Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstaltungen (z.B. 'Meditation als kulturelle Praxis' und 'Kommunalplanung und Gamification. Labor für Bürgerbeteiligung') widme ich mich weiterhin der Fertigstellung eines Buches zum integrierten Engineering (uffmm.org), zur Erstellung einer SW-Plattform für diese Theorie als Anwendung für eine 'Experimentelle generative Kulturanthropologie' (uffmm.org) und der Weiterentwicklung meines philosophischen Ansatzes (cognitiveagent.org).

Der/Die Verschwörungstheoretiker*in neben dir. Emo-Meme haben wir alle … Corona – die große Gelegenheit

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 18.November 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Änderung: 19.Nov.202, 14:45h (Fallzahlen – Todeszahlen)

ES KOMMT NÄHER …

In diesem Blog habe ich schon viele Beiträge geschrieben, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, dass Menschen in sich ein Bild von der Welt aufbauen, an das sie so fest glauben, dass sie dafür sehr vieles — manche vielleicht sogar alles — zu opfern bereit sind, und dies, obwohl es viele andere gibt, die die Sache keinesfalls so sehen.

Nun ist dies nichts wirklich Neues: Sogenannte ‚Sektierer‘, ‚Dogmatiker‘, ‚Fundamentalisten‘, ‚Orthodoxe‘, ‚Fanatiker‘ usw. gab es schon immer und gibt es immer. Sie verurteilen andere Menschen, verfolgen sie, zensieren die Kommunikation, sperren sie ein, bringen sie um, sie werden zu Todbringenden Terroristen, führen Kriege …

Ohne hier in eine Fachdiskussion abzurutschen stellt sich das Problem aber für immer mehr Menschen direkt in ihrem Alltag, in ihren nahen Umgebungen, in ihren Familien. Die radikale Kluft wischen den 71 wählenden Republikanern und den 74 Mio anderen Wählern steht uns seit Monaten direkt vor Augen. Die Unversöhnlichkeit zwischen vielen ist erschreckend; der Riss geht durch die Familien, durch Arbeitsplätze…

In Deutschland kennen wir auch solche Blöcke, viele; zur Zeit aber reißt die Corona Krise neue Fronten auf. Unter dem Anti-Corona Label versammeln sich die unterschiedlichsten Gruppen. Die einen scheinen die Anti-Corona Diskussion nur zum Anlass zu nahmen, ihre schon immer bestehenden Motive unter dem Deckmantel von Corona mehr ausleben zu können. Für andere ist es eine Gelegenheit, ihre Unsicherheit, ihre Ängste in der aktuellen gesellschaftlichen Situation (Finanzen, Wirtschaft, Arbeit, Weltlage, Klima, …) anhand der Corona-Politik der Landes- und Bundesregierungen zu fokussieren, zu artikulieren.

Obwohl ich nicht gerade wenige Menschen kenne und schon immer auch mit Menschen zusammen lebe, die sehr unterschiedliche Meinungen im Vergleich zu mir vertreten, gibt es jetzt erstmals auch nahe Menschen, die sich der neuen Anti-Corona Bewegung angeschlossen haben. Die Argumente, die ich dabei zu hören bekomme, und die Verhaltensweisen, die ich beobachten kann, beunruhigen mich dann doch mehr als üblich.

Vereinfachend haben diese Menschen sich ein Bild von der Welt in ihrem Kopf zurecht gelegt, das sich an einigen wenigen Fakten und Personen festmacht, daraus eine umfassende Weltverschwörung ableitet, und alle, die ihre Meinung nicht sofort teilen, als ‚Verweigerer‘ abklassifizieren, als ‚Blockierer‘, als ‚uneinsichtig‘, und was es hier so an Formulierungen gibt. Unterm Strich haben diese Menschen also ein Weltbild, das auf einigen wenigen Quellen beruht und sie weigern sich, andere Quellen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, da diese ja sowieso alle ‚verseucht‘ seien. Eine perfektere Selbst-Immunisierung kann es nicht geben. Man kann es einen mentalen Lockdown bezeichnen. Im Alltag und in der Literatur gibt es dafür viele andere Begriffe und Bilder.

SO EINFACH IST ES …

Man braucht nicht in die großen Theorien der Psychologie, der Psychoanalyse und verwandter Wissenschaften einzusteigen, um sich dieses Phänomen konkret und plastisch vor Augen zu führen. Wir alle wissen aus unserem Alltag, dass es sie tatsächlich gibt, die berühmten Optimisten und Pessimisten: bei einem halb vollen Glas — oder vergleichbaren Situationen — werden die einen tatsächlich sagen, ja, ich habe noch ein halbes Glas zum Trinken, und die anderen werden tatsächlich darüber jammern, dass es nur noch halb voll ist. An jedem Arbeitsplatz gibt es die ‚Jammerer‘, die sich über alles und jedes beklagen, und dann jene, die Freude an ihrer Arbeit haben, die Verantwortung verspüren, die sich einsetzen wollen. Natürlich habe ich diese Szenarien auch ständig erlebt und erlebe sie immer wieder, je nachdem, in welche Abteilungen ich mich begebe. Wenn ich dann einen ‚Jammerer‘ frage, was wir denn tun können oder sollten, um die Lage zu verbessern, dann bricht das Gespräch in der Regel sofort ab oder es kommt eine lange Litanei, warum man ja doch nichts tun könne. Jammern scheint schöner zu sein, als sich konkret um Verbesserungen und um ‚Funktionieren‘ zu kümmern …

Was diese Situationen zeigen können, ist, dass die gleiche Situation von den einen im Bild ‚A‘ gesehen wird, von den anderen im Bild B oder gar ‚Nicht A‘. Dafür gibt es mindestens zwei Ursachen, die in jedem Menschen quasi ‚eingebaut‘ sind: (i) unser aktuelles Wissen ist grundsätzlich unvollständig; wir nehmen ja immer nur punktuelle Fragmente einer unfassbar großen Welt wahr und um zu überleben, müssen wir diese Fragmente im Lichte unserer bisherigen Erfahrungen ergänzen, deuten. Wir haben einen eingebauten Drang — bei einzelnen unterschiedlich stark ausgeprägt –, die Dinge im Zusammenhang zu sehen. Zugleich (ii) sind wir aber auch angefüllt mit allerlei Emotionen, Stimmungen, Bedürfnissen usw., die ich stark vereinfachend hier jetzt unseren EMO-Komplex nenne. Was immer wir wahrnehmen und Denken, der EMO-Komplex ist immer in der Nähe oder interagiert direkt mit unserem Wissen, unseren Erfahrungen. Eine der einflussreichsten Momente des EMO Komplexes ist bei vielen die ‚Angst‘ (in vielfältige Formen). Bei anderen kann dies eine ‚übersteigerte Selbstliebe‘ (Narzismus) sein, oder ‚Wut‘ oder, oder oder. Bei vielen ist es eine Mischung aus unterschiedlichen Momenten. Außerdem wissen wir, dass viele Momente des Emo-Komplexes unbewusst sind: sie sind da, sie beeinflussen uns, aber sie liegen unter der Wahrnehmungsschwelle; wir könnten sie eventuell indirekt wahrnehmen über unser Verhalten (einfacher Fall: jemand tut etwas Bestimmtes nie, obwohl dies nichts Besonderes wäre und es alle tun, dann kann dies ein Hinweis sein, dass es eine interne unbewusste Blockade gibt. Und wenn man sie darauf anspricht, erfindet sie ganze Geschichten, warum das nicht geht), aber derjenige, der die Blockade hat, wird dies von sich aus nicht tun; er ist ja gerade blockiert. Freunde*innen sind in solchen Situationen evtl. Gold wert, aber EMO-Faktoren sind sehr widerständig …

Jetzt kann man sich schon alleine an den fünf Fingern einer Hand ausrechnen, was mit Menschen geschieht, die ihre fragmentarische Weltwahrnehmung in unmittelbarer Nachbarschaft von z.B. Ängsten innerlich (unbewusst!) verarbeiten. Während der berühmte Optimist in den offenen Räumen eher mögliche Chancen wittert, vermutet der Angst-beeinflusste überall eher Gefahren. Und da Ängste auf Sicherheit drängen wird der Pessimist nach Bestätigung für seine Ängste suchen, und der Optimist nach Bestätigungen für seine Chancen. Der Rest ist ein Automatismus. Selbst hoch intelligente Menschen können bei solch einer Konstellation immer komplexere Angst-getriebene Weltbilder aufbauen.

An dieser Stelle möchte ich noch auf eine dritte Komponente (iii) aufmerksam machen, die uns quasi eingebaut ist: die Vielfalt des Wissens in unseren Köpfen ist nur dann realistisch, wenn wir uns zwingen, unsere Weltbilder immer wieder an der Realität zu überprüfen. Dies ist keinesfalls so einfach, wie es scheint. Viele der Begriffe, die wir mit unserer Sprache benutzen (‚Liebe‘, ‚Demokratie‘, ’soziale Marktwirtschaft‘, …) umfassen so viele einzelne Aspekte, die wiederum miteinander verwoben sind, dass es schwer bis vielleicht sogar unmöglich ist, diese Begriffe vollständig aufzuklären. Welch ein Schlaraffenland für Pessimisten: sie können sich mit ihren Fantasien an diesen Begriffen ‚austoben‘ mit den wildesten Anschauungen, ohne dass man sie dabei direkt hart kritisieren kann. Diese Begriffe sind in ihren Bedeutungen so ‚weich‘, dass fast alles gilt, was man sich ausdenkt. Wie fast alle Begriffe unserer Sprache, basieren die Bedeutungen der Begriffe auf gemeinschaftlichen Vereinbarungen, die sich an Situationen festmachen, die viel gemeinsamen Austausch brauchen, viel Vertrauen, und die bei Misstrauen und Missbrauch wehrlos sind. Pessimisten sind wahre Bedeutungskünstler: sie können jedem offenen Begriff ihre Bedeutung unterschieben, und für Nachfragen nach Bedeutungsklärung haben sie viele Gründe, warum gerade die Klärung, die man haben möchte auf keinen Fall geht. Je intelligenter der Pessimist, um so mehr Immunisierung ist möglich.

Wenn man mal vereinfachend abkürzend alle unsere Gedanken als Emo-Meme bezeichnet, dann gibt es also die positiven und die negativen Emo-Meme. Während positive Emo-Meme offen sind für Veränderungen, für Vermehrung, sind negative Emo-Meme aggressive Einzelgänger. Sie schotten sich ab, sie verklumpnen, sie sind wie die berühmten schwarzen Löcher der Physiker: sie saugen möglichst viel auf, aber aus einem negativen Emo-Mem (oder einer Wolke/ Population von solchen) kommt nichts mehr heraus. Die Welt wird immer schärzer, immer düsterer, immer furchtbarer, und sie haben die Tendnez, das, was es gibt, eher zu zerstören als aufzubauen.

EIN PAAR FAKTEN (Im Corona Kontext)

Die Welt der negativen Emo-Meme ist beliebig groß; jeder Pessimist trägt zu ihrer Vermehrung bei. Hier vorläufig zwei aus sehr vielen negativen Beispielen.

Der RKI-Präsident als Teil der Weltverschwörung

Neben Merkel und Drosten wird der Präsident des RKI, Professor Dr. Lothar H. Wieler, von vielen als Teil einer übergreifenden Verschwörung gesehen. Wer sich mal anschaut, wie groß und komplex das RKI ist [1], dann wird er eine sehr große Institution sehen mit hunderten von Spezialisten, die vernetzt sind mit Deutschland, mit Europa und weltweit, die nach Standards arbeiten, die sich ständig und überall kontrollieren und verifizieren müssen. Hier anzunehmen, dass eine Person diese unfassbar große und gute Institution manipulieren könne, der braucht schon eine gehörige Portion an Fantasie bzw. ein hohes Maß an ‚Wegschauen‘.

Bei einer normalen Grippe starben viel mehr als jetzt bei Corona

Für solch eine Behauptung benötigt man Zahlen. Die spannende Frage ist, wo kommen diese Zahlen her und wie soll man diese bewerten? Lässt man sich von pessimistischen Weltbildern nicht beirren sondern schaut nach, was das RKI in Zusammenarbeit mit einem riesigen Netzwerk in Deutschland, in Europa und weltweit zusammengetragen hat [2], das ist wohl das Umfassendste, was es dazu gibt. Hier wird sehr klar und detailliert darauf eingegangen, wie überhaupt Daten erhoben werden und welche Probleme es dabei gibt. Es wird hier auch klar unterschieden zwischen jenen Schätzzahlen, die sich durch Hochrechnungen für eine Übersterblichkeit (Exzess-Totesfälle) ergeben und jene durch Labore bestätigte Todesfälle.

Hält man sich an die härteren, wirklich durch Labore bestätigten Influenza Todesfälle, dann ergibt sich für die Saison 2017/2018 die Zahl 722, und für die Saison 2018/2019 die Zahl 1.674. Für Corona ergibt sich von Kalenderwoche 4 bis 42 die Zahl 9.848, das ist schon jetzt das 5.8-fache als bei Influenza, und 2018/19 war bislang die schlimmste Influenza-Periode. Dabei ist zu beachten, dass die Corona Epidemie (tatsächlich aber eine Pandemie, da weltweit nachweisbar) noch nicht zu Ende ist. Dies kann man an den Labor-bestätigten Corona-Toten sehen:

Von mir ins Bild gesetzte Zahlen des RKI für die Corona-Epidemie 2020 [3]

EPILOG

Natürlich könnte — und müsste — man Aufzählung sogenannter Anti-Corona-Fakten hier fortsetzen. Dies ist aber sehr zeitaufwendig und ich mache dies hier nur nebenher, da ich selbst gerade in einem ständig wachsenden Forschungsprojekt arbeite, das für uns alle eine neue Software bereitstellt, wie wir gemeinsam komplexe Prozesse besser verstehen und planen können, ohne zu programmieren, nur mit normaler Sprache, als Online-Service. Ja, es geht vieles, wenn man nur mal richtig nachdenkt und nicht …

RKI FALLZAHLEN UND TODESFÄLLE. Offene Frage

Ergänzend zu der vorausgehenden Statistik liefert das RKI viele weitere Statistiken. Interessant sind u.a. die kumulierten Zahlen der erkannten positiven Covit19 Fälle und dazu die Covit19 Todesfälle.[4] Einzelne Zahlenreihen habe ich aus diesen Tabellen entnommen und in Diagramme überführt.

Diagramm aus den Zahlen des RKI aus der angegebenen Tabelle [4]
Diagramm aus den Zahlen des RKI aus der angegebenen Tabelle [4]
Diagramm aus den Zahlen des RKI aus der angegebenen Tabelle [4]

Interessant ist der Sachverhalt, dass die kumulierten absoluten Covit19 Todesfälle zwar korrelierend zu den absoluten Covit19 Fällen auch steigen, dass aber der prozentuale Anteil der Covit19 Todesfälle an den kumulierten Covit19 Fällen deutlich abnimmt. In den nachfolgenden Diagramm mit absoluten Zahlen pro Kalenderwoche [KW] wird dies vielleicht noch deutlicher.

Aus der RKI Tabelle [4] die positiven Covit19 Fälle pro Kalenderwoche [KW] herausgerechnet und dann visualisiert
Aus der RKI Tabelle [4] die Todesfälle pro Kalenderwoche [KW] herausgerechnet und dann visualisiert
Man beachte die Verschiebung auf der Zeitachse gegenüber den Todesfällen: 1.Mai = KW18 [5]
Aus der RKI Tabelle [4] die positiven Covit19 Fälle pro Kalenderwoche [KW] herausgerechnet im prozentualen Anteil zu den positiven Covit19 Fällen und dann visualisiert

Es fragt sich, warum der prozentuale Anteil der Covit19 Todesfälle an den gemeldeten positiven Covit19 Fällen so stark zurück gegangen ist. Liegt dies (i) an mehr Fehlern beim Messen oder (ii) liegt dies an den verbesserten Behandlungsmethoden. Für (i) spricht, dass die Belegung der Intensivbetten sich kaum erhöht hat während die Fallzahlen sich mehr als verdreifacht haben. Gegen (ii) spricht, dass sich bei vergleichbarer Belegung der Intensivbetten sich die Anzahl der Covit19 Todesfälle nicht deutlich verringert hat. Dies wäre eine Frage für die Experten. Als Laie kann ich die Zahlen nur feststellen.

CORONA-LEUGNER UND FALLZAHLEN

Die Covit19 Fallzahlen werden ja von den Corona-Leugnern heftig kritisiert, da sie angeblich auf falschen Tests beruhen und nur dazu dienen, die Bevölkerung in Angst zu versetzen. In verschiedenen Dokumenten des RKI wird beschrieben, wie die Covit19 Fallzahlen erhoben und ausgewertet werden. Ein sehr komplexer Prozess mit vielen Parametern, die Fehler erzeugen können. Das fängt an bei den Quellen (Arztpraxis, Krankenhaus, andere), umfasst die Erhebungsmethode und den Übermittlungsweg, die genaue zeitliche Zuordnung der Daten, und vieles mehr. Unklar ist mir persönlich als ‚Laie‘ bislang, welche Tests auf welche Weise genau durchgeführt werden und inwieweit diese angewandten Tests (standardmäßig PCR-Test genannt; mittlerweile ergänzt um weitere Tests) ‚genau‘ sind. Das Auseinanderfallen der Zunahmerate von Fallzahlen und Intensivbetten kann Zweifel an der Bedeutsamkeit der Fallzahlen verstärken. Auch bei der Feststellung eines Toten als Covit19 Toten kann man Fragen stellen. Das RKI betont, dass nur solche Todesfälle als Covit19 Tote gewertet werden sollen, die unabhängig von allen anderen Faktoren eindeutig durch den Covit19 Erreger gestorben sind. Fragt sich, was das genau bedeutet? In der Regel scheint der Kontext der Aufenthalt in einer Intensivstation wegen Covit19 zu sein, auf der jemand dann verstirbt.

QUELLEN

[1] Homepage des RKI: URL: https://www.rki.de/; Organisation und Aufgaben: URL: https://www.rki.de/DE/Content/Institut/OrgEinheiten/orgeinheiten_node.html;jsessionid=4CDD66892DD516DC40B5854089F7C64A.internet091

[2] RKI AG Influenza allgemein: URL: https://influenza.rki.de/; Saisonberichte URL: https://influenza.rki.de/Saisonbericht.aspx; dort jede Epidemie gesondert mit ausführlicher Darstellung!

[3] Tabelle des RKI, URL: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/COVID-19_Todesfaelle.html

[4] Tabelle des RKI zu kumulierten positiven Covit19 Fällen und den kumulierten Covit19 Todesfällen für die Zeit 25.2. – 18.11.2020 URL: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Fallzahlen_Kum_Tab.html;jsessionid=8F1FA928937ED0949FE65EF60E21A947.internet091

[5] Betreiber des Intensivregisters ist das RKI URL: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Intensivregister.html. Das Intensivregister selbst findet sich hier: URL: https://www.intensivregister.de/#/intensivregister. Dort auch weitere Diagramme, z.B. der Anteil der von Covit19 Patienten belegten Intensivbetten.

ALLE BEITRÄGE VON CAGENT

Einen Überblick über alle Beiträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

BEFREIUNGSTECHNOLOGIE – Warum befreien wir uns nicht?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 14.November 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

LOCKDOWN BLUES

In vielen Ländern — und auch in Deutschland, bei ‚uns‘ — greifen die Regierungen wieder zur Maßnahme des Lockdown, wie es so schön Neudeutsch heißt. Nach ersten Erfolgen in der Bekämpfung von Corona im März wurde zwar vieles versprochen, was man tun wolle, um einen weiteren Lockdown zu verhindern, aber geschehen ist weitgehend nichts. Da ein Virus ein reales Etwas ist, kein volles Lebewesen aber doch zu Interaktionen mit lebenden Zellen fähig, und dieses Virus mit dem Lockdown im März nun mal nicht vollständig ausgerottet war, kam es, wie es kommen musste: mit der Erhöhung der Kontakte untereinander — und mit einer offensichtlich höheren Sorglosigkeit — konnte das Virus sich wieder stärker verbreiten. Bis die Zahlen so hoch waren, dass es kaum noch zu übersehen war, war es natürlich zu spät. Das Virus war schon wieder im vollen Kontakt-Rausch und tat das, was ein Virus so tut: sich im Wirt austoben.

Da die Regierungen weltweit und auch in Deutschland bislang eher ein Wegsehen praktiziert hatten oder eine Art ‚Stillhalten‘ blieb ihnen beim Wiederanstieg der Zahlen scheinbar nichts anderes übrig, als zu einem erneuten Lockdown zu greifen. Die unfähigen — da nur einseitig denkenden — Berater waren die gleichen und so ein Lockdown bot immerhin Gelegenheit sich als ‚Fürsorglich‘ für die ‚anvertraute Bevölkerung‘ darzustellen. (Viele anstehenden Wahlen bleiben bei einem normalen Politiker sicher nicht unwirksam: wer will sich nicht in Position bringen? Im Prinzip demokratisch gerechtfertigt, aber die Art und Weise des Handelns ist dadurch nicht festgelegt…) Die ansteigenden Zahlen helfen, Angst und Schrecken zu verbreiten und das Einsperren in private Bereiche erscheint so einfach.

Dass dieses ‚Einsperren‘ und ‚Einschränken‘ zu wirtschaftlichen Dramen und psychologisch bedrohlichen Krisen führen kann und führt, wissen mittlerweile alle. Dass das Verhindern von normaler wirtschaftlicher Tätigkeit die Grundlagen unserer Gesellschaft bedrohen, sollten auch alle wissen. Dass das Hinausschleudern von Milliarden Euro ohne Konzept der Refinanzierung für die Zukunft nichts Gutes verheißt, könnten auch alle wissen. Dass man Ausgaben so tätigen sollte, dass sie unsere Ausgangsposition für die Zukunft mindestens halten, wenn nicht verbessern sollten, das verstehen viele Politiker — insbesondere auch viele Minister — nicht besonders gut.

FALSCHE PROGNOSEN?

Natürlich gibt es nicht erst seit heute Ansätze, die Dynamik der Ausbreitung von Krankheitserregern wissenschaftlich zu erfassen und im Computer zu simulieren (siehe z.B. [3]). Solche Simulationen können hilfreich sein, wenn man sie richtig einsetzt. Das Grundproblem aller Simulationen besteht aber darin, dass sie Annahmen darüber machen müssen, was sie als Ausgangslage und als Eigenschaften möglicher Veränderungen ansehen. Solange es sich bei dem Gegenstandsbereich um Faktoren handelt, die weitgehend deterministisch sind, d.h. sich durch Regeln beschreiben lassen, die wenig Abweichungen (Freiheitsgrade) unterstellen, dann kann eine Hochrechnung mögliche zukünftige Situationen berechnen, die so oder ähnlich mit einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit eintreten könnten. Sobald aber Faktoren in der Ausgangslage und in den möglichen Veränderungen auftreten, die im Laufe der Zeit stark von den ursprünglichen Annahmen abweichen, dann stimmen diese Hochrechnungen nicht mehr.

Wenn also z.B. Menschen zum Gegenstandsbereich gehören die zu Beginn einer Epidemie aufgrund von Unkenntnis der Situation falsche Verhaltensweisen zeigen (im Fall von Corona z.B. kein Abstand, keine Masken, keine Raumlüftung usw.), dann kann sich der Krankheitserreger u.U. exponentiell verbreiten. Dann können mathematische Modelle entsprechende Hochrechnungen liefern. Sobald die Menschen aber lernen, wie der Krankheitserreger funktioniert, und sie zusätzlich aufgrund ihrer Kreativität und ihrer technologischen Kapazität mögliche Schutzmechanismen erfinden können, verändert sich die Ausgangslage, verändert sich die Dynamik. Dann passt das mathematische Modell nicht mehr; die Hochrechnungen werden grob falsch.

Das Lernen zeigt immer deutlicher auf, dass die Quellen für die Ansteckung vornehmlich die Haushalte sind (60 – 70%) und die Freizeit (ca. 20%). Starke Quellen sind außerdem alle Orte, wo Menschen länger auf engem Raum verweilen müssen (Gefängnisse, Wohnheime, Pflegeheime, bestimmte Typen von Unternehmen, Schulen…). (Siehe z.B. [0] – [2]).

DEMOKRATIE STATT DIKTATUR

Während Diktaturen Menschen, ganze Stadtteile, Städte oder gar Regionen einfach mal weg sperren können, ist dies in Demokratien eigentlich grundsätzlich nicht möglich. Geschieht es doch (z.B. Deutschland, die meisten Länder in Europa), dann ist dies grenzwertig. Das Motto ‚Sicherheit über Freiheit‘ wurde durch terroristische Vorfälle seit spätestens 9/11 stark strapaziert und eine Abgrenzung zu einem totalitären Regime ist in der Situation kaum wirklich möglich. Selbst in Deutschland kann man beobachten, wie die Parlamente erlahmen in der Eingrenzung der staatlichen Übergrifflichkeit gegenüber der Freiheit der Bürger. Corona gehört auch in diesen Kontext. Wenn das erstmalige — mehr oder weniger überraschende — Auftreten von Corona vielleicht noch das eine oder andere entschuldigt haben mag, so ist die Leichtigkeit, mit der solche Lockdowns wiederholt werden — und gleichzeitig Gesetze zu Gunsten der Verfügungsgewalt der Regierung unbemerkt von der Öffentlichkeit verabschiedet werden (Siehe [5], [6]) — besorgniserregend und sollte uns alle wachrütteln.

INGENIEURE KÖNNEN HELFEN

Wie in der Analyse der Übertragungsbereiche und Übertragungswege deutlich wird (Siehe [2]) machen Maßnahmen eigentlich nur Sinn, wenn es (i) ein möglichst klares Bild über diese Bereiche und Wege gibt und (ii) man sich gezielt überlegt, wie man sich im jeweiligen Abschnitt verhalten sollte. Dann besteht sowohl für den einzelnen Bürger, wie auch für die Gesundheitsbehörden, die Möglichkeit, bewusst und angstfrei mit geringem Aufwand damit umzugehen und die Industrie kann gezielt Vorrichtungen entwickeln, die eine alltagsnahe Anti-Corona Strategie unterstützen.

BEISPIEL

Falls jemand schon Corona Viren in sich trägt und zu Hause ist, wird es kaum Schutzmöglichkeiten geben, solange man sich ‚wie üblich‘ verhält. Wenn jemand aber noch kein Virenträger ist, und er verlässt seine Wohnung, dann kann schon das ungelüftete Treppenhaus eines Mehrparteien Hauses ohne Maske zur Risikozone werden (Aerosole können sich sehr lange in der Luft halten (Siehe z.B. [12]-[14]). Sitzt man in seinem Auto wird es erst interessant, wenn man sein Auto wieder verlässt und Firmenräume betritt oder einen Einkaufsbereich (oder ein Restaurant, einen Kunstraum, …). Die primäre Gefahrenquelle ist hier die Übertragung durch die Luft (Stichwort: Aerosole). Gute Masken können hier begrenzt schützen, Lüftung durch das Öffnen von Fenster sind erwiesenermaßen auf Dauer nicht ausreichend; wirkliche Hilfe gibt es erst durch neuere Luftaustauscher, die eine völlige Umwälzung garantieren können.(Siehe [11]). Nach dem Verlassen der Räume empfiehlt es sich, die Hände zu reinigen. Da kaum ein Geschäft oder Büroraum eine zuverlässige Handdesinfektion anbietet, sollte man in seinem Auto über Desinfektionsmittel, auch Tücher, verfügen (im Kofferraum?), um vor dem Weiterfahren Hände und Autoschlüssel zu desinfizieren. Wieder zu Hause sollte man nach dem Betreten als erstes wieder die Hände desinfizieren (Haustür, Treppengeländer, Wohnungstür, …). Alle mitgebrachten Gegenstände zu desinfizieren (speziell bei Lebensmitteln) ist praktisch kaum möglich, oder doch?(Siehe [15])

DIE REGIERUNG SOLL IHREN JOB MACHEN … und wir natürlich auch

Statt also unspezifisch in den Bürgern Ängste zu schüren und flächendeckende Maßnahmen ohne Klärung der Details anzuordnen, sollte die Regierung ihren Job machen und alltagsnah mögliche Übertragungswege identifizieren und die Bürger mit praktischen Ratschlägen und eventuell mit geeigneten Hilfsmitteln unterstützen. Die Beibehaltung des Alltagsbetriebs und zielgerichtete Maßnahmen sind vermutlich effektiver als das aktuelle blinde um sich schlagen.

ALSO

Aktuell kann der Eindruck entstehen, die Regierung macht aus den Bürgern unmündige Kinder, die man nur über Angst und durch stark einschränkende Kontrollmaßnahmen zu ihrem Glück zwingen kann. Sie selbst aber unterlässt viele notwendige Maßnahmen, die aufklären und helfen könnten. Bei geeigneter Aufklärung könnten die Bürger sich leicht selbst helfen, könnten sie darin ihre Würde und ihre Sicherheit als demokratische Bürger zurück finden. Letztlich wird sich die Krise nur lösen lassen, wenn alle mitmachen. Dies erfordert aber einen modernen demokratischen Führungsstil, den die aktuelle Politikergeneration — so der Eindruck — irgendwie nicht zu kennen scheint. Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit … ein Leitspruch der Washinton Post aus den letzten vier Jahren …

QUELLEN

(Achtung diese Quellenangaben sind eine kleine Auswahl aus ganz vielen Artikeln, die hier einschlägig sind; ich bin kein Experte für Corona!!!)

[0] orf.at, Die drei Haupttreiber der Pandemie, 22.10.2020 20.00, URL: https://science.orf.at/stories/3202478/

[1] AGES – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH, URL: https://www.ages.at/themen/krankheitserreger/coronavirus/epidemiologische-abklaerung-covid-19/

[2] The engines of SARS-CoV-2 spread, Elizabeth C. Lee, Nikolas I. Wada, M. Kate Grabowski, Emily S. Gurley and Justin Lessler, Science 370 (6515), 406-407, published: 23.Oct 2020, DOI: 10.1126/science.abd8755

[3] NIH Public Access, Innov J. 2011 ; 16(1): Information Integration to Support Model-Based Policy Informatics, Christopher L. Barrett, Stephen Eubank, Achla Marathe, Madhav V. Marathe, Zhengzheng Pan, and Samarth Swarup, Network Dynamics and Simulation Science Laboratory, Virginia Bioinformatics Institute, Virginia
Tech, Blacksburg, Virginia 24061

[4] Jorda, Oscar, Sanjay R. Singh, and Alan M. Taylor. 2020. „Longer-Run Economic Consequences of Pandemics,“ Federal Reserve Bank of San Francisco Working Paper 2020-09. Available at https://doi.org/10.24148/wp2020-09

[5] URL: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2020/kw45-de-terrorismusbekaempfung-802464

[6] zeit-online, Überwachung. Das Wasser kocht schon. Der Bundestag hat mal wieder neue Überwachungsgesetze beschlossen – warum interessiert das niemanden mehr?
Ein Kommentar von Kai Biermann, 6.November 2020

[7] Wissenschaft.de, https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/mit-blaulicht-gegen-bakterien-2/, 29.Januar 2013

[8] MEDILIGHT Press Release : Blue light for chronic wound healingBerlin, May 2017 –Being in its third year, theMEDILIGHT project,whichaims to develop a medical device for professional wound care,already brought about interesting research resultsin itsbiological part. URL: https://www.csem.ch/pdf/46428

[9] scinexx, 3.April 2019, Daniela Albat, Mit blauem Licht gegen Superkeime? Bestrahlung könnte MRSA-Erreger anfälliger für antibakterielle Mittel machen, URL: https://www.scinexx.de/news/medizin/mit-blauem-licht-gegen-superkeime

[10] Advanced science, Adv. Sci. 2019, 6, 1900030, Photolysis of Staphyloxanthin in Methicillin-Resistant Staphylococcus aureus Potentiates Killing by Reactive Oxygen Species,
Pu-Ting Dong, Haroon Mohammad, Jie Hui, Leon G. Leanse, Junjie Li, Lijia Liang, Tianhong Dai, Mohamed N. Seleem, and Ji-Xin Cheng, URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/advs.201900030 (Viele weiterführende Literatur, die diesen Artikel zitiert).

[11] Spiegel, 30.10.2020, Jens Radü, Mobile Raumluftfilter – die Winter-Wunderwaffe? Geschlossene Räume sind ein Treiber der Corona-Pandemie. Christian Kähler erforscht, wie sich Aerosole ausbreiten – und erklärt, ob kleine Raumluftfilter zu Hause gegen Viren helfen.

[12] medRxiv preprint doi: https://doi.org/10.1101/2020.08.03.20167395 ; this version posted August 4, 2020: Viable SARS-CoV-2 in the air of a hospital room with COVID-19 patients John A. Lednicky, PhD, Michael Lauzardo, MD, Z. Hugh Fan, PhD, Antarpreet Jutla, PhD, Trevor B. Tilly, PhD, Mayank Gangwar, Moiz Usmani, Sripriya Nannu Shankar, Karim Mohamed, Arantza Eiguren-Fernandez, PhD, Caroline J. Stephenson, Md. Mahbubul Alam, Maha A. Elbadry, PhD, Julia C. Loeb, Kuttinchantran Subramaniam, PhD, Thomas B. Waltzek, PhD, Kartikeya Cherabuddi, MD , J. Glenn Morris, Jr., MD, and Chang-Yu Wu, PhD

[13] medRxiv preprint doi: https://doi.org/10.1101/2020.08.03.20167395 ; this version posted August 4, 2020: Viable SARS-CoV-2 in the air of a hospital room with COVID-19 patients, John A. Lednicky, PhD, Michael Lauzardo, MD, Z. Hugh Fan, Ph, Antarpreet Jutla, PhD,Trevor B. Tilly, PhD, Mayank Gangwar, Moiz Usmani, Sripriya Nannu Shankar, Karim Mohamed Arantza Eiguren-Fernandez, PhD, Caroline J. Stephenson, Md. Mahbubul Alam, Maha A. Elbadry, PhD, Julia C. Loeb, Kuttinchantran Subramaniam, PhD, Thomas B. Waltzek, PhD, Kartikeya Cherabuddi, MD, J. Glenn Morris, Jr., MD, and Chang-Yu Wu, PhD

[14] Eine Schätzmodell für die Verteilung von Aerosolen und ihren Wirkungen auf die Menschen in den Räumen: https://docs.google.com/spreadsheets/d/16K1OQkLD4BjgBdO8ePj6ytf-RpPMlJ6aXFg3PrIQBbQ/edit#gid=519189277 (In diesem Spreadsheet ganz viele Fachliteratur über Links)

[15] Heraeus, UV-Lampen zur Entkeimung. Standard-Niederdrucklampen von Heraeus: URL: https://www.heraeus.com/media/media/hng/doc_hng/products_and_solutions_1/uv_lamps_and_systems_1/uv_niederdruckstrahler.pdf

[16] nature, 10.Nov.2020: This is an unedited manuscript that has been accepted for publication. Nature Research are providing this early version of the manuscript as a service to our authors and readers. The manuscript will undergo copyediting, typesetting and a proof review before it is published in its final form. Please note that during the production process errors may be discovered which could affect the content, and all legal disclaimers apply: Mobility network models of COVID-19 explain inequities and inform reopening, Serina Chang, Emma Pierson, Pang Wei Koh, Jaline Gerardin, Beth Redbird, David Grusky, Jure Leskovec. URL: https://www.nature.com/articles/s41586-020-2923-3

[17] SEIR-Modell, Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/SEIR-Modell

[18] RKI, 20.3.2020, Modellierung von Beispielszenarien der SARS-CoV-2-Epidemie 2020 in Deutschland, an der Heiden, Matthias und Buchholz, Udo, URL: https://edoc.rki.de/handle/176904/6547.2

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Die USA sind wieder die USA ! ? 71 Mio Realitäten. Wie heilen?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 9.November 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

… WIEDER DIE USA ! ?

Als die Auszählungsergebnisse am Samstag den 7.November 2020 nach üblichen Kriterien feststanden, dass klar war, dass Joe Biden und Kamala Harris uneinholbar gewonnen haben, da brach in vielen größeren Städten spontan Jubel aus; die große Anspannung der ganzen Wahlzeit, zusätzlich verstärkt durch den langsamen Auszählungsprozess, machte sich Luft.

Im Ausland, vor allem in Deutschland [DE], wo der Stil von Präsident Trump bei sehr vielen ein anhaltendes Entsetzen ausgelöst hatte, brach auch spontan Begeisterung aus: endlich ist dieser Alptraum vorbei.

Mit dem ersten offiziellen Auftreten von Kamala Harris und Joe Biden am Samstag 7.November 2020 um 8 pm ET (hier bei uns in Deutschland war es dann schon der 8.November 2020 um 2.00h morgens) waren dann nicht nur die 74 Mio Wähler von Joe Biden und Kamala Harris ‚versöhnt‘ und begeistert, sondern auch die vielen in DE, die mit dem Stil von Trump nicht klar kamen.

Für einen Moment, in diesem emotionalen Moment mit den dazu passenden Worten der Ansprachen, konnte man den Eindruck gewinnen — speziell auch in DE –, dass die USA wieder die USA sind, wie sie vor Trump waren; schon lange nicht mehr nur der ‚weiße Ritter‘, der die Welt im zweiten Weltkrieg und danach gegen ‚das Böse‘ angeführt hatte, sondern auch mehr und mehr ein Herrschaftssystem von wenigen Machtgruppen, denen nichts mehr ‚heilig‘ erschienen, außer sie selbst, und ’sie‘ das war immer weniger große Teile der US-amerikanische Bevölkerung, sondern immer mehr einige wenige Machtgruppen, die sich ungehemmt ausleben konnten, auch gegen die eigene US-amerikanische Bevölkerung.

Der Stil des Auftretens von Biden & Harris erinnerte an die großen demokratischen Werte und Tugenden, an Dinge, an die man auch in DE gerne glaubt, und ja, man konnte für einen Moment, in diesem Moment (mich als Autor eingeschlossen) das Gefühl haben, die ‚USA sind wieder die USA‘ vor Trump…

ABER

die USA vor Trump waren schon — wie eben angedeutet — keine reine Lichtgestalt gewesen, und auch ein Präsident Obama bot Anlass für viel Kritik.

Und dann gab es und gibt es weiterhin die 71 Mio realen Bürger, die Trump gewählt haben. Was immer die Trump-Gegner sich denken, sich gedacht haben, 71 Mio reale Menschen sagen und sehen es anders.

Ein realer Bürger hat immer eine reale Meinung, die ihn ‚von innen ausfüllt‘, die zum Ausdruck bringt, wie er/sie/x die Welt ’sieht‘, nicht einfach nur Sachverhalte, wie sie sind, sondern Sachverhalte, so wie er/sie/x diese Sachverhalte sieht, eingebunden in Deutungen, in Wertungen, abgesichert durch viele starke Emotionen unterschiedlichster Art.

Solche realen Meinungen kann man in der Regel nicht ‚einfach so‘ Aus- oder Einschalten, nicht einfach so ‚ändern‘. Sie sitzen in der Regel sehr tief, sind verankert in einer konkreten Alltagserfahrung, in sozialen Beziehungen, angetrieben durch tief sitzende Ängste um das, was man das eigene Leben, die eigenen Werte nennt.

Und ‚Werte‘, ‚interpretierende Anschauungen‘, lassen sich in der Regel so gut wie gar nicht ‚einfach mal so‘ ändern. Ein überzeugter Evangelikaler, ein überzeugter orthodoxer Jude, ein überzeugter Waffenbesitzer, ein überzeugte Rassist, ein überzeugter Kapitalist, —- sie alle tragen in sich Anschauungen, die weitgehend immun sind gegen den Rest der Welt, darum sind sie so, wie sie sind. … und in diesem Punkt unterscheiden sie sich nicht von all den anderen, die andere inhaltliche Positionen vertreten, weil sie von diesen ‚überzeugt‘ sind. Die Struktur des ‚Überzeugtseins‘ ist überall die gleiche, auch wenn die Inhalte variieren können.

UNGLEICHZEITIGKEIT (?) DER VERSCHIEDENHEIT

Die meisten Menschen, die ‚überzeugt‘ sind, sind ‚Vertreter einer bestimmten Meinung‘, und diese Meinungen können sich inhaltlich unterscheiden bis hin zum scheinbaren totalen Widerspruch. Meinungen offenbaren sich oft als ‚Unterschiede‘, die erlebbar sind, die sich auswirken, die zur gleichen Zeit stattfinden, darin ihre Wirkung, ihre Kraft entfalten. Diese Gleichzeitigkeit der Unterschiede können wir als ‚ungleichzeitig‘ empfinden, als ‚zur falschen Zeit am falschen Ort‘. Aber es ist nicht die falsche Zeit, es ist nicht der falsche Ort: es ist unsere Gegenwart, ‚unsere gemeinsame Zeit‘, unser ‚gemeinsamer Ort‘. Einen anderen Ort, eine andere Zeit gibt es nicht; das war schon immer so. Und es gibt im gesamten Universum nur diese eine Erde mit diesem einen Leben, auch wenn wir so gerne erfahren würden, dass es doch woanders auch Leben gibt … das würde ein wenig den ‚Druck‘ von uns nehmen, den ‚Erwartungsdruck‘, den Gluthauch der ‚Verantwortung‘. Wenn es nur einen gemeinsamen Ort, eine gemeinsame Zeit, eine solche Erde im Universum gibt, dann sind Unterschiede kein einfacher Unfall; dann können Unterschiede eine Chance für etwas ‚gemeinsames Besseres‘ sein oder der Beginn einer wechselseitigen Zerstörung.

AMBIVALENTE TOLERANZ

Das Prinzip der Toleranz ist von daher ambivalent: es erlaubt zwar Unterschiede ohne dass diese sich vor anderen — und auch nicht vor sich selbst — ‚rechtfertigen‘ müssen, aber in diesem ‚Sich-nicht-rechtfertigen-müssen‘ liegt auch der Keim zur Verfestigung der Unterschiede in einer Weise, die dann nur noch die ‚Zerstörung des Anderen‘ zulässt. Die vielen Terroranschläge in dieser Welt, die vielen Unterdrückungskriege, die Gleichschaltung von Medien, die Unterdrückung von Meinungsfreiheit usw. dies alles sind ja keine Zufälle sondern die Auswirkungen von konkreten realen Anschauungen, die sich in konkreten realen Menschen ‚gebildet‘ haben und die diese Menschen real beherrschen. Zwar ist jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad Gefangener seiner aktuellen Anschauungen, aber grundsätzlich können Menschen dazu lernen, sie besitzen die grundlegende Fähigkeit, bestehende Anschauungen zu ändern, wenn sie sich als ungünstig oder gar falsch erweisen. Wenn aber diese grundlegende Lernfähigkeit so stark verkümmert, dass Lernen gar nicht mehr stattfindet bzw. ein Mensch sich so in seine aktuellen Anschauungen ‚eingräbt‘, dass Lernen auch nicht mehr stattfinden kann, dann wird es letztlich unmöglich, mit solch einem Menschen in einer ‚offenen Weise‘ zu reden. Alles, was dazu führen könnte, die eigene Meinung zu ‚ändern‘ ist dann ‚vermint‘, so dass mögliche Fragen an die eigene Überzeugung im Kopf, mental, kognitive, emotional abgeblockt sind. Es gibt nicht nur die ‚falsch programmierten Roboter‘ in der Science Fiction Literatur; es gibt schon immer auch die mental und emotional fixierten Menschen, die ihre grundlegende Fähigkeit zum realen Lernen verloren haben. Ja, wir Menschen können irren, wir können unsere Fähigkeit zum Lernen verlieren, und wir behalten trotzdem unsere anderen Fähigkeiten wie z.B. zu töten, andere zu verfolgen, zu foltern, ganz und gar auszulöschen. Ein tief liegender Mechanismus, der in uns als Tendenz angelegt zu sein scheint.

NICHT NUR DIE USA

Die Realität der anderen Menschen mit ihren realen anderen Meinungen und ihrer geringen bis scheinbar völlig abwesenden Fähigkeit, miteinander ‚offen‘ reden zu können, erscheint nicht nur in den USA mit 71 Mio : 74 Mio real in Frage gestellt. Wir finden diese schroffen Gegenüberstellungen in immer mehr Ländern, auch in DE!

Laut Verfassung gilt in der DE Toleranz, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit usw., die Würde des Menschen sei unantastbar, aber dieser ‚formale Rahmen‘ wird starken Belastungsproben ausgesetzt, wenn diese Toleranz Meinungen erduldet, die in sich nicht tolerant sind, die in sich die ‚Würde des Menschen‘ in einer Weise interpretieren, wo man nicht mehr weiß, worin denn jetzt die Würde bestehen soll.

DIE ‚NATUR‘ DES MENSCHEN

Diese wechselseitigen In-Frage-Stellungen sind keine Panne, kein Betriebsunfall, sondern sie sind im Wesen der menschlichen Freiheit und der Fähigkeit zum Lernen angelegt: wir können nicht nur — um zu überleben — neue Weltbilder ausbilden, wir können uns auch in diesen Unterschieden verhakeln, verstricken, uns darin fesseln und darin verirren. Das Geschenk der Freiheit liefert keine definitive Betriebsanleitung mit, wie wir unsere Freiheit in jeder Epoche neu justieren sollen. Die Kunst ‚gemeinsam Freiheit zum Wohle aller‘ nutzen zu können muss selbst gelernt werden, immer wieder, neu. Eine ‚Kultur der Wahrheit‘ kann helfen, ist vielleicht sogar grundlegend notwendig, aber eine solche ‚Kultur der Wahrheit‘ ist ein fragiles Gebilde: entweder machen alle mit oder sie löst sich schlicht auf; dann ist sie einfach weg, und alleine hat noch nie irgend jemand ‚wahr‘ leben können.

Ein einzelner Mensch existiert nur, weil unser Körper aus einer unfassbar großen Zahl an einzelnen Zellen besteht (so ungefähr 120 Galaxien im Format der Milchstraße mit Zellen statt Sonnen), die in jeder Sekunde quasi ‚lautlos‘ kooperieren mit einer vergleichsweise geringen Energieaufnahme und wenig Abfall …. Es hat 3.5 Milliarden Jahre gedauert, bis diese Zellen diese unfassbare Leistung gelernt haben. Wie viele Jahre werden wir als Menschen (homo sapiens) brauchen, um miteinander in Freiheit, Wahrheit und gemeinsamer Solidarität so leben zu können, dass wir uns gemeinsam ‚Zukunftsfest‘ (nachhaltig, resilient, …) machen können?

SIE WOLLEN HEILEN …

Biden & Harris haben mehrfach gesagt, sie wollen die Spaltungen nicht vertiefen, sondern sie wollen ‚heilen‘. Auch bei uns wollen die, die es ‚gut meinen‘, die anderen ‚heilen‘. Aber was kann ‚heilen‘ bedeuten? Wenn die jeweils anderen ihren Standpunkt nicht ändern wollen — warum sollten sie? –, was tut dann der ‚Heiler‘? In früheren Zeit haben die einen, die stärker waren, die anderen einfach ‚abgeschlachtet‘ oder so unter Kontrolle genommen — kolonisiert –, dass sie ihre Andersheit nicht mehr voll ausleben konnten.

Haben wir mittlerweile irgend etwas gelernt, was anders ist? Bei 71:74 wäre es gut, wenn es Wege geben würde, die alle mitnehmen, auch bei uns in DE.

Die Würde des Menschen liegt nicht als Industriestandard vor. Jede Zeit muss neu bestimmen, was sie sich darunter real vorstellen will. Ein Verfassungsgericht kann nur handeln, wenn klar ist, was die aktuelle Zeit weiß, was sie sich darunter vorstellt, andernfalls besteht die Gefahr, dass auch die Richter ‚willkürlich‘ handeln …

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Kognitive Ungleichzeitigkeit, – Distanz, Kognitiver Widerstand, und regellose Wörter. Eine Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 24.Oktober 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

Letzte Änderung: 25.Oktober 2020, 12:20h

ÜBERBLICK

Man kann das Weltgeschehen beispielhaft aus der Perspektive des Wissens betrachten, das sich in den einzelnen Gehirnen vorfindet. Einige Wissenschaften sprechen in diesem Fall auch von der kognitiven Dimension. Im folgenden Text soll der Blick auf solche Phänomene gelenkt werden, die wir als Kognitive Ungleichzeitigkeit, als Kognitive Distanz oder als Kognitiven Widerstand bezeichnen können. Dies in Beziehung gesetzt zu der Art und Weise, wie wir die Wörter unserer Sprache mit Bezug auf die Welt benutzen. Im Text wird der Fall der regellosen Wörter betrachtet.

KOGNITIVE UNGLEICHZEITIGKEIT

Im Zusammenhang mit den Wahlen in den USA am 3.November 2020 kann man von außerhalb der USA den Eindruck gewinnen, dass die potentiellen Wähler stark divergierende Weltbilder mit sich herumtragen, was sich darin ausdrückt, dass sie den Zustand ihres Landes, die Beziehungen der USA zu anderen Staaten und das Verhalten des amtierenden Präsidenten nicht nur unterschiedlich, sondern vielfach geradezu konträr beurteilen. Ich bin kein Spezialist für die USA. Aus verschiedenen Dokumentationen über die eher ländlichen Gebiete, die weitgehend als Anhänger des amtierenden Präsidenten gelten, und aus verschiedenen Beiträgen über diese Wähler, in denen jeweils die potentiellen Wähler selbst zu Wort kamen, konnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich überwiegend um ‚ganz normale Leute‘ handelt, keineswegs auffällig extrem oder radikal, sehr stark evangelikal geprägt, sehr familienorientiert, denen das Leben in den eher städtischen Regionen und das dort herrschende Lebensgefühl eher fremd erscheint, konträr zu ihrem ländlich-evangelikalem Weltbild. In sich ’stimmig‘ und menschlich verständlich steht dieses Weltbild aber in mittlerem bis starkem Kontrast zu Weltbildern in den eher Großstädtisch, technisch und Finanzmarkt-geprägten Weltbildern anderer Regionen. Welches dieser Weltbilder ‚besser‘ ist als das andere steht hier nicht zur Debatte; zur Debatte steht das Faktum der parallelen Existenz der unterschiedlichen Weltbilder. Das evangelikale führt sich zurück auf eine Zeit bis vor 2000 Jahren, das Städtische-technische-finanzmarktmäßige hat eine kürzere Geschichte.

Neben den evangelikalen Weltbildern gibt es z.B. auch muslimische Weltbilder, jüdische, hinduistische, buddhistische, dazu die unterschiedlichen Weltbilder der Ureinwohner, alle mit einer langen Geschichte, die in der Folgezeit um viele neuere Weltbildern ‚ergänzt‘ wurden.

Schaut man in andere Länder unserer Erde findet man dies auch, und zwar in jedem Land.

Wenn man nicht vorschnell eine große Bewertung startet, dass das eine ‚besser‘ sei als das andere, haben wir zunächst einmal die Sachlage einer großen Verschiedenheit, die aus unterschiedlichen historischen Prozessen gespeist wird.

KOGNITIVE DISTANZ

Psychologen — und andere empirische Disziplinen — haben zahllose Techniken entwickelt, wie man die Inhalte dieser Weltbilder messen und quantifizieren kann. Dadurch kann man sowohl ein Maß für die Verschiedenartigkeit entwickeln wie auch, darauf aufbauend, ein Maß für die Distanz zwischen verschiedenen Weltbildern. So besitzen z.B. jüdisch-christlich-muslimische Weltbilder eine größere inhaltliche kognitive Nähe als z.B. eines dieser Weltbilder mit dem Buddhismus, oder ein modernes naturwissenschaftlich motiviertes Weltbild zu einem evangelikal motivierten Bild.

Auch hier, wohlgemerkt, folgt daraus keine ‚Bewertung‘ eines ‚Besser‘ oder ‚Schlechter‘. Zunächst einmal sind diese Weltbilder verschieden in unterschiedlichem Ausmaß. Es gibt ja auch Weltbilder die wir als ’sozialistisch‘ bezeichnen, als ‚kommunistisch‘, als ‚liberal‘ oder dergleichen.

KOGNITIVER WIDERSTAND

Unabhängig von einer Bewertung in ‚besser‘ oder ’schlechter‘ lässt sich allerdings beobachten, dass die kognitive Distanz zwischen zwei real existierenden Weltbildern nicht neutral zu sein scheint. Die Träger eines Weltbildes A, das eine kognitive Distanz zu Trägern eines Weltbildes B aufweist, tendieren sehr oft dazu, diese Distanz, die als Verschieden, Anders empfunden wird, negativ zu sehen, als abzulehnendes Weltbild, was unterschiedliche Formen der Abgrenzung bedeuten kann; im radikalen Fall werden die ‚anderen‘ verfolgt, unterdrückt, ausgelöscht (dazu kennen wir zahllose Beispiele aus der Gegenwart und Vergangenheit).

Das Paradoxe an solchen kognitiven Widerständen ist, dass es oft gar nicht klar ist, ob das als ‚anders‘ empfundene Weltbild tatsächlich falsch oder schlecht ist; es reicht, dass es anders ist. Entsprechend wird die eigene Position fast nie kritische untersucht; die eigene Position wird wie selbstverständlich als auf jeden Fall richtig vorausgesetzt. Eine Diskussion darüber, ob dies überhaupt stimmt, findet gar nicht statt bzw. wird sogar unterdrückt.

Warum gab es z.B. noch nie ein Konzil der Religionen mit der ernsthaften Absicht, aus den Unterschieden das Gemeinsame herauszufinden oder nach den Ursachen für die Verschiedenheit zu fragen, und, und, und? Warum gab es noch nie ein Konzil der Religionen mit jenen Wissenschaften, die sie ablehnen (z.B. evangelikale und Evolutionstheorie)? Unterschiede sind niemals absolut, immer relativ und geworden.

KOMMUNIKATION

In einer Welt mit vielen kognitiven Ungleichzeitigkeiten, mit vielen kognitiven Distanzen und mit vielen kognitiven Widerständen wäre die einzige Lösung der hier potentiell entstehenden Formen von Gewalt und wechselseitiger Unterdrückung eine alle einbeziehende Kommunikation mit einer entsprechenden Bereitschaft zum Verstehen und Lernen bei allen Beteiligten. Im Jahr 2020 kann man den Eindruck gewinnen, dass genau diese für alle notwendige offene und anteilnehmende Kommunikation stark notleidend ist, gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Faktoren, die dies verhindern oder die Kommunikation verzerren.

REGELLOSE WÖRTER

Im Kern jeder Kommunikation steht eine Sprache, vorzugsweise die Muttersprache, die im Alltag funktioniert. Tatsächlich gibt es aber viele Regionen auf unserer Erde, in der mehr als eine Sprache den Alltag durchzieht. Dazu kommt, dass sich durch Machtstrukturen und/ oder Globalisierung dominante Sprachen herausgebildet haben, die neben oder sogar über der Muttersprache gesprochen werden müssen.

Eine Sprache zeichnet bestimmte Lautverbindungen bzw. bestimmte Zeichenverbindungen aus als die erlaubten Wörter der Sprache, und nach einer — weitgehend ungeschriebenen Grammatik — grammatisch akzeptable Sätze.

Schwieriger wird es mit den möglichen Bedeutungen von sprachlichen Ausdrücken. Diese werden in jeder Sprache ausgehend vom Alltag fallweise festgelegt, allerdings ohne aufgeschriebene Regeln, da man eine intendierte Bedeutung nur sehr bedingt explizit beschreiben kann. Die Bedeutungszuordnung findet jeweils im Kopf, im Gehirn eines Sprechers-Hörers statt, sie ist als solche unsichtbar, sie kann nur gewusst werden. Korreliert eine Bedeutungszuweisung mit empirischen Gegebenheiten zwischen den Körpern von Sprechern-Hörern kann man sich meistens über das ‚Gemeinte‘ einigen; handelt es sich dagegen um interne Zustände eines Bewusstseins, mit denen keine Sachverhalte außerhalb des Bewusstseins korrelieren, wird es schon schwierig. Durch ähnliche Körper- und Gehirnstrukturen gibt es möglicherweise indirekt Verstehensansätze. Bei abstrakten Bedeutungsstrukturen — wie z.B. bei Wörtern wie ‚Demokratie‘, ‚Freiheit‘, … — die sich auf eine offene Menge von Ereignissen, Fakten, Texten, Handlungen usw. beziehen, ist ein Verstehen wohl ohne längere Klärungsprozesse — wenn überhaupt — nur schwierig herstellbar.

Im Fall von Bezugnahmen auf die Erfahrungswelt, die mit dem Begriff Beobachtung und Messung arbeitet, haben wir gelernt, dass es sogar hier bei komplexen Sachverhalten — man denke an die moderne Physik — auch zu Grenzsituationen kommen kann, wo es schwierig ist, zu entscheiden, ob einem Begriff (Term) in einer Theorie tatsächlich noch etwas Messbares entspricht oder nicht.

Im Fall von sprachlichen Dialogen, in denen viel mit abstrakten Bedeutungsstrukturen gearbeitet wird — Fiktion, Literatur, Verschwörungstheorien … — kann man viel sagen, ohne dass in vielen Fällen eine wirkliche Klärung der intendierten Bedeutung möglich ist.

In einer Welt voller kognitiver Unterschiede und Widerstände erscheinen solche bedeutungsoffenen Dialoge oder Texte eher wenig hilfreich zu sein. Kreativität ist bis zu einem gewissen Grad überlebensnotwendig, aber mir kreativen bedeutungsoffenen Dialogen alleine lässt sich auf Dauer keine gemeinsame Welt organisieren.

WAS HEISST DIES NUN FÜR UNS IM ALLTAG?

Ein Verzweifeln an kognitiver Dissonanz und an bedeutungsoffenen Kommunikationen aller Art (speziell dann, wenn das Bedeutungsoffene faktisch zur Desinformation führt) ist kein Zwang, kein Determinismus. Solange es Leben auf dieser Erde gibt, gibt es eine grundlegende Freiheit, die nach konstruktiven Alternativen suchen kann.

Die Tatsache, dass in ca. 3.5 Mrd Jahren die einfachen Zellen der Anfangszeit durch Kooperation die unfassbar komplexen Zelluniversen komplexer heutiger Lebewesen — speziell auch des homo sapiens — hervorbringen konnten, deutet an, dass im Fall des Lebens auf der Erde erheblich mehr im Spiel ist als wir uns in unseren kognitiv stark behinderten Weltbildern vorzustellen vermögen. Mit den explosionsartig zugenommenen Freiheitsgraden einer Population von homo sapiens Lebensformen ist natürlich nicht nur die gestalterische Kraft gewachsen, sondern auch die Möglichkeiten des Scheiterns. Dennoch, mir scheint, die ‚Grammatik des Lebens im Universum‘ arbeitet ein bisschen anders als wir uns dies bislang eingestehen wollen. Wir lieben halt unsere Vorurteile, wir klammern uns an scheinbare Sicherheiten, die noch nie welche waren.

Das Leben erscheint mir um Dimensionen stärker als unsere Unfähigkeit, das aktuelle Optimum zu erreichen…

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MENSCH-MENSCH COMPUTER. Gemeinsam Planen und Lernen. Erste Notizen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.-9.Oktober 2020
URL: cognitiveagent.org, Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@doeben-henisch.de)

ÜBERBLICK

Der folgende Text entstand unter dem Eindruck der theoretischen und
praktischen Arbeiten, wie sie in meinem Engineering-Blog bislang dokumentiert
sind. Letztlich geht es darum, das aktuelle Paradigma der Informatik
und der übergreifenden Digitalisierung der Gesellschaft umzudrehen:
statt den Menschen nur als Datenfutter für anonyme Algorithmen zu benutzen,
ihn als digitalen Sklaven zu behandeln, der weitgehend zu einem
rechtlosen Spielball von internationalen Konzernen geworden ist, deren
Interessen weder die Interessen der Benutzer noch derjenigen von demokratischen
Gesellschaften sind, soll wieder der Mensch in das Zentrum
der Betrachtung gerückt werden und die Frage, was können wir tun, um
den Menschen mehr zu befähigen, gemeinsam mit anderen die mögliche
Zukunft besser zu verstehen und vielleicht besser zu gestalten. Der moderne
Mensch begreift sich als Teil der umfassenden Biosphäre auf diesem
Planeten und trägt eine besondere Verantwortung für diese.

Letzte Änderung: 9.Okt.2020

PDF-Dokument

Änderung 9.Okt.2020: Die Rahmenbedingungen von einer gegebenen Situation (hier als Problem) zu einer möglichen zukünftigen Situation (hier als positive Vision) werden etwas genauer analysiert.

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ZUR LAGE DER MENSCHHEIT … Ausgangspunkt im Alltag

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062, 2.August 2020
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

PROLOG I: GENERVT IM ALLTAG

Sind Sie genervt von den vielen — aus ihrer Sicht — Halbwahrheiten, Unsinnigkeiten, Lügen, die ihren Alltag durchtränken? Von all den Leuten, die scheinbar nur sich selbst sehen, sich als erstes, und die versuchen, ‚ihr Ding‘ zu machen, egal zu welchem Preis? Haben Sie nicht auch schon diese Gefühle gehabt, diese Verzweiflung über das — in ihren Augen — Versagen anderer Menschen, über den Betrug einzelner an der Gemeinschaft, die vielen ‚Deals im Hintergrund‘, die manchmal bekannt werden und breites Entsetzen auslösen? Sind sie auch manchmal unangenehm berührt, enttäuscht, wenn Sie erfahren wie — in ihren Augen — unsinnig manche Behörden gehandelt haben, wie wenig Durchblick und Weitblick in Verwaltungen herrscht, wie berühmte Firmen plötzlich ins Schleudern geraten, weil ihre Manager ‚die Zeichen der Zeit‘ nicht rechtzeitig erkannt haben?

Wenn Sie diese Enttäuschungen nicht für sich behalten, sondern sie aussprechen, laut, bei anderen, mit anderen, werden sie feststellen, dass Sie nicht alleine sind. Da sind sehr viele Menschen um sie herum, die solche Enttäuschungen teilen. Fast scheint es so zu sein, als ob diese Enttäuschungen zum Alltag gehören, gleichsam wie eine untergründige Melodie, wie ein musikalisches Thema, das alles irgendwie zu durchziehen scheint. … es beschleicht Sie das Gefühl, dass es ja alles noch viel schlimmer ist, als sie gedacht haben. Ihre Ohnmacht, ihre Angst, ihr Ärger erscheinen übermächtig.

Und dann entdecken Sie vielleicht andere, einen Text, ein Video, einen Podcast, eine Veranstaltung, eine Bewegung, die das alles genau so ausspricht, wie sie es ständig empfinden. Da gibt es diese Menschen, die Antworten auf ihre Enttäuschungen haben, die die Ereignisse mit ihren Worten in Zusammenhänge einordnen, die ihnen plausibel erscheinen. Mit einem Mal bekommen ihre diffusen Ängste Namen von Menschen und Gruppen, die die Verursacher sind. Mit einem Mal bekommen Sie Worte angeboten, Slogans, Texte, die ihnen alles ‚erklären‘, ganz einfach, und sie beginnen, sich ‚zu Hause‘ zu fühlen. Da sind welche, die sie ‚verstehen‘. Menschen wie Sie selbst, persönlich, konkret, ganz nah, nicht in den Tiefen des Netzes, nicht verdeckt hinter den Fassaden der Macht….

Sie glauben, jetzt beginnt für Sie etwas Neues, neben den Enttäuschungen glimmt Hoffnung auf. Sie sind nicht alleine. Da sind andere mit ihnen….

PROLOG II: ALLTAG AUFBRECHEN

Wenn wir in unseren Alltag eingetaucht sind, dann können wir die Welt um uns herum, unsere Welt, unseren Alltag, genauso erleben, wie eingangs beschrieben, und es ist tatsächlich so, dass sehr viele Menschen heute es genau so erleben.

Wir kennen aber auch die Metapher, von dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Wenn wir uns im Wald befinden, sehen wir nur viele Bäume, aber nicht den Wald als Ganzes. So ist es vielfach auch mit unserem Alltag: wir sind eingebettet in viele Abläufe, Verpflichtungen, Gewohnheiten, wen wir treffen, was wir arbeiten, was wir bei verschiedenen Gelegenheiten so sagen, mit wem wir was besprechen, welchen Informationsquellen wir folgen, was wir so essen und dementsprechend einkaufen …. ein Außenstehender könnte uns vielleicht sogar ziemlich gut beschreiben in allem, was wir tun. Google-Algorithmen, Handy-Algorithmen, und viele andere, tun dies rund um die Uhr, Woche um Woche. Deswegen können sie auch vieles sehr gut vorhersagen, oder Auftraggeber können wissen, was sie tun müssen, um uns zu bestimmten Verhaltensweisen anzuregen …

Wenn wir dies alles so tun, jeden Tag, Woche um Woche, heißt dies nicht unbedingt, dass wir selber genau wissen, was wir da tun; ja, wir tun es, aber warum genau? Welchen Zweck befolgen wir? Haben wir ein Ziel, was uns wie ein Licht vorausleuchtet über das Jetzt hinweg, für einen Punkt in der Zukunft, wo wir hinwollen? Oder treiben wir eher so dahin, fühlen wir uns gezwungen und dirigiert von den Umständen, die uns übermächtig erscheinen? Sind wir täglich von unserer Arbeit so ausgelaugt, dass uns schlicht die Kraft fehlt, am Abend, zwischendurch, an Alternativen zu denken, an irgendetwas anderes, an Freundschaften, an eine andere Form zu leben? Nehmen wir es also einfach so hin, was passiert, wie es passiert, ohne wirklich zu verstehen, warum dies geschieht, wer da im Hintergrund die Fäden spinnt?

MIT ANDEREN AUGEN

Manchmal gibt es sie dann doch, diese seltenen Momente, wo Sie irgendwie zur Ruhe kommen, wo Sie ein Buch lesen, dessen Worte sie gefangen nehmen, einen Film sehen, der Sie anspricht, einen Song hören, der sie berührt, oder mit einem anderen Menschen reden, der Ihnen zuhört, und der Ihnen dann Worte sagt, die ihnen helfen, sich selbst mal mit anderen Augen zu sehen, ihr Leben, ihr Tun; eine Freundin, ein Freund, oder jemand Fremdes,….

Jeder von uns hat seinen eigenen Blick, den wir uns in vielen Jahren angeeignet haben, die eigene Sprache, die eigenen Vorlieben, und dann sehen wir andere Menschen, die es anders machen, und irgendwie haben wir das Gefühl, das fühlt sich gut an… oder unser Gegenüber hört uns zu und fragt dann zurück, warum wir dies und jenes überhaupt so machen. Warum machen wir ständig A, warum nicht auch einmal B? Und im Moment, wo wir gefragt werden, schrecken wir vielleicht zurück und fangen sofort an, uns zu verteidigen, oder, wir zögern einen Moment, merken vielleicht, da wird ein Punkt berührt, der einen schon lange irgendwie beschäftigt, aber man hatte noch nie die Muße, den Mut, ihn ernsthaft ins Auge zu fassen, ihn wirklich an sich heran kommen zu lassen…

Entscheidend ist, dass es meistens irgendwelche Ereignisse braucht, die uns dazu bringen, im gewöhnlichen Ablauf inne zu halten, etwas zu merken, aufmerksam zu werden auf etwas in unserem Leben, an uns, von dem wir spüren, das könnte auch anders sein. Hier können sehr viele Emotionen im Spiel sein, Ängste wie auch Hoffnungen, Schmerzen wie auch Lustgefühle, Erinnerungen, die uns lähmen und solche, die uns ermutigen…

Die Gefühle, die Emotionen alleine sind es aber nicht, auch wenn sie uns vielleicht lähmen, fesseln können. Es braucht schon auch ein Bild, eine Vision, eine Vorstellung, eine Idee die uns Zusammenhänge sichtbar macht, mögliche alternative Zustände, die so sind, dass wir daraus mögliche Handlungen ableiten können, eine mögliche neue Richtung, was man mit anderen konkret tun könnte: andere Menschen, andere Orte, andere Bewegungsformen, anderes sehen, anderes ….

Mit dem neuen Tun ändert sich die eigene Wahrnehmung, ändert sich die eigene Erfahrung, kann sich das Bild von der Welt, von den anderen, von sich selbst ändern; dadurch können sich Gefühle ändern. Was vorher so aussichtslos, fern erschien, erscheint plötzlich vielleicht erreichbar… so ein bisschen kann man dann erahnen, dass man selbst vielleicht mehr ist als nur ein Bündel von Gewohnheiten, die feststehen …. dass man irgendetwas in sich hat, was die Abläufe ändern kann, etwas, das das ganze Gefüge in Bewegung setzt. Ich muss nicht immer das Gleiche machen, ich kann anders … die Welt ist mehr als ds Bild, was ich gerade noch im Kopf hatte, mein Bild, das mich eingesperrt hat in mich selbst …

EREIGNIS BEI MIR: Vor 33 Jahren …

Ereignisse, die einem helfen können, für einen Moment inne zu halten, aufzumerken, zu ahnen, zu spüren, dass da etwas ist, was anders ist, sind vielfältiger Art. Jeder kann davon bestimmt mindestens eine Geschichte erzählen. Bei mir war es die Tage ein Gespräch mit Freunden, bei dem einer (MF) das Wort autopoiesis erwähnte, ein Wort, das einem ja nicht alle Tage über den Weg läuft. Und ja, dieses Wort spiel eine zentrale Rolle in einem Buch, das den vielsagenden Titel trägt Baum der Erkenntnis. Dies ruft gleich Assoziationen an esoterisches Gedankengut wach, an Mythen und Sagen, oder auch an den berühmten Sündenfall von Eva und Adam, als sie im Paradies vom ‚Baum der Erkenntnis‘ aßen und daraufhin aus dem Paradies vertrieben wurden. Wer versteht die Botschaft in dieser Geschichte nicht: Wehe, wenn Du Dich zu sehr mit Erkenntnis beschäftigst, dann verlierst Du deine Unschuld und es wird Dir Zeit deines Lebens schlecht ergehen.

Ja, und vielleicht stimmt diese Mahnung auch, wird so mancher denken, denn das Buch, um das es hier geht, erschien 1987 erstmals und wurde von zwei Wissenschaftlern verfasst, die aufgrund ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der Erforschung der Natur, insbesondere des biologischen Lebens, ein Bild von der Welt und uns als Menschen erarbeitet hatten, das die Geschichten aus der Bibel — und viele anderen — nicht besonders gut aussehen lassen.

Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass ich dieses Buch noch in meinem Bücherregal hatte, ich hatte es sogar vor 33 Jahren gelesen, wovon viele Markierungen im Text Zeugnis geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es damals tatsächlich in seiner Tragweite verstanden hatte. Jetzt, 33 Jahre später, als ich als erstes das Schlusskapitel nochmals las, hatte ich das Gefühl, dass ich fast jeden Satz mehrfach unterstreichen konnte. Ich merkte, dass meine ganzen Arbeiten der letzten 33 Jahre (!) letztlich dazu gedient haben, die Vision in diesem Buch — ohne mir dessen vielleicht immer bewusst gewesen zu sein — durch eigenes Forschen, Experimentieren, Probieren, Schreiben, Verwerfen usw. für mich neu zu erarbeiten. Während man sicher viele Details aus dem Buch von Maturana und Varela aktualisieren muss, erscheint mir die Grundperspektive weiterhin voll gültig zu sein und es könnte uns heute, uns allen, die wir von unseren alltäglichen Abläufen oft wie ‚Gefangen genommen‘ erscheinen, vielleicht eine deutliche Hilfe sein, aus unseren — tendenziell unfertigen und falschen — Bildern auszubrechen.

AUFTRAG, NICHT SCHICKSAL

Wie eingangs angedeutet, leidet unser Alltag stark an der Unvollständigkeit unserer Bilder von uns selbst, von den anderen, von der Gesellschaft, der Welt. Und ja, man kann dadurch entmutigt werden, vielleicht sogar daran verzweifeln. Aber vielleicht hilft es, wenn man weiß, dass der fragmentarische Charakter unseres Welterlebens und Weltwissens eigentlich unsere Versicherung ist, dass wir als Menschen, als Leben auf der Erde nicht zwangsläufig zugrunde gehen müssen! Wären wir als Lebewesen von Anfang an mit einem kompletten Bild ausgestattet, dann kämen wir vielleicht eine gewisse Zeit klar mit den Gegebenheiten; da aber die Erde hochdynamisch ist, sich permanent verändert, z.T. dramatisch (Vulkane, Erdbeben, Verschiebung der Erdplatten, Klima mit vielen Eiszeiten…), würden wir bald scheitern, weil wir auf diese Veränderungen nicht vorbereitet wären. Überleben auf einer hochdynamischen Erde heißt, sein Bild von der Erde ständig weiter entwickeln, ständig korrigieren, ständig erneuern. Wichtig ist also nicht, wie viel Wissen man zu Beginn hat, sondern, ob man das Wissen verändern, weiter entwickeln kann. Wissen ist ganz klar ein Werkzeug zum Überleben! Und — was man in diesem Zusammenhang vielleicht schnell verstehen kann — Wissensfragmente benötigen zum Verändern jede Menge Kooperationen.

Die ersten Lebensformen auf der Erde waren Zellen, die unterschiedlich spezialisiert waren. Eine Zelle alleine war nicht überlebensfähig, aber alle Zellen zusammen haben u.a. die gesamte Atmosphäre der Erde verändert, sie haben unfassbar komplexe hoch organiserte Zellverbände entstehen lassen, die wir als Pflanzen, Tiere und Menschen — Wir! — kennen. Diese Winzlinge, diese Mikroben, haben dies geschafft, weil sie ihr minimales Wissen im großen Stile nicht nur immer wieder verändert haben, sondern weil sie es auch beständig ausgetauscht haben. Die Anzahl dieser Mikroben auf der Erde übersteigt die Anzahl der heute bekannten Sterne im bekannten Universum um ein Mehrfaches. Zugleich bilden sie zusammen einen Superrechner — ich nenne ihn BIOM I –, der alle heutigen Superrechner einfach nur schlecht aussehen lässt. Denn der BIOM I Supercomputer ist so, dass jedes Element von ihm beständig eigenständig dazu lernt und alle Elemente ihr Erlerntes untereinander austauschen. Davon können heutige Supercomputer nur träumen, falls sie träumen könnten.

Also, der fragmentarische Charakter unseres Wissens ist gerade kein negatives Schicksal, sondern gibt uns die Chance, unser Wissen gemeinsam weiter zu entwickeln, um so den jeweils neuen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Anmerkung: In dem Maße, wie biologische Lebensformen die Erde bevölkern — nicht zuletzt auch der Mensch selbst — erzeugen diese aufgrund ihrer Freiheitsgrade auch Veränderungen, und zwar schwer vorausberechenbare Veränderungen. Um diesen gerecht zu werden, bedarf es um so mehr der Fähigkeit, sich dynamisch ein Bild möglicher Prozesse zu machen. Die Tendenz von Regierungen zu allen Zeiten, diese implizite Dynamik des Lebens durch autoritäre Regelsysteme einzugrenzen, zu ‚zähmen‘, hat noch nie wirklich funktioniert und wird auch niemals funktionieren, will man nicht das Leben selbst zerstören.

MONADE + MONADE = ?

Jahrtausende lang haben Menschen darum gerungen, zu verstehen, wie sie ihr Verstehen, ihr Wissen bewerten sollen: Was ist wahr? Wann denken wir richtig? Wo kommt unser Wissen her? Wie entsteht unser Wissen? Wieweit können wir unserem Wissen vertrauen? Und so ähnlich.

Aber, selbst die besten Philosophen und Wissenschaftler blieben immer im Gestrüpp ihres Selbstbewusstseins hängen. Im Nachhinein betrachtet glichen die Philosophen den berühmten Mücken, die immer um das Licht kreisen, an dem sie dann verbrennen. Und war nicht Eva auch so eine ‚Mücke‘, die um das ‚Licht der Erkenntnis‘ kreiste, um dann daran zu zerschellen?

Es ist schwer zu sagen, wann genau wer jetzt diese Form der Selbstbezüglichkeit durchbrach. Vermutlich war es wie immer, dass es die vielen Versuche einzelner waren, von denen man sich dann untereinander erzählt hatte, die so langsam eine Atmosphäre, ein Ahnen, einen Sack voller Experimente mit sich brachten, die dann zu einem Durchbruch geführt haben, der — so erscheint es von heute aus — in vielen Disziplinen gleichzeitig stattgefunden hat, jeweils speziell und anders, aber dann doch so, dass sich mit den vielen Puzzlesteinen langsam ein Gesamtbild andeutete, das zu einem bisher nie dagewesenen Durchbruch im Verstehen unserer selbst als Teil der Natur, des Universums geführt hat.

Fairerweise muss man sagen, dass frühere Generationen tatsächlich auch keine reale Chance hatten, diesen Durchbruch vorweg zu nehmen, da wir Menschen einige Jahrtausende und dann speziell die letzten Jahrhunderte gebraucht haben, unser Wissen über die Welt, die Natur, das Leben so weit auszudehnen, dass wir letztlich verstehen konnten, dass und wie unser Körper aus einer großen Anzahl von Galaxien an Zellen besteht, dass diese Zellen, jede für sich, autonom sind, dass sie es aber schaffen, so miteinander zu kooperieren, dass es eine Vielzahl von Organen in unserem Körper gibt, die die unglaublichsten Dinge vollbringen, ohne dass wir bis heute dieses Geschehen vollständig verstehen. Speziell das Gehirn versetzt uns mehr und mehr in Erstaunen, wenn wir langsam begreifen, was es alles leistet. Ein zentraler Punkt — wie vielfach schon in diesem Blog dargelegt — ist der, dass das Gehirn im Körper aus all den verfügbaren Körpersignalen ein Bild von der Welt errechnet, das für den ganzen Organismus zur Orientierung dient. Konkret, alles, was wir von der Welt sehen ist nicht die Welt selbst, sondern das, wie sich unser Gehirn die Welt vorstellt!

Vieles, was Leibniz damals 1714 unter der Idee einer Monadologie beschrieben hatte, könnte man auf das Gehirn anwenden, das vollständig auf sich selbst bezogen damit beschäftigt ist, ein Bild von sich selbst und der Umgebung zu entwickeln mit dem wichtigen Zweck, zu überleben. Entscheidend dabei ist der dynamische Charakter des Gehirns und seiner Berechnungen. Es kann zwar einerseits Strukturen bilden, die ihm zur Orientierung dienen, es kann aber auch, diese Strukturen ständig wieder abändern, um sie den veränderten Erfahrungen anzupassen.

Im Unterschied zu einer reinen Monade haben Gehirne die Fähigkeit ausgebildet, viele ihrer inneren Zustände mit beliebigen sprachlichen Ausdrücken zu assoziieren, zu korrelieren, so dass Manifestationen von sprachlichen Ausdrücken außerhalb des Körpers von anderen Gehirnen wahrgenommen werden können. Wie immer die Gehirne dies irgendwie und irgendwo geschafft haben, sie haben es geschafft, mit Hilfe solcher Manifestationen gemeinsame Bedeutungen zu vereinbaren und dann auch gemeinsam, synchron zu nutzen. Damit war symbolische Kommunikation grundgelegt.

Während zwei Monaden nach dem Modell von Leibniz strikt Monaden bleiben, können zwei biologische Monaden, die über ein Gehirn mit Sprache verfügen, durch Kommunikation zu Kooperationen zusammen finden, aus denen eine nahezu unendliche Menge neuer Zustände entstehen kann. Letztlich können biologische Monaden das gesamte Universum umbauen!

VERTRAUEN ALS NATURGEWALT ? !

Wenn wir von Naturgewalten sprechen, denken wir sicher erst mal an Unwetter, Erdbeben, Vulkane und dergleichen. In den Wissenschaften hat man Worte wie z.B. die Gravitation, um eine Eigenschaft zu beschreiben, die wir überall im heute bekannten Universum beobachten können als eine Kraft, die sich indirekt zeigt: auf der Erde fallen alle Gegenstände ’nach unten‘ und alle Körper haben ein ‚Gewicht‘.

Das biologische Leben gehört aber auch zur Natur, es ist Natur durch und durch. Allerdings, biologische Strukturen haben eine Komplexität angenommen, die weit über alles hinausgeht, was wir aus dem physikalisch erforschten Universum kennen. Und so wie es die Gravitation als eine Kraft gibt, die die Strukturbildung im physikalischen Universum stark prägt, so gibt es im Bereich biologischer Systeme die Kraft der Kooperation, die schier Unvorstellbares möglich macht (wer kann sich bei Betrachtung einfacher Zellen von vor 3.5 Milliarden Jahren ernsthaft vorstellen, wie sich von diesem Ausgangspunkt aus Zellformationen bilden können, die zusammen ca. 240 Billionen (10^12) Zellen umfassen, und dann als homo sapiens auftreten?) Aber nicht nur das. Je größer der Grad der Komplexität wird, um so mehr zeigt sich in diesen biologischen Lebensformen ein immer höherer Grad an Freiheitsgraden! Verglichen mit den anderen Lebensformen hat der Homo sapiens eine bislang besonders hohes Ausmaß an Freiheitsgraden erreicht. Dies eröffnet eine schier unendliche Menge an Möglichkeiten, stellt aber den Akteur auch vor entsprechend große Herausforderungen. Alleine hat er nahezu keine Chance. Zusammen mit anderen erhöht sich die Chance. Allerdings — und dies zeigt unser Alltag nahezu stündlich — Kooperationen verlangen einen ‚Grundstoff‘, ohne den überhaupt nichts geht: Vertrauen! Da wir uns permanent in unvollständigen Situationen bewegen, die unsere Gehirne durch geeignetes Wissen partiell ‚ausfüllen‘ können, können wir Unbekanntheiten partiell überbrücken, partiell mit Möglichkeiten ausfüllen, aber wir brauchen als ‚Vorschuss‘ jede Menge Vertrauen, um uns überhaupt gemeinsam in diese Richtung zu bewegen. Es ist eine qualitative Besonderheit des Homo sapiens, dass er über diese seltene Gabe als eine besondere Kraft der Natur verfügt.

Vertrauen ist lebensnotwendig, Voraussetzung für jede Form von Zukunftsgestaltung.

WISSEN ALS ZUKUNFTSTECHNOLOGIE

Das Verhältnis von uns Menschen zum Wissen ist durchwachsen. Einerseits wissen wir es zu schätzen, weil es uns vielfach hilft, unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Andererseits wird es aber gerade auch von denen, die primär an Macht und monadischen Selbstinteressen orientiert sind, vielfach missbraucht zum Schaden vieler anderer. Und als einzelner, als Kind, als Jugendlicher wird das Abenteuer des Wissens vielfach schlecht oder — in vielen Ländern dieser Welt — so gut wie gar nicht vermittelt. Damit schaden wir uns selbst in hohem Maße!

Man kann über die uns verfügbaren Freiheitsgrade schimpfen, über sie lamentieren, sie verleugnen … aber es ist eine Eigenschaft, die wir als Homo sapiens jetzt haben und die uns prinzipiell die Möglichkeit gibt, in vertrauensvoller Kooperation mit allen anderen Wissen zu erarbeiten, das helfen kann, den fragmentarischen Charakter unserer einzelnen partiellen Bilder zu ergänzen und dadurch zu überwinden. Unser Ziel kann es nicht sein, den beschämenden gegenwärtigen Zustand der Weltbevölkerung fest zu schreiben. Was wir als Menschen zur Zeit veranstalten, das ist in hohem Maße dumm, grausam, lebensverachtend, zukunftsunwillig, welt-zerstörerisch.

Wissen ist kein Luxus! Wissen ist neben Kooperation und Vertrauen der wichtigste Rohstoff, die wichtigste Technologie, um uns ein Minimum an Zukunft zu sichern, einer Zukunft, die das ganze Universum in den Blick nehmen muss, nicht nur unsere eigene Haustür!

WAS IST DER MENSCH?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062 20.Juli 2020
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

AKTUALISIERUNGEN: Letzte Aktualisierung 21.7.2020 (Korrekturen; neue Links)

KONTEXT

In den vielen vorausgehenden Beiträgen in diesem Blog wurde die Frage nach dem Menschen, was das angemessene Bild vom Menschen sein könnte, schon oft gestellt. Möglicherweise wird diese Frage auch in der Zukunft sich immer wieder neu stellen, weil wir immer wieder auf neue Aspekte unseres Menschseins stoßen. Ich bin diese Tage auf einen Zusammenhang gestoßen, der mir persönlich in dieser Konkretheit neu ist (was nicht ausschließt, dass andere dies schon ganz lange so sehen). Hier einige weitere Gedanken dazu.

DER MENSCH IN FRAGMENTEN

In der evolutionsbiologischen Perspektive taucht der homo sapiens — also wir — sehr, sehr spät auf. Vom Jahr 2020 aus betrachtet, bilden wir den aktuellen Endpunkt der bisherigen Entwicklung wohl wissend, dass es nur ein Durchgangspunkt ist in einem Prozess, dessen Logik und mögliche Zielrichtung wir bislang nur bedingt verstehen.

Während man bei der Betrachtung der letzten Jahrtausende Menschheitsgeschichte bisweilen den Eindruck haben könnte, dass die Menschen sich als Menschen als etwas irgendwie Besonderes angesehen haben (was die Menschen aber nicht davon abgehalten hat, sich gegenseitig zu bekämpfen, sich zu bekriegen, sich regelrecht abzuschlachten), könnte man bei der Betrachtung der letzten 100 Jahre den Eindruck gewinnen, als ob die Wissenschaft die Besonderheit des Menschen — so es sie überhaupt gab — weitgehend aufgelöst hat: einmal durch die Einbettung in das größere Ganze der Evolution, dann durch einen vertieften Blick in die Details der Anatomie, des Gehirns, der Organe, der Mikro- und Zellbiologie, der Genetik, und schließlich heute durch das Aufkommen digitaler Technologien, der Computer, der sogenannten künstlichen Intelligenz (KI); dies alles lässt den Menschen auf den ersten Blick nicht mehr als etwas Besonders erscheinen.

Diese fortschreitende Fragmentierung des Menschen, des homo sapiens, findet aber nicht nur speziell beim Menschen statt. Die ganze Betrachtungsweise der Erde, des Universums, der realen Welt, ist stark durch die empirischen Wissenschaften der Gegenwart geprägt. In diesen empirischen Wissenschaften gibt es — schon von ihrem methodischen Ansatz her — keine Geheimnisse. Wenn ich nach vereinbarten Messmethoden Daten sammle, diese in ein — idealerweise — mathematisches Modell einbaue, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, dann kann ich möglicherweise Ausschnitte der realen Welt als abgeschlossene Systeme beschreiben, bei denen der beschreibende Wissenschaftler außen vor bleibt. Diese partiellen Modelle bleiben notgedrungen Fragmente. Selbst die Physik, die für sich in Anspruch nimmt, das Ganze des Universums zu betrachten, fragmentiert die reale Welt, da sich die Wissenschaftler selbst, auch nicht die Besonderheiten biologischen Lebens generell, in die Analyse einbeziehen. Bislang interessiert das die meisten wenig. Je nach Betrachtungsweise kann dies aber ein fataler Fehler sein.

DER BEOBACHTER ALS BLINDE FLECK

Die Ausklammerung des Beobachters aus der Beschreibung des Beobachtungsgegenstands ist in den empirischen Wissenschaften Standard, da ja das Messverfahren idealerweise invariant sein soll bezüglich demjenigen, der misst. Bei Beobachtungen, in denen der Beobachter selbst das Messinstrument ist, geht dies natürlich nicht, da die Eigenschaften des Beobachters in den Messprozess eingehen (z.B. überall dort, wo wir Menschen unser eigenes Verhalten verstehen wollen, unser Fühlen und Denken, unser Verstehen, unser Entscheiden, usw.). Während es lange Zeit eine strenge Trennung gab zwischen echten (= harten) Wissenschaften, die strikt mit dem empirischen Messideal arbeiten, und jenen quasi (=weichen) Wissenschaften, bei denen irgendwie der Beobachter selbst Teil des Messprozesses ist und demzufolge das Messen mehr oder weniger intransparent erscheint, können wir in den letzten Jahrzehnten den Trend beobachten, dass die harten empirischen Messmethoden immer mehr ausgedehnt werden auch auf Untersuchungen des Verhaltens von Menschen, allerdings nur als Einbahnstraße: man macht Menschen zwar zu Beobachtungsgegenständen partieller empirischer Methoden, die untersuchenden Wissenschaftler bleiben aber weiterhin außen vor. Dieses Vorgehen ist per se nicht schlecht, liefert es doch partiell neue, interessante Einsichten. Aber es ist gefährlich in dem Moment, wo man von diesem — immer noch radikal fragmentiertem — Vorgehen auf das Ganze extrapoliert. Es entstehen dann beispielsweise Bücher mit vielen hundert Seiten zu einzelnen Aspekten der Zelle, der Organe, des Gehirns, aber diese Bücher versammeln nur Details, Fragmente, eine irgendwie geartete Zusammenschau bleibt aus.

Für diese anhaltende Fragmentierung gibt es sicher mehr als einen Grund. Einer liegt aber an der Wurzel des Theoriebegriffs, der Theoriebildung selbst. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Anschauung entstehen Theorien, Modelle, also jene begrifflichen Gebilde, mit denen wir einzelne Daten deuten, nicht aus einem Automatismus, sondern sie beruhen auf gedanklichen Entscheidungen in den Köpfen der Wissenschaftler selbst: grundsätzlich gibt es immer mehr als eine Option, wie ich etwas angehen will. Jede Option verlangt also eine Entscheidung, eine Wahl aus einem großen Bereich von Möglichkeiten. Die Generierung einer Theorie ist von daher immer ein komplexer Prozess. Interessanterweise gibt es in kaum einer der heutigen empirischen Disziplinen das Thema Wie generieren wir eine Theorie? als eigene Themenstellung. Obwohl hier viele Grundentscheidungen fallen, obwohl hier viel Komplexität rational aufgehellt werden müsste, betreiben die sogenannten harten Wissenschaften hier ein weitgehend irrationales Geschäft. Das Harte an den empirischen Wissenschaften gründet sich in diesem Sinne nicht einmal in einer weichen Reflexion; es gibt schlicht gar keine offizielle Reflexion. Die empirischen Wissenschaften sind in dieser Hinsicht fundamental irrational. Dass sie trotz ihrer fundamentalen Irrationalität interessante Detailergebnisse liefern kann diesen fundamentalen Fehler in der Wurzel nur bedingt ausgleichen. Die interessante Frage ist doch, was könnten die empirischen Wissenschaften noch viel mehr leisten, wenn sie ihre grundlegende Irrationalität an der Wurzel der Theoriebildung schrittweise mit Rationalität auffüllen würden?

HOMO SAPIENS – DER TRANSFORMER

(Ein kleiner Versuch, zu zeigen, was man sehen kann, wenn man die Grenzen der Disziplinen versuchsweise (und skizzenhaft) überschreitet)

Trotz ihrer Irrationalität an der Wurzel hat die Evolutionsbiologie viele interessante Tatbestände zum homo sapiens sichtbar gemacht, und andere Wissenschaften wie z.B. Psychologie, Sprachwissenschaften, und Gehirnwissenschaft haben weitere Details beigesteuert, die quasi ‚auf der Straße‘ herumliegen; jeder produziert für sich fleißig partielle Modelle, aber niemand ist zuständig dafür, diese zusammen zu bauen, sie versuchsweise zu integrieren, mutig und kreativ eine Synthese zu versuchen, die vielleicht neue Aspekte liefern kann, mittels deren wir viele andere Details auch neu deuten könnten. Was Not tut ist eine Wissenschaft der Wissenschaften, nicht als Privatvergnügen eines einzelnen Forschers, sondern als verpflichtender Standard für alle. In einer Wissenschaft der Wissenschaften wäre der Beobachter, der Forscher, die Forschergruppe, selbst Teil des Untersuchungsgegenstandes und damit in der zugehörigen Meta-Theorie aufzuhellen.

Anmerkung: Im Rahmen der Theorie des Engineering gibt es solche Ansätze schon länger, da das Scheitern eines Engineeringprozesses ziemlich direkt auf die Ingenieure zurück schlägt; von daher sind sie äußerst interessiert daran, auf welche Weise der Faktor Mensch — also auch sie selbst — zum Scheitern beigetragen hat. Hier könnte die Wissenschaft eine Menge von den Ingenieuren lernen.

Neben den vielen Eigenschaften, die man am homo sapiens entdecken kann, erscheinen mir drei von herausragender Bedeutung zu sein, was sich allerdings erst so richtig zeigt, wenn man sie im Zusammenspiel betrachtet.

Faktor 1: Dass ein homo sapiens einen Körper [B, body] mit eingebautem Gehirn [b, brain] hat, unterscheidet ihn nicht unbedingt von anderen Lebensformen, da es viele Lebensformen im Format Körper mit eingebautem Gehirn gibt. Dennoch ist schon mal festzuhalten, dass der Gehirn-Körper [b_B] eines homo sapiens einen Teil der Eigenschaften seiner Realwelt-Umgebung [RW] — und der eigene Körper gehört aus Sicht des Gehirns auch zu dieser Realwelt-Umgebung — ausnahmslos in neuronale Zustände [NN] im Gehirn verwandelt/ transformiert/ konvertiert und diese neuronale Zustände auf vielfältige Weise Prozesshaft bearbeitet (Wahrnehmen, Speichern, Erinnern, Abstrahieren, Assoziieren, bewerten, …). In dieser Hinsicht kann man den Gehirn-Körper als eine Abbildung, eine Funktion verstehen, die u.a. dieses leistet: b_B : RW —–> RW_NN. Will man berücksichtigen, dass diese Abbildung durch aktuell verfügbare Erfahrungen aus der Vergangenheit modifiziert werden kann, dann könnte man schreiben: b_B : RW x RW_NN —–> RW_NN. Dies trägt dem Sachverhalt Rechnung, dass wir das, was wir aktuell neu erleben, automatisch mit schon vorhandenen Erfahrungen abgleichen und automatisch interpretieren und bewerten.

Faktor 2: Allein schon dieser Transformationsprozess ist hochinteressant, und er funktioniert bis zu einem gewissen Grad auch ganz ohne Sprache (was alle Kinder demonstrieren, wenn sie sich in der Welt bewegen, bevor sie sprechen können). Ein homo sapiens ohne Sprache ist aber letztlich nicht überlebensfähig. Zum Überleben braucht ein homo sapiens das Zusammenwirken mit anderen; dies verlangt ein Minimum an Kommunikation, an sprachlicher Kommunikation, und dies verlangt die Verfügbarkeit einer Sprache [L].

Wir wir heute wissen, ist die konkrete Form einer Sprache nicht angeboren, wohl aber die Fähigkeit, eine auszubilden. Davon zeugen die vielen tausend Sprachen, die auf dieser Erde gesprochen werden und das Phänomen, dass alle Kinder irgendwann anfangen, Sprachen zu lernen, aus sich heraus.

Was viele als unangenehm empfinden, das ist, wenn man als einzelner als Fremder, als Tourist in eine Situation gerät, wo alle Menschen um einen herum eine Sprache sprechen, die man selbst nicht versteht. Dem Laut der Worte oder dem Schriftzug eines Textes kann man nicht direkt entnehmen, was sie bedeuten. Dies liegt daran, dass die sogenannten natürlichen Sprachen (oft auch Alltagssprachen genannt), ihre Bedeutungszuweisungen im Gehirn bekommen, im Bereich der neuronalen Korrelate der realen Welt RW_NN. Dies ist auch der Grund, warum Kinder nicht von Geburt an eine Sprache lernen können: erst wenn sie minimale Strukturen in ihren neuronalen Korrelaten der Außenwelt ausbilden konnten, können die Ausdrücke der Sprache ihrer Umgebung solchen Strukturen zugeordnet werden. Und so beginnt dann ein paralleler Prozess der Ausdifferenzierung der nicht-sprachlichen Strukturen, die auf unterschiedliche Weise mit den sprachlichen Strukturen verknüpft werden. Vereinfachend kann man sagen, dass die Bedeutungsfunktion [M] eine Abbildung herstellt zwischen diesen beiden Bereichen: M : L <–?–> RW_NN, wobei die sprachlichen Ausdrücke letztlich ja auch Teil der neuronalen Korrelate der Außenwelt RW_NN sind, also eher M: RW_NN_L <–?–>RW_NN.

Während die grundsätzliche Fähigkeit zur Ausbildung einer bedeutungshaltigen Sprache [L_M] (L :_ Ausrucksseite, M := Bedeutungsanteil) nach heutigem Kenntnisstand angeboren zu sein scheint, muss die Bedeutungsrelation M individuell in einem langen, oft mühsamen Prozess, erlernt werden. Und das Erlernen der einen Sprache L_M hilft kaum bis gar nicht für das Erlernen einer anderen Sprache L’_M‘.

Faktor 3: Neben sehr vielen Eigenschaften im Kontext der menschlichen Sprachfähigkeit ist einer — in meiner Sicht — zusätzlich bemerkenswert. Im einfachen Fall kann man unterscheiden zwischen den sprachlichen Ausdrücken und jenen neuronalen Korrelaten, die mit Objekten der Außenwelt korrespondieren, also solche Objekte, die andere Menschen zeitgleich auch wahrnehmen können. So z.B. ‚die weiße Tasse dort auf dem Tisch‘, ‚die rote Blume neben deiner Treppe‘, ‚die Sonne am Himmel‘, usw. In diesen Beispielen haben wir auf der einen Seite sprachliche Ausdrücke, und auf der anderen Seite nicht-sprachliche Dinge. Ich kann mit meiner Sprache aber auch sagen „In dem Satz ‚die Sonne am Himmel‘ ist das zweite Wort dieses Satzes grammatisch ein Substantiv‘. In diesem Beispiel benutze ich Ausdrücke der Sprache um mich auf andere Ausdrücke einer Sprache zu beziehen. Dies bedeutet, dass ich Ausdrücke der Sprache zu Objekten für andere Ausdrücke der Sprache machen kann, die über (meta) diese Objekte sprechen. In der Wissenschaftsphilosophie spricht man hier von Objekt-Sprache und von Meta-Sprache. Letztlich sind es zwei verschiedenen Sprachebenen. Bei einer weiteren Analyse wird man feststellen können, dass eine natürliche/ normale Sprache L_M scheinbar unendlich viele Sprachebenen ausbilden kann, einfach so. Ein Wort wie Demokratie z.B. hat direkt kaum einen direkten Bezug zu einem Objekt der realen Welt, wohl aber sehr viele Beziehungen zu anderen Ausdrücken, die wiederum auf andere Ausdrücke verweisen können, bis irgendwann vielleicht ein Ausdruck dabei ist, der Objekte der realen Welt betrifft (z.B. der Stuhl, auf dem der Parlamentspräsident sitzt, oder eben dieser Parlamentspräsident, der zur Institution des Bundestages gehört, der wiederum … hier wird es schon schwierig).

Die Tatsache, dass also das Sprachvermögen eine potentiell unendlich erscheinende Hierarchie von Sprachebenen erlaubt, ist eine ungewöhnlich starke Eigenschaft, die bislang nur beim homo sapiens beobachtet werden kann. Im positiven Fall erlaubt eine solche Sprachhierarchie die Ausbildung von beliebig komplexen Strukturen, um damit beliebig viele Eigenschaften und Zusammenhänge der realen Welt sichtbar zu machen, aber nicht nur in Bezug auf die Gegenwart oder die Vergangenheit, sondern der homo sapiens kann dadurch auch Zustände in einer möglichen Zukunft andenken. Dies wiederum ermöglicht ein innovatives, gestalterisches Handeln, in dem Aspekte der gegenwärtigen Situation verändert werden. Damit kann dann real der Prozess der Evolution und des ganzen Universums verändert werden. Im negativen Fall kann der homo sapiens wilde Netzwerke von Ausdrücken produzieren, die auf den ersten Blick schön klingen, deren Bezug zur aktuellen, vergangenen oder möglichen zukünftigen realen Welt nur schwer bis gar nicht herstellbar ist.

Hat also ein entwickeltes Sprachsystem schon für das Denken selbst eine gewisse Relevanz, spielt es natürlich auch für die Kommunikation eine Rolle. Der Gehirn-Körper transformiert ja nicht nur reale Welt in neuronale Korrelate b_B : RW x RW_NN —–> RW_NN (mit der Sprache L_B_NN als Teil von RW_NN), sondern der Gehirn-Körper produziert auch sprachliche Ausdrücke nach außen b_B : RW_NN —–> L. Die sprachlichen Ausdrücke L bilden von daher die Schnittstelle zwischen den Gehirnen. Was nicht gesagt werden kann, das existiert zwischen Gehirnen nicht, obgleich es möglicherweise neuronale Korrelate gibt, die wichtig sind. Nennt man die Gesamtheit der nutzbaren neuronalen Korrelate Wissen dann benötigt es nicht nur eine angemessene Kultur des Wissens sondern auch eine angemessene Kultur der Sprache. Eine Wissenschaft, eine empirische Wissenschaft ohne eine angemessene (Meta-)Sprache ist z.B. schon im Ansatz unfähig, mit sich selbst rational umzugehen; sie ist schlicht sprachlos.

EIN NEUES UNIVERSUM ? !

Betrachtet man die kontinuierlichen Umformungen der Energie-Materie vom Big Bang über Gasnebel, Sterne, Sternenhaufen, Galaxien und vielem mehr bis hin zur Entstehung von biologischem Leben auf der Erde (ob auch woanders ist komplexitätstheoretisch extrem unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich), dort dann die Entwicklung zu Mehrzellern, zu komplexen Organismen, bis hin zum homo sapiens, dann kommt dem homo sapiens eine einzigartig, herausragende Rolle zu, der er sich bislang offensichtlich nicht richtig bewusst ist, u.a. möglicherweise auch, weil die Wissenschaften sich weigern, sich professionell mit ihrer eigenen Irrationalität zu beschäftigen.

Der homo sapiens ist bislang das einzig bekannte System im gesamten Universum, das in er Lage ist, die Energie-Materie Struktur in symbolische Konstrukte zu transformieren, in denen sich Teile der Strukturen des Universums repräsentieren lassen, die dann wiederum in einem Raum hoher Freiheitsgrade zu neue Zuständen transformiert werden können, und diese neuen — noch nicht realen — Strukturen können zum Orientierungspunkt für ein Verhalten werden, das die reale Welt real transformiert, sprich verändert. Dies bedeutet, dass die Energie-Materie, von der der homo sapiens ein Teil ist, ihr eigenes Universum auf neue Weise modifizieren kann, möglicherweise über die aktuellen sogenannten Naturgesetze hinaus.

Hier stellen sich viele weitere Fragen, auch alleine schon deswegen, weil der Wissens- und Sprachaspekt nur einen kleinen Teil des Potentials des homo sapiens thematisiert.

MASLOW UND DIE NEUE WISSENSCHAFT. Nachbemerkung zu Maslow (1966)

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 21.Juni 2020 (Korrekturen: 24.Juni 2020)

KONTEXT

Wenn man sich nicht nur wundern will, warum das Phänomen von ‚Fake News‘ oder ‚Verschwörungstheorien‘ so verbreitet ist und selbst vor akademischer Bildung nicht Halt macht, dann muss man versuchen, den Mechanismus zu verstehen, der diesem Phänomen zugrunde liegt. Von den vielen Zugängen zu dieser Frage finde ich das Buch von Maslow (1966) The Psychology of Science besonders aufschlussreich.

VERLUST DES PHÄNOMENS

Maslow erlebte seine Arbeit als Psychotherapeut im Spannungsfeld zur damaligen experimentellen verhaltensorientierten Psychologie im Stil von Watson. Während er als Psychotherapeut versuchte, die ganze Bandbreite der Phänomene ernst zu nehmen, die sich in der Begegnung mit konkreten Menschen ereignet, gehörte es zum damaligen Programm einer empirischen Verhaltens-Psychologie, die Phänomene im Kontext von Menschen auf beobachtbares Verhalten zu beschränken, und hier auch nur auf solche Phänomene, die sich in (damals sehr einfachen) experimentellen Anordnungen reproduzieren lassen. Außerdem galt das Erkenntnisinteresse nicht den individuellen Besonderheiten, sondern allgemeinen Strukturen, die sich zwischen allen Menschen zeigen.

Maslow verallgemeinert die Betrachtung dahingehend, dass er die Einschränkung der Phänomene aus Sicht einer bestimmten Disziplin als Charakteristisch für die Wissenschaft seiner Zeit diagnostiziert. Er meinte in dieser Ausklammerung von Phänomenen eine tiefer liegende Tendenz zu erkennen, in der letztlich die Methode über das Phänomen gestellt wird: wehe dem Phänomen, wenn es nicht zu den vereinbarten Methoden passt; es hat hier nichts zu suchen. In dem Moment, in dem die Wissenschaft von sich aus entscheiden darf, was als Phänomen gelten darf und was nicht, gerät sie in Gefahr, ein Spielball von psychologischen und anderen Dynamiken und Interessen zu werden, die sich hinter der scheinbaren Rationalität von Wissenschaft leicht verstecken können. Aus der scheinbar so rationalen Wissenschaft wird verdeckt eine irrationale Unternehmung, die sich selbst immunisiert, weil sie ja alle Phänomene ausklammern kann, die ihr nicht passen.

VERLUST DER EINHEIT

Zu der verdeckten Selbstimmunisierung von wissenschaftlichen Disziplinen kommt erschwerend hinzu, dass die vielen einzelnen Wissenschaften weder begrifflich noch prozedural auf eine Integration, auf eine potentielle Einheit hin ausgelegt sind. Dies hier nicht verstanden als eine weitere Immunisierungsstrategie, sondern als notwendiger Prozess der Integration vieler Einzelaspekte zu einem möglichen hypothetischen Ganzen. Ohne solche übergreifenden Perspektiven können viele Phänomene und daran anknüpfende einzelwissenschaftliche Erkenntnisse keine weiterreichende Deutung erfahren. Sie sind wie einzelne Findlinge, deren Fremdheit zu ihrem Erkennungszeichen wird.

SUBJEKTIV – OBJEKTIV

In der orthodoxen Wissenschaft, wie Maslow die rigorosen empirischen Wissensschaften nennt, wird ein Begriff von empirisch, von objektiv vorausgesetzt, der den Anspruch erhebt, die reale Welt unabhängig von den internen Zuständen eines Menschen zu vermessen. Dies geht einher mit der Ausklammerung der Subjektivität, weil diese als Quelle allen Übels in den früheren Erkenntnistätigkeiten des Menschen diagnostiziert wurde. Mit der Ausklammerung der Subjektivität verschwindet aber tatsächlich auch der Mensch als entscheidender Akteur. Zwar bleibt der Mensch Beobachter, Experimentator und Theoriemacher, aber nur in einem sehr abstrakten Sinne. Die inneren Zustände eines Menschen bleiben in diesem Schema außen vor, sind quasi geächtet und verboten.

Diese Sehweise ist selbst im eingeschränkten Bild der empirischen Wissenschaften heute durch die empirischen Wissenschaften selbst grundlegend in Frage gestellt. Gerade die empirischen Wissenschaften machen deutlich, dass unser Bewusstsein, unser Wissen, unser Fühlen funktional an das Gehirn gebunden sind. Dieses Gehirn sitzt aber im Körper. Es hat keinen direkten Kontakt mit der Welt außerhalb des Körpers. Dies gilt auch für die Gehirne von Beobachtern, Experimentatoren und Theoriekonstrukteuren. Keiner von ihnen sieht die Welt außerhalb des Körpers, wie sie ist! Sie alle leben von dem, was das Gehirn aufgrund zahlloser Signalwege von Sensoren an der Körperoberfläche oder im Körper einsammelt und daraus quasi in Echtzeit ein dreidimensionales Bild der unterstellten Welt da draußen mit dem eigenen Körper als Teil dieser Welt errechnet. Dies bedeutet, dass alles, was wir bewusst wahrnehmen, ein internes, subjektives Modell ist, eine Menge von subjektiven Ereignissen (oft Phänomene genannt, oder Qualia), von denen einige über Wahrnehmungsprozesse mit externen Ursachen verknüpft sind, die dann bei allen Menschen in der gleichen Situation sehr ähnliche interne Wahrnehmungsereignisse erzeugen. Diese Wahrnehmungen nennen wir objektiv, sie sind aber nur sekundär objektiv; primär sind sie interne, subjektive Wahrnehmungen. Die Selbstbeschränkung der sogenannten empirischen Wissenschaften auf solche subjektiven Phänomene, die zeitgleich mit Gegebenheiten außerhalb des Körpers korrelieren, hat zwar einen gewissen praktischen Vorteil, aber der Preis, den die sogenannten empirischen Wissenschaften dafür zahlen, ist schlicht zu hoch. Sie opfern die interessantesten Phänomene im heute bekannten Universum nur, um damit ihre einfachen, schlichten Theorien formulieren zu können.

In ihrer Entstehungszeit — so im Umfeld der Zeit von Galilelo Galilei — war es eine der Motivationen der empirischen Wissenschaften gewesen, sich gegen die schwer kontrollierbaren Thesen einer metaphysischen Philosophie als Überbau der Wissenschaften zu wehren. Die Kritik an der damaligen Metaphysik war sicher gerechtfertigt. Aber In der Gegenbewegung hat die empirische Wissenschaft gleichsam — um ein Bild zu benutzen — das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: durch die extreme Reduktion der Phänomene auf jene, die besonders einfach sind und durch das Fehlen eines klaren Kriteriums, wie man der Gefahr entgeht, wichtige Phänomene schon im Vorfeld auszugrenzen, wurde die moderne empirische Wissenschaft selbst zu einer irrationalen dogmatischen Veranstaltung.

Es ist bezeichnend, dass die modernen empirischen Wissenschaften über keinerlei methodischen Überbau verfügen, ihre eigene Position, ihr eigenes Vorgehen rational und transparent zu diskutieren. Durch die vollständige Absage an Philosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie — oder wie man die Disziplinen nennen will, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigen — hat sich die empirische Wissenschaft der Neuzeit einer nachhaltigen Rationalität beraubt. Eine falsche Metaphysik zu kritisieren ist eines, aber sich selbst angemessen zu reflektieren, ein anderes. Und hier muss man ein Komplettversagen der modernen empirischen Wissenschaften konstatieren, was Maslow in seinem Buch über viele Kapitel, mit vielen Detailbeobachtungen aufzeigt.

DAS GANZE IST EIN DYNAMISCHES ETWAS

Würden die empirischen Wissenschaften irgendwann doch zur Besinnung kommen und ihren Blick nicht vor der ganzen Breite und Vielfalt der Phänomene verschließen, dann würden sie feststellen können, dass jeder Beobachter, Experimentator, Theoriemacher — und natürlich alle Menschen um sie herum — über ein reiches Innenleben mit einer spezifischen Dynamik verfügen, die kontinuierlich darauf einwirkt, was und wie wir denken, warum, wozu usw. Man würde feststellen, dass das Bewusstsein nur ein winziger Teil eines Wissens ist, das weitgehend in dem um ein Vielfaches größeren Unbewusstsein verortet ist, das unabhängig von unserem Bewusstsein funktioniert, kontinuierlich arbeitet, all unsere Wahrnehmung, unser Erinnern, unser Denken usw. prägt, das angereichert ist mit einer ganzen Bandbreite von Bedürfnissen und Emotionen, über deren Status und deren funktionale Bedeutung für den Menschen wir bislang noch kaum etwas wissen (zum Glück gab und gibt es Wissenschaften, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen, wenngleich mit großen Einschränkungen).

Und dann zeigt sich immer mehr, dass wir Menschen vollständig Teil eines größeren BIOMs sind, das eine dynamische Geschichte hinter sich hat in einem Universum, das auch eine Geschichte hinter sich hat. Alle diese Phänomene hängen unmittelbar untereinander zusammen, was bislang aber noch kaum thematisiert wird.

Das Erarbeiten einer Theorie wird zu einem dynamischen Prozess mit vielen Faktoren. Bei diesem Prozess kann man weder die primäre Wahrnehmung gegen konzeptuelle Modelle ausspielen, noch konzeptuelle Modelle gegen primäre Wahrnehmung, noch kann man die unterschiedlichen internen Dynamiken völlig ausklammern. Außerdem muss der Theoriebildungsprozess als gesellschaftlicher Prozess gesehen werden. Was nützt eine elitäre Wissenschaft, wenn der allgemeine Bildungsstand derart ist, dass Verschwörungstheorien als ’normal‘ gelten und ‚wissenschaftliche Theorien‘ als solche gar nicht mehr erkannt werden können? Wie soll Wissenschaft einer Gesellschaft helfen, wenn die Gesellschaft Wissenschaft nicht versteht, Angst vor Wissenschaft hat und die Wissenschaft ihrer eigenen Gesellschaft entfremdet ist?

BOTSCHAFT AN SICH SELBST?

Das biologische Leben ist das komplexeste Phänomen, das im bislang bekannten Universum vorkommt (daran ändert zunächst auch nicht, dass man mathematisch mit Wahrscheinlichkeiten herumspielt, dass es doch irgendwo im Universum etwas Ähnliches geben sollte). Es ist ein dynamischer Prozess, dessen Manifestationen man zwar beobachten kann, dessen treibende Dynamik hinter den Manifestationen aber — wie generell mit Naturgesetzen — nicht direkt beobachtet werden kann. Fasst man die Gesamtheit der beobachtbaren Manifestationen als Elemente einer Sprache auf, dann kann diese Sprache möglicherweise eine Botschaft enthalten. Mit dem Auftreten des homo sapiens als Teil des BIOMs ist der frühest mögliche Zeitpunkt erreicht, an dem das Leben ‚mit sich selbst‘ sprechen kann. Möglicherweise geht es gerade nicht um den einzelnen, wenngleich der einzelne im Ganzen eine ungewöhnlich prominente Stellung einnimmt. Vielleicht fängt die neue Wissenschaft gerade erst an. In der neuen Wissenschaft haben alle Phänomene ihre Rechte und es gibt keine Einzelwissenschaften mehr; es gibt nur noch die Wissenschaft von allen für alles ….

KONTEXT ARTIKEL

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DAS EIGENE WISSEN. Was soll ich davon halten?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 14.Juni 2020

KONTEXT

In einem vorausgehenden Blogeintrag (Menschen im Dunklen Zimmer) hatte ich über das neue Zeitalter der Datenüberflutung gesprochen, über das starke Aufkommen von sogenannten Fake-News, von Weltverschwörungs-Bildern, von Privat-Theorien jeglicher Art. … und wie die Menschen, die solchen Bildern anhängen, schwer zugänglich erscheinen, wie abgeschottet, wie ferngesteuert, falsch programmiert. In einem spontanen Folgebeitrag (Realität Wahrnehmen) habe ich dann den Aspekt der Alltagswahrnehmung aufgegriffen, unser alltägliches, spontanes In-der-Welt-sein, dabei sein, darin sein; wie wir durch unsere Wahrnehmung die Realität quasi einatmen, jeden Moment…. und habe dabei auf zwei Punkte hingewiesen: (i) die Welt, die wir da wahrnehmen, kann nicht die Welt sein, wie sie real ist, sondern es sind die Bilder, die unser Gehirn für uns berechnet, das in unserem Körper sitzt, ohne direkten Kontakt zur Welt; (ii) wenn wir unseren Blick zurück wandern lassen in der Zeit (ermöglicht durch die Arbeit von hundertausenden von Wissenschaftlern in den letzt ca. 300 Jahren (siehe beispielsweise die Geschichte der Geologie als einer von vielen Wissenschaften, die hierzu beigetragen haben)), dann kommen wir nach vielen Mrd. Jahren zurück an den Zeitpunkt, an dem das biologische Leben zum ersten Mal im bekannten Universum in Erscheinung tritt (ungefähr von ca. 3.5 Mrd. Jahren). Und von den vielen neuen Eigenschaften, die eine biologische Zelle auszeichnet, ist eine jene, die wir heute oft salopp als Bauplan umschreiben: eine Zelle enthält tote Moleküle, die von anderen toten Molekülen so behandelt werden, als ob sie ein Informationspeicher seien, deren Elemente wie Befehle wirken, etwas bestimmtes zu tun. So populär diese Betrachtungsweise ist, so wenig ist bis heute geklärt, wie es zu solch einem komplexen Phänomen kommen kann? Ein totes Molekül für sich genommen verhält sich gegenüber einem anderen toten Molekül niemals so, als ob dieses ein ‚Bauplan mit Informationen sei, denen man folgen sollte‘. Damit sind wir bei dem Thema dieses Blogeintrags.

SELBSTVERSTÄNDLICHES HINTERFRAGT MAN NICHT

Natürlich gab und gibt es einzelne Wissenschaftler, die das komplexe Phänomen im Verhalten der toten Moleküle in einer Zelle zum Anlass genommen haben, der Frage nach zu gehen, wie es zu solch einem Gesamtverhalten von toten Molekülen kommen konnte und immer noch kann. Genauso wie es immer schon Philosophen gegeben hat und immer noch gibt, die sich die Frage gestellt haben, wie wir unsere eigene Weltwahrnehmung einzuschätzen haben: können wir ihr blindlings vertrauen oder sollten wir uns selbst gegenüber achtsam sein, unter welchen Bedingungen wir was und wie wahrnehmen, denken, vorstellen ….

Aber, obwohl es diese Menschen gab und gibt, obwohl dazu viel gedacht und geschrieben wurde, verhalten wir uns im Alltag normalerweise so, als ob es zum Thema keine Frage gibt, keine tiefschürfenden Untersuchungen. Im Alltag erleben wir uns ganz spontan, ganz selbstverständlich, ganz ohne Anstrengung in einer Form der Wahrnehmung von Welt, in der die Welt ‚unsere‘ ist: sie ist da, sie ist vor uns, sie ist in uns, wir sind dabei, wir kommen darin vor, alles passt, alles stimmt; schwerelos, geräuschlos, es ist einfach so. Warum also hier eine Frage stellen? Warum hier Zweifel hegen? Warum hier Mühe aufwenden, wo doch alles so stimmig ist? Nur Querköpfe, Querulanten, Spinner können hier Fragen aufwerfen. Ich selbst doch nicht, wozu?

STOLPERSTEINE … WENN MAN SIE WAHRNIMMT

Angesichts der soeben geschilderten Ausgangslage im normalen Alltag erscheint es ‚irgendwie unmöglich‘, dass man zu einer anderen Sicht der Dinge kommen könnte. Andererseits, wenn man erlebt, wie heute mit einer großen Beharrlichkeit Menschen Ansichten vertreten, die von den eigenen Weltbildern stark abweichen, und man — warum auch immer — eine andere Sicht der Dinge hat, vielleicht sogar stark abweichend, dann kann dies irritieren. Gut, eine Zeit lang kann man so tun, als ob es diese anderen Ansichten nicht gibt, aber irgendwann, wenn sie dann in den Medien immer wieder aufpoppen, wenn im Alltag immer mehr Menschen diese anderen Sichten äußern, sich sogar danach verhalten (‚kein Fleisch essen‘, ‚vegan leben‘, ‚Müll trennen‘, ‚Gleichberechtigung der Frauen‘, ‚Islamischer Staat‘, ‚Wir sind das Volk‘, ‚Klimakrise‘, ….), dann kann dies unangenehm werden, lästig, ärgerlich, oder sogar bedrohlich: die einen wollen sich vor einem bestimmten Virus schützen, andere lachen darüber, halten dies für einen ‚Fake’…

Also, auch wenn man kein Wissenschaftler oder Philosoph*in ist, kann man im Alltag mit der Realität der anderen Weltsicht im Kopf der anderen konfrontiert werden. Das kann lustig sein (Du bis ‚Fan‘ von Idol A und sie ist Fan von Idol B), oder es kann tödlicher Ernst werden (Du siehst das Verhalten der Regierung ‚kritisch‘, die Regierung ist aber quasi diktatorisch und verfolgt, verhaftet dich, sperrt dich ein, foltert dich …).

Die Bilder im Kopf können lustig sein, sie können hart sein wie Beton und sie können dein Leben, das Leben von vielen Menschen bedrohen. Also, auch wenn Du selbst wenig Anlass haben magst, darüber nachzudenken, wie Du die Welt wahrnimmst, wenn keiner darüber nachdenkt, und jeder sich seinen spontanen, so selbstverständlich erscheinen Bildern einfach so überlässt, dann kann es nicht nur zu stark unterschiedlichen Bildern kommen, sondern diese Bilder können immer mehr von der Realität der Welt da draußen abweichen, und Menschen können an einen Punkt kommen, wo sie unfähig erscheinen, ihre falschen Bilder im Kopf als falsch zu erkennen. Und wenn Du dein Kind z.B. von einem hochgefährlichen Virus schützen möchtest, die anderen aber keine Gefahr zu sehen meinen, … was tust Du dann? Wenn Dich jemand anderes als unerwünschte Person betrachtet, als gefährlich, nur weil Du eine andere Sprache sprichst, eine andere Hautfarbe hast, eine andere Wertvorstellung, Du auf der Flucht bist vor Krieg, Du … was tust Du dann? Sind die Gedanken der anderen dann egal? Ist es dann egal, wie wir die Welt wahrnehmen und denken? Wenn es da Menschen gibt, die die Manipulation der großen internationalen Finanzströme als Sport ansehen, als ihr persönliches Recht, auch wenn sie dadurch eine ganze Volkswirtschaft, ja, sogar die Weltwirtschaft ruinieren können … ist es dann egal, was sie denken? Wenn die Regierung eines Landes alle ihre Bürger überwacht, kontrolliert, bewertet, gegen ihren Willen, und daraus Strafmaßnahmen ableitet bis hin zu Gefängnis, Umerziehung, Folter, Tod … ist es dann egal, welche Bilder die Verantwortlichen im Kopf haben?

DEINE GEDANKEN SIND WICHTIG

Diese Hinweise auf Beispiele sollten eigentlich ausreichen, um uns bewusst zu machen, dass die Art, wie wir wahrnehmen, was wir wahrnehmen, wie wir denken, vielleicht nicht ganz so beliebig sein sollte, wie wir in einer ersten spontanen Reaktion vielleicht meinen. Im kleinen Kreis der Familie, von Freunden, von Arbeitskollegen*innen wird oft schnell mal eine Meinung in den Raum gestellt ohne sie groß zu überprüfen, aber wenn wir die Gesamtsituation betrachten, eine ganze Firma, ein ganzes Land, unsere globale Weltgesellschaft, dann sollte jedem klar werden, dass die einzelne, individuelle Meinung keinesfalls so unwichtig, unbedeutend ist, wie sie einem selbst erscheinen mag. Die Gegenwart wie die Geschichte zeigen uns, dass die einzelne, individuelle Meinung, deine Meinung, wenn sie sich vervielfacht, wenn sie zu einer Mehrheit wird, dann kann sie ein Land zu einer freien, demokratischen Gesellschaft führen, oder eben nicht. Und wenn eine Mehrheit es zulässt, dass unsinnige Meinungen praktiziert werden können, dann kann dies Leid und Zerstörung für ganz viele bedeuten, bis hin zum Untergang eines ganzen Landes, zu anhaltendem Bürgerkrieg, zur Zerstörung der Wirtschaft, zur Ausbeutung von von vielen durch wenige.

GLAUBWÜRDIGKEIT

So gesehen sind die Fake-News Bewegungen, die sogenannten Verschwörungstheorien immer auch ein Bild von uns selbst: wenn die führenden Zeitungen dieses Landes große Artikel schreiben, in denen sie eine bestimmte Sicht der Welt vertreten, ohne dass sie jeweils die Quellen ihrer Meinung genau angeben (nur selten tun sie dies explizit), dann ist die Grenze zu einer Verschwörungstheorie fliessend. Ich werde mit einer Sicht der Welt konfrontiert, die mit einem Anspruch auftritt, ich kann aber nicht wirklich — wenn ich denn wollte — die Grundlagen dieser Sicht überprüfen. Genauso kann kann ein Leser mich als Autor dieses Blogs fragen, warum ich nicht immer Quellen für meine Meinung angebe? Fantasiert der cagent nur so vor sich hin, macht er hier Meinungsmache für bestimmte Interessen? Warum soll man ihm glauben?

SICH TRANSPARENT MACHEN … NICHT EINFACH

Wenn wir anfangen, uns ehrlich zu machen gegenüber uns selbst und allen anderen, dann merken wir schnell, dass es gar nicht so einfach ist, ‚ehrlich‘ zu sein, ‚transparent‘, ’nachvollziehbar‘. Warum?

Unsere Sicht der Welt ist im Alltag nicht so einfach, wie wir vielleicht geneigt sind, anzunehmen. Angenommen, Sie benötigen zum in die Ferne sehen eine Brille. Machen Sie einen Speziergang oder gehen Sie Walken/ Joggen ohne ihre Brille. Während der ganzen Zeit da draußen werden Sie beständig alle Dinge in gewisser Entfernung nur unscharf sehen, Farbflecken, komische Formen und Gestalten. Und ihr Gehirn wird beständig Interpretationen anbieten. Je nach Gemütslage (entspannt, ärgerlich, ängstlich, vertrauensvoll …) liefert das Gehirn Ihnen unterschiedliche Interpretationen, was das da vorne sein könnte. Ich habe noch nie bewusst gezählt, wie oft ich daneben lag, aber ‚gefühlt‘ 80-90%…. daneben!

Es ist für viele Zwecke gut, dass unser Gehirn unsere bisherigen Erfahrungen partiell speichert. Ohne diese gespeicherten Erfahrungen wären wir im Alltag praktisch nicht lebensfähig. Wenn wir beständig jede Kleinigkeit wieder von vorne lernen müssten, wir kämen zu nichts mehr. Also, das Lernen in Form von automatischen Speicherungen und Interpretationen des Gehirns ist eine Grundfähigkeit, um überhaupt im Alltag lebensfähig zu bleiben. Der Punkt ist nur — und das haben viele psychologische Arbeiten gezeigt — dass unser Gehirn diese Speicherungen nicht 1-zu-1 vornimmt, sondern dass es auswählt (unbewusst), dass es assoziiert und strukturiert (unbewusst), dass es diese Strukturierung mit Emotionen verknüpft (unbewusst); und vieles mehr. Wenn wir also dann in einer bestimmten Alltagssituation von unserem Gehirn (unbewusst) mit Erinnerungen beliefert werden, um die aktuelle Situation zu deuten, dann können diese Erinnerungen Verzerrungen beinhalten, Assoziationen mit Dingen, die gar nicht relevant sind, und Emotionen, die unpassend sind. Und wenn wir dann diesen spontanen Eingebungen unseres Gehirns genau so spontan folgen, dann können wir ganz spontan große Fehler machen, obgleich wir dabei ein sehr gutes Gefühl haben.

Und wie wir heute aus der Alltagserfahrung wissen können, unterstützt durch viele psychologische Untersuchungen, tun sich alle Menschen schwer bis sehr schwer, ihre Erfahrungen, ihr unbewusstes Wissen im Rahmen eines Dialogs oder bei Schreibversuchen mit Worten angemessen wieder zu geben. Im Falle von psychologischen Experimenten oder bei sogenannten Usability-Tests (Benutzbarkeitstests, wenn man die Brauchbarkeit von Geräten oder Diensten aus Sicht der Benutzer testet) zeigt sich sehr klar, dass Menschen auf Befragungen (Interviews, Fragebogen), was Sie denn in einer bestimmten Situation tun würden bzw. was sie von einer Sache halten, in ganz vielen Fällen etwas ganz anderes antworten, als das, was sie unter Beobachtung im Test tatsächlich getan haben. Dies bedeutet, wir besitzen die Fähigkeit, bewusst ein anderes Bild von uns selbst zu haben als das, was wir tatsächlich tun, und dies, ohne es zu merken!

Dies ist ein Baustein von vielen, die in ihrer Gesamtheit darauf hindeuten, dass das Wissen, das wir im Laufe des Lebens in uns ansammeln, das unsere Wahrnehmung und Tun begleitet, nicht nur sehr komplex zu sein scheint, sondern zusätzlich durch den starken unbewussten Anteil für uns selbst wenig transparent ist. Wenn wir also unsere Meinung zu äußern versuchen, im Gespräch, im Schreiben eines Textes (so wie ich jetzt hier), dann ist dem Sprecher, Schreiber im Moment des Sprechens, Schreibens nicht unbedingt vollständig bewusst, nicht vollständig klar, was er da alles sagt bzw. sagen wird. Andererseits, wenn wir es erst gar nicht versuchen, das auszusprechen oder zu schreiben, was sich da in uns — weitgehend unbewusst — befindet, uns bewegt, uns leitet, dann bleibt dies alles im Dunkeln. Sprechen wir, schreiben wir es auf, wird etwas sichtbar, und wenn es dann sichtbar geworden ist, dann können wir in einem weiteren Durchgang — wenn wir uns die Zeit nehmen — versuchen, das, was sichtbar geworden ist zu bedenken, mit anderen darüber sprechen, wie sie das erleben und einschätzen, und so können wir versuchsweise herausfinden, welchen Wahrheitsgehalt diese Worte haben. Ein bleibend schwieriges Unterfangen, und nur bei sehr einfachen Sachverhalten kann man die Frage nach dem Realitäts-Check eventuell beantworten. Sobald die Dinge komplexer werden — und das ist in unserem Alltag der Normalfall — kann es schwer bis unmöglich werden, sich in überschaubarer Zeit eine umfassende Meinung zu bilden. Dies bedeutet, dass wir die meiste Zeit mit sehr viel Glauben operieren — wir glauben an das, was wir äußern, obwohl wir nicht alle impliziten Annahmen erschöpfend selbst überprüfen können –, und dass wir darauf angewiesen sind, dass andere Menschen uns Feedbacks geben, um aus den Feedbacks Hinweise zu gewinnen, wo man seine eigene Meinung vielleicht überprüfen sollte.

Ich lese oft Bücher von Menschen, die einen sehr kompetenten Eindruck in der Wissenschaft oder der Philosophie erweckt haben (was nicht notwendigerweise besagt, dass das stimmt, was in diesen Büchern steht) und zwinge mich dann, diese Texte in Form von Buchbesprechungen mit meinen Ansichten zu vergleichen. Dies kann helfen, ist aber auch keine vollständige Überprüfung, weil die Meinungen, um dies es geht, in der Regel so umfassend und komplex sind, dass es in kurzer Zeit (dies können sehr wohl viele Wohen sein) nicht möglich ist, alle Positionen zu überprüfen. Genauso lese ich regelmäßig wissenschaftliche Artikel und versuche sie ebenso zu analysieren. Früher war ich auch als Reviewer bei internationalen Zeitschriften aktiv. Oder ich musste meine Meinungen mit den Meinungen von vielen hundert verschiedenen Studierenden konfrontieren, Auge in Auge, bis ins Detail.

Ich leite aus all dem die Einsicht ab, dass das Projekt des eigenen Wissens extrem komplex ist, letztlich niemals abgeschlossen ist, niemals den Anspruch haben kann, jetzt alles richtig zu wissen. Man bleibt in einer fragmentarischen Gesamtsicht mit unterschiedlich gut geprüften Teilaspekten, und man bleibt darauf angewiesen, von anderen zu hören, zu lesen, miteinander zu reden.

Was das Angeben von Quellen angeht, so gibt es Kontexte, in denen man dies auf jeden Fall tun muss, aber dann auch Kontexte — wie solch ein Blogeintrag jetzt, hier — wo der Versuch, alle Gedanken mit Zitaten zu belegen, quasi zum Scheitern verurteilt ist, weil es beim ursprünglichen Schreiben darum geht, einen allerersten Zugriff auf das weitgehend unbewusste eigene Denken zu bekommen. Es wäre dann die zweite Reflexionswelle, in der dann eher Quellen, Querverweise zum Tragen kommen, strukturelle Analysen, logische Analysen usw. Dazu ist dieser Blog aber nur teilweise gedacht. (in einem meiner anderen Blogs uffmm.org, geht es eher um formalisierte Theorien, unterstützende Computerprogramme, reale soziale politische Experimente).

KONTEXT ARTIKEL

Einen Überblick über alle Blogeinträge von Autor cagent nach Titeln findet sich HIER.

REALITÄT WAHRNEHMEN … ist doch so einfach.

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild
ISSN 2365-5062
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Datum: 13.Juni 2020

KONTEXT

In dem vorausgehenden — leicht allegorischen — Beitrag von den Menschen im dunklen Zimmer habe ich ein Phänomen unseres Alltags im Jahr 2020 beschrieben. Fake News und Weltverschwörungstheorien bilden den Aufhänger, aber — bei näherer Betrachtung — kann man den Eindruck gewinnen, wir haben es hier nicht mit Ausnahmen zu tun, nicht mit ‚Verzerrungen von uns selbst‘, nein, wir haben es mit uns zu tun, mit uns selbst, so wie wir real sind, so, wie wir funktionieren, wenn wir überhaupt funktionieren.

UREREIGNIS WAHRNEHMUNG

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir etwas Wahrnehmen, Dinge, Farben, Gerüche, Geräusche, Getstalten, Formen, Konstellationen von Objekten, Zusammenhänge, Veränderungen, … dass wir uns darüber eigentlich nicht mehr wundern. Es ist einfach so. Wir nehmen wahr. Und das, was wir wahrnehmen, das ist für uns wirklich, real, es ist das, was ist, und nichts anderes.

ZWEITE WAHRNEHMUNG

Und doch sollten wir gelegentlich darüber nachdenken, was da gerade passiert, wenn wir wahrnehmen. Es ist eine zweite Wahrheit, die uns quasi mitgegeben ist, als Grundausstattung, als Besonderheit: während wir wahrnehmen, können wir irgendwie wissen, dass wir wahrnehmen. Wir können ansatzweise unterscheiden, ob wir aktuell etwas Reales wahrnehmen, oder ob wir uns an etwas erinnern, was wir schon mal wahrgenommen haben. Oder, sogar das funktioniert, wir können wissen, ob wir gerade herum fantasieren oder — noch radikaler — ob wir im Schlaf träumen. Ansatzweise können wir das.

ES WAR MAL ANDERS

Während wir also da vor uns hin Wahrnehmen, Erinnern, Fantasieren oder Träumen könnte es bisweilen hilfreich sein, dass wir uns darüber bewusst werden, dass es mindestens ca. 10 + 3 Mrd. Jahre gebraucht hat, bis sogenanne unbelebte Materie in Form von Atomen und Molekülen es geschafft hatte, sich so zu formieren, dass angebliche tote Materie in der Lage war, andere tote Materie wahr zu nehmen. Tatsächlich gibt es keine tote Materie, Materie ist von Grund auf extrem ’nicht tot‘, aber es gefällt uns, von der Materie als ‚tot‘ zu sprechen und von uns als ‚lebendig‘. Das entscheidende Ereignis nach den ersten ca. 10 Mrd. Jahren Universum war die Entstehung der allerersten Strukturen, die wir gewöhnlich biologische Zellen nennen.

BIOLOGISCHE ZELLEN

In einer biologischen Zelle sind angeblich tote Moleküle so angeordnet, dass bei der Reproduktion einer Zelle einige tote Moleküle andere tote Moleküle als Bauanleitung benutzen, andere, neue tote Moleküle zu konstruieren. Die Wissenschaft hat früh begonnen, hier von Information zu sprechen, dass die einen toten Moleküle einen Informationsspeicher bilden, einen Bauplan, anhand dessen andere tote Moleküle ein komplexes Gebilde von vielen toten Molekülen konstruieren, die miteinander auf komplexe Weisse kooperieren.

SÜNDENFALL INFORMATION

Die Einführung des Wortes Information an dieser Stelle sollte wohl etwas Besonderes markieren, darauf hinweisen, dass hier etwas Außergewöhnliches im Gang ist, da der Begriff ‚Information‘ kein Begriff ist, der sich einfach so im Bereich der Molekularbiologie ergibt, aber mit der Einführung des Begriffs ‚Infomation‘ in diesem Kontext wurde nur ein Marker gesetzt, ein Ausrufezeichen, ein Hinweis für andere; das Entscheidende aber ist nicht passiert. Niemand hat — nicht bis heute — erklärt, warum ein totes Molekül plötzlich ein anderes totes Molekül behandelt als ob es ein Informationsträger sei. Dies ist keine normale Verhaltensweise eines toten Moleküls. Tote Moleküle wechselwirken zwar mit anderen toten Molekülen auf physikalisch-chemische Weise, aber dass ein totes Molekül auf ein anderes explizit so reagiert, als ob es ein Informationsträger sei, und dass aus dem weiteren Verhalten eines toten Moleküls ein Prozess entsteht, der zur Bildung von anderen toten Molekülen führt, die ein hochkomplexes Gebilde ergeben, das wir heute biologische Zelle nennen, das ist weder selbstverständlich noch folgt es aus der Beschaffenheit toter Moleküle. Einem einzelnen Molekül kann man nicht ansehen, dass es andere tote Moleküle als Informationsträger behandeln kann.

Die Benutzung der Wortmarke Information in diesem Kontext ist — so wie es bislang gehandhabt wird — eher irreführend. Das Wort ‚Information‘ ist im biologischen Kontext bis heute nur ansatzweise definiert ist. Die bislang beste Definition des Begriffs ‚Information‘ findet sich in Publikationen von Claude Shannon 1948/1949, weil er dort ein geschlossenes formales Konzept vorstellt, in dem der Begriff ‚Information‘ eine klare Bedeutung hat. Allerdings, die Verwendung des Begriffs ‚Information‘ bei Shannon und der Begriff ‚Information‘ im Kontext von toten Zellen, die sich so verhalten, als ob eine tote Zelle einen Bauplan enthalte, haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Die Verwendung des Begriffs ‚Information‘ bei Shannon ist eine völlig andere als jene im Kontext einer biologischen Zelle bei der Reproduktion. Womit sich die Frage stellt, wie man den Begriff der Zellen-Information von dem Begriff der Shannon-Information abgrenzen kann. Was ist hier anderes? Was — und das ist die entscheidende Frage — ist der formale Zusammenhang im Fall der biologischen Zelle, durch den verständlich wird, warum die einen toten Zellen unter bestimmten Bedingungen sich so verhalten, als ob die anderen toten Zellen eine Bauanleitung darstellen?

Shannon hatte eine klare Theorie von Sender und Empfänger, verbunden durch einen Kanal, und er konnte durch entsprechende formale Annahmen einen Rahmen definieren, innerhalb dessen man dann weiter Wahrscheinlichkeiten definieren konnte, ob und wie bestimmte formale Ereignisse in dem Kanal stattfinden. Im Fall des Phänomens des Bauplans geht es aber in erster Linie nicht um irgendwelche Wahrscheinlichkeiten (indirekt natürlich auch, irgendwie, sekundär), sondern um die Etablierung einer Abbildungsbeziehung zwischen einem toten Molekül auf der einen Seite und dem Verhalten von vielen anderen toten Molekülen auf der anderen! Die beteiligten toten Moleküle blieben das, was sie immer waren und sind, tote Moleküle, aber es gibt das Phänomen, dass an sich tote Moleküle sich unter bestimmten Bedingungen so verhalten, als ob sie ein totes Molekül als Bauplan erkennen und darauf hin viele tote Moleküle sich so verhalten, als ob sie diesen Bauplan umsetzen.

… WENN ES KOMPLEX WIRD

Die entscheidende Eigenschaft kann man also nicht erkennen, wenn man die beteiligten toten Moleküle einzeln betrachtet, sondern nur, wenn man sie als Gesamtheit betrachtet und darauf achtet, wie sie sich im Verlauf der Zeit zueinander verhalten. Für Eigenschaften, die sich an einer Gesamtheit zeigen, ohne dass diese aus den Eigenschaften der Elemente einzeln ableitbar wären, gibt es die beiden Begriffe Komplexität und Emergenz: Gesamtheiten von Elementen, die als Gesamtheit Eigenschaften zeigen, die sich von den Elementen einzeln so nicht behaupten lassen, nennt man (nach einer Definition von Weaver) komplex, und das Auftreten solcher Eigenschhaften von komplexen Systemen, nennt man emergent. Das Auftreten der Eigenschaft Zell-Informationen im Kontext von biologischen Zellen ist daher ein emergentes Phänomen weil biologische Zellen als besondere Ansammlungen toter Moleküle komplexe Systeme sind. Die Existenz von dicken Büchern mit über tausend Seiten Umfang zur Erklärung der biologischen Zelle kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das entscheidende emergente Phänomen der Zell-Informationen damit noch nicht hinreichend erklärt ist. Wir wissen jetzt Vieles mehr, aber das Entscheidende wissen wir immer noch nicht.

ZURÜCK ZUR ALLTAGSWAHRNEHMUNG

Das Phänomen der Wahrnehmung von Welt ohne dass man sich unbedingt bewusst macht, dass und wie man wahrnimmt, ist also nicht wirklich neu. Schon zum Beginn des biologischen Lebens gibt es dieses Wunder der Information als Basis jeglichen weiteren Lebens, ohne dass wir darüber bis heute wirklich Rechenschaft abgelegt haben, wie dies möglich ist, was das bedeutet.

Und, seien wir ehrlich: wie viele von Ihnen haben schon mal länger als nur für einen kurzen Moment Gedanken daran verschwendet, wie es denn überhaupt möglich ist, dass wir die Welt wahrnehmen, wo doch unser Gehirn im Körper eingeschlossen ist, und von der Welt ‚da draußen‘ direkt nichts weiß? Wer von Ihnen hat denn schon mal länger darüber nachgedacht, was man von den schönen bunten Bildern von der Welt halten soll, wo wir doch auf Schritt und Tritt feststellen, dass so viele andere Menschen ganz andere Meinungen entwickeln wie wir selbst? Warum können wir so sicher sein, dass im Zweifelsfall immer die anderen die ‚Idioten‘ sind, wir aber auf jeden Fall Recht haben?

BENUTZTE QUELLEN

Warren Weaver, A quarter century in the natural sciences. In Rockefeller Foundation Annual Report,1958, pages 7–15, Publisher: Rockefeller Foundation,1958 (Achtung: der ursprünliche Link mit dem Dokument funktioniert leider nicht mehr). Eine Diskussion der Begriffe Komplexität und Emergenz mit besonderer Berücksichtigung von Weaver findet sich HIER.

KONTEXT ARTIKEL

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