PHILOSOPHISCHES DENKEN HEUTE – Zurück auf Start?

TREND ZU INSTITUTIONALISIEREN

  1. Es scheint eine allgemeine Tendenz menschlichen Handelns zu sein, aufregende Ideen und erfolgreiche Konzepte – allerdings nicht immer – zu institutionalisieren: aus einzelnen Menschen die überzeugen, aus einzelnen kleinen Unternehmungen, die Erfolg haben, werden Institutionen, große Firmen, Staatsgebilde.
  2. Wenn sie denn da sind, die Institutionen (Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Universitäten, politische Formen, Rechtssysteme, …), dann verselbständigen sich viele Mechanismen. Die treibende Idee kann verblassen, die Selbsterhaltungskräfte einer Institution gewinnen die Oberhand (im Falle von Geheimdiensten wenig Demokratie förderlich …).

WAS BEWEGT?

  1. Bei der Frage, was das Handeln von Menschen leitet, kann man angesichts der Realität von Institutionen verleitet sein, auf die soziale Realität dieser Institutionen zu starren und zu glauben, gegen diese sei nicht anzukommen, als einzelner.
  2. Die Geschichte – und die unruhige Gegenwart – kann uns aber darüber belehren, dass alle Institutionen nur so lange funktionieren, als die sie tragenden Menschen mit ihren subjektiven-inneren Leitbildern diese Institutionen stützen. Wenn sich die subjektiven-inneren Anschauungen ändern, zerfallen Institutionen.
  3. Dafür gibt es zahllose Beispiele. Der immer stärker werdende Lobbyismus unter Politikern, die fast schon dreiste Voranstellung persönlicher kurzfristiger Erfolgskriterien vor jeder gesellschaftlich tragenden Perspektive, die zunehmende Propaganda und Zensur in vielen Ländern dieser Erde, vereinfachende schwarz-weiß Modelle von Gesellschaft und Zukunft, sind einige der wirksamen Mittel, eine friedliche, kooperierende, zukunftsfähige Gesellschaft zu zerstören.

GEMEINSAMES WISSEN

  1. In solch einer Situation – die es in den letzten Jahrtausenden immer gab, immer wieder – stellt sich die Frage, wie kann das Wissen eines Menschen so mit anderen geteilt werden, dass aus diesem gemeinsamen Wissen auch ein gemeinsames Handeln erwachsen kann?

GRÜNDUNGSIDEEN

  1. Demokratische Parteien, die noch jung sind, die noch ein wenig das Gründungsfieber, die neue Vision in sich tragen, sind gute Lehrbeispiele dafür, wie Ideen sich im Alltag mühsam ihren Weg in die Köpfe möglicher Anhänger suchen müssen und dann, im Laufe der Jahre, sich behaupten müssen. Am Gründungstag weiß niemand, wer in der Zukunft dazukommen wird und was die nachfolgenden Generationen daraus machen werden.
  2. Ähnliches kann man bei Religionsgründern und bei Ordensgründungen beobachten: eine elektrisierende Anfangsidee bringt Menschen dazu, ihr Leben nachhaltig zu ändern und damit jeweils auch ein Stück Welt.
  3. Auch Firmengründungen laufen ähnlich ab: zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte eine Idee einen wirtschaftliche Erfolg, und dieser führt zu einem Wachstum, der vorher nicht absehbar und nicht planbar war. Irgendwann gibt es ein Konglomerat aus Kapital und Macht, wo die Gründungsidee sich verdunstet hat, wo die Firma sich selbst fremd geworden ist. Manager sind angeheuerte Mietkräfte, die im System ihren persönlichen Vorteil suchen oder es gibt Anteilseigner, die wie kleine Monarchen ihrem Absolutismus zu frönen scheinen.
  4. Und so weiter, und so weiter…

ZEITLICHKEIT

  1. Die übergreifende Wahrheit ist, dass alle diese Gebilde Zeit behaftet sind: mit der Sterblichkeit ihrer Leitfiguren, mit der Veränderung der Gesellschaft und Technik und der Welt drum herum verändern sich Systeme und ihre Kontexte unaufhaltsam. Die Versuchung der totalen Kontrolle durch kleine Machtzirkel ist immer gegeben und ist immer auf Scheitern programmiert, ein Scheitern, dass vieles zerstört, viele in den Tod reist, … Jahrzehnte spielen keine Rolle; Jahrhunderte sind das minimale Zeitmaß für grundlegende Ideen und Änderungen. Die Geschichte ist hier ein unerbittliches Protokoll der Wahrheiten (was solche kurzfristigen Machtinszenierungen gerne verschweigen und fälschen).

WAHRE VISIONEN

  1. Parallel gab es immer auch die Vision einer Menschheit die lernt, die es schafft, gemeinsam Egoismus und Wahnsinn zu verhindern, Humanität allgegenwärtig zu machen, eine Vision der Zukunft zu entwickeln, in der alle vorkommen.
  2. Die historische Realität erzählt uns aber, dass bislang alle Visionen zu schwach waren. Reich – Arm, Gebildet – Ungebildet, Mächtig – machtlos sind Koordinaten eines Raumes, in dem die Wirklichkeit bis heute ungleich verteilt ist.
  3. Wahr ist aber auch, dass der Prozess des Lebens auf der Erde, wie immer er laufen wird, nur dann eine Richtung in eine gemeinsame, nachhaltige, friedliche Zukunft für alle nehmen kann, wenn es genügend Menschen gibt, die über eine Vision, über den Ansatz eines Bildes von solch einer gemeinsamen lebensfähigen Zukunft besitzen, die ihr Handeln gemeinsam leitet, eine Vision die ‚wahr‘ ist im Sinne, dass sie eine Welt beschreibt und schafft, die tatsächlich für alle das gibt, was sie suchen und brauchen.

GENEINSAME LERNPROZESSE

  1. Die Geschichte Europas vom antiken Griechenland bis in die Gegenwart ist ein Beispiel, an dem man studieren kann, wie eine ganze Epoche (das lateinische Mittelalter) durch ein gemeinsames Nachbuchstabieren vorausgehender Gedanken zu sich selbst und dann zu etwas ganz Neuem gefunden hat. In der Gegenwart kann man das Gefühl haben, dass das Neue wieder zu zerfallen droht, weil man immer mehr nur auf einzelne Teile schaut und nicht auf das Ganze.
  2. Ein Beispiel ist das wundersame Werk Wikipedia: eine solche Enzyklopädie (bei allen realen Schwächen) gab es noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Aber diese Enzyklopädie liefert nur unverbundene Einzelteile. Wo sind die Modelle, die die Zusammenhänge sichtbar machen? Wo sind die gemeinsam geteilten Modelle, die alle nachvollziehen können? Welche transparenten Mechanismen der Bewertung bräuchte man?
  3. Die Physiker, Chemiker, Biologen liefern ansatzweise Modelle für Teilbereiche. Das ist gut. Aber es sind nur sehr partielle Modelle und solche, die nur die Forscher selbst verstehen. Der Rest der Welt versteht nichts, ist außen vor, und trotz hochentwickelten Teilmodellen blühen Aberglauben, vereinfachende religiöse Überzeugungen, Esoterik und Ähnliches in einem Ausmaß, was (erschreckend) staunen lässt. … Und die Politik schafft wichtige Wissenschaften sogar wieder ab, weil die Politiker gar nicht verstehen, was die Forscher da machen (im Bereich Cyber- und Drohnenkrieg leider genau umgekehrt…).
  4. Die geistige Welt scheint also zu zerfallen, weil wir immer höhere Datengebirge erzeugen, und immer weniger interpretierende Modelle, die alle verstehen. (BigData liefert ‚Oberflächenmodelle‘ unter Voraussetzung, dessen, was ist, aber geht nicht tiefer, erklärt nichts, und vor allem, ist blind, wenn die Daten schon Schrott sind).
  5. Die Frage ist also, wie kann eine ganze Epoche aus der Zersplitterung in alte, schlechte, unverständliche Modelle der Welt zu etwas mehr gemeinsamer nachhaltiger Modellbildung kommen?

DAS GUTE UND WAHRE SIND EIN SELBSTZWECK

  1. Der einzige Grund für das ‚Gute‘ und ‚Wahre‘ ist das ‚Gute‘ und ‚Wahre‘ selbst. Die Alternativen erkennt man an ihren zerstörerischen Wirkungen (allerdings nicht immer sofort; Jahrzehnte sind die Sekunden von Kulturgeschichte, Generationen ihre Minuten, Jahrhunderte ihre Stunden ….).
  2. Der je größere Zusammenhang ist bei empirischer Betrachtung objektiv gegeben. Wieweit sind wir aber in der Lage, diese übergreifenden objektiven Zusammenhänge subjektiv zu fassen, so zu verinnerlichen, dass wir damit ‚im Einklang mit allem‘ positiv leben können?
  3. Die Geschichte sagt ganz klar, dass es nur gemeinsam geht. Wie wird aus vielen einzelnen eine geistige (rational begründete) und emotionale Gemeinschaft, die heute das tut, was auch morgen Sinn macht?
  4. Man kann ja mal die Frage stellen, warum (um einen winzigen Aspekt zu nennen), Schulen und Hochschulen es nicht als eine ihrer Hauptaufgaben ansehen, die Wikipedia der Fakten (Wikipedia Level 0) mit zu pflegen, um gleichzeitig damit zu beginnen, eine Wikipedia der Modelle (Wikipedia Level 1) aufzubauen?
  5. Philosophische Überlegungen, die ernsthaft anlässlich der realen Welt über diese reale Welt und ihre impliziten kognitiven Räume nachdenken wollen, könnten dann Level 0 + 1 als natürliche Referenzpunkte benutzen, um die kritische Reflexion über das Weltwissen weiter voran zu treiben.
  6. Ja gewiss, dies alles ist nur ein Fragment. Aber als einzelne sind wir alle fragmentiert. Leben ist die Kunst der Überwindung der Fragmente in höheren, lebensfähigen Einheiten ….

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KREATIVITÄT IST DAS HERZSTÜCK DER BIOLOGISCHEN EVOLUTION

Dieser zusätzliche Hinweis ist notwendig, um zu verstehen, worum es in dem Beitrag mit dem Titel SIND VISIONEN NUTZLOS? geht.

Viele unserer vertrauten Begriffe müssen wir neu lernen, wenn wir hinschauen, wie das Leben wirklich ist, nicht, wie wir es uns im Alltag gerne zurecht basteln.

Der Mensch in Gestalt des homo sapiens (sapiens) ist grandios, aber doch nur ein Teil eines noch größeren Ereignisses….

 

SIND VISIONEN NUTZLOS?

Letzte Aktualisierung: 23.Okt.2016 (Formeln wegen Lesbarkeit entfernt)

VERTRAUTER ALLTAG

  1. Jeder kennt das aus seinem Alltag: Menschen tun ihre Pflicht, man tut, was man kennt; Gewohnheiten, Vorschriften, Verordnungen, Gesetze weisen einem den Weg.
  2. Dies hat etwas Vertrautes, es stützt Erwartungen, macht das Geschehen ansatzweise überschaubar, gar berechenbar, man kann ansatzweise planen.
  3. Dann gibt es noch die zeitlichen Rhythmen Woche, Monat Jahreszeiten, Jahr; Fixpunkte des Erinnerns, Planens und Erwartens.
  4. Diese Rhythmen, die erkennbaren Regelhaftigkeiten, spannen einen Raum auf für das mögliche Geschehen, ermöglichen die Koordination mit anderen: Treffen, Urlaubsreisen, Feiern, Freizeiten, Umsatzplanung, Produktionszyklen, Finanzierungsmaßnahmen, Marketingaktionen, Einstellungspläne, Kooperationen mit Zulieferern, Wahlkampfpläne, Gesetzesprojekte im Parlament, ….

… WENN ER WANKT

  1. Ohne diesen erkennbaren und erwartbaren Raum gerät alles ins Schwimmen, entsteht Unsicherheit, werden Pläne unmöglich, das Erreichte fängt an zu Wanken: wird es bleiben? Wie wird es weitergehen?
  2. Die normale Reaktion eines homo sapiens (sapiens) in solch einer Situation sind Unruhe, Sorgen, Ängste, wenn man die Bedrohlichkeit der Situation zu realisieren beginnt. Dies kann in Existenzängste übergehen, Suche nach Rettung, nach Alternativen, nach Ursachen, Verursachern. Was hat dazu geführt? Warum ist das so? Was kann ich tun?

BLICK ZURÜCK

  1. Phasen der Stabilität, des Wohlstands gab und gibt es in der Geschichte des homo sapiens (sapiens) immer wieder. Manchmal Jahrzehnte, mal mehrere Generationen, bisweilen mehrere hundert Jahre. Aber noch nie waren solche Phasen ewig.
  2. Diese Phasen relativer Ruhe mit relativem Wohlstand waren nie monoton, gleichförmig: von sehr reich und mächtig bis sehr arm und rechtlos reichte die Bandbreite immer. Die Armen lebten von der Hoffnung auf den möglichen größeren Reichtum, und die Reichen und Mächtigen lebten von ….?
  3. Länger andauernder Wohlstand setzt immer lang andauernde stabile Verhältnisse voraus in denen all jene Tätigkeiten stattfinden können, die Nahrung ermöglichen, Wohnräume jeglicher Art, Handwerk, Verkehr, Technologien, Regeln des Zusammenlebens, Sicherung von Ordnung durch effektive Bestrafung der Abweichler, Sicherung von Ordnung durch effektive Abwehr nach außen, Weitergabe und Entwicklung von Wissen, geeignete Ausbildung von Menschen zum Erhalt der bestehenden Abläufe, notwendige Rohstoffe, geeignete Ökosysteme …..
  4. Je komplexer eine Gesellschaft des homo sapiens (sapiens) war, umso anfälliger wurde sie: Naturkatastrophen gab und gibt es immer wieder: Zu viel Regen, zu wenig Regen, schwere Unwetter mit Blitzen, Feuerereignissen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Meteoriteneinschläge, Asteroiden; dazu mikrobakterielle Veränderungen, die sich in neuen Krankheiten zeigten, auf die das menschliche Immunsystem nicht sofort eine Antwort fand, …
  5. Auch gab es Ressourcenknappheiten: Erde erschöpft sich, Trinkwasser geht zur Neige, zu wenig Nahrung für die lebenden Menschen (und Tiere), Energiequellen versagen, Arten sterben aus, Verschmutzung der Umwelt macht vieles unbrauchbar, …
  6. Manche Veränderungen sind punktuell in Raum und Zeit, andere dauern an, erstrecken sich über größere Regionen, oder sind periodisch (Überschwemmungen, Brände,…)…

REAKTIONEN AUF VERÄNDERUNGEN

  1. Auf viele lebensfeindliche Ereignisse kann der homo sapiens (sapiens) reagieren, wenn er davon Kenntnis hat und hinreichend viele Menschen sich einig sind, wie sie es verhindern können und sie es auch gemeinsam wollen. Andere sind schwer voraussagbar, sind zu selten und schwer erkennbar; wieder andere setzen sehr viel Wissen, hinreichende Technologien, und hinreichende kulturelle und politische Strukturen voraus, um darauf langfristig und nachhaltig reagieren zu können (Klima, Ressourcenzerstörung, Verhältnis von Ernährung und Bevölkerung, …).

AUFBÄUMEN GEGEN BEDROHUNG(EN)

  1. Auffällig ist, dass aber zu allen Zeiten die Menschen bei Bedrohung, Unglücken, Katastrophen nach Ursachen suchen, nach Verursachern oder nach eigener Schuld. Der Wille zum Leben gibt sich nicht mit dem Ereignis zufrieden. Der Wille zum Überleben sucht nach Anhaltspunkten, wie man Bedrohungen abwehren, sie überwinden kann. Aber welche Chancen hat ein einzelner homo sapiens (sapiens), eine ganze Population von Menschen?
  2. Eines ist ganz klar, was immer ein homo sapiens (sapiens) tun will, er hängt von dem Wissen ab, was sich gerade in seinem Kopf befindet, von den Handlungsmöglichkeiten der aktuellen Situation, und von der Fähigkeit, sich mit anderen zu koordinieren.
  3. Und in ungewöhnlichen Situationen zeigt sich eines sehr deutlich: auch wenn man aktuell nichts wirklich tun kann, wenn man nicht wirklich weiß, was man tun kann, dann tendiert der homo sapiens (sapiens) dazu, irgend etwas zu tun, nur um das Gefühl zu haben, er tue ja etwas. Das Gefühl des Nichtwissens, der Alternativlosigkeit, der darin aufkeimenden Ohnmacht ist so unerträglich, dass der homo sapiens (sapiens) dann irgend etwas tut, nur um nicht Nichts zu tun.
  4. Ist das dumm? Ist das primitiv? Ist das lächerlich? Ist das gefährlich?
  5. Halten wir einen Moment inne und schauen zurück (weil wir heute vieles wissen können, was hunderte, tausende Generationen vor uns nicht wissen konnten).

VOR SEHR LANGER ZEIT (KEIN MÄRCHEN)

  1. In der Zeit vor dem homo sapiens (sapiens) – viele Milliarden Jahre – als es nur einzelne Zellen oder einfache Zellverbände gab, beherrschte das biologische Leben zwar die Kunst, sich selbst zu vermehren (bis heute eines der größten Wunder im Universum und noch immer nicht vollständig aufgehellt!), aber das biologische Leben in Gestalt der Zellen verfügte über keinerlei Möglichkeit, in der aktuellen Situation der Selbstreproduktion im großen Maßstab über Alternativen, Varianten, mögliche Szenarien nachzudenken. Es besaß keinerlei Wissen über die weitere Zukunft. Die Zukunft war eine unfassbar große Wand des Nichtwissens, undurchdringlich. Das einzige, was verfügbar war, das waren genetisch kodierte Informationen über solche Baupläne, die in der zurückliegenden Geschichte überlebt hatten. Überlebt in einer Welt, der Erde, die selbst in beständiger Veränderung war, tiefgreifenden Veränderungen. Alles, was bisher erfolgreich war garantierte in keiner Weise, dass es morgen auch noch erfolgreich sein würde. Das Leben stand vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe: es musste Formen annehmen, die in einer Welt überleben können, die als solche noch nicht bekannt waren.
  2. Zu einem bestimmten Zeitpunkt t definierten die vielen genetisch kodierten möglichen Baupläne G in den Zellen mögliche Lebensformen L, die sich in der Vergangenheit in einer bestimmten Umwelt U bewährt hatten. Diese Umwelt ist aber nicht statisch sondern dynamisch, d.h. von einem Zeitpunkt t zu einem anderen späteren Zeitpunkt verändert sie sich nach bestimmten Regeln V; diese Veränderungsregeln sind dem Leben zum Zeitpunkt t nur partiell bekannt, und nur indirekt, kodiert im genetischen Kode. Heute wissen wir (wir glauben es zu wissen), dass diese Veränderungsregel V ein Bündel von Regeln ist, die unterschiedlich stabil sind, weil eine Veränderung der Umwelt U auch zurück wirkt auf manche Aspekte der Veränderungsregel V. Wir haben also eine Veränderungsregel V, die sich im Laufe der Zeit partiell selbst ändert …
  3. Im Nachhinein betrachtet hatte das biologische Leben extrem schlechte Karten. Keine Bank dieser Welt hätte einem solchen Kandidaten einen Kredit gewährt; keine Versicherung dieser Welt würde das Risiko des Lebens zu den frühen Zeiten versichert haben; kein Investor dieser Welt hätte je in das Projekt des Lebens investiert; keine bekannte politische Bewegung hätte auf dieses Leben gesetzt, keine Religion dieser Welt hat jemals über dieses biologisch Leben geredet …. Ein Grund dafür ist sicher, dass die menschliche Akteure von der Art homo sapiens (sapiens) nur eine vergleichsweise verschwindend geringe Lebenserwartung haben verglichen mit den Zeiträumen, in denen sich das Projekt des Lebens auf der Erde (und damit auch im Universum) in seinem sichtbaren Teil in vielen Milliarden Jahren entwickelt hat.
  4. Rein Mathematisch (soweit wir heute Mathematik entwickelt haben) hatte das biologische Leben vor dem homo sapiens (sapiens) keine wirkliche Chance, und dennoch hat es überlebt, 3.8 Mrd Jahre im sichtbaren Teil. Wie? Warum?

DAS NOTORISCH UNBERECHENBARE AM LEBEN

  1. Das biologische Leben hat bis heute viele unaufgeklärte Geheimnisse. Neben dem Selbstreproduktionsmechanismus, der wertvolle Informationen aus der Vergangenheit enthält, ist der Prozess der Weitergabe von Informationen und deren Umsetzung in eine neue, lebensfähige Struktur, nicht deterministisch, nicht 1-zu-1!
  2. Der Prozess ist aus sich heraus vielfältig, lässt Variationen zu, Abweichungen, schafft neue Kombinationen, so dass die Menge der genetisch kodierten Informationen G in den Zellen eben nicht eine eindeutige Menge L von möglichen Lebensformen kodiert, sondern eine partiell undefinierte Menge L*, die sich aus den Variationen innerhalb des Prozesses herleiten. Diese Menge L* weicht von der Erfahrung der Vergangenheit mehr oder weniger stark ab. Sofern die neue Umwelt U‘, die auf eine aktuelle Umwelt U aufgrund der jeweiligen Weltveränderungsregel V folgt, mit der ursprünglichen Umgebung U hinreichend ähnlich ist, hatte jener Anteil von Lebensformen in den neu realisierten Lebensformen L*, die noch den alten Lebensformen L entsprachen, gute Chancen, zu überleben. Diejenigen Lebensformen in L*, die zu neu waren, möglicherweise nicht. Sofern aber die neue Umwelt U‘ sich von der vorausgehenden Umwelt U in machen Punkten unterscheidet, haben dagegen die Lebensformen, die den vorausgehenden Lebensformen L ähneln, weniger Aussichten auf das Überleben; die Lebensformen aus der neuen Menge von Lebensformen L*, die sich von den alten Lebensformen L hingegen unterscheiden, möglicherweise schon. Vor dem Ereignis von L* in U‘ konnte der Mechanismus der Selbstreproduktion dies nicht wissen; volles Risiko war notwendig! Man kann dies die Urform von Kreativität nennen, von Genietum, von Verrücktheit ….Es ist tief verwurzelt im Kern des geheimnisvollen Lebens…
  3. Normale wahrscheinlichkeitstheoretische Modelle sind nicht in der Lage, diese Prozesse angemessen zu beschreiben. In jeder Phase des Lebens (und es gab ja Millionen von Phasen) sind sie zum Scheitern verurteilt.
  4. Fakt ist nur, dass das Leben mit dieser Methode aus Erinnerung (= genetisch kodierte Informationen aus der Vergangenheit) + voll riskante Variationen (Würfeln gegen die unbekannte Zukunft) es geschafft hat, eine wahrscheinlichkeitstheoretische Unmöglichkeit in ein (bisher) Erfolgsmodell zu verwandeln, das eine Komplexität erreicht hat (z.B. allein der Körper eines einzelnen homo sapiens (sapiens) besitzt etwa 120 Milchstraßen-Galaxien an Zellen, die hochkomplex miteinander interagieren), die unser aktuelles Verstehen noch weitgehend überfordert.

LEHREN AUS DER VERGANGENHEIT?

  1. Was das biologische Leben uns, die wir ein Produkt dieses Lebens sind – und auch nur ein Teil davon – damit sagen kann/ will, ist ziemlich klar. Ein aktuelles Wissen von der Welt und dem Leben auf der Erde (und im Universum) ist niemals vollständig. Die objektiven Grenzen eines aktuellen Wissens zu überwinden kann nur gelingen, wenn man sich nicht in den objektiven Grenzen einmauert, sondern diese Grenzen durch ein ganzes Feuerwerk an Experimenten jenseits des Bekannten zu durchbrechen, zu überwinden sucht. Dies kann man Kreativität nennen, Visionen, Träume, Verrücktheit, Genietum … egal wie wir es nennen, ohne ein hinreichendes Maß an Verrücktheit, Kreativität, Mut zum Risiko hat das Leben keine Zukunft. In einer dynamischen Welt kann das Wissen um die Vergangenheit nicht der alleinige Maßstab für die mögliche Zukunft sein. Hätte das biologische Leben in der Vergangenheit nur das wiederholt, was bislang Erfolg hatte, es wäre schon lange gescheitert. Die Wahrheit des Lebens liegt nicht nur in ihm selbst, sondern in ihm und in Wechselwirkung mit einer dynamischen Umgebung, also mindestens mit dem bekannten Universum.
  2. Jetzt werden manche sagen, dass wir ja heute so viel mehr wissen. Wir können die Entstehung des bekannten Universums sehr weitgehend nachvollziehen und simulieren; wir haben technisches Knowhow, komplexe Maschinen, Gebäude, ganze Städte zu bauen; wir haben neue Informationstechnologien, um mehr Daten zu verwalten, sie zu finden, sie neu zu kombinieren ….
  3. Das ist richtig. Das Leben hat in Gestalt des homo sapiens (sapiens) Handlungsräume ermöglicht, die noch vor 100-200 Jahren unvorstellbar waren.
  4. Wahr ist aber auch, dass wir zunehmend die inhärenten Grenzen der bisherigen Methoden erkennen: der homo sapiens (sapiens) ist dabei, die Lebensgrundlage Erde weitgehend und nachhaltig zu stören oder gar zu zerstören. Die neue Vielfalt an Wissen, Lebensformen, Handlungsmöglichkeiten überfordert das aktuelle Format des Erlebens und Verstehens eines einzelnen homo sapiens (sapiens). Statt Frieden weltweit und Wohlstand für alle produziert der homo sapiens (sapiens) krasse Unterschiede zwischen Reich und Arm, zwischen Ernährung und Wasser im Überfluss in einer Region und Hunger und Wassermangel in einer anderen; statt globaler Friedensgesellschaft mit gemeinsamer Verantwortung (Vision der United Nations) beobachten wir wieder eine Tendenz zum Nationalismus, zur Radikalisierung, zu Fanatismus, zu Vereinfachungen.
  5. Die begrenzte Lebenszeit des homo sapiens (sapiens) und sein biologisch begrenztes Verstehen werden zum Stolperstein, das größere Ganze, den Zusammenhang zwischen allem, die großen Perspektiven wahrzunehmen und danach zu handeln. Die sogenannten nationalen Führer erweisen sich als krasse Zwerge gemessen an den Anforderungen der je größeren Zukunft.
  6. Mathematisch ist die Prognose für den homo sapiens (sapiens) als Teil des Lebens wie schon immer schlecht.
  7. Die Botschaft der Vergangenheit sagt aber, im Phänomen des Lebens steckt mehr als das, was die endlichen Gehirne eines homo sapiens (sapiens) bislang denken.
  8. Die Zukunft wird erzählen, was stimmt. Ganz unbeteiligt sind wir nicht. Visionen sind nicht unbedingt schlecht. Wir alle sind ein Produkt der Visionen von vielen Milliarden Jahren von aberwitzig vielen Experimenten.

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Buch: Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab? – Kapitel 3

!!! Dieses Kapitel wurde als Teil des Buches vorläufig wieder gestrichen !!!

VORBEMERKUNG: Der folgende Text ist ein Vorabdruck zu dem Buch Die andere Superintelligenz. Oder: schaffen wir uns selbst ab?, das im November 2015 erscheinen soll

Formen des Bösen

Im 20.Jahrhundert gebar der homo sapiens in den vielen Kriegen und Demoziden Gestalten des Bösen von unfassbarer Dunkelheit. Zugleich entsprangen seinem Gehirn Bilder, Visionen, und auch institutionelle Ansätze, eines besseren Lebens für alle Menschen, wie es sie in dieser Form und in diesem Ausmaß zuvor noch nie gegeben hatte. Wie ist so etwas möglich? Wie ist dieses möglich angesichts der Tatsache, dass wir in den nachfolgenden 15 Jahren des 21.Jahrhunderts den Eindruck haben können, dass die Hervorbringung des Grausamen bei gleichzeitigen Anzeichen eines ‚menschlicheren‘ Lebens sich fortzusetzen scheint?

Zombies und so

In den Kinos, vor dem Fernseher — oder dem Videobildschirm — gibt es Gattungen von Filmen, die sich konstant großer Beliebtheit erfreuen: Katastrophen- und Horrorfilme.

Man sieht erst ein wenig Alltag, wie man ihn kennt; Menschen wie Du und ich, Familien, Kinder, die Mitgefühl erregen.

Dann bricht etwas Furchtbares herein: aggressive Tiere bedrohen das Leben von Menschen, jene, die man sympathisch findet. Gefährliche Krankheitserreger breiten sich aus und töten Menschen. Oder, viel interessanter, infiziert Menschen töten nicht, sie greifen andere Menschen an und verwandeln diese in furchterregende Wesen, in Monster, die keine Menschen mehr sind, sondern fremdgesteuerte Wesen, die äußerlich nur noch aussehen wie Menschen.

Wenn diese Katastrophen endzeitlich-apokalyptische Ausmaße annehmen, dann tritt — zumindest in US-Amerikanischen Filmen — unweigerlich das Militär auf den Plan. Wenn überall das Leben zerbricht, das öffentliche Leben, der Verkehr im Chaos versinkt, dann erscheint das Militär als letzte Bastion der Ordnung, als letzte Zuflucht. Hier gibt es noch Oben und Unten, hier gibt es noch einen Rest an Wahrheit, hier sammeln sich die Glücklichen, die Auserwählten.

Die Erlösung naht in Form von etwas Materiellem: die Biologie der entarteten Wesen zeigt eine Schwachstelle, man findet ein Gegenmittel, der Spuk kommt zum Stillstand. Alles ist wieder gut.

In diesen Szenarien ist das ‚Böse‘ etwas konkret Fassbares, etwas Materielles. Materielles kann man im Prinzip kontrollieren. Ein endlich Böses ist besiegbar.

Die Anderen von nebenan

Das andere Drehbuch des Grauens spielt vorzugsweise in der Realität.

Soweit das geschichtliche Auge schauen kann findet sich das bizarre Phänomen, dass Menschen im ‚anderen Menschen‘ nicht nur den Freund gesehen haben, sondern auch, sehr oft, manchmal überraschend spontan, das ‚Fremde‘, das ‚Angstauslösende‘, das ‚Bedrohliche‘, den ‚Feind‘.

Der ‚Andere‘ kann in diesem Drehbuch praktisch von jedem gespielt werden: in einer Ansiedlung können es die ‚Zugezogenen‘ sein, die ‚Jenseits des Flusses‘, die ‚im Nebental‘; eine andere Sprache, eine andere Haarfarbe oder andere Hautfarbe können zum Unterscheidungsmerkmal werden; andere Sitten, andere religiöse Rituale … es muss nur irgendwie anders sein, etwas , woran man einen Unterschied festmachen kann.

Gibt es den anderen, ist er die ideale Projektionsfläche für alle Arten von Ängsten, Vorurteilen und Aggressionen. Grausamkeiten, Tötungen, Kriege leben von diesem Anderen. ‚Die da‘ ärgern uns, schränken uns ein, bedrohen uns; sie müssen weg. …

Dieses Böse im Anderen ist nur vordergründig materiell. Tatsächlich ist das Böse hier vielfach eine Projektion unserer Ängste auf die anderen gepaart mit Unwissenheit. Dieses Böse kann nicht sterben, solange unsere Ängste nicht sterben, solange wir in der Unwissenheit verharren.

Verdeckt und Unsichtbar

Wenn wir gegen wilde Tiere in den Krieg ziehen, gegen Monstermenschen und den furchtbaren Anderen, die unser Leben bedrohen, spielt die Frage nach dem ‚Warum‘ gewöhnlich keine Rolle. Das ‚Böse‘ ist für uns, die wir von Ängsten eingehüllt sind, so augenscheinlich, so greifbar, dass sich eine Diskussion zu erübrigen scheint.

Aus der Geschichte der Justizirrtümer sind zahllose Beispiele bekannt, wonach Verurteilte im Nachhinein als Unschuldige erkannt werden konnten. Eine sehr gründliche Untersuchung aus neuester Zeit im Umfeld der Todesurteile in den USA deckte auf, dass mindestens 4% der zum Tode Verurteilten zu Unrecht zum Tode verurteilt sind. Tatsächlich kann der Anteil deutlich höher sein. Dies ist erschreckend.

Nicht weniger erschreckend sind die Zahlen, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in seinem Krankenhaus-Report 2014 mit dem Titel Wege zu mehr Patientensicherheit in der Pressekonferenz vom 21. Januar 2014 in Berlin vorlegte. Danach muss man von ca. 1% Behandlungsfehlern ausgehen, was 2011 ca. 188.000 Menschen betraf, und von ca. 0.1% tödlichen Fehlern, was ca. 18.800 Menschen betraf. Nach Prof. Dr. Max Geraedts sind dies etwa fünfmal so viel Tote wie im Straßenverkehr.

Das ‚Böse‘, was sich hier auswirkt, ist nicht das, was man direkt sieht oder greifen kann, sondern das, was man nicht sieht, weil man es erst gar nicht tut, das Nicht-Augenscheinliche, das im falschen Verhalten der Krankenhausteams gründet, wegen Unwissenheit oder Überlastung oder … Diese Form des Bösen wird nicht aussterben, so lange diese Krankenhausteams sich als Team nicht kritischer selbst betrachten, sich als Team nicht gemeinsam verbessern.

Im Auge des Betrachters

Etwas nicht zu sehen, etwas zu übersehen, oder es ganz anders zu sehen als es tatsächlich ist, dies sind Phänomene, die uns zum Thema Wahrnehmung führen.

Von der visuellen Wahrnehmung wissen wir, dass jedes einzelne Auge (linkes Auge, rechtes Auge) aufgrund seiner Bauweise einen sogenannten Blinden Fleck aufweist. Dies bedeutet, dass jedes Auge für sich einen bestimmten Bereich in seinem Sehfeld nicht abbilden kann; er ist quasi unsichtbar. Dass wir dennoch keine ‚Löcher‘ sehen, liegt daran, dass der blinde Fleck in jedem Auge in einem anderen Bereich des Sehfeldes liegt. Das linke Auge sieht dort etwas, wo das rechte Auge seinen blinden Fleck hat, und umgekehrt. Dass aus beiden Einzelbildern ein Gesamtbild ohne Flecken wird, das ist dann der Beitrag des Gehirns; dieses rechnet beide Bilder zu einem Bild zusammen.

Direkter erfahrbar ist diese erstaunliche Kompositionsleistung des Gehirns, wenn man sich eines der vielen Bücher zur PEP-Art nimmt, in denen nach der P.E.P.S.I.P-Methode (Periodic Pattern Stereo IllusionPicture) zweidimensionale Bilder so abgedruckt sind, dass man beim Betrachten mit dem bloßen Auge plötzlich dreidimensionale Bilder sehen kann (Quelle: PEP-ART. 3-D-Bilder der neuen Art, Südwest Verlag GmbH & Co.KG, München, 1994, ISBN 3-517-01632-2. Vgl. dazu auch den Eintrag Stereoskopie in der deutschen Wikipedia.).

Schlägt man ein beliebiges Bild aus solch einem Buch mit stereoskopischen Bildern auf, dann sieht man zunächst nur zweidimensionale Figuren auf einem Blatt. Fixiert man das Bild auf die richtige Weise, verwandelt sich das Bild ‚im Auge des Betrachters‘ plötzlich zu einem dreidimensionalen Bild, in dem dreidimensionale Objekte sichtbar werden, die man im zweidimensionalen Bild noch nicht sehen kann. Es ist nicht das gedruckte Bild im Buch, das sich ändert, sondern die Verarbeitung des Bildes im Gehirn. Das Gehirn ist dafür ausgelegt, die zweidimensionalen Informationen auf der Netzhaut in dreidimensionale Strukturen umzurechnen.

Unser Gehirn lässt uns also ganz realistisch Objekte und Räume in einer räumlichen Struktur sehen, die es ‚draußen in der Außenwelt‘ gar nicht gibt.

Analog kann man auch im Bereich des Hörens Phänomene entdecken, bei denen wir subjektiv einen realistischen Eindruck haben, die aber Eigenleistungen unseres Gehirns darstellen und denen nichts in der Außenwelt korrespondiert . Am bekanntesten ist wohl der Stereoeffekt, bei dem wir hören können, wie ein Ton im Raum hin- und herwandert, obgleich wir im einfachsten Fall nur zwei Lautsprecher haben, die fest an ihrem Ort stehen. Für viele — leidvoll — bekannt ist der Tinnitus-Effekt: Menschen hören in ihrem Ohr Töne, z.T. sehr laut, denen aber außerhalb des Ohres nichts entspricht; wieder eine Eigenleistung des Gehirns.

Die Liste von Beispielen der sogenannten Sinnestäuschungen könne man noch erheblich verlängern. Die Grundbotschaft ist die, dass unsere sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt keine 1-zu-1 Abbildung ist und dass sie durchgehend auf einer Aktivität unseres Gehirns beruht, das dabei sehr wohl auch eigene Wege geht. Es lässt uns Dinge wahrnehmen, die es so als sinnliches Ereignis gar nicht gibt, die sich im Zusammenhang aber oft als nützlich erwiesen haben.

Das ‚wirkliche‘ Bild des Bösen wahrzunehmen, ist schon in der sinnlichen Wahrnehmung keine Selbstverständlichkeit. Die Dominanz unseres Gehirns in der Berechnung der Wirklichkeit ist immer da; unser Gehirn erzählt uns permanent eine Geschichte von einer Welt ‚da draußen‘, weil es besorgt ist, uns einen ’sinnvollen Gesamteindruck‘ zu vermitteln. Unser Gehirn trägt ‚in sich‘ ein Konzept von ‚Sinn‘, bevor wir darüber nachdenken können, was ’sinnvoll‘ ist. Und wer zweifelt schon an seinem eigenen Gehirn?

Chemischer Handlungsdruck

Hunger

Wir alle kennen das ungegenständliche, gleichwohl deutlich spürbare Gefühl von ‚Hunger‘. Ab einem bestimmten Punkt kann es uns unruhig machen, kann es uns in Bewegung setzen, um etwas zum Essen zu finden. Hält dieser Zustand länger an, wird er zum Begleiter über Tage oder gar Wochen, beginnt er die Existenz zu bedrohen; der Handlungsdruck kann übermächtig werden; man wird alles tun, um etwas zum Essen zu finden.

In glücklichen Fällen trifft man auf andere Menschen, die einem helfen, die ihr Essen mit uns teilen; der mögliche Beginn einer Freundschaft. Doch wenn diese andere Menschen nicht ans Teilen denken, wenn Sie uns Hungrige verstoßen, dann kann aus solcher einer Situation ein Konflikt entstehen: wir sind dann die Anderen, die Fremden, die Bedrohlichen, die man bekämpfen muss, und wir selbst werden — möglicherweise — zu Kämpfern für unsere eigene Existenz. Für uns sind dann die ‚Besitzenden‘ die Anderen, die Fremden, die, die man angreifen darf.

Tödliches Verhalten entsteht dann aus einer Bedürfnissituation von Menschen, die aus ihrem Innern aufsteigt, die als innerer Konflikt gefühlt wird, der die eigene Existenz bedroht.

Für die, die von uns angegriffen werden, werden wir zu den ‚Bösen‘, die ihr Leben bedrohen. Wir selbst sehen uns im Recht, da wir unser Leben erhalten wollen. Das ‚Böse‘ der anderen ist für uns das ‚Gute‘. Das Böse wie das Gute wohnt im Lebensnotwendigen; es entspringt der Art, wie Leben für uns funktioniert, wie es sich uns im Körpergefühl mitteilt.

Durst

Die Verfügbarkeit von Süßwasser bzw. das Fehlen von diesem wird seit Jahren von immer mehr Organisationen dokumentiert. Der Mangel ist schon heute sehr groß und eine Quelle von deutlichen Menschenrechtsverletzungen und von großen potentiellen Konflikten

Die Bedrohung des Lebens für die einen, kann zur Bedrohung des Lebens für die anderen werden, wenn sie nicht freundschaftlich teilen. Die wechselseitige Anerkennung der Existenz verbindet, gibt Kraft für eine gemeinsame Zukunft.

Drogen

Während Hunger und Durst zurückgehen auf Stoffwechselprozesse des Körpers, die für die Lebenserhaltung wichtig sind, kann der Mensch durch Zufuhr von unterschiedlichen Drogen im Körper einen chemischen Kreislauf in Gang setzen, der sich bis zu einem gewissen Grade verselbständigen kann. Wir sprechen dann von Sucht: der/ die Betroffene hat dann ‚in sich‘ einen chemischen Prozess ‚geboren‘, der immer neu nach ‚Nachschub‘ verlangt, nach bestimmten chemischen Stoffen, die das ‚innere Verlangen‘ stillen sollen. Wie wir wissen, führt dies bei vielen Drogen körperlich zu einer voranschreitenden Zerstörung, psychisch zu einer Abhängigkeit und sozial zu immer mehr Ausfällen in normalen Abläufen, zu Ausgrenzungen und zu Stigmatisierungen. Ohne Hilfe von außen ist ein einzelner meist kaum in der Lage, diesen chemischen Kreislauf in sich zu stoppen. Der Handlungsdruck ist so groß, dass es zur sogenannten Beschaffungskriminalität kommt oder zu Menschen erniedrigenden Abhängigkeiten. Der Zerfall, das Böse, das als Existenz zerstörend im Verhalten Ausdruck findet, ist nicht ‚in der Welt‘ verursacht, sondern ‚im Menschen selbst‘, in der Art und Weise, wie seine inneren chemischen Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten sind.

In der Sucht verliert der Mensch die Kontrolle über die chemischen Prozesse in sich. In der Sucht zeigt sich die innere Chemie des Körpers als ein ‚wildes Tier‘, als ein ‚inneres Monster‘, das einen Menschen von innen steuert, ihn zu einem ‚Zombie‘ macht, ihn von innen auffrisst.

Sexualität

Ein anderer ‚innerer Faktor‘ ist die Sexualität. So wie Hunger und Durst angeborene Bedürfnisstrukturen sind, die sich im Verhalten auswirken, so ist auch die Sexualität eine angeborene Verhaltensstruktur, die im Normalfall kaum zu übersehen und für viele kaum zu unterdrücken ist. In der angeborenen Sexualität manifestiert sich die ‚Strategie des Lebens‘ für das ‚Überleben‘ durch variierende Reproduktion. Die Auslegung als komplementäre Verhaltensweisen in einem genetisch markierten weiblichen und männlichen Menschen sollte die genetische Variabilität unterstützen, und führte zu einer asymmetrischen Spezialisierung: nur die weiblichen Menschen können einen Embryo austragen.

Die Sexualität realisiert sich über chemische Prozesse, die das Verhalten beeinflussen können. Ausgelöst werden sie einerseits intern über periodische chemische Prozesse oder über externe ‚Auslöser‘, die über die Wahrnehmung zum Gehirn gelangen und dann chemische Prozesse auslösen kann. Die interne Ausschüttung von speziellen chemischen Molekülen (Hormone) kann – speziell bei Männern — zu einem als sehr stark erlebtem Handlungsdruck führen.

In den vergangenen Jahrtausenden haben die verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Verhaltensregeln ausgeprägt, innerhalb deren Menschen ihre Sexualität ’sozial verträglich‘ ausleben sollen. Unterm Strich entsteht der Eindruck, dass in von männlichen Menschen dominierten Gesellschaften die Privilegien einseitig auf Seiten der männlichen Menschen lagen bzw. auch heute noch liegen. Dies bedeutet, dass viele Gesellschaften ein Handlungsgefüge zeigen, das aufgrund des chemischen Faktors der Sexualität die weiblichen Menschen vielfach unterdrückt, benachteiligt, erniedrigt, verachtet, quält und damit auch eine Form von ‚Bosheit‘ in diese Welt hinein trägt. Statt über die inneren Ursachen eines solchen Verhaltens zu reden, wird über den inneren Faktor Sexualität geschwiegen und im Verhalten ‚Böses‘ gelebt. Noch heute gibt es Gesellschaften, in denen sich (junge) männliche Menschen über Gewalt, Machtausübung und der Vergewaltigung von weiblichen Menschen definieren ( Siehe einige Blogeinträge dazu unter cognitiveagent.org).

Auch hier finden wir das Muster, dass eine im Innern des Menschen chemisch erzeugte Verhaltenstendenz, die subjektiv als Verhaltensdruck empfunden wird, bei dem, der den Druck abbaut, als ‚gut‘ empfunden wird. Bei dem, an dem dieser Verhaltensdruck gewaltsam und darin verachtend ausgelebt wird, wird solch ein Verhalten als ‚böse‘ empfunden. Ein von der Sexualität ohne Kontrolle angetriebener Mensch (genetisch bedingt meist ein männlicher Mensch) erscheint dann phasenweise wie ein ‚Zombie‘, der alles niederreißt und darin für andere eine Form des ‚Bösen‘ verkörpert.

Fortsetzung mit Kapitel 4

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RUSSLAND, EU, USA – WIEVIEL DOGMATISMUS DÜRFEN WIR UNS ERLAUBEN?

1. In diesen Tagen erleben wir ein Schauspiel, wie es sich schon oft ereignet hat: ein Staat annektiert einen anderen Staat, andere Staaten äußern Unmut, Kritik in unterschiedlicher Form. Noch gibt es keinen größeren Krieg; ganz ausschließen kann man es nicht. Das Ganze wird vom Annektierer eingehüllt in eine Aura historischer Unausweichlichkeit: das musste jetzt sein. Teile der Bevölkerung jubeln; wie viele genau, weiß man nicht. Alle Seiten führen Argumente an, die irgendwo einen Grund finden, die aber, geht man ihnen nach, auch viele Fragen aufwerfen.

2. Was man bei allen Beteiligten vermisst, das ist die Vision einer Zukunft, in der alle Beteiligten einen attraktiven Platz haben würden. Aktuell artikulieren alle letztlich sehr partikuläre Interessen, Interessen aus der eigenen nationalen Perspektive, die so sind, dass die anderen darin keinen wirklichen Platz haben.

3. Je nach Lesart kann man dem Verhalten Russlands aus Sicht abstrakter Werte viel Kritik entgegen schleudern. Bei neutraler Betrachtung könnte man dies aber in nicht geringerem Umfang auch gegenüber den USA, deren überlegener militärischer Apparat Aktionen möglich macht, von denen die Europäer nicht einmal träumen können. Die aktuelle EU hat eine große Vision und viel Freiheit, aber umfasst eine solche Vielfalt und nationale Baustellen, die ein einheitliches Auftreten bislang mehr lähmt als befördert. Doch, was immer hinter uns liegt, letztlich zählt nur, was morgen sein wird.

Vom IST wohin? Welche VISION ermöglicht eine bessere Zukunft für uns alle?

Vom IST wohin? Welche VISION ermöglicht eine bessere Zukunft für uns alle?

4. Eine Zukunft für alle kann nur attraktiv sein, wenn jeder sich darin wiederfinden kann und keiner dadurch einen Nachteil hat. Solange eine Partei sich von anderen bedroht fühlt, missverstanden, hintergangen, wird es solch eine gemeinsame Zukunft nicht geben.

5. Eine Zukunft kann es also nur geben, wenn beispielsweise die Regierung der USA, der EU (noch gibt es keine wirkliche Regierung der EU…), und von Russland sich an einen Tisch setzen und darüber sprechen würden, was sie alle zusammen tun müssten, um den Zustand der drei Regionen zu ‚optimieren‘, und zwar so zu optimieren, dass es allen maximal gut geht: allen Bürgern, den Firmen und Institutionen, usw.

6. Würde man so vorgehen, hätten alle nur Vorteile: man könnte den materiellen Wohlstand gegenüber dem aktuellen Zustand um ein Mehrfaches steigern, man könnte gemeinsam Aufgaben in Angriff nehmen, für die man alleine derzeit zu schwach ist, man könnte die Sicherheitsanstrengungen (mindestens auf Seiten der USA) dramatisch verringern, da man gemeinsame Sache machen würde, usw.

7. Neben vielen Dingen, die man bislang lieb gewonnen hat, wäre es vor allem eines, was man grundlegend ändern müsste: man müsste begreifen, dass die Zukunft des Lebens nicht auf einer historisch zufällig gewachsenen ‚Nation‘ gründet, sondern auf der neuen kooperativen Gemeinschaft von Regionen, die es schaffen, ihre Vielfalt konstruktiv gemeinsam zu nutzen. Schon heute kann man bei internationalen Veranstaltungen (insbesondere mit jungen Menschen) erleben, dass es eigentlich kein Problem sein muss, dass 100 Nationen miteinander leben und arbeiten, sofern man sich nicht künstlich ‚verteufelt‘.

8. Ferner, und das ist vielleicht das Hauptproblem, müssten die aktuellen Machteliten in den USA, den EU und in Russland über sich selbst hinauswachsen, indem sie sich aktiv vorstellen, wie man eine neue intensive Kooperation so leben kann, dass keiner den anderen als Konkurrenten sieht, sondern als Partner.

9. Klar, dies alles ist aktuell eine (stark vereinfachte) ‚Vision‘. Aber aus der allgemeinen Lerntheorie ergibt sich, dass ‚Lernen‘ nur möglich ist, wenn man sein aktuelles Wissen immer wieder bewusst und willentlich ‚ausdehnt‘, indem man Dinge untersucht und tut, die man zuvor nicht getan hat.

10. Die menschliche Psyche hat eine starke Tendenz, sich ‚abzusichern‘, zu kontrollieren und zu beherrschen. Dies begünstigt, am ‚Status Quo‘ fest zu halten, das ‚Bekannte‘ zu bewahren, und zwar umso mehr, umso mehr man zu verlieren hat. D.h. je mehr Geld jemand hat und umso mehr Macht jemand aktuell hat um so weniger wird er bereit sein, Dinge zu verändern, es sei denn, er verspricht sich dadurch eine Vergrößerung seines eigenen Vorteils.

11. Hier geht es aber um die Zukunft ganzer Nationen, großer Regionen, um Teile der Menschheit, die ihre Aufgabe auf dieser Erde noch in keiner Weise ‚im Griff‘ hat. Die Zufriedenheit der wirtschaftlich Mächtigen und der politischen Klasse ist normalerweise nicht identisch mit dem Wohl der ganzen Nation oder ganzer Regionen.

12. Blickt man in die Geschichte zurück, dann ist dies einerseits nicht ermutigend, da man da sehen kann, dass Weltbilder und politische Machtsystem sich selten von sich aus gewandelt haben. Erst massive klimatische, geologische, technologische oder ethnische Umbrüche, die Städte, Regionen, ganze Länder verwüstet haben, eröffneten immer wieder die Chance für einen Neubeginn; dazu zahllose grausame Kriege. Europa brauchte einen 1. und 2. Weltkrieg, bis es zumindest in Ansätzen die tiefsitzenden Nationalismen überwand und eine neue gemeinsame Vision entwickeln konnte, kämpft aber weiterhin mit den alten Übeln von Gruppenegoismen und Korruption. Die USA sind Opfer ihrer eigenen Stärke geworden und haben durch viele Kriege, durch Imperialismus, durch unkontrollierte Machtideologien jegliche ethische und visionäre Kraft verloren. Russland torkelte von einem absolutistischen System in das nächste, verstand Größe immer nur durch Eroberung und Herrschaft und befindet sich zur Zeit in einem experimentellen Zustand, von dem man schwer sagen kann, was als Nächstes kommt. Die wechselseitige Wahrnehmung der USA durch Russland und umgekehrt erscheint durch unreflektierte Machtinteressen und künstliche Ideologien so verzerrt, dass beide Regionen sich schwer tun, das gemeinsame Potential einer gemeinsamen Zukunft aktuell realistisch erkennen zu können.

13. Und doch, wenn wir die Zukunft menschlich meistern wollen, gibt es keinen anderen Weg, als den, die wechselseitigen Schuldzuweisungen, Verdächtigungen und Ängste zu überwinden und zu einem real konstruktiven Miteinander zu kommen.

14. Und es gibt nur einen einzigen Weg, die wechselseitigen Blockaden nachhaltig zu überwinden: kontinuierliche Aufklärung, kontinuierliches Miteinander in Lehre, Forschung und Wirtschaft, kontinuierlich vertrauensbildende Maßnahmen.

15. Allerdings, wie man bei der Geschichte der Entstehung der Demokratien und der EU sehen kann, es braucht auch eine greifbare, gemeinsame geteilte ‚Vision‘ eines gemeinsamen Lebens, in der die nationalen Interessen ‚aufgehoben‘ sind, nicht ausgelöscht, sondern integriert, respektiert, aber im Größeren Ganzen eingeordnet. Das erfordert Menschen mit der entsprechenden Weitsicht, mit der entsprechenden persönlichen Integrität, dazu Politiker, die solches Denken und Leben können. Niemand könnte einen Obama, eine EU-Regierung, einen Putin darin hindern, dies zu leben, wenn sie es wollten. Das Geheimnis ist immer, was will eine Person, wann, warum. Was hindert sie und was unterstützt sie?

16. Aktuell machen sich alle das Leben gegenseitig eher schwerer. Es ist wie ein dunkler Zauber, der über allem liegt, der die Augen, die Hirne und die Hände lähmt. Was hindert uns alle, das Bessere zu tun? Das zu verstehen heißt auch, ein Teil des Geheimnisses des Lebens überhaupt zu verstehen.

17. Und natürlich, das, was hier am Beispiel der drei Regionen USA, EU und Russland gesagt wird, gilt natürlich letztlich für alle Regionen dieser Erde; letztendlich müssen wir zu einem Miteinander finden, in dem wir uns wechselseitig ‚gut tun‘; dann hätten alle den größten Gewinn. Erst wenn die Menschheit gelernt haben wird, ihre veralteten psychischen Strukturen so zu überwinden, dass weltweite wechselseitig ‚gut tuende‘ Superstrukturen möglich geworden sind, erst dann wird sich die Menschheit der eigentlichen Aufgabe zuwenden können die sie lösen muss, nämlich wie wir das Leben dieser Erde über den kommenden Wärmetod hinaus in diesem Kosmos bewahren können. Noch haben wir ein bischen Zeit … 🙂
18. In hundert Jahren wird sich niemand dafür interessieren, warum wir heute das transnationale Miteinander durch lebensuntaugliche Ideologien und Ängste vermasselt haben, sondern nur, wann, wer, wie es geschafft hat, aus diesem unproduktiven Spiel auszubrechen, indem bessere Vision von gemeinsamem Leben Wirklichkeit wurden. Niemand kann uns verbieten, es besser zu machen, nur wir selbst.

CONSTRUCIVE RADICALLY UNPLUGGED (CRU) MUSIC

Musik vom 21-22.Maerz 2014. Weiteres Experimente mit Rhytmusfiguren, elektronischen Effekten (Teil eines größeren Experimentes)

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LOGBUCH 31.Dez.2013 – TRANSNATIONALE DEMOKRATIE und KOSMISCHER HUMANISMUS

1) Im vorausgehenden Blogbeitrag Demokratie im Abhörtest hatte ich versucht, ein paar ‚Fakten‘ im Umfeld der weltweiten Abhöraktion der NSA zusammen zu tragen. Ein zentraler Gedanke war dabei, dass es nicht eine rein ‚technische‘ Angelegenheit ist, sondern das Verhalten einer nationalen Behörde, deren Verhalten mittlerweile — so müssen wir aktuell annehmen — wirklich ALLE betrifft, alle Bürger und Institutionen und Staaten weltweit. Insofern kann niemand mehr sagen, es ginge ihn nichts an. Es gibt viele Spielarten der Globalisierung; dies ist die umfassendste und zugleich einseitigste.
2) Über diese Behörde und deren Verhalten kann man lamentieren (was immer mehr tun), aber, wie eben diese auch feststellen dürfen, es scheint ‚die Politik‘ nicht zu interessieren! Man hat den Eindruck (als Bürger), dass das politische System mehr mit seiner eigenen Machterhaltung beschäftigt ist als mit den Interessen der eigenen Bevölkerung (was auch im Syrienkrieg blutige Realität ist).
3) Ein anderer zentrale Gedanke im vorausgehenden Blogeintrag war, dass diese Behörde, die NSA, Teil des politischen Systems der USA ist. Die USA sind offiziell eine ‚Demokratie‘ mit einer Verfassung (siehe auch Verfassung 2, Verfassung 3). Das Verhalten dieser Behörde repräsentiert damit indirekt auch, wie sich das demokratische System der USA versteht. Und die USA sind historisch (trotz Vorlauf in Europa) die wichtigste Demokratie auf dieser Erde, noch immer. Wenn die Demokratie der USA sich in wesentlichen Punkten ändert, dann hat dies direkte weltweite Auswirkungen, z.B. im Verhalten einer Behörde wie der NSA.
4) Dies alles war mir persönlich irgendwie 64 Jahre lang nicht wirklich bewusst; irgendwie hatte ich es ‚ausgeblendet‘. Der NSA, und dann, nicht zu vergessen Snowden und die unterstützenden Zeitungen (!), kommt das Verdienst zu, mich ‚aufgeweckt‘ zu haben. Noch im Frühjahr 2013 wäre es undenkbar gewesen, dass ich Mitglied der ACLU := American Civil Rights Union werden würde, oder dass ich anfange, in der Washington Post zu lesen.
5) Was sich an diesem winzigen Beispiel andeutet (natürlich gibt es auf unserer Erde auch noch andere transnationale Probleme als das des Abhörens, natürlich gibt es erheblich mehr globale wichtige Bewegungen, denen man sich anschließen könnte…), ist, dass die nationale Betrachtung dieser Probleme (so sehr sie wichtig ist und keinesfalls national gelöst erscheint), deutlich über sich hinausweist. Wer die Grundlagen einer Demokratie ernst nimmt (und das ist eine grundsätzliche Vision, wie Menschen miteinander umgehen sollten (und wollen)), der kann letztlich diese Vision nicht innerhalb bestimmter Landesgrenzen ‚einsperren‘. Die Vision einer Gesellschaft von freien Menschen, die sich gegenseitig respektieren, die gemeinsam die Zukunft gestalten wollen, diese Vision betrifft Menschen überall. Die Vereinigte Staaten von Amerika sind ‚in sich‘ ein Beispiel dafür; es ist eine Gemeinschaft von Staaten. Sehr weit fortgeschritten auf dem Weg dahin sind die vereinigten Staaten von Europa. Indien und Südafrika wären zu nennen, die stark an inneren Problemen leiden und in vielen wichtigen Punkten vom demokratischen Ideal abweichen. Russland und China könnten wunderbare Demokratien sein. letztlich gibt es ja sogar die Vision der Vereinigten Nationen dieser Erde.
6) Wie die Geschichte uns lehrt, kann das größere Ganze nur entstehen, wenn es ‚im Kleinen‘ jene Menschen gibt, die ‚vor Ort‘ das Richtige tun. Damit aber die vielen vor Ort etwas tun, was sich zu einer großen Bewegung vereinigt, braucht es eine ‚Vision‘, eine ‚gemeinsame‘ Vision; das kann die Vision von etwas ‚Besserem‘ sein; meistens ist es aber ein konkretes Unheil, das viele so leiden lässt, dass sie sich deswegen aufraffen, um etwas zu tun um dadurch (meist nur für eine kurze Zeitspanne) ein Stück Solidarität mit vielen anderen zu erfahren. Jenseits der konkreten Nöte, im ‚Alltag‘, vergessen wir schnell wieder, worum es vielleicht dennoch gehen könnte oder sollte. Viele wirtschaftliche und politische Interessen tun das ihrige, um uns in unseren alltäglichen Bahnen fest zu halten. Nur keine Änderungen; es könnte ja die Machtspiele der aktuell Mächtigen beeinträchtigen.
7) Andererseits wissen wir anhand der Entstehungsgeschichte der US-amerikanischen Demokratie wie auch der der einzelnen europäischen Ländern und dann vom neuen Europa, dass der Weg zu einer menschlicheren Gesellschaft kein Automatismus ist. Massive herrschende wirtschaftliche und politische Interessen wollen natürlich nicht ‚freiwillig‘ ihre Privilegien ändern und wir selbst sind ‚gefangen‘ von den ‚Bildern in unserem Kopf‘. Was immer wir individuell wollen, wir werden geleitet von den Bildern, die wir aktuell in unseren Köpfen haben, und diese werden gespeist von der Welt, wie sie gerade ist, von den Medien, die uns täglich ihre Sichtweise eintröpfeln, von unseren alltäglichen Gewohnheiten. Ohne neue Visionen, ohne Anstrengungen, ohne Konflikte gab es noch nie eine Änderung. Das ‚Neue‘ muss ‚werden‘, individuell und global.
8) Die Preisfrage lautet also, wie können wir GEMEINSAM WAHRES denken und dann auch tun?
9) Ich lese gerade in einem Buch von Jansen (2013), das handwerklich schlecht gemacht ist, aber mich dennoch sehr anregt. Er reflektiert in diesem Buch über einige philosophisch-ethische Aspekte der Star-Trek Produktionen, wie ich es mal nennen möchte. In einem Zeitraum von nunmehr fast 50 Jahren gab und gibt es Fernsehserien, Kinofilme, Publikationen, Fan-Vereinigungen (und vieles mehr) im Umfeld dieser weltweiten Vision einer ‚Förderation der Planeten‘. Viele Jahre fand ich Teile dieser Serie faszinierend, da sie nicht nur platte Unterhaltung boten sondern immer wieder komplexe Fragestellungen durchspielten. Aber erst jetzt habe ich den Eindruck, dass wir mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft auf der Erde uns letztlich jenen Themen nähern, die in Star-Trek zum Allgemeingut gehören.
10) Als Menschheit haben wir in den letzten Jahrhunderten eine Menge lernen können. Aber der immer noch — trotz stattfindender Globalisierung — herrschende ‚Nationalismus‘ wirkt sich immer noch hemmend aus. Die US-amerikanische Demokratie ist dafür das zur Zeit beste Beispiel: geboren aus einem Aufschrei der Menschen gegen englisches monarchisches Unrecht und später dann gegen die Unterdrückung von dunkelhäutigen Menschen durch hellhäutige entstand eine Verfassung, die erstmalig den Wert des/ der Menschen in neuer, radikaler Weise beim Namen nannte und unter Schutz stellte. Trotz dieser Verfassung brauchte es einen Martin Luther King, um den Geist dieser Verfassung im Alltag weiter zu klären. Ist heute Snowden ein weiterer ‚Martin Luther King‘ für den Bereich des Umgangs mit der Privatsphäre? Und wo ist der ‚Martin Luther King‘, der den USA klar macht, dass die Menschen jenseits der US-Grenzen auch Menschen sind?
11) Natürlich könnte man all die Kritik, die ich hier am Beispiel der USA äußere, auch gegenüber anderen Staaten äußern. Man müsste es auch. Aber den USA kommt bislang eine Vorreiterrolle zu, die kein anderes Land so einnehmen kann. Wenn China und/ oder Russland demokratischer wären, oder sogar ‚richtige‘ Demokratien, dann würde dies das Machtgefüge in der Welt stärker und nachhaltiger verändern als noch so große Militäretats oder noch so umfassende Abhöraktionen.
12) In Star Trek können die Menschen unterschiedlichster Herkünfte miteinander reden, weil es einen ‚universellen Übersetzer‘ gibt (Bei Jansen das Kapitel ‚Sternenzeit 67190‘). Dieser macht es möglich, dass unterschiedliche Menschen im Reden zueinander finden können. Die Verschiedenartigkeit muss dann kein Hindernis mehr sein, sie kann ‚bereichern‘. Für Staaten mit vielen unterschiedlichen Sprachen (Europa, Russland, Südafrika, Indien, ….) ist die Lösung des Sprachenproblems zentral. In der Welt ‚vor‘ Star-Trek haben wir noch keine wirklich gute Lösung. Und für das zentrale Problem jeder Sprache, ihre ‚Semantik‘ (die Wechselbeziehung zwischen Zeichen und realer Welt), hat die Wissenschaft bis heute keine wirkliche Lösung, auch nicht ein Gigant wie Google oder die NSA. Das Google und die NSA trotzdem, mit den begrenzten Methoden von heute, so viel Wirkung erzielen können, kann uns erzittern lassen vor einer Zukunft, in der die Sprachtechnologie weiter vorangeschritten sein wird, nämlich dann, wenn der Gedanke einer demokratischen Weltordnung sich nicht weiter entwickeln konnte. Wir brauchen transnationale Demokratien von hoher Qualität, wollen wir das wahre Potential des Lebens ausschöpfen.
13) Dies führt zurück zur Grundsatzfrage, was denn überhaupt das ‚Humanum‘ als Teil des gesamten biologischen Lebens in dem bekannten Universum ist. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf dieser Erde diese Frage momentan wirklich beantworten kann trotz vielzähliger ‚humanistisch‘ sich nennender Traditionen. Der Begriff des ‚kosmischen Humanismus‘ und einer ‚transnationalen Demokratie‘ hängen engstens zusammen.

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QUELLEN

Jansen, H. (2013), „Die Philosophie bei STAR TREK“,Weinheim: Wiley-VCH Verlag GmbH & Co., KGaA