DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2047 – 2077 – 2107

FAHRGÄSTE

  1. Noch sind wir Fluggäste auf der Erde, die mit durchschnittlich 30 km/s ihrer Bahn um die Sonne nachjagt. In 365 ¼ Tagen hat sie es einmal um die Sonne geschafft. Im Äquatorbereich dreht sie sich mit 464 m/s an der Oberfläche um die eigene Achse. Wow, wir merken nahezu nichts davon; ein bisschen hell-dunkel, ein bisschen warm-kalt, aber von einer rasanten Geschwindigkeit ist nichts zu spüren. … und in wenigen Stunden vom Jetzt entfernt sagt uns unser mechanisches Zeit- und Kalendersystem, dass wir die Stunde Null des Jahres 2017 erreichen werden…

ÜBLICHE PARTIES

  1. Es wird die üblichen Jahresabschlussparties geben, viele Böller und Raketen, Jahresrückblicke, … aber – man kann staunen – keine Zukunftsbetrachtungen!
  2. Das Stöhnen über das letzte Jahr hat Tradition, die witzigstes, besondersten, grandiosesten, teuersten, unglaublichsten … Ereignisse werden aufgezählt, … eine wirkliche Moral von der Geschichte gibt es aber nicht, nicht mal im Ansatz.

TOTALAUSFALL ZUKUNFT

  1. Gibt es keine Zukunft? Ist das Denken über die Zukunft verboten? Haben wir Angst vor der Zukunft? Warum wollen wir nicht wissen, wie es vielleicht weitergeht? Haben wir nicht Wünsche für das Leben? Gibt es nicht drängende Aufgaben, die wir lösen müssten, gemeinsam?
  2. Ja, es ist sehr merkwürdig, wie wir öffentlich mit Zukunft umgehen.

HERAUSFORDERUNGEN GIBT ES

  1. Jede Firma, die auf sich hält, muss – schon um ihres eigenen Überlebens willen – einen Blick in die Zukunft werfen: wie wird sich der Markt entwickeln? Was werden die Kunden wollen? Welche Kunden wird es überhaupt geben? Was ist mit potentiellen Mitbewerben? Wie sieht es mit der Materialbeschaffung aus, dem Einkauf? Wie steht es um die Finanzierungsmöglichkeiten? Wie entwickeln sich Umtauschraten und Zinsen? Was tut die Gesetzgebung: muss man mit erschwerenden Auflagen in der Zukunft rechnen (z.B. durch den Verbraucherschutz, den Umweltschutz?) Wie steht es mit den Mitarbeitern: sind sie gut genug ausgebildet? Hat man genügend viele? Sind sie gut genug motiviert? Wie steht es mit der Lohnentwicklung – ist man noch konkurrenzfähig? Was wird mit der Logistik sein – Aufwand an Zeit und Geld, Zuverlässigkeit? Wie steht es um die Qualität der Produkte und Dienstleistungen? Muss man hier nachlegen? Wie aufwendig ist dies? Was ist mit neuen, innovativen Produkten: hat man die? Wie bekommt man diese? Wie aufwendig ist dies? ….
  2. In den kommunalen Verwaltungen der Dörfer und Städte ist dies nicht anders. Wie steht es mit der Bevölkerungsentwicklung: Ab- oder Zunahme? Vergreisung oder Verjüngung? Gibt es genügend bezahlbaren Wohnraum? Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Feuerwehr, …? Funktioniert der Verkehr, das Abwassersystem, die Wasserversorgung, die Elektrizität… ? Stimmen die Finanzen – Wo gibt es Risiken? Wo potentielle Einnahmen? Wo kommende Kosten? Was ist mit Handel und Industrie: hat man genug davon? Wie viele Arbeitsplätze bedeutet dies? Welche Umweltbelastungen, welche Verkehrsflüsse? Wie wird die gesamte Energieentwicklung sein? Was ist bei Katastrophen (welchen?): was muss vorgehalten werden? Wie dafür üben? Wie steht es mit der Versorgung für Nahrungsmittel? Welche Bodennutzungen müssen gewahrt werden, welche sind notwendig (Freiflächen, Grünflächen, Plätze, Gartenbau, Ackerbau, Weiden…)? …
  3. In der Landes- und Bundespolitik kommt das ganze Bildungssystem dazu: wer soll wofür und wie ausgebildet werden? Wo kommen die guten Ausbilder her? Öffentliche Ordnung und Sicherheit: was braucht man? Wer tut dies? Wie? Wieweit hilft das Rechtssystem, das gesellschaftliche Leben zu ermöglichen, zu stabilisieren? Wer befindet über das Recht? Wer macht es? Wie viel Recht brauchen wir? Wie schnelllebig darf es sein? Welche Ziele haben wir, für die wir das Recht brauchen? Was ist mit potentiellen Feinden von außen? Gibt es die? Können sie sich entwickeln? Woran erkennt man potentielle Feinde? Wie gewinnt man Freunde? Wie neutralisiert man Krisen? Was ist mit internationalem Handel? Wann kann wer wie Handel treiben? Was ist mit dem internationalen Informationsfluss? Flugwesen, Schiffswesen, Rohstoffgewinnung, Vermüllung der Meere, Verschrottung im Weltraum, Klimaänderungen, …..
  4. Brauchen wir immer noch Religionen? Was tun sie eigentlich? Sind sie Quelle von Intoleranz und Hass oder die Kraftfelder für Hoffnung, Toleranz, Weltverbesserung? Wie gehen sie miteinander um? Sollten sie nicht eine bessere Zukunft vorleben? Miteinander? Für andere? Eine universale Weltreligion der positiven Menschen?

LEIDER NICHT

  1. Zur Jahreswende, Sylvester, werden wir nichts von alledem hören und sehen. Und wenn der Jahreswechsel vorbei ist, wird das Schweigen zur Zukunft weiter gehen. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein, jeder scheint an seinem eigenen Stuhl zu sägen, fast verbissen. Nur nicht rechts oder links schauen, nur nicht aufblicken, man könnte ja der Wirklichkeit begegnen, den anderen Menschen, den anderen Kommunen, den anderen Ländern, der Erde, wie sie ihre Energien auslebt in Kontinentalverschiebungen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, dazu die anderen Asteroiden, Planeten, Sonnen,Galaxien, die ihren Lauf nehmen, und auch sterben, neu geboren werden, sich verschmelzen in Zeiträumen, die sich unserer beschränkten Wahrnehmung entziehen.

DAS KLEINE GALLISCHE DORF DER KREATIVITÄT

  1. Die verbreitete Paralyse des Denkens über unsere möglichen Zukünfte ist aber nicht vollständig … so wie bei Asterix und Obelisk eine kleine Enklave der Gallier existierte, die dem römischen Weltreich widerstand (in der realen Geschichte waren es die Alemannen und Franken, die den Römern im Norden Paroli boten), so finden sich in der nichtoffiziellen Welt der Filme und Computerspiele, in den Science-Fiction Romanen und Comics, eine überbordende Bilder- und Gedankenwelt zu möglichen Zukünften, die zeigt, dass der menschlicher Geist nicht nur ein bürokratisch verkümmertes Dasein fristen kann. Während die öffentlich-rechtliche Medienwelt sich in Bravheit und Langeweile gefällt, der offizielle Kulturbetrieb sich vorwiegend an der Vergangenheit berauscht, kämpfen in der inoffiziellen Kulturwelt mittlerweile ganze Legionen von Helden und Superheldinnen mit Supertechnologien in den wildesten Katastrophen, die sich ein menschliches Gehirn so auszudenken vermag. Hier mischen sich religiöse, wissenschaftliche, philosophische, technische, kulturelle und esoterische Gedanken zu einem Gedankentrunk, der aufreizt, mitreißt, benommen macht, begeistert, erschreckt, wundern lässt, nachdenklich macht. Hier, leider nur hier, lebt menschliche Kreativität und Innovation im Vollrausch, und Verbesserungen sind überall noch möglich.

QUO VADIS HOME SAPIENS?

  1. Was also tun homo sapiens?
  2. Die Zukunft wartet nicht.
  3. Das Jahr 2047 wird kommen und es wäre nicht schlecht, wenn wir als Menschen wüssten, was wir im Jahr 2047 wollen: wollen wir tatsächlich alle zusammen leben oder werden einige versuchen, sich auf Kosten aller anderen einen Platz an der vermeintlichen Sonne des Lebens zu sichern? Wenn wir ein Leben für alle wollen, was müssten wir unternehmen, um dahin zu kommen: Wissen, Bildung, stabile Austauschbeziehungen würden unerlässlich sein, dazu vieles mehr. Werden wir es anpacken oder warten wir einfach ab? Lassen wir unsere Enkel und deren Kinder alleine? Sollen sie doch sehen, wie sie zurecht kommen? Könnte ein Netanjahu, ein Trump, ein Putin, ein Erdogan (und viele andere) die Zukunft der ganzen Erde einfach so an die Wand fahren, nur weil sie – so scheint es – sich selbst lieber mögen als alles andere?
  4. Nach dem Jahr 2047 wird unausweichlich das Jahr 2077 kommen. Für die Älteren von uns schon jenseits ihrer normalen Lebenserwartung. Es wird die große Zeit der Enkel der 2.Generation unserer heutigen Enkel sein. Werden sie überhaupt noch leben? Wie? Wird es dann die USA, Russland, China, Europa noch geben? Werden nicht das Klima, der Wassermangel, der Ressourcenmangel, die Verschmutzung der Meere und des Weltraums ein Leben stark erschwert haben? Welche Krankheiten wird es geben? Körperliche Schwächen, psychische Ausfälle, neue Bakterien und Viren, das Werteproblem …. Werden tatsächlich die Maschinen übernommen haben oder wird es schon hybride Mensch-Maschine-Systeme geben, die deutlich anders sind als wir?
  5. Und dann das Jahr 2107 … von heute aus die 5.Generation der Enkel… Was werden die über uns denken, in denen wir Sylvesterparties gefeiert haben ohne jeden Gedanken über das, was kommen wird, über das, was kommen sollte, über das, was kommen könnte… wir leiden an uns selbst … warum ändern wir uns nicht? Warum provozieren wir Feindschaft statt Freundschaften zu schließen? Warum sind immer die anderen die Bösen? Was ist mit uns? Warum verbieten wir uns, über die Zukunft nachzudenken? Wollen wir nicht leben? Sind wir nicht Teil eines unfassbaren Wunders, das sich Leben im Universum nennt? Warum lässt uns dies kalt?

Fortsetzung: Ja, es gibt eine Fortsetzung zum Thema dieses Blogeintrags am 5.Februar 2017 unter dem Titel:

DIE ZUKUNFT WARTET NICHT – 2117 – GEHEN WIR LOS…

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Über cagent

Bin Philosoph, Theologe, Kognitionswissenschaftler und hatte seit 2001 eine Vertretungsprofessur und ab 2005 eine volle Professur im Fachbereich Informatik & Ingenieurswissenschaften der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Meine Schwerpunke ab 2005 waren 'Dynamisches Wissen (KI)', 'Mensch Maschine Interaktion (MMI)' sowie 'Simulation'. In dieser Zeit konnte ich auch an die hundert interdisziplinäre Projekte begleiten. Mich interessieren die Grundstrukturen des Lebens, die Logik der Evolution, die Entstehung von Wissen ('Geist'), die Möglichkeiten computerbasierter Intelligenz, die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Technik, der mögliche 'Sinn' von 'Leben' im 'Universum'. Ab 1.April 2017 bin ich emeritiert. Neben ausgewählten Lehrveranstaltungen (z.B. 'Meditation als kulturelle Praxis' und 'Kommunalplanung und Gamification. Labor für Bürgerbeteiligung') arbeite ich zunehmend in einem integrierten Projekt mit Theorie, neuem Typ von Software und gesellschaftlicher Umsetzung. Die einschlägigen Blogs sind weiter cognitiveagent.org, uffmm.org sowie oksimo.org