DAS GEHEIMNIS DES GEISTES – GEHEIMNIS DES HOMO SAPIENS – Memo zur Philosophiewerkstatt vom 30.April 2017

Entsprechend der Einladung zur Philosophiewerkstatt  fand am 30.April 2017 nach 3-monatiger (krankheitsbedingter) Unterbrechung wieder eine Philosophiewerkstatt statt.

THEMENSTELLUNG

Die ursprüngliche Themenstellung für den 30.April Woher kommen die Bilder, die wir von uns haben? Wie weit können wir Ihnen trauen? klang konventionell, nicht uninteressant, aber auch nicht unbedingt sehr innovativ. In der Sitzung gewann dann das Thema immer mehr Brisanz und führte an zentrale Einsichten zum homo sapiens, zum Menschen, zum ‚Geist‘, heran. Der Verlauf der Sitzung zeigte wieder einmal mehr, welch innovative, kreative Kraft Gespräche haben können, wenn jeder in einer vertrauensvollen Atmosphäre das aussprechen kann, was er erlebt, welche Idee aufsteigen, wie sich Ideen wechselseitig anregen und verzahnen können.

IMPULSE ZU BEGINN

Einleitend gab es vier Ideen/ Bilder/ Sichten auf den homo sapiens, die quasi vier Koordinaten sichtbar machten, innerhalb deren der homo sapiens in seinem Erkennen der Welt und sich selbst vorkommt, sich ereignet.

KOORDINATE KÖRPERWELT

Beispiele von Situationen, in denen mehrere Menschen an einem gemeinsamen Ort vorkommen können

Beispiele von Situationen, in denen mehrere Menschen an einem gemeinsamen Ort vorkommen können

Makro-physikalisch kann man von einer Raumstruktur mit Objekten sprechen, in der unter anderem auch Exemplare der Lebensform homo sapiens vorkommen können. Dies kann asynchron in dem Sinne geschehen, dass viele Menschen auf der Straße, öffentlichen Plätzen, in Gebäuden herumlaufen, ohne einen inneren Bezug zu den anderen Personen zu haben, die zeitgleich am gleichen Ort vorkommen. Es kann aber auch synchron sein, so dass das Verhalten der einen Person über Vorgänge im Innern der Person mit dem Verhalten einer anderen Person auf spezifische Weise koordiniert ist. Typische Situationen für synchrones Verhalten sind Spiele, gemeinsam Musik machen, Tanzen, usw.. Ambivalent sind Situationen wie z.B. gemeinsames Essen: beim Essen als Routine können Menschen im gleichen Raum, am gleichen Tisch sitzen, und doch ‚geistig‘ ganz woanders sein, man kann sich aber auch bewusst zum Essen treffen, es gemeinsam genießen, und dabei miteinander sprechen.

Die Vielfalt der Situationen, in denen Menschen mit anderen gemeinsam vorkommen können, ist ungeheuerlich groß. Ein besonderes Augenmerk richten wir auch immer auf das Verhalten, was seit tausenden von Jahren in allen Kulturen und Religionen Menschen – wenn auch oft mit unterschiedlichen Worten – Meditation genannt haben und auch heute noch nennen. Aufgrund der langen und vielschichtigen Geschichte zur Meditation gibt es keine einheitlich einfache Definition dieses Begriffes. Aber Meditation scheint nicht tot zu kriegen. Auch heute noch, nach vielen, vielen tausenden von Jahren spricht man von Meditation, und es scheint, dass Meditation auch außerhalb der etablierten Religionen und Kirchen einzusickern beginnt in alltägliche Abläufe; selbst eine neue Form von Kommerzialisierung findet statt.

KOORDINATE INNENWELT

Korrespondenz von Außenwelt und Innenwelt am Beispiel der bewussten Empfindungen

Korrespondenz von Außenwelt und Innenwelt am Beispiel der bewussten Empfindungen

Wie jeder Mensch selbst überprüfen kann, gehört zu jedem menschlichen Körper ein Innenleben, das sich für den einzelnen zuerst und vor allem in Form seines bewussten Erlebens manifestiert. Im Alltag verbindet sich für einen Menschen jede Situation mit verschiedenen Sinnesempfindungen, auch Empfindungen von körperlichen Zuständen, dazu weitere komplexe Empfindungen wie z.B. Veränderungen, Erinnerungen, Vorstellungen über Alternativen; dazu diverse Bedürfnisse, Emotionen, Gefühle, Stimmungen. Die Anzahl und die Formen dieser inneren Empfindungen sind anscheinen unendlich. Zugleich gibt es bestimmte Muster, Strukturen die immer wieder auftreten, die alle diese unterschiedliche Empfindungen zu begleiten scheinen.

Seitdem es Menschen der Lebensform homo sapiens gibt – die Wissenschaft spricht von ca. 200.000 Jahren, Ursprung in Afrika – hat der Mensch solche Empfindungen und bis heute dürfte die überwiegende Mehrzahl der Menschen bis zu ihrem Tode diese Empfindungen nehmen als ‚die Welt selbst‘.

KOORDINATE KÖRPER – GEHIRN

Zentrale Rolle des Körpers -- speziell des Gehirns -- bei der Transformation der Außenwelt in eine bewusste Innenwelt

Zentrale Rolle des Körpers — speziell des Gehirns — bei der Transformation der Außenwelt in eine bewusste Innenwelt

Erst seit wenigen Jahrzehnten, vielleicht seit ca. 100 Jahren, konnte ein Teil der Menschheit lernen, dass die Welt der bewussten Empfindungen nicht isoliert ist und auf keinen Fall identisch ist mit der realen Welt; keine 1-zu-1 Abbildung!

Die Entdeckung dass der menschliche Körper – und auch das Gehirn – aus einzelnen Zellen besteht, ermöglichte eine neue Sicht auf den Körper und seine internen Abläufe. Man erkannte immer mehr, dass das bewusste Erleben nicht losgelöst ist von den Vorgängen im Körper, noch spezieller: stark korreliert erscheint mit den physikalisch-chemischen-molekularbiologischen Prozessen in den Milliarden von Zellen, die das Gehirn und das ganze Nervensystem bilden. Die Frage nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins bildet mittlerweile sogar einen riesigen Forschungszweig in den Wissenschaften.

Wissend um diesen grundlegenden Zusammenhang [Anmerkung: der bis heute allerdings noch nicht wirklich befriedigend geklärt werden konnte] ermöglicht dies einen ganz neuen Blick auf die mögliche evolutionäre Rolle des homo sapiens nicht nur auf der Erde, sondern für den ganzen Bereich des heute bekannten Universums.

Während das physikalische Universum ohne die Exemplare des biologischen Lebens ein Ereignis ist, das zwar passiert, aber ‚rein für sich ist‘, ohne jede Resonanz außerhalb des Ereignisses selbst (sozusagen ein kognitives schwarzes Loch), kommt mit dem Auftreten des homo sapiens (ca. 13.8 Mrd Jahre nach dem sogenannten Big Bang) etwas völlig Neuartiges ins Spiel. Der homo sapiens verfügt über die revolutionäre Fähigkeit, die physikalischen Eigenschaften des Universums durch Transformationsprozesse im Körper in eine virtuelle Welt von 1-0-Signalereignissen zu transformieren, die Aspekte des physikalischen Universums damit in jedem einzelnen Individuum im Mikromaßstab modellhaft neu entstehen zu lassen. Der Körper mit Gehirn und Bewusstsein überführt damit die physikalische – erste – Welt in eine virtuelle – zweite – Welt, in der sich die Eigenschaften der ersten Welt widerspiegeln, aber nicht nur.

In der zweiten virtuellen Welt im Innern des homo sapiens geschieht eine zweite Revolution: die internen Verarbeitungsprozesse des Gehirns — vor allem in jenen Bereichen, die man Gedächtnis nennt – werden die sensorischen Einzelereignisse in vielfacher Weise transformiert, abstrahiert, miteinander verrechnet, assoziiert und – das ist das Revolutionäre – werden aktuelle Ereignisse von einem Jetzt über die Speicherung mit aktuellen Ereignissen aus einem späteren Jetzt miteinander vergleichbar. Damit kann das Gehirn des homo sapiens das Phänomen von Veränderung wahrnehmen und sichtbar machen. Das ist die Entdeckung der Zeit und damit die Entdeckung von Entwicklung und möglicherweise von einer Gerichtetheit von Entwicklung.

Während also das physikalische Universum sich ‚vor sich hin ereignet‘ und ’sich selbst‘ keinerlei Gesetzmäßigkeiten ‚bewusst‘ ist — es findet einfach nur statt –, ermöglicht die biologische Lebensform des homo sapiens eine Transformation der physikalischen Ereignisse in einer Weise, die das Innere des physikalischen Universums sichtbar macht, und damit die Möglichkeit bietet, in seine Abläufe einzugreifen. Die zweite virtuelle Welt im Innern des homo sapiens ermöglicht nicht nur die Repräsentation gewisser Eigenschaften der ersten physikalischen Welt, sondern neben der Sichtbarmachung der Veränderungen kann das Gehirn des homo sapiens in der virtuellen Welt auch spielen: es kann Varianten spielerisch ausprobieren, die es so in der ersten physikalischen Welt bislang nicht gibt. Der homo sapiens kann dadurch grundsätzlich die vorfindliche erste physikalische Welt modulieren, verändern, und damit auch sich selbst als Teil der physikalischen Welt. Dies ist nicht nur einfach revolutionär, es ist eigentlich ungeheuerlich, es ist ein zweiter Big Bang: nach der Entstehung des ersten physikalischen Universums (auf eine Weise, die wir bis heute noch nicht ganz verstehen), entstand mit dem homo sapiens ein zweites virtuelles Universum, das das erste physikalische Universum in sich aufsaugen kann und zugleich in zuvor unvorstellbarer Weise verändern kann.

Das Wort ‚Geist‘ ist durch viele tausend Jahre Philosophiegeschichte zwar mehrfach belastet, aber als Metapher könnte – und müsste man? – vielleicht sagen, dass das erste physikalische Universum parallel in ein zweites (virtuelles) Universum des Geistes transformiert wurde (und wird), das das erste physikalische Universum als Spielmaterial benutzt.

Allerdings, ein weiterer Umstand muss noch bedacht werden. Ein einzelnes Exemplar eines homo sapiens, ein Individuum, ein einzelner Mensch, ist mit seinem Innenleben, mit seinen bewussten Empfindungen, mit seiner spezifischen zweiten virtuellen Welt im Kopf, isoliert. Was immer in einem einzelnen Menschen geschieht, andere Menschen können dies nicht wissen. Die inneren Prozesse sind nicht direkt einsehbar; sie sind privat.

KOORDINATE SPRACHE

Das Bindeglied zwischen Menschen ist die Sprache, deren physikalischen Ausdrucksmittel in Beziehung gesetzt werden zu möglichen internen Gegebenheiten des Bewusstseins

Das Bindeglied zwischen Menschen ist die Sprache, deren physikalischen Ausdrucksmittel in Beziehung gesetzt werden zu möglichen internen Gegebenheiten des Bewusstseins

Diese inhärente Privatheit jedes einzelnen Exemplars eines homo sapiens ist aber, wie schon die ersten beiden Koordinaten Körperwelt und Innenwelt andeuten, kein unüberwindlicher Zustand. Es gibt nicht nur die kontinuierliche Transformation von Ereignissen der ersten physikalischen Welt in die innere virtuelle Welt, sondern es gibt auch die Möglichkeit, dass das Gehirn auf vielfältige Weise auf die Zustände des Körpers einwirken kann, und indirekt über die Körperzustände auch in die Zustände der makro-physikalischen Körperwelt.

So kann ein Mensch sowohl Körperbewegungen erzeugen wie auch durch Körperwegungen die Luft zum Schwingen bringen, wodurch dann das möglich wird, was wir Sprache nennen. Durch dieses Wechselspiel zwischen Transformation von Außen nach Innen und von Innen nach Außen besteht die grundsätzliche Möglichkeit, dass Menschen sich auf bestimmte Laute einigen, um dann mit diesen Lauten Bezug zu nehmen zu irgendwelchen Elementen, die im virtuellen Erfahrungsraum repräsentiert werden. Diese Elemente durch Bezug bilden dann das, was gewöhnlich Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken genannt. Je klarer sich diese im Bezug ausgewählten Elemente mit Eigenschaften der ersten physikalischen Welt in Verbindung bringen lassen, um so klarer ist die intendierte Bedeutung. Je schwieriger eine solche Bezugnahme zwischen verschiedenen Individuen ist – z.B. im Fall von individuellen Empfindungen, die im Körper selbst entstehen (z.B. Hunger, Durst), nicht hereintransformiert von der Außenwelt –, desto schwieriger ist eine Bedeutungsklärung.

Grundsätzlich gilt allerdings, dass jedes sprachliches Ereignis, sofern es mit einem Bedeutungsanspruch daherkommt, durch diesen Bedeutungsanspruch auf interne Prozesse des Sprechers verweist, die direkt nicht zugänglich sind. Es ist also immer wichtig, zu klären, was der Sprecher tatsächlich meint. Dies ist allemal aufwendig und anstrengend.

Im Alltag haben sich viele Abläufe eingespielt, die diese grundsätzliche Bedeutungsklärung ‚automatisieren‘, ‚umgehen‘. Aber dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass jegliche Bedeutungsbildung ein Experiment ist, eine Hypothesenbildung, die aufwendige wechselseitige Abstimmungen bedingen. Selbst bei Menschen, die über viele Jahre miteinander eng vertraut sind, kann es zu Missverständnissen kommen. Überraschend ist, wie viele Menschen sich schwer tun, mit diesen Bedeutungsunterschieden und potentiellen Missverständnissen umzugehen. Es scheint, dass den meisten Menschen nicht bewusst ist, wie fragil die Bedeutungszuordnungen in gemeinsam genutzten Sprachen sind.

GESPRÄCHSRUNDE

Das gemeinsame Gespräch verlief dieses Mal in einer anderen Anordnung: direkt nach den Impulsen gab es eine erste Gesprächsrunde, die sich aus einem speziellen Informationsbedürfnis herleitete, und dann, nach der Meditation gab es eine zweite Runde.

Wie man aus den beigefügten Stichworten erkennen kann, gab es grob die Schwerpunkte ‚Interpretation‘, sowohl individuell wie auch im sozialen Kontext, und dann die mögliche Rolle von ‚Emotionen‘ im Kontext.

Stichworte aus dem Gespräch vom 30.April 2017

Stichworte aus dem Gespräch vom 30.April 2017

INTERPRETATIONEN

Das In-der-Welt-sein erzwingt quasi von selbst die Suche nach passenden Erklärungsmustern, nicht nur wegen der Vielfalt, sondern auch wegen der unaufhaltsamen Veränderungen, die überall stattfinden.

Die Warum-Fragen der Kinder manifestieren dieses Bedürfnis nach Interpretationen auf eigene Weise. Für Kinder ist zunächst alles neu und ohne Zusammenhang. Sie brauchen viele Jahre, bis sie mit den wichtigsten Aspekten ihres Lebens vertraut sind und bis sie erste Zusammenhänge sehen können. Das Meiste übernehmen sie wohl von den Menschen ihrer Umgebung. Glück, wenn sie mit Menschen aufwachsen, die ihnen die richtigen Interpretationen liefern.

Man kann dann (leider?) beobachten, dass Kinder mit fortschreitendem Alter ihre Neugierde und ihre Warum-Fragen verlieren. Es scheint eine Verfestigung einzutreten. Durch die (oft zwangsweise) Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen (Familie, Peer-Groups, Kindergarten, Schule, Betriebe, Vereine, …) wird soziale Zugehörigkeit und eine damit verbundene Sicherheit mit einem gewissen Maß an Unfreiheit erkauft: man darf nur dazugehören, wenn man die Ziele, Werte und Anschauungen der jeweiligen sozialen Gruppierungen teilt. Ein abweichendes Verhalten wird überwiegend nicht honoriert, eher bestraft. Man ist nur wer, wenn man innerhalb der Gruppierung die gesetzten Anforderungen erfüllt (politische Parteien, Gewerkschaften, Firmen, Behörden, …).

Dieser starke, alle erfassende Trend ist für die Optimierung von Weltinterpretationen, für die Gewinnung neuer, alternativer Sichten, unfreundlich bis gefährlich. Die wichtigste Errungenschaft des ganzen Universums, die Fähigkeit zu einer kontinuierlichen neuen Sicht der Dinge, wird damit durch die Gesellschaft stark behindert, wenn nicht gar unterbunden und ausgetrocknet. Die Geschichte zeigt zwar unmissverständlich, dass nur jene Gesellschaften überleben bzw. ‚gewinnen‘, die vergleichsweise mehr innere Kreativität, Innovation zugelassen haben, aber die jeweilige Gegenwart zeigt immer wieder, dass diese Erkenntnisse aus der Vergangenheit wenig Wirkung für alltägliche Abläufe haben. Der Mensch hat eine sehr starke Tendenz, sich im Hier und Jetzt einzurichten, Veränderungen zu verteufeln, sich selbst gegenüber dem Ganzen zu überhöhen. Die Vision einer offenen Gesellschaft, die sich im Modell demokratischer Gesellschaften manifestiert, verlangt ein hohes Maß an Bildung aller und an Vertrauen in jeden einzelnen. Ohne Vertrauen keine wirkliche Kommunikation; ohne Kommunikation keine gemeinsamen Bilder einer zukünftigen lebensstarken Gesellschaft.

EMOTIONEN

Die offensichtliche Rolle von Emotionen (Gefühlen, Stimmungen, …) im täglichen Handeln wurde auch immer wieder angesprochen. Es zeigte sich aber, dass eine genauere Bestimmung der jeweiligen Rollen von Emotionen einerseits, Wollen und Wissen/ Erfahrung andererseits nur schwer zu fassen war. Irgendwie geht ohne Emotionen nichts, aber es ist nicht so, dass Emotionen alles erklären. Man kann auch Wollen ohne Emotionen, oder man kann auch Wissen haben ohne Emotionen. Und doch, irgendwie scheinen die Emotionen überall zu sein und sie scheinen unser Handeln entweder ‚zu beflügeln‘, wenn wir uns ‚gut‘ fühlen, oder zu ‚behindern‘, zu ‚hemmen‘, wenn sie ’schlecht‘ sind.

Jemand der andere Menschen als Bedrohung ansieht, sich vor ihnen fürchtet, wird kaum die Begegnung und das Gespräch suchen. Genau dieses aber könnte unter Umständen neue Erfahrungen ermöglichen, die wiederum die Emotionen ändern könnten.

Noch schwieriger wird es bei Emotionen, die unverarbeitet sind, oder gar verdrängt (im Unterbewussten) in einem schlummern. Diese sind da, können wirken, ohne dass es dem/ der Betroffenen bewusst ist, dass er/ sie diese Emotioenn hat und diese z.B. dazu führen, dass man bestimmte Situationen meidet oder, umgekehrt, sie immer wieder sucht.

MEDITATION

Seit mehreren Treffen gibt es während des Treffens, die Möglichkeit, eine Meditation zu machen. Jedem ist dies freigestellt; die Form ist nicht festgelegt; man muss auch nichts berichten. Mittlerweile meditieren alle, je auf ihre Weise; immer wieder und immer mehr berichten auch einzelne von bestimmten Erlebnissen und Einsichten während der Meditation.

Ein Psychotherapeut bemerkte, dass die grundsätzliche Einstellung eines Therapeuten, nämlich die ‚gleich schwebende Aufmerksamkeit‘, eigentlich auch eine gute Einstellung bei der Meditation sein könne (er meditiert bislang nicht). Andere berichteten von der grundsätzlichen Schwierigkeit, sich überhaupt auf eine Meditation einzulassen. Tut man es dann, entdeckt man, dass man in der neuen Ruhe mit einem Male von ganz vielen alltäglichen Erinnerungen, ungelösten Problemen usw. praktisch ‚überrannt‘ wird (Unruhe durch Ruhe). Eine andere Teilnehmerin, die auch ziemlich neu ist im Bereich Meditation, berichtete, dass ihr das gleichmäßige Atmen und das Fokussieren auf den Atem geholfen hat, sich nicht ablenken zu lassen. Sie konnte die Zeit sehr entspannt genießen.

IDEEN FÜR NÄCHSTES TREFFEN

Angesichts der vielen interessanten Gedanken bei diesem Treffen gelang es nicht, in der kurzen verbleibenden Zeit, konkrete Vorschläge für das nächste Treffen zu formulieren. Wir sind so verblieben, dass jede(r) TeilnehmerIn nach Erhalt des Protokolls Vorschläge per Email schicken kann. Entweder ergibt sich daraus dann ein konkreter Vorschlag oder der Koordinator muss halt wieder ran 🙂

Der Termin für das nächste Treffen ist So, der 11.Juni 2017 (und dann nochmals am So 16.Juli 2017; danach Pause bis Oktober).

 

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KÖNNEN UNSERE GEFÜHLE WAHR SEIN? – DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – Teil 3a

DER MENSCH ALS HANDELNDER

  1. In dem vorausgehenden Blogeintrag zur anstürmenden Zukunft wurde u.a. angedeutet, dass wir als Menschen, als homo sapiens, bei aller Komplexität des modernen Lebens, noch immer die Handelnden sind, jene, die das alles zu verantworten haben.
  2. Als Teil des großen ‚Getriebes‘, das weltumspannend alles bewegt, treibt, verändert, kann man als einzelner jedoch den Eindruck bekommen, man sei ja letztlich nur ein kleines Rädchen im großen Räderwerk, ohne Einfluss, ohne Wirkung; zugleich ist jeder eingehüllt in eine subjektive Erlebniswolke von sinnlichen Eindrücken, Bedürfnissen, Emotionen, Erinnerungen, Wünschen, … die das persönliches Referenzsystem für die Wahrnehmung dessen bildet, was ist, wie auch für die Einschätzung, was sein sollte. Es hängt vom Ausmaß der zu erwartenden Belohnung oder Bestrafung ab, welche der verschiedenen Denk- und Handlungsmöglichkeiten man einen Vorzug gibt.
  3. Alles, was irgendwie ‚positiv bewertet‚ erscheint regt an, es zu tun; alles, was ‚negativ bewertet‚ erscheint, schreckt ab, bremst aus, demotiviert, macht Angst … oder  aggressiv.
  4. Die Einschätzung, ob es sich ‚lohnt‚ ein X zu tun oder eher ein Y bzw. dass es ‚ungut‚ ist, X zu tun, hängt sowohl ab von verfügbaren Erfahrungen und deren Bewertungen wie auch von einer Vielzahl unterschiedlicher Gefühle, Stimmungen, Bedürfnissen, Emotionen, Süchten… die alles ‚einhüllen‚.
  5. Für eine klare Entscheidung kann dies unübersichtlich sein, verwirrend. Jeder hat da so seine Strategien. Manche sprechen von ‚Bauchentscheidungen‚, um anzudeuten, das sie sich von Stimmungen, Gefühlen leiten lassen, die sich nicht völlig transparent in klare Entscheidungsmomente zerlegen lassen.

DER MENSCH ALS DETERMINISTISCHER AUTOMAT?

  1. Sind wir hier alle Getriebene eines Körpers, der durch seine evolutionäre Geschichte in einer Weise geprägt wurde, die aus uns letztlich dumpfe Maschinen macht, die vorprogrammiert reagieren, dumpf, reflexhaft, zufällig, letztlich ohne wirkliche eigene Verantwortung? Und haben nicht die Recht, die uns als solche biochemische Maschinen sehen, deren chemischen Prozesse man durch entsprechende Medikamente auf chemischen Weg weitgehend manipulieren kann (gegen Schmerzen, gegen Depression, für mehr Wachheit, für mehr Denkkraft …)?
  2. Wenn letztere Sicht voll zutreffen würde, wenn wir letztlich nur evolutionär vorprogrammierte Maschinen wären, dann wäre jede weiter Diskussion überflüssig, dann würde Erkenntnis, Verantwortung weiter keine Rolle spielen. Es gäbe keine Wahrheit. Alles wäre egal, es passiert einfach, weil die biochemischen Roboter genannt homo sapiens sich alle zwangsweise ausleben, ohne jede Möglichkeit der Einflussnahme.
  3. Gut, nehmen wir das einfach mal an, diesen worst case einer voll deterministischen biochemischen Maschine genannt homo sapiens. Dies würde implizieren, dass ein homo sapiens bei gleichem Input immer genau gleich antworten würde, und bei definierten Veränderungen seines Körpers, insbesondere seines Gehirns, müsste genau definierte Reaktionen auftreten. Trifft dies zu?

MENSCH ALS QUELLE VON NEUEM

  1. Eine empirische Betrachtung des Verhaltens von Menschen zeigt, dass dies auf keinen Fall zutrifft.
  2. Allein schon die Wachstums- und Alterungsprozesse zeigen, dass der Mensch ein dynamisches System ist, das sich beständig als Körper verändert.
  3. Eine ungeheure Zahl von verschiedenen Lernprozessen zeigen ferner, dass der Mensch nicht nur in der Lage ist, über angeborene Reflexe hinaus scheinbar beliebige komplexe Verhaltensmuster zu lernen, sondern er kann sogar angeborene Reflexe z.T. Umprogrammieren, überlernen.
  4. Im Lernen zeigt sich eine Beeinflussbarkeit durch die Umgebung, die in gewisser Weise aussieht, als ob man Menschen von außen beliebig steuern kann (Manipulation, Indoktrination, Abrichtung, …). Sofern man Menschen aber Freiräume lässt, sie ermutigt, auf sich selbst zu vertrauen, eigene Entscheidungen zu wagen, diese real auszuprobieren, in dem Maße kann man beobachten, dass Menschen dazu tendieren, mit ihren Möglichkeiten kreativ zu spielen, zu variieren, zu experimentieren, neue Verhaltensmuster auszuprobieren. Dies bedeutet, Menschen mit Selbstvertrauen und Handlungsspielräumen verändern ihr Verhalten, zeigen neue Muster, verändern die Umgebungen.
  5. Zu diesen auf dem beobachtbaren Verhalten basierten Einschätzungen kann man weitere hinzu fügen. Eine theoretische Untersuchung des Gehirns und seiner Zellen kann aufzeigen, dass die Gesamtheit dieser Zellen samt ihren Wechselwirkungen mindestens so mächtig sind wie eine sogenannte universelle Turingmaschine. Von dieser wurde von Alan Turing schon 1936/7 bewiesen, dass sie nicht deterministisch ist und dass ihre potentiellen Zustände grundsätzlich nicht in allen Fällen voraussagbar sind.
  6. Dass man also unter bestimmten Umständen die eine oder andere Eigenschaft biochemisch beeinflussen kann, sollte nicht zu dem Fehlschluss führen, dass man damit das komplexe Gesamtphänomen erschöpfend erklärt hätte.

BLEIBENDES GEHEIMNIS BEWUSSTSEIN

  1. Dies führt zu der eher grundsätzlichen Betrachtung, dass wir heute zwar am Menschen grob den Körper mit seinem Gehirn unterscheiden können, dass wir aber auch das Phänomen eines Bewusstseins konstatieren können und müssen, das zwar – so sieht es aus – eine Eigenschaft des Gehirns zu sein scheint, aber dennoch eine solche Eigenschaft ist, die sich nicht direkt empirisch messen lässt.
  2. Direkt am Körper und Gehirn lassen sich mittlerweile ungeheuer viele empirische Messungen vornehmen, aber das Phänomen des Bewusstseins zeigt sich bislang direkt nur dem einzelnen Gehirn in einer Art ‚Innensicht‘; wir sprechen von subjektiven Erfahrungen, von der ersten-Person-Sicht (1st-Person View), d.h. Jeder hat seine Sicht seines Bewusstseins, aber eine andere Person, ein Anderer, eine dritte Person (3rd Person View), hat keine direkte Möglichkeit, den Inhalt des Bewusstseins einer anderen Person irgendwie direkt wahr zu nehmen.
  3. Eine Auswirkung dieses Sachverhaltes besteht darin, dass es bis heute (März 2017) keine einzige wissenschaftliche Publikation gibt, die eine wissenschaftlich brauchbare Definition des Bewusstseins liefert! Auch wenn es viele Artikel und Bücher gibt, die im Titel oder im Text den Begriff ‚Bewusstsein‘ benutzen, so gibt es bislang keine wissenschaftlich brauchbare Definition von Bewusstsein. Bislang habe wir hier einen riesigen weißen Fleck auf der wissenschaftlichen Landkarte. Und je mehr Millionen Forschungsgelder bislang hier investiert wurden, um so weißer wurde dieser Fleck. Dies liegt daran, dass bislang etwas, das im Kern kein empirisches Objekt im klassischen Sinne ist, ausschließlich mit empirischen Methoden untersucht wird. Die so gewonnenen empirischen Erkenntnisse sind nicht wertlos, sie vertiefen unser Verständnis der biochemischen Maschinerie, aber sie führen uns nicht weiter im Verständnis jener Phänomene, die sich jenseits der klassisch-empirischen Perspektive andeuten.
  4. Unter Philosophen in Europa ist das Problem des Bewusstseins seit mindestens 2500 Jahren in unterschiedlichen Varianten bekannt, wirklich gelöst hat es aber noch niemand.
  5. Die Frage ist, was macht man mit Phänomenen, die ‚da‘ sind, die ein Mensch unzweifelhaft erleben kann und erlebt, für die man aber noch keine angemessene empirisch wissenschaftliche Erklärung hat?
  6. Eine bewährte Methode ist jene, solche Phänomene zu wahren, sie nicht zu verdrängen, sondern geduldig darauf zu warten, dass irgendwann doch irgendwelche Menschen die entscheidende Ideen haben werden, eventuell auch neue Untersuchungsmethoden erfinden, mit denen man die Phänomene angemessen erklären kann.
  7. Bis dahin müssen wir uns behelfen, so gut wir können.

FRAGEN DER INVARIANZ DES GESAGTEN

  1. Die Überlegungen, die jetzt folgen, werden in deutscher Sprache niedergeschrieben. Es wird angenommen, dass die wesentlichen Inhalte aber genauso zur Sprache kommen würden, wenn man dies in irgend einer anderen Sprache wie Deutsch aufschreiben würde, also etwa Englisch, Russisch, Chinesisch, Finnisch, Zulu, Türkisch usw. Es wird also eine Invarianz des Inhalts von der benutzten Sprache angenommen. Auf Englisch kann ich es – bis zu einem gewissen Grad – selbst versuchen. Bei anderen Sprachen müssten dies andere tun. Ein letzter Beweis der Invarianz wird aber schwierig sein, da es voraussetzen würde, dass die jeweiligen Philosophen mindestens mit zwei Sprachen sehr vertraut sind, die sie vergleichen könnten. Dabei würde es offen bleiben, ob ein Philosoph A der von Sprache L_DE in L_Chinesisch übersetzen würde und der Philosoph B, der von L_DE in L_Russisch übersetzen würde, letztlich tatsächlich das Gleiche übersetzen würden.
  2. Auch müsste man mit der Frage der Invarianz noch weiter gehen, indem man klären müsste, inwieweit das von mir Niedergeschriebene noch von anderen speziellen Voraussetzungen abhängig ist, die nicht auf alle Menschen zutreffen (z.B. biologisches Geschlecht, Zustände meines Wahrnehmungssystems, verfügbares Wissen usw.). Wäre dem so, dann würde das von mir Gesagte von sehr speziellen Voraussetzungen abhängen, dann würde die Frage nach der Wahrheitsfähigkeit unserer Gefühle entsprechend eingeschränkt gelten.
  3. Dazu muss ich feststellen, dass ich bislang zwar davon ausgehe, dass ich selbst ein Exemplar des homo sapiens bin, dies aber bislang niemals habe explizit wissenschaftlich feststellen lassen. Ich lebe, wie viele andere auch, als Teil einer Population, von der pauschal gesagt wird, dass sie zur Art homo sapiens gehöre. Wie weit trifft dies tatsächlich zu? Weicht meine DNA möglicherweise irgendwie ab? Im Vergleich zu welchem DNA-Maßstab? Und wenn es Abweichungen gäbe, wie viel Toleranz ist akzeptabel, um zu sagen, ich wäre ein Exemplar des homo sapiens?
  4. Und da wir davon ausgehen müssen, dass der homo sapiens sich auch ohne Gentechnik kontinuierlich weiter verändert, ist möglicherweise zu klären, wie hoch der Veränderungsgrad der homo sapiens DNA im Laufe der Zeit ist? Wie viele der Informationen auf dem DNA-Molekül ändern sich pro Jahr/ pro Jahrzehnt/ pro … ? Und was heißt hier Änderung? Verschwinden bestimmte Atome? Werden sie nur anders genutzt? Kommen neue dazu? Wieweit gibt es überhaupt einen klaren Zusammenhang zwischen DNA-Struktur und späterem Körper, Verhalten und Erleben?
  5. Eine weitere wichtige Frage wäre ja auch, wie genau das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Körper ist? Werden tatsächlich alle Zustände des Körpers im Gehirn repräsentiert, und wenn ja, auf welche Weise? Wie wirkt das Gehirn auf die Körperzustände zurück? Wie wirkt das Gehirn auf sich selbst zurück? Wie kommunizieren die Körperzellen untereinander ohne das Gehirn? Wieweit brauchen die Körperzellen überhaupt das Gehirn? Bei ca. 37 x 10^12 Körperzellen keine leichte Frage, zumal diese ja – nach heutigem Kenntnisstand – auf komplexe Weise mit weiteren Billionen (10^12) von Bakterien kooperieren, sowohl im Körper wie auch auf der Haut.
  6. Für die folgenden Überlegungen könnte es also hilfreich sein, dass ich solche Verhaltensmuster finde, die jeder andere homo sapiens auch ausüben könnte, so dass die damit verbundenen subjektiven Erlebniszustände möglicherweise reproduzierbar und dann diskutierbar sind. Die Erlebnisse als solche wären noch nicht die mögliche Deutung! Das gleiche Erlebnis kann man grundsätzlich auf mehr als eine Weise deuten. Man müsste also gemeinsam nach einer ‚angemessenen Deutung‘ suchen.

ANGENOMMENES KOORDINATENSYSTEM

  1. In den folgenden Überlegungen gehe ich davon aus, dass wir die oben unterstellte Grundstruktur annehmen sollten, dass wir einen Körper mit einem Gehirn haben, und dass wir als homo sapiens über etwas verfügen, das hier provisorisch – nach üblichem Sprachgebrauch – ‚Bewusstsein‘ (BW) genannt wird.
  2. Es hat sich ferner eingebürgert, dass ein Mensch mit Bewusstsein auch von einem ‚Ich‘ spricht. Das ‚Ich‘ steht in Beziehung zu einem bestimmten individuellen Körper (K) (mit dessen Gehirn) und dem im Zusammenhang mit diesem Körper auftretenden ‚Bewusstsein‘ (BW), also ICH_(K,BW). Wenn also ich als Schreiber dieser Zeilen von meinem ‚Ich‘ spreche, dann spricht hier das ‚Ich‘ von dem Körper K_cagent, der zu cagent gehört, mit dem Bewusstsein BW_cagent, das als Teil dieses Körpers vorkommt, also Ich_(K_cagent, BW_cagent).

MESSBAR, NICHT-MESSBAR, REPRÄSENTIERBARKEIT

  1. Ferner gilt die Annahme, dass wir zwar den Körper (K) mit seinem Gehirn (NN) direkt empirisch messen können (nicht alles, sondern nur jene Größen, für die es geeichte Messverfahren gibt), nicht aber die Innenzustände des jeweiligen Bewusstseins (IBW). Zwar gibt es starke Hinweise auf vielfache Korrelationen zwischen messbaren Körper-Gehirn-Zuständen und Innenzuständen des Bewusstseins, aber aufgrund der Nicht-Messbarkeit der Innenzuständen des Bewusstseins handelt es sich hier immer nur um hypothetische Korrelationen CR(NN,IBW).
  2. Bisher die einzige Möglichkeit, die Innenzustände des Bewusstseins von einem Körper zu repräsentieren, besteht darin, dass das Ich eines Bewusstseins mit Körper einzelne Innenzustände samt möglichen Eigenschaften sprachlich benennt und in Strukturen einordnet, die Positionen und Dynamiken erkennen lassen. Auch wenn solche Innenzustände von Philosoph zu Philosoph im Detail abweichen würden, ließe sich über die zugeordnete Struktur dann möglicherweise das ‚Verhalten‘ dieses Elementes bewusstseinsunabhängig – also invariant gegenüber dem einzelnen Bewusstsein! – vergleichen. Diese Struktur könnte man als mathematische Struktur (STR) der beobachtbaren internen Zustände des Bewusstseins realisieren. Die Struktur eines Bewusstseins, die sich bei vielen einzelnen gleichermaßen wiederfinden würde, könnte man dann sogar als unser Bewusstsein (UBW) bezeichnen, etwas, das wir alle gemeinsam haben. Letzteres setzt voraus, dass es eine hinreichende Angemessenheit zwischen den subjektiv beobachteten Strukturelementen sowie der intersubjektiv vorzeigbaren mathematischen Struktur gibt. Dass solch eine Angemessenheit vorliegt, ist nicht zwingend. Da historisch die mathematische (mengentheoretische) Sprache unter Voraussetzung der vorgegebenen Struktur des Bewusstseins des homo sapiens entwickelt wurde, und zwar inter-subjektiv, d.h. unter Beteiligung von vielen verschiedenen Bewusstseinen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es eine einigermaßen ‚brauchbare‘ Angemessenheit zwischen mathematischer Struktur und vorgegebener Struktur eines sich selbst erlebenden Bewusstseins gibt.

BEWUSSTSEINSINHALTE

  1. Zur Annahme eines zu einem Körper mit Gehirn gehörigen Bewusstseins gehört es, weiter anzunehmen, dass das zugehörige Ich eine Vielzahl von Bewusstseinszuständen erleben kann. Solche erlebbaren Bewusstseinszustände werden hier global als Bewusstseinsinhalte oder als Phänomene des Bewusstseins (PH) bezeichnet. Ein Phänomen ist also ein Etwas, das im Bewusstsein erlebt werden kann, etwas, das sich von Anderem unterscheidet. Jedes Phänomen impliziert ein abstraktes Ich (ICH) als abstrakten Bezugspunkt, relativ zu dem das Phänomen als Erlebbares vorkommt. Viele Philosophen sprechen daher hier auch gerne von der Intentionalität des Bewusstseins, seiner Gerichtetheit auf Etwas. Die Intentionalität erscheint dann als eine Beziehung INT(ICH,PH), wobei wir hier das abstrakte ICH mit dem Körper-Ich ICH_cagent hypothetisch gleichsetzen.
  2. In der deutschen Sprache gibt es sehr viele Begriffe, die man ziemlich direkt mit den Begebenheiten unseres Bewusstseins in Beziehung setzen kann. Wenn wir z.B. sagen, dass wir etwas sehen, dann meinen wir solche Erlebnisse die in Abhängigkeit von unseren Augen auftreten können. Entsprechend mit hören (Ohren), schmecken (Mund), berühren (Haut), riechen (Nase), usw. Die Gesamtheit der Phänomene, die wir in Abhängigkeit von unserer multimodalen sinnlichen Wahrnehmung erleben können, soll hier sinnliche Wahrnehmung (PH_sens) genannt werden und bildet eine echte Teilmenge aller Phänomene, also PH_sens c PH. Aufgrund von Experimenten wissen wir, dass die Auslöser für sinnliche Wahrnehmungen Ereignisse in der Umgebung unseres jeweiligen Körpers sind. Die Umgebung wollen wir inter-subjektive Umgebung nennen, oder auch die empirische Welt (W_emp). Die Sinnesorgane funktionieren hier wie Übersetzer: Ereignisse einer Art (aus der empirischen Welt, E_emp) werden in Ereignisse einer anderen Art (hier in neuronale Erregungsmuster für das Gehirn, E_nn) übersetzt. Diese neuronalen Erregungsmuster E_nn führen nach verschiedenen Verarbeitungsschritten im Gehirn — nach einem noch nicht ganz aufgeklärten Verfahren – zu sinnlichen Wahrnehmungsinhalten im Bewusstsein PH_sens. Wir haben also eine Kette E_emp –→ E_nn –→ PH_sens. Es ist eine interessante Frage, inwieweit die Struktur der empirischen Welt E_emp nach so vielen Verarbeitungsschritten in den Phänomenen des Bewusstseins angemessen repräsentiert wird?
  3. [ANMERKUNG: Ein Leser, der philosophisch vorgebildet ist und insbesondere die phänomenologische Methode nach Husserl kennt, wird sich möglicherweise bei der Lektüre des Textes die Haare raufen, da es für eine phänomenologische Methode wesentlich ist, die Phänomene als solche sprechen zu lassen ohne jegliche ontologische Zusatz- oder Hintergrundannahmen. Dies ist richtig. Im vorliegenden Text wird eine Methode angewendet, die von einer phänomenologischen Analyse ausgegangen ist, innerhalb dieser dann u.a. die empirische Wissenschaft als Teilmodell der phänomenologischen Methode identifiziert und herausanalysiert hat, und dann in einem weiteren reflektierten Vorgehen auf der Metaebene die phänomenologische Analyse unter Einbeziehung der empirischen Theorie wiederholt. Dieses hybride Vorgehen erlaubt es, die Vorteile beider Vorgehensweisen zu nutzen, ohne sich jedoch die jeweiligen Nachteile einzuhandeln, die zu einer wechselseitigen Paralyse führen.]  Fortsetzung folgt.

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CONSCIOUSNESS – BEWUSSTSEIN. Review von Nick Lane’s Kap.9 aus ‚Life Ascending‘ (2009)

Nick Lane „Life Ascending“, London: Profile Books Ltd, 2009 (Paperback 2010)

KONTEXT ZU DIESEM EINTRAG

  1. Dieser Blogeintrag beschäftigt sich mit Kap.9 von Nick Lane’s Buch (s.o.) mit dem Thema Consciousness (Bewusstsein). Dieser Besprechung gingen schon drei andere voraus. Diese finden sich hier.
  2. Das Erkenntnisinteresse liegt hier einmal darin, seine Position darzustellen, zum anderen aber auch, um seine Position einzuordnen in den größeren erkenntnistheoretischen und wissenschaftsphilosophischen Kontext der Frage nach der möglichen Rolle von Bewusstseinsdaten im Verhältnis zu den empirischen Verhaltens- und Körperwissenschaften.
  3. Wie man aus den bisherigen Blogeinträgen von cagent leicht entnehmen kann, spielte diese Frage von Anbeginn des Blogs eine wichtige Rolle.

BEWUSSTSEIN IN EINEM KÖRPER

Notizen Teil 1 zur Lektüre von Kap.9 aus Nick Lane's Buch 'Life Ascending' (2009)

Notizen Teil 1 zur Lektüre von Kap.9 aus Nick Lane’s Buch ‚Life Ascending‘ (2009)

  1. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass das Phänomen des menschlichen Bewusstseins normalerweise im Kontext eines Gehirns in einem Körper erfahren wird.
  2. Der Körper entsteht im Rahmen eines Wachstumsprozesses (Ontogenese) aus einer befruchteten Zelle.
  3. Jeder individuelle Körper ist Teil einer umfassenderen Population, die immer das Ergebnis eines evolutionären Entstehungsprozesses ist.
  4. Das Verhalten der Ausgangs-Zelle im Wachstumsprozess wird von Genen gesteuert. Diese bestimmen das entstehende Gehirn in seinen Grundstrukturen (z.B. Größe der Gehirnbereiche, Verhältnis von aktivierenden und hemmenden Neuronen, die quantitativen Mengen der verschiedenen Neurotransmitter, usw.).(vgl. S.247)
  5. Aufgrund des Verhältnisses von ca. 1 Gen zu ca. 8 Mrd. Synapsen (nach Christoph Koch, vgl. S.247) ist klar, dass die Gene nicht die Details der neuronalen Verschaltungen festlegen können. Diese ergibt sich vielmehr aus der Interaktion des Gehirns mit seiner Umgebung (dem Körper). Durch diese Interaktionen (= Lernprozesse) werden manche Verbindungen gestärkt, andere schwächen sich ab; die ungenutzten sterben weg.

DREI WEISEN DER REALITÄT

Notizen Teil 2 zur Lektüre von Kap.9 aus Nick Lane's Buch 'Life Ascending' (2009)

Notizen Teil 2 zur Lektüre von Kap.9 aus Nick Lane’s Buch ‚Life Ascending‘ (2009)

  1. Interessant ist, dass das Reden über das Phänomen des Bewusstseins mindestens drei Wirklichkeitsbereiche voraussetzt: (i) Es gibt einmal den Körper, in dem physikalische, chemische, Biochemische Prozesse ablaufen, die u.a. körperinterne Zustände und Zustandsänderungen kodieren, repräsentieren und miteinander interagieren lassen.
  2. Dann gibt es (ii) Objekte und Ereignisse außerhalb des Körpers, durch die die Körperprozesse nur insoweit tangiert werden, als diese körperexternen Gegebenheiten sich durch Interaktion mit dem Körper irgendwie als Zustandsänderungen im Körper ZVe niederschlagen. Diese körperinternen Zustandsänderungen ZV sind nicht die verursachenden Objekte selbst!
  3. Insofern die extern verursachten Zustandsänderungen des Körpers wiederum mit Teilen des Gehirns interagieren, kann das Gehirn (nn) unterschiedliche Verrechnungsprozesse starten, die zu unterschiedlichen Ereignisstrukturen (ZVnn) führen (also eine Abbildung der Art nn: ZVe —> ZVnn, oder rekursiv: nn: ZVe x ZVnn —> ZVnn x ZVe).
  4. Dass die vom Gehirn errechneten Repräsentationen ZVnn irgend etwas mit der realen Welt außerhalb des Körpers zu tun haben, ist – im ersten Ansatz gedacht – zunächst eher unwahrscheinlich. Warum sollte es einen Zusammenhang geben? Dem steht die tägliche Erfahrung gegenüber, dass jeder Mensch normalerweise das Gefühl hat, dass das Bild, das sein Gehirn von der Außenwelt erzeugt, genau diese Außenwelt ist. Das ist ein Paradox.
  5. Schließlich gibt es noch (iii) die Erlebnisse aus der ersten Person Perspektive, die individuellen persönlichen (privaten, subjektiven) Erlebnisse, Wahrnehmungen, Gefühle, die zwar jeder hat, aber die von einer anderen Person (dritte Person Perspektive, intersubjektiv, empirisch) nicht direkt wahrgenommen werden können.
  6. Für die wahrnehmende Person sind diese subjektiven Erlebnisse real, unmittelbar erlebbar, eine Vielzahl unterscheidbarer Eigenschaften (Qualitäten, Qualia), die alle zusammen vereint erscheinen, eingebunden in ein erlebbares Ganzes, dabei kontinuierlich fließend, d.h. jede Situation geht unmerklich über in die nächste.
  7. Das zweite Paradox ist, dass dieses subjektive Erleben der Welt aus sich heraus keinerlei Rückschlüsse zulässt über jene (neuronalen, physiologischen) Prozesse im Körper, die in der Tat diesen subjektiven Erlebnisstrom erst ermöglichen.
  8. Während sich die physiologischen und neuronalen Prozesse biochemisch beschreiben lassen, man sie detailliert messen kann, entziehen sich die subjektiven Wahrnehmungen jedem messenden Zugriff. Während einige der neuronalen Prozesse zeitlich mit bewussten Wahrnehmungen korrelieren, gilt dies für die große Masse der neuronalen Prozesse nicht. Deren Ablauf erscheint völlig unkorreliert mit möglichen bewussten Wahrnehmungen. Wann ist ein biochemischer Prozess mit Bewusstsein verknüpft, wann nicht? Dies gilt – nach dem Philosophen David Chalmers – als das sogenannte ‚harte Problem‘ des Bewusstseins. (vgl. S.236)

INTERAKTIONEN GEHIRN UND BEWUSSTSEIN

Notizen Teil 3 zur Lektüre von Kap.9 aus Nick Lane's Buch 'Life Ascending' (2009)

Notizen Teil 3 zur Lektüre von Kap.9 aus Nick Lane’s Buch ‚Life Ascending‘ (2009)

  1. Obwohl die genaue Natur des Wechselverhältnisses zwischen intersubjektivem (= empirischem) Gehirn (NN) und subjektivem Bewusstsein (PH) bislang nicht aufgeklärt werden konnte, gibt es doch sehr viele konkrete Fälle, durch die man mögliche Hypothesen über die Wechselwirkung zwischen NN und PH aufstellen kann.
  2. Eine Klasse von Fällen beruht auf Verletzungen/ Zerstörungen/ Ausfällen bestimmter physischer Teile des Gehirns (NN*), die mit typischen Veränderungen im Verhalten der betreffenden Personen (SR*) korrelieren bzw. die oft auch von den betreffenden Personen (PH*) verbal kommentiert werden. Also eine Abbildung der Form: CORR(NN*, SR*). Eine andere Klasse von Fällen beruht auf der umgekehrten Wirkrichtung: man erzeugt bewusst bestimmte Verhaltensreize S‘, die dann bei einem bestimmten Gehirn NN zu bestimmten Gehirnaktivitäten (NN(t)) sowie zu bestimmten Antwortreizen R‘ führen. also nn: S‘ x NN —> NN x R‘.
  3. Zu den einzelnen Fällen siehe SS.238ff
  4. Aus all den Experimenten schält sich heraus, dass das bewusste Erleben von der Art der neuronalen Prozesse direkt und reproduzierbar beeinflusst wird, obgleich bis heute unklar ist, was genau die bewussten Erlebnissen sind.
  5. Ferner zeigt sich, dass das subjektive Erleben zwar als eine Einheit von vielen Eigenschaften (Qualia) zugleich erscheint, die korrelierenden neuronalen Prozesse aber über das ganze Gehirn verteilt sein können. Aus diesem Befund wir die Hypothese hergeleitet, dass dass das Gehirn über Mechanismen verfügt, unterschiedliche Prozesse und Bereiche zum richtigen Zeitpunkt und sachlich angemessen zu korrelieren (hier werden genannt Edelman, Crick und Koch, sowie Singer). (vgl. SS.245ff) Dazu gehört auch die verfeinernde Annahme, dass die Vielzahl der Prozesse eine bottom-up Struktur haben, eine implizite Hierarchie, in der viele Details im weiteren Verlauf immer mehr abstrahiert und mit anderen Prozessen korreliert werden. Nur die obersten Stufen dieser Hierarchie (nicht alle) sind gewöhnlich bewusst.
  6. Letztere Annahme macht es zwar einerseits plausibel, warum und wie das Bewusstsein situationsbezogen genau jene groben Strukturen wahrnimmt, um die es gerade geht, ohne all die Milliarden Details im Untergrund, macht es aber noch spannender mit der Frage, wann, wie, und warum bestimmte biochemische Prozesse in solche bewusste Tatbestände umschlagen und andere nicht. Die berühmte Frage nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins (NKB) (’neurol correlates of consciousness (NCC)‘)(vgl. S.243)

ERSTE LOKALISIERUNG DES BEWUSSTSEINS

  1. Berücksichtigt man all die vorangehenden Fakten und Hypothesen, dann bleibt es immer noch offen, ob man das Bewusstsein doch noch irgendwie weiter einkreisen kann. Lane lässt sich hier u.a. von Wissenschaftlern wie Julian Jaynes, Derik Denton, Steven Rose, Gerald M.Edelman, Antonio Damasio und José Musacchio inspirieren.
  2. Danach ermutigen  zahlreiche Befunde die Hypothese, dass das Bewusstsein primär im alten Teil des Gehirns gründet (Gehirnstamm, Mittelhirn), in dem die vielfältigen Körperzustände repräsentiert und kontrolliert werden. Hier sind auch die primären Emotionen wie Hunger, Durst, Angst, sexuelle Lust und Schmerz verankert, die alle für das Überleben des Organismus von zentraler Bedeutung sind. Diese kommentieren alle Körperzustände automatisch und wirken sich direkt steuernd auf das Verhalten aus. Jüngere Gehirnteile (wie der Neokortex) können zwar das sachliche Weltbild erheblich weiter ausdehnen, differenzieren, setzen aber das primäre Körpermodell mit seinen emotionalen Kommentaren weiterhin voraus.
  3. Nach Lane sieht Damasio das moderne Selbstbewusstsein verortet als eine neue Berechnungsstufe oberhalb des alten Körpermodells und den neuen Sachdimensionen. Das ausgeweitete und differenziertere Bild der Objekte und Ereignisse in der Außenwelt vermittelt durch den Neokortex wird permanent in seinen Wechselwirkungen mit dem Körpermodell abgeglichen. Dieses liefert auch kontinuierlich emotionale Kommentare. Auf der abstrakteren Ebene können die Körperdaten mit den neuen Situationsmodellen verrechnet werden. Sprache bedeutet sowohl eine neue Repräsentationsebene (Laute, Zeichen, Gesten, …= Syntax)) wie auch eine neue Bedeutungsebene (Abbildung von Zeichenrepräsentanten auf Objektrepräsentanten, einschließlich den Emotionen = Semantik, auch Pragmatik). Insofern jeder Mensch eine hinreichend ähnliche neuronale Struktur besitzt ist auf diese Weise begrenzt eine Kommunikation über die jeweils subjektiven Zustände möglich, aber nur soweit, als die beteiligten Personen über hinreichend ähnliche Erfahrungen verfügen.

ONTOLOGISCHER STATUS DES BEWUSSTSEINS

  1. Bleibt noch die Frage, wie man die Phänomene des Bewusstseins ontologisch einordnen kann/ soll.
  2. Für den Wahrnehmenden sind sie subjektiv real. Verglichen mit Prozessen außerhalb des bewussten Wahrnehmungsraumes ist ihr Status völlig offen.
  3. Lane diskutiert auch explizit Hypothesen aus dem Bereich der Quantenphysik. (vgl. SS.252ff) Doch weder lassen sich diese Hypothesen bisher experimentell überprüfen noch sind sie logisch überzeugend. Die Phänomene des Bewusstseins reräsentiern keine Quantenstruktur.(vgl. S.254)

ABSPANN

  1. Dieses Kapitel 9 von Lane (hier nur in Teilen wieder gegeben) liefert inhaltlich mehr Anregungen als so manches komplettes Buch zum Thema Bewusstsein.
  2. Viele Fragen sind weiterhin offen.
  3. Interessant ist die Frage, wie sich die bekannten psychologischen und neuropsychologischen Gedächtnismodelle zu dieser (anfangshaften) Theorie des Bewusstseins verhalten.
  4. Bislang werden diese Gedächtnismodell unabhängig von Fragen der Bewusstseinstheorie oder der Gehirnentwicklung diskutiert. Auch haben die so einflussreichen Emotionen in diesen Theorien keinen rechten Platz.
  5. Ferner ist das methodische Problem einer Theorie des Bewusstseins angesichts der Vielzahl an Disziplinen und Methoden keineswegs geklärt. So rekurrieren die Gehirnforscher oft und gerne auf korrelierendes Verhalten oder auf korrelierende Bewusstseinstatbestände, ohne dass sie aber auf die methodischen Probleme dieser andersartigen Daten explizit eingehen noch dass sie überhaupt explizite verhaltensbasierte oder bewusstseinsbasierte Theorien voraussetzen. Neuropsychologie und Neurophänomenologie sind wirkliche Desiderata, die allerdings sowohl eine theoriefähige Psychologie wie auch eine theoriefähige Phänomenologie voraussetzen.
  6. Zur Frage der ontologischen Geltung würde ich gerne die Hypothese beisteuern, dass möglicherweise die Bewusstseinsdaten emergente Phänomene sind analog wie viele andere Phänomene, wie z.B. auch die Gravitation. Dies bedeutet, dass unsere Materie nicht nur jene Eigenschaften implizit enthält, die sich im Verlauf der biologischen Evolution in immer komplexeren Zusammenhängen gezeigt haben, sondern im synchronisierten Zusammenwirken von Milliarden von Neuronen entsteht ein Ereignisfeld, das genau jene Qualität zeigt, die wir Bewusstsein nennen. Analog ist die Gravitation auch nur erfahrbar in bestimmten Konstellationen von Materie, ohne dass die Gravitation solch ein einzelner Körper wäre.

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Notiz: INNOVATION ALS METHODE. FLEXIBLER KOGNITIVER SCHWERPUNKT. Nachhall zu einem Gespräch

NEUES IM ALLTAG

  1. Im Alltag passiert es ständig: man trifft auf etwas, was man nicht kennt, was anders ist, was sich anders verhält als gewohnt.

WAS TUN?

  1. Natürlich tut man das, was man immer spontan tut: man versucht es mit Bekanntem zu vergleichen; man versucht, das Neue in bekannte Muster einzuordnen. Man sucht nach Anhaltspunkten, es zu bewerten.
  2. Stellt es eine mögliche Bedrohung des Status Quo dar oder könnte es hilfreich sein? Eröffnet es neue, interessante Handlungs- und damit Erfahrungsmöglichkeiten mit positiven Erweiterungen oder kann es schaden?

SEX-ROBOTER

  1. Im Rahmen eines Workshops wurde unsere Arbeitsgruppe mit unterschiedlichen Szenarien konfrontiert. Eines war ein Videobericht über die Produktion von Sex-Robotern(weibliche; es gibt aber auch männliche sowie transgender Typen).

UND NUN?

  1. Zunächst reagierten alle zurückhaltend, tastend, fragend, befremdet, was soll das? Soll das was mit Liebe zu tun haben? Ist das nicht abartig (verglichen mit der offiziellen Norm, was ‚man so tut‘)?

PUPPEN SIND BEKANNT

  1. Es kamen dann aber Beispiele von Menschen (Kinder, aber auch Erwachsene), die mit Puppen spielen. Puppen haben eine sehr lange Tradition in allen Kulturen. Puppen (leblose Puppen!) regen die Fantasie an, dienen als Projektionsflächen, lassen Rollenspiele zu, ermöglichen Kindern soziale Situationen durchzuspielen, ihre Emotionen auszuprobieren, in spielerischen Interaktionen mit anderen versuchsweise auszuprobieren, wie sich etwas anfühlen würde.
  2. Bei Erwachsenen kennt man die Situation, dass sie Puppen als Ersatzpersonen benutzen: Paare haben Puppen als Kinderersatz, Einzelpersonen haben Puppen als Partnerersatz. Man kann dies vielleicht so lesen, dass ein emotionales und soziales Defizit durch solche Puppen einen leichten Ausgleich erfährt, zumindest so viel, dass diese Menschen dadurch weniger an dem Defizit leiden, den Ersatz sogar genießen können, sich daran freuen.

SOZIALE ROBOTER

  1. Dann gibt es heute in manchen Ländern (speziell Japan) schon tierähnliche Roboter als Haustiere, die vereinsamten Personen den Alltag sozial anreichern. Die berichteten emotionalen Bindungen werden als positiv empfunden.

HAUSTIERE

  1. Was ist mit all den Tierliebhabern? Ja, es sind reale biologische Wesen, aber sind diese Emotionen so anders als bei den künstlichen Puppen oder Robotern? Die emotionale Bindung an die künstlichen Puppen oder Roboter kann, wie wir wissen, sehr stark sein.

VIRTUELLE PARTNER

  1. Nimmt man dazu die vielen Millionen online ComputerspielerInnen: sie spielen oft täglich, oft tägliche mehr als eine Stunde. Nicht wenige sind richtig süchtig (Spielsucht). Während bei den einen diese Spielsucht zum Verfall traditioneller sozialer Bindungen führt, gibt es aber auch den starken Trend, über die Beziehungen in der virtuellen Welt Freundeskreise in der realen Welt aufzubauen. Es entstehen neue, spannende reale soziale Beziehungen.

ZURÜCK ZUM SEX-ROBOTER

  1. Zurück zu den Sex-Robotern. Die moderne Technik macht es möglich, dass es menschenähnliche, aber vom Hersteller bewusst nicht ganz ähnliche, Maschinen gibt, die speziell für sexuelle Handlungen gebaut werden. Allerdings geht das Interesse der Produzenten deutlich über die reine Sexualität hinaus. Das Aussehen, das Verhalten, insbesondere die Dialogfähigkeiten der Sex-Roboter wird ständig verbessert und ausgeweitet.
  2. Jemand berichtete von einer Videodokumentation zu einem Mann, der eine Sex-Puppe (kein Roboter!) hatte, die für ihn zu einem Partnerersatz geworden ist. Jetzt könnte man dies nach bestimmten Partner-Idealen als defizitär, abartig klassifizieren. Aber offensichtlich hat diese Puppe den Mann in einem bestimmten Bereich sein Gefühlslebens stabilisiert. Könnte man daraus vermuten, dass Sex-Roboter dann auch zu einer Ausweitung des Beziehungstyps führen? Der Sex mag der Aufhänger sein, aber das emotionale Feld, das durch solch eine Maschine ausgelöst wird, kann erheblich umfangreicher sein. Blendet man mal aus, dass solche Sex-Roboter natürlich auch eine neue Möglichkeiten bietet, Menschen auszuspionieren, sie zu steuern, sie zu erpressen, könnten solche emotionale Felder auch mögliche Brücken sein zu erweiterten sozialen Kontakten.
  3. Eine andere Teilnehmerin erinnerte daran, dass es bei den Griechen absolut üblich war, dass systematisch junge Männer, eher noch Kinder, älteren Männern zugeführt wurden, und dass die Auffassung bestand, das man ausgehend von der Sexualität/ Erotik zu umfassenderen Liebeserfahrungen kommen könne. Heute wird dies in vielen Ländern als Pädophilie eingestuft und gesellschaftlich geächtet (und nach heutigem Kenntnisstand auch weitgehend gerechtfertigt, da wir gelernt haben, was dies mit der Psyche von Kindern anrichtet).
  4. Interessant ist auch, dass der Begriff ‚emotionale Robotik‘ mittlerweile zusammen geschrumpft ist auf ‚klinisch reine‘ Anwendungen von Robotern in Wechselwirkung mit Menschen, in denen der emotionale Anteil auf einige wenige Emotionen (wobei offen bleibt, was da überhaupt Emotionen sein sollen) eingeschränkt wurde. Während sich zum Stichwort ‚emotionale Robotik‘ (DE) über 500.000 Links finden, sind es bei google (DE) bei ‚Sexroboter‘ ’nur‘ etwa 36.000.
  5. Gemessen an vielen tradierten Vorstellungen zu Sex und Liebe erscheint der Sex-Roboter als unangemessen. Zugleich muss man aber auch sagen, dass die tradierten Bildern von Sex und Liebe meistens sehr schlicht, dazu oft noch ideologisch verbrämt, sind, die wenig mit der biologischen und psychischen Realität zu tun haben. Man müsste mal abwarten, wie Menschen diese neue Technologie erleben, wie sie sich auswirkt.

BLINDE FLECKEN BEI WAHRNEHMUNG SOZIALER REALITÄT

  1. Das Autofahren produziert jedes Jahr viele tausend Tote; aber das regt praktisch niemand auf. Man betrachtet es als den gesellschaftlichen Preis für die Mobilität.
  2. Der übermäßige Zuckeranteil in sehr vielen Lebensmitteln macht immer größere Anteile der Bevölkerung übergewichtig und schwer krank. Die Gesellschaft erleidet damit eine vielfache Belastung, nicht zu reden von den vielen Milliarden Gesundheitskosten, die entstehen.
  3. Schon heute gibt es Untersuchungen, die zeigen, das große Anteile der Kinder und Jugendliche (aber auch Erwachsene), durch die Smartphones und umfassend verfügbaren Netze psychisch abhängig von diesen Geräten geworden sind. Sie können sie nicht mehr ausschalten, sie können nicht mehr einfach so irgendwo sitzen, gehen, sich mit anderen unterhalten. Menschen sitzen am gleichen Tisch und jeder macht irgendetwas mit seinem Smartphone; nur direkt miteinander reden, das funktioniert nicht mehr.

UMGANG MIT NEUEM

  1. Was haben alle diese Beispiele gemeinsam? Neue Gegenstände, neue Technologien, eröffnen neue Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten. Menschen können durch den Gebrauch sich selbst, ihre Gefühle, anders als vorher erleben. Sie können darin auch andere oft neu erleben. Die Gesamtheit der Wirkungen entfaltet sich aber meist erst nach längerer Zeit, nach längerem Gebrauch. Wenn es wirklich etwas Neues ist, dann kann man es nicht vorab mit dem alten Wissen angemessen begreifen, verstehen, bewerten. Natürlich schließt dies ein Risiko ein: es kann sein, dass der Schaden nachher größer ist als der Nutzen. Dann ist das Klagen groß und jeder wusste es besser. Es kann aber auch sein, dass neue Erfahrungs- und Lebensmöglichkeiten entdeckt werden. Dann freuen sich alle. Vorher wissen konnte man dies aber real nicht. Das Neue ist ohne reales Risiko nicht zu haben. Der Preis einer besseren Zukunft ist immer die Möglichkeit von Verlust und Scheitern.

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MEMO ZU: 6 THESEN ZUM LEBEN: KREATIVITÄT, KOOPERATION, KOMMUIKATION, MEHR ALS JETZT, SEXUALITÄT, DAS BÖSE – PHILOSOPHIESOMMER 2016 in der DENKBAR Frankfurt am So, 15.Mai 2016

Hier wieder ein kurzer Bericht zum Philosophiesommer 2016 in der Denkbar, Treffen am So 15.Mai 2016 (siehe die zugehörige Einladung)

Die Einleitung geriet etwas lang, vielleicht auch angesichts der vielen neuen Gesichter. Letztlich hielten wir aber unseren vorgeschlagenen Zeitplan ein. Sehr erfreulich war die breite Streuung der versammelten Kompetenzen, was sich dann in den Beiträgen widerspiegelte.

EINLEITUNG: SPANNUNGSFELD MENSCH – INTELLIGENTE MASCHINE

Ausgangspunkt war die spannungsvolle Diskussion vom letzten Treffen, bei dem zwar das Spannungsfeld Mensch einerseits, intelligente Maschinen andererseits, zur Sprache kam, wir uns aber nicht auf ein klares Thema für die Fortsetzung einigen konnten. Dies führte zur Formulierung von sechs Thesen zu Grundmerkmalen des biologischen Lebens, so wie sie sich am Beispiel des homo sapiens sapiens nach heutigem Kenntnisstand ablesen lassen. Diese Thesen sind gedacht als mögliche Orientierungspunkte für die weitere Diskussion des Spannungsfeldes Mensch – intelligente Maschinen.

STICHWORTE ZU INTELLIGENTE MASCHINEN

Analog zu den sechs Thesen zum biologischen Leben wurden ein paar Meilensteine zum Begriff der intelligenten Maschine in den Raum gestellt, an denen man das Reden über intelligente Maschinen fest machen kann.

STANDARD FÜR EINEN COMPUTER

Es wurde verwiesen auf den berühmten Artikel On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem. In: Proceedings of the London Mathematical Society. Band 42, 1937, S. 230–265, von Alan Mathison Turing (19121954), in dem er im Kontext eines mathematischen Beweises ein einfaches Gedankenkonstrukt einführte, was später zu seinen Ehren Turingmaschine genannt wurde. Dieses Gedankenkonstrukt, die Turingmaschine, ist bis heute der gedankliche Standard, die Norm, für Fragen der Entscheidbarkeit von Problemstellungen in der Computerwissenschaft. Nach heutigem Kenntnisstand kann kein realer Computer mehr als dieses gedankliche Konstrukt genannt Turingmaschine (und dies gilt auch für alle denkbaren reale Computer der Zukunft).

INTELLIGENTE MASCHINEN

Es war auch dann Turing, der 1950, als es gerade erste Ungetüme von Computer gab, die noch nicht allzu viel konnten, die Frage diskutierte, ob Computer einmal so intelligent werden könnten wie ein homo sapiens sapiens (siehe: Computing Machinery and Intelligence. In: Mind. LIX, Nr. 236, 1950, ISSN  0026-4423, S. 433–460 ). Er räsonierte darüber, dass Computer, wenn sie genauso lernen dürften wie Kinder, eigentlich auch alles wissen könnten, wie Kinder. Auf dem Weg zur intelligenten Maschine sah er weniger technische Probleme, sondern soziale psychologische: Menschen werden Probleme haben, intelligenten lernende Maschinen neben sich in ihrem Alltag zu haben.

EMOTIONALE MASCHINEN

Einer der einflussreichsten und wichtigsten Wissenschaftler der künstlichen Intelligenzforschung, Marvin Minsky (1927 – 2016) veröffentlichte wenige Jahre vor seinem Tod ein Buch über die emotionale Maschine ( The Emotion Machine, Simon & Schuster, New York 2006). Es ist – formal gesehen – kein streng wissenschaftliches Buch, aber dennoch bedenkenswert, da er hier im Lichte seines Wissens durchspielt, wie man die menschlichen Erfahrungen von diversen Gefühlszuständen mit dem zu diesem Zeitpunkt bekannten Wissen über Computer rekonstruieren – sprich erzeugen – könnte. Er sieht in solch einem Projekt kein prinzipielles Problem.(Anmerkung: Es könnte interessant sein, dieses Buch zusammen mit Psychologen und Psychotherapeuten zu diskutieren (evtl. ergänzt um Gehirnforscher mit einem psychologischen Training)).

SUPERINTELLIGENZ UND WERTE

Einen weiteren Aspekt bringt der in Oxford lehrende Philosoph Nick Bostrom ins Spiel. In seinem Buch Superintelligenz (Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies. Oxford University Press, Oxford 2014) sieht er bzgl. der Möglichkeit, super-intelligenter Maschinen grundsätzlich auch keine grundsätzliche Schwierigkeit, wohl aber in der Wertefrage: nach welchen Werten (Zielgrößen, Präferenzen) werden sich diese super-intelligenten Maschinen richten? Werden sie sich gegen den Menschen wenden? Kann der Mensch ihnen solche Werte einspeisen, die diese super-intelligente Maschinen dem Menschen wohlgesonnen sein lassen? Er selbst findet auf diese Fragen keine befriedigende Antwort. Auch wird durch seine Analysen deutlich (was Bostrom nicht ganz klar stellt), dass die Wertefrage grundsätzlich offen ist. Die Menschen selbst demonstrieren seit Jahrtausenden, dass sie keine Klarheit besitzen über gemeinsame Werte, denen alle folgen wollen.

SECHS THESEN ZUM BIOLOGISCHEN LEBEN

Vom BigBang (-13.8 Mrd Jahre) bis heute; ausgewählte Ereignisse

Vom BigBang (-13.8 Mrd Jahre) bis heute; ausgewählte Ereignisse

Angesichts des zuvor skizzierten ungebrochenen Glaubens an die Möglichkeiten einer Superintelligenz bei gleichzeitigem ungelösten Werteproblem bei den Menschen selbst stellt sich die Frage, ob wir Menschen als späte Produkte des biologischen Lebens nicht doch Eigenschaften an und in uns tragen, die mehr sind als eine beliebige Meinung. Aus der Vielzahl der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum biologischen Leben und zum homo sapiens sapiens hatte Gerd Doeben-Henisch sechs in Form von Thesen ausgewählt und der Diskussion vorangestellt.

1. KREATIVITÄT JENSEITS DES BEKANNTEN: Die Explosion des Lebens fand statt auf der Basis eines Erfolgswissens aus der Vergangenheit (repräsentiert im DNA-Molekül) ohne Wissen um die Zukunft. Inmitten eines Nicht-Wissens wurde nicht nur das erprobte Wissen aus der Vergangenheit genutzt, sondern der Reproduktionsprozess erlaubte eine Vielzahl von Alternativen, die alle im Moment des Ereignisses das radikale Risiko des Scheiterns beinhalteten. Diese basale Form der Kreativität war die Methode, Leben zu finden, und das Risiko des Scheiterns der Preis: Ohne Tod kein Leben.
2. KOOPERATION ÜBR GRENZEN HINWEG: Die Explosion des Lebens fand statt durch Erlangung der Fähigkeit, mit völlig fremden Systemen (die oft lebensbedrohlich waren) in eine Kooperation geradezu galaktischen Ausmaßes einzutreten, die eine WinWin-Situation für alle Beteiligte bildete. Das Zustandekommen solcher WinWin-Situationen war in den ersten Milliarden Jahren zufällig; der Erhalt der gefundenen Vorteile beruhte auf der grundlegenden Fähigkeit des Lebens, Erfolge zu konservieren.
3. ÜBERWINDUNG DES JETZT: Solange die biologischen Systeme nicht über Gedächtnis, Abstraktionsfähigkeit, basalem Denken verfügten, waren sie im Jetzt der Sinneseindrücke gefangen. Es gab kein Gestern und kein Morgen. Nach der Explosion des Lebens ab ca. -450 Mio Jahren kam es zu einem einzigartigen Punkt: nach 13.8 Mrd Jahren konnte sich das Leben in Gestalt der Hominiden, speziell dann des homo sapiens sapiens, plötzlich selbst anschauen und verfügte ab da über das Potential, sich selbst zu verändern.
4. KOORDINIERUNG INDIVIDUELLER VIRTUELLER WELTEN: Mit der Überschreitung des Jetzt durch interne Konstruktionen entsteht im einzelnen Individuum ein rekonstruierendes virtuelles Abbild der realen Welt. Damit die vielen einzelnen dieses virtuelle Wissen gemeinsam nutzen können, braucht es neue, leistungsfähige Formen der Koordinierung durch symbolische Kommunikation. Erfindungen wie die Sprache, die Schrift, der Buchdruck usw. belegen eindrucksvoll, was symbolische Interaktion vermag.
5. JENSEITS VON SEXUALITÄT: Während die bisherige Form der Sexualität als Strategie der Mischung genetischer Informationen kombiniert mit endogenem Handlungsdruck bei den handelnden Individuen über Jahrmillionen den Erhalt des Lebens offensichtlich ermöglicht hat, führen die neuen Lebensverhältnisse der großen Siedlungsdichten und der drohenden Überbevölkerung zur Frage, wie sich der Mensch von den endogenen Handlungsdrücken hinreichend befreien kann. Mann – Frau war gestern?
6. DYNAMIK DES BÖSEN – WO LEBT DAS GUTE: tiefsitzende Triebstrukturen im Menschen (Macht, Geld, Dünkel, …) sind seit Jahrtausenden bekannt. Mit den neuen globalen Informationstechnologien können sie sich schneller und effektiver im globalen Maßstab organisieren als nationale politische Systeme. Globale Kartelle des Machtmissbrauchs und der der Kriminalität bedrohen die neuzeitlichen Freiheitsansätze des Kreativen (neben anderen Faktoren).

FREIER DISKURS
Bei diesem breiten Spektrum des Themas war klar, dass nicht alle angesprochenen Aspekte gleichzeitig diskutiert werden konnten.

Gedankenskizze zum Philosophiesommer 2016, Sitzung am 15.Mai 2016, in der DENKBAR Frankfurt

Gedankenskizze zum Philosophiesommer 2016, Sitzung am 15.Mai 2016, in der DENKBAR Frankfurt

SEXUALITÄT
Die ersten Gesprächsbeiträge griffen die These zur Sexualität auf. Eher grundsätzliche Überlegungen thematisierten, dass Sexualität als ein grundlegendes und übergreifendes Prinzip zu sehen ist; die einzelnen Individuen sind hier nur – in gewisser Weise – nur ‚Marionetten‘ in dem großen Spiel des Lebens. Das Leben will überleben, der einzelne muss entsprechend funktionieren. Dass die biologisch vorgegebene eingebaute endogene Drucksituation im Laufe der Jahrtausende innerhalb der unterschiedlichen Kulturen mit ihren Wertesystemen zu vielfältigen Formen der Regulierungen geführt hat (meist zu Lasten der Frauen), ist manifest. Versuche der Menschen, die strenge Kopplung zwischen Sexualität und Reproduktion zu lockern gab es immer. Erst in neuester Zeit verfeinerten sich die Techniken, bieten sich Möglichkeit in die chemischen oder gar genetischen Prozesse einzugreifen bzw. durch die Reproduktionsmedizin die Reproduktion mehr und mehr aus dem biologischen System auszulagern. War schon immer die Anzahl der Kinder ein Indikator für den aktuellen Wohlstand, so führt heute die zunehmende Bevölkerungsdichte erneut zu Überlegungen, den bisherigen Reproduktionsmechanismus zu verändern. Für alle die neuen Maßnahmen und Technologien zur Veränderung der Reproduktion spielt der Einsatz von Computern eine immer größere Rolle. Zugleich wird der Computern für die Sexualität in Form von Sexrobotern auch immer mehr eingesetzt. Bräuchten super-intelligente Maschinen auch ein Äquivalent zur Sexualität, um sich zu vermehren?

INTELLIGENTE MASCHINEN

Die Position der intelligenten Maschinen blieb auffällig abstrakt. Was können sie eigentlich wirklich leisten? Richtig intelligente Maschinen scheint es noch nicht wirklich zu geben. Generell wurde nicht ausgeschlossen, dass super-intelligente Maschinen eine neue Variante der Evolution ermöglichen können. Haben diese super-intelligente Maschinen dann einen eigenen Willen? Würden sie aus sich heraus zu dem Punkt kommen, dass sie die Menschen abschaffen würden? Können wir den super-intelligente Maschinen solche Werte einpflanzen, dass sie den Menschen grundsätzlich wohlgesonnen sind (hier sei erinnert an die vielen geistreichen Science Fiction von Isaak Asimov (1919 – 1992), der unter anderem die Robotergesetze erfunden hatte, die genau diese Idee umsetzen sollten: menschenfreundliche Roboter ermöglichen).

NICHT SCHWARZ-WEISS DENKEN

Im Gespräch zeichnete sich auch eine Position ab, die viele Argumente auf sich vereinte, nämlich jene, die weniger konfrontativ Mensch und super-intelligente Maschinen gegenüberstellt, sondern von einer symbiotischen Wechselbeziehung ausgeht. Der Mensch entwickelt schrittweise die neuen Technologien, und in dem Masse, wie diese real erfahrbar werden, beginnt die ganze Gesellschaft, sich damit auseinander zu setzen. Systemisch gibt es damit beständige Rückkopplungen, die – falls die gesellschaftliche Dynamik (Öffentlichkeit, freie Meinung, Diskurs..) intakt ist – nach Optimierungen im Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen sucht. Natürlich gibt es massive wirtschaftliche Interessen, die versuchen, die neuen Möglichkeiten für sich zu nutzen und versuchen, alle Vorteile einseitig zu akkumulieren; es ist dann Aufgabe der ganzen Gesellschaft, dieser Tendenz entsprechend entgegen zu wirken. Dabei kann es sehr wohl zu Neujustierungen bisheriger Normen/ Werte kommen.

WEISHEIT DES LEBENS
Wenn man bedenkt, welch ungeheuren Leistungen das biologische Leben seit 3.8 Mrd Jahren auf der Erde vollbracht hat, wie es Lebewesen mit einer gerade zu galaktischen Komplexität geschaffen hat (der Körper des homo sapiens sapiens hat nach neuen Schätzungen ca. 34 Billionen (10^12) Körperzellen (plus noch mehr Bakterien in und am Körper), die alle als Individuen im Millisekundentakt zusammenwirken, während dagegen die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie, ca. nur 100 – 300 Mrd. Sonnen besitzt), dann kann man nicht grundsätzlich ausschließen, dass diese Leben implizit über eine ‚Weisheit‘ verfügt (man könnte auch einfach von ‚Logik‘ sprechen), die möglicherweise größer, tiefer umfassender ist, als jede denkbare Superintelligenz, weil diese, wann und wo auch immer, nicht von außerhalb des Systems entsteht, sondern innerhalb des Systems.

NÄCHSTES THEMA

Da viele Teilnehmer sagten, dass sie sich unter diesen intelligenten Maschinen immer noch nichts Rechtes vorstellen können, wurde ein anwesender Experte für intelligente Maschinen (aus der Gattung homo sapiens sapiens) gebeten, für das nächste Treffen eine kleine Einführung in die aktuelle Situation zu geben.

Ein Überblick zu allen bisherigen Themen des Philosophiesommers (und seiner Vorgänger) nach Titeln findet sich HIER.

DIE SELBSTABSCHALTUNG – UND NOCH EIN PAAR BETRACHTUNGEN ZUR PSYCHOLOGIE DES MENSCHEN

  1. Im Laufe seines Lebens trifft man auf sehr viele unterschiedliche Menschen. Über Körperformen, Geruchsprofile, Spracheigenschaften, Hautfarben, Verhaltensbesonderheiten, Art des Lachens oder Weinens, Essgewohnheiten, Musikvorlieben, und vielem mehr, gibt es eine große Bandbreite. Viele neigen dazu, äußerliche Besonderheiten sofort aufzugreifen, sie hoch zu stilisieren als abgrenzende Besonderheiten, als besondere Menschenklasse, als der bzw. die Anderen. Dabei sind es nur die ganz gewöhnlichen Varianten, die im biologischen Programm der Menschwerdung möglich und vorgesehen sind. Der/ die/ das Andere erweckt in vielen Menschen zudem oft spontane Ängste, weil sie instinktiv spüren, dass sie selbst, so, wie sie sind, nichts Absolutes sind, nicht die einzige Wahrheit; das sie selbst angesichts des Anderen sich auch als etwas Besonderes spüren, etwas Veränderliches, möglicherweise etwas Zufälliges, das am Selbstverständnis nagen kann: wer bin ich, wenn ich auch nur etwas Anderes für Andere bin? Wer bin ich, wenn ich auch nur etwas Zufälliges für andere bin, eine Variante?
  2. Es ist offensichtlich, dass Menschen, von Innen getrieben, nach Fixpunkten suchen, nach Wahrheiten, nach Gewissheiten, nach Anerkennung, nach einem positiven Selbstgefühl. Menschen halten es nicht gut aus, sie mögen es nicht, wenn ihr Selbstgefühl leidet. Und selbst in schweren Formen der Erniedrigung (z.B. in der leider viel zu häufigen Realität, wenn Frauen von Männern misshandelt werden), suchen Menschen noch in der Erniedrigung eine Form der Wertschätzung heraus zu lesen: Ja, der andere quält mich, aber noch in dieser Form der Qual nimmt der andere mich doch ernst, nimmt er mich wahr, verbringt er Zeit mit mir, usw. Dieses letzte Flackern des Lebenswillens reicht zwar aus, sich über der Nulllinie zu halten, nicht aber, um das zu verändern, was Leid und Zerstörung mit sich bringt.
  3. Dass Männer so oft Frauen misshandeln, weil Männer sich Frauen gegenüber aus vielfachen Gründen unterlegen fühlen, erscheint aber nur als eine Spielart von vielen anderen: Wenn Mitglieder einer politischen Partei wie besinnungslos auf Mitglieder anderer politischer Parteien mit Worten (und bisweilen auch Fäusten) einschlagen, dabei gebetsmühlenartig ihre Slogans wiederholen ohne dass irgend jemand näher überprüft hat, ob und wie man die Dinge auch anders sehen könnte, dann ist dies letztlich nichts anderes. Die andere Gesinnung als solche wird zum ab- und ausgrenzenden Merkmal, der Andere erscheint als direkte in Fragestellung der eigenen Position. Egal welche Parteien, ich habe noch nie erlebt, dass man mit einem aktiven Mitglied einer Partei (ob in Deutschland, Frankreich, England, den USA oder wo auch immer) bei einer Veranstaltung, wo verschiedene Vertreter präsent sind, einfach normal über mögliche Alternativen reden konnte.
  4. Bei Religionsgemeinschaften – zumindest in ihren fundamentalistischen Teilen – ist dies nicht anders (Juden, Christen, Muslime, Buddhisten, Hindus, …). Sie alle treten auf wie Marionetten eines Einpeitschers, der nicht außen steht, sondern sich in ihr eigenes Gehirn eingenistet hat und von dort aus alles terrorisiert. Das Furchtbare, das Erschreckende daran ist eben dieses: der Einpeitscher sitzt in ihrem eigenen Gehirn und er erlaubt diesen Menschen nicht, dass sie Fragen stellen, Fragen zu sich selbst, Fragen zu ihren eigenen Anschauungen, Fragen über die Welt, Fragen dazu, wie denn das alles gekommen ist, usw. Der Einpeitscher in ihren Gehirnen ist wie ein Computervirus, der dieses Gehirn gekapert hat, es so umprogrammiert hat, dass es gegen jegliche Beeinflussung von außen immunisiert wurde. Manche gehen damit bis in ihren eigenen Tod, wie jene Ameisen, die von einem bestimmten Pilz befallen wurden, der dann mit chemischen Stoffen über das Blut das Gehirn dieser Ameise so steuert, dass sie sich Vögeln zum Fraß anbieten, damit der Pilz in diese Vögel gelangen kann. Nicht anders funktionieren die fremde Einpeitscher-Slogans im eigenen Gehirn: sie schalten diese Menschen quasi ab, machen sie zu willenlosen Werkzeugen ihres Gedankenvirus. Man erkennt diese Menschen daran, dass sie im Gespräch immer nur Slogans wiederholen und nicht mehr selbst denken können.
  5. Wer glaubt, dass dies nur bei dummen Menschen funktioniert, der lebt in einer gefährlichen Täuschung. Der Virus der Selbstabschaltung findet sich auch bei intelligenten Menschen, und zwar nicht weniger häufig als bei sogenannten dummen Menschen (ich benutze die Begriffe ‚dumm‘ und ‚intelligent‘ normalerweise nicht, weil sie sehr oft zur Abgrenzung und Abwertung benutzt werden, aber in diesem Fall tue ich es, um genau diese Instrumentalisierung von Eigenschaften als Waffe gegen Menschen anzusprechen). Da die Welt sehr kompliziert ist und die allerwenigsten Menschen genügen Zeit haben, allen Dingen selbst soweit auf den Grund zu gehen, dass sie sich ernsthaft eine eigene Meinung bilden können, sind viele Menschen – ob sie wollen oder nicht – auf die Meinung anderer angewiesen. Davor sind auch intelligente Menschen nicht befreit. Da auch sogenannte intelligente Menschen die ganze Bandbreite menschlicher Triebe, Bedürfnisse, Emotionen, Gefühle in sich tragen (auch Eitelkeit, Machthunger usw.), angereichert mit ebenso vielen sublimen Ängsten, ist ihre Intelligenz nicht im luftleeren Raum, nicht beziehungslos, sondern steht auch permanent unter dem Andruck all dieser – vielfach unbewussten – Ängste, Triebe und Emotionen. Und, jeder einzelne, wie im Bilderbuch, nutzt seine Intelligenz um all diese unbewältigten Ängste, Triebe und Emotionen maximal zu bedienen. Wer seine Ängste, Triebe und Emotionen nicht in den Griff bekommt (Wer kennt jemanden, der dies vollständig kann?), erfindet wunderbare Geschichten (Psychologen nennen dies Rationalisieren), warum man eher das tut als etwas anderes; warum man nicht kommen konnte, weil; warum man unbedingt dorthin fahren muss, weil; warum dieser Mensch blöd ist, weil; usw. um damit  die wahren Motive unangetastet zu lassen.  Die große Masse der intellektuell verkleideten Geschichten ist in dieser Sicht möglicherweise Schrott, in der Politik, in der Religion, im menschlichen Zwischeneinander, in der Wirtschaft ….
  6. In einem der vielen Gespräche, die man so führt, stand mir einmal jemand gegenüber, der ohne Zweifel hochintelligent war und sehr viel wusste. Leitmotiv seiner vielen Äußerungen war, dass die meisten Menschen dumm sind und innerlich abgeschaltet sind. Daher lohne es sich nicht, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Dabei fand er nichts dabei, dass er selbst immer wieder die gleichen Argumentationsfiguren wiederholte und bei Nachfrage, nach seinen Voraussetzungen tatsächlich erregt wurde, weil seine Kronzeugen nicht anzugreifen waren; seine eigenen Kronzeugen waren eben einfach wahr. Wer war hier abgeschaltet? War dies auch eine Strategie, um sich von der Vielfalt des Lebens mit Begründung abschotten zu können? Im Gespräch ging es fast nur um die Unterwerfung unter seine Prämissen; ein neugieriges Hinhören oder spielerisches Umgehen mit Varianten war im Ansatz trotz vielfacher Angebote meinerseits ausgeschlossen. Dieses Verhalten wirkte auf mich wie eine massive Selbstabschaltung vor der Vielfalt und dem Reichtum des Lebens, insbesondere auch als eine massive Selbstabschaltung vor den eigenen Abgründen und Möglichkeiten.
  7. Dieses sehr verbreitete Phänomen der Selbstabschaltung der Menschen von der Welt, von den anderen Menschen, vor sich selbst, ist gepaart mit einerseits einer unkritischen Überhöhung jener Positionen, die man (wie intelligent man auch sein mag) als für sich als wahr übernommen hat, und zugleich einer fast fanatischen Verteuflung von allem anderen. Wie eine Menschheit, die am Virus der Selbstabschaltung leidet, die sich nähernde Zukunft meistern soll, ist schwer zu sehen. Bislang haben die impliziten Kräfte der biologischen Evolution lebensunfähige Strukturen aussortiert. Das hat oft viele Millionen Jahre, wenn nicht hunderte von Millionen Jahren gedauert. Durch die Transformierung der Realität in das symbolische Denken von Gehirnen, erweitert um Kulturtechniken des Wissens, zuletzt durch Computer, Netzwerke und Datenbanken, hat es der homo sapiens geschafft, sich von diesem sehr langsamen Gang der bisherigen Form der Evolution zu befreien. Im Prinzip kann die Menschheit mit ihren Wissenstechniken die Erde, das Weltall, die Evolution denkerisch nachempfinden, nach analysieren, selber mögliche Zukünfte durchspielen und dann versuchen, durch eigenes Verhalten zu beschleunigen. Wenn nun aber dieses Denken eingebettet ist in eine unbewältigte Struktur von Ängsten, Trieben und Emotionen aus der Frühzeit des Lebens, ohne dass genau dafür neue leistungsfähige Kulturtechniken gefunden wurden, dann wirken all diese neuen analytischen Errungenschaften wie ein Panzer, der von einem kleinen Baby gesteuert wird mitten in einer belebten Stadt. Dies wirkt nicht wie ein Erfolgsrezept.
  8. Da das Universum ohne unsere Zutun entstanden ist, unsere Milchstraße, unser Sonnensystem, unsere Erde, das biologische Leben, wir alle, besteht vielleicht ein wenig Hoffnung, das in diesem – für uns nur schwer zu durchschauenden – Chaos Elemente vorhanden sind, implizite Dynamiken, die wir (dank unseres Selbstabschaltungsvirus?) bislang noch nicht entdeckt haben. Leider ist das, was viele offizielle Religionen als Lösungsmuster propagieren, offensichtlich nicht das, was uns hilft. Die meisten institutionalisierten Religionen erscheinen selbst als Teil des Problems.
  9. Man darf gespannt sein. Ich bin es. Höchstwahrscheinlich werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben können, ob und wie die Menschheit ihre eigene Selbstabschaltung in den Griff bekommt.

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IST DIE SELBSTVERSKLAVUNG DER MENSCHEN UNTER DIE MASCHINEN EVOLUTIONÄR UNAUSWEICHLICH?

  1. In diesem Blog gab es in der Vergangenheit schon mehrere Einträge (z.B. den ersten großen Beitrag Kann es doch einen künstlichen Geist geben?), die sich mit der Frage beschäftigt haben, inwieweit Maschinen die Lernfähigkeit und die Intelligenz von Menschen erreichen oder sogar übertreffen können.
  2. In vielen wichtigen Punkten muss man diese Frage offensichtlich bejahen, obgleich es bis heute keine Maschine gibt, die das technische Potential voll ausnutzt.
  3. Umso bemerkenswerter ist es, welche Wirkungen Maschinen (Computer) auf die Gesellschaft erzielen können, obgleich sie noch weitab von ihrem Optimum agieren.
  4. In einem Blogeintrag anlässlich eines Vortrags Über Industrie 4.0 und Transhumanismus. Roboter als Volksverdummung? Schaffen wir uns selbst ab? hatte ich noch eine grundsätzlich positive Grundstimmung bzgl. dessen, was auf uns zukommt. Ich schrieb damals:
  5. Das Ganze endet in einem glühenden Plädoyer für die Zukunft des Lebens in Symbiose mit einer angemessenen Technik. Wir sind nicht das ‚Endprodukt‘ der Evolution, sondern nur eine Durchgangsstation hin zu etwas ganz anderem!
  6. Mittlerweile beschleicht mich der Verdacht, dass wir aktuellen Menschen die nächste Phase der Evolution möglicherweise unterschätzen.
  7. Auslöser war der persönliche Bericht eines Managers in einem weltweiten IT-Konzern, der – von Natur aus ein Naturwissenschaftler, ‚knochentrocken‘, immer sachlich, effizient – zum ersten Mal nach vielen Jahren Ansätze von Emotionen zeigte, was die Entwicklung seiner Firma angeht. Die Firma (und nicht nur diese Firma, s.u.) entwickelt seit vielen Jahren ein intelligentes Programm, das eine Unzahl von Datenbanken auswerten kann, und zwar so, dass die Anfrage von Menschen ‚interpretiert‘, die Datenbanken daraufhin gezielt abgefragt und dem anfragenden Menschen dann mitgeteilt werden. Das Ganze hat die Form eines passablen Dialogs. Das Verhalten dieses intelligenten Programms ist mittlerweile so gut, dass anfragende Menschen nicht mehr merken, dass sie ’nur‘ mit einer Maschine reden, und dass die Qualität dieser Maschine mittlerweile so gut ist, dass selbst Experten in vielen (den meisten?) Fällen schlechter sind als diese Maschine (z.B. medizinische Diagnose!). Dies führt schon jetzt dazu, dass diese Beratungsleistung nicht nur nach außen als Dienstleistung genutzt wird, sondern mehr und mehr auch in der Firma selbst. D.h. die Firma beginnt, sich von ihrem eigenen Produkt – einem in bestimmtem Umfang ‚intelligenten‘ Programm – ‚beraten‘ (und damit ‚führen‘?) zu lassen.
  8. Wenn man sich in der ‚Szene‘ umhört (man lese nur den erstaunlichen Wikipedia-EN-Eintrag zu deep learning), dann wird man feststellen, dass alle großen global operierenden IT-Firmen (Google, Microsoft, Apple, Facebook, Baidu und andere), mit Hochdruck daran arbeiten, ihre riesigen Datenbestände mit Hilfe von intelligenten Maschinen (im Prinzip intelligenten Algorithmen auf entsprechender Hardware) dahingehend nutzbar zu machen, dass man aus den Nutzerdaten nicht nur möglichst viel vom Verhalten und den Bedürfnissen der Nutzer zu erfahren, sondern dass die Programme auch immer ‚dialogfähiger‘ werden, dass also Nutzer ’natürlich (= menschlich)‘ erscheinende Dialoge mit diesen Maschinen führen können und die Nutzer (= Menschen) dann zufrieden genau die Informationen erhalten, von denen sie ‚glauben‘, dass es die ‚richtigen‘ sind.
  9. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Manager dieser Firmen dank ihrer überlegenen Fähigkeiten die Firmen technologisch aufrüsten und damit zum wirtschaftlichen Erfolg führen.
  10. Tatsache ist aber, dass allein aufgrund der Möglichkeit, dass man ein bestimmtes Informationsverhalten von Menschen (den aktuellen ‚Kunden‘!) mit einer neuen Technologie ‚bedienen‘ könnte, und dass derjenige, der dies zu ‚erschwinglichen Preisen‘ als erster schafft, einen wirtschaftlichen Erfolg erzielen kann (zu Lasten der Konkurrenz), diese rein gedachte Möglichkeit einen Manager zwingt (!!!), von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Tut der Manager es nicht läuft er Gefahr, dass die Konkurrenz es tut, und zwar vor ihm, und dass er dadurch möglicherweise auf dem Markt so geschwächt wird, dass die Firma sich davon u.U. nicht mehr erholt. Insofern ist der Manager (und die ganze Firma) ein Getriebener (!!!). Er kann gar nicht anders!
  11. Das, was den Manager ‚treibt‘, das ist die aktuelle technische Möglichkeit, die sich aufgrund der bisherigen technischen Entwicklung ergeben hat. Für die bisherige technische Entwicklung gilt aber für jeden Zeitpunkt die gleiche Logik: als die Dampfmaschine möglich wurde, hatte nur noch Erfolg, wer sie als erster und konsequent eingesetzt hat; als die Elektrizität verfügbar, nicht anders, dann Radio, Fernsehen, Auto, Computer, ….
  12. Die ‚Manager‘ und ‚Unternehmensgründer‘, die wir zurecht bewundern für ihre Fähigkeiten und ihren Mut (nicht immer natürlich), sind trotz all dieser hervorstechenden Eigenschaften und Leistungen dennoch nicht autonom, nicht freiwillig; sie sind und bleiben Getriebene einer umfassenderen Logik, die sich aus der Evolution als Ganzer ergibt: die Evolution basiert auf dem bis heute nicht erklärbaren Prinzip der Entropie-Umkehr, bei dem freie Energie dazu genutzt wird, den kombinatorischen Raum möglicher neuer Zustände möglichst umfassend abzusuchen, und in Form neuer komplexer Strukturen in die Lage zu versetzen, noch mehr, noch schneller, noch effizienter zu suchen und die Strukturen und Dynamiken der vorfindlichen Welt (Universum) darin zu verstehen.
  13. Während wir im Falle von Molekülen und biologischen Zellen dazu tendieren, diese eigentlich ungeheuren Vorgänge eher herunter zu spielen, da sie quasi unter unserer Wahrnehmungsschwelle liegen, wird uns heute vielleicht dann doch erstmalig, ansatzweise, etwas mulmig bei der Beobachtung, dass wir Menschen, die wir uns bislang für so toll halten, dazu ganze riesige globale Firmen, die für Außenstehende beeindruckend wirken und für Firmenmitglieder wie überdimensionale Gefängnisse (? oder Irrenanstalten?), dass wir ‚tollen‘ Menschen also ansatzweise spüren, dass die wahnwitzige Entwicklung zu immer größeren Metropolen und zu immer intelligenteren Maschinen, die uns zunehmen die Welt erklären (weil wir es nicht mehr schaffen!?), uns dies alles tun lassen, weil der einzelne sich machtlos fühlt und die verschiedenen Chefs auf den verschiedenen Hierarchieebenen total Getriebene sind, die ihre Position nur halten können, wenn sie hinreichend effizient sind. Die Effizienz (zumindest in der freien Wirtschaft) wird jeweils neu definiert durch das gerade Machbare.
  14. Politische Systeme haben zwar immer versucht – und versuchen es auch heute – sich ein wenig vor dem Monster der Innovation abzuschotten, aber dies gelingt, wenn überhaupt, in der Konkurrenz der Gesellschaftssysteme nur für begrenzte Zeiten.
  15. Was wir also beobachten ist, dass die immense Informationsflut, die das einzelne Gehirn hoffnungslos überfordert, Lösungen mit intelligente Maschinen auf den Plan ruft, die das Sammeln, Sortieren, Klassifizieren, Aufbereiten usw. übernehmen und uns Menschen dann auf neue Weise servieren. So betrachtet ist es hilfreich für alle, nützlich, praktisch, Lebensfördernd.
  16. Beunruhigend ist einmal die Art und Weise, das Wie: statt dass es wirklich allen hilft, hat man den Eindruck, dass es die globalen Konzerne sind, die einseitig davon Vorteile haben, dass das bisherige Ideal der Privatheit, Freiheit, Selbstbestimmung, Würde usw. aufgelöst wird zugunsten einer völlig gläsernen Gesellschaft, die aber nur für einige wenige gläsern ist. Demokratische Gesellschaften empfinden dies u.U, stärker als nicht-demokratische Gesellschaften.
  17. Beunruhigend ist es auch, weil wir als Menschen erstmalig merken, dass hier ein Prozess in Gang ist, der eine neue Qualität im Verhältnis Mensch – Technik darstellt. In primitiveren Gesellschaften (und auch noch in heutigen Diktaturen) war es üblich , dass wenige Menschen die große Masse aller anderen Menschen quasi ‚versklavt‘ haben. Unter absolutistischen Herrschern hatten alle einem Menschen zu gehorchen, ob der nun Unsinn redete oder Heil verkündete. Nach den verschiedenen demokratischen Revolutionen wurde dieser Schwachsinn entzaubert und man wollte selbst bestimmen, wie das Leben zu gestalten ist.
  18. In der fortschreitenden Komplexität des Alltags merken wir aber, dass das sich selbst Bestimmen immer mehr vom Zugang zu Informationen abhängig ist und von der kommunikativen Abstimmung mit anderen, die ohne erheblichen technischen Aufwand nicht zu leisten sind. Die dazu notwendigen technischen Mittel gewinnen aber im Einsatz, im Gebrauch eine solche dominante Rolle, dass sie immer weniger nur die neutralen Vermittler von Informationen sind, sondern immer mehr ein Eigenleben führen, das sich ansatzweise und dann immer mehr auch von denen abkoppelt, die diese vermittelnden Technologien einsetzen. Kunden und Dienstleister werden werden gleichzeitig abhängig. Wirtschaftlich können die Dienstleister nicht mehr dahinter zurück und lebenspraktisch ist der Verbraucher, der Kunde immer mehr von der Verfügbarkeit dieser Leistung abhängig. Also treiben beide die Entwicklung zu noch größerer Abhängigkeit von den intelligenten Vermittlern voran.
  19. Eine interessante Entwicklung als Teil der übergreifenden Evolution. Wo führt sie uns hin?
  20. Die Frage ist spannend, da die heute bekannten intelligenten Maschinen noch weitab von den Möglichkeiten operieren, die es real gibt. Die Schwelle ist bislang die Abhängigkeit von den begrenzten menschlichen Gehirnen. Unsere Gehirne tun sich schwer mit Komplexität. Wir brauchen Computer, um größere Komplexität bewältigen zu können, was zu noch komplexeren (für uns Menschen) Computern führt, usw. Dabei haben wir noch lange nicht verstanden, wie die etwa 200 Milliarden einzelne Nervenzellen in unserem Gehirn es schaffen, im Millisekundenbereich miteinander so zu reden, dass all die wunderbaren Leistungen der Wahrnehmens, Denkens, Erinnerns, Bewegens usw. möglich sind.
  21. Heutige Computer haben mittlerweile eine begrenzte lokale Lernfähigkeit realisiert, die ihnen den Zugang zu begrenzter Intelligenz erlaubt. Heutige Computer sind aber weder im lokalen wie im strukturellen voll Lernfähig.
  22. Einige meinen, dass die Zukunft im Sinne von technischer-Singularität zu deuten ist, dass die intelligenten Maschinen dann irgendwann alles übernehmen. Ich wäre mir da nicht so sicher. Das Hauptproblem einer vollen Lernfähigkeit ist nicht die Intelligenz, sondern die Abhängigkeit von geeigneten Präferenzsystemen (Werte, Normen, Emotionen, Bedürfnissen, …). Dieses Problem begegnen wir beim Menschen auf Schritt und Tritt. Die vielen Probleme auf dieser Welt resultieren nicht aus einem Mangel an Intelligenz, sondern aus einem Mangel an geeigneten von allen akzeptierten Präferenzsystemen. Dass Computer die gleichen Probleme haben werden ist den meisten (allen?) noch nicht bewusst, da die Lernfähigkeit der bisherigen Computer noch so beschränkt ist, dass das Problem nicht sichtbar wird. Sobald aber die Lernfähigkeit von Computern zunehmen wird, wird sich dieses Problem immer schärfer stellen.
  23. Das einzige wirklich harte Problem ist jetzt schon und wird in der Zukunft das Werteproblem sein. Die bisherigen Religionen haben unsere Blicke mit vielen falschen Bildern vernebelt und uns im Glauben gelassen, das Werteproblem sei ja gelöst, weil man ja an Gott glaubt (jede Religion tat dies auf ihre Weise). Dieser Glaube ist aber letztlich inhaltsleer und nicht geeignet, die realen Wertprobleme zu lösen.
  24. Man kann nur gespannt sein, wie die Menschheit als Teil des umfassenden Lebensphänomens mit einer immer leistungsfähigeren Technik auf Dauer das Werteproblem lösen wird. Die einzige Hoffnung ruht in der Logik des Prozesses selbst. Der Mensch in seiner unfassbaren Komplexität ist ein Produkt der Evolutionslogik; wir selbst sind weit entfernt davon, dass wir etwas Vergleichbares wie uns selbst schaffen könnten. Darf man also darauf vertrauen, dass die in allem Leben innewohnende Logik der Evolution uns Menschen als Werkzeuge benutzt zu noch mehr Komplexität, in der wir alle kleine Rädchen im Ganzen sind (als was erscheint uns  ein einzelner Mensch in einer 30-Millionen Metropole?)

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ENTSCHEIDEN IN EINER MULTIKAUSALEN WELT? MEMO ZUR PHILOSOPHIEWERKSTATT VOM Sonntag, 10.Mai 2015 IN DER DENKBAR (Frankfurt)

Begriffsnetzwerk von der Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015

Begriffsnetzwerk von der Philosophiewerkstatt am 10.Mai 2015

Generelles Anliegen der Philosophiewerkstatt ist es, ein philosophisches Gespräch zu ermöglichen, in dem die Fragen der TeilnehmerInnen versuchsweise zu Begriffsnetzen verknüpft werden, die in Beziehung gesetzt werden zum allgemeinen Denkraum der Philosophie, der Wissenschaften, der Kunst und Religion. Im Hintergrund stehen die Reflexionen aus dem Blog cognitiveagent.org, das Ringen um das neue Menschen- und Weltbild.

Aus der letzten Philosophiewerkstatt vom 12.April 2015 resultierte das – nicht ganz schar formulierte – Thema: Kann sich ein einzelner innerhalb einer multikausalen Welt überhaupt noch sinnvoll entscheiden? Kann man überhaupt noch eine Wirkung erzielen? Ist nicht irgendwie alles egal?

1. Trotz strahlendem Sommerwetter fand sich wieder ein bunter Kreis interessierter und engagierter Gesprächsteilnehmer, um sich in der DENKBAR Frankfurt zum Thema auszutauschen. Wie beim jedem Treffen bisher gab es auch dieses Mal neben schon bekannten Teilnehmern wieder auch neue Teilnehmer, die das Gespräch bereicherten.

2. Wie die Gedankenskizze des Gesprächs andeutet, förderte das gemeinsame Gespräch eine Fülle interessanter Aspekte zutage, die auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. Auch wenn jeder Punkt für sich ein eigenes Thema abgeben könnte, so zeigt gerade der Überblick über und die Vernetzung von den Begriffen etwas von unserer Entscheidungswirklichkeit auf, die im Alltag oft im Dunkeln verbleibt.

INDIVIDUUM – KONTEXT

3. Das Gespräch fokussierte zunächst eher auf den individuellen Träger von Entscheidungen und lies die diverse Einflüsse des Kontextes eher am Rande.

4. Am Entscheidungsprozess traten verschieden ‚Phasen‘ hervor: (i) irgendein ein Anlass. Warum man sich überhaupt mit etwas beschäftigt. Warum öffnet man sich überhaupt für ein Thema? Wendet man sich einem Thema zu, dann gibt es in der Regel mindestens eine Alternative, was man tun könnte. Dies hängt sowohl von den konkreten Umständen wie auch von der verfügbaren Erfahrung und dem verfügbaren Wissen ab. Nach welchen Kriterien/ Präferenzen/ Werten entscheidet man dann, welche der vielen Möglichkeiten man wählen soll? Ist die Entscheidung ‚frei‘ oder durch irgendwelche Faktoren ‚vorbestimmt‘? Gibt es explizite Wissensanteile, aufgrund deren man meint, ‚rational‘ zu handeln, oder ist es eine ‚Bauchentscheidung‘? Wieweit spielen ’nicht-bewusste‘ Anteile mit hinein? Insofern nicht-bewusste Anteile von sich aus nicht bewusst sind, können wir selbst dies gar nicht wissen. Wir bräuchten zusätzliche Hilfen, um dies möglicherweise sichtbar zu machen. Schließlich wurde bemerkt, dass selbst dann, wenn wir sogar zu einer Entscheidung gekommen sind, was wir tun sollten, es sein kann, dass wir die Ausführung lassen. Wir tun dann doch nichts. Sollten wir etwas tun, dann würde unser Tun ‚eine Wirkung‘ entfalten.

ARCHITEKTUR DES INDIVIDUUMS

5. Alle diese Entscheidungsprozesse verlaufen in einer Person; im anderen, in mir. Wir wissen, dass jeder Mensch eine komplexe Architektur besitzt, sehr viele unterschiedliche Komponenten besitzt, die in Wechselwirkung stehen. Folgende drei Bereich wurden genannt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: (i) der Körper selbst, die Physis, das Physiologische. Das Gehirn ist eines der vielen komplexen Organe im Bereich der Physis. Das Physische kann altern, kann zwischen Menschen Varianzen aufweisen. Resultiert aus einem individuellen Wachstumsprozess (Ontogenese), und im Rahmen einer Population resultiert der Bauplan eines individuellen Körpers aus einem evolutionären Prozess (Phylogenese). Sowohl in der Phylogenese wie in der Ontogenese können sich Strukturen umweltabhängig, verhaltensabhängig und rein zufällig verändern. Weiter gibt es (ii) den Komplex, der grob mit Emotionen, Gefühle umschrieben wurde. Es sind Körper- und Gemütszustände, die auf das Bewerten der Wahrnehmung und das Entscheiden Einfluss ausüben können (und es in der Regel immer tun). Schließlich (iii) gibt es den Komplex Wissen/ Erfahrung, der Menschen in die Lage versetzt, die Wahrnehmung der Welt zu strukturieren, Beziehungen zu erkennen, Beziehungen herzustellen, komplexe Muster aufzubauen, usw. Ohne Wissen ist ein Überschreiten des Augenblicks nicht möglich.

WISSEN

6. Aufgrund der zentralen Rolle des Wissens ist es dann sicher nicht verwunderlich, dass es zum Wissen verschiedene weitere Überlegungen gab.

7. Neben der Betonung der zentralen Rolle von Wissen wurde mehrfach auf potentielle Grenzen und Schwachstellen hingewiesen: (i) gemessen an dem objektiv verfügbare Wissen erscheint unser individuelles Wissen sehr partiell, sehr begrenzt zu sein. Es ist zudem (ii) veränderlich durch ‚Vergessen‘ und ‚Neues‘. Auch stellte sich die Frage (iii) nach der Qualität: wie sicher ist unser Wissen? Wie ‚wahr-falsch‘? Woher können wir wissen, ob das, was wir ‚für wahr halten‘, an was wir ‚glauben‘, tatsächlich so ist? Dies führte (iv) zu einer Diskussion des Verhältnisses zwischen ‚wissenschaftlichem‘ Wissen und ‚Alltags-‚ bzw. ‚Bauchwissen‘. Anwesende Ärzte betonten, dass sie als Arzt natürlich nicht einfach nach ‚Bauchwissen‘ vorgehen könnten, sondern nach explizit verfügbarem wissenschaftlichen Wissen. Im Gespräch deutete sich dann an, dass natürlich auch dann, wenn jemand bewusst nach explizit vorhandenem Wissen vorgehen will, er unweigerlich an die ‚Ränder seines individuellen‘ Wissens stoßen wird und dass er dann gar keine andere Wahl hat, als nach zusätzlichen (welche!?) Kriterien zu handeln oder – was vielen nicht bewusst ist – sie ‚verdrängen‘ die reale Grenze ihres Wissens, indem sie mögliche Fragen und Alternativen ‚wegrationalisieren‘ (das ‚ist nicht ernst‘ zu nehmen, das ist ‚unwichtig‘, das ‚machen wir hier nicht so‘, usw.). Ferner wurde (v) der Status des ‚wissenschaftlichen‘ Wissens selbst kurz diskutiert. Zunächst einmal beruht die Stärke des wissenschaftlichen Wissens auf einer Beschränkung: man beschäftigt sich nur mit solchen Phänomenen, die man ‚messen‘ kann (in der Regel ausschließlich intersubjektive Phänomene, nicht rein subjektive). Damit werden die Phänomene zu ‚Fakten‘, zu ‚Daten‘. Ferner formuliert man mögliche Zusammenhänge zwischen den Fakten in expliziten Annahmen, die formal gefasst in einem expliziten Modell repräsentiert werden können. Alle diese Modelle sind letztlich ‚Annahmen‘, ‚Hypothesen‘, ‚Vermutungen‘, deren Gültigkeit von der Reproduzierbarkeit der Messungen abhängig ist. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt überdeutlich, dass diese Modelle beständig kritisiert, widerlegt und verbessert wurden. Wissenschaftliches Wissen ist insofern letztlich eine Methode, wie man der realen Welt (Natur) schrittweise immer mehr Zusammenhänge entlockt. Die ‚Sicherheit‘ dieses Wissens ist ‚relativ‘ zu den möglichen Messungen und Modellen. Ihre Verstehbarkeit hängt zudem ab von den benutzten Sprachen (Fachsprachen, Mathematische Sprachen) und deren Interpretierbarkeit. Die moderne Wissenschaftstheorie konnte zeigen, dass letztlich auch empirische Theorien trotz aller Rückbindung auf das Experiment ein Bedeutungsproblem haben, das sich mit der Fortentwicklung der Wissenschaften eher verschärft als vereinfacht. Im Gespräch klang zumindest kurz an (vi), dass jedes explizites Wissen (auch das wissenschaftliche), letztlich eingebunden bleibt in das Gesamt eines Individuums. Im Individuum ist jedes Wissen partiell und muss vom Individuum im Gesamtkontext von Wissen, Nichtwissen, Emotionen, körperlicher Existenz, Interaktion mit der Umwelt integriert werden. Menschen, die ihr Wissen wie ein Schild vor sich hertragen, um damit alles andere abzuwehren, zu nivellieren, leben möglicherweise in einer subjektiven Täuschungsblase, in der Rationalität mutiert zu Irrationalität.

UND DEN KONTEXT GIBT ES DOCH

8. Schließlich gewann der Kontext des Individuums doch noch mehr an Gewicht.

9. Schon am Beispiel des wissenschaftlichen Wissens wurde klar, dass Wissenschaft ja keine individuelle Veranstaltung ist, sondern ein überindividuelles Geschehen, an dem potentiell alle Menschen beteiligt sind.

10. Dies gilt auch für die schier unendlich erscheinende Menge des externen Wissens in Publikationen, Bibliotheken, Datenbanken, Internetservern, die heute produziert, angehäuft wird und in großen Teilen abrufbar ist. Dazu die verschiedenen Medien (Presse, Radio, Fernsehen, Musikindustrie,….), deren Aktivitäten um unsere Wahrnehmung konkurrieren und deren Inhalt, wenn wir es denn zulassen, in uns eindringen. Die Gesamtheit dieser externen Informationen kann uns beeinflussen wie auch ein einzelner dazu beitragen kann, diese Informationen zu verändern.

11. Es kam auch zur Sprache, dass natürlich auch die unterschiedliche Lebensstile und Kulturen spezifisch auf einzelne (Kinder, Jugendliche, Erwachsene…) einwirken bis dahin, dass sie deutliche Spuren sogar im Gehirn (und in den Genen!) hinterlassen, was sich dann auch im Verhalten manifestiert.

12. Besonders hervorgehoben wurden ferner die politischen Prozesse und Teil des Wirtschaftssystems. Die Meinung war stark vertreten, dass wir auch in den Demokratien eine ‚Abkopplung‘ der politischen Prozesse von der wählenden Bevölkerung feststellen können. Der intensive und gesetzmäßig unkontrollierte Lobbyismus im Bereich deutscher Parteien scheint ein Ausmaß erreicht zu haben, das eine ernste Gefahr für die Demokratie sein kann. Die Vertretung partikulärer Interessen (genannt wurde beispielhaft die Pharmaindustrie, aber auch Finanzindustrie und weitere), die gegenläufig zum Allgemeinwohl sind, wurde – anhand von Beispielen – als übermächtiges Wirkprinzip der aktuellen Politik unterstellt. Sofern dies tatsächlich zutrifft, ist damit natürlich die sowieso schon sehr beschränkte Einflussmöglichkeit des Wählers weitgehend annulliert. Die zu beobachtende sich verstärkende Wahlmüdigkeit des Wählers wird damit nur weiter verstärkt. Das Drama ist, dass diejenigen, die das Wählervertrauen durch ihr Verhalten kontinuierlich zerstören, nämlich die gewählten Volksvertreter, den Eindruck erwecken, dass sie selbst alles verhindern, damit der extreme Lobbyismus durch Transparenz und wirksamen Sanktionen zumindest ein wenig eingedämmt wird.

ABSCHLUSS

13. In der abschließenden Reflexion bildete sich die Meinung, dass die Punkte (i) Präferenzen/ Werte/ Kriterien einerseits und (ii) Beeinflussbarkeit politischer Prozesse andererseits in der nächsten (und letzten Sitzung vor der Sommerpause) etwas näher reflektiert werden sollten. Reinhard Graeff erklärte sich bereit, für die nächste Sitzung am So 14.Juni einen Einstieg vorzubereiten und das genaue Thema zu formulieren.

AUSBLICK

14. Am So 14.Juni 2015 16:00 findet nicht nur die letzte Sitzung der Philosophiewerkstatt vor der Sommerpause statt, sondern es soll im Anschluss auch (ca. ab 19:00h) bei Essen und Trinken ein wenig darüber nachgedacht werden, wie man in die nächste Runde (ab November 2015) einsteigen möchte. Soll es überhaupt weitergehen? Wenn ja, was ändern? Usw.

Einen Überblick über alle Beiträge zur Philosophiewerkstatt nach Themen findet sich HIER

IM WIRRWAR DER BEGRIFFE – Zur Philosophiewerkstatt vom 4.Dez.2014

EINE INTERESSANTE GRUPPE
REVOLUTIONÄRE MUSIK?
KOORDINATEN FÜR EMOTIONEN?
KLEINGRUPPEN
EMOTIONEN IM DICKICHT DER BEGRIFFE
DIVERSES
THEMA FÜR 11.Januar 2015

EINE INTERESSANTE GRUPPE

1. Trotz hektischer Vorweihnachtszeit, 3.Adventssonntag und vielen Absagen kam eine interessante Gruppe von 12 Personen zusammen, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und beruflicher Profession wunderbar vielfältig und sehr engagiert war.

REVOLUTIONÄRE MUSIK?

2. Wie beim letzten Mal geplant begann die Veranstaltung mit einem Musikstück von cagentArtist. Anhand des Musikexperimentes Nr.X.2 wurde die experimentelle Vorgehensweise kurz skizziert. Die Aufgabenstellung lautet: wie kann jeder einzelne Klangräume erforschen und gestalten, wenn er nicht musikalisch ist, kein Instrument spielen kann, keine Zeit zum Üben hat, und keine Notenschrift benutzt werden soll (und im Falle von cagentArtist verschärfend: die Umgebung keine Lärmerzeugung erlaubt)? Das ganze Projekt kann man entweder rein individuell sehen als eine Art ‚Selbstbefreiung‘ von den Vorgaben eines professionellen Kultur und Musikbetriebs, der nur noch ‚perfekte Mainstreammusik‘ zulässt, oder als gesellschaftlich revolutionärer Akt, jedem Menschen einen Zugang zu den heute mehr denn je unendlichen Klangräumen zu eröffnen.

3. Aus den bislang mehr als 450 aufgezeichneten Klangexperimenten wurde ein Stück ausgewählt und präsentiert. Es stammt vom November 2014, wurde an einem Samstagmorgen aufgenommen und hat den Titel: Saturday morning: only two.

4. Nachdem das Klangexperiment abgespielt worden war gab es Gelegenheit, dass jeder dazu etwas sagte. Tatsächlich sagte jeder etwas dazu und es ergab sich eine breite Palette von empfunden Gefühlen und Assoziationen. Dass dieses Stück gewohnten Klangerwartungen widersprach war allen gemeinsam, interessant war aber, wieder jeder einzelne mit diesen enttäuschten Erwartungen umging. Am einen Ende der Skala wurde die enttäuschte Erwartung dennoch als interessant und produktiv empfunden; am anderen Ende der Skala gab es zahlreiche positive Assoziationen und Reaktionen, wobei bei mehreren der Eindruck hervorstach, dass diese Art von Musik ‚beruhigend‘ wirkt, ‚entspannend‘, irgendwie ‚endlos‘ erscheint. Andere identifizierten die einzelnen ‚Stimmen‘ mit unterschiedlichen Bewegungen und Gefühlen, die interagierten, die auf der ‚Suche‘ waren, die sich gegenseitig ‚bekämpften‘. Niemand empfand die Musik als ‚abstoßend‘.

5. Das Musikerleben bot dann eine Gelegenheit, zum Haupthema ‚Emotionen‘ über zu leiten.

KOORDINATEN FÜR EMOTIONEN?

Koordinatensystem für Erkenntnisse allgemein und speziell auch für Emotionen

Koordinatensystem für Erkenntnisse allgemein und speziell auch für Emotionen

6. Zu Beginn wurde keine spezielle Definition von Emotion gegeben, sondern es wurde ein allgemeines Koordinatensystem skizziert (siehe Bild), innerhalb dessen Emotionen – was immer diese im einzelnen sein mögen – auftreten können.

7. Das Bild entspricht der Sichtweise des Blogs cognitiveagent.org, wie sie sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat. Die Grundidee ist die, dass dasjenige, was wir bewusst erleben (wahrnehmen, erinnern, denken, fühlen, …) können, auf vielfältige Weise vom umgebenden Wissen, vom Gehirn, vom Körper bzw. von der umgebenden Welt beeinflusst/ verursacht sein kann. Dem Erleben selbst ist oft nicht anzusehen, wodurch genau es verursacht wurde. Es erfordert eine eigene Anstrengung, ‚detektivische Kleinstarbeit‘, um den Wirkmechanismen des Erlebens ‚auf die Spur‘ zu kommen.

8. Nach diesen knappen Vorüberlegungen (und dem Verweis auf den vorbereitenden Blogeintrag EMOTIONEN ALS ‘SPRACHE’ – WOFÜR? WARUM? WER REDET HIER MIT WEM? – Erste Gedanken für die Philosophiewerkstatt am So, 14.Dezember 2014) kam es zu ersten begrifflichen Klärungen, die dann an die einzelnen Gesprächsgruppen weiter gegeben wurden.

KLEINGRUPPEN
EMOTIONEN IM DICKICHT DER BEGRIFFE

Brainstorming 14.Dez.2014 Kleingruppen unkommentiert

Brainstorming 14.Dez.2014 Kleingruppen unkommentiert

9. Es bildeten sich dann drei kleinere Gruppen, die sehr lebhaft und engagiert ihre Vorstellungen zu Emotionen austauschten.

10. Das Ergebnis dieses ‚Gedankensturms‘ (‚brainstorming‘) ist auf dem Bild angenähert zu erkennen.

11. Auffällig ist, dass sich das zuvor skizzierte ‚Koordinatensystem‘ darin praktisch nicht wiederfinden lässt.

12. Aus Sicht des Organisators könnte dies negativ wirken: jetzt hat man (scheinbar) so viele ‚tolle‘ Ideen, und nichts davon findet sich im Denken der anderen wieder?

13. Auf der anderen Seite war diese ein Zusammentreffen von viel Intelligenz, viel Erfahrung, großer Vielfalt in den Professionen, Geschlechtern, und Alter. Die Diskrepanz zeigt somit unsere Situation, wie sie ist: unsere Grundsituation ist gekennzeichnet von einer extremen Vielheit von Begriffen, deren Zusammenhang auf den ersten Blick nicht klar ist. Solange man sich nur ‚mit sich selbst‘ oder mit ‚Gleichgesinnten‘ beschäftigt, fällt einem nicht auf, dass das eigene Begriffssystem möglicherweise ’speziell‘ ist, aber wenn man sich on den offenen Austausch mit anderen begibt (wozu u.a. Mut gehört!), dann kann man sehr schnell erleben, wie disparat Begriffe sind.
14. Insofern nun unser ‚Bild von der Welt‘ primär über unser Begriffssystem läuft, stellt die starke Diskrepanz und Vielfalt natürlich eine Art ‚Barriere‘ dar, zusammen zu finden, zu gemeinsamen Einschätzungen zu kommen, zu einem möglichen gemeinsamen Handeln.

15. Auf den ersten Blick eventuell ‚entmutigend‘ ist doch das Faktum dieser begrifflichen Vielfalt gerade das Hauptargument dafür, sich zu einer Philosophiewerkstatt zusammen zu finden. Nur so kann man an einem gemeinsamen Verstehen arbeiten, in dem man selbst als ‚Aktivposten‘, als selbstbewusste(r) ‚MitdenkerIn‘ vorkommt.

16. Der Gesprächsleiter hat dann auch gar nicht erst versucht, diese Vielfalt in ein bestimmtes Schema zu pressen (auch niemand anderes), sondern es wurde die verbleibende Zeit genutzt, im offenen Gespräch die unterschiedlichen Begriffe und mögliche Querbeziehungen zu erläutern und zu motivieren.

DIVERSES

17. Ein starker Gegensatz bildete sich u.a. zwischen jenen, die Begriffe wie ‚Gott‘, ‚Seele‘, ‚Geist‘ benutzten und jenen, die sagten, die könnten damit in diesem Kontext nichts anfangen.
18. Dieser Gegensatz gab Anlass zu einem kurzen Exkurs mit Bezug auf den Vortrag Geist zum Nulltarif? Philosophische Aspekte zur Herkunft und zur Zukunft der Informatik. Vortrag und Diskussion und der dortigen Erläuterung, dass die Begriffe ‚Geist‘ und ‚Seele‘, die Eingang in die christliche Theologie gefunden haben, zurückgehen auf die antike griechische Philosophie. Dort wurden sie benutzt zur ‚Erklärung des Unerklärlichen‘, nämlich zur Erklärung des ‚Belebten‘ im Gegensatz zum ‚Unbelebten‘, ohne dass man wirklich erklären konnte, wie das ‚Leben‘ im ‚Belebten‘ ‚wirkt‘. In den nachfolgenden ca. 2000 Jahren, speziell in den letzten 150 Jahren, konnten wir sehr viel dazu lernen, wie man das biologisch fundierte Leben und seine Vielfalt bis zu einem gewissen Grad erklären kann, ohne allerdings das Grundfaktum des Biologischen innerhalb der bekannten physikalischen Gesetze erklären zu können.

19. Was man vor diesem Hntergrund sicher sagen kann, ist, dass wir heute – mit diesem Wissen im Rücken – Begriffe wie ‚Gott‘, ‚Geist‘, Seele‘ nicht mehr einfach so weiter verwenden sollten, wie in den vorausgehenden Jahrhunderten/ Jahrtausenden. Wenn wir intellektuell redlich bleiben wollen, dann müssen wir diese Begriffe in neuen Kontexten neu definieren. Strenggenommen müssten wir die christliche Theologie auch in vielen Teilen radikal umschreiben; wer aber sollte dies tun? Wer hat daran wirklich ein Interesse?

20. Es kamen auch Fragen nach ‚Gut‘ und ‚Böse‘ auf, was hat dies mit den Emotionen zu tun? Gibt es ‚gute‘ bzw. ‚Böse‘ Emotionen? Wenn Emotionen ‚angeboren‘ sind, wie gut können sie uns im Alltag leiten? ‚Passen‘ die angeborenen Emotionen noch zur heutigen Welt? Wie weit lassen sie sich manipulieren (es gibt chemische Substanzen die sowohl ‚Angstgefühle‘ wie auch ‚Euphorie‘ auslösen können; welche Bedeutung können solche Gefühle für uns haben?).

THEMA FÜR 11.Januar 2015

21. Für die Frage nach dem Thema für die nächste philosophieWerkstatt v2.0 am 11.Januar 2015 ergab sich nach einiger Diskussion das Thema „Das Gute und das Böse in den Religionen“. Den Einstieg dazu übernimmt eine ‚gelernte‘ Religionswissenschaftlerin. Die Idee ist, dass einerseits der individuelle subjektive Anteil, auch mit seinen emotionalen Aspekten, weiter Raum haben soll, andererseits aber auch durch einen Vergleich der verschiedenen Religionen der Blick weg von den Spezialitäten zu den allgemeinen, allen gemeinsamen Strukturen gelenkt werden kann. Einleitend soll es aber auch wieder ein Musikstück aus dem Bereich experimentelle Musik geben. Neben dem Veranstalter, der als cagentArtist experimentiert, gab es auch eine (anwesende) Pianistin und Komponistin, die sich mit diesem experimentellen Ansatz beschäftigen möchte.

22. Im Nachgespräch fokussierte sich das Thema stark um die experimentelle Musik, deren gesellschaftliche Bedeutung, die Auswirkungen auf den bisherigen Musikbegriff, starke Verschiebungen in bisherigen Begriffen, mögliche neue Experimente, auch öffentlich, evtl. als eigene Veranstaltungen.

Eine Übersicht über alle bisherigen Blogeinträge nach Themen findet sich HIER.

EMOTIONEN ALS ‚SPRACHE‘ – WOFÜR? WARUM? WER REDET HIER MIT WEM? – Erste Gedanken für die Philosophiewerkstatt am So, 14.Dezember 2014

1. Im Bericht zur letzten Philosophiewerkstatt vom 9.November 2014 kann man nachlesen, wie dynamisch-vielfältig die letzte Sitzung verlief, und, dass die TeilnehmerInnen sich für die kommende Sitzung am 14.Dezember 2014 das Thema ‚Emotionen‘ ausgewählt haben (zum Programmvorschlag für diesen Nachmittag siehe den Text am Ende dieses Beitrags).

philosophieWerkstatt v2.0

philosophieWerkstatt v2.0

BEGRIFF ‚EMOTION‘

2. Der Begriff ‚Emotionen‘ ist hier zunächst einmal möglichst ‚weit‘ zu fassen noch vorab zu speziellen Begrifflichkeiten und Theorien, so, wie er dem einzelnen in seinem Alltag begegnet, vorkommt, auftritt; wie jeder selbst es erlebt. Und vorab zu irgend welchen Präzisierungen gehören zu den ‚Emotionen‘ alle Phänomene zwischen ‚Trieben‘, ‚Bedürfnissen‘, ‚Schmerzen‘ usw. einerseits und ‚gestimmt sein‘, ‚guten Mutes‘ sein, ‚freudig sein‘ usw. andererseits.

Koordinatensystem 'Bewusstsein' in einem 'Körper' in einer 'Quantenwelt'

Koordinatensystem ‚Bewusstsein‘ in einem ‚Körper‘ in einer ‚Quantenwelt‘

KOORDINATENSYSTEM

3. Es kann hilfreich sein, sich klar zu machen, in welchem ‚Koordinatensystem‘ wir uns bewegen, wenn wir über ‚Emotionen‘ sprechen.

4. Das vorausgehende Schaubild gehörte zu einem Blogeintrag zum Thema Bewusstsein – Nichtbewusstsein. Es kann hier, in einem anderen Kontext, dennoch hilfreich sein.

ERLEBEN

5. Ein zentraler Aspekt von ‚Emotionen‘ ist, dass wir sie ‚erleben‘; ohne ein irgendwie geartetes ‚Erleben‘ wissen wir nichts von ‚Emotionen‘. Dies gilt selbst dann, wenn Emotionen sich nicht ‚direkt‘ manifestieren, sondern ‚indirekt‘ über Verhaltensweisen, die von ‚unbewussten Emotionen‘ beeinflusst sein können. Das ‚Erleben‘ von Emotionen gehört in den Bereich dessen, was wir ‚Bewusstsein‘ (‚Psyche‘) nennen.

KÖRPER

6. Das ‚Erleben‘ selbst sagt in der Regel wenig oder gar nichts über seine ‚Entstehung‘: der Körper (einschließlich des Gehirns) als ‚Raum physiologischer Prozesse‘ ist eine schier unerschöpfliche Quelle für diverse Erregungszustände, die sich in unserem Bewusstsein als ‚Phänomene‘ manifestieren können. Sofern sich solche Korrelationen aufzeigen lassen (z.B. in der Neuropsychologie) können wir spezielle ‚Erlebnisse‘ mit konkreten physiologischen Prozessen in Beziehung setzen. Ist diese korrelative Beziehung ‚kausaler‘ Natur, dann werden die Phänomene des Bewusstseins zu ‚Indikatoren‘ für spezieller körperliche Prozesse (z.B. ‚Durstgefühl‘, ‚Hungergefühl‘, …).

PHÄNOMENE BEWAHREN

7. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob es in diesem komplexen Kosmos von möglichen körpergebundenen Prozessen und deren Wechselwirkungen nicht auch zu Erlebniszuständen kommen kann, die zwar ‚irgendwie‘ auch mit solchen komplexen körpergebundenen dynamischen Prozessen ‚korrelieren‘, wo es aber – zumindest bislang — nicht möglich ist, eine eindeutige Zuordnung zu ‚psychischen Zuständen‘ — spricht ‚Phänomenen des Bewusstseins‘ — finden zu können. Gibt es solche ‚Zuordnungsprobleme‘, dann gilt die oberste Regel, das ‚Phänomen zu retten‘, denn das Phänomen ist ‚primär‘ und der mögliche ‚Wegweiser’/ ‚Schlüssel‘ zu einem vertieften Verständnis der Wirklichkeit. Andererseits muss man sich aber auch vor ‚vorschnellen Deutungen‘ hüten.

TRANSZENDENZ — ODER WAS JEMAND DAVON HÄLT

8. Wenn in den mystischen Traditionen der verschiedenen Religionen von ‚übersinnlichen‘ oder ‚transzendenten‘ oder ‚göttlichen‘ Erlebnissen gesprochen wird, dann bewegt man sich zum Teil in dieser ‚Grauzone‘ von noch nicht korrelierbaren Phänomenen, die nicht automatisch deswegen schon ‚übersinnlich’/ ‚transzendent’/ ‚göttlich‘ sind, weil man noch keine Korrelation gefunden hat. Hier kann man schnell – speziell als ‚Anfänger‘ – zu Deutungen neigen, die etwas ‚Banales‘ mit etwas ‚Göttlichem‘ ‚aufladen und damit ‚in die Irre‘ laufen. Von daher nimmt in den mystischen Schriften und Lehren die ‚Warnung‘ vor Falschdeutungen einen mindestens so großen Raum ein wie die ‚Lehre selbst‘ …

QUANTENRAUM ist anders als MAKROSTRUKTUREN

9. Die Sache wird heute noch komplizierter dadurch, dass die wachsenden physikalischen Kenntnisse über die ‚Welt der Quanten‘ uns zeigen, dass die Wechselwirkungen im Quantenraum ganz anderen Gesetzen gehorchen, als wir dies aus dem ‚Makroraum‘ der uns bekannten Körper kennen. Dies bedeutet, dass wir naturwissenschaftlich nicht ausschließen können, dass es zu ‚Phänomenen des Bewusstseins‘ kommen kann, die zwar nicht mit den üblichen identifizierbaren körperlichen Prozessen korreliert werden können, die aber sehr wohl eine quantenphysikalische Erklärungen finden könnten. Auch in diesem Fall gilt, dass ‚Phänomene‘ primär sind, Phänomene gegenüber mangelnden oder falschen Interpretationen zu ‚bewahren‘ bzw. zu ‚retten‘ sind.

WISSENSCHAFT

10. Da man zu jedem Zeitpunkt niemals über eine ‚absolute naturwissenschaftliche Theorie‘ verfügen kann (dies folgt logisch zwingend aus dem Begriff der ’naturwissenschaftlichen Theorie), bedeutet dies, dass man als ‚rationaler‘, ‚wissenschaftlicher‘ Mensch letztlich nichts ‚Abschließendes‘ zu einem Phänomen sagen kann; man kann nie ausschließen, dass man morgen eine neue, anders gewichtete Erklärung finden kann. Wissenschaft ist in diesem Sinne ‚überindividuell‘, ‚zeitübergreifend‘, ein ‚allgemeines‘ – sprich populationsbasiertes – Wissen.

ENDLICHES INDIVIDUUM

11. Demgegenüber hat der einzelne Mensch als ‚Individuum‘ ein ‚endliches Zeitfenster‘ und steht unter dem Druck, in einer endlichen Zeit ‚Entscheidungen‘ fällen zu müssen, die – der Intention nach – auch ‚zeitlos gut‘ sein wollen/ sollen.

DAS ABSOLUTE ‚ERLEBEN‘?

12. Unterstellt man als Einzelner, dass das erfahrbare Universum ‚grundsätzlich einen Sinn‘ ‚enthält‘, einem ‚Sinn‘ folgt, dann wird man annehmen, dass sich dieser ‚allumfassende‘ Sinn auch in der Endlichkeit eines endlichen Individuums realisieren lässt. Dies impliziert, dass ‚irgendwie‘ eine ‚Werterfassung‘ in ‚Richtung‘ des ‚Guten‘, ‚Wahren‘ und ‚Schönen‘ möglich sein sollte, unabhängig von konkreten, zeitgebundenen Zufälligkeiten, Gewohnheiten, Moden, usw.

13. Da unser ‚begriffliches Denken‘ aufgrund seiner ‚Mechanik‘ grundsätzlich zu keinen absoluten Erkenntnissen a priori fähig ist, bliebe nur das ‚Erleben des Absoluten‘ als ‚Indikator‘ einer möglichen ‚Richtung‘ aus der Perspektive der Endlichkeit. Eine Art ‚Spurenlesen des Absoluten‘ aus und in einer Endlichkeit, die – was dem Spurenlesen eigen ist – ohne ‚Deutungen‘ und ‚Überprüfungen‘ nicht vorankommen kann.

14. Naturwissenschaftlich ist dieser Ansatz möglich. Naturwissenschaft kann sogar einen wichtigen Beitrag dahingehend leisten, dass man nachprüfbare Zusammenhänge identifiziert, aufhellt, verfügbar macht und damit dem ‚Verstehen‘ hilft. Genauso wenig wie die Naturwissenschaft aber bislang das Biologische an sich in diesem unserem Universum erklären kann (nicht einmal ansatzweise!), genauso wenig – oder möglicherweise noch viel weniger – ist sie in der Lage, jene Phänomene aufzuhellen, die sich innerhalb der Welt der Emotionen als Bewusstseinsphänomene ’sine causa‘ manifestieren, mögliche Spuren eines ‚Absoluten‘ in der ‚Endlichkeit der Makrowelt‘ (in etwa (aber doch ganz anders) wie die physikalische ‚Hintergrundstrahlung im Universum‘ noch heute ein indirektes Zeugnis von Vorgängen von vor ca. 13.7 Milliarden Jahre ist).

DIE FRAGE, WER WIR SIND, IST NOCH UNBEANTWORTET

15. Wenn also heute von einigen (Singularitätshypothese, Transhumanismus) lebens- und menschheitsvergessend über die Welt der künftigen Maschinen ohne Menschen diskutiert wird, so ist dies nicht nur in höchstem Grade unwissenschaftlich, sondern als Haltung gegenüber den primären Phänomenen der Welt/ des Universums nihilistisch, unwahr, und damit selbstzerstörerisch. Wir sind nicht die ‚Herrscher der Phänomene‘ sondern wir sind ‚die in den Phänomenen Gewordenen‘, ohne unser Zutun, ohne bislang auch nur ansatzweise zu verstehen, wie und warum. Viele töten Menschen ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, was sie da töten (… Tier, Pflanzen, Mikroorganismen gehören auch zu diesem Gesamtphänomen Leben!!!).

PROGRAMMVORSCHLAG FÜR SO, 14.DEZEMBER 2014, 16:00 – 19:00h

16:00 Eingangsbeispiel eines Experimentes zur ‘Neuen Musik’ mit kurzem Gespräch
ca. 16:30h Kurze Einführung zum Thema ‘Emotionen’
ca. 16:45h Gesprächsrunde in kleinen Gruppen (3-4 TeilnehmerInnen) zum Thema
ca. 17:30h Berichte der Gruppen und Diskussion
ca. 18:30h Mögliche Aufgabenstellung für nächstes Treffen
19:00h Offener Ausklang

Einen Überblick über alle bisherige Blogeinträge nach Titeln findet sich HIER.