EINLADUNG zur PHILOSOPHIEWERKSTATT: Kann es eine gemeinsame Wahrheit geben? So, 8.Okt.2017, 15:00h, im INM (Frankfurt)

THEMA

Zwischen dem Anspruch der experimentellen Wissenschaften, objektive Tatsachenbehauptungen aufstellen zu können, und den vielfältigen Formen von fantastischen, gefakten, erfundenen, poetischen, literarischen, religiösen, philosophischen und sonstigen Texten, deren Weltbezug sich nicht notwendigerweise direkt erschließt, kann man dahin taumeln im Alltag, hingerissen von dem organisierten Getriebe und die Frage nach Wahrheit offen lassen …. so dass jeder sich bedienen kann wie er will … oder man kann mal für einen Moment innehalten, und sich der Frage überlassen. Was passiert mit mir, wenn ich mal zulasse, darüber nachzudenken, zusammen mit anderen?

Zu dieser Frage gibt es unendliche viele Einstiegspunkte. Einige kann man sich in einem Blogbeitrag holen mit der schlichten Überschrift ‚Wahrheit‘. Dieser Text ist Teil 1 eines mehrteiligen Essays mit der leicht wahnwitzigen Formulierung ‚Die Wiederentdeckung Gottes auf dem Planeten Erde für alle denkbaren Universen‘. … Kann man über ‚Gott‘ reden ohne jemals das Wort ‚Gott‘ zu benutzen (in jeder Sprache natürlich ein anderes Wort :-))?

Für das Gespräch zur Möglichkeit einer gemeinsamen Wahrheit spielt der Kontext des Essays aber keine Rolle.

Wer also mal innehalten will im vertrauten Ablauf ist herzlichst eingeladen mal vorbei zu schauen.

WO

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze). Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

WER

Einleitung und Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Prof.emeritus Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN & TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

EREIGNISSTRUKTUR

Bis 15:00h: ANKOMMEN

15:00 – 15:30h GEDANKEN ZUM EINSTIEG

15:30 – 16:00h: REINKOMMEN: Erste Fragen, Kommentare, um in das Thema hinein zu kommen.

16:00– 16:20h: Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation)

16:20 – 16:30h: ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL (privat)

16:30 – 17:15h: Erste GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:15 – 17:25h: BEWEGUNG, GETRÄNKE, REDEN

17:25– 17:55h: Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)

17:55 – 18:00h:: AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

KONTEXTE

Einen Überblick über alle Einträge zur Philosophiewerkstatt nach Titeln findet HIER.

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Hier ein MEMO der Sitzung.

DAS NEUE ALS PROBLEM DER WAHRHEIT. Memo zur Philosophiewerkstatt vom 16.Juli 2017

PDF

ÜBERBLICK

Ausgehend von dem Thema der Einladung zur Philosophiewerkstatt werden in der Einleitung dann wichtige Elemente einer subjektiven Wahrheit aufgelistet. Im nachfolgenden Diskurs (nach der Möglichkeit einer Meditation) wurde dann speziell versucht zu klären, worin denn das ‚Neue‘ besteht. Es kam zu interessanten Einsichten.

I. THEMA

In der Einladung zur Philosophiewerkstatt am 16.Juli 2017  war auf das Phänomen des Neuen in seiner Beziehung zu der aktuellen Wahrheit hingewiesen worden. Dabei wurde die aktuelle Wahrheit als das verstanden, was der einzelne gerade in seinem Kopf als Wissen über die Welt mit sich herumträgt; ein Wissen, mit dem die aktuelle Wahrnehmung interpretiert und das eigene Handeln entschieden wird. Verglichen mit dieser aktuellen Wahrheit ist jede Art von Neuem problematisch. Gemessen an der eigenen, aktuellen Anschauung ist alles, was da kommt, zunächst einmal eine Abweichung. Es stellt sich dann die Frage, was man damit macht. Die Vielfalt der Antworten ist das, was wir jeden Tag im privaten Umfeld, in der Wirtschaft, in der Politik, in den Massenmedien erleben. Je nach Interessenlage (und Wissen) wird das ‚Abweichende‘ z.B. zum Bösen schlechthin instrumentalisiert oder wandelt sich zur neuen Verheißung.

Es schlossen sich an diese Beobachtung die Fragen an, wie wir zum Neuen stehen? Gibt es Verhaltensgewohnheiten, Regeln, Strategien im Umgang mit dem ‚Neuen‘? Gibt es so etwas wie eine  Kultur des Neuen in allen Bereichen unseres Lebens oder ist es eine Dauerbaustelle jeder Gesellschaft, wie sie mit Neuem umgeht?

Oder die eher grundsätzlichen Fragen, warum es überhaupt ‚Neues‘ geben kann? Wenn unsere privaten Ansichten über die Welt wahr sind, warum kann die Welt dann so — unerlaubterweise 🙂 — anders sein? Verdrängen wir nicht ständig, dass wir uns selbst vom Embryo über das Baby über das Kind zum Teenager, zum jungen Erwachsenen, Leistungsträger, Senior beständig verändern, wir uns selbst gegenüber — sozusagen — etwas Neues sind? Sind wir mit dieser unserer eigenen Art der beständigen Neuheit nicht selbst ‚unheimlich‘? Machen wir uns selbst Angst?

II ELEMENTE DER SUBJEKTIVEN WAHRHEIT

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 - Gedankenbild - Einführung

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 – Gedankenbild – Einführung

In der Einführung zur Diskussion wurden skizzenhaft (siehe Schaubild ‚Einführung‘) wichtige Elemente der subjektiven Wahrheit vorgestellt.

Zentraler Angelpunkt ist bei jedem einzelnen sein persönliches Bewusstsein, angefüllt mit diversen Inhalten an Wahrnehmungseindrücken, Erinnerungen, Bedürfnissen, Gefühlen, Wissensfragmenten und Fähigkeiten, die sich im Tun zeigen.

Dieses Bewusstsein ist, wie wir heute wissen können, weitgehend eine Funktion unseres Gehirns, das wiederum Teil unseres Körpers ist. Dieser Körper hat eine Außenseite, die durchsetzt ist mit tausenden von  Sensoren für  Außenwelt-Reize (z.B. visuell, akustisch, Wärme, Berührung,…), wie auch Sensoren im Körper für körperspezifische Reize (z.B. Durst, Hunger, Gelenkstellungen, …).

Die Reize werden kontinuierlich zum Gehirn geleitet und sowohl auf dem Weg dahin wie auch dann im Gehirn selbst auf vielfache Weise bearbeitet. Wichtig ist hierbei, dass diese Reize in sogenannten sensorischen Puffern für eine kurze Zeitdauer (ca. 50 – 200 Millisekunden) zwischengespeichert werden, bevor sie von den nächsten Reizen überschrieben werden. Diese ‚Pufferung‘ führt dazu, dass die Ereignisse außerhalb des Gehirns in Zeitscheiben zerlegt werden (‚frames‘), die dann als diese Zeitscheiben weiter verarbeitet werden.

Im Rahmen der Bearbeitung und Verarbeitung der sensorischen Reize kommt es auf vielfache Weise zu Strukturbildungen, die wir auch als Abstraktionen verstehen können: eine Menge von einzelnen Erregungspunkten werden dann z.B. übersetzt in ‚Kanten‘, ‚Ecken‘, ‚Frequenzen‘ usw., die dann im weiteren Verlauf zu noch komplexeren Strukturen zusammengebaut werden. Letztlich werden hier die grundlegenden Eigenschaften von Objekten zusammengebaut, die wir dann anschließend in unserer bewussten Wahrnehmung als solche Strukturelemente bewusst wahrnehmen. Voraus und/ oder parallel zu dieser bewussten Wahrnehmung interagieren diese perzeptuellen Strukturen mit dem Gedächtnis (einer komplexen Gehirnleistung), in der sich bislang gelernte Strukturen, Beziehungen, Veränderungen usw. finden. Diese aktuell vorhandenen Erfahrungs-/Wissenselemente bilden automatisch einen Kontext zu den aktuellen Perzeptionen, so dass die aktuelle sensorische Wahrnehmung damit automatisch interpretiert wird.

Das  Gedächtnis hat vielfältige Funktionen. Neben den Abstraktionsleistungen und der Anordnung von Elementen in unterschiedlichen Beziehungen ist wohl die grundlegendste Leistung jene, durch die  aktuelle Wahrnehmungen mit  schon gespeicherten Inhalten verglichen werden können. Dadurch entsteht die Möglichkeit, das aktuelle Jetzt durch Rückgriff auf ein  erinnertes Jetzt in mögliche  Abfolgen aufzulösen und damit zu einem  fundamentalen Zeitbegriff zu kommen. Die Anordnung von Ereignissen in einer Abfolge induziert indirekt das, was wir  Veränderung nennen, darauf aufbauend Zeit. Zeit ist damit grundlegend eine Kategorie des Erkennens, der Erkenntnisleistung, ermöglicht durch die Leistung des Gehirns.

Mit der Verfügbarkeit von zeichenbasierten Sprachen verfügt das menschliche Gehirn und Bewusstsein über eine zusätzliche sehr starke Struktur: beliebige Inhalte des Bewusstseins lassen sich mit Ausdruckselementen zu bedeutungsvollen Ausdrücken verbinden, so dass durch den Austausch von physikalischen Zeichenträgern verschiedene Gehirne sich Botschaften über ihre internen Zustände übermitteln können. Diese akustischen (gesprochene Sprache) oder visuellen (Schriftzeichen, Texte) Signale können unterschiedlich komplex und elaboriert sein.

Aus der Kulturgeschichte wissen wir, dass Menschen seit Jahrtausenden in einer Vielzahl von Geschichten, Märchen, Mythen, Sagen, historischen Berichten, Theaterstücken, Ritualen, Gedichten, symbolischen (= mathematischen) Modellen usw. gelernt haben, Eigenschaften der Außenwelt wie auch der Innenwelt zu kommunizieren. Je nach Art des Textes ist der Bezug zur realen Welt oder zur möglichen Zukunft eher konkret, klar, nachvollziehbar, oder aber vage, nur angedeutet, nur vermutet, reine Fantasie.

Mit dem Aufkommen der empirischen Wissenschaften seit dem 16.Jahrhundert haben die Menschen gelernt, im Bereich der subjektiven Wahrnehmungen jene Teilmenge von Phänomenen gesondert zu behandeln, die sich mit Messvorgängen in der Außenwelt (= objektiv) verbinden lassen. Messvorgänge und deren Ergebnisse sind zwar weiterhin  subjektive Phänomene, aber eben nicht nur; ihnen korrespondiert etwas in der  gemeinsamen (= intersubjektiven = objektiven) Außenwelt.

Die Verknüpfung von empirischen Messwerten mit zeichenbasierten Ausdrücken einer formalen (meist mathematischen) Struktur zu einer  empirischen Theorie bleibt zwar weiterhin verankert in einem individuellen Bewusstsein, in einem individuellen Gedächtnis, aber die Verständigung zwischen den verschiedenen Gehirnen verschiedener Wissenschaftler kann über den Bezug zu objektiven Sachverhalten eher  synchronisiert werden als ohne diesen Bezug. Mit dem Voranschreiten der  Theoriebildung zu immer komplexeren Strukturen erweist sich allerdings die Absicherung solcher Theorien durch empirische Messwerte als immer schwieriger. Dazu kommt, dass moderne Messgeräte selbst schon komplexe Theorien repräsentieren, die man voraussetzen muss, um überhaupt solche Messwerte zu bekommen.

Als Nebeneffekt der neueren komplexen zeichenbasierten Theorien konnte man unter anderem auch die  Vorstellung von der Zeit auf unterschiedliche Weise präzisieren und neu formulieren.

III. ZEIT ZUM FÜHLEN – MEDITATION

Die Zeit zum individuellen Fühlen (andere nennen es Meditation) wurde von den einzelnen unterschiedlich genutzt. Historisch ist er Begriff vielfältig belegt, meist durch religiös-kirchliche Kontexte. Heute ist es im Westen ein Trendthema, vielfach unabhängig von Kirchen und Religionen, dem sich die Wirtschaft auf unterschiedliche Weise bemächtigt hat. Philosophisch ist es eine grundlegende Form der Selbstvergewisserung im eigenen Fühlen. Man kann sich war in vielfältigen Formen (speziell auch Bewegung, Sport, Spaziergang, usw.) ‚fühlen‘, das ruhige Dasitzen hat aber offensichtlich eine besondere Qualität. Allerdings gilt: tiefere Wirkungen stellen sich auch hier erst mit vielen Wiederholungen über einen längeren Zeitraum ein. Generell gilt, dass man mit dem Meditieren als ’sich fühlen‘ in eine ‚offene Zone des Erlebens‘ eintritt, deren ‚Ränder‘ und deren möglichen ‚Inhalte‘ im Vorhinein nicht abgegrenzt und nicht völlig definierbar sind. Im ‚Sich Fühlen‘ kann man sehr viel Neues entdecken, Unangenehmes wie Angenehmes.

IV. DISKURS

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 - Gedankenbild - Diskurs

Philosophiewerkstatt 16.Juli 2017 – Gedankenbild – Diskurs

Nach der Einstimmung nahm das Gespräch Fahrt auf (siehe dazu das Schaubild ‚Diskurs‘). Zentraler Dreh- und Angelpunkt war der Begriff des Neuen.\\

Die erste Schwierigkeit bestand darin, wie man den Begriff des ‚Neuen‘ klarer fassen kann.

Grundlegend sollte gelten, dass wir das ‚Neue‘ immer im Kontext einer  bestimmten Person betrachten und hier mit Bezug auf die Gesamtheit des Wissens und der Erfahrung dieser Person. Diese Gesamtheit wurde auch gleichgesetzt mit der subjektiven Wahrheit dieser Person [Anmerkung: Zu den Elemente einer subjektiven Wahrheit siehe den vorausgehenden Abschnitt].  Als ’neu‘ sollte dann alles gelten, was relativ zu dieser vorausgesetzten  aktuellen subjektiven Wahrheit neu ist, weil es nicht zu dem bislang Bekanntem ‚passt‘.

Unterstellt man, dass die subjektive Wahrheit eine  dynamische Größe ist, die sich beständig ändern kann (z.B. durch Lernen), dann ist auch das ‚Neue‘ relativ: was eben noch ’neu‘ war ist beim nächsten Mal schon nicht mehr neu. Ein  aktuell Neues führt zu Veränderungen in der  aktuellen Wahrheit, wodurch das Neue zum schon Bekannten wird.

Wichtig ist auch, dass die wissensmäßigen und handlungsmäßigen Anteil der Erfahrung zusätzlich auf vielfältige Weise mit Erfahrungen von Bedürfnissen, Emotionen, Stimmungen, Gefühlen usw. verknüpft sind. Ist etwas Erinnerbares mit  negativen Emotionen verknüpft, kann es dazu führen, dass wir etwas ablehnen, ihm auszuweichen versuchen; verknüpft es sich mit positiven Emotionen, kann es umgekehrt anregen, dies anzustreben. Ist es  neutral, dann ist offen, was wir damit wollen.

Ohne Vorerfahrungen sind wir in gewisser Weise blind: wenn jemand eine Situation als  Gefahrensituation einstufen kann, dann kann — abhängig von der verfügbaren Erfahrung — eine ganze Skala von Reaktionen ablaufen. Entweder, man hat ein-trainierte Verhaltensmuster, die man abrufen kann, oder, wenn nicht, können angeborene Reflexe einsetzen, die einen zum Kampf oder zur Flucht oder z.B. zm Tot-stellen drängen. Hat man die Erfahrung nicht, dann können Menschen ’nichtsahnend‘ in Gefahrensituationen hineingehen, ohne sich entsprechend zu verhalten.

V. NACHTRAG

Was in den Gesprächen klar wurde, ist die  vollständige Abhängigkeit des einzelnen von seiner (subjektiven) Wahrheit. Was immer ein einzelner tun will, er wird geleitet werden von seiner aktuellen Wahrheit. Sollte diese seine Wahrheit durch seine Umgebung (Erziehung, Erfahrungen, andere Menschen…) einseitig sein, die ‚wahre Welt‘ nur ‚verzerrt‘ repräsentieren, dann könnte der einzelne selbst bei bester Absicht nicht optimal wahr handeln, da er nur seine eigene aktuelle Wahrheit hat.

Jeder einzelne Mensch stellt hier eine lebende Geschichte dar. Als Beispiel kann der Bericht über einen türkischen Lungenfacharzt Gergerlioglu dienen [Anmerkung: Siehe Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.Juli 2017, Nr.28, S.3.]  Als überzeugter Muslim hat er früher gemeinsam mit der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi = Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) für die Rechte von Muslimen, speziell für die Rechte der Frauen, gekämpft. Über dieses Engagement entdeckte er die Sicht der allgemeinen Menschenrechte. Von da war es für Ihn dann kein weiter Weg, zu entdecken, dass es ja noch andere religiöse Gruppen gab, die in der Türkei unterdrückt wurden: Aleviten, Christen, Kurden, Armenier, Atheisten, und die Misshandlung von Frauen. Er trat einer Menschenrechtsgruppe bei, wurde bald zum Vorsitzenden und dann deren Präsident in der ganzen Türkei. Damals arbeitete er noch eng mit der AKP zusammen, da sie zu dieser Zeit sich noch für die Rechte von Minderheiten einsetze und einen Aussöhnungsprozess mit den Kurden aktiv betrieb. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit für die AKP änderte sich plötzlich alles.

Unter Erdogan begann jetzt ein nationalistisches Vorgehen, in dessen Zusammenhang der Friedensprozess mit den Kurden gestoppt wurde; Hetze gegen Kurden und Minderheiten war plötzlich Realität. Als Gergerlioglu versuchte den Wahnsinn deutlich zu machen, indem er im Internet die Bilder von zwei Särgen veröffentlichte, einer mit einer türkischen, einer mit einer PKK-Flagge; daneben jeweils eine Mutter die weinte. Gergerlioglu stellte die Frage, warum verzehren wir uns gegenseitig, warum können die beiden nicht gleichberechtigt nebeneinander, Schulter an Schulter leben?

Diese Aktion machten Gergerlioglu innerhalb von 48 Std zum Terrorverdächtigen. Er wurde vom Dienst suspendiert, sein Pass wurde als ungültig erklärt, dann wurde er offiziell aus dem Staatsdienst entlassen. In der Justiz gab es angeblich kein Personal, um den Staatsanwalt auf ordentliche Weise einzuschalten. An der Schule seine Sohnes wurde er gebeten, nicht mehr für den Elternverein zu kandidieren. Aus dem Moscheeverein seines Viertels wurde er verdrängt. Seine schon eingereichten medizinischen Aufsätze wurden nicht mehr gedruckt. Später wurde auch seine Krankenversicherung gekündigt. Wie sich herausstellte, wurden mittlerweile alle Bürger in zwei Codegruppen eingeteilt: die mit einer 1 am Anfang sind unerwünscht, die mit einer 0 sind OK. Dies kommt einer gesellschaftlichen Auslöschung gleich.

Dieses Beispiel zeigt, dass die subjektive Wahrheit sich bei Herrn Gergerlioglu nicht geändert hat, wohl aber die Wahrheit der politisch einflussreichen Partei und deren Anhänger und Unterstützer. Menschenrechte und eine bestimmte Auffassung von Demokratie besitzen gesellschaftlich keine Mehrheiten mehr. Dies führt zu willkürlichen Ausgrenzungen von mittlerweile geschätzten 175.000 Bürgern. Offene Prozesse, transparente Nachweise fehlen bislang. Äußerungen des türkischen Wirtschaftsministers über potentielle Gegner der Regierung lassen das Allerschlimmste befürchten.

Interessant ist die Reaktion von Herrn Gergerlioglu auf diese Ereignisse. Für ihn sind die geänderten Kontexte neu. Die realen Begleiterscheinungen sind bedrohlich, schmerzlich, lebensverneinend, ohne große Perspektive (er hat u.a. eine schwerkranke Frau, deren Medikamente er bald nicht mehr bezahlen kann). Was ihm bislang Kraft gibt, diese Differenz zwischen seiner subjektiven Wahrheit und die des Kontextes auszuhalten, das ist sein Glaube. Was ist das, dieser  Glaube?

KONTEXTE

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EINLADUNG ZUR PHILOSOPHIERWERKSTATT am So 11.Juni 2017: Wieweit können wir unseren eigenen Gedanken trauen?

THEMA

Unter dem Oberthema DENKEN & FÜHLEN soll die Leitfrage an diesem Tag lauten: Wieweit können wir unseren eigenen Gedanken trauen, dass sie wahr sind?

WER

Einleitung und Moderation: Prof.Dr.phil Dipl.theol Gerd Doeben-Henisch (Prof.emeritus Frankfurt University of Applied Sciences, Mitglied im Vorstand des Instituts für Neue Medien)

ORT

INM – Institut für Neue Medien, Schmickstrasse 18, 60314 Frankfurt am Main (siehe Anfahrtsskizze) Parken: Vor und hinter dem Haus sowie im Umfeld gut möglich.

ZEIT

Beginn 15:00h, Ende 18:00h. Bitte unbedingt pünktlich, da nach 15:00h kein Einlass.

ESSEN UND TRINKEN

Es gibt im INM keine eigene Bewirtung. Bitte Getränke und Essbares nach Bedarf selbst mitbringen (a la Brown-Bag Seminaren)

PROGRAMM

  • Bis 15:00h ANKOMMEN
  • 15:00 – 15:30h IMPULSREFERAT zu Wieweit können wir unseren eigenen Gedanken trauen, dass sie wahr sind?
  • 15:30 – 16:00h REINKOMMEN: Erste Fragen, Kommentare, um in das Thema hinein zu kommen.
  • 16:00– 16:20h Zeit zum INDIVIDUELLEN FÜHLEN (manche nennen es Meditation)
  • 16:20 – 16:30h ASSOZIATIONEN INDIVIDUELL NOTIEREN
  • 16:30 – 17:15h Erste GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)
  • 17:15 – 17:25h BEWEGUNG, TEE TRINKEN, REDEN
  • 17:25– 17:55h Zweite GESPRÄCHSRUNDE (Mit Gedankenbild/ Mindmap)
  • 17:55 – 18:00h AUSBLICK, wie weiter

Ab 18:00h VERABSCHIEDUNG VOM ORT

Irgendwann: BERICHT(e) ZUM TREFFEN, EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

Irgendwann: KOMMENTARE ZU(M) BERICHT(en), EINZELN, IM BLOG (wäre schön, wenn)

ERSTE GEDANKEN ZUM THEMA: Wieweit können wir unseren eigenen Gedanken trauen, dass sie wahr sind?

In der letzten Philosophiewerkstatt vom 30.April 2017 wurde eine Linie skizziert vom körperlichen Dasein eines Menschen in einem Raum, zu seinem Innenleben voller Eindrücke und Gedanken, durchsetzt von Gefühlen, von dort zu seinem Körper mit dem Nervensystem und Gehirn, durch die das Innenleben möglich wird, und dann der Hinweis auf das Werkzeug Sprache, wodurch Menschen ihr eigenes Innenleben mit dem Innenleben anderer Menschen unterschiedlich gut verknüpfen können.

Im Gespräch zeigte sich dann, dass das Verhältnis von sprachlichem Ausdruck zu dem mit dem Ausdruck Gemeintem (die intendierte Bedeutung) alles andere als einfach ist, kein ‚Selbstläufer‘, kein Automatismus für wahr Sätze. Es entstand vielmehr der Eindruck, dass die Möglichkeit zur subjektiven Täuschung, zur Verzerrung, zum Irrtum von vornherein gegeben ist. Etwas Angemessenes, Richtiges, Wahres sagen zu können erfordert viel Aufmerksamkeit und viel Erfahrung. Was aber, wenn große Teile der Erfahrung schon falsch sind? Wenn gar eine ganze Kultur ’schief liegt‘?

Alle dürfen gespannt sein, was das gemeinsame Gespräch wieder an Einsichten zutage fördern wird.

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PS: So wie die Philosophiewerkstatt sich als Ergänzung zum Philosophie- und Wissenschschaftsblog PHILOSOPHIE JETZT versteht, so gibt es seit Herbst 2015 auch das weitere experimentelle Format PHILOSOPHY-IN-CONCERT. Das Experiment Nr.3 wird am Samstag 22.Juli 2017 ab 19:30h stattfinden. Auch dieses Mal ist es ein neuer Ort und wieder mit völlig neuen Inhalten. Demnächst mehr dazu.

 

 

SPRICHT GOTT MIT CYBORGS? (CHRISTLICHE) SPIRITUALITÄT IM ZEITALTER DER DIGITALISIERUNG DES MENSCHEN – Teil 1

DAS WOR ‚GOTT‘ IN DEN MUND NEHMEN

  1. Heutzutage das Wort ‚Gott‘ in den Mund zu nehmen ist unmittelbar ein Akt potentieller Selbstzerstörung. Angesichts der vielen, fast schon unzählbar vielen, Strömungen, Richtungen, Bewegungen, Vereinigungen und Kirchen, die je auf ihre Weise einen Deutungsanspruch auf das Wort ‚Gott‘ anmelden, und mindestens genauso vielen, die dem Wort ‚Gott‘ jegliche Deutung absprechen, ist jeder individuelle Sprechakt, in dem man die Wortmarke ‚Gott‘ benutzt, genauso vielen Deutungsakten ausgesetzt, wie es verbreitete Meinungen zur Wortmarke ‚Gott‘ gibt.
  2. Als Autor dieses Textes kann ich zwar versuchen, mich formell von jenen Deutungsansprüchen abzugrenzen, die ich aus meinen eigenen Gründen für unpassend oder gar falsch empfinde, dies wird aber engagierte Vertreter anderer Deutungsversuche kaum bis gar nicht beeindrucken. Es ist ein Wesenszug von uns Menschen, dass wir dazu tendieren, das Bild von der Welt, welches wir aktuell in unserem Kopf mit uns herumtragen, zum Maßstab für die Welt zu machen, selbst wenn es vollständig falsch ist. Falschen Bildern in unserem Kopf kann man nicht direkt ansehen, dass sie falsch sind! Sie riechen nicht schlecht, sie verursachen keine direkte Schmerzen, sie kommentieren sich nicht selbst, sie sind da, in unserem Kopf, und lassen uns die Welt sehen, wie diese Bilder die Welt in unserem Kopf vorzeichnen. Solche falschen Bilder in unserem Kopf zu erkennen, sich von ihnen zu befreien, ist eine eigene Lebenskunst, eine Kulturtechnik, die zu beherrschen, selbst für die Besten, immer nur im Modus der kontinuierlichen Annäherung gelingt, wenn überhaupt.
  3. Aufgrund dieses umfassenden Dilemmas überhaupt nichts mehr zu sagen scheint auch keine attraktive Verhaltensweise zu sein. Damit würde man nicht nur sich selbst möglicher Erkenntnisse berauben, nein, man würde auch jenen, die aktuell ein anderes Bild von der Welt haben, die Chance nehmen, im Handeln eines anderen Menschen etwas zu erfahren, was von seinem aktuellen Weltbild abweicht. Das Auftreten einer Differenz zum eigenen Bild, das Sich-Ereignen von etwas Anderem, kann immer eine vorzügliche Gelegenheit sein, auf Unterschiede zum eigenen aktuellen Bild aufmerksam zu werden, der mögliche kleine Anstoß, der zum Nachdenken über sein eigenes aktuelles Bild anregt. Viele Wochen, Monate, gar Jahre oder Jahrzehnte mögen solche auftretenden Differenzen scheinbar keine Wirkung zeigen, aber dann kann dieser magische Moment eintreten, in welchem dem Inhaber eines bestimmten Weltbildes nachhaltig dämmert, dass sein vertrautes Bild – zumindest an dieser einen Stelle – falsch ist. Diese kleine Verschiebung kann andere Verschiebungen nach sich ziehen, und aus vielen solchen kleinen Verschiebungen kann plötzlich eine ganze Lawine ins Rollen kommen, die zu einer völligen Neuausrichtung des eigenen Weltbildes führt. Aus Verfolgern werden plötzlich Anhänger, aus gequälten Menschen werden plötzlich begeisterte Befürworter, aus Gegnern werden Freunde, ein zerstrittenes Land findet zu einer, für unmöglich gehaltenen, neuen Einheit.

DIE ANDERSHEIT IST LEBENSWICHTIG

  1. Ja, es ist dieses Auftreten von Andersheiten, Neuheiten, welche die Voraussetzung dafür sind, dass wir in unserem Wahrnehmen und Deuten darauf aufmerksam werden können, dass unser aktuelles Weltbild möglicherweise unpassend, unangemessen, falsch ist. In starren, scheinbar unveränderlichen Umgebungen ist das kognitive Reizklima zur Entstehung von Andersheit gering; damit auch die Chance für den Inhaber eines Weltbildes sehr klein, die mögliche Fehlerhaftigkeit seines Weltbildes zu bemerken. Erhöht man die Intensität des kognitiven Reizklimas, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass man Unterschiede zum eigenen aktuellen Weltbild bemerkt, dass diese Unterschiede zum Anlass werden, über das eigene Weltbild neu nachzudenken. Die besten Mittel zur Erhöhung des kognitiven Reizklimas sind Vielfalt und Veränderungen.
  2. Beim individuellen Menschen kann man aber kulturübergreifend feststellen, dass er, wenn er nicht in einer Notsituation ist, nicht in einer Anforderungssituation, stark dazu tendiert, die als angenehm empfundene Situation zu stabilisieren, zu konservieren, sie abzusichern. Möglichst nichts verändern. Stillstand; eine Art ‚stehendes Gewässer‘.
  3. Von der Gehirnforschung heute wissen wir, dass das Gehirn ein lebendes, dynamisches Netzwerk von Zellen ist, die hochsensibel auf Veränderungen reagieren. Wird das Gehirn beansprucht, dann ist es aktiv, Zellen differenzieren und verbinden sich; ist es weniger aktiv, dann sterben Verbindungen und Zellen ab. Das Gehirn schaltet sich gleichsam selbst ab (Energie sparen!). Diese partielle Selbstabschaltung vermindert Erregungen, Interessen, Aktivitäten, was in einer negativen Spirale dazu führt, dass der Inhaber dieses Gehirns tendenziell noch weniger macht, was das Gehirn weiter abschwächt.

WIR SIND EXPERIMENTELL GEWORDENE

  1. Betrachtet man den größeren Rahmen, den individuellen Menschen als Teil der ganzen Population des homo sapiens (sapiens), diesen wiederum als Teil des gesamten biologischen Lebens, dann wird schnell klar, warum Veränderung so wichtig ist (Siehe Schaubild)
Stammbaum der Lebensform homo sapiens bis zu den Wurzeln (Man beachte die noch unbefriedigende Koordinierung der Datierungen)

Stammbaum der Lebensform homo sapiens bis zu den Wurzeln (Man beachte die noch unbefriedigende Koordinierung der Datierungen)

  1. Wir Menschen als Mitglieder der Art homo sapiens, stehen am Ende eines langen Stammbaums von Lebensformen, der nach heutigem Wissen mindestens 3.5 Milliarden Jahre zurück reicht. Die Geschichte, die dieser Stammbaum erzählt, ist die Geschichte einer sehr langen Kette von Experimenten des Lebens mit sich selbst, um auf die sich ständig verändernde Situation auf der Erde jene überlebenswirksamen Strukturen, Funktionen und Interaktionen zu finden, die ein Leben auf der Erde ermöglichen. Immer wieder sind Lebensformen ausgestorben; in manchen Phasen bis zu 90% (manche schätzen sogar bis zu 99%) aller Lebensformen auf der Erde. Vor diesem Bild erscheint das Leben keinesfalls als ein ruhiges, gefälliges Dasein, dessen höchstes Ziel die Selbstgenügsamkeit ist, die Ruhe, das Nichtstun, die Gleichförmigkeit, sondern das genaue Gegenteil. Leben auf der Erde war und ist immer ein intensiver Prozess des Findens, Umbauens, Ausprobierens, Testens mit einem kontinuierlich hohen Risikoanteil, der den individuellen Tod als konstitutiven Erneuerungsfaktor umfasst.
  2. Dass bei diesem Überlebens-Findungs-Prozess ‚Bilder im Kopf‘ überhaupt eine Rolle spielen, ist vergleichsweise neu. Wann diese Fähigkeit im großen Maßstab wirksam wird, ist möglicherweise nicht genau zu datieren; klar ist aber, dass spätestens mit dem Auftreten des homo sapiens eine Lebensform auftrat, die ganz klar die Gegenwart durch Abstraktion, Gedächtnis, Vergleichen, Kombinieren, Bewerten, Planen und Experimentieren durchbrechen und überwinden konnte. Spätestens mit dem homo sapiens hat sich die Situation des Lebens auf der Erde grundlegend gewandelt. Mit einem Mal konnte man in die Vergangenheit und hinter die Phänomene schauen. Mit einem Male konnte man die sich verändernden Phänomene der Erde und des Lebens im Kopf einsammeln, sortieren, neu zusammenbauen und nach verborgenen Regeln und Dynamiken suchen. Mit einem Mal begann die materielle Welt sich im Virtuellen des gehirnbasierten Denkens zu verdoppeln. Von jetzt ab gab es die gedachte virtuelle Welt im Kopf und die reale Welt drum herum, die auch den Körper mit dem Gehirn stellte. Die physikalische Welt schenkte sich im denkenden Gehirn eine Art ‚Spiegel‘, in dem sie sich selbst anschauen konnte, und zwar in jedem Gehirn, tausendfach, millionenfach, milliardenfach. In der Virtualität des Denkens vervielfältigte sich die Erde. Was war jetzt die wahre Welt: jene, die Körper, Gehirne und Denken ermöglicht oder jene, die im Denken virtuell erstand; für den Denkenden die primäre Realität; für die reale Welt ein sekundäres Abbild. Die gedachte Welt kann falsch sein.

Eine Fortsetzung findet sich HIER.

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GEMEINSAMKEIT IN DER VIELFALT – GRASWURZEL-/ BOTTOM-UP-PHILOSOPHIE – Memo zur philosophieWerkstatt vom 12.Okt.2014

Dieses Memo bezieht sich auf die philosophieWerkstatt v.2.0 vom 12.Okt.2014.

1. Ein neuer Ort, eine neue Zeit, neue Menschen …. die philosophieWerkstatt v2.0 ging an den Start und trotz schönem Wetter und vielen Grippeinfizierten gab es eine bunte Runde von Gesprächsteilnehmern die sich zu einem philosophischen Gespräch zusammen fanden.

2. In einer kleinen ‚Aufwärmphase‘ konnte jeder etwas von sich und seinen Erwartungen erzählen und es wurde ein erstes Begriffsfeld sichtbar, das von Vielfalt kündete und einen erkennbaren Zusammenhang noch vermissen lies (siehe nachfolgendes Bild).

Begriffe im Raum, unverbunden, der Anfang

Begriffe im Raum, unverbunden, der Anfang

3. Es stand die Frage im Raum, ob und wie man hier zu einem verbindlichen Zusammenhang kommen könne? Wie – hier vorgreifend auf das Ergebnis des Gespräches – das abschließende Gesprächsbild andeutet, kam es zu immer mehr Differenzierungen, wechselseitigen Abhängigkeiten, Verdichtungen und Abstraktionen, die – wenngleich noch zaghaft – eine erste Struktur andeuten, an der man bei einem Nachfolgegespräch weiter anknüpfen könnte.

Begriffe in einem beginnenden Zusammenhang, Umrisse einer Struktur

Begriffe in einem beginnenden Zusammenhang, Umrisse einer Struktur

BILDER VON DER WELT – BEDEUTUNG

4. Eine erste Wendung im Gespräch kam durch den Hinweis, dass die ‚Bedeutung‘, die wir von den ‚Ausdrücken‘ einer Sprache unterscheiden, ‚in unserem Kopf‘ zu verorten sei. Dort. ‚in unserem Kopf‘ haben wir ‚Bilder von der Welt‘ (‚Vorstellungen‘, ‚mentale Repräsentationen‘), die für uns ‚Eigenschaften der umgebenden Welt‘ repräsentieren.

VORWISSEN

5. Bald kam auch der Begriff des ‚Vorwissens‘, der ‚bisherigen Erfahrung‘, einer ‚Vorprägung‘ ins Spiel: gemeint war damit, dass wir in jedem Augenblick nicht vom Punkt Null beginnen, sondern schon Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht haben, die auf die aktuelle ‚Wahrnehmung der Welt‘ einwirken: als ‚Erwartungen‘, als ‚Vor-Urteil‘, als ‚Übertragung‘.

SOZIALER DRUCK

6. Hier wurde auch darauf hingewiesen, dass die ‚Interpretation der Wahrnehmung‘ von anderen Menschen (‚Gruppenzwang‘, ‚gesellschaftliche Gewohnheiten/ Erwartungen‘, ‚Prüfungssituationen‘) zusätzlich beeinflusst werden kann. Während man normalerweise spontan (fast unbewusst) entscheidet, wie man eine Wahrnehmung interpretieren soll (obgleich sie vieldeutig sein kann), kann dieser Prozess unter sozialem Druck gestört werden; wie zögern, werden unsicher, bemerken, dass die Situation vielleicht nicht eindeutig ist, und suchen dann nach Anhaltspunkten, z.B. nach den Meinungen der anderen. Oft ist es so, dass die ‚Mehrheit‘ besser ist als die Meinung eines einzelnen; die Mehrheit kann aber auch völlig daneben liegen (berühmtes Galileo-Beispiel).

ÄHNLICHKEITEN ZWISCHEN PERSONEN

7. Die Frage war, wie es denn überhaupt zu ‚Ähnlichkeiten‘ zwischen Personen kommen kann, wenn jeder seine Bilder im Kopf hat?

8. Ein Schlüssel scheint darin zu liegen, dass jeder seine Bilder in seinem Kopf anlässlich der Gegebenheiten der umgebenden Welt ‚formt‘. Sofern die umgebende Welt für alle die ‚gleiche‘ ist, lässt sich von daher eine gewisse Ähnlichkeit der Bilder motivieren.

9. Zusätzlich gibt es aber auch die Sachlage, dass die Körper der Menschen mit ihren Organen und Prozessen, insbesondere mit ihrem Gehirn und den darauf basierenden Information verarbeitenden Prozessen, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen allen Menschen aufweisen, so dass auch dadurch Ähnlichkeiten zwischen den Bildern im Kopf begünstigt werden.

BEGRENZUNG DES BEWUSSTSEINS

10. In der neuzeitlichen Orientierung am Bewusstsein als primärer Erkenntnisquelle (ungefähr seit Descartes und später bis zur Phänomenologie) gab es keine Ansatzpunkte, um diese implizite ‚Harmonie der Körper und Erkenntnisse‘ aufzuhellen. Die antike Philosophie – insbesondere Aristoteles und seine Schüler – hatte zwar Ansatzpunkte, die Erkenntnisse über die Welt einzubeziehen, aber die damaligen ‚Welterkenntnisse‘ reichten nicht aus, um das moderne empirische Wissen über die physikalische, chemische, biologische und kulturelle Evolution vorweg zu nehmen. Erst mit den neuen Wissenschaften und einer davon inspirierten Strömung einer ‚evolutionär inspirierten‘ Erkenntnistheorie und Philosophie lieferte erste sachdienliche Hinweise, dass die unübersehbare ‚Harmonie der Körper‘ auch ein Grund für die Ähnlichkeit zwischen den Bildern in den verschiedenen Köpfen sein kann.

SCHLÜSSEL EVOLUTION

11. Mehr noch, die verblüffende ‚Passung‘ von menschlicher Erkenntnis zur ‚umgebenden Welt‘ ist letztlich vollständig induziert von einer evolutionären Entwicklung, in der sich nur solche Organismen ‚durchsetzen‘ konnten, die relativ am besten die ‚lebensfördernden Eigenschaften‘ der umgebenden (aber auch in sich sich verändernden) Welt aufgreifen und nutzen konnten.

12. Wenn man davon sprechen kann, dass der Menschen ein ‚Ebenbild‘ sei, wie es biblische Texte nahelegen (hier ohne kritischen Kommentar), dann zunächst mal ein Ebenbild der vorgegebenen Erde als Teil eines Sonnensystems als Teil einer Galaxie als Teil eines BigBang-Universums (Weiterreichende Interpretationen sind damit per se noch nicht ausgeschlossen).

BILDER IM KOPF vs. WELT

13. Es wurde auch festgestellt, dass man zwischen den ‚Bildern von der Welt im Kopf‘ und den ’sprachlichen Ausdrücken‘ unterscheiden muss.

ALLGEMEINBEGRIFFE

14. Die ‚Bilder von der Welt‘ repräsentieren irgendwie (mal mehr, mal weniger ‚passend‘) die ‚Gegebenheiten‘ der umgebenden Welt. Dies geschieht durch eine ‚denkerische‘ Mixtur aus ’sinnlicher Erfahrung von Einzelnem‘ und ‚denkerischer Abstraktion von Allgemeinheiten‘, so dass wir in jedem Moment zwar einen einzelnen konkreten Gegenstand identifizieren können, zugleich aber auch immer einen ‚allgemeinen Begriff‘, eine ‚Kategorie‘ zur Verfügung haben, die anhand von ‚abstrahierten Eigenschaften‘ einzelne Gegenstände als ‚Beispiele‘ (‚Instanzen‘) einer allgemeinen Struktur erscheinen lässt. Unser Denken lässt gar nichts anderes zu; es ‚zwingt‘ uns zur ‚automatischen‘ (‚unbewussten‘) Konstruktion von ‚Allgemeinbegriffen‘.

SPRACHE UND DING

15. Es wurde darauf hingewiesen, dass wir ja auch verschiedene Sprachen sprechen und dass möglicherweise die ‚Bilder im Kopf‘ bis zu einem gewissen Grade unabhängig von der verwendeten Sprache sind. Deswegen können wir auch zwischen den Sprachen übersetzen! Weil die körpergebundenen Sachstrukturen – bis zu einem gewissen Grade – sprachunabhängig gegeben sind und sich ‚aufbauen‘, können die Ausdrücke einer Sprache L darauf Bezug nehmen und durch andere ‚bedeutungsgleiche‘ Ausdrücke ‚ersetzt werden.

VERÄNDERLICHE WELT vs. STATISCHE BILDER

16. Die ‚Bedeutung‘ sprachlicher Ausdrücke (ihre ‚Semantik‘) begründet sich also von den körperbedingten Objektstrukturen her. Wenn nun die umgebende Welt sich ändert (Prozess, Geschichte, Evolution, …), dann ändern sich zwar die Sachstrukturen in der Welt, nicht aber unbedingt synchron die Bilder im Kopf eines Menschen. Damit entsteht das, was wir oft erleben: Menschen benutzen Ausdrücke einer Sprache L, ‚Begriffe‘, ‚Termini‘, die sie mit bestimmten ‚Bildern im Kopf‘ verknüpfen (assoziieren), aber diese Bilder können ‚veraltet‘ sein, da sich die Gegebenheiten in der Welt mittlerweile verändert haben (im Gespräch wurde der Ausdruckswandel des Begriffs ‚Student‘ angesprochen).

EINFACH vs. KOMPLEX

17. Vor dem Hintergrund einer ‚erlernten‘ Bedeutung kann es dann passieren, dass die ‚erlernten‘ Bedeutungen aus einer früheren Zeit die Welt ‚einfacher‘ erscheinen lassen als die gegenwärtige Welt mit ihrer wachsenden Vielfalt (es standen die Bemerkungen im Raum, dass Mädchen und junge Frauen es früher ‚einfacher‘ gehabt haben sollen als Mädchen und junge Frauen heute).

WAS IST WAHRHEIT?

18. An diesem Punkt im Gespräch angekommen stellte sich nochmals die Frage nach der ‚Wahrheit‘, ein Begriff, der ganz am Anfang etwas isoliert im Raum stand.

19. Ausgangspunkt ist die alltägliche Beobachtung, dass wir manchen Aussagen als ‚richtig‘, manche als ‚falsch‘ bezeichnen. Dies knüpft an dem Umstand an, dass ‚Behauptungen über die Gegebenheiten der Welt‘ bis zu einem gewissen Grade ‚überprüfbar‘ sind. D.h. es scheint, dass wir die ‚Bilder in unserem Kopf‘ mit den sinnlich wahrnehmbaren Gegebenheiten der umgebenden Welt bis zu einem gewissen Grad so ‚vergleichen‘ können, dass wir eine ‚Übereinstimmung‘ oder ‚Nicht-Übereinstimmung‘ feststellen können, und zwar alle Menschen in gleicher Weise.

20. Wenn wir diesen grundsätzlichen Sachverhalt zum Ausgangspunkt nehmen, dann würde der Begriff ‚Wahrheit‘ in diesem Kontext bedeuten, dass eine Aussage mit ’sinnlicher Bestätigung‘ sowohl ‚richtig‘ als auch ‚wahr‘ wäre bzw. — falls keine Übereinstimmung vorliegt –, ’nicht richtig‘ bzw. ‚falsch‘ bzw. ’nicht wahr‘ wäre.

21. Bei diesem Interpretationsansatz werden damit die ‚Gegebenheiten der Welt‘ zum Ausgangspunkt, zur ‚Vorgabe‘, zum ‚Maßstab‘, an dem wir uns letztlich orientieren. Davon abgeleitet könnte man dann auch – ganz im Sinne der antiken Metaphysik und Ontologie – davon sprechen, dass ‚das Seiende‘, wie es uns – in gewissem Sinne ‚a priori‘ – vorgegeben ist, das ‚Wahre‘, die ‚Wahrheit‘ verkörpert, an der wir uns orientieren müssen, wollen wir im Sinn der Welt/ des Sonnensystems/ der Galaxie/ des BigBang-Universums/ des … ‚wahr‘ sein. Empirische Wissenschaft ist dann nichts anderes als antike Metaphysik (dafür gäbe es noch mehr Argumente).

22. Eine solcherart (ontologisch) verstandene Wahrheit ist dann nicht beliebig, sondern eher ‚verpflichtend‘: wer das ‚Leben‘ ‚achtet‘ und ‚liebt‘ muss sich eigentlich an dieser Wahrheit orientieren. Dies wäre damit auch die mögliche Begründung einer ‚Ethik des Lebens‘, die sich z.B. als ‚ökologisches Denken‘ manifestiert.

ANALYTISCH WAHRHEIT

23. Wenn wir annehmen, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt ‚Bilder im Kopf‘ von der umgebenden Welt haben und wir diese Bilder als ‚zutreffen‘ – sprich als ‚wahr‘ – betrachten, dann können wir oft auch auf der Basis dieser vorausgesetzten Bilder ‚Schlüsse ziehen‘. Berühmt sind die Beispiele mit Syllogismen wie (Annahme 1) ‚Alle Menschen sind sterblich‘, (Annahme2:) ‚Sokrates ist ein Mensch‘, (Schluß:) ‚Sokrates ist sterblich‘. Nimmt man an, dass Annahme 1 und 2 ‚wahr‘ sind, dann folgt ‚analytisch‘ (ohne Bezug auf die aktuelle empirische Welt), der Schluss. Die Wissenschaft der Logik arbeitet im Prinzip nur mit solchen analytischen Schlüssen und ihren möglichen (formalen) Formen. Sie weiß als Wissenschaft der Logik nichts von der Welt (was sich auch darin auswirkt/ auswirken kann, dass sie formale Strukturen entwickelt, die mehr oder weniger ‚unbrauchbar‘ für das weltbezogene Alltagsdenken sind).

ALLE SIND TRÄGER DER WAHRHEIT

24. Rückblickend zu diesem Gespräch kann man also sagen, dass letztlich jeder Stücke der allgemeinen Wahrheit mit sich herum trägt und dass es eigentlich nur darauf ankommt, diese einzelnen Fragmente zusammen zu sammeln und sie in rechter Weise ‚zusammen zu fügen’… Graswurzel-Philosophie … Bottom-Up Philosophie … induktives Denken …

Die Ankündigung zur nächsten Sitzung am 9.Nov.2014 findet sich HIER.

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(US-amerikanische) MANDARINE DER MACHT? – Philosophische Betrachtungen dazu

VERTRETER DER MACHT

(1) In den politischen und journalistischen Auf- und Abwirbeln der letzten Monate, ausgelöst durch die Informationen von Edward Snowden, treten vermehrt US-Amerikaner in deutschen Talkshows auf, und zwar solche, die eine Affinität zur ‚politischen Macht‘ der US-Administration auszeichnet. In einer Talkshow mit Maybrit Illner am 30.01.2014 um 22:15h mit dem Thema „Geheimer Krieg um unsere Daten – sind die USA noch unsere Freunde?“, war es Fred(erick) Kempe gewesen, aktueller Präsident und Chief Executive Officer (CEO) des Atlantic Council. In einer früheren Talkshow mit Günther Jauch zur Ausstrahlung des ersten Fernsehinterviews mit Edward Snowden, trat als Gast John Kornblum auf. Mit seinen fast 40 Jahren im Dienst der US-amerikanischen Politik, immer in sehr wichtigen Rollen, davon die meiste Zeit in Europa, vor allem auch als Botschafter in Deutschland, ist er vielleicht der US-Amerikaner mit der zur Zeit größten politischen Erfahrung und dem größten Wissen über die US-amerikanische Politik in Europa und speziell auch Deutschland. Erwähnen sollte man hier auch Michael V.Hayden, der u.a. sowohl Direktor der NSA als auch der CIA war und der in einem Interview mit Maybrit Illner eingeblendet wurde.

IM AUFTRETEN VERBLÜFFEND ÄHNLICH

(2) So verschieden alle drei Persönlichkeiten sind, wo verblüffend ähnlich waren ihre Statements. Würde man einen Krimi im Fernsehen sehen und Kommissare auf der Suche nach dem Schuldigen begleiten, wären Zeugen, die nahezu identische Aussagen machen, als verdächtig einzustufen. Eine allzu große Übereinstimmung unterschiedlicher Person zu ein und derselben Sache gilt als ’nicht zufällig‘, d.h. man unterstellt automatisch eine Art von ‚Absprache‘. In den modernen Wissenschaften ist dies übrigens ähnlich. Wenn Astrophysiker feststellen, dass die Lichtstrahlen von beobachtbaren Himmelskörpern leicht verschoben sind gegenüber ihrem ‚theoretisch zu erwartenden Werten‘, dann beginnen sie eine ‚verborgene Ursache‘ anzunehmen, z.B. ein ’schwarzes Loch‘, das mit seiner ungeheuerlichen Gravitationskraft eine Abweichung im ’normalen Verhalten‘ der Lichtstrahlen bewirkt. Die Psychologen tun das gleiche. Wenn sie das Verhalten von Menschen beobachten und sie können ‚messen‘, wie ein Mensch die Batterie der Testaufgaben schneller und mit weniger Fehlern löst als der ‚Durchschnitt‘, dann unterstellen sie etwas , was sie ‚Intelligenz‘ nennen, und sagen, dieser Betreffende habe ‚mehr Intelligenz‘.

(3) Ein Punkt der sofort auffällt, ist die völlige Abwesenheit von Selbstkritik; Selbstkritik nicht bezogen auf ihre eigene Person sondern bezogen auf die politischen Institutionen, die sie vertreten. Wenn man sieht, was in den letzten mindestens 10 Jahren (und natürlich auch schon davor) an belegten Fakten über das Verhalten US-amerikanischer Regierungsinstitutionen oder von diesen beauftragten Firmen enthüllt worden ist, Fakten, die ganze Völker, Länder, Regionen, oder sogar uns alle betreffen, dann wirkt das kategorische Ausklammern dieser Dinge bzw. die aktive Ausschließung, schon von Fragen oder Vermutungen zu diesen Thema, zunächst einmal auffällig und dann – angesichts der ungeheuren Erfahrung und hohen Intelligenz der Personen – befremdlich, irritierend, beunruhigend.

(4) Diese Irritationen sind von Gewicht, weil die Personen, die durch ihre implizite kategorische Verweigerungshaltung gegenüber einer allen bekannten Realität zugleich um Vertrauen werben. Speziell Kornblum und Kempe betonen mehrfach, wie wichtig die transatlantische Beziehung zwischen den USA und Europa, speziell auch mit Deutschland, sei, und unterstreichen dabei persönliche biographische Details, die ihre Verbundenheit mit Deutschland ausdrücken. Doch gerade durch diese Beteuerungen und Werbung um Vertrauen wird die implizite Leugnung von vielen Realitäten umso bizarrer; wenn jemand um Vertrauen wirbt und sich gleichzeitig weigert, jene Fakten ernst zu nehmen, die den Gesprächspartner beunruhigen, dann hat dies eigentlich einen gegenteiligen Effekt, das Misstrauen wird größer.

FAKTEN WEG-REDEN

(5) Geradezu hervorstechend war die kategorische Einstufung von allen Dreien zu Edward Snowden als Verräter, als nicht glaubwürdig. Bedenkt man, dass mittlerweile selbst in den USA verschiedene Vereinigungen, verschiedene Zeitungen, der Kongress, einzelne Richter, ehemalige Mitglieder diverser Kontrollausschüsse, Firmenmitglieder usw. zumindest Teile von Snowdens Enthüllungen bestätigt haben, dazu Regierungen anderer Staaten (neben vielen vorausgehenden Blogeinträgen in diesem Blog siehe z.B. auch Zeitleiste beim Heise Verlag zum NSA-Abhörskandal), dann wirkt diese fast wortgleiche radikale Ablehnung und Vorverurteilung von Snowden zusätzlich beunruhigend. Da wirbt jemand um Vertrauen und während er dieses tut, zerstört er wesentliche Elemente, auf denen mögliches Vertrauen aufbaut. Festzuhalten ist, dass in der Runde mit Maybrit Illner ein aktiver Politiker, nämlich
Philipp Mißfeler (auch private Homepage (Mißfelder, private Homepage), der vielfach eher ‚konservativ‘ auftritt und eher ‚US-Amerika freundlich‘ ist (er ist auch seit Juni 2013 im Vorstand des Vereins Atlantik Brücke (siehe auch: www.atlantik-bruecke.org)), live in der Talkshow Fred Kempe bzgl. der Einschätzung von Snowden widersprach. Während Kempe (wie Kornblum und Hayden) Snowden jegliche Ernsthaftigkeit und Seriosität rundweg absprachen, sagte Mißfelder klar und deutlich in der Sendung, dass alles (!), was bislang von Snowden bekannt gemacht worden ist, als tatsächlich zutreffend erwiesen worden ist. Das hat bislang noch kein deutscher Politiker (erst recht keiner von denen, die Kraft Amtes dafür eigentlich zuständig wären) in dieser Klarheit öffentlich gesagt. Er ging sogar noch einen Schritt weiter und meinte, dass sich die US-Regierung in der Ausspähaffäre ‚bewegen müsse‘.

NIBELUNGENTREUE?

(6) Wenn also drei so hoch profilierte Personen aus dem US-amerikanischen Machtnetzwerk in einer Sache Aussagen machen, die von vielen anderen ernst zu nehmenden und profilierten Personen und Institutionen ‚anders‘ eingeschätzt werden, dann liegt es nahe, zu vermuten, dass alle drei aufgrund ihrer vielfachen Verbundenheit mit dem Machtnetzwerk zunächst mal die Position ‚der Macht‘ vertreten entgegen allen Fakten. In der deutschen Geschichte gibt es das Wort von der Nibelungentreue, das Festhalten an einer Position ‚rein aus Treue‘ unter Aufgabe der Dimension der ‚Wahrheit‘ und möglicher übergreifender ‚Werte‘.

MANDARINE – CHINESICHE BEAMTE

(7) China gilt in der Geschichte als eine Region großer Kultur. Und in der Tat, schaut man sich an, wie große chinesische Dynastien über viele Jahrhunderte ihr Riesenreich von innen her organisiert haben, dann kann man selbst von heute aus in Staunen und Bewunderung geraten. Kernstück war immer ein ausgeklügeltes System von Ausbildung und Organisation. Der zentrale Akteur darin waren die Beamten, in der westlichen Überlieferung als Mandarine bezeichnet. Der ‚chinesische Beamte‘ deckte dabei eine riesige Bandbreite an Fähigkeiten und Tätigkeiten ab. Hervorstechend ist ein ausgeklügeltes System von gestufter Ausbildung mit sehr differenzierten, regelmäßigen und effektiven Überprüfungen. In der chinesischen Verwaltungen konnten und wurden Beamte bei schlechten Leistungen und Fehlverhalten auch degradiert oder gar ganz entlassen; umgekehrt wurden sie auch belohnt und befördert. Auch Personen adliger Herkunft mussten sich im Normalfall diesen Prüfungen ebenfalls unterwerfen. Allen war klar, dass – in heutiger Sprache – Beziehungen alleine oder ein Parteibuch für die Effizienz der Verwaltung und des Staates unnütz und gefährlich sind. Dies alles war eingebettet und getränkt durch eine ‚Ethik‘, in der die Treue zur Gesellschaft, zum Staat, zum Kaiser zentral war. Historisch belegte Fälle zeigen, dass diese Treue durch ihre Koppelung an Kompetenz aber auch dazu führen konnte, dass hohe und höchste Beamte die Regierung sachlich kritisierten, was dann in manchen Fällen mit der Enthauptungen eben der Kritiker endete. Hätten die Mandarine die Wahrheit hinten angestellt und sich rein auf die Erhaltung Macht beschränkt (in diesem Sinne dann ’nur‘ ‚Mandarine der Macht‘), hätten Sie vielleicht individuell länger gelebt. Wäre damit der Lauf der Geschichte ‚besser‘ gewesen?

(8) Wieweit heutige Staaten (einschließlich China selbst) diese hohen Standards der ‚Qualitätssicherung‘ weiterhin praktizieren sei hier mal dahingestellt, im Falle von demokratischen Gesellschaften (wie die USA, wie Deutschland, wie Europa …) müsste das klassische chinesische Modell der Kompetenz (= Wahrheit und Werte) und Treue ergänzt werden um jene Aspekte, die sich aus dem Konzept einer Demokratie ergeben. Während in China der oberste Herrscher ein Machtmonopol besaß, das vom Prinzip her unangreifbar war, verstehen sich Demokratien als solche Gesellschaften, in denen das Machtmonopol von der gesamten Gesellschaft – natürlich mit bestimmten Spielregeln – kontrolliert werden soll. Demokratie endet dort, wo sich die demokratisch gewählten Institutionen von der Kontrolle faktisch abgekoppelt haben. Wann dies der Fall ist, ist von Fall zu Fall zu klären, da die Handlungsmöglichkeiten in einer Demokratie vielfältig sind; zudem sind die aktuellen Demokratien in der Regel sehr jung; es gibt noch nicht viele historische Erfahrungen. Einzig die USA haben bisher der Welt schon einige Lehrstücke von Machtmissbrauch und dann auch – glücklicherweise – deren Aufdeckung gezeigt. Darin waren und sind sie ein Vorbild für alle. Doch das Ringen um die Erhaltung des Machtgleichgewichts ist ein kontinuierlicher Prozess; es gibt keinen Endpunkt; eine demokratische Gesellschaft muss immer wieder neu ‚zu ihrem Recht finden‘; muss immer wieder neu aktuelle Entwicklungen kritisch beleuchten und ‚öffentlich diskutieren‘! In einer Demokratie muss daher permanent die ‚Treue‘ zum Staat begleitend werden von einem ‚funktionierenden öffentlichen Diskurs‘, in dem es letztlich keine Tabus (‚Geheimhaltung‘!) geben kann. Eine Demokratie mit Tabus ist keine Demokratie mehr.

FALSCHE TREUE KANN VERFEHLUNGEN DECKEN

(9) Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Entwicklung in demokratischen Ländern (mit den USA als Vorreiter!), die darin besteht, immer mehr Bereiche des Regierungshandelns von der Öffentlichkeit abzukoppeln (durch Geheimhaltung, durch unkontrollierte Ausschüsse, durch Übertragung von staatlichen Aufgaben an private Dienstleister, durch politische Kontrolle der Justiz, durch Zensur, durch Verweigerung von Interviews, durch Verweigerung von fundierten öffentlichen Stellungnahmen, usw.) tendenziell gefährlich und kann, als schleichender ‚Umsturz von innen‘ eine Demokratie schrittweise in eine ‚Hülle‘ verwandeln, die faktisch von einem Machtmonopol betrieben wird, auf das niemand mehr einen effektiven Zugriff hat. Wenn man alle ideologischen Scheuklappen beiseite legt, dann muss man sagen, dass sich in den USA die Indizien häufen, die genau solch eine Entwicklung andeuten (aber nicht nur dort). Wenn in einer solchen Situation die Menschen, die dem Netzwerk der Macht nahe stehen, sich wie ‚Mandarine der reinen Macht‘ verhalten, indem sie bedingungslose Treue zeigen bei Ausklammerung des Aspekts der ‚Wahrheit‘ im Stile einer Demokratie, also durch Ausklammerung von bedingungsloser Öffentlichkeit und Aufklärung, dann ist der Abstand zu den bekannten Diktaturen und totalitären Regimen der Vergangenheit auf einen mikroskopisch kleinen Wert zusammengeschrumpft. Ein Machtnetzwerk, das alles tun kann ohne jegliche demokratische Kontrolle, ohne Bezug zur Wahrheit (schließt Öffentlichkeit ein) ist keine Demokratie mehr.

KEINE DEMOKRATIE OHNE WERTE

(10) Jetzt könnte man die Frage aufwerfen, ob die Zeit für Demokratien vielleicht vorbei ist; vielleicht wollen die Menschen gar keine Demokratien mehr. Vielleicht war dies ja nur so eine vorübergehende Mode und heute wollen diejenigen, die machtaffin sind lieber einen totalitären Staat, und diejenigen, denen alles zu kompliziert ist, die wollen ihr Brot-und-Spiele Dasein (mit ‚Dschungelcamp‘ am Abend, oder ‚Deutschland sucht den Superstar‘ oder ‚Wetten dass‘ oder das nächste Supermodel oder oder….) mit einem bekömmlichen Auskommen; die paar Intellektuellen, denen dies alles keinen Spaß macht, die grämen sich halt berufsmäßig, weil sie nichts Besseres können, als überall Haare in der Suppe zu suchen. Dies ist eine Frage der ‚Lebensentwürfe‘, der ‚gemeinsam geteilten Werte‘. Wo kommen diese Werte her? Wer propagiert in Deutschland (oder in den USA) aktiv Werte? Welche Werte? Das Wort ‚Wert‘ wirkt als solches eher sehr abstrakt, kühl, leer, nichtssagend. Dennoch, sobald wir konkret handeln, fällen wir implizit Entscheidungen. Wenn wir A tun, dann findet alles andere außerhalb von A nicht statt. Und wenn sehr viele A tun, finden überwiegend alles andere außer A nicht statt. Wenn sehr viele z.B. Dschungelcamp schauen und alles andere nicht tun, dann können Vertreter der Macht Dinge tun, die mit Demokratie nichts zu tun haben und keiner wird es merken?

(11) Eine Wertedebatte im Umfeld des Projektes ‚Demokratie’hätte sehr viele Aspekte. Ranga Yogeshwar (siehe auch die private Webseite von Ranga Yogeshwar) griff einen heraus, der sehr konkret ist, der alle Menschen dieser Erde betrifft, auch uns Deutsche. Es ist der Aspekt, der in vielen vorausgehenden Blogeinträgen dieses Blogs auch immer schon herausgestellt worden ist, nämlich die vollständige Rechtlosigkeit der US- und Nicht-US-Bürger aus Sicht des US-amerikanischen politischen Systems. Dies ist eigentlich an sich schon ein bizarrer Tatbestand, da die US-amerikanische Verfassung auf die Rechte aller Menschen abhebt ohne die Menschen jenseits der Landesgrenzen als Menschen anzuerkennen; dies wird aber umso bizarrer, wenn das US-amerikanische System um Vertrauen in Deutschland wirbt, zugleich aber keinem einzigen deutschen Bürger auch nur minimale Rechte vor einem US-amerikanischen Recht zugesteht. Das ist in etwa so, als ob ein ‚Menschenfresser‘ sein Opfer bitten würde, ihn doch zu lieben. Ein Vertreter der Mandarine der Macht antwortete zu dieser Feststellung Yogeshwars nur mit einem Schweigen.

(12) In diesem Zusammenhang machte Egon Bahr in der Runde mit Maybrit Illner auf einen anderen Umstand aufmerksam, der in den letzten sechs Monaten zwar immer wieder aufschien, aber in seinen politischen Verschränkungen bislang in der Öffentlichkeit noch nie so klar ausgesprochen wurde. Dass die amerikanischen Geheimdienste (vor allem die NSA) alle die Überwachungstätigkeiten, die ihnen selbst in den USA verboten sind, durch den kooperierenden englischen Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters, deutsch: Regierungskommunikationshauptquartier) (siehe auch http://www.gchq.gov.uk/Pages/homepage.aspx) ausführen lassen und umgekehrt, das ist langsam bekannt. Dass aber die britische Regierung innerhalb der EU ihre Sonderrolle möglicherweise dazu benutzt, die US-amerikanischen Interessen einzubringen, das ist in dieser Konkretheit neu. Bahr ging sogar soweit, zu unterstellen, dass die Briten ihre Sonderrolle benutzen, um europäische Maßnahmen zum Schutz gegen die Übergriffe US-amerikanischer Dienste und Firmen abzublocken.

EINE HANDELT

(13) Die deutsche Politik fällt bei all diesen Vorgängen bisher durch Schweigen auf, durch Inkompetenz, oder gar durch ‚Verniedlichung‘, die die Grenze zur Verantwortungsverweigerung bzw. Amtsmissbrauch möglicherweise schon längst überschritten hat. Dass die Bundeskanzlerin als Meisterin des ‚Nichtssagens im Sagen‘ in ihrer inhaltslosen Regierungserklärung den Bedarf an Klärung in dieser Sache überhaupt erwähnt hat, ist für ihre Verhältnisse möglicherweise viel, aber gemessen an der Schwere des Sachverhalts so etwas von Nichtssagend, dass auch hier eine Abgrenzung gegenüber einer Amtsverweigerung nicht leicht zu erklären ist.

(14) Vor diesem Hintergrund hebt sich Constanze Kurz, u.a. Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC) geradezu wie ein Leuchtfeuer ab. Hochkompetent und engagiert hat sie eine Strafanzeige gegen die Bundesregierung vorbereitet (Unterstützt durch viele andere), in der namentlich Mitglieder der Bundesregierung und Chefs deutscher Geheimdienste wegen heimlicher Agententätigkeit und Beihilfe zur umfassenden Netzspionage der NSA angezeigt werden. Parallel hat sie (u.a. zusammen mit der Internationale Liga für Menschenrechte eine weitere Klage gegen den britischen Geheimdienst GCHQ beim europäischen Gerichtshof eingeleitet. Diese Klage hat in Straßburg sofort Priorität erhalten und die britische Regierung wird darin aufgefordert, die Überwachung aller Kommunikation zu rechtfertigen. Diese Klage vor dem europäischen Gerichtshof gewinnt ihre besondere Brisanz dadurch, dass drei Bürgerrechtsgruppen zuerst in Großbritannien versucht hatten, gerichtlich gegen die Überwachung vorzugehen. Doch die britische Regierung habe erklärt, britische Gerichte würden diesen Fall nicht bearbeiten. Zuständig sei stattdessen die parlamentarische Geheimdienstkontrolle. Doch weil diese Teil des Überwachungssystems sei und ihre Entscheidungen nicht gerichtlich anfechtbar ist, habe man sich stattdessen an Straßburg gewandt.

(15) Dieses Beispiel zeigt, dass die demokratische Kontrolle der Dienste nicht nur in den USA faktisch außer Kraft gesetzt worden ist, sondern dass dies auch schon in Großbritannien der Fall ist. Normale Bürger sind diesen System völlig schutzlos ausgeliefert.

DIE GESCHICHTE IST NICHT ZU ENDE

(16) Die Geschichte ist hier nicht zu Ende. Das Phänomen der ‚Macht‘, das sich in all diesen Verhaltensweisen und Ereignissen auswirkt, ist damit nicht einmal ansatzweise beschrieben. Das Fortbestehen der demokratischen Gesellschaftsformen in den USA und Europa ist offen. Die alles begründenden Wertfragen sind seit Jahrzehnten aus den Diskussionen verschwunden. Dass wir selbst in all dem das größte Problem sind, wir als Menschen, und wir auf vielfältige Weise demonstrieren, dass wir an den Grenzen unseres humanen Kapitals operieren, dass wir die Technik ungeahnt haben weiterentwickeln können, dass wir aber wertmäßig und psychologisch verglichen mit den alten Kulturen wenig oder gar nicht weiter sind, das sollte uns zu denken geben. Aber hier liegt auch das zentrale Problem: wie können wir uns selbst verbessern, wenn wir selbst so viele biologisch-psychologischen-kognitiven-seelischen-wertmäßigen Schwachstellen aufweisen? Vergessen wir die Ausrede mit Gott. Alles, was wir über den – ansonsten unbekannten – Gott wissen, wissen wir wiederum nur von Menschen, die behaupten, dass sie etwas von Gott wissen. Dementsprechend ‚allzu menschlich‘ klingt auch alles, was Menschen über Gott sagen. Möglicherweise gibt es sogar etwas, was wir mit ‚Gott‘ meinen; ich glaube sogar, dass dies wahrscheinlicher ist als das Gegenteil. Aber, das klingt paradox, wir werden Gott solange nicht verstehen, solange wir uns selbst nicht als Teil des gigantischen Weltprozesses verstehen lernen. Die Wahrheit ist allemal schon da, nur bräuchten wir dazu u.a. Mandarine der Macht, die die Wahrheit nicht verdrängen und die die übergreifenden Werte ernst nehmen.

Einschub: Wahrheit vs. Kapital

Letzte Änderung: 23.Jan.2013

Eigentlich bin ich noch bei der Lektüre von Kauffmans Buch ‚Reinventing the Sacred‘. Fortsetzung Nr.3 ist in Vorbereitung. Zwischendurch haben sich aber nachfolgende Gedanken ‚dazwischen gedrängt‘. Sie gehören zum Themenbereich ‚Gesellschaft – Wissenschaft – Religion‘.

FIRMA

Betrachtet man die ‚Logik eines Kapitalunternehmens‘, sprich einer ‚Firma‘, dann ist ganz klar, dass eine Firma mindestens ihre Kosten hereinbekommen muss. Wenn darin alle notwendigen Erhaltungsmaßnahmen und eine hinreichende Entlohnung für alle Beteiligten enthalten ist, ist ein zusätzlicher Gewinn nicht notwendig. Dies bedeutet: eine Firma kann 0 € Gewinn machen und sehr erfolgreich sein oder einen ‚offiziellen‘ Gewinn von X % ausweisen und zugleich kurz vor dem Zusammenbruch stehen (wenn die Qualität der Mitarbeiter ungenügend ist, die Kommunikation und Infrastruktur unzulänglich ist, die Innovationskraft zu schwach ist, usw.).. Andererseits läßt sich an der ausgewiesenen Gewinnmarge meist auch der Grad der ‚Seriosität‘ einer Firma ablesen: wenn eine Firma z.B.  in einem Marktsegement operiert, in dem ein real hoher Konkurrenzdruck mit nur geringen Margen herrscht, dann kann der Abstand zu einem angenommenen Kostensatz normalerweise nur sehr gering sein, es sei denn, es werden Mittel eingesetzt, die ‚von der Norm‘ abweichen. Hier ist der Spielraum sehr groß. Die vielen Finanzskandale der letzten Zeit (und der Vergangenheit ) haben für einen Wirtschaftsbereich gezeigt, wie hohe Gewinne hier z.B. nur durch Missbrauch von Kunden und explizit kriminellen Methoden erreicht wurden. Hier wird erkennbar, dass der Begriff des ‚Gewinns‘ sehr vage ist und sich daher für ‚Instrumentalisierungen‘ aller Art anbietet.

SPIELREGELN FÜR FIRMEN

Aus diesen Voraussetzungen folgt, dass eine Firma nur eine begrenzte Menge von Aktivitäten unterstützen kann, um sich nicht selbst in Frage zu stellen. Ausgaben für ‚Forschung und Entwicklung‘ lassen sich nur soweit rechtfertigen, als Sie im Umfeld des aktuellen oder bestenfalls eines als ‚realistisch‘ eingeschätzten potentiellen Marktauftritts eine Chance haben, innerhalb eines ebenfalls als ‚realistisch‘ eingeschätzten ‚Zeitrahmens‘ so umgesetzt zu werden, dass mindestens die ‚Ausgaben‘ wieder hereinkommen. Würde sich eine Firma diese Einschränkungen nicht auferlegen, würde sie riskieren, Verluste zu machen, die sie nicht mehr ausgleichen könnte; das wäre ihr möglicher Tod (wir lassen hier außer Acht, dass es heute finanztechnische Manöver gibt, solche Verluste zu ‚verschleiern‘, um sie ahnungslosen ‚Kunden‘ unter zu jubeln. Lokal hat dadurch zwar ein Unternehmen evtl. seine Verluste ‚vergesellschaftet‘, aber global betrachtet wurden ‚Schulden‘ weitergereicht, die andernorts ein ‚Verschuldungsloch‘ reißen können. Dies ist dann ein Beispiel für die ‚Moral der Unmoral‘ (siehe dort).)

JENSEITS EINER FIRMA

Geht es also um Fragen, die über die potentiellen Verkäufe einer Firma hinausgehen, muss eine Firma passen (bei einer sehr großen Firma mit einer sehr großen Bandbreite an Produkten und Dienstleistungen kann der mögliche Spielraum vergleichsweise groß sein, so dass die geltenden ‚Begrenzungen‘ nicht so konkret sichtbar sind und sie den ‚Entscheidern‘ ‚Spielräume‘ lassen). Dann stellt sich die Frage, wer sich zuständig fühlt für alle Problemstellungen, die die Grundlagen von Märkten betreffen (technische Infrastrukturen, juristische Rahmenbedingungen, Ordnung und Sicherheit, Finanzmärkte, qualifiziertes Personal, intakte Umwelt, usw.). Nach heutigem Wissensstand bleibt hier nur die ‚Gesamtgesellschaft‘, der ‚Staat‘.

GESAMTGESELLSCHAFT

In gewisser Weise kann man diese Gesamtgesellschaft wieder als eine ‚Art von Firma‘ begreifen: letztlich kann eine Gesamtgesellschaft nur existieren, wenn alle ihre Mitglieder in ‚hinreichender Weise‘ ein ‚individuelles‘ Leben führen können, das ein ‚Zusammenwirken mit anderen‘ auf eine Weise ermöglicht, die eine komplexe Gesellschaft möglich macht. Im Gegensatz zu einer kapitalbasierten Einzelfirma ist der ‚Markt‘, in und an dem sich eine einzelne Gesamtgesellschaft ‚messen‘ muss, nicht so eindeutig. Wie viel ‚benötigt‘ der einzelne, welche ‚Formen des Zusammenwirkens‘ sind notwendig, welche ‚Infrastrukturen‘ sind zu gewährleisten, usw. damit eine Gesamtgesellschaft existieren kann? Inwieweit hängt eine Gesamtgesellschaft ab von dem Funktionieren der Märkte für individuelle kapitalgetriebene Firmen?

KEINE THEORIE DER GESAMTGESELLSCHAFT

Soweit ich sehe, hat bislang niemand hier so klare Antworten, dass wir jederzeit in der Lage wären, einfach zu entscheiden, was zu tun ist. Eine derart konkrete und anwendungsfreundliche ‚Theorie der Gesellschaft‘ gibt es nicht. Es ist nicht einmal klar, wer für solch eine Theorie offiziell ‚zuständig‘ ist. Die immer wieder auftretenden wirtschaftlichen Krisen der Vergangenheit (und Gegenwart), die immer Hand in Hand gehen mit einer Krise von Gesamtgesellschaften, belegen, dass wir weit entfernt sind von einem angemessenen Verständnis dieser Mechanismen. Dies ist schlimm. Noch schlimmer ist, dass offensichtlich ein Bewusstsein dafür fehlt, dass wir uns in einer gemeinsamen Anstrengung solch eine Theorie — oder zumindest Bausteine zu solch einer — erarbeiten müssten.

FRAGE NACH DER WAHRHEIT

Vor diesem Hintergrund komplexer Wirkmechanismen, die den tatsächlichen Handlungsspielraum ganzer Gesellschaften real bestimmen, stellt sich die Frage nach ‚Wahrheit‘, nach einer gesamtgesellschaftlich getragenen ‚Erforschung von Wahrheit‘ natürlich anders, als in einer eher ‚abstrakten philosophischen‘ Überlegung.

GESAMTGESELLSCHAFTLICHE FORSCHUNG

Die ‚Wahrheitsforscher‘ (damit meine ich ALLE Wissenschaftler, Naturwissenschaften wie Geisteswissenschaften, Gesellschaft wie Kultur) sind in der Regel reale Personen, die den realen Lebensbedingungen unterliegen (Körper, die real funktionieren müssen; eine Psyche, die ‚funktionieren‘ muss; ein Wissensstand, der ‚auf der Höhe der Zeit‘ sein muss; Arbeitsbedingungen, die eine hinreichende Reflexion und experimentelle Untersuchung ermöglichen, einschließlich einer zugehörigen ‚Lehre, usw.). Wenn eine Gesellschaft ihre eigenen Mechanismen und potentiellen Zukünfte verstehen können will, muss sie hinreichend vielen Wissenschaftlern die Möglichkeit bieten, alle jene Aspekte der gesellschaftlichen Realität und Existenz zu untersuchen, die ‚relevant‘ sind bzw. ‚werden können‘. Ist schon die Definition der Erforschung ‚potentieller Produkte‘ im Bereich kapitalgetriebener Einzelfirmen schwer bis unmöglich (die Zahl der Firmen, die wegen mangelnder Innovationskraft von den Märkten verschwunden ist, ist Legion), so ist eine klare Definition der potentiellen ‚Forschungsthemen‘ einer gesamtgesellschaftlichen Forschung und Lehre umso schwerer. Das einzige, was man sagen kann, ist, dass die ‚Kreativität‘ dieser Forschung beständig ein ‚Maximum‘ anstreben muss. Tatsache ist aber, dass Gesamtgesellschaften beständig in Gefahr sind, aus ‚Angst‘ heraus, vermischt mit ‚Klientelpolitik‘, die Ziele in recht kurzatmiger Weise ‚vorzugeben‘. Und nicht nur das; in der Sorge, ‚umsonst‘ zu forschen wird die gesamtgesellschaftliche Forschung immer mehr dazu verpflichtet, sich an den begrenzten Zielen von kapitalgetriebenen Einzelfirmen zu orientieren. Dies kommt geradezu der vollständigen Verneinung von gesamtgesellschaftlich verankerter Forschung (und Lehre!) gleich. Im Bereich der Medizin- und Pharmaforschung, wo die Interessengegensätze zwischen Einzelfirmeninteresse und Gesamtgesellschaft größer nicht sein könnten, führt dies z.B. zu absurden Konsequenzen; aber eben nicht nur dort. Aufs Ganze wird genau das Gegenteil von ‚Innovation‘ erreicht.

ZENTRALE FRAGEN DES DASEINS

Bedenkt man ferner, dass viele ‚zentrale Fragen des menschlichen Daseins‘, jene, die uns allen den eigentlichen ‚Sinn‘ unsere ‚irdischen Existenz‘ ‚erschließen‘ sollen, von ihrer ‚Wesen‘ her, nicht direkt ‚verwertbar‘ sind, dann kann man sich schon Sorgen machen, wie die ‚Sache der Wahrheit‘ voran kommen kann, wenn die Gesamtgesellschaften dahin tendieren, Alles ‚unmittelbar verwertbar‘ zu machen (was natürlich immer nur bezogen auf ‚aktuelle‘ Märkte gilt; auf dem Markt der Zukunft gelten neue Regeln und die ‚Kurzsichtigkeit‘ und ‚mangelnde Innovation‘ werden brutal abgestraft (aber dann sind die aktuellen Politiker und Manager nicht mehr im Dienst und verkonsumieren ihre Entlohnungen für die Eigenschaft, private und ‚individuell lokale‘ Interessen durchgesetzt zu haben…).

STAATLICH ‚ZERTIFIZIERTE‘ ‚RELIGIÖSE‘ VEREINIGUNGEN

Diese Situation wird dadurch verschlimmert, dass die meisten Gesellschaften (alle?) das ‚Geschäft mit den letzten Wahrheiten‘ vielfach an die ‚traditionellen religiösen Gemeinschaften‘ abgetreten haben. Nicht nur fehlt diesen in der Regel der notwendige umfassend organisierte Forschungs- und Lehrapparat, sondern diese traditionellen religiösen Gemeinschaften sind innerlich mit so vielen partikulare Interessen verflochten, dass sie weitgehend gar nicht in der Lage sind, offen, rational und zukunftsorientiert zu denken. Nicht wenige traditionelle religiöse Gemeinschaften verbieten ja sogar ihren Mitgliedern, kritisch über ihre eigenen Voraussetzungen nachzudenken, geschweige denn, dass sie ihre Mitglieder ermutigen, aktiv und verbindlich Erfahrungen zu reflektieren. Dies lässt viel Spielraum für machthungrige und ideologisierende Anführer, die vor keinen Instrumentalisierungen zurückschrecken (ein allgemeiner menschlicher Zug, der sich natürlich auch in der Gesamtgesellschaft und ihren Teilbereichen wiederfindet; hier jedoch — hoffentlich — durch eine umfassende offene und kritische Öffentlichkeit abgemildert wird).

RELIGIÖSE TOLERANZ KANN DESTRUKTIV SEIN

Schlimm genug, dass die Gesamtgesellschaft die Reflexionen über den Gesamtzusammenhang nicht selbst betreibt sondern an Teilbereiche delegiert, deren Rationalität und wissenschaftliche Standards sich an einer Zeit orientieren, die weit zurück liegt, bekommen diese als ‚religiös‘ ‚zertifizierten‘ Teilgemeinschaften sogar noch einen rechtlichen Sonderstatus, der ihre Fragwürdigkeit gesellschaftlicht nicht nur schützt, sondern sogar noch in die Gesamtgesellschaft hinein wirken lässt. Dies ist etwas befremdlich: während man die gesamtgesellschaftliche Forschung beständig kompromittiert, indem man sie eindeutig begrenzten Zielen zu unterwerfen versucht, wird die ‚Entgrenzung‘ der Forschung in Richtung auf die gesellschaftlichen Gesamtfragen durch die schiere Existenz wahrheitsmäßig obskurer Vereinigungen nicht gefördert. Damit unterstützt man den unbefriedigenden Status Quo der sogenannten ‚religiösen‘ Vereinigungen dadurch, dass man den gesamtgesellschaftlich notwendigen Diskurs über zentrale Fragen von vornherein austrocknet. Irgendwie sieht es so aus, also ob das Projekt der Aufklärung auf halbem Weg stehen geblieben ist. Die Entwicklung besserer Wissenschafts- und Lehrformen, besserer Technologie, besserer gesellschaftlicher Formen sozialer und politischer Teilhabe, von offener Kunst usw. hat stattgefunden (ohne am Ziel zu sein), aber die Entwicklung einer neuen gesamtgesellschaftlichen ‚Sinn-Theorie‘ blieb aus; man hat sich quasi ein ‚Denkverbot‘ auferlegt und zugleich — völlig ohne jede rationale Begründung — die als weitgehend nicht-rational qualifizierten als ‚religiös‘ sich bezeichnenden Vereinigung, durch ein religiöses Toleranzgebot, das als Diskursverbot praktiziert wird, in einem Zustand altertümlichen ‚Nichtwissens‘ belassen. Dies nützt niemandem, nicht einmal den sogenannten religiösen Vereinigungen selbst.

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