DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – GEHEN WIR LOS…

Am 30.Dezember 2016 hatte ich einen Blogeintrag geschrieben, in dem  mich die Frage nach der Zukunft angesicht des einsetzenden Silvestertrubels und der unzähligen sogenannten Jahresrückblicke regelrecht angesprungen hatte. Der Blogeintrag stand unter dem Titel DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2047 – 2077 – 2107  . Das Thema beschäftigt mich aber offensichtlich weiter. Hier weitere Gedanken:

POPULISTISCHES ALLTAGSRAUSCHEN

  1. In diesen Wochen und Monaten kann man den Eindruck gewinnen, als ob das Gegenteil von Wahrheit, nämlich die Lüge, jetzt sogar in demokratischen Gesellschaften salonfähig wird. Wenn ein neugewählter Präsident mit seinem ganzen Team Fake News und alternative Fakten zum festen Bestandteil seiner Kommunikation werden lässt, dann signalisiert dies eine neue Eskalationsstufe in der öffentlichen Diskussion demokratischer Gesellschaften. Bislang waren Zensur und Propaganda, Gegenaufklärung, Falschinformationen immer ein Kennzeichen von unfreien, diktatorischen Regierungen und demokratische Gesellschaften wie z.B. große Teile des westlichen Europas und Nordamerikas haben sich davon immer abgegrenzt. Aber aktuell scheint der Drang zur Falschheit, zur Lüge, ohne jeden Skrupel, neuen Dimensionen zuzustreben. Die voranschreitende Vernetzung bei gleichzeitiger Anonymisierung der Gesellschaften bietet auch in dieser Dimension offensichtlich neue Möglichkeiten.
  2. Dass zugleich mit der Erosion von Wahrheit nationalistische und fundamentalistische Töne zunehmen, ist kein Zufall. Abgrenzung, Diskriminierung, Dogmatismus, offener Hass sind sowohl Ursachen von Verzerrungen der Wirklichkeit wie auch Folge. Wer im anderen nur Feinde sehen kann, hat ganz offensichtlich seine spezielle Sicht der Welt. Und wem beständig erzählt wird, dass die anderen die Bösen sind, fängt irgend wann an, das auch zu glauben.

DAS LEBEN: ES BEGANN SO GROSSARTIG

  1. Wenn man sieht wie im Jahr 2017 in so vielen Ländern unserer Erde Politiker (und andere) wegen kurzfristiger, sehr persönlicher, Machtinteressen, komplexe gesellschaftliche Systeme ruinieren, ausbluten, an die Wand fahren lassen, Strukturen, die z.T. In hunderten oder mehr Jahren gewachsen sind, dann kann man dies schon in der direkten Betrachtung kaum fassen.
  2. Wenn man aber dann bedenkt, dass wir, die Menschen heute, der homo sapiens, eigentlich ein Erfolgsmodell des Lebens bilden, das etwa 3.5 Mrd Jahre Entwicklungszeit investiert hat, durch schwierigste, aller schwierigste Zeiten hindurch, im Zusammenspiel mit aberwitzig vielen anderen Lebewesen, bislang der einzige Ort im gesamten bekannten Universum, wo dies gelungen ist, dann wirkt das Verhalten der Machtkranken egomanischen Politiker umso absurder.
  3. Die Physiker haben bis heute nicht den leisesten Schimmer, wie sie die Entstehung dieses komplexen Phänomens Leben im Universum erklären können. Das biologische Leben stellt ein einziges großes faszinierendes Dauerexperiment dar, wie man (noch) frei verfügbare Energie, die als solche ein neutrales Nichts ist, in immer wieder neuen Variationen dazu bringt, dass damit materielle Strukturen verändert werden. Biologische Systeme zeigen, wie man an sich ‚tote‘ Materie beständig und immer wieder neu verformen kann, neu anordnen kann, sie buchstäblich ‚zum Leben erwecken‘ kann. Biologisches Leben zeigt im Vollzug, dass die tote Materie implizit dazu in der Lage ist, ein Nicht-Tod zu sein. Das Starre, Tote, Unbelebte ist im Angesicht von biologischem Leben ein Artefakt des Denkens, ein sehr grundlegender Fake: die Existenz des Lebens zeigt, dass das Tote nur scheinbar tot ist; man kann es beleben, zum Leben erwecken, indem man mittels Energie die Atome und Moleküle so in Bewegung setzt, dass Formen entstehen, Bewegungen, Gleichgewichtszustände, biologische Informationen, biologische Erinnerungen, biologische Emotionen, sogar das, was wir Bewusstsein nennen. Das Leben ist Freiheit, Kreativität, Liebe ‚per se‘. Und das hat stattgefunden, findet statt seit 3.5 Mrd Jahren, und hat es erst ‚kürzlich‘ geschafft, sich sprachlich zu artikulieren, sich in komplexen Koordinationen in Megastädten zu verdichten, mit Datenbanken und Computer zu erweitern, mit Gentechnik und Molekularbiologie sich selbst umzubauen.
  4. Und dann laufen egomanische Politiker durch die Welt, die ganze Gesellschaften mit ihrem Schwachsinn an die Wand fahren, Lüge zur neuen Wahrheit erklären. Was läuft da schief?

EUROPA IST MEHR ALS DER EURO

Europa in seiner historischen Dimension: multiethnisch, geistig, wirtschaftlich seit mehr als 7000 Jahren

Europa in seiner historischen Dimension: multiethnisch, geistig, wirtschaftlich seit mehr als 7000 Jahren

 

  1. Wenn wir heute von Europa hören, vom politischen Europa, dann denken wir an die aktuell 28 (dann bald 27) Mitglieder der EU, die man gerne zurückführt auf die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, die 1951 mit 7 Staaten begann. Vielleicht sollte man nicht vergessen, dass dies nur möglich wurde, weil die Welt und die europäischen Staaten, allen voran Deutschland, davor zwei wahnwitzige Kriege erlebt hatten; den letzten noch glutnah bis 1945. Und dass es die Gründung der vereinten Nationen mit der Charta der Menschenrechte im Jahr 1945 war, die im Angesicht eines infernalischen Krieges für einen Moment der Weltgeschichte ein Bild von Menschenwürde und menschlicher Staatlichkeit aufblitzen lies, das zum Leitbild des politisch neuen Deutschlands nach 1945 wurde, nicht freiwillig, sondern aufgezwungen, aber dann doch wirksam. Das versammelte Weltgewissen erzwang quasi in Deutschland einen Neustart.
  2. Nach dem Krieg gewann das Ideal der Menschenrechte und der freien demokratischen Gesellschaft immer mehr Momentum: rassistische, nationale Töne waren viele Jahre verpönt. Und selbst der unwandelbar erscheinende damalige Ostblock zeigte Aufweichungstendenzen und führte Ende der 80iger/ Anfange der 90iger Jahre zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Ausweitung des Ideals demokratischer europäischer Staaten bis an die Grenzen der Ukraine und gefühlt bis an die Grenzen Russlands und des nahen Afrikas und Asiens. Es war eine bestimmte Sicht des Lebens gewesen, die über die Köpfe der Menschen die Hände erreichte, zu Taten führte, und damit neue Verhältnisse schaffte. Was nützen Panzer, wenn die, die sie fahren, nicht mehr kämpfen wollen?
  3. Was dann aber geschah, war bislang wenig überzeugend. Aus dem großen Schwung des Anfangs, aus den großen Visionen einer neuen Gesellschaft, entstanden riesige, undemokratische Bürokratien; der Euro, als Währung ein technisches Instrument im Dienste des Wirtschaftslebens, wurde zu einem ideologischen Element, das die unterschiedlichen regionalen Wirtschaftsräume auf unterschiedliche Weise behinderte; nationale Stimmungen werden mittlerweile stärker als die gemeinsame europäische Vision, und die Nachbarn Europas empfinden sich schon lange weniger als Nachbarn sondern eher als Gegner.
  4. Hier die Schuldfrage zu stellen ist wenig produktiv. Fakt ist, dass die begeisternde Vision eines Verbundes von vielen freien demokratischen Gesellschaften aktuell an Atemnot zu leiden scheint. Dies hat viele Ursachen.
  5. Eine der Ursachen ist sicher, dass sich das aktuelle politische Europa der 28 Staaten in seinem kulturellen Selbstverständnis zu früh und zu stark auf Teilaspekte der Geschichte Europas zurückgezogen hat. Das Europa der Geschichte begann nicht dort, wo sich Europa heute sieht. Das Europa der Geschichte begann in Griechenland, in Vorderasien, bis hin zu Indien, begann in Nordafrika, und hatte Russland immer dabei. Vieles (das Meiste?) , was die sogenannte europäische Kultur als Grundlagen zu bieten hat, kam aus den Bereichen, die heute noch nicht zum politischen Europa der Eu-28 gehört. Die Reduzierung auf das Christentum ist historisch falsch und stellt eine Idealisierung des Christentums dar, die den historischen Fakten Hohn spricht. Dass heute der Islam für viele von niedrigem Bildungsstand erscheint, sich in einer Unzahl von menschenverachtenden Terrorgruppen manifestiert, sich meist in solchen Ländern befindet, die große soziale Ungleichheiten auszeichnet und politische autoritäre bis diktatorische Regime vorweisen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Islam über 1000 Jahre eine in Europa vorherrschende und hochstehende Kultur war, während das Christentum ebenfalls mehr als 1000 Jahre wissenschaftsfeindlich war, Menschen- und Gesellschaftsverachtend, mit großer Primitivität. In diesen Zeiten waren die großen Bibliotheken dieser Welt samt eines hochstehenden Bildungs- und Gesundheitssystem nicht christliche Institutionen sondern islamische.
  6. Dies alles sei hier nicht gesagt, um irgendwelche Ressentiments zu schüren oder spezielle Hervorhebungen zu treffen: es soll uns nur vor Augen führen, dass eine Plakette wie ‚christlich‘ oder ‚islamisch‘ an sich nichts sagt. Es ist immer eine Frage, wie es real gelebt wird. Sowohl im Christentum als auch im Islam gab es immer wieder hochgebildete Menschen mit einer ebenso großen Ethik. Es gab aber auch auf beiden Seiten Dumpfheit, Fanatismus, Krieg und Folter. Dies sollte uns lehren, dass jemand nicht schon deshalb ein Gläubiger ist, weil der das Wort für ‚Gott‘ im Munde führt.
  7. Weitet man also den Blick auf das Europa in seinen ganzen zeitlichen kulturellen Ausdehnungen, dann ist eines ganz klar: Europa war in allen Zeiten trans-national und multi-ethnisch. Von Afrika kam der Neandertaler wie auch später der homo sapiens, die beide nicht nur Asien sondern auch Europa bevölkert haben. Während der Neandertaler als eigene Gruppe ausstarb aber genetisch im homo sapiens weiter lebte, war es dann letztlich der homo sapiens, der für alle Bewohner Europas und Asiens die Ursprungsbevölkerung bildete. Im Großraum Europa (mit Russland, Nordafrika und Vorderasien bis Indien) bildete sich viele Kulturen aus, unterschiedlichste regionale Strukturen, gab es beständig ein Hin- und Her von Menschen; sei es durch Handel, sei es aus wirtschaftlicher Not, sei es durch Kriegszüge. Der Großraum Europa war in ständiger Bewegung. Wer hier versucht, eine bestimmte geographische Region mit den heute dort zufällig wohnenden Menschen zu einer besonderen ‚Rasse‘, zu einer besonderen ‚Nation‘ hoch zu stilisieren, die sich eindeutig von anderen abgrenzen lässt, der weiß schlicht und einfach nicht, was er tut. Großeuropa war und ist ein Schmelztiegel von Genen, Praktiken, Erfahrungen, Erfindungen, Politiken, das war seine Stärke und deshalb hat dieser Großraum Dinge hervorgebracht, die früher vielfach hinter dem Großraum Indien oder China weit hinterher hinkte, dann aber auch wieder ein Stück voraus war. Letztlich ist die Synchronie stärker als der Unterschied.

AUFKLÄRUNG: RELIGIONEN UND MACHT

  1. Auffällig ist nur, dass im westlichen Teil Großeuropas in den letzten Jahrhunderten die Befreiung des Denkens von falschen religiösen Vorstellungen stärker stattgefunden hat als in den östlichen Teilen und in den Gebieten Nordafrikas. Der Islam hat bislang nicht die Feuertaufe des Geistes so stark durchlaufen müssen, dass Menschen sich vorstellen können, Gläubige zu sein, an Gott zu glauben, ohne Muslime zu sein, jenseits des scheinbaren Wortlauts der sogenannten heiligen Texte (das Gleiche gilt auch für große Teile des traditionellen Judentums). Dieser naiv-unkritische Umgang mit den Texten erlaubt es radikalen Gruppen (und autokratischen Herrschern), den Islam für ihre Machtinteressen zu instrumentalisieren. In aufgeklärten Gesellschaften muss sich politische Macht vor allen Bürgern rechtfertigen; in nicht aufgeklärten Gesellschaften beansprucht ein Machthaber ‚aus sich heraus‘ Macht (es gibt auch noch Restbestände westlicher Monarchien, aber stark abgeschwächt), die er nicht vor seinem Volk rechtfertigen will. Dass aufgeklärte Gesellschaften grundsätzlich nicht an Gott glauben, ist ein Trugschluss. Menschenrechte, freie soziale demokratische Gesellschaften realisieren jeden Tag mehr Werte, als jeder sogenannter heiliger Text dieser Welt überhaupt zur Sprache bringt. Dass auch in demokratischen Gesellschaften Missbrauch möglich ist, Verrat, liegt in der Natur der Sache. Wahre Freiheit kann eben missbraucht werden. Wahre Freiheit wird aber auch niemals ohne Not töten, da sie um die Begrenztheit des menschlichen Wissens weiß. Nur zusammen kann man kleine Fortschritte in der Erkenntnis des Lebens machen.
  2. Im Großraum Europa finden wir alle Zutaten für eine bessere menschliche Gesellschaft in Würde, in Freiheit, bei demokratischer Kontrolle von Macht, mit einer demokratischen Öffentlichkeit ohne Zensur, ohne Fake News…
  3. Die wahre Quelle für alle Taten der Jahrhunderte, für alle Greueltaten wie auch Erfolge, die liegt im Denken der Menschen, in ihrer Weltsicht. Wer nur schwarz sieht kann nicht weiß handeln. Zeitgleich mit Indien und China entstand in Europa in den Jahrhunderten vor dem technischen Jahr 0 ein philosophisches Denken, das alles Vertraute in Frage stellte, die Grenzen der Erkenntnis auslotete, und schließlich in den empirischen Wissenschaften ein Erkenntniswerkzeug gefunden und entwickelt hat, das dermaßen in die Tiefen der Zeiten, in die Tiefe der Materie, schauen konnte, wie es alles übertraf, was das Leben bis dahin auf dieser Erde geschafft hatte. Daraus entstanden nicht nur neue Bilder von der Welt und dem Menschen, neue Formen der Wirtschaft und der Politik, daraus entstand auch ein Denkunfall, der das aufgeklärte Europa bis in die Gegenwart genauso schwächt, wie es auf der anderen Seite dadurch gestärkt wird.

SELBSTISOLIERUNG DER WISSENSCHAFTEN

  1. Der Denkunfall besteht darin, dass das aufgeklärte Denken mit dem empirischen Denken sich zwar ein Erkenntniswerkzeug kaum zu überschätzender Bedeutung geschaffen hatte, dass es aber die gedankliche Kontrolle über dieses Werkzeug verloren hat. Das Ergebnis ist, dass man jetzt zwar aus einem engen Bereich der Wirklichkeitswahrnehmung heraus immer mehr weiß, dass aber der Mensch selbst in seiner Besonderheiten durch diese Methoden im Ansatz ausgeklammert ist. Die empirische Wissenschaft hat sich quasi selbst verboten, über den Menschen in menschlicher Weise nach zu denken. Das Bild vom verbotenen Apfel in einem der beiden sogenannten Schöpfungsberichten des Alten Testaments der Juden und Christen (und letztlich auch der Muslime) wurde ja gerne dahingehend instrumentalisiert, dass man daraus Wissen und Erkennen generell verteufelt hat. Pikanterweise ist es jetzt gerade die empirische Wissenschaft, die Unglaubliches geleistet hat und immer noch leistet, die sich selbst verbietet, über sich selbst nach zu denken.
  2. Mit dieser Selbstauschließung des Menschen von sich selbst – was historisch zunächst verständlich ist – nimmt sich der aufgeklärte Mensch allerdings die Möglichkeit, nach seiner – oft berechtigten – Kritik an traditionellen Glaubensbildern, nun seine eigene Gotteserfahrungen zu machen. Da Gott – sofern es ihn gibt – vom Grunde her niemandem gehört, sondern allen gleich nah ist, kann auch jeder Mensch jederzeit und überall mit Gott kommunizieren. Es ist gleichsam ein Teil dieses Lebens.Diese neue Nähe bleibt aber unerkannt und ungenutzt, weil die empirischen Wissenschaften sich – methodisch nachvollziehbar und für die Wissenschaft partiell berechtigt – von vornherein nur auf Teilbereiche der Wirklichkeitserfahrung beschränken. Hier scheint eine Art zweite Aufklärung notwendig zu sein, die die erste Aufklärung nicht abschafft, sondern die empirischen Wissenschaften wieder in den Erkenntnisrahmen einbaut, den sie braucht, um sich nicht zu verlieren.

MENSCH ALS AKTEUR: ALLES GEHT

  1. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, als ob die Menschen, wir Menschen, auf das Zeitgeschehen schauen wie das berühmte Kaninchen auf die Schlange: man nimmt wahr, was geschieht, und man könnte den Eindruck gewinnen, als ob alles eine Art Folgerichtigkeit hat, eine scheinbare Unabwendbarkeit, die ihren Gang nimmt und es nur im Chaos – oder was auch immer – enden könnte. Aus vielen Beispielen der Geschichte wissen wir, dass dies nicht so sein muss, und es liegt auch in der Natur des Menschen, dass der Mensch das erste Lebewesen auf dieser Erde ist – soweit wir wissen –, das gerade nicht zwanghaft, dumpf handeln muss (aber kann).
  2. Allgemein akzeptiert ist, dass Menschen letztlich das tun, was gerade in ihrem Kopf ist: ihre Weltsicht, ihre Emotionen, …
  3. Wir wissen aber auch, dass das, was im Kopf ist, nicht von Anfang an da war, sondern sich entwickelt hat: Kinder spielen, man erlebt sich mit anderen Menschen, man macht seine Erfahrungen, man lernt, liest, hört … das Bild im Kopf entsteht, es wird, es ist nicht fest. Es kann sich jederzeit ändern. Genau das zeigt uns die Geschichte immer wieder: der Mensch kann (muss nicht!) lernen.
  4. Was wir seit einigen Jahrzehnten dazu lernen konnten, ist die Tatsache, dass all unser Lernen und Verstehen nur möglich ist, weil wir ein Gehirn haben, einen Körper, der so geworden ist, dass wir das können, und zwar genau so, wie wir es zur Zeit können. Und da alle Menschen – weitgehend – die gleichen Strukturen im Gehirn und Körper haben (und nur deshalb), können verschiedene Menschen Ähnliches wahrnehmen, Erleben, Fühlen, können sie überhaupt miteinander reden.
  5. Auf der Basis dieses Körpers, dieses Gehirns und des darauf basierenden Bewusstseins können wir zusammen mit anderen Sprachen lernen und praktizieren, können wir unsere Welterfahrung mit der Sprache verzahnen und unsere Sprache als Vehikel benutzen, um andere (sprachlich) auf das zu stoßen, was wir gerne ansprechen wollen. Das ist unsere Stärke, aber auch unsere Schwäche. Wenn jemand bestimmte Erlebnisse, Erfahrungen, ein bestimmtes Wissen nicht hat, dann kann man noch so viele Worte benutzen, der andere wird es nicht verstehen; entweder gar nicht oder zumindest anders.
  6. Hier wird deutlich, dass Ausbildung, Bildungsprozesse für eine aufgeklärte Gesellschaft entscheidend sind. Wenn Menschen nicht das Wissen bekommen, nicht die Erfahrungen, die Erlebnisse, die sie brauchen, um die Welt in einer ‚aufgeklärten‘ (menschenfreundlichen…) Weise zu sehen, dann fehlt in ihrem Kopf etwas, dann gibt es eine Lücke, ein Nichts, und mit Nichts im Kopf kann man schwer das ‚Richtige‘ tun.
  7. Dabei darf man das Wissen nie nur abstrakt sehen. Dem Wissen müssen reale Bedingungen entsprechen: reale Freiheiten, reale Handlungsräume, reale Lebensprozesse, reale Rechte, reale Arbeit, reale Gerechtigkeit … ein Kind, das in Armut und in Unterdrückung aufwächst kann nicht der Wissenschaftler, die Künstlerin, die Politikerin … werden, der/die das Kind möglicherweise werden könnte, wenn man ihm den realen Lebensraum geben würde.
  8. Soziale Räume entstehen immer in Wechselwirkungen zwischen Menschen. Wenn man Menschen nicht erlaubt, solche soziale Räume zu leben, dann fehlt ein Stück Welt, die wichtig ist.

MORGEN IST HEUTE

  1. Was wir heute erleben ist das Erbe des Gestern. Was heute geschieht haben Menschen vor uns getan, vorher entschieden, oder nichts entschieden, und nur wiederholt, was sie immer getan haben. Wenn in den letzten Jahren die Erwachsenen von morgen nicht ausreichend ausgebildet und motiviert wurden, haben wir heute viele unzufriedene, unglückliche, und auch aggressive Menschen. Wer in den letzten Jahren keine Vision eines realen besseren Lebens kennen lernen konnte, kann sie heute auch nicht leben. Wenn wir gestern die Meere überfischt haben, mit Plastik zugemüllt, den Weltraum mit Schrott gefährlich gemacht haben, dann haben wir heute ein Problem. Wenn Menschen in den letzten Jahren Wasserreserven im großen Stil verbraucht haben, die sich nicht erneuern, dann gehen jetzt ganze Regionen zugrunde….
  2. Wir sind heute das Gestern von Morgen. Welche unserer Taten und Visionen geben unseren Kindern heute eine Chance für Morgen? Wo haben wir heute das Wissen, das uns für morgen hilft? Wie lernen wir heute kreativ zu sein, dass wir morgen das finden, was wir zum Leben brauchen?
  3. Und selbst wenn wir kreativ sind, tolle Ideen entwickeln: selbst dann braucht es Jahrzehnte, um ein eingefahrenes System zu verändern (Schulen, Sprachen, Energieversorgung, Transport, Müllverwertung….). Setzen wir eine Generation mit 30 Jahren an, dann dauert es 1-2 Generationen von einer Idee bis zu ihren vollen Nutzung.
  4. Und es sind nicht nur die natürlichen Hindernisse, die zu überwinden sind (neue Materialien finden, neue Produktionstechniken, neue Märkte aufbauen, entsprechende Mitarbeiter finden, schulen…). Es gibt immer auch beharrende Kräfte, Menschen, die sich Neues nicht vorstellen können, die Ängste entwickeln. Und in Zeiten von globaler Vernetzung und staatlich gesteuerten Fake News kann es möglicherweise noch viele Jahre mehr dauern, weil im allgemeinen Rauschen der medialen Lügen die paar Körnchen Wahrheit vielleicht nicht mehr wahrgenommen werden.
  5. Und dennoch: der Mensch ist jenes faszinierende Wesen, das dazu geschaffen ist, dass morgen alles anders sein kann … ganz im Einklang mit den Naturprozessen, die sich auch ständig weiter verändern…

DIE ZUKUNFT SPIELEN?

  1. Klar ist nur, dass das Meiste, was uns heute vertraut ist und als Gut erscheint, der Schrott von morgen sein wird.
  2. Ebenso ist klar, dass die wirklich innovativen Ideen jene sind, die die meisten heute blöd finden, oder nicht einmal das, sie nehmen sie gar nicht war, weil sie sie gar nicht verstehen.
  3. Ein starkes Kennzeichen des biologischen Lebens ist, dass es neben seinem konservierenden Trend mit dem genetischen Gedächtnis immer einen beachtlichen Teil Zufallsexperiment hatte, ein Probieren buchstäblich ‚ins Blaue‘. Und das, was zum Überleben bis heute geführt hat, waren entscheidend diese Anteile des radikalen Experimentierens mit dem Nichtwissen. Gewiss, im Rahmen der Evolution waren diese radikalen Experimente mit dem Nicht-Wissen weitgehend ‚unfreiwillig‘; die Selbstreproduktion war eben ’so‘, aber sie war auch so, weil nur auf diese Weise auf Dauer Überleben möglich war.
  4. Die Fähigkeit mit dem Unbekannten, mit dem Nicht-Wissen zu experimentieren, zu spielen, ist von daher immer ein Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Erstarrte Gesellschaften sind schon tot, obgleich sie noch leben. Es ist nur eine Frage der Zeit (und ein paar hundert Jahre bedeuten hier nichts), bis sie an sich selber zugrunde gehen werden (oder weil andere einfach leistungsfähiger sein).
  5. Vielleicht müssen wir alle neu darüber nachdenken, was Leben wirklich ist.

Eine Fortsetzung gibt es HIER (vermutlich anders, als sich die meisten denken)

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren ‚Dynamisches Wissen (KI)‘ und ‚Mensch Maschine Interaktion (MMI)‘. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen (‚Geist‘), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche ‚Sinn‘ von ‚Leben‘ im ‚Universum‘. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstatungen widme ich mich jetzt noch mehr den Themen des Blogs, ergänzt um Vorträge, Philosophiewerkstat, Philosophy-in-concert Events sowie einem wissenschaftlichen Buchprojekt. In der Zeit vor 2001 war ich Gründer, Kognitionswissenschaftler, Künstler, Philosoph und Theologe …

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