Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)' und 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe ...

Ballungsraum 2117 und technische Superintelligenz. Welche Rolle verbleibt uns Menschen?

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
14.April 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch, Frankfurt University of Applied Sciences
Email: doeben@fb2.fra-uas.de
Email: gerd@doeben-henisch.de

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INHALT

I VISION RESILIENZ
II VIELE AKTEURE
III PROBLEMLÖSUNGSSTRATEGIEN
IV MENSCH UND KOMPLEXITÄT
V INGENIEURE ALS VORBILD
VI CLUB OF ROME – NUR GESTERN?
VII DER UMFASSEND DIGITALISIERTE MENSCH ENTSTEHT HEUTE
VIII SIMULATIONEN BEHERZTER NUTZEN?
IX TECHNISCHE SUPERINTELLIGENZ
X WAS KANN EIN COMPUTER?
XI DAS EI DES COLUMBUS
XII EINE NEUE MENSCH-MASCHINE SUPER-INTELLIGENZ FÜR DEN BALLUNGSRAUM?
IX QUELLEN

ÜBERBLICK

Dieser Text wurde ursprünglich als Vorbereitung für das Programmheft der Konferenz ’Der Resiliente Ballungsraum’ des Frankfurter Forschungsinstituts FFin am 13.April 2018 geschrieben. Die aktuelle Version stellt eine leicht überarbeitete Version im Anschluss an die Konferenz dar, ergänzt um Literaturangaben. Ausgehend von der Komplexität heutiger Ballungsräume wird die Frage gestellt, ob und wie wir Menschen die neuen digitalen Technologien, insbesondere auch künstliche Intelligenz, nutzen könnten, um mit dieser Komplexität besser umzugehen. Durch die langsam wachsende Erkenntnis, dass der resiliente Charakter vieler komplexer Systeme zudem ein Denken verlangt, das weit hinter die Oberfläche der Phänomene schaut, wird die Frage nach einer möglichen Unterstützung durch die neuen digitalen Technologien umso dringlicher. Im Text schält sich eine ungewöhnliche mögliche Antwort heraus, die auf eine ganz neue Perspektive in der Planungsdiskussion hinauslaufen könnte.

I. VISION RESILIENZ

Mit der Leitidee der ’Resilienz’ (1) zielt das Denken im Kern ab auf die Dimension der Überlebensfähigkeit von Ballungsräumen, die sich als dynamische Gebilde zeigen, ständigen Veränderungen unterworfen sind, ein dicht  verwobenes Knäuel von Faktoren, die alle gleichzeitig miteinander in Wechselwirkung stehen. Und, ja, natürlich, wer ist nicht daran interessiert, dass diese Gebilde als konkrete Lebensräume für konkrete Menschen möglichst lange funktionsfähig bleiben. Doch, was als sinnvoller Wunsch einer breiten Zustimmung sicher sein kann, kann sehr schnell zur Last, oder gar zum Alptraum werden, wenn man auf die eine oder andere Weise zum ’realen Akteur’ werden muss.(2)

(Anmk: 1: Dieser Artikel benutzt den Resilienzbegriff, wie er in dem grundlegenden Artikel von Holling 1973 [Hol73] vorgestellt worden ist)

(Anmk: 2: Eine Auseinandersetzung mit dem neuen Lieblingswort der ’Resilienz’ im Kontext der Städteplanung findet in einem Folgeartikel in diesem Blog statt. Mit Blick auf den Städtebau siehe auch Jakubowski (2013) [Jak13] )

II. VIELE AKTEURE

Ein polyzentrischer Ballungsraum wie das Rhein-Main Gebiet zählt schon heute an die 5 Mio. Bürger, die in tausenden von unterschiedlichen Rollen Akteure sind, die den Ballungsraum nutzen, ihn auf unterschiedliche Weise gestalten, und die alle ihre Ansprüche haben, die sie befriedigt sehen wollen. (3) Jeder dieser Akteure hat ’sein Bild’ von diesem Ballungsraum. Der eigene Wohnbereich, die täglichen Wege zur und von der Arbeit, Einkäufe, Kinder zum Kindergarten oder zur Schule, vielfältige Freizeit, Großereignisse, Unwetter, Krankheiten . . . irgendwie muss alles irgendwie stimmen, muss es lebbar sein, bezahlbar…. Leiter von Firmen haben weitere spezielle Anforderungen, nicht zuletzt die Verfügbarkeit geeigneter Mitarbeiter, Planungssicherheit, möglichst geringe Kosten, Verkehrs- und Telekommunikationsanbindungen, und vieles mehr . . . Die Ämter und Fachreferate in den Kommunen stehen im Kreuzfeuer vielfältigster politischer Interessen, von Alltagsanforderungen, mangelnder Kommunikation zwischen allen Abteilungen, Bergen von Vorschriften, Mangel an Geld, Personalproblemen, einer Vielzahl von komplexen und disparaten Plänen, ungelösten Altlasten aus der Vergangenheit… Polyzentrisch heißt auch, es gibt nicht nur viele Zentren, sondern auch entsprechend viele Kapitäne, die ihre eigenen Routen haben. Wie soll dies alles koordiniert werden?

(Anmk: 3:   Siehe dazu Peterek/ Bürklin (2014) [PB13], Buerklin/ Peterek (2016) [BP16] )

III. PROBLEMLÖSUNGSSTRATEGIEN

Aus der Nähe betrachtet mutiert die Vision eines resilienten Planungsraumes schnell zum bekannten Muster des ’Lösens eines Problems’: es gibt einen Ausgangspunkt, die jeweilige Gegenwart, es gibt eine Gruppe von Akteuren, die selbst ernannten Problemlöser, und es gibt verschiedene Strategien, wie man versucht, ausgehend von einer – meist nur partiell bekannten – Gegenwart brauchbare Erkenntnisse für eine unbekannte Zukunft zu gewinnen; dazu soll die Lösung – entsprechend der Vision – ’resilient’ sein.

Schaut man sich konkrete Beispiele von Planungstätigkeiten aus den letzten Monaten im Rhein-Main Gebiet an, dann findet man sehr viele unterschiedliche Formen von Problemlösungsverhalten. Zwischen einer rein ’inner-behördlichen’ Vorgehensweisen mit sehr eingeschränkten Ist-Erfassungen und Lösungsfindungen bis hin zu einer sehr umfassenden Einbeziehungen von vielen Bevölkerungsgruppen über viele Kommunikationsstufen hinweg mit unterschiedlichen kreativen Ideen-Findungen. (4)

Diese letzteren, möglichst viele unterschiedliche Akteure einbeziehenden Vorgehensweisen, wirken auf den ersten Blick vertrauenerweckender, da grundsätzlich mehr Perspektiven zu Wort kommen und damit sowohl ein größerer Erfahrungsraum aus der Gegenwart wie auch eine größere Farbigkeit für eine mögliche Zukunft. Wäre solch eine Strategie die Strategie der Stunde?

(Anmk: 4: Dazu war das Referat von Dr.Gwechenberger vom Dezernat Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt, sehr aufschlussreich. Neben der in der Sache gründenden Komplexität spielen die vielfältigen rechtlichen Vorgaben eine große Rolle, dazu die unterschiedlichen Mentalitäten aller Beteiligten, insbesondere die vielfältigen individuellen Interessen und Motivlagen. Das ganze eingebettet in unterschiedliche Zeitfenster, wann welche Aktion möglich, sinnvoll oder notwendig ist. Demokratie ist so gesehen auf jeden Fall zeitaufwendig, dann aber– hoffentlich – resilienter und nachhaltiger)

IV. MENSCH UND KOMPLEXITÄT

Schaut man sich an, was der Mensch als Lebensform des Homo sapiens in den vielen tausend Jahren seit seiner Besiedlung aller Erdteile geleistet hat, dann kann man sich eigentlich nur vor Ehrfurcht verneigen. Quasi aus dem Nichts kommend hat er es im Laufe von ca. 70.000 Jahren geschafft, aufgrund seiner Intelligenz und Sprachfähigkeit immer komplexere Tätigkeiten auszubilden, Handwerkszeug, Technologien, Regeln des Zusammenlebens, Großansiedlungen, komplexe Handelsbeziehungen. Er zeigte sich fähig, komplexe Staaten zu bilden, Großreiche, fantastische Architektur, immer komplexere Maschinen, empirische Forschungen bis in die Tiefen des Universums, in die Tiefen der Materie, in die verschlungenen Wege der Mikrobiologie von den Molekülen zu einfachen, dann komplexen Zellen bis hin zu komplexen Lebewesen, vielfältigste Formen von Klängen, Musik, Sounds, Bildwelten.

Schließlich erfand er auch die Computertechnologie, mit der man unvorstellbar viele Daten in unvorstellbar schneller Zeit verarbeiten kann. Würden heute auf einen Schlag alle Computer und Netzwerke weltweit still stehen, die Welt bräche völlig in sich zusammen. Ein beispielloses Chaos und Elend wäre die Folge.

Dies deutet indirekt auf einen Sachverhalt, den wir als Menschen im Alltag gerne übersehen, um nicht zu sagen, den wir geradezu verdrängen. Dies hat zu tun mit den realen Grenzen unserer kognitiven Fähigkeiten.

Trotz eines fantastischen Körpers mit einem fantastischen Gehirn hat jeder Mensch nur eine sehr begrenzte kognitive Aufnahmefähigkeit von ca. 5-9 Informationseinheiten pro Sekunde, was jeder Mensch in einfachen Selbstversuchen an sich überprüfen kann. (5) Und die Verarbeitung dieser Informationseinheiten mit Hilfe des vorher erworbenen Wissens verläuft unbewusst nach weitgehend relativ festen Schemata, die es einem Menschen schwer machen, Neues zu erfassen bzw. in sein bisheriges Bild von der Welt einzubauen. (6) Noch schwerer tut sich jeder Mensch, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu erfassen, die vielerlei Faktoren umfassen, Faktoren, die oft zudem ’verdeckt’, auf den ersten Blick ’unsichtbar’ sind. Ganz schwer wird es, wenn sich komplexe Faktorenbündel zusätzlich in der Zeit ändern können, womöglich noch mit Rückkopplungen.

Gilt schon die Voraussage des Verhaltens eines einzelnen Menschen für nur ein Jahr mathematisch als unmöglich, so erscheint die Voraussage des Verhaltens von 5 Mio. Bewohner des Rhein-Main Gebietes entsprechend undurchführbar, zumal die Ab- und Zuwanderung hier sehr hoch ist. (7) Dazu kommen Veränderungen von Bedürfnislagen, Veränderungen von Technologien, Veränderungen von konkurrierenden Wirtschaftsregionen, und vieles mehr. Die bislang bekannten und praktizierten Planungsverfahren wirken angesichts dieser zu bewältigenden Komplexität nicht sehr überzeugend. Sie wirken eher hilflos, uninformiert. Scheitern wir mit unseren begrenzten individuellen kognitiven Fähigkeiten an der heutigen Komplexität?

(Anmk: 5: Die erste bahnbrechende Untersuchung zu der ’magischen Zahl 7+/-2’ stammt von George A.Miller (1956) [Mil56]. Dazu gibt es zahllose weitere Studien, die das Thema weiter auffächern, aber nicht diese grundsätzliche Kapazitätsbegrenzung.)

(Anmk: 6: Bekannte Texte zum Zusammenspiel zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis sind Baddeley/Logie (1999) [BL99], Baddeley (2003) [Bad03], und Repovs/Baddeley (2006) [RB06]. Allerdings ist das Thema Gedächtnis mit diesen Artikeln nicht abgeschlossen sondern wird in vielen hundert weiteren Artikeln weiter untersucht.)

(Anmk: 7: Hinweis von Dr. Gwechenberger zur Migration der Stadt Frankfurt: rein statistisch wird innerhalb von 12 Jahren die gesamte Bevölkerung von Frankfurt einmal komplett ausgetauscht.)

V. INGENIEURE ALS VORBILD

Vergessen wir für einen Moment das Problem des komplexen Ballungsraumes und schauen, was denn die Ingenieure dieser Welt machen, wenn sie seit Jahrzehnten komplexe Systeme entwickeln, bauen und in Betrieb halten, die die kognitiven Fähigkeiten eines einzelnen Ingenieurs um viele Dimensionen übersteigen.

Moderne Ingenieurleistungen verlangen das Zusammenspiel von oft mehr als 10.000 einzelnen Experten aus sehr vielen unterschiedlichen Gebieten, nicht nur über Monate, sondern oft über Jahre hin. Wie kann dies funktionieren?

Ingenieure haben sehr früh gelernt, ihr Vorgehen zu systematisieren. Sie haben komplexe Regelwerke entwickelt, die unter dem Stichwort ’Systems Engineering’ beschreiben, wie man beliebige Probleme von der Aufgabenstellung in eine funktionierende Lösung überführt, einschließlich umfassender Tests in allen Phasen. Und selbst der spätere Einsatz des entwickelten Produktes oder der entwickelten Dienstleistung ist nochmals spezifiziert. Dies führt dazu, dass z.B. Flugzeuge, Atomkraftwerke, landesweite Energienetzwerke, Raumfahrtprojekte, im Vergleich die sichersten Systeme sind, die wir kennen.

Neben ausgeklügelten Dokumentationstechniken spielen im Engineeringprozess mathematische Modelle eine zentrale Rolle und, seit vielen Jahren unverzichtbar, computergestützte Simulationen. Schon seit vielen Jahren gibt es kein einziges anspruchsvolles Produkt mehr, das zuvor nicht vollständig als Computersimulation ausprobiert und getestet wurde. Dazu gehören z.B. auch Computerchips, speziell jene Prozessoren, die das Herz eines Computers bilden. Schon vor 30 Jahren waren diese so komplex, dass deren Entwicklung und die Tests auf ihre Funktionstüchtigkeit ohne Computer nicht möglich war. Anders gesagt, wir können Computer und all die anderen komplexen Produkte schon seit Jahren nur entwickeln, weil wir dazu Computer einsetzen. Kein menschliches Gehirn ist in der Lage, die schon heute benötigten Komplexitäten noch irgendwie praktisch zu meistern, auch viele tausende Gehirne zusammen nicht.

Angesichts dieser Erfolgsgeschichten im Bereich des Engineerings kann man sich fragen, ob man von diesen Erfahrungen für den Bereich der Planung von Ballungsräumen nicht irgend etwas lernen könnte?

VI. CLUB OF ROME – NUR GESTERN?

Manche von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an die zu ihrer Zeit provozierende erste Studie ”The Limits to Growth” des Club of Rome von 1972. (8) Dies war der erste Versuch, die Dynamik der Erde unter der Herrschaft der Menschen mit einem umfassenden Computermodell abzubilden und mit Hilfe des Modells mögliche Hinweise zu bekommen, wie sich die Dinge bei Veränderung der bekannten Faktoren in der Zukunft auswirken.

Seit dieser Veröffentlichung sind mehr als 40 Jahre vergangen. (9) Es gab auf der einen Seite heftigste Kritik, aber zugleich auch viele evaluierende Studien, die immer wieder bekräftigten, dass die Kernaussagen dieses Modells – das vergleichsweise einfach war und ist – sich im Laufe der Jahrzehnte für die Variante ’normaler Verlauf’ weitgehend bestätigt hat. (10)

Es ist hier nicht die Stelle, ein abschließendes Urteil über dieses Computermodell zu fällen (ein Student von mir hatte es mal vollständig nach-programmiert). Man kann aber sagen, dass solche Modelle den bislang einzig bekannte Weg markieren, wie wir Menschen mit unserer sehr begrenzten Fähigkeit zum Denken von Komplexität uns behelfen können, diese Grenzen ansatzweise zu überwinden. Man muss sich die Frage stellen, warum wir diese Anstöße nicht in der Gegenwart systematisch aufgreifen und für unsere Zukunft nutzen?

(Anmk: 8: Meadows et.al (1972) [MLRBI72]. Die Studie des Club of Rome war die Weiterentwicklung eines Computermodells, das zurück geht auf ein Systemmodell (und Programm), das Jay W. Forrester im Laufe von 15 Jahren entwickelt hatte. Thema von Forrester war die Erforschung der Dynamik von sozialen Systemen, speziell auch von Ballungsräumen (’urban areas’). Bemerkenswert ist bei Forresters Modellbildung, dass er auch den individuellen Menschen sieht, der mit seinem jeweiligen Weltbild (er nennt es ’mentales Modell’ bzw. dann einfach ’Modell’) die Welt wahrnimmt, interpretiert und danach handelt. Will man das Verhalten ändern, dann muss man das individuelle Weltbild ändern, das in enger Wechselbeziehung zur aktuellen Gesellschaft steht.(siehe Foorester (1971) [For71]))

(Anmk:9: Da der Club of Rome 1968 gegründet wurde, feiert er 2018 sein 50-jähriges Jubiläum … und er ist immer noch aktiv.)

(Anmk: 10: Ein erster Überblick über die verschiedenen Argumente für und gegen die Analysen des Club of Rome finden sich in dem einschlägigen Wikipedia-Artikel https://en.wikipedia.org/wiki/Club of Rome. Im deutschen Wikipedia-Eintrag finden sich keine Hinweise auf kritische Einwände!)

VII. DER UMFASSEND DIGITALISIERTE MENSCH ENTSTEHT HEUTE

Im Jahre 1972 war der Computer noch keine Maschine des Alltags. Dies begann erst ab dem Jahr 1977 mit dem Auftreten von Kleincomputern für den privaten Gebrauch. Die Entwicklung seitdem war und ist explosiv.

Die Situation heute ist so, dass der Mensch mit seinem realen Körper zwar noch weiterhin in einer realen Körperwelt verankert ist, dass er aber über die vielen elektronischen Geräte, speziell durch Smartphones, Wearables, Tabletts, Notebooks, Laptops und PCs mit immer größeren Zeitanteilen seine Tages über Datennetze mit einer globalen Datenwelt verbunden ist, die rund um die Uhr Raum und Zeit vergessen lässt. Definierte sich ein Mensch früher über seine realen Aktivitäten, wird dies zunehmend ergänzt durch digitale Aktivitäten und Ereignisse. Das Selbstbild, der ganze persönliche Erlebnisraum wird zunehmend durch solche nicht-realweltlichen Strukturen ersetzt. Empirische Realität und digitale Realität beginnen im virtuellen Raum des individuellen Bewusstseins zu verschwimmen. Müsste der Mensch nicht noch seine elementaren körperlichen Bedürfnisse befriedigen, er könnte subjektiv ausschließlich im digitalen Raum arbeiten, kommunizieren, soziale Erfüllung finden, Spielen und . . . . die Grenzen dieser neuen digital erweiterten Lebensform sind bislang noch schwer zu fassen.

Während der professionelle Planungsalltag der Kommunen und Regionen Computer noch sehr verhalten einsetzt, zeigen uns die vielen Mio. Computerspieler weltweit, dass die Menschen sehr wohl Gefallen daran finden können, mit den Mitteln der Computersimulation die Gegenwart hinter sich zu lassen. Allein für Online-Computerspiele hat sich der Markt von 2011 bis 2016 von 21 Mrd. auf 31 Mrd. US-Dollar vergrößert. (11) Für das Jahr 2017 notieren die sechs Länder mit dem höchsten Umsatz bei Onlinespielen (China, USA, Japan, Deutschland, England, Südkorea) zusammen 84.7 Mrd.US-Dollar. (12) Dazu kommen nochmals 8 Mrd. US-Dollar für PC- und Spielkonsolenspiele. (13)

Computerspiele sind komplexe Simulationen in denen eine Ausgangslage mit Hilfe von Regeln in beliebig viele Nachfolgesituationen transformiert werden können. Dies geschieht mittlerweile in 3D, berücksichtigt realistische Geländeformationen mit Vegetation, komplexe Gebäude, viele Tausend Mitspieler, erlaubt gemeinsame Aktionen und macht so eine dynamische digitale Welt virtuell erlebbar.

Diese theoretische Beschreibung lässt das gewaltige Potential erahnen, das Computerspiele prinzipiell für Lernprozesse und für gemeinsame Zukunftsforschung haben könnten. In der Realität bleiben diese aber weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, da die Betreiber bislang wenig Interesse zeigen, das Lern- und Forschungspotential dieser neuen ’Technologie ernsthaft zu nutzen. Die Computerspiele sind bislang eher Erlebnis-, nicht Wissens- getrieben.

(Anmk: 11: Quelle: https://www.statista.com/statistics/292516/pc-online-game-market-value-worldwide/.)

(Anmk: 12: Quelle: https://www.statista.com/statistics/308454/gaming-revenue-countries/.)

(Anmk: 13: Quelle: https://www.statista.com/statistics/237187/global-pc-console-games-revenue-by-type/. )

VIII. SIMULATIONEN BEHERZTER NUTZEN?

An dieser Stelle kann man sich die Frage stellen, warum man das Komplexitätsproblem am Beispiel von Ballungsräumen nicht mit diesen neuen Simulationstechniken angehen sollte?

Verteilte Simulationen würden beliebigen Bürgern die reale Möglichkeit bieten, sich zu beteiligen. Das unterschiedliche Wissen in den unterschiedlichen Köpfen könnte man schrittweise aufsammeln und als Regelwissen in den Simulationen zur Verfügung stellen. Im Unterschied zu kommerziellen Spielen könnte man diese Regeln offenlegen für alle und sie zum Gegenstand von Fachgesprächen machen. In realen Simulationsabläufen könnte man jeweils austesten, wie sich bestimmte Regeln auswirken: sind sie realistisch? Wo führen sie uns hin? Welche Wechselwirkungen mit anderen Regeln tun sich auf? Dieses Werkzeug könnten den Fachabteilungen in den Behörden genauso offen stehen wie den Schulen und Universitäten; Firmen könnten ihre eigenen Szenarien ausprobieren. Alle könnten sich immer wieder auch zu gemeinsamen Experimenten verabreden; man könnte gar Wettbewerbe starten, eine Art kommunales eGaming. In diesem Fall würde es dann wirklich um etwas gehen, nämlich um die eigene Welt und ihre mögliche Zukunft. Mit einem solchen verteilten dynamischen Planungswerkzeug könnte man den Ballungsraum 2117 schon ziemlich gut erforschen, zumindest soweit es uns heute, im Jahr 2018 überhaupt möglich ist. (14)

(Anmk: 14: Im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion zur Tagung stieß die Idee des Einsatzes von mehr Computersimulationen im Gewand von Computerspielen für die Stadtplanung auf unterschiedliche Reaktionen. Der meiste Widerstand ging aus von der Vorstellung, dass Computerprogramme abgeschlossene Einheiten sind, die aus sich heraus niemals die Vielfalt und Dynamik der Wirklichkeit abbilden könnten. Dem hielt der Autor entgegen, dass man primär vom Kommunikationsprozess zwischen Menschen her denken müsse, dem Austausch von Weltbildern, verbunden mit einem möglichen ’Um-Lernen’ dieser Weltbilder. Innerhalb dieser Kommunikationsprozesse kann eine Computerspielumgebung sehr wohl helfen, komplexe Sachverhalte besser zu nutzen. Außerdem können die Regeln, nach denen hier die Welt gesteuert wird, von allen Teilnehmern eingesehen und auf Wunsch geändert werden.)

IX. TECHNISCHE SUPERINTELLIGENZ

An dieser Stelle könnte dieser Vortrag unter normalen Umständen enden. Schon jetzt enthält er eine Reihe von Anregungen, die über den aktuellen Status Quo weit hinausgehen. Aber wir leben in einer Zeit, in der die Welt – spätestens seit der Cebit 2016 – zu fast allen passenden und auch unpassenden Gelegenheiten mit dem Begriff ’Künstliche Intelligenz’ beschallt wird. Kaum noch ein Produkt oder eine Dienstleistung, die nicht irgendwie den Anspruch erhebt, entweder schon über ’künstliche Intelligenz’ zu verfügen oder demnächst mit so etwas ausgestattet zu werden. Und neben den Evangelisten der künstlichen Intelligenz treten auch die Propheten des Untergangs der Menschheit auf, für die die aktuelle ’Künstliche Intelligenz’ nur der Vorläufer einer ganz neuen, noch mächtigeren ’Künstlichen Intelligenz’ sei, die als ’Singularity’ alles übertreffen wird, was der Mensch als künstliche Intelligenz kennt und beherrscht. (15) Diese neue Super-Intelligenz soll dem Menschen in Geschwindigkeit, Datenvolumen und Denkfähigkeit so weit voraus und darin überlegen sein, dass diese technische Superintelligenz vom Menschen nicht mehr ernsthaft kontrolliert werden kann. Sie ist gegenüber dem Menschen so überlegen, dass sie den Menschen locker als überflüssiges Etwas abschaffen kann. Wie immer, gehen die Schätzungen, wann dies der Fall sein wird, deutlich auseinander, aber das Jahr 2117 ist ein guter Kandidat, wann es soweit sein könnte. (16) Was soll man von dieser nicht gerade beruhigenden Vision halten?

Dass Menschen alles, was ihnen neu und unbekannt ist, und ihnen Angst macht, in Form von überirdische Fabelwesen packen, ist so alt, wie die Aufzeichnungen der Menschheit reichen. In den vielen Sagen gibt es dann irgendwann einen Menschen, einen besonderen Menschen, einen Helden, der dann irgendwann eine Schwachstelle findet, durch deren Ausnutzung der Held dann das Fabelwesen zur Strecke bringen kann. Im Fall des neuen Mythos von der technischen Superintelligenz muss man allerdings nicht sehr weit suchen, um zu sehen, dass die Dinge vielleicht doch ganz anders liegen, als die Marketingmaschinerien uns glauben lassen wollen. Und ja, doch, es könnte sogar sein, dass sich hinter dem abschreckenden Mythos von der menschenfeindlichen technischen Superintelligenz eine sehr konkrete Technologie verbirgt, die uns Menschen bei unserem Komplexitätsproblem ernsthaft helfen könnte. Gehen wir zurück zu dem Mann, mit dem das seriöse Reden über die Computer-Maschine angefangen hat.

(Anmk: 15: Ein wichtiger Text zu Beginn der Diskussion um die ’technische Singularität’ ist ein Beitrag von Vinge 1993 zu einer Nasa-Konferenz [Vin93]. Ein sehr guter Einstieg in die Thematik der technischen Singularität findet sich in dem Wikipedia-Artikel zur ’Technological Singularity’, URL: https://en.wikipedia.org/wiki/Technological singularity)

(Anmk: 16: Für eine Diskussion, wann man mit welcher Art von ’Super-Human-Level’ maschineller Intelligenz rechnen sollte, finden sich im Kap.1 von Bostrom 2014 [Bos14]:SS.18-21 einige Argumente. Klar ist, dass es nicht ganz klar ist; es gibt zu viele Unbekannte und wichtige Begriffe sind unscharf. So gesehen ist die Zahl ’2117’ (geschrieben im Jahr 2017) eine fast ’satirische’ Schätzung unter Berücksichtigung der Argumente bei Bostrum.)

X. WAS KANN EIN COMPUTER?

Während die modernen Naturwissenschaften ihren Untersuchungsgegenstand, die reale Natur, von vornherein nicht kennen, sondern sich mühsam, über viele kleine Schritte, ein Bild erarbeiten müssen, wie es vielleicht sein könnte, hat die Computerwissenschaft es einfacher. Sie beginnt dort, wo es überhaupt noch keine Computer gab, sondern nur ein mathematisches Konzept über eine ideale Maschine, deren einzige Fähigkeit darin besteht, in völlig transparenter Weise eine endliche Liste von primitiven Befehlen auszuführen. (17) Im Unterschied zu einer normalen Maschine, die keine Befehle ausführt, kann eine Computer-Maschine Befehle ausführen. Dies erscheint noch nicht besonders aufregend. Ein klein wenig aufregender wird es dadurch, dass die Computermaschine mit einem Schreib-Lese-Band verknüpft ist, auf dem beliebige Zeichen stehen können. Man kann die Computer-Maschine so auslegen, dass sie diese Zeichen auf dem Schreib-Lese-Band als ihre neuen Anweisungen interpretiert. Dies klingt auch noch nicht aufregend. Aufregend wird es, wenn man sich klar macht, dass die Computer-Maschine diese Anweisungen auf dem Schreib-Lese-Band in eigener Regie verändern kann. Sie kann sozusagen das Programm, das sie steuert, selber abändern und damit die Kontrolle über ihre eigene Steuerung übernehmen. Damit verfügt die Computer-Maschine über eine wichtige Voraussetzung, um im Prinzip voll lernfähig zu sein.

Der soeben erwähnte Turing (18) war auch einer der ersten, der in drei Artikeln 1948, 1950 sowie 1953 ganz offen die Frage diskutierte, ob Computer-Maschinen, falls es diese irgendwann einmal als reale Maschinen geben würde, auch eine Intelligenz haben könnten, wie wir sie von Menschen kennen. (19) Turing selbst sah die Möglichkeit eher positiv. Er machte allerdings schon damals darauf aufmerksam, dass Computer-Maschinen aus seiner Sicht nur dann eine reelle Chance haben würden, mit dem Menschen im Lernen gleich zu ziehen, wenn sie ähnlich wie Kindern selbständig durch die Welt streifen könnten und – ausgestattet mit Kameras, Mikrophonen und weiteren Sensoren – die Welt wie sie ist wahrnehmen könnten.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2018, das sind mehr als 65 Jahre nach Turings Spekulationen zu intelligenten, lernfähigen Computern. Wie viele Computer streifen durch die Welt wie Kinder? Nicht all zu viele, muss man feststellen; eigentlich kein einziger. Die bisherigen Roboter, die bekannt sind, haben eine sehr eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und keiner von diesen lernt bislang in einer unbeschränkten Weise, wie Kinder es tun.

Der Bereich, in dem über lebenslang frei lernende Roboter geforscht wird, nennt sich ’Developmental Robotics’ oder – noch radikaler – ’Evolutionary Developmental Robotics’. (20) In einer Forschungsübersicht aus dem Jahr 2017 (21) gibt es eine zentrale Einsicht, die uns an dieser Stelle helfen kann. (22) Zwar weiß man eigentlich schon von den Anfängen in der Künstlichen Intelligenzforschung in den 1960iger Jahren, dass jegliche Art von Lernen minimale Formen von Rückmeldung benötigt, aber die Tragweite dieses Momentes wurde vielen Forschern erst in den letzten Jahren, und speziell in der ’Erforschung des offenen‘ Lernens so richtig klar. Wenn eine Computer-Maschinen selbständig offen lernen können soll, dann braucht sie minimale Präferenzen, um im allgemeinen Rauschen der Ereignisse Ansätze möglicher Muster zu finden. Im Fall von biologischen Systemen gibt es eine Mischung von sogenannten angeborenen Präferenzen, die sich letztlich von der Überlebenserfahrung herleiten, und eben das schlichte Überleben selbst. Nur wer überlebt besitzt offenbar brauchbare Informationen. Im Fall von Computer- Maschinen gibt es keine Überlebenserfahrungen. Eine Computer-Maschine beginnt am absoluten Nullpunkt. Bis vor wenigen Jahren haben Ingenieure das Problem dadurch gelöst, dass sie ihre eigenen Präferenzen in die Computer-Maschinen eingebaut haben. Dies hat so lange funktioniert, wie die Computer-Maschinen nur sehr spezielle Aufgaben lösen mussten, z.B. als Industrieroboter. In dem Maße aber, wie Computer-Maschinen beliebige Aufgaben lernen können sollen, funktioniert diese Strategie nicht mehr. Was nun? Woher sollen solche allgemeinen Präferenzen kommen?(23)

Die Frage mit den Präferenzen (andere sprechen von Werten) hat eine zusätzliche pikante Note, da der Homo sapiens das erste Lebewesen auf der Erde ist, das nicht mehr ausschließlich durch die nackte Überlebensnotwendigkeit getrieben ist. Der Homo sapiens, also wir Menschen, haben es durch unsere geistigen und kommunikativen Möglichkeiten geschafft, das nackte Überleben z.T. sehr weit in den Hintergrund zu drängen. Damit stellt sich für die Lebensform des Homo sapiens erstmals seit 4 Milliarden Jahren biologischen Lebens die Frage, welche möglichen Präferenzen es möglicherweise neben oder sogar vor dem nackten Überleben geben könnte. Dummerweise enthält der genetische Code keine direkte Antwort auf die Frage nach zusätzlichen Präferenzen.

(Anmk: 17:  Der Text, in dem diese Art der Beschreibung eines idealen Computers erstmals vorkommt, ist ein Text, in dem Alan Matthew Turing einen metamathematischen Beweis geführt hat, in dem es um eine andere Version des Unentscheidbarkeitsbeweises von Kurt Gödel 1931 ging. Siehe [Tur 7]. Zu Ehren von Turing wurde diese Version der Definition eines Computers ’Turingmaschine’ genannt. )

(Anmk: 18: Eine sehr gute Biographie zu Turing ist Hodges (1983) [Hod83])

(Anmk: 19: Siehe Turing 1948 [M.87], 1950 [Tur50], sowie 1953 [Tur63] 20 Erste gute Überblicke bieten die beiden Wikipediaeinträge zu ’developmental robotics’ https://en.wikipedia.org/wiki/Developmental robotics sowie zu ’evolutionary developmental robotics’ https://en.wikipedia.org/wiki/Evolutionary developmental robotics)

(Anmk: 21: Siehe Merrick (2017) [Mer17])

(Anmk: 22: Ergänzend auch Singh et.al. (2010) [SLBS10] und Ryan/Deci (2000) [RD00] )

(Anmk: 23: Eine der verbreitetsten Lernformen im Bereich Künstliche Intelligenz ist das sogenannte ’Reinforcement Learning (RL)’. Dieses setzt explizit ’Belohnungssignale’ (’reward’) aus der Umgebung voraus. Siehe zur Einführung Russell/ Norvig 2010 [RN10]:Kap.21 und Sutton/Barto 1998 [SB98])

XI. DAS EI DES COLUMBUS

Das Ei des Columbus gilt als Metapher für Probleme, die als unlösbar gelten, für die es dann aber doch eine Lösung gibt.

In unserem Fall ist das Problem die begrenzte kognitive Ausstattung des Menschen für komplexe Situationen sowie die Präferenzfreiheit technischer Systeme. Die bisherigen Lösungsansätze einer cloud-basierten allgemeinen Intelligenz führt letztlich zu einer Entmachtung des einzelnen ohne dass eine cloud-basierte Intelligenz eine wirklich Überlebensfähigkeit besitzt. Sie gleicht eher einem Vampir, der so lange lebt, als viele einzelne sie mit Details aus ihrem Alltag füttern. Ohne diese Details ist solch eine cloud-basierte Intelligenz ziemlich dumm und kann einem einzelnen kein wirklicher persönlicher Assistent sein.

Die Lösung könnte tatsächlich ein reales Ei sein, ein Ei gefüllt mit einer Computer-Maschine, deren Rechenkraft vor Ort genau einem Menschen zur Verfügung steht und genau diesem einem Menschen rund um die Uhr hilft, seine kognitiven Begrenzungen auszugleichen und zu überwinden. Dieses Computer-Maschinen Ei (natürlich könnte es auch jede andere Form haben, z.B. als Ohrring, Halskette, Armband usw.) kann mit dem Internet Verbindung aufnehmen, mit jeder denkbaren Cloud, aber nur dann, wann und wie dieses Ei es selber will, und es würde keinerlei privates Wissen einfach so preisgeben. So, wie die Gehirne der Menschen anatomisch alle ähnlich sind und doch sehr individuelle Persönlichkeiten ermöglichen, so kann ein Computer-Maschinen Ei die individuellen Erfahrungen und das individuelle Wissen eines Menschen passgenau erkennen und fördern. Es entsteht eine Symbiose von Mensch und Maschine, die deutlich mehr sein kann als jede Komponenten für sich alleine.

XII. EINE NEUE MENSCH-MASCHINE SUPER-INTELLIGENZ FÜR DEN BALLUNGSRAUM?

Greift man an dieser Stelle nochmals die Vision einer verteilten, flexiblen Simulationsumgebung für die Bürger in einer Region auf, dann kann eine zusätzliche Ausstattung aller Bürger mit ihren persönlichen intelligenten Assistenten dem ganzen Projekt einen zusätzlichen messbaren Schub geben. Die persönlichen Assistenten können auch dann arbeiten, wenn der einzelne mal müde ist, sich entspannen will oder mal mit familiären Aufgaben beschäftigt ist. Und der persönliche Assistent kann auch viele Tausend oder Millionen Faktoren gleichzeitig in Rechnung stellen und in ihren Auswirkungen verfolgen. Im Zusammenwirken dieser vielen natürlichen und technischen Intelligenzen könnte eine Mensch-Maschine Superintelligenz entstehen, die den einzelnen voll mit nimmt, und als Gesamtphänomen erheblich leistungsfähiger sein wird, als alles, was wir heute kennen.

Allerdings, wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass damit dann alle Probleme gelöst wären. Das Problem der geeigneten Präferenzen, sprich der Werte, wird bleiben; es wird sich vermutlich eher verschärfen. Auch die Verantwortung für uns Menschen wird weiter wachsen, auch wenn sich diese Verantwortung qualitativ neu immer auf ganz viele verteilen wird.

IX QUELLEN

[Bad03] Alan Baddeley. Working memory and language: an overwiew. Journal of Communication Disorders, 36:236–242190–208, 2003.

[BL99] A. Baddeley and R.H. Logie. Working memory: The multiple-component model. In A. Myake and P. Shah, editors, Models of working memory, chapter 2, pages 28–61. Cambridge University Press, New York, 1999.

[Bos14] Nick Bostrom. Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies. Oxford University Press, Oxford (UK), 1 edition, 2014.

[BP16] Thorsten Bürklin and Michael Peterek. Thecycloregion. city-regional development in frankfurt rhine-main – die zykloregion. stadtentwicklung in frankfurtrheinmain. Journal of Comparative ’Cultural Studies in Architecture, 9:41–51, 2016.

[For71] Jay W. Forrester. World Dynamics. Wright-Allen Press, Inc., Cambridge (MA) 02142, 2 edition, 1971.

[Hod83] Andrew Hodges. Alan Turing, Enigma. Springer Verlag, Wien – New York, 1 edition, 1983.

[Hol73] C.S. Holling. Resilience and stability of ecological systems. Annual Review of Ecology and Systematics, 4(1):1–23, 1973.

[Jak13] Peter Jakubowski. Resilienz – eine zusätzliche denkfigur für gute stadtentwicklung. Informationen zur Raumentwicklung, 4:371–378, 2013.

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DER VERSTECKTE BEOBACHTER UND AKTEUR. Wo Denken sich verabschiedet. Notiz

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
12.April 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: cagent

Philosophie des Beobachters - Vogelperspektive

Philosophie des Beobachters – Vogelperspektive

DER  BEOBACHTER

In den Wissenschaften ist klar, dass es ohne einen Beobachter nichts gibt: keine Experimente mit Messungen, die Daten generieren, und keine Modelle, Theorien, die Daten in Zusammenhänge setzen und damit Deutungs- oder gar Erklärungshypothesen liefern.

Weniger klar ist, dass und wieweit der Beobachter konstitutiv in eine Theorie eingeht und dass eine ’normale‘ Theorie nicht in der Lage ist, ihren eigenen Beobachter zu thematisieren.

Besonders krass ist der Fall in der Physik. Die standardisierten physikalischen Messeinheiten erlauben interessante Modellbildungen zu Strukturen und Dynamiken der realen Welt, es ist mit diesen Daten und Modellen jedoch nicht möglich, den physik- spezifischen Beobachter angemessen zu beschreiben.

Andere Disziplinen wie z.B. die Biologie, die Psychologie oder die Soziologie kommen den komplexen Phänomenen eines Beobachters zwar ’näher‘, aber auch diese – wenn sie denn als empirische Wissenschaften arbeiten – können ihre jeweiligen spezifischen Beobachter nicht mir eigenen ‚Bordmitteln‘ erschöpfend beschreiben. Würden sie es tun, würden sie ihr Wissenschaftsparadigma sprengen; dann müssten sie aufhören, empirische Wissenschaften zu sein.

IRREFÜHRUNG INTERDISZIPLINARITÄT

Im übrigen muss man auch fragen, ob nicht alle Disziplinen auf ihre spezifische Weise Sichten zum Beobachter entwickeln, die  jeweils spezifisch  ‚Recht‘ haben. Nur eine Zusammenschau aller dieser verschiedenen Sichten würde dem komplexen Phänomen ‚Beobachter‘ gerecht, wenngleich prinzipiell unvollständig. Allerdings wäre keine der einzelnen Disziplinen je für sich in der Lage, eine ‚Gesamtschau‘ zu organisieren. Das gibt der normale Theoriebegriff nicht her. Das Reden vom ‚Interdisziplinären‘ ist insofern eine Farce. Hier wird eine Disziplinen-Übergreifende Einheit angedeutet, die es zwischen Einzeldisziplinen prinzipiell nicht geben kann (und auch in der Praxis nie erreicht wird; das scheitert schon an den verschiedenen Sprachen der Disziplinen).

ROLLEN

In der Praxis der Gesellschaft und der Industrie manifestiert sich das Dilemma des versteckten Beobachters im Phänomen der unterschiedlichen Rollen. An einem Systems-Engineering Prozess (SEP) kann man dies verdeutlichen.

Die Manager eines SEP legen Rahmenbedingungen fest, geben Ziele vor, überwachen den Ablauf. Der Prozess selbst wird von unterschiedlichen Experten (Akteuren) gelebt. Diese Experten setzen den ‚durch die Manager gesetzten Rahmen‘ für die Dauer des Prozesses voraus, als gültiges Referenzsystem, innerhalb dessen sie ihre Problemlösung in Kooperation mit anderen Akteuren ‚leben‘.

Innerhalb eines SEP gibt es Akteure , z.B. die Mensch-Maschine Interaktions (MMI) Experten, heute auch schon Akteur-Akteur-Interaktions (AAI) Experten genannt (Akteure können Menschen (biologische Systeme) oder auch mittlerweile Roboter (nicht-biologische Systeme) sein. ‚Cyborgs‘ bilden neuartige ‚Zwitterwesen‘, wo noch nicht ganz klar ist, ob es ‚erweiterte biologische Systeme‘ sind oder es sich hier um eine neue hybride Lebensform als Ergebnis der Evolution handelt). Die MMI oder AAI Experten entwickeln Konzepte für ‚potentielle Benutzer (User)‘, also ‚andere Akteure‘, die in ‚angedachten Abläufen‘ mit ‚angedachten neuen Schnittstellen (Interface)‘ aktiv werden sollen. Werden die Pläne der AAI Experten akzeptiert und realisiert, entstehen für die angedachten Abläufe neue Schnittstellen, mit denen dann andere – dann ‚reale‘ – Akteure‘ arbeiten werden. Tritt dieser Fall ein, dann übernehmen die ‚Anwender (User)‘ einen ‚von anderen Akteuren gesetzten‘ Rahmen für ihr Handeln.

Vom Auftraggeber (Ebene 1) zum Manager eines SEP (Ebene 2) zu den Experten des SEP (Ebene 3) zu den intendierten Anwendern (Ebene 4). Wie sich dies dann wieder auf die umgebende Gesellschaft (Ebene 5) auswirkt, die sowohl Auftraggeber (Ebene 1) als auch Manager von Prozessen (Ebene 2) als auch die verschiedenen Experten (Ebene 3) beeinflussen kann, ist im Normalfall weitgehend unklar. Zu vielfältig sind hier die möglichen Verflechtungen.

Andere Querbeziehungen in einen SEP hinein (kleine Auswahl) treten dort auf, wo z.B. die AAI Experten andere Wissenschaften zu Rate ziehen, entweder über deren ‚Produkte‘ (Artikel, Bücher, Verfahren) oder direkt durch Einbeziehung der Akteure (Psychologie, Psychologen, Soziologie, Soziologen, usw.).

An keiner Stelle in diesem überaus komplexen Rollengeflecht gibt es normalerweise eine Rolle, die offiziell sowohl die spezifischen Aufgaben ‚innerhalb‘ einer Rolle wie auch die ‚Rolle selbst‘ beobachtet, protokolliert, untersucht. Eine solche Rolle würde jeweils vorgegebene Rollen ‚durchbrechen‘, ‚aufbrechen‘, ‚verletzten‘. Das verwirrt, schafft Unruhe, erzeugt Ängste und Abwehr.

HOFNARREN, PHILOSOPHEN

Andererseits gibt es historisch diese Formen in allen Zeiten. In der einen Form ist es der ‚Hofnarr‘, der kraft seiner Rolle grundsätzlich anders sein darf, dadurch feste Muster, Klischees durchbrechen darf, bis zum gewissen Grad wird dies auch erwartet, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Unterschwellige Machtstrukturen dürfen in der Regel nicht angetastet werden.

In der anderen Rolle haben wir die Philosophen. Das philosophische Denken kann das einzelwissenschaftliche Denken ‚imitieren‘, es kann aber jederzeit aus diesem Muster ausbrechen und nach den Voraussetzungen des einzelwissenschaftlichen Denkens fragen. Ein Philosoph kann — von seinem Denken her — die immer und überall wirksamen ‚Voraussetzungen‘ von Verhalten und Denken ‚hinterfragen‘, ‚thematisieren‘ und auf diese Weise einer expliziten Reflexion und sogar bis zu einem gewissen Grade einer Theoriebildung zugänglich machen. Der Philosoph als Teil einer Gesellschaft mit seiner Nähe zum ‚Hofnarren‘ darf meistens aber nur soviel anders sein (Schulphilosophie), die die Gesellschaft ihm zugesteht. Vom Standpunkt eines philosophischen Denkens aus kann man unterschiedliche einzelwissenschaftliche Modelle und Theorien ‚als Objekte‘ untersuchen, vergleichen, formalisieren und man kann auf einer ‚Metaebene‘ zu den Einzelwissenschaften ‚integrierte Theorien‘ schaffen; nur so. Interdisziplinarität ist von hier aus betrachtet eine Form von Ideologie, die genau solche Integrationen  verhindert.

WISSENSCHAFTLICHE EINZELSTAATEREI

Der Versuch der Einzelwissenschaften, sich der ‚Gängelei‘ eines philosophischen Denkens zu entziehen, führt bei aller Positivität der einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem großen Wirrwarr, das wir heute um uns herum beobachten können. Ein komplexes Phänomen wie der Homo sapiens wird zwischen den einzelwissenschaftlichen Mühlsteinen zu Sand zerrieben; übrig bleibt nichts. Die verschiedenen biologischen, psychologischen, neurologischen, soziologischen usw. ‚Substrate‘ bilden unterschiedliche Zerrformen, die in keinem Gesamtbild integriert sind. Das kommt einer Abschaffung des Menschen durch den Wissenschaftsbetrieb gleich. Dies erinnert ein wenig an den kleinstaatlichen Flickenteppich, bevor Deutschland ein integrierter Staat wurde; jeder war sein eigener Fürst; sehr schön; komplexere Einheit fand nicht statt. Das menschliche Gehirn bevorzugt Vereinfachungen, und das subjektive Machtgefühl eines jeden fühlt sich geschmeichelt, wenn es sich als (wenn auch kleiner und beschränkter) ‚Fürst‘ fühlen kann.

JEDER VON UNS KANN DER KLEINE UNTERSCHIED SEIN. Ein besonderes Theaterereignis gestern

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
31.März 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: cagent

I

Gestern Abend, ein kleiner Ort in Hessen; eine alte, kleine Kirche mittendrin, evangelisch, wo ich normalerweise nie hingehe. Doch gestern Abend war ich dort, mit meiner Frau. Ein Theaterstück, in der Kirche. Mitglieder der Gemeinde waren die Schauspieler, Menschen wie jeder von uns: Alt, jung, Mann, Frau, dick, dünn, Stimmen, wie man sie im Alltag hört. Aber was?

II

Der Titel hieß: „Vernissage Passion. Eine postdramatische Darstellung Jesu Leiden“. Eine ungewöhnliche Formulierung, von einem ungewöhnlichen Dramaturgen. Gerade mal das Abitur hinter sich, ein noch sehr junger Mann, Leon Bornemann, hat die allen bekannte Passionsgeschichte in seinem Kopf mehrfach ‚verschoben‘ und als Regisseur dann zu einer Ereignisfolge im alten Kirchenraum verdichtet, der sich die Aufmerksamkeit kaum entziehen konnte.

III

„Kunst kann real sein. Kunst kann ideal sein. Kunst kann nicht wahr sein“. Diese abstrakt klingenden Sätze empfingen den Zuschauer in der Einleitung, szenisch aufbereitet, mit Margrits berühmten Pfeifenbild garniert, das bekanntlich einen Text mitliefert: ‚Das ist keine Pfeife‘. Als Zuschauer wurde man quasi offiziell aufgeweckt, nicht zu glauben, was man sieht, und es doch zu erleben, es auf sich wirken zu lassen. Aber wie dann? Nachdem die Eingangsfigur, offensichtlich ein Maler in seinem Atelier, der damit kämpfte, wie man denn die Figur Jesu malen könne, wo es doch eigentlich jeder sein könne, mit viel Dramatik in ein Koma fiel, erwachten 14 unvollendete Bilder zum Leben.

IV

Diese 14, zwar ganz in weiß und die Gesichter maskenhaft in weiß, boten dennoch ein realistisches Abbild unserer alltäglichen Erscheinungen. Suchend, zweifelnd, streitend versuchten sie ihre Position zu bestimmen. Wer sind wir jetzt. Was sollen wir jetzt tun. Wo sollen wir hin. Wer soll diese Jesusfigur darstellen? Die Lösung war: jeder stellt sie dar. Jeder ist Jesus.

V

Karges Bühnenbild, minimale Beleuchtung, zwischendurch Klänge, Songs, Einbeziehung des ganzen Raumes, des Publikums in die szenischen Abläufe. Das Publikum konnte sich ansatzweise als Teil dieser 14 fühlen. Dies umso mehr als ja die Schauspieler trotz ihrer ‚Maskierungen‘ erkennbar waren. Jeder kannte hier jeden. Das Wort des ‚anderen‘ waren Worte aus dem eigenen Bekanntenkreis, der Freund, die Schwester, der Vater, die Mutter, die Mitarbeiterin, …. In den 14 konnte sich jeder wiederfinden, konnte jeder das Gefühl haben: da spiele ich…Theater spielen war hier unmittelbar fühlbare Erweiterung des Alltags, von jedem…Die Ereignisse nahmen dann ihren Lauf.

VI

Ja, es war erkennbar, die all-bekannte Passionsgeschichte wurde gespielt. Aber wie! Jeder war mal dieser Jesus (im Spiel). Jeder war mal JüngerIn. Jeder war mal anklagendes Volk, Jeder war mal Richter, Pilatus…. Mal spielte es ‚vorne‘, mal in den Gängen, mal auf den Rängen, irgendwie überall. Der ansonsten tote, leere Raum wurde zum ‚Ereignisraum‘, menschliche Körper und Stimmen füllten den Raum, belebten ihn, umhüllt von Licht, eingehüllt von Sounds, aber nicht irgendwie, sondern planvoll, akzentuiert, zum Punkt. Jeder konnte erleben, wie sich ein Fokus durch eine Geschichte zog, die bekannt war und doch, in diesen Momenten so anders.

VII

Am Ende starb dieser Jesus so, wie es in der Passionsgeschichte vorgezeichnet ist, aber die Art und Weise des ereignishaften Geschehens, war merklich, spürbar anders. Viele Zuschauer sagten am Ende, dass es ihnen mehr unter die Haut gegangen sei, als wenn es einfach gelesen worden wäre; mehr auch, weil Bekanntes neu daherkam.

VIII

Dies alles nur, weil ein noch sehr junger Mann irgendwann vorher in seinem Kopf etwas Bekanntes, die Passionsgeschichte, hin und her geschoben hat, sich dazu befragt hat, andere gefragt hat, über modernes Theater nachgedacht hat, über Schein und Sein, über real und ideal, darüber, was Kunst denn eigentlich tut, tun kann. Und irgendwie wurden aus diesen Gedanken ein neues Bild, eine Folge von neuen Bildern, und er fand in den 14 Menschen, die bereit waren, diese Gedanken anzuhören, aufzunehmen, bereit waren, als konkrete Personen diese in Raum und Zeit umzusetzen. Eine dieser 14 war auch die Pfarrerin, wie ich später erfuhr; die mit der ‚Gesangsstimme’…

IX

Ja, ein junger Mensch erlaubte sich, zu Denken, anders zu denken, zu reden,… und das machte hier den kleinen Unterschied zum ‚gewöhnlichen‘ Gang der Dinge. Es entstand etwas Neues, das andere mit in seinen Bann zog, das mich in den Bann zog.

X

Natürlich war es Zufall. Am gleichen Abend lief zu späterer Stunde im Fernsehen der Film „Im Labyrinth des Schweigens“, die Geschichte der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Ausschwitz. Er spielte in den 1950iger Jahren, als in Deutschland noch das große Schweigen herrschte über die systematische Vernichtung von Millionen Menschen. Keiner wusste etwas, fast niemand wollte etwas wissen, und man galt als ‚Nestbeschmutzer‘, wenn man es wissen wollte. In dieser Wolke des Nichtwissens und der sozialen Ächtung war es ein junger Staatsanwalt, der anfing, die ‚Eindrücke im Kopf‘ neu zu ordnen, neu zu fragen, neu zu denken. Gegen massive Widerstände (aber mit Rückendeckung des Generalstaatsanwalts, auch einer, der wagte, ‚anders zu denken‘) spürte er den kleinsten Hinweisen nach, fand Unterstützer, kam in eine Krise, weil es irgendwann so aussah, als ob ja alle (auch sein Vater, der Vater seiner Freundin, sein Freund, …) Nazis waren, alle. Wo war hier Gerechtigkeit? Welche? Seine persönliche Krise, die das ganze Projekt zu zerschlagen drohte, fand dann Halt in den Gesichtern und Stimmen der realen Opfer, die das schier unfassbare Leiden erlebbar machten. In einer bestimmten Zeit hängen alle irgendwie ‚mit drin‘; einige aber mehr, einige wenige sehr viel mehr. Seine Neugierde machte den kleinen Unterschied, der alles ins Rollen brachte. Heute wissen wir in Deutschland, können wir wissen, welch unfassbares Leid die systematische Vernichtung von Juden, Andersdenkenden und psychisch kranke Menschen mit sich gebracht hat. Jeder kann das Opfer sein. Jeder kann der Täter sein. Jeder kann den kleinen Unterschied machen für jede Richtung…

XI

Die historische Person Jesu war einerseits nur einer von vielen, die damals als Messias angesehen wurden, die damals am Kreuz endeten, und doch machte er einen kleinen Unterschied zum allgemeinen Ablauf, ließ ein anderes Miteinander, ein anderes Menschenbild aufblitzen, für einen Wimpernschlag in der Weltgeschichte. Nach ihm gab es viele Tausend, Hunderttausend, Millionen Menschen, die wie er ihr Leben für andere hingegeben haben, für Gerechtigkeit, für Liebe, für Hoffnung. Seine Worte an seine Anhänger, dass sie all das, was er tut, auch tun könnten, ja, sie könnten sogar noch viel mehr tun als er es getan hat; diese Worte sind vielleicht die wichtigsten Worte, die den kleinen Unterschied ausmachen können, um in einem Ort irgendwo auf diesem Planeten, den Ablauf des Alltags ein klein wenig zu verschieben, gerade so viel, dass es ‚anders‘ wird.

XII

Es ist unbequem, es zu sagen, aber die kleinen Unterschiede beginnen, wenn überhaupt, ‚im Kopf‘, in der Art und Weise, wie wir die Dinge wahrnehmen, wie wir die Welt ‚in unserem Kopf‘ hin und her schieben; alles unsichtbar, ohne Geruch, ohne Sound, ohne Schmerzen. Aber hier, ‚im Kopf‘ entscheidet sich, ob wir einen kleinen Unterschied sehen, ihn fühlen, ihn denken, ihn in unseren Alltag erlebbar machen.

XIII

Schaut man sich um, heute, im Jahr 2018, dann nimmt die Zahl jener Länder, in denen Nationalismus, diktatorische Politik, Gewalt, Verbrechen, Armut, Korruption spürbar wirken, zu. Die kleinen Unterschiede verschieben sich zu mehr Dunkelheit, mehr Leid, mehr Aggression. In den Köpfen vieler Verantwortlichen herrscht Dunkelheit. Woher soll das Licht kommen? Irgendwelche Worte werden nicht ausreichen. Konkret erlebbare ‚Ereignisse des Guten‘ müssen her. Wie lernen Menschen, was gut ist? Was motiviert sie, ‚Gutes‘ zu tun? Wenn jeder an sich denkt, wo kann dann das Licht herkommen?

XIV

Die Geschichte hat viele klare Antworten bereit: wenn einer anfängt, den kleinen Unterschied zu machen, kann sich etwas ereignen. Wenn es dann zwei sind, drei, ….. Dunkelheit kann man nicht durch Dunkelheit bekämpfen. Irgendwo muss ‚Licht‘ herkommen, und die einzigen bekannten Quellen für Licht sind nur Menschen, Du oder ich …. die gleichen Menschen, die auch die Dunkelheit in die Welt bringen können…

 
BILDER VOM ABEND

Der Künstler (Leon Bornemann, Autor und Regisseur) zu Beginn in seinem Atelier mit einer seiner Figuren

Der Künstler (Leon Bornemann, Autor und Regisseur) zu Beginn in seinem Atelier mit einer seiner Figuren

Jeder war mal Jesus. Hier ein junger Mann im Kreis seiner Anhänger

Jeder war mal Jesus. Hier ein junger Mann im Kreis seiner Anhänger

Die Geister der Versuchung - Jesus vor seiner Schicksalsfrage

Die Geister der Versuchung – Jesus vor seiner Schicksalsfrage

Einzug in Jerusalem

Einzug in Jerusalem

Hoher Priester mit Geldbeute für Judas

Hoher Priester mit Geldbeute für Judas

Das ganze Ensemble (mit sehr viel Applaus!)

Das ganze Ensemble (mit sehr viel Applaus!)


 
Musikalische Reaktion von cagent auf den Text

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LUHMANN-1991-GESELLSCHAFT. Kap.1:I-II, Diskussion und Übersetzung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
29.März 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

INHALT

I Evolutionäre Ausgangslage
I-A Ältere Blogeinträge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
I-B Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
II Luhmann 1991: Vorwort 3
III Diskussion 4
IV Luhmann 1991 Kap.1: Bewusstsein und Kommunikation
IV-A Abschnitt I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-A1 Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-A2 Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-A3 Gehirn – Nervensystem . . . . . . . . . . .
IV-B Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-C Abschnitt II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-C1 Systemtheorie, Autopoiesis . . . . . . . . .
IV-C2 Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . .
IV-C3 Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . .
Quellen

ÜBERBLICK

Im Rahmen des ’Wahrheitsprojektes’ gibt es den Bereich ’Individuum und Gesellschaft’. Dieser Bereich setzt historisch ein mit dem Auftreten des Homo sapiens und interessiert sich für eine formale Theorie des menschlichen Individuums innerhalb einer Population, eingebettet in eine Umwelt. In Ermangelung einer allgemein akzeptierten und funktionierenden allgemeinen formalen Theorie von Individuum und Gesellschaft wird hier Niklas Luhmann als Referenzpunkt gewählt. Er gilt u.a. als wichtiger (der wichtigste?) deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik. Da Luhmann viele Bücher geschrieben hat muss man für den Start einen ’Eingangspunkt’ in seine Denkwelt wählen. Ich habe mich für das Buch ’Die Wissenschaft von der Gesellschaft’ (1991, 2.Aufl.) [Luh91] entschieden. Alle
Interpretationen des Autors zu Luhmanns Theorie stehen grundsätzlich unter dem Vorbehalt, dass diese Rekonstruktionen keine vollständige Werkanalyse darstellen. Die Vorgehensweise in diesem Beitrag ist der Versuch des Verstehens durch rekonstruierende Analyse mit formalen Mitteln. Für die Logik, die Luhmann
im Detail benutzt, sei verwiesen auf das Buch ’Laws of Form’ von Spencer Brown (1969, 1971) [Bro72] .

I. EVOLUTIONÄRE AUSGANGSLAGE
Vorab zur Analyse von Luhmann sei hier kurz die Lage skizziert, die sich nach 3.8 Mrd Jahren Evolution mit dem Auftreten des homo sapiens bietet. Da das entsprechende Kapitel hier noch nicht geschrieben wurde, seien hier nur jene Blogbeiträge kurz erwähnt, die sich bislang mit dem Thema beschäftigt haben.

A. Ältere Blogeinträge
1) Nr.124 vom April 2013: RANDBEMERKUNG: KOMPLEXITÄTSNTWICKLUNG (SINGULARITÄT(en))

2) Nr.132 vom Mai 2013: RANDBEMERKUNG: KOMPLEXITÄTSNTWICKLUNG (SINGULARITÄT(en)) Teil 2

3) Nr. 314 vom November 2015: STUNDE DER ENTSCHEIDUNG – Ist irgendwie
immer, aber manchmal mehr als sonst

4) Nr.333 vom März 2016: DENKEN UND WERTE – DER TREIBSATZ FÜR
ZUKÜNFTIGE WELTEN (Teil 1)

5) Nr.342 vom Juni 2016: EIN EVOLUTIONSSPRUNG PASSIERT JETZT UND NIEMAND BEMERKT ES?

6) Nr.381 vom 13.März 2017: DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – PHILOSOPHISCHE WELTFORMEL – FAKE-NEWS ALS TODESENGEL

7) Nr. 382 vom 18.März 2017: DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – PHILOSOPHISCHE WELTFORMEL – Teil 4 – MIND-GEIST . . .

8) Nr.383 vom 19.März 2017: INDIVIDUUM ALS BINDEGLIED ZWISCHEN BIOLO-
GISCHEM UND SOZIALEM – Nachtrag

9) Nr.400 vom Aug.2017: MENSCHENBILD – VORGESCHICHTE BIS ZUM
HOMO SAPIENS – Überlegungen

10) Nr. 401 vom Sept.2017: MENSCHENBILD – VORGESCHICHTE BIS ZUM HOMO SAPIENS – Ergänzungen

B. Resümee
Aus den bisherigen Untersuchungen ergibt sich als Zwischenstand, dass der homo sapiens die erste Lebensform auf der Erde ist, die neben der üblichen biologischen Ausstattung von Lebewesen zusätzlich über die Eigenschaften Bewusstsein,  Gedächtnis, Abstraktionsvermögen, Kombinatorik, selbst definierte Ziele und symbolische Kommunikation in einer Weise verfügt, die anderen Lebensformen in dieser Weise bislang unzugänglich waren und bisher auch weiterhin unzugänglich sind.

Aufgrund dieser herausragenden Eigenschaften konnte der homo sapiens in den letzten ca. 12.000 Jahren in Bereichen wie z.B. Handwerk und Technologie, Landwirtschaft, Siedlungsbau, Infrastrukturen, Transport und Verkehr, Wissensweitergabe und Wissensspeicherung, Verwaltung großer Gesellschaftssysteme, Kunst und Kultur, Wirtschaftsformen, und vielem mehr Leistungen erbringen, die ihn weit, weit ab von den anderen bekannten Lebensformen stellen.

Diese objektiven Erfolge scheinen allerdings aktuell einen Zustand erzeugt zu haben, in dem die Menge der alltäglichen Ereignisse, ihre Auftretensgeschwindigkeit sowie ihre inhärente Komplexität die biologischen Kapazitäten eines normalen homo sapiens Gehirns mehr und mehr überschreiten. Neue Informationstechnologien aus den letzten ca. 40 Jahren konnten diese Überforderungen einerseits entlasten, führen aber bislang gleichzeitig zu einer Verstärkung der Belastung, da diese Technologien separiert von dem einzelnen Individuum gehostet und entwickelt werden (das ’Cloud-Syndrom’).

Für die übergreifende Fragestellung, ob und wieweit die neuen digitalen Technologien – möglicherweise in Kombination mit einer Art ’Cyborg-Strategie’ – noch besser als bisher für die Stärkung des Individuums genutzt werden können, soll hier eine Analyse der generellen Situation des Individuums in der Gesellschaft eingeschoben werden.

Diese Analyse nimmt ihren Ausgang bei der Annahme, dass der homo sapiens als einzelnes Individuum Teil einer Population ist, die durch ihre auf Kommunikation gründenden Aktivitäten spezifische ’gesellschaftliche Strukturen’ geformt hat und weiter formt, die das Leben in einer vorausgesetzten Umwelt gestalten. Zugleich wirken diese Strukturen auf den einzelnen zurück. Ob die aktuelle Gestaltung von Gesellschaft letztlich ’nachhaltig’ ist oder nicht bleibt an dieser Stelle noch offen. Erst soll die Frage
nach der allgemeinen Struktur geklärt werden, innerhalb deren das ’Leben’ der homo sapiens Individuen stattfindet.

 

II. LUHMANN 1991: VORWORT
Im folgenden Text wird auf eine Unterscheidung zwischen dem Eigentext von Luhmann und einer davon abgehobenen Interpretation verzichtet. Der gesamte Text ist von Anfang an eine Interpretation des Textes von Luhmann im Lichte der vorwiegend wissenschaftsphilosophischen Annahmen des Autors. Man könnte auch sagen, es handelt sich um eine Art ’Übersetzung’ in einen anderen begrifflichen Rahmen.
Wer wissen will, was Luhmann selbst sagt, der muss den Text von Luhmann direkt lesen. Hier geht es um eine ’theoretische Verwertung’ der Gedanken von Luhmann in einem formalen Rahmen, den Luhmann selbst zu Lebzeiten so nirgends artikuliert hat.

Vorgreifend kann man an dieser Stelle anmerken, dass diese durchgehende  ’Übersetzung’ des Textes von Luhmann in den Text des Autors nur gelingen kann, weil Luhmann als ’roten Faden’ seiner Überlegungen einen ’Systembegriff’ benutzt, der es erlaubt, dass Systeme ’strukturell gekoppelt’ sind und dass sie ’Sub-Systeme’ enthalten können. Diese Auffassung teilt auch der Autor dieses Textes. Dennoch wird diese ’Übersetzung’ von dem Text Luhmanns in vielen Positionen – gerade in seinen zentralen Konzepten – radikal abweichen. Dies ist kein Paradox sondern ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass der Autor an einigen entscheidenden Stellen die ’Selektion der Unterschiede’ anders vorgenommen hat als Luhmann; die ’Freiheit’ des Gehirns, des Bewusstseins, der Kommunikation wie auch der aktuellen gesellschaftlichen Situation des Autors lässt dies zu.

Im Vorwort thematisiert Luhmann einleitend das wissenschaftsphilosophische Problem, dass eine Soziologie, die eine wissenschaftliche Theorie der Gesellschaft erarbeiten will, trotz aller notwendigen methodischen Distanzierung zum   Untersuchungsgegenstand doch auch zugleich Teil genau jener Gesellschaft ist, die untersucht werden soll. Die Bedingungen der Möglichkeit solch einer wissenschaftlichen Erkenntnis liegen der wissenschaftlichen Aktivität selbst voraus und werden traditionellerweise an die Philosophie delegiert, bzw. heutzutage vielleicht einer Erkenntnistheorie, die Hand in Hand mit der Wissenschaftsphilosophie arbeitet. Will eine einzelwissenschaftliche Disziplin – wie z.B. das System der Wissenschaft – ihr eigenes Tun in diesem Sinne von den impliziten Voraussetzungen her befragen, erhellen, klären, dann bedarf sie der Fähigkeit einer ’Autologie’, d.h. einer Selbstreflexion auf das eigene Tun, die sehr wohl auch eine Fremdbeobachtung der anderen Mit-Forschenden einbeziehen kann. Solch eine autologische Reflexion
kann nur in dem Maße die Besonderheiten eines Tuns zur Sprache bringen und kommunizieren, insoweit diese Disziplin über eine hinreichend ausdrucksstarke Metasprache verfügt. Diese wird gespeist durch das Fachwissen der Philosophie wie auch durch das spezifische Fachwissen der jeweiligen Disziplin, sofern letztere überhaupt schon über hinreichendes Spezialwissen verfügt.

Tatsächlich kann eine solche philosophische Selbstvergewisserung – hier der gesamte
Wissenschaftsbetrieb – nur gelingen, sofern diese zum Zeitpunkt der Untersuchung schon soweit als eigenes gesellschaftliches Subsystem vorkommt, dass durch gesellschaftlich legitimierte Setzungen und Verhaltensweisen ’vor-definiert’ ist, worin ’gesellschaftlich’ das Substrat dieser Disziplin besteht. Nur dann kann eine ’nach-sinnende’ autologische Reflexion die Eigenart aller beteiligten Komponenten und
Interaktionsprozesse identifizieren und analysieren. In diesem Sinne ist eine  Fachdisziplin – bzw. hier der gesamte Wissenschaftsbetrieb – zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt nicht ’Voraussetzungsfrei’ (Anmerkung: Wäre dem so, dann hätte man es mit einem eigenschaftslosen Neutrum zu tun, das nicht weiter bestimmbar wäre.) , sondern zeichnet sich gerade durch ein historisch gereiftes und darin durch Eigenschaften beschreibbares System zu tun, das innerhalb der Gesamtgesellschaft als Sub-System erscheint. Diese Unterscheidung lässt zugleich zu, dass jedes gegenwärtige System sich durch seine Eigenaktivitäten weiter verändert.

Die Aktualität der Gegenwart bildet damit tendenziell nicht das Gesamtsystem ab noch einen dauerhaften Zustand.

III. DISKUSSION
Es sei hier angenommen, dass ein historisch gewachsenes und gesellschaftlich ausgezeichnetes ’Subsystem Wissenschaft (SW)’ neben möglichen ’menschlichen Akteuren’ (A) zusätzlich über hinreichend viele Dokumente (D) verfügt, in denen Zielsetzung, typische Arbeitsweisen und der dynamische Bezug zum übergreifenden fundierenden gesellschaftlichen Gesamtsystem hinreichend beschrieben ist. Ein
gesellschaftliches wissenschaftliches Subsystem umfasst also minimal folgende Struktur:

SW (x) iff x = <A, D, h> (1)
A := Akteure (2)
D := Dokumente (3)
h := A × D —> A × D (4)

Das Symbol h repräsentiert die Menge der möglichen Handlungen, mit denen die Akteure im Sinne der offiziellen Dokumente neue Dokumente generieren können bzw. auch die Menge der Akteure verändern können. Was in dieser expliziten Darstellung noch fehlt ist der Aspekt der Gesellschaft (G). Denn eine Gesellschaft hat ja meistens mehr als ein Subsystem (Anmerkung: Wobei jedes Subsystem noch weitere Subsysteme haben kann). Zwischen einem Subsystem S und der Gesellschaft G kann es typische Interaktionen geben, ebenso auch zwischen Subsystemen direkt. Man
müsste daher mindestens eine weitere Interaktionsebene einbeziehen:

G(x) iff x = <A, D, Σ, h> (5)
A := Akteure (6)
D := Dokumente (7)
Σ := Menge von Subsystemen (8)
h := A × D × Σ —> A × D × Σ (9)

Die Akteure (A)  auf der Ebene der Gesellschaft (G) sind einerseits die ’Grundmenge’ aller Akteure, andererseits unterscheiden sich Subsysteme von der umgebenden Gesellschaft G dadurch, dass sie sich in mindestens einer Eigenschaft vom globalen System ’unterscheiden’. Es wird hier angenommen, dass diese minimale Verschiedenheit sich auf auf die Akteure A  bezieht, auf die beschreibenden Dokumente D  sowie auf die jeweilige Veränderungsfunktion h . Um Verwechslungen in der Kommunikation zu vermeiden könnte man die jeweiligen Symbole immer mit einem ’Index’ versehen, der den jeweiligen ’Kontext’ anzeigt, z.B. A_G
im Unterschied zu A_SW   oder h_G im Unterschied zu h_SW .

Aufgrund der minimalen Unterscheidbarkeit gilt dann generell, dass A_SW ⊆ A_G , d.h. die Akteure aus einem Subsystem sind spezieller als jene Akteure, die als Akteure einer globalen Gesellschaft gelten. Entsprechend verhält es sich in der Beziehung der Veränderungsfunktionen: h_SW ⊆ h_G.

Denkbar ist allerdings – und dies entspricht den empirischen Fakten –, dass es aufgrund der räumlichen Verteilung des homo sapiens auf der Erde (und zukünftig vielleicht auch im Weltall) gesellschaftliche Systeme gibt, die räumlich getrennt sind und die in ihrer ’Region’ das ’oberste’ gesellschaftliche System G darstellen, das  unterschiedliche Subsysteme haben kann. Faktisch gibt es dann viele gesellschaftliche
Systeme G_1 , …, G_n , die aufgrund ihrer separierten Existenz ’gleichberechtigt’ sind.
Andererseits wissen wir aufgrund der historischen Daten, dass es zwischen solchen räumlich verteilten gesellschaftlichen Systemen G sowohl ’kriegerische Handlungen’ gegeben hat, in denen das eine System G das andere System G_0 mit Gewalt erobert hat, oder es gab ’Wanderungsbewegungen’, die zu einer Vermischung der Akteure A_G , A_G_0 geführt hat. Solche Vermischung ( μ) – durch Eroberung oder Wanderung – konnten durch die unterschiedlichen ’Präferenz- und Wissensmodelle’ der Neuankömmlinge über die Interaktionen auf die bestehenden Dokumente und auf die Veränderungsfunktion h_G so einwirken, dass Modifikationen entstanden, etwa:

μ : A_G × A_G_0 × D_G × D_G_0 —> A_(G∪G_0) × D_(G∪G_0) × h_(G∪G_0)

Die führt zu einer Erweiterung des Referenzsystems zu einer ’Weltgesellschaft (WG)’:

G(x) iff x = <A, D, Σ, h> (5)
SW (x) iff x = <A, D, h> (1)
A_SW ⊆ A_G (12)
h_SW ⊆ h_G (13)
WG(x) iff x =<R3 , Γ, ∆, AF, μ>(14)
R3 :=  3 − dimensionale Koordinaten
Γ = U(A1 , …, An)
∆ =U(D1 , …, Dn )
AF := Artefakte
μ = 2^(R3 ×AF ×Γ×∆) —>  2^(R3 ×AF ×Γ×∆)

Die Grundidee ist die, dass die regional getrennten Gesellschaften miteinander vermischt werden können, was eine räumliche Umgruppierung von Akteuren und Dokumenten bedeuten kann. Andere wirksame Faktor sind z.B. der ’Handel’ oder neue ’Technologien’, die rein praktisch das alltägliche Leben verändert haben.

Im nächsten Kapitel 1 beschreibt Luhmann in erster Linie die Begriffe ’Bewusstsein’ und ’Kommunikation’ sowie deren Wechselwirkungen. Für diese Rekonstruktion werden die bisherigen begrifflichen Festlegungen berücksichtigt.

IV. LUHMANN 1991 KAP .1: BEWUSSTSEIN UND KOMMUNIKATION

A. Abschnitt I

Luhmann beginnt diesen Abschnitt mit der Frage nach dem ’Träger von Wissen‘
bzw.  Bewusstsein: Nach allerlei historischen Betrachtungen findet er einen ersten ’Ankerpunkt’ seiner Überlegungen in der grundlegenden Fähigkeit des Bewusstseins im Rahmen der Wahrnehmung grundsätzlich ’ein anderes’ wahrnehmen zu können. Es ist ein ’dass’, ein reiner ’Unterschied’, kein interpretierendes ’wie’. Diese Unterscheidung vom anderen ist die ’primäre Differenz’, die einen möglichen ’Anschluss’ für eine Kommunikation bietet und einen möglichen Referenzpunkt für eine mögliche ’sekundäre Zuschreibung’ von weiterem Wissen. (vgl. S.17)

Das ’Bewusstsein’, das Unterschiede wahrnehmen kann, operiert unter  stillschweigender Voraussetzung des ’Gehirns’ (= Nervensystem), ohne das Gehirn zu ’bemerken’. Der ’eigene Leib’ wird als bewusstseinsexterner ’Gegenstand’ erlebt. Damit externalisiert das Bewusstsein seine Zustände in die Welt hinein.(vgl.S.20)
Die Besonderheit des Bewusstseins liegt im ’Wahrnehmen’ und ’anschaulichen Imaginieren’. Ferner wird in der Wahrnehmung das Unterschiedene zugleich in einer ’Einheit’ erfasst.(vgl.S.20)

2) Kommunikation: Mit Rückgriff auf die Entwicklungspsychologie postuliert er, dass basierend auf dieser primären Unterscheidung im Bewusstsein eine erste ’Kommunikation’ angestoßen wird, noch vorab zum Spracherwerb. Und es ist diese erste Kommunikation die es nahelegt, ein ’alter ego’ im erfahrbaren Anderen zu unterstellen, und an dieses im Laufe der Zeit mehr Wissen anzulagern.(vgl. S.18f)

Und es wundert bei dieser Ausgangslage nicht, dass Luhmann postuliert, dass die Kommunikation Bedingung für ’Intersubjektivität’ ist und nicht umgekehrt. Innerhalb dieser Kommunikation wird zwischen ’Mitteilung’ und ’Information’ unterschieden. Diese Differenz soll dann nachgeordnet mit ’Sinngehalten’ angereichert werden.(vgl.S.19)

Kommunikation setzt Bewusstsein voraus, unterscheidet sich aber vom Bewusstsein, da ’Irrtum’, ’Täuschung’, ’Symbolmissbrauch’ der Kommunikation zugeordnet wird, nicht dem Bewusstsein.(vgl.S.21) Mit dem Grundsatz, dass die Wahrnehmung selbst nicht kommunizierbar ist (vgl.S.20), ergibt sich, dass logisches, kreatives Denken ohne Effekt bleibt, wenn es nicht kommunizierbar wird.(vgl.S.22)

Da Luhmann ferner annimmt, dass Wissen der Kommunikation zuzurechnen ist, nicht dem Bewusstsein (vgl.S.23), kann er weiter folgern, dass sich kein individuell bewusstes Wissen isolieren lässt.(vgl.S.22) Obwohl Kommunikation nicht zwingend auf Bewusstsein wirkt (vgl.S.22), kann Kommunikation das Leben und das Bewusstsein von Menschen auslöschen.(vgl.S.23)

3) Gehirn – Nervensystem: Das ’Nervensystem’ kann nur körpereigene Zustände unterscheiden und operiert daher ohne Bezug auf die Umwelt.(vgl.S. 19)

B. Diskussion
Luhmann bringt eine Reihe von Begriffen ins Spiel { z.B. ’Gehirn’, ’Bewusstsein’,  ’Wahrnehmung’, ’Differenz’, ’Kommunikation’, ’Mitteilung’, ’Information’, ’Sinngehalt’,
’Irrtum’, ’Täuschung’, ’Symbolmissbrauch’, usw. } , die zunächst relativ undifferenziert und nur locker in Beziehung gesetzt werden.

Nach der vorausgehenden Diskussion haben wir als bisherigen Referenzrahmen die beiden Begriffe ’Subsystem Wissenschaft’, ’System Gesellschaft’, und – falls es mehrere regional unterschiedene Gesellschaften gibt – die ’Weltgesellschaft’ (für einen erster Formalisierungsansatz siehe oben).

Davon unterschieden wird für die Begriffe { ’Gehirn’, ’Bewusstsein’,
’Wahrnehmung’, ’Differenz’ } In einer ersten Annäherung   angenommen, dass diese einem einzelnen Akteur A zuzurechnen sind. Dies erfordert, dass man den Akteur selbst als ein System sieht, der verschiedene Sub-Systeme umfasst, etwa so:

A(x) iff  x = <BR, PERC, PH, CONSC, ψ> (30)
BR := Gehirn (31)
ψ :  BR —> PERC × PH × CONSC (32)
PERC := Wahrnehmung (33)
PH := Phaenomene (34)
CONSC ⊆ 2^PH (35)

Das ’Gehirn (BR)’ erzeugt mittels der Funktion ψ ’Wahrnehmungen (PERC)’, die aufgrund von erfassbaren ’Differenzen’ unterscheidbare ’Phänomene (PH)’ erkennen lassen. Diese Phänomene bilden den ’Raum’ des ’Bewusstseins (CONSC)’. Weitere Aussagen sind an dieser Stelle noch schwierig.

Darüber hinaus muss man die Begriffe { ’Kommunikation’, ’Mitteilung’, ’Information’, ’Sinngehalt’,’Irrtum’, ’Täuschung’, ’Symbolmissbrauch’ } einordnen. Da Luhmann die Kommunikation als eigenes System sehen will, innerhalb dessen Mitteilungen und Informationen auftreten können, die mit Sinngehalten irgendwie in Beziehung stehen, dazu die Phänomene ’Irrtum’, ’Täuschung’ und ’Symbolmissbrauch’, muss man ein weiteres System annehmen, etwa so:

COM (x) iff x = <MT, INF, …>(36)
MT := Mitteilungen (37)
INF := Informationen (38)
… := Weitere Eigenschaften (39)

Wie genau dann das System Kommunikation (COM) funktionieren soll, wie das Zusammenspiel seiner unterschiedlichen Eigenschaften ist, wie genau das Wechselspiel mit dem Bewusstsein zu sehen ist, das ist an dieser Stelle noch unklar.

Ganz allgemein kann man schon an dieser frühen Stelle der Lektüre feststellen, dass Luhmann trotz seiner systemanalytischen Intentionen keinerlei Anstalten trifft, seine Überlegungen in Form einer wissenschaftlichen Theorie zu organisieren. Weder macht er sich Gedanken über eine notwendige Sprache noch über einen formalen Aufbau. Dementsprechend ist auch nicht klar, wie in seine ’Theorie’ Begriffe ’neu eingeführt’ werden können (andere nennen dies ’Definitionslehre’). Genauso wenig wie er irgendwelche überprüfbaren Qualitätskriterien für seine ’Theorie’ formuliert. Wann ist seine Theorie ’erfolgreich’? Wann ist sie ’wahr/ falsch’? … oder was auch immer man als Kriterium benutzen möchte.

Das gänzliche Fehlen dieser Überlegungen rächt sich im weiteren Verlauf nahezu auf jeder Seite.

C. Abschnitt II
In diesem Abschnitt werden die Begriffe ’Bewusstsein’ und ’Kommunikation’ als Systeme von Luhmann weiter ausdifferenziert; dazu ein paar Bemerkungen zur Autopoiesis.

1) Systemtheorie, Autopoiesis: Luhmann hält nochmals fest, dass eine fundamentale Annahme der Systemtheorie darin besteht, dass man eine Differenz von ’System’ und ’Umwelt’ annimmt. Daraus folgt einerseits, dass kein System außerhalb seiner eigenen Grenzen operieren kann, (vgl.S. 28) aber auch, dass jedes System in einer Umwelt existiert. Zwischen Umwelt und System darf man Kausalbeziehungen annehmen, die aber nur ein externer Beobachter beobachten kann.(vgl.S. 29) Zugleich gilt, dass ein
System immer schon an die Umwelt ’gekoppelt’ ist. Er behauptet sogar weiter, dass ein System immer schon angepasst sei.(vgl.S. 29)

Mit dieser Formulierung steht Luhmann im Gegensatz zu den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie, die offengelegt hat, dass alle zu einem bestimmten Zeitpunkt beobachtbaren ’Passungen’ Ergebnisse langwieriger dynamischer  Anpassungsprozesse sind. In diesem Licht sind – zumindest lebende – Systeme in einer Umwelt niemals völlig unabhängig von dieser. Der von Luhmann gewählte
Begriff der ’Systemkopplung’ erfüllt zwar formal zunächst seinen Zweck, aber er wird der komplexen Interaktionsdynamik von (lebenden) Systemen und Umwelt nicht voll gerecht.

Insofern ist in diesem Zusammenhang sein Hinweis interessant, dass ’Autopoiesis’  (Anmerkung: Zum Begriff finden sich zahlreiche online-Quellen von Whitaker (2010) [Whi10]) nicht besage, dass das System allein aus sich heraus… ohne jeden Beitrag aus der Umwelt existiere.(vgl. S.30) Er schließt damit formal weitere  Interaktionsbeziehungen nicht grundsätzlich aus, klammert sie aber aus seiner formalen Analyse hier aus. Solange diese Ausklammerung den Hauptinhalt seiner Analysen nicht wesentlich verändert, kann er dies machen. Wenn aber – und der weitere Fortgang erweckt diesen Eindruck – dadurch wichtige grundlegenden Eigenschaften des Hauptgegenstandes durch formal angeregte Selektionen eliminiert werden, dann ist dieser Sachverhalt für die Untersuchung erheblich.

Aufgrund der zuvor vorgenommenen Selektion und der damit einhergehenden Vereinfachung kann Luhmann sich auf die ’Innensicht’ der isolierten Systeme fokussieren. Und er schreibt dann ganz klar, dass es vielmehr nur darum geht, ”dass die Einheit des Systems und mit ihr alle Elemente, aus denen das System besteht, durch das System selbst produziert werden. Selbstverständlich ist dies nur auf der
Basis eines Materialkontinuums möglich … Selbstverständlich braucht solch ein Prozess Zeit…”(S.30)

Die Begriffe ’Materialkontinuum’ und ’Zeit’ verweisen auf eine empirische Umwelt, ohne die es beides nicht geben würde. Und obwohl er auf die ’Autonomie’ der Systeme abhebt, kommt er nicht umhin, festzustellen, ”… der Begriff der strukturellen Kopplung wird uns daran erinnern, dass das System laufend Irritationen aus der Umwelt registriert und zum Anlass nimmt, die eigenen Strukturen zu respezifizieren. (S. 30)

Solange man die ’Irritationen’, die durch eine strukturelle Kopplung hervorgerufen werden (Anmerkung: Beruhen diese ’Irritationen’ auf einer Kausalbeziehung?) , in der
Unbestimmtheit belässt, in der sie Luhmann präsentiert, spielen diese ’Irritationen’ keine ’inhaltlich fassbare’ Rolle. Eigentlich erscheinen sie überflüssig. Andererseits erwähnt Luhmann sie aber, weil sie irgendwo offensichtlich wichtig sind. In welchem Sinne sind sie wichtig? Von lebendigen Systemen wissen wir, dass diese Kopplungen für das System ’wesentlich’ sind (z.B. die Energiezufuhr einer eukaryotischen Zelle).

Man muss daher die Frage stellen, ob eine Systembeschreibung nicht so angelegt sein sollte, dass sie den für das System erheblichen Grund der strukturellen Kopplung für das System sichtbar machen sollte, so dass die weiteren ’Systemfunktionen’ auf der Basis der grundlegenden Struktur ’verständlich’ werden? Eine Systembeschreibung, die wesentliche Systemeigenschaften und Systemdynamiken von vornherein ausklammert wirkt ansonsten ein wenig ’willkürlich’, ’voreingenommen’, ’dogmatisch’. Diese
wissenschaftsphilosophische Kritik stellt damit nicht den Systembegriff als solchen in Frage, sondern nur eine spezielle Anwendung auf einen der Theoriebildung vorgelagerten Phänomenbereich.

Für Luhmann folgt aus seiner Verwendung des Systembegriffs, dass ”’lebende  Systeme’, ’Bewusstseinssysteme’ und ’Kommunikationssysteme’ verschiedenartige, getrennt operierende selbstreferentielle Systeme [sind]”.(S. 28). Damit sendet er ein klares Signal aus, dass er die möglicherweise gegebenen wichtigen strukturellen und funktionellen Zusammenhänge dieser identifizierten Systeme durch eine andere Verwendungsweise des Systembegriffs im Falle der angesprochenen Phänomene bewusst ausklammert.

Als methodisch motiviertes Gedankenexperiment kann eine solche begriffliche Anordnung Sinn machen, für die theoretische Rekonstruktion der erfahrbaren Wirklichkeit kann dieses Vorgehen aber in die Irre führen. Dies umso mehr, als Luhmann nirgendwo entscheidbare Kriterien etabliert hat, anhand deren man in minimaler Weise einen ’Erfolg’ oder ’Misserfolg’ seines Gedankenexperiments ablesen
könnte.

Das Beispiel lebender Systeme zeigt seit vielen Milliarden Jahren, dass Anpassungsprozesse nur durch das Wirken von sehr harten Kriterien funktionieren. Das harte Kriterium ist im Fall lebender Systeme die (i) Aufrechterhaltung eines Prozesses, dessen innere Logik in der (ii) individuellen Ausnutzung von freier Energie besteht, die in einer (iii) populationsweiten Abfolge von Systementwürfen (iv) die Population im Spiel hält. Das einzelne System ist hier eindeutig nur zu verstehen als ein Element einer größeren Population, die ein spezifisches Prozessmodell umsetzt. Man müsste in diesem Fall daher von vornherein einerseits (a) das System ’Population’ selektieren, das als Teil des Systems (b) ’Umwelt’ im Rahmen eines ’Prozesses’ den sowohl populären wie individuellen (c) ’Lebensprozess’ realisiert. Ferner wissen
wir heute, dass eine Population nicht ausreicht, sondern dass wir es mit einem (a*) ’Netzwerk von Populationen’ zu tun haben, die wechselseitig füreinander wichtige Funktionsleistungen erbringen. Will man diese Realität erfassen, dann kann man mit dem stark reduktionistischen Ansatz von Luhmann eigentlich nur scheitern.

Wohlgemerkt: das Problem ist nicht der Systembegriff als solcher, sondern die
Art seiner Anwendung auf eine empirisch vorhandene Realität.

2) Bewusstsein: Nach dem Vorausgehenden ist bekannt, dass Luhmann das Phänomen ’Bewusstsein’ als ein eigenständiges System selektiert hat. Er spricht im Fall des Bewusstseins auch von einem ’psychischen System’.(vgl. S.23) Entsprechend seiner allgemeinen Annahme zu Systemen kommt er dann zu Aussagen wie ”… psychische Systeme operieren selbstreferentiell-geschlossen und sind
füreinander unzugänglich…” (S. 23), oder auch ”Dem Verstehen psychischer Systeme … fehlt die für den Kommunikationsprozess notwendige Diskretheit. Psychisch gibt es hier kein entweder/oder. Genau das braucht aber der Kommunikationsprozess, um seine eigene Autopoiesis fortsetzen zu können. …Innere Unendlichkeit der psychischen Systeme…”(S. 26)

Neben den schon angemerkten eliminierenden Selektionen, die Luhmann zuvor schon vorgenommen hat, erscheint die Behauptung, dass es psychisch kein ’entweder/oder’ gibt gewagt, da ja (was Luhmann über viele Seiten schlicht ausklammert) das Bewusstsein sich gerade dadurch auszeichnet, dass grundlegend mindestens folgendes möglich ist. (i) die Unterscheidung von Bewusstseinsinhalten anhand von Eigenschaften; (ii) die Identifizierung des Unterschiedenen in der Unterscheidung, eben
die Eigenschaftskomplexe, die oft ’Phänomene’ genannt werden; (iii) die erlebbare ’Einheit’ trotz ’Unterscheidung’.

Das Bewusstsein erlebt     unterscheidbare Phänomene nicht nur einfach so, sondern z.B. diese Phänomene auch als Elemente in einem ’Raum’, der unhintergehbarer Bestandteil des Erlebens ist. Nur deshalb kann das Bewusstsein diese Elemente auch ’in Beziehung setzen’, hier in räumliche Beziehungen wie z.B. a ist ’über’ b oder a ist ’unter b’. Zum aktuellen Erleben gehört sogar die Befähigung, (iv) ’Aktuelles’ im Vergleich zu ’Erinnertem’ zu sehen, also in einer zeitlichen Relation. Das ’Gedächtnis’
als ’Quelle’ von Erinnerungen ist selbst zwar kein Bestandteil des Bewusstseins (ein eigenes strukturell gekoppeltes System), aber diese Kopplung zwischen Bewusstsein und Gedächtnis ist funktional so ausgelegt, dass das Gedächtnis die aktuellen Phänomene quasi simultan ’kommentiert’, unaufgefordert, aber kausal dazu genötigt.

Dies ist ein klarer Fall, in dem die strukturelle Kopplung auf der Ebene des Systems Bewusstsein zum Gedächtnis hin abgeschottet erscheint, aber auf der Ebene des Systems ’Gehirns’ sind sowohl Bewusstsein wie Gedächtnis Teilsysteme, die das System Gehirn so ’prozessiert’, dass Inhalte des Bewusstseins ’für das System Bewusstsein unsichtbar’ in das System ’Gedächtnis’ ’transportiert’ werden und umgekehrt. Für das Funktionieren des Systems Bewusstsein ist diese kausale
Maschinerie wesentlich!

Wenn Luhmann an anderer Stelle feststellt, dass ”das Bewusstsein an die neurophysiologischen Prozesse ’seines’ Organismus gekoppelt [ist] ohne sich diesen Prozessen anpassen zu können. Es kann sie nicht einmal wahrnehmen…”(S.29) dann nimmt er diesen fundamentalen Zusammenhang beiläufig zur Kenntnis, zieht daraus aber keine weiteren Konsequenzen für sein Gedankenexperiment. Die Realität des biologischen Systems Körper, in das das System Gehirn eingebettet ist, und darin Bewusstsein und Gedächtnis, ist aus der Sicht des Gesamtsystems Körper auf bestimmte Funktionen ausgelegt, für deren Erfüllung viele Teilsysteme zusammen arbeiten müssen. Im Fall Bewusstsein haben wir mindestens die Teilsysteme ’Wahrnehmung’, ’Gedächtnis’ und ’Bewusstsein’. Obwohl die Teilsysteme ’Wahrnehmung’ und ’Gedächtnis’ aus Sicht des Systems Bewusstsein strukturell so ’gekoppelt’ sind, dass das Bewusstsein keinen direkten Einfluss auf die kausal eingekoppelten Irritationen hat, sind diese Irritationen in Form
von Wahrnehmungsereignissen und Erinnertem für das Funktionieren des Bewusstseins wesentlich!

Luhmanns Verwendungsweise des Systembegriffs greift hier einfach zu kurz; er selektiert zu viele wichtige empirische Phänomene im Vorfeld, um seine Verwendungsweise ’passend’ zu machen. Seine Formulierung vom ’Gedächtnis’, ”… [das] nichts anderes [sei] als die Konsistenzprüfung in der jeweils aktuellen Operation, also Aktualisierung ihres jeweils nutzbaren Verweisungszusammenhangs)…” (S.31)
kann man zumindest so verstehen, als dass er weitergehende Funktionen des Gedächtnisses in Abrede stellt. Von der Psychologie wissen wir, dass das Gedächtnis erheblich mehr leistet als eine bloße ’Konsistenzprüfung’. Das Gedächtnis arbeitet kontinuierlich (auch ohne bewusste Anteile), selektiert, abstrahiert, assoziiert, bewertet, bildete Netzwerke, ändert, interpretiert durch ’ist-ein-Exemplar-von-
Struktur X’, und vieles mehr.

In diesen Zusammenhang passen auch die Bemerkungen Luhmanns zum Verhältnis von Sprache und Bewusstsein: ”Man wird vielleicht einwenden, dass das Bewusstsein ’sprachförmig denken’ könne. Gewiss! Aber solches Denken ist keine Kommunikation. Und wenn es für sich alleine läuft, sieht das Ergebnis ungefähr so aus …. Fast nimmt die Eigenproduktion von Worten und Satzstücken dann die Form von … fluktuierenden Wortwahrnehmungen an – befreit von jeder Rücksicht auf Verständlichkeit. Operativ besetzen und reproduzieren Wort- und Satzfetzen dann das Bewusstsein mit der Evidenz ihrer Aktualität, aber nur für den Moment”.(S. 32)

Diese Sätze beziehen ihre ’Wahrheit’ aus der vorausgehenden Selektion, dass die mögliche ’Bedeutung’ von Worten, der ’Sinn’ von Sätzen’ ausschließlich im System ’Kommunikation’ verortet ist (siehe unten im Text). Diese Selektion widerspricht aber nicht nur der Selbsterfahrung jeden Sprechers/ Hörers, sondern auch zahllosen empirischen Untersuchungen. Zwar hat Wittgenstein in seiner späteren Phase alles getan, um die Idee zu kommunizieren, dass die Bedeutung sprachlicher Äußerungen sich ausschließlich durch die Beobachtung der ’Verwendung’ dieser Äußerungen im ’Kontext’ erschließen lasse, aber jede nähere Analyse kann schnell zeigen, dass diese Annahme nur so lange funktioniert, wie man den Begriff ’beobachten’ und den vorausgesetzten ’Beobachter’ mehr oder weniger ’neutralisiert’.

Es ist zwar richtig, dass man die Verwendungsweise von sprachlichen Ausdrücken im Kontext ’beobachten’ kann, aber sobald man zu ergründen versucht, warum ein Sprecher-Hörer ein Umgebungsmerkmal mit einer bestimmten sprachlichen Äußerung  verknüpft oder umgekehrt bei Hören einer bestimmten sprachlichen Äußerung auf ein bestimmtes Umgebungsmerkmal verweist, wird man feststellen, dass ohne die Annahme einer entsprechenden ’Kodierung’ dieser Beziehungen zwischen
’Ausdruck’ und ’Umgebungseigenschaften’ (es gibt ja auch Bedeutungsverweise auf Sachverhalte, die nicht in der aktuellen Situation präsent sind!) ’im’ jeweiligen Sprecher-Hörer kein einziges Sprachspiel  funktioniert. (Anmerkung: Eine Erfahrung, die die ersten Sprachlernexperimente mit Robotern sehr schnell offen gelegt haben!)

Mit der Annahme der Verortung der fundamentalen Kodierungen von Ausdrücken und Gemeintem ’im’ Beobachter, im Akteur – und zwar primär im Gedächtnis und darüber indirekt im Bewusstsein – ist die Feststellung Luhmanns, dass sowohl ”die  Zeichenhaftigkeit der Mitteilung als auch die Information selbst … nicht als Bewusstseinsoperationen in das System, nicht als Wissen eines psychischen
Systems, das vorher da ist, dann in die Kommunikation eingegeben werden…” (vgl.S. 24) dann tendenziell irreführend. Natürlich kann die Kodierung im Bewusstsein (Gedächtnis) als solche nicht in die Kommunikation gelangen, aber das Auftreten von Worten in der Kommunikation setzt die Verfügbarkeit der zugrunde liegenden Kodierungen in den Bewusstseinen (bzw. Gedächtnissen) der beteiligten
Kommunikationsteilnehmer voraus! Das Konzept einer Kommunikation als eigenständiges System, das ohne Rückgriff auf die beteiligten Bewusstseins-Systeme ’Informationen’ transportieren könnte, ist buchstäblich ’haltlos’: die Worte und Wortfolgen als Kommunikationseinheiten funktionieren ’zwischen’ Bewusstseins-System semantisch nur unter simultaner Voraussetzung der individuell verankerten
Kodierungen. Nur unter dieser Voraussetzung ist es verstehbar, dass Kommunikationseinheiten, die gekoppelt ein Bewusstsein irritieren können, dies nicht unspezifisch tun, sondern unter Voraussetzung der semantischen Kodierung aufgrund der Kommunikationseinheiten dann Bedeutungsnetzwerke im angekoppelten Bewusstsein aktivieren, die z.B. im jeweiligen Bewusstsein bestimmte Erwartungen
auslösen können. (siehe dazu S.33)

3) Kommunikation: Obwohl im vorausgehenden Abschnitt verschiedentlich deutlich wurde, dass eine Abgrenzung von ’Bewusstsein’ gegenüber ’Kommunikation’ und umgekehrt im Sinne der Systemtheorie nur bedingt funktioniert, versucht Luhmann dennoch auch die Kommunikation als eigenständiges System zu konzipieren.

Für Luhmann besitzt das System ’Kommunikation’ seine Referenz in der ”Kommunikation im sozialen System der Gesellschaft”(S. 31). Es ist nicht der ’Mensch’, der kommuniziert, sondern ”nur die Kommunikation kann kommunizieren” (S. 31). Die ”Kommunikation ist ein operativ selbständiges System. Die Erzeugung von Kommunikation aus Kommunikation ist ein selbstreferentieller Prozess.”(S.24) ”Jede
Kommunikation erzeugt von Moment zu Moment… eine eigene  Nachfolgekommunikation.”( S. 31f) Oder: ”Wenn Kommunikation in Gang kommt, bildet sie ein eigenes autopoietisches System mit eigenen rekursiv vernetzten Operationen, das sich auf die Fähigkeit des Bewusstseins zur Transparenz auf der Grundlage von Intransparenz verlassen kann.”(S. 26)

Diese Formulierungen wirken sehr ’scholastisch’ in dem Sinne, dass hier der Eindruck erweckt wird, als ob es nur darum geht, die formalen Anforderungen einer Systemtheorie zu erfüllen, ohne Rücksicht auf die Phänomene selbst. Zu sagen, dass es nicht der Mensch sei, der kommuniziert, sondern die Kommunikation selbst, klingt formal korrekt, wenn man einen bestimmten Systembegriff voraus setzt, aber berücksichtigt man den zuvor hervorgehobenen Sachverhalt, dass die Kodierung von sprachlichen Ausdrücken mit potentiell ’Gemeintem’ nur jeweils in den beteiligten Bewusstseins-Systemen vorliegen kann, und deswegen auch nur diese mögliche ’Informationen’ der Kommunikation aktualisieren können, dann macht es so recht keinen Sinn, zu sagen, nur die Kommunikation ’kommuniziere’. Das System
’Kommunikation’ erscheint eher als ein ’Sub-System’ der agierenden Bewusstseins-Systeme, die je nach interner Konstellation unterschiedliche Kommunikationselemente aktivieren, deaktivieren, verändern.

Vor diesem Hintergrund macht die Formulierung ”Was als Verstehen erreicht ist, wird daher im Kommunikationsprozess souverän entschieden und als Bedingung fürs Weitermachen bzw. für klärende Zwischenkommunikation markiert….”(S.26) nur Sinn, wenn sowohl das ’Verstehen’ wie auch das ’Entscheiden zum Weitermachen’ im Bewusstseins-System verortet ist. Die Kommunikationselemente als solche bieten keinerlei Anknüpfungspunkte weder für Verstehen noch für Entscheiden.

Es ist dann schon merkwürdig, wenn Luhmann einerseits registriert, dass es bei Kommunikation einen ’Übertragungseffekt’ gibt, der ”System und Umwelt von Moment zu Moment [koordiniert]”, aber es dann als ”eine offene Frage” ansieht, ”wie weit das psychisch gehen muss”. Allerdings schließt er aus, dass diese Koordinierung weder zum ”Bewusstseinsinhalt noch zum Mitteilungsinhalt” wird.(vgl.S.27) Würde Luhmann die empirische Verankerung der semantischen Kodierung in den beteiligten
Kommunikationsteilnehmern akzeptieren, dann wäre klar, dass  Kommunikationsereignisse über die strukturelle Kopplung bewusstseinsrelevant werden würden, sie würden im einzelnen Bewusstsein als ’Mitteilung’ dekodiert.

Durch die Strategie der Ausklammerung des individuellen Bewusstseins aus dem Kommunikationsprozess reißt Luhmann mutwillig eine Lücke auf; plötzlich gibt es keinen wirklichen Adressaten mehr in der Kommunikation. Luhmann versucht dieses ’Loch’ dadurch zu ’stopfen’, dass er den alten ’Persona’-Begriff für seine Zwecke reaktiviert: ”Personen können Adressen für Kommunikation sein… Sie können als Aufzeichnungsstellen vorausgesetzt werden…als Zurechnungspunkte für  Kausalannahmen…All das … ohne jede determinierende Auswirkung auf Bewusstseinsprozesse.”(S. 34)

Immerhin denkt Luhmann sein formales System-Konzept auf seine Weise konsequent.
Abgekoppelt vom System Bewusstsein stellt sich die Frage, was denn dann  Kommunikation überhaupt noch ’tut’. Luhmann bezieht eine klare Position: ”Jenseits der psychischen Systeme differenziert und synthetisiert Kommunikation ihre eigenen Komponenten ’Information’, ’Mitteilung’ und ’Verstehen’.”(S.24) ”Die Mitteilung wird als ’Zeichen’ für eine ’Information’ genommen.”(S. 24) ”Mitteilung und Kommunikation
werden in der Kommunikation ’aufgebaut’, ’abgebaut’, ’aktualisiert’, evtl. ’aufgezeichnet’, ’evtl. erneut ’thematisiert’.(S.24)

Unterstellt man, dass Luhmann mit ’Mitteilung’ die Ausdruckselemente (einer Sprache) sieht, mittels deren Kommunikation ’realisiert’ wird, und mittels denen dann auf eine mögliche ’Information’ ’hingewiesen’ wird, die dann wiederum ein ’Verstehen’ implizieren können, dann verheddert sich diese Interpretation wieder mit den empirischen Fakten einer im Bewusstsein-System verorteten semantischen Kodierung (Anmerkung:   Luhmann verwendet an dieser Stelle den Begriff ’Information’ völlig losgelöst von Shannon (1948) [Sha48]. Er stellt aber auch nicht sicher, wie er die ‚Referenz‘ seines Begriffs ‚Information‘ sieht.).

In diesem Zusammenhang ist auch die Feststellung von Luhmann ”Die Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein in das, was sie mitteilt und das, was sie nicht mitteilt” (S.27) formal korrekt für seine Systemannahmen, aber mit Blick auf die Empirie und ein Systemkonzept, was die semantische Kodierung berücksichtigt, eher fragwürdig. Die ’Kommunikation’ ist für Bewusstseins-Systeme mit semantischer
Kodierung nur eine ’für sich genommen’ bedeutungslose Ereigniskette, deren Elementgrenzen nur dann und insoweit etwas ’bedeuten’, als sie durch Verbindung mit einer semantischen Kodierung virtualisierte Weltbezüge aktivieren und durch die Art ihrer Anordnung diese virtualisierten Weltbezüge ’einteilen’ und ’anordnen’. Da die individuellen semantischen Kodierungen untereinander variieren können, kann der
gleiche Strom von Kommunikationsereignissen bei den Beteiligten ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen.

QUELLEN

  • [Bro72] G.Spencer Brown. Laws of Form. The Julian Press, Inc., New York, 1 edition, 1972. Originally published London, 1969).
  • [Luh91] Niklas Luhmann. Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt, 2 edition, 1991.
  • [Sha48] C.E. Shannon. A mathematical theory of communication. The Bell System Technical Journal, 27:379–423, 623–656,
    1948. July and October 1948.
  • [Whi10] Randall Whitaker. THE OBSERVER WEB: Autopoiesis and Enaction. The Biology of Cognition, Autopoietic Theory, and Enactive Cognitive Science. The Theories of Humberto Maturana and Francisco Varela. Dr. Randall Whitaker, 1 edition,
    2010.

KONTEXT BLOG

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ROBOTER IN DER PSYCHOANALYSE? Memo zur Sitzung vom 25.März 2018

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
26.März 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

INHALT

I Ausgangspunkt
II Wissensformat der Psychoanalyse
II-A Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . .
II-B Moderne empirische Wissenschaft . . . . . . .
II-C Theoretische Psychoanalyse . . . . . . . . . . .
II-D Angewandte Psychoanalyse . . . . . . . . . . .
II-E Psychoanalyse und Psychologie . . . . . . . . .
II-F Psychoanalyse, Menschenbild, Wissenschaften
III Nächste Sitzung 29.April 2018

Kontext

In Fortsetzung der Sitzung vom 28.Januar 2018 wurden weitere Aspekte zusammen getragen, die die Position der Psychoanalyse, speziell auch ihre Wissensbasis, weiter erläutert haben.

I. AUSGANGSPUNKT
Der Ausgangspunkt der Sitzung vom 25.März 2018 war markiert durch das Memo der vorausgehenden Sitzung. Die Haupterkenntnis der vorausgehenden Sitzung bestand darin, dass die Frage, ob sich ein Robo-Psychoanalytiker bauen lässt oder nicht zunächst nicht von der ingenieurmäßigen ’Herstellung’ abhängt. Wenn die Ingenieure genügend Informationen haben, bauen sie einen Robo-Analytiker, der all das tut, was man von ihm erwartet (leicht idealisierende Annahme, da natürlich selbst bei optimalem Bauplan innerhalb der Umsetzung und der Produktion viele schwierige Detailfragen
gelöst werden müssen). Hält man diese idealisierende Annahme zunächst mal aufrecht, dann geht die Frage von den Ingenieuren zurück an die Psychoanalyse: Kann die Psychoanalyse im Umfang und in der Qualität eine Beschreibung dessen liefern, was ein Psychoanalytiker ist, wie er ausgebildet wird, wie er arbeitet, welche Rolle
dabei der spezielle Therapiekontext bildet, was ist wichtig für den Therapieprozess, usw.? Ist diese Beschreibung so, dass man daraus alle Informationen gewinnen kann, die man benötigt, um auf dieser Basis einen Robo-Analytiker zu bauen?

II. WISSENSFORMAT DER PSYCHOANALYSE

A. Überblick

Gedankenskizze von der Sitzung 25.März 2018

Gedankenskizze von der Sitzung 25.März 2018

Im Gespräch wurde schrittweise das gesamte Paradigma der Psychoanalyse umrissen, insbesondere auch die
Stellung der Psychoanalyse zu wichtigen anderen Wissenschaften.

B. Moderne empirische Wissenschaft

Aus der Sicht der Wissenschaftsphilosophie zeichnen sich moderne Wissenschaften dadurch aus, dass sie nach vereinbarten Methoden reproduzierbare ’Messwerte’ liefern, die dann mittels eines formalen (meist mathematischen)  Modells ’interpretiert’ werden. Ob solche eine modellbasierte Interpretation ’hilfreich’ ist entscheidet sich an der ’Vorhersagetauglichkeit’.

Das Ideal des ’Messens’ stößt allerdings dort an Grenzen, wo entweder das Messen selbst den Gegenstand verändert oder wenn die zu messenden Phänomene so selten oder speziell sind, dass sie nur schwer reproduzierbar sind. Aus solchen Messschwierigkeiten heraus abzuleiten, dass dann Messen ganz unmöglich sei, ist problematisch, da man damit möglicherweise wichtige Phänomene vorn vornherein (Zensur? Dogmatismus? …) ausklammern würde. Eine dem Geist empirischen Forschens eher angemessene Haltung wäre wohl doch so, dass man trotz
Messschwierigkeiten misst, aber die Rahmenbedingungen dieses Messens klar schildert. Irgendwann gibt es vielleicht verbesserte Messmethoden, die dann besser messen können. Außerdem, nur wenn allen Beteiligten bewusst ist, dass es für bestimmte interessante Phänomene noch keine guten Messmethoden gibt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Verbesserungen für die Messmethoden finden wird. Im übrigen sehen wir in der Quantenphysik (und in der Ethnologie, und …), dass Messprobleme kein absolutes Hindernis darstellen muss, um zur Bildung von interessanten Modellen zu kommen.

Die Ausklammerung wichtiger Aspekte der Wirklichkeit schadet in der Regel für das Gesamtbild der Wirklichkeit weit mehr als ungenau zu messen.

Auch wenn man in einer Disziplin formalisierte Modelle und die dafür notwendige formalisierte Sprache L_m benutzen will, gelingt dies nur unter Voraussetzung einer schon gegebenen Alltagssprache L_0 . Davon zu unterscheiden ist der Fall, dass der ’Gegenstand’ der Untersuchung Alltagsphänomene sind einschließlich der Alltagssprache (z.B. in den Sprachwissenschaften, in der Ethnologie, in der Archäologie, usw.).

Vom Theoriemodell her macht es allerdings keinen Unterschied, ob man chemische Stoffe mit ihren Reaktionskette als Gegenstand untersucht oder alltagssprachliche Phänomene oder Alltagshandeln.

C. Theoretische Psychoanalyse

Wissenschaftsphilosophisch kann man Psychoanalyse als eine empirische Wissenschaft im zuvor beschriebene Sinn betrachten.

Ihr Datenbereich sind die unterschiedlichsten Äußerungen eines Analysanden, und ihr Ziel ist es, am Beispiel dieses konkreten Analysanden das allgemeine Modell eines handelnden Akteurs so weit zu spezifizieren, dass es mit dem Verhalten des Analysanden strukturell so übereinstimmt, dass es dem Analysanden erlaubt, sein Verhalten so einzustellen, dass sein ’Problemdruck’ sich so weit abmildert, dass er zufriedenstellend in seinem Alltag leben kann.

Das Interesse der Psychoanalyse ist also mindestens ein zweifaches: (i) ein ’theoretisches’ Interesse, am Beispiel vieler Analysanden ein ’allgemeines Modell’ eines Akteurs zu finden, das sich erfolgreich auf möglichst viele Akteure
(Menschen) so anwenden lässt, dass diese zu einem selbstbestimmten und erfolgreichen Leben befähigt werden; (ii) ein ’therapeutisches’ Interesse, nämlich unter Voraussetzung des bislang erarbeiteten Modells einem konkreten einzelnen Menschen zu helfen, dass dieser sich selbst soweit verstehen und sich selbst ’managen’ lernt, dass er in seinem Alltag zu einem selbstbestimmten und erfolgreichen Leben finden kann.

Aufgrund der ethisch eingeschränkten Möglichkeiten, mit Menschen ’Experimente zu machen’ (gilt entsprechend auch für die Psychologie, die Neurowissenschaften, usw.), kann die Psychoanalyse ihre theoretische Forschung bislang oft nur indirekt vollziehen oder aber – evtl. in der Zukunft – mit partiellen Computersimulationen ihrer
theoretischen Modelle.

D. Angewandte Psychoanalyse

In den empirischen Wissenschaften ist es üblich, das ’Messen’ unter sehr eingeschränkten Bedingungen vorzunehmen; in der Psychologie unterscheidet man z.B. explizit zwischen ’Labor-Experimenten’ und ’Feld-Experimenten’.

In der angewandten Psychoanalyse greift man zum Mittel der ’normierten Dyade’: eine Therapie findet nur im absolut diskreten Zweiergespräch statt, dessen räumliche Situation sowie auch die grundlegenden Verhaltensweisen durch klare Regeln ’normiert’ sind. Damit hat man einerseits den Raum möglicher Daten stark eingeschränkt (Laborsituation), zugleich lässt man aber die ganze Breite von Kommunikationssignalen (Sprache und Körper) zu.

Dies ist für die Ermöglichung der relevanten Phänomene wesentlich.

Während sich die Kommunikation innerhalb der Dyade ’Psychoanalytiker – Analysand’ primär in der Alltagssprache abspielt, muss er Psychoanalytiker alles Erleben zugleich in seine Fachsprache und in seine Modellwelt ’übersetzen’. Wieweit diese Übersetzung während des Prozesses stattfinden kann und ob und wieweit eine solche Übersetzung
das aktuelle reale Geschehen negativ beeinflussen kann, ist eine wichtige Frage. Klar ist allerdings, dass eine modellbasierte – und damit wissenschaftliche – Diagnose und Intervention nur dann vorliegt, wenn der Psychoanalytiker solch einen Modellbezug in der Therapiesituation explizit immer wieder herstellen kann.

Analog wie die Gedächtnispsychologie das weitgehend unbewusst arbeitende Konstrukt ’Gedächtnis’ voraussetzt und in ihren Experimenten Verhaltenseigenschaften zu erfassen sucht, die Hinweise auf das unterstellte Konstrukt Gedächtnis liefern, so unterstellt die angewandte Psychoanalyse generell einen unbewussten Bereich im
Menschen, dessen Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung eines Menschen und sein Verhalten entsprechend nur an äußerlich auftretenden Eigenschaften – wenn überhaupt – -erkannt werden können. Dies geschieht eben nicht nur in Form sprachlicher Äußerungen, sondern vor allem auch in der ’Art und Weise’ eines Sprechens oder Nicht-Sprechens, eines sich Bewegens, durch das Gesamtverhalten, was wann wie getan oder nicht getan wird, usw. Dies können sehr komplexe Phänomene sein, die sich im Erleben, im Fühlen, in der Somatik, im Erinnern,
im Träumen usw. ausdrücken können. Auch spielt Zeit eine Rolle, Wiederholungen; oder Konstellationen, die wieTrigger wirken, und vieles mehr.

Insofern das Unbewusste verschiedenen ’internen Logiken’ folgt und auch die ’Emotionen’ sich auswirken können, kann es für einen Psychoanalytiker unabdingbar sein, hinreichend ausgebildet zu sein, um seine eigenen internen Logiken und Emotionen soweit mobilisieren zu können, um eine hinreichende, das Unbewusste einbeziehende, Kommunikation mit dem Analysanden führen zu können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der Psychoanalytiker das ’Bedeutungsfeld’ der verschiedenen isoliert auftretenden Äußerungen des Analysanden nicht als das erkennen kann, als was sie auftreten, als Elemente einer unbewussten Dynamik, die sich in bestimmten Phänomenen manifestieren.

Ein ’Erfolg’ wird sich in solch einer dyadischen Analyse nur in dem Masse einstellen, wie der Analysand befähigt wird, sein eigenes Erleben und Agieren vor dem Hintergrund seiner eigenen unbewussten Dynamiken besser zu
Verstehen und in Folge davon vielleicht besser gestalten zu können.

E. Psychoanalyse und Psychologie

Im aktuellen Hochschulbetrieb ist die Psychoanalyse weitgehend ausgeschlossen. Auch grenzt sich die Psychologie weitgehend von der Psychoanalyse ab.  Wissenschaftsphilosophisch ist dies nicht nachvollziehbar. Die Psychoanalyse kann alle Anforderungen erfüllen, die die Wissenschaftsphilosophie für eine moderne
empirische Wissenschaft formuliert hat. Und wenn man sich die verschiedenen Spezialisierungen der Psychologie anschaut wie z.B. ’Sprachpsychologie’, ’Wahrnehmungspsychologie’, ’Wissenspsychologie’ oder ’Gedächtnispsychologie’ dann muss man sagen, dass alle diese Subdisziplinen nicht ohne die Annahme komplexer
theoretischer Konstrukte (’Wahrnehmung’, ’Wissen’, ’Gedächtnis’, ’Bedeutung’, …) auskommen. Die Besonderheit der Psychoanalyse mit der Annahme des Konstrukts ’Unbewusstes’ unterscheidet sich hier methodisch in keiner Weise.

Für die Ausgrenzung der Psychoanalyse aus der Psychologie gibt es daher keine harten wissenschaftsphilosophischen Argumente. Man Muss daher vermuten, dass hier allerlei nicht-wissenschaftliche Faktoren eine Rolle spielen. Unter diesen Faktoren mag jener der mangelnden wissenschaftsphilosophischen Kenntnis der Psychologie selbst
eine Rolle spielen. Aber auch banale Faktoren wie schlichte Angst darum, vorhandene Ressourcen mit noch anderen teilen zu müssen, kann man kaum ganz ausschließen.

Welche Faktoren man auch immer annehmen möchte, der aktuelle Ausgrenzungszustand ist wissenschaftsphilosophisch in keiner Weise gerechtfertigt.

F. Psychoanalyse, Menschenbild, Wissenschaften

Die Frage der ’Ausgrenzung’ von Disziplinen aus dem Wissenschaftsbetrieb spielen allerdings auch für das gesamte Menschenbild eine Rolle. Schaut man sich die Gegenstandsbereiche von Disziplinen an wie ’Physik’, ’Chemie’, ’Biologie’, ’Soziologie’, ’Psychologie’, ’Ingenieurwissenschaften’, und  ’Künstliche Intelligenz’ an, dann kann
man beobachten, dass in all diesen Disziplinen heute kein Menschenbild vermittelt wird, das den aktuell lebenden Menschen in irgendeiner interessanten Weise eine irgendwie geartete Perspektive für eine mögliche Zukunft anbieten würde. Der Mensch wird in allen Disziplinen weitgehend in ’Einzelteile’ zerlegt, ohne irgendwelche  Zusammenhänge.

Ob dem Menschen aus all dem eine irgendwie geartete Verantwortung erwächst, eine ’Perspektive für die Zukunft’, ist eine offene Frage mit Tendenz zum Nein.

Während die Biologie als Evolutionsbiologie ganz interessante Ansätze liefern könnte, werden diese Ansätze von der modernen Soziologie mehr oder weniger wieder ’pulverisiert’. Der systemtheoretische Ansatz eines Niklas Luhmann enthält zwar viele der wichtigen Zutaten für einen differenzierteren Blick auf die Dynamik von
Lebensphänomenen, aber die Art und Weise wie der Systembegriff verwendet wird, schließt gerade all jene Phänomene aus, die interessant sind. Die evolutionären Erkenntnisse der Evolutionsbiologie werden mit einer scholastisch anmutenden System-Arithmetik im semantischen Nichts versenkt.

Ob nun die Offenheit der Psychoanalyse für das weite Feld der unbewussten Strukturen und Dynamiken ein letztlich realistischeres Menschenbild ermöglichen würde als die Phänomen-Ausklammerer in den anderen Disziplinen ist keineswegs von vornherein sicher, aber es verhält sich wie mit dem Genpool: wenn die Ausgangsmenge zu
klein ist, dann ist der mögliche kombinatorische Raum schlicht zu klein, um der Vielfalt der umweltbedingten Herausforderungen gerecht werden zu können.

Haben wir Menschen Angst vor unserem eigenen Bild?

 

III. NÄCHSTE SITZUNG 29.APRIL 2018

Bei der Abschlussfrage, welches Thema wir für die nächste Sitzung am 29.April 2018 wählen wollen, fand das Stichwort von der ’adäquaten Beschreibung’ Interesse. Es wurde dann weiter ausdiskutiert in Richtung der Problematik, wie man von ’Messwerten’ zu einem ’Modell’ kommt? Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass
es auch in den empirischen Wissenschaften für den Weg von einzelnen Messwerten zu einem Modell keinen Automatismus gibt! Aus Messwerten folgt keine einzige Beziehung, erst recht kein Modell mit einem ganzen Netzwerk von Beziehungen. In allen empirischen Disziplinen braucht es Fantasie, Mut zum Denken, Mut zum Risiko, Kreativität und wie all diese schwer fassbaren Eigenschaften heißen, die im ’Dunkel des Nichtwissens’ mögliche Beziehungen, mögliche Muster, mögliche Faktorennetzwerke ’imaginieren’ können, die sich dann in der Anwendung auf Messwerte dann tatsächlich (manchmal!) als ’brauchbar’ erweisen. Und, ja, persönliche Vorlieben und Interessen (unbewusste Dynamiken) können sehr wohl dazu beitragen, dass bestimmte mögliche ’interessante Beziehungs-Hypothesen’ von vornherein ausgeschlossen oder eben gerade gefunden werden (so wie das Unbewusste die Psychologie daran
hindert, die Psychoanalyse als potentiellen Lösungsgenerator zu akzeptieren? 🙂

KONTEXTE

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PSYCHOANALYSE DURCH ROBOTER? Teil 2. Einladung zur PHILOSOPHIEWERKSTATT am 25.März 2018

PHILOSOPHIE JETZT. Auf der Suche nach dem neuen Menschenbild
eJournal ISSN 2365-5062
URL: https://www.cognitiveagent.org
EMail: info@cognitiveagent.org

Achtung: Neuansetzung des Themas, da die letzte Sitzung wegen Krankheit ausfallen musste.

THEMA

Ausgehend von dem Bericht aus der letzten Philosophiewerkstatt vom 28.Januar 2018 zur Frage ‚Psychoanalyse durch Roboter?‘  (auch als PDF mit Schaubildern) soll auf allgemeinen Wunsch hin das Thema nochmals weiter geführt werden.

In der letzten Philosophiewerkstatt zeichnete sich ab, dass die Fragestellung  zurück verweist auf das Verständnis, was denn ein Psychoanalytiker ist, wie er sich verhält, welche Kontexte zu bedenken sind, was über einen möglichen Analysanden alles zu wissen ist, um nur einige der Aspekte zu nennen.  Damit irgendwann einmal ein Roboter gebaut werden könnte, müsste eine Beschreibung vorliegen, die all diese Dinge hinreichend beinhaltet. Ob solch eine Beschreibung  angemessen ist, müssten psychoanalytische Experten beurteilen, denn nur sie verfügen über das Wissen, das hier notwendig ist.

Für die Konstruktion eines geeigneten Roboters  benötigt man allerdings ganz bestimmte Formen von Beschreibungen, damit Ingenieure auf dieser Grundlage ein funktionierendes technisches System bauen könnten.

Die Fragestellung verdichtet sich daher dahingehend, ob man eine — im Sinne der Psychoanalyse — angemessene Beschreibung eines psychotherapeutischen Prozesses erstellen kann, die sich mit den Anforderungen der Ingenieure zur Deckung bringen lässt.

In der kommenden Sitzung wird daher wieder einleitend eine Beschreibung vorgestellt, die sowohl die Berichte der PsychoanalytikerInnen Rechnung tragen soll wie auch zugleich den Anforderungen der IngenieureInnen. Danach erfolgt eine Kommentierung aus Sicht der Psychoanalyse: Z.B. Was ist OK? Was fehlt? Was müsste ganz anders sein?

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:40h GEDANKEN ZUM EINSTIEG (Die bisherige Schilderung der Psychoanalyse in einer Rekonstruktion aus  Sicht der Wissenschaftsphilosophie und des Engineerings, dann weitere Gegenrede und Kommentierungen  aus Sicht der Psychoanalyse)

15:40 – 16:30h: GEMEINSAMER DISKURS ALLER (Fragen, Kommentare…, mit Gedankenbild/ Mindmap)

16:30 – 16:40h PAUSE

16:40– 17:00h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation, individuell, freiwillig)

17:00 – 17:10h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

17:10 – 17:50h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:50– 18:00h: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h: VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

KONTEXTE

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Mit freundlichen Grüßen,

Gerd Doeben-Henisch

INFORMELLE KOSMOLOGIE. Teil 3a. Evolution – Wahrheit – Gesellschaft. Synopse der bisherigen Beiträge zur Wahrheit in diesem Blog

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
20.März 2018
URL: cognitiveagent.org
Email: info@cognitiveagent.org
Autor: Gerd Doeben-Henisch
Email: gerd@doeben-henisch.de

Abstract

Auf der Suche nach dem Neuen Menschenbild im Spannungsfeld von Philosophie, empirischen Wissenschaften und Computertechnologie schält sich heraus, dass ein Bindeglied in allem das Wechselspiel von Akteuren in Umgebungen ist, die sich mittels Kommunikation koordinieren. Die Anzahl hier relevanter Artikel und Bücher geht in die Hunderte, wenn nicht in die Tausende. Interessanterweise scheint der oft geschundene, vielfach wegdiskutierte Begriff der ’Wahrheit’ hier eine neue Bedeutung zu gewinnen. Die Arbeitshypothese lautet: Wahrheit ist ein unabdingbarer Rohstoff jeder nachhaltigen Gesellschaft. Diese These soll in folgenden Szenarien ’getestet’ werden: (i) Evolutionäre Zubereitung bisher; (ii) Individuum und Gesellschaft; (iii) Die Mensch-Maschine Superintelligenz. Diese Artikelserie beginnt mit einer kurzen Zusammenschau der bisherigen Artikel im Blog seit 2011, die das Thema ’Wahrheit’ im Titel hatten.
So unterschiedlich diese Artikel sind, sie sind die ’Vorboten’ einer neuen Sicht auf das Ganze, in der der einzelne gleichberechtigt ist mit dem Ganzen: das Ganze ohne den einzelnen ist Nichts, und der einzelne ohne das Ganze ist ’fast nichts’.

I. ÄLTERE BEITRÄGE ZUM WAHRHEITSBEGRIFF

Hier die Blogbeiträge, die sich in den letzten Jahren explizit mit der Bedeutung und der Rolle von ’Wahrheit’ beschäftigt hatten:

1) Nr.32 vom Juli 2011: Wahrheit im Alltag . Hier die Idee, dass die Wahrheit einerseits zwar in den Strukturen der Welt fundiert ist, andererseits dem einzelnen aber nur im Modus seines Bewusstseins zugänglich ist. Im Bewusstsein können diese Strukturen starke Modifikationen erfahren.

2) Nr.76 vom April 2012: WAHRHEIT ALS UEBERLEBENSNOTWENDIGKEIT; WEISHEIT ALS STRATEGIE
Fortführung der Idee, dass die Strukturen der Welt sich in unterschiedlichen Bildern (Modellen) im Kopf eines Menschen niederschlagen können. Durch die reale Interaktion mit seiner Umgebung wirken dann diese Modelle über das Verhalten in die Welt hinein. Wenn sie unangemessen oder ’falsch’ sind, kann dies entsprechende Folgen haben.

3) Nr.82 vom August 2012: DIE WAHRHEIT IST GANZ UND GAR NICHT KÄUFLICH Hier wird der gleitende Übergang von biologischen Systemen ohne Bewusstsein zu Systemen mit Bewusstsein angesprochen. Auch Systeme ohne Bewusstsein verfügen über Verhaltensmuster, die sich an aktuellen Sinnesreizen orientieren, die von der Umgebung ausgelöst werden. Ein Muster ist dann ’passend’, wenn es zu den Auslösereizen ’gehört’. Mit der Herausbildung von Nervensystemen nimmt die Möglichkeit zu, verschiedene Handlungsalternativen für eine Situation ’auszuwählen’. Wichtig ist hier, dass das ’Passende’, die ’Wahrheit’ als Referenzpunkt die
jeweilige Umgebung hat, die dem einzelnen System ’voraus liegt’; sie ist in diesem Sinne ’nicht käuflich’.

4) Nr.108 vom Januar 2013: EINSCHUB: WAHRHEIT vs. KAPITAL  Die schon früher angesprochene Interaktion des einzelnen Systems mit seiner Umgebung und die innerhalb dieser Aktionen sich realisierende Wahrheit kann dadurch in Abhängigkeiten
von Rahmenbedingungen geraten, die für die Gewinnung von ’wahren Bildern/ Modellen’ ’abträglich’ ist. So haben z.B. Firmen sehr harte Überlebensregeln, die den Handlungsraum für ’wahre Modelle’ meistens sehr einschränken; das Gleiche gilt für allerlei Behörden und für die unterschiedlichen politischen Systeme.

5) Nr.168 vom Oktober 2013: DIE WAHRHEIT  ERSCHEINT IM BETRACHTER – Oder: WARUM WIRNUR GEMEINSAM DAS ZIEL ERREICHEN KÖNNEN  Hier
wird der Aspekt der Abhängigkeit des einzelnen in seinem Erkennen von der Welt von seiner Geschichte und seiner Umgebung herausgestellt. Ferner die wechselseitige Beeinflussung untereinander über die aktuellen Weltbilder. Dazu der Aspekt, dass es für die Erkenntnis der Wahrheit nicht ausreicht, einzelne Augenblicke zur Kenntnis zu nehmen, sondern man kann ’Zusammenhänge’ und ’Regelhaftigkeiten’ nur durch
Zusammenschau vieler einzelner Augenblicke erfassen. Das Erkennen der ’Wahrheit’ muss ein Projekt von allen sein. Unsere subjektive ’Falschheit’ hebt die ’objektive’ Wahrheit nicht notwendigerweise auf, kann sie aber für das erkennende Subjekt ’unsichtbar’ machen.

6) Nr.202 vom März 2014: DIE WAHRHEIT BEGINNT IM CHAOS  Da wir jenseits unserer eigenen Wahrheit die ’wahre Wahrheit’ der Welt nicht kennen, können wir auch nicht definitiv sagen, ob die Welt ein Chaos ist oder irgendeine Ordnung. Zu Beginn
ist alles erst mal Chaos. Von daher beginnt die Erkenntnis der Wahrheit im Chaos. Das jeweilige Wissen ist eine Momentaufnahme einer unbekannten Vorgabe, und muss daher grundsätzlich als versuchsweise Annäherung begriffen werden. Die scheinbare Ordnung eines Wissens kann ein Artefakt der Weltfremdheit sein.

7) Nr.223 vom August 2014: WIEDER TRITT FINDEN – Nach einer längeren Pause
– WAHRHEIT, DEMOKRATIE, RELIGIONen
Eine wichtige Grundeinsicht: die einzig ’wirklichen’ und ’wahrheitsfähigen’ Erkenntnisse finden sich nicht schon  in den primären Ereignissendes Alltags, sondern erst und einzig im ’verarbeitenden Denken’, in den Aktivitäten der individuellen Gehirne,
soweit diese in der Lage sind, solche allgemeinen Muster zu erzeugen und damit weiter zu arbeiten. Die bisherige Geschichte hat keine funktionierende und allgemeine Wahrheitstheorie hervorgebracht. Starke Widerstände für eine moderne Sicht der Wahrheit kam von allen Religionen. Das juristische Denken ist auch wenig geeignet, Erkenntnis von Wahrheit zu fördern.

8) Nr.263 vom Januar 2015: HYSTERIE: NEIN, SOLIDARITÄT: JA – DAHINTER WARTET DIE WAHRHEIT
Das alltägliche Überleben erzwingt Vereinfachungen im Weltverstehen; dies kann kontraproduktiv werden. Förderliche Faktoren für wahres Wissen können sein: reale Toleranz, Rechtssicherheit, umfassende Bildung, funktionierende Infrastrukturen, darin eingebettet Handel und Wirtschaft. ’Wahrheit’ und ’Falschheit’ sind entscheidbare Sachverhalte, die die Basis für unsere Weltbetrachtung bilden sollten. ’Gut’ und ’Böse’ sind hingegen ’Wertvorstellungen’ von sozialen Gruppen, die – sofern sie verstehbar sind – dazu verwendet werden können, innerhalb einer sozialen Gruppe das gemeinsame Verhalten zu ’regeln’. Eine rationale Anwendung von Gut-Böse-Regeln setzt die Möglichkeit der Wahrheitsfindung voraus. Im Konzept der religionsfreien
Wissenschaft wurden die Regelsysteme ’zurückgeholt’ aus der Sphäre der Unkontrollierbarkeit und im Hier und Jetzt verankert. Damit die Menschen wieder Herr ihrer eigenen Regeln sein können, wurden Regeln ’kritisierbar’, konnte man menschlich aufgestellte Regeln ändern, wenn die Wirklichkeit ihnen entgegen stand.

 

9) Nr.395 vom Juli 2017: DAS NEUE ALS PROBLEM DER WAHRHEIT – Zwischenbemerkung
Es gibt viele Gründe in der Gegenwart, warum selbst angestammte Bereiche der Wahrheit wie die empirischen Wissenschaften, Erosionserscheinungen aufweisen; … Dennoch können all diese Verformungen und Entartungen nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass – selbst wenn traditionelle Wahrheits-Begriffe möglicherweise korrigiert, justiert werden müssen (im öffentlichen Bewusstsein) – die grundlegenden
Sachverhalte der Übereinstimmung unseres virtuellen Denkens mit einer jenseits dieses Denkens unterstellten objektiven Wirklichkeit weiterhin von grundlegender Bedeutung und lebenswichtig sind… Nach dem Aufwachen folgen viele, viele Stunden von Verhaltensweisen, die sich beständig dadurch speisen, dass man Wissen
über eine Welt hat, die sich in den konkreten Handlungen dann auch bestätigen. Das ist unser primärer, alltäglicher Wahrheitsbegriff: Es verhält sich im Handeln so, wie wir in unserem Denken annehmen… Zu dieser Alltagserfahrung gehört auch, dass wir uns manchmal irren…Alle diese Irrtumserfahrungen lassen uns aber nicht grundsätzlich an unserer Fähigkeit zweifeln, dass wir ein handlungstaugliches Bild von der Welt haben können. Dieses Bild, sofern es funktioniert, nennen wir ’wahr’…. ’Neues’ definiert sich …
dadurch, dass es mit dem bisher Bekannten nichts oder nur wenig zu tun hat. Wirklich ’Neues’ lässt ein Stück Wirklichkeit aufbrechen, das wir so bislang nicht kennen… Innovation als Kern des biologischen Lebens…

10) Nr.396 im Juli 2017: WAHRHEIT CONTRA WAHRHEIT. Notiz
In diesem Beitrag wird die mögliche Bedeutung des Begriffs ’Wahrheit’ sehr vielschichtig  betrachtet. Nach Kapiteln mit den Überschriften ARBEITSDEFINITION VON WAHRHEIT, WAHRHEIT UND LEBENSFORM sowie GEDANKE UND REALE WELT folgt ein Schlusskapitel mit der Überschrift EINE KULTUR DER
WAHRHEIT? In diesem finden sich folgende Thesen:
a) Wenn man sieht wie unglaublich stark die Tendenz unter uns Menschen ist, aktuelle, partielle Wahrheiten (die aus Sicht des einzelnen nicht partiell, sondern universell sind) mit einer bestimmten Alltagspraxis zu verknüpfen und diese fest zu schreiben, dann könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was wir als Menschen tun können, um dieser starken Tendenz ein natürliches Gegengewicht gegenüber zu stellen, das dem Trieb zu partiellen Wahrheit entgegenwirken könnte.
b) Innerhalb der Rechtsgeschichte kann man beobachten, wie im Laufe von Jahrtausenden das Recht des Angeklagten häppchenweise soweit gestärkt wurde, dass es in modernen Staaten mit einem funktionieren Rechtssystem üblich geworden ist, jemanden erst dann tatsächlich zu verurteilen, nachdem in nachvollziehbaren, transparenten Verfahren die Schuld bzw. Unschuld objektiv festgestellt worden ist.
Dennoch kann man sehen, dass gerade in der Gegenwart in vielen Staaten wieder eine umgekehrte Entwicklung um sich greift: der methodische Respekt vor der Gefahr partieller Wahrheiten wird einfach über Bord geworfen und Menschen werden allein aufgrund ihrer Andersartigkeit und eines blinden Verdachts vor-verurteilt, gefoltert, und aus ihren gesellschaftlichen Stellungen verjagt.
c) Innerhalb der Welt der Ideen gab es eine ähnliche Entwicklung wie im Rechtssystem: mit dem Aufkommen der empirischen experimentellen Wissenschaften in Kooperation mit mathematischen Strukturen konnte das Reden über Sachverhalte, über mögliche Entstehungsprozesse und über mögliche Entwicklungen auf ganz neue Weise transparent gemacht werden, nachvollziehbar, überprüfbar, wiederholbar,
unabhängig von dem Fühlen und Meinen eines einzelnen – Anmerkung: Allerdings nicht ganz! –. Diese Art von Wissenschaft kann großartige Erfolge aufweisen, ohne die das heutige Leben gar nicht vorstellbar wäre. Doch auch hier können wir heute beobachten, wie selbst in den Ländern mit einem entwickelten Wissenschaftssystem die wissenschaftlichen Prinzipien zunehmen kurzfristigen politischen
und ökonomischen Interessen geopfert werden, die jeweils auf den partiellen Wahrheiten der Akteure beruhen.

d) Es drängt sich dann die Frage auf, ob der Zustand der vielen (partiellen) Wahrheiten generell vermeidbar wäre bzw. wie man ihn konstruktiv nutzen könnte, um auf der Basis der partiellen Wahrheiten zu einer umfassenderen Wahrheit zu kommen.
e) Die Alternative ist die berühmte offene Gesellschaft, in der eine Vielfalt von partiellen Wahrheiten möglich ist, verbunden mit dem Vertrauen, dass die Vielfalt zu entsprechend vielen neuen erweiterten partiellen Wahrheiten führen kann (nicht muss!). Hier gibt es – im Idealfall – eine Fülle unterschiedlicher Medien und keine Zensur. Entsprechend wären auch alle Lern- und Erziehungsprozesse nicht an einem Drill,
einer autoritären Abrichtung der Kinder und Jugendlichen orientiert, sondern an offenen, kreativen Lernprozessen, mit viel Austausch, mit vielen Experimenten.
f) Allerdings kann man beobachten, dass viele Menschen nicht von vornherein solche offenen, kreativen Lernprozesse gut finden oder unterstützen, weil sie viel anstrengender sind als einfach einer autoritären Vorgabe zu folgen. Und es ist ein historisches Faktum, dass partielle Wahrheitsmodelle bei geeigneter
Propaganda und gesellschaftlichen Druck eine große Anhängerschaft finden können. Dies war und ist eine große Versuchung für alle narzisstischen und machtorientierten Menschen. Das scheinbar Einfachere und Bequemere wird damit sprichwörtlich zum ’highway to hell’.
g) Für eine offene Gesellschaft als natürlicher Entwicklungsumgebung für das Entstehen immer allgemeinerer Wahrheiten sowohl in den Beteiligten wie auch im Alltag scheinen von daher geeignete Bildungsprozesse sowie freie, unzensierte Medien (dazu gehört heute auch das Internet) eine grundlegende Voraussetzung zu sein. Die Verfügbarkeit solcher Prozesse und Medien kann zwar keine bessere gedachte und gelebte Wahrheit garantieren, sie sind allerdings notwendige Voraussetzungen, für eine umfassendere Kultur der Wahrheit. (Anmerkung: Natürlich braucht es noch mehr Elemente, um einen einigermaßen freien Raum für mögliche übergreifende Wahrheiten zu ermöglichen.)
h) Vor diesem Hintergrund ist die weltweit zu beobachtende Erosion von freien Medien und einer offenen, kreativen Bildung ein deutliches Alarmsignal, das wir Menschen offensichtlich dabei sind, den Weg in ein wahrheitsfähige Zukunft immer mehr zu blockieren. Letztlich blockieren wir uns als Menschen damit nur selbst. Allerdings, aus der kritischen Beobachtung alleine folgen keine wirkenden konkreten Verbesserungen. Ohne eine bessere Vision von Wahrheit ist auch kein alternatives Handeln möglich.
Deswegen versuchen ja autoritäre Regierungen immer, zu zensieren und mit Propaganda und Fake-News die Öffentlichkeit zu verwirren.

11) Nr.409 vom Oktober 2017: EIN HOMO SAPIENS – VIELE BILDER. Welches ist wahr? .
Ein sehr intensiver Artikel. Nach Kapiteln wie ’Vielfalt trotz Einheit’, ’Wahrheit, die ich meine’, ’Wahrheitsmechanismen’, ’Gegenwart, Gestern, Morgen’, ’Eigener Lebensraum, ganz woanders’, ’Interpretierte Wahrnehmung’, ’Erfahrung liefert Bilder’, ”Wie das ’Richtige’ Lernen?”, ’Mengenbegrenzungen’, ’Mustererkennen’, ’Spezialisierungen’, ’Wechselwirkungen aufdecken’, ’Geeignete Wissensformen’, ’Verloren im
Fragment’, ’Fehlende Präferenzen’ sowie ’Menschenbilder’ fragt der Schlussabschnitt: ’Was Tun?’ Dort kann man lesen:

Es ist eines, einen Sachverhalt zu diagnostizieren. Es ist eine ganz andere Frage, ob man aus solch einer Diagnose irgendeinen Handlungsvorschlag generieren kann, der eine deutliche Verbesserung mit sich bringen würde.

Angesichts der zentralen Bedeutung des Wissens für das Verhalten des Menschen eingebettet in Präferenz/
Bewertungsstrukturen, die in einem Lernprozess verfügbar sein müssen, bei gleichzeitiger Berücksichtigung der quantitativen Beschränkungen des biologischen Systems bräuchte es neue Lernräume, die solch ein verbessertes Lernen unterstützen. Ganz wichtig wäre es dabei, das Wissen nicht nur ’jenseits des Individuums’ zu kumulieren (die Cloud für alle und alles), sondern den einzelnen als einzelnen zu stärken, auch als soziales Wesen. Dazu braucht es eine grundlegende Re-Analyse dessen, wie der Mensch mittels neuer digitaler und Cyber-Technologien sowie Humantechnologie seinen Möglichkeitsraum vergrößern kann. Dies wiederum setzt voraus, dass es eine Vision von Gesellschaft der Zukunft gibt, in der der homo sapiens
überhaupt noch eine Rolle spielt.

Dies wird gerade von elitären Machtgruppen immer mehr in Frage gestellt.

Wo gibt es ernsthafte Visionen für humane Gesellschaften für Morgen?

Diese Aufgabenstellung ist nichts für einen allein; hier sind alle, jeder auf seine Weise, gefragt.

12) Nr.411 vom November 2017: WAHRHEIT ALS UNABDINGBARER ROHSTOFF EINER KULTUR DER ZUKUNFT
Hier wird aufgezeigt, dass eine Kultur der Zukunft ohne Wahrheit unmöglich ist. Wahrheit ist der entscheidende, absolut unabdingbare Rohstoff für eine Kultur der Zukunft… die zentrale Bedeutung von Kommunikationsprozessen …Diese sollten so sein, dass alle Beteiligten des politischen Diskurses in der Lage sind, die möglichen Ziele und Argumente dafür und dagegen, die sie sprachlich austauschen, auf ihren Sachgehalt hin soweit klären zu können, dass alle Beteiligten nachvollziehen könnten, was damit gemeint ist und warum diese Maßnahmen mit Blick auf die Zukunft Sinn machen. … besondere Rolle des homo sapiens in der Evolution…

13) Nr.416 vom Januar 2018: WENN PHILOSOPHISCHE SACHVERHALTE POLITISCH RELEVANT WERDEN...
Die Freilegung von Wahrheit durch philosophisches Denken bleibt wirkungslos, wenn das Alltagsdenken – und die Politik gehört dazu – sich der Wahrheit verweigert. … … Zu internen Bildern von der Welt zu kommen, die angemessen sind, die wahr sind, ist zwar nicht einfach, verlangt einen großen gemeinschaftlichen Aufwand, ist aber grundsätzlich bei aller bleibenden Vorläufigkeit möglich. Zugleich wurde auch klar, wie leicht das
Erarbeiten von angemessenen Weltbildern von einer Vielzahl von Faktoren im individuellen wie auch im gemeinschaftlichen Einflussbereich gestört werden kann, so massiv, dass die Bilder unangemessen/ falsch werden können. … Obwohl Philosophen in vielen Jahrtausenden und Kulturen sich daran versucht haben, das Phänomen der Wahrheit zu fassen, gibt es bis heute kein philosophisches Konzept der Wahrheit, das in allen philosophischen Schulen, in allen Kulturen einheitlich verstanden und akzeptiert ist. Man hat eher den Eindruck, dass gerade die neuere Philosophie – sagen wir seit Ludwig Wittgenstein, um mal einen Referenzpunkt zu nennen – das Konzept von Wahrheit eher wieder aufgegeben hat…

Szenenwechsel: Demokratie in den USA: nicht die demokratischen Strukturen versagen, sondern die Akteure, die diese demokratische Strukturen leben, diese haben Weltbildern in ihren Köpfen, die hochgradig falsch erscheinen gemessen an dem Wissen, das wir heute über unsere Welt und unsere Prozesse haben können. Und von den vielen potentiellen Wählern, die durch ihre Wahlentscheidung mit entscheiden, welche Akteure zu den zeitlich begrenzten politischen Verantwortlichen werden können, scheint eine hinreichend große Menge an diesen falschen Weltbildern zu partizipieren…. die Ungleichzeitigkeit von unterschiedlichen Weltbildern, Spielmasse für Demagogen… …

Moderne, wahrheitsfähige Wissensformen entstehen zu einem großen Teil – idealerweise – in Schulen und Hochschulen. Wissen, das hier nicht vermittelt wird, wirkt sich mit seinem Fehlen oder mit seinen falschen Formaten unmittelbar auf die gesamte
Gesellschaft aus. … Obwohl der homo sapiens die erste Lebensform im beobachtbaren Universum ist, die überhaupt wahrheitsfähig ist, ringt dieser homo sapiens bis heute damit, wie er seine Wahrheitsfähigkeit im komplexen Geflecht einer immer dichteren Weltgesellschaft mit so vielen unterschiedlichen Kulturen und der immer größeren Beschleunigung in der Technologieentwicklung erhalten, bewahren und weiter entwickeln kann. Die Besonderheit dieser Situation liegt darin, dass sich dieses Problem nicht im Alleingang lösen lässt.

Wahrheit ist ein kognitives Gebilde in einem Individuum, das mit der umgebenden Welt und den kognitiven Gebilden der anderen Individuen koordiniert werden muss…

14) Nr.418 vom Februar 2018: INFORMELLE KOSMOLOGIE – Und die Mensch-Maschine Frage
Man kommt nicht umhin sich Klarheit darüber zu verschaffen, was einerseits mit dem Begriff ’Mensch’ gemeint ist und andererseits mit dem Begriff ’intelligente Maschine’… Menschliches Denken sammelt Eindrücke der Welt ein, Kombiniert sie, und handelt danach, das kann schief gehen…. Zerklüftete Wissenschaften, Erfindung
neuer Sprachen, insbesondere Mathematik, Schaubild Weltstruktur (Ontologie!)… Die Abfolge der Entstehung von Komplexitätsebenen geschieht NICHT rein zufällig…

Zauberwort ’Kooperation’… Werkzeuge, Technologie, Computer … Kognitive und emotionale Grenzen des Menschen … Welche Ziele – Präferenzen – Werte?
Woher? Jenseits von Mutter Erde…

15) Nr. 419 vom Februar 2018: INFORMELLE KOSMOLOGIE. Teil 2. Homo Sapiens und Milchstraße Komplexität des menschlichen Körpers im Vergleich zur Milchstraße … Zusammenhang durch Funktionen… Gehirn so winzig… Bewusstsein: Paradox Physiologie – Qualia; Freier Wille und Freiheit.

IMPLOSION DES LICHTS – X-METAL – AM ABGRUND DER FREIHEIT. Philosophische Anmerkungen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
11.März 2018
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Autor: cagent
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VORBEMERKUNG

Dieses Thema ist eines von jenen, die man nicht plant, die sich durch scheinbar zufällige Konstellationen ergeben.

Dies ist auch kein ‚angenehmes‘ Thema im Sinne, dass man es ‚gerne‘ schreibt, sondern ist eher ‚unangenehm‘, ’sperrig‘, man muss Kraft aufwenden, um sich mit ihm zu beschäftigen.

Bedingt durch eine massive Bronchitis war ich mehr als eine Woche ziemlich lahmgelegt. Zwischendrin, zur Ablenkung, habe ich dann über youtube, wikipedia und andere Seiten nach Irischer Musik, Irish Folk geschaut, bis hin zum Thema keltische Musik. Mir war da vieles nicht klar gewesen. Es zeigte sich eine bunte Landschaft von Bands, Stilen und Texten.

Mehr durch Zufall, über eine Festivalbeschreibung, stieß ich dann auch auf Bands, die eigentlich einem anderen Genre angehörten. Es fanden sich Beschreibungen wie Black-, Death-, Thrash- und Power Metal. Bezeichnungen, die schon von der Wortwahl her andere Gefühle hervorrufen als ‚Folk‘ oder ‚Rock‘.

Ich ging dieser Spur nach und traf auf Bands, deren Auftreten und vor allem deren Texte eine Vorstellungswelt transportieren, die deutlich abweicht von dem, was man in gewohnten Medien findet. Man muss sich schon in spezielle Literaturbereiche begeben, um zumindest Ähnliches zu finden. Von den drei Bands, die ich dann weiterverfolgt habe, sind von einer Band drei Alben wegen ihrer Texte verboten (im Netz kann man diese Texte dennoch finden).

VERBOTENES

Dass im Alltag das Verhalten oder/ und die Texte von Menschen ‚verboten‘ werden, kann man als Bürger eines Staates als ’normal‘ betrachten, weil es Gesetze und Institutionen gibt, die das Aussprechen von Verboten regeln.

Aus philosophischer Sicht gibt es aber zunächst mal kein ’normal‘. Denn wir wissen alle, dass es heute in dieser Welt Länder gibt, in denen Menschen verfolgt, verurteilt und getötet werden, die in unserem Land auf keinen Fall verfolgt, verurteilt und getötet würden. Wir haben also schon in der Gegenwart eine Gleichzeitigkeit von widerstreitenden Werten. Und wir können auch wissen, dass es eine Zeit gab — die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland –, in der der Alltag, die statistische Mehrheit, ‚Werte‘ propagierte, Einstellungen, Texte, die sich mit den Werten Einstellungen und Texten der späteren Bundesrepublik widersprechen. In jener Zeit war ‚legal‘, was heute ‚illegal‘ ist, und umgekehrt.

Sich einfach auf ‚Legalität‘ zu stützen ist für einen Philosophen daher eher nicht erlaubt. Er muss sich die Frage stellen, ob es unabhängig von einer herrschenden Legalität Bezugspunkte gibt, eine Referenz, die vor allen möglichen Formen von Legalität liegt. Für Menschen, die sich nur an Legalität halten sind solche grundlegenden Überlegungen natürlich ‚unwirksam‘, da sie ihr Denken freiwillig vorher abschalten.

TEXTE – SPRACHE

Im Falle der drei Bands, insbesondere jener mit den verbotenen Texten, sind es dann genau diese Texte und deren möglicher Aussagenhorizont, an denen sich die Überlegungen fest machen können.

Nun beginnt schon hier das Problem. Im Fall von Alltagssprache, erst recht, wenn es dann noch Texte sind, die der Art nach in Richtung Lyrik, Poesie tendieren, ist eine Fixierung der möglichen Bedeutung grundsätzlich schwierig (dies zeigt sich auch in der Diskussion in der englischen Wikipedia, die Aussagen der Zensur mit den Aussagen der Autoren gegenüberstellt; diese differieren). Noch schlimmer, es kann sehr wohl sein, dass ein Autor A einen eigenen Text T in einer bestimmten Weise A(T)=B1 interpretiert, dass aber potentielle Leser L den gleichen Text anders interpretieren L(A)=B2. Dies ist nichts Besonderes, sondern hat mit der Art und Weise zu tun, wie Sprache funktioniert. Keinem einzelnen Menschen ‚gehört‘ die Sprache. Jeder ‚benutzt‘ sie, mit seinen eigenen Intentionen, aber man erschafft darin die Sprache nicht gänzlich neu; man assoziiert sie mit eigenen, weitgehend subjektiven Inhalten, und was herauskommt ist ein Text in der Sprache, die allen gehört, subjektiv vernetzt mit Bedeutungsanteilen des Autors, die vielleicht vom ‚üblichen Gebrauch‘ abweichen, die aber vom Empfänger als solche gar nicht erkannt werden können. Der Empfänger kennt nur ’seine‘ eigene subjektiven Bedeutungen und die ‚üblichen Verwendungsweisen‘.

Diese grundsätzlichen Bedeutungsbarrieren kann kein einzelner Autor oder Leser von sich aus einfach so aufheben. Die Sprache ist immer ‚mehr‘, das ‚Größere‘, das ‚Gemeinsame‘, das ‚Verbindende‘, das ‚Band’…. oder wie immer man dies ausdrücken möchte. Und nur weil es dieses Gemeinsame gibt, kann der einzelne seine Besonderheit, seine Subjektivität damit versuchsweise verbinden und hoffen, dass der andere dieses ‚Spielen über die Bande‘ irgendwie bemerkt und versteht.

Mit diesen Vorbemerkungen zum grundsätzlichen Verstehensproblem einer alltagssprachlichen Kommunikation, die sich mit Einbeziehung lyrisch-poetischer Formen eher verstärken, möchte ich dennoch auch Bezug nehmen auf die möglichen Inhalte.

DUNKELHEITEN?

Unter dem Vorbehalt, dass ich diese Texte möglicherweise falsch verstehe, kann ich zumindest festhalten, wie sie auf mich wirken und was dies philosophisch auslöst.

Diese Texte beschreiben die Welt aus Sicht eines Ich, das in einer großen Dunkelheit lebt. Andere Menschen kommen nur schemenhaft vor, als Versatzstücke von eigenen Gefühlen, Trieben, ohne eigene Persönlichkeit, ohne eigene wirkliche Existenz. Das in sich kaum differenzierte Ich ist zentral, alles ausfüllend, erscheint irgendwie leidend und dann doch wieder sich am eigenen Leiden berauschend. Mystische Bilder einer irgendwie dunklen Macht, die alles fordert und der sich alles opfert. Wenn Versatzstücke aus dem Alltag vorkommen, die man zu erkennen meint, werden sie in einer Weise verwendet, die anders ist, verfremdend, darin herausfordernd … schon eine poetische Kraft… aber mit einer schweren Dunkelheit durchtränkt.

Lässt man die Bilder für sich stehen, isoliert, kann man sie schwer einordnen; auf unterschiedliche Menschen werden sie unterschiedliche Gefühle auslösen.

Aus philosophischer Sicht können sich interessante Fragen stellen.

INNERE WIRKLICHKEIT EINES ANDEREN

Wie im Blog schon mehrfach ausgeführt, entsteht das Wirklichkeitsbewusstsein des Menschen in seinem Gehirn, das von allen möglichen Sensoren (externe wie interne) Daten von Ereignissen empfängt und diese dann zu Wahrnehmungen, Vorstellungen zusammenbaut, die uns in unserem ‚Bewusstsein‘ ‚bewusst‘ werden können. Im weitgehend automatischen Wechselspiel mit unserem Gedächtnis entstehen dann für jeden seine Bilder von der Welt, wie er sie sieht. Von der Psychologie — und dies kann jeder auch im Alltag an sich ausprobieren — wissen wir, dass wir Menschen die Signale von der Welt und unserem Körper so weit ‚umbiegen‘ können, dass unser eigenes inneres Bild von der Welt mit der Welt da draußen und unserem realen Körper wenig bis gar nichts mehr zu tun hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Anteil des Gehirns am gesamten Zellkosmos des Körpers nur ca. 0.15% ausmacht, und das Bewusstsein in diesem Gehirn ist nochmals ein kleinerer Bereich. Es ist also so, dass mehr als 99% unseres Körpers jenseits des Bewusstseins liegen, ganz zu schweigen von der ‚Welt da draußen‘. Psychologie und Psychoanalyse haben viele Hinweise geliefert, wie das Un-Bewusste auf uns einwirken kann, ohne dass wir wissen warum und wozu, oder, noch schwieriger, wir merken erst gar nicht, dass wir von Einflüssen gesteuert werden, die aus dem Unbewussten kommen. Die moderne Mikrobiologie hat weitere Beispiele geliefert, wie die vielen Milliarden Bakterien in unserem Darm über chemische Stoffe über die Blutbahn bis in das Gehirn einwirken, wo diese chemischen Stoffe die Arbeit der Gehirnzellen beeinflussen können.

Die Möglichkeiten, in sich selbst ein Bild vom eigenen Körper und von der Welt mit sich herum zu tragen, das stark verzerrt oder ganz falsch ist, sind also gegeben. Und wie der Alltag zeigt, müssen alle Menschen permanent kämpfen, ihre internen Bilder mit der Realität einigermaßen abzugleichen. Viele psychischen Probleme heute resultieren aus diesen stark verzerrten internen Bildern, die von der Realität abweichen.

Das eigene ‚Ich‘, das ‚Selbst‘, das ‚Selbstbild‘ das sind ‚Konstrukte‘ aus der Gesamtheit unserer Empfindungen und Wahrnehmungen.

Wenn ein kleines Kind beständig für alles bestraft wird, was eigentlich ’normal‘ ist, dann wird ihm über diese Strafen emotional der Boden unter den Füßen buchstäblich weg gezogen. Alles, worauf seine erlebbare Existenz gründet, wird negativ besetzt, emotional vermint, es findet sich dann in seinem Körper, in seinem Bewusstsein wie in einem dunklen Kerker ohne Ausweg, sich selbst, den eigenen Gefühlen hilflos ausgeliefert. Ob, wie lange und wie ein solches Kind, ein solcher junger Mensch dann überhaupt leben kann … da fehlen mir konkrete Erfahrungen. … Die vielen Stellvertreterkriege heute erschaffen solche Kinder zu Tausenden, Zehntausenden …

DAS ANDERE ALS ‚LICHT‘

Philosophisch ist klar, dass nur ein positiver Aufbau von realistischen Bildern des eigenen Körpers, der Außenwelt, der anderen Menschen einen einzelnen in die Lage versetzen kann, sich selbst am und im anderen in einem erweiterten Format von Leben als Teil von etwas Größerem zu erfahren. Das oder der  ‚Andere‘ ist in diesem Fall wie ‚Licht‘, das ‚Leben sichtbar macht‘. Die konkrete Erfahrung selbst ist das ‚Licht‘. Findet der Kontakt mit dem ‚Anderen‘ nicht statt, wird der Aufbau geeigneter realistischer Bilder gestört, versiegt das ‚Licht‘, dann kann es zu einer ‚Implosion des Lichts‘ kommen: das Fehlen des Lichts erzeugt eine eigene Form von ‚Dunkelheit‘. in der Abwesenheit des Anderen wird das eigene Innere zum einzigen Realen, verliert seine Relationen, kann zu einem alles verschlingenden Ungeheuer werden, das nur noch sich selbst hat: das sich selbst auffressen wird dann zum einzig möglichen Lebensakt, der aber genau Leben zerstört. Eine Art ‚psychische Auto-Immunkrankheit‘: das eigene Selbst, das geheilt werden will, findet als einzige (scheinbar!) verbleibende Möglichkeit nur noch, sich selbst aufzufressen.

Mir sind keine ernsthaften Forschungen bekannt, die sich mit diesen Grenzsituationen unseres Menschseins beschäftigen. Durch das ‚Wegsperren‘ von Lebenszeugnissen, die solche Situationen zu thematisieren scheinen, findet auch kein Gespräch darüber statt. Im übrigen dürfte es auch schwer sein, sich über solche Dinge auszutauschen, da Menschen, die an einer Implosion des Lichtes leiden, scheinbar keine Anhaltspunkte mehr haben, sich dagegen zu stemmen.

Dies rührt mindestens an zwei Grundlagenfragen menschlicher Existenz: Freiheit und Erlösung.

FREIHEIT

Wie im Blog schon mehrfach angedacht  durchzieht alles Leben, ja alle physikalische Wirklichkeit das Moment einer grundlegenden ‚Freiheit‘. Nichts im gesamten Universum ist einfach ‚deterministisch‘, absolut nichts. Wo immer wir hinschauen, wir finden immer Möglichkeitsräume, aus denen sich dann bestimmte Varianten ‚heraus schälen‘, die so zwar ‚möglich‘ waren/ sind, aber die in keiner Weise voraussagbar waren. Dies ist sehr bemerkenswert.

Angewendet auf den Menschen bildet alleine schon der menschliche Körper eine einzige Unmöglichkeit, da keine der ca. 140 Billionen Zellen des Körperuniversums aus sich heraus in irgendeiner Weise ‚gezwungen‘ ist, genau dort und genau so zu arbeiten, wie sie es im Verbund unseres Körpers tut. Jede Zelle ist ein autonomes Individuum, die niemand ‚zwingen‘ kann. Und doch arbeiten diese 140 Billionen Zellen im Millisekundenbereich in einer Weise zusammen, die unser aktuelles Verstehen schlichtweg übersteigt.

Wenn es nun innerhalb unseres Körpers auf den hochkomplexen Ebenen des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens, Erinnerns usw. nun zu dem Phänomen des sich innerlich Entfernens vom ‚Anderen‘ kommt, wo liegt hier das ‚Handlungszentrum‘, die ‚Verantwortung‘, eine irgendwie geartete ‚Steuerung‘?

Die Juristen gehen davon aus, dass es so etwas wie einen ‚freien Willen‘ gibt, der entscheiden kann (wobei es wissenschaftlich unmöglich ist, so etwas wie einen ‚freien Willen‘ zu definieren), zugleich nehmen die Juristen an, dass dieser freie Wille durch körperinterne Faktoren ‚eingeschränkt‘ werden kann (anerkanntermaßen durch ‚Drogen‘ und starke ‚Emotionen‘, aber auch durch alle möglichen Arten von körperlichen ‚Beeinträchtigungen‘). Alle diese einschränkenden Faktoren sind nur bedingt ‚definierbar‘ und ‚messbar‘. Immerhin ist das juristische Weltbild so ‚realistisch‘, dass es einräumt, dass die Realität unseres Körpers beliebige ‚Störfaktoren‘ bieten kann, um das ‚eigene verantwortliche Verhalten‘ so zu beeinflussen, dass es zu Handlungen kommen kann, die einem unterstellten verantwortungsvollen freien Willen ‚widersprechen‘.

Mir scheint, dass wir uns hier in einer Grauzone des Wissens um uns selbst bewegen. Offene Forschungen zu unserem Menschsein unter solchen Grenzbedingungen wären sehr wünschenswert.

ERLÖSUNG

Kann schon das ’normale Leben‘ mit genügend Elementen angefüllt sein, die es ’schwer‘ erscheinen lassen, die uns ‚real leidend‘ machen, so kann eine fortschreitende Implosion des Lichtes alles noch viel unerträglicher machen. Auf allen Stufen des Leidens (von ‚einfach‘ bis ’schwer‘) entwickeln wir Menschen aber auch Abwehrmechanismen, Erleichterungsstrategien, Ersatzlösungen, um das Leiden zu mildern.

Im Kaleidoskop der vielen Heilsversprechungen gibt es ein Thema, das sich zu allen Zeiten und überall findet: das Hoffen auf eine Erlösung mindestens nach dem aktuellen körperlichen Dasein, am liebsten aber auch schon vorher, jetzt, in diesem ‚Jammertal‘.

In diesem Kontext gab und gibt es immer wieder Menschen — quer zu allen Religionen und auch unabhängig von diesen –, die von besonderen Glückszuständen berichten, von besonders erhebenden Gefühlen, positiven Gefühlen, die alles vergessen lassen, was so schwer erscheint, was leidend macht. Diese Gefühle ergreifen einen, erwecken den Eindruck, man sei in einem größeren Zusammenhang, in einem umfassenden Sinn eingebettet. Lernen erscheint ‚licht voll‘, ’sinnhaft‘.

Diese besonderen, positiven Erlebnisse wurden immer heftig diskutiert, sind umstritten, werden abgestritten (sogar von religiösen Führern, da sie in diesen persönlichen Erfahrungen eine Infragestellung ihrer formalen Autorität erkennen), und führen doch dazu, dass Menschen mit solchen Erfahrungen nicht selten ihr Leben umkrempeln, völlig neu starten, ganze Bewegungen starten indem sie andere Menschen ‚mitreißen‘.

Es wäre eine interessante empirische Frage, ob Menschen mit implodierendem Licht trotzt ihrer Dynamik der fortschreitenden Selbstzerstörung solche besonderen, lebensfördernden Erfahrungen machen könnten, und was es mit ihnen machen würde. Denn diese speziell lebensfördernden Erfahrungen sind nicht körpergeneriert, sind nicht ‚kausal‘ im klassischen Sinne (die Quantenphysik beschreibt die Welt sowieso anders), sondern sie finden offensichtlich trotz und gegen aktuelle Körperzustände statt. Dies setzt voraus, dass die Körper keine abgeschlossenen Einheiten sind, was ja physikalisch der Fall ist. Unsere Körper als Zellgalaxie sind physikalisch offen wie ein Scheunentor für Billionen möglicher Ereignisse. Bisher gibt es dazu aber praktisch noch keine Forschungen.

Theologisch ist die Gottesfrage eher ‚arm‘ und ‚wortlos‘. ‚Empirisch‘ ist die Gottesfrage interessanter denn je, denn, wenn überhaupt, ist das, was als ‚Gott‘ bezeichnet wird, auch etwas ‚extrem Reales‘ …

KONTEXT BLOG

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EINE TALKSHOW DER BESONDEREN ART – KenFM Positionen

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
6.März 2018
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Autor: cagent
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Durch Freunde wurde ich auf eine netzbasierte  crowdfinanzierte Talkshow der besonderen Art aufmerksam gemacht:

KenFM Positionen (KenFM)

Hier finden sich Expertengespräche, wie man sie im Fernsehen leider kaum findet, und doch so aufschlussreich.

Mein Einstieg war folgender Beitrag:

KenFM-Positionen 10: Trump – Chance oder Katastrophe für Europa?

 

KELTISCHE MUSIK … wie in einem Zeitsprung

Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062
4.März 2018
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Autor: cagent
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INHALT

I Wie ein Zeitsprung 2
II Das andere Land 2
III Nachgedanken 3
IV Epilog

THEMA

Wenn man im Jahr 2018 lebt, kann man– Unfall, Versehen oder Plan? – sich in eine imaginäre Zeit, in ein imaginäres Land beamen lassen, das ’Keltische Musik’ heißt. Ist mal erst einmal dort, dann ist alles (scheinbar) wie im ’normalen’ Leben, nicht ganz, aber für viele Menschen scheint es  ein Stück ’Heimat’ zu sein, abseits der normalen Gegenwart, Freunde, Spaß, viele gute Gefühle…

I. WIE EIN ZEITSPRUNG

In der berühmten Sciencefiction Serie Star-Trek  wurden ja unendlich viele Möglichkeiten eines alternativen Lebens durchgespielt, so auch das Gedankenspiel
’Zeitreise’ (Siehe Folge Nr.19 ”Tomorrow is Yesterday”).

Den ’Zeitreisenden’ ist bewusst, dass sie sich in einer Zeit befinden, die nicht ihre ’Ausgangszeit’ ist. Die Bewohner der historischen Zeit hingegen sind nur in ihrer historischen Zeit, als Gegenwart; für sie gibt es keine andere Zeit (außer der Geschichte, soweit sie sie kennen). In unserer Gegenwart des Jahres 2018 ist uns das Gedankenspiel ’Zeitreise’ bekannt, taucht es doch immer wieder auf, z.B. auch in der Serie ”Dr.Who”, die davon lebt, dass der Hauptakteur beständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zwischen vielen Universen nach Belieben
hin und her reisen kann. Das Wort ’Gegenwart’ verliert in einem solchen Setting eigentlich seine Bedeutung. In einer nach allen Seiten hin offenen, unbegrenzten Zeit hebt sich der Begrff der Zeit eigentlich auf. In der bisherigen menschlichen Kultur erfüllt sich der Zeitbegriff darin, dass die ’Gegenwart’ die aktuelle Grenze zur ’Zukunft’ markiert. Und auch die ’Vergangenheit’ ist nicht unendlich. Aktuell enden unsere Zeitmessungen dort, wo der aktuelle Beginn des messbaren Universums angesetzt wird. Nur mal gerade vor 13.8 Milliarden Jahre.

Im Rahmen der allgemeinen Grippewelle im Monat Februar des Jahres 2018 in Deutschland traf auch mich am 25.Februar 2018 solch eine viral-bakterielle Invasion so erfolgreich, dass ich ab diesem Tag weitgehend ausgeschaltet war. Der Körper war voll mit seinem Abwehrkampf beschäftigt. In dieser Situation irgendwie sinnvoll etwas zu Lesen, zu Schreiben war nicht möglich. Paralyse aller Systeme.

In kurzen Momenten startete ich kleine Expeditionen in das youtube-Universum mit den Koordinaten ’Irish Folk Music’. Irgendwie war mir danach: ’Irish’, ’Folk’, ’Music’. Schwache Erinnerungen an Menschen die fröhliche Musik machten, voller Lebensfreude (wenngleich Irland wahrlich nicht nur Lebensfreude erleben durfte) … aber in der Musik drückte sich solche Freude aus, Lebenswille, Überlebenswille, Gemeinsamkeit…

II. DAS ANDERE LAND

Kaum merkbar tauchte ein neues Land in den Ohren und vor den Augen auf. Namen, die ich nie gehört hatte: ’The Foggy Dew’, ’Fiddlers Green’, ’Irish Moutarde’, ’Mr.Irish Bastard’, ’The Tossers’, ’Scrum’, ’Neck’, ’Celkit’, ’Celtic Woman’, ’Gaelic’s Storm’, ’Earth Warrior’, ’Omnia’, ’Flogging Molly’, ’Dropkicks’, ’The Rumjacks’, ’Faun’, ’The O’Reillys & the Paddyhats’, ’The Killigans’, ’The Dreadnoughts’, ’The Real McKenzies’, ’Tura ́lu’, ’The Killdares’, ’Bastard’, ’Rum Rebellion’, ’Lust Dog Band’, ’Justin Johnson’, ’Lords of Celtic Iron’, ’Dubliners’, ’The Irish Rovers’, ’The Jolly Rogers’, ’Selfisch Murphy’, ’Orthodox Celts’…

Sie alle spielen und singen, als ob es nur sie gibt: in Bars, viel Whisky, zwischen drin gibt es Kämpfe, Menschen sterben in Erinnerung, es geht um Ehre, Einzelschicksale … alles ein bisschen diffus…Musiker sind fast nur junge Männer, ’Kerle’… Wenn Frauen, dann spielen sie die Fiddle … markig geht es zu. …

Wenn man diese Namen mal gehört hat, anfängt ihre Spuren im Netz zu verfolgen, dann stößt man auf ein Netzwerk von Ereignissen, Festivals, die nur solchen Musikgruppen gewidmet sind, z.B. das ’Hexentanzfestival’. Es findet an einem realen Ort zu einer realen Zeit statt, aber die Themen sind aus einer anderen Welt. An einem Tag treten z.B. Gruppen auf wie: ’Die Apokalyptischen Reiter’, ’Fiddlers Green’, ’EISREGEN’, ’GRAIL KNIGHTS’, ’The Paddyhats’, ’Ewigheim’, ’Schattenmann’.

Alle Bands haben heute ihre Webpräsenz in facebook, in youtube, auf eigenen Adressen, und mehr. Auch gibt es ein Webradio für keltische Musik: http://www.macslons-irish-pub-radio.com/html/links.html. Das Abspielen erzeugt bisweilen zwar künstliche Pausen, aber es gibt einen 24-h Sound.

Auch findet man eine alphabetische Liste von Musikgruppen für ’keltische Musik’. Die Links funktionieren zwar nicht alle so richtig, aber über die Namen kann man Treffer im youtube-Universum landen. Man ’beamt’ sich mal gerade in ein Konzert,
irgendwo ’da draußen’… Nur Namen, und doch stehen sie für Akteure: ’Ash Cloud’, ’Black Water County’, ’Blood or Whiskey’, ’The ceili Family’, ’The Charm Rocks’, ’Craic’, ’Craic the Lens’, ’Creeds Cross’, ’Drink hunters’, ’The Dullahans’, ’Finnegan’s hell’, ’Keltikons’, ’Kilkenny Knights’, ’Kitchen Implosion’, ’ The Royal Spuds’, ’Saitenstreich’, ’The Shamrogues’, ’Sir Reg’, ’Ten Pints After’, ’Tortilla Flat’, ’Uncle Bard & The Dirty Bastards’….

Hinter dem ’irischen Outlook’ verbergen sich oft ganz andere Nationalitäten. Erstaunliche Beispiele sind:

  • Uncle Bard & The Dirty Bastards – IT
  • Keltikons – CH
  • Kilkenny Knights – DE
  • The O’Reilleys & the Paddyhats – DE
  • Sir Reg – SE

Diese letztgenannten Musikgruppen fallen zusätzlich dadurch auf, dass sie hoch professionell sind, technisch hervorragend, das Klischee voll bedienen, große Fangemeinden haben, und überwiegend noch sehr jung sind. Musikalisch
könnten sie sicher auch andere musikalische Genres bedienen, wenn sie wollten.

III. NACHGEDANKEN

Was soll man von dem Ganzen halten?

Für die Bands erweist sich das Branding ’Keltische Musik’ mit einem eigenen europaweiten Markt als ein mögliches Sprungbrett, um eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Für junge Musiker ist dies nicht unwichtig, ist es doch immer schwierig, von seiner Musik leben zu können. Und so lange man das Branding ’keltische Musik’ als das versteht, was es ist, eine Fantasy Marke, ist es eine von vielen Marken die heute in der Weltgesellschaft vorkommt um Menschen punktuelle Orientierung im Markt der
Unterhaltung zu bieten.

Im Auftritt von Bands und in ihren Texten zur keltischen Musik gibt es aber auch schillernde Phänomene, die den Eindruck erwecken können, als ob die Bands – und damit ihre Fans – darin mehr sehen als ein Marketing-Instrument.

Archäologisch-Historisch gibt es nur einen vagen Begriff von keltischer Musik, auf keinen Fall kann man das, was heute als keltische Musik kommerziell vertrieben wird, irgendwie seriös als ’keltische’ Musik bezeichnen. Dafür gibt es nicht die leisesten Anknüpfungspunkte (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Kelten).

Die Texte der Songs sind fast nie gegenwartsbezogen, eher ein bisschen ’unwirklich’, teilweise historisch, ansatzweise persönlich, durchsetzt mit vielen Klischees… man erinnert an vergangene Ehre und verblichenen Toten, während die Gegenwart mit ihren vielen Kriegen, Grausamkeiten, Unwägbarkeiten, den neuen Herausforderungen, der multikulturellen Weltgesellschaft, den neuen Nationalismen, dem weltumspannenden Sport- und Pop-Business, der digitalen Revolution, nicht vorkommt.

Solange man dies weiß, und diese Musik genießt wie ein Bier, zur Entspannung, kann es gut tun. Sieht man darin mehr, wird es schwierig. Die Opern, Operetten, Musicals dieser Welt … sind sie anders? Die Wagner-Opern mit ihren schwülstigen Ideologien, gerechtfertigt nur durch eine technisch aufwendige Musik? Die Menschen mögen das offensichtlich. Warum dann nicht auch keltische Musik?

Wagt man den Blick auf Alternativen, wie z.B. auf eine der erfolgreichsten Bands der letzten Jahre, die aus England stammt, die mit den gleichen Zutaten
gestartet ist wie die Gruppen, die Irish Folk, keltische Musik machen, nämlich Mumford & Sons, dann kann man sehen, dass man auch ganz andere Texte mit solcher
Musik verknüpfen kann, dass man zu neuen, innovativen Klängen finden kann, zu Kooperationen über Grenzen hinweg.

IV. EPILOG

Philosophisch sind die Inhalte der keltischen Musik nicht von Belang. Die Bewegung als solche ist aber ein weiteres Beispiel dafür, wie wir Menschen uns unser aktuelles Bild von der Welt so mit Inhalten besetzen können, dass uns der weitere Blick auf den realen Gang der Welt, auf die realen Menschen und Prozesse, verloren gehen
kann. Das allerdings wäre dann philosophisch relevant.

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