheit ihrer Bürger an Weltanschauungen entsteht? Wenn extreme fundamentalistische, rassistische, moralische Strömungen, ein politisches 2-Kasten-Denken, ein
kaum selbstkritischer Nationalismus, und vieles mehr, über Jahrzehnte sich ungehindert ausleben konnten, wo sollen dann andere, mehr wahrheitsfähige Weltanschauungen herkommen? Welche einzelne Person will man dann zum Hauptbösewicht erklären?

Im historischen Rückblick gibt es zahllose Beispiele wie große Nationen, ganze Kulturen zu Schrott wurden, weil die übergreifenden Muster immer weniger passten, aber innerhalb der Kultur keine nennenswerten Gruppierungen vorhanden waren, das gesamte Muster zu reformieren. Wenn es nur um Machtstrukturen geht, die man zerstören kann, um der Wahrheit einen besseren Raum zu geben, mag vielleicht eine Revolution helfen, wenn es aber um ein kulturelles Muster geht, das in den Köpfen der Menschen verankert ist, dann reicht eine einfache Revolution nicht aus.

 

VI. WIR SIND ALLE INFIZIERT

Der Blick auf den Präsidenten eines großen westlichen Landes und der Hohn, der sich bei vielen findet, steht auf tönernen Füßen.

Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, ist sicher nicht verdächtig, ein Feind der deutschen Demokratie zu sein. Wenn man seinen umfassenden und zugleich differenzierten Bericht zu den Schwachstellen der Demokratie in Deutschland und Europa liest (Siehe: KIR17), dann kann man unschwer erkennen, wie hier alle Zutaten dazu gegeben sind, dass sich Machteliten von der wählenden Bevölkerung abkoppeln können, selbst wenn diese differenzierte Weltbilder hätten und lebten.

Ein beliebtes Ping-Pong-Spiel der Wählerverachtung geht so: bei aufkommender Kritik an einem allgemeinen Missstand lässt die zuständige Behörde verlauten, dass sie dies nicht ohne die EU angehen könne und daher eine entsprechende Eingabe an die einschlägige EU-Behörde gemacht habe. Die demokratisch nicht kontrollierten
EU-Behörden wiederum – deren intensive Verflechtung mit Lobbyisten mehrfach belegt wurden – tut darauf nichts oder erarbeitet eine Lösung, die zwar der nationalen Behörde genehm ist, nicht aber unbedingt den Wählern. Die nationale Behörde kann den schwarzen Peter dann immer der EU Behörde zuschieben. Auf diese Weise hat sich in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft eine Klientelpolitik breit gemacht, die dem Bürger ein nachhaltiges Ohnmachtsgefühl vermittelt. Das Aufkommen von populistischen Strömungen dient dann als willkommene Ablenkung
von dem eigenen Demokratieversagen. (Anmerkung: Ein Kriterium für die Demokratieverachtung von Behörden ist u.a. ihr Verhalten gegenüber einer kritischen Presse. In zahllosen Fällen wurden im Jahr 2017 Anfragen von Reportern zu Recherchen schon im Vorfeld einfach abgeblockt. Behörden, die für die Sicherheit der Bürger zuständig sind, verweigern schlicht und einfach ihre Dienste. Ist es nicht  naheliegend, dies als eine moderne Form von ’Machtergreifung’ zu interpretieren?)

 

VII. STAATLICHE DE-FORMIERUNG VON WISSEN?

Moderne, wahrheitsfähige Wissensformen entstehen zu einem großen Teil – idealerweise – in Schulen und Hochschulen. Wissen, das hier nicht vermittelt wird, wirkt sich mit seinem Fehlen oder mit seinen falschen Formaten unmittelbar auf die gesamte Gesellschaft aus.

Dies ist ein komplexes Thema. Einige wenige Eckwerte können aber erahnen lassen, was sich in diesem Bereich aktuell abspielt.

Der gesamte Bildungsbereich ist chronisch unterfinanziert. Auf Länderebene wird das normale Schulsystem von Personen verantwortet, die überwiegend nichts von moderner Wirtschaft, von moderner Wissenschaft – speziell nicht von moderner Technologie – verstehen.

Die Hochschulen werden auf der einen Seite für ihren Normalbetrieb unterfinanziert, um sie auf der anderen Seite erpressbar zu machen, indem das fehlende Geld nur über Förderprogramme zugänglich ist, die von der Politik kontrolliert werden. Entgegen der geltenden Verfassung ist es mittlerweile übliche Praxis, dass junge Professoren
bei ihrer Einstellung darauf verpflichtet werden, auf jeden Fall einen bestimmte Geldbetrag für die Hochschule einzuwerben, obwohl dies den Zielen einer qualifizierten Lehre und einer innovativen Forschung entgegen gesetzt ist. Während die Hochschulen traditionell auch ein wichtiges kritische Korrektiv zur Gesellschaft bilden sollten, das
durch empirische Forschung die konkreten Prozesse in der Gesellschaft (Soziologie, Geschichte, Wirtschaft, Politik..) untersucht, wie sie tatsächlich sind (und nicht, wie sie die parteipolitische verformte Politik gerne sieht), werden diese kritischen Lehr- und Forschungsbereiche beständig weiter abgebaut. Damit macht sich eine Gesellschaft
selbst blind mit wahrscheinlich negativen Folgen, die dann – wie so oft – alle ertragen müssen.

VIII. EIN SCHLUSS, DER KEINER IST

Natürlich könnte man diese Betrachtungen beliebig vertiefen und international weiter ausdehnen. Letztlich wären es nur viele weitere Beispiele für das eine Thema: Die Schwierigkeit, die der homo sapiens im Umgang mit der Wahrheit hat. Obwohl der homo sapiens die erste Lebensform im beobachtbaren Universum ist, die überhaupt
wahrheitsfähig ist, ringt dieser homo sapiens bis heute damit, wie er seine Wahrheitsfähigkeit im komplexen Geflecht einer immer dichteren Weltgesellschaft mit so vielen unterschiedlichen Kulturen und der immer größeren
Beschleunigung in der Technologieentwicklung erhalten, bewahren und weiter entwickeln kann. Die Besonderheit dieser Situation liegt darin, dass sich dieses Problem nicht im Alleingang lösen lässt. Wahrheit ist ein kognitives Gebilde in einem Individuum, das mit der umgebenden Welt und den kognitiven Gebilden der
anderen Individuen koordiniert werden muss. Gelingt solche Koordination im großen Maßstab, dann löst dies große Bewunderungen aus (altes Ägypten, die
Römer, indische und chinesische (und japanische) Kultur, westliche Wissenschaft, Technologie und Finanzsysteme…); stürzt sie in sich zusammen, weil sie an ihrer eigenen Komplexität zerbricht, macht dies ein ungutes Gefühl: man spürt, dass solch eine Koordinierung immer auf tönernen Füßen steht. Kein Mensch kann letztlich gezwungen werden, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten oder zu denken. So grundlegend, wie die Wahrheitsfähigkeit, ist auch die Freiheit. Freiheit geht allem Denken und Wollen voraus.

Warum sollte ein Mensch etwas wollen?

Wenn wir in der Zukunft besser leben wollen als heute, mit mehr Wahrheit und Gerechtigkeit, dann wird dies nur geschehen, wenn es heute Exemplare des homo sapiens gibt, die ihre Wahrheitsfähigkeit und Freiheit auf eine neue, bessere Weise nutzen, als wir es bisher tun. Da der homo sapiens sich nicht selbst erfunden hat, sondern Ergebnis eines übergreifenden Prozesses ist, der offensichtlich größer ist als das einzelne Ergebnis, gibt es eine Anfangshoffnung, dass der homo sapiens prinzipiell eine Chance hat. Die Hoffnung stirbt zuletzt… 🙂

QUELLEN
[DH] Gerd (cagent) Doeben-Henisch. Wahrheit als unabdingbarer Rohstoff einer Kultur der Zukunft. Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild, volume https://www.cognitiveagent.org/2017/11/20/wahrheit-als-unabdingbarer-rohstoff-einer-kultur-der-zukunft/. 20. November 2017.
[Kir17] Ferdinand Kirchhof. Demo-crazy? Es gibt neue Risiken für die Demokratie. Die EU ist vom Volk noch weit entfernt. Volksabstimmungen könnten das ändern. In Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), volume 296, page S.7. FAZ, 2017. 21. Dezember 2017.

 

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SINN-FREIHEIT-LIEBE. Viele Level. Zwischenbemerkung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.Dez. 2017
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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INHALT

I Vorbemerkung….. 2
II Die großen Wörter….. 2
III Sinn….. 2
IV Freiheit….. 3
V Freiheit und Sinn….. 3
VI Liebe….. 3

IDEE

Kurze Bemerkung zum Sinn.
Axiom: Wer nicht schon immer da ist, wird niemals ankommen.

I. VORBEMERKUNG

Eigentlich bewege ich mich in den letzten Wochen in Themen, die direkt keinen Bezug zum ’Sinn’ erkennen lassen, aber dennoch, womit immer man sich beschäftigt, es sind Teilbereiche der einen großen Wirklichkeit, innerhalb deren wir alle uns bewegen.
Ob ich nun die Wechselbeziehungen zwischen Menschen und technischen Systemen untersuche, oder die Vorausberechnungen für mögliche zukünftige Konstellationen von Welt, oder die mögliche Rolle von Meditation im Leben von Studierenden, oder die unterschiedlichsten Klangräume, oder Umgebungen für das Lernen …. man
ist unweigerlich verflochten mit den je größeren Strukturen, die in allem, Themen- und Disziplinen-übergreifend wirksam sind.

Das beständige Ausklammern dieser übergreifenden Themen ist gefährlich, vor allem macht es sie nicht unsichtbar, nicht unwirksam.

Andererseits, je umfassender ein Thema ist, um so schwieriger ist es natürlich, es klar zu definieren.

Schon die Theorien experimenteller Wissenschaften wählen ja hier statt der Methode der expliziten Definition die Methode des ’Kollektivs von Parametern’, eingebettet in eine mathematische Struktur, in denen die Begriffe nicht isoliert erklärt werden, sondern nur im Zusammenhang aller anderen.

Es sollte daher nicht erstaunen, dass ich diese Methode des ’Parameter-Kollektivs’ samt möglicher Strukturen hier auch wähle.

II. DIE GROSSEN WÖRTER

Wenn es um das ’große Ganze’ des Lebens geht, so treffen wir in der Geschichte des homo sapiens auf einige ’große Wörter’, die immer und überall auftauchen, ohne dass Sie ’hinreichend erklärt’ werden. Sie haben Ihre Geschichten, ihre Lebenskontexte, die jeder ’irgendwie’ versteht, aber sie lassen sich nicht einfach dingfest machen,
nicht mit knackigen Definitionen fixieren; wie auch, schließlich geht es hier um tief liegende Zusammenhänge des realen Lebens, die vielfältig verflochten sind mit vielerlei Prozessen und darin wirksamen Faktoren (Parametern).

Beispiele solcher großen Worte sind ’Wissen’, ’Wahrheit’, ’Sinn’, ’Liebe’, ’Leben’, ’Intelligenz’, ’Verstehen’, ’Bedeutung’, ’Gut/ Böse’, ’objektiv/ subjektiv’, ’Ich/ Du/ Anderes’.

Irgendwie hängen alle diese Worte untereinander zusammen. So verbindet sich z.B. ’Wissen’ irgendwie mit ’Wahrheit’ und ’Verstehen’ mit ’Sinn’.

Am wichtigsten dürfte wohl der Umstand wiegen, dass alle diese ’Worte’ eine ’Sprache’ voraussetzen, eine Sprache setzt eine ’Population’ voraus, die diese Sprache praktiziert, und eine Population besteht aus sprach- verstehenden und sprechenden Akteuren, die minimal wahrnehmen, lernen, erinnern und reagieren können.

Was immer man also zu und über die großen Wörter sagen will, man muss diesen Kontext einer realen aktiven Sprachgemeinschaft von Akteuren mit bedenken. Und da jeder Akteur – wie wir heute wissen – neben ’allgemeinem’ Wissen im Laufe seines Lebens sehr viel ’individuelles’ Wissen aus konkreten Situationen in sich ansammelt und auf individuelle Weise verarbeitet, muss man neben den allgemeinen Bedeutungen immer auch diese individuelle Lerngeschichte und das individuelle Wissensuniversum mit bedenke.

III. SINN

Das schon vorhandene Wissen ermöglicht es dem einzelnen, die aktuelle Weltwahrnehmung zu ’interpretieren’ und zu ’verarbeiten’. Das erleichtert die Orientierung. Wenn aber das bisherige Wissen von der ’Wahrheit’ abweicht,
dann tendiert die Wahrnehmung und die Verarbeitung dazu, von der ’Wahrheit’ mehr oder weniger abzuweichen.

Im Rahmen des verfügbaren Wissens kann dem einzelnen die Welt also mehr oder weniger ’sinnvoll’ erscheinen, oder auch nicht. So kann jemand beruflich Erfolg haben und zufrieden sein, zugleich aber im Beziehungsbereich unglücklich sein oder merklich leiden. Jemand kann in einer wunderbaren Beziehung leben, zugleich aber im Verein, in der Firma gerade kläglich scheitern. Und wenn die Mehrheit der Bevölkerung eines Landes den Eindruck hat, dass die wenigen Reichen sich skrupellos über alles hinweg setzen und gierig ihren Reichtum vermehren ohne Rücksicht auf die große Mehrheit, dann kann dies sehr wohl das Gefühl einer ’Sinnlosigkeit’ unterstützen.

Wenn die Evolutionsbiologen durch ihre Forschungen die Dramaturgie des biologischen Lebens entrollen, dann fällt es vergleichsweise leicht, im Falle einer aussterbenden Art angesichts einer dramatischen Veränderung der Lebensverhältnisse (Sauerstoffanteil, Klima, Vulkanausbruch, Meteoriteneinschlag, … ) im Nachhinein und mit gebührendem Abstand zu konstatieren, dass das einzelne betroffene Lebewesen, in dem Moment des Aussterbens eben keine Chance hatte. Wenn man aber selbst ein Lebewesen ist – was wir sind – in einer Situation von Hunger, Krieg, Gewalt, ideologischer Verdunkelung, von machtgierigen Cliquen, … dann ist solch eine lapidare Feststellung vom falschen Ort zur falschen Zeit wenig erfüllend…

Es deutet sich also an, dass der mögliche eine, alles erfüllende Sinn, sich im Geschehen des Universums (oder vieler Universen) und des welt- und zeit-umspannenden Lebens unausweichlich auf vielen verschiedenen Ebenen, in vielen verschiedenen Kontexten gleichzeitig zeigt. Eine Suche nach ’Sinn’ in nur einem Teilbereich, der möglicherweise schon im Ansatz durch ein falsches Wissen – und damit meist auch einer falschen Praxis – ’verzerrt’ ist, kann daher nur schwerlich zu einer befriedigenden Antwort führen. … es sei denn, man begreift, dass
man – egal in welchem Zustand und an welchem Ort – letztlich ein ’Geschenk’ des umfassenden Lebensprozesses ist, darin und dadurch auf eine tiefe und unauflösbare Weise ’Teil des Ganzen’ und in und durch diese Teilhabe auf eine sehr individuelle Weise eine Verantwortung für das Ganze dort hat, wo man gerade ist.

Aus der Sicht des ’Sinns’ gibt es kein ’Außen’, nur ein ’Innen’…In allen Jahrtausenden gab es ’spirituelle’ Traditionen,die hier in dieser unmittelbaren Teilhabe am umfassenden Sinn ihre Wurzeln haben.

Was hier am Beispiel von ’Wahrheit’ und ’Sinn’ angedeutet wird, gilt auch für die anderen großen Wort ’Liebe’ und Freiheit’.

IV. FREIHEIT

Während es immer wieder Strömungen gibt, die z.B. eine ’Freiheit’ im Falle des homo sapiens in Abrede stellen, gibt es eine grundlegende Erkenntnis zum physikalischen Universum, noch mehr aber im Falle des biologischen Lebens als Teil des physikalischen Universums, dass es grundlegenden ’nicht-deterministisch’ ist, d.h. in einem grundlegenden Sinne ’frei’ ist.

Sogar die oft viel beschworenen Computer sind trotz ihrer scheinbaren Einfachheit in
ihrem theoretischen Potential grundlegend nicht-deterministisch, d.h. in einem grundlegenden Sinne ein Potential für Freiheit. Daraus folgt nicht, dass wir deswegen schon automatisch verstehen, was ’Freiheit’ ist, wie sie ’funktioniert’, aber sie ist eine grundlegende Eigenschaft von allem, was wir empirische erkennen können, einschließlich unserer selbst.

Dieses Phänomen der ’Freiheit’ ist so grundlegend, dass man fast sagen kann, dass sich ’Wirklichkeit’ gerade über ’Freiheit’ definiert. Ohne die grundlegende ’Freiheit’ in  allem gäbe es keine Wirklichkeit, gäbe es kein Leben (und damit auch nicht uns), gäbe es kein Universum.

Es ist genau dieses Phänomen der ’Freiheit’, das u.a. dafür verantwortlich ist, dass Menschen ein A erkennen können, sich dieser Erkenntnis aber auch verweigern können. Wahrheit ist grundlegend möglich, wir können sie aber verunstalten, verleugnen, wir können eine Art ’Un-Wahrheit’ erzeugen. Ohne Freiheit gäbe es aber weder Wahrheit noch Unwahrheit. Der Preis der Wahrheit ist die grundlegende Freiheit zur Unwahrheit.

V. FREIHEIT UND SINN

Dies gilt auch für unser Verhältnis zum Sinn: wir können akzeptieren, dass wir an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit Teil eines größeren Ganzen sind und darin unseren individuellen Beitrag leisten (*), wir können es aber auch übersehen, ausblenden, uns verweigern, und hinter Ausreden und Ängsten verbarrikadieren…

(*) Anmerkung: Damit meine ich nicht, dass man einfach hinnimmt, was gerade ist, sondern dass man seine Freiheit nutzt, die Handlungsräume aktiv zu gestalten. Die Geschichte der Menschheit zeigt viele beeindruckende Beispiele, was Menschen können, wenn sie wollen … natürlich leider auch, was sie nicht können, weil andere Menschen – oder die realen Umstände – sie daran hindern …

VI. LIEBE

Das große Wort ’Liebe’ ist nicht weniger schillernd als die zuvor genannten großen Worte. Aber, wie man vielleicht schon ahnen kann, ist auch die ’Liebe’ eingewoben in diese Vielschichtigkeit des Lebens: Im Kraftfeld von ’Wahrheit’, ’Sinn’ und ’Freiheit’ erscheint ’Liebe’ jenes Momentum zu sein, was uns letztlich in eine bestimmte Richtung ’zieht’, uns ’Mut’ macht, uns die ’Angst nimmt’, und handeln lässt. Man kann die großen Worte nicht gegeneinander ausspielen; sie hängen untereinander zusammen; das eine hilft dem anderen. Leider auch umgekehrt: wo Wahrheit oder Sinn oder Freiheit oder Liebe leiden, leidet auch das andere mit. Das Leben ist ein Gesamtkunstwerk, das
sich im Prinzip so lange nicht voll verstehen lässt, so lange es ’stattfindet’, und doch, das ist schwer zu verstehen, jeder kann zu jeder Zeit an jedem Ort so viel von Sinn und Liebe und Freiheit erfahren, das er/sie/es das subjektive Gefühl hat, er/sie/es ist Teil von dem großen Ganzen.

 

 

ZUR ENTDECKUNG DER VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT IN DER GEGENWART. Zwischenbemerkung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 10.Dez. 2017
URL: cognitiveagent.org
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Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

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IDEE

Wenn man gedanklich in komplexen Strukturen unterwegs ist, kann es bisweilen helfen, sich zwischen drin bewusst zu machen, wo man gerade steht,
worum es eigentlich geht. Dies ist so ein Moment.

I. BILDERFLUT AUS MÖGLICHKEIT

Wir leben in einer Zeit, wo die Technik die
Möglichkeit eröffnet hat, Bilder zu erschaffen, die
mehr oder weniger alles zum Gegenstand haben, auch
Unsinniges, Idiotisches, reinste Fantasien, explizite
Lügen, Verleumdungen, … und für einen normalen homo
sapiens, der – bei intaktem Sehvermögen – primär ein
visuell orientiertes Lebewesen ist, führt diese Bilderflut
dazu, dass die wahre Realität sich immer mehr auflöst
in dieser Bildersuppe. Selbst wenn die Bilder noch als
Science Fiction, Fantasy, Crime, … gelabelt werden, im
Gehirn entsteht eine Bildersuppe, wo sich wahres Reales
mit Irrealem zu einem Gebräu mischt, das den Besitzer
dieses Gehirns in einen Dauerzustand der zunehmenden
Desorientierung versetzt. Der einzelne Bildproduzent
mag vielleicht sogar redliche Absichten haben, aber die
Masse der irrealen Bilder folgt ihren eigenen Gesetzen.
Das einzelne Gehirn verliert Orientierungsmarken.
Die Bereitschaft und Neigung von Menschen aller
Bildungsschichten selbst mit Doktortiteln (!), beliebig
wirre populistische, fundamentalistische oder esoterische
Anschauungen über die Welt als ’wahr’ zu übernehmen,
ist manifest und erschreckend. Wenn die grundlegenden
Wahrheitsfähigkeit von Menschen versagt, weil das
Gehirn über zu wenig verlässlich Ankerpunkte in der
Realität verfügt, dann ist alles möglich. Ein alter Lehrsatz
aus der Logik besagt: Aus Falschem folgt alles.

More than Noise – But What?

II. RÜCKERINNERUNG AN DIE WAHRHEIT

In einem vorausgehenden – eher grundlegenden –
Blogeintrag sind jene elementaren Grundstrukturen angesprochen worden, durch die jeder homo sapiens eine elementare Wahrheitsfähigkeit besitzt, auch in
Kommunikation und Kooperation mit anderen.
Aus diesem Text geht hervor, dass es grundsätzlich
möglich ist, dass dies aber kein Selbstgänger ist,
keinen Automatismus darstellt. Das Gelingen von
Wahrheit erfordert höchste Konzentration, erfordert
kontinuierliche Anstrengung, und vor allem auch das
Zusammenspiel vieler Faktoren. Moderne Demokratien
mit einer funktionierenden Öffentlichkeit, mit einem
ausgebauten Bildungs- und Forschungssystem kommen
diesen wissenschaftsphilosophischen Anforderungen
bislang am nächsten.

Wer die Bedeutung dieser Mechanismen zur
Voraussetzung von Wahrheit kennt und sich die
reale Welt anschaut, der kann weltweit eine
starke Rückentwicklung dieser Strukturen und
Prozesse beobachten, eine weltweite Regression
von Wahrheitsprozessen. Die Folgen sind schon jetzt
katastrophal und werden sich eher verstärken. Den Preis
werden letztlich alle zahlen. Wer glaubt, man könne sich
in einem Teilprozess isolieren, der täuscht sich.
Allerdings, im Fall der Wahrheit gelten andere Regel
als rein physikalische: Wahrheit selbst ist ein nicht-
physikalisch beschreibbares Phänomen. Es entstand
gegen alle Physik, es entstand auf eine Weise, die wir
bislang noch nicht richtig verstehen, und es macht im
Ansatz alle zu Verlierern, die sich außerhalb stellen.
Genauso irrational, wie sich weltweit eine Regression
von Wahrheit ereignen kann – und aktuell ereignet –,
genauso bizarr ist zugleich, warum so viele Mächtige
solch eine ungeheure Angst vor Wahrheit haben
(schon immer). Warum eigentlich? Warum gibt es
diesen ungeheuren Drang dazu, andere Menschen
zu kontrollieren, Ihnen Meinungen und Verhalten
vorzuschreiben, Algorithmen zu entwickeln, die die
Menschen in Richtungen leiten sollen, die schon falsch
sind, als sie ausgedacht wurden?

Solange es nur einen einzigen Menschen auf dem
Planet Erde gibt, so lange gibt es die Chance für
Wahrheit. Und so lange es die Chance für Wahrheit gibt,
muss jeder, der Wahrheit verrät, unterdrückt, verleugnet
sich als Verräter sehen, als Feind des Lebens.

More Beyond Noise – How Far away? Which kind of Distance?

III. UNIVERSUM – ERDE – LEBEN

Wenn man zu ahnen beginnt, wie kostbar Wahrheit
ist, wie schwierig sie zu gewinnen ist, und wenn man
weiß, wie viele Milliarden Jahre das Leben auf der
Erde gebraucht hat, um wahrheitsfähig zu werden, auch
noch in den späten Phase der Lebensform homo bzw.
dann des homo sapiens, dann kann man umgekehrt
zu einer geradezu andächtigen Haltung finden, wenn
man sich anschaut, was die modernen experimentellen
Wissenschaften im Laufe der letzten Jahrhundert, sogar
erst in den letzten Jahrzehnten (!!!) alles offenlegen
konnten.

Man bedenke, was wir primär wahrnehmen, das
ist Gegenwart, und die unfassbaren Blicke zurück in
die Vergangenheit der Evolution des Lebens und des
Universums (und möglicher weiterer Universen) liegen
nicht auf der Straße! Die Gegenwart ist Gegenwart und
ihr, der Gegenwart, Hinweise auf eine Zeit davor zu
entlocken, das war – und ist – eine der größten geistigen
Leistungen des homo sapiens.

Die Vergangenheit kann sich ja niemals direkt zeigen,
sondern immer nur dann, wenn eine bestimmte Zeit
mit ihren Strukturen und Prozessen Artefakte erzeugt
hat, die im Fluss der Zeit dann später als Spuren,
Hinweise, vorkommen, die ein Lebewesen dieser neuen
Gegenwart dann auch als Hinweise auf eine andere Zeit
erkennt.

So hat die Geologie irgendwann bemerkt, dass die
verschiedenen Gesteinsschichten möglicherweise
Ablagerungen aus vorausgehenden Zeiten sind.
Entsprechend haben die Biologen aus Versteinerungen
auf biologische Lebensformen schließen können,
die ’früher einmal’ gelebt hatten, heute aber nicht
mehr oder, heute auch, aber eventuell verändert. Die
Physik entdeckte, dass aufgrund der unterschiedlichen
Leuchtkraft gleicher Sternphänomene große Entfernungen im Universum anzunehmen sind, und mit der Fixierung der Geschwindigkeit des Lichts konnte
man auch auf Zeiten schließen, aus denen dieses Licht
gekommen sein muss: man war plötzlich bei vielen
Milliarden Jahren vor der Gegenwart.
Diese wenigen und vereinfachten Beispiele können
andeuten, dass und wie in der Gegenwart Zeichen einer
Vergangenheit aufleuchten können, die unsere inneren
Augen des Verstehens in die Lage versetzen, die scheinbare Absolutheit der Gegenwart zu überwinden und langsam zu begreifen, dass die Gegenwart nur
ein Moment in einer langen, sehr langen Kette von
Momenten ist, und dass es Muster zu geben scheint,
Regeln, Gesetze, Dynamiken, die man beschreiben
kann, die ansatzweise verstehbar machen, warum dies
alles heute ist, wie es ist.

Es versteht sich von selbst, dass diese unfassbaren
Erkenntnisleistungen der letzten Jahrzehnte nicht nur
möglich wurden, weil der Mensch qua Mensch über
eine grundlegende Wahrheitsfähigkeit verfügt, sondern
weil der Mensch im Laufe der letzten Jahrtausende
vielerlei Techniken, Abläufe ausgebildet hat, die ihm
bei diesen Erkenntnisprozessen unterstützen. Man
findet sie im technischen Bereich (Messgeräte, Computer,
Datenbanken, Produktionsprozesse, Materialtechniken, …..), im institutionellen Training
(langwierige Bildungsprozesse mit immer feineren
Spezialisierungen), in staatlichen Förderbereichen, aber
auch – und vielleicht vor allem! – in einer Verbesserung
der Denktechniken, und hier am wichtigsten die
Ausbildung leistungsfähiger formaler Sprachen in vielen
Bereichen, zentral die Entwicklung der modernen
Mathematik. Ohne die moderne Mathematik und formale
Logik wäre fast nichts von all dem möglich geworden,
was moderne Wissenschaft ausmacht.

Wenn man um die zentrale Rolle der modernen
Mathematik weiß und dann sieht, welche geringe Wertschätzung Mathematik sowohl im
Ausbildungssystem wie in der gesamten Kultur einer
Gesellschaft (auch in Deutschland) genießt, dann kann
man auch hier sehr wohl von einem Teilaspekt der
allgemeinen Regression von Wahrheit sprechen.(Anmerkung: Es wäre mal eine interessante empirische Untersuchung, wie viel
Prozent einer Bevölkerung überhaupt weiß, was Mathematik ist. Leider
muss man feststellen, dass das, was in den Schulen als Mathematik
verkauft wird, oft nicht viel mit Mathematik zu tun hat, sondern mit
irgendwelchen Rechenvorschriften, wie man Zeichen manipuliert, die
man Zahlen nennt. Immerhin, mehr als Nichts.)

Im Zusammenspiel von grundlegender Wahrheitsfähigkeit, eingebettet in komplexe institutionelle Lernprozesse, angereichert mit wissensdienlichen
Technologien, haben die modernen experimentellen
Wissenschaften es also geschafft, durch immer
komplexere Beschreibungen der Phänomene und ihrer
Dynamiken in Form von Modellen bzw. Theorien, den
Gang der Vergangenheit bis zum Heute ansatzweise
plausibel zu machen, sondern auf der Basis dieser
Modelle/ Theorien wurde es auch möglich, ansatzweise
wissenschaftlich begründete Vermutungen über die
Zukunft anzustellen.

In einfachen Fällen, bei wenigen beteiligten Faktoren
mit wenigen internen Freiheitsgraden und für einen
begrenzten Zeithorizont kann man solche Vermutungen ü̈ber die Zukunft (kühn auch Prognosen genannt), einigermaßen überprüfen. Je größer die Zahl der
beteiligten Faktoren, je mehr innere Freiheitsgrade, je
weitreichender der Zeitrahmen, um so schwieriger wir
solch eine Prognose. So erscheint die Berechnung des
Zeitpunktes, ab wann die Aufblähung unserer Sonne
aufgrund von Fusionsprozessen ein biologisches Leben
auf der Erde unmöglich machen wird, relativ sicher
voraussagbar, das Verhalten eines einfachen Tieres in
einer Umgebung über mehr als 24 Stunden dagegen ist
schon fast unmöglich.

Dies kann uns daran erinnern, dass wir es in der
Gegenwart mit sehr unterschiedlichen Systemen zu
tun haben. Das Universum (oder vielleicht sogar die
Universen) mag komplex sein, aber es erweist sich
bislang als grundsätzlich verstehbar, ebenfalls z.B. die
geologischen Prozesse auf unserem Heimatplaneten
Erde; das, was die Biologen Leben nennen, also
biologisches Leben, entzieht sich aber den bekannten
physikalischen Kategorien. Wir haben es hier mit
Dynamiken zu tun, die irgendwie anders sind, ohne dass
es bislang gelingt, diese spezifische Andersheit adäquat
zu erklären.

Life is Energy…

IV. KOGNITIVER BLINDER FLECK

Eine Besonderheit des Gegenstandsbereiches
biologisches Leben ist, dass diejenigen, die es
untersuchen, selbst Teil des Gegenstandes sind.
Die biologischen Forscher, die Biologen – wie überhaupt
alle Forscher dieser Welt – sind selbst ja auch Teil
des Biologischen. Als Exemplare der Lebensform
homo sapiens sind sie ganz klar einer Lebensform
zugeordnet, die ihre eigene typische Geschichte hat,
die sich als homo sapiens ca. 200.000 Jahre entwickelt
hat mit einer Inkubationszeit von ca. 100.000 Jahren, in
denen sich verschiedene ältere Menschenformen verteilt
über ganz Afrika partiell miteinander vermischt haben.
Nach neuesten Erkenntnissen hat dann jener Teil, der
dann vor ca. 60.000/ 70.000 Jahren aus Ostafrika
ausgewandert ist, einige tausend Jahre mit den damals
schon aussterbenden Neandertalern im Gebiet des
heutigen Israel friedlich zusammen gelebt, was durch
Vermischungen dann einige Prozent Neandertaler-Gene
im Genom des homo sapiens hinterließ, und zwar bei
allen Menschen auf der heutigen Welt, die gemessen
wurden.

Die Tatsache, dass die erforschenden Biologen selbst
Teil dessen sind, was sie erforschen, muss nicht per
se ein Problem sein. Es kann aber zu einem Problem
werden, wenn die Biologen Methoden zur Untersuchung
des Phänomens biologisches Leben anwenden, die
für Gegenstandsbereiche entwickelt wurden, die keine
biologischen Gegenstände sind.

In der modernen Biologie wurden bislang sehr
viele grundlegende Methoden angewendet, die
unterschiedlichste Teilbereiche zu erklären scheinen: In
Kooperation mit der Geologie konnte man verschiedenen
Phasen der Erde identifizieren, Bodenbeschaffenheiten,
Klima, Magnetfeld, und vieles mehr. In Kooperation
mit Physik, Chemie und Genetik konnten die
Feinstrukturen von Zellen erfasst werden, ihre
Dynamiken, ihre Wechselwirkungen mit den jeweiligen
Umgebungen, Vererbungsprozesse, Generierung neuer
genetischer Strukturen und vieles mehr. Der immer
komplexere Körperbau konnte von seinen physikalisch-
mechanischen wie auch chemischen Besonderheiten her
immer mehr entschlüsselt werden. Die Physiologie half,
die sich entwickelnden Nervensysteme zu analysieren,
sie in ihrer Wechselwirkung mit dem Organismus
ansatzweise zu verstehen. und vieles mehr.

Die sehr entwickelten Lebensformen, speziell dann
der homo sapiens, zeigen aber dann Dynamiken, die
sich den bisher bekannten und genutzten Methoden
entziehen. Die grundlegende Wahrheitsfähigkeit des
homo sapiens, eingebunden in grundlegende Fähigkeit
zur symbolischen Sprache, zu komplexen Kooperation,
zu komplexen Weltbildern, dies konstituiert Phänomene
einer neuen Qualität. Der biologische Gegenstand homo
sapiens ist ein Gegenstand, der sich selbst erklären
kann, und in dem Maße, wie er sich selbst erklärt,
fängt er an, sich auf eine neue, bis dahin biologisch
unbekannte Weise, zu verändern.

Traditioneller Weise gab es in den letzten
Jahrtausenden spezielle Erklärungsmodelle zum
Phänomen der Geistigkeit des homo sapiens, die
man – vereinfachend – unter dem Begriff klassisch-
philosophische Erklärung zusammen fassen kann.
Dieses Erklärungsmodell beginnt im Subjektiven und
hat immer versucht, die gesamte Wirklichkeit aus der
Perspektive des Subjektiven zu erklären.

Die Werke der großen Philosophen – beginnend
mit den Griechen – sind denkerische Großtaten,
die bis heute beeindrucken können. Sie leiden
allerdings alle an der Tatsache, dass man aus der
Perspektive des Subjektiven heraus von vornherein
auf wichtige grundlegende Erkenntnisse verzichtet
hatte (in einer Art methodischen Selbstbeschränkung,
analog der methodischen Selbstbeschränkung der
modernen experimentellen Wissenschaften). Das,
was diese subjekt-basierte und subjekt-orientierte
Philosophie im Laufe der Jahrtausende bislang erkannt
hat, wird dadurch nicht falsch, aber es leidet daran,
dass es nur einen Ausschnitt beschreibt ohne seine
Fundierungsprozesse.

Eigentlich ist das Subjektive (oder das ’Geistige’,
wie die philosophische Tradition gerne sagt) das
schwierigste Phänomen für die moderne Wissenschaft, das provozierendste, aber durch die frühzeitige Selbstbeschränkung der Biologie auf die bisherigen
Methoden und zugleich durch die Selbstbeschränkung
der klassischen Philosophie auf das Subjektive wird
das Phänomen des Lebens seiner Radikalität beraubt.
Es wird sozusagen schon in einer Vor-Verabredung der
Wissenschaften entmündigt.

In einem Folgeartikel sollte dieser blinde Fleck der
Wissenschaften in Verabredung mit der Philosophie
nochmals direkt adressiert werden, etwa: Das Subjektive
im Universum: Maximaler Störfall oder Sichtbarwerdung
von etwas radikal Neuem?

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DAS PHILOSOPHIE JETZT PHILOTOP

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 30.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

Worum geht’s — Meine Antwort auf die von vielen gestellte
Frage, wie denn die  verschiedenen Seiten untereinander zusammen hängen, war zu schnell (siehe den Blogeintrag vom 14.November ). Hier eine Korrektur.

I. EIN PHILOTOP

Wie man unschwer erkennen kann, ist das Wort
’Philotop’ eine Übertragung von dem Wort ’Biotop’.
Für Biologen ist klar, dass man einzelne Lebensformen
eigentlich nur angemessen verstehen kann, wenn
man ihren gesamten Lebensraum mit betrachtet:
Nahrungsquellen, Feinde, ’Kollaborateure’, Klima, und
vieles mehr.

Ganz ähnlich ist es eigentlich auch mit dem Blog
’Philosophie Jetzt: Auf der Suche …’. Auch diese Ideen
haben sehr viele Kontexte, Herkünfte, wechselseitige
Interaktionen mit vielen anderen Bereichen. Ohne diese
Kontexte könnte der Blog vielleicht gar nicht ’atmen’.

Im Blogeintrag vom 14.November 2017 wurde
verwiesen auf die monatliche Philosophiewerkstatt, in
der in einer offenen Gesprächsrunde Fragestellungen
gemeinsam gedacht werden. Seltener gibt es
die Veranstaltung Philosophy-in-Concert, in der philosophische Ideen, eingebettet in experimentelle Musik, Bildern und Texten ihren Empfänger suchen und
sich auch auf ein Gespräch einlassen.

Schaubild vom Philotop ( die 'Kernbereiche') :-)

Schaubild vom Philotop ( die ‚Kernbereiche‘) 🙂

Die Wechselwirkung mit den nächsten beiden
Blogs liegt für manche vielleicht nicht so auf der
Hand. Aber bedingt durch die langjährige Lehr-
und Forschungstätigkeit von cagent im Bereich des
Engineerings stellte sich heraus, dass gerade das
Engineering der Welt riesige Potentiale für eine
moderne Philosophie bietet, und dies nicht nur einfach
als begriffs-ästhetische Spielerei, sondern mit einem
sehr konkreten Impakt auf die Weise, wie Ingenieure die
Welt sehen und gestalten. Daraus entstand ein Projekt,
das bislang keinen wirklich eigenen Namen hat.

Umschrieben wird es mit ’Integrated Engineering of
the Future’, also ein typisches Engineering, aber eben
’integriert’, was in diesem Kontext besagt, dass die
vielen methodisch offenen Enden des Engineerings hier
aus wissenschaftsphilosophischer Sicht aufgegriffen und
in Beziehung gesetzt werden zu umfassenderen Sichten
und Methoden. Auf diese Weise verliert das Engineering
seinen erratischen, geistig undurchdringlichen Status
und beginnt zu ’atmen’: Engineering ist kein geist-
und seelenloses Unterfangen (wie es von den Nicht-
Ingenieuren oft plakatiert wird), sondern es ist eine
intensive Inkarnation menschlicher Kreativität, von
Wagemut und zugleich von einer rationalen Produktivität,
ohne die es die heutige Menschheit nicht geben würde.

Das Engineering als ein Prozess des Kommunizierens
und darin und dadurch des Erschaffens von neuen
komplexen Strukturen ist himmelhoch hinaus über
nahezu allem, was bildende Kunst im Kunstgeschäft
so darbietet. Es verwandelt die Gegenart täglich und
nachhaltig, es nimmt Zukünfte vorweg, und doch fristet
es ein Schattendasein. In den Kulturarenen dieser Welt,
wird es belächelt, und normalerweise nicht verstanden.
Dies steht  im krassen Missverhältnis zu seiner Bedeutung.
Ein Leonardo da Vinci ist ein Beispiel dafür, was es
heißt, ein philosophierender Ingenieur gewesen zu sein,
der auch noch künstlerisch aktiv war.
Innerhalb des Engineerings spielt der Mensch in
vielen Rollen: als Manager des gesamten Prozesses, als mitwirkender Experte, aber auch in vielen Anwendungssituationen als der intendierte Anwender.

Ein Wissen darum, wie ein Mensch wahrnimmt, denkt,
fühlt, lernt usw. ist daher von grundlegender Bedeutung. Dies wird in der Teildisziplin Actor-Actor-Interaction (AAI) (früher, Deutsch, Mensch-Maschine Interaktion oder,
Englisch, Human-Machine Interaction), untersucht und methodisch umgesetzt.

Die heute so bekannt gewordene Künstliche Intelligenz
(KI) (Englisch: Artificial Intelligence (AI)) ist ebenfalls ein
Bereich des Engineerings und lässt sich methodisch
wunderbar im Rahmen des Actor-Actor Interaction
Paradigmas integriert behandeln. Im Blog wird es unter
dem Label Intelligente Maschinen abgehandelt.
Sehr viele, fast alle?, alle? Themen aus der
Philosophie lassen sich im Rahmen des Engineerings,
speziell im Bereich der intelligenten Maschinen als Teil
des Actor-Actor-Interaction Paradigmas neu behandeln.

Engineering ist aber nie nur Begriffsspielerei.
Engineering ist immer auch und zuvorderst Realisierung
von Ideen, das Schaffen von neuen konkreten Systemen,
die real in der realen Welt arbeiten können. Von daher
gehört zu einer philosophisch orientierten künstlichen
Intelligenzforschung auch der Algorithmus, das lauffähige
Programm, der mittels Computer in die Welt eingreifen
und mit ihr interagieren kann. Nahezu alle Themen der
klassischen Philosophie bekommen im Gewandte von
intelligenten Maschinen eine neue Strahlkraft. Diesem
Aspekt des Philosophierens wird in dem Emerging-Mind
Lab Projekt Rechnung getragen.

Mit dem Emerging-Mind Lab und dessen Software
schließt sich wieder der Kreis zum menschlichen
Alltag: im Kommunizieren und Lernen ereignet sich
philosophisch reale und mögliche Welt. Insoweit intelligenten Maschinen aktiv daran teilhaben können, kann dies die Möglichkeiten des Menschen spürbar erweitern. Ob zum Guten oder Schlechten, das entscheidet
der Mensch selbst. Die beeindruckende Fähigkeit von
Menschen, Gutes in Böses zu verwandeln, sind eindringlich belegt. Bevor wir Maschinen verteufeln, die wir
selbst geschaffen haben, sollten wir vielleicht erst einmal
anfangen, uns selbst zu reformieren, und dies beginnt
im Innern des Menschen. Für eine solche Reform des
biologischen Lebens von innen gibt es bislang wenig bis
gar keine erprobten Vorbilder.

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WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE IM ALLTAG. Wahrheit im Dauerversuch

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 26.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
info@cognitiveagent.org

Autor: cagent
Email: cagent@cognitiveagent.org

INHALT

I Wissenschaftsphilosophie und Wahrheit …1
II Interdisziplinär und Unterschiede …2
III Interdisziplinäres Projekt…2
III-A Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’ . . . . . . . .3
III-B Vernetzung der Einzelvorschläge . ….3
III-C Formalisierungsversuch . . . . . . . . 4
Weiter zur Wahrheit …7
IV Literaturverweise …8

WORUM ES GEHT

‚Wissenschaftsphilosophie‘ klingt für die meisten sehr abstrakt. Wendet man sich aber dem Alltag zu und betrachtet ein – fast beliebiges – Beispiel, dann kann man
schnell entdecken, dass eine wissenschaftsphilosophische
Sehweise sehr konkret – und auch sehr praktisch – werden
kann. Dies wird in diesem Beitrag illustriert.

PDF

I. WISSENSCHAFTSPHILOSOPHIE UND WAHRHEIT

In einem vorausgehenden Beitrag in diesem Blog mit
der Überschrift ”WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER
ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT”  wurde
besprochen, welche Mechanismen uns Menschen
zur Verfügung stehen, um wahre Aussagen über
die Welt und uns selbst machen zu können. Die
Blickweise, die hinter diesen Überlegungen stand,
war die der Wissenschaftsphilosophie. Aber was ist
’Wissenschaftsphilosophie’? Warum ist diese Blickweise
so wichtig?

’Wissenschaftsphilosophie’ ist, wie der Name schon
andeutet, ein Teil der philosophischen Blickweise auf die
Welt.

Während sich die Einzelwissenschaften aufgrund ihrer
spezifischen Interessen auf ’Teilgebiete der erfahrbaren
Wirklichkeit’ festlegen und diese im Rahmen des Paradigmas der experimentellen Wissenschaften im Detail erforschen, versteht sich eine philosophische
Blickweise als jene, die nicht von vornherein
Ausgrenzungen vornimmt, sondern alle Phänomene
zulässt, die sich dem menschlichen Bewusstsein zur
Erfahrung geben. Ein philosophisches Denken legt sich
auch nicht auf einige wenige Methoden fest, sondern
erlaubt zunächst einmal alles, was geht.
Eine so verstandene philosophische Blickweise hat
Vor- und Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand:
der Verzicht auf eine wie auch immer geartete Vorweg-
Zensur von Erfahrung konfrontiert einen Philosophen
von vornherein mit einer solchen Fülle von Phänomen
und Methoden, dass es im Allgemeinen schwer ist,
hier auf einfache und schnelle Weise zu strukturierten
Erkenntnissen zu kommen.

Andererseits, schaut man sich die fortschreitende
Zersplitterung der Einzelwissenschaften an, dann
trifft man auch hier auf eine methodisch bedingte
Vielfalt, die bislang nicht systematisch integriert ist.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist es nicht einmal abzusehen,
wann und wie diese immensen, sich gegenseitig
ausschließenden Datengebirge und Teildeutungen, sich
irgendwann zu einem einzigen großen integrierten
Ganzen zusammenfügen lassen lassen.

Die philosophische Blickweise als solche trägt im
Prinzip den Keim der Integration in sich, da sie ja
nicht auf Teilaspekte der Wirklichkeit abonniert ist,
sondern im Prinzip für alles offen ist. So kann sie sich
die Ergebnisse der Einzelwissenschaften vornehmen
und versuchsweise, spielerisch die verschiedenen
Erkenntnisse z.B. zum subjektiven Bewusstsein, zum
objektiven Verhalten oder zum objektiven Körper
aufgreifen, miteinander in Beziehung setzen, und
versuchen, die darin verborgenen Zusammenhänge
sichtbar zu machen.

Philosophen können dies irgendwie machen, oder
sie können sich im Jahr 2017 die denkerischen
Vorarbeiten der Wissenschaftsphilosophen aus den
letzten ca. 150 Jahren zu Nutze machen. Diese haben nämlich spezielle Teilaspekte der Wirklichkeit, des Denkens, der Wissenschaften systematisch untersucht.
Dazu gehören Themen wie Messen, Modellbildung,
logische Argumentation, Überprüfung eines Modells,
Simulation, und vieles mehr. Im Endeffekt haben die
Wissenschaftsphilosophen untersucht, wie das Konzept
einer experimentellen Wissenschaften überhaupt
funktioniert, unter welchen Umständen experimentelle
Theorien wahr sind, und unter welchen Bedingungen
man verschiedene Theorien integrieren kann.

Da das Thema Wissenschaftsphilosophie für sich
sehr umfassend ist und in vielen Bereichen nicht gerade
einfach zu erklären ist, sei an dieser Stelle auf eine solche
umfassende Darstellung verzichtet (Vergleiche dazu z.B.: [Sup79], [Sne79],
[Bal82], [BMS87]). Stattdessen sei hier ein einfaches (reales) Beispiel aus dem (realen) Alltag
vorgestellt, wie es jeder erleben kann oder schon erlebt
hat.

II. INTERDISZIPLINÄR UND UNTERSCHIEDE

Das Wort Interdisziplinär ist heute ja ein
richtiges Modewort, um das Zusammenarbeiten
von unterschiedlichen Disziplinen, Experten mit
unterschiedlichem Knowhow, unterschiedlichen
Erfahrungen zu etikettieren.

Während wir in den verschiedenen Gesellschaften
in Europa und weltweit zunehmend eher wieder
Phänomene der Abgrenzung beobachten, der
Ausgrenzung, der Abschottung, der identitätserhaltenden
Gruppenbildung, haben wir immer mehr international
operierende Firmen, in denen die Zusammenarbeit
von Menschen aus vielen Nationen (bis über 100)
Alltag ist und funktioniert. Es spielt nicht wirklich eine
Rolle, aus welchem Land jemand kommt, welche
Religion er hat, wie sie sich kleidet, was jemand isst,
solange alle im Rahmen der gestellten Aufgabe friedlich
zusammenwirken können. Auch in den Wissenschaften
ist dies eigentlich Alltag. Mathematik ist für alle gleich und
die Welt, die es zu erforschen gilt, ist auch für alle gleich.
Ähnlich ist es in den großen internationalen Metropolen
dieser Welt. Dort leben ganz viele verschiedene Kulturen
so lange friedlich zusammen, so lange niemand anfängt,
bewusst Hass und Zwietracht zu streuen.

Andererseits scheint das Phänomen der Abgrenzung
ein tief sitzender Reflex im menschlichen Verhalten
zu sein. Denn überall, wo Menschen leben und
es in der jeweiligen Gemeinschaft unterschiedliche
Gruppen – alleine schon wegen der notwendigen und
fortschreitenden Spezialisierungen – gibt, tendiert jede
Gruppe dazu, sich von den anderen abzugrenzen.
Es ist letztlich eine kognitive Entlastungsstrategie: es
ist immer einfacher, sich nur dem den Eigenschaften
und Regeln der eigenen Gruppe zu beschäftigen, als
zusätzlich auch noch mit den Eigenheiten und Regeln
einer anderen Gruppe. Dies strengt an und belastet.
Zu diesem Zweck gibt es allgemeine Verhaltensregeln,
die einem im Alltag Entscheidungen abnehmen, und
es gibt Klischees, Stereotype, mit denen man andere
Gruppen – und damit auch die einzelnen Mitglieder
der anderen Gruppen – mit einem einzigen Wort
in eine große Kiste von Klischees einsortiert. Dies
fängt schon im Bereich der Familie an, und erstreckt
sich dann über Schulklassen, Schulen, Abteilungen
in Behörden und Betrieben zu ganzen Einrichtungen,
Stadtteilen, Volksgruppen. Im ’Normalbetrieb’ verläuft
dies friedlich, ohne direkte Auseinandersetzungen, ist
fester Bestandteil von Witzen, Volksbelustigungen und
vielen Fernsehsendungen und Filmen.

Im Konfliktfall sind diese Vorurteile aber wie trockenes
Holz, das sich blitzschnell entzünden kann, und mit
einem Mal sind die Nachbarn, die Arbeitskolleginnen,
und die Leute aus dem anderen Stadtteil nicht einfach
nur anders, sondern gefährlich anders, moralisch anders,
überhaupt anders. Aus unverfänglichen Unterschieden
werden plötzlich metaphysische Ungeheuer. Die
gedankliche Bequemlichkeit, die sich im Alltag im
Gebrauch von Klischees ausruht, wird zur gedanklichen
Hilflosigkeit, die im Stress einfach wild um sich schlägt,
und dann natürlich auf das haut, was sie in ihrer
vereinfachten Weltsicht kennt: auf die stereotypen
Unterschiede, die plötzlich die ganze Welt bedeuten.

III. INTERDISZIPLINÄRES PROJEKT

Während interdisziplinäres Zusammenarbeiten in
großen Firmen und Behörden von Metropolen Alltag ist,
tun sich die Bildungseinrichtungen, speziell Hochschulen
in Deutschland, damit noch schwer. Selbst an einer
Hochschule in einer internationalen Metropole, an der
junge Menschen aus mehr als 100 Nationen studieren,
gibt es nur einen verschwindend geringen Anteil von
wirklich interdisziplinären Studienprogrammen. Die
Lehrenden mögen solche Veranstaltungen nicht, da
der normal Lehrende ein Spezialist ist; auch die
Fachbereichsstrukturen an Hochschulen stehen einer
wirklichen Interdisziplinarität massiv im Wege, und die
Hochschulleitungen sind heute von der Realität der
Lehre in ihren eigenen Hochschulen meist so weit
entfernt, dass sie in der Regel gar nicht wirklich wissen,
wie der Alltag der Lehre aussieht.

Das folgende Beispiel stammt aus einer realen
Lehrveranstaltung von einer realen Hochschule mit
Studierenden aus mehr als 100 Nationen, an der es
offiziell genau zwei interdisziplinäre Studienprogramme
gibt. Im Rahmen des einen Programms gibt es ein Modul,
in dem sich Studierende aus verschiedenen Disziplinen
mit dem Begriff der Simulation auseinander setzen sollen.

So gibt es in diesem Modul z.B. Studierende
aus den Disziplinen soziale Arbeit, Pflege, Case
Management, Architektur, Maschinenbau, Elektrotechnik
und Informatik.

A. Einzelvorschläge zum Begriff ’Simulation’

Das Modul ist so angelegt, dass alle Beteiligten
im Rahmen von Kommunikationsprozessen, eigenen
Recherchen und eigenen Experimenten schrittweise
ihr bisheriges Verständnis des Begriffs ’Simulation’
verfeinern und mit den Vorstellungen der jeweils
anderen Disziplinen integrieren, falls möglich. Im
Folgenden Beispiele von Formulierungen, wie der Begriff
Simulation’ zu Beginn von den Teilnehmern umschrieben
wurde.

  • Team A: Unter Simulation versteht man ein realitätsnahes Nachbilden von Situationen.
    • Ein virtueller Raum wird mit Hilfe von Visualisierungsprogrammen realistisch dargestellt .
    • Nach einer Abbildung mit verschiedenen Programmen kann das Modell mit Hilfe von Grundrissen geschaffen werden.
    • Verschiedene Gebäudetypen, zum Beispiel:
      öffentliche, kulturelle oder soziale Einrichtungen,
      können simuliert werden.
    • Der Außenraum bzw. die Umgebung wird beim
      Entwurf mitberücksichtigt und 3D visualisiert.
    • Durch Materialität, Textur, Lichtverhältnissen
      und Schattierungen wird versucht, den Entwurf
      realitätsnah wie möglich darzustellen.
    • Konstruktionen können in Simulationsprogrammen ebenfalls detailliert ausgeführt werden.
  • Team B: Simulation ist eine Methode Situationen abzubilden, z.B. räumliche Wirkungen, Umwelteinflüsse, Szenarien, um effektiv Probleme und
    Lösungen zu analysieren.
  • Team C: Die Analyse von möglichen Problemen
    im Alltag. Die Nachbildung von Anwendungsfällen
    wie zum Beispiel Flugsimulation und Wettersimulation. Die Optimierung von Systemen und Prozessen.
    Komplexe Sachverhalten zu vereinfachen und (visuell) darzustellen. Es ist eine kostengünstigere Variante als die tatsächliche Umsetzung. Es werden in
    einer Simulation Prognosen und Voraussagen erstellt.
  • Team D:
    1. Analyse von Systemen vor der praktischen An-
      wendung
    2. Die Simulation ist ein Bestandteil eines Produktlebenszyklus. Dabei lassen sich die Entwicklungsschritte wie folgt definieren:
      1. Konzeptentwicklung
      2. Simulation
      3. Konstruktiond) Produktherstellung
      4. Integration im System
    3. Optimierung von einem bestehendem Prozess
      mit Ziel die Effizienz und die Fehlerbehebung
      zu verbessern −→ Prozessoptimierung
  • Team E: Unter dem Begriff ”Simulation” ist das
    theoretische bzw. praktische Durchspielen unterschiedlicher Szenarien zu verstehen. Das Durchspielen oder auch Verifizieren der Situation lässt
    die Übertragung von komplexen Aussagen über das
    mögliche Verhalten des gewählten Klientels zu. Das
    Ergebnis kann auf die Realität projiziert werden,
    ohne damit laufende Prozesse negativ zu beeinflussen.
  • Team F : Eine Simulation ist eine modellhafte
    Darstellung einer möglichen oder reellen Situation.
    Die Situation kann sowohl prospektiv als auch retrospektiv sein. Sie dient der Analyse, Übung und Optimierung verschiedener Prozesse beziehungsweise
    einzelner Prozessabläufe.
  • Team G: Simulationen in der sozialen Arbeit bieten die Möglichkeit insbesondere ethisch schwierig
    vertretbare oder praktisch schwierig umsetzbare Situationen experimentell darzustellen und dadurch
    präventiv Kompetenzen zu erwerben, Lerninhalte
    zu erarbeiten, Lösungsansätze zu entwickeln und
    Problem- bzw. Konfliktsituationen zu vermeiden.
  • Team H: Simulation im Beratungskontext meint das
    Herstellen realitätsnaher Szenarien, um das Verhalten von Personen in speziellen Situationen erproben,
    beobachten und evaluieren zu können.
B. Vernetzung der Einzelvorschläge

Diese Textfragmente wirken unterschiedlich und tragen
deutlich Spuren der unterschiedlichen Fachkulturen. So
ist das Team A unschwer als Team aus dem Bereich
Architektur zu erkennen, oder Team C: das klingt sehr
nach einem technischen Hintergrund. Team E klingt
nach sozialer Arbeit oder Case Management. usw.

Was macht man nun damit?

Es gab ein Live-Gespräch, bei dem die einzelnen
Formulierungen nacheinander diskutiert wurden
und einzelne Begriffe, die hervor stachen, wurden
versuchsweise auf ein Whiteboard geschrieben (siehe
Schaubild Nr. 1).

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Bild Nr.1: Tafelbild aus einer Live-Diskussion

Für einen Unbeteiligten wirkt dieses Bild vermutlich
noch ein wenig ’wirr’, aber bei näherem Hinsehen kann
man die Umrisse einer ersten Struktur erkennen.
In einer im Anschluss erstellten Idealisierung des
ersten Tafelbild (siehe Schaubild Nr. 2) kann man die
in diesen Begriffen liegende verborgene Struktur schon
deutlicher erkennen.

Reinzeichnung des Tafelbildes

Reinzeichnung des Tafelbildes

Man erkennt abgrenzbare Bereiche, Komponenten
wie z.B. die reale Welt oder das Ersatzsystem, Modell,
oder auch so etwas wie die Idee von etwas Neuem.
Zwischen diesen Komponenten findet man Beziehungen
wie Nachbilden oder Erfinden oder Modell nutzen.

Offensichtlich passen diese Größen nicht in das
klassische Schema einer Definition, bei dem ein neuer
Begriff (das ’Definiendum’) durch schon bekannte
Begriffe (das ’Definiens’) ’erklärt’ wird (vgl. dazu [Mit95] und [San10]), sondern es ist
eher die Einführung eines neuen Bedeutungsfeldes im
Sinne einer axiomatischen Theorie: man benennt eine
Reihe von Komponenten, von denen man annimmt, dass
sie alle wichtig sind, beschreibt Beziehungen zwischen
diesen Komponenten, die man ebenfalls für wichtig
findet, und nennt dann das Ganze ’Simulation’. Eine
zunächst diffuse Wirklichkeit gewinnt dadurch Konturen,
gewinnt eine Struktur.

Ob diese sich so heraus schälende Struktur wirklich
brauchbar ist, irgendwelche Wahrheitsansprüche
einlösen lässt, das kann man zu diesem Zeitpunkt
noch nicht entscheiden. Dazu ist das Ganze noch
zu vage. Andererseits gibt es an dieser Stelle auch
keine festen Regeln, wie man solche Strukturen
herausarbeitet. Auf der einen Seite sammelt man
Phänomene ein, auf der anderen Seite sucht man
Begriffe, sprachliche Ausdrücke, die passen könnten.
Was einem auffällt, und wie man es dann anordnet,
hängt offensichtlich von aktuellen Interessen, verfügbarer
Erfahrung und verfügbarem Sprachwissen ab. Drei
verschiedene Personen kämen isoliert vermutlich zu drei
unterschiedlichen Ergebnissen.

Man kann jetzt bei dem Schaubild stehen
bleiben, oder man kann das Instrumentarium der
Wissenschaftsphilosophie weiter nutzen indem man
z.B. eine formale Strukturbildung versucht. Unter
Verwendung einer mengentheoretischen Sprache
kann man versuchen, die erkannten Komponenten
und Beziehungen in mathematische Strukturen
umzuschreiben. Falls es gelingt, führt dies zu noch
mehr struktureller Klarheit, ohne dass man irgendwelche
Feinheiten opfern müsste. Man kann im Verlauf eines
solchen Formalisierungsprozesses Details nach Bedarf
beliebig ergänzen.

C. Formalisierungsversuch

Das idealisierte Schaubild lässt erkennen, dass wir
es mit drei Wirklichkeitsbereichen zu tun haben: (i)
die Reale Welt (W) als Ausgangspunkt; (ii) die Welt
der kreativen Ideen (KID) als Quelle möglicher neuer
Gegenstände oder Verhaltensweisen; und verschiedene
Ersatzsysteme, Modelle (M), mittels deren man etwas tun kann.

Unter Voraussetzung dieser genannten Gegenstandsbereiche W, KID, M wurde folgende wichtige Beziehungen genannt, die zwischen diesen
Gegenstandsbereichen angenommen wurden:

  1. Nachbilden, Abbilden (Abb): Bestimmte Aspekte
    der realen Welt W werden in einem Ersatzsystem,
    in einem Modell M so nachgebildet, dass man
    damit etwas tun kann. Außerdem soll das Modell
    u.a. realitätsnah sein, Kosten sparen, und Risiken
    vermindern.
  2. Erfinden (Erf): Aufgrund von kreativen Ideen KID
    wird ein Modell M erstellt, um diese Ideen sichtbar
    zu machen.
  3. Simulieren (Sim): Hat man ein Modell M gebaut,
    dann können Menschen (ME) mit dem Modell
    unterschiedliche Simulationen für unterschiedliche
    Zwecke vornehmen. Aufgrund von Simulationen
    werden die Menschen Erfahrungen (X+) mit dem
    Modell sammeln, die zu einem verbesserten Verhalten (V+) auch in der realen Welt führen können, zugleich kann aufgrund dieser Erfahrungen das
    bisherige Modell oft auch optimiert werden; man
    kommt also zu einem optimierten Modell (M+).
  4. Transfer (Trans): Aufgrund von neuen Erfahrungen
    (X+) und einem möglicherweise optimierten Modell
    (M+) besteht die Möglichkeit, dass man im Ausgangspunkt, in der realen Welt (W), Sachverhalte und Abläufe ändert, um die Verbesserungen im
    Modell und im neuen Verhalten in die reale Welt,
    in den Alltag, einzubringen. Würde man dies tun,
    dann erhielte man eine verbesserte Welt (W+).

Diese Vorstrukturierung kann man nun weiter treiben und tatsächlich eine mathematische Struktur hinschreiben. Diese könnte folgendermaßen aussehen:

— Siehe hierzu das PDF-Dokument —

Der Ausdruck zu Nummer (1) besagt, dass etwas (x) genau nur dann (iff) eine Simulation (SIMU) genannt wird, wenn es die folgenden Komponenten enthält: W, W+ M, M+ , KID, X+ , ME. Zusätzlich werden folgenden Beziehungen zwischen diesen Komponenten angenommen: Abb, Erf, Sim, Trans. Welcher Art diese Beziehungen sind, wird in den folgenden Nummern (2) – (5) erläutert.

In der Abbildungsbeziehung Abb : ME × W−→ M werden Aspekte der realen Welt W von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Erfindungsbeziehung Erf : ME × KID −→ M werden Aspekte aus der Welt der Ideen KID von Menschen ME in ein idealisierendes Modell M abgebildet.

In der Simulationsbeziehung Sim : ME × M −→ M+ × X+ benutzen Menschen ME Modelle M und machen dadurch neue Erfahrungen X+ und können u.a. das Modell verbessern, optimieren M+ .

In der Transferbeziehung  rans : ME × M+ × X+ −→ W+ können Menschen ME optimierte Modelle M+ und/ oder neue Erfahrungen X+ in ihren Alltag, in die reale Welt so einbringen, dass die bisherige Welt zu einer besseren Welt M+ verändert wird.

IV. WEITER ZUR WAHRHEIT

An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie man
unterschiedliche alltagssprachliche Formulierungen
miteinander vernetzen kann, daraus Strukturen
herausarbeitet, und diese ansatzweise formalisiert.

Um einen möglichen Wahrheitsanspruch dieser
Formalisierung klären zu können, müsste nun weiter
herausgearbeitet werden, was mit den einzelnen
Größen dieser Struktur gemeint ist. Also, wenn man die
Beziehung Abbildung liest ( Abb : ME × W −→ M), müsste klar sein, welche Menschen gemeint sind, die dort eine Abbildungsbeziehung herstellen, und was
müsste man sich konkret darunter vorstellen, dass
Menschen Aspekte der Welt (W) in ein Modell (M)
abbilden?

Wenn ein Kind ein Stück Holz benutzt, als ob es
ein Spielzeugauto ist, mit dem es auf dem Boden
herumfährt und dazu ’BrumBrum’ macht, dann ist für
das Kind das Stück Holz offensichtlich ein Modell für ein
Autor aus der realen Welt, seine Bewegungen simulieren
das Herumfahren, und das ’BrumBrum’ simuliert das
Motorgeräusch (bald nicht mehr, vielleicht).

Wenn Architekten (früher) aus Gips ein Gebäude im
Maßstab angefertigt hatten, es in eine Modelllandschaft
stellten, und dies einer Lichtquelle aussetzten, die
analog der Sonne bewegt wurde, dann war offensichtlich
das Gipshaus in der Landschaft mit der Lichtquelle
ein Modell des Schattenwurfs eines Gebäudes bei
Sonnenlicht.

Wenn Pflegestudierende heute an einem Krankenbett
mit einer künstlichen Puppe üben, wie man verschiedene
Pflegetätigkeiten ausübt, dann ist diese Puppe im Bett
offensichtlich ein Modell des realen Patienten, an dem
man übt.

Wenn Case Managerinnen in Rollenspielen
Beratungsgespräche üben, dann sind diese Rollen,
die sie ausfüllenden Personen, und die stattfindenden
Interaktionen ein Modell der realen Situation.

Wenn Informatikstudierende am Computerbildschirm
Schaltungen zusammenbauen, dann sind diese Software
basierten Bauteile und Schaltungen offensichtlich
Modelle von richtigen Bauteilen und den daraus
konstruierten Schaltungen.

Die Liste der hier möglichen Beispiele ist potentiell
unendlich lang.

Die Abbildung von Aspekten der realen Welt in
Ersatzsysteme, die wie Modelle fungieren, anhand bzw.
mittels deren man üben kann, analysieren usw. ist
offensichtlich sehr grundlegend.

Ob solch ein modellierendes Ersatzsystem und
die damit möglichen Handlungen die abzubildende
Wirklichkeit hinreichend gut abbilden, oder ob sie diese
so verzerren, dass das Modell bezogen auf die reale
Welt falsch ist, dies zu beurteilen ist nicht immer ganz
einfach oder vielleicht sogar unmöglich. Schwierig und
unmöglich ist dies dann, wenn das erarbeitete Modell
etwas zeigt, was in der realen Welt selbst durch die
Verwobenheit mit anderen Faktoren gar nicht sichtbar
ist, wenn also dass Modell überhaupt erst etwas sichtbar
macht, was ansonsten verdeckt, verborgen ist. Damit
würde das Modell selbst zu einer Art Standard, an dem
man die reale Welt misst.

Was im ersten Moment absurd klingt, ist aber genau
die Praxis der Wissenschaften. Das Ur-Meter, das als
Standard für eine Längeneinheit vereinbart wurde, ist
ein Modell für eine bestimmte Länge, die überall in
der räumlichen Welt angetroffen werden kann, aber
ohne das Ur-Meter können wir nicht sagen, welche der
unendlich vielen Stellen nun einem Meter entspricht. Wir
benutzen also ein künstlich erschaffenes Modell einer
bestimmten Länge, um damit die ansonsten amorphe
reale Welt mit Plaketten zu überziehen. Wir projizieren
das Ur-Meter in die reale Welt und sehen dann überall
Längen, die die realer Welt als solche nicht zeigt. Zu
sagen, diese Strecke hier in der realen Welt ist 1 m lang,
ist eine Äußerung, von der wir normalerweise sagen
würden, sie ist wahr. Wahrheit ist hier eine Beziehung
zwischen einer vereinbarten Einheit und einem Aspekt
der realen Welt.

Im allgemeinen Fall haben wir irgendwelche
sprachlichen Ausdrücke (z.B. Abb : ME × W −→ M), wir ordnen diesen sprachlichen Ausdrücke davon unabhängige Bedeutungen zu, und stellen dann fest,
ob es in der realen Welt Sachverhalte gibt, die mit
dieser vereinbarten Bedeutung korrespondieren oder
nicht. Falls Korrespondenz feststellbar ist, sprechen
wir von Wahrheit, sonst nicht. Eine solche Wahrheit ist
aber keine absolute Wahrheit, sondern eine abgeleitete
Wahrheit, die nur festgestellt werden kann, weil zuvor
eine Bedeutung vereinbart wurde, deren Korrespondenz
man dann feststellt (oder nicht). Sprachlich gefasste
Wahrheiten können also immer nur etwas feststellen,
was zuvor vereinbart worden ist (wie beim Ur-Meter), und
man dann sagt, ja, das früher vereinbarte X liegt jetzt
hier auch vor. Und diese grundsätzliche Feststellung,
diese ist fundamental. Sie erlaubt, in den veränderlichen
vielfältigen Bildern der Welt, ansatzweise Ähnlichkeiten,
Wiederholungen und Unterschiede feststellen zu
können, ohne dass damit immer schon irgendwelche
letzten absoluten Sachverhalte dingfest gemacht werden.

Die moderne Wissenschaft hat uns demonstriert, wie
dieses einfachen Mittel in vielen kleinen Schritten über
Jahrzehnte hinweg dann doch zu sehr allgemeingültigen
Sachverhalten hinführen können.

LITERATURHINWEISE

[Bal82] W. Balzer, editor. Empirische Theorien: Modelle, Strukturen,
Beispiele. Friedr.Vieweg & Sohn, Wiesbaden, 1 edition, 1982.

[BMS87] W. Balzer, C. U. Moulines, and J. D. Sneed. An Architectonic
for Science. D.Reidel Publishing Company, Dordrecht (NL),
1 edition, 1987.

[Mit95] Jürgen Mittelstrass, editor. Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie Teil: Bd. 1., A – G. Verlag J.B. Metzler,
Stuttgart – Weimar, 1 edition, 1995.

[San10] Hans Jörg Sandkühler, editor. Enzyklopädie Philosophie,
Bd.1-3. Meiner Verlag, Hamburg, 1 edition, 2010.

[Sne79] J. D. Sneed. The Logical Structure of Mathematical Physics.
D.Reidel Publishing Company, Dordrecht – Boston – London,
2 edition, 1979.

[Sup79] F. Suppe, editor. The Structure of Scientific Theories. Uni-
versity of Illinois Press, Urbana, 2 edition, 1979.

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WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 20.Nov. 2017
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ÜBERSICHT


I Zukunft als Politischer Zankapfel 1
II Wahrheit als Chance 2
III Wahrheit als Betriebssystem einer Kultur  2
III-A Überwindung des Augenblicks . . . .2
III-B Das ’Äußere’ als ’Inneres’ . . . . . .2
III-C Das ’Innere’ als ’Außen’ und als ’Innen’ 3
III-D Fähigkeit zur Wahrheit . . . . . . . . 3
III-E Bindeglied Sprache . . . . . . . . . . 4
IV Wahrheit durch Sprache? 4
V Wahrheit in Freiheit 5
VI Energie 5
VII Wahrheit durch Spiritualität 6
VIII Intelligente Maschinen 7
IX Der homo sapiens im Stress-Test 8
X ’Heilige’ Roboter 8
XI Singularität(en) 9
XII Vollendung der Wissenschaften 10
Quellen: 11

 

ZUSAMMENFASSUNG

Nachdem es in diesem Blog schon zahlreiche
Blogbeiträge zum Thema Wahrheit gab, geht es in diesem
Beitrag um die wichtige Ergänzung, wie Wahrheit mit einer
Kultur der Zukunft zusammenspielt. Hier wird aufgezeigt,
dass eine Kultur der Zukunft ohne Wahrheit unmöglich
ist. Wahrheit ist der entscheidende, absolut unabdingbare
Rohstoff für eine Kultur der Zukunft.

Für den vollständigen Text siehe das PDF-Dokument.

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PHILOSOPHIE-JETZT-MENSCHENBILD PLANETENSYSTEM :-)

Philosophie Jetzt als Planetensystem: eJournal Philosophie Jetzt - Philosophiewerkstatt - Philosophy-in-Concert

Philosophie Jetzt als Planetensystem: eJournal Philosophie Jetzt – Philosophiewerkstatt – Philosophy-in-Concert

Da ich jetzt schon mehrfach darauf angesprochen wurde, dass die vielen Links auf so verschiedene Ereignisse verwirren können, hier mal der Versuch eines Schaubildes mit dem eJournal ‚Philosphie Jetzt – Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild‘ im Zentrum (Beiträge, wenn es halt passiert) und den beiden ‚Trabanten‘ ‚Philosophiewerkstatt‚ (monatlich) und ‚Philosophy-in-Concert‚ (bisher 1-2 x pro Jahr).

ZUFALL – REGEL – LEBEN. MEMO ZUR PHILOSOPHIE-WERKSTATT vom 12.Nov.2017

eJournal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 13.Nov. 2017
URL: cognitiveagent.org
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PDF

ÜBERBLICK

Die Philosophiewerkstatt am 12.November 2017 (siehe Einladung) startete anhand von einfachen Computersimulationen mit grundlegenden Begriffen wie Rauschen – Ordnung,
Zufall – Regel, Regeländerungen durch Zufall, Präferenzen – Ziele.
Daraus entwickelte sich ein Gespräch, bei dem immer mehr zusätzliche
Aspekte beigesteuert wurden. Dabei überlagerten sich verschiedene
Sichten aufgrund der unterschiedlichen Ausgangspunkte.

1. SIMULATIONEN

Die Philosophiewerkstatt startete dieses Mal mit zwei einfachen Computersimulationen.

1.1 Akteur – Umgebung

In der einen Simulation konnte man einen einzelnen Akteur in einer Umgebung beobachten, der entweder nach einem Zufallsprinzip vorging oder mit
einer festen Regel.
Das Zufallsprinzip schloss zwar einen Erfolg grundsätzlich nicht aus,
setzt aber für einen nachhaltigen Erfolg voraus, dass eine genügend lange
Zeit zur Verfügung steht oder sehr viele Akteure gleichzeitig im Einsatz

 

Ideen-Netzwerk zur Sitzung vom 12.Nov.2017

Ideen-Netzwerk zur Sitzung vom 12.Nov.2017

sind, so dass das Scheitern von vielen begleitet sein kann von dem Erfolg
von wenigen.
Das Vorgehen nach einer festen Regel bot 100%-tigen Erfolg, wenn die
Regel zur Umgebung passt, aber zugleich 100%-tiges Scheitern, wenn die
Regel nicht passt. Bei einer sich verändernden Umwelt wäre die Fixierung
auf eine feste Regel also ein Todesurteil, mehr noch als nach dem Zufallsprinzip vorzugehen; Letzteres kann zumindest gelegentlich Erfolg haben.
In der Diskussion der beiden Beispiele ergab sich dann als mögliche
Verbesserung die Idee einer sich verändernden Regel.

1.2 Sich Verändernde Regel

Dazu gab es eine Simulation, in der drei einfache – zu Beginn durch Zufall
– erzeugte Melodien vorgespielt wurden. Man konnte diese relativ zueinander bewerten. Aus den beiden am höchsten bewerteten wurden wieder drei
neue Melodien gebildet und wieder zur Bewertung gestellt.
In diesem Fall waren die Melodien die ’Regeln’, die als Melodie festliegen, die aber nach Rückmeldung durch die Zuhörer ’abgeändert’ wurden.
Klar erkennbar war, dass die Melodien tatsächlich abgeändert wurden.
Es stellte sich dann aber bald die Frage, welche nun besser sei als die an-
deren?
Die Fähigkeit, eine Regel zu ändern bildet die Voraussetzung dafür, ein
regelgeleitetes Verhalten den Gegebenheiten der Umgebung anzupassen,
aber die Richtung der Änderung war damit noch nicht geklärt. Richtungen
haben mit Präferenzen zu tun, mit Werturteilen, mit Zielen.

2. CHAOS, ORDNUNG UND ZIELE

Im Kontext des Begriffs Zufall wurden auch Begriffe wie Rauschen, Entropie und Chaos angesprochen. Diese Begriffe entstammen unterschiedlichen
Sprachspielen (Zufall – Mathematik, Rauschen – Akustik, Entropie – Physik,
Chaos – Mythologie (mit neueren mathematischen Deutungen)). In der
Diskussion wurden sie als letztlich gleichbedeutend behandelt, da sie Systemzustände beschreiben, in denen sich keine Regelhaftigkeiten beobachten
lassen. Insofern stellen diese Begriffe einen Gegenpol dar zu jeder Art von
Regelhaftigkeit, unabhängig davon, wie diese zustande kommt.
Regeln bilden die Bausteine für komplexere Ordnungen, die implizit
Zielsetzungen enthalten, Präferenzen, Wertentscheidungen. Solche Präferenzen
können einen konventionellen = arbiträren Charakter haben (z.B. Verkehrsregeln),
oder aber werthaftig sein im Sinne einer Normentscheidung, die die Alter-
native nicht-diskutierbar ausschließt (z.B. Grundgesetz Art.1: ’Die Würde
des Menschen ist unantastbar…’).
Werthafte Entscheidungen hängen von Wissen ab, mehr noch: von
Überzeugungen, dass A in einem nicht-diskutierbaren Sinne besser sei
als B.
Wenn solche Wertüberzeugen kompatibel sind mit einem nachhaltigen
Leben sind solche Wertüberzeugungen hilfreich. Falls nicht, sind sie nachhaltig destruktiv und tödlich. Beispiele für Wertüberzeugungen liefern viele
institutionell-religiöse System oder Populismen, in denen Wertüberzeugungen
das Handeln anleiten, ohne dass diese – in der Regel – selbst in Frage
gestellt werden werden dürfen (Gilt abgeschwächt auch für staatliche Verfassungen).
Im Bereich des Biologischen manifestiert sich in vielen Beispielen, dass Individuen nach bestimmten individuell festen Regeln miteinander komplexe soziale Systeme realisieren, die in ihrer Gesamtwirkung die Fähigkeiten
des einzelnen Individuums weit überragen. Die hier beobachtbaren Regel
sind – jede für sich – fest programmiert.
Menschen können solche festen Regelsysteme auch leben; allerdings
besitzen sie die zusätzliche Fähigkeit, solche Regelsysteme abzuändern.

3. INDIVIDUUM – SYSTEM

Als Individuum tendiert man dazu, die Welt aus der individuellen Perspektive zu sehen und zu bewerten. Auch ein möglicher Sinn wird in der individuellen Perspektive verankert. Tatsache ist aber, dass das Individuum
weitgehend nur als Teil eines größeren Zusammenhangs (Population, Art,…,
Umwelt, …) existieren kann. Wenn der größere Zusammenhang nicht auf
die Existenz des Individuums abgestimmt ist, hungert es, dürstet, friert, ist
schutzlos, ist hilflos, … Der je größere Kontext ist also möglicherweise der
wichtigere Sinnträger.

4. DEUTUNGSBILDER

Aufgrund der unterschiedlichen Sichten, die im Gespräch zutage traten,
wurde es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Worte, die jemand
benutzt, die sprachlichen Äußerungen, ihre intendierten Bedeutungen über
spezifische Bedeutungsbeziehungen beziehen, die unterschiedlichen Spiel-
regeln unterliegen können.
Eine philosophische Redeweise unterliegt anderen Spielregeln als eine
experimentell-wissenschaftliche Redeweise. Manches, was experimentell-
wissenschaftlich nicht gesagt werden kann, kann philosophisch gesagt wer-
den.
So kann man philosophisch Begriffe wie z.B. Geist, Psyche, und Seele
in bestimmten Kontexten benutzen, experimentell-wissenschaftlich sind diese
Begriffe aber nur schwer, wenn überhaupt, definierbar.
Entsprechend gehören auch biblische Redeweisen, wie man sie z.B.
im Buch Genesis des Alten Testaments zur Entstehung der Erde und des
Lebens lesen kann, einem ganz anderen Sprachspiel an als jene experimentell-
naturwissenschaftlichen Redeweisen über die Entstehung des physikalischen Universums und des biologischen Lebens auf dem Planet Erde.

5. AUSBLICK

Nach diesem sehr angeregten und intensivem Gespräch wurden als Themenwünsche für die nächste Sitzung am So 9.Dez 2017 genannt:

1. Was ist der Mensch? Einerseits ist der Mensch ein biologisches
Lebewesen, Teil des allgemeinen biologischen Lebens, andererseits
verfügt der Mensch über einige Eigenschaften, die ihn von den übrigen
Lebensformen unterscheiden. Welche sind dies? Was bedeutet dies?
2. Zukunft des Menschen: wie muss man sich die Zukunft des Menschen vorstellen? Was kann, was muss sich ändern, wenn das Leben
erhalten bleiben soll?
3. Wie soll man das Zusammenspiel von Mensch und Technologie in
der Zukunft sehen? In welche Richtung könnte sich der Mensch
verändern? In welche Richtung sollte er sich verändern? Inwieweit
kann die Technik hier helfen?
4. Ist es denkbar, dass sich das Bedürfnisprofil des Menschen in der
Zukunft ändert? Muss es sich nicht sogar ändern? Welche Bedürfnisse
sind eigentlich wichtig?

KONTEXTE

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EINLADUNG ZUR PHILOSOPHIEWERKSTATT. So 12.Nov. 2017, 15:00 – 18:00h, Sitzung Nr.29

JUBILÄUM: 5 Jahre Philosophie-Werkstatt !

Auch wenn es keine spezielle Feier geben wird, so sei doch angemerkt, dass vor ziemlich genau 5 Jahren, am 9.November 2013, die erste Philosophie-Werkstatt zum Blog ‚Philosophie Jetzt – Menschenbild‘ stattgefunden hat. Diese fünf Jahre zeichnen eine ‚Leuchtspur‘ von unterhaltsamen, anregenden, herausfordernden Gesprächen von sehr vielen unterschiedlichen Menschen. Lassen wir uns von der Zukunft weiter überraschen.

THEMA

Seit der letzten Philosophie-Werkstatt hat es viele Beiträge im Blog ‚Philosophie Jetzt – Menschenbild‘ gegeben, die das Thema mit der Wahrheit unterschiedlich weiter dekliniert haben.

Ein sehr grundlegender Beitrag ist jener mit dem merkwürdigen Titel „PLANET SOFTWARE, REISE ZUM. Philosophisch, Poetisch, …. Wer sich vom Titel nicht abschrecken lässt, wird in eine Weltsicht geführt, die das globale Phänomen der ‚Digitalisierung‘ mal ganz anders beleuchtet; vielleicht können Sie danach auch zustimmen, dass die Rede von der ‚Digitalisierung‘ eigentlich grob irreführend ist.

Eine andere Perspektive im Kontext der Wahrheitsfrage wird gerade im kommenden vierten Konzert der Philosophy-in-Concert Reihe ausprobiert. Dort kommen im Rahmen des philosophischen Konzerts zwei Computerprogramme zum Einsatz. Sie demonstrieren drei grundlegende Verhaltensweisen: (i) Zufälliges Verhalten (normalerweise wird es grandios scheitern, bei einer genügend großen Zahl wird es immer gewinnen); (ii) Ein Verhalten mit einer festen Regel (100% effektiv, wenn es passt, 100% Versagen, wenn es nicht passt); (iii) Eine Regel, die ‚lernen‘ kann: das klingt vielversprechend, wer aber ist der Lehrer/ die Lehrerin?

Lassen Sie sich überraschen, was am Sonntag zum Thema wird. Da kein Thema bei der letzten Sitzung festgelegt wurde (fest Regel :-)), darf jetzt gewürfelt werden (Zufall :-)). Wahrscheinlich wird der Zufall in diesem Fall ‚inspiriert‘ sein ….

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Einleitung und Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Prof.emeritus Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:30h GEDANKEN ZUM EINSTIEG

15:30 – 16:00h: REINKOMMEN: Erste Fragen, Kommentare, um in das Thema hinein zu kommen.

16:00– 16:20h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation)

16:20 – 16:30h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

16:30 – 17:15h: Erste GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:15 – 17:25h: BEWEGUNG, GETRÄNKE, REDEN

17:25– 17:55h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:55 – 18:00h:: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Siehe das MEMO zur Sitzung vom 12.Nov. 2017.

KONTEXTE

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